da hier bei den Allgemeinen Klassikthemen auch einige nicht primär musikalische Themen (z. B. Lyrik-Interpretationen) geduldet wurden und hoffentlich werden, erlaube ich mir, einen Theater-Thread zu eröffnen. Hier soll es also nicht um Musiktheater sondern um Sprechtheater gehen. Wenn es nach mir geht, soll der Rahmen nicht so eng gesteckt werden: es könnte Platz sein für kurze oder längere Live-Berichte, aber auch zur Meinungsäußerung zu dieser Kunstform, Erinnerungen, Abneigungen oder Zuneigungen etc..
Bei mir selbst ist es ja so, dass ich eigentlich Opernenthusiastin bin und damit voll ausgelastet. Aber es gibt auch Zeiten der Opernflaute (im Moment bei mir der Fall, zumindest was Live-Erlebnisse angeht)... Früher war ich ganz regelmäßig im Schauspielhaus und an einige Produktionen erinnere ich mich gern und dauerhaft und ab und zu komme ich immer noch auf die Idee, mir das eine oder andere Stück anzusehen. Vor kurzem war ich in Schillers "Der Parasit" und war, nach längerer Abstinenz vom Sprechtheater, begeistert über die Darstellungskunst "echter" professioneller Schauspieler. In der Oper ist die Darstellungskunst ja typischerweise je nach Sänger besser oder schlechter und der Gesang gibt der Sache a priori eine gewisse Künstlichkeit. (Auf der anderen Seite kann man sich bei Musiktheater auch mal zurücklehnen und die Augen schließen, ohne allzu viel zu verpassen... nun ja, alles hat zwei Seiten.)
Gestern sah ich zeitgenössisches, fast brandneues Stück in einer starken, eindrücklichen Inszenierung: "LEHMAN BROTHERS" von Stefano Massini, über das ich hier noch etwas ausführlicher schreiben möchte, sobald mir meine gestrige Begleitung das Programmheft zurückgegeben hat. Zu lesen gibt es das Ganze (im Moment) nur auf italienisch:
... das heißt jetzt natürlich nicht, dass niemand hier inzwischen posten soll/kann :).
Rotkäppchen (11.06.2015, 20:04): Wer kennt nicht den Namen der Investmentbank, deren Insolvenz 2008 die Krise des undurchschaubaren globalen Finanzsystems auslöste: Lehman Brothers. Dass dahinter ursprünglich eine jüdische Unternehmerfamilie steht, ausgewandert aus Bayern, um in Amerika ihr Glück zu versuchen, kann man vielerorts nachlesen -- oder im Theater erfahren! Der 1975 in Florenz geborene Dramatiker und Regisseur Stefano Massini setzte sich in seinem Werk "Lehman Trilogy. I Capitoli del Crollo" mit der Geschichte der Lehman-Dynastie über drei Generationen auseinander. Das Werk erfuhr seine Uraufführung 2013 in Paris, wurde 2015 als letzte Arbeit des kürzlich verstorbenen Regisseurs Luca Ronconi (der Opernfreunden nicht unbekannt sein dürfte) am Mailänder Piccolo Teatro auf die Bühne gebracht (Massini ist genau dort interessanterweise Ronconis Nachfolger als künstlerischer Leiter) und erlebte nun vor einigen Tagen seine deutsche Erstaufführung in Dresden als Koproduktion mit dem Schauspiel Köln, dessen Intendant Stefan Bachmann eine stark gekürzte Fassung in Szene setzte (in Mailand war das Stück auf zwei Abende verteilt). Drei Teile (zwei Pausen) -- drei Lehman-Generationen -- mehr als drei Stunden Aufführungsdauer: das Stück verlangt den sieben männlichen Schauspielern (Sascha Göpel, Simon Kirsch, Philipp Lux, Ahmad Mesgarha, Thomas Müller, Torsten Ranft, Jörg Ratjen), die allesamt in mehreren Rollen (z.T. auch Frauenrollen) agieren, und auch dem Publikum einiges Durchhaltevermögen ab.
Wie bringt man eine Familiengeschichte auf die Bühne? Die Übergänge zwischen Drama mit Dialogen und Erzählung bzw. Kommentar (in Anlehnung an den Gebrauch des Chors in der griechischen Tragödie) sind fließend; das Bühnenbild reduziert auf ein gewaltiges meterhohes Rad (Bühnenbild: Olaf Altmann), das vielfältige Assoziationen zulässt. Das Rad der Geschichte -- unter den Rädern des Kapitalismus -- das sich drehende Rad als Maschine ohne jegliche Menschlichkeit. Es wird auch richtig gespielt mit dem Rad: es wird angestoßen und "zum Laufen" gebracht von den drei fleißigen ausgewanderten Brüdern Henry, Emmanuel, Mayer Lehman, die sich zunächst einen kleinen Tuch- und Bekleidungsladen aufbauen. Später dreht es sich schneller und von selbst, teilweise so schnell, dass die Protagonisten Probleme haben, daran vorbeizukommen. Anschaulich erlebt der Zuschauer, wie sich die Geschäfte des Familienclans entwickeln, erst ist man Händler, dann Zwischenhändler, dann eine Bank, die aus Geld Geld macht, dann wird aus "Papieren" Geld gemacht ... Die Figuren werden immer entmenschlichter, religiöse Rituale verlieren an Bedeutung, zum Schluss hat man es mit infantilen Irren zu tun. Auch wenn es viel Situationskomik gibt, zum Lachen ist es überhaupt nicht, menschliche Hybris mit derart eindringlicher schauspielerischer Vehemenz präsentiert zu bekommen -- wie gesagt, ein anstrengender, aber auch sehr gelungener Abend! Dafür, dass das Dresdner Schauspielhaus nur etwa halbvoll war, gab es ordentlichen Applaus.
:hello Rk
Rotkäppchen (15.06.2015, 22:19): Drei Romane nahm Franz Kafka in Angriff, alle sind sie voller Rätsel, keiner ist wirklich abgeschlossen, stets gibt es einen bedauernswerten Protagonisten, dem auf gespenstische Weise alles schiefgeht, der nie sein Ziel erreicht, Opfer psychischer und z.T. physischer Gewalt wird und kaum je auf liebevolle Mitmenschen trifft, sondern eher auf kaputte Typen, schmierige Unsympathen usw. usf.... Der bekannteste der drei Romane ist wohl "Der Process", aber auch in "Amerika" (teilweise auch als "Der Verschollene" veröffentlicht) und "Das Schloß" gibt es keinen Grund zum Optimismus, geschweige denn ein lieto fine.
Umso erstaunlicher ist es, dass es dem Regisseur Wolfgang Engel gelingt, die durch Pavel Kohout und Ivan Klíma erstellte Bühnefassung von Amerika so urkomisch in Szene zu setzen, dass sogar mein sonst schwer zu erheiternder Ehemann richtig echt lachte!
Zufällig gibt es einige äußerliche Parallelen zu den von mir kurz zuvor besuchten Lehman Brothers. Auch hier treten sieben ausschließlich männliche Schauspieler auf. Bis auf den Darsteller der Hauptperson Karl Roßmann (ausgezeichnete Darstellung eines naiven, gutherzigen Teenagers mit Gerechtigkeitssinn, der sich auf wundersame Weise kaum je beirren lässt, durch Jonas Friedrich Leonhardi) müssen alle Schauspieler in mehrere Rollen schlüpfen, darunter wieder einige Frauenrollen, wobei Torsten Ranft mit seiner Travestienummer als abgetakelte Sängerin Brunelda in einem monströsen Fatsuit ganz garndiose Schauspielkunst bot -- das Highlight des Abends! Die zweite Parallele bestand in einem meterhohen Rad (... nicht verwunderlich, der Bühnenbildner war wieder Olaf Altmann), das die Bühne dominierte, Enge erzeugte, Assoziationen zum Hamsterrad mehr als nahe legte und allen Akteuren (in weiteren Rollen: Christian Clauß, Philipp Lux, Benjamin Pauquet, Duran Özer, Thomas Schumacher) sportliche Höchstleistungen abverlangte.
Das Haus war erneut nur reichlich halbgefüllt und eigentlich hätte das Ensemble nach zwei schweißtreibenden intensiven Stunden ohne Pause im Hamsterrad stürmischeren Beifall verdient gehabt.
:hello Rk
Rotkäppchen (14.07.2015, 22:02): Nachdem der Schillersche Don Carlos (auf den ich mich als Kontrastprogramm zur Verdischen Veroperung sehr gefreut hatte) am Sonntag zuvor ersatzlos ausgefallen war, gab es zum Saisonabschluss noch einen Klassiker: Hamlet, modern in Szene gesetzt durch Roger Vontobel. Hamlet, der ja seinen verbrecherischen Onkel Claudius durch die Macht des Theaters des Mordes an seinem Vater (der auch Hamlet hieß) überführen will, ist hier ein Rockstar und das "Theater im Theater" halt ein "Rockkonzert im Theater", betitelt Tribute to my Father Hamlet. Das Konzept geht sehr gut auf, einer der Songs heißt z.B. "Something is rotten in the (fucking) state of Denmark". Christian Friedel, Schauspieler und Sänger der Band Woods Of Birnam, leistet Großartiges in der Titelrolle. Während er im ersten Teil einen exaltierten Kraftakt als schüchterner, nur auf der Bühne explodierender Rocksänger-Hamlet im Kreis seiner Band-Kollegen gibt, zeigt er nach der Pause, nun ohne Band sein ganzes schauspielerisches Können, das darin kulminiert, dass er den für fast alle Protagonisten todbringenden Schluss unter ständigem gekonntem Rollenwechsel allein darstellt -- Chapeau! Ach ja, es Gags gab es reichlich, zwei Striptease-Einlagen, einen Balanceakt auf den Stuhllehnen der ersten Reihen und richtig begeisterten Applaus, ca. 7 Minuten.
Im Programmheft wurde etwas ausführlicher auf die Problematik der recht unsicheren Überlieferung der Shakespeare-Texte eingegangen und erklärt, warum man sich für die Schlegelsche Übersetzung, die ein eigenständiges Kunstwerk darstellt, entschieden habe. Ansonsten sei das Werk so rätselhaft, dass man immer nur auf einzelne Aspekte eingehen könne und die Interpretation am besten dem Zuschauer überlasse -- insofern das perfekte Stück, alle Beteiligten in die Theaterferien zu entlassen.