Die 9. von Gustav Mahler

kreisler (17.01.2009, 02:25):
9.




Harfe, Horn und dann Streicher; Eine langsame Melodie in Dur, D-Dur, jedoch unantastbar, irgendwie vergänglich; eigentlich unendlich traurig. Doch das "Dur" hält nicht lange, es schlägt um zu Moll. Aus diesem Moll entsteht eine leidenschaftliche Melodie, immer noch den Streichern vorbehalten, die sich langsam zum ersten Höhepunkt empor windet. Die dramatische Spannung der aufgewühlten Streicher entladet sich, über einem markanten Rhythmus im Horn, und nun erst hat man das Gefühl, die Musik ist richtig da, und sie geht immer weiter, fließt förmlich vor sich hin und entsteht dabei erst selber. Noch ein mal erschallt die Fanfare, bevor die Musik mit einem Mal wieder zur, der Welt mit ihren eigenartigen Rhythmen und Streichertremoli etwas entrückten, Anfangsstimmung zurückkehrt. Nach einem weiteren Anlauf kommt es wieder zu einem Höhepunkt: Der Ganze Satz handelt von Zuversicht, die sich dauernd mit dem Gedanken an den Tod abwechselt. Ein Kontrast in sich.
So in etwa beginnt Gustav Mahlers 9. Symphonie. Dieser erste Satz ist wohl der großartigste Symphoniesatz, den Mahler je geschrieben hat. Er weißt einen unglaublichen "Grad der Verinnerlichung, eine Konzentration der Darstellung ... sowie formale Geschlossenheit" vor, wie der Musikwissenschaftler Erwin Ratz sehr schön formulierte.

Oft wird die 9. Symphonie im Zusammenhang mit Mahlers baldigem Tod, den er aufgrund einer Herzkrankheit bereits ahnte, in Verbindung gebracht. Un diese Ahnung meint man bereits an vielen Stellen im ersten Satz wahrzunehmen. Es ist eine Abschiedsmusik.

Doch wenn der 1. Satz gewissermaßen eine Spiegelung der geistigen Verfassung des, von der Erde bereits abschied nehmendem Komponisten darstellt, so erinnert er sich in den zwei folgenden Mittelsätzen des Lebens. So hat er doch beispielsweise schon in seiner 1. Symphonie einen Ländler an zweiter Stelle komponiert, und macht das wieder. Doch freilich übertrieben und sehr "derb". Will er damit zeigen, wie "naiv" er damals selber (und seine Zuhöhrer?) war? Bezweckt er ähnliches auch in der darauf folgenden, schnellen Rondo-Bourleske? Sie beginnt mit den Tönen fis-gis-d, von der Trompete schroff und laut dahingestellt. Dann die Antwort in den Streichern mit einem Fünfton-Motiv. Es kommt uns bakannt vor, und zwar vom Beginn des 2. Satzes der 5. Symphonie. Parodiert Mahler sich selber, indem er frühere Symphonien zitiert, und die Motive zu kurzen Floskeln "verstümmelt"? Er baut aus diesen unzusammenhängenden Bausteinen eine dissonante, sehr modern klingende und hoch komplizierte Chaosmusik zusammen. "Ha, und da soll noch ein Kritiker behaupten, seine Kontrapunkte wären nichts!". Hat er im 2. Satz einen "Pseudo-Ländler" geschrieben, so zieht er nun gewissermaßen über seine schnellen Sätze im Stil vom vorhin angesprochenen Satz der 5. Symphonie her. Und dabei machen einem diese Mittelsätze beinahe Angst, wenn man sie in ihrem Grundsinn als ernst empfindet.

Doch so "brutal" ist Mahler nicht. Er muss ein, mit der Welt versöhnendes Finale schreiben, und ihm gelingt das wunderbar lyrische Adagio, zu dem ich nicht mehr sagen kann, als das man sich einfach in die Musik vertiefen muss, um sie gut zu finden.


Hier einige weitere Annmerkungen zu Mahlers Neunter Symphonie:

Tonart:D-Dur (Das Adagio steht in Des-Dur!)
Satzabfolge: I. Andante comodo, II Im Tempo eines gemächlichen Ländlers (etwas täppisch und sehr derb), III Rondo - Burleske, IV Adagio
Entstehungszeit: 1909-1910
Uraufführung: 1912 in Wien unter Bruno Walter

Ich besitze die Aufnahmen von Leonard Bernstein mit dem New York Philharmonic Orchestra von 1967, die Bruno Walter Aufnahme mit dem Columbia Symphony Orchetra (1961) und meine liebste Einspielung der 9. unter Sir John Barbirolli und den Berliner Philharmonikern (1964).
Alle drei sind interpretatorisch ähnliche Aufnahmen, doch ich ziehe Barbirolli den anderen vor. Bei ihm klingt alles wie aus einem Guss, Wahrhaftig und klar. Walter ist mir bsp. beim 3. Satz nicht strikt und beim 1. nicht einheitlich genug. Außerdem klingt das Orchester nicht so gut, wie es bei Babirolli der Fall ist. Bernstein macht seine Sache auch nicht schlecht, doch bei ihm klingt es nicht so "wahrhaftig" - auch wenn das jetzt ein etwas komisches Wort als Beschreibung ist. Wäre ja nicht das erste in dieser Vorstellung...
Mich würde interessieren, welche Aufnahmen (gerade auch modernere) ihr kennt und wie ihr sie findet.
Außerdem: Wie steht ihr zu Mahlers 9. Symphonie?.
Was spricht für und was gegen sie und für wie modern haltet ihr sie?
Und was fehlt an meiner Vorstellung?
Es ist ein sehr persönliches Bild der 9. Symphonie entstanden, aber wo liege ich grundsätzlich falsch?

Hoffe auf spannende Diskussion,

euer kreisler
Heike (17.01.2009, 08:39):
Hallo,
herzlichen Dank für deinen Artikel zu dieser interessanten Sinfonie.
Jetzt morgens nur eine kurze Anmerkung, die mir spontan einfiel - irgendwo habe ich mal folgendes gelesen und dies blieb mir auf ewig im Gedächtnis, weil es so passte: "Der Tanz ist zu Ende".

So wirkt auch bei mir dieser ganze Versuch, noch Leben aus Erinnerungen in diese Musik zu bringen: es gelingt nicht, bleibt tragisch anmutend, verzerrt, sackt immer wieder ab oder zerfällt plötzlich.
Erst zum Schluss kann er sich der Trauer hingeben.
Heike
kreisler (17.01.2009, 09:23):
Guten Morgähn

(Da bin ich wohl gestern zu "spät" den Artikel reingestellt. Kommt davon, wenn man erst spät am Abend anfängt, seine Mahlerbiographien zu lesen , und sich dann nicht losreissen kann und am nächsten Tag alles vergessen hätte :D)

Hebre, da bin ich ja froh, das ich nicht der einzige bin, auf den di Symphonie wirkt, als sei der "Tanz zu ende". Ich finde das ein sehr passendes Zitat!

Übrigens ist es bei mir aber so, das ich wenn ich die Musik anhöre, gar nicht mehr an solche Sachen "erinnere", sondern einfach furchtbar gern nur den Melodien etc. "lausche". Solche Betrachtungen kommen bei mir erst wenn ich danach darüber nachdenke

Grüße

kreisler
Dr. Schön (17.01.2009, 10:27):
Lieber Kreisler,

schön, dass mit Dir noch ein Mahlerverfallener an Bord gelandet ist.


Auch die drei von Dir ewähnten Aufnahmen würde ich im Vergleich sogar ähnlich beurteilen.

Meine Favoriten sind Leonard Bernstein, mit seiner Liveeinspielung von 1979 in Berlin (DGG) und auf der anderen Seite Pierre Boulez.
Bernstein geht bei dieser 9ten soweit, dass man schon von Aneignung sprechen kann, dass man meinen könnte, er passt sich das Werk an und spinnt es weiter. Er wird sehr emotional, übersteigert das Ganze maßlos und gewinnt, weil er damit irgendwo genau ins Schwarze trifft. Dabei ist es fast erstaunlich, dass das Ganze noch zusammenhält und es regelrecht zu einer Suggestionskraft kommt, die sehr beeindruckend ist.
Bei allen Extremen ist dies für mich seine beste Mahler Deutung. (Dabei mag ich seinen zweiten Zyklus, mit all den Übertreibungen, eher nicht)

Boulez dagegen wirkt fast etwas abseits, dass ich eher vom objektiven Betrachter von außen sprechen würde, der das Geschehen beobachtet. Interessant ist, dass vorallem der erste und der letzte Satz vom Gestus her ganz anders wirken, als man sie von eher emotionalen Auslegungen her kennt. Ich müsste sie mal wieder hören.

Die Mischung der beiden machts. Aber ich glaube, dass es gerade bei der 9ten die meisten gelungenen/hörenswerten Einspielungen gibt.

Ich mag auch sehr Abbado (letzte), Walter (erste) & Ancerl.

Dr. Schön
kreisler (17.01.2009, 10:45):
Original von Dr. Schön

Bei allen Extremen ist dies für mich seine beste Mahler Deutung. (Dabei mag ich seinen zweiten Zyklus, mit all den Übertreibungen, eher nicht)

Boulez dagegen wirkt fast etwas abseits, dass ich eher vom objektiven Betrachter von außen sprechen würde, der das Geschehen beobachtet. Interessant ist, dass vorallem der erste und der letzte Satz vom Gestus her ganz anders wirken, als man sie von eher emotionalen Auslegungen her kennt. Ich müsste sie mal wieder hören.


Hallo,

Mir geht es bei bernsteins zweitem Zyklus änlich und deshalb kenne ich auch garnicht alle Aufnahmen. Klingt aber sehr spannend!

Das mit dem "objektiven Betrachter" kommt mir bei Boulez auch oft so vor. Ich hatte nur immer gezweifelt, ob das bei der 9. und den Wunderhornsymphonien, so passt? Und deshalb besitze ich auch nur die 3 Mittleren Instrumentalisymphonien mit ihm. Die macht er (besonders 5&6 ganz ausgezeichnet).
Es klingt aber ganz so, als müsste ich mir wirklich mal seinen gesamten Mahler anhören... :)

Viele Grüße

kreisler
Dr. Schön (17.01.2009, 10:53):
@Kreisler
In Summe ist Boulez Sechste sogar meine liebste.
Boulez finde ich gerade als Alternative immer interessant. Bei den Wunderhörnern gefällt mir die Dritte sehr gut. Seine Zweite und Fünfte kenne ich leider noch immer nicht.
Meine Wunsch wäre eine Zehnte in einer eigenen Fassung :leb

Die Bernsteins 9te aus dem zweiten Zyklus zerfällt mir am Ende zu sehr und verliert irgendwann den Spannungsbogen. Die Berliner Aufnahme ist dagegen ein Block.
Dr. Schön (17.01.2009, 10:54):
Huch - bitte löschen...
kreisler (17.01.2009, 10:58):
Ja seine 6. finde ich auch wohl die beste Aufnahme der Symphonie. Ich kenne aber bsp. Mitropolus nicht, wird ja auch sehr gelobt.

Boulez ist wirklich eine Alternative, aber ich glaube ich könnte nicht nur mit der "Alternative" leben. Das wäre dann noch kein Mahler für mich, wenn du verstehst was ich meine.

kreisler
Dr. Schön (17.01.2009, 11:00):
@kreisler

Wer kann schon mit nur einer Aufnahme einer Mahler Sinfonie leben?
kreisler (17.01.2009, 13:36):
Da hast du auch wieder recht! :)
Cetay (inaktiv) (19.01.2009, 16:39):
Hallo Amadeus,

danke für diesen Faden. Ich bin kein allzu großer Freund von "subjektiver Bekenntnismusik", bzw. wenn, dann höre ich sie gerne in objektivierenden Interpretationen, die sozusagen ein Gegengewicht bilden. Hier sind die bei Telarc erschienenen Aufnahmen (Yoel Levi und Jesus Lopez-Cobos teilen sich quasi eine GA) verlässlich. Auch bei der 9. wird von Lopez-Cobos stur das letzte Detail ausgeleuchtet und eher noch etwas an den Ecken und Kanten geschliffen, damit man sich ganz in den Verästelungen des Klanggewebes fließend verlieren kann, ohne durch Theatralik jeglicher Coulör - sei sie nun wienerisch oder dämonisch - belästigt zu werden.
Wer allerdings genau das liebt, dürfte überrascht sein, dass hier ausgerechnet ein dirigierender Komponist des Serialismus das Maß aller Dinge (die ich an Einspielungen kenne) abgeliefert hat. Nicht von Boulez ist hier die Rede, sondern von Bruno Maderna. Glaubt man den Werkttreue-Verfechtern, ist für Maderna die Partitur nicht viel mehr als eine grobe Richtline. Das Ergebnis ist indessen so extrem melodramatisch morbide, dass es unserem Nordolf Freudentränen in die Augen treiben dürfte.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0684911417920.jpg
Amadé (29.01.2011, 15:34):
Inzwischen hat sich Mahlers 9. mit dem SWR Sinfonie-Orchester und seines Leiters Roger Norrington zu meinen anderen CDs gesellt.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51%2BCkeXIP8L._SL500_AA300_.jpg

Der Dirigent bringt Mahlers letztes vollendetes Werk, es war auch nicht anders zu erwarten, ungeglättet, herb, mit stellenweise bizarren Klängen, die Tempi vor allem der Ecksätze sind keineswegs gedehnt. Diese 9. steht nach den vorangegangenen Vokalwerken, 8.Sinfonie und „Lied“, nicht isoliert als Spätwerk da, sondern als Fortsetzung der Instrumentalsinfonien Nr.5-7, ohne bestimmte Instrumentationsideen aus dem vorangegangenen „Lied von der Erde“ zu leugnen. Norrington legt mit seiner expressiven Darstellung einen Gegenentwurf zu fast allen anderen Einspielungen vor, die mit ihren gedehnten Ecksätzen eher neoromantischen Vorstellungen der 9. frönen, die zweifellos auch überzeugen können, fraglich bleibt, ob das von Mahler so gedacht war. Jedenfalls gibt diese Interpretation zu denken. Live-Aufnahme Stuttgarter Liederhalle 2009, 26:02 - 14:06 - 12:38 - 19:24

Grüße Amadé
jünter (16.02.2011, 19:58):
Gerade bei Mahlers 9. ist es - wenn man erst einmal "süchtig" nach dieser Musik geworden ist - unmöglich, nur eine der zahlreichen guten, jedoch sehr verschiedenen Aufnahmen zu besitzen.

Zu meiner Sammlung gehören u.a. 2 Einspielungen, die hier zu Unrecht noch nicht genannt wurden:

Zum einen (natürlich!) Klemperers wie in Stein gemeisselte, wenn man so will "objektive" Aufnahme von 1967 mit dem Philharmonia Orchestra

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0094638000822.jpg

und zum anderen Rattles sehr getragene, aber für mich äußerst intensive und mit Bernsteins 1979er Aufnahme durchaus "verwandte" Live-Einspielung mit den Berlinern von 2007.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/5099950122820.jpg

Man mag an Rattle so einiges kritisieren, aber Mahler kann er! Das weiss ich spätestens seit dem Live-Erlebnis der 1. Symphonie in der Philharmonie Berlin im November letzten Jahres.
Amadé (16.02.2011, 20:25):
Original von jünter
http://www.jpc.de/image/w183/front/0/5099950122820.jpg


Hallo jünter, Rattle hat Mahlers 9. bereits 4 Jahre früher mit den Konkurrenten aus Wien auch live eingespielt, interessant wäre ja jetzt ein Vergleich, falls man beide Aufnahme hätte.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51uhrdv4lBL._SL500_AA300_.jpg

Grüße Amadé
Cetay (inaktiv) (17.02.2011, 17:47):
Original von jünter


Zum einen (natürlich!) Klemperers wie in Stein gemeisselte, wenn man so will "objektive" Aufnahme von 1967 mit dem Philharmonia Orchestra



Hallo Jünter,
so natürlich ist das nicht, an mir ging diese Aufnahme bisher vorbei. :ignore
Das klingt wahnsinning verlockend, allerdings stellen sich gleich die Nackenhaare auf, wenn ich das EMI und das art Logo sehe. Was darunter schon für Verbrechen an digitalophoben Ohren verübt wurden... Wie ist die Aufnahme in dieser Hinsicht einzuschätzen; ein weiteres Exempel für denkbar grauenvollsten (fahlen, schlaffen, spitzen, kalten, ermüdenden) Digitalklang?
jünter (18.02.2011, 15:23):
Von Amade´
Rattle hat Mahlers 9. bereits 4 Jahre früher mit den Konkurrenten aus Wien auch live eingespielt, interessant wäre ja jetzt ein Vergleich, falls man beide Aufnahme hätte.

Hallo Amade´ (wie kriegt man eigentlich den Accent auf das e und nicht dahinter :)?), die Wiener Aufnahme besitze ich leider nicht und kenne sie auch nicht, so dass ich zu einem Vergleich leider nichts beisteuern kann.

Von Cetay
stellen sich gleich die Nackenhaare auf, wenn ich das EMI und das art Logo sehe. Was darunter schon für Verbrechen an digitalophoben Ohren verübt wurden... Wie ist die Aufnahme in dieser Hinsicht einzuschätzen; ein weiteres Exempel für denkbar grauenvollsten (fahlen, schlaffen, spitzen, kalten, ermüdenden) Digitalklang?

Hallo Cetay, ich weiss genau was du meinst, da ich auch eine ganze Reihe dieser "EMI-Verbrechen" im Regal habe.
In diesem Fall kann ich dich aber beruhigen: Von dem durchweg guten, natürlichen Klang der gezeigten Doppel-CD war ich positiv überrascht.
Klemperer mit seinem strengen, unprätentiösen Dirigat ist hier - wie auch im Fall der legendären Aufnahme der 2. von 1961 -

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0724356723528.jpg

einfach eine "Instanz" in Sachen Mahler.

Eine ausführliche und fundierte Rezension/Synopse verschiedener Aufnahmen von allen Mahler-Symphonien findet sich übrigens hier,
wobei ich gestehen muss, dass ich dort mit meinem Rest-Schulenglisch häufig an Grenzen stoße.

Gruß, jünter
Cantus Arcticus (22.02.2011, 17:28):
Hallo liebe Forianer
Der Thread hier um die 9te Mahler führt mich wieder zu einer Kernfrage zurück, die mich jedesmal umtreibt, wenn ich eine seiner Symphonien höre.
Wie man weiss, war Gustav Mahler sehr akribisch in seinen Partitureinträgen was zum Beispiel Lautstärken, Klangnuancen und Tempi betraf. Dies konnte zum Teil bis auf die einzelnen Noten bzw. Takte hinuntergehen. Ich frage mich hier halt einfach: Wie können diese Werke angemessen von Dirigenten und auch Orchestern studiert werden bei dem immensen Pensum, dass auf Ensembles und Weltklassedirigenten herunterprasselt? Klar, wir sprechen hier von der absoluten "State of the Art" Liga. Aber wird hier nicht auch der Klang geglättet und werden nicht auch durch immense Klangballungen eigentliche Interpretationsmängel überdeckt?

Nun, ich weiss nicht, wie ich das besser beschreiben soll. Vielleicht wisst ihr, was ich meine.

Viele Grüsse
Stefan

P.S.: Habe den Zinman Zyklus von Mahler komplettiert. Das wäre auch einmal eine Diskussion wert, die Rezensenten sind sich da - je nach Publikation - uneinig :leb
Cantus Arcticus (22.02.2011, 17:33):
Original von Dr. Schön
Lieber Kreisler,

schön, dass mit Dir noch ein Mahlerverfallener an Bord gelandet ist.


Auch die drei von Dir ewähnten Aufnahmen würde ich im Vergleich sogar ähnlich beurteilen.

Meine Favoriten sind Leonard Bernstein, mit seiner Liveeinspielung von 1979 in Berlin (DGG) und auf der anderen Seite Pierre Boulez.
...
Boulez dagegen wirkt fast etwas abseits, dass ich eher vom objektiven Betrachter von außen sprechen würde, der das Geschehen beobachtet. Interessant ist, dass vorallem der erste und der letzte Satz vom Gestus her ganz anders wirken, als man sie von eher emotionalen Auslegungen her kennt. Ich müsste sie mal wieder hören.

Die Mischung der beiden machts. Aber ich glaube, dass es gerade bei der 9ten die meisten gelungenen/hörenswerten Einspielungen gibt.

Ich mag auch sehr Abbado (letzte), Walter (erste) & Ancerl.

Dr. Schön

Lieber Dr. Schön
Boulez ist bei mir ebenfalls ein Favorit, ich bin aber gerade an der 6ten unter Solti. Da muss ich wirklich sagen: Naja.....

Grüsse
Stefan
Amadé (11.09.2011, 10:40):
Neuanschaffung!

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51eO-E7yzLL._SL500_AA300_.jpg

Live-Aufnahme aus London.
Bei Gergievs Dirigat habe ich den Eindruck, dass der Komponist hier nicht sein eigenes Ende im Blickfeld hatte, wenn doch, wird es nicht bei jeder passenden Gelegenheit herausgekehrt. Es ist ein Spätwerk, eher ausgeglichen, weniger aufgewühlt und nach Abgründen suchend interpretiert. Ich denke, dass diese Interpretationshaltung auch seine Berechtigung hat.

Gruß Amadé
Heike (03.11.2011, 00:31):
Ich krame den Thread mal wieder raus, weil ich übermorgen die Neunte (meine mit Abstand Lieblings-Mahler-Sinfonie) mit den Philharmonikern hören werde.

Mit Berlinern gibts ja auch von 1999 eine Aufnahme mit Abbado, die ich richtig gut finde. Da kommt das Morbide dieser Musik schön zum Ausdruck, die vielen Brüche und Widersprüche. Aber ohne Pathos, sondern schlicht ergreifend. Eine meiner Lieblingsaufnahmen.



Mal sehn, was Rattle Freitag daraus macht.
Heike
Cetay (inaktiv) (03.11.2011, 08:29):
Das Rauskramen nehme ich zum Anlass, ein eigenes Zitat zu meinem Geheimfavoriten hierherzukopieren:

Das ist eine sehr rauhe und grob gemeißelte Interpretation, deren soghafte Innenspannung nie nachlässt. Der große Mahler Experte Lewis Smoley lässt allerdings kein gutes Haar an dieser Aufnahme. Es sei offenbar zu wenig geprobt worden und die schlampige und ungenaue Spielweise würde alle guten Interpretationsansätze zunichte machen.

Ich sehe das anders. Eine solch extreme Sichtweise wäre mit einem Orchester, das weiß, wie es "richtig" gemacht wird, nur schwer umzusetzen, daher ist es eher ein Glücksfall, dass hier ein Orchester aus der 2. Reihe zu Gange war. Den hier gebotenen, hochgradig zerklüfteten Interpretationsansatz würden Schönklang und Perfektion eher hindern, seine bestürzende Wirkung zu entfalten.
Wichtig: Da ist nichts von Psychodrama ("Ich-Geschrei" :hello sfantu) zu spüren, sondern Barbirolli hebt das auf die elementare geistige Ebene, dem Ringen von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung - und setzt uns diesen Kräften ohne Filter aus. Dass der Komponist als Subjekt aus der Gleichung regelrecht herausfällt, macht diese Interpretation für mich so einzigartig.

Die Rede ist von der Live-Aufnahme, die Barbirolli mit dem Turiner RAI-Orchester gemacht hat. Ich habe mir kürzlich die japanische Delta-Ausgabe zugelegt. Die rauscht ziemlich und eine gewisse Muffigkeit ist ebenso vorhanden wie einige Verzerrungen. Aber was solls, wenn man dafür mit einem solchen interpretatorischen Elementarerignis belohnt wird.

http://ec2.images-amazon.com/images/I/51Uj2INFZGL._SL500_AA300_.jpg
Amadé (03.11.2011, 15:15):
Kennst Du auch die Berliner Studio-Aufnahme von 1964 und wenn ja, hast Du die beiden mal miteinander verglichen?

Gruß Amadé
Cetay (inaktiv) (03.11.2011, 18:36):
Einen direkten Vergleich habe ich nicht, aber ich habe die BPO Aufnahme sehr viel glatter, den großen langen Atem auspielend in Erinnerung. Die unmittelbar ins Geschehen hineinziehende Wirkung habe ich dort nicht erlebt.
Heike (03.11.2011, 19:34):
Die Neunte mit Rattle und den BPh wird morgen im Radio übertragen:

DRadio Kultur, 4.11.2011, 20.03 Uhr
Philharmonie Berlin, Aufzeichnung vom 3.11.11
Helmut Lachenmann- "Tableau", Stück für Orchester
Gustav Mahler -Sinfonie Nr. 9 D-Dur
Berliner Philharmoniker
Leitung: Sir Simon Rattle
Heike (05.11.2011, 00:25):
Vielleicht nat es ja im Radio jemand aufgenommen, oder angehört: Rattle und die Berliner Philharmoniker. Ich habs heute live gehört. War nicht übel, aber hat mich auch nicht umgehauen.

Der Streicher- Klang ist toll, auch die Bläser sind super, allen voran das Horn. Aber Rattle hat es irgendwie nicht völlig geschafft, dem Werk diese morbide Struktur zu geben, die mich anspricht. Er verzettelt sich und bringt dann auch imer wieder Details, die absolut störend sind (z.B. das übertrieben romantische Vibrato des ersten Geigers, oder die schmierenden Glissandi der Violinen im Finalsatz). Andere Details waren wieder schön, so die ruppigen Streicher am Beginn des zweiten Satzes, oder die Bratschen, oder der Zusammenklang der Hörner. Und die lange Ruhe am Schluss, nach dem letzten Ton.

Insgesamt war mir das etwas zu breit, zu theatralisch, wie oft bei Rattle. Abbado war besser mit den Berlinern. Aber schön wars doch, die Neunte ist einfach tolle Musik.
Heike
jünter (05.11.2011, 12:29):
Original von Heike
Rattle und die Berliner Philharmoniker. Ich habs heute live gehört.

Ich kann Deine Eindrücke von gestern Abend im wesentlichen bestätigen: Wie erwartet getragene langsame Sätze, vielleicht objektiv (???) gesehen für dieses Werk fast zu klangschöne Darstellung.
Aber ich finde insgesamt schon, dass Mahler bei Rattle gut aufgehoben ist und er diese einzigartige Musik auf seine Weise äußerst intensiv „sprechen lässt“.

Der zweite Satz hätte für meinen Geschmack noch ein wenig„täppischer und derber“ sein können, im 3. hat Rattle das Trotzige, Aggressive jedoch sehr gut getroffen.

Der Orchesterklang (Streicher und Blech!) war grandios, ebenso wie die lange Stille nach dem Ersterben des letzten Tons.
Cetay (inaktiv) (29.01.2012, 15:34):
Mahlers 9te mit dem Luzern-Festivalorchester und Abbado:

http://www.youtube.com/watch?v=1JYixB9PIC0 - die zweite Hälfte des Finales und was danach (nicht) passiert.

Wahrscheinlich kennen das die Mahler-Enthusiasten längst. Es geht um die letzten Minuten, so etwa ab 11:00. Ich habe so etwas noch nie gesehen, geschweige denn erlebt.
Das gehört zwar in die "Video-Clips online"-Sektion, ich bringe es dennoch hier, weil es mehr als seitenlange Abhandlungen über die potentielle Wirkkraft des Werks aussagt.
Cetay (inaktiv) (22.07.2014, 21:37):
Hat man für ein Werk erst mal eine vollkommene Einspielung gefunden -und das ist für mich im Falle der Neunten ohne wenn und aber die unter Emil Tabakov- bleibt eigentlich nur noch die Jagd nach dem Außergewöhnlichen oder dem Extremen. Hier schicke ich Kazuo Yamada ins Rennen. Yamada studierte bei Mahler-Schüler Klaus Pringsheim Komposition und war als Avantgarde-Komponist stark von Mahler beeinflußt. Bei seiner Einspielung mit dem New Japan Philharmonic kommt er nach 93:30 ins Ziel -fast 24 Minuten später als Bruno Walter bei seiner Pionieraufnahme- und dürfte damit nach meinen Recherchen der Langsamste im Vergleichsfeld sein. Überraschenderweise wirkt das keineswegs langatmig. Das Auseinanderdröseln bis ins letzte Detail, verbunden mit einer auf einem tiefenlastigen Fundament ruhenden, blockhaften Klangsprache und objektiviertem Ausdruck bleibt immer hochgradig spannend. Eine willkommende Alternative.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51FRG06J4HL._SL500_AA270_.jpg
Amadé (23.07.2014, 09:34):
Sinopoli bei seinem Konzertmitschnitt mit der Staatskapelle Dresden (hänssler) ist ihm da mit 92'16 danz nah auf den Fersen.

Gruß Amadé
kikiriki (30.08.2018, 12:26):
Eine Frage, da es sich dabei um Mahlers 9. Symphonie handelt:
Ich bin im Besitz der ersten Stereoeinspielung mit Barbirolli von His Masters Voice von 1964.
Es handelt sich um 2 einzelne Vinyl, wobei die zweite Platte nur einseitig bespielt ist.
Auf den Covern ist jeweils ein Aufkleber um den Rand herum angebracht mit einer Nummer (STE 91 363 und STE 91 364).
Kann mir jemand sagen, was diese Nummern zu bedeuten haben? Auf dem Vinyl finden sich diese Nummern nicht wieder.
Danke!
kikiriki
Sfantu (30.08.2018, 13:08):
Hallo kikiriki,

herzlich willkommen - schön, dass Du da bist!
Die Nummern, die Du nennst, sind nach meiner Einschätzung die Serien-oder Registriernummern der Plattenfirma. "STE" legt die Bedeutung "stereo" nahe. 1964 zähle ich noch knapp zur Frühzeit der Stereophonie. Oftmals waren noch Altgeräte mit asymetrisch geschliffenen Abtastnadeln & auch mit einer auf Mono zugeschnittenen Verkabelung & Signalausgabe in Gebrauch. Der Umstieg auf modernere Geräte war damals für die breite Masse noch eine Anschaffung, die man finanziell erstmal zu stämmen hatte. Drum haben in dieser Zeit viele Firmen eine Zeit lang parallel mono- & stereotaugliche Pressungen herausgegeben. Manchmal ist auf dem Cover auch etwa "Original Stereo, auch mono abspielbar" abgedruckt. Umgekehrt kann es sein, dass originale Mono-Aufnahmen nachträglich "stereophonisiert" wurden, die Signale also nachträglich in zwei Kanäle gesplittet wurden um auf Stereo-Equipment einen stereophonen Klangeindruck zu erzeugen - das ist mal mehr, mal weniger gut gelungen. Im Falle eines so grossen Namens wie EMI würde ich tippen, dass es 1964 auf jeden Fall eine original Stereo-Aufnahme ist. Ist denn auf dem Cover / Klappentext explizit eine Aufnahmedatum (abweichend vom Veröffentlichungs-Jahr) erwähnt? Wenn nein, würde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit stereo vermuten. Wie ist denn Dein Höreindruck? Klingt es natürlich oder künstlich?
Dass eine von 4 Seiten unbespielt bleibt, gab's auch in den Siebzigern öfter noch: Werk zu lang für eine, zu kurz für volle zwei Scheiben. Keine geeignete Kopplungsmöglichkeit oder aber das Werk wird als zu singulär für eine Kopplung betrachtet.
Die Frage passt vielleicht besser in die "Technikecke" im "Hinterzimmer" (weiter unten im Forum).

Viele Grüsse, Sfantu
Sfantu (30.08.2018, 14:30):
...& da es sich um fortlaufende Nummern handelt, kannst Du davon ausgehen, dass sie auch zusammen gehören. Im Falle einer Box sieht man auf dem Rückenschnitt auch schonmal (um Dein Beispiel aufzugreifen): STE 91 363-4 oder STE 91 363/4. Dann weisst Du, es gehören komplett 2 Schallplatten in diese Box. Stünde da etwa 91 363-7 oder 91 363/7, bedeutete das: 5 Schallplatten. Für den Fall, dass ein zusätzlicher Hinweis wie "5 LPs" fehlt.
Die Tatsache, dass die Nummern per Sticker nachträglich aufgeklebt sind, ist nicht automatisch ein Zeichen von Produkt-Piraterie oder Etikettenschwindel. Oft gibt es hierfür betriebs-, also fertigungstechnische Gründe (Umstieg auf eine neue Codierung etwa).
Amadé (30.08.2018, 17:06):
Hallo Kikiriki,

auch von mir ein herzliches Willkommen.
Diese beiden LPs besitze ich auch, jedoch tragen sie bei mir die Bestellnummern C 161-00 237/8S. Auf den Venyls ist jeweils 00 237 bzw. 00238 S eingedruckt. Es handelt sich einwandfrei um eine Stereo-Aufnahme, die kurz nach ihrem Erscheinen zu Recht mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Eine gültige Interpretation!

Gruß Amadé