noch ein Thema, das mir auf der Seele brennt – durch rezente Lektüre usw. angeheizt – und das ich schnell noch loswerden muß: Wodurch wird eigentlich unser sogenanntes Urteil beeinflußt? Gibt es noch die einst so hochangesehene Intuition, die „erste Wahrnehmung“, a priori, ohne vorherige Beeinflussung durch, etwa heutzutage, die gigantische Medienmaschine, für die jeder zweite ein sogenannter "Ausnahmekünstler" ist (von im Forum geäußerten Meinungen ganz zu schweigen)? Was für eine Sprache wird hier eigentlich gesprochen? Was heißt eigentlich „Urteil“, und muß es das sein? Haben wir nicht eine Meinung, ein Empfinden, eine Intuition eben, die eben gerade nicht ein Urteil ist (denn sind wir denn Richter)?
Wie funktioniert denn diese Vermarktungsmaschinerie? Offensichtlich gibt es Leute – völlig unabhängig von ihren – in diesem Falle musikalischen – Qualitäten, die sich für so etwas eignen und die auch nicht abgeneigt sind, sich dafür herzugeben (möglicherweise mangels besserer Urteilsfähigkeit). Da wird denn teilweise mit völlig außermusikalischen Themen operiert (z.B. Wölfe, die meines Wissens nur heulen können). Bei anderen werden irgendwelche merkwürdigen personae aufgebaut, Masken, die einem den Blick vernebeln sollen, damit die Firmen eine schnelle Mark machen können (hier denke ich etwa an Martin Stadtfeld). Nachdem ich gerade auf Emfpehlung ein Buch lese, in dem es um solche Vermarktung (hier auf dem Gebiet der Literatur) geht, finde ich, daß meine mir zynisch erscheinende Einstellung eher doch noch recht naiv ist. Dagegen findet man immer mal wieder in einer Ecke versteckte Perlen.
Mehr als nur gelegentlich lese ich „Urteile“, die offensichtlich so durch ständig wiederholte Phrasen und Allgemeinplätze beeinflußt sind, daß sie mich richtig zornig machen! Nur zum Beispiel hundertmal allerorts wiederholt, Pollinis Spiel sei „kühl“ usw. Zeitnah hatte ich gelesen, Philippe Bianconi habe das „Sittsame“ überwunden, das seinem Spiel einst anhaftete; ein anderer schrieb „manche haben von ihm den Eindruck, er sei als Pianist ein wenig zu brav – aber haben sie jemals wirklich hingehört?“ Nein, hingesehen haben sie! Nun sind das Assoziationen, die mir weder bei dem einen noch bei dem anderen jemals von selbst in den Sinn gekommen wären. Woher also kommen sie?
Zugegebenermaßen habe ich mich bei Pollini auch schon mal gefragt, wo er denn sein Manuskript gelassen habe, als er so wie ein Professor auf die Bühne gekommen ist, der im Begriff ist, eine Vorlesung zu halten. Da kann ich das andere Epithet, das gern mit ihm in Zusammenhang gebracht wird, schon eher nachempfinden: „magistral“. Aber sein Spiel habe ich niemals als kühl oder als magistral empfunden.
Hören wir also mit den Augen? Etwa durch Anschauung, und dann auch durch Lektüre? Oder umgekehrt? Wo Rauch ist, da muß auch Feuer sein? Wenn etwas oft genug wiederholt wird, wird es wahr?
Natürlich hat es schon einen Einfluß, wenn einer nett aussieht, wenn man jemanden sympathisch findet, wenn man z.B. ein Interview gelesen hat (oder auch das Gegenteil). Ich funktioniere natürlich auch nicht anders: Mancher hat aufgrund des einen oder anderen außermusikalischen Eindrucks Vorschußpunkte oder negative Vorschußpunkte (wenn einer z.B. an sich selbst den Anspruch stellt, Maßstäbe zu setzen, bin ich sehr skeptisch). Aber das kann doch alles nicht darüber hinwegtäuschen, wenn er einfach nicht musikalisch überzeugt – oder eben doch. Oder?
Sind Männer da anfälliger? Hélène Grimaud beispielsweise: Sind es nicht in erster Linie Männer, die sie für eine gute Pianistin halten? (Oder ihr zumindest applaudieren?) Muß ein Musiker/eine Musikerin sexy sein, um gute Musik zu machen?
Wie meint Ihr (ehrlich!), daß Euch das Aussehen, das Auftreten, das eventuelle „Charisma“, die Mediatisierung, die Meinung anderer beeinflussen, möglicherweise mehr als das, was sie musikalisch zu bieten haben? Ist irgend jemand dagegen gefeit? Oder hat das alles - auf Euch zumindest - gar keinen Einfluß? Haben wir eine unabhängige Meinung, eine Intuition, und trauen wir ihr? Sind wir in der Lage, das „Schöne“ (vom Guten und Wahren ganz zu schweigen) „intuitiv“ zu erkennen, wenn wir ihm begegnen? Hat das überhaupt irgend eine Bedeutung? (Was ich meine, ist: Bedeuten diese Wörter etwas?) Habt Ihr diese Erfahrung gemacht, könnt Ihr das Außergewöhnliche vom weiten Meer des Mittelmaßes unterscheiden? Gibt es das überhaupt? Oder ist das alles von der Zeit abhängig, von der Stimmung, von dem, was gerade „angesagt“ ist? Ist das alles ausschließlich subjektiv, eine Frage des Geschmacks, des Temperaments und mithin, sub specie aeternitatis, völlig beliebig?
Leicht provokativ aufgelegt, Gamaheh
Achim (09.03.2007, 18:21): In Zeiten medialer Totalvermarktung ist die Dominanz des Visuellen nicht zu verhindern.
Auch im Klassikbereich wird primär über die "Hingucker" vermarktet - Netrebko, Grimaud sind da aktuelle Beispiele. Wenn dadurch Zuschauer für die Klassik gewonnen werden, die anders nicht zu erreichen wären - why not.
Ich sehe das Problem darin, daß gute Künstler mangels Ausstrahlung usw. nicht gefördert werden und keine Chance auf weitere Verbreitung ihres Schaffens haben.
Kein Mensch wird behaupten wollen, er würde sich durch optische Reize nicht beeinflussen lassen. Ich denke, jeder hat schon CD`s erworben, die ihm allein wegen der Gestaltung ins Auge fielen. Ob sie dann ein Hörgenuß waren, sei dahingestellt.
cellodil (09.03.2007, 19:07): Original von Achim Ich sehe das Problem darin, daß gute Künstler mangels Ausstrahlung usw. nicht gefördert werden und keine Chance auf weitere Verbreitung ihres Schaffens haben.
Lieber Achim,
erst mal noch ein herzliches Willkommen im Forum!
Könntest Du mir erklären, was ein "guter Künstler" ohne Ausstrahlung ist?
Ausstrahlung hat - jedenfalls meiner Meinung nach - nichts mit stereotypen und modebedingten Schönheitsidealen zu tun, sondern mit (naja, mir fällt gerade kein weniger pathetisches Wort ein, aber sei's drum) Leidenschaft für das, was man tut. Mit Lebendigkeit, mit Eros. Eine gute Interpretation, ein packendes Konzert hat (für mich) immer auch etwas Erotisches - ganz egal, wie hübsch oder hässlich, wie jung oder alt der Interpret ist.
Grüße
Sabine
Achim (09.03.2007, 20:34): Liebe Sabine,
da hast Du mich gleich auf dem falschen Fuss erwischt. Einmal "schief" formuliert, schon geplatzt :).
Ich meinte mit "Ausstrahlung" die mediale Verwertbarkeit (wirtschaftlich) des Künstlers - also die reine Optik.
Deiner Interpretation von Ausstrahlung stimme ich gerne zu.
satie (09.03.2007, 21:14): Man darf auch nicht vergessen, dass Klassik für viele Menschen nur sehr bedingt überhaupt mit der Musik zu tun hat, sondern vielmehr einfach etwas "Exklusives" ist. Und bei den Konzerten ist das Sehen und Gesehen-Werden vielleicht wichtiger als alles andere. Wenn es nur um die Musik ginge, würden sich wohl auch nicht heute noch gewisse Leute darüber aufregen, dass "junge Leute" in Jeans ins Konzert kommen (schließlich sollten wir das seit den 70ern doch reflektiert haben). Ein schönes Beispiel dafür ist meine Cousine, die ohnehin schon immer nur aus Fassade bestand. Sie hat aus reinen Renommee-Gründen einen Posten in der Robert-Schumann-Gesellschaft inne, auch wenn sie wahrscheinlich die Waldszenen nicht von Woodstock unterscheiden kann und bei jeder Symphonie, der sie beiwohnen muss statt hinzuhören lieber prüft, wer sich da alles im Publikum tummelt. Sie hat dann einen entsprechenden Bekanntenkreis aufgebaut, in dem sich die mittlerweile verstorbenen Herzog und Herzogin von Sachsen-Coburg befanden, aber auch so zweifelhafte Leute wie Justus Frantz. Mit denen trinkt man dann zum Frühstück schon Champagner und fühlt sich ungemein gebildet und erhaben. So verwundert es auch nicht, wenn man auf der Bühne eben die schlanken Beine, den edlen Frack, das sexy Kleid mit dem tiefen Ausschnitt, den blenden Glanz des schwarzen Flügellacks und weiss nicht was alles wahrnimmt, bloss nicht die Musik. Eine Netrebko singt nicht besonders, aber sie kann so schön auf den Sony-Plakaten posieren. Andererseits hat sich aber auch ein Gidon Kremer, der nun wahrhaft kein Adonis ist (und früher schon gar nicht war) durchgesetzt. Ich wage zu behaupten, dass ein Kenner diesem Blendwerk nicht auf den Leim geht, sondern doch eher an der Musik interessiert ist. Und ein hervorragender Musiker wird immer genug Ausstrahlung haben, um alle Schönlinge in den Schatten zu stellen. Sollten die Musiker ohnehin gut aussehen, naja, das kann man ihnen ja auch nicht verübeln. Ich erinnere mich an einen hervorragenden französischen Film, dessen Titel mir leider entfallen ist. Es geht um einen ziemlich ausgebrannten Pianisten, der eine Professur hat und auch viele Konzerte, aber halt einfach nicht mehr will. In einer besonders schönen Szene sieht man, wie er seine Klasse unterrichtet. Jeder Student muss das "Italienische Konzert" von Bach spielen. Der erste Student spielt ein paar Takte, der Lehrer winkt ab und sagt: "Der nächste." Aber bei jedem Studenten dasselbe: nach wenigen Sekunden wird abgebrochen und der nächste verlangt. Dann kommt eine Studentin dran. Sie wird nicht unterbrochen, darf alles durchspielen. Während sie spielt sagt der Professor zu dem Studenten neben ihm: "Sehen Sie? Es klingt überhaupt nicht besser. Aber es sieht sehr viel besser aus!"
S A T I E
cellodil (10.03.2007, 08:55): Original von Achim Liebe Sabine,
da hast Du mich gleich auf dem falschen Fuss erwischt. Einmal "schief" formuliert, schon geplatzt :).
Ich meinte mit "Ausstrahlung" die mediale Verwertbarkeit (wirtschaftlich) des Künstlers - also die reine Optik.
Deiner Interpretation von Ausstrahlung stimme ich gerne zu.
Lieber Achim,
geplatzt? Au weia, das wollte ich aber nicht. Und ich wollte Dich auch mit meiner Nachfrage nicht erschrecken.... Und "schiefe Formulierungen" und Fehlinterpretationen lassen sich ja nicht wirklich vermeiden, wenn man miteinander kommuniziert. Das gehört einfach dazu.
Herzliche Grüße und weiterhin viel Spaß :hello
Sabine
LazarusLong (12.03.2007, 12:18): Hier kann ich mit einem ganz deutlichen und entschiedenen "es kommt ganz darauf an" antworten. Kaufe ich mir eine Opern DVD, so will ich Die Caballe nicht unbedingt als Julia oder als Figaros Susanna sehen. Auch ein Thomas Quasthoff als Don Giovanni ist für mich nicht unbedingt optisch nachvollziehbar. Will ich mich aber nur auf die Musik konzentrieren, sprich ich hole mir die eine oder andere CD, so interessiert mich das Aussehen des Künstlers nicht im geringsten. Da kann dann eine Mischung aus Quasimodo und Darth Vader am Klavier sitzen und das Krümelmonster begleiten, wenn die musikalische Qualität stimmt, dann wird mir die CD auch gefallen, egal wie der Künstler aussieht. Entspricht die musikalische Qualität nicht meinen Ansprüchen, dann wird auch eine Netrebko in Strapsen auf dem Cover (oder ein Villzon in der Badehose) meine Meinung nicht ändern. Um es klarzustellen: Ich habe einen Riesenrespekt vor Thomas Quasthoff, der für mich ein hervorragender Sänger ist (Dessen Ausflug ins Jazz-Genre Material für hervorragende Klingeltöne liefert - Zitat Klassikakzente Newsletter), den ich aber auf Grundd seiner Behinderung nicht voll als zB Don Giovanni akzeptieren könnte, in einer Aufführung, die ich mir nicht nur anhören, sondern auch ansehen will.
In der Hoffnung nicht missverstanden zu werden
Frank
cellodil (12.03.2007, 16:32): Original von LazarusLong Will ich mich aber nur auf die Musik konzentrieren, sprich ich hole mir die eine oder andere CD, so interessiert mich das Aussehen des Künstlers nicht im geringsten. Da kann dann eine Mischung aus Quasimodo und Darth Vader am Klavier sitzen und das Krümelmonster begleiten, wenn die musikalische Qualität stimmt, dann wird mir die CD auch gefallen, egal wie der Künstler aussieht. Entspricht die musikalische Qualität nicht meinen Ansprüchen, dann wird auch eine Netrebko in Strapsen auf dem Cover (oder ein Villzon in der Badehose) meine Meinung nicht ändern.
Lieber Frank,
da hast Du mir doch ein herzhaftes Lachen in meinem sumpfigen Arbeitstag geschickt. Danke!
Herzliche Grüße
Sabine
LazarusLong (13.03.2007, 08:31): @ Sabine: Es war ein Versuch nach der Münchhausenmethode, mich selbst aus einem Tief zu holen, nachdem ich gestern 2 Mitarbeiter fristlos entlassen musste.(Alkohol am Arbeitsplatz und damit verbunden Gefährdung der restlichen Belegschaft). Beimir hat es nicht ganz geklappt, aber ich freue mich, daß ich Dich zum Lachen bringen konnte.
Frank
cellodil (13.03.2007, 15:08): Lieber Frank,
da war wohl der Zopf ein bisschen zu kurz. Soll ich Dir ein paar Extensions machen (die beiden Fifis hast Du ja auch noch nicht vorbeigebracht). Über die Farbe können wir uns dann ja noch unterhalten und Minipli wäre ja vielleicht auch eine attraktive Sache...
Herzliche Grüße
Sabine
P.S. Habe gerade im "Was höre ich..."-Thread gelesen, was bei Dir gerade so los ist. Ziemlich heftig. Ich glaube, Du kannst gar keine andere Entscheidung treffen, aber ich sehe auch, dass das belastend ist. Und dann noch die Vision, was hätte passieren können... Immerhin ist es ja in dieser Hinsicht noch einmal gut gegangen. Wünsche Dir alles, alles Gute und die nötige Kraft (manchmal kommen auch Widderchen an ihre Grenzen, das weiß ich aus eigener Erfahrung - auch , wenn ich das natürlich nicht gerne zugebe....)
Jeremias (13.03.2007, 17:58): Ich glaube Dir, dass das recht schwer war, so eine Entscheidung zu treffen! Wir machen u.a. auch Arbeitsrecht und vertreten auch einige große Firmen im Umkreis. Es tut uns selber um jeden leid, der entlassen wird. Aber manchmal geht es nicht anders. U.a. vertreten wir ein großes Busunternehmen. ein fahrer ist neulich alkoholisiert im Schulbus angetroffen worden. Da gab es leider auch nur eine einzige Konsequenz
?(
LazarusLong (14.03.2007, 08:39): Nochmals wie bereits an anderer Stelle Danke an euch alle für die moralische Unterstützung. :thanks Hat wirklich gutgetan. Dies ist einer der Gründe, warum ich dieses Forum mag, klein aber fein und nicht so unpersönlich wie manch andere. :beer
Frank
Gamaheh (09.03.2007, 00:51): Liebe Musikfreunde,
noch ein Thema, das mir auf der Seele brennt – durch rezente Lektüre usw. angeheizt – und das ich schnell noch loswerden muß: Wodurch wird eigentlich unser sogenanntes Urteil beeinflußt? Gibt es noch die einst so hochangesehene Intuition, die „erste Wahrnehmung“, a priori, ohne vorherige Beeinflussung durch, etwa heutzutage, die gigantische Medienmaschine, für die jeder zweite ein sogenannter "Ausnahmekünstler" ist (von im Forum geäußerten Meinungen ganz zu schweigen)? Was für eine Sprache wird hier eigentlich gesprochen? Was heißt eigentlich „Urteil“, und muß es das sein? Haben wir nicht eine Meinung, ein Empfinden, eine Intuition eben, die eben gerade nicht ein Urteil ist (denn sind wir denn Richter)?
Wie funktioniert denn diese Vermarktungsmaschinerie? Offensichtlich gibt es Leute – völlig unabhängig von ihren – in diesem Falle musikalischen – Qualitäten, die sich für so etwas eignen und die auch nicht abgeneigt sind, sich dafür herzugeben (möglicherweise mangels besserer Urteilsfähigkeit). Da wird denn teilweise mit völlig außermusikalischen Themen operiert (z.B. Wölfe, die meines Wissens nur heulen können). Bei anderen werden irgendwelche merkwürdigen personae aufgebaut, Masken, die einem den Blick vernebeln sollen, damit die Firmen eine schnelle Mark machen können (hier denke ich etwa an Martin Stadtfeld). Nachdem ich gerade auf Emfpehlung ein Buch lese, in dem es um solche Vermarktung (hier auf dem Gebiet der Literatur) geht, finde ich, daß meine mir zynisch erscheinende Einstellung eher doch noch recht naiv ist. Dagegen findet man immer mal wieder in einer Ecke versteckte Perlen.
Mehr als nur gelegentlich lese ich „Urteile“, die offensichtlich so durch ständig wiederholte Phrasen und Allgemeinplätze beeinflußt sind, daß sie mich richtig zornig machen! Nur zum Beispiel hundertmal allerorts wiederholt, Pollinis Spiel sei „kühl“ usw. Zeitnah hatte ich gelesen, Philippe Bianconi habe das „Sittsame“ überwunden, das seinem Spiel einst anhaftete; ein anderer schrieb „manche haben von ihm den Eindruck, er sei als Pianist ein wenig zu brav – aber haben sie jemals wirklich hingehört?“ Nein, hingesehen haben sie! Nun sind das Assoziationen, die mir weder bei dem einen noch bei dem anderen jemals von selbst in den Sinn gekommen wären. Woher also kommen sie?
Zugegebenermaßen habe ich mich bei Pollini auch schon mal gefragt, wo er denn sein Manuskript gelassen habe, als er so wie ein Professor auf die Bühne gekommen ist, der im Begriff ist, eine Vorlesung zu halten. Da kann ich das andere Epithet, das gern mit ihm in Zusammenhang gebracht wird, schon eher nachempfinden: „magistral“. Aber sein Spiel habe ich niemals als kühl oder als magistral empfunden.
Hören wir also mit den Augen? Etwa durch Anschauung, und dann auch durch Lektüre? Oder umgekehrt? Wo Rauch ist, da muß auch Feuer sein? Wenn etwas oft genug wiederholt wird, wird es wahr?
Natürlich hat es schon einen Einfluß, wenn einer nett aussieht, wenn man jemanden sympathisch findet, wenn man z.B. ein Interview gelesen hat (oder auch das Gegenteil). Ich funktioniere natürlich auch nicht anders: Mancher hat aufgrund des einen oder anderen außermusikalischen Eindrucks Vorschußpunkte oder negative Vorschußpunkte (wenn einer z.B. an sich selbst den Anspruch stellt, Maßstäbe zu setzen, bin ich sehr skeptisch). Aber das kann doch alles nicht darüber hinwegtäuschen, wenn er einfach nicht musikalisch überzeugt – oder eben doch. Oder?
Sind Männer da anfälliger? Hélène Grimaud beispielsweise: Sind es nicht in erster Linie Männer, die sie für eine gute Pianistin halten? (Oder ihr zumindest applaudieren?) Muß ein Musiker/eine Musikerin sexy sein, um gute Musik zu machen?
Wie meint Ihr (ehrlich!), daß Euch das Aussehen, das Auftreten, das eventuelle „Charisma“, die Mediatisierung, die Meinung anderer beeinflussen, möglicherweise mehr als das, was sie musikalisch zu bieten haben? Ist irgend jemand dagegen gefeit? Oder hat das alles - auf Euch zumindest - gar keinen Einfluß? Haben wir eine unabhängige Meinung, eine Intuition, und trauen wir ihr? Sind wir in der Lage, das „Schöne“ (vom Guten und Wahren ganz zu schweigen) „intuitiv“ zu erkennen, wenn wir ihm begegnen? Hat das überhaupt irgend eine Bedeutung? (Was ich meine, ist: Bedeuten diese Wörter etwas?) Habt Ihr diese Erfahrung gemacht, könnt Ihr das Außergewöhnliche vom weiten Meer des Mittelmaßes unterscheiden? Gibt es das überhaupt? Oder ist das alles von der Zeit abhängig, von der Stimmung, von dem, was gerade „angesagt“ ist? Ist das alles ausschließlich subjektiv, eine Frage des Geschmacks, des Temperaments und mithin, sub specie aeternitatis, völlig beliebig?
Leicht provokativ aufgelegt, Gamaheh
Achim (09.03.2007, 18:21): In Zeiten medialer Totalvermarktung ist die Dominanz des Visuellen nicht zu verhindern.
Auch im Klassikbereich wird primär über die "Hingucker" vermarktet - Netrebko, Grimaud sind da aktuelle Beispiele. Wenn dadurch Zuschauer für die Klassik gewonnen werden, die anders nicht zu erreichen wären - why not.
Ich sehe das Problem darin, daß gute Künstler mangels Ausstrahlung usw. nicht gefördert werden und keine Chance auf weitere Verbreitung ihres Schaffens haben.
Kein Mensch wird behaupten wollen, er würde sich durch optische Reize nicht beeinflussen lassen. Ich denke, jeder hat schon CD`s erworben, die ihm allein wegen der Gestaltung ins Auge fielen. Ob sie dann ein Hörgenuß waren, sei dahingestellt.
cellodil (09.03.2007, 19:07): Original von Achim Ich sehe das Problem darin, daß gute Künstler mangels Ausstrahlung usw. nicht gefördert werden und keine Chance auf weitere Verbreitung ihres Schaffens haben.
Lieber Achim,
erst mal noch ein herzliches Willkommen im Forum!
Könntest Du mir erklären, was ein "guter Künstler" ohne Ausstrahlung ist?
Ausstrahlung hat - jedenfalls meiner Meinung nach - nichts mit stereotypen und modebedingten Schönheitsidealen zu tun, sondern mit (naja, mir fällt gerade kein weniger pathetisches Wort ein, aber sei's drum) Leidenschaft für das, was man tut. Mit Lebendigkeit, mit Eros. Eine gute Interpretation, ein packendes Konzert hat (für mich) immer auch etwas Erotisches - ganz egal, wie hübsch oder hässlich, wie jung oder alt der Interpret ist.
Grüße
Sabine
Achim (09.03.2007, 20:34): Liebe Sabine,
da hast Du mich gleich auf dem falschen Fuss erwischt. Einmal "schief" formuliert, schon geplatzt :).
Ich meinte mit "Ausstrahlung" die mediale Verwertbarkeit (wirtschaftlich) des Künstlers - also die reine Optik.
Deiner Interpretation von Ausstrahlung stimme ich gerne zu.
satie (09.03.2007, 21:14): Man darf auch nicht vergessen, dass Klassik für viele Menschen nur sehr bedingt überhaupt mit der Musik zu tun hat, sondern vielmehr einfach etwas "Exklusives" ist. Und bei den Konzerten ist das Sehen und Gesehen-Werden vielleicht wichtiger als alles andere. Wenn es nur um die Musik ginge, würden sich wohl auch nicht heute noch gewisse Leute darüber aufregen, dass "junge Leute" in Jeans ins Konzert kommen (schließlich sollten wir das seit den 70ern doch reflektiert haben). Ein schönes Beispiel dafür ist meine Cousine, die ohnehin schon immer nur aus Fassade bestand. Sie hat aus reinen Renommee-Gründen einen Posten in der Robert-Schumann-Gesellschaft inne, auch wenn sie wahrscheinlich die Waldszenen nicht von Woodstock unterscheiden kann und bei jeder Symphonie, der sie beiwohnen muss statt hinzuhören lieber prüft, wer sich da alles im Publikum tummelt. Sie hat dann einen entsprechenden Bekanntenkreis aufgebaut, in dem sich die mittlerweile verstorbenen Herzog und Herzogin von Sachsen-Coburg befanden, aber auch so zweifelhafte Leute wie Justus Frantz. Mit denen trinkt man dann zum Frühstück schon Champagner und fühlt sich ungemein gebildet und erhaben. So verwundert es auch nicht, wenn man auf der Bühne eben die schlanken Beine, den edlen Frack, das sexy Kleid mit dem tiefen Ausschnitt, den blenden Glanz des schwarzen Flügellacks und weiss nicht was alles wahrnimmt, bloss nicht die Musik. Eine Netrebko singt nicht besonders, aber sie kann so schön auf den Sony-Plakaten posieren. Andererseits hat sich aber auch ein Gidon Kremer, der nun wahrhaft kein Adonis ist (und früher schon gar nicht war) durchgesetzt. Ich wage zu behaupten, dass ein Kenner diesem Blendwerk nicht auf den Leim geht, sondern doch eher an der Musik interessiert ist. Und ein hervorragender Musiker wird immer genug Ausstrahlung haben, um alle Schönlinge in den Schatten zu stellen. Sollten die Musiker ohnehin gut aussehen, naja, das kann man ihnen ja auch nicht verübeln. Ich erinnere mich an einen hervorragenden französischen Film, dessen Titel mir leider entfallen ist. Es geht um einen ziemlich ausgebrannten Pianisten, der eine Professur hat und auch viele Konzerte, aber halt einfach nicht mehr will. In einer besonders schönen Szene sieht man, wie er seine Klasse unterrichtet. Jeder Student muss das "Italienische Konzert" von Bach spielen. Der erste Student spielt ein paar Takte, der Lehrer winkt ab und sagt: "Der nächste." Aber bei jedem Studenten dasselbe: nach wenigen Sekunden wird abgebrochen und der nächste verlangt. Dann kommt eine Studentin dran. Sie wird nicht unterbrochen, darf alles durchspielen. Während sie spielt sagt der Professor zu dem Studenten neben ihm: "Sehen Sie? Es klingt überhaupt nicht besser. Aber es sieht sehr viel besser aus!"
S A T I E
cellodil (10.03.2007, 08:55): Original von Achim Liebe Sabine,
da hast Du mich gleich auf dem falschen Fuss erwischt. Einmal "schief" formuliert, schon geplatzt :).
Ich meinte mit "Ausstrahlung" die mediale Verwertbarkeit (wirtschaftlich) des Künstlers - also die reine Optik.
Deiner Interpretation von Ausstrahlung stimme ich gerne zu.
Lieber Achim,
geplatzt? Au weia, das wollte ich aber nicht. Und ich wollte Dich auch mit meiner Nachfrage nicht erschrecken.... Und "schiefe Formulierungen" und Fehlinterpretationen lassen sich ja nicht wirklich vermeiden, wenn man miteinander kommuniziert. Das gehört einfach dazu.
Herzliche Grüße und weiterhin viel Spaß :hello
Sabine
LazarusLong (12.03.2007, 12:18): Hier kann ich mit einem ganz deutlichen und entschiedenen "es kommt ganz darauf an" antworten. Kaufe ich mir eine Opern DVD, so will ich Die Caballe nicht unbedingt als Julia oder als Figaros Susanna sehen. Auch ein Thomas Quasthoff als Don Giovanni ist für mich nicht unbedingt optisch nachvollziehbar. Will ich mich aber nur auf die Musik konzentrieren, sprich ich hole mir die eine oder andere CD, so interessiert mich das Aussehen des Künstlers nicht im geringsten. Da kann dann eine Mischung aus Quasimodo und Darth Vader am Klavier sitzen und das Krümelmonster begleiten, wenn die musikalische Qualität stimmt, dann wird mir die CD auch gefallen, egal wie der Künstler aussieht. Entspricht die musikalische Qualität nicht meinen Ansprüchen, dann wird auch eine Netrebko in Strapsen auf dem Cover (oder ein Villzon in der Badehose) meine Meinung nicht ändern. Um es klarzustellen: Ich habe einen Riesenrespekt vor Thomas Quasthoff, der für mich ein hervorragender Sänger ist (Dessen Ausflug ins Jazz-Genre Material für hervorragende Klingeltöne liefert - Zitat Klassikakzente Newsletter), den ich aber auf Grundd seiner Behinderung nicht voll als zB Don Giovanni akzeptieren könnte, in einer Aufführung, die ich mir nicht nur anhören, sondern auch ansehen will.
In der Hoffnung nicht missverstanden zu werden
Frank
cellodil (12.03.2007, 16:32): Original von LazarusLong Will ich mich aber nur auf die Musik konzentrieren, sprich ich hole mir die eine oder andere CD, so interessiert mich das Aussehen des Künstlers nicht im geringsten. Da kann dann eine Mischung aus Quasimodo und Darth Vader am Klavier sitzen und das Krümelmonster begleiten, wenn die musikalische Qualität stimmt, dann wird mir die CD auch gefallen, egal wie der Künstler aussieht. Entspricht die musikalische Qualität nicht meinen Ansprüchen, dann wird auch eine Netrebko in Strapsen auf dem Cover (oder ein Villzon in der Badehose) meine Meinung nicht ändern.
Lieber Frank,
da hast Du mir doch ein herzhaftes Lachen in meinem sumpfigen Arbeitstag geschickt. Danke!
Herzliche Grüße
Sabine
LazarusLong (13.03.2007, 08:31): @ Sabine: Es war ein Versuch nach der Münchhausenmethode, mich selbst aus einem Tief zu holen, nachdem ich gestern 2 Mitarbeiter fristlos entlassen musste.(Alkohol am Arbeitsplatz und damit verbunden Gefährdung der restlichen Belegschaft). Beimir hat es nicht ganz geklappt, aber ich freue mich, daß ich Dich zum Lachen bringen konnte.
Frank
cellodil (13.03.2007, 15:08): Lieber Frank,
da war wohl der Zopf ein bisschen zu kurz. Soll ich Dir ein paar Extensions machen (die beiden Fifis hast Du ja auch noch nicht vorbeigebracht). Über die Farbe können wir uns dann ja noch unterhalten und Minipli wäre ja vielleicht auch eine attraktive Sache...
Herzliche Grüße
Sabine
P.S. Habe gerade im "Was höre ich..."-Thread gelesen, was bei Dir gerade so los ist. Ziemlich heftig. Ich glaube, Du kannst gar keine andere Entscheidung treffen, aber ich sehe auch, dass das belastend ist. Und dann noch die Vision, was hätte passieren können... Immerhin ist es ja in dieser Hinsicht noch einmal gut gegangen. Wünsche Dir alles, alles Gute und die nötige Kraft (manchmal kommen auch Widderchen an ihre Grenzen, das weiß ich aus eigener Erfahrung - auch , wenn ich das natürlich nicht gerne zugebe....)
Jeremias (13.03.2007, 17:58): Ich glaube Dir, dass das recht schwer war, so eine Entscheidung zu treffen! Wir machen u.a. auch Arbeitsrecht und vertreten auch einige große Firmen im Umkreis. Es tut uns selber um jeden leid, der entlassen wird. Aber manchmal geht es nicht anders. U.a. vertreten wir ein großes Busunternehmen. ein fahrer ist neulich alkoholisiert im Schulbus angetroffen worden. Da gab es leider auch nur eine einzige Konsequenz
?(
LazarusLong (14.03.2007, 08:39): Nochmals wie bereits an anderer Stelle Danke an euch alle für die moralische Unterstützung. :thanks Hat wirklich gutgetan. Dies ist einer der Gründe, warum ich dieses Forum mag, klein aber fein und nicht so unpersönlich wie manch andere. :beer
Frank
Gamaheh (13.01.2010, 23:00): Dieses Thema ist auch von kommerzieller Seite entdeckt worden, s. hier.
Grüße, Gamaheh
Severina (13.01.2010, 23:56): Ich würde die eingangs gestellte Frage mit Ja beantworten und bin immer ziemlich skeptisch, wenn mich jemand vom Gegenteil überzeugen will. Das Auge völlig auszublenden bei einem Opernabend gelingt ebenso wenig wie es eine absolut objektive Beuerteilung einer künstlerischen Leistung gibt. Persönliche Vorlieben spielen wohl immer eine Rolle, wichtig ist nur, dass man sich dessen bewusst ist und daher sein Urteil immer wieder einer Art Selbstkontrolle unterwirft. Ich weiß z.B. von mir, dass ich einem Sänger, der toll spielt und auch optisch halbwegs glaubhaft rüberkommt, eine schwächere Tagesform eher verzeihe als einem drögen Kloß, der an der Rampe klebt und halt irgendwie die Partitur exekutiert. Aber es geht um die Tagesform, nicht um das Potential eines Sängers an sich, denn wenn mir das Timbre nicht gefällt, sich immer wieder technische Probleme bemerkbar machen, kann das ein gefälliges Äußeres nicht wettmachen. Erwin Schrott z.B. ist optisch ein Don Giovanni wie aus dem Bilderbuch, wenn aber die Mittellage fahl klingt und jede Höhe nur mit hörbarer Mühe gerade noch so herausgepresst wird, nützen mir seine schönen schwarzen Locken und sein Waschbrettbauch wenig und ich ziehe jeden anderen Sänger in dieser Partie vor, egal wie sehr um die Hüften schwabbelt. Ich glaube daher nicht, dass ein Sänger nur aufgrund seiner körperlichen Vorzüge Karriere macht, aber ein Nachteil ist es bestimmt nicht. Eine Rolle spielen sie sicherlich, wenn es um einen DVD-Vertrag geht, denn da kaufen die meisten (Auch ich bekenne mich schuldig :S) auch die Optik mit. In letzter Zeit beobachte ich aber speziell unter den Opernfans ein gegenläufiges Phänomen, dass nämlich einem gut aussehenden Sänger mit einem gewissen Misstrauen begegnet wird und man ihm von vornherein unterstellt, er hätte nur aufgrund seines blendenden Aussehens Karriere gemacht. Jonas Kaufmann geht es momentan ein bisschen so, obwohl das ziemlich absurd ist, denn der singt schon 10 Jahre auf höchstem Niveau, 8 davon unbemerkt von der Plattenindustrie, die ihn plötzlich als neuen shooting-star präsentiert, so als wäre er plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, während er unter Insidern schon lange davor hoch gehandelt wurde. Wenn der Hype um ihn nun in erster Linie seinem guten Aussehen zugerschrieben wird, ist das ziemlich unfair einem wirklich ausgezeichneten KÜnstler gegenüber, dem ich es von Herzen gönne, dass er nach vielen mageren Jahren nun auch am großen Kuchen mitnaschen darf. Das Phänomen Anna Netrebko ist ein eigenes Kapitel, das man auch nicht mit Schwarz oder Weiß malen darf. lg Severina :hello