Heike (24.04.2012, 00:00): Kennt ihr das Buch "Der schönste erste Satz"? Da wurde mal jede Menge dazu gesammelt, was besonders schöne erste Sätze* in Buchanfängen sind.
Was würdet ihr sagen sind eurer Meinung nach musikalisch besonders schöne Werk-Anfänge??? Ein, zwei oder drei Takte, also wirklich die ersten paar Sekunden des Stückes. Genre egal.
Natürlich rein subjektiv, es geht hier nicht um Berühmtheiten (also Beethovens Fünfte ist zweifellos ein Original, aber besonders schön?) Was auch immer jeder unter "schön" versteht und hier vorstellt, das darf natürlich ggf. auch analysiert und diskutiert werden, aber in erster Linie soll es einfach neugierig machen, so wie ein Appetithäppchen.
Also in diesem Thread kann solcherart gesammelt werden: Wem was einfällt, das er schön findet, der schreibt es einfach hin, gern mit youtube-Link, oder mit Noten, oder mit persönlicher Erklärung - wie auch immer. Aber bitte nur WERK-Anfänge, keine Satzanfänge. Heike
P.s. *Ich mag ja besonders den Anfang von J. Marias: "Mein Herz so weiß": "Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe es erfahren, daß eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Eßzimmer befand, ihr Herz suchte." (Das ganze Buch ist großartig, nicht nur der erste Satz.)
Cetay (inaktiv) (24.04.2012, 06:00): G**les Spiel! Da gibt es einiges. Ich werde mal in mich gehen und die Bedenkzeit mit einem ersten Satz (Willian Gibson; Neuromancer) überbrücken...
"Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war ("The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel)".
...und nenne dann als erstes Beispiel zur Freude von ab die ersten 30 Sekunden der 2. Sinfonie von Michael F.P. Huber. Da bin einfach sofort "gepackt": Direkter Link (ist das erlaubt?) zur Hörprobe bei --> jpc
Heike (01.05.2012, 23:10): Mich fasziniert der simple Anfang von Liszts h moll Sonate, einfach nur eine absteigende Tonleiter zwischen zwei Oktavschlägen. Und doch, wenn ich diesen Anfang höre, dann kriege ich oft schon eine Ahnung davon, wie derjenige den Rest spielen wird; ganz abgesehen davon, dass die ganze Depression dieses Werkes schon im Beginn steckt. (z.B: Pogorelich machte in seinem letzten Recital ein unglaublich krasses ritardando in der Tonleiter - und brauchte dann unglaubliche 50 min (mit x mal sterben dabei) für den Rest.) Heike
ab (11.01.2013, 10:31): Sponatan, ohne lange nachdenken zu müssen:
Corellis grandioser Beginn vom Concerto Grosso op. 6/8 g-Moll (Fatto per la notte di Natale)
Die 2. Sinfonie von Michael F.P. Huber.
Jean-Fery Rebel: Les Elements
D. Scarlatti - Sonate für Cembalo d-moll K 141 (L 422)
Albeniz - Ibéria - 1. Evocation
Luigi Nono - Como una ola de fuerza y luz
Mozarts Requiem
Bachs Weihnachtsoratorium
Boccherinis Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 6 D-Dur G 479 (Paris Nr. 2)
Mahler - Sinfonie Nr. 7 e-moll "Lied der Nacht"
Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421
Debussy La mer est plus belle
Bach WTK Nr. 20 A-Moll Bwv 865 (Teil I)
Per Nörgard - Twilight f. Orchester
:hello
Und zugleich auch ein Ratespiel, wessen Interpretation ich hier jeweils gewählt habe :D
Sfantu (11.01.2013, 11:38): Liebe Heike, mein Kompliment! Woher nimmst Du immer derart zündende & im Grunde doch so einfache Spielideen?
Die ersten Takte zweier Opernouvertüren: Da wäre einmal Albert Lortzings "Waffenschmied" - Ich schnelle augenblicklich auf die Stuhlkante, stehe unter Hochspannung, bin freudig erregt und erwartungsfroh (dass diese Erwartungshaltung im Verlauf eher enttäuscht wird, tut diesem furiosen Beginn keinen Abbruch). Zum Anderen Otto Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" - Diese Klänge verzaubern mich in schwer zu beschreibender Weise, es durchfährt mich ein Kribbeln, ein bittersüsses Sehnen. Zart, betörend, mich unwiderstehlich in das folgende shakespear'sche Zauberreich hineinziehend & somit ein Idealtypus an Ouvertüre. Thema & Seitenthema versetzen mich augenblicklich in das Gefühl tiefromantischen Verliebtseins.
Spontan fällt mir noch ein Beispiel ein, Weiteres dann, nachdem ich Zeit zum Denken & Nachhören gehabt haben werde: 2. Klavierkonzert von Sergeij Prokofiev - Geheimnisvoll, tastend, andersartig, faszinierend...
LG - Sfantu
EinTon (11.01.2013, 22:36): Britten, Billy Budd - von dem Anfang mit seinen bitonalen (?) Wellenbewegungen in den hohen Streichern, (zunächst jedenfalls oszilliert es dauernd zwischen B-Dur und H-Moll) war ich sofort fasziniert.
Ein sehr passender Beginn für eine "Meeres"-Oper!
AcomA (12.01.2013, 10:55): Hallo,
Liszts h-moll Sonate wuerde ich auch nennen !
Ueberhaupt gibt es jede Menge von genialischen Einleitungstakten in der klassischen und noch mehr der romantischen Klavierliteratur. Hier einige Beispiele:
Lucanuscervus (25.01.2015, 20:09): ...da ist zwar schon lange nichts mehr geschrieben worden, aber ich möchte das Spiel gerne fortsetzen:
Folgende Werkanfänge also (die bekannten "Klassiker" habe ich ausgespart):
Carl Czerny (!): 1.Symphonie
Franz Berwald: 3.Symphonie
Johann Rufinatscha: 3.Symphonie
Jean Sibelius: 4.Symphonie
Arnold Bax: 1.Symphonie
Ralph Vaughan Williams: 4.Symphonie
William Walton: 1.Symphonie
Serge Prokofjew: 3.Symphonie
Johann Nepomuk David: 4.Symphonie
Karl Amadeus Hartmann: 2.Symphonie
Dmitri Schostakowitsch: 4.Symphonie (stellvertretend für alle 15 - kein Anfang, der mich nicht fesselt)
Eduard Tubin: 5.Symphonie
Marcel Rubin: Sonatine für Orchester, 5.Symphonie
Alfred Schnittke: Violakonzert, Requiem
Kurt Schwertsik: Sinfonia-Sinfonietta
Boris Tischenko: Harfenkonzert , Violinkonzerte 1 & 2, Cellokonzert
.....usw......usw......
:hello
Jürgen (26.01.2015, 00:01): Schoenberg: Gurrelieder
Wagner: Das Rheingold
Mahler: Ich bin der Welt abhanden gekommen
Strauss: Also sprach Zarathustra
Tschaikowski: KK1
Hosenrolle1 (26.01.2015, 00:21): Original von Jürgen Wagner: Das Rheingold
Das ist aber ein langer erster Takt :J
Das KK1 von Tschaikovsky ist mir auch eingefallen, das hat einen hohen Wiedererkennungswert!
Und natürlich der Anfang von Zarathustra. Der ist ja bei den Kontrafagottisten gefürchtet, weil das Kontra-C, zumal noch pianissimo gespielt, besonders schwer anspricht und schnell misslingen kann.
LG, Hosenrolle1
Jussi (26.01.2015, 18:43): Na, Tristan natürlich! :D Da steckt in dem ersten Takt samt Auftakt ja die ganze Oper! :engel
LG Jussi
Katka (03.10.2015, 18:37): Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonie Nr. 4 "Italienische". Ich liebe das Motiv der Geigen.
Oder aber das Cellokonzert in C-Dur von Joseph Haydn. Ebenso ein super Motiv. Erst spielen es Geigen und Oboen, dann wird es später vom Cellisten wiedert aufgenommen. Für mich fast schon ein Ohrwurm.
Hosenrolle1 (03.10.2015, 18:57): Original von Katka Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonie Nr. 4 "Italienische". Ich liebe das Motiv der Geigen.
Dieses hier?
http://share-your-photo.com/img/9d3007ed4f.jpg
LG, Hosenrolle1
Katka (03.10.2015, 19:16): Original von Hosenrolle1 Original von Katka Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonie Nr. 4 "Italienische". Ich liebe das Motiv der Geigen.
Dieses hier?
http://share-your-photo.com/img/9d3007ed4f.jpg
LG, Hosenrolle1
Genau das!
Sfantu (01.01.2024, 20:25): Die ersten Takte des ersten Tonträgers, den ich im neuen Jahr hörte, (und dann freilich das ganze viersätzige Werk), passen, wie ich finde, ganz vorzüglich in diesen Faden:
Sinfonie Nr. 4 F-dur op. 86 "Die Weihe der Töne" von Ludwig Spohr.
Mangelnde Phantasie, was programmatische Ideen zu seinen Werken betrifft, kann man Spohr wahrlich nicht vorwerfen. Sehr schön daher auch das Sujet einer Schöpfungsgeschichte aller Laute, alles Hörbaren in seiner Vierten. Etwas voll und ganz Vereinnahmendes, Verzauberndes eignet der langsamen Einleitung zum Kopfsatz. Bedeutungsschwanger die tiefen Streicher und das Horn - eine Art Urchaos symbolisierend? Scheinbar ziellos und disparat meandern die Klänge wabernd durch wildes Gestrüpp - fragend, tastend, zaudernd. Die angerissenen Motiv-Versatzstücke stocken hier und da, wirken rezitativhaft. Der Grundgestus ist düster bis tragisch. Das heranwogende Crescendo steuert auf eine Climax zu - in Erwartung etwas Großen folgt dann allerdings ein bieder-weichliches Hauptthema, das mehr hübsche Oberfläche als Tiefgang bietet. Spohr war nunmal kein geborener Sinfoniker. Allenfalls erfreut er mit originellen Einfällen hie und da. Die ersten zwei Minuten der Vierten aber - großes Hörkino!
Andréjo (01.01.2024, 21:50): Beethovens Klaviersonate, op. 31/3, beginnt gleich mit einer sixte ajoutée. Faszinierend!
Hier zum schnellen Nachhören:
Joe Dvorak (02.01.2024, 00:29): Bruckners Vierte. Ausnahmsweise kein Gewaber, sondern ein Hornruf, am besten natürlich von Mason Jones, dem Principal des Philadelphia Orchestra, das das Werk unter Ormandy eingespielt hat.
Philidor (03.01.2024, 16:52): Schumann, Sinfonie Nr. 3 Bruckner, Sinfonie 4 Ravel, Introduction et Allegro pour flûte, clarinette, harpe et quatuor à cordes Barber, Adagio for Strings Ligeti, Atmosphères
Amonasro (03.01.2024, 21:38): Rossini: L’Italiana in Algeri Wagner: Das Rheingold Wagner: Tristan und Isolde Sibelius: 4. Sinfonie Brahms: 4. Sinfonie Falvetti: Nabucco Gershwin: Rhapsody in Blue Bartók: Der wunderbare Mandarin Verdi: Simon Boccanegra (nur 2. Fassung) Villa-Lobos: Choros Nr. 1
Gruß Amonasro :hello
Sfantu (03.01.2024, 21:55): Lieber Amonasro,
vollste Zustimmung bei den Beispielen von Dir, die mir spontan geläufig sind:
Sibelius Vier: fahle, kalte, kristallklare Trostlosigkeit - immer wieder ein Fest!
L'Italiana: ich nehme an, Du meinst den Pizzicato-Einstieg der Ouvertüre? Einer der kleinen großen Rossinischen Kunstgriffe zur Forcierung von Erwartung und Spannung.
Mandarin: unvermittelt elektrisierend und bei der Gurgel packend. Und klarstellend: hier nix Streichelzoo - hier spritzen Blut!
Chapeau! Sfantu
Joe Dvorak (04.01.2024, 15:54): Da habe ich noch einen:
Ken Ueno - TALUS, Concerto for Viola and String Orchestra (2007)
Einschränkend sei hinzugefügt, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Überwältigend? An der Gurgel packend? Ja, schon irgendwie...