Fairy Queen (27.11.2010, 17:05): Liebe Klassikfreunde, für ein kurzfristiges und ein längerfristiges berufliches Projekt bitte ich um Anregungen, Ideen, Literatur/Musikhinweise. Ich môchte Mozarts Zauberflöte als Material für pâdagogische Arbeit/Entdeckung der Gattung Oper mit Kindern aus schwierigem sozialem Umfeld (6-8 Jahre) und für ein therapeutisches Projekt mit psychisch kranken Jugendlichen (15-20) benutzen. Wisst ihr ,ob es dazu Material in deutscher Sprache gibt bzw habt ihr diesbezüglcihe eigene Erfahrungen mit der Zauberflöte? Bei den Kindern geht es darum, ihnen überhaupt erstmal die Gattung Oper nahezubringen- ein wie ich finde sehr verdienstvolles Projekt mehrerer Grundschullehrer in einer Brennpunktschule, wo ich - wahrscheinlich zusammen mit einem Bariton, das erscheint mir jedenfalls serh sinnvoll- die gesangliche/ szenische Seite vermitteln soll.
Bei den Jugendlichen geht es mir um ganz andere Dinge und da das ausserdem mein eigenes Projekt ist, habe ich alle Freiheiten der Gestaltung. Ich würde das Ganze gerne in eine in Prosa geschriebene Mârchenform bringen (in frz Sprache natürlich) die dann von den Jugendlichen in Eigenregie umgestaltet werden kann- die Figuren sozusagen als Archetypen, die von ihnen selbst dann mit neuem Leben gefüllt werden. Die Verfilmung von Bergmann würde ich serh gerne miteinbeziehen- als musikalischen Einstieg, denn ich kann absolut nicht davon ausgehen, dass jemand diese Oper kennt. Oder kennt ihr eine bessere Version für Opernneulinge? Als langfristiges Ziel schwebt mir auch eine Art "Aufführung" vor, mit einigen Mozart-Versatzstücken aber insbeondere dem, was in eigener Regie daraus gemacht wurde. Ich habe noch nicht recherchiert und nehme a priori an, dass ich in deutschsprachigem Umfeld viel eher fündig werde. Hinweise, Erfahrungen Ideen , Anregungen- alles ist willkommen! Merci im voraus.
F.Q.
Armin70 (27.11.2010, 17:28): Hallo Fairy Queen,
vielleicht bietet der folgende Link etwas, womit Du was anfangen kannst. Als ich noch ein Kind war kann ich mich an eine Fernsehübertragung der Zauberflöte aus Salzburg erinnern, die speziell für Kinder und Jugendliche konzipiert war. Der in dem Link genannte Bariton Christian Boesch, der die Rolle des Papageno sang, erklärte und erläuterte da auf sehr anschauliche und unterhaltsame Art und Weise, was in dieser Oper so alles passiert.
Gruß Armin
Mime (27.11.2010, 17:42): Liebe Feenkönigin,
hier habe ich eine interessante Quelle für dich herausgesucht:
http://www.internetloge.de/arstzei/zauberf.htm
:hello
Heike (27.11.2010, 21:44): Hallo Fairy, ich würde den Prosatext für die Jugendlichen eher kurz halten. Oder neben der Langversion noch eine Kurzversion parat haben. Und die dann in einem ersten Schritt noch gar nicht Rollen umgestalten lassen, sondern erst mal ganz simpel Handlung bildhaft machen: Z.B. auf großen Blättern einen Fantasy-Zauberflöte-Comic malen und dabei die Rollen bebildern und mit passenden Zitaten in Sprechblasen versehen.
Nach meiner Erfahrung mit Jugendlichen kommt da alles, was bebildert werden kann, immer gut an und darauf kann man dann aufbauen. Heike
Holger (27.11.2010, 23:06): Liebe Fairy,
möglicherweise könnte Dir eines dieser Bücher Anregungen geben:
Elsner, Christian Lennie und die Zauberflöte / Christian Elsner. Ill. von Beate Tamchina Darmstadt : Thiasos-Musikverl., 2002 83 S. : zahlr. Ill. ; 21 cm ISBN 3-9805244-5-0 3-9805244-5-0 (Kinder-Oper-Abenteuer ; 1) Schlagwörter Mozart, Wolfgang Amadeus / ¬Die¬ Zauberflöte ; Kindersachbuch
Die Zauberflöte : für Kinder erzählt / Gerhard Buchner München : Schneider, 1983 119 S. : zahlr. Ill. ISBN 3-505-08305-4
Traumgeschichten aus dem Zauberland der Musik : nach den bekanntesten Opern und Melodien für Kinder / Bindlach : Gondolino, 2010 191 S. : überw. Ill. enthaltene Werke: Die Zauberflöte / Wolfgang Amadeus Mozart enthaltene Werke: Die vier Jahreszeiten / Antonio Vivaldi enthaltene Werke: Der Karneval der Tiere / Camille Saint-Saens enthaltene Werke: Der Nussknacker / Peter Tschaikowski enthaltene Werke: Peter und der Wolf / Sergej Prokofjew enthaltene Werke: Der Mondscheinbär / Günter Raake ISBN 978-3-8112-3237-2
Liebe Grüße
Holger
Fairy Queen (28.11.2010, 09:04): Guten Morgen, ihr Lieben, ich danke euch sehr herzlich für all diese wertvollen Hinweise!!!!! :engel Nun muss ich das Ganze nur noch ins Französische übertragen..... Liebe Heike, deine Idee mit den Comic-Strips finde ich ausgesprochen produktiv! :down
F.Q.
Solitaire (28.11.2010, 09:37): Ich komme in dem Zusammenhang noch mal auf das Papiertheater zurück, wäre das etwas für deine Arbeit? Ich weiß nicht, ob der Papiertheater-Künstler den ich vor einiger Zeit erlebt habe Kulissen und Figuren zu dieser Oper anbietet, könnte mich aber danach erkundigen wenn du möchtest. Dann könnten die Kinder Oper selber machen in dem sie vielleicht eine eigene kleine Vorstellung geben, sei es zur CD oder zu eurem Gesang. Bei Interesse frage ich mal nach. Außerdem gibt es eine hübsche kleine Zauberflöte vom Salzburger Marionettentheater auf DVD die ich dir natürlich sehr gerne leihe, sie eignet sich m.E. sehr gut als erster Einstieg. Sag einfach Bescheid.
Fairy Queen (28.11.2010, 14:40): Liebe Solitaire, das ist ein super-liebes Angebot. :thanks Ich komme wahrscheinlich zur gegebenen Zeit noch darauf zurück, wenn die Projekte konkrete Form angenommen haben. Grand merci :engel
Fairy Queen (29.11.2010, 08:58): Lieber Mime, ich habe den Text aus deinem Link gelesen. der autor behauptet, dass es verschiedene Deutungen der Zauberflöte gibt, die freimaurerische Deutung aber die einzig Richtige sei, da sei Mozarts Gesit gazn udn gar entspräche. Das würde ich gerne diskutieren. was haltet ihr davon? Bergman bietet in seinem wunderbaren Zauberflöten-Film eine psychologische Deutung an: Sarastro und die Königin der Nacht sind ein zerstrittenes/geschiedenes Ehepaar und Tamino und Pamina mûssen ihren Weg zwischen den Polen finden.
Das schliesst eine freimaurerische Deutung zwar nciht aus, legt aber einen ganz anderen Schwerpunkt. Was ich bis heute nciht verstehe, ist die Einbindung des Isis und Osiris Mythos in die Geschichte. Wer soll hie Isis, wer Osiris und wer Seth sein Vielleicht hat dazu jemand erhellende Gedanken. Dieser Mythos an sich ist hochinteressant, gerade auch aus psychologischer Sicht, aber ich kann die Verbindung zu Sarastro und der Königin der Nacht nicht erkennen.
F.Q.
Solitaire (29.11.2010, 09:10): Zu den freimaurerischen Aspekten kann ich nichts beitragen, da ich mich damit bisher nicht näher befasst habe,was aber die Bergmann-Deutung betrifft, so kann ich ihr nur zustimmen: ich habe die Zauberflöte ja auch als Kind kennengelernt, und für mich war IMMER klar, daß Sarastro und die Königin mal ein Paar waren und Pamina ihre Tochter ist. Ich war schwer erstaunt als ich später erfahren habe, daß dem nicht so ist. Interessanterweise ging es z.B. meinem Mann als Kind ganz ähnlich. Ich weiß ja nicht, wie heutige Kinder das sehen, aber ich fürchte das ewige rumgezerre an dem armen Mädchen wird so manchem bekannt vorkommen...
Peter Brixius (29.11.2010, 10:38): Liebe ZauberflötenfreundInnen,
ich habe mich vor längerer Zeit mit Freunden im Usenet ausführlich mit der Zauberflöte beschäftigt und bin gerne bereit, Argumente von damals zu überdenken und auf einen neueren Stand zu bringen.Grundlage meiner damaligen Argumentation war das Buch des leider inzwischen gestorbenen Perl, dem posthum noch ein zweites folgte. Perl sah die Zauberflöte weniger im Bannkreis allgemein der Freimaurer (von denen es sehr unterschiedliche Logen gab, von den asiatischen Brüdern bis zu denjenigen, die von Sonnenfels und den Illuminaten nahestanden), sondern in einem konkreten Kontext von aufklärerischer Kritik und politischer Parteinahme.
Die Interpetation von Bergmann ist eine legitime moderne, aber sicher nicht von Mozart ableitbar, denn sie widerspricht dem, was im Libretto steht. Wenn man da allerdings einiges weglässt, dann geht es auch so. Bei Schikaneder ist die Königin der Nacht Witwe und Sarastro definitiv nicht Vater von Pamina (sonst wäre Entfüjhrung Paminas und die ursprünglichen Heiratspläne Sarastros mehr als daneben). Es handelt sich bei Bergmann um eine Vereinfachung auf einen 08/15-Ehekonflikt, die in das Schema seiner Filme passt - die Idee ist allerdings konsequent durchgeführt, so dass ich sie als Inszenierungsidee interessant finde.
Aber - um nur einmal ein weiteres Detail zu nennen - wie geht man mit dem leicht nachzuvollziehenden Charakter des Monostatos um, der ein "Schwarzer" ist, dessen Namen der lateinischen Bezeichnung eines Mönches durchaus gleicht - und der so ist, wie es sich die Aufklärer vorstellten: verschlagen und lüstern?
Liebe Grüße Peter
Solitaire (29.11.2010, 12:12): Hallo Peter! Nur kurz, da eigentlich fiebernd zu Bette liegend: Monostatos ist für mich eine tragische Figur von der ich nicht weiß, ob sie von Mozart und Schikaneder so gemeint ist, aber bei seiner kleinen Arie muß ich immer an Shakespeares Shylok denken, der auch ein Unsympath, aber dennoch tragisch ist: "Ist mir nicht ein Herz gegeben...?" Monostatos "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht...?" Shylok Ich finde es daher auch wichtig, Monostatos als Schwarzen ( oder zumindest anderweitig Ausgegrenzten, wenn man vor schwarzer Schminke und ihrer manchmal unfreiwilligen Komik zurückschreckt) darzustellen, denn u.a. das sagt ja auch wieder etwas über die Königin und ihre Tricks aus: sie sammelt alle um sich herum, die Grund zu Zorn und Wut haben und verspricht ihnen das Blaue vom Himmel im Falle ihrer Unterstützung. In diesem Fall verspricht sie MonostatosPamina, das schöne weiße Mädchen. Ich persönlich denke daher nicht, daß man mit Monostatos "umgehen" muß, sondern ihn getrost so auf die Bühne bringen kann wie Mozart und Schikaneder ihn nunmal gezeichnet haben. Wenn uns im Publikum unwohl dabei wird - umso besser. Zur Hölle mit der political correctnes die ist nämlich m.E. manchmal durchaus Kontraproduktiv. Im Übrigen ist es ja schon eigenartig, daß Papagenos Begehren nach einem Weibchen (denn "unsereins hat doch auch seine gewissen Stunden") als völlig normal, ja hochsympathisch gewertet wird, das gleiche Anliegen von Monostatos aber als falsch und böse. Nun geht Monostatos natürlich auch wesentlich rabiater zur Sache als Papageno, das gebe ich zu... :S
Was das "Paar" Sarastro-Königin angeht hast du natürlich völlig recht, aber was soll ich machen: ich habe es als Kind eben so empfunden, und das lange vor dem Bergmannfilm.
Fairy Queen (29.11.2010, 13:08): Ich bin selbstverständlich an jeder weiterführenden Diskussion zur Deutung der Zauberflöte hochinteressiert und danke im Voraus allen Beteiligten für ihre Mûhe!!!!
Was die einzelnen Figuren angeht, lâsst das Werk, wie jedes gute Kunstwerk, verschiedene Charakterisierungs-Schwerpunkte zu, die natürlich auch epochen- und kontextabhängig sind. Sarastro war z.B. von Mozart/Schikander als Lichtfigur gedacht und konzipiert, für heutige Klassikfreunde ist das keinesfalls mehr ganz selbstverständlich. Sein patriarchalisches Gehabe im Hinblick auf Pamina hat schon einige Feministinnen auf den Plan gerufen- zu Mozarts Zeiten wäre solcher Protest eher unwahrscheinlich gewesen.
Mich persönlich reizt besonders die Deutung des Initiations-Ritus und der zu bestehenden Proben aus einer heutigen Sicht. Wie auch die Interaktionen zwischen den Figuren und die Archetypen, die hier dargestellt werden. Was Jugendliche, die sich meist spontan indentifizieren, dazu sagen könnten, fidne ich serh spannend - immerhin sind sie das Publikum und die Regisseure von morgen, so die Oper denn zeitgemâss bleibt und überleben wird Angescihts der mehr als 50% zerütteten oder geteilten Familien udn der leidvollen persönlichen erfahrungen sehr vieler Kinder und Jugendlicher, kann ich die Deutung Bergmans nciht flach oder oberflächlich finden, sodnern serh angemessen modern und identifikations-freundlich. Die grosse und empathieweckende Humanitât seiner Filmfiguren ist fûr mich gerade das allergrösste Plus der Produktion, die mir sängerisch dann doch etliche Wünsche offenlâsst.
F.Q.
Peter Brixius (29.11.2010, 13:50): Original von Solitaire Hallo Peter! Nur kurz, da eigentlich fiebernd zu Bette liegend: Monostatos ist für mich eine tragische Figur von der ich nicht weiß, ob sie von Mozart und Schikaneder so gemeint ist, aber bei seiner kleinen Arie muß ich immer an Shakespeares Shylok denken, der auch ein Unsympath, aber dennoch tragisch ist: "Ist mir nicht ein Herz gegeben...?" Monostatos "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht...?" Shylok Ich finde es daher auch wichtig, Monostatos als Schwarzen ( oder zumindest anderweitig Ausgegrenzten, wenn man vor schwarzer Schminke und ihrer manchmal unfreiwilligen Komik zurückschreckt) darzustellen, denn u.a. das sagt ja auch wieder etwas über die Königin und ihre Tricks aus: sie sammelt alle um sich herum, die Grund zu Zorn und Wut haben und verspricht ihnen das Blaue vom Himmel im Falle ihrer Unterstützung. In diesem Fall verspricht sie MonostatosPamina, das schöne weiße Mädchen. Ich persönlich denke daher nicht, daß man mit Monostatos "umgehen" muß, sondern ihn getrost so auf die Bühne bringen kann wie Mozart und Schikaneder ihn nunmal gezeichnet haben. Wenn uns im Publikum unwohl dabei wird - umso besser. Zur Hölle mit der political correctnes die ist nämlich m.E. manchmal durchaus Kontraproduktiv. Im Übrigen ist es ja schon eigenartig, daß Papagenos Begehren nach einem Weibchen (denn "unsereins hat doch auch seine gewissen Stunden") als völlig normal, ja hochsympathisch gewertet wird, das gleiche Anliegen von Monostatos aber als falsch und böse. Nun geht Monostatos natürlich auch wesentlich rabiater zur Sache als Papageno, das gebe ich zu... :S
Umfassender werde ich in einem neuen Thread antworten, denn das Subject passt nun nicht mehr so gut zu den Fragen von Deutung und Interpretation. Deutungen hat es ja von der Zauberflöte viele gegeben, von einer naiven eines Märchenstoffes bis zu unterschiedlichen, die für uns Verborgenes (für die Zeitgenossen möglicherweise leichter Erkennbares) in der Zauberflöte sehen - bis hin zu esoterischen im Sinne von Rudolf Steiner. Die Literatur ist entsprechend reichhaltig.
Dabei muss man unterscheiden, was wissenschaftliche Ansätze bringen, die sich natürlicherweise auf die Gegenwart Mozarts beziehen, und was neue Ansätze nahelegen, die sich der Zauberflöte "unhistorisch" nähern. Jeder Regisseur hat das Recht, von seinem Standpunkt aus das Werk zu befragen - so auch Bergman. Äls Zuschauer trete ich ja nicht (musik)historisch an das Werk, sondern erlebe es in Bezug auf meine Lebenssphäre - und die ist nun nicht die von Mozart, sondern eher die von Bergman.
Sich mit Phantasie und Einfühlungsvermögen als moderner Mensch der Zauberflöte zu nähern, heißt ja auch, dass immer neue Schichten offengelegt werde. Die Qualen des Monostatos (und die g-moll-Arie ist überzeugend) können heute doch aktuell als die eines Zölibatären gedeutet werden - und dann liegt es gar nicht so weit von der historischen Meinung Mozarts weg. Dass für dessen Zeiten Scheidungsprobleme bei Kindern nicht so aktuell waren, braucht für eine moderne Inszenierung keine Rolle zu spielen.
Ich interessiere mich nun mehr, was historisches Wissen und gesellschaftliche Zusammenhänge der Zeit, was eine sprachliche und musikalische Analyse als Befund hergeben. Und da gibt es immer noch viel an falschen Daten zu korrigieren.
Das gender-Problem hat sich auch für die Zeit Mozarts gestellt, wenn auch anders. Die Frage war ja, wie die Frauen an der Emanzipation des Menschengeschlechts teilnehmen konnten und sollte. Die Bandbreite reichte von der Erklärung der Untauglichkeit und der Brandmarkung von Frauen als den Trägern von Aberglaube bis hin zur Partizipation am Universitäts- und Geistesleben. Mozarts Antwort ist da ganz klar: Es können nur Mann und Frau gemeinsam das Menschengeschlecht ins Licht der Aufklärung führen, die Generation von Sarastro und der Königin der Nacht wird überwunden - der Triumph am Ende wird nicht von einem Priester- sondern einem gemischten Chor gesungen, die Zeit der Männer-Geheimbündelei ist vorbei.
Ist das nicht schön, das ohne Unterschlagungen und Veränderungen im Text bei Mozart zu finden? Das ist mein Weg :engel
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (29.11.2010, 13:56): Original von Fairy Queen Ich bin selbstverständlich an jeder weiterführenden Diskussion zur Deutung der Zauberflöte hochinteressiert und danke im Voraus allen Beteiligten für ihre Mûhe!!!!
Was die einzelnen Figuren angeht, lâsst das Werk, wie jedes gute Kunstwerk, verschiedene Charakterisierungs-Schwerpunkte zu, die natürlich auch epochen- und kontextabhängig sind. Sarastro war z.B. von Mozart/Schikander als Lichtfigur gedacht und konzipiert, für heutige Klassikfreunde ist das keinesfalls mehr ganz selbstverständlich. Sein patriarchalisches Gehabe im Hinblick auf Pamina hat schon einige Feministinnen auf den Plan gerufen- zu Mozarts Zeiten wäre solcher Protest eher unwahrscheinlich gewesen.
Ganz so einfach ist es nicht - auch Sarastro muss seinen Weg ins Licht gehen: Am Anfang steht (auch für die Zeit Mozarts) eine Entführung und der Gedanke an eine Zwangsheirat. Erst dadurch, dass Sarastro loslässt, ist die Lösung des Konfliktes möglich.
Mich persönlich reizt besonders die Deutung des Initiations-Ritus und der zu bestehenden Proben aus einer heutigen Sicht.
Nun, da gibt es im Laufe der Interpretationsgeschichte die Bandbreite von einer freimaurerisch-aufklärerischen Deutung bis hin zu einer antroposophischen.
Liebe Grüße Peter
Rideamus (29.11.2010, 14:24): Original von Solitaire Zur Hölle mit der political correctnes die ist nämlich m.E. manchmal durchaus Kontraproduktiv. Im Übrigen ist es ja schon eigenartig, daß Papagenos Begehren nach einem Weibchen (denn "unsereins hat doch auch seine gewissen Stunden") als völlig normal, ja hochsympathisch gewertet wird, das gleiche Anliegen von Monostatos aber als falsch und böse. Nun geht Monostatos natürlich auch wesentlich rabiater zur Sache als Papageno, das gebe ich zu...
Das mit der political correctness gilt auch für das Nachfolgende. Das schändliche Benehmen des Monostatos wird durch seine rabiate Art, die er bezeichnenderweise mit dem anderen Aufpasser Osmin teilt, nur unterstrichen. Ob es uns passt oder nicht, der eigentlich schlimme Unterschied zu Papageno im Sinne des Librettos ist die "Rassenschande". Dass sie am Schluss auch damit noch einverstanden ist, nur um Sarastro vernichten zu können, macht die Königin des Nacht dann endgültig zum Ungeheuer.
In einem anderen Forum wurde gerade diskutiert, dass das Disney Studio farbige Pegasus-Sklaven aus dem Beethoven-Teil des originlen FANTASIA-Films kürzte. Das geschah aus einem durchaus nachvollziehbaren Grund, aber die originalen Passagen aus einer "naiveren" Zeit (s. "http://www.youtube.com/watch?v=WPKpFNm3QMM") illustrieren auch, dass sich Mozart und Schikaneder nicht das Geringste dabei dachten, Schwarze tatsächlich "hässlich" und jedenfalls minderwertig zu finden. Daran ändert auch Solitaires sehr stimmiger Verweis auf Shylock nichts, denn mir scheint dieses Sentiment eher auf eine Sichtweise zurück zu gehen, wie sie in dem Sprichwort "Quäle nie ein Tier zum Scherz" zum Ausdruck kommt, als auf wirklich menschliches Mitfühlen. Aber das ist ja das Faszinierende an der ZAUBERFLÖTE, dass sie mit all ihren Widersprüchen dank Mozarts Musik so vielfältige Deutungen auch gegen das Libretto erlaubt, wie sie Peter gerade angedeutet hat.
Ähnlich naiv sehe ich übrigens auch die Einbeziehung von "Isis und Osiris" durch den Freimaurer Schikaneder, der wohl das Freimaurertum idealiieren wollte, als Logenmitglied aber nichts von dem verraten durfte, was man dort konkret trieb und glaubte. Da kam der ägyptische Mythos gerade recht. Ich glaube, es wäre ein Fehler, da all zu viel aus dem realen ägyptischen Mythos hinein zu tragen, denn es wäre für Schkaneder ein Leichtes gewesen, das zu konkretisieren, wenn er es denn gewollt hätte, was er offensichtlich nicht tat.
Was nun den Initiationsritus angeht, so ist der wohl am leichtesten zu vermitteln, denn er fußt auf derselben Tradition der "Mutproben", wie sie bis heute in Jugendgangs üblich sind. Wie ich mir habe sagen lassen, fallen die allerdings heute oft weitaus krimineller aus.
Ich würde übrigens auch mal einen Blick auf Kenneth Branaghs Sicht der ZAUBERFLÖTE werfen, denn seine Interpretation des Geschehens als Pendant zum Kriegsgeschehen des Ersten Weltkriegs, in dem die einzelnen Figuren nur Instrumente der Anführer zweier verfeindeter Großmächte sind, ist nicht weniger faszinierend, wenn auch weniger persönlich berührend, als Bergmanns. Um das genauer ausführen zu können, müsste ich den Film aber erst einmal wieder sehen.
:hello Rideamus
Solitaire (29.11.2010, 20:55): Original von Rideamus Ob es uns passt oder nicht, der eigentlich schlimme Unterschied zu Papageno im Sinne des Librettos ist die "Rassenschande".
Ja, genau so sehe ich das auch...
Auf der anderen Seite irritiert mich dann eben doch immer wieder Monostatos Arie, die ich hier, ich kann nicht anders, dann doch noch mal zitieren muß:
Alles fühlt der Liebe Freuden, Schnäbelt, tändelt, herzt und küsst; Und ich soll die Liebe meiden, Weil ein Schwarzer hässlich ist. Ist mir denn kein Herz gegeben? Bin ich nicht von Fleisch und Blut? Immer ohne Weibchen leben, Wäre wahrlich Höllenglut!
Drum so will ich, weil ich lebe, Schnäbeln, küssen, zärtlich sein! Lieber guter Mond, vergebe, Eine Weisse nahm mich ein. Weiss ist schön! Ich muss sie küssen; Mond, verstecke dich dazu! Sollt es dich zu sehr verdriessen, Oh, so mach die Augen zu!
Sind das die Worte eines Rassisten?
Peter Brixius (29.11.2010, 21:08): Liebe Solitaire,
nehme einfach mal an, dies sei für einen zölibatären Mönch geschrieben ...
Etwa für einen Jesuiten - ist so ein "Schwarzer" nicht vorstellbar?
Liebe Grüße Peter
Solitaire (30.11.2010, 10:13): Hallo Peter! Ich gebe zu, Monostatos als Jesuit hat einen gewissen Reiz, aber dann wäre er jemand, der sich (mehr oder weniger) freiwillig für diesen Lebensstil und den Zölibat entschieden hätte, während einem schwarzen Monostatos aus rassistischen Gründen die Liebe verweigert wird. Ich denke, das ist eben doch ein Unterschied. Wie auch immer: welch eine geniale Oper bei der man selbst bei Nebenfiguren dermaßen ins Grübeln kommen kann.
Soll ich meine ganz persönliche Assoziation der „Schreckenspforte“ offenbaren durch die Tamino und Pamina gehen müssen? Für mich ist das kein Initiationsritus, sondern das Symbol für Schicksalsschläge und Lebenskrisen die gemeinsam durchgestanden werden müssen. Aufgrund entsprechender Erfahrungen im Freundeskreis assoziiere ich die „Schreckenspforte“ mit der Krebsstation eines Krankenhauses, Pamina und Tamino mit einem Paar das den Kampf gemeinsam aufnimmt und ihn gewinnen oder verlieren kann, aber entschlossen ist, das gemeinsam zu tun, daher ist die Feuer- und Wasserprobe immer ein Moment, der mich zutiefst bewegt. Das ist eine sehr persönliche Auffassung, und ich habe lange überlegt, ob ich sie hier offenbaren soll, aber ich denke, es kann nicht schaden zu zeigen, was diese Oper trotz manch problematischer Aussagen auslösen und bewirken kann...
Waldi (30.11.2010, 11:22): An der Wiener Staatsoper war die Boesch-"Zauberflöte für Kinder" ein jahrelanger Renner.
Aber auch jetzt wird jedes Jahr am Tag nach dem Opernball eine "Zauberflöte für Kinder gegeben". Sie dauert etwa eine Stunde - das hat sich sichtlich als ideal für das junge Publikum erwiesen.
Solitaires Deutung als durchgestandene Lebenskrisen gefällt mir sehr. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß zumindest Mozart an einer solchen AssoziationGefallen gefunden hätte.
Fairy Queen (30.11.2010, 12:39): Liebe Solitaire, ich kann diese sehr persönliche Deutung gut nachvollziehen, und für mich ist der Begriff "Initiation" auch nicht auf die Einführung junger Menschen ins Erwachsenenleben oder gar die Einführung von Freimaurern in eine Geheimloge beschränkt. Initiation ist ein Weg zu einer neuen Entwicklungsstufe, die man nur dann erreichen kann, wenn man sich grossen Problemen/Proben/Gefahren stellt und diese durchsteht. Krankheit kann auch ein solcher Weg sein und gemeinsam durchstandenes Leid sowieso. die Zauberflöte ist für mich gerade deshalb so interessant und "therapeutisch", weil die Figuren einen gefährlichen Weg gehen müssen um ihr Glück bzw sich selbst zu finden. Fast alle Mârchen erzählen davon und die Zauberflöte ist ein musikalisches Mârchen mit Universalgeltung. Ich finde es viel zu einseitig, das auf ein Freimaurerritual zu begrenzen, deshalb habe ich auch den Artikel, den Mime verlinkt hat, eher skeptisch gelesen.
F.Q.
Solitaire (01.12.2010, 08:58): Okay, dann liege also doch nicht so ganz daneben, wenn ihr mich verstehen könnt. Das Paar an das ich immer denken muß, hat den Kamof leider verloren...
An die Kinder-Zauberflöte von Christian Boesch kann ich mich auch noch gut erinnern! Ich kenne sie leider nur aus dem Fernsehen, obwohl sie auch oft in Köln zu sehen war, das ja ganz in der Nähe liegt.