Der Leibhaftige in der Klassik

Joe Dvorak (21.09.2022, 03:16):
Sport, Tiere, Sommer, Maschinen, Maerchen... Thematische Sammlungen kann man endlos anlegen. Warum also nicht eine, in der es um den Leibhaftigen geht? Als Metal-Liebhaber werde ich jeweilen mit dem ablehnenden Vorurteil konfrontiert, diese Musik haette satanische Inhalte. Es stimmt, dass es nicht wenige Bands gibt, die das zum Zentrum ihrer Texte machen. Aber es gibt sehr viele mehr, die das nicht tun. Ich brauche also Material zum kontern. Wenn jemand eine gesamte Musikrichtung fuer satanisch erklaert, weil er mal ein Lied, in dem "six six six" gesungen wird, gehoert hat, dann werde ich erklaeren, dass Klassik auch satanisch ist, weil Alexander Scriabin ein Poème Satanique op. 36 geschrieben hat und mit Des Teufels Lustschloss D. 84 von Franz Schubert brauchen wir erst gar nicht anzufangen. Und ich bin mir sicher, da gibt es noch mehr.
Philidor (21.09.2022, 07:06):
Im Freischütz wird Samiel angerufen. Das ist der Name Satans in jüdischen Legenden und deutschen Sagen. Im Christentum wurde Satan mit dem Teufel identifziert.
Meyerbeer, Robert le Diable (ok, das zählt vielleicht nicht ganz)
Charles Gounod, Faust
Boito, Mefistofele
Penderecki, Die Teufel von Loudun
Joe Dvorak (21.09.2022, 08:28):
Ja, alle Tausend Namen koennen angerufen werden, etwa die Luzifer-Polka op. 266 von Johann Strauss Jr. oder der Antichrist (Antikrist) von Ruud Langaard.
Sfantu (21.09.2022, 09:39):
Schönes Thema!
Müssen es Werktitel sein? Oder kann der Leibhaftige auch unter ferner liefen vorkommen? Als Nebenfigur, im Text oder in Titeln von Satzteilen?

Bei Schubert kenne ich sonst noch die Ouvertüre zum Lustspiel "Der Teufel als Hydraulicus" D4 (das hat er quasi noch in der Krabbelgruppe geschrieben).
Heinrich Marschner war, wie ich finde, auch ein genialer Liedschöpfer. Ein Rückert-Lied von ihm, "Der betrogene Teufel" op. 87 Nr. 1, kann ich auswendig. Rezitiere das gern mal mit fortgeschrittenen Dysarthrie-Patienten im Artikulationstraining. Geistreich, wortwitzig, plastisch.
Joe Dvorak (21.09.2022, 09:41):
Schönes Thema!
Müssen es Werktitel sein? Oder kann der Leibhaftige auch unter ferner liefen vorkommen? Als Nebenfigur, im Text oder in Titeln von Satzteilen?
Aber klar doch! :evil:
Philidor (21.09.2022, 10:58):
J. S. Bach, Weihnachtsoratorium (aber hallo!), Schlusschoral am Ende des sechsten Teils:
"Nun seid ihr wohl gerochen .... Tod, Teufel, Sünd und Hölle / sind ganz und gar geschwächt, / ..."

Und natürlich alle Vertonungen von Luthers Lied "Ein feste Burg ist unser Gott", wo es in der dritten Strophe heißt:
"Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nicht so sehr, / ...

Einschlägig sind hier z. B.:
- Johann Sebastian Bach, Kantate BWV 80
- Mendelssohn, Reformations-Sinfonie
- Reger Fantasie über den Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" op. 27 - da geht in der dritten Strophe die Post ab.
Jan Van Karajan (21.09.2022, 11:52):
Von Hellmesberger gibt es auch noch einen danse diabolique, den hat Ozawa vor 20 Jahren im Wiener Neujahrskonzert aufgeführt. Und natürlich gibt es ja noch den Mephisto-Walzer von Liszt
Philidor (21.09.2022, 12:30):
Warum also nicht eine, in der es um den Leibhaftigen geht? Als Metal-Liebhaber werde ich jeweilen mit dem ablehnenden Vorurteil konfrontiert, diese Musik haette satanische Inhalte.
Wenn es also nicht nur um den Leibhaftigen geht, sondern auch um die musikalische Ausgestaltungen der dunklen Mächte aus christlichen Legenden, wie wäre es dann mit

Aleksandr Scriabin: Klaviersonate Nr. 9 "Schwarze Messe"

Vermutlich sind Schwarze Messen aber nur ein literarisches Konstrukt. Die Pro-BDSM-Partys auf der diesjährigen documenta in Kassel dürften aufregender gewesen sein. (Aber nur wenig.)
Joe Dvorak (21.09.2022, 13:52):
Schoene Sachen sind das bisher. Damit kann ich arbeiten. Danke sehr. :thumbsup:

Ich habe noch:

Schreker - Der singende Teufel (Oper in 4 Akten)
Beethoven - Hol euch der Teufel (Deutsche Kanons, WoO 173)
Loewe - Ballade: Der Teufel (aus op. 129)

Suppé hat ihm einige 3-aktige Operetten gewidmet: Wo steckt der Teufel & Faschingsteufel & Teufel auf Erden & Teufels Brautfahrt
Selbst der heilige Haydn geriert in Versuchung: Der krumme Teufel, Hob. XXIXb:1b (Komische Oper in 2 Akten)
palestrina (21.09.2022, 20:21):

TEUFELSTRILLER-SONATE
Giuseppe Tartini
Der Entstehung der Sonate ging ein Traum des Komponisten im Jahr 1713 voraus, den Tartini wie folgt schilderte:


„Eines Nachts im Jahre 1713 träumte mir, ich hätte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, er solle mein Diener sein. Alles ging nach meinem Kommando, mein neuer Domestik erkannte im Voraus alle meine Wünsche. Da kam mir der Gedanke, ihm meine Fiedel zu überlassen und zu sehen, was er damit anfangen würde. Wie groß war mein Erstaunen, als ich ihn mit vollendetem Geschick eine Sonate von derart erlesener Schönheit spielen hörte, dass meine kühnsten Erwartungen übertroffen wurden. Ich war verzückt, hingerissen und bezaubert; mir stockte der Atem, und ich erwachte. Dann griff ich zu meiner Violine und versuchte die Klänge nachzuvollziehen. Doch vergebens. Das Stück, das ich daraufhin geschrieben habe, mag das Beste sein, das ich je komponiert habe, doch es bleibt weit hinter dem zurück, was mich im Träume so sehr entzückt hatte. Denn wohl hätte ich meine Violine in zwei Teile zerbrochen und die Musik für immer aufgegeben, wenn es mir gelungen wäre, die Freuden jenes Traums tatsächlich aufzuzeichnen.“

LG palestrina
palestrina (21.09.2022, 20:36):
Antonin Dvořák

„Katja und der Teufel“ („Čert a Kača“)
oder auch „Die Teufelskäthe“
Oper in 3 Akten

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Eine Kinder Oper von Stefan Johannes Hanke

DER TEUFEL MIT DEN DREI GOLDENEN HAAREN

LG palestrina
palestrina (21.09.2022, 20:49):

Der Dämon

ist eine Phantastische Oper in drei Akten und fünf Bildern von Anton Rubinstein
Übrigens : Davon gibt es eine tolle Aufnahme......

LG palestrina
Joe Dvorak (23.09.2022, 04:39):
Korngolds Songs Of The Clown, Op. 29 (Narrenlieder, Chants Du Clown) enthalten als Nr. 3 das Lied Adieu, Good Man Devil.
Joe Dvorak (23.09.2022, 14:08):
Ach dameje! Wie konnte ich die vergessen:
Boccherini - Sinfonie d-Moll op. 12/4, G. 506 "La casa del Diavolo"

Das muss gleich gehoert werden:


I Virtuosi del Teatro alla Scala
Philidor (23.09.2022, 14:54):
Kapriziert man sich nicht nur auf den Teufel, sondern auch auf andere Gestalten dieser Sphäre, so mag der Antichrist genannt sein, der in den Johannes-Briefen seinen Auftritt hat.

Rued Langgaard widmete ihm gleich eine ganze Oper:



Bekanntlich hieß Strauss' "Alpensinfonie" ursprünglich "Der Antichrist", was erst kurz vor Drucklegung geändert wurde. (Ja, ja, ich weiß, hat man die Story mit Aufstieg, am Wasserfall, auf dem Gipfel usw. usf. einmal mitvollzogen, so fällt es uuuunglaublich schwer, das zu glauben ... )
Amonasro (23.09.2022, 16:13):
Kapriziert man sich nicht nur auf den Teufel
Apropos: Paganinis Capriccio Nr. 13 "La risata del diavolo" ("Das Teufelslachen").

Unter den schon genannten Faust-Vertonungen fehlt noch Berlioz' La damnation de Faust und die Mephisto-Walzer von Franz Liszt.

Verdis Giovanna d'Arco wird im Prolog von einem Dämonen-Chor umgarnt ("Tu sei bella").

Der Satan ist auch eine der Hauptfiguren in Félicien Davids Oper Herculanum.

Gruß Amonasro
palestrina (23.09.2022, 16:27):

Fra Diavolo ou L’hôtellerie de Terracine
ist eine Opéra-comique in drei Akten von Daniel-François-Esprit Auber
LG palestrina
Joe Dvorak (24.09.2022, 03:14):
Kapriziert man sich nicht nur auf den Teufel, sondern auch auf andere Gestalten dieser Sphäre, so mag der Antichrist genannt sein, der in den Johannes-Briefen seinen Auftritt hat.

Rued Langgaard widmete ihm gleich eine ganze Oper:



Bekanntlich hieß Strauss' "Alpensinfonie" ursprünglich "Der Antichrist", was erst kurz vor Drucklegung geändert wurde. (Ja, ja, ich weiß, hat man die Story mit Aufstieg, am Wasserfall, auf dem Gipfel usw. usf. einmal mitvollzogen, so fällt es uuuunglaublich schwer, das zu glauben ... )
Antikrist hatte ich Beitrag 3 schon gebracht, aber es ist nicht verkehrt, den hier nochmal ausfuehrlich zu wuerdigen und die Verbindung mit Strauss aufzuzeigen. Ich habe neulich ein Album gehoert, bei dem das Vorspiel zu Langgaards Oper mit der Alpensinfonie gekoppelt war. Dausgaards Leseart der letzteren fand ich freilich zum Abgewoehnen - aber vielleicht sollte ich sie unter dem Aspekt des dereinst geplanten Titels nochmals mit neu justierten Ohren hoeren.
Joe Dvorak (24.09.2022, 03:32):


John Adams - Must the Devil Have all the Good Tunes?

Hier und bei Langgaard koennte man konfrontiert mit dem Nachurteil, dass klassische Musik im Kern satanisch ist, entgegnen, dass sei gar keine Klassik, sondern Moderne. Zum Glueck haben wir mit Schubert, Dvorak, Boccherini, Beethoven, Liszt & J. Strauss Jr. schon genuegend richtige Mainstream-Klassiker enttarnt. Bei Bach bin ich mir nicht sicher, da scheint mir eher, dass der Leibhaftige immer sein Fett wegbekommt.
Philidor (24.09.2022, 08:25):
Antikrist hatte ich Beitrag 3 schon gebracht,
Ups ... stimmt .. sorry ...

... na, dann noch so ein Viech: In der Apokalypse des Johannes wird das Tier erwähnt, nein, nicht der Schlagzeuger aus der Muppets-Show, sondern:

1 Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. 2 Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. 3 Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier, 4 und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen? (Offb 13, 1-4)

Messiaen hat dieses Tier, dem später die Zahl 666 zugeordnet wird, vertont. Im zweiten Satz )"Offertoire") seiner "Messe de la Pentecôte" (Pfingstmesse) für Orgel erklingt mehrmals der Ton C ("Großes C", tiefster Ton auf einer üblichen Orgelklaviatur) mit Basson 16'. Da lohnt sich Messiaens eigene Aufnahme an "seiner" Orgel, um zu hören, wie er es sich dachte.
satie (24.09.2022, 10:00):
Mir fällt hier noch Ligetis 13. Etüde ein: L’escalier du diable. Teuflisch schweres Ding. In seiner Oper "Le grand Macabre" heißt der Höllenfürst zwar Nekrotzar und nicht Teufel oder Satan, dürfte aber doch so ziemlich mit diesem identisch sein.

Bei Satie kommt der Teufel zwar in keinem Titel vor, er taucht aber in mehreren Stücken auf. Im Tango aus den "Sports et Divertissements" heißt es:
Der Tango ist der Tanz des Teufels.
Er ist sein Lieblingstanz.
Er tanzt ihn zu Abkühlung.
Seine Frau, seine Töchter und seine Diener kühlen sich so ab.

Und in den "Avant-dernières Pensées" (Nr. 3) bekommt der Poet, der in seinem Turm sitzt eine Gänsehaut, als plötzlich der Teufel erscheint. Es stellt sich aber sogleich heraus, dass es nur der Wind ist.

Den Schluss des Walzers aus den 7 kleinen Tänzen aus dem Theaterstück "Le Piège de Méduse" soll man "Dur comme le diable" spielen.
Evtl. gibt es weitere Werke Saties, in denen der Teufel erwähnt wird.

In Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" ist ein Pakt mit dem Teufel die Story.

Herzliche Grüße
Satie
Joe Dvorak (24.09.2022, 12:41):
Grieg - To a Devil, EG 154 (f. Singstimme & Kavier)
Amonasro (24.09.2022, 13:41):
Der Tanz aus dem 4. Akt von Lullys Alceste: 2ème Air Les démons. Da die Szene in der antiken nicht-christlichen Unterwelt spielt möglicherweise off-topic, allerdings trage ich das Stück nach jedem Hören als Ohrwurm mit mir herum.

Gruß Amonasro :hello
Joe Dvorak (26.09.2022, 07:14):
In William Waltons Façade (nach Gedichten von Edith Sitwell) taucht er in gleich zwei Verkleidungen auf. In der Nr. 15 als Black Mrs. Behemoth & in der Nr. 34 als Sir Beelzebub.
Joe Dvorak (28.09.2022, 10:14):
1858 wurde im Teatro di S.Redegonda zu Mailand Giovanni Bottesinis 4-aktige Oper Il diavolo della notte uraufgefuehrt. Heute begegnet man gelegentlich noch einer Sinfonia daraus.
Joe Dvorak (06.10.2022, 03:50):
Das irische Volklied Go To The Devil And Shake Yourself wurde 1797 von John Field als Rondo in C-Dur arrangiert:
Joe Dvorak (24.11.2023, 04:18):
Peter Maxwell Davies hat die Filmmusik zu Ken Russels Streifen The Devils (1971) geschrieben und daraus eine 4-teilige Suite mit einer Spieldauer von ca. 20 Minuten zusammengestellt.
Waldi (24.11.2023, 09:29):
Julius Bittner: Das höllisch Gold, Ein Singspiel (1916)