satie (21.06.2008, 22:40): Die Musik der Renaissance
Meine Lieben,
schon lange brennt es mir unter den Nägeln, hier analog zum Frühbarock-Thread (der ja doch eher ein Früh- und Hochbarock-Thread wurde) einen Thread zur Musik der Renaissance zu starten. Das große Problem hierbei ist, dass sich bei der Musik der Renaissance weniger scharf in einfachen Worten umschreiben lässt, was denn nun das Besondere an dieser Zeit und ihrer Kunst ist (zumindest es so zu tun, dass man unmittelbar hörend sagend könnte: das ist ganz klar ein Werk der Renaissance!). Für den Musiker und Musikhörer, der ein wenig Ahnung vonMusiktheorie hat ist der Fall viel einfacher, da man dann bei gewissen Formen auf bestimmte Dinge achten kann, die eindeutig erkennbar sind (beispielsweise die (Improvisations-)Technik des "Faburden" oder "Fauxbourdon"). Dennoch, wenn man nun die Renaissance mit Schlagwörtern eingrenzen wollte: es ist schwierig. So schreibt denn selbst einer der für mich bedeutenden deutschen Musikwissenschaftler, Hans Heinrich Eggebrecht:
"Jedenfalls ist es mir bisher so ergangen, dass ich geneigt war, um die Zeit zwischen Dufay und Monteverdi gleichsam einen Bogen zu machen (...). Denn einerseits deprimierten mich die Fülle und das verbreitet Gleichförmige, weithin stilistisch Durchschnittliche und streckenweise geschichtlich wenig beredte der Stoffmassen*, und andererseits hatte diese Zwischenzeit, das heißt die Zeit zwischen dem Mittelalter , an dem mich die Ferne fasziniert, und der Musik von Monteverdi und Schütz, an der mich das Nahsein fesselt, für mich stets den etwas laulichen Charakter des "nicht mehr" und "noch nicht": nicht mehr weit genug weg und noch nicht nahe genug." Aus: H.H. Eggebrecht: Musik im Abendland, Piper 1996)
(*hiermit ist natürlich nicht die Musik gemeint, sondern die Literatur darüber.)
Durch die Blume sagt Eggebrecht, dass für ihn die Musik zwischen 1400 (vielleicht auch schon ab 1350) und 1600 eher transitorischen Charakter hat, weniger Eigenständigkeit. Angesichts der historischen Dimensionen wäre eine 200 Jahre dauernde "Übergangsphase" tatsächlich vorstellbar: 500 Jahre hatte der gregorianische Choral geherrscht, bis um 1100 überhaupt die Mehrstimmigkeit sich zu entwickeln begann, auf vorerst sehr einfache Weise. In den folgenden 300 Jahren musste die Entwicklung über die Modalnotation hin zur Mensuralnotation und schließlich der hochkomplexen, heute so genannten Ars subtilior mit ihrer schier niemals wieder erreichten rhythmischen Komplexität bewältigt werden. Es waren also 800 Jahre vergangen, in denen grob gesagt die Entwicklung vom einfachen, einstimmigen Gesang hin zur komplexe(ste)n Mehrstimmigkeit stattfand. Dass sich beispielsweise die Harmonik so gut wie gar nicht entwickelte innerhalb dieses enormen Zeitraums ist bemerkenswert. Die Musik ist modal geblieben, mit gelegentlichen Modus-"Modulationen" vielleicht, ansonsten hat sich das Tonmaterial im Grunde noch nicht erweitert (ich vereinfache jetzt so gut ich kann; natürlich liegen hier die interessanten Dinge im Detail, etwa der Klauselentwicklung verborgen: dort gibt es dann doppelleittönige Kadenzen etc., aber das ist alles viel zu kompliziert im Moment). Was sich nun, in den 200 Jahren dieses "Renaissance" genannten Zeitraumes vollzieht, ist sozusagen der Quantensprung "im Klang": war davor alles eher auf die zeitliche Organisation ausgelegt (weil die komplexe Polyphonie sonst nicht möglich gewesen wäre), ging es jetzt darum, sich um die Erweiterung des Tonraumes und des Klangs zu kümmern. Diese Erweiterung des Tonraumes geht auch einher mit der Etablierung der Perspektive in der Malerei (irgendwo Mitte 15. Jh.). Das Schlagwort Humanismus weist in eine neue Zeit, in der das Individuum, der Mensch im Zentrum steht, die Musik also sich dem "menschlichen öffnet": zuvor war Musik Darstellung göttlicher Prinzipien, die Tonordnung war zugleich Himmelsordnung, über Jahrhunderte war Musik nur in dreizeitigen Metren möglich, Dreifaltigkeitsmusik eben. Jetzt aber, in dieser Zeit der "Wiedergeburt der Antike" gewannen die menschlichen Aspekte an Bedeutung. Allmählich gelangten weltliche Melodien und Texte in die Messkompositionen, später wurden im Madrigal dann die menschlichsten Themen überhaupt behandelt, die Liebe, der Alltag, die Natur sowohl im Text als auch - und das ist ein sehr wichtiger Punkt - in der Textausdeutung behandelt. Naturimitation führt dann auch zur musikalischen Imitation oder vielleicht auch umgekehrt (Imitationssatz: kurze Floskeln kommen in ähnlicher Form in wechselnden Stimmen, mitunter klingt das wie ein Kanon oder der Anfang einer Fuge).
Einige sehr wichtige musikalische Entwicklungen fallen in diese Zeit: der Notendruck, die Entwicklung des Clavichords und seiner Nachfolger, die ersten Konservatorien entstehen, die Streichinstrumente (Violine!), die Blockflöte und andere werden ebenfalls modifiziert. Kompositorisch wird die Entwicklung der Polyphonie in Cantus-Firmus-Messen weitergeführt, Formen des homophonen Satzes entstehen aber auch, so etwa der oben schon erwähnte Fauxbourdon (im Grunde eine Technik, bei der Sextakkordketten mit den davor schon konsonanten Quint-Quartklängen abwechseln). Diese Technik gibt es noch bei Beethoven, ja sogar bei Ravel, natürlich in einer eigenen Ausprägung. Der Fauxbourdon ist am Anfang eine Improvisationstechnik, die aus einem einstimmigen Gesang ein mehrstimmiges homophones Stück macht, nach sehr einfachen Regeln).Dann natürlich das Madrigal und auch die Instrumentalmusik als experimentelle, innovative Formen/ Gattungen.
Komponisten (eine rein subjektive Auswahl mit einigen Stichworten, ich habe als Anregung
Hans Leo Haßler (1564 – 1612) (Liedsätze, Messen, Motetten, Madrigale, Orgelwerke) Paul Hofhaimer (1459 – 1537) (Orgelwerke, Oden) Hans Judenkönig (~ 1450 – 1526) auch: Hans Judenkünig ((Lehr-)Werke für Laute und Violine) Jacobus Gallus (1550 – 1591) (Messen, Motetten, Passionen, sowie Madrigale) Hans Neusiedler (1508 – 1563) (Lautenwerke) Conrad Paumann (um 1410 – 1473) (Orgelwerke, Liedsätze, u.a. im Lochamer Liederbuch) Ludwig Senfl (ca. 1486 – ca. 1543) (Messen, Motetten und Lieder)
b) England
William Byrd (1543/44 – 1623) (Psalmen, Motetten, Madrigale) John Dowland (1563? – 1626, würde ich allerdings dem Barock zuordnen, verzeichne ihn aber hier) John Dunstable (~ 1380/90 – 1453 England) (-->Fauxbourdon!, vom Wesen her eher noch ein mittelalterlicher Komponist: isorhythmische Motetten, Messen) Anthony Holborne (c. 1545 – 1602) (Consort-Musik) Thomas Morley (1557 – 1602) (Madrigale, Canzonetten, Anthems, Psalmen, auch wichtiger Theoretiker) Thomas Tallis (c. 1505 – 1585) (Motetten, Anthems, Messen)
c) Franko-Flamen
Hier wäre die Liste extrem lang, daher nur die aller allerbekanntesten!:
Gilles Binchois (~ 1400 – 1460, Hennegau) (Messen (fragmentarisch erhalten), Psalmen, Rondeaux) Josquin Desprez (oder des Prez oder des Près) (um 1440/50 – 1521 Picardie, Hennegau) (Messen, Motetten, weltliche Vokalwerke) Guillaume Dufay (1397 – 1474 Hennegau) (Messen, Hymnen, Chansons, Motetten, gilt als Begründer der Franko-flämischen Schule. Zusammen mit Binchois und Dunstable und di Lasso einer der ganz wichtigen) Heinrich Isaac (ca. 1450 – 1517 Flandern) (Messen, Motetten, weltliche Werke) Nicolas Gombert (~1500 – 1560/56 Brügge) (Motetten, Chansons) Orlando di Lasso (1532 – 1594 Mons, Hennegau) auch: Roland de Lassus (Villanellen, Madrigale, Chansons, Messen, Magnificats, Passionen, ein ungeheuer großes Oeuvre! Wichtiger Wegbereiter für die Entwicklung hin zum Barock) Jacob Obrecht (~ 1457/58 Gent – 1505 Ferrara) (Messen, Motetten) Johannes Ockeghem (um 1410/30 – 1497) (Messen, Motetten, weltliche Werke) Cyprian de Rore (1516 – 1565) (Madrigale) Pierre de la Rue (ca. 1460 – 1518) (Messen, Motetten, Chansons) Adrian Willaert (~1480/90 – 1562 Brugge?) (wichtiger Lehrer und Theoretiker, Messen, Hymnen und Psalmen, Motetten, Chansons,Madrigale)
d) Italien
Alfonso Ferrabosco der Ältere (1543–1588) (Madrigale, Motetten) Andrea Gabrieli (1510 – 1586 Venezien) (Motetten, Messen, Psalmen, Entwicklung der Dur-Moll-tonalen Harmonik!) Giovanni Gabrieli (ca. 1556 – 1612) („cori spezzati“, Venezianische Mehrchörigkeit, Lehrer von Schütz und Praetorius) Don Carlo Gesualdo (1566 – 1613) (Madrigale, Responsorien, harmonisch teilweise sehr kühn) Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525 – 1594) (Messen, Motetten, Magnificatvertonungen, Offertorien, Hymnen, Madrigale, ein sehr großes Oeuvre)
e) Spanien/Portugal
Antonio de Cabezón (* 30. März 1510 in Castrillo de Matajudíos bei Castrojeriz; † 26. Mai 1566 in Madrid, fehlt seltsamerweise in der Wikipedia-Liste...) (Instrumentalmusik!) Diego Ortiz (~1510 – ~1570) (wichtiges Lehrwerk über die Viola da Gamba und die Improvisation)
So, genug jetzt, da wird noch genug kommen...
Herzlich, S A T I E
satie (21.06.2008, 22:41): Pardon, die Formatierung ist völlig durcheinander geraten, und ich habe momentan nicht den Nervg, das alles zu ändern. Ich hoffe, man kann es auch so lesen...
Cetay (inaktiv) (22.06.2008, 11:05): Danke SATIE, für die Eröffnung dieses längst überfälligen Fadens. Ich bin zwar momentan zeitlich nicht in der Lage, mich dazu gebührend zu äußern, will das aber auch nicht unkommentiert stehen lassen, deshalb wenigstens eine kurze erste Antwort.
Ich habe die Renaissance Musik erst vor kurzem entdeckt und frage mich warum sie unter vielen Klassikfreunden eine so unbedeutende Rolle spielt. Was ich bislang gehört habe, finde ich absolut faszinierend. Spannend ist es, die Erkundungen des Klangraums, die ja bei der noch vorherrschenden nicht-temperierten Stimmung recht vorsichtig von statten gehen mussten, nachzuhören.
Ich bin noch in der Phase des unsystematischen Erkundens und habe mich v.a. mit den großen Namen beschäftigt, etwa Desprez, Dufay und die Gabrielis, Guerrero, Agricola. Mangels musiktherotischem Hintergrund kann ich nur über die Höreindrücke äußern, das aber zu einem späteren Zeitpunkt.
Carola (22.06.2008, 12:35): Lieber Satie,
auch von mir ganz herzlichen Dank für diese Einführung - auch wenn meine Augen sich beim Lesen ein wenig verknotet haben. :D
Bisher hatte ich als grobe Zuordnung (für die geistliche Vokalmusik) immer Gregorianik = Einstimmigkeit, Renaissance = Mehrstimmigkeit im Kopf aber die Sache scheint doch etwas komplizierter zu sein. Zu Deiner Bemerkung, dass in der Renaissance der Mensch sich selber stärker in den Blick nimmt, scheint mir auch zu passen, dass nun zum ersten Mal die Namen der Komponisten mit überliefert wurden. Meinen Klangeindruck aus dieser Epoche, immer auf die geistliche Musik bezogen, würde ich mit schwebend und fließend umschreiben. Manchmal finde ich das ganz wunderbar, manchmal ist es mir aber auch zu eintönig (trotz Mehrstimmigkeit). Zu den Instrumenten: Ich habe vor allem die Laute im Ohr und vor Augen, schon wegen Dowland. Aber auch die Gambe gehört doch sicher hierhin? Die geistliche Musik scheint aber weiterhin rein vokal zu sein, jedenfalls die Werke, die ich kenne.
Mit Gruß von Carola
satie (22.06.2008, 12:44): Liebe Carola, die geistliche Musik ist nicht rein vokal, nie gewesen. Das hat nur angenommen, weil keine Instrumentenvorgaben notiert wurden. Natürlich ist der Satz in der Regel durch einen Text vorgegeben und normalerweise ist das primär Vokalmusik, allerdings ist es schon im Mittelalter so, dass meistens Instrumente mitgespielt haben (als Stimmverdopplung). Reiner a capella Gesang wurde eigentlich nur in der sixtinischen Kapelle gepflegt. Aus der Renaissance stammen dann auch ganz viele Intavolierungen von Vokalsätzen, also im Grunde Bearbeitungen für die Orgel oder das Clavichord, auch konnten durchaus Sätze nur mit Instrumenten gespielt werden. Das ändert aber nichts daran, dass es dennoch in erster Linie Vokalmusik ist.
Herzlich, S A T I E
Leif Erikson (22.06.2008, 12:53): Lieber Satie,
Deine Einführung hat ein Niveau, was einerseits sehr reizvoll ist andererseits mein Verständnis um einen gewissen Grad übersteigt, aber nicht so viel, daß ich frustriert bin. Ich werde daran erinnert, daß ich unbedingt versuchen wollte meine Defizite in Musiktheorie aufzufüllen.
Hast Du eine Buchempfehlung der Art "Musiktheorie for Dummies" und noch eine die nahtlos anschließt und weiter führt?
Direkt zur Renaissancemusik: ich empfinde nur die Gregorianik und den Minnesang fern, spätestens Desprez hat für mich ein definitives "Neuzeit-feeling". Sozusagen die Emanzipation der Musik von den liturgischen Texten und der Beginn einer eigenen künstlerisch-ästhetischen Existenz. Noch Ockeghem klingt nach einer seltsamen Übergangsphase.
Die gesamte Renaissance für eine Übergansphase zu halten, wie Eggebrecht finde ich absurd. Die (Über-) Fülle und die Gleichförmigkeit finde ich eher in der Gregorianik. Desprez, Machaut, Palestrina und Orlando haben sämtlich einen ausgeprägten Personalstil, den ich wahrscheinlich fast immer erkennen würde.
"das verbreitet Gleichförmige, weithin stilistisch Durchschnittliche und streckenweise geschichtlich wenig beredte der Stoffmassen" hätte Herrn Eggebrecht davon abhalten sollen diese Epoche zu bearbeiten. Es wird viele Musikhistoriker geben, die von Renaissance-Musik begeistert sind. Was könnte er mit "geschichtlich wenig beredt" überhaupt meinen? Daß diese Musik kein gültiger Ausdruck ihrer Zeit ist ?!?
Für Deine Einführung zur Renaissance sehr dankbar,
Leif
satie (22.06.2008, 13:46): Lieber Leif, das Eggebrecht-Zitat sollte man nicht zu sehr gewichten. Er selber versucht damit nur zu rechtfertigen, warum er gerade über diese Zeit so wenig geschrieben hat, wo er doch sonst ein so fleißiger Autor war. Im weiteren Verlauf seines Textes betont er denn auch, dass es durchaus solche Komponisten gibt, die absolut wichtig sind, etwa Josquin. Man darf das nicht falsch verstehen. Die gesamte Zeitspanne ist auf keinen Fall nur eine Übergangsphase, und man darf auch nicht meinen, "Übergangsphase" sei generell ein abwertender Begriff. Gerade solche Phasen können doch viel interessanter sein als etwas, das sich stilistisch genau festnageln lässt, oder? Dass gerade dadurch viele der Renaissance-Komponisten eine ausgeürägte Eigenständigkeit erlangten muss betont werden.
Was die Musiktheorie betrifft, würde ich persönlich nicht zu einem Dummy-Buch raten (da gibts bestimmt eins, aber das Buch "Klassik für Dummies" etwa enthält auch viele falsche Angaben, daher ist Vorsicht geboten). Generell würde ich eher gute Lehrbücher nehmen, mit einer allgemeinen Musiklehre anfangen (es gibt eine recht anschauliche und kompakte von Ziegenrücker), danach kann man sich mit Harmonielehre (da gibt es natürlich Unmengen, ich selber habe mit dem zwar etwas verstaubten aber ziemlich vollständigen Wolf gelernt) oder Analyse etc. befassen. Um die Alte Musik zu verstehen müsste man eigentlich Kontrapunkt lernen, doch auch da muss man gleich relativieren: Kontrapunkt in einem jeweiligen Personalstil, denn es gibt keinen "Kontrapunkt an sich", auch wenn man früher dachte, mit Fux oder Palestrina könne man Kontrapunkt lernen. Das muss immer beispielbezogen sein. Gute Bücher, die ich generell empfehlen kann, sind die von Morbach (ich hatte ihn schon im Frühbarock-Thread empfohlen). Er hat mittlerweile seine Trilogie beendet, es stehen also Bücher über Mittelalter, Renaissance und Barock von ihm zur Verfügung. Das gute bei den Büchern ist, dass eine CD dabei ist, die alles Notenmaterial enthält, das im Text genannt und betrachtet wird. Durch seine Tätigkeit als Radio-Moderator kann Morbach relativ einfach erklären, was immer zu begrüßen ist. Für eine schnelle Übersicht in muskalischen Fragen empfehle ich außerdem den DTV-Atlas zur Musik, den benutze ich immer noch gerne, wenn ich schnell was nachschauen muss. Es ist eine Anschaffung fürs Leben, alles sehr kompakt und gut recherchiert.
Herzlich, S A T I E
Cetay (inaktiv) (22.06.2008, 16:29): Wie immer, wenn es um den Einstieg in unbekannte Gefielde geht, können Basisrepertoirelisten - wie etwa bei ClassicalNet - für den Anfang ein guter Wegbegleiter sein.
satie (22.06.2008, 17:21): Lieber Dox, danke für den Hinweis. Die Liste enthält seltsamerweise auch Namen wie Monteverdi, der nun gerade der Barock-Pionier schlechthin ist und nirgends mehr zur Renaissance Gezählt wird. Bei Gibbons und Dowland kann man sich immerhin streiten, bei Praetorius vielleicht auch noch. Allegri hingegen kann man nur noch sozusagen gewaltsam in die Renaissance pressen. Insofern ist die Liste also mit Vorsicht zu genießen, trotzdem sind die aufgelisteten Werke sicherlich kein schlechter Einstieg.
Herzlich, S A T I E
Cetay (inaktiv) (22.06.2008, 18:21): Bevor ich mich mit den musikgeschichtlichen Hintergründen beschäftigt habe, empfand ich Monteverdi nie als Barockkomponist. Oder hemdsärmlig gesagt: für mich hat er eine größere klangliche und stilistische Nähe zur (Spät-)Renaissance als zum Spätbarock. Bei Monteverdi fließen alle Neuerungen zusammen, die während der Spätrenaissance aufgekommen sind und somit kann man ihn auch als eine Art Nahtstelle sehen. Beim Übergang zwischen stilistischen Epochen ist es oft unklar, wo der Kulmunationspunkt der alten und wo der Ausgangspunkt der neuen ist. Von daher kann ich nachvollziehen, wie Monteverdi auf diese Liste geraten ist, auch wenn es musikhistorisch nicht ganz korrekt ist.
Poztupimi (22.06.2008, 19:09): Lieber Satie,
vielen Dank erstmal zum für den gestarteten Faden und für Deine einleitenden Worte!
Meine praktische Erfahrung mit der Musik der Renaissance beschränkt sich bisher auf die Werke, die ich in diversen Chören mitgesungen habe, z. B. von Hans Leo Haßler, William Byrd, John Dowland, Thomas Morley, Thomas Tallis, Guillaume Dufay, Orlando di Lasso, Don Carlo Gesualdo. Und die habe ich in bester Erinnerung und teilweise auch auf CD. Also sicher noch eine ganze Menge für mich zu erhören – wer soll das bezahlen und wann soll ich das alles dann hören ?(
Viele Grüße, Wolfgang
Carola (23.06.2008, 11:36): Original von Dox Orkh Wie immer, wenn es um den Einstieg in unbekannte Gefielde geht, können Basisrepertoirelisten - wie etwa bei ClassicalNet - für den Anfang ein guter Wegbegleiter sein.
Es gibt eine ganze Menge, was ich von dieser Liste noch nicht kenne....
Meine liebsten drei Renaissance-CDs sind zurzeit diese hier:
Eine Doppel-CD mit Spitzenaufnahmen der Tallis Scholars. Besonders bekannt dürfte das Miserere von Allegri sein, aber auch Palestrina, Byrd, Lassus, Brumel und andere sind mit dabei.
Dann natürlich die melancholischen Lieder von John Dowland. Hier mag ich die Aufnahme mit Emma Kirkby besonders gerne.
Ob man diese Musik wirklich auf einem modernen Flügel spielen sollte? Das Ergebnis gefällt mir jedenfalls sehr, auch wenn hier womöglich mehr Gould als Gibbons zu hören ist.
Mit Gruß von Carola
Cetay (inaktiv) (23.06.2008, 13:47): Auch wenn es etwas lahm ist, nur Links zu posten: Da diese Fadeneröffnung in mir das starke Verlangen ausgelöst hat, etwas systematischer in dieses im allerbesten Sinne aufregende Repertoire einzutauchen, hab ich das Web durchforstet und bin auf diese wirklich sehr gute englischsprachige Seite gestossen. Hier sind viele interessante Artikel zu finden, welche die Zielgruppe vom Einsteiger, der Hörtips sucht, bis zum Spezialisten, der Details über die pythagoraeische Stimmung erfahren möchte, abdecken. Besonders gelungen ist m.E. der historisch-stilistische Abriss, der für mich als Einsteiger genau die richtige Balance zwischen Kompaktheit und Informationstiefe erreicht. Das wird alles wieder eine ganz furchtbar teure Angelegenheit werden... :I
Leif Erikson (23.06.2008, 17:13): Hallo,
ich habe im italienischen Wikipedia eine schöne Übersichtsgraphik über die Komponisten der Renaissance gefunden:
http://it.wikipedia.org/wiki/Musica_rinascimentale (in der Vorschau war die Schrift nicht lesbar, deshalb nicht gepostet.)
Da ich anfangs nicht wußte, welche Komponisten ich kaufen sollte, habe ich die beiden box-sets von Brillant Classics gekauft. Sowohl musikallisch als auch klanglich gut:
"Renaissance Masterpieces": Tallis, Gibbons, Tomkins Taverner, Byrd, Lassus, Du Caurroy, Palestrina, De Monte. 5 CD
"O magnum mysterium": Messen von Josquin, Finck, Ockeghem, Gombert, Brumel, Isaac, Dufay. 4 CD
Von Naive gibt es eine 6 CD Kassette mit Messen und Motetten von Josquin Desprez / A sei voci / Fabre-Garrus für ca. 42,- €, die ich immer wieder höre.
Von Orlando di Lasso kann ich empfehlen:
Prophetiae Sibyllarum / Cantus Cölln / DHM Lagrime di San Pietro / Herreweghe / HMF Motetten & Madrigale / Alsfelder Vokalens. / apex Chansons / Ensemble Clément Jannequin / D. Visse / HMF Deftige Lieder und Chansons / Münchener Motettenchor / Zöbeley / Ch
Meine Lieblingskomponisten sind Josquin Desprez und Orlando di Lasso. Die beiden Boxen von Brillant möchte ich keinesfalls missen, da sie einen großen Zeitraum und viele Stilvarianten abdecken.
ab (13.03.2009, 22:52): heute im Radio einen leider nur ganz kurzen Ausschnitt gehört, wobei mir die Interpetation sehr gut schien :
Johannes Ockeghem: Missa Cuiusvis toni Messen in d, e,f, g Ensemble Musica Nova Lucien Kandel, Dirigent Aeon
Dabei handelt es sich um eine Messe, die gleich in vier verschiedenen Tonarten vorgetragen wird. Da kann man wohl lernen, was Tonarten wirklich bedeuten. Kennt jemand von euch dieses spannende Experiment?
Für mich eine erfreuliche Entdeckung der war mir bislang komplett entgangen. Renaissance-Musik ist für mich bislang ein weitgehend weißer Fleck auf der musikalischen Landkarte, mit einzelnen Zufallsbegegnungstupfern, die ich doch aber immer erfreulich fand, so dass ich mir eigentlich schon länger mal vorgenommen hatte, mich ein bisschen besser zu informieren.
Liebe Grüße
Sabine
ab (20.04.2009, 14:25): Im Radio ist gerade von William Byrd sein Ave verum corpus, gesungen vom frühen Hilliard Ensemble (EMI) verklungen.
William Byrd: The Great Service in the Chapel Royal
Musica ContextaThe English Cornett and Sackbut Ensemble Steven Devine, Orgel Simon Ravens
London, St. John's Church, Upper Norwood 02. - 04. Mai 2011
Eben die oben gezeigte Aufnahme des "Great Service" von William Byrd gehört, die heute früh in meinem Briefschlitz lag. Ich bin sehr angetan. Sicher, die Aufnahme mit den Tallis-Scholars ist aufgrund des speziellen, glänzenden Tones des Ensembles und der herrlich halligen Akustik etwas besonderes, diese ist es aber - auf ihre Weise - auch. Denn während die Tallis Scholars den "Great Service" a capella musizieren, treten zu den Sängerinnen und Sängern des Ensembles Musica Contexta die Zinken und Sackbutten des English Cornett and Sackbut Ensemble colla parte spielend hinzu. Für diese Klangkonzeption bin ich (eigentlich immer) sehr empfänglich, zumal sie - der lesenswerte Einführungxtext von Ensembleleiter Simon Ravens weist darauf hin - für Aufführungen in der Londoner Chapel Royal durchaus belegt werden kann. Die Choristen der Musica Contexta klingen insgesamter weicher und weniger brillant als Phillips' Sängerinnen und Sänger, was dem Byrdschen Klangzauber aber keinen Abbruch tut. Klingen die Tallis Scholars schon fast überirdisch, so hört man hier einen Byrd von dieser Welt. Hinzu kommt, dass die Musica Contexta - Fausto Cercignanis Standardwerk "Shakespeare's Works & Elizabathan Pronunciation" lässt grüßen - für ihre Aufnahme nicht die moderne, sondern die elisabethanische Aussprache des Englischen wählt. Ein für mich vollkommen aufgehendes Gesamtkonzept.