"Das klassische Erwachen" - wie seid Ihr zur Klassik gekommen?

Tranquillo (16.03.2008, 20:21):
Hallo zusammen,

heute habe ich in einem Posting von Daniel eine sehr schöne und treffende Formulierung gelesen - "das klassische Erwachen". Wie kommt man zur Klassik - entwickelt sich das eher langsam und über einen längeren Zeitraum oder gibt es da ein Schlüsselerlebnis, an das man sich noch nach vielen Jahren genau erinnert? Wie war das bei Euch?

Viele Grüsse
Andreas
Sarastro (16.03.2008, 21:51):
Lieber Tranquillo,
in der sehr einfachen Wiener Familie, in der ich aufgewachsen bin, wurden Peter Alexander, Ivan Rebroff und ich weiß nicht was sonst noch gehört; das äußerste an "Klassik", das es bei uns gab, war allenfalls das im Fernsehen übertragene Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Ich war also, trotz frühen Akkordeonunterrichts (später dann durch Klavier ersetzt), nicht gerade für die Klassik prädestiniert. Mein "Schlüsselerlebnis" hatte ich bei einem Schulkonzert - ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich da war, so um die zwölf, glaube ich. Zunächst wurde die Ouverture zur Zauberflöte gespielt. Ich hatte dieses Werk noch nie gehört; von Anfang an fühlte ich mich sozusagen wie verzaubert (eine Faszination, die mir bis heute geblieben ist). Anschließend gab es den ersten Satz der Fünften von Beethoven, der mich ebenfalls spontan sehr stark beeindruckt hat.
Das letzte Stück war Strawinskys Feuervogel bzw. ein Teil daraus; dazu fand ich keinen Zugang (mein musikalischer Horizont hat sich seither ein wenig erweitert, aber es gibt immer noch Grenzen ...).

Viele Grüße,
Sarastro
Tranquillo (17.03.2008, 20:01):
In unsere Familie spielte Klassik ebenfalls keine Rolle - ich kann mich lediglich an ein paar LP's mit Operettenquerschnitten (beispielsweise "Das Land des Lächelns") erinnern. Im Alter von elf oder zwölf hörte ich dann eines Tages ein Musikstück im Radio, das mich völlig faszinierte - ich hatte für einige Minuten einen Blick in eine völlig andere musikalische Welt getan und war davon zutiefst berührt worden. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3. Zunächst hörte ich hauptsächlich Barockmusik - im Radio, denn für Schallplatten hatte ich kein Geld und eine Möglichkeit zum Aufzeichnen (Tonbandgerät) war auch nicht vorhanden. Durch diese Unwiederholbarkeit hatte die Musik einen viel höheren Wert für mich als heute, wo ich mich jederzeit aus einem gut gefüllten (um nicht zu sagen: überfüllten) CD-Regal bedienen kann - so lernte ich konzentriertes Zuhören. Nach einigen Geburtstagen und Weihnachtsfesten hatte ich dann einen eigenen Plattenspieler und einen kleinen Grundstock an Schallplatten, der nach und nach vom Taschengeld erweitert wurde. Meine Eltern waren etwas irritiert ob des seltsamen Musikgeschmacks ihres Sohnes, liessen mich aber gewähren.

Ein "klassisches Erwachen" ist nach meiner Erfahrung immer dort möglich (aber nicht zwingend), wo sich beim Hören Sensibilität und Vorurteilslosigkeit verbinden. Erwachsene tun sich damit schwerer als Kinder, die von Natur aus noch viel offener, neugieriger und weniger in Denkschemata verhaftet sind.

Viele Grüsse
Andreas
Nordolf (17.03.2008, 21:29):
Mein "klassisches Erwachen" kam viel viel später als das von Sarastro und Tranquillo.

Mit 13 - 14 Jahren bin ich überhaupt erst auf die Musik gestoßen. Vorher waren ausschließlich Bücher meine Welt (vornehmlich Science Fiction und Astronomie - letzteres verstand ich natürlich nur halb, was mich aber nicht davon abhielt diesen Stoff zu verschlingen). Da waren es ersteinmal die Sisters of Mercy, Fields of the Nephilim, Joy Division, Dead can dance und andere Dark Waver, Electro Pop und später auch Heavy Metal, die mein Lebensgefühl in der Jugend widerspiegelten. Klassik war die Musik des "Musikunterrichts" - fern von einem Thron erklingend, der mit meinen Problemen nichts zu tun hatte, und der außerdem auch noch Schulzensuren vergab. Trotzdem - ein paar Werken konnte ich mich nicht ganz entziehen, obwohl ich innerlich fest dazu entschlossen war. An diese kann ich mich noch heute erinnern: - die Moldau von Smetana, der erste Satz der Fünften von Beethoven, der Nußknacker von Tschaikowsky und irgendetwas von Wagner. Dann ließ ich sogar im Gespräch mit Freunden verlauten, das ich später mal klassische Musik hören werde, aber jetzt noch nicht die Zeit dafür reif sei.

Mit meinem Musikgeschmack habe ich dann im 20. Lebensjahrzehnt sehr viel experimentiert. Insgesamt kann man aber sagen, das er zu immer vertrackterer und avantgardistischerer Musik hin tendierte (allerdings nicht linear - zwischendurch war auch mal Hardcore-Tanz-Metal dran). Ich habe mich dann viel mit Dark Ambient, Ritual Musik, Industrial Drones, synthetisch-elektronischer "Neoklassik", Frequenzexperimenten und noisigen Soundcollagen auseinandergesetzt. Im Zuge dessen stieß ich auf moderne Komponisten, die mich faszinierten: Ligeti, Penderecki und vor allen anderen Arvo Pärt. Einen verlockenden Duft verströmte auch die Wagnerische Musik und der Wagnerische Mythos. Einige Jazz-Geschichten kamen hinzu - besonders Jan Garbarek. Zudem hörte ich viel Mittelaltermusik - das reichte von modern orientierten Gruppen wie Estampie bis hin zu den historisch rekonstruierenden Ensembles wie Sarband.

Das eigentliche "klassische Erwachen" gab es aber erst vor ca. drei Jahren: - es war Schostakowitschs Fünfte, die ich bei einem Freund hörte. Auf der Suche nach einer Aufnahme dieses Werkes nahm ich sehr vieles andere mit und lernte die Klassikwelt kennen. Ganz besonders prägend sind auf dieser "CD-Odyssey" die drei DGG-Boxen mit Bernsteins Mahler gewesen - genauso stellte ich mir eine engagierte Interpretation vor. Das erste klassische Konzert besuchte ich in der Berliner Philharmonie - Kent Nagano und das DSO spielten Wagners Vorspiel aus dem Lohengrin sowie das Vorpiel und den Liebestod aus dem "Tristan" (mit Waltraud Meier), die fünf Orchesterstücke von Schönberg und die Vierte von Brahms. Ich hatte klassische Musik noch nicht live erlebt - wie mir die ersten Töne des Lohengrin-Vorspiels unter die Haut gekrochen sind, werde ich nie vergessen. Das war ganz physisch spürbar...

Und dann habe ich schließlich festgestellt, das ich hauptsächlich diese Sachen höre - viel Spätromantisches, Expressionistisches, klassische Filmmusik und in letzter Zeit wieder zunehmend Zeitgenössisches... Neben diesen der Klassik zugehörigen Themen hat eigentlich nur die ritualistisch-ambiente-industrielle Avantgardemusik wirklich bestanden - Rock mag ich weiterhin, er kommt bei mir aber nur noch marginal vor.

Herzliche Grüsse!
Jörg
daniel5993 (18.03.2008, 11:47):
Meine Meinung ist, das dieses "klassische Erwachen" jeden treffen kann, jeden und zu jeder Zeit. Und dass ist das schöne! Niemand kann sich davor schützen, abriegeln. Ich habe diese Musik bis vor ein Paar Jahren strikt abgelehnt (Hip-Hop, Techno usw. war mein Leben :B) und dann plötzlich, während einer ruhigen Stunde, lief Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 und dahin wars mit meiner Ablehnung. Staunen, betroffenheit......... ich war gerührt.......es war als ob ich eine andere Welt betreten habe. Diese Welt wollte ich ab da an nie mehr verlassen.

Ich kann nur jedem dieses Erlebnis wünschen. Diese Klassische Musik ist eine unheimliche Bereicherung für mein Leben.
Poztupimi (18.03.2008, 12:03):
Hallo zusammen,

da es in unserer Familie immer schon klassische Musik gab – mein Vater hatte bereits während seines Studiums in der Nachkriegszeit mit dem Kauf von Opern begonnen (überwiegend, oft Importe aus GB) –, bin ich damit aufgewachsen und kann eigentlich nur von einer deutlichen Horizonterweiterung sprechen, als ich mit Eintritt in das Gymnasium begonnen habe, selber ein Instrument zu erlernen (Geige) und sich somit neben Oper und dem "klassisch"-symphonischen Repertoire der elterlichen Sammlung weitere Bereiche eröffeneten. Und dieses Auskundschaften für mich neuer Hörfelder hat bisher nicht aufgehört, sich vielleicht aber etwas verlangsamt.

Viele Grüße,
Wolfgang
ab (18.03.2008, 15:02):
Klassik höre ich familiär bedingt seit meiner Kindheit. Aber dennoch gabs einige Initialerlebnisse, insbesondere seit meiner früheren Jugend, in der ich eigentlich ausschließlich U-Musik gehört habe und erst langsam vom Freejazz aus über die Zeitgenössische Musik langsam begonnen habe, mir die ganze Bandbreite der Klassik zu erschließen.

Eines diese Erlebnisse war, als der junge Thomas Zehetmair im Radio Mozart-Sonaten musizierte, begleitet von Alfons Kontarsky. Das war für mich ein Aha-Erlebnis der Sonderklasse, weil es mir erschlossen hat, dass es nicht die Kompositionen sind, die mich anöden, sondern bloß die bislang gehörte Interpretationen! (Leider ist diese Aufnahme nie auf Tonträger erschienen!)

Besonders dankbar bin ich einem Freund, dessen Interesse am Liedgesang mich zu Studienzeiten motiviert hat, mich auch dem zu nähern. Ohne dem würden mir wohl heute noch ein Großteil der Ausdrucksnuancen von Musik verschlossen sein...

Die Epoche der Romantik, die mir lange Zeit sehr fremd war, hat mir schlagartig ein im Radio gehörter Konzertmitshnitt des Schumann Cellokonzerts, von dem ich bereits da schrieb, eröffnet. Dadurch habe ich begriffen, dass Romantik nicht gleichbedeutend sein muss mit romantisiserndem vibratoverdrecktem Schwulst.

Über besonders eindrückliche Konzerte habe ich bereits hier berichtet.
:hello
Cetay (inaktiv) (19.03.2008, 16:41):
Mein Aufwachprozess fand in Stufen statt und dauert noch an.

Mit 15 durch den Film YESsongs. Rockmusik zwar, aber ich mochte die symphonischen Strukturen und den "Anspruch" dieser Musik.

Mit 16 durch die Lecture on Nothing von John Cage. Der Text war genau das richtige für meine nihilistische Weltanschaung und ganz nebenbei wurden meine Ohren für Neutönerisches geöffnet. Ein Zeit lang hing ich ständig am Radio, wenn "Neue Musik" auf dem Programm stand.

In der 12 Klasse im Musikunterricht: Der langsame Satz aus Bruckners 5. Die erste "richtige" Klassik, die mich begeistert hat - alles andere empfand ich als banales Gefiedel, mit Ausnahme von Schuberts Unvollendeter.

In der Studienzeit war ich pappesatt vom ständigen Hören von Heavy-Metal oder Jazz und bekam mal wieder Lust auf gesittete Musik. Ich hab mir die KKs 3 und 4 von Beethoven ausgeliehen und war verloren. Möglichst jede Sendung im Radio wurde gehört (und damals wurde noch gescheite Musik auf den Klassiksendern gespielt), alles was ich in die Finger bekommen konnte gelesen und ich war ständig am Ausleihen und Kaufen. Und mit dem richtigen Geld aus dem ersten Job wuchs die Sammlung in schwindelerregendem Tempo.

Dann die Phase, in der es fast nichts als Arbeit gab und ein wenig Familie noch ... Musik war Fehlanzeige. Konsequenterweise folgte die Midlife-Crisis mit einem Revival des Metal und mit Techno/Trance/Ambient. (Zusammen rund 700 CDs in 3 Jahren ... ich könnte heute reich sein.)

Das Wiedererwachen gab es dann letztes Jahr durch einen Film über Hilary Hahn in irgend einem Dritten Fernsehprogramm. Seitdem gibt es nur noch Klassik. Der Metal wurde weitestgehend wieder verkauft (diese Musik hat an künstlerischem Anspruch und Vielfalt unglaublich viel mehr zu bieten als der Laie glaubt, aber sie war/ist nicht gut für mein Seelenheil) und aus der Tech-Ecke blieb nur der (gehobene) Ambient und etwas Goa-Trance übrig.

Das allerletzte Erwachen gab es vor wenigen Wochen, als ich mit der Überwindung meiner klassischen Gesangs-Allergie den Zugang zur Alten Musik gefunden habe. :engel

Mal sehen, was die nächste Initiationsstufe bereit hält. :D
Tranquillo (19.03.2008, 17:20):
Hallo zusammen,

es ist wirklich spannend, wie unterschiedlich das "Erwachen" und die Entwicklung danach verlaufen kann. Besonders beeindruckend finde ich, dass man - wie Nordolf und Dox Orkh - von der Moderne aus einen Zugang finden kann, weil meine eigene Entwicklung genau entgegengesetzt verlaufen ist. Ich habe erst relativ spät zur Moderne gefunden, und dort auch eher zur "klassischen" Moderne.

Andere Musikrichtungen haben für mich eigentlich nie eine wichtige Rolle gespielt - abgesehen von einer kurzen Phase während meiner Schulzeit, wo ich auch Jazz gehört habe (Miles Davis, Tal Farlow, Charles Mingus, Eric Dolphy - so etwa in diese Richtung).

Das "Erwachen" ist für mich Ausgangspunkt einer lebenslangen Entwicklung - ich entdecke immer wieder völlig neue Musik (so vor kurzem die Sinfonien von Allan Pettersson), oder ich entdecke Neues, bisher nicht Gehörtes in mir schon bekannter Musik, wenn ich sie mal länger nicht gehört habe.

Viele Grüsse
Andreas
Solitaire (21.03.2008, 08:54):
Ein "klassisches Erwachen" gab es eigentlich nicht. Meine Mutter hat schon immer klassische Musik, vor allem Oper, gehört, was, so wage ich mal zu behaupten, in einem Arbeiterhaushalt eher ungewöhnlich war. Jedenfalls bin ich mit Rudolf Schock, Fritz Wunderlich und Kollegen aufgewachsen.
Aber es gab natürlich immer wieder musikalische Ereignisse, die mir in Erinnerung geblieben sind, und meinen Musikgeschmack geprägt haben.
Eines davon war der Film "Die schwedische Nachtigall". Er wäre keiner weiteren Erwähnung wert, wenn ich darin nicht zum erstenmal die Stimme von Erna Berger gehört hätte, und dieser Frau von Stund an auf ewig verfallen wäre. Da war ich etwa 14 und habe mir nichts sehnlicher gewüncht, als so singen zu können (das tue ich übrigens immer noch). Während andere mit der Haarbürste in der Hand vor dem Spiegel "Popstar" gespielt haben, habe ich mich an "Caro nome" und Olympias Arie versucht, was natürlich grandios schief gegangen ist.
Es sind aber immer noch beliebte Titel in meiner "Unter der Dusche zu singen"- Hitparade. :D

Ein wirklich einschneidendes Erlebnis war vor einigen Jahren die erste Begegnung mit Massenets "Werther". Ich habe Villazóns Recital mit französischen Opernarien gekauft, aufgelegt, und bei "Lorsque l'enfant" war plötzlich alles anders.
Es war damals etwa ein Jahr her, daß eine wirklich sehr gute Freundin von mir sich ganz plötzlich, und ohne jede für uns erkennbare Vorwarnung dass Leben genommen hat. Wir haben zwar nach und nach rekonstruiert, was damals passiert ist, aber verstanden habe ich nur was geschehen ist, nicht wie sie sich gefühlt haben muß, warum ein Mensch eine solche Entscheidung trifft. Ich habe es nicht mit dem Herzen verstanden, nur mit dem Hirn. Dann habe ich diese Arie gehört (und den Text mitgelesen), und plötzlich habe ich begriffen. Ich kannte das Stück vorher nicht und werde nie vergessen, wie ich es zum erstenmal gehört habe und endlich meinen Frieden mit Alex' Tod machen konnte und verstanden habe, daß niemand Schuld hat. und in Ansätzen nachvollziehen konnte, warum sie es getan hat. Das war sehr wichtig für mich.. Es war das bisher wichtigste musikalische Erlebnis meines Lebens, und es ist es weit über meine Liebe zu schönen Stimmen und schöner Musik hinausgegangen.

Ein anderes, weniger dramatisches "erwachen" liegt erst einige Wochen zurück: mein erster Tannhäuser.
Ich hätte nie gedacht, daß ich eine komplette Wagneroper ím Theater auch nur aushalten könnte, daß sie mich so packt, fesselt, mitreißt, in ihren Bann schlägt hätte ich gleich überhaupt nicht für möglich gehalten.
Jetzt will ich MEEEEHR!!! :D
Aber bitte im Theater, nicht auf dem CD-Spieler. In unserem Theater gibt es nur etwa alle 10 Jahre eine Wagneroper (kein Scherz), aber wofür wohnt man in der Nähe von Köln und Düsseldorf. :)
nikolaus (21.03.2008, 10:01):
Ein so unglaublich berührendes, ergreifendes und tiefes Erlebnis wie Solitaire hatte ich - leider und Gott sei Dank - nicht.
Ich bin familiär alles andere als vorbelastet. Dennoch hatte ich als Kind schon mal eine Phase, in der ich häufiger Schallplatten meiner Eltern gehört habe, darunter z.B. Tchaikovskys KK No. 1 mit van Cliburn, Arien aus Lucia di Lammermoor, Ernani... mit Joan Sutherland (deren Stimme ich allerdings heute gar nicht mehr mag), Carmen-Querschnitt mit Leontyne Price...
Im mainstream der Schule habe ich dieses Interesse mehr als vernachlässigt u. überaus seichten Pop gehört.
Aber irgendwie suchte ich unbewusst nach etwas anderem. Dabei bin ich dann zweigleisig gefahren. Zum Einen hatte ich eine Phase, in der ich mir jede CD von Manhattan Transfer (Vokaljazz) gekauft habe, zum anderen bin ich über ein Schüler-Abo der Oper Bonn zur Oper gelangt. Das hat dann wahrscheinlich den Weg meine weitere "klassische Entwicklung geebnet".
Einschneidendes Hörerlebnis: bei einer Studienfreundin habe ich Rachmaninovs 2. KK gehört, und letztlich durch einen Irrtum meinerseits bin ich beim Suchen nach einer guten CD des Konzertes bei Rachmaninovs 3. KK gespielt von Martha Argerich gelandet und dieser hoffnungsvoll verfallen... :wink

Diese Momente, in denen man von der Musik so ergriffen ist, dass man sprachlos, atemlos oder zu Tränen gerührt ist, sind Erlebnisse, die ich suche und bisher vorwiegend bei der klassischen Musik finde :down

Nikolaus.
YJ (23.03.2008, 00:22):
Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen, also bin ich mehr oder weniger in die Klassische Musik "hineingewachsen". :) Je älter man wird, desto mehr beschäftigt man sich dann auch damit. Es gab zum Beispiel Phasen von mir, da wollte ich alles spielen können, was ich mir angehört habe...naja, hat nicht so wirklich geklappt :) Jetzt ist diese Musik für mich zu einer der wichtigsten Bestandteile in meinem Leben geworden.
Heike (23.06.2008, 20:25):
Ich bin vor ca. 10 Jahren über den Jazz/ über Minimalismus zur Klassik gekommen:
Keith Jarrett (The Köln Concert) war der bewusst wahrgenommene Anfang - dann gings über Steve Reich, Philipp Glass und über vieles weiteres von Jarrett eigentlich immer geradeaus zu den großen Pianisten und dann findet man ja kein Ende mehr, wenn man erstmal eingestiegen ist ....

Ich weiß gar nicht, wann ich das alles hören soll, was ich alles hören will!
Hebre

P.s
Mein Vater ist seit jeher Wagner-Fan, aber erst in den letzten 5 Jahren verstehe ich, was er mir immer schon sagen wollte!

P.P.s
Ich hab früher von Kind an sehr ausführlich und ausgiebig Gitarre spielen gelernt, aber zur Klassik hat mich das nicht gebracht! Ich glaube heute, sie haben mir das falsche Instrument ausgesucht, vielleicht, weil für ein Klavier kein Platz war :-(
Severina (11.02.2010, 18:06):
In meiner Familie war klassische Musik ein Fremdwort, sieht man von diversen tenoralen Schmachtfetzen ab, die hin und wioeder im sonntäglichen Wunschkonzert im Radio liefen. Die beeindruckten mich aber gar nicht, denn, so sonderbar das hinsichtlich meiner Rankings klingen mag, meine Hinwendung zur Klassik erfolgte über die symphonische Musik.
Der Vater meiner Freundin besaß eine Stereoanlage (In den 70erjahren ein eher seltener Luxus, zumindest in unseren Kreisen), und bevor wir "unsere" Musik hören durften, wurden wir immer mit 20 Minuten Orchestermusik zwangsbeglückt, also ein Satz von XY z.B. Während meine Freundin das als Zumutung empfand und ihre Uhr nicht aus den Augen ließ, blieb ich nicht gänzlich unbeeindruckt, und als dann eines Tages die ersten Takte von Dvoraks 9. erklangen, war's um mich geschehen und ich flehte nach den obligaten 20 Minuten zum Entsetzen meiner Freundin: "Bitte nicht ausschalten, ich will alles hören!"
Als ich dann mit 14 Jahren meinen heiß ersehnten Plattenspieler bekam, war meine erste LP die SYmphonie aus der Neuen Welt, gefolgt von Beethovens 9. und Ravels Bolero. Meine Eltern fragten sich ernsthaft, was sie bei meiner Erziehung falsch gemacht hatten und warum sie mit einem derart "schrecklichen Krach" bestraft wurden.
Meine Metamorphose zum Opernfan erfolgte erst 12 Jahre später, aber das ist wieder eine andere Geschichte! :D
Völlig unschuldig an meiner Liebe zur klassischen Musik war jedenfalls mein Musikunterricht im Gymnasium, der eine einzige Katastrophe war und mir nicht einmal die fundamentalsten Grundkenntnisse vermittelte, worunter ich noch heute leide.

lg Severina :hello
Fairy Queen (11.02.2010, 20:29):
Um ehrlich zu sein, ich weiss es nicht.
Ich erinnere mich an nichts Anderes, bei mir gab es von klein an nur klasssiche Musik und ich hatte nie das Bedürfnis, ausser zum Abrocken auf Parties , je etwas Anderes zu hören. Am Elternhaus liegt es nur bedingt, meine Eltern hatten wenig Zeit für Musik übrig und auch meine Geschwister sind keine ausgesprochenen Klassikfans geworden. Das hat aber evtl eine Generation übersprungen Meine Grossmutter war Tänzerin im Opernballett und Operetten-Fan und mein Grossvater Pianist und fanatischer Wagnerianer. Meine erste Opernarie, die ich mir mit 11 Jahren selbst beibrachte, war denn auch die Senta aus dem Holländer......
Ich hatte in der Schule serh guten wenngleich strengen Musikunterricht bei einem Ex-Sänger des Dresdner Kreuzchores, der sogar dafür sorgte, dass ich umsonst Viioline lernen konnte und in sein Jugend-Orchester kam. Bei ihm haben wir auch von Beginn an alle nur möglichen Volkslieder gelernt, viele Werke kenenglernt und den Quintenzirkel rauf und runter gearbeitet und das war eine solide Grundlage. Meine Liebe zur Klassik ist so alt wie ich selbst, schätze ich mal, denn einen Anfang kann ich nicht finden und ein Ende ist nicht abzusehen. Es muss doch irgendwas Genetisches darinnen sein, glaube ich.
F.Q.
Gamaheh (11.02.2010, 21:07):
Original von Severina
In meiner Familie war klassische Musik ein Fremdwort, sieht man von diversen tenoralen Schmachtfetzen ab, die hin und wioeder im sonntäglichen Wunschkonzert im Radio liefen. Die beeindruckten mich aber gar nicht, denn, so sonderbar das hinsichtlich meiner Rankings klingen mag, meine Hinwendung zur Klassik erfolgte über die symphonische Musik.
Der Vater meiner Freundin besaß eine Stereoanlage (In den 70erjahren ein eher seltener Luxus, zumindest in unseren Kreisen), und bevor wir "unsere" Musik hören durften, wurden wir immer mit 20 Minuten Orchestermusik zwangsbeglückt, also ein Satz von XY z.B. Während meine Freundin das als Zumutung empfand und ihre Uhr nicht aus den Augen ließ, blieb ich nicht gänzlich unbeeindruckt, und als dann eines Tages die ersten Takte von Dvoraks 9. erklangen, war's um mich geschehen und ich flehte nach den obligaten 20 Minuten zum Entsetzen meiner Freundin: "Bitte nicht ausschalten, ich will alles hören!"
Als ich dann mit 14 Jahren meinen heiß ersehnten Plattenspieler bekam, war meine erste LP die SYmphonie aus der Neuen Welt, gefolgt von Beethovens 9. und Ravels Bolero. Meine Eltern fragten sich ernsthaft, was sie bei meiner Erziehung falsch gemacht hatten und warum sie mit einem derart "schrecklichen Krach" bestraft wurden.
Meine Metamorphose zum Opernfan erfolgte erst 12 Jahre später, aber das ist wieder eine andere Geschichte! :D
Völlig unschuldig an meiner Liebe zur klassischen Musik war jedenfalls mein Musikunterricht im Gymnasium, der eine einzige Katastrophe war und mir nicht einmal die fundamentalsten Grundkenntnisse vermittelte, worunter ich noch heute leide.

Liebe Severina,

wenn ich jetzt auch mal hierzu etwas schreibe, dann deshalb, weil das bei mir ganz ähnlich war. In meinem Elternhaus gab es keine klassische Musik, und auch ich wurde pausenlos aufgefordert, doch mal den "Lärm" leiser zu stellen (man hielt mich für "aus der Art geschlagen").

Zu Grundschulzeiten fand ich im Keller einige Schellack-Platten, unter denen das "Klassischste" die Ouvertüre zu Suppés "Die schöne Galathee" war. Die aber liebte ich heiß und innig, und ich begann mich für das Radio-Programm zu interessieren, um Ähnliches zu finden. Ich fand auch einen alten Volksempfänger im Keller, den ich zum Laufen brachte (ich war früh eine begeisterte Bastlerin), und der irgendwie ein bißchen NDR 3 empfing.

Meine erste intensivere Bekanntschaft mit einer Symphonie war auch mit der Aus der Neuen Welt, und zwar in der Schule, in dem einen Halbjahr, in dem der Musikunterricht interessant war.

Beste Grüße,
Gamaheh
Honoria Lucasta (18.02.2010, 11:23):
Ich habe schon als Kleinkind viel am Radio gehangen, aber damals waren für mich das größte die "Schlagersendungen", die es zu der Zeit noch gab, locker durchmoderierte Aneinanderreihungen der damals populären Lieder von Sangesgrößen wie Manuela etc. Irgendwann hatte ich dann einen Plattenspieler geschenkt bekommen, und aus einer Laune heraus (warum, wissen beide selbst nicht mehr, denn mein Vater ist völlig unmusikalisch, und meine Mutter nur neben ein bißchen musikinteressiert!) brachten meine Eltern mir eines Tages eine Auskoppelungs-LP aus der berühmten Lied-Edition von Hermann Prey mit: Schubert, Schumann, Wolf. Da war es um mich geschehen! Seitdem höre ich fast ausschließlich Klassik (wenngleich mich guter Swing und das Rattenpack um Frank Sinatra auch begeistern können) und kann mir keinen Tag ohne gute Musik mehr vorstellen. Als Schülerin in den 70er und frühen 80er Jahren konnte ich natürlich nicht auf Verständnis bei Klassenkameraden rechnen, später in der Ausbildung auch nicht, aber das war mir zunehmend egal - ich glaube nicht, daß man als Popmusikjünger derartig reiche Schätze heben kann wie als Klassikfreund. Ich teile die Erinnerung vieler, die vom Musikunterricht im Gymnasium eher von der Musik ab- als zu ihr hingebracht wurden.
Natürlich hat sich mein Verständnis von Musik mit der Zeit vertieft; ich würde viel darum geben, Künstler, die ich mit eher unreifen Ohren früher einmal live erleben durfte, heute noch einmal im Konzert hören zu können. Als ich zur Ausbildung in Lille war (Gruß an Fairy Queen, meine Adresse war damals 22 Place du Maréchal Leclerc, aber diese Niederlassung hat meine Firma leider schon lange geschlossen :wink), hatte ich das große Glück, Klaviergrößen wie Gilels, Vladimir Ashkenazy, Buchbinder, Christian Zacharias u.a. dort in Konzerten erleben zu dürfen; tempi passati.
Mit dem Singen habe ich erst richtig angefangen, als ich mir mit 18 auch die Stunden leisten konnte, aber das ist eine andere Geschichte.

Grüße!

Honoria
Fairy Queen (18.02.2010, 11:37):
Liebe Honoria, das ist ja unglaublich-Du hast in Lille gewohnt?
Wann war denn das? Ich bin seit 6 Jahren da, mich hat ein Troubadour entführt udn dagegen ist frau dann machtlos, Freiwillig wäre ich in diese grässliche Gegend sonst nie gegangen, die Landschaft ist leider eine Katastrophe! Aber die Stadt ist toll! Ist zwar hier sicher OT aber wir müssen uns unbedingt mal in einem Thread über die Stadt und ihr Musikleben austauschen. Hattest du hier auch einen Gesangslehrer?

F.Q.
Honoria Lucasta (18.02.2010, 11:47):
Ach, liebe Fairy Queen, das war in der Ferne längst vergang'ner Zeiten...von Anfang 1984 bis Anfang 1985...Ich hatte auch eine Gesangslehrerin, aber Du könntest jetzt mit der Keule vor mir stehen :A, ich würde mich an den Namen nicht mehr erinnern.
Ich erinnere mich gerne an Lille und bin später auch ab und wann mal hingefahren, um moulesfrites zu essen...

Liebe Grüße!

Honoria
Gamaheh (18.02.2010, 12:18):
Original von Honoria Lucasta
Lied-Edition von Hermann Prey mit: Schubert, Schumann, Wolf. Da war es um mich geschehen!
Au fein, da können wir ja einen Fan-Club aufmachen, denn war da nicht noch jemand (Etrawgew?)?

Beste Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (18.02.2010, 12:26):
Liebe Honoria, moules et frites sind wirklich Spitze! Die hab ich auch erst hier entdeckt und hätte man mir das vorher erzählt, hâtte ich wohl igittigitt! gesagt.
Schade, dass du nciht jetzt hier bist, wir könnten zusammen all die tollen Lied-Konzerte, die hier geboten werden abklappern und über Ian Bostridge lästern und über Christian Gerhaher jubeln!
Hoffe, in deienr neuen Heimat ist es genauso gastlich und kulturell anregend wie hier.

Was Prey angeht, hat mich gestern die Winterreise richtig begeistert, aber mehr die Interpretation als die Stimme. Irgendwas an der Stimme störte mich schon immer ein bisschen, ich kann es nicht richtig benennen.
Aber ein toller Künstler im umfassenden Sinne ist das allemal.

F.Q.
etrawgew (18.02.2010, 21:56):
Zitat: Original von Honoria Lucasta Lied-Edition von Hermann Prey mit: Schubert, Schumann, Wolf. Da war es um mich geschehen!

Zitat von Gamaheh:
Au fein, da können wir ja einen Fan-Club aufmachen, denn war da nicht noch jemand (Etrawgew?)?
Volltreffer liebe Gamaheh! Seit meiner Jugendzeit höre ich Hermann Prey bis zum heutigen Tag noch immer am liebsten. Ganz besonders schätze ich sein hervorragendes interpretatorisches Können bei der Winterreise. :down :down :down :down :down
Mit lieben Grüßen,
Etrawgew. :hello