Travi (12.10.2007, 11:24): Ich habe gerade einen Roman gelesen, in dem die klassische Musik und ein Pianist eine zentrale Rolle spielen. La Musique d'une Vie erschien 2001 im Verlag Éditions du Seuil, in der deutschen Übersetzung 2003 als Die Musik eines Lebens bei Hoffmann und Campe. Auf diesen kurzen Roman und seinen Verfasser möchte ich euch aufmerksam machen. Vielleicht kennt ihn ja auch sonst noch jemand und hat schon eine Meinung dazu.
Zum Verfasser:
Andrei Makine schreibt französisch, ist aber russischer Muttersprache. Er wurde 1957 im damals sowjetischen Krasnoyrarsk in Sibirien geboren. Als er in den 80ziger Jahren an einem sowjetisch-französischen Austauschprogramm für Lehrer teilnimmt, beschließt er, in Frankreich zu bleiben, und erhält politisches Asyl. Er beginnt, auf Französisch zu schreiben, und promoviert in Paris über Ivan Bunin, den berühmten russischen Autor, den er auch als bedeutenden Einfluss nennt. Inzwischen wurde er mehrfach mit den höchsten französischen Literaturpreisen ausgezeichnet sowie in mehrere Sprachen übersetzt.
Zum Inhalt:
Das schmale Buch ist klar strukturiert. Der kurze Anfangsteil liest sich fast wie eine theoretische Einführung zum "Homo Sovieticus". Dieser wird definiert als jemand, dem eine bestimmte geistige Verfassung eigen ist und der allen Widrigkeiten zum Trotz und innerlich intakt überlebt. Den sich anschließenden längeren Hauptteil wäre man versucht, als bloße Veranschaulichung der Theorie abzutun, wenn man dem stilistischen Können des Verfassers damit nicht Unrecht täte. Es handelt sich um die Begegnung des Erzählers mit dem Pianisten Alexei Berg als altem Mann, der immer noch in und mit seiner Musik lebt, obwohl er seine Karriere im Mai 1941 aufgeben musste, noch bevor sie begonnen hatte. Bergs Geschichte ist die des jungen Musikers, der die Kriegsjahre bis 1945 nur überlebt, weil er eine falsche Identität annimmt, die eines toten Soldaten.
Ein sehr kurzer Schluss führt wieder in die Gegenwart des Erzählers zurück. Abermals zufällig trifft er den Pianisten wieder, diesmal in Moskau. Berg war inzwischen jahrelang im Lager, weil er sich einmal "hat gehen lassen" und sich als Virtuose "geoutet" hat. Aber die Musik ist ihm immer noch ständig präsent. Diese innere Musik ist sein Leben und sie ist wichtiger als alles andere, als alles Äußere, mehr als eine Karriere.
Meine Meinung:
Das Buch hat bei Rezensenten nicht nur Freude ausgelöst, und bei der intensiveren Beschäftigung damit kamen mir, ich muss es gestehen, doch auch einige Zweifel. Wegen der sprachlichen Gestaltung habe ich den Text gern gelesen; die oben angeführte Dreiteilung scheint mir aber aus etwas größerer Distanz betrachtet zu rigide, insbesondere die "Illustration" der "These" wirkt beim abermaligen Lesen doch recht spröde. Ich habe mich außerdem gefragt, wie es möglich ist, dass ein Pianist, der jahrelang als aktiver Soldat im Krieg war und deutliche physische Spuren davongetragen hat (von den psychischen ganz zu schweigen), aus dem Stand eine virtuose Vorstellung geben kann. Alexei Berg ist, obwohl die Hauptperson, fast unsichtbar. Dies hat meiner Meinung nach nicht nur damit zu tun, dass er sich schützen muss, sondern auch damit, dass er, so schlimm das klingen mag, abgesehen von seinem erschütternden Schicksal während der Stalinzeit, eigentlich keine wirklich interessante Figur ist - seine Ansprüche an das Leben wirken zuletzt doch sehr basal.
Vielleicht kann der eine oder die andere von euch dem Werk mehr abgewinnen. Und sich vielleicht den im Text erwähnten Rachmaninov dazu auflegen ...
Nun würde mich natürlich eure Meinung interessieren! :-)
Travi
Nordolf (14.10.2007, 13:16): Hallo Travi!
Danke für diesen Hinweis! Ich kenne den Roman nicht, bin jetzt aber durch Deine sehr gute Beschreibung neugierig geworden.
Ich habe noch ein anderes Anliegen: Könnte man diesen Thread nicht etwas allgemeiner fassen? So wie es auch dem Namen des Threads entsprechen würde?
"Die Musik in Literatur und Kunst" wäre wirklich ein schönes Thema hier - auch unabhängig von dem Roman.
Herzliche Grüße! Jörg
Travi (15.10.2007, 09:53): Guten Morgen Nordolf!
Das freut mich sehr, dass Dich mein Beitrag neugierig gemacht hat - hatte schon befürchtet, dass hier gar keine/r mehr "anbeißen" würde;-). Nun bin ich gespannt, ob wirklich der eine oder die andere Zeit und Lust zur Lektüre findet ...
Habe übrigens auch noch was anderes in petto, aber das dauert noch ein Weilchen, bis ich das hier einstellen kann. Und über Musik will ich ja "auch noch" schreiben (wenn nur diese blöde Bilder-Einfügetechnik, die ich nicht beherrsche, nicht wäre; sorry, aber ich kann immer noch kein Bild einstellen, obwohl mir letzte Woche jemand freundlicherweise einen Hinweis gab).
Ich wünsche eine gute Woche allerseits!
Gruß, Travi
Nordolf (15.10.2007, 17:27): Hallo Travi!
Original von Travi
Habe übrigens auch noch was anderes in petto, aber das dauert noch ein Weilchen, bis ich das hier einstellen kann
Ich nehme das mal als Einverständnis dafür, hier auch andere Werke zu thematisieren.
wenn nur diese blöde Bilder-Einfügetechnik, die ich nicht beherrsche, nicht wäre; sorry, aber ich kann immer noch kein Bild einstellen, obwohl mir letzte Woche jemand freundlicherweise einen Hinweis gab
1. bei z.B. amazon oder jpc auf "Cover vergrößern" klicken 2. Rechtsklick auf das Bild, "Grafikadresse kopieren" wählen (oder Bildadresse - je nach Browser) 3. in die Posting-beantworten/erstellen-Maske gehen; dort den Button "Bild einfügen" anklicken (der gelbe mit dem schwarzen Dreieck in der linken Ecke) 4. Rechtsklick auf das Schreibfeld der erscheinenden Maske; "Einfügen" anklicken und "ok"
Und das alles immer in der Posting-beantworten/erstellen-Maske tun - sonst klappt es nicht!
Herzliche Grüße! Jörg
Nordolf (15.10.2007, 17:29): Hallo!
Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857) gehört zu den bekanntesten Protagonisten der deutschen Romantik. Ich liebe seinen "Taugenichts" allein schon wegen dem Satz: "Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte." :J Eichendorff hat sein Dichten ja als "Singen" gesehen. Auch der Taugenichts fährt mit einer Fiedel durch die Welt, auf der er den Leuten unterwegs ein Liedchen vorspielt oder mit den wandernden Studenten Musik macht.
Wie sein bekannter Vierzeiler "Wünschelrute" deutlich zeigt, verbarg sich für Eichendorff im Innersten der Welt das Lied:
"Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort."
Interessant finde ich, zu welchen Komponisten er sich in den autobiographischen Aufzeichnungen bekannte. Die sich den geistlichen Werken widmenden Tonsetzer schätzte er besonders: - J. S. Bach, Gluck, Händel. Man darf allerdings nicht vergessen, das Eichendorff seinen Gott nicht so sehr im Jenseits suchte, sondern ihn vor allem in der Natur, in der Nacht, im "Waldesrauschen" finden wollte. Als echte Romantiker in der Musik erschienen ihm Mozart, Beethoven und Karl Maria von Weber. Die "Klassiker" Mozart und Beethoven waren aus der Sicht Eichendorffs also noch "Romantiker".
Herzliche Grüße! Jörg
Travi (16.10.2007, 14:44): Hallo Nordolf,
vielen Dank für die Eichendorff-Anregung! Ich weiß zwar ehrlich gesagt nicht, ob ich jemals dazu kommen werde, den "Taugenichts" zu lesen, da sich bei mir die ungelesenen Stapel eh schon häufen, aber zur deutschen Literatur komme ich so selten, da sind mir solche Hinweise sehr willkommen. Vielleicht inspiriert mich ja demnächst eine Bach- oder Händel- oder Mozart-CD ("so weit" wie Gluck würde ich erstmal nicht gehen...) doch zur Lektüre, wer weiß... :wink
Nun bin ich gespannt, wer sonst noch was auf Lager hat, und wie's hier in diesem Faden weitergeht.
Herzlichen Dank auch für die Tipps zum Bildereinfügen. Ich habe mich noch nicht wieder drangemacht, werde das aber sicher bald tun.
Gruß, Travi
Carola (19.06.2008, 18:04): Sehr schön finde ich diesen 1988 bei Bärenreiter erschienenen Band mit deutschen Musikgedichten aus sieben Jahrhunderten.
Mit dem Mittelalter beginnend (Wolfram von Eschenbach) wird der Bogen bis in die Lyrik des 20. Jahrhunderts geschlagen. Der überwiegende Teil der Gedichte stammt allerdings aus der Zeit der Romantik. Aber auch das 20. Jahrhundert ist gut vertreten, stellvertretend seien Namen wie Rose Ausländer, Else Lasker-Schüler (von der das Titelgedicht stammt), Sarah Kirsch, Hermann Hesse, Paul Celan und Hans Magnus Enzensberger genannt.
Besonders spannend finde ich persönlich Musikgedichte immer dann, wenn sie nicht nur über Musik schreiben, sondern selber Musik werden oder dies zumindest versuchen. Denn auch ein Gedicht hat ja Klang und Rhythmus, kann tänzerisch, burlesk, getragen oder feierlich schreitend daher kommen. Oder, wie der Herausgeber Reinhard Kiefer es in seinem lesenswerten Nachwort formuliert: „Wenn das Gedicht die Musik thematisiert, dann ist das keine beliebige Themenwahl, sondern eine Entscheidung, die die poetische Substanz betrifft.“ (Seite 250).
Mit Gruß von Carola
Carola (21.06.2008, 11:39): Wer sich für Hermann Hesse und sein - intensives - Verhältnis zur Musik interessiert, wird in diesem Suhrkamp-Bändchen fündig werden:
Neben einer Reihe von Musikgedichten finden sich hier auch noch kurze Prosatexte, Betrachtungen und Briefe Hesses zum Thema. Seine hohe Wertschätzung der Musik wird schon an einer kurzen Textpassage deutlich, die auf der Rückseite des Buches zu finden ist:
Der Musik ist eine Urkraft und ein tiefer Heilzauber eigen, mehr als jede andere Kunst vermag sie an die Stelle der Natur zu treten und sie zu ersetzen.