Der Staat hat sich aus seiner musischen Verantwortung gestohlen

Heike (17.09.2011, 16:08):
Grabenkämpfe
Ihr da oben, wir hier unten: Das Theater und sein Publikum verstehen sich immer weniger. Versuch einer Wiedervereinigung.

Ein lustiger und trauriger Artikel zugleich aus dem Berliner Tagsesspiegel von heute.

Zitat: "Kurzfristig hilft es nun sicher wenig, den Ahnungslosen zuzurufen, seid doch nicht so ahnungslos!, und den Überkandidelten, seid doch nicht so überkandidelt! Die Schere kann sich nur durch mehr Bildung wieder ein Stück schließen – und durch eine so verständliche wie verständige Vermittlungsarbeit. Denn nur ein mündiges und aufgeklärtes Publikum taugt zum (notwendigen!) Korrektiv für die Kunst*."
...
"Der Staat hat sich aus seiner musischen Verantwortung gestohlen und das nicht einmal heimlich. Insofern darf man sich nicht groß wundern, wenn die da unten (im Saal) immer weniger verstehen, was die da oben (auf der Bühne) wollen – und umgekehrt."

*das finde ich interessant als Aussage, da muss ich mal drüber nachdenken: einerseits erzeugt das bei mir Widerspruch (besonders das "notwendige Korrektiv"), andererseits leuchtet es mir auch ein
Hosenrolle1 (10.10.2016, 23:41):
Ich habe gerade den verlinkten Artikel, der übrigens immer noch abrufbar ist, gerade gelesen.

Am interessantesten war daran nur das Bild ganz oben, zu dem aber leider keine Stellung genommen wird.
Stattdessen gibt es einen recht unlustigen Aufsatz, bei dem ich das Gefühl habe, dass es nicht um eine "Wiedervereinigung zw. Theater und Publikum" geht, sondern darum, wie lustig der Autor schreiben kann.

Was dieser kurze Text genau will weiß ich nicht. Ich finde keine Argumente für oder gegen etwas.
Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen und mir das erklären?




LG,
Hosenrolle1
Zefira (11.10.2016, 01:16):
Was für eine Stellungnahme erwartest Du denn zu dem Bild?
Es steht ja nirgends, wo es herstammt, ob es eine Oper oder Operette oder ein Theaterstück oder ein Kostümfest war. Es ist ein reines Symbolbild, zu dem der Leser "irgendwas mit Sex" assoziieren soll. In welcher Form soll man dazu Stellung nehmen?

Zu dem kulturpessimisteischen Geschwafele kann ich nur bemerken, das war noch nie anders; schon in meiner Generation hat hier die Schule versagt, und ich bin Jahrgang 1957. Ein Schüler oder eine Schülerin, der oder die sich zu einem Musikstudium (egal ob Schulmusik oder künstlerische Ausbildung) entschließt, muss einen ganzen Sack voll teuren Privatunterricht bezahlen, um auch nur die Aufnahmeprüfungen zu bestehen - selbst wenn er oder sie Musik als Leistungskurs belegt hatte. Rate mal, woher ich das weiß. Und, nebenbei bemerkt - möchte man Bildende Kunst studieren, ist es meines Wissens nicht anders.
Hosenrolle1 (11.10.2016, 01:46):
Original von Zefira
Was für eine Stellungnahme erwartest Du denn zu dem Bild?

Eh keine, ich fand es nur witzig, dass das Bild so überhaupt nichts mit dem Text zu tun hatte, und einfach nur da war. :D


Zu dem kulturpessimisteischen Geschwafele kann ich nur bemerken, das war noch nie anders; schon in meiner Generation hat hier die Schule versagt, und ich bin Jahrgang 1957. Ein Schüler oder eine Schülerin, der oder die sich zu einem Musikstudium (egal ob Schulmusik oder künstlerische Ausbildung) entschließt, muss einen ganzen Sack voll teuren Privatunterricht bezahlen, um auch nur die Aufnahmeprüfungen zu bestehen - selbst wenn er oder sie Musik als Leistungskurs belegt hatte. Rate mal, woher ich das weiß. Und, nebenbei bemerkt - möchte man Bildende Kunst studieren, ist es meines Wissens nicht anders.

Ich könnte mir vorstellen, dass man die Kunst im allgemeinen im Grunde als etwas sieht, was nur dem Vergnügen dient, den Menschen aber nicht weiterbringt oder hilft, im Gegensatz etwa zu einem Arzt-Studium oder ähnlcihes.

Aber ich glaube, dass die Probleme, die in diesem Aufsatz angesprochen werden, auch damit zu tun haben, dass die Zeiten sich verändert haben. Vor über 100 Jahren und davor hatten Menschen wesentlich weniger Beschäftigungsmöglichkeiten als heute. Kein Internet, kein Fernseher, kein Radio, keine CD-Player. Durch die strengere Erziehung und die Schule musste man sicher mehr lernen; für Mädchen war es normal, dass sie Klavier spielen konnten, um dann vielleicht die neuesten Opernstücke aus dem Klavierauszug nachzuspielen daheim.
Man schaue sich z.B. den Film "Mädchen in Uniform" an, der um 1910 herum spielt. Da müssen die Mädchen im Schulunterricht verschiedene Dichter den richtigen Epochen zuordnen, Hauptwerke nennen und daraus zitieren können. Ob das einem später im Leben weiterhilft sei einmal dahingestellt, aber es zeigt, dass da offenbar doch mehr Wert auf solche Dinge gelegt wurde.

In den 50ern und 60ern gabs natürlich schon ganz andere Dinge, technisch und kulturell gesehen.

In diesem Aufsatz meint der Autor, dass so viele Leute nicht mehr wissen, welche Nationalität Chopin hatte, oder was ein pizzicato ist. Die Frage, die sich mir dabei aber stellt, ist: für WEN ist das ein Problem, wenn man diese Dinge nicht weiß?




LG,
Hosenrolle1
Zefira (11.10.2016, 09:37):
Man schaue sich z.B. den Film "Mädchen in Uniform" an, der um 1910 herum spielt. Da müssen die Mädchen im Schulunterricht verschiedene Dichter den richtigen Epochen zuordnen, Hauptwerke nennen und daraus zitieren können. Ob das einem später im Leben weiterhilft sei einmal dahingestellt, aber es zeigt, dass da offenbar doch mehr Wert auf solche Dinge gelegt wurde.

Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass sich die Mädchen in dieser Zeit nicht mit Vektorgrafiken und Molekulargenetik herumschlagen mussten. Die Menge an Lehrstoff, die in den naturwissenschaftlichen Fächern gelehrt wird (bzw. die man in der Schule zu lehren für nötig erachtet) vergrößert sich galoppierend, und das geht auf Kosten anderer Fächer. Auch Sport und polytechnische Fertigkeiten werden viel zu wenig gepflegt. Meiner Meinung nach ist unser Schulsystem seit langem Flickwerk und bedürfte einer gründlichen Überarbeitung.
Keith M. C. (11.10.2016, 09:45):
Lieber Hosenrolle1,

ich weiß auch nicht worauf die Autorin hinauswill, ich sehe es als platzfüllendes (deshalb auch das Bild) larmoyantes Gerede. Überflüssig. Diese „Erkenntnisse“ gab es vor 200, 100, 50 Jahren und wird es in 200 Jahren etc. sehr wahrscheinlich ebenfalls geben.

Bis dann.

P. S.: Aber vielleicht ist eine sehr allgemeine Kritik am Mangel von "Kultur". Wir werden voraussichtlich dazu beitragen.
:wink
Hosenrolle1 (11.10.2016, 10:49):
Komisch fand ich auch, dass die Autorin - so war jedenfalls mein Eindruck - meint, dass man sich auskennt mit "Kultur", wenn man eine Rezension von Joachim Kaiser versteht, und eben wenn man weiß was Pizzicato und die Riqochet-Technik ist.

Ich weiß was Pizzicato ist, wusste aber nicht, woher Chopin kam. Bin ich jetzt nur ein halber Kulturbanause? ^^



LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (11.10.2016, 22:10):
Lieber Hosenrolle,

wieso halber Kulturbanause? Dein Interesse gilt R. Strauss. :rofl

Pizzicato ist der Bruder von Pinocchio. Joachim Kaiser ist eine Werbefigur der Versicherungswirtschaft und Chopin ist ein polnischer Wodka.

Bis dann.