Der Fliegende Holländer in Bayreuth im Jahre 2021

xarddam (01.08.2021, 10:59):
Hallo zusammen,

ich bin kein allzu großer Opernfan, und hatte mit diesem Genre der klassischen Musik bislang wenig bis gar keine Berührungspunkte.
Klar, Overtüren habe ich schon Einige gehört und viele davon gefallen mir auch ausgesprochen gut
Mit Opern habe ich aber meine Probleme hauptsächlich wegen dem Frauengesang. Weil der ist oft schwer zu verstehen und die hohen Stimmlagen sind nix für meinen Tinnitus. Männergesang in Opern finde ich dagegen oft klasse.

Nun, vor kurzem habe ich mir den Livestream aus Bayreuth von der Oper "Der fliegende Holländer" gezogen und dann via TV mit Ton auf einer guten Anlage angeschaut. Dachte mir, wenn es schon mal einen neuen stream aus Bayreuth gibt, sollte ich die Gelegenheit halt mal nutzen.

Von der Musik war ich sehr angetan.
Im ersten Aufzug ja auch nur Männer und Männerchor
Auch der Frauenpart mit Asmik Grigorian (2. 3. Aufzug) war einigermassen erträglich.
Bei den Männer-parts einfach nur hevorragend: Georg Zeppenfeld als Daland und vor allem Eric Cutler als Erik. Das war ganz große Kunst. Dem Erik habe ich die "Verzweiflung" richtig gehend abgenommen.
Auch den Männerchor fand ich stark.
Die orchestrale Musik fand ich großartig; von der Overtüre, bis zum Schluss, einfach klasse. Vor allem der Start und weitere Verlauf des dritten Aufzugs war die Musik teils richtig fetzig.
Sehr hilfreich fand ich übrigens die Untertitel zum Mitlesen (vor allem hilfreich bei den Frauen- und Chorparts)

Das Bühnenbild hat mir dann aber nicht so gefallen. Passte gar net und teilweise passte es auch nicht zu dem was gerade gesungen wurde.
Das Spiel der Sänger/innen als Schauspieler war dann aber teils wieder stark (vor allem die Senta, aber auch Erik und Daland).


Hat noch jemand den Livestream gesehen ?
Heute Abend kommt das übrignes jetzt auch im TV, und zwar bei 3Sat.


PS
Gab es hier nicht mal eine Rubrik, so in der Art "im Konzert", oder "in der Oper", wo man explizit Konzerte besprechen konnte (???)
tapeesa (01.08.2021, 12:05):
Schön, dass du was dazu schreibst.

Die Live-Übertragung im Radio hatte ich gehört und gestern Abend bei 3SAT reingeschaut.
Habe vor die Aufnahme bei Gelegenheit ganz anzusehen, habe es aufgezeichnet, in der Mediathek ist die Aufnahme aber auch noch zu finden.

Nach dem reinen Hören war ich besonders am Bühnenbild interessiert und fand es nicht schlecht.

Die (schauspielerische) Leistung von Eric Cutler (Erik) fand ich herausragend. Die Emotionen, sein nicht verstehen können, nicht helfen können, die Zerrissenheit, haben sich eingebrannt. Bekomme beim Schreiben auch Gänsehaut.

Den Gesang von Georg Zeppenfeld (Daland) und Asmik Grigorian (Senta) fand ich aber auch ansprechend.
John Lundgren hat mich nicht vom Hocker gerissen. Fand ihn in der Holländer-Rolle eher blass.

Die Regie von Dmitri Tcherniakov kam, glaub', allgemein nicht gut an, zu sehr vom Original-Inhalt abweichend.
Mit Treue bis zum Tod war dann nichts. Der Holländer wird von Mary, Sentas Amme, erschossen.
Daland hatte eine außer-eheliche Affäre mit der Mutter vom Holländer. Diese hat sich wegen den gesellschaftlichen Reaktionen erhängt. Der Holländer will nun seine Mutter rächen.
Auch Senta ist nicht der Engel, der sich so gerne ergeben möchte, das psychologische Profil finde ich interessant. Keine Verherrlichung, Verklärung.

Oksana Lyniv hat das meiner Einschätzung nach sehr gut geleitet. Darin war sich die von mir gehörte Kritik auch einig.
Ich mochte auch ihre persönliche Handschrift.
Ich habe gehört, dass Gergiev beim Tannhäuser, mit den Corona-bedingten erhöhten Schwierigkeiten, schlechter klar kam.

Bei Oksana Lyniv und Asmik Grigorian war viel Verständnis, dass beide eher sicherheitsorientiert dirigiert sowie gesungen haben. Der Wunsch nach mehr Einlassung und Emotionalität wurde aber auch geäußert.

(Worauf ich mich überwiegend beziehe, ist die Kritikerrunde im Anschluss an die Radio-Live-Übertragung;
Moderation Antonia Goldhammer, Gäste: Manuel Brug (Die Welt), Bernhard Neuhoff (BR-KLASSIK) und Christine Lemke-Matwey (Die Zeit).
Den FAZ-Artikel fand ich ansonsten am Ergiebigsten.)

Mit der sehr freien Regie habe ich weniger Probleme. Wenn ich weiß, dass das sehr abweichend ist, kann ich das gut nehmen. Mir fehlen aber auch Vergleichsmöglichkeiten. Eine Diskussion wie legitim das generell ist, habe ich bisher noch nicht mitverfolgt.