Hosenrolle1 (12.10.2015, 16:46): Halloween naht, und so dachte ich, dass ich einen Thread zu den Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe eröffne.
Gleich vorneweg: in diesem Beitrag gibt es auch Spoiler, was das Ende der Geschichte "Der Untergang des Hauses Usher" angeht. Falls jemand noch vor hat diese Geschichte zu lesen, bitte ab hier nicht mehr weiterlesen!
Ich besitze seine Kurzgeschichten in dieser Ausgabe auf Deutsch:
Diese Version finde ich an sich sehr gelungen, bietet sie ein ausführliches Nachwort, eine Zeittafel mit Biografie des Autors sowie Erläuterungen zu jeder Geschichte, in denen etwa lateinische oder Französische Wörter und Redewendungen übersetzt werden, aber auch andere Dinge wie damals bekannte Persönlichkeiten usw.
Und ich besitze diese Version auf Englisch in der Penguin Popular Classics-Reihe:
Kürzlich las ich die berühmte Geschichte "Der Untergang des Hauses Usher", und weil meine Erfahrungen mit den verschiedenen Übersetzungen von Stephen Kings "Es" mir gezeigt haben, wie viel da vom Original verloren gehen kann, habe ich sie mit der englischen Version verglichen.
Besonders an einer Stelle habe ich nicht schlecht gestaunt, nämlich auf der letzten Seite, als die vermeintlich tote Schwester in das Zimmer kommt.
Im Original schreibt Poe dieses:
For a moment she remained trembling and reeling to and fro upon the threshold - then, with a low moaning cry, fell heavily inward upon the person of her brother, and in her violent and now final death-agonies, bore him to the floor a corpse, and a victim to the terrors he had anticipated.
Meine deutsche Version ist da jedoch ziemlich harmlos, fast schon poetisch:
Während der Dauer eines Augenblicks blieb sie wankend und bebend auf der Schwelle stehen. Dann taumelte sie mit gequältem Aufstöhnen auf ihren Bruder zu und riß ihn, ein Opfer der Schrecken, die er durchgemacht hatte, in ihrem Todeskampf entseelt mit sich zu Boden.
Poe beschreibt, dass der Bruder von einer Leiche ("corpse") auf den Boden gedrückt wurde - in der deutschen Fassung aber wird "entseelt" geschrieben, gleichzeitig aber findet noch ein Todeskampf statt. Auch ein anderes Problem tut sich auf: im Original "distanziert" sich der Erzähler von der Frau und nennt sie "a corpse", während er in der deutschen Fassung immer noch von "ihr" redet, und dass sie entseelt ist. Fehlerhaft ist auch, dass sie im Original aufstöhnt, während sie ihren Bruder niederdrückt - in der deutschen Version jedoch taumelt sie erst auf ihren Bruder zu und stöhnt dabei auf. Großer Unterschied!
Die "violent and now final death agonies" wurden im Wort "Todeskampf" zusammengefasst.
Ich persönlich fand diese deutsche Übersetzung umständlich geschrieben. Mir wurde daraus zunächst überhaupt nicht klar, dass auch der Bruder in diesem Moment gestorben ist, während das in der englischen Version ("he had anticipated") viel deutlicher wird. Im Deutschen steht nur, dass er ein Opfer seiner Schrecken ist.
Hat vielleicht jemand von euch diese Geschichte in welcher Form auch immer, und kann vielleicht einmal nachsehen, wie dieser Satz, der auf der letzten Seite steht, dort übersetzt wird?
Welche Geschichten von Poe gefallen euch besonders gut? Welche findet ihr gruselig, welche spannend? Er schrieb ja nicht nur Horrorgeschichten, sondern etwa auch drei Fälle des Detektivs Dupin. Mit welchen könnt ihr euch hingegen überhaupt nicht anfreunden?
Ich persönlich finde "Das Manuskript in der Flasche" und "Der Malstrom" ziemlich langweilig.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (12.10.2015, 21:51): Angeregt durch das Nachwort meiner Ausgabe suchte ich nach der Geschichte "The man that was used up" im Internet, und wurde fündig.
Auf Deutsch heißt sie "Der Mann, der aufgerieben worden war".
Darin geht es, ganz verkürzt gesagt, um einen hochdekorierten General, der in der Gesellschaft und besonders bei den Damen sehr beliebt ist. Es heißt, dass er ein Geheimnis habe.
Der namenlose Ich-Erzähler sucht diesen General in seinem Zimmer auf, in dem er angekleidet werden soll, findet jedoch nur dessen schwarzen Sklaven. Ein Bündel auf dem Boden tritt er zu Seite, da fängt es plötzlich an zu Quieken - das Bündel IST der General, der, wie sich herausstellt, fast nur mehr aus Prothesen besteht: Korkbeine, Arme, Glasauge, Perücke, Zunge, falsche Zähne etc. werden ihm angesteckt, bis er wieder halbwegs menschlich aussieht. Er selbst sieht seine Verstümmelungen mit Humor: "Skalpiert werden ist allerdings eine unangenehme Operation, aber Sie können sich dann bei De L'Ormes so eine prachtvolle Mähne zulegen."
Die Groteske erschien in einem Magazin im Jahr 1839. Eine Analyse auf Wikipedia schreibt dazu:
"The story seems to suggest that the war hero has nothing left but the injuries he has received in battle to make up his identity."
LG, Hosenrolle1
Jürgen (14.10.2015, 09:35): Poe habe ich als Teenager sehr gerne gelesen, aber auch später mal ab und an.
Irgendwann gab es eine günstige Gesamtausgabe:
https://www.buchfreund.de/covers/11344/218682.jpg
Die habe ich natürlich nicht komplett gelesen. Rezensionen und Briefe nur stichprobenartig. Die waren nicht wirklich interessant.
Aber die Kurzgeschichten (auch die längeren) kenne ich alle.
Das Gute daran sind die Erläuterungen zu Zeitgeschehen, Sprachwitz im englischen Original oder Phonetik (z.B Luchresi).
Grüße Jürgen
Zefira (14.10.2015, 22:05): Ich bin stolz auf meine zweibändige Ausgabe mit den Illustrationen von Alfred Kubin. Geniale Zeichnungen sind das.
Hier ein Bild davon.
In einer ähnlichen Ausgabe besitze ich auch den Gordon Pym, ebenfalls mit Zeichnungen von Kubin.
Es gibt auch eine Oper von Debussy zu dem Thema. Ich habe eine DVD davon, mit Scott Hendricks. Hab sie lange nicht angeschaut, kann mich aber erinnern, dass sie mit einer sehr, sehr langen Ballettszene anfängt, die mir gut gefallen hat.
(Hosenrolle1, Dein Postfach ist voll!)
Zefira (14.10.2015, 22:13): Ach, ich habe ganz vergessen, auf die Frage zu antworten:
Ich habe lange nichts mehr von Poe gelesen, kann mich aber deutlich erinnern, dass ich beim ersten Lesen die Geschichte mit den "schwatzenden Herz" ganz furchtbar gruselig fand. Das gleiche gilt für die Geschichte - ich weiß leider den Titel nicht mehr -, in der ein Erzähler schildert, wie er sich für lebendig begraben hielt (er erwachte in einer engen Koje und glaubte, er läge im Sarg). Die Geschichte vom Roten Tod fand ich geradezu klassisch gelungen und perfekt aufgebaut. Und mein persönlicher Favorit ist "Das Faß Amontillado" - aus sehr vielen verschienen Gründen, die alle persönlich sind ;o)
Ein Kuriosum zum Thema Poe. Es gibt von einer Autorin namens Marie Bonaparte (sie ist tatsächlich eine Nachfahrin Napoleons) eine psychoanalytische Arbeit über Poes Erzählungen, die in zwei Bänden bei Suhrkamp erschienen ist. Ich habe einen davon mal auf einem Flohmarkt gekauft. Marie Bonaparte ist Freudianerin; es ist lange her, dass ich das Buch gelesen habe, aber sie hat "Wassergrube und Pendel" auf sehr stringente Weise als Geburtsdrama gedeutet. Das als bedrohlich empfundene Pendel ist der eindringende Penis des Vaters, die zusammenrückenden Wände interpretiert sie als Wehen.
Hosenrolle1 (14.10.2015, 22:25): Ich bin stolz auf meine zweibändige Ausgabe mit den Illustrationen von Alfred Kubin. Geniale Zeichnungen sind das. Hier ein Bild davon. In einer ähnlichen Ausgabe besitze ich auch den Gordon Pym, ebenfalls mit Zeichnungen von Kubin.
Ohh, das sieht ja sehr schön aus - ich mag diese "altmodischen" Zeichnungen sehr gerne. Keine grellen, bunten, modernen Sachen. Gibt es zu jeder Story eine Zeichnung?
(Hosenrolle1, Dein Postfach ist voll!)
Danke für den Hinweis, habs schon aufgeräumt :)
Ich habe lange nichts mehr von Poe gelesen, kann mich aber deutlich erinnern, dass ich beim ersten Lesen die Geschichte mit den "schwatzenden Herz" ganz furchtbar gruselig fand.
Ah, du meinst sicher "Das verräterische Herz". Ja, die Geschichte ist auch sehr gut!
Das gleiche gilt für die Geschichte - ich weiß leider den Titel nicht mehr -, in der ein Erzähler schildert, wie er sich für lebendig begraben hielt (er erwachte in einer engen Koje und glaubte, er läge im Sarg).
Die Geschichte heißt nur "Lebendig begraben". Ich fand die Erzählungen am Anfang noch unheimlicher. Etwa, wo der Mann auf dem Grab sitzt und die Erschütterungen der Erde spürt, weil der vermeintlich Tote in seinem Sarg um sich schlägt.
Marie Bonaparte ist Freudianerin; es ist lange her, dass ich das Buch gelesen habe, aber sie hat "Wassergrube und Pendel" auf sehr stringente Weise als Geburtsdrama gedeutet. Das als bedrohlich empfundene Pendel ist der eindringende Penis des Vaters, die zusammenrückenden Wände interpretiert sie als Wehen.
:ignore :ignore
Ich habe mich immer gefragt, was in der Grube eigentlich drin ist. Eindeutig gesagt wird das ja nicht.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (14.10.2015, 22:56): Falls du mal Zeit und Lust hast, könntest du mal schauen, wie der Satz in "Der Untergang des Hauses Usher", den ich im ersten Beitrag verglichen habe, auf der letzten Seite übersetzt wird?
Einen Augenblick blieb sie wankend auf der Schwelle stehen, dann taumelte sie, tief aufstöhnend, auf die Gestalt ihres Bruders zu und zog ihn in ihrem Todeskampf, als Opfer der Schrecken, die er vorher empfunden hatte, entseelt mit sich zu Boden.
Also ganz ähnlich wie die von Dir zitierte Fassung. Warum "die Gestalt ihres Bruders" und nicht einfach ihr Bruder, erschließt sich mir nicht, aber natürlich entspricht das der Originalfassung und es ist ja nicht Aufgabe des Übersetzers, stilistische "Verbesserungen" vorzunehmen :wink
Ich glaube übrigens, dass sich die Ausdrücke "a corpse" und "entseelt" nicht auf die Schwester, sondern auf den Bruder beziehen. Das würde bedeuten, dass er früher stirbt als sie. Sie befindet sich noch im Todeskampf, während er am Schreck gestorben ist.
Als Jugendliche hatte ich das Buch mal aus der Bibliothek und erinnere mich, dass ich ganz begeistert war. Obwohl das mehr als 40 Jahre her sein muss und ich die Übersetzung seither nicht in der Hand hatte, weiß ich noch genau, dass es dort hieß, die Schwester stand "taumelnd und bebend auf der Schwelle. Dann fiel sie mit wehem Schrei ins Zimmer" (der wehe Schrei hat mich hingerissen!) und riss dabei ihren Bruder mit zu Boden. Und dann starb er während ihres Todeskampfs. Der Originalsatz war in drei deutsche Sätze zerlegt.
Zu Kubin: Es gibt sogar mehrere Zeichnungen zu jeder Geschichte. Eine ähnliche Ausgabe habe ich übrigens noch mit Erzählungen ("Nachtstücke") von E.T.A. Hoffmann - auch von Kubin illustriert. Wer Kubin mag, dem empfehle ich dringend seinen Roman "Die andere Seite", ebenfalls eine phantastische Geschichte - das meine ich als Genrebezeichnung, nicht als Qualitätsurteil, aber als Qualitätsurteil trifft es ebenfalls -, und von ihm selbst illustriert.
/edit zu Grube und Pendel: Ich glaube, es ist ein genialer Kunstgriff von Poe, nicht zu verraten, was in der Grube ist. In "1984" fragt Winston Smith "was ist in Zimmer 101?" und erhält die Antwort: "Sie wissen, was in Zimmer 101 ist. Jeder weiß, was in Zimmer 101 ist." Es ist einfach das denkbar Schrecklichste. Und das ist für jeden etwas anderes.
Hosenrolle1 (14.10.2015, 23:56): Vielen Dank, dass du nachgesehen hast für mich!
Einen Augenblick blieb sie wankend auf der Schwelle stehen, dann taumelte sie, tief aufstöhnend, auf die Gestalt ihres Bruders zu und zog ihn in ihrem Todeskampf, als Opfer der Schrecken, die er vorher empfunden hatte, entseelt mit sich zu Boden.
For a moment she remained trembling and reeling to and fro upon the threshold - then, with a low moaning cry, fell heavily inward upon the person of her brother, and in her violent and now final death-agonies, bore him to the floor a corpse, and a victim to the terrors he had anticipated.
Das „tief aufstöhnend“ passt besser zum "low moaning" des Originals. Der Rest ist eh fast so wie bei mir.
Also ganz ähnlich wie die von Dir zitierte Fassung. Warum "die Gestalt ihres Bruders" und nicht einfach ihr Bruder, erschließt sich mir nicht, aber natürlich entspricht das der Originalfassung und es ist ja nicht Aufgabe des Übersetzers, stilistische "Verbesserungen" vorzunehmen.
Das stimmt :)
Ich glaube übrigens, dass sich die Ausdrücke "a corpse" und "entseelt" nicht auf die Schwester, sondern auf den Bruder beziehen. Das würde bedeuten, dass er früher stirbt als sie. Sie befindet sich noch im Todeskampf, während er am Schreck gestorben ist.
Ich bin mir da jetzt auch ziemlich unsicher geworden und glaube, dass du Recht hast.
Ich habe das „he had anticipated“ so verstanden, dass sie die „corpse“ ist, und er sich ihr mit seinem Tod anschließt.
Problematisch ist dabei, dass es nicht viel Sinn machen würde, dass sie einerseits einen Todeskampf hat, andererseits bereits tot ist. Beides gleichzeitig geht nicht. Andererseits, nacheinander geht es: im Todeskampf fliegt sie auf ihren Bruder, und als Leiche drückt sie ihn hinunter.
Jedoch, in der englischen Version bin ich immer noch unsicher, ob die „corpse“ nicht doch die Schwester ist. Ich verstehe es so, dass sie tot ist, ihn zu Boden drückt, und der Bruder als Opfer der Dinge, die er durchgemacht hat, folgt ihr in den Tod. („he had anticipated“).
Dieser Satzbau ist in meinen Augen in beiden Sprachen fürchterlich, man weiß nicht, wer mit welchem Teil gemeint ist.
Wenn tatsächlich der Bruder mit "entseelt" gemeint sein sollte, hätte ich den Satz statt so:
Einen Augenblick blieb sie wankend auf der Schwelle stehen, dann taumelte sie, tief aufstöhnend, auf die Gestalt ihres Bruders zu und zog ihn in ihrem Todeskampf, als Opfer der Schrecken, die er vorher empfunden hatte, entseelt mit sich zu Boden.
eher so geschrieben:
Einen Augenblick blieb sie wankend auf der Schwelle stehen, dann taumelte sie, tief aufstöhnend, auf die Gestalt ihres Bruders zu und zog ihn, als Opfer der Schrecken, die er durchgemacht hatte, entseelt, mit sich zu Boden.
Was ich dann arg fand waren die vielen Deutungen dieser Geschichte, besonders was die vermeintlich tote Schwester angeht, sowie der Zusammenfall des Hauses mit dem Tod der beiden Ushers. Manche sehen in der Schwester am Ende eine Art Vampir, andere sehen darin eine Verkörperung des Gewissens des Bruders, oder so ähnlich, usw. usf.
Dennoch, ich fand das Ende gelungen, wo der Erzähler passend zur Geschichte die Geräusche hört – wie der Sarg im Keller des Hauses auf den Boden kracht, wie die Türe aufgeht etc. Richtig gruselig! Erinnert mich, nebenbei, an die Stelle, wo der tote Jacob Marley in Dickens „Weihnachtsgeschichte“ ebenfalls aus dem Keller langsam die Treppen hochkommt, und man hört das Rasseln der Ketten.
Ich persönlich deute da nicht herum - ich denke einfach, dass die Schwester lebendig begraben wurde, sich aus dem Sarg befreit hat und nach oben kam, wo sie, warum auch immer, doch noch gestorben ist.
Aber weißt du was ich mich frage? Was ist mit dem Pferd des Ich-Erzählers? Das lässt er zurück, und wird von den Trümmern erschlagen und im See versenkt? Nicht schön.
Als Jugendliche hatte ich das Buch mal aus der Bibliothek und erinnere mich, dass ich ganz begeistert war. Obwohl das ca. 50 Jahre her sein muss und ich die Übersetzung seither nicht in der Hand hatte, weiß ich noch genau, dass es dort hieß, die Schwester stand "taumelnd und bebend auf der Schwelle. Dann fiel sie mit wehem Schrei ins Zimmer" (der wehe Schrei hat mich hingerissen!) und riss dabei ihren Bruder mit zu Boden. Und dann starb er während ihres Todeskampfs. Der Originalsatz war in drei deutsche Sätze zerlegt.
Der wehe Schrei klingt auch nicht schlecht, wenngleich ich ihn, ohne dass ich es dir miesmachen möchte, für nicht sehr glücklich übersetzt halte, denn bei einem Schrei denke ich eher an einen hohen Schrei, während sie bei Poe im Original tief aufstöhnt.
Die Teilung in drei Sätze finde ich interessant.
LG, Hosenrolle1
Jürgen (15.10.2015, 17:36): Meine Übersetzung von Arno Schmidt und Hans Wollschläger (60er Jahre?):
Einen Herzschlag lang verharrte sie zitternd auf der Schwelle und schwankte und taumelte hin und her. Dann, mit einem leise stöhnenden Schrei, schlug sie nach vorn, an den Körper ihres Bruders, und riß ihn, in ihrem heftigen und nunmehr endgültigen Todeskampf mit sich zu Boden - auch er eine Leiche, ein Opfer des Grauens, wie er es ahnend vorweggenommen hatte.
Hosenrolle1 (15.10.2015, 18:25): Auch dir, lieber Jürgen, vielen Dank für´s Nachsehen und Abschreiben!
Es ist doch erstaunlich, wie unterschiedlich übersetzt wird! Ich finde solche Vergleiche, neben den Vergleichen von Einspielungen und Partituren, äußerst interessant.
schlug sie nach vorn, an den Körper ihres Bruders, und riß ihn, in ihrem heftigen und nunmehr endgültigen Todeskampf mit sich zu Boden - auch er eine Leiche, ein Opfer des Grauens, wie er es ahnend vorweggenommen hatte.
Oho, hier taucht die "corpse", die "Leiche" tatsächlich auf. Auch finde ich, wird hier durch das "auch er eine Leiche" klarer, dass ER die Leiche ist. Wobei man fragen könnte, wieso er AUCH eine Leiche ist, wo sie noch lebt.
Deine Kollektion sieht sehr ansprechend aus :) Ich finde diese Erläuterungen immer sehr gut und hilfreich, weil man vieles halt doch nicht (mehr) versteht. (Ein klein wenig OT: das gefiel mir bei den deutschen Simpsons-Comics, dass die Redakteure im Anhang immer manche Sachen erklärt haben, so auch etwa Wortspiele, die nur im englischen funktionieren und schlecht übersetzbar sind).
Und hier noch etwas: ich dachte die ganze Zeit, dass "anticipation" bedeutet, dass man an etwas teilnimmt. Ich habe das Wort aber die ganze Zeit mit "participation" verwechselt!
"he had anticipated" bedeutet also nicht, wie ich dachte, dass er sich ihr in ihrem tot-sein anschließt, sondern dass er den Terror vorausgeahnt hat. Ich bin zwar kein Freund von Jugendsprache a la Facebook und Twitter, aber - *facepalm*.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (17.10.2015, 21:19): Heute las ich den "William Wilson".
Ganz habe ich das Ende nicht verstanden, ich fand es auch ein klein wenig enttäuschend.
Da wird der Erzähler von seinem Doppelgänger verfolgt, und am Ende bringt er ihn einfach um, und dieser sagt noch ein paar Worte, die ich nicht verstehe.
Auf jeden Fall habe ich vorhin mit "Ligeia" angefangen.
Von dem Stoff kenne ich nur die Verfilmung "Tomb of Ligeia" mit Vincent Price, wo die neue Frau von Price einen Geheimgang und die Leiche von Ligeia findet, die von Price immer wieder dort besucht wird, und die Macht über ihn zu haben scheint. Jedoch halten sich diese Verfilmungen nicht wirklich an das Original, und bestenfalls der Titel und ein paar Namen erinnern an Poes Originalgeschichten. Ich bin mal gespannt wieviel "Ligeia" mit dem Film zu tun hat ...
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (18.10.2015, 17:51): So, nun bin ich mit der Ligeia fertig ... und bin noch ratloser als beim William Wilson.
Wie erwartet hat die Geschichte mit diesem Film überhaupt nichts zu tun ;)
Aber was sollte dieser Schluss bedeuten? Was sind das für Tropfen, die im Wein sind? Woher kommen sie? Wieso stirbt die Frau und lebt plötzlich wieder als Ligeia?
LG, Hosenrolle1
Zefira (18.10.2015, 19:03): An die Tropfen kann ich mich gerade nicht erinnern - ist lange her, dass ich es gelesen habe. Aber ich erinnere mich, dass Ligeias Seele offenbar durch die Kraft ihres Willens (sie meinte ja einmal, dass Sterben nur ein Mangel an Wille sei) den Körper der Lady Rowena übernommen hat.
(Klingt sehr nach George R.R. Martin ... )
Hosenrolle1 (18.10.2015, 19:20): Als Rowena den Wein trinkt, kommen scheinbar aus dem Nichts ein paar Tropfen ins Glas. Nachdem sie getrunken hat, geht es ihr plötzlich schlechter und später stirbt sie dann.
Der Erzähler meint auch, dass er einen Schatten auf dem Boden sieht.
Ich weiß nicht, ob die ganze Geschichte eher "symbolisch" sein soll, mit zahlreichen Anspielungen auf irgendwelche anderen Gedichte und Werke, oder einfach nur als eine Art "Gespenstergeschichte", für die es keine Erklärung geben muss.