Sfantu (09.11.2012, 10:56): Heute morgen diese Meldung in den Kulturnachrichten auf DRS 2:
Das Brussels Philharmonic Orchestra wird im kommenden Jahr von Papiernoten auf Tablet-Computer umstellen. Tests haben die Praktikabilität bestätigt & geklungen hätten Ravel & Wagner nicht anders als mit Papier auf den Notenständern. Durch diese Massnahme könne der Klangkörper pro Jahr etwa 25.000 Euro einsparen.
Bei mir zuerst reflexartige Empörung, dann aber setzte Nachdenken ein: Machen wir uns nicht etwas vor, zu denken, ein Trend in diese Richtung hätte nicht schon längst eingesetzt > in der Oper bspw. das Einblenden der Ober- oder Untertitel, Monitore auf den Seitenbühnen, über welche der Korepititor den Dirigenten sehen kann um für Bühnenmusiker oder Fernchöre exakte Einsätze geben zu können...wenn man das konsequent weiterdenkt, müsste man einen Teil der modernen Bühnentechnik in Frage stellen. Trotzdem: mir kommt so ein Gedanke fremd und unwarm vor. & was, wenn die Dinger defekt sind: die Vorstellung abbrechen?? Die Praxis wird's wohl zeigen. & wenn dann EU-Funktionäre, -Lobbyisten &-Technokraten einen Grossteil des leidtragenden Publikums ausmacht, wäre das vielleicht ein Schritt zu etwas mehr Gerechtigkeit in schweren Zeiten... :cool
Übrigens war mir bisher entgangen, dass dieses Orchester überhaupt existiert - seit 10 Jahren nämlich. Noch etwas, was mich im ersten Moment wie so oft annervte: Auf nicht gerade Not leidenden öffentlich-rechtlichen Kultursendern aber auch hier bei uns im Forum die verbreitete Unsitte, Ensemble-Namen englisch zu schreiben, egal, ob sie in einem anglophonen Land ansässig sind oder nicht X(. Aber was lese ich dann auf der eigenen Netzseite des Orchesters? Die nennen sich tatsächlich allen ernstes "Brussels Philharmonic Orchestra" inmitten eines französischen Textkörpers... So wird sie also langsam tüddelich, die gute alte Tante Europa...Vielleicht sollt' ich's lockerer sehen - bin ja schliesslich jeden Tag von geriatrischen Patienten umgeben - freiwillig & mit Freude sogar!!! Warum nur geht's mir beim Zusehen der Verdeppung unserer Sprache(n) nicht genau so...?
:hello Sfantu
abendroth (09.11.2012, 13:33): Hallo Sfantu, der Name Brussels Philharmonic ist 10 Jahre alt, das Orcherster selbst ist älter. Seine Gründung geht auf das Jahr 1935 zurück als belgisches Radioorchester. 1978 wurde dieses Orchester im Zuge des ewigen Streits zwischen den Flamen und französischsprachigen Belgiern aufgeteilt in zwei Orchester, das RTB-orchester (frz.) und das BRT Orchester (Flandern) (= Belgisch Radio en Televisie Orkest). Wenige Jahre später wurde es umgetauft in BRTN Orkest, wobei das N (=Nederlands) jedem deutlich machen sollte, dass es ein Niederländischsprachiges Belgien gibt. Und da man anscheinend der Meinung war, dass das Orchester doch keinen Namen zu verlieren hatten wurde es noch einmal umgetauft, nämlich es wurde das VRT Orkest (Vlaamse Radio en televisie). Und vor ein paar Jahren wurde der Name schon wieder geändert: Offiziell hat das Orchester heute einen Doppelnamen: Brussels Philharmonic - Vlaams Omroeporkest. (omroep = Radio).
Der Ausdruck 'inmitten eines französischen Textkörpers" ist natürlich deplaziert. Brüssel ist eine offiziell zweisprachige Stadt, in der sowohl Französisch als auch Niederländisch Amtssprachen sind, auch wenn die niederländischsprachigen in der Minderheit sind. Ein französischer Name für das Orchester wäre aus kulturpolitischen Gründen indiskutabel. Natürlich ist es andererseits totaal bescheuert, die flämische Präsenz in Brussel mit einem englischen Namen zu verteidigen. Auf den CD-Hüllen ist keine Rede von einem flämischen Radioorchester.
Ähnlicher Unfug mit Namen wird auch in Antwerpen getrieben. Hier heisst oder hiess das Orchester
Filharmonie van Antwerpen Koninklijk Vlaamse Filharmonie heutiger offizieller Name: De Filharmonie aber auf dem internationalen CD-Markt "Royal Flemish Philharmonic".
Das Antwerpener Orchester ist wahrscheinlich der beste sinfonische Klangkörper in Belgien. Mit Herreweghe, Jaap van Zweden (der jetzt eine grosse Karriere in USA macht) und Edo de Waert hatten und haben die Antwerpener international erfahrene und gesuchte Dirigenten.
mit freundlichen grüssen abendroth
Sfantu (09.11.2012, 13:58): Hallo abendroth, danke für die Aufklärung - ziemlich verwirrend dieser Namensgebungs-Wust! Ist aber sicher auch Ausdruck des dortigen Sprachgruppenkonfliktes allgemein.
Das mit dem "Textkörper" war nicht im übertragenen Sinne gemeint sondern im konkreten: original von www.brusselsphilharmonic.be Un orchestre sans partition papier? Brussels Philharmonic, Samsung et neoScores lancent un projet de numérisation unique!
Analog dazu steht dann in der holländischen Version der Seite "Brussels Philharmonic" inmitten eines holländischen Textkörpers.
Gerade wollte ich beruhigt feststellen, dass hier in meinem Gastland das entspannter gesehen & die Institutionen einfach nach der Sprache benannt werden, die am betreffenden Ort gesprochen wird, resp. in den zweisprachigen Kantonen doppelt & im Bündnerland dreifach betitelt werden, da fielen mir die Festival Strings & das Lucerne Festival Orchestra ein & die Ernüchterung hat mich wieder...
:hello Sfantu
Heike (09.11.2012, 15:20): Merkwürdige Vorstellung irgendwie. Das würde ich mir gern mal ansehen, wie das praktisch aussieht auf einer Bühne, beim Spielen. Heike
Sfantu (09.11.2012, 20:17): Eben gerade lief ein Beitrag hierzu in der 3sat-Kulturzeit.
Jürgen (10.11.2012, 18:29): Original von Sfantu Das Brussels Philharmonic Orchestra wird im kommenden Jahr von Papiernoten auf Tablet-Computer umstellen. Tests haben die Praktikabilität bestätigt & geklungen hätten Ravel & Wagner nicht anders als mit Papier auf den Notenständern. Durch diese Massnahme könne der Klangkörper pro Jahr etwa 25.000 Euro einsparen.
Ein Kollege von mir singt in einem Chor und praktiziert das schon seit geraumer Zeit. Das Umblättern klappt schneller und leiser, das Gerät ist u.U. leichter und beleuchtet sich obendrein selbst. Wenn der Chor auf der Bühne steht, muss er allerdings weiterhin auswendig singen.
Für Orchestergrabenmusiker finde ich das eine tolle Sache.