Cetay (inaktiv) (27.09.2017, 19:23): Elliott Sharp ist ein Prototyp des zeitgenössischen Omni-/Post-Stilisten. Er gehört zur experimentellen Avantgarde und kann kaum einer Stilrichtung zugeordnet werden. Der Multi-Instrumentalist und Komponist leitet Blues-Bands, Jazz-Ensembles, macht Neue Improvisationsmusik, zum Teil auf selbstgebauten Instrumenten, komponiert für Theater, Ballett und Film, ist Komponist von zeitgenössischer Klassik und -hier wird es spannend- er erschafft Musik, die sich irgendwo im Niemandsland zwischen den Genres und Stilen niederlässt - nicht im Sinne eines Crossover, sondern weder zum Rock, noch zum Jazz, noch zur Neuen Klassik gehörend - etwas tatsächlich Neues bietend. Insbesondere seine für die Bühne geschaffenen und frech als Oper titulierten Werke fallen in diese Kategorie und gehören zum aufregendsten, das mir auf meinen Entdeckungsstreifzügen durch die Welt der Nebenströme begegnet ist. Ich werde in diesem Faden die drei Sharp-Opern, die ich kenne, nach und nach vorstellen - ich glaube nicht, dass das wegen überwältigender Beteiligung irgendwann unübersichtlich werden wird und jede einen eigenen Faden haben muss. :cool Vielleicht kommt noch eine Vierte dazu - ich ringe mit mir, ob ich mir EM/PYRE als Tonträger zulege, weil die nirgends zum strömen bereit steht. Ach ja, der Ordnung halber sollte ich vielleicht noch die Chronologie zeigen, wo nichts anders angegeben ist, stammen die Libretti von Sharp . Innosense (UA: 1981) EM/PYRE (UA: 2006, Auftrag von Donella Del Monaco) Binibon (UA: 2009, Libretto: Jack Womack)) About Us (UA: 2010, Auftrag der Bayerischen Staatsoper München, nicht auf Tonträger gefunden) Port Bou (UA: 2014) Beginnen wir mit dem aktuellsten Bühnenwerk, das Sharps größte Annäherung an die Klassische Tradition darstellt. Die Oper Port Bou zeigt die letzten Momente des Lebens des Philosophen Walter Benjamin an der französisch-spanischen Grenze, wo er auf der Flucht aus dem Nazi-besetzten Frankreich festsitzt. Aus dem Studium von Benjamins Texten und Briefen hat Sharp eine dramatische Interpretation von Benjamins innerer Realität an seinem letzten Tag erschaffen und dabei Bezüge zu wichtigen Werken Benjamins hergestellt, darunter Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und Die Aufgabe des Übersetzers. Die Besetzung ist außergewöhnlich, aber immerhin ist ein "richtiger" Sänger vorgesehen, der freilich über die Anforderungen des konventionellen Kunstgesangs hinaus auch gutturale und keuchende Lautbildungen im Repertoire haben muss. Die Begleitung ist für Akkordeon und Klavier gesetzt und wird ergänzt durch vorab aufgenommene "elektroakustische" Musik von Sharp, der hierfür an Bassklarinette, Posaune, Viola, Violoncello, Gitarre, Schlaginstrumenten und mit elektronischer Klangbearbeitung aktiv war.
Die Uraufführung wurde im Oktober 2014 in Brooklyn gegeben. Solisten waren Nicolas Isherwood (Bassbariton) als Benjamin, Jenny Lin am Klavier und William Schimmel am Akkordeon und das ganze wurde mitgeschnitten und später auf CD veröffentlicht. Kein leichter Stoff ist das, aber die Seelenqualen des Selbstmörders vor dem letzten Schritt benötigen gelegentlich auch drastische musikalische Mittel, um glaubwürdig umgesetzt zu werden. Und das ist -für mich als eigentlichen Vertreter des Opern-Indifferentismus- das entscheidende Merkmal, das dieses Werk in meinem Hörrepertoire verankert hat.
Elliott Sharp; Port Bou Eine Einmann-Kammeroper über die letzten Momente im Leben des Philosophen Walter Benjamin. Libretto: Elliott Sharp
Nicolas Isherwood (Bassbariton): Walter Benjamin Jenny Lin (Klavier), William Schimmel (Akkordeon), Elliott Sharp (Elektronik)
satie (27.09.2017, 20:42): Wieder eine Bildungslücke, die ich mal schließen muss, danke Cetay! Ich kenne von Sharp genau ein Stück, auf der CD "Short Stories" des Kronos Quartet. Bin Mal gespannt, wie mir das zusagt!
Herzliche Grüße Satie
Falstaff (27.09.2017, 20:47): Lieber Cetay, das ist wirklich mal ein aufregender Tipp.
Ich habe mich natürlich sofort zu YouTube begeben, wo man allerdings von den 'klassischen' Werken relativ wenig findet. So nur ein knapp 2 Minuten Ausschnitt von 'Port Bou'. Da kann man natürlich wenig daraus entnehmen.
Interessant fand ich aber dieses Video:
https://www.youtube.com/watch?v=kDs7etWx9R4
Da wird. denke ich, ganz deutlich, wie aus Jazz, Rock, Klassik eine neue Musik entsteht. In der Tat kein Crossover. Gott sei Dank! :D Sehr anregend fand ich ihn dann aber auch im reinen Jazzbereich. Großartig z.B. seine 'Meditationen' über Monk. Zudem ist er ja ein wirklich außergewöhnlicher Gitarrist.
https://www.youtube.com/watch?v=oNXqr_SfB38
LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (27.09.2017, 21:22): Diese beiden Videos kannte ich wiederum nicht und das Trio ist -off topic hin oder her- wirklich außergewöhnlich. Um Minute 6 herum bekommt man glatt Lust, mal wieder Space Truckin' von Deep Purples Made in Japan zu hören. :thumbsup:
Falstaff (27.09.2017, 23:41): Um Minute 6 herum bekommt man glatt Lust, mal wieder Space Truckin' von Deep Purples Made in Japan zu hören. Kann ich gut verstehen. :J
LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (28.09.2017, 18:46): Beginnen wir mit dem aktuellsten Bühnenwerk, das Sharps größte Annäherung an die Klassische Tradition darstellt. Und nun geht es weiter mit dem 33 Jahre zuvor entstandenen Erstling, auf den das genaue Gegenteil zutrifft.
Innosense hat zumindest mal einen Schauplatz -ein Keller irgendwo in der Lower East Side von New York- und eine -postapokalyptische- Kulisse. Es gibt auch Akteure, aber damit hören die Gemeinsamkeiten mit der traditionellen Form der Oper endgültig auf. Denn die drei Bühnendarsteller, sinnigerweise als "Three Improvisers" bezeichnet, singen nicht etwa sondern improvisieren auf Instrumenten. Die eigentlichen Rollen kommen vom Band und tragen die Namen "Bio/Logicals", "The State" und "Myth". Das Band-Material (es gibt eins für jede Rolle) enthält Texte -teilweise von Sharp geschrieben und von Sprechern rezitiert, teilweise aus verschiedensten öffentlichen Quellen gesampelt- vermischt mit allerlei Klängen, Lauten und Effekten von Instrumenten oder Feldaufnahmen. Die vierte Rolle "GeoClock" ist ein früher von Sharp aufgenommenes Perkussionsstück, das als Orgelpunkt permanent während der gesamtem Aufführung mitläuft. Wer nun vermutet, dass dabei nicht viel anderes als eine große Kakophonie herauskommen kann, liegt so falsch nicht. Aber: wenn man sich erst mal eingehört hat, ist man (bin ich) drin in dieser Klangwelt und merkt (merke), dass die Metamorphosen nicht zufällig erfolgen, die Improvisatoren nach einem verborgenen Plan eingesetzt werden, die ätzenden Tumultpassagen und relative Entspannungspausen stimmig abwechseln. Die aus mathematischen Prinzipien abgeleitete formale Organisation ist das Spannungsbogen schaffende Merkmal, das dieses Werk in meinem Hörrepertoire verankert hat.
Die Uraufführung fand 1981 in SoHo, New York City statt und im gleichen Jahr entstand auch eine Aufnahme davon.
Elliott Sharp; Innosense Eine postapokalyptische Opernszene für 3 Live-Improvisatoren und 4 Tonbänder. Libretto: Elliott Sharp
Charles K. Noyes (Perkussion): Improviser Lesli Dalaba (Trompete): Improviser Elliott Sharp (Bundlose E-Gitarre, Sopransaxophon, Bassklarinette): Improviser Elliott Sharp (Tonband, Samples, Elektronik, Stimme) mit Victoria Vecna & Felipe Orrego (Sprecher): Bio/Logicals, The State, Myth Elliott Sharp (Tonband, Perkussion): GeoClock
Cetay (inaktiv) (30.09.2017, 10:27): Der amerikanische Strafvollzug hat einen Mörder produziert, der sich philosophisch gab, über den unmenschlichen Vollzug klagte, aber selber unmenschlich handelte. Der Autor Abbott hat der Öffentlichkeit geschildert, was der Mörder Abbott im Selbstversuch aus den amerikanischen Gefängnissen zu berichten hatte. Wenn Sie es denn wissen will. (...) Es ist mehr von Jack Henry Abbott übrig geblieben als die Veredelung seiner Schreckenstat in "Binibon" (...) ein Werk von elektronischer Musik. (Ulrich Wickert, Neugier und Übermut, München 2014)
Für seine mittlere Oper, die eigentlich eher ein Hörspiel für die Bühne ist, sicherte sich Sharp die Mitarbeit des renommierten Science Fiction Autors Jack Womack. Das macht dieses Werk, was das Geschichten erzählen und den virtuosen Umgang mit Worten anbelangt, zu einem intellektuellen Vergnügen allererster Güte. Das Sujet ist allerdings wenig vergnüglich, zumal es auf einer wahren Geschichte beruht. Jack Henry Abbott wurde zeitlebens in Heimen und stattlichen Institutionen herum geschoben und misshandelt, endete konsequenterweise im Gefängnis, schrieb dort das Buch In the Belly of the Beast über die schonungslose Realität des Vollzugs, wurde als Literat gefeiert, protegiert und begnadigt - um kurz darauf aus nichtigem Anlass einen Totschlag zu begehen. Dieser ereignete sich in der New Yorker Künstlerkneipe Binibon an einem Tag, an dem Elliott Sharp selbst anwesend war. Auch wenn er erst später davon mitgekommen hat, verfolgte ihn das fortan, so dass er den Stoff schließlich in einem Bühnenwerk verarbeitet hat.
Die Rahmenhandlung wird von einer Sprechrolle erzählt, ebenso wie Abbotts Schilderung der Tat, und die Beschreibung der Vorgänge aus der Sicht des Opfers und von diversen Augenzugen. Gesungen wird nur vereinzelt. Nun sind Melodramen eigentlich nicht mein Ding, aber hier halten mich die Erzähler ganz eng an der Leine - aber noch mehr ist es die musikalische Verstärkung von Sharp, die das zu einer echten Sensation macht. Nur in Beispiel; Wenn Abbott bei seiner Schilderung eiskalt die Vorbereitung der Tat rezitiert "think of the knife as an extension of your arm" bringt Sharp einen gesampelten Beat. Sehr wirkungsvoll! Ich höre schon im Kopf des Konservatisten die Frage, was denn ein gesampelter Beat in einer Oper verloren hat. Nun, das Werk stammt von 2009 und spielt in 1981, dementsprechend verarbeitet Sharp die Musik der Zeit, die neben avantgardistischen Klangexkursionen auf der Gitarre, auch Free-Jazz-Versatzstücke und eben eine Menge von populären Musikstilen der Zeit enthält, freilich nicht ohne von Sharp auf ein angemessen abstraktes Niveau (Klang-)manipuliert zu werden.
Die Uraufführung fand 2009 in "The Kitchen", New York City statt und es gibt eine CD-Aufnahme.
Elliott Sharp; Binibon Musiktheater über die Chronik eines Mordes und die Transformation der New Yorker East Village in den 80ern. Libretto: Jack Womack
Jack Womack: Erzähler Jeddiah Schulz: Jack Henry Abbott, Mörder Cy Fore: Richard Aiden, Opfer Queen Esther, Sonja Perrymen, Ryan Quinn: Augenzeugen Elliott Sharp (Bassklarinette, Schlagzeug, Gitarren, Perkussion, Saxophone, Synthesizer, Samples, Programmierung, Klangregie)
EinTon (30.09.2017, 21:34): Mit war gar nicht geläufig, dass Elliott Sharp auch "klassische" Musik geschrieben hat. Mir war Sharp v. a. als avantgardistischer Jazzer bzw. freier Improvisationsmusiker und (ehemaliger) Vertreter von John Zorns "Radical Jewish Culture" bekannt. Gehört habe ich seine Aufnahmen aber auch in diesem Bereich nur flüchtig, hier zB im Duett mit der Harfenistin Zeena Parkins:
Cetay (inaktiv) (01.10.2017, 10:28): Mit war gar nicht geläufig, dass Elliott Sharp auch "klassische" Musik geschrieben hat. Gegen solche Bildungslücken gibt es ja das-klassikforum.de :thumbup:
Mir ging es ähnlich. Ich kannte Sharp auch "nur" aus dem Jazz-Umfeld und habe ihn erst kürzlich als Modernen Klassiker entdeckt, weil eines seiner Werke auf einer Donaueschinger CD drauf war und weil er eine Aufnahme mit dem von mir verfolgten Zeitkratzer-Ensemble gemacht hat. Ich höre mich gerade durch seine Instrumentalmusik und kann vor allem die beiden Platten The Boreal und Transzience, die mit Klavier solo, Klarinettentrio, Streichquartett, sowie Werken für Kammerensembles und für großes Orchester ein breites Spektrum abdecken, wärmstens zum Kennen- und Liebenlernen empfehlen.
Cetay (inaktiv) (14.10.2017, 18:35): (...) ich ringe mit mir, ob ich mir EM/PYRE als Tonträger zulege, weil die nirgends zum strömen bereit steht. Wie gut, dass ich dieses Ringen verloren habe -oder gewonnen? Bei so einem Kampf mit sich selbst kann man sich das aussuchen. EM/PYRE ist für mich nicht nur die beste der bislang auf Tonträger veröffentlichen Opern, sondern einer der absoluten Höhepunkte im Schaffen Sharps, ja sogar der Modernen Klassik des 21. Jahrhundert. Aber der Reihe nach:
Die Komposition wurde von der Sopranistin Donella Del Monaco in Auftrag gegeben. Wenn es bei dem Namen klingelt: Ihr Onkel Mario gilt als große Nummer bei Opern-Kennern und auch sie selbst hat eine gewisse Bekanntheit erlangt - allerdings vorwiegend in elitären Kreisen außerhalb der klassischen Zirkel, wegen ihrer Arbeit mit der Gruppe Opus Avantra, die seit über 40 Jahren Rock, Jazz, Lied, Folklore, Klassik, Elektronik und Tonexperiment miteinander verbindet. Del Monaco veranstaltete in den 00'ern in Italien eine Serie von Konferenzen unter dem Motto the creative interpreter, wo sich Komponisten, Philosophen, Interpreten, Kritiker und Musikwissenschaftler mit Fragen zeitgenössischer Musik und ihren philosophischen Aspekten auseinandersetzen. Im Jahr 2006, das unter dem Motto com/porre insieme (gemeinsam komponieren) stand, übernahm Sharp den Part des kreativen Interpreten. Er schuf dafür eine Struktur, innerhalb derer Symbole, Hinweise und Bezüge als Basis für ein kollektives Werk bereitgestellt wurden. Geleitet wurde die Komposition durch Deutung und Vergleich des Venezianischen Reichs im 15. Jahrhundert mit dem New York City Empire im späten 20 Jahrhundert. Die Realisierung erfolgte dann während eines Workshops im Rahmen der Konferenz innerhalb von 2 Tagen durch die Ausführenden, zu denen auch Sharp gehörte, wobei das kompositorische Kernmaterial durch geleitete Improvisationen und durch die Anwendung von Algorithmen ausgearbeitet wurde.
Konsequenterweise wurden auch die Texte von den Sängern selbst beschafft. Sharps Bezugsrahmen ist the ambiguity of power and of its subtle intrusiveness to all aspects of communication, distorting the possibility of any real meaning. Der Bariton Steve Piccolo wählte zur Verwirklichung eine "Müll"-Sprache, die überhaupt nicht kommuniziert - formal tadellos, aber jeglicher kommunikativen Notwendigkeit beraubt, während Del Monaco mit den Mitteln von Mehrdeutigkeit und Verführung eine Sprache wählte, die nicht das kommuniziert, was sie sagt. Hierzu wählte sie obsessive Wiederholungen von mehreren berühmten Phrasen aus Mozarts Don Giovanni.
Das Werk wurde unmittelbar nach dem Workshop am 28. Oktober 2006 in Venedig uraufgeführt und mitgeschnitten. Mit von der Partie war neben Sharp, Del Monaco und Piccolo ein Ensemble aus 4 Bläsern, 3 Streichern und je einem Keyboarder, Perkussionisten und Live-Elektroniker. Und wie klingt das Ergebnis? Das ist schwer in Worte zu fassen, weil Sharp hier das im Eröffnungsbeitrag dieses Fadens beschriebene Niemandsland an dem Punkt besetzt, der am weitesten von allen Grenzen zu bekannten Stilen und Genres entfernt ist. Man (ich) weiß buchstäblich nicht, was man (ich) da hört (höre). Menschliche oder algorithmische Komposition, Komposition oder Improvisation, Klassik oder Jazz oder Rock, Opern- oder Pop-Gesang? Alles weder noch und sowohl als auch. Dort wo Sprache dekonstruiert wird, erinnert das an Georges Aperghis, wenn Sharp unbegleitet improvisiert, dann denkt man zwangsläufig an seine eigenen Soloplatten und gewisse Klangballungen kennt man von Free-Jazzorchestern, aber das sind alles nur vage Orientierungspunkte - dieses Werk ist ein einziger intertextureller Bezug zu sämtlicher Musik, die heute uns herum ist. Es wird Jahrzehnte brauchen, bis man erkennen wird, mit was für einer monströsen Genialität wir es hier zu tun haben.
Elliott Sharp; EM/PYRE Eine Oper basierend auf Deutung und Vergleich des Venezianischen Reichs im 15. Jahrhundert mit dem New York City Empire im späten 20 Jahrhundert.Libretto: Steve Picollo & Donella del Monaco
Donella del Monaco (Sopran): Sie selbst Steve Piccolo (Bariton, Sprecher): Er selbst Stefano Bruzollo (Klangregie), Com/porre insieme Workshop, Elliot Sharp (Leitung, Elektro-akustische Gitarre)
Cetay (30.11.2021, 08:25): Filiseti Mekidesi ist eine Operninstallation, in Auftrag gegeben von der Ruhrtriennale; uraufgeführt im September 2018 in der Turbinenhalle in Bochum. Eine viszerale Meditation über die universelle Suche nach einem sicheren, neutralen Ort. Anstelle einer linearen Erzählung verwendet die Oper musikalische und poetische Mittel, um Momente und Situationen der kosmischen und menschlichen Geschichte zu reflektieren, insbesondere in Resonanz mit aktuellen Ereignissen von großer Dringlichkeit. (Von Sharps Website, uebersetzt mit www.DeepL.com/Translator)
Eine hervorragend geschriebene Rezension im Feuilletonscout gibt weitere Informationen zu Hintergrund und Handlung. Die zentale Aussage zur Musik lautet: Eliott Sharp viele genreübergreifende Kompositionsmethoden für einen wuchtigen Soundtrack heran. Der ist manchmal schwer verdaulich und schroff und immer fordernd. Aber auch klangsinnlich überaus feingezeichnet. Streicher und Bläser finden sich mit Elektronik verwoben, Steeldrums liefern manchmal Flächenklänge im Hintergrund, bevor wieder perkussive Impulse auf das gerade noch Erwartete prallen. Spätromantische Farbpartikel verwirbeln sich mit Jazzidiomen. Man hört in jedem Moment, dass Sharp (...) querdenkerisch und pluralistisch in den Genres unterwegs ist. Aber das hitzige, ruhelose musikalische Dickicht ist manchmal auch kaum noch durchdringbar.
Das ist sehr gut getroffen, auch wenn ich dem letzen Satz nicht zustimmen will. Ich habe es auf CD nachgehoert. Das ist ueberragend. (Vielleicht sind meine Gehoergaenge mittlerweile von allzuviel Unanhoerbarem verhornt, aber ich finde, Sharp hat schon weit Undurchdringlichers abgeliefert - ich verweise auf die weiter oben besprochene Erstlingsoper Innosense.) Es ist unendlich faszinierend, wie souveraen Sharp hier wieder ueber die unterschiedlichsten Stilmittel aus allen moeglichen Zeiten und Orten verfuegt. Er bringt das unter, ohne dass es collagenhaft zusammengewuerfelt wirkt und ebensowenig als Selbstzweck erscheint. Hier passt einfach vorne und hinten alles zusammen. Wie schon zuvor EM/PYRE werde ich mir Filiseti Mekidesi nur sehr sparsam geben, weil jeder danach gehoerten monostilistischen Musik erstmal etwas zu fehlen scheint.
Elliott Sharp - Filiseti Mekidesi Kamilya Jubran (Sopran), Voxnova Italia (feat. Nicholas Isherwood), Ensemble Musikfabrik
Elliott Sharp - Die Grösste Fuge Nicholas Isherwood (Bass-Bariton), Asasello Quartet, Elliot Sharp (Gitarre, Samples, Elektronik, Klangregie)
Eine neue Oper von Elliott Sharp ist ein Fest wie das Zusammentreffen von lunarem Neujahr und "Golden Week" Nationalfeiertag. Zwar lässt die seit einer halben Ewigkeit angekündigte Spinoza-Oper noch auf sich warten, doch für seinen neuesten Streich hat sich Sharp ein nicht minder spannendes Sujet ausgesucht. Beethoven, die Große Fuge und die Frage, inwieweit sich der Geisteszustand des Komponisten in der Fuge widerspiegelt. Wie bei Port Bou handelt es sich um ein Monodram in kleiner Besetzung, und wieder ist es der überragende Nicholas Isherwood, der tief in die Seelenwelt des Protagonisten eintaucht. Die Musik stammt sinnigerweise von einem Streichquartett, zu dem Sharp elektronische Effekte und Zuspielungen beisteuert. Das Material stammt aus der Großen Fuge, die Texte aus Briefen und anderen Schriften Beethovens. Das Ergebnis ist ein dicker Gong. Bessere Musik gibt es nicht. Nirgends. Der gemeine Klassikhörer mag bei der Ouvertüre verwirrt nachsehen, ob er nicht die falsche CD eingelegt oder den falschen Stream angeklickt hat. Aber nach ein paar Durchläufen wird klar, dass dies die beste Zusammenfassung einer Oper seit der Zauberflöten-Ouvertüre ist. Und dann geht es los. Isherwood rezitiert, singt, nicht immer dem gewohnten Opernrahmen folgend und tief in die Texte eintauchend, die Musik folgt auf dem Fuße und lässt den Zuhörer miterleben, wie die unerhörten Töne aus dem Geiste des Komponisten erwachsen. Sharp drängt dem Hörer nichts auf, sondern bietet verschiedene Varianten an. Großartig! Und immer wieder gleitet die Musik in außerweltliche Sphären ab, wie sie Ambient-Spezialisten nicht gekonnter erschaffen könnten. Das sind die Momente, in denen ich mich frage, wie jemand auf so etwas kommt. Man wird Zeuge, wie der Geist ob des Ertaubens dem Wahnsinn verfällt. Das raubt den Atem, das ist einfach Große Musik. Das Verblüffende daran: Obwohl Sharp, der selbst auf die kompositorische Erfahrung von 20 ultramodernen Quartetten zurückgreifen kann, das Original zerhackt, neu montiert und extrem geschärft hat, klingt es nicht radikal moderner. Das spricht nicht gegen den Zeitgenossen, sondern für Beethoven. Der war seiner Zeit so weit voraus, dass ihn auch heute niemand einholen kann. Was für ein Wahn! Was für eine Leistung von Sharp, das hörbar und erlebbar zu machen. Schon zum dritten Mal bin ich geneigt, von einem Jahrhundertwerk zu sprechen. Sagen wir stattdessen, was Sache ist: Sharp ist ein Ausnahmekomponist, wie wir ihn seit Beethoven nicht mehr erlebt haben. Und so wie das "Vieh" im Publikum bei der Uraufführung der Großen Fuge die Forderung nach einer Zugabe verweigerte, so begreifen nur wenige der heutigen Zuhörer, mit was für einem monströsen Genie sie es hier zu tun haben. Punkt!