Debussy, L'Isle joyeuse

Zelenka (29.06.2008, 21:09):
Nach einer längeren Unterbrechung soll die lockere Folge von Beiträgen zu kürzeren Klavierwerken (zuletzt Chopins Berceuse und Barcarolle), denen üblicherweise keine eigenen Fäden eingeräumt werden, mit Claude Debussys "L'Isle joyeuse" fortgesetzt werden. Die Abbildung, die folgt, täuscht ein wenig: Wir erreichen diesmal die ersten Jahre des 20 Jhdts.


http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d4/The_Embarktion_for_Cythera.jpg/800px-The_Embarktion_for_Cythera.jpg


Die Inspiration für "L'Isle joyeuse" ('Die fröhliche Insel') soll von Watteaus Bild "Pèlerinage à l'île de Cythère" ('Pilgerfahrt nach Kythera') (1717) gekommen sein, das im Louvre hängt (s.o.). Eine andere Version des Bildes "Embarquement pour Cythère" ('Einschiffung nach Kythera') hängt in Berlin, und die Pariser Erstfassung ist auch unter letzterem Namen bekannt. Kythera ist eine griechische Insel, die wie Zypern in der Antike in besonderer Beziehung zu Aphrodite/Venus stand. Das Bild selbst bleibt ein wenig rätselhaft. Die Kunstwissenschaft ist sich nicht ganz sicher, was genau auf dem Bild eigentlich zu sehen ist. Es gibt eine Minderheitenmeinung, die besagt, daß hier eher das Verlassen der Insel gezeigt wird. Was Debussy hier genau gesehen hat, bleibt unbekannt.

Weitere Inspirationen für "L'Isle joyeuse" wird die Literatur geliefert haben. Schon 1892 hatte Debussy Gedichte aus Verlaines Zyklus "Fêtes galantes" vertont. Der Dichter knüpft ebenfalls an Watteau mit seinen Rokoko-Sujets an: Belustigungen der adligen Gesellschaft unter freiem Himmel, eben die "Fêtes galantes", aber auch die Commedia dell'arte und allerlei Maskierungen. In Verlaines "Clair de lune" ist von "masques et bergamasque", Masken und Bergamasken ('Possenreißern', , nach der italienischen Stadt Bergamo), die Rede. Und unter den Masken ist Traurigkeit zu finden. Debussys Interesse an den Masken und Bergamasken ging bis zu seinem Tod weiter.

Traurig ist "L'Isle joyeuse" nun keineswegs. Neuere Forschungen gehen davon aus, daß das Stück ursprünglich Teil einer weiteren "Suite bergamasque" werden sollte nach jener ersten aus dem Jahre 1890. Auch die anderen Fragmente der geplanten Suite sind erhalten, aber unabhängig voneinander publiziert. Zuerst wäre "Masques" gekommen, dann "D'un cahier d'esquisses" (fast eine Vorstudie für das großartige "La mer"), zuletzt "L'Isle joyeuse". Wie im Falle der ersten "Suite bergamasque" drängt sich die Verbindung mit barocken Suiten mit ihren Ouvertüren und nachfolgenden Tanzsätzen auf.

"L'Isle joyeuse" wurde im wesentlichen 1903 abgeschlossen. Noch immer wird das Stück mit Debussys "Flucht" mit seiner späteren zweiten Frau Emma Bardac auf die Kanalinsel Jersey im Jahre 1904 in Zusammenhang gebracht. Die englisch anmutende Schreibung "Isle" im Titel statt heute üblichem französischem "Île" dürfte nicht auf Jersey anspielen, sondern eher hier archaisierend die zu Watteaus Zeiten übliche Schreibung zitieren. (Die Welt ist manchmal wirklich klein: Vor ihrem Verhätnis mit Debussy war Emma Bardac mit Fauré liiert, dem Debussy musikalisch einiges zu verdanken hatte, der selbst auch Verlaine vertonte und der in hohem Alter noch "Masques et Bergamasques" für Orchester komponierte.

Es wird vielleicht nicht gleich ohrenfällig, aber "L'Isle joyeuse" ist eine Sonate mit allen üblicherweise zugehörigen Zutaten. Gegen Ende sollte sich auf jeden Fall, wie es etwa Claudio Arrau ausgedrückt hat, der Eindruck einer heidnischen Orgie einstellen. Etwa zwischen 4 ½ und 6 ½ Minuten dauert das Bacchanal.

Debussy, selbst ausgebildeter Konzertpianist, wenn auch nur mit einem zweiten Preis im Konservatorium gewürdigt, hatte Vorbehalte gegenüber Pianisten. "Man ist oft verraten bei den sogenannten Pianisten! Ich kann Ihnen versichern, es ist unvorstellbar, wie sehr meine Klaviermusik entstellt worden ist, so daß ich sie oft kaum wiedererkannt habe", schreibt er 1910, fünf Jahre später ist er noch kritischer: "Die meisten Pianisten sind schlechte Musiker, sie zerlegen die Musik in Einzelteile – wie ein Brathähnchen." "L'Isle joyeuse" verlangt technisch sehr viel vom Klavier und vom Ausführenden, wie Debussy schon dem Verleger der Erstausgabe des Stücks mitteilte. Claudio Arrau, der "L'Isle joyeuse" häufig gespielt, aber nie im Studio aufgenommen hat, und Samson François stellen sich der Herausforderung und sind hier zu hören und zu sehen. Haben sie den Blick auf das Ganze oder muß man an ein Brathähnchen denken?

Es existiert eine vom Komponisten abgesegnete Orchestrierung von Bernardo Molinari, die offenbar selten gespielt und auch selten eingespielt wird.

Gruß, Zelenka
Gamaheh (29.06.2008, 22:50):
Lieber Zelenka,

herzlichen Dank für diese informative Fadeneröffnung, die ich nur als "scholarly" bezeichnen kann!

Leider hält sich meine Kenntnis der "Isle joyeuse" in Grenzen. Ich habe wohl Aufnahmen, die ich im Moment nicht finden kann. Francois (er sieht aus wie ein Schurke in einem 30er-Jahre-Film) habe ich gehört, er spielt schneller als in den Aufnahmen, die ich erinnere, und hat sicher nicht die Geflügelschere im Gewand.

Im Vergleich zu Poulencs luftig-heiterem Embarquement pour Cythère scheint bei Debussy das Freudvolle eher ekstatischer Natur zu sein und ein jähes Ende zu finden - Auffassungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten !

Kythera hieß eine Insel südlich von Laconia (Sparta?), später Cerigo, informiert mich mein Liddell/Scott - im Altertum berühmtes Heiligtum der Liebesgöttin Aphrodite.

Ich hoffe, weitere Einspielungen der Insel ausfindig machen zu können!

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (29.06.2008, 23:19):
Ich erinnere mich an ein Recital von Leif Ove Andsnes in Hamburg, ist jetzt schon ein paar Jahre her.
Diese Musik hat mich schwer beeindruckt, und es ist mir unerklärlich, dass ich noch keine Aufnahme besitze :ignore

Danke für diesen Anlass, das zu ändern :thanks

Nikolaus.
Jürgen (30.06.2008, 12:33):
Hallo Zelenka,

danke für das neue Thema, sehr informativ.

Ich habe gleich mal geschaut und zwei Einspielungen gefunden, die recht unterschiedlicher Natur sind:
Ousset, 1986 EMI 6:09
Weissenberg, 1985 DGG 4:48


Bei Ousset habe ich eher das Gefühl von (Hähnchen-) Einzelteilen. Recht ausdrucksarm.
Der erste Eindruck bei Weissenberg ist etwas gehetzt. Ein Blick auf die Zeiten bestätigt das. Ich habe mich aber schnell daran gewöhnt und genoss dann den Spannungsbogen, den er aufbaute.

Grüße
Jürgen
Gamaheh (30.06.2008, 21:17):
Original von Jürgen
Der erste Eindruck bei Weissenberg ist etwas gehetzt. Ein Blick auf die Zeiten bestätigt das. Ich habe mich aber schnell daran gewöhnt und genoss dann den Spannungsbogen, den er aufbaute.


Stimmt, die Aufnahme von Weissenberg habe ich auch mal - geliehenerweise - gehört. Ich habe sie aber offenbar sofort verdrängt, denn die ganze Doppel-CD mit Werken von Debussy fand ich kalt, analytisch und aggressiv - eher als an eine Geflügelschere dachte ich an ein Skalpell !

Aber welche, lieber Zelenka, sind denn die von Dir bevorzugten Aufnahmen?

Grüße,
Gamaheh
Jürgen (01.07.2008, 08:56):
Original von Gamaheh
Stimmt, die Aufnahme von Weissenberg habe ich auch mal - geliehenerweise - gehört. Ich habe sie aber offenbar sofort verdrängt, denn die ganze Doppel-CD mit Werken von Debussy fand ich kalt, analytisch und aggressiv - eher als an eine Geflügelschere dachte ich an ein Skalpell !
Grüße,
Gamaheh

Hallo Gamaheh,

ich kannte Weissenberg lange nur von Rach's 24 Vorspielen. Und dort war er mir auch oft zu kalt und aggressiv aber haupsächlich zu hart, das Zarte, die Lieblichkeit fehlt mir bei ihm.

Bei Debussy, so dachte ich, geht das noch weniger. Dennoch habe ich mir aus Interesse und weil die CD oft lobend erwähnt wurde, diese Scheibe gekauft:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51G1C23M2KL._SL160_AA115_.jpg

Zumindest bei L'Isle joyeuse gefallen mir seine Bögen sehr gut, ein wenig zu schnell, aber noch angenehm zu hören.
Bei Debussy allgemein ziehe ich jedoch Planès vor.

Grüße
Jürgen
Zelenka (01.07.2008, 17:04):
Original von Gamaheh

Aber welche, lieber Zelenka, sind denn die von Dir bevorzugten Aufnahmen?

Grüße,
Gamaheh

Liebe Gamaheh:

Ich möchte mich mit meinen Aufnahmen noch einen Moment zurückhalten.

Gruß, Zelenka
Cosima (05.07.2008, 13:50):
Lieber Zelenka,

vielen Dank für Deinen interessanten Eröffnungsbeitrag! Ich höre die „Isle“ sehr gern!

Da Du schon viel zum Werk gesagt hast (und ich hier derzeit nichts ergänzen könnte), möchte ich ohne Umschweife auf die Aufnahmen zu sprechen kommen. Es müssen rund 20 Interpretationen sein, die ich im Laufe der Zeit gehört habe. Ich bevorzuge Darbietungen, die eben nicht im eintönigen und neutralen „impressionistischen Nebel“ versinken, sondern eher glanzvoll und kontrastreich sind. Meine Favoriten:

An erster Stelle würde ich Vladimir Horowitz nennen und dessen Live-Mitschnitt aus 1966 (Sony) – in sich sehr schlüssig und atemberaubend intensiv, zum Schluss hin ungestüm und fast fiebrig interpretiert.

Auf Samson Francois hast Du ja schon hingewiesen, meine zweitliebste Aufnahme. Dessen „Isle“ befindet sich auf einer EMI-DVD; die Aufnahme ist aus 1962. Ich liebe Francois’ elegantes, agiles und freies Klavierspiel sehr! Interessant ist vielleicht, was Francois über Debussy sagt:

„I do not think anyone ventured as far as he did into the realm of dreams and the most extraordinary thing is that not only did he go through the mirror to see what was on the other side, but he did so quite lucidly and whatever he discovered there, he was able both to express it and to choose what to tell and what not. I like poets to have their heads in the clouds and their feet firmly on the ground, which, one could say, is the case with Debussy…“

Sehr gerne höre ich noch Aldo Ciccolini (EMI 1991) und Zoltán Kocsis (Philips 1988). Von Richter habe ich drei verschiedene Aufnahmen, die mich alle nicht so recht zu überzeugen vermögen.

Gruß, Cosima
Zelenka (08.07.2008, 16:51):
Liebe Cosima, liebe Gamaheh, lieber Jürgen, lieber Nikolaus:

Herzlichen Dank für Eure Beiträge! Ich kann wohl nicht mit mehr Wortmeldungen fürs erste rechnen, es wird also Zeit, daß ich meine Präferenzen endlich bekanntgebe.

Was erwarte ich persönlich von einer Interpretation der "Insel"? Die pianistischen Herausforderungen, die das Stückchen stellt, sind enorm, auch wenn Debussy später noch Schwereres geschrieben hat. Es ist natürlich reizvoll, den Hindernisparcour in möglichst schneller Zeit (und ohne zumindest auffällig danebenzugreifen) zu absolvieren. Cosima hat oben von impressionistischen Nebeln geschrieben, in denen viele Darbietungen zu versinken drohen. Geschwindigkeit ist hier nicht alles, die aufeinanderfolgenden Episoden sollten erkennbar bleiben, allerdings auch wiederum nicht wie die Einzelteile eines zerlegten Brathänchens wirken. Es sollte auch nicht zu leichtfüßig über die Schwierigkeiten hinweggehuscht werden. Aus diesem Grund scheidet Gieseking schon in der Vorrunde bei mir aus, auch wenn nach Ansicht der zweiten Frau und der Stieftochter Debussys Gieseking am treulichsten das Spiel des Komponisten nachvollzog. In seiner Aufnahme von 1938 (Dante) benötigt Gieseking 4:31, später (1953, EMI) 4:56. In meinen Insel-Beständen kann nur Weissenberg mit anderem Anschlag, aber ebenso fingerfertig, hier mithalten. Beide genannten Pianisten sollte man unbedingt hören, aber für mich sind es gerade die langsameren Interpreten, jene die etwas bedächtiger auf den absoluten Höhepunkt gegen Ende zusteuern, die mich mehr überzeugen. An erster Stelle liegt (wie bei Cosima) bei mir Horowitz (6:01, Sony) mit seinem dann auch tatsächlich orgiastischen Spiel am Schluß. Im Abstand folgen François, (in etwas längerem Abstand) dann Arrau (Konzertmitschnitt auf YouTube), der mich hier leicht enttäuscht, Kocsis (6:06, Philips), Ciccolini (5.58, EMI), Pludermacher (5:41, Transart). Meyer (EMI), Richter (verschiedene Labels), Haas (Erato), Rogé (Decca), Tiberghien (HM), Chaplin (Pierre Verany) und Bavouzet (Chandos) haben mich alle nicht überzeugen können. Das ehrenvolle Schlußlicht bildet Gulda (Andante) …

Gruß, Zelenka
Jürgen (09.07.2008, 09:50):
Nachdem ich Rogé mit seiner Interpretation aus diesem Album gehört habe:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31qHlfSIY0L._SL500_AA240_.jpg

Er ist mit 6:34 noch langsamer als Ousset, gefällt mir aber besser, weil es etwas sinnlicher klingt. Weissenberg hat bei mir aber noch die Nase vorn, weil er die Fäden zusammenhält.
Horowitz muss ich wohl noch kennenlernen. Oder (bzw. und) Planés.

Grüße
Jürgen

@Zelenka: Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, dass ich doch noch was nachschiebe. Aber Du legst bestimmt keinen großen Wert darauf, das letzte Wort zu haben :wink.
Ich habe übrigens drei Artikel in Wikipedia gelesen (Debussy, L'Isle joyeuse und Lydischer Modus, der interessanter Weise von David Gilmore gerne verwendet wurde) und ich wage die Prognose, dass das Thema noch nicht ganz tot ist.
satie (09.07.2008, 12:16):
Lieber Jürgen,
da Du den lydischen Modus ansprichst: es ist hier wie so oft bei Debussy jener abgewandelte lydische Modus, den man im Jazz als "lydian dominant" bezeichnet, bei dem auch noch die Septime eine kleine statt einer großen ist. In C-Dur wäre das die Folge c-d-e-fis-g-a-b
Dieser Modus stellt einen Ausschnitt aus der Obertonreihe dar (8. bis 14. Teilton, allerdings natürlich ins temperierte System eingepasst). Damit ist der Modus noch asymmetrischer und klingt sehr interessant. Überhaupt: das Modale ist ein Kennzeichen der gesamten neueren französischen Musik vom Impressionismus bis zu Messiaen und später.

Herzlich,
S A T I E
Zelenka (10.07.2008, 15:26):
Original von Jürgen

@Zelenka: Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, dass ich doch noch was nachschiebe. Aber Du legst bestimmt keinen großen Wert darauf, das letzte Wort zu haben :wink.
Ich habe übrigens drei Artikel in Wikipedia gelesen (Debussy, L'Isle joyeuse und Lydischer Modus, der interessanter Weise von David Gilmore gerne verwendet wurde) und ich wage die Prognose, dass das Thema noch nicht ganz tot ist.

Lieber Juergen:

Natuerlich bin ich nicht boese, wenn der Faden weiterlaeuft, ganz im Gegenteil! :leb

Hoffen wir, dass das Thema noch nicht ganz tot ist!

Gruss, Zelenka
AcomA (12.07.2008, 20:14):
hallo Gamaheh und Jürgen,

ich kenne alexis weissenbergs interpretation von l'isle joyeuse schon sehr lange. gerade die transparente und kalkulierte art seines spiels gefällt mir sehr gut. insgesamt halte ich sein debussy-recital auf besagter DG-platte für eine seiner schönsten und beeindruckendsten aufnahmen !

und steht ein skalpell im widerspruch zu wärme und emotion ?

nein ! wärme oder kälte gehen nicht vom instrument, sondern vom benutzer aus. ich behaupte, dass gerade das anwenden des chirurgischen messers mit viel feingefühl und wärme geführt werden muss, das gefühl für das gewebe und die bewegung der hand. alles nicht unähnlich der behandlung des klaviers !

gruß, siamak
Gamaheh (13.07.2008, 00:03):
Original von AcomA
und steht ein skalpell im widerspruch zu wärme und emotion ?


Hallo Siamak,

für einen Arzt wohl nicht, aber es ist nicht meine erste Assoziation. Ich dachte übrigens eher an das Sezieren, und da ist doch normalerweise nichts mehr warm (obwohl in jedem Pathologen wahrscheinlich auch ein warmes menschliches Herz schlägt, das sich nach Liebe sehnt usw.).

Bei Weissenbergs Debussy-Platte sind wir unterschiedlicher Meinung, das macht ja nichts!

Grüße,
Gamaheh
AcomA (13.07.2008, 12:46):
liebe gamaheh,

nein, dass macht überhaupt nichts, im gegenteil ! ich musste halt im falle debussy mich für alexis weissenberg einsetzen, der ja seit vielen jahren aufgrund einer neurologischen erkrankung nicht mehr in der lage ist, auf dem flügel stellung zu nehmen.

gruß, siamak :)
Gamaheh (13.07.2008, 21:21):
Original von AcomA
liebe gamaheh,

nein, dass macht überhaupt nichts, im gegenteil ! ich musste halt im falle debussy mich für alexis weissenberg einsetzen, der ja seit vielen jahren aufgrund einer neurologischen erkrankung nicht mehr in der lage ist, auf dem flügel stellung zu nehmen.

gruß, siamak :)

Lieber Siamak,

interessanterweise dachte ich, als ich die Platte hörte, daß Weissenberg ganz klar ein formidabler Pianist ist, aber daß mir sein Debussy trotzdem überhaupt nicht gefällt. Seine Goldberg-Variationen dagegen finde ich fabelhaft.

Grüße,
Gamaheh
YJ (04.08.2008, 23:55):
Die pianistischen Herausforderungen, die das Stückchen stellt, sind enorm, auch wenn Debussy später noch Schwereres geschrieben hat. Es ist natürlich reizvoll, den Hindernisparcour in möglichst schneller Zeit (und ohne zumindest auffällig danebenzugreifen) zu absolvieren.

Ich finde, dass dieses Stück definitiv zu schnell gespielt werden sollte, auch wenn manch brillante Stellen direkt danach schreien. Eine Interpretation unter 5 min ginge meiner Meinung nach so gut wie gar nicht, auch nicht, wenn man den langsamen Mittelteil schneller spielt; schließlich ist "L'isle" keine Etüde. Außerdem kommen viele Feinheiten nicht gut zur Geltung, wenn man daraus einen Wettlauf gegen die Zeit macht... und ja, man greift dann dementsprechend auch öfters daneben :D
ab (05.08.2008, 13:26):
Um auch etwas hier als Debussy-Préludes-Fan zu sagen: Ich kenne vier Versionen, nämlich Gieseking (EMI), Richter aus London 1961 und aus München 1992, sowie Gulda. Nichts davon sagt mir recht zu :(
Zelenka (06.08.2008, 20:14):
Original von ab
Um auch etwas hier als Debussy-Préludes-Fan zu sagen: Ich kenne vier Versionen, nämlich Gieseking (EMI), Richter aus London 1961 und aus München 1992, sowie Gulda. Nichts davon sagt mir recht zu :(

Wenn Dich die Komposition nicht ohnehin abstößt, versuche es doch mal mit Horowitz z.B. ...

Gruß, Zelenka
Zelenka (06.08.2008, 20:18):
Original von YJ

Ich finde, dass dieses Stück definitiv zu schnell gespielt werden sollte, auch wenn manch brillante Stellen direkt danach schreien.

Du meinst, das Stück sollte definitiv nicht zu schnell gespielt werden? Wenn dem so ist: :beer

Gruß, Zelenka
ab (07.08.2008, 11:04):
Original von Zelenka
Wenn Dich die Komposition nicht ohnehin abstößt, versuche es doch mal mit Horowitz z.B. ...

Gruß, Zelenka

Werde ich mal bei Gelegenheit versuchen, auch wenn mir eigentlich "ungestüm und fast fiebrig interpretiert" bereits im Allgemeinen weniger zusagt und bei Debussy womöglich im Besonderen noch viel mehr; und mir eigentlich auch sonst Horrowitz sich zu sehr mit der Musik spielt als musiziert.

Von Debussy kenne ich nichts, was mich abstoßen würde.
YJ (08.08.2008, 14:47):
Original von Zelenka
Original von YJ

Ich finde, dass dieses Stück definitiv zu schnell gespielt werden sollte, auch wenn manch brillante Stellen direkt danach schreien.

Du meinst, das Stück sollte definitiv nicht zu schnell gespielt werden? Wenn dem so ist: :beer

Gruß, Zelenka

Äh, ja, ich meinte, NICHT zu schnell :beer
Gamaheh (11.08.2009, 23:11):
Liebe Forenser,

in der letzten Zeit habe ich wieder vermehrt dieses faszinierende und ekstatische Stück gehört (Debussys längstes Werk für Solo-Klavier), von dem Debussy schrieb (Brief an seinen Verleger, Jacques Durand, September 1904): "Mein Gott, wie das schwer zu spielen ist ... dieses Stück scheint mir alle Arten zu vereinen, wie man ein Klavier bearbeiten kann, denn es vereint Kraft und Anmut ... wenn ich das so sagen darf."

Im Faden "Was lese ich gerade" schrieb ich schon von dem Buch von Roy Howat, Debussy in Proportion.

Bei der Isle joyeuse ist das Rechnen etwas komplizierter, da sie teils in 4/4, teils in 3/8-Zeit geschrieben ist, was eine Umrechnung in Einheiten erfordert, die nicht den Takten entspricht.

Das Ergebnis ist jedoch verblüffend, denn der Autor scheint nachzuweisen, daß Debussy das so bis ins kleinste Detail umgesetzt hat, an einer Stelle sogar einen (laut dem Autor musikalisch eigentlich unnötigen) Takt nachträglich wieder eingefügt hat, "weil die Zahlen sonst nicht stimmen" (oder so ähnlich an seinen Verleger, aus dem Gedächtnis).

Es ist also eher unwahrscheinlich (wenn auch charmant formuliert), daß "seine Kleine" (Madame Emma Bardac) ihm das "an einem Donnerstag im Juni 1904" in die Feder diktiert habe.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (12.08.2009, 07:33):
Original von Gamaheh
Im Faden "Was lese ich gerade" schrieb ich schon von dem Buch von Roy Howat, Debussy in Proportion.

Bei der Isle joyeuse ist das Rechnen etwas komplizierter, da sie teils in 4/4, teils in 3/8-Zeit geschrieben ist, was eine Umrechnung in Einheiten erfordert, die nicht den Takten entspricht.

Das Ergebnis ist jedoch verblüffend, denn der Autor scheint nachzuweisen, daß Debussy das so bis ins kleinste Detail umgesetzt hat, an einer Stelle sogar einen (laut dem Autor musikalisch eigentlich unnötigen) Takt nachträglich wieder eingefügt hat, "weil die Zahlen sonst nicht stimmen" (oder so ähnlich an seinen Verleger, aus dem Gedächtnis). .

Grüße,
Gamaheh

@Gamaheh,

die zeigt mir wieder wie fundamental selbst die Kunst auf grundlegende Naturgesätze beruhen, die letztendlich nur rein mathematisch oder aber auch emotional, wie durch Musik erfasst werden können. Letzteres ist offensichtlich einfacher! :wink
Gamaheh (24.08.2009, 22:28):
Original von Satie
da Du den lydischen Modus ansprichst: es ist hier wie so oft bei Debussy jener abgewandelte lydische Modus, den man im Jazz als "lydian dominant" bezeichnet, bei dem auch noch die Septime eine kleine statt einer großen ist.

Lieber Satie,

gerade habe ich übers Wochenende nochmal dieses faszinierende Buch (das womöglich deshalb so faszinierend für mich ist, weil ich kaum was verstehe), dem Du so skeptisch gegenüberstehst, in den Fingern gehabt und ungefähr vier oder fünf Seiten gelesen.

Dabei habe ich die wertvolle Information erhalten, daß es sich hierbei um eine Mischung aus lydischem und mixolydischen Modus handelt (es geht um das B-Thema, zuerst Takt 9), der als der 64. karnatische Modus (mit Namen "Vachaspati" - kommt aus der indischen Musik, wie der Name andeutet) identifiziert worden ist! Auch bekannt als "akustische" Tonleiter, wie der Autor ausführt. Wie sagt Michael Caine so schön: "... and not many people know this!".

Grüße,
Gamaheh
Holger (08.11.2010, 00:41):
Hallo,

ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob "Clair de lune" zur "L'Isle joyeuse" gehört. Der erste Beitrag im Thread erweckt zumindest den Eindruck.

Wie auch immer, "Clair de lune" ist schlichtweg wundervoll!

Weshalb sagt einem das hier eigentlich keiner? :tongue:

Liebe Grüße von Holger
Amadé (08.11.2010, 17:33):
Hallo Holger,
wer nicht fragt, bekommt auch keine Antwort, :D
aber jetzt liegt eine Frage vor. "Clair de lune" und "L'Isle joyeuse" sind verschiedene Klavierstücke von Debussy, letzteres wurde vom Komponisten einzeln herausgegeben, "Clair de lune" ist das 3.Stück aus der Klaviersuite "Bergamasques", sehr bekannt, wurde unzählige Male aufgenommen, vielleicht hast Du es schon mal in einer Orchesterbearbeitung gehört, da klingt es oft recht schnulzig.

Gruß Amadé :P
Holger (08.11.2010, 21:23):
Danke, lieber Amadé!

"Schnulzig" ist genau meine Welt. :)

Wobei die Aufnahme, die ich im Radio hörte, meiner Erinnerung nach eher puristisch war.

Viele Grüße von Holger