Der Künstler als Markenname

Gamaheh (28.12.2010, 23:43):
Was tun die Musiker für ihre Popularität ?

Mit „Musiker“ meine ich in diesem Zusammenhang klassische Musiker, mit „Popularität“ meine ich den Bekanntheitsgrad im Volk allgemein, also nicht (nur) unter den Klassikinteressierten. Man könnte die Frage auch in mehreren formulieren:

1. Wie wird ein Musiker bekannt?
2. Wie bleibt er es ?
3. Warum will er es sein ?

Die erste Frage, die man stellen muß, ist wahrscheinlich 3., wenn man davon ausgeht, daß ein Musiker bekannt werden will. (Davon gehe ich aus.) Was bringt die Bekanntheit ? Ruhm, Ehre, Anerkennung, Liebe, Auftritte, hohe Gagen – alles Dinge, die wohl jeder mit unterschiedlicher Gewichtung anstrebt. Geld qua Geld gehört natürlich auch dazu.

Um auffällig bekannt zu werden, muß er etwas finden, das ihn von den vielen anderen Musikern (die im Zweifelsfall genauso gut oder besser musizieren und genauso gut oder besser aussehen als er) unterscheidet, was ihn einzigartig macht. Dazu muß ein konkretes Merkmal von einfacher Begrifflichkeit her, das sich jeder merken und ohne Fachkenntnisse im täglichen Gespräch unterbringen kann, und vor allem muß es somit außermusikalisch sein. Der Grund hierfür ist der ständig wachsende Markt (auch wenn ihm ständig bereits der Grabgesang gesungen wird, wächst der Klassikmarkt unaufhörlich), der es auch mit sich bringt, daß das Publikum immer weniger Wissen und dediziertes Interesse mitbringt. Wölfe zum Beispiel.

Weitere außermusikalische Merkmale, die von Musikern zum „Branding“ verwendet werden, sind diverse: eine Punk-Frisur, Body-Building, Gedichte schreiben, auffällige sartorische Eleganz (hier haben es die Frauen leichter), auffällige Körperhaltung auf der Bühne, Clownerien, selbst der Pianist ohne Klavier - kurzum: alles, was irgendwie exzentrisch wirkt und einprägsam ist.

Eines ist klar: Musik machen allein reicht nicht !

Am schlimmsten dran ist der Pianist, denn in einer Zeit der visuellen Kultur, für die ein Overkill an optischen Reizen die Normalität ist, hat der Mann im Frack, der allein auf der Bühne vor einem großen schwarzen Kasten sitzt und im schlimmsten Fall nicht viel mehr als die Finger bewegt, relativ geringe Chancen, einen Saal voller Leute in Ekstase zu versetzen, auch wenn er mit aller Hingabe Musik macht.

Der Pianist ist also der erste, der sich etwas einfallen lassen muß. Und hier sehen wir sehr schnell, daß er zu extremen Mitteln greifen muß, denn um wirklichen andauernden Ruhm zu erlangen, braucht er auch Macht: Wenn er seriös ist, muß er gleichzeitig zumindest Dirigent sein, besser noch mehrere Eisen im Feuer haben, z.B. als Festival-Leiter o.ä. Wenn er weniger seriös ist, macht er Klamauk und nähert sich so weit wie möglich der Pop-Kultur, d.h. er sorgt dafür, daß auf der Bühne was passiert, zur Not mit außermusikalischen Hilfsmitteln, für die er günstigstenfalls gleichzeitig eine satte Werbeprämie kassiert. Der ist aber kein Musiker mehr, sondern ein Show-Mann. Das macht ihm nichts, denn für jeden unverbesserlichen (Klassik-)Musik-Liebhaber, der sich für etwas Besseres hält und solche Mätzchen verurteilt, gibt es hundert, vielleicht auch tausend andere, die das oberaffeng... finden.

Hier haben wir sie wieder, die zwei Kulturen – diesmal ein wenig anders. Hier die Kultur der schönen Künste, die auch wenn sie laut ist, leise ist; dort die Kultur des Spektakels, das vor allen Dingen eines nicht brauchen kann: ein denkendes Publikum.

Ich bin sicher, daß es viele Arten gibt, wie sich Musiker vermarkten (lassen), und daß Euch viele dazu einfallen.

Z.B.: David Garrett hat, wie ich höre, gerade ein Parfüm kreiert ...

Grüße,
Gamaheh
Cetay (inaktiv) (30.12.2010, 12:20):
Ich stimme zu: Anerkennung (und -als Basis dafür- wahrgenommen zu werden) ist ein fundamentales Grundbedürfnis, nicht nur von Künstlern.
Es gibt auch keinen Zweifel, dass es Musiker mit Punkfrisuren, clowneskem Gehabe oder Nebentätigkeiten zur Berühmtheit gebracht haben. Wofür es keinen Beweis gibt: Dass das immer mit Berechnung geschehen ist oder geschieht. Es gibt Dachdecker, Zeitungsredakteure, Restaurantbesitzer und eben klassische Musiker mit Punkfrisuren. Einen klassischen Musiker, der berühmt ist und eine Punkfrisur hat, anzutreffen, ist nicht gänzlich unwahrscheinlich; einen kausalen Zusammenhang aus dieser Synchronität herzustellen, halte ich für gewagt. Rachel Barton trat früher im Goth/Metal Look auf, ihre CDs kleben trotzdem in den Regalen (obwohl sie wirklich eine gute Geigerin ist; man höre ihren Brahms und staune, warum die kein Schwein kennt). Folgt daraus, dass sie wegen ihres Looks nicht berühmt ist?

Dass unter den vielen sehr guten Künstlern diejenigen auffallen, die mit konkreten Merkmalen von einfacher Begrifflichkeit aufwarten können, ist der "Fehler" des Publikums, nicht der des Künstlers. Wer darüber erhaben ist, dürfte das gar nicht als Problem ansehen. Denn auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird: Solche Marken mit ihrem kommerziellen Erfolg schaden der Kunstszene überhaupt nicht. Im Tonträgergeschäft sind 9 von 10 Unternehmungen (das ist jetzt ohne Quelle dahergeraten) risikobehaftet, da ginge ohne bildhübsche, clowneske Umsatzgaranten mit Punkfrisur und Buchveröffentlichung schon lange nichts mehr.

Die Verheiratung von Kultur und Kapitalismus ist keineswegs eine einseitige Geschichte dahingehend, dass die Kunst vom Kapitalismus eingenommen wurde. Andersherum ist in der heutigen Berufswelt persönlicher wirtschaftlicher Erfolg ohne künstlerische Werte und Tugenden wie Querdenken, Kreativität, Verzicht, Mut zum Risiko und Flexibilität nicht mehr denkbar. Steve Jobbs wurde nicht zu dem, was er heute ist, weil er der weltbeste Programmierer oder Betriebswirt war. Die Kunstwelt wird kapitalistischer, der Kapitalismus wird künstlerischer, man trifft sich im Kulturkapitalismus des 21. Jahrhunderts.
Der Künstler, der am Existenzminimum seine idealistische Vison verfolgt und für kein Geld der Welt davon auch nur um ein Jota abrücken würde, fand seine Berechtigung unter anderem darin, dem arbeitenden Normalbürger einen Gegenentwurf zu seiner zwar sicheren, aber auch trägen und tumben Existenz vorzuhalten. Heute lebt ein Großteil Normalbürger selbst am Existenzminimum oder ist zumindest ständig mit Existenzängsten konfrontiert, muss Riskien eingehen, soll verzichten, aber bitte kreativ und flexibel sein, ob er nun will oder nicht. Da mutet ein Künstler, der freiwillig auf wirtschaftlichen Erfolg verzichtet, schon recht anachronistisch an.

Hier haben wir sie wieder, die zwei Kulturen – diesmal ein wenig anders. Hier die Kultur der schönen Künste, die auch wenn sie laut ist, leise ist; dort die Kultur des Spektakels, das vor allen Dingen eines nicht brauchen kann: ein denkendes Publikum.
Wo gibt es denn noch ein denkendes Publikum? Dinge wirklich zu Ende denken oder Fragen stellen, die existentiellen Dingen auf den Grund gehen; wer tut das heute noch? Wir haben ledergebundene Bücher in Nachttischschubladen von Hotelzimmern, wir haben das Fernsehen und den Zeitgeist, wir haben die Wissenschaft und wir haben den öffentlichen Meinungskonsens. Es scheint der Masse zu genügen, sich in Zirkelschlüssen innerhalb von diesen fremdgesteuerten Systemen zu bewegen.
Insofern ist die Kultur des Spektakels genau das, was notwendig ist. Die Aussage, dass die Kultur des Spektakels kein denkendes Publikum braucht, würde ich herumdrehen. Das nicht-denkende Publikum braucht die Kultur des Spektakels, um die innere Leere ihrer Existenz zu übertönen. Angebot trifft Nachfrage. Mehr ist das nicht. Was mich wirklich interessiert: Warum verurteilt der unverbesserliche (Klassik-)Musik-Liebhaber, der sich für etwas Besseres hält, solche Mätzchen?
Gamaheh (01.01.2011, 22:15):
Lieber Cetay,

ich hoffe, es ist kein böser Wille von Dir, der Dich mir Aussagen unterstellen läßt, die ich nicht gemacht habe, sondern lediglich die Vorstellung, daß man von mir jede Art von Absurdität erwarten kann.

Da mutet ein Künstler, der freiwillig auf wirtschaftlichen Erfolg verzichtet, schon recht anachronistisch an.
Ich kann mir nicht vorstellen und habe sicher nicht einmal angedeutet, daß es solche gibt.

einen kausalen Zusammenhang aus dieser Synchronität herzustellen.
Auch die aristotelische Logik ist mir nicht völlig fremd, und eine Naivität wie den Fehlschluß des post hoc, ergo propter hoc mir vorzuwerfen kann ich eigentlich nur als böswillig auslegen.

Mein Argument ist, daß gewisse vorhandene Merkmale aufgegriffen und ausgebaut werden können (es können zur Not aber auch neue geschaffen werden), sei es von den Künstlern selbst, sei es von ihren Managern oder Plattenfirmen (in der Regel sind es wahrscheinlich letztere). Das gehört zum Bereich Werbung oder Marketing wie auch der Begriff des Branding – aber ohne die Mitarbeit des Künstlers geht das nicht.

Dass unter den vielen sehr guten Künstlern diejenigen auffallen, die mit konkreten Merkmalen von einfacher Begrifflichkeit aufwarten können, ist der "Fehler" des Publikums, nicht der des Künstlers.
Sicher, so funktioniert das mit der Werbung: Es werden die Schwächen der (neu zu erschließenden) Zielgruppen ausgenutzt; das ist die Stärke der Werbung. Und dies ist auch der Kern meines Arguments, welches natürlich ein ganz persönliches ist und möglicherweise habe ich da skurrile Ansichten. Für mich ist die Werbung der eigentliche Feind, denn die belügt uns ohne Unterlaß, verkauft uns für dumm, erzählt uns, daß völlige Banalitäten der letzte Schrei sind, erfindet jeden Tag zehnmal – hundertmal ! – das Rad von neuem usw. Aber noch viel schlimmer: Sie zerstört zuerst unser Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen und dann dieses Urteilsvermögen selbst, zusammen mit dem Wunsch, überhaupt urteilen zu wollen. Sie nimmt uns das Gedächtnis und das historische Bewußtsein, und nur so können wir an die ganzen Neuigkeiten glauben, mit denen wir jeden Tag wie mit sovielen Sandsäcken benommen gemacht werden.

Ich bin da vielleicht ein bißchen eigentümlich, aber ich möchte – nein: ich fordere und erwarte – daß da, wo „Musik“ drauf steht, auch Musik drin ist und nicht Klamauk, Modenschau usw. Wobei ich damit nicht gesagt habe, daß ich etwas gegen letztere habe, nur nicht als Adjunkt zu etwas, womit es essentiell nichts zu tun hat. Ich will auch nicht irgendwelche Geschmacks- oder Duftessenzen dabei haben, wenn ich einen Kaffe oder einen Tee trinke. Wenn mir solche Beigaben aufgedrängt werden, habe ich augenblicklich den Verdacht, daß das Basis-Produkt pur nicht genießbar ist.

Im Tonträgergeschäft sind 9 von 10 Unternehmungen (das ist jetzt ohne Quelle dahergeraten) risikobehaftet, da ginge ohne bildhübsche, clowneske Umsatzgaranten mit Punkfrisur und Buchveröffentlichung schon lange nichts mehr.
Der Tonträgermarkt ist mir – ehrlich gesagt – ziemlich schnuppe.

Insofern ist die Kultur des Spektakels genau das, was notwendig ist. Die Aussage, dass die Kultur des Spektakels kein denkendes Publikum braucht, würde ich herumdrehen. Das nicht-denkende Publikum braucht die Kultur des Spektakels, um die innere Leere ihrer Existenz zu übertönen.
Und das reicht Dir so? Das findest Du hinnehmbar?

künstlerische Werte und Tugenden wie Querdenken, Kreativität, Verzicht, Mut zum Risiko und Flexibilität
??? Ich glaube, dazu möchte ich mich hier nicht äußern ...

Beste Neujahrsgrüße,
Gamaheh
Heike (01.01.2011, 22:45):
Hallo,
Für mich ist die Werbung der eigentliche Feind, denn die belügt uns ohne Unterlaß, verkauft uns für dumm, erzählt uns, daß völlige Banalitäten der letzte Schrei sind, erfindet jeden Tag zehnmal – hundertmal ! – das Rad von neuem usw. Aber noch viel schlimmer: Sie zerstört zuerst unser Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen und dann dieses Urteilsvermögen selbst, zusammen mit dem Wunsch, überhaupt urteilen zu wollen
Ja das stimmt, und das ist keineswegs auf den Bereich Musik beschränkt (z.B. im Bereich Essen hat die Nahrungsmittelindustrie mit gezielter Fertigprodukte-Werbung noch viel mehr Schaden angerichtet).

Nur, was soll man dagegen machen außer sich seine eigene Urteilsfähigkeit möglichst gut zu bewahren und Werbung eher skeptisch zu betrachten (meine Oma sagt immer "iss nichts, wofür Werbung gemacht wird") ? Wir haben doch keinen Einfluss darauf, wie Künstler XY sich vermarkten lässt und wieviele Leute sich davon zum Kauf inspirieren lassen. Wir können lediglich selbst das Produkt meiden, wenn es uns missfällt - aber das wird die Zielgruppe kaum beeinflussen und den Urheber kaum treffen. Oder siehst du das anders?
Heike
Karolus Minus (02.01.2011, 03:08):
Hm, also, um ehrlich zu sein, ich bin da bei zwei Dingen etwas skeptisch, jedenfalls in puncto klassischer Musik: zum einen bei der Langzeitwirkung von Werbung, zum anderen bei der - angeblichen - Dusseligkeit des Publikums.

Natürlich kann PR einen neu aufkommenden Künstler erstmal pushen, wobei aber das "sich zum Kasper machen" auch schnell nach hinten losgehen kann, weil die/der Betreffende nicht mehr ernst genommen wird.
Aber - raufkommen ist eine Sache - oben bleiben eine andere, da hilft auf Dauer eben doch nur können, denn gerade übertriebene Erwartungen werden bei Nichterfüllung ziemlich gnadenlos abgestraft.

Und das beste Beispiel, daß es auch ohne PR funktionieren kann, ist für mich Grigory Sokolov. Wenn der nach einer knappen Verbeugung aus dem saal rauscht, eine Hand hinten am Frack, dann hat er die Ausstrahlung eines ältlichen Oberkellners; die, eher raren, CDs erscheinen bei einem ganz kleinen französischen Label. Dementsprechend leer war die Hamburger Musikhalle bei den ersten Konzerten (wozu die Preise der veranstaltenden Konzertdirektion ihr Teil beitrugen). Und dann wurde es jedesmal voller, also funktionierte die Mund-zu-Mund-Propaganda bei einem wirklich musikalisch interessierten Publikum. Denn zu einem Pianisten, der schon mal drei kurze Beethoven-Sonaten durchspielt, ohne auch nur aufzustehen (und am besten keinen Applaus zwischendrin) geht man nicht aus "Event"-Gründen.
Fairy Queen (02.01.2011, 08:20):
Wie in allen Bereichen des Lebens hängt auch in der Musik-Branche trotz alledem immer noch Entscheidendes vom einzelnen Menschen/Künstler ab. Wie Karolus Minor so richtig schreibt: es kommt letztlich auch darauf an, was der Künstler selbst mitmacht und duldet und was er zu leisten imstande ist. Wer auf das schnelle Geld und den raschen Erfolg verzichtet und auf langfristige seriöse Qualität setzt, wird zwar nicht die Massen errecihen, aber vielleicht nachhaltiger wirken.(siehe Karolus Beispiel Sokolov)
Neben allem natürlich und leider sehr starken Druck von aussen spielen Persönlichkeit und Wertesystem des Künstlers selbst zumindest langfristig eine wichtige Rolle. Alexandre Tharaud war im pianistischen Bereich auch so ein Bespiel.
Ein Grundproblem sehe ich auch darin, dass scih ein interpretierender Solo-Musiker automatisch exponieren muss, um seine Kiunst ausüben zu kônnen. Er muss also per se die Mechanismen bedienen die unsere Gesellschaft pervertiert hat, um überhaupt arbeiten zu können. Und dann darinnen die Balance zu finden ist viel schwieriger, als wenn es sich von vorneherein um ein anderes Schaffenssystem handelt, wie etwa bei Komponsiten oder Schriftstellern, die erstmal im stillen Kämmerlein arbeiten kônnen.

Als Konsument kann man genauso seine ganz persônlichen Entscheidungen und Werte leben, auch wenn das nicht immer opportun oder bequem ist. Ich kann mich weigern bei Amazon zu bestellen und meine Bücher in Buchhandlungen kaufen/bestellen (ich bestelle z.B. deutschsprachige Bücher bei einer deutschen Buchhandlung). Man kann ohne TV-Verdummung leben und den Fernseher ganz abschaffen oder sehr gezielt benutzen.
Man kann kleine Labels unterstützen und Konzerte jenseits des Mainstreams besuchen oder organisieren.
Das, was früher politischer/gesellschaftlciher Druck war gegen den sich Einzelne immer aufgelehnt haben und Geschihte geschrieben haben, ist heute der viel subtilere weil ungreifbarere Druck der Massenmedien. aber auch dagegen kann man als Individuum sein eigenes Leben leben und Künstlers, wenn sie diesen Namen verdienen, sind m.E. nciht zuletzt auch deshalb in der Welt um ein Gegenbeispiel zu leben.

Blauäugiger Idealismus und anachronistische Welt-Blindheit sind für mich übrigens eher ein Kompliment als eine- wie sarkastisch auch immer rübergebrachte- Beleidigung! :wink
Cetay (inaktiv) (02.01.2011, 19:36):
Original von Gamaheh
Lieber Cetay,

ich hoffe, es ist kein böser Wille von Dir, der Dich mir Aussagen unterstellen läßt, die ich nicht gemacht habe, sondern lediglich die Vorstellung, daß man von mir jede Art von Absurdität erwarten kann.


Liebe Gamaheh,

Auch wenn ich meinem Unbehagen gegen die Spezies Mensch ab und an mal Ausdruck verleihe, bin ich nicht böswillig. Und das mit der Absurdität bejahe ich unter der Vorraussetzung, dass du es von einem des Meinungssozialismus Überdrüssigen als Kompliment annimmst.

Zum Thema:

Da mutet ein Künstler, der freiwillig auf wirtschaftlichen Erfolg verzichtet, schon recht anachronistisch an.


Ich kann mir nicht vorstellen und habe sicher nicht einmal angedeutet, daß es solche gibt.
Für mich schwingt bei einer solchen Diskussion immer mit, dass wir solche gerne hätten. Wenn einerseits Musik machen alleine nicht mehr reicht, um hinreichend bekannt zu werden und anderseits die über die Musik hinausgehenden Merkmale verurteilt werden, wenn also gefordert wird, auf diese Mätzchen zu verzichten, aber damit im heutigen Kullturbetrieb keine Chance auf das Bekanntwerden mehr besteht, Bekanntheit für einen Künstler aber die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg ist - dann lese ich hieraus die Forderung auf wirtschaftlichen Erfolg zu verzichten.

post hoc, ergo propter hoc
Ich kannte diesen den Sachverhalt treffenden Ausdruck bisher nicht und wußte auch nicht, dass das bis auf Aristoeles zurückgeht. Was ich feststelle: Dieser kapitale Logikfehler wird ständig gemacht und nicht nur in harmlosen Forendiskussionen, sondern auch in der objektiven Wissenschaft, was regelrecht gefährlich wird, wenn es um für das Menschenbild wichtige Disziplinen wie Psycholgie oder Neurowissenschaften geht. So gibt es Versuche, die zeigen, dass beabsichtigte Aktivitäten (etwa einen Knopf drücken) im Hirn einer Testperson angezeigt werden, bevor der Person bewußt ist, dass sie die Aktivität durchführen will. Daraus wollen diese Knallköpfe allen Ernstes ableiten, dass es keinen freien Willlen gibt.

Sicher, so funktioniert das mit der Werbung: Es werden die Schwächen der (neu zu erschließenden) Zielgruppen ausgenutzt; das ist die Stärke der Werbung. Und dies ist auch der Kern meines Arguments, welches natürlich ein ganz persönliches ist und möglicherweise habe ich da skurrile Ansichten. Für mich ist die Werbung der eigentliche Feind, denn die belügt uns ohne Unterlaß, verkauft uns für dumm, erzählt uns, daß völlige Banalitäten der letzte Schrei sind, erfindet jeden Tag zehnmal – hundertmal ! – das Rad von neuem usw. Aber noch viel schlimmer: Sie zerstört zuerst unser Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen und dann dieses Urteilsvermögen selbst, zusammen mit dem Wunsch, überhaupt urteilen zu wollen. Sie nimmt uns das Gedächtnis und das historische Bewußtsein, und nur so können wir an die ganzen Neuigkeiten glauben, mit denen wir jeden Tag wie mit sovielen Sandsäcken benommen gemacht werden.
Ob das skurril ist, weiß ich nicht, aber ich stimme hier 100% zu. Das Schlimme dabei ist, dass dieser Feind gnadenlos unterschätzt wird. Man fragt 100 Leute, ob sie sich von Werbung beeinflussen lassen und 97 weisen das weit von sich. Da sollte man sich doch über die Dummheit der Konzere wundern, die dennoch Milliarden dafür ausgeben. Oder man besucht statt dessen den vollen Parkplatz eines Golfplatzes, zählt die verschiedenen Automarken (ich fand zwei!) und wundert sich über gar nichts mehr.
Statt Werbung zu vermeiden, kann man das Spiel auch mal eine Zeit lang bewußt mitspielen, um die perfiden Finten, mit denen diese Mechanismen gespickt sind zu durchschauen. Etwa wie Sokolov damit, dass er es nicht nötig hat, vermarket zu werden, vermarktet wird.

Ich bin da vielleicht ein bißchen eigentümlich, aber ich möchte – nein: ich fordere und erwarte – daß da, wo „Musik“ drauf steht, auch Musik drin ist und nicht Klamauk, Modenschau usw.
Ich bin da ebenfalls eigentümlich und möchte einen erwachsenen Mann nicht im Pinguinkostüm Klavierspielen sehen. Aber ich nehme es hin.

Das nicht-denkende Publikum braucht die Kultur des Spektakels, um die innere Leere ihrer Existenz zu übertönen.
Und das reicht Dir so? Das findest Du hinnehmbar?

Ja, es steht jedem frei, ob er selbst denken will oder nicht. Es gibt heute genügend Möglichkeiten, damit anzufangen. Meine Erfahrung: Die meisten Menschen wollen nichts davon hören.

??? Ich glaube, dazu möchte ich mich hier nicht äußern ...
Schade. "???" interpretiere ich entweder als völlige Ablehnung oder völliges Unverständnis. Genau hier werden Diskussionen interessant.
Karolus Minus (02.01.2011, 21:13):

Etwa wie Sokolov damit, dass er es nicht nötig hat, vermarket zu werden, vermarktet wird.

Unter "Vermarktung" würde ich einen gezielten Werbeeinsatz eines bestimmten Merkmals für Konzerte oder CDs/DVDs verstehen, der auf ein "mehr" ausgerichtet ist, sonst kostet es nur Geld und bringt nichts - und wenn PR etwas scheut, wie der Teufel das Weihwasser, dann sind es unnütze Kosten. Das kann ich aber bei Sokolov nicht erkennen. Er läuft weder unter "einziges Konzert in Deutschland", noch gibt es überhaupt keine CDs. Man bekommt aber auch nicht das Tournee-Programm als CD geliefert, und die örtlichen Veranstalter, zumindest in Hamburg, machen schlicht ein Plakat mit Namen und Programm. Liegt natürlich auch daran, daß er eben keine der großen Firmen hinter sich hat, wobei ich nicht weiß, ob er nicht wollte oder ob man ihn nicht wollte, weil er nun mal als jemand Jahrgang 1950 bei seinem Bekanntwerden im Westen nicht mehr als aufstrebender Jungstar mit Wallelocken oder whatever zu verkaufen war (ähnliches in Bezug auf Alter hat Franz Grundheber erzählt, der ja auch erst richtig gut wurde, als er etwas älter war).
Man muß natürlich schon SEHR gut sein, um auf diese Art ganz oben dabei zu sein - aber die PR im Klassikbereich ist zwar im Laufe der Zeit auch massiver geworden, aber sie beschränkt sich auf immer weniger Künstler, da die "Exklusiven" durch die Zusammenlegung diverser Firmen und den Wegfall der nationalen Schienen immer weniger werden. Und da ist dann pro "Fach" jeweils eine/einer der Superstar, weil jedenfalls im CD-Bereich die Umsätze massiv eingebrochen waren. Der "Normalbürger" kauft sich halt eine Boheme und einmal alle Neune von Beethoven, von ein paar Verrückten wie meinereiner&Co können Unternehmen nicht leben...

Irgendwie hab ich das mit dem Zitat technisch nicht hinbekommen.....
Gamaheh (02.01.2011, 21:59):
Original von Heike
Für mich ist die Werbung der eigentliche Feind, denn die belügt uns ohne Unterlaß, verkauft uns für dumm, erzählt uns, daß völlige Banalitäten der letzte Schrei sind, erfindet jeden Tag zehnmal – hundertmal ! – das Rad von neuem usw. Aber noch viel schlimmer: Sie zerstört zuerst unser Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen und dann dieses Urteilsvermögen selbst, zusammen mit dem Wunsch, überhaupt urteilen zu wollen
Ja das stimmt, und das ist keineswegs auf den Bereich Musik beschränkt (z.B. im Bereich Essen hat die Nahrungsmittelindustrie mit gezielter Fertigprodukte-Werbung noch viel mehr Schaden angerichtet).
Sicher, und das schlimmste ist, daß die Werbung auch die Kinder als Zielgruppe (und als Multiplikatoren) nicht ausläßt, denn auch an das Taschengeld müssen die ran. Ich habe das an meinen Kindern sehr gut beobachten können, die interessanterweise unterschiedlich auf meine Vorhaltungen reagiert haben.
Nur, was soll man dagegen machen außer sich seine eigene Urteilsfähigkeit möglichst gut zu bewahren und Werbung eher skeptisch zu betrachten
Ja, meiner Meinung nach genau das; man kann ja nur an sich selbst arbeiten.
Wir können lediglich selbst das Produkt meiden, wenn es uns missfällt - aber das wird die Zielgruppe kaum beeinflussen und den Urheber kaum treffen. Oder siehst du das anders?
Ja, das sehe ich schon anders, wenn wir genug sind. Leider ist unabhängiges Denken und Skepsis nicht das, was vornehmlich an den Schulen gefördert wird ...

Deine Oma stammt sicher noch aus einer Zeit, als das noch möglich war. Heute gibt es ja praktisch Dinge nicht mehr, für die keine Werbung gemacht wird. Außer daß mir mal jemand erzählt hat, daß es in Berlin ein Orchester - oder jedenfalls eine musikalische Formation - gibt, die nie in irgendeiner Weise Reklame für sich gemacht hat, deren Veranstaltungen aber trotzdem immer ausverkauft sind. Vielleicht weißt Du mehr ?

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (02.01.2011, 22:07):
Original von Fairy Queen
was der Künstler selbst mitmacht und duldet und was er zu leisten imstande ist.
Ich bin sicher, daß die meisten Künstler alles Mögliche mitmachen, wenn es sie zum Erfolg bringt, solange sie selbst nichts aktiv dazu tun müssen. Auch Sokolov. Auf den ich später noch zu sprechen kommen werde.
Alexandre Tharaud war im pianistischen Bereich auch so ein Bespiel.
Für was ? Für einen mittelmäßigen Pianisten, der sich auf unwahrscheinliche Weise durch ziemlich abwegige Geschichten interessant macht ?
Ein Grundproblem sehe ich auch darin, dass scih ein interpretierender Solo-Musiker automatisch exponieren muss, um seine Kiunst ausüben zu kônnen.
Sicher, aber ich denke, daß jeder für sich einen Kunstgriff findet, um damit zurecht zu kommen; viele entwickeln einen Bühnen-Modus. Ich sehe aber nicht, warum folgendes daraus abzuleiten wäre:
Er muss also per se die Mechanismen bedienen die unsere Gesellschaft pervertiert hat, um überhaupt arbeiten zu können.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (02.01.2011, 22:47):
Original von Karolus Minus
Original von Cetay Etwa wie Sokolov damit, dass er es nicht nötig hat, vermarket zu werden, vermarktet wird.
Unter "Vermarktung" würde ich einen gezielten Werbeeinsatz eines bestimmten Merkmals für Konzerte oder CDs/DVDs verstehen, der auf ein "mehr" ausgerichtet ist, sonst kostet es nur Geld und bringt nichts - und wenn PR etwas scheut, wie der Teufel das Weihwasser, dann sind es unnütze Kosten.
Das kostet auch nichts, wenn in den Zeitungen was von "Geheimtipp" u.ä.m. verbreitet wird. Mir hat jemand im vergangenen Jahr Sokolov noch als Geheimtipp ins Ohr geflüstert. Tatsache ist, daß seine Konzerte schon längst zu "Events" geworden sind, wenn auch nicht der herkömmlichen Art.
Das kann ich aber bei Sokolov nicht erkennen. Er läuft weder unter "einziges Konzert in Deutschland", noch gibt es überhaupt keine CDs. Man bekommt aber auch nicht das Tournee-Programm als CD geliefert, und die örtlichen Veranstalter, zumindest in Hamburg, machen schlicht ein Plakat mit Namen und Programm.
Nein, bei Sokolov läuft das alles viel subtiler, weil er - so vermute ich - irgendwelche offensichtlichen Vermarktungsstrategien nicht aktiv unterstützen würde. Hier schreibt der Veranstalter: "Grigory Sokolovs Klavierspiel zu beschreiben ist unmöglich, denn es ist von einer Größe, die nicht in Worte zu fassen ist!" - Was ist das überhaupt für eine Aussage, was soll das eigentlich heißen? - Aber das nur nebenbei. Es geht weiter: "Ebenso unmöglich ist es, von dem einzigartigen Künstler weit im Voraus das vollständige Programm zu veröffentlichen. Aber immerhin kennen wir schon eine Konzerthälfte. Sie besteht aus Werken von Robert Schumann." Das ist allerdings neu, denn in vergangenen Jahren haben wir überhaupt nicht im voraus erfahren. Da hieß es, der Künstler werde sein Programm erst gewissermaßen in letzter Minute festlegen, so als würde es ganz spontan aus ihm heraussprudeln. (Die Implikation ist: Zu Sokolov muß man hin, auch wenn er "Hänschen klein" mit zwei Fingern spielt.) Tatsache ist, daß er sechs bis zwölf Konzerte im Monat spielt und (wie üblich) überall das gleiche (selbst die Zugaben werden überall die gleichen sein). Dieses Programm kann man in toto auf der Webseite seines Agenten einsehen. Also alles Spinnerei.

Sokolov ist natürlich eine Ausnahme, aber Cetay hat absolut recht: Das ist auch eine Art der (Not-)Vermarktung. Tatsache ist, daß Sokolov, der bereits mit 16 Jahren einen der weltweit wichtigsten Wettbewerbe gewonnen hat, fast vierzig Jahre warten mußte, bis er mehr als ein "Geheimtipp" wurde. Jetzt können die Leute nicht genügend Superlative finden, "genial" ist nur eins von vielen Epitheta. (Komisch, daß das so lange niemand bemerkt hat.) Wörter sind ja nicht geschützt, aber ich würde mir wünschen, daß man sich gelegentlich Gedanken darüber machen, was sie eigentlich bedeuten.

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............................................FALSCH ...................................................................RICHTIG

Irgendwie hab ich das mit dem Zitat technisch nicht hinbekommen.....
Wenn Du am Anfang hast, mußt Du am Ende einsetzen; x ist Variable und könnte z.B. für "quote" stehen.

Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (03.01.2011, 09:54):
Liebe Gamameh, ich erlaube mir Tharaud für einen sehr guten Pianisten zu halten(seine Interpretation von Rameaus Clavecin-Suiten auf dem Klavier war für mich ein richtiges AHA Erlebnis :down) und seine Art bekannt zu werden, habe ich in keinster Weise so erlebt, wie du es oben schilderst. Ebenso erlaube ich mir Sokolovs Interpretation von Schuberts D 959 genial zu finden. Ich spüre darin tatsächlich einen Genius.
Aber Meinungsvielfalt und Selbstdenken bzw Selbst-Fühlen ist ja gefragt und erwünscht :wink
Was ich zur Notwendigkeit einer "Exhibition" von Solo-Bühnen-Musikern sagen wollte, hast Du entweder falsch verstanden oder falsch interpretiert. Jemand der seinen Beruf nur ausüben kann, indem er sich in der Öffentlichkeit an exponierter Stelle, nämlich auf einem Podium, zur musikalischen und automatisch auch optischen Schau stellt, muss schon einen extrem starken Charakter haben, um sich gegen die Mechanismen einer Massenmediengesellschaft zu wehren, die genau DAS (nämlich das exponierte zur Schau stellen) in pervertierter Weise fördert bzw ausbeutet.

Ein darstellender Solo-Künstler(egal in welcher Sparte) muss nämlich m.E. notwendigerweise eine Veranlagung zum Exhibtionismuis mitbringen, sonst tut er den Schritt auf eine Bühne gar nicht, und in diesem Punkt ist er dann besonders empfänglich und empfindlich für die "Angebote" der Werbeindustrie. Das weiss selbige Werbeindustrie natürlich nur zu gut und für mich ist jemand wie Rolando Villazon ein besonders tragisches Beispiel dafür. Er ist m.E. genau in diese Falle reingerannt, weil sie seinem eigenen Künstler-Naturell entgegen kam und er in all seiner Naivität und Spontaneität nicht in der Lage war, die Bremse zu ziehen und die Maschine zu stoppen.
Ob man Villazons Naturell/Schicksal auch bei Pianisten findet, kann ich nicht beurteilen, dazu bin ich zu wenig in diesem Milieu aktiv.

Aber noch eine Frage:
Was wäre für Dich der erstrebenswerte Zustand im Hinblick auf künstlerische Darbietungen und deren (Nicht-) Vermarktung?
Salut de la France

F.Q.
Heike (03.01.2011, 19:09):
Hallo Gamaheh,
Deine Oma stammt sicher noch aus einer Zeit, als das noch möglich war. Heute gibt es ja praktisch Dinge nicht mehr, für die keine Werbung gemacht wird.
Meine Oma ist Jahrgang 1911. Doch, es gibt schon Dinge, für die keine Werbung gemacht wird - nämlich unverarbeitetes Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Joghurt und Sahne pur, Honig vom Imker und dick Butter in der Pfanne ;-) .... Aber gut, das Thema Essen ist offtopic, es war nur so ein schönes Beispiel für die schädliche Werbung der Nahrungsmittelindustrie.

Außer daß mir mal jemand erzählt hat, daß es in Berlin ein Orchester - oder jedenfalls eine musikalische Formation - gibt, die nie in irgendeiner Weise Reklame für sich gemacht hat, deren Veranstaltungen aber trotzdem immer ausverkauft sind. Vielleicht weißt Du mehr ?
Nein, davon habe ich noch nie gehört; das würde mich ja interessieren, was ich vielleicht bisher verpasst habe. Aber wie und wo soll das funktionieren? Und was gilt überhaupt als Werbung, schon die Ankündigung auf dem Plakat oder im Programmheft? Oder erst der Spot im lokalen Radio, der Extraflyer oder die Anzeige in der Zeitung?
Heike
Gamaheh (03.01.2011, 20:55):
Original von Fairy Queen
Liebe Gamameh, ich erlaube mir Tharaud für einen sehr guten Pianisten zu halten(seine Interpretation von Rameaus Clavecin-Suiten auf dem Klavier war für mich ein richtiges AHA Erlebnis :down) und seine Art bekannt zu werden, habe ich in keinster Weise so erlebt, wie du es oben schilderst.
Liebe Fairy,
ich gratuliere jedem dazu, wenn er etwas findet, was ihm schön und wertvoll erscheint und wofür er sich möglicherweise sogar begeistern kann. Ich erlaube mir leider weiterhin, Tharaud für einen mittelmäßigen Pianisten zu halten und es eigentümlich zu finden, wenn sich ein Pianist damit interesant zu machen versucht, daß er kein Klavier hat. Hat er nicht auch einmal öffentliche Selbst-Therapie betrieben oder so ähnlich?

Ebenso erlaube ich mir Sokolovs Interpretation von Schuberts D 959 genial zu finden. Ich spüre darin tatsächlich einen Genius.
Das finde ich schön für Dich. Ich selbst habe eine etwas zwiespältige Meinung zu Sokolov, aber das ist hier nicht der Ort dafür. Ich habe ihn mit dieser Sonate übrigens im Konzert gehört.
Aber Meinungsvielfalt und Selbstdenken bzw Selbst-Fühlen ist ja gefragt und erwünscht :wink
Ich würde sogar sagen: Das ist der Sinn der Sache !
Was ich zur Notwendigkeit einer "Exhibition" von Solo-Bühnen-Musikern sagen wollte, hast Du entweder falsch verstanden oder falsch interpretiert. Jemand der seinen Beruf nur ausüben kann, indem er sich in der Öffentlichkeit an exponierter Stelle, nämlich auf einem Podium, zur musikalischen und automatisch auch optischen Schau stellt, muss schon einen extrem starken Charakter haben, um sich gegen die Mechanismen einer Massenmediengesellschaft zu wehren, die genau DAS (nämlich das exponierte zur Schau stellen) in pervertierter Weise fördert bzw ausbeutet.
Das habe ich falsch bzw. gar nicht verstanden. Ich neigte dazu, es so zu verstehen, als wolltest Du sagen, daß jeder, der sich freiwillig auf die Bühne stellt, von Natur aus ein Exhibitionist sein muß - so, wie Du es im folgenden ausführst, während ich bis zum vorangegangenen Punkt folgen kann. Was dann aber folgt, mag auf manche zutreffen, aber ich bin überzeugt davon, daß es viele gibt, die es einfach nur drängt, das, was sie intellektuell oder emotional entdeckt oder erfahren haben, mit anderen (hier: dem Publikum) zu teilen. Und wie man weiß, fällt es vielen auch verdammt schwer, sich dafür auf die Bühne zu begeben und sich öffentlich zur Schau zu stellen; in vielen Fällen wird es mit der Zeit und dem Alter immer schwerer (ich denke hier - nur zum Beispiel - an Svjatoslav Richter oder Martha Argerich). Ist denn Deiner Meinung nach auch jeder Lehrer, der sich vor eine Klasse stellt, jeder Dozent, jeder Politiker auch notwendig ein Exhibitionist?
Was wäre für Dich der erstrebenswerte Zustand im Hinblick auf künstlerische Darbietungen und deren (Nicht-) Vermarktung?
Habe ich das nicht schon erwähnt? Ich möchte
Zitat von Heike unverarbeitetes Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Joghurt und Sahne pur, Honig vom Imker und dick Butter in der Pfanne ;-
... und Musik drin, wo Musik drauf steht, und nicht all das ganze andere Zeug. Ich möchte die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, was ich schön und wertvoll finde (für mich), und das gönne ich auch anderen. Hierüber könnte ich noch viel schreiben, aber leider im Moment gar keine Zeit ...

Und wenn es geht, ganz viel von diesen Leuten im Publikum, die in der Pause mit ihrem Handy ihre ganzen Freunde anrufen, um ihnen zu sagen, daß sie unbedingt kommen müssen (so, wie es von Glenn Goulds Konzert in Moskau erzählt wird - obwohl es damals noch keine Handies gab ...)

Amic-allemand,
Gamaheh
Gamaheh (03.01.2011, 21:33):
Original von Cetay
Liebe Gamaheh,

Auch wenn ich meinem Unbehagen gegen die Spezies Mensch ab und an mal Ausdruck verleihe, bin ich nicht böswillig. Und das mit der Absurdität bejahe ich unter der Vorraussetzung, dass du es von einem des Meinungssozialismus Überdrüssigen als Kompliment annimmst.
In Ordnung - danke. "Meinungssozialismus" ist auch ein schönes Wort!
wenn also gefordert wird, auf diese Mätzchen zu verzichten, aber damit im heutigen Kullturbetrieb keine Chance auf das Bekanntwerden mehr besteht, Bekanntheit für einen Künstler aber die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg ist - dann lese ich hieraus die Forderung auf wirtschaftlichen Erfolg zu verzichten.
Ich glaube, auch viele Künstler, von denen wir noch nie gehört haben, nagen nicht am Hungertuch, sondern leben ganz gut - sei es von Wettbewerbsgewinnnen, "Dilettanten-Abrichten" (wie es Brahms nannte), Booklet-Schreiben oder was es sonst noch alles gibt. Und Konzerte werden überall gegeben, auch ohne daß sie weiter auffallen. Wir sprechen hier von allgemeiner Bekanntheit, also Leuten, die auch jenen bekannt sind, die normalerweise nicht in klassische Konzerte gehen. Das will schon einiges heißen.
So gibt es Versuche, die zeigen, dass beabsichtigte Aktivitäten (etwa einen Knopf drücken) im Hirn einer Testperson angezeigt werden, bevor der Person bewußt ist, dass sie die Aktivität durchführen will. Daraus wollen diese Knallköpfe allen Ernstes ableiten, dass es keinen freien Willlen gibt.
Ist zwar OT, aber diese Diskussion kenne ich auch. Liegt meiner Meinung nach daran, daß stillschweigend davon ausgegangen wird, daß eine Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt getroffen wird und nicht zu einem anderen - aber eben stillschweigend ... Ganz schön peinlich ...
Statt Werbung zu vermeiden, kann man das Spiel auch mal eine Zeit lang bewußt mitspielen, um die perfiden Finten, mit denen diese Mechanismen gespickt sind zu durchschauen. Etwa wie Sokolov damit, dass er es nicht nötig hat, vermarket zu werden, vermarktet wird.
Absolut. Wobei ich nicht weiß, wie man Werbung vermeiden soll, wenn man sich nicht von der Welt zurückzieht und in einer Tonne lebt (oder so ähnlich).
Ich bin da ebenfalls eigentümlich und möchte einen erwachsenen Mann nicht im Pinguinkostüm Klavierspielen sehen. Aber ich nehme es hin.
Na hör mal, wieso trägt ein Schornsteinfeger einen Zylinder, warum tragen Köche diese komischen Hüte und karierte Hosen, ein Priester eine Soutane, ein Clown eine rote Nase und eine Glatze ... Hast Du mal diese Leute vom Militär gesehen, geschweige denn die Schweizer Garde des Papstes? Und dann die schicken berittenen Carabinieri (seufz!) oder die Männer mit den Bärenfellmützen? Warum gibt es bei uns sowas nicht??? It's all so unfair !!!
Entschuldige diesen Ausbruch ... Aber ich glaube, einerseits ist das ganz einfach Arbeitskleidung, andererseits nennt man das Tradition. Darüberhinaus ist der Frack (den Du vermutlich meinst) nicht nur kleidsam, sondern geradezu elegant. Er soll außerordentlich bequem sein und maximale Bewegungsfreiheit geben. Und nicht zuletzt - glaube ich, mit Seitenblick auf den Argumentationsstrang von Fairy - kann er aus einem an sich unauffälligen Mann so etwas wie einen Helden machen und ihn sich groß und stark fühlen lassen, so daß er sich ohne Bedenken auf die Bühne wagt, um sich dem Publikum zu stellen. Und in diesem Sinne ist er auch so eine Art Rüstung.
Ja, es steht jedem frei, ob er selbst denken will oder nicht. Es gibt heute genügend Möglichkeiten, damit anzufangen. Meine Erfahrung: Die meisten Menschen wollen nichts davon hören.
Die meisten Menschen wissen mangels einer hinreichenden Schulbildung leider nicht, worum es geht. Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen ...
??? Ich glaube, dazu möchte ich mich hier nicht äußern ...
Schade. "???" interpretiere ich entweder als völlige Ablehnung oder völliges Unverständnis. Genau hier werden Diskussionen interessant.
Vielleicht ein anderes Mal ...

Grüße,
Gamaheh

P.S.:

http://cdn.prinz.de/imedia/677/930677,uCU9di6DdFiU4nWvXTHudmBzu+AftEVx3sPk5gfNSQo=.jpg ............... http://images.zeit.de/kultur/musik/2010-09/benyamin-nuss-foto/benyamin-nuss-foto-540x304.jpg
.................FALSCH .........................................................RICHTIG
Heike (03.01.2011, 22:53):
Mhhm, also ich finde das alles ehrlich gesagt gar nicht so schlimm mit den Stars und Starallüren. Jedenfalls finde ich trotz, bei oder neben den Stars noch jede Menge Musik für mich:

Ich habe ein großes Regal voller wundervoller CDs (die ich ca. zur Hälfte nach positiven Radioeindrücken, zur anderen Hälfte nach Empfehlungen + Probehören gekauft habe). Da ist jede Menge Musik drauf, die mir gefällt. Ob die nach objektiven Maßstäben gut ist oder nicht - ehrlich gesagt, das ist mir egal. Ob die groß beworben wurde oder nicht ist mir auch eher egal. Hauptsache ich kann das genießen.

Und ich besuche jedes Jahr eine Menge an Konzerten und Opernabenden, die in der Mehrzahl sehr zu meinem Wohlbefinden beitragen und mir schon jede Menge kleine und große Glücksmomente beschert haben. Manche der dort gehörten Künstler waren groß vermarktet, andre einfach nur zufällig in meiner Aboserie. Es war jedenfalls immer spannend, fast immer unterhaltsam und meistens auch musikalisch lohnend.

Ich bin also keine Puristin und nehme auch in Kauf, nicht immer nur ganz große Kunst geboten zu kriegen, wenn ich Musik höre oder bewusst konsumiere. Ich habe auch eine große Toleranz gegenüber Leuten, die was schön finden, was mir doof erscheint. Oder die sich von gutem Marketing begeistern lassen. Wenn sie dabei glücklich und zufrieden sind - warum nicht. Musik richtet keinen Schaden an* (im Gegensatz zu Fertigprodukten). Soll doch jeder hören, was ihm gefällt. Und wenn es ihm nur deshalb gefällt, weil es gerade hip ist - na und? Ist mir auch relativ egal.

Manchmal lasse ich mich auch sogar von der Werbung anstecken und gehe wohin, weil alle drüber reden - und mache mir meinen eigenen Eindruck. Einfach aus Neugier. Ich lese auch manchmal Bücher, wenn alle drüber reden, damit ich mitreden kann (besonders gern, wenn sie kontrovers diskutiert werden). Ich hab doch die Wahl, ob mir das dann gefällt oder nicht. Enttäuschungen nehme ich in Kauf, das gehört dazu und lehrte mich auch, die highlights besser schätzen zu lernen.

Also seh ich keinen Grund, pessimistisch zu sein: Es gibt viel zu viel gute Musik - das werde ich im Leben gar nicht schaffen, die alle anzuhören! Da sollen doch gern die andren auch leben, die vielleicht doch eher narzisstisches Geltungsstreben bedienen als musikalische Ambitionen. Ich muss doch nicht die Welt missionieren, jeder soll doch auf seine Weise glücklich werden. :ignore

Warum genau verärgert dich dieses Vermarkten eigentlich so, ich hab es gar nicht so richtig verstanden. Du bist doch jemand, der sehr bewusst auswählt, also warum siehst du nicht einfach drüber weg, was der Rest der Welt tut? Wo genau sind deine Befürchtungen?
Heike

* auch schlechte Musik halte ich immer noch für besser als gar keine Musik oder schlechtes Fernsehen.
Karolus Minus (04.01.2011, 00:25):
Liebe Gamaheh,

sorry, aber ich komm da irgendwie nicht ganz mit. Zum einen hast Du offenbar ganz stark etwas dagegen, daß Künstler sich von sich aus irgendetwas einfallen lassen, um ein "Image" aufzubauen. Soweit dies außermusikalische Dinge betrifft, kann ich Dir da zustimmen. Wenn aber nun einer wie Sokolov das NICHT tut (von sich aus), dann ist die Strategie der Veranstalter subtiler und es ist auch des Teufels....
Zum einen kann man Künstler nicht immer für das verantwortlich machen, was besonders die großen Firmen tun (siehe der Werbehype um Netrebko, Villazon oder jetzt Kaufmann). Und wenn zum anderen lokale Veranstalter ein gewisses Werbe-Sprechblasen-Deutsch ablassen, dann kann ich ihnen - so der Künstler nicht zu 100% "bekannt aus Funk und Fernsehen" ist - das auch nicht verdenken, die tragen schließlich das finanzielle Risiko und wollen den Saal voll haben; und wenn sie das auf Dauer nicht schaffen, dann sind sie pleite und wir haben keine Konzerte mehr, ist ja auch nicht, was wir wollen, oder???
Ein "alle sind edel, hilfreich und gut" funktioniert nun mal nicht - und hat auch nie funktioniert. Schon irgendwann nach 1910 hat man in Chicago (war in den USA, ich bin mit der Stadt nicht ganz sicher) heftig über die "unanssständigen" Kostüme der Primadonna debattiert - und das Haus war voll..... solche Dinge wiederholen sich...

Liebe Grüße
Karolus -
Fairy Queen (04.01.2011, 07:31):
Zum Thema "Exhibtionismus" muss ich noch etwas erklären, weil mir das weiterhin missverständlich scheint:

Ich wollte nicht sagen, dass jeder Bühnen-Künstler(und von Lehrern/Professoren/Dozenten war hier gar keine Rede) ein ausgemachter Exhibitionist ist. Ich wollte aber sagen, dass das "sich öffentlich als Solist zur Schau stellen", in gewissen Berufen(Pianist, Sänger, Schauspieler....) die Grundlage der Berufsausübung darstellt und das das ohne einen gewissen Exhibitionismus äusserst schwierig oder sogar unmöglich ist. Ein Falschirmspringer der nicht schwindelfrei ist, hat auch seinen Beruf verfehlt- desgleichen ein Konzertpianist, der am liebsten allein vor seinem Flügel sitzen und nur für seine Katze oder allerhöchstens noch für seine Geliebte spielen würde. (Solche Exemplare gibt es und das heisst nicht, dass sie etwa schlechter spielen!) Künstler die man widerwillig auf die Bühne zerren muss, scheinen mir jedenfalls kein besonders entspanntes/glückliches/gesundes Schicksal zu leben..... man hört in diesen Fällen nicht selten von Alkohol, Drogen, Medikamenten.
Eine mehr oder weniger starke Portion Exhibtionismus hilft da schon sehr. Und leider macht genau diese Notwendigkeit dann den Künstler so ausbeutbar für die Verlockungen und Versuchungen einer pervertierten Massenmediengesellschaft, die die Verpackung vor den Inhalt stellt. Und ehe er sich versieht, ist er in der Maschine drin. Und da dann wieder rauszukommen und den Inhalt und die Verpackung gut zu unterscheiden, ist nciht immer ganz einfach. Auch nciht für das Publikum, so es nciht sehr geschult und erfahren ist.

Mir ist meine wenige Lebenszeit zu schade, um mich mit Dingen abzugeben, die nur aus Verpackung bestehen, wenn ich Inhalt suche. Man bekommt gottseidank mit den Jahren ja ein immer besseres Gespür- auch schon im Vorfeld- und verschwendet immer weniger Zeit . Andererseits gehört für mich die Ästhetik einer Präsentation auch zum Inhalt, muss dann aber koherent mit Selbigem sein. Wenn ein Pianist im engsitzenden Glitzerkostüm auftritt oder in Jeans und Rollkragenpulli oder im traditionellen Frack gehört das zu seinem Auftritt und drückt etwas aus. Für mich als Zuhörer zâhlt dann am Ende nur, wie authentisch dieses Gesamt-Kunst-Werk auf der Buhne ist und ob es mir etwas sagen und mit-geben kann.
Dass wir als Publikum in dieser Hinsicht alle so verschieden ticken, ist doch ein grosser Segen fûr die Verschiedenheit unserer Künstler!
:engel
F.Q.
Peter Brixius (04.01.2011, 09:15):
Original von Fairy Queen
Zum Thema "Exhibtionismus" muss ich noch etwas erklären, weil mir das weiterhin missverständlich scheint:

Ich wollte nicht sagen, dass jeder Bühnen-Künstler(und von Lehrern/Professoren/Dozenten war hier gar keine Rede) ein ausgemachter Exhibitionist ist. Ich wollte aber sagen, dass das "sich öffentlich als Solist zur Schau stellen", in gewissen Berufen(Pianist, Sänger, Schauspieler....) die Grundlage der Berufsausübung darstellt und das das ohne einen gewissen Exhibitionismus äusserst schwierig oder sogar unmöglich ist.

Liebe Fairy Queen,

in der Öffentlichkeit zu agieren, kann man, ohne viel von sich preiszugeben. Ein Dozent wird welch großer Zuhörerschaft auch immer, nicht notwendig Auskunft über seine privatesten Gefühle geben müssen.

Als Interpret verwirkliche ich auf der Bühne einen intimen Dialog mit dem Komponisten und seinem Stück, bei dem ich mich nicht partiell bedecken kann (es gibt natürlich auch Werke, bei denen man das kann, ich schreibe aber über die klassisch-romantische Musik, die den Schwerpunkt des Repertoires darstellt). Dies potenziert sich in einer dramatisch-szenischen Darstellung. Die Größe der Callas lag ja u.a. darin, dass sie es vermochte, sich in einer Art und Weise mit der dargestellten Frau zu personifizieren, dass sie wie ein aufgeschlagenes Buch vor dem Publikum erschien.

Gerade der Gesang vermittelt so viel über die Beziehuing des Interpreten zu den in Text und Musik intensi dargestellten Gefühlen, dass es schon in Deinem Sinne eines gewissen Exhibitionismus braucht, um ein Gesangsstück adäquat darbringen zu können.

Liebe Grüße Peter
Severina (04.01.2011, 14:07):
Ich kann mich nur vollinhaltlich Heike und Karolus anschließen - genauso sehe ich das auch!
Wenn man sich intensiver mit Musik beschäftigt, kann man echtes Gold von Talmi unterscheiden, und wer umgekehrt mit Talmi glücklich ist, hat jedes Recht dazu. Möglich, dass jemand spontan eine CD nur deshalb kauft, weil der Sänger auf dem Cover so schnuckelig aussieht, aber wenn ihm dann die Stimme nicht gefällt, wird er es wohl kein zweites Mal tun. Ich bin überzeugt, dass sich letztlich das Produkt und nicht die Verpackung durchsetzt.
Wieso ein Künstler nicht für sich werben darf, wieso er sein Talent nicht möglichst gewinnbringend vermarkten darf, will sich mir auch nicht erschließen. Wer dabei über das Ziel hinausschießt, bekommt ohnehin früher oder später die Rechnung präsentiert, zunächst von seinem Körper und später vom Publikum.
Ein "Hype" erscheint doch meist nur für Außenstehende als ein solcher, zumindest kenne ich kaum einen angeblich gepushten Sänger, der Insidern nicht schon längst ein Begriff gewesen ist. Jonas Kaufmann z.B. hat mindestens 10 Jahre auf höchstem Niveau gesungen (Ich wage sogar zu behaupten, auf einem höheren als jetzt :ignore), bevor er ENDLICH den längst überfälligen Plattenvertrag bekam und als der neue Superstar, der quasi wie Phönix aus der Asche emporgetaucht ist, präsentiert wurde, was seine große Fangemeinde ziemlich amüsiert hat. Ich gönne es ihm von Herzen, dass er nun am üppig gefüllten Futtertrog sitzt, auch wenn mir nicht alles gefällt, was er tut. Aber das muss ich ja nicht unterstützen.
Das schon jetzt großartig beworbene Netrebko-Schrott-Kaufmann-Konzert in der Stadthalle werde ich unter Garantie nicht besuchen, weil mir derartige Events zuwider sind - das ist nicht die Art und Weise, wie ich klassische Musik hören will. Aber ich verurteile solche Auftritte auch nicht und spiele mich nicht als moralische Hüterin der "wahren Kunst" auf. Wenn's den Dreien Spaß macht, wenn's dem Publikum Spaß macht - was ist falsch daran??? Und wenn sie dabei kräftig abkassieren - so what?? Dieses Stadthallenabenteuer schadet weder ihrem Image als seriöse Künstler noch der klassischen Musik an sich, ganz im Gegenteil. Die Puristen werden nicht hingehen, und manch anderer leckt vielleicht Blut und will's nun genau wissen.

Und wie Heike so richtig sagt: Auch schlechte Musik schadet niemandem, zumindest nicht in dem Maß wie der Großteil des Mists, der einem ansonsten von der Werbung untergejubelt wird.

lg Severina :hello
Cetay (inaktiv) (04.01.2011, 18:50):
Die hier mehrfach als Gegenpol zur Position der Themenstarterin vorgebrachte Sichweise klingt durch und durch vernünftig. Und das macht sie höchst verdächtig. Wo auf der einen Seite gefordert wird, die Verpackung wegzulassen, um die Inhalte unverstellt wahrnehmen (authentisch erleben) zu können, wird nun auf der anderen Seite die Verpackung einfach ignoriert. Für mich ist beides die halbe Wahrheit. Echtheit beginnt dort, wo der Inhalt und die Verpackung übereinstimmen. Ein Pianist, der sich im Frack wohlfühlt und dessen Unbeweglichkeit Ausdruck seiner inneren Sammlung ist, wird ebenso authentisch wirken, wie der Geiger, der sich im Punk-Outfit wohlfühlt und dessen Fäusterecken Ausdruck seiner inneren Euphorie ist.

Leider wird von dem Verpackungsgegnern (und hier nehme ich, um neuerliche Mißverständnisse zu vermeiden, Gamaheh ausdrücklich aus) oft überhaupt nicht mehr differenziert, sondern paschal abgeurteilt: Wer es nötig hat, auffallende Merkmale nach außen zu tragen, kann als Künstler nicht integer sein und "gut" schon gar nicht. Was für ein Schmarrn! Die Auswüchse, die das angenommen hat, durfte ich unlängst in einer Rezension zu Flötenkonzerten mit einer debutierenden Nachwuchskünsterin lesen (leider finde ich sie gerade nicht -lies: ich bin zu faul zum suchen.) Da hat der Kritiker erst mal ausladend und wortreich versichern müssen, dass wir es hier mit ernstzunehmenden Interpretationen zu tun haben, obwohl die Solistin aussieht wie ein Topmodel. Müssen sich gutaussehende Interpreten bald eine dicke Hornbrille aufsetzen, damit sie nicht von vorne herein abqualifiziert werden? Und wenn, dann kommt bald der Nächste und prangert genau das als Masche an.

Im Medienzeitalter wird das Echte, das Wahrhaftige, das Authentische zu einem immer seltener werdenen Gut. Daher habe ich volles Verständinis dafür, dass die zunehmende Verkünstlichung unseres geliebten Genres angeprangert wird. Dem einen in der Tradition erstickenden Konservatismus entgegenzusetzen, hilft freilich ebensowenig, wie das gezielte und bewußte darüber Hinwegsehen. Die Klassik braucht ebenso "Typen" wie die U-Musik. In letzterem Bereich, in dem es ohne "besondere Merkmale" schon sehr viel länger nicht mehr geht, kann man sehen (wenn man denn bereit ist, in diesen Gefilden differenziert hinzusehen), dass sich langfristig diejenigen Künstler durchsetzen, bei denen Verpackung und Inhalt miteinander korrespondieren. Das große Geld fließt freilich dort, wo die Verpackung überbetont wrid, wenn auch nur kurzfrsitig. Und das ist falsch, weil es genau das Menschen- und Weltbild zementiert, das unsere Zivilisation auf den Abgrund zusteuern lässt.
Severina (04.01.2011, 19:46):
Original von Cetay
Leider wird von dem Verpackungsgegnern (und hier nehme ich, um neuerliche Mißverständnisse zu vermeiden, Gamaheh ausdrücklich aus) oft überhaupt nicht mehr differenziert, sondern paschal abgeurteilt: Wer es nötig hat, auffallende Merkmale nach außen zu tragen, kann als Künstler nicht integer sein und "gut" schon gar nicht. Was für ein Schmarrn! Die Auswüchse, die das angenommen hat, durfte ich unlängst in einer Rezension zu Flötenkonzerten mit einer debutierenden Nachwuchskünsterin lesen (leider finde ich sie gerade nicht -lies: ich bin zu faul zum suchen.) Da hat der Kritiker erst mal ausladend und wortreich versichern müssen, dass wir es hier mit ernstzunehmenden Interpretationen zu tun haben, obwohl die Solistin aussieht wie ein Topmodel. Müssen sich gutaussehende Interpreten bald eine dicke Hornbrille aufsetzen, damit sie nicht von vorne herein abqualifiziert werden? Und wenn, dann kommt bald der Nächste und prangert genau das als Masche an.

Im Medienzeitalter wird das Echte, das Wahrhaftige, das Authentische zu einem immer seltener werdenen Gut. Daher habe ich volles Verständinis dafür, dass die zunehmende Verkünstlichung unseres geliebten Genres angeprangert wird. Dem einen in der Tradition erstickenden Konservatismus entgegenzusetzen, hilft freilich ebensowenig, wie das gezielte und bewußte darüber Hinwegsehen. Die Klassik braucht ebenso "Typen" wie die U-Musik. In letzterem Bereich, in dem es ohne "besondere Merkmale" schon sehr viel länger nicht mehr geht, kann man sehen (wenn man denn bereit ist, in diesen Gefilden differenziert hinzusehen), dass sich langfristig diejenigen Künstler durchsetzen, bei denen Verpackung und Inhalt miteinander korrespondieren. Das große Geld fließt freilich dort, wo die Verpackung überbetont wrid, wenn auch nur kurzfrsitig. Und das ist falsch, weil es genau das Menschen- und Weltbild zementiert, das unsere Zivilisation auf den Abgrund zusteuern lässt.

Lieber Cetay

volle Zustimmung!! Mich nervt es ungemein, dass jeder gut aussehende Künstler auf sein Äußeres reduziert und an seinem Können bzw. der Ernsthaftigkeit seines Tuns gezweifelt wird. Wobei das bei Sängern noch schlimmer zu sein scheint, zumindest kenne ich niemanden, der z.B. Hilary Hahn ihre vorteilhafte Optik vorwirft und sie deshalb für eine miese Geigerin hält.
Auch mit den Typen hast Du vollkommen Recht, leider auch mit Deinem letzten Satz. Aber dem kann jeder von uns entgegenwirken, indem er sich eben den so genannten "Events", die nur vordergründiges Spektakel bieten, verweigert.

lg Severina :hello
Heike (04.01.2011, 19:57):
Lieber Cetay,
da hast du aber nochmal auf einen wichtigen Punkt aufmerksam gemacht: das Gesamtpaket muss stimmen. Genau so ist es.

Wer es nötig hat, auffallende Merkmale nach außen zu tragen, kann als Künstler nicht integer sein und "gut" schon gar nicht. Was für ein Schmarrn!
Künstler sind ja auch nur Menschen und daher genauso unauffällig oder extravertiert wie du oder ich :-) Zum Glück auch, wie langweilig wäre es doch sonst.
Heike
Gamaheh (04.01.2011, 21:54):
Original von Cetay
Da hat der Kritiker erst mal ausladend und wortreich versichern müssen, dass wir es hier mit ernstzunehmenden Interpretationen zu tun haben, obwohl die Solistin aussieht wie ein Topmodel.
Nicht nur das, man erlebt es sogar, daß sich Pianisten dafür entschuldigen müssen, daß sie Klavier spielen können. Vor nicht langer Zeit war ich bei einem Konzert, in dem der Pianist (der Chopins Gesamtwerk parat hatte) es für nötig hielt, mehrmals zu betonen, daß es nicht wichtig sei, ob man fünf oder fünfzig Stücke auswendig spielen könne, sondern daß man ihnen musikalisch gerecht würde; er wollte nicht als Virtuose abqualifiziert werden ...

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (04.01.2011, 22:44):
Es ist sehr erfreulich, daß hier soviel Übereinstimmung herrscht !

(Zitat von Heike) *** auch schlechte Musik halte ich immer noch für besser als gar keine Musik oder schlechtes Fernsehen
Das ist für mich, wie wenn man sagte: Lesen ist immer gut. Besser große bunte Buchstaben auf großformatigem Klopapier als gar nicht lesen.

(Zitat von Heike) Es gibt viel zu viel gute Musik - das werde ich im Leben gar nicht schaffen, die alle anzuhören! Da sollen doch gern die andren auch leben, die vielleicht doch eher narzisstisches Geltungsstreben bedienen als musikalische Ambitionen. Ich muss doch nicht die Welt missionieren, jeder soll doch auf seine Weise glücklich werden.
Solange ich meine SZ/BZ/WZ/FAZ/TAZ ... habe, können alle anderen gerne das großformatige Klopapier lesen.

Da ich permanent und penetrant mißverstanden werde, fasse ich noch einmal in kurzen Sätzen zusammen, worum es mir geht:

Mich interessieren Meinungsbildungsprozesse und wie sie funktionieren; mich interessiert die Manipulation, der wir ununterbrochen ausgesetzt sind, und wie man ihr entgegenwirken kann.

Die Vorstellung, daß viele ihre Meinung von großformatigem Klopapier beziehen, besorgt mich.

Die Beobachtung (wie ich sie täglich mache), daß die geistige Elite sich durch den offenen Türflügel drängelt, weil sie nicht auf den Gedanken kommt oder zu faul ist, den anderen zu öffnen, gibt mir zu denken (das meine ich übrigens nicht metaphorisch).

Es ist notwendig, das Wesentliche vom Beiläufigen zu befreien. Wenn dann nichts übrig ist, weiß man, woran man ist. Wenn etwas qualitätvolles Wesentliches von Beiläufigem verdeckt wird, läuft man Gefahr, es für banal zu halten.

Ich möchte, daß der Sprache die Würde der Bedeutung erhalten bleibt. Aus diesem Grund lehne ich unter anderem alles Inflationäre in der Sprache ab und alles, was die Sprache prostituiert.

(Zitat von Cetay) Im Medienzeitalter wird das Echte, das Wahrhaftige, das Authentische zu einem immer seltener werdenen Gut.
Ich glaube, es wird vor allen Dingen schwieriger, es zu finden. Nicht nur, weil es von anderen Dingen verdeckt wird, nicht nur, weil unser Blick so wenig geschärft ist dafür, sondern auch, weil wir wir es womöglich gar nicht erkennen, selbst wenn es uns auf einem Teller serviert wird.

Qualität ist nicht wurst.

In diesem Sinne melde ich mich mal von diesem Faden ab, denn ich muß mich jetzt um meine eigenen Sprechblasen kümmern.

Grüße,
Gamaheh

P.S.:
(Cetay dixit) Sichweise klingt durch und durch vernünftig. Und das macht sie höchst verdächtig.
Wie wahr - man möchte fast sagen: "philiströs" !!
Heike (05.01.2011, 08:12):
In diesem Sinne melde ich mich mal von diesem Faden ab
Das ist aber schade. Ich teile ja deine Bedenken, wenn es um manipulative Meinungsbildung geht - aber musikalische Vorlieben und Geschmäcker sind doch was anderes. Ob ich die Bildzeitung lese oder Paul Potts höre - der Effekt ist ein durchaus anderer und daher für mich in völlig verschiedener Weise beunruhigend. Beim ersteren geht es um Inhalte diverser Art, ich denke nicht, dass man das mit Musik vergleichen kann. Ich habe also immer noch nicht verstanden, was dich daran beunruhigt, wenn die Musikindustrie so heftig die Werbetrommel für Künstler rührt, die nicht deinen musikalischen Ansprüchen genügen.
Aber egal, ich kann das auch so stehen lassen.
Heike
Fairy Queen (05.01.2011, 09:49):
Ich zitiere nochmal aus meinem eigenen gestrigen Kommentar:


Andererseits gehört für mich die Ästhetik einer Präsentation auch zum Inhalt, muss dann aber koherent mit Selbigem sein. Wenn ein Pianist im engsitzenden Glitzerkostüm auftritt oder in Jeans und Rollkragenpulli oder im traditionellen Frack gehört das zu seinem Auftritt und drückt etwas aus. Für mich als Zuhörer zâhlt dann am Ende nur, wie authentisch dieses Gesamt-Kunst-Werk auf der Buhne ist und ob es mir etwas sagen und mit-geben kann.
Der Begriff der Authentizitât und Koherenz
oder besser "künstlerischen Wahrhaftigkeit" spielt für mich die alles entscheidende Rolle und was Cetay oben am Beispiel der äusseren Erscheinung von Künstlern dazu sagt, habe ich (fast) genauso auch gemeint. Der Begriff der "Schönheit" in der Kunst ist leider so pervertiert und von unten nach oben gewednet worden, dass man sich nicht mehr bzw kaum noch wagt, das Schône in Zusammenhang mit künstlerishcem Ausdruck zu bringen. Ich denke in dieser Hinsciht total antiquiert/ antik.
Wenn Schönheit auf leere Hülle und Abziehbilder reduziert wird, wie das leider so oft in den diversen Medien passiert, steht man vor einem Scherbenhaufen des ursprünglichen Schônheitsbegriffs. Es geht m.E. erstmal darum, Begrifflichkeiten zu klâren oder besser: neu/ganz alt zu definieren.
Bei dem Verwirrspiel und der Beliebigkeit das heutzutage allein mit dem Begriff Kunst-Schönheit herrscht, sind die ärgsten Missverständnisse vorprogrammiert.

Das Agressionen erzeugende Ohnmachtsgefühl angesichts einer allgemeinen Verflachung und Verrohung ästhetischer Wahrnehmung kann ich gut nachempfinden. Leider kann man aber nur bei sich selbst etwas tun und hoffen, Kreise zu ziehn, wie ein Stein den man ins Wasser wirft. Heiliger missionarischer Zorn kann manchmal zwar ganz gut sein, aber meistens verhärtet er einen nur selbst und nimmt einem genau die Freude, die man der Menschheit so gerne in der "richtigen" Art und Weise zukommen lassen wÜrde. :wink

F.Q.