Der Dirigent Herbert Kegel

Amadé (13.09.2008, 20:52):
Liebe Forianer,

viel zu selten fällt hier im Forum der Name des deutschen Dirigenten Herbert Kegel , ein Grund in einem eigenen Thread auf ihn und sein künstlerisches Vermächtnis aufmerksam zu machen.

Kegel wurde 1920 in Dresden geboren und in dieser Stadt, gleichzeitig auch einer seiner langjährigen Wirkungsstätten, schied er in 1990, also ein Jahr nach der Wende, freiwillig aus dem Leben. Die Gründe hierfür liegen im privaten Bereich.
Er studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt.
1949 bis 1978 leitete er den Rundfunkchor Leipzig, für mich einer der besten, überhaupt
1949 bis 1953 Leiter des Großen Rundfunk-Orchesters Leipzig
ab 1953 bis 1960 Dirigent des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig
von 1960 bis 1978 dessen Chefdirigent (er erzog es m.E. zum besten Orchester der DDR nach Staatskapelle Dresden und Gewandhausorchester)
1977 bis 1985 Leiter der Dresdner Philharmonie, das 2. große Orchester neben der Sächsischen Staatskapelle

Kegel hat sich vor allem Verdienste um die zeitgenössische Musik gemacht, insbesondere die ostdeutscher Komponisten. Viele Werke wurden auch auf Schallplatte festgehalten und sind heute noch beim Label Berlin classics lieferbar.

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Schostakowitsch, Sibelius, Schenker, Mahler 1.,Berlioz op.14, Dessa, Mussorgsky, Prokofieff, Bartok, Hindemith, Meyer, Britten (War Requiem), Penderecki, Berg, SChönberg (Gurre Lieder), Webern, Strawinsky, Orff - vieles auch auf Einzel-CDs erhältlich

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Aber auch das klassisch-romantische Kernrepertoire war bei ihm in mehr als soliden Händen.
Die 9 Beethoven-Sinfonien mit der Dresdner Philharmonie (1982) bei Capriccio veröffentlicht, brauchen sich neben anderen neueren Produktionen nicht zu verstecken.

Ich habe ihn einmal mit der Dresdner Philharmonie gehört (1981 Beethoven 4. Klavierkonzert und Strawinsky Feuervogel), kann aber seine Leistung nur aufgrund der diskographischen Hinterlassenschaft beurteilen, von denen viele seiner Aufnahmen heute noch verfügbar sind, teilweise auch in dicken Boxen.

Zu Spitzenaufnahmen unter seiner Leitung zähle ich:
Brahms Ein Deutsches Requiem

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Orff Carmina burana mit J.Vulpius, H.J. Rotzsch, K.Rehm und K.Hübenthal, es gibt auch noch eine neuere Aufnahme, die ich jedoch nicht kenne.
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jetzt auch wieder auf LP! oder auf CD:

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Bruckner 8. Sinfonie c-moll (lichtdurchflutet)
Scheint in Augenblick vergriffen zu sein!

Sehr gut gefallen mir auch:
Bizet Carmen (in deutsch)

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Beethoven Tripelkonzert C-dur op.56

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Bedeutet euch der Dirigent Herbert Kegel etwas, kennt ihr Aufnahmen von ihm?

Grüße Amadé
Dr. Schön (13.09.2008, 21:26):
Original von Amadé

Bedeutet euch der Dirigent Herbert Kegel etwas, kennt ihr Aufnahmen von ihm?



Ich würde beides bejahen. Ich schätze Kegel sogar sehr.

Zu Allem was Du erwähnt hast muss ich unbedingt noch seinen Parsifal zählen, da es sich hierbei für mich um eine der absoluten Top Einspielungen handelt. Eine sehr zügige, expressive und spannungsreiche Darstellung, bei der auch eine gewisse Leuchtkraft hinzukommt.

Ferner sind seine Beiträge zur Zweiten Wiener Schule durch die Bank sehr zu empfehlen. Die Orchestersachen von Webern kommen sehr "griffig" daher und auch sein "Moses & Aron" ist eine spannungsreiche Angelegenheit. Und seine eher kammermusikalischen "Gurre Lieder" finde ich einfach grandios.

Seine Mahler Sinfonien 1 & 4 sind sehr interessant und bemerkenswert (und das gerade bei den beiden Mahler Sinfonien, die ich am wenigsten interessant und bemerkenswert finde).

Insgesammt eine Menge hervorragender Aufnahmen, die absolut inselwürdig sind.

Und alles so, wie es kein anderer Dirigent vergleichbar gemacht hätte.

Dr. Schön
Cosima (14.09.2008, 10:12):
Hallo Amadé,

ich kenne nur drei Aufnahmen mit Herbert Kegel als Dirigenten, aber diese wenigen sind mir wichtig und wertvoll.

Wie Dr. Schön schon schrieb: Seine 1. und 4. Mahler-Sinfonie sind m.E. herausragende Interpretationen. Besonders in der 4. Sinfonie lotet Kegel mit großer Intensität ganz wunderbar die Tiefen dieses vielschichtigen Werkes aus. Er verpasst ihr das gewisse Etwas, legt sensibel die Doppelbödigkeit – dieses „So-als-ob“ – offen. So ähnlich habe ich das bislang nur in Szells Interpretation gehört.

Orffs „Carmina burana“ wäre die dritte Aufnahme, die ich für sehr hörenswert halte. (Ich besaß auch Orffs „Die Kluge“ und „Der Mond“ unter Kegel, verkaufte sie jedoch wieder. Das lag aber ausdrücklich nicht an Kegel – ich konnte mit den Werken einfach nichts anfangen.)

Gruß, Cosima
uhlmann (14.09.2008, 10:18):
hallo amadé,

danke für den thread.
tatsächlich habe ich mich auch schon mit dem gedanken getragen, einen solchen zu starten, denn ich schätze herbert kegel sehr.

viele aufnahmen wurden hier schon genannt. sehr erfreulich, dass die cd's im allgemeinen für ein sehr akzeptables preisniveau zu haben sind.

nachdrücklich möchte ich, wie dr. schön, seinen parsifal empfehlen, der neben der einspielung boulez' zu den prototypischen aufnahmen einer analytischen, "weltlichen" lesart zählt.

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absolut top sind auch die aufnahmen der zweiten wiener schule, auf die ich schon mehrfach hingewiesen habe (und die auch teil der box ganz oben sind):

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interessant für entdeckungsfreudige ist die serie "musik in der ddr", in der auch viele aufnahmen mit kegel enthalten sind:

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anderswo werden auch die einspielungen der beiden orff-opern "der mond" und "die kluge" empfohlen:

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weniger beeindruckt bin ich von kegels bruckner, der mir zu wenig eigenständig ist (etwa im vergleich zu kegels ddr-kollegen heinz rögner). kegels beethoven kenne ich nur von ausschnitten, die interpretationen werden öfter mal als recht gut eingestuft.
Amadé (14.09.2008, 15:42):
Hallo,

ich freue mich, dass es hier im Forum doch einige Kegel-"Freunde" gibt und dieser Dirigent doch nicht vergessen ist. In meiner Faden-Eröffnung habe ich nicht alle Kegel-CDs aufgelistet, die in meinen Regalen stehen.
Die Parsifal-Aufnahme habe ich bereits und sie gefällt mir. Hier wird textverständlich gesungen, besonders hervorheben möchte ich auch den mitwirkenden Leipziger Rundfunkchor unter Leitung seines langjährigen Leiters Horst Neumann.

@ Carmina burana
Einige Forianer bevorzugegen die Jochum-stereo-Aufnahme aus Berlin, sie kennen wahrscheinlich nicht die 1. Kegel-Produktion. Hier wird messerscharf Orffs Stück umgesetzt!

Gruß Amadé
Rachmaninov (14.09.2008, 18:13):
Ich besitze eine Aufnahme von Kegel, und das ist die Aufnahme der ersten Schostakowitsch Sinfonie.

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Sehr gelungene Aufnahme der ersten Sinfonie.

Wenn ich die erste höre, dann sehr gerne in dieser Aufnahme!
Jürgen (15.09.2008, 08:52):
Original von uhlmann
nachdrücklich möchte ich, wie dr. schön, seinen parsifal empfehlen, der neben der einspielung boulez' zu den prototypischen aufnahmen einer analytischen, "weltlichen" lesart zählt.


Der weltlichen Lesart steht die Weihevolle gegenüber, die mir wesentlich besser gefällt. Vor einigen Monaten besorgte ich mir den Kegel'schen Parsifal aus Neugierde und weil er noch relativ günstig zu haben war, aber er ist mein Fall.

Neben dem schon erwähnten Deutschen Requiem kenne ich noch das Brahmsche 2.KK mit Annerose Schmidt, eine DENON Aufnahme aus den 70ern.
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Da ich Brahms nicht soooh gerne höre und bislang noch nicht vergleichend, möchte ich hier keine Bewertung abgeben.

Kegel ist also bei mir eher unterrepräsentiert. Und was ich beurteilen kann, ist nicht so sehr mein Geschmack.

Grüße
Jürgen
teleton (16.09.2008, 11:15):
An CD´s mit Herbert Kegel geht man oft vorbei, weill man das repertoire schon in anderen guten Aufnahmen besitzt. So geht es mir jedenfalls.

Doch habe ich eine herausragende CD, die Herbert Kegel als einen herausragenden Präzisionfanatiker im positivsten Sinne zeigt:
Das Kegel ein hervorragender Dirigent ist, der Szell-typisch äußerste Präzision mit Hochspannung vereinen zu weis, zeigt er auch auf dieser Boris Blacher-CD:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41K15N4D8HL._SL500_AA240_.jpg
Blacher: Paganini-Variationen, Zweites Klavierkonzert, Concertante Musik
Dresdener PH, Herbert Kegel
Berlin Classics, 1982, ADD

Die Blacher: Paganini-Variationen (1947) die ich auch mit Solti / WPO (Decca) habe, sind TOP eingespielt, sodaß man kaum glauben könnte wo man hier noch eine Verbesserung erzielen könnte.
Meine Überraschung bei Kegel war umso größer, als erstens die Tontechnik (analog) voll präsent rüberkommt und zweitens am laufenden Band Strukturen präzisie hörbar gemacht werden, die das Werk auseinandernehmen und vollkommen hörbar machen. Dabei interpretiert Kegel mit der Dresdener PH das Werk mit Hochspannung und läßt keine Stelle aus es mit Saft und Kraft darzubieten - einfach Meisterhaft.
Sehr schön auch, dass die 16 Variationen bei Kegel in einzelne Tracks eingeteilt sind.
Die Variation 15 ( :D auf die man schon wartet), ist der Ausschnitt, den Eshpai in seiner Sinf.Nr.5 zitiert. Kegel auch hier Superklasse und die Var.16 fetzt zum Schluß, dass es eine Wonne ist.

Auch die beiden anderen Werke mit Blacher auf der CD - und mit Kegel - sind famos.
:times10 Eine äußerst lohnende CD mit Musik des 20.Jhd., die es mal wirklich in sich hat !
Amadé (16.09.2008, 20:14):
Wer sich etwas mehr mit Blachers Musik auseinandersetzen möchte kommt auch um diese ausgezeichnete Aufnahme nicht herum, die ich mir letztes Jahr zugelegt habe:

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Gruß Amadé
HenningKolf (22.11.2008, 19:15):
Blacher - auch wieder eine Wissens- und Hörenslücke, die es zu schließen gilt!

Ich kann mich Dr. Schön, die Gurrelieder betreffend, nur anschließen. Sehr schlank und unopulent eingespielt - das kommt dem Werk sehr zu gute. Da wo der Komponist schon "dick" aufträgt, ist Zurückhaltung des Dirigenten sehr löblich!

Gruß
Henning
Amadé (22.11.2008, 22:33):
Lieber Henning,

Kegel war nicht nur ein Virtuose, sondern mehr: ein guter Handwerker, der wusste, wie gewisse Stellen zu behandeln waren.

Gruß Bernd