Das gehet meiner Seele nah - Bachs Matthäuspassion
Carola (26.03.2006, 14:09): "Das gehet meiner Seele nah" - so kommentiert und beklagt die Altistin dieses ergreifenden Werks die Folterung und Kreuzigung Jesu.
Die Matthäuspassion von J.S. Bach, BWV 244 setzt den durch "Picander" bearbeiteten und ergänzten Passionstext des Matthäusevangeliums (Kapitel 26 und 27) in ein ergreifendes Drama von Liebe, Angst, Verrat, Schuld und Sühne um. Mit verteilten Rollen, im Wechsel von solistisch-erzählendem Rezitativ, direkten Dialogen, kommentierenden ariosen Einschüben und erbaulichen Betrachtungen durch insgesamt 13 Choräle entfaltet sich das Passionsgeschehen.
Die Matthäuspassion hat zwei Teile, dei sich wiederum in verschiedene Szenen aufteilen. Teil I umfasst das Geschehen vom Abendmahl an bis zur Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane, im zweiten Teil geht es dann mit dem Verhör vor Pilatus über die Kreuzigung bis zur Bestattung weiter.
Eine Besonderheit des Werks ist seine Doppelchörigkeit. Es gibt zwei Chöre, zwei Orchester, ja sogar zwei Conitinuogruppen, die sich gegenseitig anfeuern, ins Wort fallen, widersprechen, plötzlich einig sind -je nachdem. Ein "Kunstgriff" Bachs, der die dramatische Intensität der Geschichte auch musikalisch auf geniale Weise umsetzt.
Das Werk wurde - nach neueren Erkenntnissen - an Karfreitag, dem 11. April 1727 (und nicht 1729, wie lange angenommen) in Leipzig uraufgeführt, geriet aber bald in Vergessenheit. Seine "Auferstehung" erlebte es dann über 100 Jahre später durch eine von Felix Mendelssohn initiierte und geleitete Aufführung, die zu einem durchschlagenden Erfolg wurde.
Ich selber kann dieses Werk nicht anhören, ohne von seiner Wirkung tief ergriffen zu werden. Besonders die Altarie "Erbarme dich" und das von beiden Chören vorgetragene "Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen" gehen mir durch Mark und Bein.
Wie geht Euch mit diesem Werk? Welche Aufnahmen besitzt Ihr? Welche Passagen berühren Euch besonders? Gibt es auch Stellen, mit denen Ihr nicht so viel anfangen könnt?
Und weiter: Ist das ein Werk,das Ihr Euch häufig anhört oder ist es dafür zu wuchtig, zu intensiv, vielleicht gar zu niederschmetternd und daher nur etwas für die Passionszeit, insbesondere den Karfreitag?
fragt Carola :)
P.S. Das Bild zeigt übrigens die zur Zeit bei 2001 für einen Spottpreis von 6,50 € zu habende Studienpartitur der Matthäuspassion
Rolf Scheiwiller (26.03.2006, 16:36): Liebe Carola. Bachs Passionen sind Nektar für die Seele. Leider habe ich noch nie eine LIVE-Aufführung erleben können. Darum so froh, dass es gute Einspielungen auf dem Markt gibt. Lieblingsstellen aus der Matth. Passion gibt es zuhauf. Ich denke, ausser die du du schon erwähntest, an die Arie Sehet Jesus hat die Hand... oder Am Abend da es kühle ward.... Und an den milden Schlusschor Wir setzen uns mit Tränen nieder...
Ich habe Aufnahmen mit Gardiner, Die Klemperer Einspielung, 2xHereweghe,Gönnenwein, die neuere Harnoncourt,Münchinger und Rilling. Und natürlich Karl Richter nicht zu vergessen.
Gruss. Rolf.
josquin (26.03.2006, 16:59): Hallo Carola, ich besitze noch zwei Aufnahmen der Passion. Die erste von Herreweghe und die jüngste unter Paul McCreesh. Ergreifende Stellen gibt es sehr viele. Mich als Mann kannst Du ganz banal beim Schlußchor Heulen sehen :I Die Musik ist mir aber wichtiger als der Inhalt :ignore
Die musikdramatisch dichtere Johannespassion berührt mich dennoch auch inhaltlich, weil ich sie jedes Jahr zu Ostern in einer kongenialen Fernsehadaption mit der Aufnahme Richters erlebe. Der Regisseur zeichnet auch für viele Karajanfilme verantwortlich. :down
Schönen Sonntag Norbert
Carola (26.03.2006, 18:39): Original von josquin
Ergreifende Stellen gibt es sehr viele. Mich als Mann kannst Du ganz banal beim Schlußchor Heulen sehen :I
Norbert
Ja, bei solcher Musik können einem schon mal die Tränen kommen, dafür braucht sich sicher niemand zu schämen.
Ich besitze zwei neuere Aufnahmen der Matthäuspassion, die ich beide sehr schätze.
Das ist einmal die unter Leitung von Harnoncourt, Concentus Musicus Wien und dem Arnold Schönberg Chor aus dem Jahr 2001
Dann ist letztes Jahr bei Naxos eine Aufnahme mit Müller-Brühl, dem Kölner Kammerorchester und Dresdner Kammerchor erschienen, die etwas fülliger im Klang ist als die von Harnoncourt, dafür aber vielleicht nicht ganz so zwingend intensiv. Im Tempo sind beide Aufnahmen allerdings genau richtig für meinen Geschmack, weder im rasenden Eilschritt noch allzu behäbig.
Die Solisten sind in beiden Aufnahmen nach meiner Meinung hervorragend, wenn auch von unterschiedlichem Bekanntheitsgrad, der Tenor Markus Schäfer singt sogar in beiden Aufnahmen mit.
Nicht mehr gut hören kann ich dagegen meine frühere Aufnahme mit Enoch zu Guttenberg, die mir erstens inzwischen zu langsam ist und zweitens teilweise zähflüssig wie Sirup erscheint.
Besonderheit: Die Chöre sind solistisch besetzt, d.h. die Solisten singen auch die Chöre. Sehr anders, sehr ergreifend! :down
Gruß Norbert
Karsten (26.03.2006, 19:38): Und wer ist Paul McCreesh? Muss man den kennen?
Wenn man die Vokalwerke Bachs bislang nur mit großer Besetzung oder bestenfalls mit verkleinerter historisch informierter Besetzung kennt, erscheint die Aufnahme McCreeshs, jedenfalls ging es mir so, wie eine Offenbarung. Empfehlenswert ist übrigens auch die solistisch besetzte Aufführung der h-moll-Messe unter Rifkin.
Carola (26.03.2006, 21:03): In einem bei Reclam erschienenen kleinen Bändchen "Über Bach" gibt es einen interessanten Text von Eduard Devrient, in dem er die Vorgänge um die erstmalige Wiederaufführung des Werks 1829 in der Berliner Singakademie unter Felix Mendelssohn beschreibt. Devrient hat bei dieser Aufführung den Jesus gesungen.
Devrient schreibt: ... "Die Singakademie leistete mit diesen Chören das Trefflichste, was sie je vermocht, und wer den Stimmenklang dieser 3 bis 400 hochgebildeten Dilettanten gehört, wer es erfahren hat, zu welch wirklich andächtigem Eifer bedeutende Musik sie hinreißen konnte, der wird begreifen, daß hier unter vollendeter Führung das Vollendete geleistet wurde"... (Seite 105).
Und auch unter dem Gesichtspunkt der Werktreue könnten einem bei folgenden Sätzen Devrients schon mal die Haare zu Berge stehen:
"Es konnte nicht darauf ankommen, das Werk, das doch auch durch den Geschmack seiner Zeit vielfach beeinflußt war, in seiner Vollständigkeit vorzuführen, sondern den Eindruck seiner Vorzüglichkeit zusammenzuhalten. Die Mehrzahl der Arien mußten weggelassen, von anderen konnten nur die Einleitungen, die sogenannten Accompagnements, erhalten werden; auch vom Evangelium mußte fortbleiben, was nicht zur Passionserzählung gehörte." (Seite 101)
Und weiter heißt es auf Seite 103: "Mit welcher Geschicklichkeit, Energie, Ausdauer und kluger Berechnung seiner Mittel er das antiquierte Werk wieder modern, anschaulich und lebendig gemacht hat, das muß man miterlebt haben." ...
Das soll kein Argument gegen die historische Aufführungspraxis sein sondern nur verdeutlichen, wie sehr sich inzwischen die (musikalischen) Sitten verändert haben.
Mit Gruß von Carola :)
ab (30.05.2006, 23:09): Original von Rolf Scheiwiller
Ich habe Aufnahmen mit Gardiner, Die Klemperer Einspielung, 2xHereweghe,Gönnenwein, die neuere Harnoncourt,Münchinger und Rilling. Und natürlich Karl Richter nicht zu vergessen.
Wenn Du nur eine mit auf die Insel nehmen dürftest, für welche würdest Du Dich entscheiden, und warum?
ab (30.05.2006, 23:10): Original von josquin
Besonderheit: Die Chöre sind solistisch besetzt, d.h. die Solisten singen auch die Chöre. Sehr anders, sehr ergreifend! :down
Sind da nicht die Tempi besonders rasch - wirkt das nicht gelegentlich gehetzt? Wie ist es mit dem Deutsch der englischen Solisten?
Mime (31.05.2006, 16:39): Muß man DEN kennen? :D
ab (31.05.2006, 16:44): Original von Mime Muß man DEN kennen? :D
Nein, natürlich nicht, nur nimmt er auch als Pianist bei einem namhaften Label auf - und manchen macht ja das Raten Spaß.
Carola (26.03.2006, 14:09): "Das gehet meiner Seele nah" - so kommentiert und beklagt die Altistin dieses ergreifenden Werks die Folterung und Kreuzigung Jesu.
Die Matthäuspassion von J.S. Bach, BWV 244 setzt den durch "Picander" bearbeiteten und ergänzten Passionstext des Matthäusevangeliums (Kapitel 26 und 27) in ein ergreifendes Drama von Liebe, Angst, Verrat, Schuld und Sühne um. Mit verteilten Rollen, im Wechsel von solistisch-erzählendem Rezitativ, direkten Dialogen, kommentierenden ariosen Einschüben und erbaulichen Betrachtungen durch insgesamt 13 Choräle entfaltet sich das Passionsgeschehen.
Die Matthäuspassion hat zwei Teile, dei sich wiederum in verschiedene Szenen aufteilen. Teil I umfasst das Geschehen vom Abendmahl an bis zur Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane, im zweiten Teil geht es dann mit dem Verhör vor Pilatus über die Kreuzigung bis zur Bestattung weiter.
Eine Besonderheit des Werks ist seine Doppelchörigkeit. Es gibt zwei Chöre, zwei Orchester, ja sogar zwei Conitinuogruppen, die sich gegenseitig anfeuern, ins Wort fallen, widersprechen, plötzlich einig sind -je nachdem. Ein "Kunstgriff" Bachs, der die dramatische Intensität der Geschichte auch musikalisch auf geniale Weise umsetzt.
Das Werk wurde - nach neueren Erkenntnissen - an Karfreitag, dem 11. April 1727 (und nicht 1729, wie lange angenommen) in Leipzig uraufgeführt, geriet aber bald in Vergessenheit. Seine "Auferstehung" erlebte es dann über 100 Jahre später durch eine von Felix Mendelssohn initiierte und geleitete Aufführung, die zu einem durchschlagenden Erfolg wurde.
Ich selber kann dieses Werk nicht anhören, ohne von seiner Wirkung tief ergriffen zu werden. Besonders die Altarie "Erbarme dich" und das von beiden Chören vorgetragene "Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen" gehen mir durch Mark und Bein.
Wie geht Euch mit diesem Werk? Welche Aufnahmen besitzt Ihr? Welche Passagen berühren Euch besonders? Gibt es auch Stellen, mit denen Ihr nicht so viel anfangen könnt?
Und weiter: Ist das ein Werk,das Ihr Euch häufig anhört oder ist es dafür zu wuchtig, zu intensiv, vielleicht gar zu niederschmetternd und daher nur etwas für die Passionszeit, insbesondere den Karfreitag?
fragt Carola :)
P.S. Das Bild zeigt übrigens die zur Zeit bei 2001 für einen Spottpreis von 6,50 € zu habende Studienpartitur der Matthäuspassion
Rolf Scheiwiller (26.03.2006, 16:36): Liebe Carola. Bachs Passionen sind Nektar für die Seele. Leider habe ich noch nie eine LIVE-Aufführung erleben können. Darum so froh, dass es gute Einspielungen auf dem Markt gibt. Lieblingsstellen aus der Matth. Passion gibt es zuhauf. Ich denke, ausser die du du schon erwähntest, an die Arie Sehet Jesus hat die Hand... oder Am Abend da es kühle ward.... Und an den milden Schlusschor Wir setzen uns mit Tränen nieder...
Ich habe Aufnahmen mit Gardiner, Die Klemperer Einspielung, 2xHereweghe,Gönnenwein, die neuere Harnoncourt,Münchinger und Rilling. Und natürlich Karl Richter nicht zu vergessen.
Gruss. Rolf.
josquin (26.03.2006, 16:59): Hallo Carola, ich besitze noch zwei Aufnahmen der Passion. Die erste von Herreweghe und die jüngste unter Paul McCreesh. Ergreifende Stellen gibt es sehr viele. Mich als Mann kannst Du ganz banal beim Schlußchor Heulen sehen :I Die Musik ist mir aber wichtiger als der Inhalt :ignore
Die musikdramatisch dichtere Johannespassion berührt mich dennoch auch inhaltlich, weil ich sie jedes Jahr zu Ostern in einer kongenialen Fernsehadaption mit der Aufnahme Richters erlebe. Der Regisseur zeichnet auch für viele Karajanfilme verantwortlich. :down
Schönen Sonntag Norbert
Carola (26.03.2006, 18:39): Original von josquin
Ergreifende Stellen gibt es sehr viele. Mich als Mann kannst Du ganz banal beim Schlußchor Heulen sehen :I
Norbert
Ja, bei solcher Musik können einem schon mal die Tränen kommen, dafür braucht sich sicher niemand zu schämen.
Ich besitze zwei neuere Aufnahmen der Matthäuspassion, die ich beide sehr schätze.
Das ist einmal die unter Leitung von Harnoncourt, Concentus Musicus Wien und dem Arnold Schönberg Chor aus dem Jahr 2001
Dann ist letztes Jahr bei Naxos eine Aufnahme mit Müller-Brühl, dem Kölner Kammerorchester und Dresdner Kammerchor erschienen, die etwas fülliger im Klang ist als die von Harnoncourt, dafür aber vielleicht nicht ganz so zwingend intensiv. Im Tempo sind beide Aufnahmen allerdings genau richtig für meinen Geschmack, weder im rasenden Eilschritt noch allzu behäbig.
Die Solisten sind in beiden Aufnahmen nach meiner Meinung hervorragend, wenn auch von unterschiedlichem Bekanntheitsgrad, der Tenor Markus Schäfer singt sogar in beiden Aufnahmen mit.
Nicht mehr gut hören kann ich dagegen meine frühere Aufnahme mit Enoch zu Guttenberg, die mir erstens inzwischen zu langsam ist und zweitens teilweise zähflüssig wie Sirup erscheint.
Besonderheit: Die Chöre sind solistisch besetzt, d.h. die Solisten singen auch die Chöre. Sehr anders, sehr ergreifend! :down
Gruß Norbert
Karsten (26.03.2006, 19:38): Und wer ist Paul McCreesh? Muss man den kennen?
Wenn man die Vokalwerke Bachs bislang nur mit großer Besetzung oder bestenfalls mit verkleinerter historisch informierter Besetzung kennt, erscheint die Aufnahme McCreeshs, jedenfalls ging es mir so, wie eine Offenbarung. Empfehlenswert ist übrigens auch die solistisch besetzte Aufführung der h-moll-Messe unter Rifkin.
Carola (26.03.2006, 21:03): In einem bei Reclam erschienenen kleinen Bändchen "Über Bach" gibt es einen interessanten Text von Eduard Devrient, in dem er die Vorgänge um die erstmalige Wiederaufführung des Werks 1829 in der Berliner Singakademie unter Felix Mendelssohn beschreibt. Devrient hat bei dieser Aufführung den Jesus gesungen.
Devrient schreibt: ... "Die Singakademie leistete mit diesen Chören das Trefflichste, was sie je vermocht, und wer den Stimmenklang dieser 3 bis 400 hochgebildeten Dilettanten gehört, wer es erfahren hat, zu welch wirklich andächtigem Eifer bedeutende Musik sie hinreißen konnte, der wird begreifen, daß hier unter vollendeter Führung das Vollendete geleistet wurde"... (Seite 105).
Und auch unter dem Gesichtspunkt der Werktreue könnten einem bei folgenden Sätzen Devrients schon mal die Haare zu Berge stehen:
"Es konnte nicht darauf ankommen, das Werk, das doch auch durch den Geschmack seiner Zeit vielfach beeinflußt war, in seiner Vollständigkeit vorzuführen, sondern den Eindruck seiner Vorzüglichkeit zusammenzuhalten. Die Mehrzahl der Arien mußten weggelassen, von anderen konnten nur die Einleitungen, die sogenannten Accompagnements, erhalten werden; auch vom Evangelium mußte fortbleiben, was nicht zur Passionserzählung gehörte." (Seite 101)
Und weiter heißt es auf Seite 103: "Mit welcher Geschicklichkeit, Energie, Ausdauer und kluger Berechnung seiner Mittel er das antiquierte Werk wieder modern, anschaulich und lebendig gemacht hat, das muß man miterlebt haben." ...
Das soll kein Argument gegen die historische Aufführungspraxis sein sondern nur verdeutlichen, wie sehr sich inzwischen die (musikalischen) Sitten verändert haben.
Mit Gruß von Carola :)
ab (30.05.2006, 23:09): Original von Rolf Scheiwiller
Ich habe Aufnahmen mit Gardiner, Die Klemperer Einspielung, 2xHereweghe,Gönnenwein, die neuere Harnoncourt,Münchinger und Rilling. Und natürlich Karl Richter nicht zu vergessen.
Wenn Du nur eine mit auf die Insel nehmen dürftest, für welche würdest Du Dich entscheiden, und warum?
ab (30.05.2006, 23:10): Original von josquin
Besonderheit: Die Chöre sind solistisch besetzt, d.h. die Solisten singen auch die Chöre. Sehr anders, sehr ergreifend! :down
Sind da nicht die Tempi besonders rasch - wirkt das nicht gelegentlich gehetzt? Wie ist es mit dem Deutsch der englischen Solisten?
ab (31.05.2006, 16:44): Original von Mime Muß man DEN kennen? :D
Nein, natürlich nicht, nur nimmt er auch als Pianist bei einem namhaften Label auf - und manchen macht ja das Raten Spaß.
Heike (02.04.2009, 07:57): Aus Anlass des bevorstehenden Osterfestes hole ich den Thread mal wieder hoch, um meine geliebte Matthäuspassion ins Gedächtnis zu bringen - sie gehört für mich zu Ostern wie das Weihnachtsoratorium zu Weihnachten.
in diesem Zusammenhang auf DRadioKultur: Interpretationen, 5.4.2009; 15 Uhr
"Modern, anschaulich und lebendig" - Mendelssohn interpretiert Bachs Matthäuspassion Gast: Christoph Spering Moderation: Mascha Drost
Am Karfreitag werde ich mir das Werk im Berliner Konzerthaus anhören, diesmal mit: Orchestra of the Age of Enlightenment (ohne Chor, sondern mit einem achtstimmigen Solistenensemble): Mark Padmore Leitung und Evangelist Amy Freston Sopran Laura Mitchell Sopran Christiane Stotijn Mezzosopran Iris Julien Alt Robert Murray Tenor Charles Gibbs Bass Roderick Williams Bass (Christus)
Da ganze wird laut der Konzerthaus-Webseite übrigens "Präsentiert von KAISER'S" - das ist auch das erste Mal, dass ich die als Konzertsponsor erlebe ;-) Heike
Poztupimi (05.04.2009, 18:57): Original von Hebre
Am Karfreitag werde ich mir das Werk im Berliner Konzerthaus anhören, diesmal mit: Orchestra of the Age of Enlightenment (ohne Chor, sondern mit einem achtstimmigen Solistenensemble): Mark Padmore Leitung und Evangelist Amy Freston Sopran Laura Mitchell Sopran Christiane Stotijn Mezzosopran Iris Julien Alt Robert Murray Tenor Charles Gibbs Bass Roderick Williams Bass (Christus)
Da ganze wird laut der Konzerthaus-Webseite übrigens "Präsentiert von KAISER'S" - das ist auch das erste Mal, dass ich die als Konzertsponsor erlebe ;-) Heike
Liebe Heike,
wenn man wie ich die "philharmonischen" Interpretationen a la Richter, Klemperer, Solti, Karajan – oder wie bei mir gerade im CD-Spieler die Guttenberg-Aufnahme von 1991 – eher nicht mehr so gut erträgt, wird das sicher eine ganz tolle Sache. Ich schätze die oben gezeigte solistisch besetzte Aufnahme unter McCreesh mehr als fast alle anderen in meiner Sammlung, ich finde, das Werk gewinnt dadurch an Durchhörbarkeit und Präzision, ohne dabei durch die kleine Besetzung an Intensität zu verlieren und gewissermaßen "blutarm" zu wirken. Wie ich finde ein Urteil, daß auch hier im Forum immer mal wieder bei der Ablehnung HIPer Interpretation – sei es Bach oder auch Mozart – durchklingt (Gardiner, Pinnock, Hogwood ...) und was sich mir überhaupt nicht erschließt.
Ich wünsche Dir ein schönes Konzert, Wolfgang
kreisler (04.05.2009, 00:07): Ostern ist vorbei - und ich fange an mich für die Matthäus-Passion zu interessieren - Schuld dran ist mein Vater, der mich unheimlich neugierig gemacht hat, indem er gesagt hat, dass dieses große Werk für ihn immer "zum Wichtigsten überhaupt" gehört hat. Es muss schon unglaubliche Stellen drin geben, wenn alle so schwärmen! Und weil ich mich gerade in einer persönlichen "Bach-Renaissance" befinde, hab ich so das Gefühl, dass mir das Werk sehr ans Herz wachsen könnte. :)
Einziges Problem: Kein Tonträger vorhanden :ignore
Was macht man da?
Die Aufnahme die mein Vater früher hatte, also "Kara-Schmalz" :tongue: kaufen? Oder die hochgelobte alte Richter-Aufnahme, bei der ich das Gefühl hab gar nichts falsch machen zu können? Oder doch den hier so gelobten McCreesh?
In letzteren habe ich bereits reingehört, und sogar einer der das Werk noch nie gehört hat - so wie ich - hört, wie schnell die Tempi gewählt sind etc. (was ihr ja bereits oben erwähnt habt). Da ich ja "gewaltige" Bach Interpretationen gerne mag - ich weiß, gegen den Zeitgeist :J - weiß ich nicht ob das das richtige für mich ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass das schon sehr mitreißend war. Die Frage ist nur, ob mir nicht eher eine verinnerlichte, langsamere Deutung auf Dauer lieber ist.
Hierzu habe ich wiederum schon mehrere euphorische Kritiken gelesen, das hierin die frühere Richter - Aufnahme nicht mehr zu topen sei, und das das sowieso die beste Darstellung der Matthäus-Passion sei.
@daniel ich habe im "Was höre ich gerade - Thread gesehen, dass du die spätere Richter-Aufnahme besitzt. Ich habe schon mehrfach gehört, dass die frühere um einiges besser sein soll, aber vielleicht kannst du was zu "deiner" sagen? Würde mir wirklich sehr helfen...
Und last but not least reizt mich Karajan irgendwie auch. Ich weiß aber nicht genau warum, aber irgendwie kann ich mir das gut vorstellen...
Vielleicht kann jemand mir eindeutig eine von diesen Aufnahmen, oder eine ganz Andere, ganz besonders empfehlen?
Viele Grüße, Kreisler
Heike (04.05.2009, 08:14): Hallo Kreisler, Schuld dran ist mein Vater, der mich unheimlich neugierig gemacht hat, indem er gesagt hat, dass dieses große Werk für ihn immer "zum Wichtigsten überhaupt" gehört hat.
Grüße an deinen Vater, ich stimme ihm zu! Die Matthäus-Passion ist nicht nur ein kompositorisches Wunder, sie ist gleichzeitig so raffiniert aufgebaut und doch schon so romantisch geprägt, dass ich sie zu den perfektesten und zugleich modernsten Werken von Bach zähle.
Das Konzert mit McCreesh war phantastisch, ich habe darüber im "Gestern im Konzert" Thread berichtet. Ich liebe diese intimen, fast kammermusikalischen Interpretationen! Wenn man dagegen eine ältere Aufnahme hört, dann sind das Welten dazwischen und ich finde, man muss beide Versionen unbedingt mal gehört haben!
Ich will dir auch nochmal folgende Aufnahme vorstellen, die, so finde ich, vielleicht auch gut zu dieser Aussage von dir passen könnte: Da ich ja "gewaltige" Bach Interpretationen gerne mag - ich weiß, gegen den Zeitgeist - weiß ich nicht ob das das richtige für mich ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass das schon sehr mitreißend war. Die Frage ist nur, ob mir nicht eher eine verinnerlichte, langsamere Deutung auf Dauer lieber ist.
Das ist sehr sehr "verinnerlicht" und v.a. hinreißend gesungen, ein absolut grandioser Prey als Jesus und auch die anderen Sänger ohne Makel und durchaus wildromantisch ;-) (allen voran Fritz Wunderlich). Insgesamt ist die Aufnahme schon recht gewaltig durch die starken Knabenstimmen, aber durch das Kammerorchester doch nicht ganz so schmalzig. Vielleicht hörst du mal rein.
Heike
P.s. Noch eine Frage oben entdeckt, zu der ich was schreiben will: Das Deutsch der englischen Solisten war im Konzert so gut, dass man kaum merkte, dass es keine Muttersprachler waren.
kreisler (04.05.2009, 19:12): Liebe Heike,
Danke für den Tipp!
Fritz Wunderlich & Co., das klingt ja wirklich nicht schlecht, auch wenn ich von Münchinger noch nie etwas gehört habe. Aber das macht ja nichts, da werde ich mich wohl umsehen müssen!
Viele Grüße, Kreisler
Poztupimi (04.05.2009, 21:37): Lieber Kreisler,
ich habe vor vielen Jahren die Matthäus-Passion mitgesungen, und da man natürlich aus einer Mitglieder-starken "Musikgemeinde" niemanden ausschließen kann, mit einer relativ großen Besetzung. Das war natürlich ein tolles Erlebnis, aber inzwischen kann ich gerade auch beim Hören dieser Form der Darbietung kaum noch etwas abgewinnen. Daher bleiben die Aufnahmen im "alten Stil" weitgehend im Regal – außer wenn ich nochmal hören möchte, wie ich es nicht mehr haben möchte. Und aus eben diesem Grund habe ich vor einigen Wochen bei Dussmann mal fast eine Stunde in die Karjan-Aufnahme reingehört. Sehr treffend beschreibt das, was ich da gehört habe, aus meiner Sicht Martin Elste:
"... legte Herbert von Karajan 1972 quasi anachronistisch eine sehr geschmäcklerische, statuarische bis statische Interpretation der Matthäuspassion vor, die nicht zuletzt wegen tontechnischer Manipulationen gelegentlich arg gekünstelt ausgefallen ist. Stilistisch wird eine interessnte Alternative geboten, weil Karajan Elemente der romantischen Aufführungspraxis mit jenen der Neuen Sachlichkeit verknüpft." aus: Martin Elste (2000): Meilensteine der Bach-Interpretation 1750–2000. Eine Werkgeschichte im Wandel.– XIV+460 S.; Stuttgart (J.B. Metzler).
Die von Heike erwähnte Münchinger-Aufnahme besitze ich in dieser Ausgabe, ich habe sie vorhin mal eingelegt:
Ich bin ja ein Freund zügiger Tempi, da kann diese Aufnahme natürlich nicht mit dienen.
Ich finde sie nun gerade bei den Solistinnen/Solisten ziemlich uneinheitlich. Prey gefällt mir ausgesprochen gut, auch Wunderlich kann gefallen. Pears' Klang mag ich bei der Winterreise überhaupt nicht, hier ist es – für mich – nur wenig besser. Ameling finde ich – bei aller Schönheit der Stimme – doch etwas dick aufgetragen und Höffgen finde ich noch schlimmer. Aber das ist Geschmackssache, Elste schreibt:
"... konnte sich mit hervorragenden, charaktervollen Sängern schmücken, allen voran Peter Pears, der seiner Evangelisten-Partie die Dimension des Leidens gab."
Die Leistung des Chores finde ich ganz ansprechend, obwohl mir hier der gemischte Chorklang mit Frauenstimmen lieber ist.
Wenn Du also keinen Wert auf eine "moderne" Interpretation legst, sicher keine schlechte Wahl. Ich besitze noch die ältere Richter-Aufnahme in einer sehr schönen LP-Box sowie eine unter Schreier und eine weitere unter den Brüdern Mauersberger (beide ebenfalls auf LP), die habe ich aber seit so langer Zeit nicht mehr gehört, daß ich dazu nichts schreiben kann.
Man kann nun diese Art der Interpretation mögen – ich für meinen Teil ziehe "neuere" Aufnahmen eindeutig vor. Und wenn es denn eine nicht-solistisch besetzte sein soll, dann befindet sich unter meinen Aufnahmen aus meiner Sicht kein Ausfall (die Besetzung: Evangelist, Jesus, Sopran, Alt, Tenor, Baß (SATB jeweils Arien und Rezitative)):
Howard Crook, Ulrik Cold, Barbara Schlick, René Jacobs, Hans Peter Blochwitz, Peter Kooy / Choeur d'Enfants "In Dulci Jubilo", Collegium Vocale Gent, Chœur de la Chapelle Royale / Orchestre de la Chapelle Royale / Philippe Herreweghe (1985; aktuell wiederveröffentlich in anderer Aufnachung)
Anthony Rolfe Johnson, Andreas Schmidt, Barbara Bonney, Anne Sofie von Otter, Howard Crook, Andreas Schmidt / The London Oratory Junior Choir, The Monteverdi Choir / The English Baroque Soloists John Eliot Gardiner (1989)
Ian Bostridge, Franz-Josef Selig, Sibylla Rubens, Andreas Scholl, Werner Güra, Dietrich Henschel / Collegium Vocale Gent / Orchestre du Collegium Vocale Gent Philippe Herreweghe (1999)
Christoph Prégardien, Matthias Goerne, Christine Schäfer, Bernarda Fink, Michael Schade, Dietrich Henschel / Wiener Sängerknaben, Arnold Schoenberg Chor / Concentus musicus Wien Nikolaus Harnoncourt (2001)
Ich schätze sie alle vier sehr, mal die eine mehr, mal die andere. Aber am häufigsten höre ich seit Erscheinen natürlich:
Mark Padmore, Peter Harvey, Deborah York, Magdalena Kožená, Mark Padmore, Peter Harvey / Chor: die Genannten + Julia Gooding, Susan Bickley, James Gilchrist, Stephan Loges / Gabrieli Consort & Players Paul McCreesh (2003) Auch wenn ich nicht verstehen kann, weshalb Padmore immer vom "Lanpleger singt (ok, der mag ja eine Plage gewesen sein, so steht es aber nicht im Text), steht bei mir diese Aufnahme eindeutig vor allen anderen.
Vielleicht zum Schluß noch ein Auszug aus einer Zusammenstellung aus dem genannten Buch von Elste, nämlich einer Gegenüberstellung der Speildauer von Eingangschor und Schlußchor (ergänzt um jüngere Aufnahmen aus meiner Liste):
Wie man sieht, ist McCreesh nicht durchweg der Schnellste, aber für mein Empfinden ist keine der Aufnahmen nach Richter II gehetzt oder ihr fehlt das "Erhabene". Im Gegenteil läßt mich die Angabe zu Richter II fast erschauern, ich spüre wenig Neigung, sie mir anzuhören :ignore
Ich hoffe ich konnte ein wenig helfen, kann Dir aber nur empfehlen, Dir einfach mal ein paar Stunden Zeit zu nehmen und bei Beck in die verschiedenen Aufnahmen reizuhören (ich würde ganz sujektiv Herreweghe als Einstieg empfehlen, das ist weder in der einen noch der anderen Richtung extrem).
Grüße, Wolfgang
Amadé (04.05.2009, 21:42): Lieber Kreisler,
soeben ist die ergreifende Interpretation mit Fritz Lehmann auch preisgünstig zugänglich:
Solisten: Helmut Krebs, Tenor Dietrich-Fischer-Dieskau, Bariton Elisabeth Troetschel, Sopran Diana Eustrati, Alt u.a.
Lehmann war einer der wenigen Dirigenten nach dem Krieg, die eher dem Notentext, nicht der Tradition verpflichtet war. Ich schätze diese Aufnahme sehr und kann sie nur jedem empfehlen. Rundfunk-Aufnahme April 1949 Berlin.
Gruß Amadé
daniel5993 (04.05.2009, 23:21): Original von kreisler @daniel ich habe im "Was höre ich gerade - Thread gesehen, dass du die spätere Richter-Aufnahme besitzt. Ich habe schon mehrfach gehört, dass die frühere um einiges besser sein soll, aber vielleicht kannst du was zu "deiner" sagen? Würde mir wirklich sehr helfen...
Lieber kreisler,
Ich besitze 2 Aufnahme der Passion. Zum einen die spätere Aufnahme mit Karl Richter, für welche ich mich vor seiner ersten entschieden habe, aus dem Grund, dass ich bei diesem Werk ein Klangwunder brauche, nur so gehts bei mir direkt zum Herzen. Zum 2ten habe ich unter sämtlichen Aufnahmen das "Erbarme dich" herrausgefriemelt und verglichen. In Richters 2ten Einspielung find ichs mit am gelungensten, Janet Baker :I, man höre selbst! Da bin ich recht eigen, wenn diese Arie nicht aus tiefstem Herzen kommt, kommts um Beethoven zu zitieren auch nicht zurück zum Herzen, jedenfalls bei mir nicht. Mit der größte Grund meiner Entscheidung für diese Einspielung ist Karl Richter selbst. Dieser Dirigent spielt Bach weit entfernt von einer historischen Aufführungspraxis, langsam und soooooo beseelt, er verlängert die himmlischen Stellen um ein weiteres, dass einem die Tränen kommen können. So sehr ich mich auch schon angenähert habe an die historischen "Fiedler", sie können mir dieses Werk nicht so gewaltig gestalten, wie ichs gern hätt. Ob diese 2te Aufnahme Richters der ersten hinterherhängt kann ich nicht sagen, die kurzen Hörproben haben keinen Nachteil blicken lassen. Auch wenn große Namen nicht immer Sicherheiten geben, hier ists angepasst. Dietrich Fischer Dieskau, Janet Baker, Matti Salminen, Edith Mathis, Peter Schreier u.v.a. Ich liebe diese Aufnahme sehr und bereue nichts, wenn ich jedoch wieder zu einer Aufnahme greifen werde, dann zu einer in Form eines "Gardiner".
Die Passion mit Klemperer habe ich noch kaum erforscht, eher nebebei gehört. Dort gefiel mir auf Anhieb die ungeheure Dramatik, die Strenge der Chöre, gewaltig, keine Frage! Zu dieser Aufnahme werd ich wohl noch so manches schreiben. Das aber eher im "Was höre ich jetzt" Thread, da dort die Gedanken dazu so spontan niedergeschrieben werden können. Für mehr bleibt mir wohl nur selten Zeit.
Grüße Daniel :hello
kreisler (05.05.2009, 08:41): Erstmal vielen, vielen Dank euch, für die wirklich ausführlichen Antworten.
Aber ich glaube, ich mache es erstmal so wie Wolfgang mir geraten hat: Ich nehme mir - heut oder morgen - einfach mal ein paar Stunden Zeit um beim Beck in die verschiedenen Aufnahmen reinhöre, bevor ich hier irgendetwas schreibe, über das ich eigentlich noch recht wenig Ahnung habe
Noch mal Danke für die Anregungen (jetzt kann ich um einiges gezielter vorgehen:),
Kreisler
uhlmann (05.05.2009, 09:00): hmmm - bin ich der einzige hier, den bachs passionen der seele eigentlich recht wenig nah gehen?
natürlich bin ich mir über die qualität der musik im klaren, aber richtig zu herzen gehen sie mir nicht. trotz der teilweise wunderbaren musikalischen einfälle empfinde ich sie als viel zu lang. schon nach kurzer zeit langweilen sie mich, wenn ich nicht zumindest die rezitative vorspringe. eigentlich ein armutszeugnis... da höre ich lieber bachs kantaten, die sind "komprimierter".
Heike (16.03.2010, 19:12): Bald nun ist Osterzeit und flugs hole ich diesen Thread mal wieder ans Tageslicht. Welche Aufführungen der Matthäuspassion werdet ihr in diesem jahr hören oder gar mitsingen???
Bei mir ist es quasi schon eine Tradition, dass ich jedes Jahr eine der -zig Berliner Aufführungen besuche (wir sind ja da wahrlich verwöhnt mit großer Auswahl). Im Vergleich zum letzten Jahr habe ich nun diesmal den fast größtmöglichen Kontrast gebucht: 2009 mit dem schlanken "Orchestra of the Age of Enlightenment" (ohne Chor, sondern mit einem achtstimmigen großartigen Solistenensemble); 2010 nun mit Rattle und den dicken und fetten Philharmonikern, 2 großen Chören und jede Menge Starsolisten (Tilling, Kozena, Quasthof, Gerhaher und Lehtipuu)
Einen - vielleicht den wichtigsten? - habe ich aber bisher bewusst unterschlagen, und der hat sowohl 2009 als auch in diesem Jahr die Rolle des Evangelisten: Mark Padmore. Also doch was gemeinsames zwischen den 2 so unterschiedlichen Lesarten. Ich freue mich sehr auf ihn, denn im letzten Jahr fand ich ihn zum Niederknien großartig.
Wie mögt ihr die Passion lieber, mit Chören oder solistisch? Ich mag es eher schlank, habe mich aber dieses Jahr durch die grandiose Ansammlung von Meistersolisten zum Gegenteil verführen lassen, ich bin schon sehr gespannt, wie das wird. Heike
Armin70 (16.03.2010, 20:10): Hallo, dieses Jahr, d. h. in knapp 2 Wochen, werde ich mir Bachs Matthäus-Passion in der Alten Oper in Frankfurt ansehen bzw. anhören.
Es singen und spielen der Chor und das Orchester des Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe.
Zu den Gesangssolisten gehören:
Sopran: Dorothee Mields und Hana Blaszikova Altus: Damien Guillon und Robin Blaze Tenor: Colin Balzer und Hans-Jörg Mammel Bass: Mattew Brook Evangelist: Christoph Prégadien Christus: Simon Kirkbride
Ansonsten mag ich sowohl Interpretationen mit größer besetztem Chor und auf modernen Instrumenten spielendem Orchester (z. B. Rilling, 1994er Aufnahme) aber auch schlanker besetzte Ensembles und Originalinstrumente (z. B. Gardiner oder eben Herreweghe) oder solistisch besetzte Aufnahmen (McCreesh).
Rattles Interpretation der Matthäus-Passion werde ich mir in der DCH ansehen und anhören. Vor wenigen Jahren sah ich übrigens mal auf ARTE Rattle mit dem Rias-Kammerchor und Mitgliedern der Berliner Philharmoniker mit Bachs`Johannes-Passion u. a. mit Bostridge und Quasthoff.
Armin
Heike (28.03.2010, 11:48): Rattles Interpretation der Matthäus-Passion werde ich mir in der DCH ansehen und anhören.
Das könnte interessant werden, gestern im Berliner Tagesspiegel dazu: http://www.tagesspiegel.de/kultur/Peter-Sellars;art772,3067918
Zitat: ".... wird es in Sellars Version weder Lichtregie geben noch Bühnenbild und Kostüme. Sein Gestaltungsmittel ist der Blickkontakt zwischen denen, die musikalisch miteinander reden. Alle Beteiligten mussten die Partitur auswendig lernen, nicht nur die Solisten und Choristen, sondern auch die Orchestermusiker. So kann Sellars sie frei im Raum bewegen"
Ich freue mich sehr, dafür eine Karte bekommen zu haben, alle 3 Berliner Aufführungen sind ausverlauft.
Übrigens werde ich heute spontan nochmal eine andere Matthäuspassion ansehen, nach dem Ärger von gestern muss ich irgendwie raus heute Abend: Philharmonie Berlin: Karl-Forster-Chor Berlin, Opus Vocale.
Heike
Fairy Queen (28.03.2010, 12:32): Die Rattle Version mit Tilling, Kozena, Padmore, Lehtipuu, Gerhaher und Quasthoff läuft Karfreitag auf musique 3 im Radio. Freue mich shcon total und werde ganz Ohr sein. Austausch von Eindrücken herzlich willkommen. Die Herreweghe Version nimmt mir netterweise ein lieber Mensch auf und darauf freu ich mich auch shcon SEHR! Nach den enthusiastischen Kommentaren hier im Forum.....; :engel
F.Q.
Heike (28.03.2010, 12:47): Die Herreweghe Version nimmt mir netterweise ein lieber Mensch auf Da muss ich auch noch auf die Suche gehen nach so jemandem - die Kritiken waren ja wirklich überwältigend! Oder mir irgendwann doch einen DVD-Recorder kaufen :-( Heike
Armin70 (28.03.2010, 18:13): Original von Heike Das könnte interessant werden, gestern im Berliner Tagesspiegel dazu: http://www.tagesspiegel.de/kultur/Peter-Sellars;art772,3067918
Zitat: ".... wird es in Sellars Version weder Lichtregie geben noch Bühnenbild und Kostüme. Sein Gestaltungsmittel ist der Blickkontakt zwischen denen, die musikalisch miteinander reden. Alle Beteiligten mussten die Partitur auswendig lernen, nicht nur die Solisten und Choristen, sondern auch die Orchestermusiker. So kann Sellars sie frei im Raum bewegen"
Ich freue mich sehr, dafür eine Karte bekommen zu haben, alle 3 Berliner Aufführungen sind ausverlauft.
Übrigens werde ich heute spontan nochmal eine andere Matthäuspassion ansehen, nach dem Ärger von gestern muss ich irgendwie raus heute Abend: Philharmonie Berlin: Karl-Forster-Chor Berlin, Opus Vocale.
Heike
Das klingt in der Tat interessant was Rattle/Sellars da vorhaben. Bin mal gespannt, ob das in sich stimmig und überzeugend ist.
Übrigens, wer Interesse an der Herreweghe-Übertragung am Karfreitag hat, kann mir gerne eine PN senden, da ich diese auf DVD aufnehmen werde.
Gruß Armin
Heike (29.03.2010, 08:17): Hallo Fairy, Die Rattle Version mit Tilling, Kozena, Padmore, Lehtipuu, Gerhaher und Quasthoff läuft Karfreitag auf musique 3 im Radio. Freue mich shcon total und werde ganz Ohr sein. Die läuft auch zum ansehen in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker - live am 11.4. um 19 Uhr oder jederzeit später. Heike
Heike (29.03.2010, 21:54): Hier wird diese neue CD sehr gelobt:
Ich finde, das klingt sehr interessant! Heike
Armin70 (29.03.2010, 22:17): Original von Heike Hier wird diese neue CD sehr gelobt:
Ich finde, das klingt sehr interessant! Heike
Die Rezension klingt in der Tat vielversprechend. Aufgrund der solistischen Chorbesetzung wäre ein Vergleich mit der McCreesh-Aufnahme interessant.
nikolaus (30.03.2010, 18:47): Original von Heike
Bei mir ist es quasi schon eine Tradition, dass ich jedes Jahr eine der -zig Berliner Aufführungen besuche (wir sind ja da wahrlich verwöhnt mit großer Auswahl). Im Vergleich zum letzten Jahr habe ich nun diesmal den fast größtmöglichen Kontrast gebucht: 2009 mit dem schlanken "Orchestra of the Age of Enlightenment" (ohne Chor, sondern mit einem achtstimmigen großartigen Solistenensemble); 2010 nun mit Rattle und den dicken und fetten Philharmonikern, 2 großen Chören und jede Menge Starsolisten (Tilling, Kozena, Quasthof, Gerhaher und Lehtipuu)
Einen - vielleicht den wichtigsten? - habe ich aber bisher bewusst unterschlagen, und der hat sowohl 2009 als auch in diesem Jahr die Rolle des Evangelisten: Mark Padmore. Also doch was gemeinsames zwischen den 2 so unterschiedlichen Lesarten. Ich freue mich sehr auf ihn, denn im letzten Jahr fand ich ihn zum Niederknien großartig.
Die Matthäuspassion mit den Berlinern unter Rattle und "ritualisiert" durch Sellars ist in Salzburg bereits zu hören gewesen.
Wer Interesse hat, findet hier eine Kritik.
Nikolaus :hello
Armin70 (30.03.2010, 20:18): Hallo,
hier kann man eine Rezension nachlesen über die Aufführung von Bachs Matthäuspassion unter der Leitung von Philippe Herreweghe vom vergangenen Samstag aus der Alten Oper in Frankfurt.
Armin
Heike (30.03.2010, 23:28): Die Matthäuspassion mit den Berlinern unter Rattle und "ritualisiert" durch Sellars ist in Salzburg bereits zu hören gewesen. Wer Interesse hat, findet hier eine Kritik.
Uhhh das klingt aber wirklich grandios! Ich freu mich schon riesig auf Berlin. Das wird sicher ein schöner Kontrast zu Herreweghe und ganz anders! Heike
Armin70 (31.03.2010, 06:38): Im Internet habe ich noch eine überschwängliche Kritik über die Salzburger Aufführung der Bachschen Matthäuspassion in der "Ritualisierung" von Peter Sellars gefunden.
Hier kann man das nachlesen.
Heike (31.03.2010, 08:04): Danke Armin! Was mich gar nicht wundert:
Aber allen solistischen Besonderheiten zum Trotz, es ist der Berliner Rundfunkchor, dem an dieser Stelle der größte Respekt gezollt werden muss. Ich liebe diesen Chor schon immer und bin in vielen Jahren noch nie enttäuscht worden. Heike
P.s. vieleicht lohnt es sich ja für diejenigen, die die Digital Concert Hall der BPh schon immer mal ausprobieren wollten, dafür diese Übertragung zu wählen. Heike
Armin70 (31.03.2010, 14:29): Original von Heike P.s. vieleicht lohnt es sich ja für diejenigen, die die Digital Concert Hall der BPh schon immer mal ausprobieren wollten, dafür diese Übertragung zu wählen. Heike
Unbedingt. Aber ich empfehle, sich nicht ein Einzelticket für die direkte Live-Übertragung zu kaufen, weil das dauert dann i.d.R. 3 - 4 Tage, bis ein Livekonzert dann wieder im Konzertarchiv abrufbar ist und wenn man sich das betreffende Konzert noch mal anschauen möchte, so muss man wieder ein neues Ticket kaufen, weil das Ticket für das Livekonzert ist dann verfallen.
Wenn man wartet, bis das Konzert im Konzertarchiv ist und sich dann ein Ticket kauft, so kann man sich das Konzert dann 48 Stunden lang unbegrenzt oft anschauen.
Das würde sich gerade bei diesem Werk und der besonderen Art und Weise der Darbietung anbieten, weil man sich so bestimmte Details, die man z. B. besonders eindrucksvoll fand, noch mal genauer anschauen kann.
Fairy Queen (03.04.2010, 08:55): Guten Morgen, ich habe gestern im Radio die Rattle-Aufnahme aus Birmingham gehört- grossartig musiziert, keine frage, aber ich war trotzdem etwas enttäuscht. Es kam einfach nichts Emotionales rüber. Was bei einem solchen Werk doppelt katastrophal ist. Ausserdem haben mich die Solisen keinesfalls so begeistert, wie erwartet. Uneingeschränkt bejubeln kann ich nur Mark Padmore als Evangelisten. Camilla Tillings Timbre hat mir nciht sonderlch gefallen, Magdalena Kozena klang fast wie ein Countertenor, mein heissgeliebter Christian Gerhaher hat leider leider mehrfach unsauber gesungen, der finnische Tenor mit dem unaussprechlichen Namen war ziemlcih an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, was ich mehrmals auch deutlich hörte, Quasthoff war gut. Aber insgesqamt habe ich das emotionale Engagement nciht mitbekommen. Ob das am Medium liegtt oder an mir oder an der Aufführung weiss ich nicht. Chor und Orchester waren grossartig, die obligaten Solonstrumente eine wahre Freude. Wobei ich anfangs im Eingangschor etwas irritiert über das schnelle Tempo war. Ich bin nun serh gespannt auf die Herreweghe- Version, das hier war jedenfalls nciht meine "Jahrhundert-Passion". Vielleciht war die Erwartung auch einfach zu gross?
F.Q.
Armin70 (09.04.2010, 14:48): Als Vorgeschmack auf die Aufführung der Matthäuspassion am Sonntag, 11.04.2010 um 19 Uhr in der Berliner Philharmonie, die auch live in der DCH übertragen wird, kann man hier als Vorgeschmack einen Ausschnitt aus der Generalprobe sehen:
Generalprobe
Den Clip müsste man sich auch ohne vorherige Registrierung in der DCH anschauen können.
Heike (10.04.2010, 00:51): Berlin, Rattle Berliner Philharmoniker, 9.4.2010 Ich bin seit einer guten Stunde aus der Phiilharmonie zurück und werde jetzt ganz beglückt ein paar Zeilen zur Berliner Matthäuspassion schreiben, um meinen Puls (der immer noch nicht Normalniveau haben dürfte) damit und unter Zuhilfenahme eines Glases Wein wieder runterzubringen vor dem Schlafengehen.
Vorweg und zusammenfassend: Das war jeden einzelnen Euro wert und ich würde morgen direkt nochmal hingehen, wenn es nicht ausverkauft wäre. Im einzelnen:
Padmore als Evangelist hat jede einzelne Vorschusslorbeere verdient, die ich ihm schon überreicht hatte. Was für ein begnadeter Sänger! Sogar flach liegend hat der eine Kraft in der Stimme, dass es beängstigend ist. Dieses Gefühl, das er in der Passion transportieren kann, ist zur Zeit für mich konkurrenzlos. Zudem zeigte er eine extrem beeindruckende Körpersprache und Mimik in dieser Aufführung, die er tadellos, fast akzentfrei und auswendig (wie alle Solisten) sang. Und das Wort "Landpfleger" hat er inzwischen auch fehlerlos drauf ;-)
Gerhaher als Jesus fand ich ebenso absolut großartig, mir sind keinerlei Unsauberkeiten aufgefallen (Fairy: Vielleicht hatte er einen schlechten Tag letzte Woche?). Sein Ausdruck war berührend und sehr differenziert; immer strahlte er eine große Ruhe aus, zugleich hatte er mitunter eine riesige Wucht in der Stimme (z.B. in der Schwertszene). Absolut ergreifend: "möge dieser Kelch...." und auch die Abendmahlszene. Er sang übrigens stehend von einem unteren seitlichen Zuschauerrang, ich habe ernsthaft überlegt, wieviel es kostet, den Sitznachbarn zu bestechen, um den Platz zu tauschen .... Aber glücklciherweise war ich auch recht nah dran :-) Ich bin nach diesem Auftritt noch mehr Fan von ihm.
Kozena mit ihren Alt - Partien hat mir auch außerordentlich gut gefallen! Sie sang und bewegte sich sehr expressiv und war stimmlich sehr stark. Auch emotional hat sie viel rübergebracht, allerdings beschränkte sie ihre Arien nicht auf flehende oder traurige Stimmungen, sondern zeigte an einigen Stellen auch viel Wut und Angriffslust; mir hat das sehr gut gefallen.
Die weiteren Sänger, u.a. Tilling (Sopran), Quasthoff (Bass) und Lehtipuh (Tenor) waren gut, wobei die hochschwangere Tilling durch ihre Erscheinung doch sehr anrührte. Nennenswert klasse z.B. auch Petrus und auch alle Solisten aus dem Chor ohne Ausnahme überzeugten.
Wobei wir beim Chor wären - der grandiose Rundfunkchor nuanciert so faszinierend, dass man den Atem anhalten will (das Publikum hustete heute auch auffallend wenig). Mir kamen schon in der Eingangsszene fast die Tränen, welche als Trauerversammlung gestaltet war: alle kommen und weinen an Jesu Sarg (und fragen und klagen; anschließend gestaltet sich alles in einer Rückschau). Der Knabenchor sang (von der "Geduld") von ganz oben von einer Treppe, Dirigent und die ersten Solisten verschwanden in der Gruppe; man war sofort mitten im Geschehen. Sehr viele Chorsiten sangen komplett auswendig; die anderen nahmen die Notenhefte nur zeitweilig in die Hand. Das Agieren der Chöre hatte eine große Eindringlichkeit. Besonders ist mir der Choreinsatz nach dem "und er verschied" im Gedächtnis geblieben, das habe ich noch nie so berührend gehört.
Das Orchester unter Rattle war heute auch in super Form, Rattle wechselte die Positionen zwischen den räumlich weit getrennten Teilen und dirigierte mit großer Dynamik sehr frisch und flott. Mir hat das gut gefallen, meine Befürchtungen nach breitem fettem Klang haben sich nicht bestätigt. Das war ein sehr persönliches Herangehen, mal relativ dramatisch und dann wieder ganz innig. Die Continuo- Gruppe in der Mitte wurde durch diese zentrale Positionierung toll aufgewertet, man hörte das auch.
Die Instrumentalsolisten spielten in den meisten Soloparts ebenfalls ohne Noten, so Hille Perl an der Gambe; Albrecht Mayer mit der Oboe, beide Sologeiger, der Flötist. Die verstehen natürlich ihr Handwerk, da ergab jedes Zögern oder jeder brüchige Ton einen Sinn; und das faszinierte beim Zusehen, wie die mit den Solisten interagierten.
Was die "Ritualisierung" durch Peter Sellars (der da war und mit viel Applaus bedacht wurde) anging: sehr bewegend, kraftvoll - und doch gaaaanz langsam! Eine sehr spirituelle Sicht, wie ich finde, hat er da gefunden. "Wir sind alle als Zeugen anwesend" hat er ins Programm geschrieben; niemand sei nur Zuschauer, jeder ist beteiligt und zur Innenschau aufgerufen. Ich will gar nicht soooo viel zu den Bildern schreiben, denn manches war so stark und so überraschend, dass ich denen, die Sonntag per DCH zusehen wollen, nichts vorwegnehmen möchte. Ich kann nur sagen: Ansehen! Ich bin nicht sicher, wieviel von diesem grandiosen live- Eindruck per Übertragung einfangbar ist, aber es lohnt sich auf jeden Fall, meine ich.
Im Sall waren übrigens neben den festinstallierten 6 DCH- Kameras noch 3 weitere Kameras aufgestellt, zudem waren die Solisten verkabelt, also ich gehe mal davon aus, dass es eine DVD geben wird. Daher schreibe ich das auch hier rein und nicht in den "gestern im Konzert-Thread"
So, nun ist mein Ruhepuls wieder da :-) Gute Nacht, Heike
P.s. was zum Ärgern muss es ja auch immer noch geben: ich verfluchte diesen Straßenmusiker, der sich regelmäßig vor dem Ausgang der Philharmonie postiert, heute ganz besonders!!! Ich will das nach so einem Konzert nicht hören!
Armin70 (10.04.2010, 01:26): Hallo Heike,
danke für Deinen Bericht. Das klingt wirklich sehr vielversprechend und hochinteressant. Ich bin schon sehr gespannt auf die DCH-Übertragung am Sonntag. Auch wenn ich ausser dem kurzen Clip von der Generalprobe sonst noch nichts von dieser Auffürhung gesehen und gehört habe wäre es schön, wenn es davon eine DVD geben würde.
Lassen wir uns überraschen.
Gruß Armin
Heike (10.04.2010, 08:46): Lieber Armin, freu dich drauf! Ich werde es mir irgendwann später sicher auch noch mal ansehen. Das war ein absolutes highlight, diese Garde von exquisiten Solisten (Gesang und Instrumente) plus dieser grandiose Chor, in deren Dienst sich die Philharmoniker vollkommen organisch stellten - ich bin begeistert. Wenn die das (inclusive der Atmosphäre der dargestellten Szenen) mit der Sonntagübertragung auch nur einigermaßen einfangen können, dann wirst du wie angewurzelt vor dem Bild sitzen und ergriffen sein.... Heike
Fairy Queen (10.04.2010, 10:06): Liebe Heike, meine Übertragung war aus Birmingham und ich habe mich ausserdem in der Besetzung geirrt, nehme also in Sachen Gerhaher alles-gottseidank- wieder zurück. Unsauber gesungen hat nicht er sondern Quasthoff, was mein Fan-Weltbild doch nun wieder ins rechte Licht rückt. :engel Zwischen live und Konserve bestehen einfach erhebliche Unterschiede und es tut gut, deinen begeisterten Bericht zu lesen Ich fand Chor, Instrumente und Padmore auch ganz grossartig, ich habe aber derzeit Riesenglück mit tollen Evangelisten, denn gestern bei einer getanzten Johannespassion war auch der Evangelist, der gleichzeitig auch die Tenorarien sang, das grosse Highlight. Ein mir bisher unbekannter ausserordentlich schönstimmiger und höhensicherer Tenor, Uwe Stickert, der in Weimar studiert hat. Die Altistin hat mir persönlich mit ihrem vollem warmen Frauentimbre viel besser gefallen als Kozena- ich bin einfach von K.Ferrier und Christa Ludwig für androgyne körperarme Altstimmen bei Bach total verdorben.Da brauche ich die volle Ladund Verzweiflung, sonst geht das nicht. Dass Tilling hochschwanger ist, wusste ich nicht, aber meine Radioaufnahme war eh vom letzten Jahr Ich hoffe, es wird den Rattle mal auf DVD geben, damit ich mir nochmal ein richtiges Bild machen kann. Liebe Grüsse noch von unterwegs Fairy
Heike (10.04.2010, 15:48): Liebe Fairy, wie ich in der heutigen Kulturradio-Kritik lese, wurde Gerhaher auch dort in den höchsten Tönen gelobt: Zitat: "Wo immer dieser Mann dabei ist, lohnt sich ein Besuch. Der vielleicht beste Live-Sänger, den ich überhaupt erlebt habe."
Was Kozena angeht, die hat natürlich überhaupt nicht diese typische Altstimme, sie stand ja auch als Mezzosopran im Programm. Und in der Tat sang und spielte sie ihre Partien ziemlich anders als die altbekannten Größen, mir hat es aber sehr gut gefallen, aber ich kann mir denken, dass sie polarisiert. Stimmlich war sie auf jeden Fall stark.
Interessant, dass Herr Luehrs-Kaiser (mit dem ich sonst durchaus nicht immer konform gehe) exakt bei dem selben Choral wie ich dieses absolute Großartigkeitsgefühl hatte, Zitat: "Allein das beinahe geflüsterte "Wenn ich einmal soll scheiden" wäre lange Reisen wert!". Genau so war es! Heike
Fairy Queen (10.04.2010, 16:47): Für mich war Gerhaher auch der Beste, den ich live je gehört habe: wie gesagt , ein Schubert Lied hat gereciht, um mir die Tränen in die Augen zu treiben und der ganze Abend ist eine meiner schönsten Konzerterinnerungen, die ich bisher erleben durfte. Auf CD oder im Radio ist das uneinfangbar, daher kann man die Begeisterung auch schwer an Lute vermitteln, die nur die Cds kennen. Ich bin froh, das er von der Kritik so gewürdigt wird, wie es ihm gebührt, denn auf Amazon gibt es CD Kritiken, über die ich wirklich empört war. F.Q.
Armin70 (11.04.2010, 23:31): Eben habe ich mir die Übertragung aus der Berliner Philharmonie angesehen:
Das war wirklich eindrucksvoll und sehr bewegend. Zugegeben war bei mir bis zuletzt doch ein kleines Quentchen Skepsis vorhanden, ob Sellars Ritalisierung nicht doch zu vordergründig und theatralisch sei aber ich war diesbezüglich mehr als positiv überrascht. Ich fand das insgesamt sehr überzeugend und faszinierend.
Die musikalischen Leistungen waren ohne wenn und aber auf höchstem Niveau. Allein der zu Recht hochgelobte Rundfunkchor war grandios aber auch die Gesangssolisten und natürlich die Instrumentalsolisten (Hille Perls Gambensoli !!!) waren alle sehr gut. Aber der Rundfunkchor war wirklich großartig.
Das waren starke Momente, die diese Aufführung bot, z. B. die im Generalprobenausschnitt schon ansatzweise zu sehende Szene "So ist mein Jesus nun gefangen", die in der Aufführung selbst aber noch eindrucksvoller ist. Oder der Schlusschor des 1. Teils "O Mensch, bewein' dein Sünde groß" wo die Chöre von der Bühne laufen und sich im gesamten großen Saal der Philharmonie verteilen oder der Schlusschor "Wir setzen uns mit Tränen nieder". Diese Zeile nimmt Sellars wörtlich und der Chor setzt sich dazu auf den Boden und am Schluss versammelt sich der ganze Chor um den auf einer Art Altar aufgebahrten Jesus/Evangelisten (Mark Padmore). Wenn diese Aufführung im Archiv verfügbar ist, werde ich sie mir mindestens noch einmal anschauen, weil sich das 1. lohnt und 2. gibt es viele Details, die ich eben beim ersten anschauen wahrscheinlich noch gar nicht erfasst habe. Die Kameraführung für die DCH-Übertragung war wirklich gut und die zusätzlichen Kameras haben sich bewährt. Das Konzert wird bis zur Bereitstellung im Archiv noch etwas überarbeitet und der ein oder andere holprige Kamerawechsel dann verfeinert sein.
Ich kann jedem nur empfehlen, sich diese Übertragung der Matthäuspassion in der Ritualisierung von Peter Sellars in der DCH anzuschauen, denn ob und wenn ja, wann, es eine DVD geben wird, weiss man nicht.
Gruß Armin
Armin70 (23.04.2010, 21:51): Im Rondo-Magazin fand ich noch einen interessanten Beitrag zur Aufführung der Matthäus-Passion in der Berliner Philharmonie: Hier
Heike (09.07.2010, 22:36): An einem heißen Sommerabend (es war quasi unmöglich, diesen draußen zu verbringen), ohne Lust zum Lesen und mit grottigem Fernsehprogramm habe ich die Gunst der Stunde genutzt und mir die Berliner Sellars/Rattle - Matthäuspassion in der Digital Concert Hall nochmal online angesehen/ angehört.
Ich bin begeistert - genau wie damals live.
Ich war nicht an demselben Abend in der Philharmonie, als das aufgenommen wurde (sondern 2 Tage früher), aber ich habe mich doch sehr stark wieder an die grandiosen Eindrücke dieses Abends erinnert. Das ist schon eine tolle Sache mit der DCH und diese Aufnahme ist absolute Klasse.
Schon allein das "du sagest's" von Gerhaher als Jesus wäre fast die 9,90 Euro wert, um sich diese 3 Stunden anzusehen. Göttlich, dieser Jesus. Die Abendmahlsszene habe ich noch nie so phantastisch gehört, auch die letzten Worte am Kreuz lassen mir hier das Blut in den Adern gefrieren. Was für eine Stimme, was für ein Feeling, was für eine Energie!
Und wenn ich dann Padmore als Evangelisten (in Großaufnahme) danach still weinen sehe, dann schaudert es mich. So viel Pathos darf sein.
Kozena hat mir in der Übertragung noch besser gefallen als live. Wie sie so fast ungeschminkt die ganze Gefühlspalette verkörperte und mit ihrer starken Stimme den Raum füllte, das hat was. Sehr anrührend auch wieder die hochschwangere Tilling, auch sie ist mir in den Großaufnahmen noch näher gewesen als im Saal, da hat die Aussteueung vielleicht etwas mitgeholfen. Hat mich sehr berührt.
Großartig, aber nicht so völlig umwerfend wie im Saal war wieder der Chor. Natürlich fehlt hier der phantastische Raumklang der Philharmonie, der jedes Flüstern bis in die letzte Ecke weiterreicht. Aber ich glaube, auch in der Übertragung kommt (vor allem in den mehrstimmigen Passagen) die ungeheure Klasse des Chores gut rüber. Z.B. der Schlusschor ist unübertroffen gut.
Besonders fasziniert haben mich in der DGH- Übertragung die Instrumentalsolisten. Mein Gott, welch geballte Klasse, das kann man kaum glauben, die alle in einer einzigen Aufnahme versammelt zu hören.
Also nochmal, wer es sich noch nicht angehört hat, die 9,90 Euro sind wirklich gut investiert (und erlauben für 48 Stunden unbegrenzten Zugriff auf das Werk). Ich werde sicherlich morgen nochmal reinhören.
Heike
Heike (28.10.2010, 19:06):
Nahdem ich diese CD jetzt mehrmals gehört habe, kann ich sie wirklich von ganzem Herzen empfehlen. Und sie wird jedesmal noch besser, wenn ich sie wieder anhöre.
Solistische Besetzung, sehr differenzierte, aber gerade gesungene Stimmen ohne jede überflüssige Schnörkelei und gerade deshalb ungeheuer intensiv. Ganz transparent und fein musiziert zudem. Diese Schlichtheit ist in ihrer puren Schönheit für mich absolut faszinierend und diese Aufnahme zieht deshalb, was meine Favoriten angeht, mindestens mit der von McCreesh gleich. Heike
rbb Kulturradio überträgt am Karfreitag eine Aufzeichnung der Berliner Matthäuspassion vom 9.4.2010 (=die oben hochgelobte) 22.4.2011; 15.04 Uhr mit Padmore, Gerhaher, Tilling, Kozena, Quasthoff, Lehtipuh Berliner Philharmoniker, Rattle Rundfunkchor Berlin
"Wir haben dien Mitschnitt dieser Aufführung inzwischen für den Hörfunk bearbeitet. Denn wenn ein Sänger und sein konzertierender Instrumentalist vor der Orgel stehen oder auf einer Empore, hat das auf den Zuhörer im Saal eine besondere Wirkung und die veränderte Klangsituation wird durch den visuellen Effekt ergänzt. Im Hörfunk aber fehlt der oprtische Eindruck, so dass wir vor allem die Dynamik unserer Aufnahme bearbeitet haben"
.. steht im Programmheft, ich hoffe, die haben nicht allzusehr daran rumgepfuscht! Heike
Armin70 (08.04.2011, 20:38): Original von Heike :engel :engel :engel :engel :engel
rbb Kulturradio überträgt am Karfreitag eine Aufzeichnung der Berliner Matthäuspassion vom 9.4.2010 (=die oben hochgelobte) 22.4.2011; 15.04 Uhr mit Padmore, Gerhaher, Tilling, Kozena, Quasthoff, Lehtipuh Berliner Philharmoniker, Rattle Rundfunkchor Berlin
"Wir haben dien Mitschnitt dieser Aufführung inzwischen für den Hörfunk bearbeitet. Denn wenn ein Sänger und sein konzertierender Instrumentalist vor der Orgel stehen oder auf einer Empore, hat das auf den Zuhörer im Saal eine besondere Wirkung und die veränderte Klangsituation wird durch den visuellen Effekt ergänzt. Im Hörfunk aber fehlt der oprtische Eindruck, so dass wir vor allem die Dynamik unserer Aufnahme bearbeitet haben"
.. steht im Programmheft, ich hoffe, die haben nicht allzusehr daran rumgepfuscht! Heike
Danke für den Tipp. Ich bin mal gespannt, ob es davon auch irgendwann eine DVD geben wird. Dazu müsste allerdings der RBB letztes Jahr nicht nur seine Mikrofone, sondern auch seine Kameras in der Philharmonie aufgebaut haben, es sei denn, dass die Philharmoniker ihre Aufnahmen von der DCH zur Verfügung stellen würden aber ich habe da eher Zweifel wegen lizenzrechtlicher Probleme und was-weiss-ich-noch...
Heike (08.04.2011, 20:40): Es standen außer den DCH-Kameras noch andere Kameras im Saal, da bin ich sicher! Eine DVD wäre genial, ich warte ja auch drauf.
Meine Mitschnittprogramme sind jedenfalls erstmal angeworfen am Karfreitag. Heike
Heike (22.04.2011, 09:49): Mal wieder gehört (nachdem ich die DRS2-Diskothek zur Passion angehört habe):
Philippe Herreweghe, Collegium Vocale Gent Ian Bostridge (Evangelist) Franz-Josef Selig (Jesus) Andreas Scholl (Alt) Werner Güra (Tenor) Dietrich Henschel (Bass) Sibylla Rubens (Sopran)
Insgesamt eine gute Aufnahme, sie gefällt mir im wesentlichen, obwohl ich solistische Aufnahmen bevorzuge. Der Jesus ist sehr berührend, der Sopran himmlisch. Und auch dem Chor und Orchester kann ich sehr viel abgewinnen. Zwei Dinge jedoch stören mich an dieser Einspielung:
1. Ich mag Bostridge nicht wirklich als Evangelist. Das liegt nicht an seinem leichten Akzent (bei Padmore stört mich das nicht). Ich finde ihn hingegen etwas zu affektiert, zu theatralisch und er rückt sich mir dadurch zu sehr in den Vordergrund.
2. Ich liebe andreas Scholl, er singt auch hier absolut phantastisch. Aber für mich in meiner Vorstellung ist der Alt in dieser Passion eine Frau und es löst mir immer wieder Irritationen aus, da einen Altus singen zu hören (wohlwissend, dass das zu Bachs Zeiten so war).
Heike
Heike (22.04.2011, 10:03): Kennt übrigens jemand diese neue Einspielung, die hier im Kulturradio sehr gelobt wurde:
Ein interessanter Ansatz, die beiden Orchester und Chöre nicht symmetrisch zu betrachten, da würde ich gern mal reinhören. Heike
Armin70 (22.04.2011, 14:07): Die Veldhoven-Aufnahme der Matthäuspassion kenne ich nicht. Allerdings warten noch zwei andere, bisher von mir nicht gehörte Aufnahmen darauf, endlich gehört zu werden. Ich denke, dass ich heute Zeit habe, das zumindest bei einer nachzuholen.
Was Veldhoven angeht, so kenne ich bis jetzt nur seine Aufnahme des Weihnachtsoratoriums, die insgesamt auf sehr hohem Niveau ist aber mir in manchen Passagen etwas zu gebremst bzw. gehemmt vorkam. Wenn aber die RBB-Rezension etwas von einem "dramatischen Impetus" schreibt, scheint das in diesem Fall anders zu sein.
Ich fürchte, dass ich an dieser Aufnahme wohl auch nicht vorbeigehen kann.
Armin
Heike (22.04.2011, 22:07): Ich habe heute nachmittag gemütlich in der Sonne die rbb Übertragung der Berliner Rattle-BPh-Passion vom 9.4.2010 angehört. Interessant, wie sich ohne Bilder der Eindruck verändert!
Uneingeschränkt überzeugt haben mich auch hier Padmore als Evangelist und Gerhaher als Christus. Wenn man bedenkt, dass Padmore (wie ale) auswendig und in verschiedensten Posen singt, ist das unglaublich, und ich mag auch seinen Ausdruck sehr. Selbst in schwierigsten Passagen bleibt er überzeugend, besonders beeindruckend die sehr kontemplativen Schlusstöne und auch die reinen hohen Töne (der Hahn!). Gerhaher ist hier wahrlich eine Klasse für sich, ich habe noch nie so einen emotional berührenden Jesus gehört. Die Abendmahlsszene oder fast noch mehr die Szene danach mit den schlafenden Jüngern, "Setzet euch hie, bis dass ich dort hingehe und bete....." - überirdisch. Er singt, wenn er laut wird, grandios - aber er singt leise mehr als grandios, absolut ins Herz gehend. Phantastisch.
Ebenso hervorhebenswert die Instrumentalsolisten. Es ist eigentlich schwierig, jemanden hervorzuheben. Mich hat das Oboensolo mit Mayer extrem beeindruckt, selten habe ich das so originell gehört. Ganz anders wiederum Daniel Stabrawa (Violine - imho immer noch der beste Konzertmeister der Berliner!) - sehr zerbrechlich, klar, anrührend. Himmlisch auch v.a die Flötensoli mit E, Pahud, sehr sehr diffizil variiert! Überhaupt die Philharmoniker, ausgesprochen transparent und agil, mit hinreißenden Tempovariationen!
Negativ aufgefallen sind mir zunächst die mitunter verfälschten Chorklänge. Weil die Chöre sich ja auf der Bühne und sogar auf den Rängen bewegten, standen vermutlich einige Choristen zu nah am Mikro, andre zuweit weg. Z.B..im Schlusschor des ersten Teils hörte man quasi nur noch die Domknaben, weil die Jünger in die Weiten des Raumes geflohen waren. Andererseits waren manchmal Einzelstimmen zu nah am Mikro. Aber man hörte auch ib vielen Passagen die absolute Klasse dieses Chores raus. Die klasse Gewitterszene, oder "Herr bin ich's", oder der berückend fahle Einsatz bei "Wenn ich einmal soll scheiden ..." grandios.
Komisch allerdings waren einge kleine Echos, die nur durch die Bearbeitung entstanden sein konnten. Ebenso wie die merkwürdigen Pausen und das Getrappel, was darin zu hören war (durch die Aktionen auf der Bühne). Auch störend war so manche dramatische Betonung in den Arien, die ohne Bild überflüssig daherkam und schon etwas merkwürdig wirkte.
Trotzdem, allein wegen Padmore und Gerhaher plus den kongenialen Berlner Philharmonikern und diesem Wahnsinnschor hat sich die Aufnahme gelohnt, selbst ohne Bilder. Heike
Armin70 (22.04.2011, 22:54): Original von Heike
Nahdem ich diese CD jetzt mehrmals gehört habe, kann ich sie wirklich von ganzem Herzen empfehlen. Und sie wird jedesmal noch besser, wenn ich sie wieder anhöre.
Solistische Besetzung, sehr differenzierte, aber gerade gesungene Stimmen ohne jede überflüssige Schnörkelei und gerade deshalb ungeheuer intensiv. Ganz transparent und fein musiziert zudem. Diese Schlichtheit ist in ihrer puren Schönheit für mich absolut faszinierend und diese Aufnahme zieht deshalb, was meine Favoriten angeht, mindestens mit der von McCreesh gleich. Heike
Nach dem ich mir diese Aufnahme eben zum ersten Mal anhörte, kann ich mich Heikes Einschätzung voll und ganz anschliessen. Schon nach McCreeshs Aufnahme war ich von der solistisch besetzten Aufführungspraxis überzeugt und beeindruckt.
Kuijkens Interpretation unterscheidet sich aber dennoch im Vergleich zu der von McCreesh, denn Kuijkens Ansatz ist intimer, zurückhaltender und auch etwas transparenter. McCreesh dagegen betont stärker die dramatischen Aspekte der Matthäuspassion aber dadurch ergänzen sich diese beiden Aufnahmen sehr gut und zeigen, dass es auch bei den solistisch besetzten Interpretationen verschiedene und in sich schlüssige Interpretationen geben kann.
Ob diese solistisch besetzte Aufführung nun wirklich historisch verbürgt ist oder nicht ist mir ehrlich gesagt sowas von egal, denn das einzige was zählt ist, ob die Interpreten den Geist und den Charakter der Musik treffen. Ob das nun mit 8 Sängern oder einem 50-köpfigen Chor realisiert wird ist dann nebensächlich, wenn es eben gelingt, den Zuhörer emotional zu packen.
Letztlich ist und bleibt mal wieder festzuhalten, dass ich jedes Mal von Bachs Matthäuspassion sehr beeindruckt bin und ich fast eine permanente Gänsehaut beim Anhören habe. Allein das Bass-Rezitativ "Am Abend da es kühle war" und die sich anschliessende Arie "Mache dich, mein Herze, rein" strahlen für mich schon eine fast mysthische Tiefe und Ausdruckskraft aus. Aber eigentlich verbietet es sich bei diesem Werk, einzelne Stellen herauszuheben.
Armin70 (22.03.2012, 15:01): Den Mitschnitt der Aufführung der Matthäuspassion aus der Berliner Philharmonie von 2010 in der halb szenischen Ritualisierung von Peter Sellars kann man jetzt im Shop der Berliner Philharmoniker auf DVD käuflich erwerben.
Siehe hier.
Heike (22.03.2012, 18:13): Oh danke für den Hinweis - die hab ich gleich bestellt!!! Heike
Armin70 (07.04.2012, 08:27):
(AD: 03. - 06. September 2007, Greyfriars Kirk, Edinburgh, UK)
Neben den Aufnahmen von McCreesh und Kuijken ist dies eine weitere solistisch besetzte Aufnahme der Matthäus-Passion. Die Interpretation des Dunedin-Consort ist schlicht und einfach faszinierend aufgrund ihrer Intensität und Geschlossenheit. Sie vereint die Vorzüge der Einspielungen von McCreesh (Dramatik) und Kuijken (homogenes Sängerensemble) und wirkt wie eine Quintessenz dieser beiden Aufnahmen.
Meiner Meinung nach kommen Liebhaber der solistischen Interpretationen von Bachs Vokalwerken an dieser Aufnahme nicht vorbei und für mich steht diese auf dem gleich hohen Niveau von Kuijkens Aufnahme und dicht dahinter kommt dann McCreesh`s Einspielung.
Böhm (1962) – Fritz Wunderlich, Otto Wiener, Wilma Lipp, Christa Ludwig, Peter Wimberger, Robert Springer, Otto Binder, Mia Pavlik, Elfriede Rosner, Wiener Sängerknaben, Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, Wiener Symphoniker
Dieser Livemitschnitt vom 18. April 1962 wird mir wohl als die „Passion ohne Arien und Choräle“ in Erinnerung bleiben. Das ist sicher nicht gerecht, denn einige der Arien und Choräle fanden in Karl Böhms Augen ja durchaus Gnade und entgingen der Streichung. Es sind aber - zumindest „gefühlt“ - nicht mehr viele. Überhaupt hat Karl Böhm den Bleistift recht großzügig zum Einsatz gebracht, sodass sich für mich beim Hören die Frage ergibt: Wenn ich denn schon die „Matthäus-Passion“ spielen lasse, warum dann dermaßen verstümmelt? Van Beinum spielte sie damals ganz, Karajan auch, Richter und Klemperer ebenfalls – es wurde doch langsam klar, dass man dieses Werk, wenn man ihm gerecht werden will, nichts herausnehmen kann. Nun, Böhm entschied 1962 anders und strich die folgenden Nummern:
Nr. 10 (Choral: „Ich bin’s, ich sollte büßen“) Nr. 13 (Arie Sopran: „Ich will Dir mein Herze schenken“) Nr. 15 (Choral: „Erkenne mich, mein Hüter“) Nr. 23 (Arie Bass: „Gerne will ich mich bequemen“) Nr. 26 (Rezitativ: „Und er kam und fand sie aber schlafend“, Takte 1 – 6/3) Nr. 31 (Rezitativ: „Die aber Jesum gegriffen hatten“ Takte 6 -11/2) Nr. 32 (Choral: „Mir hat die Welt trüglich gericht’“) Nr. 33 (Rezitativ: „Und wiewohl viel falsche Zeugen“, Takte 1 – 12/3) Nr. 35 (Arie Tenor: „Geduld, Geduld!“) Nr. 40 (Choral: „Bin ich gleich von dir gewichen“) Nr. 43 (Rezitativ: „Sie hielten aber einen Rat“, Takte 1 – 16/2 & 24/4 – 30) Nr. 44 (Choral: „Befiehl du deine Wege“) Nr. 45 (Rezitativ: „Auf das Fest aber hatte der Landpfleger Gewohnheit“, Takte (8/2 – 21) Nr. 46 (Choral: „Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe“) Nr. 52 (Arie Alte: „Können Tränen meiner Wangen“) Nr. 63c (Rezitativ: „Und es waren viel Weiber da“, Takte 21 – 30/1) Nr. 65 (Arie Bass: „Mache Dich, mein Herze, rein“) Nr. 66a (Rezitativ: „Und Joseph nahm den Leib“, Takte 7/4 – 16/1) Nr. 66b (Chor: „Herr, wir haben gedacht“) Nr.66c (Rezitativ: „Pilatus sprach zu ihnen“)
Aus heutiger Perspektive disqualifiziert sich dieser Mitschnitt allein schon durch die besagten Striche. Noch schlimmer ist allerdings, dass ein Gutteil der Besetzung an jenem 18. April des Jahres 1962 nicht wirklich gut disponiert war. Doch zunächst zur Haben-Seite.
Fritz Wunderlich singt einen ganz hervorragenden Evangelisten. Seine leicht geführte Stimme, der helle und doch kraftvolle Klang und seine intelligente, dabei aber nicht aufdringliche Ausdeutung des Textes machen jedes Rezitativ des Evangelisten zu einem intensiven Erlebnis und ich kann für mich sagen, dass er seine Zeitgenossen Haefliger und Pears weit hinter sich lässt. Schade also, dass Böhm ihn die „Geduld“Arie nicht hat singen lassen.
Ein zweiter Pluspunkt ist Christa Ludwig, bei der ich mich frage, ob sie diese Partie jemals weniger denn höchst anrührend gesungen hat. Ob hier, bei Klemperer oder auch bei Karajan II – selten gehen mir diese Arien so nahe, wie in ihren Darstellungen. Wenn sie das „Erbarme dich“ singt, dann höre ich eine Klage von solcher Intensität, dass es mir immer wieder die Sprache verschlägt. Und so werden diese guten siebeneinhalb Minuten zum emotionalen Höhepunkt dieser eher mäßigen Aufführung.
Um diese beiden Solisten herum herrscht mE indes das Mittelmaß – wenn man es denn überhaupt noch so nennen mag.
Otto Wiener gibt einen Christus, wie ich ihn nicht gerne höre. Zeichnet Fischer-Dieskau, der für mich das andere Extrem darstellt – beispielsweise bei Karajan II ein mir vollkommen fremdes watteweiches und zuckersüßes Bild des Heilandes, so bleibt Otto Wiener vollkommen prosaisch. Nicht nur, dass mir seine hartes Timbre, das Nasale seiner Stimme, seine gewöhnungsbedürftigen Vokalfärbungen, die sprachlichen Marotten (ständige Anhauchung des Anlautes E. Beispiel: Statt „Eli, eli, lama asabthani“ ruft dieser Christus „Heli, heli…“) und seine unsichere Intonation nicht gefallen; viel problematischer ist in meinen Augen das Bild eines vollkommen hölzernen Heilandes, das er präsentiert. Das ist kein Gottessohn, zu dem ich mich als Hörer hingezogen fühlen könnte.
Ein Totalausfall ist mE die große Wilma Lipp. Henrik Engelbrecht hat einmal sinngemäß geschrieben, ihre Darbietung hätte man lieber in ewiger Dunkelheit belassen sollen. Ich kann dem nur beipflichten. Ich höre hier eine Sängerin, die mit den Anforderungen dieser Partie an diesem Tag vollkommen überfordert war. Unsichere Intonation, ständiges Schleifen, schriller Ton, schleuderndes Vibrato, rhythmisches Gewackel („Aus Liebe will mein Heiland sterben“) und Probleme mit der Atmung: Wilma Lipp ist hier ein Schatten ihrer selbst.
Walter Berrys Darstellung der Arie finde ich – wie immer – problematisch. Ist er bei Klemperer mE noch erträglich, so singt er sie bei Karajan II so wie Wilma Lipp hier: jenseits des Abgrundes. Beim vorliegenden Mitschnitt bewegt er sich irgendwo dazwischen. Dicke Stimme, in der Gestaltung streckenweise manieriert, stimmlich nicht immer auf der Höhe, ab und an rhythmisch ungenau („Am Abend da es kühle war“), bisweilen aber auch von Böhm durch zähe Tempi gequält („Komm, süßes Kreuz“).
Der Chor indes macht mich so unglücklich nicht. Engelbrecht sprach ehedem von einem „inadequate choir“, doch ganz so wild ist es nicht. Sicher, der Wiener Singverein ist ein Massenensemble, dem Bach nie gelegen hat. Aber dennoch gehen die Sängerinnen und Sänger mE mit Enthusiasmus zur Sache und machen sich beispielsweise in den Turbae recht ordentlich. Böhm verlang ja auch nicht allzu viel – laut und gewaltig musste es sein. Und das ist auch.
Die Wiener Symphoniker spielen ordentlich, die etwas muffige Tonqualität verhindert allerdings, dass man einen runden Orchesterklang zu hören bekommt. Oft stechen die Holzbläser unangenehm heraus.
Was Böhm mit diesem Werk anfangen konnte? Ich weiß es nicht. Beim Hören drängte sich mir immer wieder der Eindruck auf, dass es nicht viel war. Ergreifen kann diese Aufnahme mich nicht, mitreißen kann sie mich nicht, erschüttern kann sie mich nicht.
:hello Agravain
palestrina (28.02.2013, 16:20): 1+ deine Bewertung lieber Agravain ! Ich könnte damit gar nichts anfangen , hätte sie nur wegen Wunderlich gekauft, 1x gehört nie wieder ! Völlig Emotionslos !
LG palestrina
palestrina (28.02.2013, 16:23): Soll natürlich heißen , konnte und hatte, sorry! LG palestrina
Solti (03/1987), Hans Peter Blochwitz (Evangelist), Olaf Bär (Jesus), Kiri Te Kanawa, Anne Sofie von Otter, Anthony Rolfe Johnson Tom Krause, The Glen Ellyn Children’s Chorus, Chicago Symphony Chorus, Chicago Symphony Orchestra
In einer persönlichen Bemerkung Sir Georg Soltis, die sich im Booklet dieser Aufnahme findet, berichtet der Dirigent davon, wie er einst – wir schreiben das Jahre 1947 – die Matthäus-Passion erstmals im Deutschen Museum in München aufgeführt habe und zwar – wie in jenen Tagen üblich – gekürzt. Kurz darauf habe er Bruno Walters Autobiographie gelesen in der dieser davon sprach, dass er sich einzig der von ihm dirigierten Aufführungen schäme, in denen er Bachs Passion gekürzt habe. Daraufhin hab er – Solti – das Werk nur noch komplett dirigiert, allerdings natürlich in großer Besetzung. Nun – vierzig Jahre später – sei er von den Vorzügen kleiner Ensembles überzeugt und hätte darum für diese Aufnahme „einen Chor von nur 80 Sängern“ benutzt und das Orchester wie folgt besetzt: die Bläser nach Bachs Vorschriften die beiden Streicherapparate mit 6-4-2-2-1. Weiterhin erfahren wir, dass Solti das Werk schon lange einspielen wollte, nun aber dankbar dafür sei, dass es nicht geklappt habe denn nun (nach vierzig Jahren) erst glaube er, dass er „eine feste und sichere Vorstellung vom Aufbau und dem optimalen Klang des Werkes habe.“
Was hätte Solti wohl dazu gesagt, wenn er eine Matthäus-Passion wie diejenige Kuijkens gehört hätte? Statt 80 Sängerinnen und Sängern nur Solisten? Hätte ihn das auch interessiert? Ich könnte es mir vorstellen, schließlich hat ihn auch bei der Vorbereitung zu dieser Einspielung die Neugier dazu getrieben, neue Ergebnisse für seine Aufnahme zu verwenden.
Wer nun erwartet, Solti liefere hier eine seiner typisch krachenden Einspielungen ab, der sitzt einem Vorurteil auf. Solti konnte natürlich auch anders. Sein Zugang zu Bachs Musik ist ein bescheidener, ruhiger, kontemplativer. Eine Überwältigung durch Geschwindigkeit oder Masse gibt es (trotz des großen Chores) an keiner Stelle, dafür eher ein Zurücktreten hinter die Partitur, kein Jochumsches Oberammergau, sondern ein gut 178 Minuten langer Blick nach innen. Dabei versucht Solti gar nicht erst, seine Herkunft aus der (romantischen) Tradition zu verleugnen. Diese Aufführung ist mitnichten eine hippe, sondern eher eine geradlinige, im besten Sinne schlichte, die ganz in der Fortführung der durch und durch klaren Aufführungen, mit denen Eduard von Beinum 1947 die Ägide Mengelbergs im Amsterdamer Concertgebouw abgelöst hat.
Die Aufnahme ist – da beißt die Maus keinen Faden ab - mit erstklassigen Solisten besetzt.
Schlicht begeistert bin ich von Hans Peter Blochwitz' Darstellung des Evangelisten, der in meinen Augen auf Augenhöhe mit Schreier ist. Blochwitz, der auch in Herreweghe I eine ausgesprochen gute Figur macht, hat eine ideale Evangelistenstimme. Ganz helles Timbre, leicht, schwebend, immer von oben kommend, ohne jeden Druck. Hinzu kommt ein sehr intelligente und ausdrucksstarke Deutung des Textes, die bei aller ihrer Durchdachtheit vollkommen natürlich, ja so selbstverständlich wirkt, das ich beim Durchhören den Eindruck hatte, man könne das gar nicht anders singen.
Olaf Bärs Jesus verkörpert für mich die ideale Verbindung von Mensch und Gottessohn - weder so durch und durch menschlich wie Ulrik Cold bei Herreweghe I (den ich dennoch sehr gerne höre) noch so goldglänzend kandiert wie Fischer-Dieskau. Seine helle Stimme, sein milder Ton, die durchweg hervorragende Textausdeutung (die trotz einer gewissen grundsätzlichen Milde auch höchst expressive Momente hat) nehmen mich sehr für ihn ein, obwohl mich sein schnelles Vibrato an anderer Stelle oft stört. Aber seine Wiedergabe der Einsetzungsworte oder die Darstellung der Gethsemane-Szene sind schon eine Klasse für sich.
Kiri Te Kanawa hat man ja oft vorgeworfen, wenn sie singe, dann singe sie in der Regel eine lange, wunderschöne Vokalise. Umso überraschender ist es, dass es hier nichts dergleichen gibt. Der Text ist gut verständlich, auch wenn es hier und da mal einen leichten Akzent, eine nicht ganz idiomatische Vokalfärbung gibt. Sieht man von derlei Kleinigkeiten ab, so singt Kiri Te Kanawa, deren lichtes Timbre bestens zu Bachs Musik passt, ausgesprochen schön. Sie klingt im „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ vielleicht nicht ganz so ätherisch wie Barbara Schlich bei Herreweghe I und Koopman I, doch ist dies eine ausgesprochen berührende Wiedergabe. Lediglich hier und dort wäre ein wenig mehr Textauslegung, ein wenig mehr Nuance im Ausdruck schön.
Über Anne Sofie von Otters Interpretation der Alt-Arien und Accompagnati kann man eigentlich nicht viel sagen. Schon ihre Wiedergabe von „Buß und Reu“ ist herzerweichend (herrlich die leicht gestoßenen Achtel bei „dass die Tropfen meiner Zähren“), ihr „Erbarme Dich“ ist nicht nur mustergültig, sondern von jener ganz außergewöhnlichen verinnerlichten Intensität, die sonst mE nur Christa Ludwig erreicht. Wie deutlich merke ich hier wieder, dass ich in diesen Arien eigentlich keinen Countertenor hören mag, weder Paul Esswood noch Michael Chance noch Kai Wessel und auch und gerade den glattgebürsteten Andreas Scholl nicht.
Anthony Rolfe Johnson singt die Tenor-Arien und –Accompagnati ebenfalls ausdrucksstark (mit herrlicher innerer Ruhe beispielsweise „Ich will bei meinem Jesu wachen“), hat auch mit der virtuosen „Geduld“-Arie keinerlei Schwierigkeiten. Lediglich die deutsche Aussprache macht ihm ab und an zu schaffen.
Einziger Ausfall ist – leider - Tom Krause, dem die Bass-Partien anvertraut sind. Ich gebe zu, ich war nie ein Fan dieses Sängers, hätte mich aber dennoch gern eines Besseren belehren lassen. Hier finde ich ihn aber wirklich sehr mäßig. Die Stimme klingt alt, schwerfällig, schon fast abgesungen. Die Darstellung ist durchweg hölzern, streckenweise gewollt. Sprachlich stört mich seine permanente Betonung von Nebensilben, sie vielen „Hs" in den melismatischen Passagen. Einzelne Beispiele zu geben wäre müßig, denn die Problematik durchzieht fast jeden Takt seiner Darstellung, lediglich die Wiedergabe von „Komm, süßes Kreuz“ ist recht gelungen. Wenn ich aber daran denke, wie der junge Fischer-Dieskau bei Richter das „Mache dich, mein Herze, rein singt“ und dann das hier höre…
Der Chicago Symphony Chorus, der hier mir 80 Sängerinnen und Sängern besetzt ist, klingt nicht einen Moment lang nach einem kleineren Ensemble, auch wenn er über hervorragenden Piano-Gesang verfügt, wenn er will und soll. Die Choräle gefallen mir in ihrer Darstellung gut, es wird stets der Satzsyntax gefolgt, Zäsuren werden nur an vereinzelten, logisch nachvollziehbaren Stellen gesetzt. Die Turbae sind stets kraftvoll dabei jedoch nie mulmig, sondern stets durchsichtig. Der drei großen Chorsätze gefallen mir aufgrund ihres großen Klanges und der dennoch differenzierten Gestaltung. Einzig der Chorsopran ist so ganz meine Sache nicht. Das klingt es schon bisweilen ein wenig nach Oper und in der hohen Tessitur gibt es ab und an einen Hang zum Wobble.
Die kleine Besetzung des Chicago Symphony Orchestra spielt ausgesprochen geschmackvoll, ohne je in den Vordergrund zu wollen ohne interpretatorische Mätzchen und Idiosynkrasien. Besonders gefällt mir - neben David Schraders unaufgeregtem Spiel an der Continuo-Orgel – Mary Sauer an der Viola da gamba.
Nach meinem Dafürhalten eine – besonders wegen der ausgesprochen hochklassigen Solisten – durchaus hörenswerte Einspielung.
Van Beinum (30.03.1958, live, Concertgebouw Amsterdam) – Ernst Haefliger (Evangelist), Heinz Rehfuss (Jesus), Erna Spoorenberg, Annie Hermes, Simon van der Geest, David Hollestelle (Bass, Arien), Hans Willbrink (Bass, kleine Partien), Jongenskoor van Zanglust, Tonkunstkoor Amsterdam, Concertgebouworkest
Am 31. März 1947 dirigierte Eduard Van Beinum seine erste Matthäus-Passion im Amsterdamer Concertgebouw. Er setzte damit jene Tradition fort, die am 08. April 1899 mit Willem Mengelberg begonnen hatte, von dessen Aufführung aus dem April jenen Jahres, in dem Hitler Polen überfiel, ein Mitschnitt erhalten ist. Von den Aufführungen, die Van Beinum zwischen 1947 und 1958 geleitet hat, gab es nur einen Torso. Erst kürzlich wurde ein kompletter Mitschnitt aus dem Jahre 1958 entdeckt, der zeigt, warum die Rezensenten schon 11 Jahre zuvor von Van Beinums Aufführungen begeistert waren.
Der Kritiker Gaffel drückt seinen Eindruck in der niederländischen Zeitung „Trouw“ folgendermaßen 1947 aus: „Bach tauchte endlich – gereinigt wie Rembrandts ‚Nachtwache’ – für jene die ihn noch nicht in Naarden getroffen hatten, in Amsterdam auf.“ In Naarden gab es bereits seit 1937 die Tradition, Bachs Passion ungekürzt und deutlich verinnerlichter, authentischer und aufzuführen als in Amsterdam.
Leo Hanekroot von der heute nicht mehr existierenden „De Tijd“ holt etwas weiter aus: „Nüchternheit, Transparenz, Intimität und sinnvolle Zurückhaltung bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Ausdruckes: dies sind die Elemente, die Van Beinums Ansatz auszeichnen. Er hat jener individualistischen Haltung abgeschworen, die die Solisten in den Vordergrund stellt, und stieß das Tor zu den Tiefen des Werkes und das Fenster auf, das das Werk zur Ewigkeit hin eröffnet. Darüber hinaus respektiert er die von Bach geforderte Orchesterbesetzung und behält die Trennung des Doppelchors durchgehend bei.“
Tatsächlich wirkte Beinums Bach in seiner Abkehr von Mengelbergs Ausführungsprinzipien auf die Zeitgenossen ausgesprochen modern. Für heutige Ohren, die bisweilen (nur) an einen minimale Besetzung a là McCreesh oder Kuijken kennen, ist das wahrscheinlich kaum nachvollziehbar - es sei denn, man hört direkt nacheinander Mengelbergs Einspielung und dann diese. Aus gegenwärtiger Perspektive klingt diese Aufnahme der Passion, die im Übrigen im gleichen Jahre entstand wie Karl Richters herausragende erste Einspielung des Werkes, groß, erhaben, „romantisch“ - aber auch ungekünstelt, im besten Sinne schlicht und eben ohne die Extravaganzen, die Mengelberg sich geleistet hatte.
Die Solisten, die Van Beinum bei dieser Aufführung zur Verfügung standen, gehörten - neben den beiden Schweizern Haefliger und Rehfuss (der gebürtiger Frankfurter war) – zum Besten, was die Niederlande in jenen Jahren zu bieten hatten. Doch zunächst zu Haefliger und Rehfuss.
Ernst Haefliger gestaltet die Rolle des Evangelisten würdig, in erzählendem Gestus, im Ganzen eher dezent als hochemotional gestaltend. Es ist ein Evangelist, der vom Affekt nicht allzu stark beeinflusst wird, sondern das Stimme gewordene Evangelium, meist über den Dingen stehend. Umso eindrucksvoller ist es, wenn er Akzente setzt – beispielsweise bei Jesu Gefangennahme, vor Pilatus („…aber Jesus schwieg stille.“), bei der Darstellung des Weinen Petri oder der Kreuzigungsszene. Stimmlich ist Haefliger vollkommen auf der Höhe.
Heinz Rehfuss wurde als Sänger zu seiner Zeit stark mit Rollen wie Don Giovanni, Golaud oder – ganz besonders – Boris Godunow assoziiert. So ist es kein Wunder, dass wir hier einem großen Jesus begegnen. Rehfuss’ Stimme ist groß, aber nicht polternd (wie Engen bei Richter), nicht mehr ganz jung und große Würde ausstrahlend. Er passt hervorragend zu Haefligers Evangelisten, weil er keinen Mensch gewordenen Gottessohn zeichnet, sondern einen auch in den schwersten Momenten seines Leidens kaum anfechtbaren Sohn Gottes. Die über ihn kommenden Zweifel im Garten Gethsemane nehme ich ihm nicht so recht ab. Hier ist einer, der um seine Herkunft und um seine Auferstehung weiß.
Erna Spoorenbergs Darstellung der Sopranpartie spricht mich unmittelbar an. Ihr Vortrag ist ausgesprochen nuancenreich, nie wirkt sie aufgesetzt (man höre die ehrliche Empörung im B-Teil der Arie „Blute nur“), ist immer intensiv (wie wunderbar gelingt ihr beispielsweise das von Van Beinum sehr langsam genommene „Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt“). Die zentrale Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ geht mir geradezu ins Mark.
Annie Hermes, die die Matthäus-Passion schon bei Mengelberg, aber auch in Naarden schon häufig gesungen hatte, war eine der gefragtesten Oratoriensängerinnen ihrer Zeit. Ihre voller, warmer, echter Alt hat einen mütterlichen jedoch nie matronenhaften Ton, den sie (auch in hoher Lage) ganz ohne Druck und Anstrengung führt. Wunderbar gelingt ihr das „Ach wo ist mein Jesus hin“, ihre Wiedergabe des „Erbarme dich“ und des „Ach, Golgatha!“ ist im Affekt leicht zurückgenommen, sie drückt nicht auf die Tränendrüse, sondern singt ganz natürlich und darin ausgesprochen berührend.
Die Rezitative und Arien für Tenor sind Simon van der Geest anvertraut, der in den Niederlanden auch ein gefragter Evangelist war (Naarden). Seine helle, lyrisch und ganz klare Tenorstimme, die dennoch über einen starken Kern verfügt, finde ich ausdrucksstark und für diese Partie bestens geeignet. Das zeigt sich auch in seiner technisch und gestalterisch vollkommen sicheren Wiedergabe der nicht unproblematischen Geduld-Arie.
Der zu seiner Zeit renommierte niederländische Chorleiter und Bassbariton David Holestelle übernimmt die Gestaltung der Bassarien – und Accompagnati. Auch er hat eine große Stimme mit wotanesker Klangfarbe, die er jedoch durchweg leicht zu führen versteht und die auch in der hohen Tessitur immer geschmeidig klingt. Lediglich für die etwas virtuosere Arie „Gebt mir meinen Jesum wieder“ ist die Stimme einen Tuck zu schwer.
Hans Willbrink gestaltet die kleineren Bass-Partien (Petrus, Judas, Pilatus) plastisch, mit gutem Gespür für die „Szene“.
Der Amsterdamer Tonkunstkoor ist seit Mengelberg im Concertgebouw für die Gestaltung der Chöre der Matthäus-Passion zuständig. Bei Van Beinum sind es sicher keine 450 Sängerinnen und Sänger mehr, es ist aber immer noch ein großer Chor. Doch letztendlich wird nicht versucht, durch die schiere Klangmasse zu überwältigen. Sicher, der Chor kann in den Turbae sehr schön zupacken. Es ist schon eindrucksvoll, wenn das „Ja nicht auf das Fest“ im Piano beginnt und sich dann in Tempo und Lautstärke so machtvoll steigert wie hier. Auch das Keifen des „Weissage, weissage“, die „Kreuzige-Chöre“ ist in dieser Besetzung überwältigend, aber das ist nicht alles. Der Chor hat auch ein herrliches Piano, kann ganz zurückgehen, ist recht flexibel und meist sehr präzise. Es gehört zu den Realitäten von Live-Aufführungen, dass es Momente gibt, in denen sich ein Wackler einschleicht und hier ist es bspw. In „Ach! nun ist mein Jesus hin“ / „Wo ist denn dein Freund hingegangen“ soweit. Aber wer wollte dies bekritteln?
Mir gefällt Van Beinums Ansatz gut, er deutet in seinem insgesamt zurückgenommenen Gestus schon auf die verinnerlichte niederländischen Interpretationslinie hin, die sich in den folgenden Jahrzehnten entwickelte und die mich persönlich wohl am meisten anspricht. Die von den Zeitgenossen wahrgenommene Modernität steckt mE in der Haltung dem Werk gegenüber, nicht so sehr in der musikalischen Ausführung. Da gibt es schon eine Verwurzelung in der romantisierenden Tradition, beispielsweise in den sehr moderaten (aber insgesamt dennoch immer fließenden) Tempi, in der mehr oder minder identischen Herangehensweise an die unterschiedlichen Choräle, die Van Beinum durchweg als Momente der Ruhe, als ein Atemholen inszeniert. Schließlich sind die wenigen Takte des "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" fast große Oper.
Ozawa (09/1987) – John Mark Ainsley (Evangelist), Thomas Quasthoff (Jesus), Christiane Oelze, Nathalie Stutzmann, Stanford Olsen, Michael Volle, SKF Matsumoto Children’s Choir, Tokyo Opera Singers, Saito Kinen Orchestra
Manche Produktionen floppen einfach. Gründe dafür kann es viele geben: schlechtes Marketing, der falsche Dirigent, die falschen Solisten, der falsche Chor, das falsche Label, ein ungünstiger Zeitpunkt oder tatsächlich eine irgendwie geartete mangelnde Qualität der Ausführung. Kaum etwas davon scheint auf den ersten Blick auf die Seiji Ozawas Einspielung der „Matthäus-Passion“ zuzutreffen und doch hat sie nicht so recht einen Platz im öffentlichen Bewusstsein ergattern können. Ist es etwa eine reservierte Haltung gegenüber einer asiatischen Bach-Exegese, die dieser Produktion aus dem Westen entgegenschlägt? Ich halte ein Raunen in dieser Richtung für einigermaßen abwegig, schließlich werden auch Mazaaki Suzukis Bach-Einspielungen aller Orten gelobt - wenn auch bisweilen etwas über den grünen Klee, wie ich meine. Sein Bach ist nicht schlechter, weil er in Fernost gemacht wird, er ist aber gerade deswegen auch nicht außergewöhnlicher als das, was in Europa ein Herreweghe, ein Koopman, ein Gardiner oder ein Kuijken leisten oder geleistet haben. Doch das ist ein anderes Kapitel. Auch für meine bescheidene Einschätzung Ozawas spielt derlei keine Rolle.
Tatsache ist: Ozawas „Matthäus-Passion“ basiert auf seiner lebenslanger Beschäftigung mit dem Werk Bach, bringt große Namen und vermag es auch nicht 5 Minuten, mich zu fesseln. Gründe dafür gibt es einige, wobei manche da für mich mehr Gewicht tragen als andere. Mein größtes Problem mit dieser Aufnahme ist, dass Ozawa zwar das Werk aufführt, aber nicht in der Lage ist, eine Atmosphäre herzustellen. Wenn ich im Vergleich hierzu kurz in Herreweghe I hineinhört, so wird mir die Abwesenheit eines Gefühls für Aussage und Kern dieses Werkes frappant deutlich. Töne, nichts als Töne. Hinzu kommt, dass Ozawa der Musik keinen Raum zum Atem zur Entfaltung lässt. Gerade die Rezitative des Evangelisten - aber auch so manche Arie und so mancher Turba-Chor - klingen durchexerziert, fast nebensächlich, das Orchesterspiel verstärkt diesen Eindruck: sehr vertikal, kein Bogen, Hektik, Mechanik (man höre einmal als schon bald groteskes Beispiel „Mein Jesus schweigt zu falschen Lügen still“). Alles durch und durch korrekt, aber – ich lehne mich jetzt einmal bewusst weit aus dem sprachlichen Fenster – ohne innewohnenden Geist. Das Ganze klingt, als würde ein Steuerfachangestellter dirigieren (Alle Ähnlichkeit mit lebenden Personen und besonders Capricciosi sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig).
Aber auch die „All-Star-Cast“ macht mich nicht wirklich glücklich.
So singt John Mark Ainsley, den ich an sich ausgesprochen gern höre, den Part des Evangelisten etwas unbeteiligt, ja bald nebensächlich. Nun lässt ihm Ozawa auch nicht sonderlich viel Raum, um den Evangelientext auszudeuten, aber er nutzt auch den ihm zur Verfügung stehenden kleinen Raum kaum, sodass die Darstellung über weite Strecken einigermaßen blass bleibt. Geht er aus sich heraus, so klingt es schnell übertrieben (sehr deutlich: „Und siehe da, der Vorrang im Tempel zerriss“). Seinen Akzent empfinde ich hier als etwas zu deutlich.
Was Ainsley zu wenig hat, hat Thomas Quasthoffs Darstellung des Jesus dafür zu viel: ein Übermaß an Gestaltung, ohne dass dabei ein Bild der Figur entstünde. Tatsächlich empfinde ich die Darstellung durch und durch maniriert, voller Mätzchen („Älli älli, lama asabthani“), mal salbungsvoller als Fischer-Dieskau, dann wieder höchst aggressiv. Was für ein Jesus soll das nun sein? Am anstrengendsten empfinde ich aber sein ständiges Spiel mit der Dynamik, das gestaltend sein soll und doch wie eine Marotte klingt. Ich habe selbst bei einigen Aufführungen der Passionen mitgesungen, in denen Quasthoff entweder Jesus oder die Arien sang. Alle waren wesentlich berührender als dies.
Christiane Oelzes Sopran klingt sehr groß, wird aber hier schwerfälliger geführt als in vielen anderen Aufnahmen, die ich mir ihr kenne. Wenig gelungen – aber das scheint mir eher Mr Ozawa’s fault zu sein – ist „Ich will dir mein Herze schenken“: die einzige heitere Arie des Werkes, die leicht schweben und „swingen“ kann, läuft hier ab wie Daumenkino. Gleiches passiert in „Er hat uns allen wohlgetan“. „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ verbleibt im Kühlen.
Dann Natalie Stutzmann. Ich gebe zu, dass ich sie im Großen und Ganzen nicht sonderlich gerne höre. Diese Aufnahme kann mich aber leider auch nicht bekehren. Ihre Stimme ist schwer, sie vibriert sich durch die Partie, inszeniert mE ein Übermaß an Emotionalität, indem sie immer wieder unschöne Portamenti einbaut und sehr eigentümlich artikuliert (statt „Erbarme Dich“ ständig „Irrrrbarme Dich“). Das wirkt alles sehr gewollt, extrovertiert, affektiert, divenhaft. Insofern stellt Stutzmanns Herangehensweise genau das Gegenteil von dem dar, was ich persönlich an dieser Stelle angemessen finde.
Stanford Olsens leichter Tenor eignet sich grundsätzlich gut für die Arien und Rezitative. Er singt fast akzentfrei, nur die deutliche Betonung der Nebensilben verrät, dass er kein Muttersprachler ist. Allerdings will mir sein etwas quäkendes Timbre nicht so recht gefallen, das besonders in den Melismen der „Geduld“-Arie nicht gut klingt.
Lediglich Michael Volles Wiedergabe der Bass-Arien und -accompagnati finde ich weitestgehend gelungen. Seine große Stimme mag an der einen oder anderen Stelle zwar etwas hart klingen, hier und da wäre es schön, wenn er dynamisch etwas zurückginge, aber er phrasiert sehr schön und setzt den Text durchweg stimmig um. Es ist sicher keine ganz große Darstellung dieser Partie, aber sie ist immerhin solide.
Der Tokyo Opera Choir gefällt mir insgesamt gut. Zwar sind die Soprane in den drei großen Chorsätzen nicht immer ganz schön (z.B. bei den Einwürfe im Eingangschor „wen“, „wie“, „was“, „wohin“), dafür klingt das Ensemble – obwohl noch einigermaßen groß – durchsichtig, in den Turbae kraftvoll und dramatisch schlüssig gestaltend. Echte Highlights sind mE die Choräle, die Ozawa trotz der Unruhe, die sich insgesamt durch diese Aufnahme zieht, bestens. Das sind endlich überzeugende Momente des Innehaltens, der Reflexion, die gelingen, weil sie schlicht und ohne jeglichen Schnickschnack gesungen werden.
Insgesamt mE eine Produktion, bei der viel gewollt und wenig erreicht wurde.
Kuijken (2009) – Gerlinde Sämann (Sopran I), Petra Noskaiová (Alt I), Christoph Genz (Evangelist, Tenor I), Jan Van Der Crabben (Jesus, Bass I), Marie Kuijken (Sopran II), Patrizia Hardt (Alt II) Bernhard Hunziker (Tenor II) Marcus Niedermeyr (Bass II), La Petite Bande
Wenn ich diese Aufnahme höre, so erinnere ich mich unweigerlich an die Sonntage, an denen ich einst früh am Morgen als ganz jungen Chorsänger mit triefender Nase und nicht so recht bei Stimme im Hochchor der Hildesheimer Michaeliskirche gestanden habe, um im Frühgottesdienst mit 3 bis 7 anderen Choristen Schütz-Motetten zu singen. Der Gesang schwebte langsam verklingend durch den großen, schlichten ottonischen Kirchenraum und nicht selten war ich berührter von diesen ganz intimen Momenten als von den Aufführungen großer Oratorien. Ich stellte mir nicht selten vor, wie einst auch Bachs Knaben durch den Regen gelaufen sind, um in der ungeheizten Thomaskirche auf der Empore zu stehen und Musik zu machen: „War es auch in etwa so, als im April 1727 erstmalig die ‚Matthäus-Passion’ durch das Schiff der Thomaskirche schwebte?“
Sicher war es ein insgesamt eher kleinformatiges Ereignis, das sicherlich weder klang wie bei Klemperer, Karajan, Van Beinum noch wie bei Harnoncourt, Herreweghe, Koopman oder Suzuki. Wahrscheinlich gab es keinen Chor, sondern nur Solisten, die sich in den Chorsätzen zusammenfanden. Die bekannten Thesen (und die ebenso bekannte Kontroverse zum Thema) muss ich hier nicht wiederholen, sie sind am Anfang dieses Fadens nachzulesen. Die Aufnahme Sigiswald Kuijkens, die nach ihrem Erscheinen großen Anklang gefunden hat, geht indem er sie solistisch besetzt (wie auch McCreesh) einen großen Schritt zurück zu diesen Wurzeln. Den letzten Schritt – nämlich wie Leonhardt oder Harnoncourt I Knaben singen zu lassen -, den geht Kuijken allerdings nicht. Sein Sängerensemble ist gemischt, es gibt auch keine Counter.
Der „Chorklang“ lässt sofort aufhorchen. Das klingt natürlich im ersten Moment etwas ungewohnt: vollkommen verschlankt, überaus transparent, licht und doch ganz weich im Ton, absolut homogen. Die einzelnen Sänger sind hier ein Klangkörper, keiner sticht hervor keiner gibt den „Primus inter pares“ (mE eine Schwäche der McCreesh-Aufnahme). Die Eckchöre, sowie der Schlusschor des ersten Teiles klingen auf diese Weise ganz wunderbar – geradezu meditativ. Immens eindrucksvoll gelingt im Eingangschor die Darstellung des Sopran-Chorals. Er schwebt ganz leise im Hintergrund, das Geflecht der konzertierenden Stimmen wie der innewohnende Geist, das Pneuma durchziehend.
Die Choräle empfinde ich als ausgesprochen natürlich im Fluss, ganz an der Choralzeile orientiert, sehr dezent, jeder Ton wird wohldurchdacht geformt: alles in allem jeder eine kleine Meditation. Kuijken nimmt sie – wie auch Frans Brüggen – ziemlich zügig, sodass sie kaum nach Gemeindegesang klingen.
Die Turbae sind sehr schwingend, mit viel Drive gespielt, aber im Affekt moderat. Ich kann, wenn ich hier das „Sind Blitze, sind Donner“, das „Er ist des Todes schuldig“, das „Weissage, weissage“ höre, nicht umhin für mich persönlich zu konstatieren: Hier habe ich – historisch korrekt oder nicht – einfach gern etwas mehr Fleisch am Gerippe. Das muss nicht rasend schnell musiziert werden, aber etwas beängstigender darf das für mich schon sein. Sonst können beispielsweise – an dieser Stelle wird mE ein entscheidendes Problem deutlich - die deutlichen Kontraste innerhalb der Kreuzigungsszene verwischen und nur undeutlich wahrgenommen werden. (die „Lass ihn kreuzigen“-Chöre unterscheiden sich klanglich nicht entscheidend vom Choral „Wie wunderbarlich ist doch die Strafe“).
Überhaupt ist die etwas gehemmte Affektivität dieser Aufnahme ihr vordringliches Charakteristikum. Kuijkens Deutung ist durch und durch dezent, bescheiden, verinnerlicht. Diese Haltung scheint mir nicht aufgesetzt, man hört vielmehr eine echte Passionsmusik, ohne jeglichen Tand, demütig, vergeistigt, fast ohne jegliches weltliches, ja: dramatisches Element. Dieser Gestus durchzieht mE das gesamte Musizieren, nicht nur die Darstellung der Chorsätze, sondern auch die der Arien und Rezitative.
Christoph Genz’ Stimme klingt sehr jung, leicht, in der Höhe und auf manchen Vokalen bisweilen mit etwas flachem Ton. Seine Darstellung des Textes hat mE einen stark erzählenden Duktus, er singt durchweg wenig Ton. Manchmal wirkt dadurch die Erzählung auf mich etwas nebensächlich. Ein Sich-Involvieren, ein Aus-Sich-Herausgehen erlebe ich selten.
Die Tenor-Arien und – accompagnati werden ebenfalls sehr zurückgenommen, in „Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille“ werden Affekte von Bernhard Hunziker zwar angetupft, aber natürlich nicht ausgesungen. Die „Geduld“-Arie steht Hunziker nicht übermäßig gut zu Gesicht. Das Stück bewegt sich am Rande dessen, was für ihn gut machbar ist, sein die melismatischen Passagen auf dem Vokal „e“ („stechen“) klingen dann schon recht quäkig.
Jan Van der Crabben klingt sehr ähnlich. Eine junge, eher kleine Stimme, als Bass sehr hell, in der hohen Lage fast tenoral, vollkommen unpräteniös und in der Darstellung der Jesus-Rolle sehr menschlich. Es ist nicht so sehr der Gottessohn, kein „Meister“, der hier spricht, sondern der Sohn eines Zimmermanns, ein Mann aus dem Volk.
Die Bass-Arien – auch so eine eher expressive wie „Gebt mir meinen Jesum wieder“ (gesungen von Marcus Niedermeyr) – sind (ganz im Sinne der Gesamtanlage) eher weichgezeichnet, werden ohne spürbare innere Erregung vorgetragen. Auch so ein tiefschürfendes Accompagnato wie „Am Abend, da es kühle war“ ist von vollkommener Gleichmut, von barocker Serenitas durchzogen. Die folgende und in meinen Ohren schönste Bass-Arie der Passion „Mache Dich, mein Herze, rein“, gefällt mir Van Der Crabbens sehr zarter Herangehensweise sehr – und das nicht zuletzt, weil sie bisweilen auch etwas Gefühl zulässt.
Gabriele Sämann verfügt über eine außergewöhnlich engelsgleiche Stimme, nicht sonderlich voluminös, dafür ganz licht, irgendwie kindlich und fast schwebend, bisweilen mit einem ganz leichten, angenehmen Vibrato. Dass ihre Tiefe eher dünn ist, vergesse ich angesichts ihres besonderen Tons in der Höhe gern. Allerdings würde ich mir bisweilen doch einen Deut mehr an Expressivität wünschen, was aber wiederum nicht ins Gesamtkonzept passen würde. In der Darstellung der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ kann sie die Vorteile ihrer Stimme wunderbar einsetzen.
Petra Noskaiovás Darstellung der Altarien und –accompagnati ist mE ebenfalls sehr delikat, immer sehr zurückgenommen, selten lauter als Mezzoforte. Das „Erbarme Dich“ nimmt Kuijken zügig (06:01) und ausgesprochen schwingenden. Petra Noskaiová schwebt wie aus dem Nichts hinein, ätherisch, sphärisch, aus einer anderen Welt. Das kann man als stille, fast stumme Trauer verstehen, mich persönlich geht aber ein Vortrag, wie ihn Christa Ludwig oder Anne Sofie von Otter mehr an. Gleiches gilt für das von Patrizia Hardt gestaltete große Accompagnato „Erbarm es Gott!“ und die sich anschließende Arie „Können Tränen meiner Wangen“ (05:57), die mir einfach ein wenig zu beschwingt daher kommen.
Insgesamt finde ich diese Einspielung der „Matthäus-Passion“ auf ihre Weise sehr reizvoll, obwohl ich von dramatischeren Einspielungen schneller mit ins Passionsgeschehen hineingezogen und von ihm angegangen werde. Kuijkens protestantisch-schlichter Ansatz, meidet so gut wie jede Zuschaustellung von Gefühlen und die im Werk mE durchaus aufzufindende Emotionalität. Man mag ihm also, wenn man denn will, eine gewisse interpretatorische Askese vorwerfen. Doch auf der anderen Seite fordert diese Einspielung – und darin liegt mE ihr großes Verdienst – die Mitarbeit des Zuhörers und lässt diesem den Raum zur individuelle Auseinandersetzung mit der Leidensgeschichte, indem sie ihm kaum Affekte zum einfachen Hineinfühlen mit an die Hand gibt. Die eigene Kontemplation wird auf diese Weise nicht von äußeren Reizen gestört. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass der Hörer, der die Matthäus-Passion in keiner anderen Interpretation kennt, das Werk so für eher gleichförmig und wenig abwechslungsreich halten mag, was es – ich denke mit der Behauptung stehe ich nicht allein – in keinem Falle ist.
:hello Agravain
Maurice inaktiv (25.03.2013, 13:55): Ich bin kein großer Oratorien-Kenner,auch wenn ich einige hier stehen habe und höre,aber ein großes Lob fü diese wunderbaren Analysen dieses Werkes.
Hier schreibt jemand,der sich WIRKLICH auskennt,klasse!!Vielen Dank für Deine Kritiken hier.Weiter so!!!Ich bin echt begeistert!!
VG,Maurice
Heike (25.03.2013, 17:59): Lieber Agravain, ich liebe die Kuijken- Aufnahme mehr als alle anderen, diese Schlichtheit der solistischen Interpretation geht mir ans Herz, weil ich sie in dieser unaufgeregten musikalischen Intimität als besonders intensiv empfinde.
Da kann - vor allem auch wegen den starken Bildern - nur die DVD mithalten, die es inzwischen von der Berliner Sellars- Rattle- Aufführung gibt.
Noch eine Bemerkung zu einer live-Aufführung, die ich gestern in der Philharmonie hörte (Berliner Bachakademie, CPE Bach Chor HH): Daniel Johannsen sang einen ganz ganz starken Evangelisten (und auch noch die Tenor-Arien)! Der Name war mir vorher überhaupt nicht präsent und ich bin völlig hingerissen von seiner Darbietung gewesen, tadellos!
Agravain (25.03.2013, 18:02): Original von Maurice André Ich bin kein großer Oratorien-Kenner,auch wenn ich einige hier stehen habe und höre,aber ein großes Lob fü diese wunderbaren Analysen dieses Werkes.
Hier schreibt jemand,der sich WIRKLICH auskennt,klasse!!Vielen Dank für Deine Kritiken hier.Weiter so!!!Ich bin echt begeistert!!
VG,Maurice
Lieber Maurice,
vielen Dank! Es freut mich, dass Du meine Texte lesenswert findest. Viele Besprechungen werden dieses Jahre allerdings nicht mehr. Eine - vielleicht auch zwei - schaffe ich noch. Dann geht es erst in der nächsten Passionszeit weiter.
:hello Agravain
Agravain (25.03.2013, 18:10): Original von Heike Lieber Agravain, ich liebe die Kuijken- Aufnahme mehr als alle anderen, diese Schlichtheit der solistischen Interpretation geht mir ans Herz, weil ich sie in dieser unaufgeregten musikalischen Intimität als besonders intensiv empfinde.
Da kann - vor allem auch wegen den starken Bildern - nur die DVD mithalten, die es inzwischen von der Berliner Sellars- Rattle- Aufführung gibt.
Liebe Heike,
ich kann mir gut vorstellen, dass man die Kuijken-Aufnahme sehr schätzen kann. Ich hoffe, meine kleine Besprechung hat es in Deinen Ohren nicht anders klingen lassen. Sie verkörpert zwar nicht mein Ideal (da ist Herreweghe I näher daran), aber ich finde sie schon ausßergwöhnlich - und deutlich "stimmiger" als die solistische McCreesh-Aufnahme.
Die Rattle-DVD habe ich kürzlich gesehen, aber leider haben mich die Bilder nicht so recht angegangen. Das war bei Neumeier anders, da bin ich ehdem direkter hineingesogen worden.
Bisweilen haben szenischen Aufführungen es aber auch mit meiner nicht immer konstistenten Tagenform zu tun. Ich werde darum kommendes Jahr sicher wieder in die DVD hineinschauen.
:hello Agravain
Heike (26.03.2013, 08:09): Lieber Agravain, ich glaube, das Neumeier- Ballett und die Rattle-Sellars-DVD kann man nicht vergleichen. Die Berliner Aufführung musiziert live, alle Protagonisten spielen und singen auch auf der Bühne, der Chor spielt. Die Bilder illustrieren nur sparsam die Szenen, das unbestritten Wichtigste bleibt die Musik. Trotzdem finde ich die Sellars-Umsetzung sehr eindrucksvoll, gerade weil sie so sparsam bleibt. Aus der durchweg hochkarätig besetzten Solistenriege ragen vor allem Padmore als Evangelist und Gerhaher als Jesus heraus. Dazu die großartigen Instrumentalsolisten der Philharmoniker. Aber der eigentliche Star ist für mich der Rundfunkchor: Wenn nicht solistisch, dann so! Heike
Agravain (26.03.2013, 08:40): Liebe Heike,
nein, vergleichbar sind die beiden Ansätze natürlich nicht. Es ging mir nur darum darzustellen, dass mich das eine unmittelbar in seinen Bann schlug, das andere hingegen nicht. Das hindert mich nicht daran, es noch einmal und ggf. auch noch einmal anzusehen.
Musikalisch - da kann ich Dir ohne mit der Wimper zu zucken zustimmen - war das in der Tat eine Aufführung auf sehr hohm Niveau. Ein Freund von mir, der damals in der Philharmonie sein durfte, ist bis heute hin und weg.
Bernstein (1962) – David Lloyd (Evangelist), William Wildermann (Jesus); Adele Addison, Betty Allen, Charles Bressler, Donald Bell, Boys’ Choir of The Church of the Transfiguration, The Collegiate Chorale, New York Philharmonic – in englischer Sprache, gekürzt
Die 60er Jahre des 20.Jahrhundert brachte mehrere Verfilmungen des Lebens Jesu hervor. Noch bevor George Stevens 1965 „The Greatest Story Ever Told“ in die Kinos brachte, lief 1961 Nicholas Rays „King of Kings“ an. Ganz wie ich diese Filme in Erinnerung habe, so klingt in meinen Ohren auch Leonard Bernsteins Einspielung der „Matthäus-Passion“ – oder der „St Matthew Passion“, wie ich korrekterweise sagen sollte, handelt es sich doch um eine Aufnahme in englischer Sprache. Es mag uns seltsam vorkommen, aber ein großer Teil der englischsprachigen Welt hat Bach „in the vernacular“ kennengelernt (im Falle von Händels „Der Messias“ war es ja mehr oder minder andersherum), sodass ich Interpretationen wie diese nicht zwangsläufig aufgrund der Sprachbarriere ignorieren möchte.
Wenn ich oben sage, dass mich diese Aufnahme an die Monumentalfilme der 60er erinnert, so muss ich das ein wenig relativieren, denn Bernsteins Aufnahme hat mE nicht das Ziel, durch ihre Gewaltigkeit zu erschüttern. Dazu wird hier über weite Strecken – man mag es kaum glauben – zu bescheiden und ohne die ganz große, die ganz expressive Geste musiziert - die ich übrigens vorurteilsbehaftet durchaus von Bernstein erwartet hatte. Jedoch ist es eher die ehrfürchtige Haltung der Geschichte gegenüber, die mE beides verbindet. Bernstein schlägt – bisweilen nutzen Filme dieser Zeit ja durchaus solche Bilder – den in Leder gebundenen Folianten auf und erzählt dem Zuhörer die Geschichte vom Leiden Jesu.
Schon der Eingangschor „Come, ye daughters, share my mourning“ klingt bei Bernstein nicht kontemplativ, sondern durch und durch narrativ. Es ist die Ouvertüre zur „Größten Geschichte aller Zeiten“, die hier angestimmt wird. Das klingt stark ahnungsvoll, drängend, brodelnd. The Collegiate Choir ist zwar ein großes Ensemble und – wenn es sein muss – auch klangmächtig, doch bleibt der Klang weitgehend schlank, das Ensemble gibt kein andauerndes Vollgas, sondern gestaltet höchst differenziert und farbenreich. Das gilt die Turbae, die - ganz Bernsteins dramatischer Konzeption folgend – ausgesprochen packend, zackig, aber nie grölend (auch nicht bei „Barrabas!“) daherkommen; das gilt aber ebenso für die Choräle, die Bernstein insgesamt sehr langsam nimmt, um dabei seine ausdruckszentrierte Lesart ihrer Texte voll auskosten zu können („When I too am departing“ – „Wenn ich einmal soll scheiden“). Insgesamt wird – dieses Eindruckes kann ich mich nicht erwehren – von allen Kräften vollkommen überzeugt an einem Strang gezogen - auch im Schlusschor, der schon beinahe unglaubliche 09:13 währt und auf mich wirkt, als würden sich hinter der Handlung die ehernen Bronzetüren der New Yorker Cathedral o St John the Divine machtvoll schließen.
Der Part des Evangelisten wird von David Lloyd gesungen, einem der führenden amerikanischen Tenöre der 50er Jahre. Lloyd, der übrigens erst im Februar 2013 im Alter von 92 Jahren verstorben ist, hat nach meinem Dafürhalten keine besonders anziehende Stimme. Ihr fehlt bisweilen die Geschmeidigkeit, er benötigt in hohen Lagen häufig eine ganze Menge Kraft, insgesamt klingt die Stimme etwas eng und das sehr deutliche und sehr schnell Vibrato strengt mich nach einiger Zeit doch an. Auf der anderen Seite identifiziert er sich – so wirkt es zumindest auf mich – vollkommen mit der Rolle, gestaltet ausgesprochen nachdrücklich und mit viel Ausdruck.
William Windermann, dem die Rolle des Jesus anvertraut ist, hat eine ganz eigentümliche Stimme, die zwar dunkel getönt, aber gleichzeitig – und das scheint mir recht ungewöhnlich - eher hart als weich klingt. Auch er vibriert deutlich. Seine Gestaltung der Rolle aber ist ähnlich emotional wie die Lloyds, wobei mich besonders die vollkommen unaufgeregt musiziert, würdig und schlicht gesungene Abendmahlsszene stark beeindruckt hat.
Die Stimmen der beiden afroamerikanischen Solistinnen haben mich beide überrascht, hatte ich doch eher typische (amerikanische) Frauenstimmen ihrer Zeit erwartet.
Doch der lyrische Sopran von Adele Addison ist schon fast untypisch für jene Jahre. Mit einem ganz weichen Ton und ganz leichter Führung der Stimme ist sie weit entfernt von manch einer Bach-Darstellung dieser Zeit, die auf Portamenti, Saft und Kraft und dramatischen Wobble setzt. Da gefällt mir nicht nur das vollkommen abgeklärte „Lord, to Thee my heart I proffer“ („Ich will Dir mein Herze schenken“), sondern auch das glasklare, ganz schwebend, zurückhaltend und fast virbratolos gesungene „In love my Saviour now is dying“ („Aus Liebe will mein Heiland sterben“).
Ähnlich bezaubert bin ich von der Mezzosopranistin Betty Allen. Auch sie hat eine eher elegante Stimme, leicht vibrierend, ohne jegliche matronenhafte Dicklichkeit, sehr ausdrucksstark, sowohl in den – von Bernstein zum teil sehr langsam genommenen – Accompagnati („O gracious Lord“ – „Erbarm es Gott“) als auch in den Arien, wobei ihr „Have pity, Lord, on me“ („Erbarme Dich“), das Bernstein ausgesprochen schwingend (06:37) spielen lässt, von einem ganz berührenden zarten, ja: schwebenden Charakter ist.
Tenor Charles Bressler hat aufgrund der von Bernstein vorgenommenen Kürzung (s.u.) nicht sehr viel zu tun. Seine helle, etwas flache Stimme ist leicht geführt und nicht ohne Ausdruck, wie es sich beispielsweise in dem enorm langsamen Accompagnato „O grief, how throbs this heavy laden breast!“ („O Schmerz! Wie zittert das gequälte Herz“) deutlich zeigt.
Die Bass-Arien, -Accompagnati und kleineren Rollen werden vom dem kanadischen Bassbariton Donald Bell gestaltet. Seine insgesamt baritonal gefärbte, samtweiche Stimme bekommt der Partie ausgesprochen gut – vielleicht mag dem ein oder anderen sein deutliches Vibrato nicht so sehr zusagen. Und doch: Mir gefällt außerordentlich, wie direkt und ohne Manierismen an seine Arien und Accompagnati herangeht. Besonders gelungen finde ich seine völlige innere Ruhe ausstrahlende Darbietung von „At evening, hour of calm and peace“ und „Make thee clean, my heart, from sin“ („Am Abend, da es kühle war“ – „Mache Dich, mein Herze, rein“).
Als ausgesprochen klangschön empfinde ich das zurückhaltende Spiel des New York Philharmonic. Das ist kein „symphonic Bach“, sondern der Klang eines verhältnismäßig klein und exquisit besetzten Orchesters, das den intimen Ton des Werkes bestens trifft und zudem über hervorragende Solisten (Violine Flöten, Oboen) verfügt.
Zu Bernsteins Herangehensweise an das Werk, das er in einem sich an die Passionsvertonung anschließenden Vortag zu den 10 bedeutendsten Werken der Musikgeschichte zählt, habe ich oben schon etwas gesagt. Leider gehört auch dazu, dass Bernstein stark gekürzt hat, was unter anderem auch darauf zurückgeführt werden kann, dass die Aufnahme im Anschluss an eine Reihe von Abonnementskonzerte der Carnegie Hall entstand, für die das Werk verkürzt wurde.
Hier abschließend ein Überblick über die Kürzungen:
Nr. 4c – 8 Da nun Jesus war zu Bethanien / Wozu dienet dieser Unrat / Da das Jesus merkete / Du lieber Heiland, du / Buß und Reu / Da ging hin der Zwölfen einer / Blute nur, du liebes Herz
Nr. 31 – 37 Die aber Jesum gegriffen hatten / Mir hat die Welt trüglich gericht’ / Und wiewohl viel falsche Zeugen / Mein Jesus schweig zu falschen Lüge stille / Geduld / Und der Hohepriester antwortete / Er ist des Todes schuldig / Da speieten sie aus / Weissage, weissage uns Christe / Wer hat dich so geschlagen
Nr. 40 – 43 Bin ich gleich von dir gewichen / Des Morgens aber / Gebt mir meinen Jesum / Sie hielten aber einen Rat
Nr. 45b (teilweise) – 46 Jesus aber stand vor dem Landpfleger / Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe
Nr. 50c – 50e Da aber Pilatus sahe, dass er nichts schaffete / Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten / Sein Blut komme über uns und unsere Kinder
Nr. 52 Können Tränen meiner Wangen
Nr. 56 – 58e Und indem sie hinausgingen / Ja freilich will in uns / Komm, süßes Kreuz / Und da sie kamen an die Stätte
63c Und es waren viel Weiber da
66a – 66c Und Joseph nahm den Leib / Herr, wir haben gedacht / Pilatus sprach zu ihnen
Vaughan Williams (live: 05.03.1958) – Eric Greene (Evangelist), Gordon Clinton (Jesus), Pauline Brockless, Nancy Evans, Wilfred Brown, John Carol Case, Eric Gritton (Piano), Dr. William Cole (Orgel), Leith Hill Musical Festival Chorus, Leith Hill Musical Festival Orchestra
Leith Hill ist ein von einem Turm bekrönter Hügel in Südengland, in dessen Nähe der Komponist Ralph Vaughan Williams aufwuchs. 1905 gründeten Lady Evangeline Farrer und Margaret Vaughan Williams, die Schwester des Komponisten, das Leith Hill Festival, ein Chorfestival im nahe gelegenen Dorking, dessen musikalische Leitung Ralph Vaughan Williams übernahm und die er bis 1953 innehatte.
Das Festival, das sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut, endet seit jeher mit einem Konzert, in dem sich die im Wettstreit befindenden Laienchöre zu einem großen Ensemble zusammenfinden, um entweder eine der Bach’schen Passionen oder Händels „Messiah“ aufzuführen.
Wie die Arbeit mit einem solchen Ensemble zu Vaughan Williams’ Zeiten aussah, zeigt die folgende Beschreibung eines Chorsängers:
„Seine (= RVWs) Anstrengungen eine Versammlung von Gärtnern, Stallburschen, Mägden und Mitgliedern des Landadels (auch der gelegentlich auftauchenden Zimmermann auf der Walz sei nicht vergessen) wie einen heulenden Mob vor dem Palast des Pontius Pilatus klingen zu lassen, führte dazu, dass er das Jackett auszog und dabei große Löcher an den Ellenbogen seines Pullovers offenbarte. Trotz solcher Kleinigkeiten schafften es der Ausdruck auf seinem Gesicht und die Anziehungskraft seiner Persönlichkeit, das Unmögliche möglich zu machen.“
Im Jahre 1958 führte der 85 Jahre alte Vaughan Williams hier noch einmal die „Matthäus-Passion“ auf. Fünf Monate später war er tot. Die vorliegende Aufnahme dokumentiert diese Aufführung, die das Werk – es überrascht nicht – (im Prinzip) in der englischsprachigen Elgar/Atkins-Ausgabe aus dem Jahre 1911 bringt. Eine Ausnahme bildet der Continuo-Part, den Vaughan Williams in Anlehnung an diese Ausgabe für Klavier setzte (er hasste den Klang des Cembalos), was Sir Adrian Boult zur der süffisanten Bemerkung veranlasste: „Er schrieb für das Klavier die außergewöhnlichsten Dinge.“
Zudem kürzt Vaughan Williams das Werk, und zwar aus Prinzip, wie er in seinem Aufsatz „Bach - The Great Bourgeoise“ ausführt. Während Bachs Hörerschaft es gewohnt war, lange Zeit in der Kirche zu verbringen, so sei dies in der Gegenwart nicht mehr der Fall. Darauf müsse man reagieren:
„Doch wir, mit unserer schnelleren Auffassungsgabe, sind schneller ermüdet und können die Gefühlswelt dieser Musik nicht wirklich so lange aushalten. Es ist heutzutage darum die Sitte, Bachs Passion zwar in ihrer Gesamtheit, aber mit einer Mittagspause zwischen den beiden Teilen aufzuführen. Ich glaube, dies ist ein Fehler. Wir müssen zugeben, dass Homer bisweilen einnickt und dass einige der Arien nicht Bachs hohem Standard entsprechen. Es ist darum, glaube ich, diese der mechanischen Vollständigkeit halber zu spielen. Durch alle Veränderungen und Möglichkeiten hindurch bleibt die Schönheit seiner Musik erhalten, weil sie jeden anspricht – nicht nur den Ästheten, den Musikwissenschaftler, den Propagandisten, sondern vor allem Whitmans ‚Göttlich Durchschnittlichen’.“
Um den „Göttlich Durchschnittlichen“, also den ganz normalen Menschen zu erreichen ist es nach Vaughan Williams’ Auffassung also nötig, dessen Aufmerksamkeitsspanne zu berücksichtigen und das Werk quasi in einer „Best-of“-Version à la „Readers Digest“ zu präsentieren – ein Gedanke, der den Verfechtern einer historisierenden Aufführungspraxis sicher den Schlaf rauben dürfte.
Vaughan Williams kürzt zu diesem Zwecke wie folgt:
Nr. 5 – Accompagnato: „Du lieber Heiland du“ Nr. 6 – Arie: „Buß und Reu“ Nr. 12 – Accompagnato: „Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt“ Nr. 13 – Arie: „Ich will dir mein Herze schenken“ Nr. 32 – Choral: „Mich hat die Welt trüglich gericht'’“ Nr. 33 – Rezitativ: „Und wiewohl viel falsche Zeugen herzutraten“ Nr. 34 – Accompagnato: „Mein Jesus schweigt zu falschen Lügen stille“ Nr. 35 – Arie:„Geduld! Wenn mich falsche Zungen stechen“ Nr. 41a-c - Rezitativ, Chor, Rezitativ: „Des Morgens aber“ / „Was gehet uns das an“ / „Und er warf die Silberlinge in den Tempel“ Nr. 42 – Arie: „Gebt mir meinen Jesum wieder“ Nr. 43 – Rezitativ: „Sie hielten aber einen Rat“ Nr. 51 – Accompagnato: „Erbarm es Gott!“ Nr. 52 – Arie: „Können Tränen meiner Wangen“ Nr. 56 – Accompagnato: „Ja freilich will in uns das Fleisch und Blut“ Nr. 57 – Arie: „Komm, süßes Kreuz“ Nr. 58a – Rezitativ: „Desgleichen schmäheten sie“
Zudem wird die Reihenfolge der Nummern 14 und 15 umgekehrt und bei Da-capo-Arien wird die Wiederholung nicht gespielt.
Es ist leicht zu erkennen: diese Aufnahme ist nichts für den Puristen, den Orthodoxen, den Dogmatiker. Sie ist ganz individuelle Interpretation, ein Dokument der Sichtweise eines großen Komponisten auf eines der bedeutendsten Werke eines (noch größeren) Kollegen, mit der man in vielen Punkten natürlich nicht einverstanden sein muss. Dennoch kann man sich auf sie einlassen.
Zunächst ein Blick auf die Gestaltung der Chöre. Der Eingangschor „Come, ye daughters, share my mourning“ präsentiert die zu einem Ensemble amalgamierten Chöre des Leith Hill Festivals in ihrer ganzen klanglichen Üppigkeit. Da wird kraftvoll ein großer Klagegesang angehoben, getragen im Tempo, aber doch nicht zäh, sondern stets in einem Fluss, der die innere Bewegung überzeugend widerspiegelt. In dem Moment, in dem der Choral „O Lamb of God most holy“ anhebt, geht das Massenensemble in ein ganz hervorragendes Pianissimo, über dem dann die Choralmelodie gewissermaßen „aus der Höhe“ schwebt. Deutlich wird hier auch, wie intensiv Vaughan Williams das Rubato nutzt. Das Tempo wird immer wieder an die Aussage der Textzeile angepasst. So zieht er bei „Look! Look where! On our offence!“ deutlich an, schuldbewusste Aufregung macht sich breit. Vor „Look on Him. For the love of us / He Himself His Cross is bearing“ wird dann wieder stark verlangsamt usw. Die gleiche Herangehensweise findet sich in den drei großen, in fast allen anderen Chorsätzen (ganz besonders in dem geradezu verstörenden „Lord, is it I?“) sowie in den Arien und Accompagnati.
Die Turbae sind durchweg höchst vielfarbig gestaltet, immer aus der Szene heraus gedacht, nie uniform (z.B. „immer rasant“), durchweg packend. So werden schon das „Not upon the feast“ und „To which purpose ist his waste?“ im Affekt deutlich unterschieden und so gewissermaßen juxtapositioniert. Ähnlich geht Vaughan Williams im Fall der beiden „Let Him be crucified“-Chöre vor. So lässt er den ersten eher überheblich und in moderatem Tempo, den zweiten hingegen voll bissiger Aggressivität und Rasanz musizieren. Aus „Now tell us, Thou Christ“ spritzt die Giftigkeit nur so heraus, aus „His blood be on us and on our children“ tönt aufgeblasene Selbstgewissheit und auch das „Hail, King of the Jews“ überzeugt durch seinen enorm hämischen Tonfall. Ich möchte sagen: die Gärtner, Mägde und Stallburschen machen ihre Sache gar nicht schlecht.
Die Choräle nimmt Vaughan Williams durchweg in einem breiten Tempo, gerade so, dass auch eine den Frühgottesdienst feiernde Kirchengemeinde gut mitsingen könnte. Ansonsten verfährt er mit den Chorälen ziemlich frei. Viele der Choräle werden ganz regulär gespielt, immer wieder jedoch entscheidet sich Vaughan Williams dafür, den Chor a capella singen zu lassen, um den Ausdruck zu steigern („Father, let Thy will be done“, „Lamb of God I fall before Thee“, „O wondrous love“). Im Falle von „O Sacred Head surrounded“ singen dann die Solisten die erste Strophe a capella, die zweite dann der volle Chor mit Steichern colla parte. Das „Truly, this was the Son of God“, die zentrale Aussage des Werkes, inszeniert Vaughan Williams mit maximal großer Geste als aus der Düsternis des Passionsgeschehens befreienden, goldglänzenden und erhabenen Moment.
Für die Gestaltung der Solopartien stand Vaughan Williams eine Reihe renommierter englischer Oratoriensänger und –sängerinnen zur Seite.
Der Tenor Eric Greene war ein ausgesprochener erfahrener Evangelist, der erstmals 1927 unter Sir Henry Wood in der Londoner Queen’s Hall diese Partie gesungen hatte. Am Tage der vorliegenden Aufzeichnung mag er nicht so recht disponiert gewesen sein. Seine leichte Stimme klingt etwas körperlos, seine Spitzentöne sind oft nicht wirklich schön, manchmal wackelt auch die Intonation etwas. Und dennoch ist er ein ausgesprochen sensibler Gestalter dieser Partie, die in der Elgar/Atkins-Übersetzung wegen der bisweilen sehr eigentümlichen Rhythmisierung an sich schon etwas eigenartig klingt.
Bariton Gordon Clinton gestaltet die Christus-Partie ausdrucksstark, kraftvoll, immer im menschlichen Gefühlsleben wurzelnd, ähnlich wie es Ulrik Cold bei Herreweghe I angeht. Sehr eindrucksvoll ist die ganz ins Piano zurückgenommene Darstellung der Abendmahlsszene (zu der sich – auf Vaughan Williams Aufforderung hin - deutlich hörbar das Publikum erhebt). Auch das von RVW sehr langsam genommene „My soul is exceedingly sorrowful“ (Gethsemane), mit düster-brütenden Streicherakkorden ist enorm eindrucksvoll. Mit seinem schon fast gequält schreienden „Eli, eli, lama asabthani“ musste ich mich anfreunden.
Rundum begeistert bin ich von der Gestaltung der Sopran-Partie durch Pauline Brockless. Nicht nur, dass sich ihre helle, aber auch volle Stimme, die nur ein ganz zartes Vibrato mitbringt, geradezu ideal für diese Musik eignet und sie ganz hervorragend artikuliert. Auch im Affekt ist sie vollkommen sicher und bewegt sich absoult selbstverständlich in dem sich eröffnenden Raum zwischen der tiefen Zerknirschung in „Break“ in grief“ und dem schon fast jenseitig schwebenden „For Love, my Saviour now is dying“.
Genau so überzeugend und stilsicher präsentiert Nancy Evans (die übrigens die erste Frau Walter Legges war) die Alt-Partie. Ihr hell gefärbter, sowohl im hohen als auch im tiefen Register klangschöner Alt gefällt mir ausnehmend gut, auch weil sie vollkommen schlank und ohne jegliches Wobble singt. Hinzu kommt eine zutiefst bescheidene Art der Gestaltung, die mich sehr anspricht. Zudem hat sie keine Schwierigkeiten mit RVWs bisweilen enorm langsamen Tempi („See the Savoiur’s outstretched hands“). Höhepunkt ihrer Darstellung ist die Arie „Have mercy, Lord, on me“ (in schönem Tempo), die man kaum verinnerlichter singen kann. Das gehet meiner Seele nah…
Wilfred Brown bringt einen luftigen, schön geführten Tenor mit. Ich hätte ihn gern in der „Be strong!“-Arie („Geduld“) gehört. Seine intensiven Darstellungen von „O grief!“ und „I would beside my Lord be watching“ jedenfalls sind durchweg überzeugend.
Die Interpretation der Accompagnati und Arien für Bass liegt in den Händen des bedeutenden britischen Baritons John Carol Case. Sein ausdrucksstarker, hell gefärbter Bariton eignet sich insgesamt hervorragend für die nicht gestrichenen Stücke, „Give, O give me back my Lord!“ könnte ich mir mit ihm nicht so recht vorstellen. Wie wundervoll aber gestalten er und der wieder recht langsam schlagende RVW den Chiaroscuro-Charakter von „At evening, how of calm and peace“.
Das Leith Festival Orchestra schlägt sich wacker, wirkt auf mich aber eher begleitend als gestaltend. Das mag aber natürlich der recht muffigen Akustik geschuldet sein. Am schwersten hat es Eric Cole, der sich am Continuo-Piano damit abmüht, den nicht immer ganz gelungenen von RVW gesetzten Part überzeugend und in präzisier Übereinstimmung mit den Solisten zu gestalten. Da wackelt es schon recht oft. Man kann sich aber natürlich fragen, ob es nicht eher Vaughan Williams war, dem hier ein wenig die Fäden aus der Hand geglitten sind, schließlich war er dafür bekannt, dass sein Schlag als weniger denn präzise galt.
Insgesamt ist dies eine Deutung von Bachs großer Passion, die man im Detail zwar durchaus als exzentrisch bezeichnen kann, die nach meinem Dafürhalten damals aber durchaus das Potential gehabt haben dürfte, ein Publikum in den Bann von Passionsgeschichte und Bach’scher Musik zu ziehen.
Aus meiner Perspektive also ein interessantes Dokument.