Daniel Barenboim ist ja von Haus aus Pianist, versucht sich aber immer wieder als Dirigent. Im Jahr 1975 wurde er Chefdirigent des Orchestre de Paris, von 1991 bis 2006 war er Chefdirigent von dem Chicago Symphony Orchestra. Außerdem ist er bereits seit 1992 Generalmusikdirektor in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Derzeit ist er Musikdirektor in der Mailänder Scala.
Was haltet ihr von Barenboim als Dirigent? Mir fällt stets auf, dass er sehr "sparsam" dirigiert, also durchaus mal Phasen hat (und damit meine ich keine Solo-Stellen), wo er einfach vor dem Orchester steht und nichts macht ;) (Also nicht das ich was dagegen hätte).
Rachmaninov (03.01.2012, 15:37): Die Besseren sind der Tod der Guten, die Gute der Tod der .....
Barenboim ist für mich weder als Pianist noch als Dirigent relevant.
Heike (03.01.2012, 17:33): Barenboim ist für mich weder als Pianist noch als Dirigent relevant. Wenn ich so meine CD-Sammlung ansehe, könnte ich das so unterschreiben. Als Berlinerin sehe ich das wiederum 100%anders: Immerhin hat er in den letzten 20 Jahren der Staatskapelle Berlin das Niveau eines Top-Orchesters beschert. Die Staatskapelle spielt auf so einem hohen Level, dass sie sich vor den Philharmonikern weiß Gott nicht verstecken müssen. Jedenfalls live haben die mir schon etliche Sternstunden bereitet (natürlich nicht nur mit Barenboim) - das ist nicht einfach nur ein Opernorchester, die können auch sinfonisch richtig guten Klang. Daran hat er sicher großen Anteil.
Ich habe ganz wenige Aufnahmen von Barenboim auf CD, aber sowohl in der Staatsoper bei diversen Opern von Wagner bis Rossini als auch im Konzert als Dirigent habe ich ihn schon oft sehr sehr gut erlebt. So manche miese Inszenierung hat er mir mit seiner Musik schon gerettet. Er ist bestimmt ein toller Teamplayer, Sänger oder Solisten habe ich eigentlich nie im (Bühnen)Wettstreit mit ihm gesehen, im Gegenteil, er dimmt auch mal das Orchester ein µ runter, wenn der Star des Abends nicht ganz bei Stimme ist - also der hört zu, was aktuell passiert und verfolgt nicht nur stur den Plan.
Manchmal neigt er (speziell im romantischen Repertoire) dazu, etwas zu überdramatisieren. Dann wird es mir manchmal zu breiig und bedeutungsschwer. Aber andererseits gelingen ihm dann wieder so hinreißend schöne Interpretationen, dass ich wieder total begeistert bin. Ich finde ihn sehr musikalisch, er hat das, was man Instinkt nennt, rhythmisch ist er meist sehr präzise und er kann ganz spontan Stimmungen erschaffen. Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren in einem Beethoven-5 Klavierkonzert (er dirigierte und spielte auch Klavier) heulen musste, so berührend war das - und die Beethoven-Konzerte kenn ich nun wirklich fast auswendig, so schnell berührt mich das nicht.
Nach meiner Erfahrung hat er als Dirigent meist gut das emotionale Ganze im Blick, verliert sich kaum je in verkopften Einzelteilspielereien. Er kann sehr gut Spannung aufbauen, dynamisch alle Register bedienen und dabei trotzdem ganz kleine Details im Auge haben. Ich habe schon betörendste Zauberklang-pianissimo-Passagen der Streicher in seinen Dirigaten erlebt, hinreißende filigranste Linienführungen, aber auch rauschhaftestes tutti-fortissimo bis zur Ekstase.
Ich finde ihn weitaus weniger konventionell als z.B. Thielemann, aber er gehört wohl eher doch zu der aussterbenden Generation der innerlich jugendlich gebliebenen, universellen Alten. Perfektion ist sicherlich anders, aber er kann Eindringlichkeit. Meinen Respekt für sein politisches und musikpädagogisches Engagement. Auch ist er ein sympathischer Typ, der sich am Pult nie in den Mittelpunkt drängt. Dass er auf zu vielen Hochzeiten tanzt ist sicher unbestritten. Insoweit ist er auch als Pianist inzwischen sehr ungleichmäßig, ich habe ihn live schon sehr gut, aber auch sehr schlecht erlebt. Heike
Armin70 (03.01.2012, 18:45): Von Daniel Barenboim schätze ich vor allem die Aufnahmen (Brahms, Dvorak, Elgar), die er zusammen mit seiner ersten Frau, der großartigen Cellistin Jacqueline du Pré, machte.
Des weiteren halte ich das von Barenboim im Jahr 2009 dirigierte Neujahrskonzert in Wien für eines der besten der letzten Jahre.
Rachmaninov (03.01.2012, 19:24): Original von Heike Meinen Respekt für sein politisches und musikpädagogisches Engagement.
Da bin ich Deiner Meinung!
Jürgen (03.01.2012, 21:44): Ich kenne Barenboim hauptsächlich von diesen Aufnahmen:
Ich hatte sie schon zu Vinylzeiten. Das waren hochdekorierte Aufnahmen und ich denke damals stand auch Barenboim höher im Kurs.
Ich möchte sie persönlich nicht bewerten, weil ich Mozarts KK viel zu selten und schon gar nicht vergleichend höre.
Original von Heike Meinen Respekt für sein politisches und musikpädagogisches Engagement. Da schließe ich mich an. Sowohl sein Mut, musikalische Tabus zu brechen, Mauern einzureissen, als auch seine musikalisch verbindenden Maßnahmen sind einzigartig.
Grüße Jürgen
Heike (18.08.2012, 08:48): Ein interessantes Interview im Tagesspiegel http://www.tagesspiegel.de/kultur/interview-mit-daniel-barenboim-wenns-schrecklich-wird-werde-ich-optimistisch/6849386.html Heike
Karolus Minus (18.08.2012, 10:59): Original von Jürgen Original von Heike Meinen Respekt für sein politisches und musikpädagogisches Engagement. Da schließe ich mich an. Sowohl sein Mut, musikalische Tabus zu brechen, Mauern einzureissen, als auch seine musikalisch verbindenden Maßnahmen sind einzigartig.
Grüße Jürgen
Bei den Londoner Proms hat Barenboim gerade "Alle Neune" von Beethoven an 5 Abenden dirigiert, mit - außer bei der Neunten natürlich - jeweils einem Stück von Pierre Boulez dazwischen. Das ganze mit dem West Eastern Divan Orchestra. Wenn ich mir anhöre, auf welch einem instrumentalen Niveau da eine Truppe spielt, bei der es schon ein Wunder ist, daß es sie überhaupt gibt, dann verneige ich mich ganz tief, auch wenn das nicht "mein" Beethoven a la Paavo Järvi oder Gardiner ist. Die BBC und auch Unitel Classica haben komplett im Fernsehen übertragen, es soll wohl auch eine DVD-Version (allerdings ohne Boulez) geben.
Lg Karolus Minus
Fairy Queen (18.08.2012, 14:30): Original von Rachmaninov Die Besseren sind der Tod der Guten, die Gute der Tod der .....
Barenboim ist für mich weder als Pianist noch als Dirigent relevant.
Für mich aber! Abgesehen von seinen hier bereits hoch gelobten Verdiensten zur Völkerverständigung ist Barenboim für mich ein mutiger und begabter Klaverbegleiter bzw Kammermusiker. Ich kenne z.B. keine ergreifendere Einspielung von Beethovens Klaviertrios als diese hier mit Jacqueline du près und Pinkas Zuckerman
Leider gibt es das wohl nciht mehr auf Cd, es ist jedenfalls eine meiner meist gehörten Kammermusikboxen.
Was technische Perfektion angeht sind mir Kunstfehler das auf dem hohen technischen Niveau auf dem heute allgmein musiziert wird, egal. Wichtig ist das was rüberkommt, und allein technische Perfektion bringt bei mir jedenfalls nichts weiter rüber als Bewunderung für Fingerfertigkeit. F.Q.
Karolus Minus (18.08.2012, 14:49): Liebe fairy Queen, Barenboim als Begleiter habe ich im letzten Herbst in Berlin genossen, eine reine Liszt-Matinee mit Christine Schäfer. Das sind natürlich auch Lieder, bei denen von der Art des Zugriffs her im Grunde ein Solo-Pianist gebraucht wird, nicht der klassische Liedbegleiter. Aber wenn ich mir die Winterreise mit Quasthoff anhöre, dann kann er eben auch unglaublich dezent sein.
Um noch was zum von Heike angemerkten reagieren von ihm auf Sänger in der Oper nachzutragen. Er dreht nicht nur ein paar Phon runter, wenn nötig - er macht es im Notfall auch mal umgekehrt! ich habe in Bayreuth einen Tritsan gesehen, bei dem Jerusalem mit Ansage antrat, zwei Akte lang alles gab, was ging und im dritten nur noch spielen konnte (Wolfgang Schmidt sang von der Seitenbühne). Da hat Barenboim den Tenor in Teilen ganz bewußt weckgedeckt, man hörte noch die große Linie, aber nicht jeder Kracher und weggebliebenen Ton. Wie viel da schief ging, war somit im Haus nicht merkbar - man konnte sich leider später im Radio davon überzeugen, es war die erste Vorstellung gewesen und der BR hat sie gesendet!!! Lg Karolus Minus
Amadé (19.08.2012, 11:19): Ich glaube, dass war 1987, ich war im 2.Tristan, da war Hofmann besser drauf und hielt bis zum 3.Akt einigermaßen durch. Auch dies wurde mitgeschnitten und den hundert (?) anderen Sendern, die nicht die Direktübertragung sendeten, zur Verfügung gestellt.
GRuß Amadé
Fairy Queen (19.08.2012, 19:04): Lieber Karolus und Amadé , das kann ich mir alles sehr gut vorstellen, das ist ein echter Kammermusiker und kein Ego-Tastenhauer. Ich hab ihn mit Cecila Bartoli live erlebt, die alles andere als eine grosse Stimme hat und serh serh nuacenreich singt, also auc hechte Pianissimo bracuht. Barenboim war da einfach erste Sahne als Begleiter, das nenne ich "Sänger auf Händen tragen" und das ist eine echte Kunst. Ein krasses Gegenbeispiel dazu war Dudamel mit Jonas Kaufmann und wenn man sowas hört, schâtzt man Leute wie Barenboim noch mehr.. dudamel hat das Orchester in Puccinis Bohme so aufgedreht, dass Kaufmann keine Chance hatte und total untergegangen ist. Dirigenten sind halt auch Solisten udn haben manchmal ein entsprechendes Selbstdarsteller- Ego und ich freue mcih einfach, dass es Barenboims unter ihnen gibt, die der Aufführung/dem Konzert als Ganzes und nicht nur sich selbst darinnen dienen. Die Liszt Lieder kenne ich ziemlch gut und sie brauchen einen sehr guten Pianisten als Bgleiter udn vor allen Dingen ein erstklassiges kammermuikalsiches Zusammenspiel. Das Klavier ist bei liszt ieen gazn eigenständige Stimme und manchmal begleitet eher der gesang das Klavier als umgekehrt. Die grosse literarische udn polyglotte Kultur die Liszt hatte, hat ihn oft zu interessanten udn hochwertigen texten greifen lassen udn deie liszt-Lieder sind m.E. Immer noch unterschâtzt. Dank grosser Künstler wie Diana Damrau mit Helmut Deutsch und Christine Schâfer mit Barenboim werden sie durch das Liszt Jahr endlich etwas bekannter.
F.Q. aus der frz Sahara.....uff, unter drei Duschen pro tag geht im moment ncihts mehr. :hello
Heike (05.11.2012, 18:04): "Der Unfassbare. Daniel Barenboim ist Künstler und Machtmensch, Israeli und Palästinenser, Dirigent und Pianist. Für seine drei Orchester ist er ständig auf Reisen, aber nie im Stress. Vor seinem 70. Geburtstag haben wir ihn ein halbes Jahr quer durch Europa begleitet. Porträt eines in sich ruhenden Rastlosen."
Der lange Artikel ist zu lesen in der Süddeutschen: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/38751/Der-Unfassbare
Fides (06.11.2012, 09:52): @Heike DANKE für den tollen Link!!!!
Sfantu (07.11.2012, 20:27): Ja, wirklich ein schöner, liebevoll geschriebener Artikel - und mal (weit) mehr als die üblichen Einspalter mit dem bereits xfach gelesene Biographie-0815 , die man sonst zu solchen Anlässen findet (selbst in der Fachpresse). Auch keine ungebrochene Lobhudelei oder sonstiger VIP-Glitter. Herr Barenboim ist mir dadurch nicht mehr oder weniger sympathisch als vorher. Aber ich habe das Gefühl, dem Menschen ein ganzes Stück nähergekommen zu sein - das ist doch schonmal was...Einzig, wie man Joschka Fischer zu "seinen Helden" zählen kann, bleibt mir schleierhaft - so nah kommt man Herrn Barenboim dann auch wieder nicht. Aber, wer weiss? Vielleicht hat Fischer ja in seiner Zeit als Kita-Praktikant in "Tribbdebach" Sachsenhausen mal einem in den Main gerutschten armen kleinen Fratz das Leben gerettet - wahrscheinlich sogar...
Heike (13.11.2012, 22:33): Barenboim-Abend in arte anlässlich seines 70. Geburtstages am 15.11.12
20.15 Uhr Geburtstagskonzert ARTE gratuliert mit der Übertragung des Konzertes aus der Berliner Philharmonie. Den Taktstock überreicht der Jubilar dabei seinem Freund Zubin Mehta und setzt sich ans Klavier. Auf dem Programm stehen Beethovens drittes und Tschaikowskys erstes Klavierkonzert - beides populäre Meisterwerke der klassischen Musik. Auf dem Spielplan ebenfalls "Dialogues II" von Elliott Carter. Es spielt die Staatskapelle Berlin.
22:00 Uhr Dokumentation, Deutschland 2012 Wege zur Musik mit Daniel Barenboim: Musik und Politik
22:55 Uhr Dokumentation, Deutschland 2012 Wege zur Musik mit Daniel Barenboim Musik und Tabu: Richard Wagner
p.s, und jetzt läuft gerade im rbb ein Interview mit Barenboim, anschließend bis 0.15 Uhr eine Dokumenation "Von der Vielfalt des Seins - Ein Porträt"
abendroth (15.11.2012, 18:40): Barenboim zum 70. Als ich anfing klassische Musik zu lieben, war Barenboim ein 'rising star' am Klassikhimmel. Ich habe mit ihm die Mozartkonzerte kennengelernt, und seine Aufnahme ist für mich noch immer die beste (die mit dem English Chamber Orchestra). Seine Beethovensonaten machten damals Furore (die EMI-Aufnahmen, die einem heute für ein paar Euro nachgeschmissen wurden) und mit ihm zusammen habe ich die wunderbare Erfahrung gemacht Beethovens 32 Sonaten zu hören. Seine Aufnahmen mit Jacqueline du Pre und Zuckermann eröffeten mir das Reich der Kammermusik. Es ist mir ganz egal, ob es ein paar Aufnahmen gibt, die besser sind. Ohne ihn wäre ich ein anderer Mensch. Ich weiss, dass es bon ton ist, zu sagen er sei einmal ein guter Pianist gewesen und als Dirigent habe er nie etwas getaugt. Als Dirigent ist er, scheint mir von Jahr zu Jahr besser geworden. Nicht etwa, dass ich alles schätze. Im Elgarkonzert mit JdP ist mir Barbirolli lieber. Aber Barenboims Bruckner ist heute (mit der Staatskapelle) besser als in Chicago oder mit den Berliner Philharmonikern. Er ist ein erstklassiger Wagnerdirigent und als er Schönbergs Violinkonzert mit seinem Sohn Michael im Musikverein spielte, habe ich zum ersten mal, nach zahlreichen Versuchen, dieses Konzert mit Vergnügen gehört. (ich war nicht im Saal - leider - aber habe einen Mitschnitt). Es war glaube ich hier, wo 'man' mehr oder weniger der Meinung war, ohne die Protektion (oder gar den Erpressungsversuch) des Vaters sei sein Auftritt nicht möglich gewesen. Dem wäre wohl hinzuzufügen, dass Michael B. das Schönbergkonzert bereits mit Boulez gespielt hat, ehe er mit seinem Vater auftrat. Also: was mich betrifft, ein herzliches Dankeschön nach Berlin und hoffentlich noch viele Jahre Freude an der Musik. Abendroth
Heike (16.11.2012, 10:13): Sein Geburtstagskonzert (übrigens auf einem Fabbrini-Flügel) noch 7 Tage auf arte online: http://videos.arte.tv/de/videos/geburtstagskonzert-daniel-barenboim--7053338.html Heike
p.s. Simon Rattle gratuliert: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=RZmIrU6uuQU
Rachmaninov (16.11.2012, 14:57): Original von Heike Sein Geburtstagskonzert (übrigens auf einem Fabbrini-Flügel) noch 7 Tage auf arte online: http://videos.arte.tv/de/videos/geburtstagskonzert-daniel-barenboim--7053338.html Heike
p.s. Simon Rattle gratuliert: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=RZmIrU6uuQU
Habe gestern auf Arte sein Beethoven #3 und Tchaikovsky #1 gehört. Die Berliner sind schon ein unglaublich gutes Orchester.
Bei Barenboims farblosem Spiel und dieser gestallterischen Armut hilft kein Fabbrini auch kein fazoli oder sonst was! GRAUSIG!
abendroth (16.11.2012, 20:11): Hallo Rachmaninow, zum Glück hat der allrounder Barenboim nie Rachmaninow gespielt - da sind wir wohl einer Meinung. Aber ziemlich sicher aus entgegengesetzten Gründen. In Fragen musikalischen Geschmacks ist Barenboim halt recht zuverlässig :-) (Au weija, du bist Administrator, hoffentlich flieg ich hier jetzt nicht raus) sei trotzdem recht freundlich gegrüsst abendroth
Rachmaninov (18.11.2012, 19:50): @abendroth,
ich bin nicht nur Admin sondern auch "der Vater" ........
NIcht desto trotz habe ich seinerzeit das Forum gegründet um Meinungen auszutauschen. Nicht um mir meine bestätigen zu lassen. Barenboim: Not my cup of tea, but if it is yours .... :W
Yorick (18.11.2012, 20:17): Original von abendroth Aber Barenboims Bruckner ist heute (mit der Staatskapelle) besser als in Chicago oder mit den Berliner Philharmonikern. Ich hörte gerade einige dieser Konzerte auf Unitel Classica bei Sky, wo man durch zeitnahe Ausstrahlung beispielsweise den unmittelbaren Vergleich mit Celibidache und den Münchner Philharmonikern hat, der um Welten besser dirigiert. Aber ich denke, Bruckner wird noch von so manchem anderen Dirigenten weitaus besser interpretiert als von Barenboim, den ich lediglich für Mozart schätze.
Viola (19.11.2012, 11:30): Lieber abendroth, vielleicht können ja wir bei Gelegenheit eine (nunja, virtuelle) Tasse Tee zusammen trinken - ich kann und möchte Deinen Worten nur zustimmen!! Kenne zwar Barenboims Staatskapellen-Bruckner noch nicht, aber den aus Chicago und jenen der B. Philharmoniker, die mich begeistern. Will Deine Worte vom Lebensbegleiten und so nicht nachbeten, aber es vielleicht kurz so sagen: für mich ist dieser Dirigent eine Art Lichtgestalt - nicht nur die Partitur eines Werkes wird für mich einiges heller durch seine Interpretation, auch meine Stimmung, wenn ich ihm zuhöre. Erbauend! Ich halte ihn zudem für einen ausgesprochen klugen Künstler, das wird auch sehr deutlich, wenn er sich äußert. In Gesprächen, Heike hat ja schon eines hier verlinkt, aber auch in seinem Buch. Als Mensch ist er nicht hundertprozentig mein Fall - muss er aber auch nicht, wenn er solche Musik macht. Nun denn, viele Grüße aus einem der Wirkungsorte Abendroths! Viola
abendroth (25.11.2012, 20:36): Liebe Viola*, danke für die moralische Unterstützung. Ein Wirkungsort Abendroths? Das muss Köln, Leipzig, Weimar oder Berlin sein. Ich lebe mehr als 200 km westlich von Köln, da ist's mit dem Tee nicht so einfach, obwohl ich hoffe irgendwann mal wieder nach Berlin zu kommen, das mir unbekannte Leipzig zu besuchen und im Thüringer Wald spazieren zu gehen. Lebensbegleiter (ich habe dieses Wort nicht verwendet) stimmt insofern, als seine Aufnahmen mich seit meiner Jugend immer begleitet haben und ich ihn als jungen Pianisten und 'alten' Bruckner- und Wagnerdirigent wirklich sehr schätze. Wenn Du sagst, dass er als Mensch nicht so 100% Dein Fall ist, dann hast Du vielleicht das Buch gelesen, dass Die Schwester und der Schwager Jacqueline du Pres (also Barenboims erster Frau) geschrieben haben. (im Englischen: A Genius in the Family) Ich fand es ein faszinierendes Buch und wenn Du es nicht kennst, solltest Du es unbedingt lesen. freundliche Grüsse abendroth (es gibt nur sehr wenig Frauen, die Bruckner hören)
Heike (25.11.2012, 20:36): u.a. Barenboim soll übrigens heute zum Thema "Nahost" bei Jauch in der ARD-Talkshow zu Gast sein.
Fairy Queen (26.11.2012, 07:14): Es ist schon per se sehr schwierig bzw unmôglich über einen Menschen zu urteilen und erst recht wenn man diesen Menschen nicht persönlich kennt. Die Trennungs -Geschichte mit Barenboims erster Ehefrau Jacqueline du Pré kann aus der Sicht der Familie du Pré ein sehr negatives Bild auf Barenboim werfen und besonders in dem Kinofilm, der hier im Forum schon angesprochen wurde, wird sein Verhalten ethisch in Frage gestellt. Die Sicht der Schwester Hilary, die offenbar selbst ein sehr ambivalentes Verhältnis zu J.d.P. hatte ist aber nur eine Sciht der Dinge. Ob er seine Frau tatsächlich wegen ihrer Krankheit verlassen hat, wissen wir nicht und selbst wenn dem so wâre: ein Mensch der unvorbereitet mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert wird, kann sehr leicht Panik- und Fluchtimpulse entwickeln und je jünger bzw unreifer deiser Mensch ist, desto mehr Verständnis bringe ich dafür auf. Mit einem todkranken Lebensgefährten bis zum Ende durchzuhalten, ist eine sehr sehr schwierige Aufgabe, selbst dann, wenn man zusammen alt geworden ist und die Beziehung vorher intakt war. Ich nehme an, dass Barenboim als sensibler Mensch und Künstler, für den ich ihn aus der Ferne halte, genug unter Schuldgefûhlen zu leiden hatte. Wie innig, intim und eng die künstlerische Zusammenarbeit zwischen ihm und Jacqueline du Pré war, kann man auf der wunderbaren Cd-Box mit Beethoven-Klavier-Trios(die Violine spielt Pinkas Zuckermann) hôren, die in meinen Ohren unerreicht ist und die ich bereits mehrfach empfohlen habe.
Ich halte grosse Stûcke auf Barenboims künstlerisches Engagement und was mich besonders überzeugt, ist seine kammermusikalische Einbindbarkeit, für die man grosse Demut und Abstand von der solistischen Pose braucht. Auch als Klavierbegleiter für Gesang ist man nciht auf dem Dirigentenpult sondern eher im Hintergrund und das kann er ebenfalls ausgezeichnet, selbst mit einer solchen Temperamentsbombe und Publikumsmagnetin wie Cecila Bartoli, die ihm gewiss die Schau stehlen kann. Dass Barenboim als Jude sowohl positive wie negative Vor-Urteile bzw Vor- und Nachteile (auch finanzieller Art) auf sich zieht, sollte niemanden wundern. Der Umgang mit jüdischen Menschen/ Künstlern ist weder in Deutschland noch an vielen anderen Orten der Welt "normal" und ob man das nun gutheisst oder nicht, so bleibt es doch eine Tatsache, die in dieser Diskussion zu berücksichtigen ist. Schönen Wochenstart in nah und fern und Ost und West Fairy Queen
Viola (26.11.2012, 08:58): Liebe Fairy Queen, kann jedes Wort nur unterstreichen, fast jedes - und hoffe sehr, ich habe mit meiner etwas laxen Formulierung, dass och den Menschen nicht hundertprozentig mag, nicht verurteilend gewirkt. War so auf keinen Fall gemeint, ich schätze ihn wie gesagt überaus. Was ich meine, sieht man auf dem Cover der CD in Deinem Beitrag - aber ganz bestimmt gibt es auch hier verschiedene Blickwinkel.
Lieber Abendroth, die Teestunde wird wohl erst mal virtuell bleiben ;-) Ich lass Dich auch ruhig, was reale Orte betrifft, noch ein bisschen weiter rätseln, wenn Du magst: an diesem hiesigen Wirkungsort Abendroths dirigierte auch einige Jahre ein Interpret, der wie Harnoncourt ebenso Cellist wie Musikschriftsteller ist. Allerdings ungleich weniger berühmt, muss ich einräumen. Ich mag ihn aber trotzdem sehr.
Nein, das Buch kenne ich noch nicht, danke für die Empfehlung, den Film habe ich schon vor längerem gesehen - stimmt, sehr spannend! Konnte aber meine (Zu)Neigung zu Barenboim allgemein und seinen musikalischen Vorzügen (zum Glück) nicht trüben.
Ist das wahr, dass Frauen seltener Bruckner hören? Wäre mir neu - aber ich kenne ohnehin kaum Frauen, die Klassik hören. Deshalb bin ich ja hier ...
Wünsche auch allen eine schöne Woche!
Yorick (26.11.2012, 10:34): Original von Viola für mich ist dieser Dirigent eine Art Lichtgestalt - nicht nur die Partitur eines Werkes wird für mich einiges heller durch seine Interpretation, auch meine Stimmung, wenn ich ihm zuhöre. Erbauend! Schon erstaunlich, wie sich die Beurteilungen unterscheiden! ich halte ihn für einen der überschätztesten Dirigenten überhaupt, farblos, blass und etwa bei Bruckner komplett neben der Spur!
ar (26.11.2012, 11:35): Ich mag Daniel Barenboim sehr - als Dirigenten und Liedpianist.
Seinen Wagner finde ich eigentlich immer überzeugend, auch wenn ich es anders machen würde. Gleiches zählt für seinen Wozzeck. Was ich unter ihm gar nicht hören mag, sind Mozartopern. Das ist mir einfach zu langsam (nicht das ich etwas gegen langsamen Mozart habe, aber es muss noch einen Fluss haben und der geht Barenboim bei Mozart ab). Die Winterreise mit Quasthoff ist wohl eine der besten überhaupt. Zudem trägt er die Sänger immer, auch bei Wagner.
Ich bewundere auch sein Händchen für gute Stimmen: Röschmann, Müller-Brachmann, Trekel...
Es ist ja wohl unbestritten, dass sich jeder Künstler eine Scheibe seines politischen Einsatzes abschneiden könnte?
Rachmaninov (26.11.2012, 11:51): Original von ar Es ist ja wohl unbestritten, dass sich jeder Künstler eine Scheibe seines politischen Einsatzes abschneiden könnte?
Das gilt wohl nicht nur für Künstler!
Viola (26.11.2012, 12:41): Lieber Heinrich Schütz, ganz genau: erstaunlich - aber nichts als völlig normal. Das Dreieck Komponist - Interpret - Hörer wird in jedem aller denkbaren Fälle NEU definiert, denk ich, dialektisch, sozusagen ;-) Weswegen es mich z. B. auch nicht wundert, dass ich stark zum Stil Abendroths oder ar's tendiere (mir sehr gerne ihre Töne anhöre, da sie meinen ähnlich sind, es gibt Resonanz, so, wie es jedenfalls scheint; ist ja alles immer stark beweglich) - und weniger zu Deinem - das betrifft auch den Mahler-Thread im übrigen. Aber kein Problem, so lange man mit- und nicht gegeneinander argumentiert ... Deine mir etwas festgelegt erscheinende Art, Musik zu hören und zu "kategorisieren" (DIE ja, und DIE gar nicht) macht es mir nicht ganz leicht, auf Deine Höreindrücke einzugehen, die den meinen Tatsache etwas entgegenstehen. Für mich hat sich Bruckner definitiv erst mit Barenboim "voll" geöffnet, ich empfinde seine Interpretationen als ausgesprochen tief - auch wenn ich Furtwängler, Wand, Jochum, Inbal, Karajan, Harnoncourt natürlich, Masur, Blomstedt undwiesiealleheißen deswegen weiterhin höre und hoch schätze. Immer offen für gänzlich neue Erfahrungen - vor allem Überraschungen :-)
Und: Ich freue mich sehr über den Beitrag von ar - vielen herzlichen Dank!
Eines will ich unbedingt noch anfügen: das politische Engagement, sehe ich ansonsten ähnlich wie Rachmaninov, da kann sich jeder mehrere Beispiele nehmen, gibt aber in meiner Einschätzung Barenboims als Künstler auf keinen Fall den Ausschlag. Die jüdischen Wurzeln desgleichen. Ich liebe den jüdischen Ton sehr - aber nur weil jemand Jude ist, allein deshalb eben noch nicht ...
Viele Grüße!
Yorick (26.11.2012, 13:29): Original von Viola Deine mir etwas festgelegt erscheinende Art, Musik zu hören und zu "kategorisieren" (DIE ja, und DIE gar nicht) macht es mir nicht ganz leicht, auf Deine Höreindrücke einzugehen, die den meinen Tatsache etwas entgegenstehen.
Das täuscht ganz gewiss; meiner Schreib- und Lebensweise eignet auf jeden Fall eine gewisse Radikalität und Prägnanz; vor allem mit Feder und Tatstatur neige ich zu zugespitzten Wertungen; eine Folge meines Charakters und unserer übersättigten Zeit, die leise Töne nicht mehr wahrnimmt und nur diskursfähig ist, wenn man provoziert und apodiktisch auftritt! Das heißt aber nicht, dass sich unser Musikgeschmack und unsere Hörgewohnheiten derart unterschieden; was uns unterscheidet, ist lediglich die Wiedergabe eigenen Erlebens und der Wille zum Urteil! :)
Fairy Queen (26.11.2012, 14:29): Was den weiblichen Zugang zu Bruckner angeht: bei mir trifft das oben geäusserte (Vor?-) Urteil zu. So sehr ich Mahler verehre, so wenig sagt mir Bruckner zu. Es gibt Komponisten, in denen ich entweder auf- oder untergehe, aber bei Bruckner gehe ich gar nicht, da werde ich nur ungehalten und ungeduldig und bleibe ohne mich zu rühren einfach stehen. Jemand mit einer solchen Ladehemmung kann es mit Frauen nicht leicht haben. Man kann ja meinetwegen mehrfach Anlauf nehmen, wenn man mir einen Heiratsantrag machen will, aber wenn man eine Symphonie endlich mal zu Ende bringen könnte und immer wieder neu anfängt, ist es mit meiner Geduld vorbei. Die schônen Stellen gibt es zweifelsohne und ich verstehe jeden, der in dieser Musik schwelgt und ins Schwärmen kommt, aber für mich ist das nix. Vielleicht in 30 Jahren, keine Ahnung ob man dazu Altersweisheit braucht. Für Wagner brauchte ich jedenfalls Jugendtorheit, damit war es dann aber schnell vorbei.... :D.
Liebe Viola, es gibt gottseidank viele Frauen, die Klassik môgen und hier bist du da in jedem Fall richtig- Heike und Severina sind z.B. richtige Konzert-und Opern Junkies und ich bin (nicht nur) ein Kunstlied Junkie! :hello :engel Willkommen im Club der Klassikfrauen mit lauten und leisen Tönen. Beim Schreiben meines Artikels heute morgen hatte ich nciht dich sondern einige kritische Stimmen zu Barenboim und seinen öffentlich gesponserten musikalischen Untenehmungen im Ohr, die nicht immer auf Wohlgefallen stossen .
F.Q.
Clara (26.11.2012, 16:24): Liebe Fairy Queen,
hinzufügen möchte ich noch die Einspielungen der schönsten Cello-Konzerte und Beethovens Cello-Sonaten mit den beiden.
Beethovens Klavier-Trio habe ich mit Ashkenazy/Perlman/Harrel (1986), auch schön, und es läuft gerade im Hintergrund das Erzherzogtrio.
So hast Du mich angeregt, diese CD wieder einmal zu hören. Danke Lieben Gruß
Clara
Yorick (26.11.2012, 16:59): Original von Fairy Queen So sehr ich Mahler verehre, so wenig sagt mir Bruckner zu. Es gibt Komponisten, in denen ich entweder auf- oder untergehe, aber bei Bruckner gehe ich gar nicht, da werde ich nur ungehalten und ungeduldig und bleibe ohne mich zu rühren einfach stehen.
Dann verstehe ich aber nicht, wieso du so gereizt reagierst; wenn jemand hinter Mahler eine Leere vermutet, obwohl du mit Bruckner ein ähnliches Problem hast!? :cool
Bruckner ist im Übrigen tatsächlich eine Domäne der Männer, darüber muss man nicht streiten, auch wenn es hin und wieder auch Frauen gibt, die ihn mögen!
Heike (26.11.2012, 18:56): So sehr ich Mahler verehre, so wenig sagt mir Bruckner zu. Das unterschreibe ich, liebe Fairy, denn es gilt für mich auch. Na gut, die 8. und 9. von Bruckner lasse ich noch gelten.
Übrigens halte auch ich Barenboim für einen guten Brucknerdirigenten. Allerdings kann ich das nur anhand von etlichen Konzerterlebnissen beurteilen, da ich CDs nicht kenne. Bruckner (wie ich ihn noch eher mag) verträgt meiner Meinung nach einige gezielte Stimmungsforcierung, auch emotionale Freiheiten, ja sogar gewisse Lässigkeit, denn sonst wirkt er auf mich leicht überkonstruiert. Breite Detailverliebtheit ohne große Idee nervt mich bei Brucknersinfonien besonders (eine Spezialität von Rattle, soweit ich das erlebt habe). Andererseits finde ich bei Bruckner den Puls der Musik sehr wichtig - und dieses nie abreißende Rhythmusgefühl hat Barenboim, das geht ihm bei aller Zügellosigkeit selten flöten. Also, wenn mich das Gesamtbild mitreißt, dann gefällt mir das besser. Außerdem spielt Barenboim gern mit dem Klang, auch das kommt den sonst sehr wuchtig konstruierten Werken oft zu Gute.
Herzlich willkommen an Viola und Clara! Heike
jünter (26.11.2012, 20:05): Original von Heinrich Schütz Schon erstaunlich, wie sich die Beurteilungen unterscheiden! ich halte ihn für einen der überschätztesten Dirigenten überhaupt, farblos, blass und etwa bei Bruckner komplett neben der Spur!
Meine Zustimmung! Seinen Bruckner kenne ich gar nicht, da Wand (und teiweise Giulini) hier für mich sowieso nicht zu toppen sind.
Aber Merchandising in eigener Sache kann er sehr gut, der Herr Barenboim.
abendroth (26.11.2012, 22:21): Seinen Bruckner kenne ich gar nicht, da Wand (und teiweise Giulini) hier für mich sowieso nicht zu toppen sind.
Wand ist ohne Zweifel ein grosser Brucknerdirigent. Giulinis 9te und 8te haben mich nicht berührt. Sehr merkwürdig finde ich aber den Standpunkt Interpret x kenne ich gar nicht, weil für mich Interpret y sowieso besser ist. So spricht man sich doch selbst die Urteilsfähigkeit ab. abendroth
abendroth (26.11.2012, 22:46): Vielleicht in 30 Jahren, keine Ahnung ob man dazu Altersweisheit braucht.
Also ich habe recht lange gebraucht, bis ich ein leidenschaftlicher Brucknerfreund wurde. Ich war schon 30 Jahre relativ fanatischer Klassikhörer, bis ich an Bruckner wohlgefallen fand. Es scheint mir allerdings unwahrscheinlich, dass man erst Zugang zu Bruckner bekommt, wenn man schon reichlich Musikerfahrung als Hörer hat. Natürlich wird das Musikhören oft erst dadurch reizvoll, das wir das Beziehungsgeflecht zwischen dem Ganzen und den Teilen bewusst registrieren und wir also ein Gefühl der Einheit eines Werkes haben. Das ist bei Bruckner sicher nicht ganz einfach, schon wegen der Länge der Themen, und setzt insofern übung voraus. Es ist unwahrscheinlich, dass ein ungeübter Hörer spontan Gefallen an Bruckner findet. Bei mir hat's wie gesagt lange gedauert. Der zündende Funke war die Neunte mit Abendroth und dem Leipziger Rundfunkorchester. Diese Aufnahme war in 'Le Monde de la Musique' in den allerhöchsten Tönen gepriessen worden, ich habe sie in Frankreich gekauft und diese in jeder Hinsicht aussergewöhnliche Aufnahme - leider auch wegen der miserablen Tonqualität (1949) - traf mich mit unglaublicher Wucht. Allerdings hat Abendroths Bruckner nun auch überhaupt nichts mit der Frömmigkeit zu tun, die man Bruckner immer gleich unterstellt. Mein Eindruck war, der liebe Gott, dem das Werk bekanntlich gewidmet ist, wird sich für diese Anklage, diesen Aufschrei bedanken. Im gewissen Sinn ist Abendroths 9te das Gegenteil zu Bruno Walters Aufnahme. Zwar hatte ich auch vor diesem Bekehrungserlebnis ab und zu Bruckner gehört, vor allerm die 4te. Das hat mir gefallen, aber es hat mich nicht beeindruckt. Aber um in diesem Beitrag wenigstens Barenboim zu erwähnen - es ist ja ein Barenboim thread - Barenboims Bruckner mit den Berliner Philharmonikern hat mich ein wenig enttäuscht, vielleicht auch weil die Erwartungen zu hoch waren. Interessant wie extrem verschieden hier die Meinungen zu Barenboim sind. Anscheinend gibt es keine auch nur annähernd objektive Massstäbe. mit freundlichen Grüssen Abendroth
abendroth (26.11.2012, 23:08): Die Trennungs -Geschichte mit Barenboims erster Ehefrau Jacqueline du Pré kann aus der Sicht der Familie du Pré ein sehr negatives Bild auf Barenboim werfen und besonders in dem Kinofilm, der hier im Forum schon angesprochen wurde, wird sein Verhalten ethisch in Frage gestellt. Die Sicht der Schwester Hilary, die offenbar selbst ein sehr ambivalentes Verhältnis zu J.d.P. hatte ist aber nur eine Sciht der Dinge. Ob er seine Frau tatsächlich wegen ihrer Krankheit verlassen hat, wissen wir nicht und selbst wenn dem so wâre: ein Mensch der unvorbereitet mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert wird, kann sehr leicht Panik- und Fluchtimpulse entwickeln und je jünger bzw unreifer deiser Mensch ist, desto mehr Verständnis bringe ich dafür auf.
Liebe Fairy Queen, ein schwieriges Thema. Solche Situationen zu beurteilen ist ja schon schwierig und delikat, wenn wir die Menschen kennen. Wieviel schwieriger in diesem Fall. Hilary du Pre war gewiss auch eine begabte Musikerin, aber sie musste halt im Schatten eines Genies leben. Sie musste auch, dieses sehr persönliche 'Detail' wurde ja durch ihr Buch publik, eine zeitlang den Ehemann mit der Schwester teilen. Ihr Buch schien mir trotzdem, was das Bild der Schwester betrifft, das sie zeichnet, frei von irgendwelchen Rachegelüsten sondern durchaus verständnisvoll. Hat Barenboim JdP verlassen? Es gab zwischen den beiden gewiss eine Krise, aber die war nicht direkt durch Barenboim hervorgerufen, sondern durch Ihre Flucht (die wohl auch eine Flucht vor den Strapazen des Starlebens an der Seite eines workaholics war). Barenboim hat nach dem Ausbruch der Krankheit J's ein Engagement beim Orchestre de Paris angenommen weil dies in der Nähe Londons war. Er hat dafür gesorgt, dass J. im Rahmen des Möglichen sehr gut versorgt wurde, er hat regelmässig angerufen und er kam oft nach London. Gut, er hatte dann auch ein Verhältnis und Kinder mit seiner heutigen Frau. Wer wollte ihm das angesichts der aussichtslosen gesundheitlichen Situation seiner Frau verübeln? Aber im üblichen Sinn des Wortes 'verlassen' hat er seine Frau nie und die beiden haben sich offiziell nie getrennt. mit freundlichen Grüssen Abendroth
Heike (27.11.2012, 00:03): Sie musste auch, dieses sehr persönliche 'Detail' wurde ja durch ihr Buch publik, eine zeitlang den Ehemann mit der Schwester teilen Sie war eine erwachsene, unabhängige Frau und hätte - da sie weder im Mittelalter noch in Saudi Arabien lebte - nicht "müssen". Das nur am Rande, ich finde, man sollte sie diesbezüglich nicht zum passiven Opfer machen. Heike
abendroth (27.11.2012, 00:18): Gut, "müssen" ist nicht die passende Wortwahl. Aber sie fühlte sich doch durch den desolaten psychischen Zustand ihrer Schwester sehr unter Druck gesetzt. Sie fürchtete, dass sich dieser Zustand weiter verschlimmert und tolerierte darum die Situation. Sie war kein Opfer, aber 'freiwillig' würde ich so etwas auch nicht nennen (sagst Du ja auch nicht, obwohl es ein wenig so klingt) freundliche Grüsse Abendroth
Heike (27.11.2012, 07:41): Das finde ich unangemessen, das hier breit weiter zu diskutieren - aber sie tolerierte das meiner Meinung nach zuerst mal um ihrer selbst willen, denke ich. Wie immer in ähnlichen Stuationen. Heike
Viola (27.11.2012, 09:16): Liebe Heike, liebe Fairy Queen, danke für die freundlichen Worte - ich freue mich wirklich sehr, dass es hier klassikbegeisterte Frauen gibt (auch wenn ich insgesamt eher mitlesen und lernen als schreiben will ...), auch wenn ich offenbar - lese es mit großem Erstaunen - eher männliche Musikgeschmack-Züge trage. Bis jetzt ist mir das noch nicht begegnet, dass Bruckner ein "Männer-Komponist" ist, hmmm. Hatte mit ihm auch keinerlei Anlaufschwierigkeiten, lieber Abendroth, auch seltsam. Seine 4. fand ich beim ersten Hören faszinierend - war auch live -, die 7. nicht minder bewegend, auch sofort. Dann habe ich mit der Gesamtaufnahme Jochums begonnen. Und immer so weiter. Die Begeisterung hat nie nachgelassen. Alles im Jahre eins bis drei meines "verschärfteren" Klassikhörens, und noch gar nicht so lange her. Von Weisheit keine Spur, liebe Fairy Queen ;-) Habe auch keinerlei Glaubens-Hintergrund, in keiner Beziehung. Wer weiß, ... Die beiden Messen und die Motetten finde ich auch unendlich berührend. Aber das ist hier ja nicht Thema.
Was Du, liebe Heike, über Barenboim als Bruckner-Dirigent sagst, spricht mir aus der Seele. Ich denke auch, neben seinen mentalen Qualitäten macht vor allem sein Rhythmusgefühl diese kolossalen Werke "leicht", hell, durchsichtig, aber dennoch kein Gramm weniger oberflächlich, im Gegenteil - das war es auch, was mich sozusagen vom Stuhl gerissen hat, als ich das erste Mal seine 4. mit den Chicagoern hörte. (Bei mir ist es übrigens umgekehrt: Mahler geht bei mir kaum ...)
Dass Barenboim einer jener Dirigenten ist, die stark polarisieren, spricht, finde ich, für ihn. Für eine starke eigenständige Persönlichkeit halt. Nicht beliebig, nicht austauschbar.
Ja, lieber Heinrich Schütz, darauf können wir uns einigen ;-) Einverstanden!!
Wünsche allen einen schönen Tag - eine angenehme Diskussion hier!
jünter (27.11.2012, 10:27): Original von abendroth Sehr merkwürdig finde ich aber den Standpunkt Interpret x kenne ich gar nicht, weil für mich Interpret y sowieso besser ist. So spricht man sich doch selbst die Urteilsfähigkeit ab. abendroth
Dieser Standpunkt beruht darauf, dass alles was ich bisher von und mit Barenboim gehört habe mich in keiner Weise angesprochen hat und dass ich mir nicht vorstellen kann weshalb dies ausgerechnet bei Bruckner anders sein sollte.
Mit diesem beklagenswerten Mangel an Urteilsfähigkeit kann ich im übrigen gut leben.
Von mir aus möge ein(e) jede(r) nach Herzenslust Aufnahmen dieses "Herrn" hören, aber bitte auch tolerieren dass ich dies nicht tue.
uhlmann (27.11.2012, 15:45): Original von Viola ... Barenboim als Bruckner-Dirigent ... macht vor allem sein Rhythmusgefühl diese kolossalen Werke "leicht", hell, durchsichtig, aber dennoch kein Gramm weniger oberflächlich, ...
immer wieder erstaunlich, zu welch unterschiedlichen ansichten verschiedene menschen beim hören derselben aufnahmen kommen.
ich finde barenboims bruckner genau gar nicht leicht, hell und durchsichtig. im gegenteil würde ich sogar meinen, dass barenboim in meinem bruckner-spektrum exakt am anderen ende zu finden ist: schwer, dunkel, wenig durchhörbar und sehr dick aufgetragen.
in einem versuch einer beurteilung der bruckner 2 unter barenboim im brucknerforum vor einigen jahren wurde (soweit ich mich erinnern kann) von den meisten usern gerade die wenig ausgeprägte transparenz kritisiert. die aufnahme wurde recht mittelprächtig bewertet.
Heike (27.11.2012, 15:58): Also, "leicht" finde ich Barenboims Bruckner auch nicht gerade, aber trotzdem würde ich da mal fragen: Welcher Barenboim? CSO? BPhils? Ich sagte schon, ich kenne ihn mit Bruckner nur live (und übrigens v.a. mit der Staatskapelle + in den letzten Jahren) - und das hat mir vergleichsweise sehr gut gefallen. Schöner, warmer Klang und gut durchhörbar. Ich bin gegen dickes Pathos ziemlich allergisch - u.a. deshalb meide ich einige der Bruckner -Sinfonien wie die Pest; also das war sicher keine schwer aufgebrühte Pampe, was ich gehört habe. Heike
uhlmann (27.11.2012, 17:06): Original von HeikeWelcher Barenboim? CSO? BPhils?
also ich meinte den hier (sind übrigens bis auf die vierte alles live aufnahmen):
Viola (28.11.2012, 10:40): Ja, den meinte ich - u. a. - auch, lieber Uhlmann, und natürlich: was für den einen durchsichtig und hell, ist für den anderen dick und dunkelschwarz. Die Menschen sind verschieden, es wird sich schwerlich ändern ... Und "abstimmen" wie reihenfolgenaufstellen lässt sich glaub ich über Interpretationen auch eher kaum. Ich freu mich immer, wenn ich jemandem begegne, der ähnlich empfindet wie ich. Mehr kann ich nicht erwarten.
Das mit der Wärme hätte ich mich gar nicht zu sagen getraut, liebe Heike, aber genau diesen Eindruck habe ich auch (überzufällig oft bei Interpreten jüdischer Herkunft). Mit "leicht" meinte ich das "Einfache", das meist so schwer zu machen ist ... Natürlich bleibt es "schwer" genug ;-) Auch das Tänzerische, was Bruckner außer dem Mystischen, finde ich, gut zu Gesicht steht.
Viele Grüße an alle und einen schönen Tag!
Cantus Arcticus (28.11.2012, 17:32): Original von uhlmann Original von HeikeWelcher Barenboim? CSO? BPhils?
also ich meinte den hier (sind übrigens bis auf die vierte alles live aufnahmen):
Es ist immer wieder ein spannendes Thema: Bruckner und Barenboim Diese GA war eine meiner ersten GAs überhaupt, die ich gekauft habe.
Man kann sagen: Er hat mir die Tore zur klassischen Musik erst geöffnet.
Ich habe mich dann sehr von seiner Bruckner-Interpretation entfernt, hin zu den "Giganten" Wand und Jochum. Aber irgendwie hat er mich doch nie losgelassen und im Verlauf der letzten Jahre bin ich wieder bei ihm angekommen. Es ist ein bisschen wie der Kreislauf des Lebens.
Es ist wie Viola sagt:
....was für den einen durchsichtig und hell, ist für den anderen dick und dunkelschwarz. Die Menschen sind verschieden, es wird sich schwerlich ändern ...
Dem ist nichts hinzuzufügen,...
....ausser einem persönlichen Tip: Die sechste Symphonie auf dieser Ausgabe ist IMO die beste überhaupt (kein Wand, kein Jochum, kein Tintner und kein Rattle)
Viele Grüsse :hello Stefan
Falstaff (15.09.2017, 00:17): Ich habe Barenboim doch erstaunlich häufig live erlebt (dafür, dass ich nicht in Berlin lebe) und wiederum erstaunlich wenige seiner Aufnahmen bei mir im Regal. Live erinnere ich mich an den Ring, den Tristan und Lohengrin, Fidelio und das Verdi-Requiem, an Bruckners 7. und die beiden Klavierkonzerte von Brahms. Aber höchstwahrscheinlich habe ich da noch einiges vergessen. :)
Sinopoli und Sawallisch waren es, die mir Bruckner auf Jahre verdorben haben. Einerseits die Kälte des einen und andererseits unangenehme Empfindungen/Assoziationen im Konzert des anderen (für die Sawallisch und Bruckner bestimmt nichts konnten, aber das war mir damals halt nicht klar). So mied ich ihn bis kurz nacheinander Giulini und Barenboim mit jeweils einem Bruckner-Programm kamen. Und da ich mir beide nicht entgehen lassen wollte, bin ich halt hingegangen. Barenboim bereitete dann den Boden und Giulini bekehrte mich endgültig zu Bruckner.
Barenboim dirigierte die Berliner Philharmoniker mit eben der 7. von Bruckner und ich war doch ziemlich begeistert von diesem warmen, menschlichen Ton, der überall durchklang. (Kannte ich doch eher einen harten, herrischen Bruckner durch Sinopoli und dachte, dass ist halt so bei diesem Komponisten.)
Und ebenso habe ich seinen Wagner erfahren oder auch den Fidelio. Das hatte immer Wärme, immer Menschlichkeit, den klassischen deutschen Orchesterklang, aber eben nicht die kalte Monumentalität, die doch recht unbarmherzige Geste, die ja gerade einem Wagner ja innewohnen kann.
Sein Verdi-Requiem hat mich damals allerdings nicht so mitgenommen. Aber vielleicht lag es auch an meinen Knieschmerzen und die Sitze waren sooo eng. Manchmal überschatten ja auch solche 'Nebensächlichkeiten' die Leistung.
Als Pianist habe ich ihn nur einmal gehört und zwar in beiden Klavierkonzerten von Brahms unter Dohnanyi. Und ich muss sagen, dass ich, relativ wenig von ihm als Pianisten erwartend, doch sehr begeistert war. Begeistert war ich aber auch davon, dass er sich nach der Pause ganz bescheiden, das Stück lief schon, seinen Zugang zu seinem Platz in einer Loge erbat, möglichst niemanden stören wollte und sich den zweiten Teil des Konzertes noch anhörte. Fand ich irgendwie sehr angenehm und menschlich.
Übrigens wurde ich auf der Rückfahrt von Berlin einmal von der Polizei von der Autobahn dirigiert und damit konfrontiert, dass ich über Kilometer in einer Endlosbaustelle viel zu schnell gefahren wäre. Ich hatte das absolut nicht gemerkt und überlegte noch, ob ich als Entschuldigung angeben sollte (was auch wirklich stimmte), dass wir gerade aus dem Tristan, dirigiert von Barenboim kämen und uns gegenseitig während der Fahrt davon vorgeschwärmt und dadurch jegliches Zeitmaß vergessen hätten. Aber ich habe das dann doch nicht erzählt, wohl wissend, dass sie es nicht verstanden hätten und die horrende Strafe bezahlt. :D
:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (03.10.2017, 17:08): Erst Anfang dieses Jahres habe ich herausgefunden, dass Barenboim in den den 60ern mit dem English Chamber Orchestra nicht nur den Klavierkonzert-Zyklus, sondern auch die späten Sinfonien (29-41) von Mozart eingespielt hat. Zügig, schlank, klangschön, transparent und bei den Instrumentalstimmen nahezu sensationell ausbalanciert. Der halbe Weg zur historisch informierten Aufführungspraxis, aber kein Mittelmaß sondern die goldene Mitte. Diese unverbildete Art der Interpretation lässt bei mir kaum Wünsche offen - und das gibt es für mich über die Mozart-Sinfonien sonst sehr selten zu sagen. Warum diese Aufnahmen nahezu vergessen sind, ist unverständlich. Ich kann nur raten, dem Urteil das Hören vorausgehen zu lassen - da wartet für den einen oder die andere möglicherweise eine echte Überraschung. Nicht verschweigen will ich, dass es hierzu auch ganz konträre Meinungen gibt. Auf Amadés Klassik-Prisma kommen die Prager und die g-Moll ganz schlecht weg.
Auch an seinem Haydn (ebenfalls mit dem ECO) gibt es kaum etwas zu bemängeln. Exemplarisch die Nr. 82, zu der ich einst schrieb: Fette, seufzende Streicher, die alles andere zukleistern, pompös-pomadiger Habitus - die Liste der schrecklichsten Erwartungen war lang. Und dann straft er alle Vorurteile Lügen, legt quicklebendig los wie die Feuerwehr und zeigt eine exzeptionelle Durchhörbarkeit und Ausgewogenheit bei den Instrumentalstimmen (...)
Was für mich gar nicht geht, ist Mahler und Bruckner. Sicher, ich hab nicht allzuviel unter seiner Stabführung gehört, aber das, was ich gehört habe, war abstoßend genug (vgl. obige Vorurteile), um ihm mit diesem Repertoire keine weitere Chance mehr zu geben. Nur sporadisch erwähnt wurde in diesem Faden Barenboims Einsatz für die Moderne. Da kann der Vermittler noch so populär sein; die jüngere Musik unseres Genres in die Breite zu bringen, erscheint als Unmöglichkeit. Unbedingt hörenswert ist die CD mit dem Konzert für Orchester und der 3. Sinfonie von Lutoslawski. Bei den Proms 2012 leitete er Werke von Boulez, mit dem er ein halbes Jahrhundert lang befreundet war. 2007 durfte Boulez sogar als erster Gastdirigent überhaupt Barenboims Friedensbotschaft-Orchester dirigieren. Beide Ereignisse kann man auf der in diesem Jahr herausgebrachten DGG-CD nachhören.
EinTon (06.10.2017, 13:27): Zu Barenboim und Bruckner jetzt einmal eine speziellere Frage:
Barenboim spielt auf auf verschiedenen Aufnahmen der 4. Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern, zB dieser hier
einen Paukenwirbel auf dem Schlussakkord des Chorals gegen Ende der Durchführung, zu hören hier bei 11:00.
(Das gleiche auch bei der mir vorliegenden Teldec-Aufnahme, die ich irgendwann in den frühen 90ern gekauft haben muss).
Der Paukenwirbel in der heutzutage meist gespielten Version von 1878-80 jedoch nicht zu finden (und abseits von Barenboim auf keiner mir bekannten Einspielung zu hören). Notiert ist er dagegen in der "Schalk/Löwe"-Revision von 1887/1888, allerdings wirbelt da auch schon während des laufenden Chorals mehrfach die Pauke...
hier findet sich der Choral auf S. 41-42. , es ist kein Paukenwirbel notiert. (Die Pauken sind in der Partitur inmitten der Blechbläsersektion zwischen Trompeten und Posaunen zu finden...).
Dasselbe in der von Robert Haas Herausgegebenen Fassung von 1936 (nach dem o. a. Autograph)
Beginn Choral: S: 27, 2. System Takt 4. Schlussakkord Choral: S. 28, 2. System, Takt 4.
Auf IMSPLP findet sich noch eine Fassung von 1887-88 (Edition Eulenberg) mit "later posthumous editorial changes", also wohl die unter dem Einfluß von Löwe/Schalk bearbeitete Version. Diese enthält - wie schon oben aufgeführt - gleich 3 Paukenwirbel, und zwar jeweils am Ende der 3 Blechbläserphrasen (S. 36, Takt 3; S. 37, Takt 5; S. 38, Takt 5, beim letzte Wirbel handelt es sich um den auch von Barenboim gespielten.
Beginn Choral: S. 35, 2. System, Takt 3. , Ende Choral S. 38 vorletzter Takt.
Spielt Barenboim hier also eine Mischfassung aus der Version von 1878/80 und der (gänzlich aus den Spielplänen verschwundenen) Revision von 1887/88?? Oder gibt es noch eine weitere Fassung, mit der man diese Praxis "legitimieren" könnte? (Ich habe ja den Verdacht, das Barenboim sich hier ein wenig von Dvoraks "Neuer Welt" inspirieren ließ, wo am Anfang des 2. Satzes auf dem Schlussakkord des Bläserchorals die Pauke in ähnlich effektvoller Weise eingesetzt wird... ;) ).
EinTon (06.10.2017, 13:48): Da kann der Vermittler noch so populär sein; die jüngere Musik unseres Genres in die Breite zu bringen, erscheint als Unmöglichkeit.
Es gibt auch Gegenbeispiele:
In Salzburg erklatschte das - sicherlich konservative - Publikum erst eine Wiederholung des Schlußstücks der "Notations" von Boulez, dann wiederholte Barenboim, da der Applaus nicht endete, die kompletten "Notations". ..wobei man bei den "Notations" in der Orchesterfassung natürlich auch ein eindrucksvolles Spektakel zu hören und zu sehen bekommt... 8)
Cetay (inaktiv) (06.10.2017, 16:32): Spielt Barenboim hier also eine Mischfassung aus der Version von 1878/80 und der (gänzlich aus den Spielplänen verschwundenen) Revision von 1887/88?? Oder gibt es noch eine weitere Fassung, mit der man diese Praxis "legitimieren" könnte? Es handelt sich wohl um eine Mischfassung, denn von seinen Konzerten wird ähnliches berichtet, z.B. bei MusicWeb - anscheinend wurde das aber schon früher gemacht.
Leopold Nowak resolved most (...) problems with his revised version of the 1878/1880 edition which is most generally used by conductors now. Tonight’s programme notes state that Mr Barenboim used this version, but this was not quite the case. Mostly in the first movement Barenboim imposed some of the emendations (thought specious now) made by Franz Schalk; most notably at the end of the wonderful crescendo fanfare brass sequence, (...) with an added timpani ff de-crescendo roll. Conductors like Furtwangler and much more recently Jochum also incorporated Schalk’s emendations (...)
EinTon (06.10.2017, 16:44): Hui, danke Dir für die Info, Cetay! :-)