Jeremias (03.01.2014, 13:53): Angeregt durch einen anderen Thread:
Wie seht Ihr David Garrett und Co? Nutzen oder Schaden für die Klassikwelt? Mit Sicherheit bekommt deren Publikum Melodien und Namen zu hören von deren Existenz man bis dahin nichts wusste. Aber verschafft man diesem Publikum so Zugang zur Klassik? Vor allem wenn die Stücke im Rockstil verunstaltet werden? Oder meint Ihr, dass vielleicht die Neugier sogar geweckt wird ein wenig mehr kennenzulernen?
Rachmaninov (03.01.2014, 15:27): Original von Jeremias Angeregt durch einen anderen Thread:
Wie seht Ihr David Garrett und Co? Nutzen oder Schaden für die Klassikwelt? Mit Sicherheit bekommt deren Publikum Melodien und Namen zu hören von deren Existenz man bis dahin nichts wusste. Aber verschafft man diesem Publikum so Zugang zur Klassik? Vor allem wenn die Stücke im Rockstil verunstaltet werden? Oder meint Ihr, dass vielleicht die Neugier sogar geweckt wird ein wenig mehr kennenzulernen?
Vermutlich schafft man damit ebensowenig / selten / oft ZUgang wie mit Soundtracks, die durch klassische Musik maßgeblich beeinflusst ist / wird / wurde.
miclibs (03.01.2014, 17:03): Zu meinen Crossover-Erfahrungen: Ende der 80er hatte ich mir eine Platte gekauft, die hieß in der Art 'Reggae meets Classic' . (damals hatte ich mit klassischer Musik noch nichts am Hut).
Es war ein kurzweiliges Vergnügen, da weder der Reggae-Anteil besonders gut war noch hatte mich der Klassik-Anteil vom Stuhl gerissen. An der Platte habe ich mich dann auch schnell 'ausgehört'. Ein Klassik-Interesse hatte dieses Crosssover bei mir nicht ausgelöst. Es war eher interessant zu hören wie Reggae mit Streichinstrumenten klingt.
Hätte ich damals einen Menschen gekannt, der mir die Musik von Lachenmann, Xenakis, Boulez oder Stockhausen vorgestellt hätte, ich wäre viel eher zur Klassik gekommen.
Mein Fazit: es ist schön, dass Menschen wie David Garrett und andere von ihrem Beruf leben können, was als Musiker heutzutage wirklich nicht alltäglich ist. Mir sind noch die Worte von einer Preisverleihung von Wolfgang Rihm im Ohr, der Musikpreise gut fand, da sie ja für den Musiker eine Zeitlang sein 'Überleben' sicherten.
Dass durch Crossover die 'heterogene' Klassik zu Schaden kommt, glaube ich nicht. Crossover ist für mich nur eine weitere Facette des Musikspektrums, welche sich ganz gut verkauft, weil die Leute damit glücklich sind. Und wenn diese dann mit der Musik nicht mehr glücklich sind, finden sie eine andere wie die von Beethoven vielleicht...
Deshalb, populäre Musik von David Garrett oder Kunstmusik von Lachenmann, jedem das seine oder beides... :wink
Florestan (04.01.2014, 14:27): Das Problem, oder die unschöne Begleiterscheinung ist jedoch, dass eine grosse Menge von Leuten, die sich nicht gut auskennen, David Garrett für einen bedeutenden Musiker halten. Es geht hier m.E. verloren, dass es große Unterschiede gibt. In der allgemeinen Wahrnehmung bleiben nur die vom Marketing der Plattenfirmen groß herausgestellten Namen haften. Frau Merkel hatte mal die Idee, Lena Meyer-Landrut nach ihrem Gewinn des Song Contest den Bundesverdienstorden zu verleihen. Das Mädel kommt ganz nett rüber und hat ihre Chance optimal genutzt. Singen hingegen kann sie nicht. Es gibt aber massenweise Musiker die hochbegabt sind und kaum über die Runden kommen. Anstatt mal etwas für die musikalische Elite zu tun (in den Köpfen vieler Bildungspolitiker spukt doch dieser Elite-Gedanke herum), wird die musikalische Halbwelt hofiert. Dazu möchte ich auch ausdrücklich David Garrett zählen, der eine große Schar von Anhängern hat, ständig irgendwelche Preise verliehen bekommt, aber mit den wirklich guten Geigerinnen und Geigern in diesem Lande nicht mithalten kann. Aber wir werden wohl damit leben müssen, das dem Mittelmaß mehr Aufmerksamkeit zukommt als den wirklich begabten. Ob nun das Gefiedel von Garrett die Wahrnehmung klassischer Musik befördert möchte ich doch bezweifeln, denn hier wird nicht das Original sondern nur ein müder Abklatsch davon vorgeführt, und die meisten halten dann das für das Original. Auch wenn der ein oder andere dann mal Interesse entwickelt, wirklichen Zugang zur klassischen Musik schafft das nicht.
Florestan
miclibs (04.01.2014, 15:03): Original von Florestan Aber wir werden wohl damit leben müssen, das dem Mittelmaß mehr Aufmerksamkeit zukommt als den wirklich begabten. Florestan
War das jemals anders ?
Ich kenne das Problem auch aus der Kampfkünsten. Auch hier bieten die Geschäftstüchtigen meist nur Mittelmaß, geben aber das Bild von hoher Kunst nach außen durch Aufzählungen geheimer Techniken und 'totsicherer' Prinzipien.
Aber ich muss respektieren, dass viele Leute Mittelmaß und eine dazugehörige Show mehr schätzen als die hohe Kunst. (Meiner Mutter konnte ich auch den Gang an die Musikhochschule Karlsruhe mit vielerlei Konzerten nicht schmackhaft machen. Dagegen freut sie sich auf das 'Phantom der Oper'. :I )
Zefira (06.01.2014, 01:32): Ich kenne mich mit David Garrett nicht gerade aus, habe aber neulich fast einen Anfall bekommen, als bei Facebook ein Videoclip mit Paul Potts einen ungeheuren Begeisterungssturm unter meinen Bekannten ausgelöst hat. Meine dezenten Versuche, die Mängel dieser Singerei aufzuzeigen (gewaltsam forciertes, unnatürliches Vibrato, abgehackte Atemtechnik, vermurkstes Legato) stießen auf geradezu beleidigtes Unverständnis. Es kommt an, als würde man einem begeisterten Schnitzelesser Fotos von Schweinemastanlagen zeigen. "Du willst es mir nur vermiesen! Ich find es nun mal gut! Das ist wirkliches Gefühl! Du machst alles nur runter!" Ich kenne das gleiche Phänomen aus der Literatur. Da könnte ich ohne Ende Beispiele aufzählen, wie ein total verhunzter und unfähiger Schreibstil trotzdem die Leser ohne Ende begeistert. Ich habe mal mit meiner früheren Physiotherapeutin über dieses Thema geredet - nicht aus eigenem Antrieb, sie hat das Thema selbst angeschnitten. Bei jedem meiner Eingeständnisse, dass ich die Wanderhure, die Rückkehr der Wanderhure, die Hinrichtung, die Rettung und die Auferstehung der Wanderhure und weiß ich was noch nicht gelesen habe, hat sie mir die Finger tiefer in die Schulter gebohrt - ich sage gar nix mehr ... :haha
Grüße von Zefira
Heike (06.01.2014, 07:49): Mir gefällts nicht, aber ich seh auch keinen Schaden drin. Einer wird dadurch vielleicht Lust auf mehr Klassik kriegen, nen andrer vielleicht nie was bessres in die Hand nehmen, weil er das für den Olymp hält. So what, das gleicht sich aus.
Und mich tröstet, dass alle Garretts, Lenas und Wanderhuren dieser Welt in 100 Jahren vergessen sein werden, während die Aufnahmen von Sokolov und die Bücher von Herrndorf bleiben. Also: Unterhaltung hats immer gegeben. Sogar schlechte. Egal ists.
Jeremias (06.01.2014, 07:52): Ich erinnere an die jüngste Staffel des Supertalents, als irgendein Dresdener Student ein nichtssagendes Stück klimperte, das man bei jedem Schulkonzert besser zu hören bekommt und diese Modefuzzi in der Jury meinte er kenne sich ja mit Musik aus... Was eine Sch...., ich habe mich aufgeregt!! Was Paul Potts angeht: ich zeige dann immer Beispiele wie es richtig klingen sollte...
Die Wanderhure habe ich übrigens auch noch nicht gelesen....
Zefira (13.01.2014, 00:13): Ich muss nachträglich klarstellen - mit "verhunztem und unfähigem Schreibstil" meinte ich nicht Herrn und Frau Iny Lorentz. Ich habe die Bücher ja gar nicht gelesen, nur mal auf einem Leseprobenportal einen Blick hineingeworfen. Vermutlich gilt auch hier die Regel "der Erfolg gibt ihnen recht". Mein Fall ist es nicht.
Aber es gibt tatsächlich Leser, die auf solche Sätze abfahren (ich zitiere aus einem Ebook, das bei A..on z.T. begeistert rezensiert wurde):
"Ich komme direkt ins Schwärmen. Peter hört zu und stellt hin und wieder eine Frage, wenn ich ihm die Zeit dazu gebe. Aber ich bin ganz erfüllt davon, dass alles vorbei ist, sodass er nur mit großer Mühe dazu kommt, Fragen zu stellen."
Das ist, finde ich, keine Schriftsprache. Aber das ist eben der Punkt: es gibt Leser, die genau so etwas wollen, eben weil es wie vor laufendem Fernseher mitstenographiert klingt.
Unlesbar finde ich auch "Shades of Grey" und die Bücher von Stieg Larsson - beliebig gewählte Beispiele, ich könnte noch viel mehr aufzählen. Aber es ist, wie gesagt, schwer, gegen ein unübersehbares Massenpublikum anzuargumentieren. Vor allem, wenn man selbst (erfolglos) schreibt ...
Nachtgrüße!
Heike (13.01.2014, 07:59): Unlesbar finde ich auch "Shades of Grey" und die Bücher von Stieg Larsson
Stieg Larsson fand ich trotz seiner zugegeben grausligen Sprache super spannend. Ja, das war sogar einer der wenigen Krimiautoren, den ich wegen der interessanten Storys und der facettenreichen Figuren kaum weglegen konnte. Vielleicht ist das so, dass eine gute Handlung mich mangelnde handwerkliche Fähigkeiten einigermaßen verschmerzen lässt: bei reiner Unterhaltungslektüre.
Zefira (13.01.2014, 10:44): Vielleicht ist das so, dass eine gute Handlung mich mangelnde handwerkliche Fähigkeiten einigermaßen verschmerzen lässt: bei reiner Unterhaltungslektüre.
Mir geht es umgekehrt: Mir macht zum Beispiel ein eher langweiliger Plot nichts aus, wenn Sprache und Charakterisierung interessant sind - Bücher, die mir gefallen haben, lese ich immer noch mindestens ein zweites Mal, um Stil und Personenführung quasi zu überprüfen, wenn der Spannungsaspekt weggefallen ist. Zu Stieg Larsson - ich habe den ersten Band der Millennium-Trilogie gelesen(den fand ich jedenfalls nicht "unlesbar", insoweit muss ich mein Urteil wegen Übertreibung revidieren) und vom dritten dann noch die Gerichtsszenen, weil mich dieser Punkt speziell interessiert hat. Obwohl der Plot sicher spannend war, konnte mich die Erzähltechnik einfach nicht bei der Stange halten.
Grüße von Zefira
AdrianTuttisolo (13.01.2014, 19:11): Um von der Literatur wieder auf die Musik zu kommen bzw. auf die stets aktuelle Problematik, dass die Majorität Kunst - in diesem Falle Musik - nicht zu schätzen weiß, die an einem Eigenwert interessiert ist:
Dank Dir, Florestan, für den Kommentar bzgl. Merkel und Meyer-Landruth: Dies versinnbildlicht, in welch prekärer Weise ernst(haft)e Kunst im öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen wird (mal davon abgesehen, wie beleidigend es für alle hart arbeitenden, ausgebildeten Musiker wäre, wenn M.L. den Bundesverdienstorden bekäme, wobei alleine der Vorschlag seitens der Bundeskanzlerin an eine Desavouierung grenzt).
Obschon es eigentlich Aufgabe der Politik wäre, durch eine bessere musikalische Bildung die Bevölkerung auf den großen Schatz an bereits komponierten und noch zu komponiereden Meisterwerken (nicht nur) hierzulande aufmerksam zu machen (und nicht die Destruktion der Binnenstrukturen durch z.B. Schließung oder Fusionierung gut funktionierender und wichtiger Orchester voranzutreiben) darf man es Garrett & Co. nicht vereiteln, dass sie -einerseits einen, wenn auch nur winzigen, Teil ihrer Hörer an "klassische" bzw. ernste komponierte Musik heranführen und damit an deren wahre Meister (Komponisten wie Interpreten) -andererseits einen Großteil der Bevölkerung durch ihre Musik beglücken. Dies und der Fakt, dass sich die Geige nicht von selbst spielt, d.h. geübt werden muss - Garrett & Co. sich also dem Leben in Musik widmen - verdient Respekt. Innerhalb dieser Respektszone muss dann aber auch kritisiert werden dürfen. Dennoch: prinzipiell ist das (virtuose) Geigenspiel doch höher anzusiedeln, als Musik aus der Konserve; dies muss man Garrett & Co. doch zugute halten.