Die geistlichen Kantaten von J.S.Bach in Einzelbesprechungen

Jürgen (09.10.2010, 19:48):
In diesem Thread sollen die geistlichen Kantaten Bachs im Wochenrythmus vorgestellt und ggf. Einspielungen besprochen werden.
Jeder, der zu der jeweiligen Kantate oder einer ihrer Einspielungen etwas äußern möchte, kann es hier tun.

Wir werden morgen mit der Kantate zum 19.Sonntag nach Trinitatis Ich will den Kreuzstab gerne tragen BWV 56 beginnen.

Bis morgen
Jürgen
Jürgen (10.10.2010, 11:10):
Die Kantate zum 19.Sonntag nach Trinitatis Ich will den Kreuzstab gerne tragen BWV 56 wurde am 27.Oktober 1726 uraufgeführt und gehört damit zum dritten Leipziger Kantatenjahrgang. Sie wurde ursprünglich für die Sopranstimme seiner zweiten Ehefrau Anna Magdalena geschrieben. Anfang der dreissiger Jahre wurde sie für die Bassstimme umgeschrieben, so wie sie auch heute noch aufgeführt wird.
Der Autor des Textes ist unbekannt, bis auf den Schlusschoral. Hier kommt der Text von Johann Franck (1653).
Die Besetzung ist für einen Bass, Chor, 2 Oboen, Oboe da caccia, 2 Violinen, Viola und bc.

Die Kantate ist fünfteilig, wobei die geraden Stücke Rezitative sind.

Die Eingangsarie weist sich mehrfach kreuzende auf- und abwärtsgerichtete Melodielinien auf, das Tonsymbol zum Kreuzstab.

Der dritte Satz (Endlich, endlich wird mein Joch) ist ein Duett zwischen Oboe und Bass. Hier bin ich auf Wortmeldungen gespannt, denn das Soloinstrument bietet hier Oboenspiel vom Feinsten.

Die Kantate schließt mit dem einfachen Choral Komm o Tod, du Schlafes Bruder.

Grüße
Jürgen
Heike (10.10.2010, 12:07):
Lieber Jürgen,
danke für die Einführung!

Du hast ja schon auf das Oboenspiel hingewiesen, das sicherlich einen besonderen instrumentalen Höhepunkt dieser Kantate darstellt und an das ich mich immer ziemlich zuerst erinnere, wenn ich an diese Kantate denke. Da hört man direkt das Seufzen und Klagen.

Noch etwas zum Text, wo das Leben mit einer Schiffahrt verglichen wird, die dann am Lebensende den Hafen Jesu erreicht:

"....
Mein Wandel auf der Welt
Ist einer Schiffahrt gleich:
Betrübnis, Kreuz und Not Sind Wellen,
welche mich bedecken
Und auf den Tod Mich täglich schrecken;
Mein Anker aber, der mich hält,
Ist die Barmherzigkeit,
Womit mein Gott mich oft erfreut.
...
Komm, o Tod, du Schlafes Bruder,
Komm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port! .... "

Heike
Agravain (10.10.2010, 13:53):
Lieber Jürgen,

auch von mir besten Dank für den Startbeitrag. Heike hat es ja schon angeschnitten: Was ist eine Kantate ohne die Kenntnis des inhaltlichen Kontextes, in dem sie steht und ohne den Text? Wenig mehr als schöne, aber bedeutungslose Musik. Darum hier schnell beides, bevor ich mich später am Tag noch zu der Kanate selbst und meiner favorisierten Einspielung äußern werde.

BWV 56 bezieht sich indirekt auf das Evangelilum für den 19. Sonntag nach Trinitatis, der von der Heilung des Gichtbrüchigen erzählt:

Matthäus, Kapitel 9: Heilung eines Gelähmten

Und er trat in das Schiff, fuhr hinüber und kam in seine Stadt. Und siehe, da brachten sie zu ihm einen Gelähmten, der auf einem Bette lag. Und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Und siehe, etliche der Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert! Und da Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr Arges in euren Herzen? Was ist denn leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle? Damit ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben, sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf und ging heim. Als aber die Volksmenge das sah, verwunderte sie sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben.

Text BWV 56

1. Aria
Ich will den Kreuzstab gerne tragen,
Er kömmt von Gottes lieber Hand,
Der führet mich nach meinen Plagen
Zu Gott, in das gelobte Land.
Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab,
Da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.

2. Recitativo
Mein Wandel auf der Welt
Ist einer Schiffahrt gleich:
Betrübnis, Kreuz und Not
Sind Wellen, welche mich bedecken
Und auf den Tod
Mich täglich schrecken;
Mein Anker aber, der mich hält,
Ist die Barmherzigkeit,
Womit mein Gott mich oft erfreut.
Der rufet so zu mir:
Ich bin bei dir,
Ich will dich nicht verlassen noch versäumen!
Und wenn das wütenvolle Schäumen
Sein Ende hat,So tret ich aus dem Schiff in meine Stadt,
Die ist das Himmelreich,Wohin ich mit den FrommenAus vielem Trübsal werde kommen.

3. Aria
Endlich, endlich wird mein Joch
Wieder von mir weichen müssen.
Da krieg ich in dem Herren Kraft,
Da hab ich Adlers Eigenschaft,
Da fahr ich auf von dieser Erden
Und laufe sonder matt zu werden.
O gescheh es heute noch!

4. Recitativo e Arioso
Ich stehe fertig und bereit,
Das Erbe meiner Seligkeit
Mit Sehnen und Verlangen
Von Jesus Händen zu empfangen.
Wie wohl wird mir geschehn,
Wenn ich den Port der Ruhe werde sehn.
Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab,
Da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.

5. Choral
Komm, o Tod, du Schlafes Bruder,
Komm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port!
Es mag, wer da will, dich scheuen,
Du kannst mich vielmehr erfreuen;
Denn durch dich komm ich hereinZu dem schönsten Jesulein.

:hello Agravain
Agravain (10.10.2010, 15:00):
Zum Text

Es ist ja in vielen Kantaten so, dass der Textdichter, ob nun unbekannt oder nicht, einen Sprecher in der Ich-Form nutzt. Bei dieser Kantate jedoch, in der es um die Unbillen des Lebens, das "wütenvolle Schäumen" die "Plagen", die "Trübsal" und die Hoffnung auf die Trocknung der Tränen im "Himmelreich" geht, wählt Bach ein bestimmtes Darstellungsprinzip (wie auch in BWV 82 oder anderen Solokantaten).

Während das Sprecher-Ich oft auf alle Solisten verteilt wird, es also gar kein einzelnes Ich mehr ist, sondern wieder eine Gruppe (die man als die Gemeinde bezeichnen könnte), so ist das Ich hier ausschließlich einem Solisten zugeordnet (vom Choral einmal abgesehen). Auf diese Weise wird - so empfinde ich es zumindest - der individuell leidenede Mensch ins Zentrum der Kantate gerückt, was es dem einzelnen Hörer leicht(er) macht, sich mit dem Text und der durch ihn transportierten Heilsbotschaft zu identifizieren. In diese Richtung gehend verstehe ich auch die unübliche Wiederholung der Zeilen aus der Eingangsarie im abschließenden Arioso. Das Individuum wiederholt am Ende seiner Meditation über Leben und Tod für sich noch einmal den zentralen Tröstungs- und Erlösungsgedanken "Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, / Da wischt mit die Tränen mein Heiland selbst ab", bevor dieser dann im Gemeindegesang noch einmal von quasi allen (leidenden) Menschen aufgriffen und somit verallgemeinert wird.

Vielleicht ist es auch gerade diese identifikationsstiftende Struktur, die dazu beigetragen hat, dass diese Kantate (zusammen mit BWV 82) so außergewöhnlich populär wurde.

Aufnahme

Persönlich liebe ich die folgende Einspielung der Kantate mehr als jede andere, die ich kenne (und ich kenne einige :D):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61Rl0ZzeoAL._SS400_.jpg

Siegfried Lorenz hatte bei dieser Aufnahme, die aus dem Jahr 1984 stammt, einen seiner wohl besten Tage überhaupt. Nicht immer finde ich schön, was er macht, hier schießt er allerdings (in beiden Kantaten) den Vogel ab. Er singt das dermaßen ungekünstelt, natürlich, sinnfällig und klangschön, dass ich immer denken muss: So hat der alte Bach es sich gedacht. Da sitzt jeder Ton locker, es gibt keine sprachlichen oder interpretativen Manierismen, es ist nichts glatt oder oberflächlich, keine bloße Spielwiese für musikhistorische Experimente, sondern immer ausdrucksstark, ja tief empfunden, ohne jedoch kitschig zu sein. Ich habe beim Hören dieser Scheibe immer das Gefühl, nicht der Sänger singt, sondern "es" singt aus dem Sänger heraus. So wirkt die Aufnahme in ihrer Selbstverständlichkeit und ihrem natürlich-meditativen Charakter ein bisschen wie eine Kombination aus Bach und Zen.

:hello Agravain
Armin70 (10.10.2010, 17:32):
Hallo Jürgen,

zunächst möchte ich mich auch für Deinen Eröffnungsbeitrag bedanken.

Heute habe ich mich auch eingehend mit Johann Sebastian Bachs Kantaten beschäftigt. Insbesondere mit denen, die Bach für den heutigen 19. Sonntag nach Trinitatis komponierte.

Im Mittelpunkt stand daher die hier schon genannte Kantate "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" BWV 56. Agravain hat dankenswerterweise bereits einige sehr interessante Erklärungen und Erläuterungen zum Text dieser Kantate gegeben und da ich das nicht besser erklären kann, ist dem von meiner Seite auch nichts hinzuzufügen.

Ich selbst habe eine Aufnahme mit Dietrich Fischer-Dieskau, der Gächinger Kantorei und Hellmuth Rilling aus dem Jahr 1983 (Hänssler). Dann habe ich mir heute auf Mp3 folgende Aufnahmen aus dem Internet-Radio mitgeschnitten:

1. Dietrich Fischer-Dieskau, Münchner Bach-Chor und -Orchester, Karl Richter (1969)
2. Gotthold Schwarz, Thomanerchor Leipzig, La Stagione Frankfurt, Michael Schneider (2004)
3. Rezitativ ("Mein Wandel auf der Welt") + Arie ("Endlich, endlich wird mein Joch") mit Peter Kooji, La Chapelle Royale, Philippe Herreweghe

Insgesamt muss ich sagen, dass mir die Fi-Di/Richter-Aufnahme überraschenderweise recht gut gefallen hat, was hauptsächlich an Fi-Di`s Interpretation liegt aber immerhin liegen ja auch 14 Jahre zwischen der späteren Rilling-Aufnahme. Fi-Di`s Stimme gefällt mir bei Richter besser und seinen Gesangsstil empfinde ich irgendwie natürlicher. Das Oboensolo finde ich sowohl bei Richter als auch bei Rilling als sehr schön gespielt.

Die Aufnahme mit Gotthold Schwarz und Michael Schneider verwendet beim Orchester originale Instrumente. Eigentlich eine schöne Interpretation, da Gotthold Schwarz ein schönes Timbre hat, wesentlich dunkler als Fi-Di, was aber daran liegt, dass Schwarz ein Bass ist und kein Bariton wie Fi-Di. Leider wählt Michael Schneider in der Arie "Endlich, endlich wird mein Joch" ein für meinen Geschmack viel zu schnelles Tempo. Dadurch wirkt die Musik viel zu gehetzt. Das trübt für mich dann doch etwas den ansonsten positiven Eindruck.

Wesentlich besser machen das in dieser Arie Peter Kooji und Philippe Herreweghe. Da fliesst die Musik in einem schönen ruhigen, unaufgeregtem Puls.

Gruß
Armin
Armin70 (10.10.2010, 17:48):
Am heutigen 19. Sonntag nach Trinitatis gibt es noch 2 weitere Kantaten, die Johann Sebastian Bach für diesen Kirchensonntag komponierte.

Es handelt sich um die beiden Kantaten "Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen" BWV 48 und "Wo soll ich fliehen hin" BWV 5.

Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen BWV 48

Der Eingangschor vertont Röm 7,24 LUT, das Bedürfnis des Sünders nach Erlösung. Der Text eines unbekannten Dichters knüpft an das Evangelium an und verfolgt den Gedanken, dass die Seele Heilung mehr benötigt als der Körper. Dies verstärkt ein Choral als dritter Satz, die 4. Strophe von Ach Gott und Herr (1604) von Martin Rutilius. Nach Betrachtungen, die auf Ps 88,11 LUT und 2 Kor 12,9 LUT beruhen, schließt die Kantate zuversichtlich mit Herr Jesu Christ, einiger Trost, der 12. Strophe von Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir (Freiburg 1620).
Eine instrumentale Choralmelodie wird im Eingangschor zitiert. Sie kann auf die Worte Herr Jesus Christ, du höchstes Gut bezogen werden, aber auch auf den Schlusschoral, der auf die gleiche Melodie gesungen wurde, dann würde dessen erste Strophe zitiert. Dieser cantus firmus wird von der Trompete im Kanon mit den Oboen gespielt. Die Streicher führen Themen ein, die als Gegenstimmen zu den klagenden Singstimmen fungieren.
Ein von Haltetönen der Streicher begleitetes Rezitative führt zu einem Choral, der die Thematik des ersten Abschnitts in ausdruckstarker Harmonisierung beschließt.
In großem Kontrast bringen in der folgenden Arie Singstimme und Oboe als gleichwertige Partner die kindliche Bitte zum Ausdruck, die Seele zu verschonen. Ein reicher Streichersatz mit Oboe begleitet in der letzten Arie den Tenor, ein tänzerischer Rhythmus ist durch Hemiolen belebt.

Chor (Chor und Orchester, g-moll):
Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?

Rezitativ (Alt, Streicher und Continou, B-Dur):
O Schmerz, o Elend, so mich trifft,
Indem der Sünden Gift
Bei mir in Brust und Adern wütet:
Die Welt wird mir ein Siech- und Sterbehaus,
Der Leib muss seine Plagen
Bis zu dem Grabe mit sich tragen.
Allein die Seele fühlet den stärksten Gift,
Damit sie angestecket;
Drum, wenn der Schmerz den Leib des Todes trifft,
Wenn ihr der Kreuzkelch bitter schmecket,
So treibt er ihr ein brünstig Seufzen aus.

Choral (Chor und Orchester, B-Dur):
Solls ja so sein,
Dass Straf und Pein
Auf Sünde folgen müssen,
So fahr hie fort
Und schone dort
Und lass mich hie wohl büßen.

Aria (Alt, Solo-Oboe und Continou, Es-Dur):
Ach, lege das Sodom der sündlichen Glieder,
Wofern es dein Wille, zerstöret darnieder!
Nur schone der Seele und mache sie rein,
Um vor dir ein heiliges Zion zu sein.

Rezitativ (Tenor und Continou, B-Dur):
Hier aber tut des Heilands Hand
Auch unter denen Toten Wunder.
Scheint deine Seele gleich erstorben,
Der Leib geschwächt und ganz verdorben,
Doch wird uns Jesu Kraft bekannt:
Er weiß im geistlich Schwachen
Den Leib gesund, die Seele stark zu machen.

Aria (Tenor, Solo-Oboe, Streicher und Continou, g-moll):
Vergibt mir Jesus meine Sünden,
So wird mir Leib und Seele gesund.
Er kann die Toten lebend machen
Und zeigt sich kräftig in den Schwachen,
Er hält den längst geschlossnen Bund,
Dass wir im Glauben Hilfe enden.

Choral (Chor und Orchester, g-moll):
Herr Jesu Christ, einiger Trost,
Zu dir will ich mich wenden;
Mein Herzleid ist dir wohl bewusst,
Du kannst und wirst es enden.
In deinen Willen seis gestellt,
Mach's, lieber Gott, wie dir's gefällt:
Dein bleib und will ich bleiben.

Besetzung:
Alt, Tenor, Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Trompete, Oboen I/II, Violinen I/II, Viola, Continou).

Entstehungszeit: 03. Oktober 1723
Text: unbekannter Dichter; 1. Römer 7,24; 3. Martin Rutilius 1607; 7. unbekannter Dichter um
1620
Anlass: 19. Sonntag nach Trinitatis

Im Internet-Radio habe ich heute eine Aufnahme mit Marga Hoeffgen (Alt), Aldo Baldin (Tenor), der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter der Leitung von Hellmuth Rilling (1973) aufgenommen. Diese Kantate hörte ich vorhin zum ersten Mal und ich habe einen positiven Eindruck von der Interpretation. Die beiden Gesangssolisten passen stimmlich recht gut zueinander, die Gächinger Kantorei singt sehr homogen und vor allem die Soprane sind sehr höhensicher und singen ohne störendes Vibrato. Das Bach-Collegium Stuttgart wartet mit schönen Instrumentalsoli auf und an Hellmuth Rillings Interpretation gefällt mir, wie eigentlich immer bei ihm, die Tempowahl, weil die Musik schön ruhig fliesst, ohne dass es zu langsam oder zu gehetzt klingt.

(Quelle: webdocs.cs.ualberta.ca, wikipedia.de/com, drs.ch)
Armin70 (10.10.2010, 17:58):
Zur weiteren Kantate:

Wo soll ich fliehen hin BWV 5

Im originalen Stimmensatz zur «Bach-Kantate» «Wo soll ich fliehen hin» entdeckt man in der Stimme der ersten Geige etwas Aussergewöhnliches: Für das dritte Stück, eine Tenorarie, wechselt Bach den Notenschlüssel. Offenbar hat sein Konzertmeister hier die Geige weggelegt und zur Bratsche gegriffen, um auf ihr die Quelle des göttlichen Erbarmens musikalisch sprudeln zu lassen.

Chor (Chor und Orchester, g-moll):
Wo soll ich fliehen hin,
Weil ich beschweret bin
Mit viel und großen Sünden?
Wo soll ich Rettung finden?
Wenn alle Welt herkäme,
Mein Angst sie nicht wegnähme.

Rezitativ (Bass + Continou, g-moll):
Der Sünden Wust hat mich nicht nur befleckt,
Er hat vielmehr den ganzen Geist bedeckt,
Gott müßte mich als unrein von sich treiben;
Doch weil ein Tropfen heilges Blut
So große Wunder tut,
Kann ich noch unverstoßen bleiben.
Die Wunden sind ein offnes Meer,
Dahin ich meine Sünden senke,
Und wenn ich mich zu diesem Strome lenke,
So macht er mich von meinen Flecken leer.

Aria (Tenor, Solo-Viola und Continou, Es-Dur):
Ergieße dich reichlich, du göttliche Quelle,
Ach, walle mit blutigen Strömen auf mich!
Es fühlet mein Herze die tröstliche Stunde,
Nun sinken die drückenden Lasten zu Grunde,
Es wäschet die sündlichen Flecken von sich.

Rezitativ (Alt/Countertenor, Solo-Oboe und Continou, g-moll modulierend nach c-moll):
Mein treuer Heiland tröstet mich,
Es sei verscharrt in seinem Grabe,
Was ich gesündigt habe;
Ist mein Verbrechen noch so groß,
Er macht mich frei und los.
Wenn Gläubige die Zuflucht bei ihm finden,
Muss Angst und Pein
Nicht mehr gefährlich sein
Und alsobald verschwinden;
Ihr Seelenschatz, ihr höchstes Gut
Ist Jesu unschätzbares Blut;
Es ist ihr Schutz vor Teufel, Tod und Sünden,
In dem sie überwinden.

Aria (Bass, Solo-Trompete, Streicher und Continou, B-Dur):
Verstumme, Höllenheer,
Du machst mich nicht verzagt!
Ich darf dies Blut dir zeigen,
So musst du plötzlich schweigen,
Es ist in Gott gewagt.

Rezitativ (Sopran und Continou, g-moll):
Ich bin ja nur das kleinste Teil der Welt,
Und da des Blutes edler Saft
Unendlich große Kraft
Bewährt erhält,
Dass jeder Tropfen, so auch noch so klein,
Die ganze Welt kann rein
Von Sünden machen,
So lass dein Blut
Ja nicht an mir verderben,
Es komme mir zugut,
Dass ich den Himmel kann ererben.

Choral (Chor und Orchester, g-moll):
Führ auch mein Herz und Sinn
Durch deinen Geist dahin,
Dass ich mög alles meiden,
Was mich und dich kann scheiden,
Und ich an deinem Leibe
Ein Gliedmaß ewig bleibe.

Besetzung:
Sopran, Alt/Countertenor, Tenor, Bass, Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Trompete, Oboe I/II, Violinen I/II, Viola, Continou)

Entstehungszeit: 15. Oktober 1724
Text: 1,7: Johann Heermann 1630, 2-6: unbekannter Dichter
Anlass: 19. Sonntag nach Trinitatis

Im Radio hatte ich folgende Aufnahme gehört und mitgeschnitten:
Joanne Lunn (Sopran), William Towers (Countertenor), James Gilchrist (Tenor), Peter Harvey (Bass), Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner.

Auch diese Kantate hörte ich zum ersten Mal. Vor allem das schöne Bratschen-Solo in der Tenor-Arie "Ergieße dich reichlich, du göttliche Quelle" ist wunderschön. Die fast kontinuierliche fliessende Bewegung in der Bratschen-Stimme unterstreicht treffend den gesungenen Text. Vermutlich handelt es sich um das einzigste Solo-Partie, das Bach für die Bratsche in seinem Werkverzeichnis schrieb. Desweiteren beeindruckt der hochvirtuose Trompetenpart in der Bass-Arie "Verstumme, Höllenheer".

Die Interpretation von John Eliot Gardiner lässt für mich keine Wünsche offen. Da klingt nichts nach kalter Perfektion, sondern alle Beteiligten stellen sich in den Dienst der Musik.

(Quelle: webdocs.cs.ualberta.ca, wikipedia.de/com, drs.ch)
Agravain (10.10.2010, 18:23):
Lieber Armin,

Du gehst aber auch gern mal aufs Ganze, was? Zwei so ausführliche Vorstellungen gleich zu Beginn. Respekt!

BWV 48 ist eine Kantate, die ich zwar schon einmal gehört haben muss, die ich aber nicht inErinnerung behalten habe. Darum steht sie jetzt auf meiner Playlist.

BWV 5 ist eine der schönsten Kantaten Bachs, die ich in immerhin drei unterschiedlichen Versionen kenne, nämlich von Leusink, Rilling und Richter. Letztere höre ich von diesen am liebsten. Sie ist in dieser Box enthalten:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/514WKS4RPCL._SL500_AA300_.jpg

Edith Mathis, Trudeliese Schmidt, Peter Schreier und Dietrich Fischer-Dieskau, Chandler Goetting (Tromete)
Münchner Bach Chor & Orchester, Karl Richter
(1977/78)

Grund ist zum einen Richters unaufgeregte Herangehensweise, der den Eingangschor zwar flott, aber nicht verhetzt nimmt (obwohl der Text ein sehr zügiges Musizieren rechtfertigt), zum anderen sind es die Solisten, allen voran Peter Schreier in der von Dir schon genannten Tenor-Arie, der sie mir herrlicher Intensität gestaltet. Fischer-Dieskaus Darstellung der Bass-Arie ist allerdings nicht wirklich schön; die Koloraturen sind mir zu schwerfällig, die dynamische Gestaltung zu maniriert, hier und da sogar überzieht er ziemlich (im B-Teil). Dafür ist Goettings Trompetenspiel sehr schön. Die Damen haben ja jeweils nur ein Rezitativ zu gestalten, was ihnen aber wiederum gut gelingt.

:hello Agravain


An alle:

Für den kommenden Sonntag stehen die Kantaten BWV 49, 162 und 180 im Kalender. Ich würde - wenn es niemand stört - in BWV 180 einführen wollen.
Heike (10.10.2010, 23:29):
Man hier geht es ja zur Sache! Da kommt man ja gar nicht hinterher (ich jedenfalls nicht). Ich werde mich also diese Woche auf die eingangs besprochene Kreuzstabkantate beschränken und ggf. nächstes Jahr auf die weiteren zurückkommen :-)

Ich finde bei BWV 56 die heut im Kulturradio gespielte Version mit Fischer- Dieskau und Richter schon ziemlich gut. Das ist beeindruckend schlicht und doch emotional anrührend gesungen. Dann habe ich noch 2 weitere Aufnahmen, aber die muss ich nochmal bewusst anhören, später mehr.
Heike
Jürgen (11.10.2010, 13:48):
Ich habe folgende Aufnahmen der Kreuzstabskantate zum vergleichen:


Richter / Bass: Dietrich Fischer-Dieskau (1969)
http://ecx.images-amazon.com/images/I/517CWdrNFTL._AA115_.jpg

Rilling / Bass: Dietrich Fischer-Dieskau (1983)
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41FSugA2mjL._AA115_.jpg

Pommer / Bass: Siegfried Lorenz (1984)
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61Rl0ZzeoAL._AA115_.jpg

Leusinck / Bass: Bas Ramselaar (1999)
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51LKwquiUzL._AA115_.jpg

Kussmaul / Bass: Thomas Quasthoff (2004)
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51VopOUk6CL._AA115_.jpg


Heute nehme ich mir aber nur die Eingangsarie vor, weil ich mehr ohnehin nicht schaffe. Ich liste hier mal die Laufzeiten, weil da schon deutliche Unterschiede auszumachen sind:


Richter: 8:41
Rilling: 8:08
Pommer: 6:49
Leusinck: 6:44
Kussmaul: 7:01


Diese Arie hat ein recht getragenes Tempo und schon das erste gesungene tragen erstreckt sich über viele, viele und lange Sekunden. Wer das nicht interessant gestaltet, bei dem klingt das schon vom Anfang an tranig und mir vergeht die Freude am Hören.
So erging es mir bei Leusinck/Ramselaar. Hier ist der Bass etwas flach und dazu ist die vorangehende instrumentale Einleitung zwar gleichmäßig ausbalanciert (ich kann also alle Instrumente gut hören) allerdings lustlos dahinschlurfend. Und das trotz schnellem Tempo.

Richter mit DFD hat das hör- und messbar langsamste Tempo und das bringt den Bass in arge Schwierigkeiten. Das schon erwähnte ewig lange tragen nötigt DFD mehrmaliges Luftholen ab, was mich ganz gewaltig stört.

Die instrumentale Einleitung wird bei Richter/Rilling/Pommer mit breitem Streicherklang vorgetragen. Mancher stört sich daran, ich höre das ganz gerne. Insbesondere, wenn ich Alternativen habe. Und die kommt mit Kussmaul sehr transparent, wohl auch der guten Aufnahmequalität geschuldet. Quasthoff singt in dieser Aufnahme auch sehr schön. Er könnte allerdings mehr Gefühl in seinen Gesang legen.

Am besten gefällt mir die Aufnahme mit Pommer/Lorenz. Da wird in dieser sicherlich nicht leichten Arie der Spannungsbogen erhalten. Das ist eine runde Sache.

Grüße
Jürgen
Armin70 (11.10.2010, 17:29):
Eben habe ich mir noch einmal den gestrigen Mitschnitt der "Kreuzstab-Kantate" BWV 56 mit Gotthold Schwarz, Mitgliedern des Thomanerchors Leipzig und La Stagione Frankfurt unter der Leitung von Michael Schneider angehört.

Es handelt sich übrigens um diese Aufnahme:



Die Spielzeiten sind wie folgt:

1. Aria: 06:37
2. Rezitativ: 01:59
3. Aria: 06:26
4. Rezitativ e Arioso: 01:33
5. Choral: 01:27

Nach einem Abstand von einem Tag habe ich mir diese Interpretation noch einmal gehört und sie gefällt mir jetzt um einiges besser. Die Interpretation ist sehr transparent gestaltet. Dadurch ist die Textverständlichkeit des sehr guten Solisten Gotthold Schwarz gewährleistet. Gestern kritisierte ich das schnelle Tempo der mittleren Aria. Das lag wohl daran, dass ich diese Aufnahme nach den wesentlich breiter gespielten Interpretationen insbesondere von Richter und Rilling hörte. Heute empfand ich dieses Tempo weniger gehetzt als gestern, sondern schön tänzerisch. Das Orchester La Stagione gefällt mir auch sehr gut in dieser Aufnahme. Vor allem die Continou-Gruppe gestaltet ihren Part sehr federnd und nicht täppisch. Auch die kontinuierliche Verwendung der Orgel als Continou-Instrument passt für meinen Geschmack sehr gut und gefällt mir besser als ein Cembalo. Fast magisch, weil wunderbar dunkel durch die tiefsten Register der Orgel und des Kontrabasses gelingt der Schluss des vorletzten Ariosos ("Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, Da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab").

Gestern brachte SWR2 noch Ausschnitte aus BWV 56 mit Peter Kooji und La Chapelle Royale unter der Leitung von Philippe Herreweghe:



Rezitativ ("Mein Wandel auf der Welt"): 01:52
Arie ("Endlich, endlich wird mein Joch"): 06:44

Diese Ausschnitte haben mir sehr gut gefallen, weil da für meinen Geschmack alles passt: Solist, Orchester, Tempowahl des Dirigenten, Phrasierung und Textverständlichkeit.

Ich muss aber auch sagen, dass ich sehr positiv von Richters Aufnahme überrascht bin, dessen Aufnahmen ich ehrlich gesagt lange nicht mehr hörte. Die insgesamt getragenen Tempi passen zu BWV 56 meiner Meinung ganz gut und dass Fi-Di damit zu kämpfen hat empfinde ich nicht so. Die Musik erhält dadurch fast so eine Art verinnerlichte, meditative Grundstimmung.

Armin
Jürgen (13.10.2010, 10:38):
2.Satz: Rezitativ Mein Wandel auf der Welt ist einer Schiffahrt gleich

Ich habe wieder die 5 Kandidaten:

Richter/Fischer-Dieskau
Rilling/Fischer-Dieskau
Pommer/Lorenz
Leusinck/Ramselaar
Kussmaul/Quasthoff

Hier spielt das Cello ein Motiv, das die Wellenbewegung des Wassers darstellen soll. Ich will es kurz machen. Diese Darstellung ist in drei meiner Aufnahmen gut gelungen. Lediglich bei Rilling wird ein sehr dominantes Cembalo als bc verwendet, wodurch die sanften Wellen zerhackt werden bzw. das Cello überdeckt wird. Bei allen anderen Aufnahmen spielt eine Orgel. Das gefällt mir viel besser. Weniger gefällt mir auch Leusinck, weil das Cello arg im Hintergrund spielt.
Die restlichen drei gefallen mir sehr gut.
Bei Richter ist die Orgel dominant, was aber nicht stört, weil sie das Wellenmotiv unterstützt. Schön gespielt.

Grüße
Jürgen
Jürgen (14.10.2010, 12:28):
3.Satz: Aria (Basso): Endlich, endlich wird mein Joch

Natürlich wieder meine 5 Einspielungen:

Richter/Fischer-Dieskau (6:43)
Rilling/Fischer-Dieskau (6:28)
Pommer/Lorenz (7:03)
Leusinck/Ramselaar (7:26)
Kussmaul/Quasthoff (5:43)


Mein Lieblingssatz aus dieser Kantate. Ich habe wieder die Laufzeiten gelistet, weil es sowohl nach oben wie unten Ausreißer gibt, was nicht unwichtig ist.

Ich fange mit Leusinck an, der nicht nur die längste sondern auch die langweiligste Interpretation bietet. Es klingt lustlos.

Das andere Extrem - Kussmaul - ist rasant schnell, was dem Stück aber nicht schlecht bekommt. Es wirkt vielmehr munter und fröhlich, auch Quasthoffs Gesang profitiert davon.

Bei Richter wird ordentlich musiziert, nicht schlecht, aber auch nicht überragend gut. Bei DFD höre ich die freudig erwartende Stimmung nicht heraus. Ich muss vielmehr an romantisch korrekte Schubertlieder denken. (Aber das ist meine ganz persönliche Assoziation)

Die Aufnahme Rillings gefällt mir wegen der wunderbaren Oboe. Das begleitende Cembalo stört mich in diesem Stück überhaupt nicht und DFD bei geringfügig angezogenerem Tempo auch nicht so, wie bei Richter.

Pommer musiziert gefällig, das geht gut ins Ohr, ist aber auch kein Reißer. Lorenz singt überzeugend. Ein wenig mehr Pepp hätte die Darbietung auf Platz 1 gehievt.

Der wird aber, je öfter ich die Stücke höre, von Kussmaul/Quasthoff eingenommen.

Grüße
Jürgen
Heike (14.10.2010, 16:55):
So hier von mir nun meine Eindrücke zu der ersten Aufnahme, die ich von BWV 56 in meinem Besitz habe (die andere muss ich erst suchen, ist offensichtlich irgendwie verlegt)



Die Spielzeiten sind wie folgt:

1. Aria: 06:51
2. Rezitativ: 01:56
3. Aria: 06:35
4. Rezitativ e Arioso: 01:38
5. Choral: 01:25

Es singt der Bass-Bariton Hanno Müller-Brachmann, der mir gar nicht schlecht gefällt, jedenfalls besser als DFD bei Richter. Wenig Theatralik, eher schlicht die Stimme, was besonders den Rezitativen gut bekommt. Auch die eher flotten Tempi und das Kammerorchester kommen meinen Vorlieben entgegen.

Die Wellenbewegungen im 2. Satz werden in dieser Aufnahme vom Cello gespielt, was in der Unauffälligkeit im Hintergrund gut zum Bass passt. Die Oboe im 2. Satz ist mir allerdings etwas zu seicht, zu schön, zu farblos.
Der Chor am Ende (Collegium Vocale Siegen) gefällt mir wiederum gut, mit deutlicher Betonung auf den hohen Frauenstimmen, sehr ausdrucksvoll und bachtypisch gesungen.

Heike
Jürgen (15.10.2010, 11:03):
Den dritten Satz, ein Rezitativ, überspringe ich mal.
Ich habe meine 5 gerade durchgehört und mir fällt spontan nichts ein, was ich darüber schreiben könnte.



Daher komme ich zum Abschlußchoral. Choral (Coro): Komm, o Tod, du Schlafes Bruder


Ich hörte in genau dieser Reihenfolge:

Leusinck (1:34)
Pommer (1:34)
Rilling (1:34)
Kussmaul (1:25)
Richter (2:11)


Ich will mich kurz fassen, bei den ersten 4 fand ich den Choral gut, aber nix weiter. Bevor dann Richter lief, dachte ich das kann ja tranig werden, so lange wie der braucht. Beim Hören traf es aber wie ein Schlag. So herzergreifend, tief empfunden. Mir standen Tränen in den Augen. Erst hier habe ich die Schönheit der Musik begriffen.
Breiter Streicherklang und Chor, Orgelverstärkung in der Schlußzeile. Ob das alles korrekt ist, romantisierend oder schmalzbedeckt, ist mir ziemlich egal. Es hat mich so bewegt, dass ich diesen Satz in meine persönliche BestOfBach Playlist aufgenommen habe.

Allein diese kleine Entdeckung lohnt die ausführliche Beschäftigung mit der Kantate.

Grüße
Jürgen

P.S: Wer möchte denn die Einführung zur Kantate zum 20. Sonntag nach Trinitatis: Ich geh und suche mit Verlangen BWV 49 schreiben?
Agravain (15.10.2010, 11:41):
Original von Jürgen
Ich will mich kurz fassen, bei den ersten 4 fand ich den Choral gut, aber nix weiter. Bevor dann Richter lief, dachte ich das kann ja tranig werden, so lange wie der braucht. Beim Hören traf es aber wie ein Schlag. So herzergreifend, tief empfunden. Mir standen Tränen in den Augen. Erst hier habe ich die Schönheit der Musik begriffen.

Lieber Jürgen,

ja, für solche Momente der Epiphanie ist Richter wirklich gut. Ich kann bestens nachvollziehen, wie es Dir hier erging. Mir geht es immer so, wenn ich Richters Darstellung des ganz knappen "Wahrlich, wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" aus seiner 1958er Aufnahme der Matthäus-Passion höre. Das wird mir in den HIPpen darstellungen oft viel, viel, viel zu schnell, quasi so nebenher musiziert - dabei ist es doch eine der Kernaussagen der passion. Aber genug des OT.
Ich hatte mich ja schon für BWV 180 beworben. Vielleicht macht Armin den Anfang mit BWV 49? Wenn sich allerdings niemand findet, würde ich auch in diese Kantate einleiten.

:hello Agravain
Heike (15.10.2010, 13:28):
Original von Armin70

Gestern brachte SWR2 noch Ausschnitte aus BWV 56 mit Peter Kooji und La Chapelle Royale unter der Leitung von Philippe Herreweghe:



...
Diese Ausschnitte haben mir sehr gut gefallen, weil da für meinen Geschmack alles passt: Solist, Orchester, Tempowahl des Dirigenten, Phrasierung und Textverständlichkeit

Das ist die zweite Aufnahme, die ich besitze (hat sich wieder angefunden).
1. Aria: 06:55
2. Rezitativ: 01:52
3. Aria: 06:44
4. Rezitativ e Arioso: 01:26
5. Choral: 01:24

Mir gefällt die Aufnahme genau wie Armin ganz ausgezeichnet. Schöne Stimme, schnörkellos gesungen und wunderbar variert in Emotionalität und Lautstärke. das rührt mich sehr an, ohne schmalzig zu klingen. Die Oboe ebenso ganz wunderbar, lebendig, fast frech. Das Tempo zügig, das Orchester musiziert schlank und akzentuiert. Der Chor setzt einen würdigen Schluss. Mein Favorit, zumal der Klang auch besser ist als auf meiner anderen Aufnahme.
Heike
Armin70 (15.10.2010, 15:06):
Hallo,

ich kann gerne die Einführungsbeiträge zu den Kantaten BWV 49 und 162 für den kommenden Sonntag schreiben.

Gruß
Armin
Agravain (17.10.2010, 11:07):
20. Sonntag nach Trinitatis BWV 180: "Schmücke dich, o liebe Seele"

Die Kantate entstand zum 22.10.1724 und gehört somit dem zweiten Kantatenjahrgang Bachs an.
Sie bezieht sich inhaltlich auf das Gleichnis vom großen Gastmahl, das sich bei Matthäus findet. Der unbekannte Textdichter schlägt die Brücke von hier zum Abendmahl nicht zuletzt darum, weil in der Parallelstelle bei Lukas tatsächlich vom großen Abendmahl die Rede ist. Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er Johann Francks Abendmahlslied als Grundlage für seine Dichtung wählte. Der Text der Choralsätze (Satz 1, Satz 3, Satz 7) entstammt direkt dem Franckschen Lied, die Nachdichtung in den anderen Sätzen orientiert sich an den nicht verwendeten Strophen.

Evangelium

Matthäus 22, 1-14 Gleichnis vom Hochzeitsmahl

Und Jesus hob an und redete wieder in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist einem menschlichen König gleich, der seinem Sohne Hochzeit machte. Und er sandte seine Knechte aus, um die Geladenen zur Hochzeit zu rufen; aber sie wollten nicht kommen. Da sandte er nochmals andere Knechte und sprach: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet; meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit; kommet zur Hochzeit! Sie aber achteten nicht darauf, sondern gingen hin, der eine auf seinen Acker, der andere zu seinem Gewerbe; die übrigen aber ergriffen seine Knechte, mißhandelten und töteten sie. Da wurde der König zornig, sandte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Geladenen waren nicht würdig; darum gehet hin an die Kreuzungen der Straßen und ladet zur Hochzeit, soviele ihr findet! Und die Knechte gingen hinaus auf die Straßen und brachten alle zusammen, die sie fanden, Böse und Gute, und der Hochzeitssaal ward voll von Gästen. Als aber der König hineinging, die Gäste zu besehen, sah er daselbst einen Menschen, der kein hochzeitliches Kleid anhatte; und er sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu den Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werfet ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Da wird das Heulen und Zähneknirschen sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!

Lukas 14, 16-24 Gleichnis vom großen Gastmahl

Da aber solches hörte einer, der mit zu Tische saß, sprach er zu ihm: Selig ist, der das Brot ißt im Reiche Gottes. aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu. Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an, alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen. der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: Gehe aus schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf das mein Haus voll werde. Ich sage euch aber, daß der Männer keiner, die geladen waren mein Abendmahl schmecken wird.

Text

1. (Coro)
Schmücke dich, o liebe Seele,
Laß die dunkle Sündenhöhle,
Komm ans helle Licht gegangen,
Fange herrlich an zu prangen;
Denn der Herr voll Heil und Gnaden
Läßt dich itzt zu Gaste laden.
Der den Himmel kann verwalten,
Will selbst Herberg in dir halten.

2. Aria T
Ermuntre dich: dein Heiland klopft,
Ach, öffne bald die Herzenspforte!
Ob du gleich in entzückter Lust
Nur halb gebrochne Freudenworte
Zu deinem Jesu sagen musst.

3. Recitativo e Choral S
Wie teuer sind des heilgen Mahles Gaben!
Sie finden ihresgleichen nicht.
Was sonst die Welt
Vor kostbar hält,
Sind Tand und Eitelkeiten;
Ein Gotteskind wünscht diesen Schatz zu haben
Und spricht:

Ach, wie hungert mein Gemüte,
Menschenfreund, nach deiner Güte!
Ach, wie pfleg ich oft mit Tränen
Mich nach dieser Kost zu sehnen!
Ach, wie pfleget mich zu dürsten
Nach dem Trank des Lebensfürsten!
Wünsche stets, dass mein Gebeine
Sich durch Gott mit Gott vereine.

4. Recitativo A
Mein Herz fühlt in sich Furcht und Freude;
Es wird die Furcht erregt
Wenn es die Hoheit überlegt
Wenn es sich nicht in das Geheimnis findet,
Noch durch Vernunft dies hohe Werk ergründet.
Nur Gottes Geist kann durch sein Wort uns lehren,
Wie sich allhier die Seelen nähren,
Die sich im Glauben zugeschickt.
Die Freude aber wird gestärket,
Wenn sie des Heilands Herz erblickt
Und seiner Liebe Größe merket.

5. Aria S
Lebens Sonne, Licht der Sinnen,
Herr, der du mein alles bist!
Du wirst meine Treue sehen
Und den Glauben nicht verschmähen,
Der noch schwach und furchtsam ist.

6. Recitativo B
Herr, lass an mir dein treues Lieben,
So dich vom Himmel abgetrieben,
Ja nicht vergeblich sein!
Entzünde du in Liebe meinen Geist,
Dass er sich nur nach dem, was himmlisch heißt,
Im Glauben lenke
Und deiner Liebe stets gedenke.

7. Choral
Jesu, wahres Brot des Lebens,
Hilf, dass ich doch nicht vergebens
Oder mir vielleicht zum Schaden
Sei zu deinem Tisch geladen.
Laß mich durch dies Seelenessen
Deine Liebe recht ermessen,
Dass ich auch, wie itzt auf Erden,
Mög ein Gast im Himmel werden.

Zum Text

Die beiden ersten Sätze haben durchweg einen appellativen Charakter ("Schmücke Dich, o liebe Seele"; "Ermuntre dich: dein Heiland klopft"). Die Seele wird dazu auffordert, freudig der Vereinigung mit Gott im Abendmahl entgegenzusehen. Rezitaztiv 3a – so meine inoffizielle Bezeichnung – ist nun eine Meditation über die Bedeutung des Abendmahls für den Menschen. 3b, die sich anschließende Choralstrophe (gesungen vom Sopran), formuliert dann den in 3a bereits angedeuteten Wunsch des "Gotteskindes" nach der endgültigen Vereinigung mit Gott.
Rezitativ (Nr. 4) beschäftigt sich mit dem Umstand, dass Gottes Größe beim Menschen Furcht (wobei dies eher als Ehrfurcht verstanden werden will) und Freude auslöst. Es wird hier deutlich, dass die Allmacht und Gottes weniger durch den Intellekt ergründet werden können als vielmehr durch die unmittelbare Evidenz des Erlebnisses, wenn man "des Heilands Herz" erblicket, wobei der Bezug zum Abendmahl so wieder hergestellt wird. Die Sopran-Arie (Nr. 5) greift die Freudenthematik auf und begründet sie mit der festen Gewissheit darüber, dass Gott quasi jeden Gläubigen annimmt. Das folgende Rezitativ wie auch der Schlusschoral haben Gebetscharakter: Individuum und Gemeinde hoffen darauf, dass ihnen die Partizipation am Mysterium der Eucharistie den Eingang in den Himmel ermöglichen wird.

Aufnahmen

Mir liegen insgesamt drei Aufnahme der Kantate vor:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51zukgdrnVL._SS400_.jpg

Ruth Holton, Sytse Buwalda, Knut Schoch, Bas Ramselaar, Leusink

1) 5:46 2) 6:18 3) 3:05 4) 1:20 5) 4:02 6) 0:57 7) 1:16

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51194EWTPZL._SS400_.jpg

Barbara Schlick, Andreas Scholl, Christoph Prégarien, Gotthold Schwarz, Coin

1) 6:20 2) 4:59 3) 2:28 4) 1:21 5) 4:08 6) 1:03 7) 1:23

http://ecx.images-amazon.com/images/I/514WKS4RPCL._SL500_AA300_.jpg

Edith Mathis, Trudeliese Schmidt, Peter Schreier, Dietrich-Fischer-Dieskau, Richter

1) 8:06 2) 5:59 3) 3:53 4) 1:46 5) 4:36 6) 1:13 7) 1:30

Insgesamt gefällt mir Leusink hier am besten, wobei es bei ihm auch Schwachstellen gibt. Doch mir gefällt die grundsätzliche Herangehensweise, weil sie den Tanzcharakter der einzelnen Sätze (Nr. 1: Gigue-Nähe, Nr. 2: Bourée-Nähe, Nr. 5: Polonaise-Nähe) schlüssig fokussiert. Man sieht bereits deutlich an den Spielzeiten, dass Leusink einen völlig anderen Ansatz wählt als der hier doch sehr langsame Richter (nebenbei gesagt sind auch Gardiner, Kuijken und Koopman hier auch eher langsam). Nun bin ich ja durchaus kein Verächter der Richterschen slow hand, hier jedoch macht die Wahl eines derat gravitätisches Tempos für mich kaum Sinn (ähnlich wie auch in seiner Interpretation des Eingangschors zu BWV 140), weder von der musikalischen Struktur noch von der Textebene her. Die Seele soll sich schmücken, sie soll ins helle Licht gehen, sie soll beginnen zu prangen, weil der Herr sie annimmt. Das ist ein Grund zur Freude und nicht umsonst orientiert sich Bach in der gesamten Kantate doch an Tänzen, wenn es darzum geht, der Freude Ausdruck zu geben. Das muss also swingen, nicht kriechen.
Coin liegt dazwischen, ist mir aber immer noch zu getragen.

Knut Schochs Interpretation der Tenor-Arie muss sich neben der berühmten Konkurrenz (Prégardien,Schreier) nicht verstecken. Das ist eine leichte Stimme mit schöner Führung und gutem Sitz. Ich weiß aus Erfahrung, dass Schoch auch einen guten Evangelisten singt und genau so klingt diese Stimme auch hier. Klar, hell, textverständlich.

Ebenso gefällt mir Ruth Holtons leichter, ja schon fast kindlicher Sopran für ihr Rezaitativ (in dem ja auch vom "Gotteskind" die Rede ist, das sie stimmlich gut verkörpert) und auch für den sich anschließenden Choral.
Bas Ramselaar gestaltet sein Rezitativ routiniert.

Schwachstellen gibt es meiner Ansicht nach zwei. Zum einen ist da der Altist Sytse Buwalda, der einfach ein ganz fürchterliches Timbre hat und wenig davon versteht, wie man einen schönen Ton formt und wie man textverständlich singt. Der andere ist der Holland Boys Choir, der hier leider recht heterogen klingt und mit dem Eingangschor klanglich so seine Schwierigkeiten hat. Hier würde ich mir einen professionelleren Chor wünschen. Ich habe gesehen, das Suzuki ähnliche Tempi wählt (auch die Hörschnipsel legen dies nahe), sodass diese Aufnahme für mich vielleicht die Alternative wäre.

:hello Agravain
Armin70 (17.10.2010, 14:24):
Ach! ich sehe, itzt, da ich zur Hochzeit gehe BWV 162

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate inWeimar für den 20. Sonntag nach Trinitatis am 25. Oktober 1716. Bach verwendet darin einen Text von Salomon Franck aus dem Jahr 1715 und für den Abschluss-Choral einen Text von Johann Rosenmüller (1652). Ursprünglich war diese Kantate für die Besetzung 4 Gesangssolisten (Sopran, Alt, Tenor und Bass), Chor, Streicher und Basso Continou geschrieben. Für eine spätere Aufführung in Leipzig 1723 fügte Bach noch eine Zug-Trompete (Corno da Tirarsi) hinzu.

Der erste Satz ist eine Da-Capo-Arie für Bass mit kompletter Orchesterbegleitung. An zweiter Stelle folgt ein Secco-Rezitativ für Tenor und Continou. Daran schließt sich eine Da-Capo-Arie für Sopran an, die nur vom Continou begleitet wird aber dies sehr kunstvoll. Als nächstes folgt eine Secco-Rezitativ für Alt und Continou mit einer zum Ende hin reichhaltiger werdenden Begleitung. An fünfter Stelle steht ein Duett für Alt, Tenor und Continou in Form einer Trio-Sonate. Dieses Duett hat insgesamt einen tröstenden Charakter. Der abschließende Choral ist dann für Chor und Orchester gesetzt.

Der Text von Salomon Franck reflektiert, wie wichtig es ist, der liebenden Aufforderung bzw. Einladung von Gott dem Herrn zu folgen. Francks Sprache ist reich an Kontrasten und Bildern („Seelengift“, „Himmelsbrot“, „Himmelsglanz und Höllenflammen“ oder „Der Himmel ist sein Thron“).

Text:

1. Aria (Bass und Orchester, a-moll)
Ach! ich sehe,
Itzt, da ich zur Hochzeit gehe,
Wohl und Wehe.
Seelengift und Lebensbrot,
Himmel, Hölle, Leben, Tod,
Himmelsglanz und Höllenflammen
Sind beisammen.
Jesu, hilf, dass ich bestehe!

2. Rezitativ (Tenor und Continou, a-moll, mit dem Schluss der Subdominante auf d-moll)
O großes Hochzeitfest,
Darzu der Himmelskönig
Die Menschen rufen lässt!
Ist denn die arme Braut,
Die menschliche Natur, nicht viel zu schlecht und wenig,
Dass sich mit ihr der Sohn des Höchsten traut?
O großes Hochzeitfest,
Wie ist das Fleisch zu solcher Ehre kommen,
Dass Gottes Sohn
Es hat auf ewig angenommen?
Der Himmel ist sein Thron,
Die Erde dient zum Schemel seinen Füßen,
Noch will er diese Welt
Als Braut und Liebste küssen!
Das Hochzeitmahl ist angestellt,
Das Mastvieh ist geschlachtet;
Wie herrlich ist doch alles zubereitet!
Wie selig ist, den hier der Glaube leitet,
Und wie verflucht ist doch, der dieses Mahl verachtet!

3. Aria (Sopran und Continou, a-moll)
Jesu, Brunnquell aller Gnaden,
Labe mich elenden Gast,
Weil du mich berufen hast!
Ich bin matt, schwach und beladen,
Ach! erquicke meine Seele,
Ach! wie hungert mich nach dir!
Lebensbrot, das ich erwähle,
Komm, vereine dich mit mir!

4. Rezitativ (Alt und Continou, a-moll modulierend nach C-Dur)
Mein Jesu, lass mich nicht
Zur Hochzeit unbekleidet kommen,
Dass mich nicht treu dein Gericht;
Mit Schrecken hab ich ja vernommen,
Wie du den kühnen Hochzeitgast,
Der ohne Kleid erschienen,
Verworfen und verdammet hast!
Ich weiß auch mein Unwürdigkeit:
Ach! schenke mir des Glaubens Hochzeitkleid;
Laß dein Verdienst zu meinem Schmucke dienen!
Gib mir zum Hochzeitkleide
Den Rock des Heils, der Unschuld weiße Seide!
Ach! lass dein Blut, den hohen Purpur, decken
Den alten Adamsrock und seine Lasterflecken,
So werd ich schön und rein
Und dir willkommen sein,
So werd ich würdiglich das Mahl des Lammes schmecken.

5. Aria – Duett (Alt, Tenor und Continou, C-Dur)
In meinem Gott bin ich erfreut!
Die Liebesmacht hat ihn bewogen,
Dass er mir in der Gnadenzeit
Aus lauter Huld hat angezogen
Die Kleider der Gerechtigkeit.
Ich weiß, er wird nach diesem Leben
Der Ehre weißes Kleid
Mir auch im Himmel geben.

6. Choral (Chor und Orchester, a-moll)
Ach, ich habe schon erblicket
Diese große Herrlichkeit.
Itzund werd ich schön geschmücket
Mit dem weißen Himmelskleid;
Mit der güldnen Ehrenkrone
Steh ich da für Gottes Throne,
Schaue solche Freude an,
Die kein Ende nehmen kann.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor und Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass) und Orchester (Trompete, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou).

Entstehungszeit: 25. Oktober 1716 (oder 03.11.1715)
Text: Salomo Franck 1715; 6. Johann Rosenmüller 1652
Anlass: 20. Sonntag nach Trinitatis

(Quelle: wikipedia.org, allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca).

Diese Kantate hatte ich mir heute morgen in einer sehr schönen Aufnahme mit Barbara Schlick (Sopran), Elisabeth von Magnus (Alt), Paul Agnew (Tenor), Klaus Mertens (Bass) sowie dem Amsterdam Baroque Choir & Orchestra unter der Leitung von Ton Koopman aufgenommen. Bei dieser Aufnahme wurde die ursprüngliche Version dieser Kantate gespielt, d. h. ohne die für die spätere Leipziger Aufführung vorgenommenen Änderungen (Corno da Tirarsi und Transponierung auf den damals in Leipzig verwendeten Kammerton). Diese Aufnahme zeichnet sich durch sehr schöne Details, z. B. der sehr fantasievoll und variabel gespielte Continou-Part. Vermutlich hat Ton Koopman selbst den Orgel-Continou-Part gespielt. Da ich diese Kantate bis dahin aber nicht kannte, werde ich mir diese noch öfters anhören.
Armin70 (17.10.2010, 14:35):
Ich geh und suche mit Verlangen BWV 49

Bemerkenswert an dieser Kantate ist, dass die einleitende Sinfonia von einem hoch virtuosem Orgelsolo geprägt ist. Diese Sinfonia ist vermutlich die Urform vom Finale des Cembalokonzerts E-Dur BWV 1053.
Die Thematik des Textes ist geprägt vom Zwiegespräch zwischen Jesus (Bass) und der Seele (Sopran), die den gläubigen Christen symbolisiert. Dabei wird vornehmlich auf Bilder des Hohenliedes Salomons angespielt, wobei die Liebesdichtung im Barock auf eine Hochzeit zwischen Jesu und der gläubigen Seele umgedeutet wurde.

Ungewöhnlich ist der dem Stück innewohnende fröhlich-konzertante Charakter, dem die Orgel besondere Festlichkeit verleiht und der eher an eine bürgerliche Hochzeitsgesellschaft als an eine Kirchenkantate denken lässt. Im Autographen ist das Werk als „Dialogus“ bezeichnet, und so fehlen neben Solo-Alt und -Tenor auch der sonst übliche Chor. Weiterhin ist es eine der wenigen Bachkantaten, bei denen das Violoncello piccolo Verwendung findet. Auffällig ist ebenfalls der aufwändig gestaltete Schlusschoral: Während die Orgel ein Ritornell spielt, entspinnt sich ein reizvoller Dialog zwischen der ariosen Basspartie und der durch den Sopran als Cantus firmus vorgetragenen Chroralmelodie, der 7. Strophe des Liedes Wie schön leuchtet der Morgenstern von Philipp Nicolai (1599).

Text:

1. Sinfonia (Oboe d'amore, Violine I/II, Viola, Orgel obligato, Continou, E-Dur)

2. Aria (Bass, Orgel obligato und Continou, E-Dur)
Ich geh und suche mit Verlangen
Dich, meine Taube, schönste Braut.
Sag an, wo bist du hingegangen,
Dass dich mein Auge nicht mehr schaut?

3. Rezitativ (Sopran, Bass, Violine I/II, Viola, Continou, E-Dur)
Jesus (B), Seele (S)
Bass
Mein Mahl ist zubereit'
Und meine Hochzeittafel fertig,
Nur meine Braut ist noch nicht gegenwärtig.
Sopran
Mein Jesus redt von mir;
O Stimme, welche mich erfreut!
Bass
Ich geh und suche mit Verlangen
Dich, meine Taube, schönste Braut.
Sopran
Mein Bräutigam, ich falle dir zu Füßen.
{Bass / Sopran}
Komm, {Schönste / Schönster}, komm und lass dich küssen,
{Du sollst mein / Laß mich dein} fettes Mahl genießen.
{Komm, liebe Braut, und / Mein Bräutigam! ich} eile nun,
beide
Die Hochzeitkleider anzutun.

4. Aria (Sopran, Oboe d'amore, Violoncello piccolo, Continou, A-Dur)
ch bin herrlich, ich bin schön,
Meinen Heiland zu entzünden.
Seines Heils Gerechtigkeit
Ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Und damit will ich bestehn,
Wenn ich werd im Himmel gehn.

5. Rezitativ (Dialog: Sopran und Bass, Continou, A-Dur)
Sopran
Mein Glaube hat mich selbst so angezogen.
Bass
So bleibt mein Herze dir gewogen,
So will ich mich mit dir
In Ewigkeit vertrauen und verloben.
Sopran
Wie wohl ist mir!
Der Himmel ist mir aufgehoben:
Die Majestät ruft selbst und sendet ihre Knechte,
Dass das gefallene Geschlechte
Im Himmelssaal
Bei dem Erlösungsmahl
Zu Gaste möge sein,
Hier komm ich, Jesu, lass mich ein!
Bass
Sei bis in Tod getreu,
So leg ich dir die Lebenskrone bei.

6. Aria und Choral (Bass und Sopran, Oboe d'amore, Violine I/II, Viola, Orgel obligato, Continou, E-Dur)
Dich hab ich je und je geliebet,
Wie bin ich doch so herzlich froh,
Dass mein Schatz ist das A und O,
Der Anfang und das Ende.
Und darum zieh ich dich zu mir.
Er wird mich doch zu seinem Preis
Aufnehmen in das Paradeis;
Des klopf ich in die Hände.
Ich komme bald,
Amen! Amen!
Ich stehe vor der Tür,
Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange!
Mach auf, mein Aufenthalt!
Deiner wart ich mit Verlangen.
Dich hab ich je und je geliebet,
Und darum zieh ich dich zu mir.

Besetzung: Soli (Sopran und Bass), Oboe d'amore, Violine I/II, Viola, Violoncello piccolo, Orgel obligato, Continou

Entstehungszeit: 03.11.1726
Text: unbekannter Dichter und Philipp Nicolai (Choralmelodie 1599)
Anlass: 20. Sonntag nach Trinitatis

Heute nahm ich eine Aufnahme mit Dorothea Röschmann (Sopran) und Thomas Quasthoff (Bassbariton) sowie den Berliner Barock Solisten und Rainer Kussmaul auf. Mir gefallen die beiden Gesangsstimmen sehr gut, da die Zwiegespräche zwischen Jesus und Seele sehr gut dargestellt und dem Hörer vermittelt werden. Dazu ist das auch eine sehr transparente Aufnahme und das Orchester wartet mit sehr schönen Instrumentalsoli auf.
Armin70 (17.10.2010, 23:22):
Original von Agravain
Ich habe gesehen, das Suzuki ähnliche Tempi wählt (auch die Hörschnipsel legen dies nahe), sodass diese Aufnahme für mich vielleicht die Alternative wäre.

Die Kantate "Schmücke dich, o liebe Seele" BWV 180 kam heute auf BR-Klassik in der Aufnahme mit dem Bach Collegium Japan und Masaako Suzuki sowie den Solisten Yukari Nonoshita, Sopran; Timothy Kenworthy-Brown, Countertenor; Makoto Sakurada, Tenor und Peter Kooij, Bass.

Die Tempi der einzelnen Sätze sind:
1.: 05:07 / 2.: 05:22 / 3.: 03:01 / 4.: 01:28 / 5.: 04:10 / 6.: 00:59 / 7.: 01:24

Diese Kantate hörte ich, als mir vorhin den Mitschnitt dieser Übertragung anhörte, zum ersten Mal und mir hat Suzukis Interpretation sehr gut gefallen. Die Gesangsstimmen der Solisten haben mir recht gut gefallen, da diese recht schlank und ohne störendes Vibrato singen. Der Chorklang ist ebenfalls sehr transparent und homogen und der Tanzcharakter der einzelnen Sätze wird für meinen Geschmack auch sehr gut getroffen.

Ich muss zugeben, dass dies meine erste Bekanntschaft überhaupt mit Suzukis Bach-Interpretationen ist aber nach dem Anhören dieser Aufnahme kann ich die überwiegend positiven Kritiken sehr gut nachvollziehen.
Heike (18.10.2010, 14:16):
Ich kannte die Kantate "Ich geh und suche mit Verlangen" bisher nicht und war ganz erstaunt, als ich die am Sonntag hörte. Ich dachte: huch was ist das denn, bin ich jetzt in der Oper gelandet? Konzertante Musik gepaart mit fröhlichen Arien und lustvollen Duetten, das passt aber so rein gar nicht zu meiner Vorstellung von Kirchenkantaten ;-) Da hörte man fast das "Verlangen", das klang richtig nach Feiern.
Heike

p.s ich habe jetzt die Kulturradio-Aufnahme vom Sonntag nochmal angehört (Thomas Quasthoff, Dorothea Röschmann, Berliner Barock Solisten, Rainer Kussmaul):



Speziell Dorothea Röschmann singt ganz bezaubernd, ich glaube, es ist sie, die dieses glamouröse barocke Flair verströmt. Thomas Quasthoff als Partner gefällt mir hier, aber er ist doch nüchterner (wie immer). Zum Orchester kann ich wenig substantielles sagen, da mir Vergleiche fehlen. Es klingt mir aber relativ geordnet, fast ein wenig brav.
Armin70 (18.10.2010, 18:47):
Eben habe ich mir noch einmal die Mitschnitte der 3 Kantaten BWV 49, 162 und 180 angehört. Die verschiedenen Radiosender brachten diese Kantaten in folgenden Aufnahmen:

Kantate "Ich gehe und suche mit Verlangen", BWV 49



Spielzeiten:
1.: 06:01 / 2.: 05:11 / 3.: 01:47 / 4.: 04:26 / 5.: 01:17 / 6.: 04:20

Ich kann mich Heikes Meinung anschliessen, da mir die Sopranistin Dorothea Röschmanns Interpretation auch ausgesprochen gut gefällt aber auch Thomas Quasthoffs Vortrag gefällt mir gut und seine vielleicht etwas sachlichere Interpretation passt meiner Meinung ganz gut zu der Partie. Beim Orchester gefällt mir der federnde Rhythmus im Bass ganz gut allerdings hätte ich mir für den solistischen Orgelpart, insbesondere im 1. Satz, ein voluminöser klingendes Instrument gewünscht.


Kantate "Ach! ich sehe, itzt, da ich zur Hochzeit gehe" BWV 162



Spielzeiten:
1.: 03:50 / 2.: 01:35 / 3.: 03:27 / 4.: 01:39 / 5.: 04:35 / 6.: 01:15

Eine wirklich sehr schöne Aufnahme, wie aus einem Guss. Insgesamt eine sehr abwechlungsreiche Interpretation. Die Besetzung ist recht klein, sowohl vom Chor und Orchester. Dadurch entstehen sehr schöne kammermusikalische, fast intime, Momente. Die Gesangssolisten fügen sich da positiv mit ein.


Kantate "Schmücke dich, o liebe Seele" BWV 180



Spielzeiten:
1.: 05:07 / 2.: 05:22 / 3.: 03:01 / 4.: 01:28 / 5.: 04:10 / 6.: 00:59 / 7.: 01:24

Das ist wirklich toll wie Masaako Suzuki und sein Bach Collegium Japan diese schöne Kantate spielen. Der Chor ist echt spitze, schöne klare Intonation. Auch das Orchester spielt sehr transparent, wie bei Koopman entstehen hier auch sehr schöne kammermusikalische Momente. Bei den Gesangssolisten ragen für mich die Sopranistin und der Tenor positiv heraus. Lediglich mit dem Countertenor kann ich mich nicht so recht anfreunden aber der singt ja nur ein Rezitativ.
Agravain (20.10.2010, 11:16):
Hallo Zusammen!

Für den kommenden Sonntag stehen folgende Kantaten an: BWV 38, 98, 109, 188.
Ich würde - wenn kein anderer will - Kantate BWV 38 übernehmen.
Im rbb gibt es Kantate BWV 109.

:hello Agravain
Jürgen (21.10.2010, 12:09):
Meine liebste Aufnahme dieser Kantate ist:

Helmuth Rilling mit dem Bach-Collegium Stuttgart
Sopran: Arleen Augér; Bass: Philippe Huttenlocher
Oktober 1982
Dauer: 25:50


Hier wird frisch musiziert, insbesondere Arleen Augér gefällt mir in dieser Aufnahme.
Lediglich die Orgel, hauptsächlich im 2.Satz (Bass-Arie), klingt hier wie eine Spielmanns-Drehorgel.

Aber in Summe gefällt sie mir besser als Leusinck und Harnoncourt, die ich mir auch angehört habe.
Bei Leusinck ist der Ausdruck arg flach. Ruth Holton (Sopran) fehlt jegliches Temperament und Gefühl. Aber auch die Oboe d'amore säuselt nur vor sich hin.
Harnoncourt hat die Sopranrolle mit einem Wiener Sängerknaben besetzt. Für einen Wechselgesang mit seinem Liebsten geht das gar nicht.

Kurzum: Die von Heike angesprochenen fröhlichen Arien und lustvollen Duette finde ich nur bei Rilling.
Schade, dass ich Kussmaul nicht gehört habe.

Grüße
Jürgen
Jürgen (22.10.2010, 19:47):
Ich übernehme in der nächsten Woche BWV 109, es sei denn, jemand legt sein Veto ein.
:wink

Grüße
Jürgen
Jürgen (24.10.2010, 10:28):
Dies ist eine Kantate aus Bachs erstem Jahr in Leipzig. Sie wurde am 17. Oktober 1723 erstmals aufgeführt.
Der Dichter des Textes ist unbekannt. Er handelt vom Glauben, der im Evangelium als Voraussetzung der Heilung genannt wird.

Besetzung: Alt/Altus, Tenor und vierstimmiger Chor. Cor du Chasse (corno da caccia), zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Basso continuo.

1. Coro: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben
2. Recitativo (Tenor): Des Herren Hand ist ja noch nicht verkürzt
3. Aria (Tenor, Streicher): Wie zweifelhaftig ist mein Hoffen
4. Recitativo (Alt): O fasse dich, du zweifelhafter Mut
5. Aria (Alt, Oboen): Der Heiland kennet ja die Seinen
6. Choral: Wer hofft in Gott und dem vertraut



1. (Coro)

Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!

2. Recitativo Tenor

Des Herren Hand ist ja noch nicht verkürzt,
Mir kann geholfen werden.
Ach nein, ich sinke schon zur Erden
Vor Sorge, dass sie mich zu Boden stürzt.
Der Höchste will, sein Vaterherze bricht.
Ach nein! er hört die Sünder nicht.
Er wird, er muss dir bald zu helfen eilen,
Um deine Not zu heilen.
Ach nein, es bleibet mir um Trost sehr bange;
Ach Herr, wie lange?

3. Aria Tenor

Wie zweifelhaftig ist mein Hoffen,
Wie wanket mein geängstigt Herz!
Des Glaubens Docht glimmt kaum hervor,
Es bricht dies fast zustoßne Rohr,
Die Furcht macht stetig neuen Schmerz.

4. Recitativo Alt

O fasse dich, du zweifelhafter Mut,
Weil Jesus itzt noch Wunder tut!
Die Glaubensaugen werden schauen
Das Heil des Herrn;
Scheint die Erfüllung allzufern,
So kannst du doch auf die Verheißung bauen.

5. Aria Alt

Der Heiland kennet ja die Seinen,
Wenn ihre Hoffnung hilflos liegt.
Wenn Fleisch und Geist in ihnen streiten,
So steht er ihnen selbst zur Seiten,
Damit zuletzt der Glaube siegt.

6. Choral

Wer hofft in Gott und dem vertraut,
Der wird nimmer zuschanden;
Denn wer auf diesen Felsen baut,
Ob ihm gleich geht zuhanden
Viel Unfalls hie, hab ich doch nie
Den Menschen sehen fallen,
Der sich verlässt auf Gottes Trost;
Er hilft sein' Gläubgen allen.



Abgesehen von den üblichen Verdächtigen, die die Kantaten komplett eingespielt haben (Rilling, Harnoncourt, Koopman, Suzuki, Leusinck und Gardiner), existieren kaum Aufnahmen dieser Kantate. Woran das wohl liegt?


Grüße
Jürgen
Armin70 (24.10.2010, 16:25):
Was Gott tut, das ist wohlgetan BWV 98

Johann Sebastian Bach schrieb diese Kantate für eine Aufführung am 10. November 1726. Zu dieser Zeit beschäftigte sich Bach mit dem sog. galanten Stil, der sehr von der dreiteiligen italienischen Konzertform geprägt war. Als Folge davon ist der Kompositions-Stil dieser Kantate insgesamt klarer und weniger kontrapunktisch strukturiert als sonst. Die kleine Orchesterbesetzung verstärkt zudem den transparenten Charakter.

Im Eingangschor ist der Chorsatz relativ schlicht und klar gesetzt. Das Orchester spielt dazu blockhaft gesetzte Fragen- und Antwortphrasen. Das Tenor-Rezitativ ist geprägt vom flehenden Charakter des Textes. Effektvolle Dissonanzen unterstreichen dies. Die Sopran-Arie wird von einem sehr schönen Oboensolo begleitet. Durch die eingesetzte Chromatik erhält das Stück einen melancholisch-lyrischen Charakter. Das Alt-Rezitativ erzählt von Gottes grenzenloser Liebe. Musikalisch ist dies in einer schlichten, intimen melodischen Linie gehalten. Die abschließende Bass-Arie drückt die Treue zu Gott und die sich daraus ergebende Zuversicht aus. Geprägt ist diese Arie von fanfarenartigen Motiven in den oft unisono geführten Streichern.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Es bleibt gerecht sein Wille;
Wie er fängt meine Sachen an,
Will ich ihm halten stille.
Er ist mein Gott,
Der in der Not
Mich wohl weiß zu erhalten;
Drum lass ich ihn nur walten.

2. Rezitativ (Tenor und Continou)
Ach Gott! wenn wirst du mich einmal
Von meiner Leidensqual,
Von meiner Angst befreien?
Wie lange soll ich Tag und Nacht
Um Hilfe schreien?
Und ist kein Retter da!
Der Herr ist denen allen nah,
Die seiner Macht
Und seiner Huld vertrauen.
Drum will ich meine Zuversicht
Auf Gott alleine bauen,
Denn er verlässt die Seinen nicht.

3. Aria (Sopran, Oboe und Continou)
Hört, ihr Augen, auf zu weinen!
Trag ich doch
Mit Geduld mein schweres Joch.
Gott, der Vater, lebet noch,
Von den Seinen
Läßt er keinen.
Hört, ihr Augen, auf zu weinen!

4. Rezitativ (Alt und Continou)
Gott hat ein Herz, das des Erbarmens Überfluss;
Und wenn der Mund vor seinen Ohren klagt
Und ihm des Kreuzes Schmerz
Im Glauben und Vertrauen sagt,
So bricht in ihm das Herz,
Dass er sich über uns erbarmen muss.
Er hält sein Wort;
Er saget: Klopfet an,
So wird euch aufgetan!
Drum lasst uns alsofort,
Wenn wir in höchsten Nöten schweben,
Das Herz zu Gott allein erheben!

5. Aria (Bass und Orchester)
Meinen Jesum lass ich nicht,
Bis mich erst sein Angesicht
Wird erhören oder segnen.
Er allein
Soll mein Schutz in allem sein,
Was mir Übels kann begegnen.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou)

Entstehungszeit: 10. November 1726
Text: unbekannter Dichter
Anlass: 21. Sonntag nach Trinitatis

(Quelle: bach-cantatas.com, emmanuelmusic.com; allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (24.10.2010, 16:38):
Da diese Kantate heute von keinem Radiosender gespielt wurde, hatte ich mir eine Aufnahme mit Ton Koopman heruntergeladen:



Die Spielzeiten:

1.: 03:57 / 2.: 01:06 / 3.: 03:29 / 4.: 01:01 / 5.: 03:56

Solisten:
Johannette Zomer (Sopran), Bogna Bartosz (Alt), Christoph Pregardien (Tenor), Klaus Mertens (Bass), Amsterdam Baroque Choir & Orchestra, Ton Koopman

Diese Kantate kannte ich bis dahin nicht aber mein erster Eindruck von dieser Aufnahme gefällt mir sehr gut. Vor allem finde ich gut, dass hier eine Altistin und kein Countertenor singt. Des weiteren finde gefällt mir der Chor sehr gut, da dieser auch relativ klein besetzt zu sein scheint und daher klingt alles sehr transparent.
Armin70 (24.10.2010, 16:45):
Ich habe meine Zuversicht BWV 188

Diese Kantate komponierte Johann Sebastian Bach für den 21. Sonntag nach Trinitatis, am 17. Oktober 1728. Bach vertont einen Text seines bevorzugten Librettisten Picander. Die Noten zu dieser Kantate waren im 19. Jahrhundert verschollen und konnten erst wesentlich später durch intensivste Forschungen rekonstruiert werden.

An erster Stelle steht eine Sinfonia, die identisch mit dem dritten Satz des Cembalokonzerts BWV 1052 ist. Hier ist der Solopart für Orgel gesetzt. Die sich anschließende Arie ist ein schöner Dialog zwischen Tenor und Solo-Oboe. Die solistische Orgel ist zusammen mit einer schönen Violoncello-Begleitung in der Alt-Arie wieder zu hören. Die Kantate endet mit einem schlicht gesetzten Choral.

Text:

1. Sinfonia (Orgel, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou)

2. Aria (Tenor, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou)
Ich habe meine Zuversicht
Auf den getreuen Gott gericht,
Da ruhet meine Hoffnung feste.
Wenn alles bricht, wenn alles fällt,
Wenn niemand Treu und Glauben hält,
So ist doch Gott der allerbeste.

3. Rezitativ (Bass und Continou)
Gott meint es gut mit jedermann,
Auch in den allergrößten Nöten.
Verbirget er gleich seine Liebe,
So denkt sein Herz doch heimlich dran,
Das kann er niemals nicht entziehn;
Und wollte mich der Herr auch töten,
So hoff ich doch auf ihn.
Denn sein erzürntes Angesicht
Ist anders nicht
Als eine Wolke trübe,
Sie hindert nur den Sonnenschein,
Damit durch einen sanften Regen
Der Himmelssegen
Um so viel reicher möge sein.
Der Herr verwandelt sich in einen grausamen,
Um desto tröstlicher zu scheinen;
Er will, er kann's nicht böse meinen.
Drum lass ich ihn nicht, er segne mich denn.

4. Aria (Alt, Orgel, Violoncello und Continou)
Unerforschlich ist die Weise,
Wie der Herr die Seinen führt.
Selber unser Kreuz und Pein
Muss zu unserm Besten sein
Und zu seines Namens Preise.

5. Rezitativ (Sopran Violine I/II, Viola und Continou)
Die Macht der Welt verlieret sich.
Wer kann auf Stand und Hoheit bauen?
Gott aber bleibet ewiglich;
Wohl allen, die auf ihn vertrauen!

6. Choral (Chor und Orchester)
Auf meinen lieben Gott
Trau ich in Angst und Not;
Er kann mich allzeit retten
Aus Trübsal, Angst und Nöten;
Mein Unglück kann er wenden,
Steht alls in seinen Händen.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Orgel, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou)
Entstehungszeit: 17. Oktober 1728
Text: Christian Friedrich Henrici (Picander) 1728; 6: Lübeck vor 1603
Anlass: 21. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: bach-cantatas.com, classical.net, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (24.10.2010, 17:01):
Wie die Kantate BWV 98, so stand auch die Kantate BWV 188 heute nicht auf dem Programm der verschiedenen Radiosender. Da ich diese Kantate bis dahin auch nicht kannte und demzufolge auch keine Aufnahme hatte, entschied ich mich wieder für Ton Koopman:



Die Spielzeiten:

1.: 07:48 / 2.: 05:31 / 3.: 01:47 / 4.: 04:57 / 5.: 00:36 / 6.: 00:51

Ich hatte zum Vergleich in die Aufnahmen von Rilling und Gardiner rein gehört und vor allem der Orgelpart gefiel mir in der Koopman-Aufnahme einfach am besten. Des weiteren hat sich auch in dieser Aufnahme der positive Eindruck, den ich bis jetzt von Koopmans Bach-Kantaten-Aufnahmen gewonnen hatte, bestätigt. Mir gefällt vor allem der insgesamt sehr schlanke und transparente Gesamtklang des Ensembles (Chor und Orchester) und auch die Gesangssolisten gefallen mir insgesamt auch ganz gut, da ist keine Stimme dabei, die mir irgendwie unangenehm auffällt.
Heike (26.10.2010, 20:05):
Ich kannte BWV 109 "Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!" bisher nicht, habe mir aber diese Aufnahme im kulturradio angehört:



Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus Wien, Tölzer Knabenchor
Paul Esswood, Altus
Kurt Equiluz, Tenor

Leider fällt es mir schwer, zu beurteilen, ob mir die Kantate gefällt - die Aufnahme gefällt mir nämlich weniger. Das beginnt schon mit dem Knabenchor, der auch noch gleich im ersten Satz mit dem Gesang beginnt. Das klingt alles sehr betulich, fast süßlich, zudem ist es in einem sehr getragenen Tempo musiziert. Der dann einsetzende Tenor hat auch keine Stimme, die mir sonderlich gefällt, er singt zudem viel zu gekünstelt. Auch instrumental berührt mich das kaum, ich finde es etwas altbacken, zu wenig lebendig.

Den dann einsetzenden Altus finde ich sehr bemüht, gepresst, nicht wirklich schön. Jedoch kann ich mir in der Aria durchaus vorstellen, wie man diesen Teil, der auch abwechslungsreich instrumentiert und rhythmisch bewegt ist, spannender gestalten könnte:
Der Heiland kennet ja die Seinen,
Wenn ihre Hoffnung hilflos liegt.
Wenn Fleisch und Geist in ihnen streiten,
So steht er ihnen selbst zur Seiten,

Im abschließenden Choral wird mir die schlichte und eingängige Melodiie auch wieder durch die Knaben zu sehr verwässert. Aber musikalisch kommt jetzt ein wenig mehr Schwung auf.
Heike
Armin70 (26.10.2010, 22:10):
Die Kantate BWV 109 kannte ich bis dahin auch nicht. Am vergangenen Sonntag entschied ich mich aber, nicht die Harnoncourt-Aufnahme aufzunehmen: 1. bin ich kein Fan von Knabenchören und 2. klingen mir Harnoncourts Kantaten-Aufnahmen inzwischen auch etwas angestaubt und schwerfällig.

Auf einem anderen Sender kam diese Kantate mit Dorothea Röschmann (Sopran), Bogna Bartosz (Alt), Jörg Dürmüller (Tenor), Klaus Mertens (Bass) sowie Amsterdam Baroque Choir & Orchestra, Leitung: Ton Koopman.



Spielzeiten:

1.: 06:13 / 2.: 01:20 / 3.: 05:26 / 4.: 00:33 / 5.: 04:38 / 6.: 03:29

Beim Eingangschor finde ich ganz interessant, dass der Chorpart solistisch besetzt ist, d. h. die 4 Gesangssolisten singen da. Stimmlich passen diese sehr gut zusammen wie ich finde und werden vom Orchester klanglich auch nicht zugedeckt.
Die Tenorarie "Wie zweifelhaftig ist mein Hoffen" erinnert mit ihrer Dramatik an die Arie "Ach, mein Sinn" aus Bachs Johannes-Passion. Der tänzerische Rhythmus der Alt-Arie "Der Heiland kennet ja die Seinen" wird für meinen Geschmack sehr gut getroffen und auch der Wechsel zwischen Solistin und den beiden Oboen kommt schön rüber.
Der bewegte Orchestersatz im Schlusschoral erinnert mich etwas an Vivaldi, dessen Musik Bach ja sehr gut kannte.

Koopmans Aufnahme finde ich überzeugend und nachdem ich Heikes Einschätzung über Harnoncourts Aufnahme las, fühle ich mich bestätigt, dass mich (erneut) für Koopman entschieden habe.
Heike (26.10.2010, 22:18):
Ah, Dorothea Röschmann hatte mir ja schon letzte Woche sehr gut gefallen! Das klingt wirklich besser bei deiner Beschreibung von Koopman, ich kann es mir direkt vorstellen!
Lieber Armin, haben denn andere Sender auch feste Sendetermine für die Sonntagskantate? Dann könnte man ja auf der homepage jeweils nachsehen, was die senden und was man aufnehmen möchte .... Danke für die Anregung!
Heike
Armin70 (26.10.2010, 22:32):
Hallo Heike,

alle ARD-Radiosender, die klassische Musik bringen, also BR-Klassik, HR2-Kultur, SWR2, WDR3, RBB Kulturradio, MDR-Figaro und NDR-Kultur sowie der schweizer Sender DRS2 übertragen am Sonntag Vormittag jeweils eine Kantate. Glücklicherweise bringen diese Sender nicht alle die gleiche Kantate, sondern verschiedene, abhängig davon, wieviele Kantaten für den betreffenden Sonntag vorliegen. Oft ist es dann auch so, dass z. B. wenn 2 Sender die gleiche Kantate übertragen, dann aber verschieden Aufnahmen wählen.
Am vergangenen Sonntag wurden z. B. von der Kantate BWV 38 Aufnahmen von Suzuki und Herreweghe sowie von der Kantate BWV 109 Aufnahmen von Harnoncourt und Koopman gespielt. Da sich diese Bach-Kantaten-Übertragungen i. d. R. zeitlich auch fast nie überschneiden, kann man, wenn man möchte, so relativ schnell und günstig an viele verschiedene Aufnahmen kommen.
Da ich persönlich mit den Interpretationen von Gardiner, Herreweghe, Koopman und Suzuki gute bis sehr gute Erfahrungen macht, achte ich Sonntags speziell darauf, ob Aufnahmen von diesen Dirigenten gesendet werden.

Armin
Heike (27.10.2010, 08:49):
Danke Armin! Ich werde mich zwar weiterhin aus Zeitgründen nur der im kulturradio gespielten Kantate widmen, aber dann kann ich mal schauen, wer die schönere Aufnahme sendet!
Am nächsten Sonntag, 31.10.2010, kommt im rbb anlässlich des Reformationsfestes die Kantate "Ein feste Burg ist unser Gott" BWV 80 - sollte sich niemand vordrängeln wollen, dann möchte ich diese vorstellen.
Heike
Agravain (27.10.2010, 09:05):
Wie gesehen, konnte ich unvorhergesehenerweise am letzten Sonntag BWV 38 nicht besprechen, hole das aber dieses Wochenende nach. Zusätzlich würde ich sehr gern BWV 79, zu der ich einen ganz persönlich Bezug habe, besprechen. Hoffe das ist für alle OK.

:hello Agravain
Armin70 (27.10.2010, 20:30):
Diese Kantate gehört zu den wenigen von denen ich bereits eine Aufnahme besitze:

Arleen Auger (Sopran), Helen Watts (Alt), Lutz-Michael Harder (Tenor), Philippe Huttenlocher (Bass), Gächinger Kantorei Stuttgart und das Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling



Spielzeiten:

1.: 03:52 / 2.: 00:58 / 3.: 07:17 / 4.: 01:31 / 5.: 03:51 / 6.: 01:21

Mein Eindruck zu dieser Aufnahme ist eher zwiegespalten. Richtig gelungen finde ich nur den Eingangschor und den Schlusschoral. Da nimmt Rilling schöne fliessende Tempi. Von den Gesangssolisten gefällt mir nur Arleen Auger richtig gut. Die übrigen Gesangssolisten klingen mir zu "opernhaft". Insbesondere bei dem Tenor habe ich den Eindruck, dass er überhaupt nicht versteht, was er da singt, weil das ist nur ein Absingen des Textes. Störend empfinde ich auch das etwas "penetrant" ins Mikrofon spielende Fagott im Sopran-Rezitativ "Ach ! Dass mein Glaube noch so schwach".

Am vergangenen Sonntag nahm ich aus dem Radio dann noch die folgenden Aufnahmen auf:

Dorothee Mields (Sopran), Pascal Bertin (Counter-Tenor), Gerd Türk (Tenor), Peter Kooji (Bass), Bach-Collegium Japan, Masaaki Suzuki



Spielzeiten:

1.: 04:02 / 2.: 00:49 / 3.: 06:13 / 4.: 01:33 / 5.: 03:09 / 6.: 01:39

Carolyn Sampson (Sopran), Daniel Taylor (Counter-Tenor), Mark Padmore (Tenor), Peter Kooji (Bass), Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe



Spielzeiten:

1.: 03:41 / 2.: 00:51 / 3.: 06:33 / 4.: 01:16 / 5.: 03:13 / 6.: 01:17

Die Aufnahmen von Suzuki und Herreweghe gefallen mir beide sehr gut und ich kann gar nicht sagen, welche davon ich vorziehen würde. Die Gesangssolisten finde ich bei beiden Aufnahmen sehr gut und die Chöre und Orchester musizieren in beiden Aufnahmen sowieso auf höchstem Niveau. Suzuki wählt vielleicht einen etwas zurückhaltenderen Interpretationsansatz, während Herreweghe etwas expressiver spielen lässt aber ich kann nicht sagen, dass mir das eine besser als das andere gefällt. Suzuki und Herreweghe sind für mich auf absolut gleicher Augenhöhe und diese Aufnahmen gehören sicherlich zum Besten (neben Gardiner und Koopman, deren Aufnahmen von BWV 38 ich aber nicht kenne), was man momentan kaufen kann.

Armin
Jürgen (28.10.2010, 09:21):
Wie ich im Eingangsbeitrag schon erwähnt habe, gibt es nur wenige Aufnahmen dieser Kantate, fast nur im Rahmen der Gesamtaufnahmen, bei denen es zum Pflichtprogramm gehört.
Nun ja, auch beim Komponisten waren die Kantaten ein Pflichtprogramm. Und nicht jede Woche kam ein Spitzenwerk dabei heraus.

Das mag die Ursache dafür sein, dass 109 mich nicht sonderlich begeistert.
Dennoch habe ich mich durch meine Aufnahmen gekämpft (Leusinck/Rilling/Harnoncourt/Koopman).

Ich finde sowohl Heike bestätigt, die Harnoncourt nicht gefiel, als auch Armin, dem Koopman zusagte. Leusinck ist auch gut, wenn auch nicht ganz so lebhaft, wie Koopman. Rilling war mir zu verspielt.

Grüße
Jürgen
Jürgen (28.10.2010, 10:05):
Nun höre auch ich BWV 38 in folgenden Einspielungen:

Harnoncourt, 1974 Details
Rilling, 1980 Details
Leusinck, 2000 Details
Koopman, 2000 Details

Diesmal hat Harnoncourt die Nase vorn. Das klingt dramatisch und er baut gerade im Eingangschor einen tollen Spannungsbogen auf, den ich bei den Anderen - insbesondere bei Leusinck - vermisse. Allerdings beleidigt so eine Tröte (ich kann nicht genauer heraushören, was es ist. Aber historisch bestimmt.)
Nur beim Terzett wird er noch von Koopman übertroffen, der hier ein langsames Tempo wählt, sehr gefühlvoll und transparent daherkommt.

Grüße
Jürgen
Jürgen (30.10.2010, 14:22):
Wenn ich es richtig sehe, sind morgen die Kantaten BWV 79 und 80 vergeben. Dann würde ich gerne, wenn ich nichts überlesen habe, BWV 115 übernehmen.

Grüße
Jürgen
Agravain (30.10.2010, 14:45):
21. Sonntag nach Trinitatis BWV 38: "Aus tiefer Not schrei ich zu Dir"

Evangelius: Johannes 4, 46-54

Er kam nun wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein königlicher Beamter, dessen Sohn lag krank zu Kapernaum. Als dieser hörte, daß Jesus aus Judäa nach Galiläa gekommen sei, ging er zu ihm und bat ihn, er möchte hinabkommen und seinen Sohn gesund machen; denn er lag im Sterben. Da sprach Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht! Der königliche Beamte spricht zu ihm: Herr, komm hinab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Gehe hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sprach, und ging hin. Als er aber noch unterwegs war, kamen ihm seine Knechte entgegen und verkündigten ihm: Dein Sohn lebt! Nun erkundigte er sich bei ihnen nach der Stunde, in welcher es mit ihm besser geworden sei. Und sie sprachen zu ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da erkannte der Vater, daß es eben in der Stunde geschehen war, in welcher Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt! Und er glaubte samt seinem ganzen Hause. Dies ist das zweite Zeichen, welches Jesus wiederum tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

Text: BWV 38 "Aus tiefer Not schrei ich zu dir"

1. (Coro)
Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen;
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
Und meiner Bitt sie öffne!
Denn so du willt das sehen an,
Was Sünd und Unrecht ist getan,
Wer kann, Herr, vor dir bleiben?

2. Recitativo A
In Jesu Gnade wird allein
Der Trost vor uns und die Vergebung sein,
Weil durch des Satans Trug und List
Der Menschen ganzes Leben
Vor Gott ein Sündengreuel ist.
Was könnte nun
Die Geistesfreudigkeit zu unserm Beten geben,
Wo Jesu Geist und Wort nicht neue Wunder tun?

3. Aria T
Ich höre mitten in den Leiden
Ein Trostwort, so mein Jesus spricht.
Drum, o geängstigtes Gemüte,
Vertraue deines Gottes Güte,
Sein Wort besteht und fehlet nicht,
Sein Trost wird niemals von dir scheiden!

4. Recitativo S
Ach! Dass mein Glaube noch so schwach,
Und dass ich mein Vertrauen
Auf feuchtem Grunde muss erbauen!
Wie ofte müssen neue Zeichen
Mein Herz erweichen!
Wie? kennst du deinen Helfer nicht,
Der nur ein einzig Trostwort spricht,
Und gleich erscheint,
Eh deine Schwachheit es vermeint,
Die Rettungsstunde.
Vertraue nur der Allmachtshand und seiner Wahrheit Munde!

5. Aria (Terzetto) S A B
Continuo Wenn meine Trübsal als mit Ketten
Ein Unglück an dem andern hält,
So wird mich doch mein Heil erretten,
Dass alles plötzlich von mir fällt.
Wie bald erscheint des Trostes Morgen
Auf diese Nacht der Not und Sorgen!

6. Choral
Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnade;
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sei der Schade.
Er ist allein der gute Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen Sünden allen.


Zum Text

Bachs BWV 38 orientiert sich an der Geschichte des kranken Sohnes in Kana, so wie es in Johannes 4 erzählt wird. Bach greift das Luthersche Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“, also dessen Nachdichtung des 130. Psalms aus dem Jahre 1524 auf und verwendete die erste Strophe als Text für den Eingangschoral, sowie die fünfte für den Schlusschoral. Die Sätze 2,3 und 4 stammen von einem unbekannten Textdichter.
Der Bezug zwischen Luthers Lied und dem Evangelium ist deutlich. Es geht um das Vertrauen auf Christus in Zeiten des Leids. Der königliche Beamte fürchtet, dass sein Sohn sterben wird, doch Christus errettet ihn, weil der Vater nicht vom Glauben weicht. Die erste Strophe des Lutherschen Liedes hat infolgedessen Gebetscharakter. Auch der sich in der Tiefe, also in einem Elend befindende Christ, ruft zu Christus, damit er ihn errette. Die weiteren Sätze greifen dieses Gedanken auf. Die Tröstung, die sich der Christenmensch wünscht, erwächst aus dem Vertrauen in das Wort Jesu. Interessant scheint mir das zweite Rezitativ zu sein, reflektiert es doch die immer neuen Anfechtungen, denen sich der Christ in seinem Glauben gegenüber sieht. Es ist davon die Rede, dass der Glaube an sich noch zu schwach sei, dass er immer neu „auf feuchtem Grund“, also nicht auf einer sichtbar soliden Grundlage, neu erbaut werden müsse. Hier verweist der Textdichter darauf, dass es dem Christenmenschen nicht "einfach so" gegeben ist zu glauben, sondern dass dieser Glaube gegen alle möglichen Widrigkeiten immer wieder erkämpft werden muss. Das folgende Rezitativ bestätigt dann allerdings wieder die Gewissheit, dass hinter all diesen Wirdrigkeiten die Erlösung wartet. Dieser Gedanke wird durch den abschließenden Choral noch einmal bestätigt.

Das schon viele Aufnahmen genannt und bewertet wurden, hier nur eine knappe Ergänzung.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/514WKS4RPCL._SL500_AA300_.jpg

Edith Mathis, Trudeliese Schmidt, Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau Münchner Bach Chor & Orchester Karl Richter

(1977/78)

Spielzeiten: 1) 3:42, 2) 1:07, 3) 6:04, 4) 1:20, 5) 3:23, 6) 1:16

Bei BWV 38 handelt es sich nicht zuletzt aufgrund des großen motettisch gearbeiteten Eingangschores um ein recht herbes Werk. Richter lässt den Eingangssatz straff und recht streng muszieren, was der Faktur des Satzes ja entspricht. Leider singen die Tenöre des Münchner Bach-Chor hier sehr breite „A“s, was gekoppelt mit den recht langen Notenwerten etwas quäkend klingt. Überhaupt klingt dieser Satz bei Richter nicht wirklich flehend, was seinen Grund aber eben im wesentlichen in dem Umstand zu haben scheint, dass Bach hier im alten Sil einigermaßen affektfrei (sieht man von der höchst chromatischen auskomponierten sechsten Textzeile ab) komponiert. Ein bisschen mehr Zerknirschung dürfte es für mich allerdings schon sein. Erfreulich schön finde ich die Tenor-Arie. Da konzertieren die beiden Obeoen sowie das Fagott höchst klangschön, Peter Schreier liefert eine sehr professionelle Textauslegung. Das Terzett hingegen kann mich nicht so recht begeistern. Die drei Solisten wollen klanglich nicht so recht harmonieren. Kompositorisch beziht sich der Satz auf den Eingangschor und geht darum auch nicht so leicht ins Ohr.

:hello Agravain
Heike (31.10.2010, 11:22):
Ein feste Burg ist unser Gott (BWV 80) beruht auf dem gleichnamigen bekannten Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" von Martin Luther. Allgemein ist bei dieser Kantate die musikalische Symbolik von herausragender Bedeutung, mit welcher der Komponist die selbstbewusste Siegessicherheit im Kampf von Gut gegen Böse im Sinne dieser „Hymne“ des protestantischen Luthertums zum Ausdruck bringt.

Die Entstehungsgeschichte dieses Werkes ist in weiten Teilen ungesichert. Zum Reformationsfest wurde von Bach in Leipzig vermutlich zwischen 1728 und 1731, möglicherweise aber auch schon 1723, eine einfache Fassung der Kantate komponiert, die in den folgenden Jahren mehrfach bearbeitet wurde, unter anderem von seinem Sohn Friedemann Bach.

Bekannt aus BWV 80 wurde vor allem der kunstvoll komponierte Eingangschoral, er wird als einer der Höhepunkte der Bachschen Choralbearbeitungskunst angesehen.

Besetzung:
* Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass
* Chor: Sopran, Alt, Tenor, Bass
* Streicher, Basso continuo, verschiedene Oboen (in der Bearbeitung von W. F. Bach zusätzlich 3 Trompeten, die teilweise die Oboen ersetzen).

Aufbau und Text:
Die Choralkantate enthält als primäre Textquelle alle 4 Strophen des Lutherliedes, das in Anlehnung an Psalm 46 EU das Gottvertrauen thematisiert. Gemäß der ursprünglichen Bestimmung der zweiten Textquelle zum 3. Fastensonntag handelt der Text von Salomon Franck vom Krieg Satans gegen Gott.

1. (Chorus)
Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns itzt hat betroffen.
Der alte böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seinsgleichen.

2. Aria Bass u. Choral Sopran
Alles, was von Gott geboren,
Ist zum Siegen auserkoren.
Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren.
Es streit' vor uns der rechte Mann,
Den Gott selbst hat erkoren.
Wer bei Christi Blutpanier
In der Taufe Treu geschworen,
Siegt im Geiste für und für.
Fragst du, wer er ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herre Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muss er behalten.
Alles, was von Gott geboren,
Ist zum Siegen auserkoren.

3. Recitativo Bass
Erwäge doch, Kind Gottes, die so große Liebe,
Da Jesus sich
Mit seinem Blute dir verschriebe,
Womit er dich
Zum Kriege wider Satans Heer und wider Welt, und Sünde
Geworben hat!
Gib nicht in deiner Seele
Dem Satan und den Lastern statt!
Laß nicht dein Herz,
Den Himmel Gottes auf der Erden,
Zur Wüste werden!
Bereue deine Schuld mit Schmerz,
Dass Christi Geist mit dir sich fest verbinde!

4. Aria Sopran
Komm in mein Herzenshaus,
Herr Jesu, mein Verlangen!
Treib Welt und Satan aus
Und lass dein Bild in mir erneuert prangen!
Weg, schnöder Sündengraus!

5. Choral
Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollten uns verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht',
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

6. Recitativo Tenor
So stehe dann bei Christi blutgefärbten Fahne,
O Seele, fest
Und glaube, dass dein Haupt dich nicht verlässt,
Ja, dass sein Sieg
Auch dir den Weg zu deiner Krone bahne!
Tritt freudig an den Krieg!
Wirst du nur Gottes Wort
So hören als bewahren,
So wird der Feind gezwungen auszufahren,
Dein Heiland bleibt dein Hort!

7. Aria (Duetto) Alt Tenor
Wie selig sind doch die, die Gott im Munde tragen,
Doch selger ist das Herz, das ihn im Glauben trägt!
Es bleibet unbesiegt und kann die Feinde schlagen
Und wird zuletzt gekrönt, wenn es den Tod erlegt.

8. Choral
Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein' Dank dazu haben.
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Laß fahren dahin,
Sie habens kein' Gewinn;
Das Reich muss uns doch bleiben.


(Quellen: Wiki; http://webdocs.cs.ualberta.ca/~wfb/cantatas/bwv.html)
Jürgen (31.10.2010, 19:24):
Entstanden zum 5.November 1724. Der Text entstammt einem Choral von Johann Burchard Freystein (1695). Für die Ecksätze wurde der Text wörtlich übernommen, für die Binnensätze wurde er von einem unbekannten Autor bearbeitet.


Besetzung: Sopran, Alt, Tenor, Bass und Chor. Querflöte, Oboe d'amore, Violoncello piccolo und Horn.


1. (Coro)
Mache dich, mein Geist, bereit,
Wache, fleh und bete,
Dass dich nicht die böse Zeit
Unverhofft betrete;
Denn es ist
Satans List
Über viele Frommen
Zur Versuchung kommen.

2. Aria A
Ach schläfrige Seele, wie? ruhest du noch?
Ermuntre dich doch!
Es möchte die Strafe dich plötzlich erwecken
Und, wo du nicht wachest,
Im Schlafe des ewigen Todes bedecken.

3. Recitativo B
Gott, so vor deine Seele wacht,
Hat Abscheu an der Sünden Nacht;
Er sendet dir sein Gnadenlicht
Und will vor diese Gaben,
Die er so reichlich dir verspricht,
Nur offne Geistesaugen haben.
Des Satans List ist ohne Grund,
Die Sünder zu bestricken;
Brichst du nun selbst den Gnadenbund,
Wirst du die Hilfe nie erblicken.
Die ganze Welt und ihre Glieder
Sind nichts als falsche Brüder;
Doch macht dein Fleisch und Blut hiebei
Sich lauter Schmeichelei.

4. Aria S
Bete aber auch dabei
Mitten in dem Wachen!
Bitte bei der großen Schuld
Deinen Richter um Geduld,
Soll er dich von Sünden frei
Und gereinigt machen!

5. Recitativo T
Er sehnet sich nach unserm Schreien,
Er neigt sein gnädig Ohr hierauf;
Wenn Feinde sich auf unsern Schaden freuen,
So siegen wir in seiner Kraft:
Indem sein Sohn, in dem wir beten,
Uns Mut und Kräfte schafft
Und will als Helfer zu uns treten.

6. Choral
Drum so lasst uns immerdar
Wachen, flehen, beten,
Weil die Angst, Not und Gefahr
Immer näher treten;
Denn die Zeit
Ist nicht weit,
Da uns Gott wird richten
Und die Welt vernichten.



Gott wird richten. Und die Welt vernichten. Noch so ein Weltuntergangsfuzzy, der Herr Freystein.
Aber warten wir die Woche ab und hören mal, wie das klingt.

Grüße
Jürgen
Agravain (31.10.2010, 21:09):
Kantate zum Reformationsfest BWV 79 "Gott, der Herr, ist Sonn und Schild"

Text

1. (Coro)
Gott der Herr ist Sonn und Schild. Der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

2. Aria A
Gott ist unsre Sonn und Schild!
Darum rühmet dessen Güte
Unser dankbares Gemüte,
Die er für sein Häuflein hegt.
Denn er will uns ferner schützen,
Ob die Feinde Pfeile schnitzen
Und ein Lästerhund gleich billt.

3. Choral
Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge tut
An uns und allen Enden,
Der uns von Mutterleib
Und Kindesbeinen an
Unzählig viel zugut
Und noch itzund getan.

4. Recitativo B
Gottlob, wir wissen
Den rechten Weg zur Seligkeit;
Denn, Jesu, du hast ihn uns durch dein Wort gewiesen,
Drum bleibt dein Name jederzeit gepriesen.
Weil aber viele noch
Zu dieser Zeit
An fremdem Joch
Aus Blindheit ziehen müssen,
Ach! so erbarme dich
Auch ihrer gnädiglich,
Dass sie den rechten Weg erkennen
Und dich bloß ihren Mittler nennen.

5. Aria (Duetto) S B
Gott, ach Gott, verlass die Deinen
Nimmermehr!
Laß dein Wort uns helle scheinen;
Obgleich sehr
Wider uns die Feinde toben,
So soll unser Mund dich loben.

6. Choral
Erhalt uns in der Wahrheit,
Gib ewigliche Freiheit,
Zu preisen deinen Namen
Durch Jesum Christum. Amen.

Zur Kantate

Bachs Kantate BWV 79 „Gott, der Herr, ist Sonn und Schild“ gehört sicher zu den festlichsten ihrer Art. Sie ist nur eine Viertelstunde lang, gehört also eher zu den kürzeren Kantaten, dafür ist sie glänzend gebaut und durchweg von hoher musikalischer Qualität.
Jürgen hatte es ja schon angesprochen: Es wäre Götzendienerei behaupten zu wollen, alle Kantaten seien außergewöhlich gut. Manchen hört man ihren Gebrauchscharakter durchaus an.
BWV 79 gehört nicht dazu.

Mein Bezug zur dieser Kantate ist ein persönlicher und vielleicht ist meine Wahrnehmung des Werkes dadurch ein wenig verklärt. Diese Kantate war das erste größere zusammenhängende Werk Bachs, das ich ehedem als kleiner Chorist aufgeführt habe. Das war damals in der großartigen Kirche St. Michael in Hildesheim, die dieses Jahr ihr tausendjähriges Bestehen feiert, und die in ihrer ottonischen Wucht die Feste Gottesburg symbolisiert, die Luther später besang. Ein für mich einschneidendes Erlebnis.

Doch genug der Nostalgie. Zurück zum Werk. Die Kantate entstand aller Wahrscheinlichkeit für das Reformationsfest 1725. Sie ist mit Streichern, Continuo, 2 Oboen, 2 Hörnern und 2 Pauken festlich besetzt. Für eine spätere Aufführung hat Bach noch 2 Querflöten hineingenommen.

Der Eingangssatz gehört zu Bachs eindruckvollsten. Schon das ausgesprochen lange Instrumentalvorspiel, das die beiden Themen des Satzes vorstellt, zeigt, wie wichtig Bach die angemesse Ausgestaltung für diesen Feiertag war. Auch die sich anschließende Fuge gehört zu Bachs schönsten. Nichts ist leicht herunterzusingen- oder zu spielen an diesem Satz. Bach bietet hier sein ganzes Können auf und verlangt von seinen Ausführenden nichts anderes. Es geht ja immerhin zum einen darum, die Allmacht Gottes darzustellen, und zum anderen im weiteren Verlauf darum, Gott dafür zu danken, dass er sowohl das den Christenmenschen leitende Licht („Sonn“) als auch dessen Helfer ins unruhigen Zeiten („Schild“) ist. Darüber hinaus erweist er sich seiner Gemeinde als großmütiger Herr und tut ihr Gutes. Darum ist es – so formulieren es die Alt-Arie und der folgende, ausgesprochen festlich gesetzte Choral – dem Christenmenschen eine Pflicht, Gott gebührend zu loben und ihm zu danken. Das Bassrezitativ beschreibt die Freude darüber, dass der Christ durch das Bekenntnis zu Gott den Weg zur Seligkeit kennenglernt hat. Dies wünscht der Christ auch jenen, die noch immer dem falschen Glauben anhängen. Das folgende, sehr bewegte Duett von Sopran und Bass thematisiert in Folge den Wunsch, das Gott die seinen in dieser gefahrvollen Welt voller Anfechtungen nicht verlassen möge. Diesen Wunsch greift auch der Schlusschoral auf, der diese Kantate noch einmal lobpreisend beendet.

Die drei von mir im Vergleich gehörten Aufnahmen sind von unterschiedlicher Qualität.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41A2Dld70NL._SL500_AA300_.jpg

Arleen Augér, Julia Hamari, Philippe Huttenlocher

1) 4:57, 2) 2:51, 3) 2:14, 4) 1:14, 5) 3:22, 6) 0:52

Rilling überzeugt mich nicht. Im Eingangschor feht mir etwas der Drive, das klingt sehr brav, kleinformatig, wenig festlich. Der Chor klingt mir zu heterogen. Dafür wird dann die Alt-Arie zu schnell genommen, gerade so, als würde sich der vorwärts drängende Ton des Eingangs hier fortsetzen müssen. An dem ist es aber nicht. Diese Arie ist ihrer Anlage nach zwar ebenfalls ein Lobgesang, aber doch um ein Deutliches liedhafter und zarter. Rilling brettert hier nur so durch und verfehlt das Thema. Der Rest ist solide, aber auch nicht viel mehr, der Schlusschoral ist ausgesprochen zäh. Ich bilde mir ein, dass das selbst Richter flotter gemacht hätte. Insgesamt stört mich, dass man dem Ensemble die Freude nicht so recht abnehmen will.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61CQRNWBM1L._SL500_AA300_.jpg

1) 4:55, 2) 3:34, 3) 2:02, 4) 1:03, 5) 3:04, 6) 0.40

Leusinks HIP-Orchester mit Naturhörnern klingt in der Instrumentaleinleitung ausgesprochen schön. gerade die Hörner klingen ausgesprochen gut. Dann setzt der Chor ein und es ist Schluss. Ich sagte weiter oben schon, dass dieser Satz – und ich spreche aus Erfahrung – dem Choristen allerhand abverlangt. Für den Holland Boys Choir ist das dann aber deutlich zu viel. Das fehlt Klang- und Strahlkraft, überhaupt fehlt die Kraft für diesen Satz. Dann die Alt-Arie mit dem – wie nicht selten – grauenvollen Altisten Sytse Buwalda. Gruselig. Die Choräle dann sind solide, Bas Ramselaar und Ruth Holton bringen ihr Duett ganz nett, nicht viel mehr.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61EqOHnsubL._SL500_AA300_.jpg

Arleen Augér, Ortrun Wenkel, Theo Adam

1) 4:45, 2) 3:42, 3) 1:58, 4) 1:00, 5) 3:29, 6) 0:38

Durchweg überzeugt mich die Aufnahme der Thomaner unter Leistung von Hans-Joachim Rotzsch. Das passt alles zusammen. Es wird überzeugend freudig und festlich musiziert, die Thomaner sind bestens vorbereitet, singen klangschön und textverständlich, die Solisten treffen durchweg den rechten Ton und Rotschtzs Tempi sind ideal gewählt. So soll das – zumindest in meinen Ohren – klingen. Eine echte Festtagsaufnahme!

:hello Agravain
Jürgen (03.11.2010, 10:28):
Ich habe in 4 Aufnahmen reingehört:


Leusinck, 2000 Details
Rilling, 1980 Details
Harnoncourt, 1981 Details
Koopman, 1999 Details


Wenn man einmal gehört hat, wie frisch Rilling diese Kantate angeht, dann empfindet man die anderen 3 Spielarten eher langweilig.

Ich favorisiere daher bei dieser Kantate Rilling.

Grüße
Jürgen
Heike (03.11.2010, 16:16):
In der Koopman-Aufnahme von BWV 80 finde ich im ersten Satz, also in der Choralbearbeitung, die Orgel dermaßen aufdringlich und störend dröhnend, dass ich geneigt bin anzunehmen , dass es sich dabei um einen Aufnahmefehler handeln muss. Ich kann die CD kaum ertragen, obwohl ich die restlichen Sätze und auch die Stimmen recht schön finde.
Heike
Jürgen (03.11.2010, 16:35):
Original von Heike
In der Koopman-Aufnahme von BWV 80 finde ich im ersten Satz, also in der Choralbearbeitung, die Orgel dermaßen aufdringlich und störend dröhnend, dass ich geneigt bin anzunehmen , dass es sich dabei um einen Aufnahmefehler handeln muss. Ich kann die CD kaum ertragen, obwohl ich die restlichen Sätze und auch die Stimmen recht schön finde.
Heike

Ich hörte diese Kantate schon das ganze Wochenende, bis an die Schmerzgrenze meiner Nachbarn.
Und heute schon wieder. Leider fehlt mir gerade die Aufnahme von Koopman. Aber Richter scheint mir in das gleiche Horn (besser Orgelpfeife) zu stoßen. Gerade in den ersten Takten wird der Chor leicht überdeckt.
Später pendelt sich das ein. Trotzdem eine schöne Einspielung.

Rotzsch hingegen verwendet ein Cembalo und eine Orgel ganz dezent. Hier ist alles transparent.

Grüße
Jürgen
Jürgen (04.11.2010, 15:51):
Kommendem Sonntag, den 23.Sonntag nach Trinitatis, sind drei Kantaten zugeordnet: BWV 52, 139 und 163.


Die Kantate BWV 52 Falsche Welt, dir trau ich nicht! wird von SWR 2 um 8 Uhr übertragen (Suzuki)

Die 2.Kantate BWV 139 Wohl dem, der sich auf seinen Gott sogar von 2 Sendern.
1. Nordwestradio zwischen 7 und 8 (Koopman)
2. SR 2 zwischen 8 und 9 (Harnoncourt)

Und die 3.Kantate BWV 163 Nur jedem das Seine! Nur jedem das Seine! von HR 2 ab 7 Uhr. (Koopman)



Darüber hinaus werden noch folgende gespielt:
BWV 115 mit Coin auf NDR Kultur um 8 (eine Woche zu spät, mich freut's, weil meine Aufnahme am Sonntag fehlschlug)
BWV 26 mit Gardiner auf WDR 3 um 9 (eine Woche zu früh)
BWV 90 mit Koopman auf RBB um 9:30 Uhr (zwei Wochen zu früh)


Wenn niemand etwas dagegen hat, würde ich gerne BWV 52 vorstellen.

Grüße
Jürgen
Armin70 (05.11.2010, 22:35):
Eben hatte ich mir die Kantate "Gott der Herr ist Sonn und Schild" BWV 79 in folgenden Aufnahmen angehört:

Bis vergangenen Sonntag hatte ich nur die bereits von Agravain genannte Aufnahme von Hellmuth Rilling:



Arleen Augér, Julia Hamari, Philippe Huttenlocher

1) 4:57, 2) 2:51, 3) 2:14, 4) 1:14, 5) 3:22, 6) 0:52

Dann nahm ich am vergangenen Sonntag noch die folgenden Aufnahmen dieser Kantate auf:



Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Peter Kooji

1) 04:40, 2) 02:48, 3) 02:03, 4) 00:58, 5) 02:58, 6) 00:55



Joanne Lunn, William Towers, Peter Harvey

1) 04:57, 2) 03:18, 3) 02:01, 4) 00:57, 5) 02:56, 6) 00:47

Rillings Aufnahme aus den frühen 1980er Jahren klingt inzwischen schon etwas angestaubt. Allerdings empfinde ich das Tempo in der Altarie durchaus angemessen und keineswegs zu schnell. Gut gefällt mir Arleen Auger in dem Duett für Sopran und Bass. Allerdings ist mir die Streicherbegleitung zu wenig akzentuiert und etwas zäh im Klang.

Die Aufnahmen von Suzuki und Rilling sind da von einem ganz anderen Kaliber:

Der Eingangschor hat bei Suzuki genau den richtigen "Drive" bzw. da stellt sich sowas wie "barocker Swing" ein. In der Alt-Arie ist Suzuki noch etwas schneller als Rilling. Allerdings klingt das hier schön tänzerisch und grazil, weil Suzuki als Continou-Begleitung nur Violoncello und Cembalo wählt aber im Gegensatz zu Rilling auf den Kontrabass verzichtet. Suzuki und Rilling lassen die Altpartie von der Solo-Flöte begleiten.

Gardiners Interpretation ist im Prinzip auf dem Niveau, das man erwartet und i. d. R. auch immer bekommt. Allerdings ist mir das Tempo des Eingangschors fast schon etwas zu langsam. Dennoch schafft es Gardiner durch den sehr akzentuierten Vortrag des wie immer exzellenten Monteverdi Choirs, dass die Musik nicht auf der Stelle tritt. Das Tempo der Altarie, hier von der Oboe begleitet, ist mir aber deutlich zu langsam. Übrigens gefällt mir die Flöte als obligates Instrument auch besser als die Oboe. Beim Sopran-Bass-Duett wählt Gardiner wie auch Suzuki ein sehr schwungvolles Tempo, das aber für mich nie überhetzt klingt.

Vor allem bin ich von Suzukis Interpretation voll und ganz überzeugt. Da stimmt für mich alles. Angefangen von den Solisten, dann der grandiose Chor mit glockenhellen Sopranistinnen und natürlich das tolle Orchester mit schön schmetternden Naturhörnern. Richtig gut gefallen mir auch die Natürlichkeit und die Transparenz in Suzukis Aufnahmen. Das macht richtig Spass.
Armin70 (05.11.2010, 23:23):
Die Kantate "Mache dich, mein Geist, bereit" BWV 115 kannte ich bislang nicht und am vergangenen Sonntag nahm ich dieses Werk aus dem Radio in folgender Aufnahme auf:

Barbara Schlick, Andreas Scholl, Christoph Pregardien, Gotthold Schwarz, Concerto Vocale Leipzig, Ensemble Baroque de Limoges, Christophe Coin



1) 04:05, 2) 09:26, 3) 01:13, 4) 06:46, 5) 00:50, 6) 01:06

Vom ersten Ton hat mich dieses Werk und diese Interpration in den Bann gezogen. Das hat mich insgesamt sehr ergriffen und berührt. Vor allem die Alt-Arie "Ach, schläfrige Seele, wie? ruhest du noch ?", die in ihrer leidenschaftlichen Art an die Matthäus-Passion, z. B. die Alt-Arie "Erbarme dich" erinnert. Andreas Scholl singt hier einfach wunderbar. Atemberaubend finde ich die fast ätherische Wirkung der Sopran-Arie "Bete aber auch dabei mitten in dem Wachen !". Toll wie hier die Sopranistin von der Flöte und dem Violoncello piccolo begleitet wird. Da entsteht fast so ein schwereloser Moment, Gänsehaut-Faktor pur. Barbara Schlick singt zum Niederknien.

Wie das alles in dieser Aufnahme gemacht wird ist wirklich grandios. Ich kann das gar nicht richtig ausdrücken; einerseits wird hier sehr verinnerlicht und gleichzeitig sehr ausdruckvoll aber nicht übertrieben expressiv musiziert.

Was mir noch sehr gut gefällt ist, dass die Kirchenorgel der Kirche in der diese Aufnahme entstand als Continou-Instrument mit einbezogen wurde. Dadurch entsteht ein sehr schön voll klingendes Bass-Fundament.

Mit dieser Kantate hat Johann Sebastian Bach ein wahres Meisterwerk geschaffen.
Armin70 (06.11.2010, 20:15):
Heute hatte ich dir mir vorliegenden Aufnahmen von der Kantate "Ein feste Burg ist unser Gott" BWV 80 angehört:

Am vergangenen Sonntag nahm ich aus dem Radio folgende Aufnahme auf:

Friederike Holzhausen, Annette Reinhold, Matthias Schubotz, Dirk Schmitt, Collegium Vocale Leipzig, Merseburger Hofmusik, Michael Schönheit

Dabei handelt es sich um einen Live-Mitschnitt von den Merseburger Orgeltagen aus dem Jahr 2001 aus dem Merseburger Dom. Vermutlich ist diese Aufnahme kommerziell nicht erhältlich, jedenfalls hatte ich im Internet nichts gefunden. Die Gesamtspieldauer beträgt 24:13 Minuten.

Auf CD besitze ich von BWV 80 die folgenden Aufnahmen:



Arleen Auger, Gabriele Schreckenbach, Lutz-Michael Harder, Philippe Huttenlocher

1) 06:10, 2) 03:54, 3) 01:59, 4) 03:34, 5) 03:27, 6) 01:22, 7) 03:25, 8) 01:21



Jane Bryden, Drew Minter, Jeffrey Thomas, Jan Oplach

1) 06:16, 2) 04:03, 3) 02:03, 4) 03:21, 5) 03:37, 6) 01:21, 7) 03:40, 8) 01:19

Von den Tempi her gesehen gibt es zwischen diesen 3 Aufnahmen keine großen Unterschiede. Lediglich im Eingangschor ist Schönheit etwas schneller als Rilling und Rifkin. Die Aufnahme von Rilling kommt insgesamt am wuchtigsten herüber. Die Gächinger Kantorei klingt in einigen Passagen fast "kernig" aber das ist durchaus nicht unpassend. Das Collegium Vocale Leipzig in Schönheits Aufnahme klingt da aber doch kultivierter, vor allem singen die Frauenstimmen kaum mit Vibrato, was ich persönlich bei Barockmusik sehr angenehm empfinde. Das Gesangssolisten-Ensemble passt bei Schönheit auch besser zusammen als bei Rilling, bei dem mich nur Arleen Auger voll und ganz überzeugen kann. Die Schönheit-Aufnahme leidet aber etwas unter dem üppigen Nachhall im Merseburger Dom.

Rifkin gilt ja als Pionier bei solistisch besetzten Vokalaufnahmen. Als diese Aufnahmen vor ca. 25 Jahren herauskamen war das sicherlich neu und viele empfanden das sogar als unerhört und historisch zweifelhaft. Heutzutage werden sogar große Vokalwerke wie die Matthäus-Passion oder die H-moll Messe solistisch aufgeführt, so dass sich die Aufregung gelegt haben dürfte. Mir persönlich gefällt Rifkins Aufnahme sehr gut und das liegt natürlich an den sehr guten Solisten, die ja auch gleichzeitig der Chor sind. Da sticht niemand unangenehm heraus. Nach der wuchtig klingenden Rilling-Aufnahme ist das schon erst mal eine Umstellung aber die sehr transparente Rifkin-Aufnahme ist sehr reizvoll.

Rilling und Rifkin spielen jeweils die Fassung ohne die später von Wilhelm Friedemann Bach hinzugefügten Trompeten, die hingegen Schönheit benutzt.
Armin70 (06.11.2010, 20:44):
Hallo,

hier der "Kantaten-Fahrplan" für den morgigen 23. Sonntag nach Trinitatis bei dem die folgenden Kantaten gesendet werden:

23. Sonntag nach Trinitatis (07.11.2010): BWV 52, 139 und 163
24. Sonntag nach Trinitatis (14.11.2010): BWV 26
25. Sonntag nach Trinitatis (21.11.2010): BWV 90

HR2-Kultur: 06:05 - 07:30 Uhr

"Nur jedem das Seine" BWV 163
Els Bongers, Elisabeth von Magnus, Paul Agnew, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40

"Mache dich, mein Herz bereit" BWV 115
Barbara Schlick, Andreas Scholl, Christoph Pregardien, Gotthold Schwarz, Concerto Vocale Gent, Ensemble Baroque de Limoges, Christoph Coin

SR2-Kultur: 08:04 - 09:00

"Wohl dem, der sich auf seinen Gott" BWV 139
Alan Bergius, Paul Esswood, Kurt Equiluz, Robert Holl, Tölzer Knabenchor, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

SWR 2: 08:03 - 08:30

"Falsche Welt, dir trau ich nicht" BWV 52
Carolyn Sampson, Bach-Collegium Japan, Masaaki Suzuki

BR-Klassik: 08:05 - 08:30

"Wohl dem, der sich auf seinen Gott" BWV 139
Sibylla Rubens, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

DRS2: 09:00 - 09:30

"Wohl dem, der sich auf seinen Gott" BWV 139
Kathrine Fuge, Derek Lee Ragin, Julian Podger, Gotthold Schwarz, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

WDR3: 09:05 - 10:00

"Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" BWV 26
Kathrine Fuge, William Towers, Paul Agnew, Peter Harvey, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00

"Es reißet euch ein schrecklich Ende" BWV 90
Bogna Bartosz, Jörg Dürmüller, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

Der Sender MDR-Figaro überträgt morgen keine Bach-Kantate aber dafür von 06:30 bis 07:10 Uhr von Georg Philipp Telemann die Kantate "Was gibst du denn, o meine Seele" TWV 1:1510
Klaus Mertens, Accademia Daniel, Shalev Ad-El
Heike (06.11.2010, 21:19):
Danke Armin für diese tolle Info, da kann ich den Recorder ja schon mal programmieren!

Was BWV 80 angeht, interessant, was du da über Rifkin geschrieben hast. Ich kenne den überhaupt nicht und bin sehr erstaunt, dass vor 25 Jahren schon solche solistisch besetzten Kantaten gesungen und v.a. auch aufgenommen wurden! Spannend!
Heike
Heike (07.11.2010, 17:21):
Da der rbb heute aus unerfindlichen Gründen eine gar nicht zu diesem Sonntag gehörige Kantate spielte, stelle ich mal eine der besser passenden vor:

"Wohl dem, der sich auf seinen Gott" BWV 139

Die Kantate entstand am 12. November 1724.
Die Teile 1 und 6 sind Texte von Johann Christoph Rüben von 1692; die Teile 2-5 Umdichtungen eines unbekannten Bearbeiters.

Besetzung:
Neben dem Chor sind Solisten in allen 4 Stimmen vorgesehen; instrumental: Oboe d'amore I/II, Violino I/II, Viola, Continuo.

Text:
1. Coro
Wohl dem, der sich auf seinen Gott
Recht kindlich kann verlassen!
Den mag gleich Sünde, Welt und Tod
Und alle Teufel hassen,
So bleibt er dennoch wohlvergnügt,
Wenn er nur Gott zum Freunde kriegt.

2. Aria T
Gott ist mein Freund; was hilft das Toben,
So wider mich ein Feind erhoben!
Ich bin getrost bei Neid und Hass.
Ja, redet nur die Wahrheit spärlich,
Seid immer falsch, was tut mir das?
Ihr Spötter seid mir ungefährlich.

3. Recitativo A
Der Heiland sendet ja die Seinen
Recht mitten in der Wölfe Wut.
Um ihn hat sich der Bösen Rotte
Zum Schaden und zum Spotte
Mit List gestellt;
Doch da sein Mund so weisen Ausspruch tut,
So schützt er mich auch vor der Welt.

4. Aria B
Das Unglück schlägt auf allen Seiten
Um mich ein zentnerschweres Band.
Doch plötzlich erscheinet die helfende Hand.
Mir scheint des Trostes Licht von weiten;
Da lern ich erst, dass Gott allein
Der Menschen bester Freund muss sein.

5. Recitativo S
Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir,
Die schwere Last der Sünden,
Mein Heiland lässt mich Ruhe finden.
Ich gebe Gott, was Gottes ist,
Das Innerste der Seelen.
Will er sie nun erwählen,
So weicht der Sünden Schuld, so fällt des Satans List.

6. Choral
Dahero Trotz der Höllen Heer!
Trotz auch des Todes Rachen!
Trotz aller Welt! mich kann nicht mehr
Ihr Pochen traurig machen!
Gott ist mein Schutz, mein Hilf und Rat;
Wohl dem, der Gott zum Freunde hat!
Armin70 (07.11.2010, 18:29):
Eine weitere Kantate, die Johann Sebastian Bach für den 23. Sonntag nach Trinitatis komponierte ist folgende:

Nur jedem das Seine ! BWV 163

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate für den 23. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1715 in Weimar. Diese Kantate ist von einem ernsten-herbem Charakter geprägt, erkennbar durch die Dominanz der Moll-Tonarten. Die Orchesterbesetzung ist sehr sparsam und ausschliesslich mit Streichern besetzt. Der Chor kommt erst im abschliessenden Choral zum Einsatz.

Text:

1. Aria (Tenor, Violine I/II, Viola, Violoncello und Continou, h-moll)
Nur jedem das Seine!
Muss Obrigkeit haben
Zoll, Steuern und Gaben,
Man weigre sich nicht
Der schuldigen Pflicht!
Doch bleibet das Herze dem Höchsten alleine.

2. Rezitativ (Bass und Continou, a-moll)
Du bist, mein Gott, der Geber aller Gaben;
Wir haben, was wir haben,
Allein von deiner Hand.
Du, du hast uns gegeben
Geist, Seele, Leib und Leben
Und Hab und Gut und Ehr und Stand!
Was sollen wir
Denn dir
Zur Dankbarkeit dafür erlegen,
Da unser ganz Vermögen
Nur dein und gar nicht unser ist?
Doch ist noch eins, das dir, Gott, wohlgefällt:
Das Herze soll allein,
Herr, deine Zinsemünze sein.
Ach! aber ach! ist das nicht schlechtes Geld?
Der Satan hat dein Bild daran verletzet,
Die falsche Münz ist abgesetzet.

3. Arie (Bass, Violoncello obligato I/II und Continou, e-moll)
Laß mein Herz die Münze sein,
Die ich dir, mein Jesu, steure!
Ist sie gleich nicht allzu rein,
Ach, so komm doch und erneure,
Herr, den schönen Glanz bei ihr!
Komm, arbeite, schmelz und präge,
Dass dein Ebenbild bei mir
Ganz erneuert glänzen möge!

4. Arioso (Duett Sopran-Alt und Continou, h-moll modulierend nach D-Dur)
Ich wollte dir,
O Gott, das Herze gerne geben;
Der Will ist zwar bei mir,
Doch Fleisch und Blut will immer widerstreben.
Dieweil die Welt
Das Herz gefangen hält,
So will sie sich den Raub nicht nehmen lassen;
Jedoch ich muss sie hassen,
Wenn ich dich lieben soll.
So mache doch mein Herz mit deiner Gnade voll;
Leer es ganz aus von Welt und allen Lüsten
Und mache mich zu einem rechten Christen.

5. Aria (Duett Sopran-Alt, Violine, Viola und Continou, D-Dur)
Nimm mich mir und gib mich dir!
Nimm mich mir und meinem Willen,
Deinen Willen zu erfüllen;
Gib dich mir mit deiner Güte,
Dass mein Herz und mein Gemüte
In dir bleibe für und für,
Nimm mich mir und gib mich dir!

6. Choral (Chor und Continou, D-Dur)
Führ auch mein Herz und Sinn
Durch deinen Geist dahin,
Dass ich mög alles meiden,
Was mich und dich kann scheiden,
Und ich an deinem Leibe
Ein Gliedmaß ewig bleibe.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Violine I/II, Viola, Violoncello obligato I/II und Continou)

Entstehungszeit: 24. November 1715
Text: Salomo Franck (1715), Johann Heermann (Choral, 1630)
Anlass: 23. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: emmanuelemusic.org/notes, allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Jürgen (08.11.2010, 11:29):
Bach schrieb die Kantate, eine Solo-Kantate für Sopran, in seinem vierten Jahr in Leipzig für den 23. Sonntag nach Trinitatis und führte sie am 24. November 1726 erstmals auf.

Der Text des Chorals stammt von Adam Reusner 1533, der Rest von einem unbekannten Dichter.
Er beschreibt die Arglist und Schlechtigkeit der Welt (Pharisäer), der man nicht trauen kann und bietet als Alternative Gott an.

Die Kantate ist gesetzt für Sopran, vierstimmigen Chor im Schlusschoral, 2 Hörner, 3 Oboen, Fagott, zwei Violinen, Viola und Basso continuo.

Sinfonia
Recitativo: Falsche Welt, dir trau ich nicht
Aria: Immerhin, immerhin, wenn ich gleich verstoßen bin
Recitativo: Gott ist getreu
Aria: Ich halt es mit dem lieben Gott
Choral: In dich hab ich gehoffet, Herr


Als einleitende Sinfonia verwendete Bach die Frühfassung (ohne violino piccolo) des ersten Satzes des 1. Brandenburgischen Konzerts.



1. Sinfonia

2. Recitativo S
Hier muss ich unter Skorpionen
Und unter falschen Schlangen wohnen.
Dein Angesicht,
Das noch so freundlich ist,
Sinnt auf ein heimliches Verderben:
Wenn Joab küsst,
So muss ein frommer Abner sterben.
Die Redlichkeit ist aus der Welt verbannt,
Die Falschheit hat sie fortgetrieben,
Nun ist die Heuchelei
An ihrer Stelle blieben.
Der beste Freund ist ungetreu,
O jämmerlicher Stand!

3. Aria S
Wenn ich gleich verstoßen bin!
Ist die falsche Welt mein Feind,
O so bleibt doch Gott mein Freund,
Der es redlich mit mir meint.

4. Recitativo S
Er wird, er kann mich nicht verlassen;
Will mich die Welt und ihre Raserei
In ihre Schlingen fassen,
So steht mir seine Hilfe bei.
Auf seine Freundschaft will ich bauen
Und meine Seele, Geist und Sinn
Und alles, was ich bin,
Ihm anvertrauen.

5. Aria S
Die Welt mag nur alleine bleiben.
Gott mit mir, und ich mit Gott,
Also kann ich selber Spott
Mit den falschen Zungen treiben.

6. Choral
Hilf, dass ich nicht zuschanden werd,
Noch ewiglich zu Spotte!
Das bitt ich dich,
Erhalte mich
In deiner Treu, Herr Gotte!


Grüße
Jürgen
Jürgen (10.11.2010, 11:04):
Ich habe mir heute mal die mir zur Verfügung stehenden Aufnahmen angehört.

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Leusink-C10.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C03.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S17.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C38a%5BBIS-SACD%5D.jpg

Leusinck, 2000 (Sopran: Ruth Holton) Details
Leonhardt, 1976 (Knaben-Sopran: Seppi Kronwitter) Details
Rilling, 1983 (Sopran: Arleen Augér) Details
Suzuki, 2006 (Sopran: Carolyn Sampson) Details



Ich beginne mal mit der Sinfonia, bei der sich Bach ja, wie ich schon erwähnt habe, bei der Frühfassung des ersten Satzes seines ersten Brandenburgischen Konzerts bediente.
Ich mag dieses Konzert besonders, wenn dabei, wie bei Richard Egarr 2008, die beiden Hörner deutlich bis in den Vordergrund getragen werden.
(Jagd-) Hörner haben ja, wie ich schon bei Fuchsjagden zu Pferde feststellen konnte, auf Mensch und Tier eine aufpeitschende und stimulierende Wirkung.
Ich habe das zumindest bei mir, meinen Pferden und der Hundemeute feststellen können. Vielleicht ist es aber auch ein anerzogener Pawlower Effekt.
Wie auch immer, jedenfalls mag ich diese Hörner, insbesondere, wenn man sie deutlich hört. Das hat etwas archaisches.

So auf die Spitze getrieben, wie Egarr, haben es die 4 Kandidaten mit der Sinfonia jedenfalls nicht. Da geht es viel kultivierter zu, wir befinden uns schließlich in einer Kirche.
Dennoch gibt es Unterschiede. Leusinck gefällt mir eigentlich gut, wenn da nicht ein Defizit in der Aufnahme wäre. Es klingt räumlich distanziert. Ganz anders die 24 Jahre ältere Aufnahme von Leonhardt. Sie ist transparent, alle Instrumente (auch die Hörner) sind klar erkennbar.
Rilling hingegen macht auf mich den Eindruck als spiele er mit großem Apparat sehr zurückhaltend quasi en miniatur. Das kommt sehr kastriert rüber. Gefällt mir überhaupt nicht. Zudem verdecken die überbetonten Streicher den vorwärtstreibenden Rythmus.
Bei Suzuki fehlt mir der letzte Biss. Er baut aber wellenförmige Spannungsbögen auf, was mir gut gefällt. Klanglich natürlich top.

Fazit: Leonhardt ganz klar an der Spitze, Rilling deutliches Schlusslicht.


Die beiden Sopran-Arien Immerhin, immerhin und Ich halt es mit dem lieben Gott werden sehr unterschiedlich dargeboten.
Arleen Augér bei Rilling singt speziell die Anfangszeile Immerhin, immerhin als sei sie die Königin der Nacht, für mich etwas schrill. Bei der zweiten Arie gefällt sie mir ein wenig besser.
Seppi Kronwitter, der Knaben-Sopran bei Leonhardt, ist auch nicht mein Geschmack, wie so oft bei Knaben-Sopranen. Gerade die 2.Arie ist beinahe unerträglich. Darüber hinaus ist in den Arien Leonhardts Tempo nicht so frisch.
Ruth Holton bei Leusinck singt eigentlich recht gefällig. Ihre Aussprache ist allerdings etwas verwaschen.
Meine Favoritin ist Carolyn Sampson mit Suzuki. Sie singt klar und deutlich und ohne Schnörkel. Suzuki lässt forsch und sauber spielen.


Beim Schlusschoral In dich hab ich gehoffet, Herr gibt es keine Ausfälle, Leonhardt ist etwas kraftvoller, Suzuki fein und klar akzentuiert.

Insgesamt ist mir daher Suzuki der liebste. Ich bin froh, dass ich ihn am Sonntag im Radio aufgenommen habe.


Grüße
Jürgen
Heike (10.11.2010, 21:00):
BWV 139: Bei Gardiner ist mir die ganze Aufnahme durch den nicht schönen Countertenor (Derek Lee Ragin) verleidet, dabei finde ich besonders die instrumentale Ausdifferenzierung und die schlanke, flotte Interpretation sehr schön.

Bei Koopman ist das besser mit dem Gesang, aber die Aufnahme finde ich insgesamt ein bißchen langweiliger.
Heike
Jürgen (12.11.2010, 09:32):
Für diesen Sonntag sind die Kantaten 24 und 60 gesetzt.
NWR sendet aus unerfindlichen Gründen jedoch BWV 20, eigentlich für den 1.Sonntag nach Trinitatis gesetzt. Wohl wegen der Namensgleichheit zu BWV 60 (O Ewigkeit, du Donnerwort).
Zweimal wird BWV 70 gesendet, wahrscheinlich weil der dafür vorgesehene 26.Sonntag n.T. dieses Jahr ausfällt.


BWV 20, Koopman, Details Nordwestradio 7-8 Uhr
BWV 70, Gardiner, Details NDR-Kultur 8-9 Uhr
BWV 70, Suzuki, Details RBB & WDR 3 9:30-10 Uhr
BWV 26, Suzuki, Details DRS 2 9 Uhr
BWV 60, Suzuki, Details BR-K 8 Uhr & HR 2 7 Uhr
BWV 60, Biller, Details MDR-Figaro 6:30 Uhr
BWV 60, Zender, Details SWR 2 8 Uhr
BWV 60, Harnoncourt, Details SR 2 8 Uhr


Da ist also mal wieder richtig was los.

Grüße
Jürgen
Armin70 (12.11.2010, 20:44):
Diese Kantate "Nur jedem das Seine" BWV 163 nahm ich mir am vergangenen Sonntag in der Aufnahme von Ton Koopman auf:

Els Bongers, Elisabeth von Magnus, Paul Agnew, Klaus Mertens



1) 04:48, 2) 01:27, 3) 03:46, 4) 02:34, 5) 03:14, 6) 00:49

Der insgesamt eher zurückhaltende Charakter der Kantate wird in dieser Interpretation für meinen Geschmack ganz gut getroffen. Die Begleitung der Bass-Arie "Lass mein Herz die Münze sein" mit den 2 Violoncelli ist sehr reizvoll und für die damalige Zeit wohl auch etwas ungewöhnlich. Der Sopranistin wird in dem Rezitativ "Ich wollte dir, o Gott" und der Aria "Nimm mich mir und gib mich dir" einiges an Höhensicherheit abverlangt.

Die Gesangssolisten gefallen mir insgesamt ganz gut. Da sticht keiner negativ heraus und Koopmans Amsterdamer Barock-Ensemble musiziert schön kammermusikalisch transparent.
Agravain (13.11.2010, 07:26):
Original von Jürgen
Für diesen Sonntag sind die Kantaten 24 und 60 gesetzt.

Wahrscheinlich ist es allen schon aufgefallen, aber es muss Kantate 26 "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" sein.

:hello Agravain
Jürgen (13.11.2010, 12:23):
Original von Agravain
Original von Jürgen
Für diesen Sonntag sind die Kantaten 24 und 60 gesetzt.

Wahrscheinlich ist es allen schon aufgefallen, aber es muss Kantate 26 "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" sein.

:hello Agravain

Vielen dank für den Hinweis, Agravain.

Leider ist es zu spät zum Korrigieren.

Also: BWV 26

Und viel Spaß beim Aufnehmen.

Grüße
Jürgen
Armin70 (14.11.2010, 17:20):
Ach wie flüchtig, ach wie nichtig BWV 26

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate für den 24. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1724. Inhaltlich geht es um die Macht Jesu über den Tod und um die Gewissheit, dass alles, was wir tun, vergänglich ist. Allerdings haben die Taten Gottes auf Ewigkeit Bestand und durch Jesus Christus haben wir Teil daran.

Der Eingangschor beeindruckt mit einem sehr schnellem Tempo; der vertonte Text „...ach wie flüchtig...“ und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens kommt mit seinem flirrenden Gestus der Musik sehr eindringlich zur Geltung. Die folgende Aria für Tenor ist in Form einer Gigue gestaltet. Als obligate Soloinstrumente treten hier die Flöte (Traversflöte) und die Solo-Violine neben den Gesangssolisten. Die sich an dem Alt-Rezitativ anschließende Bass-Arie, die von 3 Oboen begleitet wird, hat den Rhythmus einer Bouree. Nach dem kurzen Sopran-Rezitativ, das in einer schmerzvollen Harmonik aufwartet, folgt der Schlusschoral, der eindringlich den Text zum Ausdruck bringt.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester, a-moll)
Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
Ist der Menschen Leben!
Wie ein Nebel bald entstehet
Und auch wieder bald vergehet,
So ist unser Leben, sehet!

2. Aria (Tenor, Flauto traverso, Violine und Continou, C-Dur)
So schnell ein rauschend Wasser schießt,
So eilen unser Lebenstage.
Die Zeit vergeht, die Stunden eilen,
Wie sich die Tropfen plötzlich teilen,
Wenn alles in den Abgrund schießt.

3. Rezitativ (Alt und Continou, e-moll)
Die Freude wird zur Traurigkeit,
Die Schönheit fällt als eine Blume,
Die größte Stärke wird geschwächt,
Es ändert sich das Glücke mit der Zeit,
Bald ist es aus mit Ehr und Ruhme,
Die Wissenschaft und was ein Mensche dichtet,
Wird endlich durch das Grab vernichtet.

4. Aria (Bass, 3 Oboen und Continou, e-moll)
An irdische Schätze das Herze zu hängen,
Ist eine Verführung der törichten Welt.
Wie leichtlich entstehen verzehrende Gluten,
Wie rauschen und reißen die wallenden Fluten,
Bis alles zerschmettert in Trümmern zerfällt.

5. Rezitativ (Sopran und Continou, a-moll)
Die höchste Herrlichkeit und Pracht
Umhüllt zuletzt des Todes Nacht.
Wer gleichsam als ein Gott gesessen,
Entgeht dem Staub und Asche nicht,
Und wenn die letzte Stunde schläget,
Dass man ihn zu der Erde träget,
Und seiner Hoheit Grund zerbricht,
Wird seiner ganz vergessen.

6. Choral (Chor und Orchester, a-moll)
Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
Sind der Menschen Sachen!
Alles, alles, was wir sehen,
Das muss fallen und vergehen.
Wer Gott fürcht', bleibt ewig stehen.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Flauto traverso, Oboen I – III, Violine solo, Viola, Orgel und Continou).
Entstehungszeit: 19. November 1724
Text: 1, 6: Michael Franck, 2 – 5: Umarbeitung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: 24. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: www.daskirchenjahr.de, www.allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Heike (14.11.2010, 20:05):
Diesmal habe ich keinen MItschnitt hingekriegt (bes. Suzuki hätte mich sehr interessiert, vielleicht schreibt jemand was dazu), bin erst heute abend von einem schönen langen Ostseewochenende zurück.
Ich habe keine Aufnahmen von BWV 26 und 60 und muss also eine Woche pausieren.
Heike
Armin70 (14.11.2010, 21:18):
So eben hatte ich mir die Kantate BWV 26 in folgenden Aufnahmen angehört:

Bereits letzten Sonntag kam diese Kantate in der Aufnahme von John Eliot Gardiner:

Kathrine Fuge, William Towers, Paul Agnew, Peter Harvey


1) 02:35, 2) 07:16, 3) 00:45, 4) 03:30, 5) 00:39, 6) 00:37

Heute dann die Aufnahme von Masaaki Suzuki:

Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Makoto Sakurada, Peter Kooji


1) 02:22, 2) 06:09, 3) 00:53, 4) 03:54, 5) 00:47, 6) 00:56

Gardiner, dem man ja oft gerne nachsagt, dass seine Interpretation zu vordergründig und virtuos-effekthascherisch sind, wählt bei BWV 26 eine eher zurückhaltendere Interpretation. Das passt zu dem Werk ganz gut wie ich finde. Ein besonderes Highlight ist die Tenorarie "So schnell ein rauschend Wasser schießt", die der Tenor Paul Agnew sehr gefühlvoll singt und von den English Baroque Soloists sehr locker und "tupfig" begleitet wird. Nicht so angetan bin ich vom Countertenor William Towers, der aber hier nur ein Rezitativ zu singen hat. Peter Harvey gestaltet die Bass-Arie "An irdische Schätze das Herze zu hängen" souverän. Die Sopranistin Fuge hat zwar nur ein Rezitativ zu singen aber das macht sie sehr schön.

Dann Suzuki, dessen Aufnahme mich ehrlich gesagt überrascht hat. Das liegt daran, dass Suzuki`s Bach-Kantaten-Aufnahmen (d. h. die wenigen, die ich bis jetzt kenne) auf mich eher etwas introvertiert und zurückgenommen wirkten, was mir allerdings gut gefällt. Hier bei BWV 26 dann aber entfacht Suzuki im Eingangschor ein wahres Feuerwerk an brilliantem Chor-Orchesterensemblespiel, dass es eine wahre Freude ist, dem zuzuhören. Bei alldem wahrt Suzuki absolute Transparenz; da geht nichts unter. Glänzend mal wieder die Chorsopranistinnen ! Atemberaubend das schnelle Tempo in der Tenor-Arie aber Makoto Sakurada verfügt über eine gänzende Technik und die halsbrecherischen Koloraturen gelingen ihm sehr entspannt und nicht angestrengt. Robin Blaze als Countertenor gefällt mir etwas besser als William Towers bei Gardiner. Peter Kooji ist in der Bass-Arie genauso souverän wie Peter Harvey und Yukari Nonoshita gestaltet ihr kurzes Rezitativ auch sehr gefühlvoll.

Je mehr ich von Suzukis Bach-Aufnahmen höre, desto mehr werde ich zu einem Fan von ihm (von Gardiner bin ich sowieso schon Fan). Für mich sind beide Aufnahmen von Gardiner und Suzuki auf dem absolut gleich hohem Niveau. Interessant wäre noch ein Vergleich mit Herreweghe und Koopman aber ich glaube, dass man es fast nicht besser machen kann.
Armin70 (14.11.2010, 22:37):
Wachet ! betet ! betet ! wachet ! BWV 70

Am heutigen 24. Sonntag nach Trinitatis brachten 2 Radiosender auch die Kantate „Wachet ! betet ! betet ! wachet !“ BWV 70, die Johann Sebastian Bach eigentlich für den 26. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1723 bzw. später nach einer Überarbeitung 1731 komponierte und aufführte. Da in diesem Jahr 2010 der 26. Sonntag nach Trinitatis ausfällt, wurde diese Kantate wohl heute gesendet.
Darauf hatte ja bereits Jürgen in seinem Kantaten-Überblick für diesen Sonntag dankenswerterweise hingewiesen.

Die Kantate BWV 70 basiert vermutlich auf frühere Werke, die Bach bereits in Weimar komponierte u.a. einer Kantate, die für den 2. Sonntag im Advent geschrieben wurde. Thematisch behandelt dieses Werk die zweite Erscheinung Jesu Christi nach seiner Auferstehung und den Tag des Jüngsten Gerichts.
Der Eingangschor ist geprägt von markanten Trompetenrufen, die wie Signale den Tag des Jüngsten Gerichts ankündigen. Intimeren Charakter hat die Alt-Arie („Wenn kömmt der Tag, an dem wir ziehen“), die von einem obligaten Violoncello-Solo begleitet wird. Ganz anders stellt sich die Sopran-Arie („Laßt der Spötter Zungen schmähen“) dar mit einem schnellem Tempo und einem einprägsamen Violon-Solo. Diese Arie übernahm Bach übrigens aus Georg Friedrich Händels Oper „Almira“. Der erste Teil der Kantate endet mit einem kraftvoll vorwärts schreitenden Choral. Zu Beginn des zweiten Teils steht eine Tenor-Arie („Hebt euer Haupt empor „), die von italienischen Einflüssen geprägt ist. Daran schließen sich ein Rezitativ und eine Arie jeweils für Bass und obligate Trompete an. Im Rezitativ („Ach, soll nicht dieser große Tag“) intoniert die Trompete eine Choralmelodie und die Arie („Seligster Erquickungstag“) in der Dacapo-Form weist verschiedene Schattierungen auf: Einerseits wird im langsamen Tempo das himmlische Glück gepriesen. Im Mittelteil fährt aber abrupt ein von Trompetenfanfaren geprägter schneller Teil (Presto) dazwischen, wo Bach die Apokalypse schildert bis dann der ruhige Anfangsteil wiederholt wird. Die Kantate schließt mit einem schlichten Choral.

Text:

Erster Teil

1. Chor (Chor und Orchester)
Wachet! betet! betet! wachet!
Seid bereit
Allezeit,
Bis der Herr der Herrlichkeit
Dieser Welt ein Ende machet.

2. Rezitativ (Bass, Trompete, Oboe, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou)
Erschrecket, ihr verstockten Sünder!
Ein Tag bricht an,
Vor dem sich niemand bergen kann:
Er eilt mit dir zum strengen Rechte,
O! sündliches Geschlechte,
Zum ewgen Herzeleide.
Doch euch, erwählte Gotteskinder,
Ist er ein Anfang wahrer Freude.
Der Heiland holet euch, wenn alles fällt und bricht,
Vor sein erhöhtes Angesicht;
Drum zaget nicht!

3. Aria (Alt, Violoncello, Fagott und Continou)
Wenn kömmt der Tag, an dem wir ziehen
Aus dem Ägypten dieser Welt?
Ach! lasst uns bald aus Sodom fliehen,
Eh uns das Feuer überfällt!
Wacht, Seelen, auf von Sicherheit
Und glaubt, es ist die letzte Zeit!

4. Rezitativ (Tenor, Fagott und Continou)
Auch bei dem himmlischen Verlangen
Hält unser Leib den Geist gefangen;
Es legt die Welt durch ihre Tücke
Den Frommen Netz und Stricke.
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach;
Dies presst uns aus ein jammervolles Ach!

5. Aria (Sopran, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou)
Laßt der Spötter Zungen schmähen,
Es wird doch und muss geschehen,
Dass wir Jesum werden sehen
Auf den Wolken, in den Höhen.
Welt und Himmel mag vergehen,
Christi Wort muss fest bestehen.
Laßt der Spötter Zungen schmähen;
Es wird doch und muss geschehen!

6. Rezitativ (Tenor, Fagott und Continou)
Jedoch bei dem unartigen Geschlechte
Denkt Gott an seine Knechte,
Dass diese böse Art
Sie ferner nicht verletzet,
Indem er sie in seiner Hand bewahrt
Und in ein himmlisch Eden setzet.

7. Choral (Chor und Orchester)
Freu dich sehr, o meine Seele,
Und vergiss all Not und Qual,
Weil dich nun Christus, dein Herre,
Ruft aus diesem Jammertal!
Seine Freud und Herrlichkeit
Sollt du sehn in Ewigkeit,
Mit den Engeln jubilieren,
In Ewigkeit triumphieren.

Zweiter Teil

8. Aria (Tenor, Oboe, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou)
Hebt euer Haupt empor
Und seid getrost, ihr Frommen,
Zu eurer Seelen Flor!
Ihr sollt in Eden grünen,
Gott ewiglich zu dienen.

9. Rezitativ (Bass, Trompete, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou)
Ach, soll nicht dieser große Tag,
Der Welt Verfall
Und der Posaunen Schall,
Der unerhörte letzte Schlag,
Des Richters ausgesprochne Worte,
Des Höllenrachens offne Pforte
In meinem Sinn
Viel Zweifel, Furcht und Schrecken,
Der ich ein Kind der Sünden bin,
Erwecken?
Jedoch, es gehet meiner Seelen
Ein Freudenschein, ein Licht des Trostes auf.
Der Heiland kann sein Herze nicht verhehlen,
So vor Erbarmen bricht,
Sein Gnadenarm verlässt mich nicht.
Wohlan, so ende ich mit Freuden meinen Lauf.

10. Aria (Bass, Trompete, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou)
Seligster Erquickungstag,
Führe mich zu deinen Zimmern!
Schalle, knalle, letzter Schlag,
Welt und Himmel, geht zu Trümmern!
Jesus führet mich zur Stille,
An den Ort, da Lust die Fülle.

11. Choral (Chor und Orchester)
Nicht nach Welt, nach Himmel nicht
Meine Seele wünscht und sehnet,
Jesum wünsch ich und sein Licht,
Der mich hat mit Gott versöhnet,
Der mich freiet vom Gericht,
Meinen Jesum lass ich nicht.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Trompete, Oboe, Violine I/II, Viola, Violoncello, Fagott und Continou)
Entstehungszeit: 21. November 1723
Text: 1, 3, 5, 8, 10: Salomo Franck 1717; 11: Christian Keymann 1658; Rest: unbekannter Dichter
Anlass: 26. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: www.classical.net, www.bach-cantatas.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (14.11.2010, 23:05):
Wie bei BWV 26, so kommt es auch bei BWV 70 zum "Duell" zwischen John Eliot Gardiner und Masaaki Suzuki aber wir sind ja hier nicht im "Wilden Westen" oder im Sport wo es um "höher, schneller, weiter" geht.

John Eliot Gardiner:

Brigitte Geller, Michael Chance, Jan Kobow, Dietrich Henschel


1) 03:33, 2) 01:16, 3) 04:44, 4) 00:40, 5) 02:38, 6) 00:35, 7) 01:09, 8) 03:06, 9) 01:34, 10) 02:47, 11) 00:49

Masaaki Suzuki:

Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooji


1) 04:01, 2) 01:09, 3) 03:25, 4) 00:49, 5) 02:44, 6) 00:36, 7) 01:33, 8) 03:07, 9) 01:45, 10) 02:49, 11) 01:08

Bei der Gardiner-Aufnahme handelt es sich um einen Live-Mitschnitt aus der Michaeliskirche in Lüneburg. Das spürt man insofern, dass dies eine sehr energisch-leidenschaftliche und dramatische Interpretation ist. Die sehr effektvolle Musik von Johann Sebastian Bach hat fast schon opernhafte Züge und da John Eliot Gardiner auch große Erfahrung als Operndirigent hat, ist es ihm hier sehr gut gelungen, diese theatralisch-effektvollen Momente in dieser Musik offen zu legen. Etwas unausgewogen finde ich allerdings das Solistenquartett aber das liegt vielleicht auch an dem Live-Charakter dieser Aufnahme.

Masaaki Suzuki wählt hier einen nicht ganz so emphatischen Interpretationsansatz aber dennoch versteht er es sehr gut, ebenfalls die dramatischen Momente von BWV 70 zu unterstreichen. Für meinen Geschmack hat Suzuki in dieser Aufnahme das etwas bessere Solistenquartett zur Verfügung. Vor allem bin ich von der brillianten Sopranistin Yukari Nonoshita begeistert (Gänsehautfaktor !).

Bei Gardiner ist die Trompete etwas präsenter, die bei der Aufnahme vermutlich vor dem Orchester direkt an den Mikrofonen postiert war während die Trompete bei Suzuki aufnahmetechnisch mehr in das Orchester integriert ist.

Auch wenn ich mich wiederhole aber für meinen Geschmack sind Gardiners und Suzukis Aufnahmen, trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze, absolut gleichwertig und auf der gleichen Augenhöhe und, um doch auf den Sport zu kommen, wäre das ein Unentschieden nach einem sehr unterhaltsamen und spannenden torreichen Fussball-Spiel.
Jürgen (16.11.2010, 09:38):
Original von Armin70
John Eliot Gardiner:

Brigitte Geller, Michael Chance, Jan Kobow, Dietrich Henschel


1) 03:33, 2) 01:16, 3) 04:44, 4) 00:40, 5) 02:38, 6) 00:35, 7) 01:09, 8) 03:06, 9) 01:34, 10) 02:47, 11) 00:49

Bei der Gardiner-Aufnahme handelt es sich um einen Live-Mitschnitt aus der Michaeliskirche in Lüneburg. Das spürt man insofern, dass dies eine sehr energisch-leidenschaftliche und dramatische Interpretation ist. Die sehr effektvolle Musik von Johann Sebastian Bach hat fast schon opernhafte Züge und da John Eliot Gardiner auch große Erfahrung als Operndirigent hat, ist es ihm hier sehr gut gelungen, diese theatralisch-effektvollen Momente in dieser Musik offen zu legen. Etwas unausgewogen finde ich allerdings das Solistenquartett aber das liegt vielleicht auch an dem Live-Charakter dieser Aufnahme.

............

Bei Gardiner ist die Trompete etwas präsenter, die bei der Aufnahme vermutlich vor dem Orchester direkt an den Mikrofonen postiert war während die Trompete bei Suzuki aufnahmetechnisch mehr in das Orchester integriert ist.


Ich bin gerade dabei, meine Aufnahmen vom Sonntag aufzuarbeiten. Momentan habe ich Gardiner BWV 70 gesplittet und getagt. Dabei habe ich sie auch gehört. Der Live-Charakter ist schon recht deutlich, insbesondere wenn im Eingangschor jemandem ein Regenschirm (oder etwas ähnliches) runterfällt. Trotzdem eine sehr gute Aufnahme, sehr lebendig.
Wie Armin schon erwähnte ist die Trompete sehr prägnant. Musikdramatisch setzt sie genau nach der Textstelle "Und der Posaunen Schall" ein. Da horcht man schon auf.

Grüße
Jürgen
Armin70 (16.11.2010, 12:16):
O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 60

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate, bei der es sich um eine Dialogkantate handelt, in seinem ersten Jahr in Leipzig, für den 24. Sonntag nach Trinitatis 1724. Inhaltlich geht es in dieser Kantate um die Auferweckung der Tochter des Jairus. Diese Auferweckung wird als Vorzeichen der Auferstehung angesehen, die allerdings mit gemischten Gefühlen, Furcht und Hoffnung erwartet wird. Furcht (Alt) und Hoffnung (Tenor) führen als zwei allegorische Figuren in den ersten drei Sätzen der Kantate einen Dialog. Im vierten Satz wird das Rezitativ der Furcht vom Bass beantwortet als Vox Christi (Stimme Christi) mit „Selig sind die Toten“.

Der erste Satz, eine Choralbearbeitung, ist in Form eines Doppelkonzerts für Oboen und Streichern gestaltet. Bewegte Streicherfiguren, welche die Furcht symbolisieren, bilden das rhythmische Fundament und der Alt, verstärkt durch das Horn, singt die Choralmelodie darüber. Im sich anschließenden Rezitativ, das sich zweimal zum Arioso steigert, ist auch als Dialog zwischen der Furcht und der Hoffnung ausgelegt.
Das dritte, zentale Duett ist dramatisch und daher nicht in da capo-Form, sondern einer Motette ähnlich. Orchester-Ritornelle sorgen für formalen Zusammenhalt. Drei unterschiedliche Abschnitte sind gleich aufgebaut: die Furcht beginnt, die Hoffnung antwortet, beide singen gleichzeitig, die Hoffnung behält das letzte Wort. Auch die Instrumente kontrastieren, manchmal gleichzeitig: die Solo-Violine ist der Hoffnung zugeordnet und spielt weiche Skalen gegen punktierte Rhythmen in den Oboen d'amore und Continuo. Im letzten Duett erhält die Furcht die Antwort vom Bass, der dreimal als Arioso die Worte aus der Offenbarung singt, jedes Mal etwas erweitert.

Der Schlusschoral „Es ist genug“ beginnt mit einer ungewöhnlichen Folge von Ganztonschritten. Dieser Schlusschoral ist überhaupt durch eine sehr starke Chromatik geprägt. Das machte auf Alban Berg wohl einen sehr großen Eindruck, da er ihn in Bachs Harmonisierung in seinem Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ zitiert.

Text:

1. Aria (Alt-Choral, Tenor-Aria, Horn, Oboe d'amore I/II, Violine I/II, Viola und Continou, D-Dur)
O Ewigkeit, du Donnerwort,
O Schwert, das durch die Seele bohrt,
O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
Ich weiß vor großer Traurigkeit
Nicht, wo ich mich hinwende
Mein ganz erschrocknes Herze bebt
Dass mir die Zung am Gaumen klebt.
Herr, ich warte auf dein Heil.

2. Rezitativ (Alt – Tenor und Continou, h-moll modulierend nach G-Dur)
Alt
O schwerer Gang zum letzten Kampf und Streite!
Tenor
Mein Beistand ist schon da,
Mein Heiland steht mir ja
Mit Trost zur Seite.
Alt
Die Todesangst, der letzte Schmerz
Ereilt und überfällt mein Herz
Und martert diese Glieder.
Tenor
Ich lege diesen Leib vor Gott zum Opfer nieder.
Ist gleich der Trübsal Feuer heiß,
Genung, es reinigt mich zu Gottes Preis.
Alt
Doch nun wird sich der Sünden große Schuld vor mein Gesichte stellen.
Tenor
Gott wird deswegen doch kein Todesurteil fällen.
Er gibt ein Ende den Versuchungsplagen,
Dass man sie kann ertragen.

3. Duett – Aria (Alt – Tenor, Oboe d'amore, Violine und Continou, h-moll)
Alt
Mein letztes Lager will mich schrecken,
Tenor
Mich wird des Heilands Hand bedecken,
Alt
Des Glaubens Schwachheit sinket fast,
Tenor
Mein Jesus trägt mit mir die Last.
Alt
Das offne Grab sieht greulich aus,
Tenor
Es wird mir doch ein Friedenshaus.

4. Rezitativ – Arioso (Alt – Bass und Continou, e-moll und D-Dur)
Alt
Der Tod bleibt doch der menschlichen Natur verhasst
Und reißet fast
Die Hoffnung ganz zu Boden.
Bass
Selig sind die Toten;
Alt
Ach! aber ach, wieviel Gefahr
Stellt sich der Seele dar,
Den Sterbeweg zu gehen!
Vielleicht wird ihr der Höllenrachen
Den Tod erschrecklich machen,
Wenn er sie zu verschlingen sucht;
Vielleicht ist sie bereits verflucht
Zum ewigen Verderben.
Bass
Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben;
Alt
Wenn ich im Herren sterbe,
Ist denn die Seligkeit mein Teil und Erbe?
Der Leib wird ja der Würmer Speise!
Ja, werden meine Glieder
Zu Staub und Erde wieder,
Da ich ein Kind des Todes heiße,
So schein ich ja im Grabe an verderben.
Bass
Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben, von nun an.
Alt
Wohlan!
Soll ich von nun an selig sein:
So stelle dich, o Hoffnung, wieder ein!
Mein Leib mag ohne Furcht im Schlafe ruhn,
Der Geist kann einen Blick in jene Freude tun.

5. Choral (Chor und Orchester, A-Dur)
Es ist genug;
Herr, wenn es dir gefällt,
So spanne mich doch aus!
Mein Jesu kömmt;
Nun gute Nacht, o Welt!
Ich fahr ins Himmelshaus,
Ich fahre sicher hin mit Frieden,
Mein großer Jammer bleibt danieden.
Es ist genug.

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Orchester (Horn, Oboe d'amore I/II, Violine I/II, Viola und Continou).
Entstehungszeit: 07. November 1723
Text: unbekannter Dichter; 1.: Johann Rist 1642 und Psalm 119, 166, 4.: Offenbarung 14, 13, 5.: Franz Joachim Burmeister 1662
Anlass: 24. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: de.wikipedia.org, www.allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (16.11.2010, 23:35):
Die Kantate BWV 60 hatte ich am vergangenen Sonntag nur in der Aufnahme von Masaaki Suzuki mitgeschnitten, weil mir diese im Vergleich zu den anderen Aufnahmen (Biller, Harnoncourt, Zender) dieser Kantate, die letzten Sonntag gesendet wurden, am interessantesten erschienen ist.

Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooji


1) 04:19, 2) 02:03, 3) 03:02, 4) 04:20, 5) 1:32

Auch in dieser Aufnahme finde ich die Vorzüge, die ich von Suzukis anderen Kantaten-Aufnahmen kennen- und schätzengelernt habe, wieder: gute bis sehr gute Solisten, sehr gute transparenz, tolle Spannungsbögen, hervorragender Chor (auch wenn er hier nur im Schlusschoral in Erscheinung tritt), sehr gutes kammermusikalisch-wirkendes Orchester mit schönen Instrumentalsoli. Das ganze ist keine zur Schau gestellte Virtuosität sondern der Star ist quasi das gesamte Ensemble. Daher macht Suzukis Aufnahmen für mich so sympathisch.

Man kann sich selbst einen Eindruck über Suzukis Interpretation anhand der Eingangs-Choral-Aria der Kantate BWV 60 verschaffen: siehe hier

Vielleicht können andere hier ihre Eindrücke über weitere Aufnahmen von BWV 60 schildern.

Gruß
Armin
Jürgen (17.11.2010, 13:31):
Ich habe heute mal die Kantate "O Ewigkeit, du Donnerwort" BWV 60 in den mir vorliegenden Aufnahmen gehört.


Harnoncourt, 1976 (16:09) Details
Rilling, 1978 (17:29) Details
Koopman, 1998 (14:21) Details
Leusinck, 1999 (15:35) Details
Suzuki, 2000 (14:57) Details


Bezüglich Suzuki stimme ich Armin weitestgehend zu. Spannungsbögen, Transparenz und guter Chor. Er verwendet jedoch einen Counter-Tenor als Alt, der mir weniger zusagt. Dem Alt kommt in dieser Kantate jedoch eine tragende Rolle zu und daher wiegt das schwer.
Auch Harnoncourt und Leusinck arbeiten mit dieser Besetzung. Bei ihnen gefällt mir aber die Stimme besser.
Rilling und Koopman verwenden weibliche Stimmen als Alt, was mir angenehmer erscheint. Außerdem sind dort die Altstimmen im Kopfsatz mehrfach besetzt.
Koopman hat den Nachteil, dass einige Details etwas untergehen. Z.B. die schönen Streicherlinien im 3.Satz.
Hier, wie auch in der gesamten Kantate ist Rilling vorbildlich. Bei ihm hört man jedes Detail, wohl auch der Verwendung eines Cembalos geschuldet. Er übertrifft m.E. sogar Suzuki an Transparenz.


Grüße
Jürgen

P.S: Ich sehe gerade im Kantatenkalender, dass BWV 140 (27.So. nach Tr.) dieses Jahr nicht zum Zuge kommt und überhaupt nur alle Jubeljahre mal. Die Radiostationen handhaben dieses Problem genauso wie letzten Sonntag mit BWV 70 und spielen sie einfach. Ich will mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und meine absolute Lieblingskantate hier vorstellen.
Armin70 (18.11.2010, 17:51):
Hier der "Kantaten-Fahrplan" für den kommenden Sonntag, den 25. Sonntag nach Trinitatis:

Für den 25. Sonntag nach Trinitatis liegen die Kantaten BWV 90 und 116 vor, die auch gesendet werden. Des weiteren werden noch die Kantaten BWV 114 (17. Sonntag nach Trinitatis), BWV 82 (Tag der Darstellung des Herrn, Lichtmess; Anfang Februar) und BWV 140 (27. Sonntag nach Trinitatis) gesendet.

HR2-Kultur: 07:00 - 07:30
BWV 114 "Ach, lieben Christen, seid getrost"
Lisa Larsson, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

Nordwestradio: 07:05 - 08:00 Uhr
BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme"
Julia Kleiter, Kurt Streit, Anton Scharinger, Arnold Schönberg Chor, Concentus musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr
BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme"
Heike Heilmann, Henning Kaiser, Stefan Geyer, Balthasar-Neumann-Chor + Ensemble, Thomas Hengelbrock

SWR2-Kultur: 08:03 - 08:30 Uhr
BWV 90 "Es reißet euch ein schrecklich Ende"
Joanne Lunn, William Towers, James Gilchrist, Peter Harvey, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

SR2-Kultur: 08:04 - 09:00 Uhr
BWV 90 "Es reißet euch ein schrecklich Ende"
Bogna Bartosz, Jörg Dürmüller, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

BR-Klassik: 08:05 - 08:30 Uhr
BWV 116 "Du Friedefürst, Herr Jesu Christ"
Arleen Auger, Helen Watts, Lutz Michael-Harder, Philippe Huttenlocher, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling

DRS2: 09:00 - 09:30 Uhr
BWV 116 "Du Friedefürst, Herr Jesu Christ"
Sybilla Rubens, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

WDR3: 09:05 - 10:00 Uhr
BWV 82 "Ich habe genug"
Stephan MacLeod, Gli Angeli Geneve

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr
BWV 140 "Wachet auf, ruft uns die Stimme"
Agnes Giebel, Peter Schreier, Theo Adam, Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Erhard Mauersberger

Der Radiosender MDR-Figaro überträgt am kommenden Sonntag keine Bach-Kantate. Stattdessen wird von 06:30 - 07:00 Uhr von Georg Philipp Telemann die Kantate "Es sind schon die letzten Tage" TWV 1:529 übertragen. Die Ausführenden sind: Mitglieder des Thomanerchors Leipzig, Sächsisches Barockorchester und Gotthold Schwarz, Bass-Bariton und Leitung.
Agravain (20.11.2010, 17:22):
So, nach einigem Stress, der mich von einer Beschäftigung mit der Materie abgehalten hat, bin ich wieder da! Ich würde mich gerne um die Darstellung von BWV 116 kümmern.

:hello Agravain
Agravain (21.11.2010, 14:21):
BWV 116: "Du Friedefürst, Herr Jesu Christ"

1. (Coro)
Du Friedefürst, Herr Jesu Christ,
Wahr' Mensch und wahrer Gott,
Ein starker Nothelfer du bist
Im Leben und im Tod.
Drum wir allein
Im Namen dein
Zu deinem Vater schreien.

2. Aria A
Ach, unaussprechlich ist die Not
Und des erzürnten Richters Dräuen!
Kaum, dass wir noch in dieser Angst,
Wie du, o Jesu, selbst verlangst,
Zu Gott in deinem Namen schreien.

3. Recitativo T
Gedenke doch,
O Jesu, dass du noch
Ein Fürst des Friedens heißest!
Aus Liebe wolltest du dein Wort uns senden.
Will sich dein Herz auf einmal von uns wenden,
Der du so große Hülfe sonst beweisest?

4. Aria (Terzetto) S T B

Ach, wir bekennen unsre Schuld
Und bitten nichts als um Geduld
Und um dein unermesslich Lieben.
Es brach ja dein erbarmend Herz,
Als der Gefallnen Schmerz
Dich zu uns in die Welt getrieben.

5. Recitativo A
Ach, lass uns durch die scharfen Ruten
Nicht allzu heftig bluten!
O Gott, der du ein Gott der Ordnung bist,
Du weißt, was bei der Feinde Grimm
Vor Grausamkeit und Unrecht ist.
Wohlan, so strecke deine Hand
Auf ein erschreckt geplagtes Land,
Die kann der Feinde Macht bezwingen
Und uns beständig Friede bringen!

6. Choral
Erleucht auch unser Sinn und Herz
Durch den Geist deiner Gnad,
Dass wir nicht treiben draus ein Scherz,
Der unsrer Seelen schad.
O Jesu Christ,
Allein du bist,
Der solchs wohl kann ausrichten.

Der Text der zum 26. November 1724 entstandenen Choralkantate greift die Thematik der Epistel wie des Evangeliums auf. Das Weltgericht steht vor der Tür, die Gläubigen befinden sich in Angst und in Verwirrung. Was ist zu glauben, wer ist der rechte Prophet? Was passiert am Ende allen Seins?

Entsprechend ist der Eingangschor, dessen Text von dem Dichter und Theologen Jakob Ebert stammt, eine Anrufung des Friedefürsten Christus, auf dessen Beistand die Gemeinde hofft. Doch es ist mehr als ein Bittgebet, bringt die Gemeinde ihre Verzweiflung angesichts des nahenden Jüngsten Gerichtes wortwörtlich durch ein „Schreien“ zum Ausdruck. Bach formt den Satz selbst so, das die Grundstruktur bewegt ist, die ersten Stollen des Chorals allerdings in langen Notenwerten über der agitierten Orchesterbegleitung ruhen, was eventuell mit dem von Christus ausgehende Frieden zu tun hat. Als die Gemeinde auf die helfende Kraft Christi in der Not zu sprechen kommt, wird der dramatische Gestus in den Unterstimmen aufgegriffen. Im Moment, da Gott der Vater angerufen wird, kehren die langen, ruhigen Notenwerte zurück. Auch die Alt-Arie mit Oboe d’amore setzt den dramatischen Gestus fort. Bachs Tonsprache orientiert sich stark am Text (lange Melismen auf „erzürnt“ etc., Chromatik) und der hohe Affektgehalt wird sehr deutlich. Dem kanppen Tenor-Rezitativ folgt ein Terzett von Sopran, Tenor und Bass, dass es für die Ausführenden, trotz seiner Schlichtheit in sich hat. Das menschliche Schuldbekenntnis ist kein leicht dahin zu singendes. Ungewohnt herbe Stimmführung, ungewohnte Modulationen, wenig „Melodie“. Nach einem gebetsartigen Rezitativ, dass in ein Arioso mündet, endet die Kantate mit einem schlichten Choralsatz.

:hello Agravain
Jürgen (22.11.2010, 09:18):
Diese Kantate basiert auf dem gleichnamigen Choral von Phlipp Nicolai (1599).
Seine 3 Strophen wurden wörtlich für die Sätze 1, 4 und 7 übernommen.
Der Rest wurde von einem unbekannten Textdichter eingfügt.

Grundgedanke des Textes ist die bildliche Gleichsetzung der Verbindung zwischen Jesus (Bass) und der
menschlichen Seele (Sopran) mit einer Hochzeit. Der Tenor nimmt dieErzählerrolle ein. Wie bei antiken
orientalischen Hochzeiten der Bräutigam anscheinend zu einem nicht genau festgesetzten Zeitpunkt erschien,
dann aber ein ordentliches Fest erwartete, so soll die Seele ständig bereit sein, Gott zu begegnen.


Satz 1 ist eine besonders weit angelegte Choralbearbeitung, die mit ihrem punktierten Rhythmus an den Stil einer französischen Ouverture gemahnt. Die Choralmelodie erklingt zeilenweise in langen Noten als Cantus firmus im Sopran, welchen Alt, Tenor und Bass, einander imitierend, umspielen. Der Orchestersatz enthält tiefe Oboeninstrumente, was die zu Beginn "nächtliche" Stimmung des Werks unterstreicht.
Satz 2 ist ein Tenor-Rezitativ, das die baldige Ankunft des Bräutigams ankündigt.
Satz 3 ist ein Sopran-Bass-Duett, das das Warten der Seele (Sopran) auf Jesus (Bass) illustriert. Zu bemerken ist die virtuos-leidenschaftliche Solovioline.
Satz 4 kehrt zum Choral zurück. Der Cantus firmus wird vom Tenor gesungen. Die begleitende Unisono-Streichermelodie gehört zu den bekanntesten Schöpfungen Bachs.
Satz 5 ist ein von Streichern begleitetes Rezitativ des Basses, in dem Jesus die Seele zu sich ruft und ihr Geborgenheit zusagt.
Satz 6 ist ein weiteres Sopran-Bass-Duett, in dem Seele und Jesus nunmehr fröhlich vereint sind. Dies wird musikalisch durch zahlreiche Melismen und eine schwungvolle Oboenpartie dargestellt.
Die Kantate schließt mit einem 4-stimmigen Satz der letzten Choralstrophe.





1. (Coro)
Wachet auf, ruft uns die Stimme
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
Wach auf, du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde;
Sie rufen uns mit hellem Munde:
Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohl auf, der Bräutgam kömmt;
Steht auf, die Lampen nehmt! Alleluja!
Macht euch bereit
Zu der Hochzeit,
Ihr müsset ihm entgegen gehn!

2. Recitativo T
Er kommt, er kommt,
Der Bräutgam kommt!
Ihr Töchter Zions, kommt heraus,
Sein Ausgang eilet aus der Höhe
In euer Mutter Haus.
Der Bräutgam kommt, der einem Rehe
Und jungen Hirsche gleich
Auf denen Hügeln springt
Und euch das Mahl der Hochzeit bringt.
Wacht auf, ermuntert euch!
Den Bräutgam zu empfangen!
Dort, sehet, kommt er hergegangen.

3. Aria (Duetto) Seele (S), Jesus (B)
Sopran
Wenn kömmst du, mein Heil?
Bass
Ich komme, dein Teil.
Sopran
Ich warte mit brennendem Öle.
{Sopran, Bass}
{Eröffne, Ich öffne} den Saal
beide
Zum himmlischen Mahl
Sopran
Komm, Jesu!
Bass
Komm, liebliche Seele!

4. Choral T
Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freuden springen,
Sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig,
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Kron,
Herr Jesu, Gottes Sohn!
Hosianna!
Wir folgen all
Zum Freudensaal
Und halten mit das Abendmahl.

5. Recitativo B
So geh herein zu mir,
Du mir erwählte Braut!
Ich habe mich mit dir
Von Ewigkeit vertraut.
Dich will ich auf mein Herz,
Auf meinem Arm gleich wie ein Siegel setzen
Und dein betrübtes Aug ergötzen.
Vergiß, o Seele, nun
Die Angst, den Schmerz,
Den du erdulden müssen;
Auf meiner Linken sollst du ruhn,
Und meine Rechte soll dich küssen.

6. Aria (Duetto) Seele (S), Jesus (B)
Seele
Mein Freund ist mein,
Bass
Und ich bin dein,
beide
Die Liebe soll nichts scheiden.
{Seele, Bass}
{Ich will, du sollst} mit {dir,mir} in Himmels Rosen weiden,
beide
Da Freude die Fülle, da Wonne wird sein.

7. Choral
Gloria sei dir gesungen
Mit Menschen- und englischen Zungen,
Mit Harfen und mit Zimbeln schon.
Von zwölf Perlen sind die Pforten,
An deiner Stadt; wir sind Konsorten
Der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt,
Kein Ohr hat je gehört
Solche Freude.
Des sind wir froh,
Io, io!
Ewig in dulci jubilo.



Wachet auf ist eine der bekanntesten Kantaten Bachs. Allein bei Bach-Cantatas werden über 50 Aufnahmen gelistet.
Und da ist Hengelbrock noch nicht dabei!
Die drei Choralsätze sind schon beinahe Ohrwürmer und sogar Bach selbst hat den Tenor-Choral nochmals für Orgel bearbeitet. (Schübler-Choral BWV 645)



Grüße
Jürgen

Quelle: Wikipedia und Radioanmoderationen
Jürgen (22.11.2010, 12:11):
Sorry, doppelter Eintrag. Beim ersten Posting bekam ich kein Feedback.
Da dachte ich, es sei gescheitert.
Passiert halt in diesen harten Zeiten :B
Armin70 (23.11.2010, 13:25):
Es reisset euch ein schrecklich Ende BWV 90

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate für den 25. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1723, der damals auf den 14. November fiel. Bach vertonte einen anonymen Text und im Schlusschoral einen Text von Martin Möller aus dem Jahr 1584.
In den vertonten Texten werden bedrohliche Szenarien von Sünde, Bestrafung und der Hölle ausgemalt. Das drückt sich auch in Bachs Musik aus, denn diese Kantate ist von einem dramatischen Gestus geprägt.

Text:

1. Aria (Tenor, Violine I/II, Viola, Continou, d-moll)
Es reißet euch ein schrecklich Ende,
Ihr sündlichen Verächter, hin.
Der Sünden Maß ist voll gemessen,
Doch euer ganz verstockter Sinn
Hat seines Richters ganz vergessen.

2. Rezitativ (Alt und Continou, d-moll)
Des Höchsten Güte wird von Tag zu Tage neu,
Der Undank aber sündigt stets auf Gnade.
O, ein verzweifelt böser Schade,
So dich in dein Verderben führt.
Ach! wird dein Herze nicht gerührt?
Dass Gottes Güte dich
Zur wahren Buße leitet?
Sein treues Herze lässet sich
Zu ungezählter Wohltat schauen:
Bald lässt er Tempel auferbauen,
Bald wird die Aue zubereitet,
Auf die des Wortes Manna fällt,
So dich erhält.
Jedoch, o! Bosheit dieses Lebens,
Die Wohltat ist an dir vergebens.

3. Aria (Bass, Trompete, Violine I/II, Viola, Continou, B-Dur)
So löschet im Eifer der rächende Richter
Den Leuchter des Wortes zur Strafe doch aus.
Ihr müsset, o Sünder, durch euer Verschulden
Den Greuel an heiliger Stätte erdulden,
Ihr machet aus Tempeln ein mörderisch Haus.

4. Rezitativ (Tenor und Continou, d-moll)
Doch Gottes Auge sieht auf uns als Auserwählte:
Und wenn kein Mensch der Feinde Menge zählte,
So schützt uns doch der Held in Israel,
Es hemmt sein Arm der Feinde Lauf
Und hilft uns auf;
Des Wortes Kraft wird in Gefahr
Um so viel mehr erkannt und offenbar.

5. Choral (Chor und Orchester, d-moll / modulierend nach D-Dur)
Leit uns mit deiner rechten Hand
Und segne unser Stadt und Land;
Gib uns allzeit dein heilges Wort,
Behüt für's Teufels List und Mord;
Verleih ein selges Stündelein,
Auf dass wir ewig bei dir sein!

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Trompete, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 14. November 1723
Text: unbekannter Dichter, 5.: Martin Möller
Anlass: 25. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: www.allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (24.11.2010, 18:25):
Am vergangenen Sonntag, welcher der 25. Sonntag nach Trinitatis war und damit der letzte Sonntag im diesjährigen Kirchenjahr, wurde auch die Kantate BWV 82 "Ich habe genug" gesendet obwohl diese für den Tag der Darstellung des Herrn für Anfang Februar komponiert wurde.

Dennoch möchte ich auch dieses Werk hier vorstellen, zumal sie zu Bachs meist gespielten Kantaten gehört:

Ich habe genug BWV 82

Diese Kantate, die zu den beliebtesten Kantaten Johann Sebastian Bachs gehört, entstand für das Fest Mariae Reinigung (oder: Tag der Darstellung des Herrn oder Lichtmess) am 02. Februar 1727 als Solo-Kantate für Bass, Oboe, Streicher und Continou. Später arbeitete Bach diese Kantate für Sopran um (BWV 82a).

Der unbekannte Textdichter hat die Geschichte von Simeon zum Ausgangspunkt des Werkes gemacht. Der alte Simeon erkennt in dem Kind Jesus den Messias, als Maria mit Ihrem Sohn den Tempel besucht. Damit ist sein Leben erfüllt und er kann „mit Freuden“ sterben. Das Rezitativ überträgt diese Todessehnsucht auf den Christen, der im Jenseits bei Jesus Ruhe und Frieden sucht. Die zweite Arie ist als „Schlummerarie“ bekannt und hat den Charakter eines Wiegenliedes, das den Sterbenden begleitet. Die Schlussarie weist mit ihrem schnellem-tänzerischen Charakter zu den beiden ersten Arien einen starken Kontrast auf. Vielleicht stellt dieser Satz in gewisser Hinsicht einen barocken „Totentanz“ dar.

Viele große und berühmte Sänger/innen, z. B. Hermann Prey, Hans Hotter, Dietrich Fischer-Dieskau, Thomas Quasthoff oder auch Janet Baker, Lorraine Hunt und Natalie Dessay, um nur einige zu nennen, haben diese Kantate gesungen und aufgenommen.

Text:

1. Aria (Bass, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou, c-moll)
Ich habe genug,
Ich habe den Heiland, das Hoffen der Frommen,
Auf meine begierigen Arme genommen;
Ich habe genug!
Ich hab ihn erblickt,
Mein Glaube hat Jesum ans Herze gedrückt;
Nun wünsch ich, noch heute mit Freuden
Von hinnen zu scheiden.

2. Rezitativ (Bass und Continou, c-moll modulierend nach Es-Dur)
Ich habe genug.
Mein Trost ist nur allein,
Dass Jesus mein und ich sein eigen möchte sein.
Im Glauben halt ich ihn,
Da seh ich auch mit Simeon
Die Freude jenes Lebens schon.
Laßt uns mit diesem Manne ziehn!
Ach! möchte mich von meines Leibes Ketten
Der Herr erretten;
Ach! wäre doch mein Abschied hier,
Mit Freuden sagt ich, Welt, zu dir:
Ich habe genug.

3. Aria (Bass, Violine I/II, Viola und Continou, Es-Dur)
Schlummert ein, ihr matten Augen,
Fallet sanft und selig zu!
Welt, ich bleibe nicht mehr hier,
Hab ich doch kein Teil an dir,
Das der Seele könnte taugen.
Hier muss ich das Elend bauen,
Aber dort, dort werd ich schauen
Süßen Friede, stille Ruh.

4. Rezitativ (Bass und Continou, c-moll)
Mein Gott! wann kömmt das schöne: Nun!
Da ich im Friede fahren werde
Und in dem Sande kühler Erde
Und dort bei dir im Schoße ruhn?
Der Abschied ist gemacht,
Welt, gute Nacht!

5. Aria (Bass, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou, c-moll)
Ich freue mich auf meinen Tod,
Ach, hätt er sich schon eingefunden.
Da entkomm ich aller Not,
Die mich noch auf der Welt gebunden.

Besetzung: Solo (Bass), Oboe, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 2. Februar 1727
Text: unbekannter Textdichter
Anlass: Mariae Reinigung (2. Februar)

Quellen: de.wikipedia.org, www.allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (24.11.2010, 19:07):
Von der Kantate BWV 82 "Ich habe genug" habe ich folgende Aufnahmen:

1. Klaus Mertens, Carin van Heerden (Oboe), Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg

1) 07:31, 2) 01:14, 3) 09:28, 4) 00:51, 5) 03:22

2. Dietrich Fischer-Dieskau, Günther Passin (Oboe), Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling


1) 07:39, 2) 01:34, 3) 09:16, 4) 00:54, 5) 03:58

3. Stephan MacLeod, Marcel Ponseele (Oboe), Gli Angeli


1) 05:51, 2) 01:04, 3) 08:48, 4) 00:42, 5) 03:21

Vom Tempo her sind die Aufnahmen von Gaigg und Rilling relativ nah beisammen. Lediglich in der Schluss-Aria ist Rilling etwas langsamer und das wirkt auf mich auch etwas behäbiger.
Ehrlich gesagt kann ich mit Fischer-Dieskaus Interpretation nichts anfangen. Mir ist das zu gekünstelt oder "über-interpretiert", sowas wie mit dem "intellekturelle Zeigefinger" gesungen. Der Oboen-Part spielt Günther Passin für meinen Geschmack ganz gut. Allerdings gefällt mir der etwas gedecktere und grober wirkende Klang der Barock-Oboe doch besser.

Wesentlich besser gefällt mir Klaus Mertens in der Aufnahme von Michi Gaigg, der den Gesangspart sehr zurückgenommen singt. Auch ist diese Aufnahme insgesamt eher zurückgenommen, was besonders der sog. "Schlummerarie" gut zu Gesicht steht. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass der von Carin van Heerden gespielte Oboen-Part ab und zu von leichten Intonations-Mängeln und Wacklern getrübt ist. Vielleicht liegt das daran, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt.

Die Aufnahme von Stephan MacLeod ist technisch auf einem sehr hohen Niveau auch der Oboen-Part (Marcel Ponseele) gefällt mir von diesen 3 Aufnahmen am besten. Das Stimm-Timbre von Stepahn MacLeod ist etwas heller, baritonaler gefärbt als die dunkler wirkende Stimme von Klaus Mertens. Insgesamt ist diese Aufnahme expressiver als die Aufnahme mit Mertens/Gaigg, was mir an sich aber gut gefällt. Die Tempi sind mir aber für meinen Geschmack etwas zu schnell. Besonders in der "Schlummerarie" hätte ich mir an einigen Stellen gewünscht, dass mehr inne gehalten wird.
Heike (24.11.2010, 19:28):
Wachet auf, ruft uns die Stimme (BWV 140) - Diese Kantate mag ich sehr gerne.

Zur Zeit höre ich ganz begeistert diese Aufnahme:



Joshua Rifkin, Bach Ensemble New York
Julianne Baird, Drew Minter, Jeffrey Thomas, Jan Opalach

Rifkin musiziert ohne Chor, und das schon vor über 20 Jahren! Der Einleitungssatz wird also von einem Quartett gesungen. Wunderbar polyphon und transparent. Der Sänger im ersten Rezitativ hat prinzipiell eine schöne Stimme, aber einen leichten englischen Akzent, was etwas stört (vor allem beim ch"), aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Dafür sind Bass und Sopran in den Duetten nahezu himmlisch, und auch noch begleitet von einer eindrucksvollen Solovioline! Für mich ist da genau der richtige Ausdruck getroffen: Kontemplativ und doch ein wenig lustvoll, aber nur ein wenig eben. Eine sehr sanfte, schöne Interpretation, welche mich durch die solistische Besetzung sehr intensiv berührt. Eine echte Entdeckung!

Dann hörte ich heute noch BWV 140 aus dieser Gardiner- Box mit
Stephen Varcoe, Michael Chance, Ruth Holton, Anthony Rolfe Johnson:



Das ist auch schon von 1990. Hier hören wir den Monteverdi Chor, der natürlich völlig anders klingt, vor allem die hohen Stimmen sind vordergründiger, das Gesamtbild der Choräle wirkt feierlicher. The English Baroque Soloists spielen eher schlank, mit rhythmischer Betonung, in gutem Tempo. Bei den Sängern fällt besonders der Sopran auf - das (die) mutet fast wie ein Knabe an. Einerseits passt es und verleiht dem ganzen so eine entzückende Unschuld, andererseits kommen Liebesgefühle kaum auf, eher Demut. Von der Stimmung sind die Duette auch meditativer. Die Geige gefällt mir nicht ganz so gut wie bei Rifkin, obwohl sie schön klingt, vielleicht zu schön. Alles in allem aber auch eine gelungene Aufnahme.

Heike
Heike (24.11.2010, 19:50):
"Ich habe genug" BWV 82 gehört zu meinen absoluten Kantatenfavoriten - und merkwürdigerweise mag ich die Kantate am liebsten von Frauen gesungen, obwohl es eine Basskantate ist. Daher fange ich damit mal an, wenn ich Zeit finde, höre ich auch meine Männer-Aufnahmen noch mal durch.

Am berührendsten finde ich diese Aufnahme mit der Mezzosopranistin Lorraine Hunt Lieberson; Craig Smith, The Orchestra of Emmanuel Music



Man kann die Stimme nicht im eigentlichen Sinne perfekt nennen, aber sie ist perfekt ausdrucksvoll. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Sängerin an Krebs erkrankt war (und bald darauf starb). Es ist so intensiv gesungen, dass es mich jedesmal aufs Neue sehr anrührt.

Dann mag ich noch sehr gern diese Aufnahme:
Natalie Dessay, Emmanuelle Haim



Hier ist neben der wunderbaren Stimme der Dessay vor allem Le Concert d'Astree zu loben - großartig, wenn man so Musik macht. Das ist ein Genuss. Ich muss die gleich mal wieder einlegen.

Heike
Armin70 (24.11.2010, 21:06):
Die Kantate BWV 140 "Wachet auf ruft uns die Stimme" hörte ich mir eben in folgenden Aufnahmen an:

1. Arleen Auger, Aldo Baldin, Philippe Huttenlocher


1) 06:07, 2) 01:09, 3) 05:07, 4) 03:51, 5) 01:30, 6) 04:53, 7) 01:40

2. Julia Kleiter, Kurt Streit, Anton Scharinger


1) 06:56, 2) 00:58, 3) 05:52, 4) 03:57, 5) 01:29, 6) 06:33, 7) 01:53

3. Heike Heilmann, Henning Kaiser, Stefan Geyer, Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble, Thomas Hengelbrock

1) 05:55, 2) 01:00, 3) 06:09, 4) 03:12, 5) 01:13, 6) 05:23, 7) 01:41

Alles drei sehr unterschiedliche Aufnahmen und bei keiner könnte ich sagen, welcher ich den Vorzug geben würde.
An Rillings Aufnahme gefallen mir die Tempi insgesamt recht gut. Ebenso finde ich den Klang der Gächinger-Kantorei sehr gut. Das klingt alles sehr transparaent. Von den Gesangssolisten fällt mir Arleen Auger besonders positiv auf.

Die Harnoncourt-Aufnahme macht einen sehr wuchtigen Eindruck auf mich. Vor allem der Eingangschor wird sehr markant vorgetragen. Von den Gesangssolisten erscheint mir der Bassist Anton Scharinger, um es vorsichtig zu formulieren, gewöhnungsbedürftig. Den 4. Satz "Zion hört die Wächter singen" läßt Harnoncourt wie Rifkin nur vom Tenorsolisten singen. Insgesamt eine Interpretation mit sehr breitem Pinselstrich aber auf mich wirkt diese Interpretation durchaus reizvoll.

Dann die Hengelbrock-Aufnahme: Die Chöre, vor allem der Eingangschor, kommen sehr zackig in sehr straffen-zügigen Tempi daher, fast marschartig. Das ist schon gewöhnungsbedürftig aber nicht uninteressant. In den Duetten läßt es Hengelbrock dann aber etwas behutsamer angehen. Gut haben mir die Solisten gefallen und Chor und Orchester des Balthasar-Neumann-Ensemble singen und musizieren auf exzellentem Niveau. Insgesamt eine spannende AUfnahme.
Jürgen (24.11.2010, 22:48):
Auch ich möchte mich nun zu BWV 140 vergleichend/wertend äussern.

Wie Armin habe ich auch die Aufnahme von Rilling vorliegen. Aber bei ihm sind mir die Tempi zu straff. Hengelbrock ist jedoch noch zügiger, nein das ist nicht mein Ding. Für mich darf das ruhig etwas getragener daherkommen.

Neben Hengelbrock lief ja auch Mauersberger am Sonntag im Radio. Wurde dort als historische Aufnahme angesagt. Naja, 1966 historisch, aber gut. Immerhin wurde der Tenor-Choral von Peter Schreier allein gesungen. Mir gefällt es zwar besser, wenn das ein Chor macht. Aber wenn schon alleine, dann von Schreier unter Mauersberger. Er singt sehr zurückgenommen und gefühlvoll.

Von Harnoncourt habe ich eine ältere Aufnahme als die von Armin erwähnte. Aber irgendwie gefällt mir Harnoncourt zum wiederholten male nicht, allein der Knabensopran.

Und Leusinck mag historisch korrekt sein, es fehlt mir jedoch Esprit. Alles so flach runtermusiziert.

Zuletzt kommt Rotzsch. Breiter Streicherklang, hier wird der Tenor-Choral auch nicht solistisch besetzt. Das kommt den drei Chorälen, den Stützpfeilern dieser Kantate, sehr entgegen. Für mich sind auch seine Tempi ideal. Kurzum, meine Lieblingseinspielung.
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51XKdETfSvL._SL500_AA240_.jpg

Ich könnte mir vorstellen, dass Richter es hier noch weiter treibt. Eine Gesamtspieldauer von über 34 Minuten deutet darauf hin. Leider habe ich diese Aufnahme nicht.
Suzuki interessiert mich auch. Allerdings scheint er 140 noch nicht eingespielt zu haben.

Grüße
Jürgen
Agravain (25.11.2010, 09:05):
Von Kantate BWV 140 habe ich vier Aufnahmen vorliegen: Richter, Rotzsch, Gardiner und Leusink.

Zu dreien aus dieser Reihe ist schon etwas gesagt worden, wobei ich gern noch ein paar kurze persönliche Anmerkungen zur Darstellung des Eingangschors machen würde.

Rotzsch ist auch in meinen Ohren die schönste dieser drei Aufnahmen. Tatsächlich hat Rotzsch hier ein ganz untrügliches Gespür – Jürgen hatte es schon angesprochen – für das richtige Tempo, wobei ich es geradezu als „natürliches Tempo“ empfinde. Er schafft es, dass in meinen Ohren bei keinem der Sätze ein Zweifel oder die Frage aufkommt, ob man das vielleicht anders musizieren sollte. Bei mir stellt sich immer wieder das Gefühl ein, dass es so und nicht anders sein soll. Wirklich entscheidend ist die Frage des Tempos jedoch beim Eingangschor, dessen Motivik Albert Schweitzer völlig anders beschreibt als ich sie verstehe. Ich zitiere ihn einmal:

„Der erste Chor schildert das Erwachen. Ein merkwürdiges Läuten erklingt von allen Seiten; der Bräutigam kommt; die Jungfrauen fahren erschreckt aus dem Schlummer auf; die eine reißt die andere empor: . Um die richtige Wirkung hervorzubringen, sind die synkopierten Noten in den aufstrebenden Sechzehnteln stark harauszuarbeiten. Ein ‚Zuviel’ dürfte hierin kaum zu befürchen sein; je ungestümer die Akzente, desto klarer kommt die Bedeutung des Motivs dem Hörer zu Bewußtsein.“ (Schweitzer 1908)

Ich habe mit dieser Erläuterung seit jeher Probleme, da der gesamte Ton dieses großangelegten Chors in meinen Ohren nicht zur Deutung passt. Wenn Bach Dramatik ausdrücken wollte, so bediente er sich idR einer anderen, dramatischeren Tonsprache (s. beispielsweise Kantate zum 26. Sonntag n.Tr. „Wachet! betet!“). Das punktierte Grundmotiv dieses Eingangschors erinnert mich eher an einen barocken Schreittanz als an ein Schreckensmotiv. Ich sehe den Charakter des Satzes dann auch eher von den letzten Verszeilen bestimmt:


Wohl auf, der Bräutgam kömmt;
Steht auf, die Lampen nehmt! Alleluja!
Macht euch bereit
Zu der Hochzeit,
Ihr müsset ihm entgegen gehn!

In meinen Ohren stellt Bach in diesem Satz eher das jeweilige Sich-Entgegengehen von Bräutigam und Jungfrauen dar. Darum die Schreitmotivik. Darum ist mir hier auch das recht Tempo so wichtig, und ich freue mich immer wieder, wenn ich die Kantate unter Rotzsch höre, dass er es genau so macht, wie ich es mir wünsche. Da schreiten die Jungfrauen auf der Bräutigam zu, er schreitet auf sie zu, und zwar freudig bewegt, aber nicht erschreckt und auch nicht hektisch. Der Satz läuft 7.27. Das ist in anderen Aufnahmen anders. Bei Gardiner (DG) rennen die Jungfrauen förmlich (6.17), bei Richter sind sie noch so müde, dass sie schleichen (9:38). Gardiners (mir zu schnellen) Ansatz kann ich zwar verstehen und akzeptieren, was Richter aber zu einer dermaßen statischen Interpretation dieses Satzes veranlasst hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Das ist dermaßen zäh, langweilig und langatmig, dass ich die Aufnahme kaum über die dritte Minute hinaus hören kann.

So viel für den Moment, später - vielleicht - mehr.

:hello Agravain
Jürgen (25.11.2010, 10:10):
Ich liste hier mal die Zeiten des Eingangschors.


Mauersberger 7:30
Rotzsch 7:27
Leusinck 7:16
Harnoncourt 7:11
Rilling 6:07
Hengelbrock 6:00


Die ersten vier sind vom Tempo her alle im annehmbaren Bereich. Rotzsch schafft es aber, den Rhythmus das Schreitende besser herauszustellen. Bei jedem Schritt erklingen die aufsteigenden Töne klar und deutlich. Die Chöre sind differenziert und rangieren im angenehmen Bereich. Nicht zu schrill, nicht zu flach.

Rilling und Hengelbrock sind mir wirklich zu gehetzt. Bei letzterem wirkt es sogar unsauber.

Grüße
Jürgen
Armin70 (25.11.2010, 16:29):
Original von Agravain
Wirklich entscheidend ist die Frage des Tempos jedoch beim Eingangschor, dessen Motivik Albert Schweitzer völlig anders beschreibt als ich sie verstehe. Ich zitiere ihn einmal:

„Der erste Chor schildert das Erwachen. Ein merkwürdiges Läuten erklingt von allen Seiten; der Bräutigam kommt; die Jungfrauen fahren erschreckt aus dem Schlummer auf; die eine reißt die andere empor: . Um die richtige Wirkung hervorzubringen, sind die synkopierten Noten in den aufstrebenden Sechzehnteln stark harauszuarbeiten. Ein ‚Zuviel’ dürfte hierin kaum zu befürchen sein; je ungestümer die Akzente, desto klarer kommt die Bedeutung des Motivs dem Hörer zu Bewußtsein.“ (Schweitzer 1908)


Für mich klingt Albert Schweitzers Beschreibung des Eingangschores durchaus plausibel. Der punktierte Rhythmus erinnert mich mehr an den Stil einer französischen Ouvertüre als an einen Schreittanz, wobei dieser Rhythmus natürlich etwas tänzerisches an sich hat. Die Assoziation mit der französischen Ouvertüre hat wohl auch damit etwas zu tun, dass dieser Eingangschor ja die "Eröffnung" für die in dieser Kantate geschilderten Verbindung zwischen Jesus und der menschlichen Seele in Form einer Hochzeit darstellt. Des weiteren stellen für mich die Textzeilen "Wachet auf, ruft uns die Stimme..." und "...Wach auf, du Stadt Jerusalem..." eben Weckruf-Charakter dar und das verträgt sich meiner Meinung schon mit einem markant und vorwärtsstrebendem Tempo.

Was das "richtige" oder "natürliche" Tempo ist empfindet jeder sicherlich anders. Bei mir ist es so, dass ich diese Kantate ausschliesslich in den Aufnahmen von Rilling, Rifkin, Harnoncourt (2. Aufnahme von 2007) und Hengelbrock kenne und die zählen halt alle zu den schnellen Vertretern was den Eingangschors betrifft. Daher kenne ich das auch nicht anders und deshalb wirken diese schnelleren Tempi für mich eben "natürlich" und "richtig". Ich muss allerdings zugeben, dass mir Hengelbrock etwas zu heftig auf das Gaspedal getreten hat.

Meine persönliche Meinung ist, dass Bachs Musik viele Interpretationsansätze verträgt, voraussgesetzt, dass die Interpreten ein schlüssiges Konzept haben und das auch überzeugend umsetzen. Das kann sowohl bei langsamen, gemächlichen oder auch bei schnelleren Tempi der Fall sein.

Gruß
Armin

P.S.: Als Beispiel für unsauberen Chorgesang und Orchesterklang dient das Klangbeispiel des Eingangschores bei wikipedia, der hier noch schneller als bei Hengelbrock gespielt wird, siehe hier: Eingangschor.
Armin70 (25.11.2010, 19:07):
Die Kantate BWV 90, welche auch am vergangenen Sonntag gesendet wurde, liegt mir nur in folgender Aufnahme als Mitschnitt vor:

Bogna Bartosz, Jörg Dürmüller und Klaus Mertens


1) 05:46, 2) 01:25, 3) 03:34, 4) 00:37, 5) 00:44

Mir fehlen da die Vergleichsmöglichkeiten aber dennoch bin ich der Meinung, dass der dramatische Charakter dieser Kantate in dieser Aufnahme gut getroffen wird, vor allem in der Eingangs-Arie des Tenors. Interessant ist der hoch-virtuose Trompeten-Part in der Bass-Arie, der fast glissando-artige Passagen hat.
Heike (25.11.2010, 19:17):
Original von Jürgen
Ich liste hier mal die Zeiten des Eingangschors.


Mauersberger 7:30
Rotzsch 7:27
Leusinck 7:16
Harnoncourt 7:11
Rilling 6:07
Hengelbrock 6:00



Ich ergänze mal:

Rifkin 6.14
Gardiner 6.16

Besonders bei Rifkin bemerkte ich das schnelle Tempo kaum, duch die große Transparenz des solistischen Chores klingt da nichts unsauber oder verwaschen. Mir gefällt das ganz ausgezeichnet und ich kann es mir langsamer auch kaum vorstellen.
Heike

P.s. für mich ist der erste Satz vor allem freudige Erwartung.
Das "Macht euch bereit
Zu der Hochzeit"
signalisiert mir Vorbereitungen, vielleicht sogar ein wenig Hektik, jedenfalls Vorfreude und am Ende sammeln sie sich wieder und schreiten dahin.
Armin70 (25.11.2010, 19:44):
Wie bei BWV 90 so liegt mir zur o. g. Kantate BWV 116 auch nur die folgende Aufnahme als Radiomitschnitt vor, d. h. diese Kantate kannte ich demzufolge vorher nicht:

Sybilla Rubens, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens


1) 04:08, 2) 03:09, 3) 00:50, 4) 06:12, 5) 00:58, 6) 00:54

Die im Eingangschor zum Ausdruck gebrachte Angst und Verzweiflung über das drohende Jüngste Gericht ist in der Musik deutlich spürbar und wird meiner Meinung nach auch in dieser Aufnahme auch stimmig umgesetzt. Besonders schön hat mir das Terzett (Sopran, Tenor und Bass) gefallen, das nur dezent vom Continou bestehend aus Violoncello und Orgel-Positiv begleitet wird. Gesanglich wird den 3 Solisten da einiges abverlangt, insbesondere der Sopranistin, die sehr höhensicher sein muss. Die Umsetzung in dieser Aufnahme finde ich sehr gelungen.
Armin70 (25.11.2010, 21:09):
Auch wenn die Kantate BWV 114 am vergangenen Sonntag (25. Sonntag nach Trinitatis) nicht passte, da sie für den 17. Sonntag entstand, wurde sie dennoch letzten Sonntag gesendet. Aus diesem Grund möchte ich ich zu dieser Kantate noch etwas schreiben:

Ach, lieben Christen, seid getrost BWV 114

Komponiert wurde diese Kantate für den 17. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1724. Thematisch geht es um den Glauben, genauer gesagt um den bedingungslosen Glauben, der dann auch zum Erfolg führt. Konkret geht es um die Geschichte von der kanaanäischen Frau, deren Glaube Jesus zu Handeln bewegt, obgleich sie nicht zu den Schafen Israels gehört. Solcher Glaube macht uns gewiss, dass Jesus auch in unserem Leben grundlegende Veränderungen bewirkt, so dass wir dankbar seinen Namen verkündigen.

Johann Sebastian Bach verwendet in dieser Kantate einen Text von Johannes Gigas aus dem Jahr 1561. In alter protestantischer Tradition handelt der Text zunächst von der Verzweiflung und endet schließlich mit der Hoffnung auf Erlösung. Passend dazu dominieren in dieser Kantate die Moll-Tonarten (g-moll und d-moll).

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Ach, lieben Christen, seid getrost,
Wie tut ihr so verzagen!
Weil uns der Herr heimsuchen tut,
Laßt uns von Herzen sagen:
Die Straf wir wohl verdienet han,
Solchs muss bekennen jedermann,
Niemand darf sich ausschließen.

2. Aria (Tenor, Flöte und Continou)
Wo wird in diesem Jammertale
Vor meinen Geist die Zuflucht sein?
Allein zu Jesu Vaterhänden
Will ich mich in der Schwachheit wenden;
Sonst weiß ich weder aus noch ein.

3. Rezitativ (Bass und Continou)
O Sünder, trage mit Geduld,
Was du durch deine Schuld
Dir selber zugezogen!
Das Unrecht säufst du ja
Wie Wasser in dich ein,
Und diese Sündenwassersucht
Ist zum Verderben da
Und wird dir tödlich sein.
Der Hochmut aß vordem von der verbotnen Frucht,
Gott gleich zu werden;
Wie oft erhebst du dich mit schwülstigen Gebärden,
Dass du erniedrigt werden musst.
Wohlan, bereite deine Brust,
Dass sie den Tod und Grab nicht scheut,
So kämmst du durch ein selig Sterben
Aus diesem sündlichen Verderben
Zur Unschuld und zur Herrlichkeit.

4. Choral (Chor-Sopran und Continou)
Kein Frucht das Weizenkörnlein bringt,
Es fall denn in die Erden;
So muss auch unser irdscher Leib
Zu Staub und Aschen werden,
Eh er kömmt zu der Herrlichkeit,
Die du, Herr Christ, uns hast bereit'
Durch deinen Gang zum Vater.

5. Aria (Alt, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou)
Du machst, o Tod, mir nun nicht ferner bange,
Wenn ich durch dich die Freiheit nur erlange,
Es muss ja so einmal gestorben sein.
Mit Simeon will ich in Friede fahren,
Mein Heiland will mich in der Gruft bewahren
Und ruft mich einst zu sich verklärt und rein.

6. Rezitativ (Tenor und Continou)
Indes bedenke deine Seele
Und stelle sie dem Heiland dar;
Gib deinen Leib und deine Glieder
Gott, der sie dir gegeben, wieder.
Er sorgt und wacht,
Und so wird seiner Liebe Macht
Im Tod und Leben offenbar.

7. Choral (Chor und Orchester)
Wir wachen oder schlafen ein,
So sind wir doch des Herren;
Auf Christum wir getaufet sein,
Der kann dem Satan wehren.
Durch Adam auf uns kömmt der Tod,
Christus hilft uns aus aller Not.
Drum loben wir den Herren.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Horn, Flöte, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 01. Oktober 1724
Text: unbekannter Textdichter; 1, 4, 7: Johannes Gigas 1561
Anlass: 17. Sonntag nach Trinitatis

(Quellen: www.daskirchenjahr.de, www.bach-cantatas.com, www.allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (25.11.2010, 21:18):
Gesendet wurde diese Kantate letzten Sonntag in folgender Aufnahme:

Lisa Larsson, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens


1) 04:16, 2) 08:28, 3) 01:41, 4) 02:12, 5) 04:32, 6) 00:46, 7) 00:46

Den stärksten Eindruck von dieser Kantate hinterliess bei mir die Tenor-Arie "Wo wird in diesem Jammertale" mit ihrem einerseits innigen, lyrischen aber auch gleichzeitig expressivem Charakter. Das wird durch die sehr karge Begleitung durch die Travers-Flöte und Continou (Violoncello und Orgel-Positiv) sehr schön zur Geltung gebracht.
Insgesamt ist die Aufnahme auf dem wie ich finde gewohnt hohen und zuverlässigen Niveau, die Ton Koopmans Bach-Kantaten-Aufnahmen auszeichnet, zumindest kann ich das von den Aufnahmen sagen, die ich bis jetzt kenne.
Armin70 (25.11.2010, 22:28):
Am kommenden Sonntag, dem 28. November 2010, ist der 1. Advent und damit beginnt das neue Kirchenjahr.

Für den 1. Advent liegen folgende Kantaten vor:
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 61
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 62

Johann Sebastian Bach komponierte 2 Kantaten (BWV 61 + 62), die auf Martin Luthers gleichnamigen Advents-Hymnus basieren: BWV 61 entstand bereits 1714 in Weimar und BWV 62 komponierte Bach im Jahr 1724 in Leipzig.

Hier die Übersicht:

HR2-Kultur: 06:05 - 07:30 Uhr
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe Johnson, Olaf Bär, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

MDR-Figaro: 06:30 - 07:00 Uhr
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Arleen Auger, Peter Schreier, Siegfried Lorenz, Thomanerchor Leipzig, Neues Bachisches Collegium, Hans-Joachim Rotzsch

Nordwestradio: 07:05 - 08:00 Uhr
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Bettina Pahn, Ralf Popken, Jörn Lindemann, Wilhelmshavener Vokalensemble, Capella Savaria, Ralf Popken

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 61
Barbara Schlick, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

SWR2-Kultur: 08:03 - 08:30 Uhr
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Gerlinde Sämann, Petra Noskiaova, Christoph Genz, Jan van der Crabben, La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

SR2-Kultur: 08:04 - 09:00 Uhr
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 61
Christine Schäfer, Werner Güra, Gerald Finley, Arnold Schönberg-Chor, Concentus musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

BR-Klassik: 08:05 - 08:35 Uhr
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe Johnson, Olaf Bär, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

DRS2: 09:00 - 09:30 Uhr
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 62
Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe Johnson, Olaf Bär, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

WDR3: 09:05 - 10:00 Uhr
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 62
Gerlinde Sämann, Petra Noskaiova, Christoph Genz, Jan van der Crabben, La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe Johnson, Olaf Bär, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

Viel Spass beim anhören und aufnehmen.

Gruss
Armin
daniel5993 (25.11.2010, 23:48):
Guten Abend ihr Freunde der "kleinen" Gottesdienste Bachs,

ich verfolge, soweit es mir möglich ist schon länger diesen Thread und bin begeistert, wie hier den Bach-Kantaten gehuldigt wird. Ich selber höre seit ca. einem halben Jahr Bach-Kantaten am Fließband, jedoch bleibt oft keine Zeit zu Posten oder zum Gedankenaustausch. Doch bevor alle Kantaten behandelt wurden, möchte ich mir heute Abend ein Herz fassen, meine „Heißgeliebte“ Bachkantate vorzustellen.

Johann Sebastian Bach (1685-1750) - „Jesu, der du meine Seele“ BWV 78

Uraufführung: 10. September 1724

"Der Kantatentext setzt die im Kirchenjahr für diesen Tag vorgesehene Evangelienlesung (die Heilung der Kranken) in allegorischer Weise in Bezug zur Passionsgeschichte Jesu, der durch sein Leiden die Menschen von ihrer Schuld heilt und erlöst und ihnen so neue Kraft gibt.“ (Wikipedia)


Jesu, der du meine Seele
Hast durch deinen bittern Tod
Aus des Teufels finstern Höhle
Und der schweren Seelennot
Kräftiglich herausgerissen
Und mich solches lassen wissen
Durch dein angenehmes Wort,
Sei doch jetzt, o Gott, mein Hort!

2. Aria (Duetto) S A
Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten,
O Jesu, o Meister, zu helfen zu dir.
Du suchest die Kranken und Irrenden treulich.
Ach höre, wie wir
Die Stimmen erheben, um Hülfe zu bitten!
Es sei uns dein gnädiges Antlitz erfreulich!

3. Recitativo T
Ach! ich bin ein Kind der Sünden,
Ach! ich irre weit und breit.
Der Sünden Aussatz, so an mir zu finden,
Verlässt mich nicht in dieser Sterblichkeit.
Mein Wille trachtet nur nach Bösen.
Der Geist zwar spricht: ach! wer wird mich erlösen?
Aber Fleisch und Blut zu zwingen
Und das Gute zu vollbringen,
Ist über alle meine Kraft.
Will ich den Schaden nicht verhehlen,
So kann ich nicht, wie oft ich fehle, zählen.
Drum nehm ich nun der Sünden Schmerz und Pein
Und meiner Sorgen Bürde,
So mir sonst unerträglich würde,
Ich liefre sie dir, Jesu, seufzend ein.
Rechne nicht die Missetat,
Die dich, Herr, erzürnet hat!

4. Aria T
Das Blut, so meine Schuld durchstreicht,
Macht mir das Herze wieder leicht
Und spricht mich frei.
Ruft mich der Höllen Heer zum Streite,
So stehet Jesus mir zur Seite,
Dass ich beherzt und sieghaft sei.

5. Recitativo B
Die Wunden, Nägel, Kron und Grab,
Die Schläge, so man dort dem Heiland gab,
Sind ihm nunmehro Siegeszeichen
Und können mir erneute Kräfte reichen.
Wenn ein erschreckliches Gericht
Den Fluch vor die Verdammten spricht,
So kehrst du ihn in Segen.
Mich kann kein Schmerz und keine Pein bewegen,
Weil sie mein Heiland kennt;
Und da dein Herz vor mich in Liebe brennt,
So lege ich hinwieder
Das meine vor dich nieder.
Dies mein Herz, mit Leid vermenget,
So dein teures Blut besprenget,
So am Kreuz vergossen ist,
Geb ich dir, Herr Jesu Christ.

6. Aria B
Nun du wirst mein Gewissen stillen,
So wider mich um Rache schreit,
Ja, deine Treue wird's erfüllen,
Weil mir dein Wort die Hoffnung beut.
Wenn Christen an dich glauben,
Wird sie kein Feind in Ewigkeit
Aus deinen Händen rauben.

7. Choral
Herr, ich glaube, hilf mir Schwachen,
Laß mich ja verzagen nicht;
Du, du kannst mich stärker machen,
Wenn mich Sünd und Tod anficht.
Deiner Güte will ich trauen,
Bis ich fröhlich werde schauen
Dich, Herr Jesu, nach dem Streit
In der süßen Ewigkeit.

In dem Text ist die Rede von der Schwachheit des Menschen in herrlich „naher“ Sprache ausgemalt wird, der Kampf der von Natur aus Sündigen Gestalt „Mensch“, kämpfend versucht er davon loszukommen und findet immerwieder nur zu der Ansicht, dass er als Mensch es nicht vollbringen kann, ihm nichts als Versuche und Schwachheit bleiben.
Der Sünder beklagt in dieser Kantate seine Unvollkommenheit und sein Leiden unter der Sünde und entdeckt voller Staunen und zählt ungläubig auf, wie doch seiner Schwachheit immer wieder der auferstandene Herr zur Seite steht und aus Ihm trotz seiner Unvollkommenheit einen Gerechten Menschen macht, durch sein Erlösungswerk. am Kreuz von Golgatha vor über 2000 Jahren.

Diese Kantate gefällt mir nicht nur wegen der doch genialen musikalischen Untermalung, sondern auch, weil ich mich selber in dem Text wiederfinde und ich bisher in keiner Bach-Kantate solch eine herrliche Botschaft so direkt vernommen habe. Die Worte, welche hier gesungen werden haben absolute Tiefe, zeugend von dem schon immer währenden kämpfen um Sünde, Verlorenheit, Schwachheit, immerwährender Vergebung und das Ziel, die himmlische Herrlichkeit im Angesicht des Herrn Jesus Christus, welcher jeden erlöst, der zu IHM kommt und sein Leben in Wahrheit vor ihm ausbreitet. Quasi wird hier die Antwort auf die Sündenfrage so direkt beantwortet, dass man überhaupt nicht mehr die Bibel aufschlagen muss um aus den Evangelien zu erfahren, wie Jesus Christus auch die größten Sünder gerecht spricht, wenn sie ehrlich vor Ihn treten. Ja, immer wieder muss ich an den Satz denken, den Leonard Bernstein einmal über J.S. Bach sagte: „Jede Komosition von ihm ist ein einzigartiger Gottesdienst.“ Diese besondere Selige musikalische Handschrift finde ich meist nur bei Bach und das ist auch der Grund, warum ich in sehr verehre. Der Geist seines eigenen Glaubens durchzieht seine Werke, was für eine Freude ihn auch von seiner anderen Seite ein Stück näher kennenzulernen.

Ich besitze eine herrliche alte Schallplatte einer Archiv-Produktion, welche ich in neuwertigem Zustand aus einer alten Plattensammlung fischte.
Die Kantate wird von Karl Richter geleitet, mit dabei ist das........

http://4.bp.blogspot.com/_NAo0Y5Xk0z8/TFG8SrO2nfI/AAAAAAAAC0Y/jPdti5mNgeE/s1600/Bach_D034r.jpg

Münchener Bach-Orchester
Münchener Bach-Chor

Ursula Buckel, Sopran
Hertha Töpper, Alt
John van Kesteren, tenor
Kieth Engen, Baß

1961

Wie hier sicherlich bekannt ist, bin ich ein Freund des Interpretationsstils Karl Richters bei Bach, nicht immer, aber doch oft. Jedoch muss ich gestehen, dass meine Sammlung keine weiter Aufnahme schmückt. Ich warte mal ab, welche Aufnahmen ihr habt und hör mir dann mal einige Hörproben an und entscheide mich dann für eine weiter Aufnahme um vielleicht mal einen anderen Blick auf diese Kantate zu bekommen.

Bis dahin,

BESTE Grüße und Gute Nacht!
Daniel
Armin70 (26.11.2010, 00:21):
Hallo Daniel,

die von Dir genannte Aufnahme von Karl Richter stammt, vorausgesetzt die Angaben auf dieser Internetseite stimmen, vom Juli 1961.

Gruß
Armin
Heike (26.11.2010, 08:34):
Hallo Daniel,
schön, dass es noch mehr Kantatenfreunde gibt als man denkt! :beer

Danke für deinen schönen ausführlichen Beitrag zu BWV 78. Vermutlich hast du den Einstieg im anderen Thread nicht mitgelesen - wir wollen uns in diesem Thread am Kirchenjahr orientieren und gehen mit der Vorstellung der Kantaten weitgehend chronologisch vor, so wie Bach sie auch den Sonntagen zugeordnet hat. So schnell sind wir also nicht mit allen Kantaten fertog ;-) Da wir nämlich erst am 19. Sonntag nach Trinitatis angefangen haben, war die von dir vorgestellte Kantate bisher noch nicht dran. Vielleicht möchte ja der eine oder andere jetzt schon etwas dazu antworten, ansonsten werden wir ihr sicherlich im nächsten Jahr am 14. Sonntag nach Trinitatis wiederbegegnen :-)
Vielleicht findest du ja doch Zeit, hin und wieder was hier zu schreiben, das wäre schön!
Heike
daniel5993 (26.11.2010, 23:03):
Original von Armin70
Hallo Daniel,

die von Dir genannte Aufnahme von Karl Richter stammt, vorausgesetzt die Angaben auf dieser Internetseite stimmen, vom Juli 1961.

Gruß
Armin

Guten Abend Armin,

DANKE!

Grüße
Daniel
daniel5993 (26.11.2010, 23:11):
Original von Heike
Hallo Daniel,
schön, dass es noch mehr Kantatenfreunde gibt als man denkt! :beer

Danke für deinen schönen ausführlichen Beitrag zu BWV 78. Vermutlich hast du den Einstieg im anderen Thread nicht mitgelesen - wir wollen uns in diesem Thread am Kirchenjahr orientieren und gehen mit der Vorstellung der Kantaten weitgehend chronologisch vor, so wie Bach sie auch den Sonntagen zugeordnet hat. So schnell sind wir also nicht mit allen Kantaten fertog ;-) Da wir nämlich erst am 19. Sonntag nach Trinitatis angefangen haben, war die von dir vorgestellte Kantate bisher noch nicht dran. Vielleicht möchte ja der eine oder andere jetzt schon etwas dazu antworten, ansonsten werden wir ihr sicherlich im nächsten Jahr am 14. Sonntag nach Trinitatis wiederbegegnen :-)
Vielleicht findest du ja doch Zeit, hin und wieder was hier zu schreiben, das wäre schön!
Heike

Guten Abend Heike,

ich bin die letzten 5 Seiten zwar überfliegend durchgegangen, da ist mir das eigentliche Thema nicht aufgefallen. Das tut mir Leid und gern warte ich bis die Kantate an der Reihe ist. Ich habe nur den rasanten Zuwachs an Beiträgen wahrgenommen und gedacht: "Warum beeilen die sich so?" und "War MEINE Kantate schon dabei?" ......
Aber nicht schlimm, ich warte und werde diesen Thread nicht aus den Augen lassen. Danke Heike für den Hinweis.

Euch allen ein schönes Wochenende!

Grüße
Daniel
Jürgen (28.11.2010, 20:58):
Bach schrieb die Kantate im Jahr seiner Ernennung zum Konzertmeister
am Hof von Sachsen-Weimar für den 1. Advent und führte sie
am 2. Dezember 1714 in der Schlosskirche erstmals auf.

Der Text stammt von Erdmann Neumeister, der für den Eingangschor
Luther zitiert und im Schlusschoral den Abgesang der letzten Strophe von
Philipp Nicolais Wie schön leuchtet der Morgenstern.

Die Kantate ist wie andere Kantaten aus Weimar klein besetzt mit drei
Solisten, Sopran, Tenor und Bass, vierstimmigem Chor, zwei Violinen,
zwei Violen und Basso continuo.

1. Coro: Nun komm, der Heiden Heiland
2. Recitativo (Tenor): Der Heiland ist gekommen
3. Aria (Tenor): Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche
4. Recitativo (Bass): Siehe, ich stehe vor der Tür
5. Aria (Sopran): Öffne dich, mein ganzes Herze
6. Choral: Amen, Amen, komm du schöne Freudenkrone


1. (Coro)
Nun komm, der Heiden Heiland,
Der Jungfrauen Kind erkannt,
Des sich wundert alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.

2. Recitativo T
Der Heiland ist gekommen,
Hat unser armes Fleisch und Blut
An sich genommen
Und nimmet uns zu Blutsverwandten an.
O allerhöchstes Gut,
Was hast du nicht an uns getan?
Was tust du nicht
Noch täglich an den Deinen?
Du kömmst und lässt dein Licht
Mit vollem Segen scheinen.

3. Aria T
Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche
Und gib ein selig neues Jahr!
Befördre deines Namens Ehre,
Erhalte die gesunde Lehre
Und segne Kanzel und Altar!

4. Recitativo B
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.
So jemand meine Stimme hören wird
und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen
und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

5. Aria S
Öffne dich, mein ganzes Herze,
Jesus kömmt und ziehet ein.
Bin ich gleich nur Staub und Erde,
Will er mich doch nicht verschmähn,
Seine Lust an mir zu sehn,
Dass ich seine Wohnung werde.
O wie selig werd ich sein!

6. (Choral)
Amen, amen!
Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange!
Deiner wart ich mit Verlangen.



Grüße
Jürgen
Heike (28.11.2010, 22:52):
Die Adventskantate "Schwingt freudig euch empor" BWV 36 entstand 1731 und wurde am 2. Dez. 1731 uraufgeführt. Der Text ist eine Umdichtung (vielleicht von Christian Friedrich Henrici = Picander) 2,6,8 beruht auf Martin Luther 1524; 4 auf Philipp Nicolai 1599.

Gesungen werden neben dem vierstimmigen Chor Soli im Sopran, Tenor und Bass.
Instrumental gibt es folgende Besetzung: Oboe d'amore solo, Oboe d'amore I/II, Violino solo, Violino I/II, Viola, Continuo

Die Kantate besteht aus zwei Teilen., im ersten Teil wird er Herr herbeigewünscht, im zweiten Teil willkonmmen geheißen.

Erster Teil:
1. Coro
Schwingt freudig euch empor zu den erhabnen Sternen,
Ihr Zungen, die ihr itzt in Zion fröhlich seid!
Doch haltet ein! Der Schall darf sich nicht weit entfernen,
Es naht sich selbst zu euch der Herr der Herrlichkeit.

2. Choral (Duetto) S A
Nun komm, der Heiden Heiland,
Der Jungfrauen Kind erkannt,
Des sich wundert alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.

3. Aria T
Die Liebe zieht mit sanften Schritten
Sein Treugeliebtes allgemach.
Gleichwie es eine Braut entzücket,
Wenn sie den Bräutigam erblicket,
So folgt ein Herz auch Jesu nach.

4. Choral
Zwingt die Saiten in Cythara
Und lasst die süße Musica
Ganz freudenreich erschallen,
Dass ich möge mit Jesulein,
Dem wunderschönen Bräutgam mein,
In steter Liebe wallen!
Singet,
Springet,
Jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren!
Groß ist der König der Ehren.

Zweiter Teil
5. Aria B
Willkommen, werter Schatz!
Die Lieb und Glaube machet Platz
Vor dich in meinem Herzen rein,
Zieh bei mir ein!

6. Choral T
Der du bist dem Vater gleich,
Führ hinaus den Sieg im Fleisch,
Dass dein ewig Gott'sgewalt
In uns das krank Fleisch enthalt.

7. Aria S
Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen
Wird Gottes Majestät verehrt.
Denn schallet nur der Geist darbei,
So ist ihm solches ein Geschrei,
Das er im Himmel selber hört.

8. Choral
Lob sei Gott, dem Vater, g'ton,
Lob sei Gott, sein'm eingen Sohn,
Lob sei Gott, dem Heilgen Geist,
Immer und in Ewigkeit!
Jürgen (29.11.2010, 10:09):
Ich kam erst heute dazu, diesen Radiomitschnitt vom 21.11. aufzuarbeiten.

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec-BIG/MacLeod-C01a%5BSony-CD%5D.jpg

BWV 082: Ich habe genug, MacLeod 2007

Armin hatte diese Aufnahme schon erwähnt, bemängelte lediglich ein etwas straffes Tempo. Ich muss ihm recht geben, das würde die Aufnahme noch weiter aufwerten. Dennoch halte ich sie für so vorzüglich, dass es diesen kleinen Nachtrag rechtfertigt.

Grüße
Jürgen
Armin70 (29.11.2010, 18:52):
Nun komm, der Heiden Heiland BWV 62

Nach dem Johann Sebastian Bach in Weimar 1714 bereits eine Kantate über Martin Luthers Advent-Hymnus „Nun komm, der Heiden Heiland“ (BWV 61) komponierte, vertonte er in Leipzig diese Thematik für den 1. Advent, am 03. Dezember 1724, erneut.

Die Kantate BWV 62 gehört zum 2. Kantaten-Jahrgang, der geprägt ist vom sog. „Choral-Kantaten-Stil“. Insbesondere der Eingangschor besteht aus der von Bach so geschätzten und daher oft verwendeten Form der Choral-Fantasie. Die sich anschließende Tenor-Arie schildert die Ankunft von Jesus Christus und hat einen freudigen Charakter. Daran folgt ein Rezitativ und eine Bass-Arie, die sehr majestätisch ist. Als nächstes kommt ein Rezitativ-Duett für Sopran und Alt, das sehr reizvoll begleitet ist. Der schlichte Schlusschoral beschließt diese Kantate.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Nun komm, der Heiden Heiland,
Der Jungfrauen Kind erkannt,
Des sich wundert alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.

2. Aria (Tenor, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou)
Bewundert, o Menschen, dies große Geheimnis:
Der höchste Beherrscher erscheinet der Welt.
Hier werden die Schätze des Himmels entdecket,
Hier wird uns ein göttliches Manna bestellt,
O Wunder! die Keuschheit wird gar nicht beflecket.

3. Rezitativ (Bass und Continou)
So geht aus Gottes Herrlichkeit und Thron
Sein eingeborner Sohn.
Der Held aus Juda bricht herein,
Den Weg mit Freudigkeit zu laufen
Und uns Gefallne zu erkaufen.
O heller Glanz, o wunderbarer Segensschein!

4. Aria (Bass, Violine I/II, Viola und Continou)
Streite, siege, starker Held!
Sei vor uns im Fleische kräftig!
Sei geschäftig,
Das Vermögen in uns Schwachen
Stark zu machen!

5. Rezitativ – Duett (Sopran-Alt, Violine I/II, Viola und Continou)
Wir ehren diese Herrlichkeit
Und nahen nun zu deiner Krippen
Und preisen mit erfreuten Lippen,
Was du uns zubereit';
Die Dunkelheit verstört' uns nicht
Und sahen dein unendlich Licht.

6. Choral (Chor und Orchester)
Lob sei Gott, dem Vater, g'ton,
Lob sei Gott, sein'm eingen Sohn,
Lob sei Gott, dem Heilgen Geist,
Immer und in Ewigkeit!

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor und Bass), Horn, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 3. Dezember 1724
Textdichter: 1, 6: Martin Luther; 2 – 5: Umdichtung eines unbekannten Textdichters
Anlass: 1. Adventssonntag

(Quellen: en.wikipedia.org, www.allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (30.11.2010, 21:03):
Eben hatte ich mir die Radiomitschnitte der Kantate BWV 36 vom vergangenen Samstag angehört:

1.: Gerlinde Sämann, Petra Noskiaova, Christoph Genz, Jan van der Crabben


1) 04:01, 2) 03:52, 3) 05:28, 4) 01:12, 5) 03:32, 6) 01:43, 7) 06:58, 8) 00:51

2.: Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe-Johnson, Olaf Bär


1) 04:20, 2) 03:21, 3) 04:40, 4) 01:19, 5) 03:32, 6) 01:44, 7) 08:52, 8) 00:37

Die Kuijken-Aufnahme ist rein solistisch besetzt und damit folgt er der Aufführungspraxis von Rifkin, Parrott und McCreesh. Solche solistisch besetzen Aufnahmen finde ich immer spannend, weil die immer eine Gratwanderung darstellen: entweder sie sind grandios oder sie scheitern, wenn dann oft auch auf hohem Niveau. Im vorliegenden Fall gehört diese Aufnahme aber glücklicherweise zu den grandiosen Aufnahmen wie ich finde. Das Solisten-Quartett ist sehr homogen; schlanke Stimmen ohne störendes Vibrato und in den Chorpartien drängt sich auch keiner der Solisten in den Vordergrund. Insgesamt klingt diese Aufnahme sehr transparent und kammermusikalisch. Das liegt auch daran, dass Kuijken auf ein Achtfuß- oder gar Sechzehnfuß-Instrument bei den Streichern im Continou verzichtet, welches ausschliesslich mit Violoncello und Orgel-Positiv besetzt ist.

Ganz anders die Gardiner-Aufnahme, deren starkes Fundament die wie gewohnt souveräne und brilliante Einheit aus Monteverdi-Choir und den English Baroque Soloists darstellt. Auffallend ist hier beim Monteverdi-Choir auch ein sehr kraftvolles, gar kerniges Singen in den Männerstimmen. Bei den Solisten sind Nancy Argenta, Petra Lang und Anthony Rolfe-Johnson sehr gut. Lediglich bei Olaf Bär fällt ein etwas ausgeprägteres Vibrato auf, das meiner Meinung nach aber auch nicht so störend ist.

Von den Tempi her gefallen mir beide Aufnahmen recht gut.

Für mich sind das zwei Aufnahmen, die zwar verschieden sind und die Aspekte der Musik unterschiedlich darstellen. Wenn wie hier hörbar wird, dass sich die Musiker/innen wirklich mit der Musik auseinandersetzen und nicht einfach nur die Noten absingen bzw. abspielen, dann klingen beide Interpretationsansätze logisch und plausibel.
Agravain (01.12.2010, 08:10):
Original von Armin70
Ganz anders die Gardiner-Aufnahme, deren starkes Fundament die wie gewohnt souveräne und brilliante Einheit aus Monteverdi-Choir und den English Baroque Soloists darstellt.

Dem möchte ich mich anschließen. Obwohl ich besonders in Punkto Bach kein Jünger des Hl. St. John Eliot bin, so gehören doch seine Aufnahmen der Kantaten BWV 36, 61 und 62 zu seinen besten und homogensten. Grund scheint mir der hier ungezwungene Umgang mit der HIP. Hier wird nicht zwanghaft versucht, eine Theorie zum klingen zu bringen, sondern einfach musiziert, was der Musik ausgesprochen gut bekommt - vielleicht vom etwas zu vertikal angegangenen Eingangschor zu BWV 62 abgesehen. Das macht beispielsweise Leusink besser, dessen Orchester (bei gleichem frischen Tempo) deutlich kohärenter klingt. Richters Ansatz bei BWV 61 ist mir um ein Vielfaches zu schwer (ähnlich wie bei BWV 140), auch Rotzsch ist für mich hier nicht der Weisheit letzter Schluss. Allerdings gelingt ihm und den Thomanern BWV 36 ausgesprochen gut. Vielleicht bei Gelegenheit Genaueres.

:hello Agravain
Jürgen (01.12.2010, 09:58):
Bei dieser Kantate habe ich ein breites Starterfeld:

Richter
Rilling
Harnoncourt
Rotzsch
Leusinck
Koopman


Der Eingangschor im Stile einer Ouvertüre gefällt mir am besten, wenn er feierlich schreitend und gerne mit breitem Streicherklang vorgetragen wird.
Richter und Rotzsch machen das, wie zu erwarten genau so. Rotzsch bringt allerdings die Chöre wesentlich besser auf den Punkt, bei Richter klingen sie eher ein wenig verwaschen.

Bei der Tenor-Arie sind mir Rilling (5:01) und besonders Richter (5:33) viel zu träge. Rotzsch hat einen ähnlichen Ansatz wie Richter, nur dass er gut eineinhalb Minuten schneller unterwegs ist (4:10). Ausserdem ist Peter Schreier bei ihm in sehr guter Form. Auch Rilling hat mit Adalbert Kraus einen blitzsauberen Tenor, aber die Cembalobegleitung läßt das ganze recht kühl erscheinen. Gepaart mit der langsamen Spielweise ist diese Einspielung aus dem Rennen.Leusinck läßt wie so oft schon Dynamik und Spielfreude vermissen und Harnoncourt verwendet ein Instrumentarium, das in meinen Ohren unangenehm klingt. Koopman (mit Christoph Prégardien) ist schon nach 3:33 im Ziel. Das ist gigantisch schnell, allerdings ohne gehetzt zu wirken. Das Werk läßt durchaus mehrere Interpretationen zu. Ich höre hier sowohl Koopman als auch Rotzsch gerne. Beide strahlen Freudigkeit aus, bei Koopman ist es freudig-tänzerisch, bei Rotzsch feierlich-freudig.

Die Sopran-Arie ist eher unspektakulär. Harnoncourt kann ich nur wenige Sekunden ertragen. Er verwendet wieder einen Knabensopran.
Leusinck plätschert so dahin. Bei Rotzsch ist mir die Orgelbegleitung zu dominierend, Koopman löst das besser und hat mit Barbara Schlick einen prima Sopran. Rilling hat einen interessanten Ansatz. Bei der Begleitung dominiert ein schreitendes Cembalo, was dem Stück etwas kammermusikalisches fast schon liedhaftes gibt. Eigentlich nicht schlecht, durchaus berechtigt. Helen Donath singt zwar schön, aber mit viel Vibrato, beinahe opernhaft. Das passt nicht unbedingt. Und Richter ist mir zu gedehnt.

Beim Abschlußchor geben sich die Kandidaten nicht viel, sie liegen auch Tempomäßig dicht beieinander. Nur Rilling ragt heraus, im negativen Sinne. Er buchstabiert anstatt fließen zu lassen. Überhaupt liegt Rilling bei dieser Kantate für meinen Geschmack weitestgehend daneben.

Losgelöst von den Interpretationen ist es eine eher durchschnittliche Kantate, die ich ohne Grund nicht regelmäßig auflegen würde.
Aber schlecht ist sie auch nicht.

Grüße
Jürgen
Agravain (01.12.2010, 10:05):
Original von Jürgen
Losgelöst von den Interpretationen ist es eine eher durchschnittliche Kantate, die ich ohne Grund nicht regelmäßig auflegen würde.
Aber schlecht ist sie auch nicht.
Grüße
Jürgen

Seltsam, gell? Ich sehe das nicht unähnlich und doch ist sie so außergewöhnlich populär, viel populärer als ihre Schwester BWV 62, die ich persönlich als die schönere empfinde.

:hello Agravain
Armin70 (01.12.2010, 18:34):
Original von Agravain
Original von Jürgen
Losgelöst von den Interpretationen ist es eine eher durchschnittliche Kantate, die ich ohne Grund nicht regelmäßig auflegen würde.
Aber schlecht ist sie auch nicht.
Grüße
Jürgen

Seltsam, gell? Ich sehe das nicht unähnlich und doch ist sie so außergewöhnlich populär, viel populärer als ihre Schwester BWV 62, die ich persönlich als die schönere empfinde.

:hello Agravain

Ich denke, dass ich euch da nichts neues erzähle, dass man nicht von jeder Bach-Kantate vom musikalischen Ausdruckscharakter und der Qualität her eine "Mini-H-moll-Messe" oder sowas in der Art erwarten kann, denn die Kantaten stellten nun mal Gebrauchsmusik für den Gottesdienst dar und daher war da auch viel "Fleissarbeit" dabei, wenn auch oft auf sehr hohem Niveau.

Gruß
Armin
Armin70 (01.12.2010, 18:55):
Folgende Aufnahmen von BWV 61 hatte ich mir angehört:

1. Barbara Schlick, Christoph Pregardien, Klaus Mertens


1) 03:38, 2) 01:11, 3) 03:32, 4) 00:53, 5) 04:22, 6) 00:53


2. Christine Schäfer, Werner Güra, Gerald Finley


1) 03:23, 2) 01:26, 3) 03:45, 4) 01:00, 5) 03:48, 6) 00:52

Jürgens Eindrücke über Koopmans Aufnahme stimme ich zu. Besonders gut gefällt mir Barbara Schlicks wunderschöner Sopran in der Arie "Öffne dich, mein ganzes Herze". Das Tempo ist da für mein Empfinden auch goldrichtig. Insgesamt eine Aufnahme auf dem, wie ich finde, gewohnt souveränen Niveau, das man bei Ton Koopman erwarten darf.

Harnoncourts Aufnahme, Live-Mitschnitt aus dem Wiener Musikverein (2006), finde ich auch sehr interessant. Wie schon bei der Interpretation von BWV 140, die bei der gleichen Aufnahme entstand, eine sehr wuchtige Aufnahme. Besonders eindrucksvoll ist der Eingangschor geraten: Der punktierte Rhythmus im Stil der französischen Ouvertüre wird sehr streng aber dennoch nach vorne drängend vorgetragen. Glänzend dabei auch der tolle Arnold Schönberg-Chor. Christine Schäfer gefällt mir in der o. g. Arie auch gut, allerdings ist mir da das Tempo eine Kleinigkeit zu schnell.

Mit Harnoncourts frühen Kantaten-Aufnahmen mit Knabenchor und Knabensopran als Solist kann ich auch nichts anfangen aber diese späten Aufnahmen klingen für mich fantastisch, weil die Musik sehr ausdrucksstark, expressiv, rüber kommt.
Armin70 (01.12.2010, 19:10):
Bei der Kantate BWV 62 liegen mir die gleichen Aufnahmen vor wie bei BWV 36:

1. Gerlinde Sämann, Petra Noskiaova, Christoph Genz, Jan van der Crabben


1) 04:37, 2) 06:40, 3) 00:46, 4) 05:33, 5) 00:42, 6) 00:42


2. Nancy Argenta, Petra Lang, Anthony Rolfe-Johnson, Olaf Bär


2) 04:36, 2) 06:20, 3) 00:40, 4) 05:20, 5) 00:49, 6) 00:39

Die positiven Eindrücke, die ich von beiden Aufnahmen bei BWV 36 hatte, finde ich auch bei BWV 62 bestätigt.
Bei der Kuijken-Aufnahme finde ich die kammermusikalische Transparenz und das tolle Solistenquartett, das ja auch gleichzeitig den Chor stellt, faszinierend.

Gardiner überzeugt wieder durch die Dramatik in seiner Interpretation. Einzigster kleiner Haken ist für mich Olaf Bär, dessen Koloraturen ich in der Bass-Arie "Streite, siege, starker Held!" etwas hölzern finde aber man kann nicht alles haben.
Armin70 (01.12.2010, 21:19):
Original von Heike
"Ich habe genug" BWV 82 gehört zu meinen absoluten Kantatenfavoriten - und merkwürdigerweise mag ich die Kantate am liebsten von Frauen gesungen, obwohl es eine Basskantate ist. Daher fange ich damit mal an, wenn ich Zeit finde, höre ich auch meine Männer-Aufnahmen noch mal durch.

Am berührendsten finde ich diese Aufnahme mit der Mezzosopranistin Lorraine Hunt Lieberson; Craig Smith, The Orchestra of Emmanuel Music



Man kann die Stimme nicht im eigentlichen Sinne perfekt nennen, aber sie ist perfekt ausdrucksvoll. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Sängerin an Krebs erkrankt war (und bald darauf starb). Es ist so intensiv gesungen, dass es mich jedesmal aufs Neue sehr anrührt.

Dann mag ich noch sehr gern diese Aufnahme:
Natalie Dessay, Emmanuelle Haim



Hier ist neben der wunderbaren Stimme der Dessay vor allem Le Concert d'Astree zu loben - großartig, wenn man so Musik macht. Das ist ein Genuss. Ich muss die gleich mal wieder einlegen.

Heike

Nach dem ich nun auch in Genuss kam und die o. g. Aufnahmen von Lorraine Hunt Lieberson und Natalie Dessay hörte, stimme ich Heike voll und ganz zu.
Obwohl beide Interpretationen allein schon von den Stimmen der beiden Sängerinnen unterschiedlich sind, so haben beide Aufnahmen etwas faszinierendes an sich, was ich gar nicht so genau beschreiben kann. Irgendwie finde ich beide Aufnahmen berührender und intensiver als die Versionen für Bariton bzw. Bassbariton, die natürlich auch ihre Qualitäten haben.
Allein aber schon die Gestaltung der sog. "Schlummerarie" sind sowohl bei Lorraine Hunt Lieberson und Natalie Dessay für mich vorbildlich, weil beide es wunderbar verstehen, sich stimmlich zurückzunehmen, ohne dabei aber an Substanz zu verlieren und beide halten da auch richtig inne.
Hervorragend sind bei beiden Aufnahmen die Begleitung der Instrumentalensembles, welche die Sängerinnen optimal einbetten und jede ihrer Nuancen nachspüren. Sehr schön finde ich in dem Zusammenhang auch, dass bei der Aufnahme von Dessay/Haim die Querflöte (Flauto traverso) als obligates Soloinstrument gewählt wurde.

Interessant ist auch, dass es keine großen Unterschiede bei den Spielzeiten dieser beiden Aufnahmen gibt:

1. Lorraine Hunt Lieberson, The Orchestra of Emmanuel Music:
1) 07:40, 2) 01:27, 3) 10:00, 4) 00:52, 5) 03:43

2. Natalie Dessay, Le Concert d`Astrée, Emmanuelle Haim
1) 07:14, 2) 01:29, 3) 10:19, 4) 00:40, 5) 03:51

In Zukunft werde ich diese Kantate wohl ausschliesslich als BWV 82a mit Lorraine Hunt Lieberson bzw. mit Natalie Dessay hören.
Jürgen (02.12.2010, 08:06):
Ich habe bei mir auch diese Version für Sopran gefunden.
Sie befindet sich in der Brilliant Box.
Sopran: Marjon Strijk mit Leusinck

Die Eingangsarie gefällt mir nicht so gut, etwas schrill. Bei der Schlummerarie ist es schon angenehmer. Eine Alternative ist es schon, aber grundsätzlich vorzuziehen würde ich nicht sagen.
Ich kenne allerdings nur diese Einspielung.

Grüße
Jürgen
Jürgen (02.12.2010, 08:16):
Einen hab' ich noch (Suchfunktion bei Foobar sei Dank): Die Schlummerarie befindet sich noch in der Hänssler-Edition im Clavier-Büchlein für Anna Magdalena Bach 1725


http://ecx.images-amazon.com/images/I/51CABZQ%2BCnL._SL500_AA240_.jpg



Michael Behringer: Orgel;
Sybilla Rubens: Sopran
Pfarrkirche Oberried/Breisgau, September/Oktober 1999

Das ist wunderschön!


Grüße
Jürgen
Agravain (02.12.2010, 09:09):
Original von Armin70
Original von Agravain
Original von Jürgen
Losgelöst von den Interpretationen ist es eine eher durchschnittliche Kantate, die ich ohne Grund nicht regelmäßig auflegen würde.
Aber schlecht ist sie auch nicht.
Grüße
Jürgen

Seltsam, gell? Ich sehe das nicht unähnlich und doch ist sie so außergewöhnlich populär, viel populärer als ihre Schwester BWV 62, die ich persönlich als die schönere empfinde.

:hello Agravain

Ich denke, dass ich euch da nichts neues erzähle, dass man nicht von jeder Bach-Kantate vom musikalischen Ausdruckscharakter und der Qualität her eine "Mini-H-moll-Messe" oder sowas in der Art erwarten kann, denn die Kantaten stellten nun mal Gebrauchsmusik für den Gottesdienst dar und daher war da auch viel "Fleissarbeit" dabei, wenn auch oft auf sehr hohem Niveau.

Gruß
Armin

In der Tat, das ist nichts Neues und geht auch an den Bemerkungen vorbei. Sicher, einer reihe der Kantaten hört man ihren Gebrauchsmusikcharakter durchaus an und das ist hier auch schon mehrfach gesagt worden.
Es ist lediglich interessant, dass es ganz durchschnittliche Kantaten gibt, die trotz ihrer Durschnittlichkeit allerdings ausgesprochen populär sind (wie bespw. BWV 61), und ausgesprochen gute, die nicht von sehr vielen Hörern rezipiert werden. Und das ist einfach erst einmal überraschend, weil man sich fragen muss, was bspw. BWV 61 hat, was anderen Kantaten fehlt.
Mit Erwartungen die musikalische Qualität betreffend haben die obigen Aussagen also schlicht nichts zu tun, sondern nur mit Beobachtung.

:hello Agravain
Armin70 (02.12.2010, 20:24):
Von Johann Sebastian Bach sind lediglich 3 Adventskantaten überliefert: Zwei zum ersten (BWV 61 + 62) und eine zum vierten Advent (BWV 132).

Aus diesem Grund übertragen am kommenden zweiten Adventssonntag die Radiosender entweder keine Bach-Kantate und senden stattdessen geistliche Werke von anderen Komponisten oder bringen die ein oder andere Bach-Kantate von den vergangenen Sonntagen.

Trotzdem hier die Übersicht für den zweiten Adventssonntag (05.12.2010):

MDR-Figaro: 06:30 - 07:00 Uhr:
Gottfried August Homilius:
Kantate "Verwundrung, Mitleid, Furcht und Schrecken"
Barbara Schlick, Hein Meens, Stephen Varoce, Dormagener Jugendkantorei, Das kleine Konzert, Hermann Max

HR2-Kultur: 07:00 - 07:30 Uhr:
Motette "Jesu, meine Freude" BWV 227
Ensemble Sette Voci, Peter Kooij

Nordwestradio: 07:05 - 08:00 Uhr:
"Wachet ! betet ! betet ! Wachet " BWV 70
Sibylla Rubens, Bernhard Landauer, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr:
"Schwingt freudig euch empor" BWV 36
Sandrine Piau, James Gilchrist, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

SWR2: 08:03 - 08:30 Uhr:
Gottfried August Homilius:
Kantate "Verwundrung, Mitleid, Furcht und Schrecken"
Barbara Schlick, Hein Meens, Stephen Varoce, Dormagener Jugendkantorei, Das kleine Konzert, Hermann Max

SR2: 08:04 - 09:00 Uhr:
"Wachet ! betet ! betet ! Wachet " BWV 70
Wilhelm Wiedl, Paul Esswood, Kurt Equiluz, Ruud van der Meer, Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

BR-Klassik: 08:05 - 08:30 Uhr:
"Wachet ! betet ! betet ! Wachet " BWV 70
Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

DRS2: 09:00 - 09:30 Uhr:
Georg Philipp Telemann:
"Der jüngste Tag wird bald sein Ziel erreichen" - Kantate zum 2. Advent
Johannette Zomer, Huub Claessens, Il Fondamento, Paul Dombrecht

WDR3: 09:05 - 10:00 Uhr:
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 61
Barbara Schlick, Kai Wessels, Christoph Pregardien, Michael Schopper, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel

+

Heinrich Schütz:
"o, lieber Herre Gott" - Adventsmotette
Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

Georg Philipp Telemann:
"Der jüngste Tag wird bald sein Ziel erreichen" - Kantate zum 2. Advent
Johannette Zomer, Huub Claessens, Il Fondamento, Paul Dombrecht

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr:
"Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 62
Adele Stolte, Gerda Schriever, Peter Schreier, Theo Adam, Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Erhard Mauersberger
Jürgen (02.12.2010, 23:04):
Auch wenn für den 2.Advent keine Bach-Kantaten überliefert sind, so ist immerhin das Radioprogramm lohnenswert. Die Motette 227 stammt sogar von der Testsieger-CD. Ich zitiere mal aus einem anderen Faden:

Original von Armin70
Noch ein Nachtrag:

Eben habe ich mir die Sendung mit dem Vergleich von Aufnahmen mit Bachs Motetten komplett angehört, weil ich das sehr interessant fand.

Die Expertenrunde im Studio favorisierte übrigens folgende 2 Aufnahmen:

Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki:




Sette Voci, Peter Kooij:



Beides sind übrigens neue Aufnahmen, die letztes Jahr erst erschienen sind. Die Suzuki-Aufnahme ist chorisch besetzt, d. h. insgesamt 18 Sänger/innen + Continou und die Kooij-Aufnahme ist solistisch besetzt und ebenfalls mit einer Continou-Begleitung.
Ich persönlich würde der Kooij-Aufnahme den Vorzug geben, weil für mich der verinnerlichte Ausdruck in vielen Stellen der Motetten in der solistischen Besetzung besser zum Tragen kommt. Die Suzuki-Aufnahme ist mir da manchmal etwas zu vordergründig aber das ist wirklich Geschmackssache. Letztlich ergänzen sich beide Aufnahmen sehr gut.

Nicht so gut haben die Aufnahmen mit dem Flämischen Kammerchor, dem Hilliard-Ensemble und La Petite Bande abgeschnitten.

Von Goebel kenne ich bzgl. Kantaten noch gar nichts. Das muss ich ändern.
Und Mauersberger in guter alter sächsischer Aufführungstradition ist bestimmt auch nicht schlecht.
Schütz mit Suzuki sollte ich kennenlernen.


Grüße
Jürgen
Heike (03.12.2010, 09:17):
Von "Schwingt freudig euch empor" BWV 36 habe ich am Sonntag eine sehr schöne Aufnahme mitgeschnitten (leider fehlt der Schluss, da hab ich mich wohl bei der Zeit vertippt):

La Petite Bande, Sigiswald Kuijken
Gerlinde Sämann, Petra Noskiaova, Christoph Genz, Jan van der Crabben,


Nur ein Sänger je Stimme besetzt, dazu ein ganz transparentes, sanftes Musizieren - das geht mir sehr ans Herz in dieser Schlichtheit. Das ist schon zum wiederholten Male eine Aufnahme von Kuijken, die mir sehr gefällt (erst letztens habe ich seine herausragende Matthäuspassion gelobt).
Heike
Jürgen (06.12.2010, 10:18):
Ich habe gestern BWV 61 unter Goebel im Radio aufgenommen.

Es ist ein WDR 3 Rundfunkmitschnitt aus dem Jahre 1989, der wahrscheinlich nicht auf dem CD-Markt erhältlich ist. (Daher gibt es auch kein Cover)

Goebel hat damals schon auf einen Chor verzichtet und die Solisten sind:


Soprano: Barbara Schlick
Alto: Kai Wessel
Tenor: Christoph Prégardien
Bass: Michael Schopper

Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel

Hier wird mit 12:20 ein rasantes Tempo vorgelegt. Die Solisten schaffen das aber spielend. Das ganze wirkt luftig, spielerisch, transparent und man hat den Eindruck, das Tempo müsse so sein.
Übrigens ist mir durch die Radio-Anmoderation das Anklopfen Jesu' im Bass-Rezitativ erst richtig bewusst geworden. Ein schönes Stückchen.

Eigentlich schade, dass Goebel nicht noch mehr geistliche Kantaten von Bach aufgenommen hat.

Grüße
Jürgen
Armin70 (06.12.2010, 20:26):
Original von Jürgen
Ich habe gestern BWV 61 unter Goebel im Radio aufgenommen.

Es ist ein WDR 3 Rundfunkmitschnitt aus dem Jahre 1989, der wahrscheinlich nicht auf dem CD-Markt erhältlich ist. (Daher gibt es auch kein Cover)

Goebel hat damals schon auf einen Chor verzichtet und die Solisten sind:


Soprano: Barbara Schlick
Alto: Kai Wessel
Tenor: Christoph Prégardien
Bass: Michael Schopper

Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel

Hier wird mit 12:20 ein rasantes Tempo vorgelegt. Die Solisten schaffen das aber spielend. Das ganze wirkt luftig, spielerisch, transparent und man hat den Eindruck, das Tempo müsse so sein.
Übrigens ist mir durch die Radio-Anmoderation das Anklopfen Jesu' im Bass-Rezitativ erst richtig bewusst geworden. Ein schönes Stückchen.

Eigentlich schade, dass Goebel nicht noch mehr geistliche Kantaten von Bach aufgenommen hat.

Grüße
Jürgen

Eben hörte ich mir auch diese Aufnahme von Bachs Kantate BWV 61 mit der Musica Antiqua Köln unter der Leitung von Reinhard Göbel angehört und ich kann mich Jürgens positiven Eindrücken voll und ganz anschliessen. Diese solistisch besetzte Aufnahme ist in ihrer kammermusikalischen Transparenz vorbildlich und es ist wirklich schade, dass Goebel ausser ein paar weltlicher Kantaten sonst keine Kantaten von J. S. Bach eingespielt hat.

Des weiteren hörte ich mich von den gestrigen Aufnahmen noch folgendes an:

Heinrich Schütz: "O lieber Herre Gott", Adventsmotette zu 6 Stimmen SWV 381 aus dieser Aufnahme:

Eine sehr schöne Interpretation, die Lust auf mehr macht. Masaaki Suzuki und sein Bach-Collegium Japan zeigen hier, dass sie mehr als "nur" Bach können.

Johann Sebastian Bach: "Jesu, meine Freude", Motette BWV 227

Auch dies ist eine tolle Aufnahme des Ensembles Sette Voci unter der Leitung von Peter Kooij. Glänzend auch hier die solistische Besetzung mit einer dezenten Continou-Begleitung. Als ich vor einigen Wochen die Sendung "Diskothek im Zwei" mit Vergleichsaufnahmen von Bachs Moteten auf DRS2 anhörte und diese Aufnahme von der Expertenrunde quasi als beste Aufnahmen auserkoren wurde, war ich auch schon positiv angetan und das bestätigte sich jetzt beim anhören des kompletten Werkes.
Jürgen (07.12.2010, 09:42):
Heute habe ich den Mitschnitt von BWV 62 unter Mauersberger aus dem Jahre 1967 nachbearbeitet (Gesplittet und getagt, wie macht Ihr das?).
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Mauersberger-C01.jpeg
Von der Papierform her eine super Aufnahme, Tenor und Bass, die beiden Hauptsolisten (Alt und Sopran teilen sich lediglich ein Rezitativ) sind mit Peter Schreier und Theo Adam opulent besetzt.

Leider gefällt mir die Tenor-Arie im Allgemeinen nicht besonders und auch bei der Bass-Arie empfinde ich die Koloraturen als problematisch. Das stört mich besonders, wenn wie bei Mauersberger das Tempo sehr gedehnt ist. Grundsätzlich ist diese Arie nämlich sehr gehaltvoll. Streite siege starker Held heißt es hier, und wenn es dementsprechend forsch und Stärke ausstrahlend aufgeführt wird, lassen sich auch die Koloraturen leichter ertragen.
Am besten gefällt mir das bei Gardiner (DGG).
Von Koopman gibt es noch eine Alternativeinspielung dieser Arie mit reduzierter Begleitung. Das unterstreicht den Charakter des Textes noch weniger, ist also nicht mein Fall.

Der Eingangschor ist für meine Ohren die zweite tragende Stütze dieser Kantate. Mauersberger enttäuscht auch hier, weil mir die Thomaner nicht gefallen. Gardiner ist wieder forsch vorwärtsdrängend, was auch hier passt.
Rilling wählt einen zurückhaltenderen Ansatz, was zarter wirkt und mir als Alternative überraschend gut gefällt. Sein Frauenchor singt im Vergleich zu den Thomanern unaufdringlich und blitzsauber.
Die dritte mir gefallende Lesart ist Kuijken mit seiner solistischen Aufführung. Wie Armin schon schrieb, ist das sehr transparent und die Solisten fein abgestimmt.

Wenn es nur Einen geben dürfte, wäre es Gardiner.

Grüße
Jürgen
Jürgen (09.12.2010, 10:04):
Zum 3.Advent ist auch keine Bachkantate überliefert.
Die Radiosender übertragen daher Folgendes:

BR-Klassik BWV 150 Leonhardt 08:05 - 08:35
DRS 2 BWV 141 nicht von Bach sondern von Telemann: «Das ist je gewisslich wahr», Kantate zum 3. Advent Helbich 09:00 - 09:30
SR 2 Magnificat BWV 243 Rademann 08:00 - 09:00
Deutschlandradio Kultur BWV 186a Rilling 06:00 - 07:00
Nordwestradio BWV 186a Rilling 07:05 - 08:00
RBB BWV 61 Suzuki 09:30 - 10:00
NDR-Kultur BWV 62 Suzuki 08:00 - 08:40
SWR 2 BWV 62 Rilling 08:03 - 08:30
WDR 3 BWV 167 Gardiner SDG 09:05 - 10:00
HR 2 BWV 29 Harnoncourt 07:00 - 07:30


BWV 61 und 62 sind nachvollziehbar, die passen immerhin zum 1.Advent.

BWV 186a gilt als verschollen, passt aber immerhin zum 3.Advent. Bach komponierte sie in Weimar. Bis auf den letzten Satz wurden die Texte der Sätze für die spätere BWV 186 wieder verwendet. Ob die Musik identisch ist, habe ich nicht herausfinden können. Angeblich existiert auch keine Aufnahme.
Es gibt aber eine Rekonstruktion von Diethard Hellmann aus dem Jahre 1963 Hänssler Verlag ! Deswegen Rilling?.
Interessanterweise stimmen die Solisten mit denen von Rillings 186er Aufnahme überein.

Chorus: Ärgre dich, o Seele, nicht (1.Satz aus BWV 186)
Aria: Bist du, der da kommen soll (3.)
Aria: Messias läßt sich merken (5.)
Aria: Die Armen will der Herr umarmen (8.)
Aria: Laß Seele, kein Leiden (10.)
Chorale: Darum, ob ich schon dulde



BWV 29 und 150 sind keinem Datum zugeordnet, sind also perfekte Lückenfüller.

BWV 167, eine Kantate zum Johannistag, und das Magnificat sind allerdings völlig unmotiviert.

Viel Spaß beim Aufnehmen.

Grüße
Jürgen
Heike (09.12.2010, 20:13):
Hallo,
Gesplittet und getagt, wie macht Ihr das
Ich komme aus Zeitmangel fast nie dazu, aber theoretisch kann ich das mit dem Programm audacity.
http://audacity.sourceforge.net/?lang=de
Heike
Jürgen (17.12.2010, 12:24):
Zum 4.Advent gibt es die Kantate BWV 132 Bereitet die Wege, bereitet die Bahn!

Anstelle der BWV 147a, die nicht überliefert ist, wird halt 147 gesendet.


BR-Klassik BWV 147: Koopman (08:05 - 08:35)
Deutschlandradio Kultur BWV 147: Willcocks (06:30 - 07:00)
NDR-Kultur BWV 132: Gardiner SDG (08:00 - 08:40)
Nordwestradio BWV 132: Koopman (07:05 - 08:00)
RBB BWV 132: Koopman (09:30 - 10:00)
SR 2 BWV 132: Schultz (08:00 - 09:00) Aufnahme vom 13. Dezember 2009 in der Ludwigskirche, Saarbrücken
SWR 2 BWV 132: Koopman (08:03 - 08:30)
WDR 3 BWV 243: Pierlot (09:05 - 10:00)
HR 2 BWV 243: McCreesh (07:00 - 07:30)


Viel Spaß beim Aufnehmen.
Jürgen
Armin70 (19.12.2010, 21:29):
Heute habe ich im Radio folgende schöne und interessante Aufnahme von Bachs Magnificat D-Dur BWV 243 gehört und mitgeschnitten:



Diese Aufnahme schnitt vor fast einem Jahr in der Sendung "Diskothek im Zwei" auf DRS2, siehe hier, im Vergleich mit anderen Aufnahmen dieses Werks am besten ab.

Wie die Aufnahme von McCreesh ist auch diese solistisch besetzt. Pierlot wählt aber einen etwas verhalteneren Interpretationsansatz als McCreesh, der expressiver zu Werke geht. Insbesondere die Sopranistin Maria Keohane ist bei den Solisten (=Choristen) hervorzuheben für ihre besonders schöne Gestaltung ihres Parts.
Armin70 (22.12.2010, 21:14):
Für die beiden Weihnachtsfeiertage sind einige Kantaten von Johann Sebastian Bach überliefert, von denen einigen von den verschiedenen Radiosendern auch gesendet werden.

Hier die Übersicht:

1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2010:

HR2-Kultur: 07:00 - 07:30 Uhr:
"Unser Mund sei voll Lachens" BWV 110
Hana Blaszikova, Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

Nordwestradio: 07:05 - 08:00 Uhr:
"Uns ist ein Kind geboren" BWV 142/Anh. II aus Nr. 23
Ralf Popken, Jörn Lindemann, Wilhelmshavener Vokalensemble, Capella Savaria, Ralf Popken

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr:
"Gloria in Excelsis Deo" BWV 191
Sarah Wegener, Johanna Winkel, Franziska Gottwald, Julian Pregardien, Konstantin Wolff, NDR-Chor, Elbipolis Barockorchester Hamburg, Philipp Ahmann

SWR2: 08:03 - 08:30 Uhr:
"Gelobet seist du, Jesu Christ" BWV 91
Dorothee Blotzky-Mields, Ingeborg Danz, Mark Padmore, Peter Kooij, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

BR-Klassik: 08:05 - 08:30 Uhr:
"Unser Mund sei voll Lachens" BWV 110
Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

DRS2: 09:00 - 09:30 Uhr:
"Gelobet seist du, Jesu Christ" BWV 91
Keine Angaben über die Interpreten auf der Homepage

WDR3: 09:03 - 10:00 Uhr:
"Gelobet seist du, Jesu Christ" BWV 91
Dorothee Blotzky-Mields, Ingeborg Danz, Mark Padmore, Peter Kooij, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr:
"Unser Mund sei voll Lachens" BWV 110
Arleen Auger, Ortrun Wenkel, Peter Schreier, Siegfried Lorenz, Thomanerchor Leipzig, Neues Bachisches Collegium Musicum Leipzig, Hans-Joachim Rotzsch

2. Weihnachtsfeiertag, 26.12.2010:

MDR-Figaro: 06:30 - 07:00 Uhr:
"Dazu ist erschienen der Sohn Gottes" BWV 40
Ortrun Wenkel, Peter Schreier, Siegfried Lorenz, Thomanerchor Leipzig, Neues Bachisches Collegium Musicum, Hans-Joachim Rotzsch

HR2-Kultur: 07:00 - 07:30 Uhr:
"Christum wir sollen loben schon" BWV 121
Lisa Larsson, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir + Orchestra, Ton Koopman

Nordwestradio: 07:05 - 08:00 Uhr:
"Am zweiten Weihnachtstage" aus dem Weihnachtsoratorium BWV 248
Anne - Sofie von Otter, Anthony Rolfe-Johnson, Hans Peter Blochwitz, Olaf Bär, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr:
"Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet" BWV 57
Dorothea Röschmann, Thomas Quasthoff, RIAS-Kammerchor, Berliner Barock Solisten

SWR2: 08:03 - 08:30 Uhr:
Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget" BWV 64
Carolyne Weynants, Paulin Bündgen, Etienne Debaisieux, Kammerchor Namur, Les Agremens, Jean Tubery

BR-Klassik: 08:05 - 08:30 Uhr:
"Christum wir sollen loben schon" BWV 121
Edith Mathis, Anna Reynolds, Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau, Münchner Bach-Chor und -Orchester, Karl Richter

DRS2: 09:00 - 09:30 Uhr
"Christum wir sollen loben schon" BWV 121
Keine Angaben über die Interpreten auf der Homepage

WDR3: 09:03 - 10:00 Uhr:
"Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet" BWV 57
Salome Haller, Stephan MacLeod, Choeur Regional d' Auvergne, Les Folies Francoises, Patrick Cohen-Akemine

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr:
"Christum wir sollen loben schon" BWV 121
Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

Armin
Armin70 (27.12.2010, 21:39):
Weihnachtskantaten

Für die Adventszeit sind nicht so viele Kantaten von Johann Sebastian Bach überliefert, was auch damit zusammenhängt, dass diese Zeit damals in Leipzig, als Bach Thomaskantor war, eine musikalisch stille Zeit war.

Das sah in der Weihnachtszeit dann wieder ganz anders aus, d. h. es liegen einige Kantaten, die Johann Sebastian Bach speziell für die Weihnachtsfeiertage komponierte und die nichts mit dem Weihnachtsoratorium zu tun haben, vor.

Bei der Vorstellung der Weihnachtskantaten beschränke ich mich auf die, welche ich an den beiden Weihnachtsfeiertagen im Radio aufgenommen habe.

1. Weihnachtsfeiertag:

Gelobet seist du, Jesu Christ BWV 91

Diese Kantate komponierte Bach für den 1. Weihnachtsfeiertag im Jahr 1724 in Leipzig. Zentraler Bestandteil des Werkes ist der Choral „Gelobet seist du, Jesu Christ“ von Martin Luther (1524). Inhaltlich geht es in dieser Kantate um die Geburt Jesu und ihre Verkündigung an die Hirten. Auch nach Fertigstellung und der Aufführung des Weihnachtsoratoriums führte Bach diese Kantate noch mindestens zweimal in den 1740er Jahren in Leipzig auf.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Gelobet seist du, Jesu Christ,
Dass du Mensch geboren bist
Von einer Jungfrau, das ist wahr,
Des freuet sich der Engel Schar.
Kyrie eleis!

2. Choral und Rezitativ (Chor, Sopran und Continou)
Der Glanz der höchsten Herrlichkeit,
Das Ebenbild von Gottes Wesen,
Hat in bestimmter Zeit
Sich einen Wohnplatz auserlesen.
Des ewgen Vaters einigs Kind,
Das ewge Licht von Licht geboren,
Itzt man in der Krippe findt.
O Menschen, schauet an,
Was hier der Liebe Kraft getan!
In unser armes Fleisch und Blut,
(Und war denn dieses nicht verflucht, verdammt, verloren?)
Verkleidet sich das ewge Gut.
So wird es ja zum Segen auserkoren.

3. Aria (Tenor, Oboen I - III und Continou)
Gott, dem der Erden Kreis zu klein,
Den weder Welt noch Himmel fassen,
Will in der engen Krippe sein.
Erscheinet uns dies ewge Licht,
So wird hinfüro Gott uns nicht
Als dieses Lichtes Kinder hassen.

4. Rezitativ (Bass, Violine I/II, Viola und Continou)
O Christenheit! Wohlan, so mache die bereit,
Bei dir den Schöpfer zu empfangen.
Der grosse Gottessohn
Kömmt als ein Gast zu dir gegangen.
Ach, lass dein Herz durch diese Liebe rühren;
Er kömmt zu dir, um dich for seinen Thron
Durch dieses Jammertal zu führen.

5. Arie – Duett (Sopran, Alt, Violine I/II und Continou)
Die Armut, so Gott auf sich nimmt,
Hat uns ein ewig Heil bestimmt,
Den Überfluss an Himmelsschätzen.
Sein menschlich Wesen machet euch
Den Engelsherrlichkeiten gleich,
Euch zu der Engel Chor zu setzen.

6. Choral (Chor und Orchester)
Das hat er alles uns getan,
Sein groß Lieb zu zeigen an;
Des freu sich alle Christenheit
Und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrie eleis!

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Horn I/II, Oboe I – III, Violine I/I, Viola, Fagott, Continou und Pauken
Entstehungszeit: 25. Dezember 1724
Textdichter: 1, 2 und 6 (Martin Luther, 1524), 3 – 5 Umarbeitung eines unbekannten Textdichters
Anlass: 1. Weihnachtsfeiertag

(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (27.12.2010, 21:43):
Unser Mund sei voll Lachens BWV 110

Dieses Werk erklang zum ersten Mal am 1. Weihnachtsfeiertag im Jahr 1725. Die Kantate hat einen sehr festlich-prunkvollen Charakter. Johann Sebastian Bach verwendete für den Eingangschor die Ouvertüre aus seiner Orchestersuite BWV 1069: Die langsamen, gravitätischen Teile werden vom Orchester alleine gespielt und der Chor setzt dann in den schnellen Teilen ein. Auch bei dem Duett Sopran-Tenor bediente sich Bach aus seinem Magnificat, d. h. der früheren Es-Dur-Version.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Unser Mund sei voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens. Denn der Herr hat Großes an uns getan.

2. Arie (Tenor, Traversflöte I/II, Fagott und Continou)
Ihr Gedanken und ihr Sinnen,
Schwinget euch anitzt von hinnen,
Steiget schleunig himmelan
Und bedenkt, was Gott getan!
Er wird Mensch, und dies allein,
Dass wir Himmels Kinder sein.

3. Rezitativ (Bass, Violine I/II, Viola, Continou)
Dir, Herr, ist niemand gleich. Du bist groß und dein Name ist groß und kannst's mit der Tat beweisen.

4. Arie (Alt, Oboe d`amore und Continou)
Ach Herr, was ist ein Menschenkind,
Dass du sein Heil so schmerzlich suchest?
Ein Wurm, den du verfluchest,
Wenn Höll und Satan um ihn sind;
Doch auch dein Sohn, den Seel und Geist
Aus Liebe seinen Erben heißt.

5. Arie – Duett (Sopran, Tenor und Continou)
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

6. Arie (Bass, Trompete, Oboe I/II, Oboe da caccia, Violine I/II, Viola und Continou)
Wacht auf, ihr Adern und ihr Glieder,
Und singt dergleichen Freudenlieder,
Die unserm Gott gefällig sein.
Und ihr, ihr andachtsvollen Saiten,
Sollt ihm ein solches Lob bereiten,
Dabei sich Herz und Geist erfreun.

7. Choral (Chor und Orchester)
Alleluja! Gelobt sei Gott,
Singen wir all aus unsers Herzens Grunde.
Denn Gott hat heut gemacht solch Freud,
Die wir vergessen solln zu keiner Stunde.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Trompeten I - III, Traversflöte I/II, Oboe I – III, Oboe d`amore, Oboe da caccia, Fagott, Violine I/II, Viola, Continou und Pauken
Entstehungszeit: 25. Dezember 1725
Textdichter: Georg Christian Lehms 1711; 1: Psalm 126,2-3; 3: Jeremias 10,6; 5: Lukas 2,14; 7: Kaspar Füger 1592
Anlass: 1. Weihnachtsfeiertag
(Quellen: en.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (27.12.2010, 21:46):
Gloria in excelsis Deo BWV 191

Diese Kantate aus dem Jahr 1745 ist vermutlich die einzigste von Bachs Kantaten mit einem lateinischen Text. Ansonsten stellt dieses Werk eine sogenannte Parodie dar, d. h. die Musik ist eine Adaption von drei Teilen aus dem Gloria (1733) der H-Moll Messe: Gloria in excelsis Deo, Domine Deus und Cum Sanctu Spiritu. Die erste Aufführung dieser Kantate war vermutlich am 1. Weihnachtsfeiertag 1745. Das war ein besonderes Weihnachtsfest, da am 25. Dezember 1745 in Dresden der Friedensvertrag zwischen Sachsen, Preußen und Österreich unterzeichnet wurde und damit wurde der Zweite Schlesische Krieg beendet.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Gloria in excelsis Deo.
Et in terra pax hominibus
bonae voluntatis.

2. Duett (Sopran, Alt, Traversflöte I/II, Violine I/II, Viola und Continou)
Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto.

3. Chor (Chor und Orchester)
Sicut erat in principio et nunc et semper
et in saecula saeculorum, amen.

Besetzung: Soli (Sopran und Tenor), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Trompeten I – III, Traversflöte I/II, Oboe I/II, Violine I/II, Viola, Continou und Pauken
Entstehungszeit: 1745
Textdichter: Lukas 2,14 und kleine Doxologie
Anlass: 1. Weihnachtsfeiertag
(Quellen: en.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (27.12.2010, 22:01):
2. Weihnachtsfeiertag:

Am 2. Weihnachtsfeiertag ist der Namenstag des heiligen Stephan (1 n. Chr. - 36/40 n. Chr.), der als erster christlicher Märtyrer gilt, der wegen seiner Bekenntnisse zu Jesu Christus getötet wurde. Im Bericht von seiner Hinrichtung heißt es: Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß ... Saulus aber war mit dem Mord einverstanden. Die Steinigung des Stephanus war der Auftakt zu einer Christenverfolgung in Jerusalem, an der sich Saulus, der spätere Apostel Paulus, besonders eifrig beteiligte. Außer in der römisch-katholischen Kirche ist dieser Namenstag auch ein Gedenktag in der evangelisch-lutherischen Kirche und zudem gilt dieser Tag seit dem Jahr 2007 als Gebetstag für verfolgte Christen.

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes BWV 40

Die Kantate komponierte Johann Sebastian Bach im Jahr 1723 für den 2. Weihnachtsfeiertag, der auch als „Stephanus-Tag“ bekannt ist, dessen Namenstag am 26. Dezember ist. Vermutlich wurde diese Kantate später in den Jahren 1746 und 1747 noch mal in Leipzig aufgeführt.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Darzu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

2. Rezitativ (Tenor und Continou)
Das Wort ward Fleisch und wohnet in der Welt,
Das Licht der Welt bestrahlt den Kreis der Erden,
Der große Gottessohn
Verlässt des Himmels Thron,
Und seiner Majestät gefällt,
Ein kleines Menschenkind zu werden.
Bedenkt doch diesen Tausch, wer nur gedenken kann;
Der König wird ein Untertan,
Der Herr erscheinet als ein Knecht
Und wird dem menschlichen Geschlecht
- O süßes Wort in aller Ohren! -
Zu Trost und Heil geboren.

3. Choral (Chor, Horn I, Oboe I, Violine I col Soprano, Oboe II, Violine II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Die Sünd macht Leid;
Christus bringt Freud,
Weil er zu Trost in diese Welt ist kommen.
Mit uns ist Gott
Nun in der Not:
Wer ist, der uns als Christen kann verdammen?

4. Arie (Bass, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou)
Höllische Schlange,
Wird dir nicht bange?
Der dir den Kopf als ein Sieger zerknickt,
Ist nun geboren,
Und die verloren,
Werden mit ewigem Frieden beglückt.

5. Rezitativ (Alt, Violine I/II, Viola und Continou)
Die Schlange, so im Paradies
Auf alle Adamskinder
Das Gift der Seelen fallen ließ,
Bringt uns nicht mehr Gefahr;
Des Weibes Samen stellt sich dar,
Der Heiland ist ins Fleisch gekommen
Und hat ihr allen Gift benommen.
Drum sei getrost! betrübter Sünder.

6. Choral (Chor, Horn I, Oboe I, Violine I col Soprano, Oboe II, Violine II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Schüttle deinen Kopf und sprich:
Fleuch, du alte Schlange!
Was erneurst du deinen Stich,
Machst mir angst und bange?
Ist dir doch der Kopf zerknickt,
Und ich bin durchs Leiden
Meines Heilands dir entrückt
In den Saal der Freuden.

7. Arie (Tenor, Horn I/II, Oboe I/II und Continou)
Christenkinder, freuet euch!
Wütet schon das Höllenreich,
Will euch Satans Grimm erschrecken:
Jesus, der erretten kann,
Nimmt sich seiner Küchlein an
Und will sie mit Flügeln decken.

8. Choral (Chor, Horn I, Oboe I, Violine I col Soprano, Oboe II, Violine II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Jesu, nimm dich deiner Glieder
Ferner in Genaden an;
Schenke, was man bitten kann,
Zu erquicken deine Brüder:
Gib der ganzen Christenschar
Frieden und ein selges Jahr!
Freude, Freude über Freude!
Christus wehret allem Leide.
Wonne, Wonne über Wonne!
Er ist die Genadensonne.

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Horn I/II, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 26. Dezember 1723
Textdichter: unbekannter Dichter (vielleicht Bach); 1. Johannes 3,8; 3: Kaspar Füger 1592; 6: Paul Gerhaardt 1653; 8: Christian Keymann 1645
Anlass: 2. Weihnachtsfeiertag
(Quellen: en.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (27.12.2010, 22:05):
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet BWV 57

Bach schrieb die Kantate 1725 in seinem dritten Kantatenzyklus für den 2. Weihnachtstag (Stephanus-Tag), der in diesem Jahr als Fest des Märtyrers Stephanus begangen wurde. Diese Kantate gehört zu den sog. Dialogkantaten, denn der Sopran verkörpert die Seele und der Bass steht für Jesus. Kennzeichnend ist der dramatische Tonfall in dieser Musik. Der vierstimmig besetzte Chor kommt erst im Schlusschoral zum Einsatz.

Text:

1. Arie (Bass, Oboe I/II, Taille, Violine I/II, Viola und Continou)
Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn, nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen.

2. Rezitativ (Sopran und Continou)
Ach! dieser süße Trost
Erquickt auch mir mein Herz,
Das sonst in Ach und Schmerz
Sein ewige Leiden findet
Und sich als wie ein Wurm in seinem Blute windet.
Ich muss als wie ein Schaf
Bei tausend rauhen Wölfen leben;
Ich bin ein recht verlassnes Lamm,
Und muss mich ihrer Wut
Und Grausamkeit ergeben.
Was Abeln dort betraf,
Erpresset mir auch diese Tränenflut.
Ach! Jesu, wüsst ich hier
Nicht Trost von dir,
So müßte Mut und Herze brechen,
Und voller Trauren sprechen:

3. Arie (Sopran, Violine I/II, Viola, Orgel und Continou)
Ich wünschte mir den Tod, den Tod,
Wenn du, mein Jesu, mich nicht liebtest.
Ja wenn du mich annoch betrübtest,
So hätt ich mehr als Höllennot.

4. Rezitativ-Dialog (Sopran-Bass und Continou)
Bass
Ich reiche dir die Hand
Und auch damit das Herze.
Sopran
Ach! süßes Liebespfand,
Du kannst die Feinde stürzen
Und ihren Grimm verkürzen.

5. Aria (Bass, Violine I/II, Viola und Continou)
Ja, ja, ich kann die Feinde schlagen,
Die dich nur stets bei mir verklagen,
Drum fasse dich, bedrängter Geist.
Bedrängter Geist, hör auf zu weinen,
Die Sonne wird noch helle scheinen,
Die dir itzt Kummerwolken weist.

6. Rezitativ-Dialog (Sopran-Bass und Continou)
Bass
In meiner Schoß liegt Ruh und Leben,
Dies will ich dir einst ewig geben.
Sopran
Ach! Jesu, wär ich schon bei dir,
Ach striche mir
Der Wind schon über Gruft und Grab,
So könnt ich alle Not besiegen.
Wohl denen, die im Sarge liegen
Und auf den Schall der Engel hofften!
Ach! Jesu, mache mir doch nur,
Wie Stephano, den Himmel offen!
Mein Herz ist schon bereit,
Zu dir hinaufzusteigen.
Komm, komm, vergnügte Zeit!
Du magst mir Gruft und Grab
Und meinen Jesum zeigen.

7. Arie (Sopran, Violine solo und Continou)
Ich ende behände mein irdisches Leben,
Mit Freuden zu scheiden verlang ich itzt eben.
Mein Heiland, ich sterbe mit höchster Begier,
Hier hast du die Seele, was schenkest du mir?

8. Choral (Chor, Oboe I e Violine I col Soprano, Oboe II e Violine II coll' Alto, Taille e Viola col Tenore, Continuo)
Richte dich, Liebste, nach meinem Gefallen und gläube
Dass ich dein Seelenfreund immer und ewig verbleibe,
Der dich ergötzt
Und in den Himmel versetzt
Aus dem gemarterten Leibe.

Besetzung: Soli (Sopran, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe I/II, Oboe da caccia, Violine I/II, Viola, Orgel und Continou
Entstehungszeit: 26. Dezember 1725
Textdichter: Georg Christian Lehms 1711; 1: Jacobus 1,12; 8. Ahasverus Fritsch 1668
Anlass: 2. Weihnachtsfeiertag
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (27.12.2010, 22:07):
Christum wir sollen loben schon BWV 121

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate für den 2. Weihnachtsfeiertag und die erste Aufführung erfolgte am 26. Dezember 1724 in Leipzig. Diese Kantate gehört zum 2. Kantaten-Jahrgang, der zum größten Teil Choralkantaten umfasst. In dieser Kantate liefert Martin Luthers Weihnachtslied „Christum wir sollen loben schon“ die Textvorlage, dessen 1. und 8. Strophe unverändert übernommen wurden. Thematisch geht es in diesem Werk um das Wunder der Geburt des ewigen Gottessohns als Kind einer Jungfrau „in Armut und Knechtsgestalt“. Der Stephanus-Tag spielt hier keine Rolle. Auf festlichen Trompetenklang und Pauken muss in diesem Werk verzichtet werden, da diese damals am 2. Weihnachtsfeiertag offensichtlich nicht zur Verfügung standen. Stattdessen gehört zur Orchesterbesetzung dieser Kantate die interessante Kombination von Zink (bzw. Horn) und 3 Posaunen.

Text:

1. Chor (Chor, Cornetto, Oboe d`amore, e Violino I col Soprano, Trombone I e Violino II coll' Alto, Trombone II e Viola col Tenore, Trombone III col Basso, Continuo)
Christum wir sollen loben schon,
Der reinen Magd Marien Sohn,
So weit die liebe Sonne leucht
Und an aller Welt Ende reicht.

2. Arie (Tenor, Oboe d`amore und Continou)
O du von Gott erhöhte Kreatur,
Begreife nicht, nein, nein, bewundre nur:
Gott will durch Fleisch des Fleisches Heil erwerben.
Wie groß ist doch der Schöpfer aller Dinge,
Und wie bist du verachtet und geringe,
Um dich dadurch zu retten vom Verderben.

3. Rezitativ (Alt und Continou)
Der Gnade unermesslich's Wesen
Hat sich den Himmel nicht
Zur Wohnstatt auserlesen,
Weil keine Grenze sie umschließt.
Was Wunder, dass allhie Verstand und Witz gebricht,
Ein solch Geheimnis zu ergründen,
Wenn sie sich in ein keusches Herze gießt.
Gott wählet sich den reinen Leib zu einem Tempel seiner Ehren,
Um zu den Menschen sich mit wundervoller Art zu kehren.

4. Arie (Bass, Violine I/II, Viola und Continou)
Johannis freudenvolles Springen
Erkannte dich, mein Jesu, schon.
Nun da ein Glaubensarm dich hält,
So will mein Herze von der Welt
Zu deiner Krippe brünstig dringen.

5. Rezitativ (Sopran und Continou)
Doch wie erblickt es dich in deiner Krippe?
Es seufzt mein Herz: mit bebender und fast geschlossner Lippe
Bringt es sein dankend Opfer dar.
Gott, der so unermesslich war,
Nimmt Knechtsgestalt und Armut an.
Und weil er dieses uns zugutgetan,
So lasset mit der Engel Chören
Ein jauchzend Lob- und Danklied hören!

6. Choral (Chor, Cornetto e Oboe d'amore e Violine I col Soprano, Trombone I e Violine II coll' Alto, Trombone II e Viola col Tenore, Trombone III, Continuo )
Lob, Ehr und Dank sei dir gesagt,
Christ, geborn von der reinen Magd,
Samt Vater und dem Heilgen Geist
Von nun an bis in Ewigkeit.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Cornetto, Posaunen I – III, Oboe d`amore, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 26. Dezember 1724
Textdichter: 1,6: Martin Luther 1524; 2-5: Umdichtung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: 2. Weihnachtsfeiertag
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (28.12.2010, 19:25):
Eben hatte ich mir die Radiomitschnitte der Kantaten zum 1. Weihnachtstag angehört:

Gelobet seist du, Jesu Christ BWV 91

Dorothee Blotzky-Mields, Ingeborg Danz, Mark Padmore, Peter Kooij


1: 02:57, 2: 01:51, 3: 02:47, 4: 01:16, 5: 06:54, 6: 00:57

Insgesamt eine sehr schöne Interpretation an der mir gefällt, dass Herreweghe niemals effektheischend und dabei vordergründig singen und musizieren lässt, sondern dass dies eher von innen kommt und dabei um so stärker wirkt. Die vier Gesangssolisten passen da sehr gut in das stimmige Gesamtbild der Aufnahme.


Unser Mund sei voll Lachens BWV 110

1) Arleen Auger, Ortrun Wenkel, Peter Schreier, Siegfried Lorenz


1: 06:34, 2: 03:42, 3: 00:32, 4: 04:08, 5: 03:39, 6: 04:19, 7: 00:54


2) Joanne Lunn, William Towers, James Gilchrist, Peter Harvey


1: 06:10, 2: 03:59, 3: 00:31, 4: 03:21, 5: 03:43, 6: 03:34, 7: 00:55


3) Hana Blazikova, Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij


1: 06:21, 2: 03:34, 3: 00:33, 4: 03:53, 5: 03:26, 6: 03:46, 7: 00:59

Nach dem ich mir diese 3 Aufnahmen von BWV 110 anhörte ist mein persönlicher Eindruck, dass mir die Aufnahme von Rotzsch zu gediegen klingt. Das ist zwar schon alles solide musiziert aber für mich doch insgesamt zu altbacken und bieder.

Ganz anders dagegen die Aufnahmen von Gardiner und Suzuki, die beide mit ihren hervorragenden Chören große Plus-Punkte aufbieten. Allein schon der Eingangschor wird von beiden viel abwechslungsreicher gestaltet als bei Rotzsch und dadurch klingt das viel lebendiger und auch spannender. Auch die übrigen Teile dieser Kantate werden für mich bei Gardiner und Suzuki stimmiger gestaltet.


Gloria in excelsis Deo BWV 191

Caroline Stam, Paul Agnew


1: 06:45, 2: 03:58, 3: 04:08

Diese Aufnahme bietet das gewohnt hohe Niveau, das man von Ton Koopman erwarten darf. Da diese Kantate eine Adaption von 3 Teilen aus dem Gloria der h-moll Messe ist hatte ich mir im Vergleich dazu die entsprechenden Stellen aus Gardiners Aufnahme der h-moll Messe angehört und Gardiner ist noch eine Spur virtuoser in den schnellen Partien. Koopman dagegen lässt es etwas bedächtiger angehen was aber auch durchaus in sich stimmig ist.
Armin70 (01.01.2011, 04:20):
Eben hatte ich erst gemerkt, dass Johann Sebastian Bach auch für den Neujahrstag Kantaten (BWV 16, 41, 143, 171, 190) komponierte, von denen 3 auch heute Vormittag gesendet werden:

MDR-Figaro: 06:30 – 07:00 Uhr
"Lobe den Herrn, meine Seele" BWV 143
Ruth Holton (Sopran)
James Gilchrist (Tenor)
Peter Harvey (Bass)
The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists
Leitung: John Eliot Gardiner

HR2-Kultur: 07:00 – 07:30 Uhr:
"Herr Gott, dich loben wir" BWV 16
Elisabeth Hermans, Sopran / Petra Noskaiová, Alt / Jan Kobow, Tenor / Jan van der Crabben, Bass / La Petite Bande / Sigiswald Kuijken

NDR-Kultur: 08:00 – 08:40 Uhr:
"Singet dem Herrn ein neues Lied" BWV 190
Elisabeth von Magnus, Alt / Paul Agnew, Tenor
Klaus Mertens, Bass
Amsterdamer Barockorchester und Chor
Ltg.: Ton Koopman

SWR2: 08:03 – 08:30 Uhr:
"Jesu, nun sei gepreiset" BWV 41
Sibylla Rubens (Sopran)
Annette Markert (Alt)
Christoph Prégardien (Tenor)
Klaus Mertens (Bass)
Amsterdamer Barockchor und Orchester
Leitung: Ton Koopman

SR2: 08:04 – 09:00 Uhr:
Weihnachts-Oratorium BWV 248 - 'Fallt mit Danken, fallt mit Loben', 4. Kantate: Am Neujahrstage: Christine Schäfer, Sopran Bernarda Fink, Alt Werner Güra, Tenor Gerald Finley, Bass Christian Gerhaher, Bass Arnold-Schönberg-Chor Concentus musicus Wien Leitung: Nikolaus Harnoncourt

BR-Klassik: 08:05 – 08:30 Uhr:
"Herr Gott, dich loben wir" BWV 16
Bogna Bartosz, Alt; Paul Agnew, Tenor; Klaus Mertens, Bass; Amsterdam Baroque Choir and Orchestra: Ton Koopman

WDR3: 09:03 – 10:00 Uhr:
"Herr Gott, dich loben wir" BWV 16
Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

RBB Kulturradio: 09:30 – 10:00 Uhr:
"Jesu, nun sei gepreiset" BWV 41
Yukari Nonoshita, Sopran
Robin Blaze, Countertenor
Jan Kobow, Tenor
Dominik Wörner, Bass
Bach Collegium Japan
Masaaki Suzuki

DRS2: 10:03 – 10:30 Uhr:
"Jesu, nun sei gepreiset" BWV 41
Ruth Holton, Sopran
Lucy Ballard, Alt
James Gilchrist, Tenor
Peter Harvey, Bass
The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists
Ltg. John Eliot Gardiner
Armin70 (01.01.2011, 20:29):
Eigentlich ist der morgige Sonntag bereits der 2. Sonntag nach dem Christfest, denn der 1. Sonntag nach dem Christfest war gleichzeitig der 2. Weihnachtstag, für den wiederum selbst eigene Kantaten vorliegen.

Das sog. Propirum (Zweck/Ereignis) des 1. Sonntags nach dem Christfest gilt aber nur für die Zeit vom 29.12 – 31.12. Danach tritt das Propirum des 2. Sonntags nach dem Christfest (02.01. - 05.01.) in Kraft. Aus diesem Grund haben sich die meisten Radiosender dazu entschlossen, von den überlieferten Bach-Kantaten für den 2. Sonntag nach dem Christfest (BWV 32, 58, 153 und 154) zwei davon zu übertragen (BWV 58 und 153).

Des weiteren werden noch die Kantaten BWV 3 (2. Sonntag nach Epiphanias) und BWV 122 (1. Sonntag nach dem Christfest).

MDR-Figaro 06:30 – 07:00 Uhr:
"Ach Gott, wie manches Herzeleid" (II) BWV 58
Ruth Holton (Sopran)
Peter Harvey (Bass)
The English Baroque Soloists
Leitung: John Eliot Gardiner

HR2-Kultur 07:00 – 07:30 Uhr:
"Ach Gott, wie manches Herzeleid" (II) BWV 58
Johannette Zomer, Sopran / Klaus Mertens, Bass / Amsterdam Baroque Choir and Orchestra / Ton Koopman

NDR-Kultur 08:00 – 08:40 Uhr:
"Ach Gott, wie manches Herzeleid" (I) BWV 3
Dorothee Mields, Sopran / Pascal Bertin, Altus
Gerd Türk, Tenor / Peter Kooy, Bass
Bach Collegium Japan / Concerto Palatino
Ltg.: Masaaki Suzuki

SWR2 08:03 – 09:00 Uhr:
"Singet dem Herrn ein neues Lied" BWV 225 - Motette
Stuttgarter Kammerchor
Barockorchester Stuttgart
Leitung: Frieder Bernius
+
"Schau, lieber Gott, wie meine Feind" BWV 153
Robin Blaze (Altus), Gerd Türk (Tenor), Peter Kooij (Bass), Bach Collegium Japan, Leitung: Masaaki Suzuki

SR2 08:04 – 09:00 Uhr:
Weihnachtsoratorium BWV 248 : Kantate Nr. 5- 'Ehre sei dir, Gott', Am Sonntag nach Neujahr – Kantate Nr. 6 'Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben', Am Fest der Erscheinung Christi: Christine Schäfer, Sopran/ Bernarda Fink, Alt/ Werner Güra, Tenor/ Gerald Finley, Bass/ Christian Gerhaher, Bass/ Arnold-Schönberg-Chor/ Concentus musicus Wien Leitung: Nikolaus Harnoncourt

BR-Klassik 08:05 – 08:30 Uhr:
"Ach Gott, wie manches Herzeleid" (II) BWV 58
Nancy Argenta, Sopran; Klaus Mertens, Bass; La Petite Bande: Sigiswald Kuijken

WDR3 09:05 – 10:00 Uhr:
"Das neugeborne Kindelein" BWV 122
Deborah York, Sopran
Franziska Gottwald, Alt
Paul Agnew, Tenor
Klaus Mertens, Bass
Amsterdam Baroque Choir and Orchestra, Ton Koopman

RBB Kulturradio 09:30 – 10:00 Uhr:
„Ach Gott, wie manches Herzeleid“ (II) BWV 58
Sheila Armstrong, Sopran
Dietrich Fischer-Dieskau, Bass
Münchener Bach-Chor & -Orchester
Gerhard Hetzel, Violine
Karl Richter
Armin70 (03.01.2011, 21:40):
Kantaten zum Neujahrstag:

In der alten christlichen Kirche wurde der Neujahrstag bewusst als Fastentag begangen. Das lag daran, dass die Römer in der Zeit vom 17.12. bis zum 24.12. die sich bis ins überschwängliche steigernde Fest des „Sol invictus“ (eine Feier zu Ehren des römischen Sonnengottes; „unbesiegter Sonnengott“) feierten. Den Christen erschien dies als heidnische Sündhaftigkeit und sie wendeten sich in dieser Zeit bußfertig zu Gott hin.

Im 6. Jahrhundet begann man, den Neujahrstag als „Tag der Beschneidung und Namesgebung Jesu“ zu feiern. Allerdings ging dieser Sinn in der protestantischen Kirche im Verlauf des 17. Jahrhunderts verloren und der einzige Inhalt des Tages war seitdem schlicht und einfach der Jahresanfang mit der Erkenntnis, dass nicht wir, sondern allein Gott, auf dem wir vertrauen dürfen, die Zukunft in seinen Händen hält.

Ich beschränke mich auf die Kantaten, die ich selbst habe bzw. aus dem Radio mitgeschnitten habe.

Lobe den Herrn, meine Seele BWV 143

Bei dieser Kantate ist die Autorenschaft von Johann Sebastian Bach umstritten. Allerdings wurde sie in die neuste Bach-Edition mitaufgenommen. Vermutlich fand die erste Aufführung am Neujahrstag des Jahres 1735 statt, was aber nicht gesichert ist. Bach-Experte gehen eher davon aus, dass diese Kantate bereits deutlich früher entstanden sein muss, d. h. während Bachs Zeit in Mühlhausen (1707 – 1708) oder danach in Weimar (1708 – 1714).
Auffällig an dieser Kantate, dass Bach hier 3 Hörner und nicht Trompeten mit den Pauken kombiniert. Dadurch entsteht ein prächtiger und festlich-prunkvoller Klang.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Lobe den Herrn, meine Seele.

2. Choral (Sopran, Violine und Continou)
Du Friedefürst, Herr Jesu Christ,
Wahr' Mensch und wahrer Gott,
Ein starker Nothelfer du bist
Im Leben und im Tod;
Drum wir allein
Im Namen dein
Zu deinem Vater schreien.

3. Rezitativ (Tenor und Continou)
Wohl dem, des Hülfe der Gott Jakob ist, des Hoffnung auf dem Herrn, seinem Gotte, stehet.

4. Arie (Tenor, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou)
Tausendfaches Unglück, Schrecken,
Trübsal, Angst und schneller Tod,
Völker, die das Land bedecken,
Sorgen und sonst noch mehr Not
Sehen andre Länder zwar,
Aber wir ein Segensjahr.

5. Arie (Bass, Hörner I – III, Fagott, Continou und Pauken)
Der Herr ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für.

6. Arie (Tenor, Fagott, Violine I/II, Viola und Continou)
Jesu, Retter deiner Herde,
Bleibe ferner unser Hort,
Dass dies Jahr uns glücklich werde,
Halte Wacht an jedem Ort.
Führ, o Jesu, deine Schar
Bis zu jenem neuen Jahr.

7. Chor (Chor und Orchester)
Halleluja.
Gedenk, Herr, jetzund an dein Amt,
Dass du ein Friedfürst bist,
Und hilf uns gnädig allesamt
Jetzund zu dieser Frist;
Laß uns hinfort
Dein göttlich Wort
Im Fried noch länger schallen.

Besetzung: Soli (Sopran, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Hörner (Corno da caccia) I – III, Fagott, Violine I/II, Viola, Continou und Pauken
Entstehungszeit: ca. 1708
Text: unbekannter Dichter; 1: Psalm 146,1; 3: Psalm 146,5; 5: Psalm 146,10; 2,7: Jakob Ebert 1601
Anlass: Neujahr
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)


Herr Gott, dich loben wir BWV 16

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate nach Texten von Georg Christian Lehm, Martin Luther und Paul Eber für den Neujahrstag im Jahr 1726. Prägend für diese Kantate ist der als Chor-Fantasie angelegte Eingangschor.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Herr Gott, dich loben wir,
Herr Gott, wir danken dir.
Dich, Gott Vater in Ewigkeit,
Ehret die Welt weit und breit.

2. Rezitativ (Bass und Continou)
So stimmen wir
Bei dieser frohen Zeit
Mit heißer Andacht an
Und legen dir,
O Gott, auf dieses neue Jahr
Das erste Herzensopfer dar.
Was hast du nicht von Ewigkeit
Vor Heil an uns getan,
Und was muss unsre Brust
Noch jetzt vor Lieb und Treu verspüren!
Dein Zion sieht vollkommne Ruh,
Es fällt ihm Glück und Segen zu;
Der Tempel schallt
Von Psaltern und von Harfen,
Und unsre Seele wallt,
Wenn wir nur Andachtsglut in Herz und Munde führen.
O, sollte darum nicht ein neues Lied erklingen
Und wir in heißer Liebe singen?

3. Arie Bass und Chor (Bass, Chor, Corno da caccia, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou)
Chor
Laßt uns jauchzen, lasst uns freuen:
Gottes Güt und Treu
Bleibet alle Morgen neu.
Bass
Krönt und segnet seine Hand,
Ach so glaubt, dass unser Stand
Ewig, ewig glücklich sei.

4. Rezitativ (Alt und Continou)
Ach treuer Hort,
Beschütz auch fernerhin dein wertes Wort,
Beschütze Kirch und Schule,
So wird dein Reich vermehrt
Und Satans arge List gestört;
Erhalte nur den Frieden
Und die beliebte Ruh,
So ist uns schon genug beschieden,
Und uns fällt lauter Wohlsein zu.
Ach! Gott, du wirst das Land
Noch ferner wässern,
Du wirst es stets verbessern,
Du wirst es selbst mit deiner Hand
Und deinem Segen bauen.
Wohl uns, wenn wir
Dir für und für,
Mein Jesus und mein Heil, vertrauen.

5. Arie (Tenor, Oboe da caccia, Violetta und Continou)
Geliebter Jesu, du allein
Sollst meiner Seelen Reichtum sein.
Wir wollen dich vor allen Schätzen
In unser treues Herze setzen,
Ja, wenn das Lebensband zerreißt,
Stimmt unser gottvergnügter Geist
Noch mit den Lippen sehnlich ein:
Geliebter Jesu, du allein
Sollst meiner Seelen Reichtum sein.

6. Choral (Chor und Orchester)
All solch dein Güt wir preisen,
Vater ins Himmels Thron,
Die du uns tust beweisen
Durch Christum, deinen Sohn,
Und bitten ferner dich,
Gib uns ein friedlich Jahre,
Vor allem Leid bewahre
Und nähr uns mildiglich.

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Corno da caccia, Oboe da caccia, Violine I/II, Viola, Violetta (entspr. der Viola da Gamba) und Continou
Entstehungszeit: 01. Januar 1726
Textdichter: 1-5: Georg Christian Lehm 1711; 6: Paul Eber um 1580
Anlass: Neujahrstag
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)


Singet dem Herrn ein neues Lied BWV 190

Diese Kantate entstand anlässlich des Neujahrstags des Jahres 1724. Bach arbeitete die Kantate im Jahr 1730 für die Zweihundertjahrfeier des Augsburger Bekenntnis (Die Confessio Augustana wurde am 25. Juni 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg Kaiser Karl V. von den Reichsständen der lutherischen Reformation dargelegt. Sie gehört noch heute zu den verbindlichen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen.) zu BWV 190a um.

Der Text dieser Kantate ist überwiegend geprägt von Lob und Dank für die Gaben in der Vergangenheit. Dies unterstreicht auch der festlich-prunkvolle Charakter des Werkes mit den 3 Trompeten und Pauken, die zur Orchesterbesetzung gehören.

Nach einer weiteren Aufführung der Kantate in den 1730er Jahren gingen Teile der Stimmen verloren. Teilweise sind nur die Sing- sowie die Violinstimmen erhalten. Die fehlenden Partien wurden u. a. von Ton Koopman rekonstruiert.

Die gleiche Thematik für diesen Festtag behandelte Bach auch in der 4. Kantate (01. Januar 1735) seines Weihnachtsoratoriums.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Singet dem Herrn ein neues Lied! Die Gemeine der Heiligen soll ihn loben!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!
Herr Gott, dich loben wir!
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!
Herr Gott, wir danken dir!
Alleluja!

2. Choral und Rezitativ (Alt, Tenor, Bass und Orchester)
Herr Gott, dich loben wir,
Bass
Dass du mit diesem neuen Jahr
Uns neues Glück und neuen Segen schenkest
Und noch in Gnaden an uns denkest.
Herr Gott, wir danken dir,
Tenor
Dass deine Gütigkeit
In der vergangnen Zeit
Das ganze Land und unsre werte Stadt
Vor Teurung, Pestilenz und Krieg behütet hat.
Herr Gott, dich loben wir,
Alt
Denn deine Vatertreu
Hat noch kein Ende,
Sie wird bei uns noch alle Morgen neu.
Drum falten wir,
Barmherzger Gott, dafür
In Demut unsre Hände
Und sagen lebenslang
Mit Mund und Herzen Lob und Dank.
Herr Gott, wir danken dir!

3. Arie (Alt, Violine I/II, Viola und Continou)
Lobe, Zion, deinen Gott,
Lobe deinen Gott mit Freuden,
Auf! erzähle dessen Ruhm,
Der in seinem Heiligtum
Fernerhin dich als dein Hirt
Will auf grüner Auen weiden.

4. Rezitativ (Bass und Continou)
Es wünsche sich die Welt,
Was Fleisch und Blute wohlgefällt;
Nur eins, eins bitt ich von dem Herrn,
Dies eine hätt ich gern,
Dass Jesus, meine Freude,
Mein treuer Hirt, mein Trost und Heil
Und meiner Seelen bestes Teil,
Mich als ein Schäflein seiner Weide
Auch dieses Jahr mit seinem Schutz umfasse
Und nimmermehr aus seinen Armen lasse.
Sein guter Geist,
Der mir den Weg zum Leben weist,
Regier und führe mich auf ebner Bahn,
So fang ich dieses Jahr in Jesu Namen an.

5. Aria – Duett (Tenor, Bass, Oboe d`amore und Continou)
Jesus soll mein alles sein,
Jesus soll mein Anfang bleiben,
Jesus ist mein Freudenschein,
Jesu will ich mich verschreiben.
Jesus hilft mir durch sein Blut,
Jesus macht mein Ende gut.

6. Rezitativ (Tenor, Violine I/II, Viola und Continou)
Nun, Jesus gebe,
Dass mit dem neuen Jahr auch sein Gesalbter lebe;
Er segne beides, Stamm und Zweige,
Auf dass ihr Glück bis an die Wolken steige.
Es segne Jesus Kirch und Schul,
Er segne alle treue Lehrer,
Er segne seines Wortes Hörer;
Er segne Rat und Richterstuhl;
Er gieß auch über jedes Haus
In unsrer Stadt die Segensquellen aus;
Er gebe, dass aufs neu
Sich Fried und Treu
In unsern Grenzen küssen mögen.
So leben wir dies ganze Jahr im Segen.

7. Choral (Chor und Orchester)
Laß uns das Jahr vollbringen
Zu Lob dem Namen dein,
Dass wir demselben singen
In der Christen Gemein;
Wollst uns das Leben fristen
Durch dein allmächtig Hand,
Erhalt deine lieben Christen
Und unser Vaterland.
Dein Segen zu uns wende,
Gib Fried an allem Ende;
Gib unverfälscht im Lande
Dein seligmachend Wort.
Die Heuchler mach zuschanden
Hier und an allem Ort.

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Trompeten I – III, Oboen I – III, Oboe d`amore, Fagott, Violine I/II, Viola, Continou und Pauken
Entstehungszeit: 01. Januar 1724
Textdichter: unbekannter Dichter; 1: Psalmen 149,1 150,4 150,6 und Martin Luther 1529; 7. Johannes Herman 1593
Anlass: Neujahrstag
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)


Jesu, nun sei gepreiset BWV 41

Bach komponierte diese Kantate ausdrücklich für den Tag der „Beschneidung und Namensgebung Jesu“ im Jahr 1724 und wurde am 1. Januar 1725 erstmals aufgeführt. Inhaltlich geht es um das Gedenken an die Beschneidung Jesu acht Tage nach seiner Geburt. Dazu ist im Evangelium nach Lukas 2, 21 zu lesen: „Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war“. Seit dem Frühmittelalter wird dieser Tag am 01. Januar gefeiert.

Diese Kantate wurde später zu Bachs Lebzeiten nochmals zwischen 1732 und 1735 aufgeführt.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Jesu, nun sei gepreiset
Zu diesem neuen Jahr
Für dein Güt, uns beweiset
In aller Not und G'fahr,
Dass wir haben erlebet
Die neu fröhliche Zeit,
Die voller Gnaden schwebet
Und ewger Seligkeit;
Dass wir in guter Stille
Das alt Jahr habn erfüllet.
Wir wolln uns dir ergeben
Itzund und immerdar,
Behüte Leib, Seel und Leben
Hinfort durchs ganze Jahr!

2. Arie (Sopran, Oboen I – III und Continou)
Laß uns, o höchster Gott, das Jahr vollbringen,
Damit das Ende so wie dessen Anfang sei.
Es stehe deine Hand uns bei,
Dass künftig bei des Jahres Schluss
Wir bei des Segens Überfluss
Wie itzt ein Halleluja singen.

3. Rezitativ (Alt und Continou)
Ach! deine Hand, dein Segen muss allein
Das A und O, der Anfang und das Ende sein.
Das Leben trägest du in deiner Hand,
Und unsre Tage sind bei dir geschrieben;
Dein Auge steht auf Stadt und Land;
Du zählest unser Wohl und kennest unser Leiden,
Ach! gib von beiden,
Was deine Weisheit will, worzu dich dein Erbarmen angetrieben.

4. Arie (Tenor, Violoncello piccolo solo und Continou)
Woferne du den edlen Frieden
Vor unsern Leib und Stand beschieden,
So lass der Seele doch dein selig machend Wort.
Wenn uns dies Heil begegnet,
So sind wir hier gesegnet
Und Auserwählte dort!

5. Rezitativ (Bass, Chor und Continou)
Doch weil der Feind bei Tag und Nacht
Zu unserm Schaden wacht
Und unsre Ruhe will verstören,
So wollest du, o Herze Gott, erhören,
Wenn wir in heiliger Gemeine beten:
Den Satan unter unsre Füße treten.
So bleiben wir zu deinem Ruhm
Dein auserwähltes Eigentum
Und können auch nach Kreuz und Leiden
Zur Herrlichkeit von hinnen scheiden.

6. Choral (Chor und Orchester)
Dein ist allein die Ehre,
Dein ist allein der Ruhm;
Geduld im Kreuz uns lehre,
Regier all unser Tun,
Bis wir fröhlich abscheiden
Ins ewig Himmelreich,
Zu wahrem Fried und Freude,
Den Heilgen Gottes gleich.
Indes machs mit uns allen
Nach deinem Wohlgefallen:
Solchs singet heut ohn Scherzen
Die christgläubige Schar
Und wünscht mit Mund und Herzen
Ein seligs neues Jahr.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Trompeten I – III, Oboen I – III, Violine I/II, Viola, Violoncello piccolo, Continou und Pauken
Entstehungszeit: 01. Januar 1725
Textdichter: 1,6: Johannes Herman; 2-5: Umdichtungen eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: Neujahrstag/Tag der Beschneidung und Namensgebung Jesu
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (03.01.2011, 23:03):
Kantaten zum Sonntag nach Neujahr

Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 58

Die Kantate entstand vermutlich 1727 in Leipzig und wurde 1734 oder 1735 umgearbeitet. Die Uraufführung fiel auf den 5. Januar 1727.

Das Evangelium des Sonntags nach Neujahr erzählt von der Flucht der heiligen Familie vor Herodes nach Ägypten (Mt 2,13-15 LUT). Die Kantate legt diese Geschichte als Kampf der Welt gegen den Glauben aus. Dabei wird in der Regel, analog zu anderen Dialogkantaten, der Sopran als Stimme der „gläubigen Seele“, der Bass als Stimme Gottes bzw. Christi interpretiert. Die dramatische und kontrastreiche musikalische Gestaltung Bachs stützt diese Deutung.

Text:

1. Choral und Arie (Sopran, Bass, Oboe I/II, Taille, Violine I/II, Viola und Continou)
Ach Gott, wie manches Herzeleid
Begegnet mir zu dieser Zeit!
Der schmale Weg ist Trübsals voll,
Den ich zum Himmel wandern soll.
Nur Geduld, Geduld, mein Herze,
Es ist eine böse Zeit!
Doch der Gang zur Seligkeit
Führt zur Freude nach dem Schmerze.

2. Rezitativ (Bass und Continou)
Verfolgt dich gleich die arge Welt,
So hast du dennoch Gott zum Freunde,
Der wider deine Feinde
Dir stets den Rücken hält.
Und wenn der wütende Herodes
Das Urteil eines schmähen Todes
Gleich über unsern Heiland fällt,
So kommt ein Engel in der Nacht,
Der lässet Joseph träumen,
Dass er dem Würger soll entfliehen
Und nach Ägypten ziehen.
Gott hat ein Wort, das dich vertrauend macht.
Er spricht: Wenn Berg und Hügel niedersinken,
Wenn dich die Flut des Wassers will ertrinken,
So will ich dich doch nicht verlassen noch versäumen.

3. Arie (Sopran, Violine solo und Continou)
Ich bin vergnügt in meinem Leiden,
Denn Gott ist meine Zuversicht.
Ich habe sichern Brief und Siegel,
Und dieses ist der feste Riegel,
Den bricht die Hölle selber nicht.

4. Rezitativ (Sopran und Continou)
Kann es die Welt nicht lassen,
Mich zu verfolgen und zu hassen,
So weist mir Gottes Hand
Ein andres Land.
Ach! könnt es heute noch geschehen,
Dass ich mein Eden möchte sehen!

5. Choral und Arie (Sopran, Bass, Oboe I/II, Taille, Violine I/II, Viola und Continou)
Ich hab für mir ein schwere Reis
Zu dir ins Himmels Paradeis,
Da ist mein rechtes Vaterland,
Daran du dein Blut hast gewandt.
Nur getrost, getrost, ihr Herzen,
Hier ist Angst, dort Herrlichkeit!
Und die Freude jener Zeit
Überwieget alle Schmerzen.

Besetzung: Soli (Sopran, Bass), Oboe I/II, Taille, Violino solo, Violino I/II, Viola und Continuo
Entstehungszeit: 05. Januar 1727
Textdichter: 1: Martin Moller 1587; 2-4: unbekannter Dichter; 5: Martin Behm 1610
Anlass: Sonntag nach Neujahr
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)


Schau, lieber Gott, wie meine Feind BWV 153

Bach schrieb die Kantate in seinem ersten Jahr in Leipzig für den Sonntag nach Neujahr 1724. Die vorgeschriebenen Lesungen waren 1 Petr 4,12-19 LUT und Mt 2,13-23 LUT, die Flucht nach Ägypten. Der unbekannte Textdichter nahm den Kindermord in Betlehem zum Anlass, allgemein die Situation des Christen zu beleuchten, der von Feinden bedrängt wird. Der Dichter ist möglicherweise derselbe, der auch unmittelbar zuvor die Weihnachts-Kantaten Darzu ist erschienen der Sohn Gottes und Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget verfasste, denn in allen diesen Werken kommen drei Choralstrophen vor. Die Kantate beginnt mit einem Choral, der ersten Strophe von David Denickes Schau, lieber Gott, wie meine Feind (1646). Satz 5 ist die fünfte Strophe von Paul Gerhardts Befiehl du deine Wege (1656), bekannt als Satz 44 der Matthäus-Passion. Die Worte erwähnen die äußersten Feinde: "Und ob gleich alle Teufel". Die Kantate endet mit den Strophen 16 bis 18 des Chorals Ach Gott, wie manches Herzeleid (1587), der Martin Moller zugeschrieben wurde. Bach benutzte diesen Choral später als Grundlage für seine Choralkantate Ach Gott, wie manches Herzeleid (BWV 3) sowie die erste Strophe 1727 für Ach Gott, wie manches Herzeleid (BWV 58).

Die Kantate beginnt mit einem vierstimmigen Choral, was für Bachs Kantaten ungewöhnlich ist, doch verständlich, wenn man bedenkt, dass dies nach BWV 40, BWV 64 und BWV 190 die vierte neue Kantate der Weihnachtszeit 1723 war und BWV 65 für Epiphanias noch folgte. Bach wollte vielleicht seinen Chor entlasten.
Alle Rezitative sind secco, nur vom continuo begleitet, doch enden als Arioso. Bach bezeichnete Satz 3 als Arioso, doch ist er fast eine Arie. Das Bibel-Wort aus Jes 4,10 LUT, "Fürchte dich nicht, ich bin mit dir", ist dem Bass als der Vox Christi anvertraut, als ob Jesus es selbst spricht. Das Ritornell von acht Takte ist fast den ganzen Satz über in verschiedenen Tonarten gegenwärtig.
Nur zwei der neun Sätze sind Arien. Die erste, Satz 6, beschreibt die Feinde in schnellen Violinpassagen, scharfen punktierten Rhythmen und kühner Harmonik. John Eliot Gardiner vergleicht ihre Intensität mit der Arie des Petrus Ach, mein Sinn aus der Johannes-Passion. Die zweite Arie, Satz 8, ist ein Menuett, das Bach wahrscheinlich aus seiner weltlichen Musik entwickelt hat, um ewige Freude zu beschreiben. Zweimal spielen die Instrumente einen Abschnitt und wiederholen ihn, während die Singstimme hineingewoben wird. Im zweiten vokalen Abschnitt werden die Worte "Daselbsten verwechselt mein Jesus das Leiden mit seliger Wonne, mit ewigen Freuden" durch ein neues Thema dargestellt, das Allegro bezeichnet ist. Danach wiederholen die Instrumente ihren zweiten Abschnitt als Nachspiel.

Text:

1. Choral (Chor und Orchester)
Schau, lieber Gott, wie meine Feind,
Damit ich stets muss kämpfen,
So listig und so mächtig seind,
Dass sie mich leichtlich dämpfen!
Herr, wo mich deine Gnad nicht hält,
So kann der Teufel, Fleisch und Welt
Mich leicht in Unglück stürzen.

2. Rezitativ (Alt und Continou)
Mein liebster Gott, ach lass dichs doch erbarmen,
Ach hilf doch, hilf mir Armen!
Ich wohne hier bei lauter Löwen und bei Drachen,
Und diese wollen mir durch Wut und Grimmigkeit
In kurzer Zeit
Den Garaus völlig machen.

3. Arie (Bass und Continou)
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Weiche nicht, ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

4. Rezitativ (Tenor und Continou)
Du sprichst zwar, lieber Gott, zu meiner Seelen Ruh
Mir einen Trost in meinen Leiden zu.
Ach, aber meine Plage
Vergrößert sich von Tag zu Tage,
Denn meiner Feinde sind so viel,
Mein Leben ist ihr Ziel,
Ihr Bogen wird auf mich gespannt,
Sie richten ihre Pfeile zum Verderben,
Ich soll von ihren Händen sterben;
Gott! meine Not ist dir bekannt,
Die ganze Welt wird mir zur Marterhöhle;
Hilf, Helfer, hilf! errette meine Seele!

5. Choral (Chor und Orchester)
Und ob gleich alle Teufel
Dir wollten widerstehn,
So wird doch ohne Zweifel
Gott nicht zurücke gehn;
Was er ihm fürgenommen
Und was er haben will,
Das muss doch endlich kommen
Zu seinem Zweck und Ziel.

6. Arie (Tenor, Violine I/II, Viola und Continou)
Stürmt nur, stürmt, ihr Trübsalswetter,
Wallt, ihr Fluten, auf mich los!
Schlagt, ihr Unglücksflammen,
Über mich zusammen,
Stört, ihr Feinde, meine Ruh,
Spricht mir doch Gott tröstlich zu:
Ich bin dein Hort und Erretter.

7. Rezitativ (Bass und Continou)
Getrost! mein Herz,
Erdulde deinen Schmerz,
Laß dich dein Kreuz nicht unterdrücken!
Gott wird dich schon
Zu rechter Zeit erquicken;
Muss doch sein lieber Sohn,
Dein Jesus, in noch zarten Jahren
Viel größre Not erfahren,
Da ihm der Wüterich Herodes
Die äußerste Gefahr des Todes
Mit mörderischen Fäusten droht!
Kaum kömmt er auf die Erden,
So muss er schon ein Flüchtling werden!
Wohlan, mit Jesu tröste dich
Und glaube festiglich:
Denjenigen, die hier mit Christo leiden,
Will er das Himmelreich bescheiden.

8. Arie (Alt, Violine I/II, Viola und Continou)
Soll ich meinen Lebenslauf
Unter Kreuz und Trübsal führen,
Hört es doch im Himmel auf.
Da ist lauter Jubilieren,
Daselbsten verwechselt mein Jesus das Leiden
Mit seliger Wonne, mit ewigen Freuden.

9. Choral (Chor und Orchester)
Drum will ich, weil ich lebe noch,
Das Kreuz dir fröhlich tragen nach;
Mein Gott, mach mich darzu bereit,
Es dient zum Besten allezeit!
Hilf mir mein Sach recht greifen an,
Dass ich mein' Lauf vollenden kann,
Hilf mir auch zwingen Fleisch und Blut,
Für Sünd und Schanden mich behüt!
Erhalt mein Herz im Glauben rein,
So leb und sterb ich dir allein;
Jesu, mein Trost, hör mein Begier,
O mein Heiland, wär ich bei dir!

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 02. Januar 1724
Textdichter: unbekannter Dichter; 1: David Denicke 1646; 3: Jesaias 14,10; 9: Martin Moller 1587
Anlass: Sonntag nach Neujahr
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (03.01.2011, 23:08):
Gestern wurden noch die Kantaten BWV 3 und 122 gespielt, die nicht für den Sonntag nach Neujahr komponiert wurden. Dennoch möchte ich auch diese hier vorstellen.

Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 3

Diese Kantate komponierte Johann Sebastian Bach für den 2. Sonntag nach Epiphanias (Tag der Erscheinung des Herrn; Dreikönigsfest oder Dreikönigstag), der in jenem Jahr auf den 14. Januar 1725 fiel.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Ach Gott, wie manches Herzeleid
Begegnet mir zu dieser Zeit!
Der schmale Weg ist trübsalvoll,
Den ich zum Himmel wandern soll.

2. Rezitativ und Choral (Sopran, Alt, Tenor, Bass und Continou)
Wie schwerlich lässt sich Fleisch und Blut
Tenor
So nur nach Irdischem und Eitlem trachtet
Und weder Gott noch Himmel achtet,
Zwingen zu dem ewigen Gut!
Alt
Da du, o Jesu, nun mein alles bist,
Und doch mein Fleisch so widerspenstig ist.
Wo soll ich mich denn wenden hin?
Sopran
Das Fleisch ist schwach, doch will der Geist;
So hilf du mir, der du mein Herze weißt.
Zu dir, o Jesu, steht mein Sinn.
Bass
Wer deinem Rat und deiner Hilfe traut,
Der hat wohl nie auf falschen Grund gebaut,
Da du der ganzen Welt zum Trost gekommen,
Und unser Fleisch an dich genommen,
So rettet uns dein Sterben
Vom endlichen Verderben.
Drum schmecke doch ein gläubiges Gemüte
Des Heilands Freundlichkeit und Güte.

3. Arie (Bass und Continou)
Empfind ich Höllenangst und Pein,
Doch muss beständig in dem Herzen
Ein rechter Freudenhimmel sein.
Ich darf nur Jesu Namen nennen,
Der kann auch unermessne Schmerzen
Als einen leichten Nebel trennen.

4. Rezitativ (Tenor und Continou)
Es mag mir Leib und Geist verschmachten,
Bist du, o Jesu, mein
Und ich bin dein,
Will ichs nicht achten.
Dein treuer Mund
Und dein unendlich Lieben,
Das unverändert stets geblieben,
Erhält mir noch den ersten Bund,
Der meine Brust mit Freudigkeit erfüllet
Und auch des Todes Furcht, des Grabes Schrecken stillet.
Fällt Not und Mangel gleich von allen Seiten ein,
Mein Jesus wird mein Schatz und Reichtum sein.

5. Arie – Duett (Sopran, Alt, Oboe d`amore I/II, Violine I all unsisono und Continou)
Wenn Sorgen auf mich dringen,
Will ich in Freudigkeit
Zu meinem Jesu singen.
Mein Kreuz hilft Jesus tragen,
Drum will ich gläubig sagen:
Es dient zum besten allezeit.

6. Choral (Chor und Orchester)
Erhalt mein Herz im Glauben rein,
So leb und sterb ich dir allein.
Jesu, mein Trost, hör mein Begier,
O mein Heiland, wär ich bei dir.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Horn, Posaune, Oboe d`amore I/II, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 14. Januar 1725
Textdichter: 1,2,6: Martin Moller 1587; 3-5: Umdichtung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: 2. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)


Das neugeborne Kindelein BWV 122

Bach komponierte diese Kantate für den Sonntag nach dem Christfest im Jahr 1724. Inhaltlich geht es in diesem Sonntag nach dem Christfest um Simeon, der in Jesus, dem Baby, den Heiland erkennt.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Das neugeborne Kindelein,
Das herzeliebe Jesulein
Bringt abermal ein neues Jahr
Der auserwählten Christenschar.

2. Arie (Bass und Continou)
O Menschen, die ihr täglich sündigt,
Ihr sollt der Engel Freude sein.
Ihr jubilierendes Geschrei,
Dass Gott mit euch versöhnet sei,
Hat euch den süßen Trost verkündigt.

3. Rezitativ und Choral (Sopran, Flauto I – III und Continou)
Die Engel, welche sich zuvor
Vor euch als vor Verfluchten scheuen,
Erfüllen nun die Luft im höhern Chor,
Um über euer Heil sich zu erfreuen.
Gott, so euch aus dem Paradies
Aus englischer Gemeinschaft stieß,
Läßt euch nun wiederum auf Erden
Durch seine Gegenwart vollkommen selig werden:
So danket nun mit vollem Munde
Vor die gewünschte Zeit im neuen Bunde.

4. Choral und Aria – Duett (Alt - Choral, Sopran, Tenor, Violine I/II, Viola und Continou)
Ist Gott versöhnt und unser Freund,
O wohl uns, die wir an ihn glauben,
Was kann uns tun der arge Feind?
Sein Grimm kann unsern Trost nicht rauben;
Trotz Teufel und der Höllen Pfort,
Ihr Wüten wird sie wenig nützen,
Das Jesulein ist unser Hort.
Gott ist mit uns und will uns schützen.

5. Rezitativ (Bass und Choral)
Dies ist ein Tag, den selbst der Herr gemacht,
Der seinen Sohn in diese Welt gebracht.
O selge Zeit, die nun erfüllt!
O gläubigs Warten, das nunmehr gestillt!
O Glaube, der sein Ende sieht!
O Liebe, die Gott zu sich zieht!
O Freudigkeit, so durch die Trübsal dringt
Und Gott der Lippen Opfer bringt!

6. Choral (Chor und Orchester)
Es bringt das rechte Jubeljahr,
Was trauern wir denn immerdar?
Frisch auf! itzt ist es Singenszeit,
Das Jesulein wendt alles Leid.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Flauto I – III, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 31. Dezember 1724
Textdichter: 1,4,6: Cyriakus Schneegaß 1597; 2-5: Umdichtung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: Sonntag nach Weihnachten
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Jürgen (04.01.2011, 14:15):
Schön, Armin, dass Du über die Feiertage hier die Stellung gehalten hast.
Ich bin leider kaum zum Musikhören gekommen, konnte aber einige Mitschnitte machen.

Zum Beispiel BWV 58 mit Gardiner SDG und Richter.
Besonders beeindruckend ist das Schlussduett, was mir bei Gardiner besser gefällt als bei Richter, bei dem DFD den Bass singt und mir daher nicht gefällt.

Ich kenne noch Rilling, Leusinck und Harnoncourt, die sich dazwischen ansiedeln. Rilling ist nur knapp hinter Gardiner. Er setzt Akzente durch klare Strukturen und besetzt den Sopran im zweiten Duett mit einem Chor. Das ist auch keine schlechte Lösung.
Harnoncourt hat wieder seinen Knabensopran und Leusinck wenig Esprit.

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P17a%5BSDG-2CD%5D.jpg

Grüße
Jürgen
Armin70 (04.01.2011, 18:50):
Bei den vielen Sendungen, die ich mir über die Feiertage aufgenommen habe, darunter allein 5 verschiedene Gesamtaufnahmen von Bachs Weihnachtsoratorium (Chailly, Veldhoven, Max, Harnoncourt II, Dijkstra) und die verschiedenen Bach-Kantaten habe ich einiges aufzuholen.

Eben hatte ich mir folgende Aufnahmen von der Kantate "Christum wir sollen loben schon" BWV 121 angehört:

1.:
Lisa Larsson, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens

1) 02:35, 2) 05:39, 3) 01:03, 4) 08:19, 5) 00:56, 6) 00:58

2.:
Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51JRJBB5HPL._SS500_.jpg
1) 02:53, 2) 04:19, 3) 01:09, 4) 06:27, 5) 00:54, 6) 01:13

3.:
Cecile Cote, Petra Noskaiova, Henning Kaiser, Benoit Giaux

1) 02:49, 2) 05:13, 3) 01:04, 4) 07:50, 5) 00:55, 6) 01:18

Diese 3 Aufnahmen sind meiner Meinung nach alle auf einem sehr hohen Niveau. Letztlich finde ich Suzukis Aufnahme aber doch am überzeugensten, weil sie das ausgewogenste Solistenquartett hat und Suzuki die Partitur am differenziertesten auslotet und vom Orchester mehr Akzente kommen.
Die eigentlich interessante Aufnahme von Tubery leidet etwas darunter, dass die Sänger/innen von der Aufnahmetechnik etwas zu sehr in den Hintergrund gedrängt wurden.
Bei Koopman gefallen mir von den Solisten nur Lisa Larsson, die leider nur ein Rezitativ zu singen hat und Klaus Mertens mit der eindrucksvollen Bass-Arie, die allerdings Peter Kooij bei Suzuki mit mehr Verve gestaltet.
Armin70 (04.01.2011, 19:56):
Von der Kantate "Dazu ist erschienen der Sohn Gottes" BWV 40 hatte ich mir im Vergleich folgende Aufnahmen angehört:

1.:
Ortrun Wenkel, Peter Schreier, Siegfried Lorenz

1) 04:11, 2) 01:26, 3) 00:53, 4) 02:18, 5) 01:07, 6) 01:02, 7) 04:08, 8) 01:22

2.:
Bogna Bartosz, Jörg Dürmüller, Klaus Mertens

1) 03:33, 2) 01:07, 3) 00:46, 4) 02:02, 5) 01:29, 6) 00:46, 7) 03:24, 8) 01:04

Die Aufnahme von Rotzsch hat mir recht gut gefallen, obwohl die Tempi im Vergleich zu Koopmans Aufnahme etwas behäbiger geraten sind. Allerdings sagt mir insgesamt Koopmans Aufnahme doch mehr zu. Allein der herrliche Klang der Naturhörner ist schon erstklassig. Des weiteren bin ich kein Fan von Knabenchören, auch wenn es sich um den Thomanerchor handelt und der Amsterdam Baroque Choir ist da eindeutig mehr nach meinem Geschmack.
Armin70 (04.01.2011, 20:13):
Hier meine Eindrücke von den Aufnahmen der Kantate "Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet" BWV 57

1.:
Dorothea Röschmann, Thomas Quasthoff

1) 03:21, 2) 01:19, 3) 04:32, 4) 00:23, 5) 05:37, 6) 01:21, 7) 03:46, 8) 00:36

2.:
Salome Haller, Stephan MacLeod

1) 03:23, 2) 01:25, 3) 06:18, 4) 00:25, 5) 05:13, 6) 01:35, 7) 03:52, 8) 00:52

Von der 1. Aufnahme bin ich ehrlich gesagt enttäuscht. Das liegt einmal an dem störenden opernhaften Vibrato mit dem Dorothea Röschmann singt und Thomas Quasthoff klingt sehr angestrengt und er hat offensichtlich mit der hohen Tessitura der Partie zu kämpfen. Des weiteren finde ich das Spiel der Berliner Barock-Solisten zu eindimensional, d. h. da wird mir zu gradlinig über die Musik hinweggespielt.

Ganz anders dagegen die 2. Aufnahme: Erstens gefallen mir die Stimmen der beiden Solisten viel besser. Beide gestalten ihre Partien wesentlich mehr und das hat mich viel mehr berührt als die 1. Aufnahme. Auch der Orchesterpart ist wesentlich farbiger, transparenter und mit mehr Tiefgang gestaltet.
Wir sind zwar nicht im Sport aber dennoch ist für mich die Aufnahme von Patrick Cohen-Akenine ganz klarer Punktsieger in diesem Vergleich.
Armin70 (04.01.2011, 22:48):
Von der Kantate "Singet dem Herrn ein neues Lied" BWV 190 habe ich nur die Aufnahme von Ton Koopman und mir fehlen daher die Vergleichsmöglichkeiten:

Elisabeth von Magnus, Paul Agnew, Klaus Mertens

1) 04:22, 2) 01:43, 3) 02:33, 4) 01:23, 5) 03:06, 6) 01:40, 7) 01:32

Insgesamt eine Aufnahme, die ganz nach meinem Geschmack ist. Der punkvolle Charakter der Kantate wird nach meinem Eindruck hervorragend getroffen. Das trifft vor allem für den Eingangs- und den Schlusschor zu. Auch die ruhigeren Passagen, z. B. in den Arien, sind schön gestaltet. Die Gesangssolisten lassen für mich keine Wünsche offen und der Amsterdam Baroque Chor und Orchester unter Koopman singen und spielen sowieso auf höchstem Niveau, so wie man es erwarten darf.
Armin70 (05.01.2011, 22:21):
Eben weitere sehr interessante Aufnahmen von Kantaten, die Bach zum Neujahrstag komponierte, angehört:

Kantate "Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm" BWV 171

Sandrine Piau, Bogna Bartosz, Christoph Pregardien, Klaus Mertens

1) 01:49, 2) 04:00, 3) 01:01, 4) 04:20, 5) 01:46, 6) 01:44

Eine sehr klangschöne Aufnahme dieser Kantate, dessen Eingangschor übrigens identisch ist mit dem "Patrem omnipotetem, factorem coeli et terrae" aus der H-Moll Messe ist und der Schlusschoral der Kantate ist identisch mit dem der Kantate "Jesu, nun sei gepreiset" BWV 41.


Kantate "Herr Gott, dich loben wir" BWV 16

1.:
Elisabeth Hermans, Petra Noskaiova, Jan Kobow, Jan van der Crabben

1) 01:33, 2) 01:15, 3) 03:45, 4) 01:25, 5) 07:30, 6) 01:19

2.:
Robin Blaze, Gerd Türk, Peter Kooij

1) 01:47, 2) 01:17, 3) 03:46, 4) 01:20, 5) 06:43, 6) 01:29

Zwei Aufnahmen, die trotz oder gerade wegen ihrer verschiedenen Interpretationsansätze faszinierend und interessant sind:
Kuijken wählt wieder eine solistische Besetzung und dadürch klingt das sehr kammermusikalisch transparent. Die sehr guten Sänger/innen machen das zu einem Vergnügen.
Suzuki besetzt die Chorpartien zwar chorisch aber durch die kleine Chorbesetzung klingt das auch sehr gut durchhörbar. Einen Unterschied gibt es bei der Tenorarie "Geliebter Jesu, du allein" bei der Kuijken als obligates Soloinstrument die Violetta (Gambe) wählt, während sich Suzuki für die Oboe da Caccia entscheidet. Beides klingt interessant.

Letztlich finde ich es spannend, zwei solche interessante und niveauvollen Aufnahmen anzuhören.

Kantate "Lobe den Herrn, meine Seele" BWV 143

Ruth Holtoen, James Gilchrist, Peter Harvey

1) 01:17, 2) 01:49, 3) 00:18, 4) 02:39, 5) 01:33, 6) 02:47, 7) 02:06

Eine sehr virtuose Aufnahme und Freunde des Naturhorn-Klangs kommen hier voll auf ihre Kosten.
Armin70 (05.01.2011, 23:44):
Abschliessend zu den Kantaten zum Neujahrstag noch meine Eindrücke über die Kantate "Jesu, nun sei gepreiset" BWV 41:

1.:
Ruth Holton, Lucy Ballard, Charles Humphries, James Gilchrist, Peter Harvey

1) 07:39, 2) 05:44, 3) 01:05, 4) 08:03, 5) 00:50, 6) 02:01

2.:
Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Jan Kobow, Dominik Wörner

1) 07:55, 2) 05:40, 3) 01:07, 4) 09:45, 5) 01:04, 6) 02:26

3.:
Sibylla Rubens, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens

1) 07:47, 2) 05:27, 3) 01:04, 4) 08:17, 5) 00:53, 6) 01:50

Alle 3 Aufnahmen gefallen mir sehr gut. Da gibts für mich höchstens Details, die bei den einzelnen Interpretationen mehr zum tragen kommen. Für die Gardiner-Aufnahme spricht beispielweise der sehr prächtige Chorklang des wie immer brillianten Monteverdi Choir, vor allem im wunderschönen Eingangschor dieser Kantate.
Suzukis Interpretation überzeugt vor allem durch die schön gesungenen Arien. Glänzend sind die Solisten Yukari Nonoshita und Jan Kobow in ihren beiden ausdrucksstarken Arien, die mir von diesen 3 Aufnahmen vielleicht am besten gefallen.
Koopmans Interpretation ist wundervoll ausgewogen und klingt sehr transparent mit bewährten Solisten, von denen mir die Sopranisten Sibylla Rubens in der Arie "Laß uns, o höchster Gott" auch sehr gut gefällt.

Wie gesagt: Das sind für mich 3 sehr schöne Aufnahmen und allein schon wegen des glänzenden Eingangschores werde ich diese Kantate sicherlich noch öfters hören.
Armin70 (06.01.2011, 18:22):
Die Kantate "Ach Gott, wie manches Herzeleid" BWV 58 (II) liegt mir in folgenden Aufnahmen vor:

1.:
Sheila Armstrong, Dietrich Fischer-Dieskau

1) 05:01, 2) 01:40, 3) 03:51, 4) 01:18, 5) 02:25

2.:
Ruth Holton, Peter Harvey

1) 03:37, 2) 01:13, 3) 05:15, 4) 01:09, 5) 02:25

3.:
Johannette Zomer, Klaus Mertens

1) 04:13, 2) 01:23, 3) 03:40, 4) 01:03, 5) 02:26

Mit Richters Aufnahme kann ich ehrlich gesagt nicht so viel anfangen und das liegt gar nicht mal so an den breiten Tempi, sondern eher an Fi-Di. Mir geht es da ähnlich wie Jürgen. Irgendwie kann ich mit mit der Art und Weise, wie Fi-Di hier singt, nichts anfangen und beschreiben kann ich es auch nicht wirklich aber fast schwingt mir da so ein larmoyanter Unterton bei ihm mit. Besser gefällt mir da Sheila Armstrong in der Arie "Ich bin vergnügt in meinem Leiden".

Gardiners Interpretation ist für seine Verhältnisse relativ verhalten und introvertiert. Die erwähnte Sopran-Arie ist bei ihm sogar noch langsamer als bei Richter aber Gardiner und die glänzende Sopranistin Ruth Holton verstehen es, die Spannung zu halten.

Am gelungensten ist für mich die Interpretation von Ton Koopman, der sowohl den Sopran-Part im Eingangs- und im Schluss-Satz choristisch besetzt. Die beiden Solisten (Johannette Zomer und Klaus Mertens) finde ich auch sehr überzeugend. Den Orchesterpart gestaltet Koopman auch am interessantesten von allen drei, da die Streicher sehr akzentuiert spielen und der Continou-Part mit Theorbe und Orgel-Positiv abwechslungsreich und fantasievoll gestaltet ist.
Armin70 (06.01.2011, 21:57):
Die Kantate "Schau, lieber Gott, wie meine Feind" BWV 153 liegt mir nur in folgender Aufnahme vor:

Bernhard Landauer, Christoph Pregardien, Klaus Mertens

1) 01:00, 2) 00:34, 3) 01:22, 4) 01:27, 5) 00:56, 6) 02:34, 7) 01:27, 8) 02:22, 9) 01:21

Trotz fehlender Vergleichsaufnahmen finde ich diese Interpretation recht gelungen. Auffällig ist die von John Eliot Gardiner angesprochene Ähnlichkeit der Tenor-Arie "Stürmt nur stürmt" mit der Arie des Petrus "Ach, mein Sinn" aus der Johannes-Passion, die hier auch mit dem entsprechenden dramatischen Gestus stimmig interpretiert wird. Gelungen ist auch die Gestaltung der im tänzerischen Menuett-Rhythmus gehaltenen Arie "Soll ich meinem Lebenslauf".

Noch kurz zu den Kantaten BWV 122 und 3, die ebenfalls am vergangenen Sonntag übertragen wurden:

Kantate "Das neugeborene Kindelein" BWV 122:

Deborah York, Franziska Gottwald, Paul Agnew, Klaus Mertens

1) 03:21, 2) 04:55, 3) 01:22, 4) 02:19, 5) 01:17, 6) 00:32

Was mir an Ton Koopmans Aufnahmen besonders gut gefällt und sich auch in dieser Interpretation wiederfindet sind seine für mein Geschmack richtigen Tempi. Ich habe eigentlich nie den Eindruck, dass er Choräle, Chorsätze oder Arien entweder zu langsam oder überhetzt spielt. Des weiteren gefällt mir Koopmans individuelle und fanatsievolle aber dabei nie aufdringlich wirkende Continou-Begleitung auf dem Orgel-Positiv ausgesprochen gut.

Kantate "Ach Gott, wie manches Herzeleid" BWV 3 (I)

Dorothee Mields, Pascal Bertin, Gerd Türk, Peter Kooij

1) 05:48, 2) 02:03, 3) 06:24, 4) 01:11, 5) 06:12, 6) 00:49

Diese Aufnahme fügt sich für mich wunderbar in die Reihe der hervorragenden Interpretationen, die ich von Masaaki Suzuki bis jetzt kennenlernte. Ich hatte vorhin im Internet nachgelesen, dass Suzuki wohl in fast allen seiner Bach-Kantaten Aufnahmen den Chor in sehr kleiner Besetzung singen lässt. Die Gesangssolisten bilden auch gleichzeitig den Kern des Chors. Lediglich je 2 Ripienisten pro Stimme treten in den Chorsätzen hinzu. Das erklärt den sehr transparenten Gesamtklang, der aber dennoch nie dünn sondern auch voll und durchaus opulent klingt. Das ist ganz nach meinem Geschmack.
Armin70 (06.01.2011, 22:21):
Am kommenden Sonntag, 09.01.2011, ist der 1. Sonntag nach Epiphanias (Dreikönigstag, Dreikönigsfest) für den Johann Sebastian Bach die Kantaten BWV 154, 124, 32 und 217 komponierte und von denen folgende gesendet werden:

1. MDR-Figaro: 06:30 - 07:00 Uhr
BWV 124 "Meinem Jesum lass ich nicht"
Knabensolisten des Thomanerchors Leipzig (Sopran und Alt), Nico Eckert, Stephan Heinemann, Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Georg Christoph Biller

2. HR2-Kultur: 07:00 - 07:30 Uhr
BWV 32 "Liebster Jesu, mein Verlangen"
Rachel Nicholls, Peter Kooij, Bach-Collegium Japan, Masaaki Suzuki

3. NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr
BWV 154 "Mein liebster Jesus ist verloren"
James Gilchrist, Peter Harvey, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

4. SWR2: 08:03 - 08:30 Uhr
BWV 32 "Liebster Jesu, mein Verlangen"
Rachel Nicholls, Peter Kooij, Bach-Collegium Japan, Masaaki Suzuki

5. SR2: 08:04 - 09:00 Uhr
BWV 154 "Mein liebster Jesus ist verloren"
Ruby Hughes, Margot Oitzinger, Michael Feyfar, Peter Kooij, Le Concert Lorrain, Stephan Schultz

6. BR-Klassik: 08:05 - 08:30 Uhr
BWV 32 "Liebster Jesu, mein Verlangen"
Claran McFadden, Peter Harvey, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

7. WDR3: 09:05 - 10:00 Uhr
BWV 154 "Mein liebster Jesus ist verloren"
Petra Noskaiova, Jan Kobow, Jan van der Crabben
La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

8. RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr
BWV 154 "Mein liebster Jesus ist verloren"
Petra Noskaiova, Jan Kobow, Jan van der Crabben
La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Der Sender DRS2, der letztes Jahr auch regelmäßig jeden Sonntag eine Bach-Kantate passend zum Kirchenjahr übertrug, hat ab diesem Jahr sein Sendeschema umgestellt: Ab 2011 überträgt DRS 2 nur noch am 1. Sonntag im Monat eine Bach-Kantate und am Neujahrstag hatte DRS2 bereits eine Bach-Kantate gesendet. Stattdessen überträgt DRS2 am Sonntag in der Zeit von 10:03 - 11:00 Uhr Kirchenmusiken von anderen Komponisten, was auch interessant sein kann.

Am kommenden Sonntag stehen Solomotetten und Vesperpsalmen von Johann Rosenmüller (1617 - 1684) mit dem Countertenor Alex Potter und dem Ensemble "Chelycus" auf dem Programm.
Jürgen (13.01.2011, 14:25):
Von den Kantaten des letzten Sonntags habe ich mich dem BWV 32 zugewendet.
Nach zwei Radiomitschnitten liegt sie mir nun in folgenden Einspielungen vor:

Leonhard, 1974
Rilling, 1981
Gardiner SDG, 2000
Leusinck, 2000
Suzuki, 2008

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C02.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S11.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P18a%5BSDG-2CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Leusink-C09.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C42a%5BBIS-SACD%5D.jpg

Schon die Eingangs-Sopran-Arie wird von Allen sehr gefühlvoll musiziert. Lediglich Leonhardt gefällt mir aufgrund des Tölzer Knaben nicht. Aber das ist ja bekanntlich Geschmacksache.

Die Bass-Arie an Position 3 fächert das Feld schon weiter auf. Zum Einen, weil mir die Bassisten unterschiedlich gut gefallen bzw. missfallen.
Max van Egmond bei Leonhard zu leicht und Bas Ramselaar bei Leusinck zu langweilig. Dann ist da noch im Instrumental-Intro eine Streicherstelle, die wohl schwierig zu spielen ist und bei manchen Aufnahmen schlicht schräg klingt. Ich kann es leider nicht fachgerecht erklären, aber es ist etwa bei der 8.Sekunden.
Es mag sein, dass derjenige, der mir am schrägsten erscheint (Rilling), am korrektesten spielt und die anderen mogeln. Aber vielleicht findet sich ja ein praktizierender Streicher, der mir das genauer erklären kann.

Beim Duett an Position 5 gefällt mit Gardiner am besten, weil hier engagiert und konzentriert gespielt wird. Das ist fast tänzerisch rythmisch.
Rilling und Suzuki liegen nur knapp dahinter, da Ersterer fast zu schnell wird und Letzterer kaum langsamer als Gardiner dennoch deutlich traniger erscheint.

Der Schlusschor gefällt mir unter Leonhardt am wenigsten. Da wird ruckartig schreitend gesungen. Das Gegenteil bietet Rilling. Ein breiter und flüssiger und klangschöner Chor. Die Nase vorn hat Gardiner. Sehr detailliert spürt man die Klasse des Chores.

Grüße
Jürgen
Jürgen (13.01.2011, 16:25):
Bach komponierte zum 2.Sonntag nach Epiphanias drei Kantaten:

BWV 3: Ach Gott, wie manches Herzeleid
BWV 13: Meine Seufzer, meine Tränen
BWV 155: Mein Gott, wie lang, ach lange?


Die Radiosender verzichten auf BWV 3 und übertragen:

BR-Klassik BWV 13 Suzuki 08:05 - 08:35
SR 2 BWV 13 Koopman 08:00 - 09:00
RBB BWV 155 Koopman 09:30 - 10:00
NDR-Kultur BWV 13 Suzuki 08:00 - 08:40
SWR 2 BWV 13 Kuijken 08:03 - 08:30
WDR 3 BWV 155 Suzuki 09:05 - 10:00
HR 2 BWV 155 Gardiner SDG 07:00 - 07:30
Deutschlandfunk BWV 155 Koopman? 07:00 - 07:30


Beim Deutschlandfunk ist nur Amsterdam Baroque Choir & Orchestra angegeben. Aber es wird schon Koopman sein.

Grüße
Jürgen
Armin70 (13.01.2011, 19:46):
Meinem Jesum lass ich nicht BWV 124

Diese Kantate komponierte Bach für den 1. Sonntag nach Epiphanias im Jahr 1725, der in jenem Jahr auf den 7. Januar fiel. Inhaltlich handelt die Kantate davon, dass man an Jesus glaubt, vertraut und festhält, weil er sich für die Menschen hingegeben hat.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Meinen Jesum lass ich nicht,
Weil er sich für mich gegeben,
So erfordert meine Pflicht,
Klettenweis an ihm zu kleben.
Er ist meines Lebens Licht,
Meinen Jesum lass ich nicht.

2. Rezitativ (Tenor und Continou)
Solange sich ein Tropfen Blut
In Herz und Adern reget,
Soll Jesus nur allein
Mein Leben und mein alles sein.
Mein Jesus, der an mir so große Dinge tut:
Ich kann ja nichts als meinen Leib und Leben
Ihm zum Geschenke geben.

3. Arie (Tenor, Oboe d`amore, Violine I/II, Viola und Continou)
Und wenn der harte Todesschlag
Die Sinnen schwächt, die Glieder rühret,
Wenn der dem Fleisch verhasste Tag
Nur Furcht und Schrecken mit sich führet,
Doch tröstet sich die Zuversicht:
Ich lasse meinen Jesum nicht.

4. Rezitativ (Bass und Continou)
Doch ach!
Welch schweres Ungemach
Empfindet noch allhier die Seele?
Wird nicht die hart gekränkte Brust
Zu einer Wüstenei und Marterhöhle
Bei Jesu schmerzlichstem Verlust?
Allein mein Geist sieht gläubig auf
Und an den Ort, wo Glaub und Hoffnung prangen,
Allwo ich nach vollbrachtem Lauf
Dich, Jesu, ewig soll umfangen.

5. Arie – Duett (Sopran – Alt und Continou)
Entziehe dich eilends, mein Herze, der Welt,
Du findest im Himmel dein wahres Vergnügen.
Wenn künftig dein Auge den Heiland erblickt,
So wird erst dein sehnendes Herze erquickt,
So wird es in Jesu zufriedengestellt.

6. Choral (Chor und Orchester)
Jesum lass ich nicht von mir,
Geh ihm ewig an der Seiten;
Christus lässt mich für und für
Zu den Lebensbächlein leiten.
Selig, der mit mir so spricht:
Meinen Jesum lass ich nicht.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Horn, Oboe d`amore, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 7. Januar 1725
Textdichter: 1,6: Christian Keymann 1658; 2-5: Umdichtung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: 1. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (13.01.2011, 20:05):
Die Kantate BWV 124 nahm ich am vergangenen Sonntag in folgender Aufnahme vor:

Knabensolisten (Sopran/Alt) des Thomanerchors, Nico Eckert, Stephan Heinemann, Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Georg Christoph Biller

Diese Aufnahme hat mich ehrlich gesagt nicht vom Hocker gerissen. Zwar wählt Biller durchaus frische Tempi aber der Tenor und der Bassist haben mir überhaupt nicht gefallen. Das klang irgendwie dünn. Das Duett zwischen Sopran und Alt ließ Biller durch die Chorsoprane und -altisten singen, was mir gar nicht mal so schlecht fand.
Bei dieser Aufnahme handelt es sich um einen Live-Mitschnitt aus Leipzig, die speziell für den Rundfunk entstand und von der es anscheinen keine kommerziell erhältliche Aufnahme zu geben scheint. Letztlich hat diese Aufnahme bei mir aber nicht dafür gesorgt, mein Interesse an Aufnahmen mit Knabenchören zu wecken.

Zum Vergleich hatte ich mir noch folgende Aufnahme von BWV 124 angehört:

Lisa Larsson, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens

1) 03:43, 2) 00:44, 3) 04:17, 4) 00:56, 5) 03:50, 6) 00:58

Diese Aufnahme spielt schon in einer ganz anderen Liga als Billers Interpretation. Vielleicht ist das nicht fair, einen Knabenchor mit einem Profikammerchor zu vergleichen aber Koopmans Ensemble singt und spielt wesentlich engagierter und auch mit mehr Elan und auch Fantasie. Pregardien und Mertens lassen ihre "Kollegen" in der Biller-Aufnahme auch klar hinter sich.
Armin70 (13.01.2011, 20:10):
Liebster Jesu, mein Verlangen BWV 32

Bach komponierte diese Kantate vermutlich Ende 1725 bzw. Anfang 1726 für den 1. Sonntag nach Epiphanias am 13. Januar 1726. Diese Kantate ist als Dialogkantate zwischen der Seele (Sopran) und Jesus (Bass) angelegt. Der Chor kommt erst im Schlusschoral zum Einsatz.

Text:

1. Arie (Sopran, Oboe, Violine I/II, Viola, und Continou)
Liebster Jesu, mein Verlangen,
Sage mir, wo find ich dich?
Soll ich dich so bald verlieren
Und nicht ferner bei mir spüren?
Ach! mein Hort, erfreue mich,
Laß dich höchst vergnügt umfangen.

2. Rezitativ (Bass und Continou)
Was ists, dass du mich gesuchet? Weißt du nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?

3. Arie (Bass, Violine solo und Continou)
Hier, in meines Vaters Stätte,
Findt mich ein betrübter Geist.
Da kannst du mich sicher finden
Und dein Herz mit mir verbinden,
Weil dies meine Wohnung heißt.

4. Rezitativ-Dialog (Sopran – Bass, Violine I/II, Viola und Continou)
Sopran
Ach! heiliger und großer Gott,
So will ich mir
Denn hier bei dir
Beständig Trost und Hilfe suchen.
Bass
Wirst du den Erdentand verfluchen
Und nur in diese Wohnung gehn,
So kannst du hier und dort bestehn.
Sopran
Wie lieblich ist doch deine Wohnung,
Herr, starker Zebaoth;
Mein Geist verlangt
Nach dem, was nur in deinem Hofe prangt.
Mein Leib und Seele freuet sich
In dem lebendgen Gott:
Ach! Jesu, meine Brust liebt dich nur ewiglich.
Bass
So kannst du glücklich sein,
Wenn Herz und Geist
Aus Liebe gegen mich entzündet heißt.
Sopran
Ach! dieses Wort, das itzo schon
Mein Herz aus Babels Grenzen reißt,
Fass' ich mir andachtsvoll in meiner Seele ein.

5. Arie – Duett (Sopran – Bass, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou)
beide
Nun verschwinden alle Plagen,
Nun verschwindet Ach und Schmerz.
Sopran
Nun will ich nicht von dir lassen,
Bass
Und ich dich auch stets umfassen.
Sopran
Nun vergnüget sich mein Herz
Bass
Und kann voller Freude sagen:
beide
Nun verschwinden alle Plagen,
Nun verschwindet Ach und Schmerz!

6. Choral (Chor und Orchester)
Mein Gott, öffne mir die Pforten
Solcher Gnad und Gütigkeit,
Laß mich allzeit allerorten
Schmecken deine Süßigkeit!
Liebe mich und treib mich an,
Dass ich dich, so gut ich kann,
Wiederum umfang und liebe
Und ja nun nicht mehr betrübe.

Besetzung: Soli (Sopran, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 13. Januar 1726
Textdichter: Georg Christian Lehms 1711; 6: Paul Gerhardt 1647
Anlass: 1. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (13.01.2011, 20:41):
Im Gegensatz zu Jürgen habe ich nur die Aufnahme von Masaaki Suzuki und seinem Bach Collegium Japan mit der Sopranistin Rachel Nicholls und Bassisten Peter Kooij:


1) 06:47, 2) 00:26, 3) 06:34, 4) 02:23, 5) 05:34, 6) 01:18

Mir persönlich gefällt diese Interpretation sehr gut, vor allem Rachel Nicholls silbriger Sopran. Auch die Dialogpassagen kommen für mich recht gut rüber. Bei der von Jürgen angesprochenen Streicherfigur in der Bassarie (Nr. 3) handelt es sich meiner Meinung nach um eine Verzierungsfigur in Form eines Arpeggio aber ich bin kein Streicher und vielleicht ist das Blödsinn, was ich da schreibe.

Ob Suzuki das Duett zwischen Sopran und Bass (Nr. 5) im Vergleich zu Rilling oder Gardiner "traniger", wie es Jürgen formuliert, spielen lässt, kann ich nicht beurteilen. Ich finde jedenfalls, dass Suzuki dieses Duett auch in einem tänzerisch-federnden Rhythmus interpretiert.
Armin70 (13.01.2011, 20:56):
Mein liebster Jesus ist verloren BWV 154

Bach komponierte diese Kantate 1724 für den 1. Sonntag nach Epiphanias, den 9. Januar 1724.

Der Musikwissenschaftler Alfred Dürr vermutet, dass sie bereits in Weimar geschrieben wurde, während John Eliot Gardiner diese Sicht für die Sätze 1, 4 und 7 unterstützt. Die vorgeschriebenen Lesungen waren Röm 12,1-6 LUT und Lk 2,41-52 LUT, der 12-jährige Jesus im Tempel. Der unbekannte Textdichter nimmt die Suche der Eltern nach ihrem verlorenen Sohn zum Anlass, in den beiden ersten Sätzen die Situation des Christen darzustellen, der seinen Jesus verloren hat und ihn vergeblich sucht. Satz 3 ist ein Choral, die 2. Strophe von Martin Jahns Jesu, meiner Seelen Wonne, der Jesus bittet, zurückzukehren. Satz 4 wiederholt die Bitte in einer persönlichen Arie. Die Antwort wird gegeben von der Vox Christi (Stimme Christi) in den Worten des Evangeliums „Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“ Die Freude des Wiederfindens drückt eine Paraphrase von Hld 2,8 LUT aus: „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel.“ Die Kantate endet mit Strophe 6 von Christian Keimanns Choral "Meinen Jesum lass ich nicht".

In den drei Arien stellt Bach extreme Affekte dar: verzweifelte Trauer, Sehnsucht und Entzücken. Der ersten Arie unterlegt er eine ostinate Baßfigur, vergleichbar mit dem Chor Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen. Erst die Violine, dann der Tenor tragen eine ausdrucksvolle Melodie vor, die sie mehrfach wiederholen. Der kontrastierende Mittelteil wird von Streicher-Tremoli in kühnen Harmonien grundiert. Die zweite Arie wird von zwei Oboi d'amore und den Streichern im Unisono begleitet, ohne continuo. Ähnlich wie in der Sopran-Arie Aus Liebe will mein Heiland sterben aus Bachs Matthäus-Passion beschreibt das Fehlen des Fundaments Zerbrechlichkeit und Unschuld. Die Freude des Findens spiegelt sich in einem Duett von Alt und Tenor in homophonen Terz- und Sext-Parallelen. Es ist dreiteilig, wobei der dritte Teil kein da capo des ersten ist, sondern in schnellem 3/8-Takt schließt.
Satz 3 ist ein vierstimmiger Satz von Johann Schops Melodie "Werde munter, mein Gemüte" (1642), die als Teil von "Herz und Mund und Tat und Leben" berühmt wurde und die Bach in Satz 40 seiner Matthäus-Passion verwendete. Als Schlusschoral folgt "Meinen Jesum laß ich nicht" als vierstimmiger Chorsatz.

Text:

1. Arie (Tenor, Violine I/II, Viola und Continou)
Mein liebster Jesus ist verloren:
O Wort, das mir Verzweiflung bringt,
O Schwert, das durch die Seele dringt,
O Donnerwort in meinen Ohren.

2. Rezitativ (Tenor und Continou)
Wo treff ich meinen Jesum an,
Wer zeiget mir die Bahn,
Wo meiner Seele brünstiges Verlangen,
Mein Heiland, hingegangen?
Kein Unglück kann mich so empfindlich rühren,
Als wenn ich Jesum soll verlieren.

3. Choral (Chor und Orchester)
Jesu, mein Hort und Erretter,
Jesu, meine Zuversicht,
Jesu, starker Schlangentreter,
Jesu, meines Lebens Licht!
Wie verlanget meinem Herzen,
Jesulein, nach dir mit Schmerzen!
Komm, ach komm, ich warte dein,
Komm, o liebstes Jesulein!

4. Arie (Alt, Oboe d`amore I/II, Violine I/II, Viola, Cembalo)
Jesu, lass dich finden,
Laß doch meine Sünden
Keine dicke Wolken sein,
Wo du dich zum Schrecken
Willst für mich verstecken,
Stelle dich bald wieder ein!

5. Arioso (Bass und Continou)
Wisset ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist ?

6. Rezitativ (Tenor und Continou)
Dies ist die Stimme meines Freundes,
Gott Lob und Dank!
Mein Jesu, mein getreuer Hort,
Läßt durch sein Wort
Sich wieder tröstlich hören;
Ich war vor Schmerzen krank,
Der Jammer wollte mir das Mark
In Beinen fast verzehren;
Nun aber wird mein Glaube wieder stark,
Nun bin ich höchst erfreut;
Denn ich erblicke meiner Seele Wonne,
Den Heiland, meine Sonne,
Der nach betrübter Trauernacht
Durch seinen Glanz mein Herze fröhlich macht.
Auf, Seele, mache dich bereit!
Du musst zu ihm
In seines Vaters Haus, hin in den Tempel ziehn;
Da lässt er sich in seinem Wort erblicken,
Da will er dich im Sakrament erquicken;
Doch, willst du würdiglich sein Fleisch und Blut genießen,
So musst du Jesum auch in Buß und Glauben küssen.

7. Arie – Duett (Alt – Tenor, Oboe d`amore I/II, Violine I/II, Viola und Continou)
Wohl mir, Jesus ist gefunden,
Nun bin ich nicht mehr betrübt.
Der, den meine Seele liebt,
Zeigt sich mir zur frohen Stunden.
Ich will dich, mein Jesu, nun nimmermehr lassen,
Ich will dich im Glauben beständig umfassen.

8. Choral (Chor und Orchester)
Meinen Jesum lass ich nicht,
Geh ihm ewig an der Seiten;
Christus lässt mich für und für
Zu den Lebensbächlein leiten.
Selig, wer mit mir so spricht:
Meinen Jesum lass ich nicht.

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe d`amore I/II, Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 9. Januar 1724
Textdichter: unbekannter Dichter; 3: Martin Jahn 1661; 5: Lukas 2,49; 8: Christian Keymann 1658
Anlass: 1. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca, allmusic.com)
Armin70 (13.01.2011, 21:29):
Die Kantate BWV 154 hatte ich mir in folgenden Aufnahmen angehört:

1.:
Ruby Hughes, Margot Oitzinger, Michael Feyfor, Peter Kooij, Le Concert Lorrain, Stephan Schultz

2.:
Michael Chance, James Gilchrist, Peter Harvey

1) 03:27, 2) 00:37, 3) 01:07, 4) 03:10, 5) 01:12, 6) 01:54, 7) 03:29, 8) 01:00

3.:
Elisabeth Hermans, Petra Noskaiova, Jan Kobow, Jan van der Crabben

1) 02:27, 2) 00:35, 3) 01:07, 4) 03:36, 5) 01:10, 6) 01:52, 7) 03:31, 8) 00:55

4.:
Bernhard Landauer, Christoph Pregardien, Klaus Mertens

1) 02:36, 2) 00:39, 3) 00:57, 4) 03:08, 5) 01:19, 6) 01:45, 7) 03:12, 8) 00:49

Von diesen 4 Aufnahmen sind 2 solistisch (Schultz und Kuijken) und die anderen beiden (Gardiner und Koopman) choristisch besetzt. Am besten gefiel mir hier Gardiners Aufnahme, der mir auch den dramatischen Aspekt der Kantate gut erfasste. Koopman hat die vielleicht etwas besseren Gesangssolisten aber im Vergleich zu Gardiner fehlt mir bei Koopman etwas der leidenschaftliche Ausdruck.

Die beiden solistischen Aufnahmen stellen mich hier nicht ganz so zufrieden. Die Gesangssolisten bei Schultz und Kuijken sind zwar sehr gut und harmonieren auch trefflich miteinander. Allerdings gibt es bei Schultz einige intonatorische Trübungen bei den Oboen und auch rhythmisch ist da nicht alles so perfekt zusammen wenn ich z. B. an den Wechsel vom 4/4- zum 3/8-Takt im Duett Nr. 7 denke.
Kuijkens Interpretation ist mir für meinen Geschmack insgesamt etwas zu gleichförmig bzw. neutral.
Bei der Schultz-Interpretation handelt es sich übrigens um einen Live-Mitschnitt.
Jürgen (13.01.2011, 23:29):
Original von Armin70
Die Kantate BWV 124 nahm ich am vergangenen Sonntag in folgender Aufnahme vor:

Knabensolisten (Sopran/Alt) des Thomanerchors, Nico Eckert, Stephan Heinemann, Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Georg Christoph Biller

Diese Aufnahme hat mich ehrlich gesagt nicht vom Hocker gerissen. Zwar wählt Biller durchaus frische Tempi aber der Tenor und der Bassist haben mir überhaupt nicht gefallen. Das klang irgendwie dünn. Das Duett zwischen Sopran und Alt ließ Biller durch die Chorsoprane und -altisten singen, was mir gar nicht mal so schlecht fand.
Bei dieser Aufnahme handelt es sich um einen Live-Mitschnitt aus Leipzig, die speziell für den Rundfunk entstand und von der es anscheinen keine kommerziell erhältliche Aufnahme zu geben scheint. Letztlich hat diese Aufnahme bei mir aber nicht dafür gesorgt, mein Interesse an Aufnahmen mit Knabenchören zu wecken.


Hallo Armin,

Diese Aufnahme habe ich auch mitgeschnitten. Beim Schneiden und Splitten höre ich ja gut die Hälfte der Kantate und dabei fiel mein Urteil noch viel fataler aus als Deines. Gerade das Knabenduett war für mich derart abschreckend, dass ich die Aufnahme beinahe wieder gelöscht hätte. Aber auch der Knaben-Abschlußchor hat mir nicht gefallen.
Um wieviel besser hat doch Rotzsch die Thomaner als Chor in Szene gesetzt.
Knaben als Solisten gefallen mir allerdings auch bei Harnoncourt/Leonhardt nicht.
Durch diese Aufnahme von BWV 124 war mir der Appetit dermaßen vergangen, dass ich mich nicht weiter mit dem Werk befassen wollte.

Grüße
Jürgen
Armin70 (14.01.2011, 00:11):
Original von Jürgen
Original von Armin70
Die Kantate BWV 124 nahm ich am vergangenen Sonntag in folgender Aufnahme vor:

Knabensolisten (Sopran/Alt) des Thomanerchors, Nico Eckert, Stephan Heinemann, Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Georg Christoph Biller

Diese Aufnahme hat mich ehrlich gesagt nicht vom Hocker gerissen. Zwar wählt Biller durchaus frische Tempi aber der Tenor und der Bassist haben mir überhaupt nicht gefallen. Das klang irgendwie dünn. Das Duett zwischen Sopran und Alt ließ Biller durch die Chorsoprane und -altisten singen, was mir gar nicht mal so schlecht fand.
Bei dieser Aufnahme handelt es sich um einen Live-Mitschnitt aus Leipzig, die speziell für den Rundfunk entstand und von der es anscheinen keine kommerziell erhältliche Aufnahme zu geben scheint. Letztlich hat diese Aufnahme bei mir aber nicht dafür gesorgt, mein Interesse an Aufnahmen mit Knabenchören zu wecken.


Hallo Armin,

Diese Aufnahme habe ich auch mitgeschnitten. Beim Schneiden und Splitten höre ich ja gut die Hälfte der Kantate und dabei fiel mein Urteil noch viel fataler aus als Deines. Gerade das Knabenduett war für mich derart abschreckend, dass ich die Aufnahme beinahe wieder gelöscht hätte. Aber auch der Knaben-Abschlußchor hat mir nicht gefallen.
Um wieviel besser hat doch Rotzsch die Thomaner als Chor in Szene gesetzt.
Knaben als Solisten gefallen mir allerdings auch bei Harnoncourt/Leonhardt nicht.
Durch diese Aufnahme von BWV 124 war mir der Appetit dermaßen vergangen, dass ich mich nicht weiter mit dem Werk befassen wollte.

Grüße
Jürgen

Hallo Jürgen,

ich wollte es nicht so krass ausdrücken aber beim Anhören von Billers Aufnahme hörte ich so ein komisches Poltern. Das war vermutlich das Geräusch als sich Bach in seinem Grabe umdrehte. Spass beiseite: Vor allem die Leistungen des Tenors und des Bassisten waren unterirdisch, grauselig. Wenn es eine Opernaufführung gewesen wäre, hätte ich nach der Aufführung gebuht. Die Aufnahme habe ich mehr aus archivarischen Gründen behalten bzw. als "Negativ-Beispiel".

Glücklicherweise habe ich zum Vergleich noch die o. g. Koopman-Aufnahme. Wenn ich diese nicht gehabt hätte, hätte ich mir entweder diese oder vielleicht die von Gardiner oder Suzuki aus dem Netz heruntergeladen.

Armin
Jürgen (17.01.2011, 10:36):
Die Kantate BWV 13: Meine Seufzer, meine Tränen komponierte Bach in Leipzig. Sie wurde am 20.Januar 1726 erstmals aufgeführt.

Der Text stammt von Paul Fleming (6.Satz), Johann Heermann (3.Satz) und der restliche Text von Georg Christian Lehms.

Die Grundstimmung ist ziemlich trist. Es geht um Tränen, Seufzer und Kummer, aber auch um fehlenden göttlichen Beistand.
Trost ist erst in der Bassarie (zumindest im Text) in Sicht.
Diese Tristesse mag ein Grund dafür sein, dass diese Kantate recht selten aufgeführt bzw. aufgenommen wurde.


1. Aria Tenor
Meine Seufzer, meine Tränen
Können nicht zu zählen sein.
Wenn sich täglich Wehmut findet
Und der Jammer nicht verschwindet,
Ach! so muss uns diese Pein
Schon den Weg zum Tode bahnen.

2. Recitativo Alt
Mein liebster Gott lässt mich annoch
Vergebens rufen und mir in meinem Weinen
Noch keinen Trost erscheinen.
Die Stunde lässet sich zwar wohl von ferne sehen,
Allein ich muss doch noch vergebens flehen.

3. Choral Alt
Der Gott, der mir hat versprochen
Seinen Beistand jederzeit,
Der lässt sich vergebens suchen
Jetzt in meiner Traurigkeit.
Ach! Will er denn für und für
Grausam zürnen über mir,
Kann und will er sich der Armen
Itzt nicht wie vorhin erbarmen?

4. Recitativo Sopran
Mein Kummer nimmet zu
Und raubt mir alle Ruh,
Mein Jammerkrug ist ganz mit Tränen angefüllet,
Und diese Not wird nicht gestillet,
So mich ganz unempfindlich macht.
Der Sorgen Kummernacht
Drückt mein beklemmtes Herz darnieder,
Drum sing ich lauter Jammerlieder.
Doch, Seele, nein,
Sei nur getrost in deiner Pein:
Gott kann den Wermutsaft gar leicht in Freudenwein verkehren
Und dir alsdenn viel tausend Lust gewähren.

5. Aria Bass
Ächzen und erbärmlich Weinen
Hilft der Sorgen Krankheit nicht;
Aber wer gen Himmel siehet
Und sich da um Trost bemühet,
Dem kann leicht ein Freudenlicht
In der Trauerbrust erscheinen.

6. Choral
So sei nun, Seele, deine
Und traue dem alleine,
Der dich erschaffen hat;
Es gehe, wie es gehe,
Dein Vater in der Höhe,
Der weiß zu allen Sachen Rat.


Grüße
Jürgen

Quelle: Bach-Cantatas
Jürgen (17.01.2011, 11:56):
Die Kantate BWV 13: Meine Seufzer, meine Tränen liegt mir in folgen Einspielungen vor:


Leonhardt, 1972
Rilling, 1981
Leusinck, 1999
Suzuki, 2008
Kuijken, 2008

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C01.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S04.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Leusink-C04.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C42a%5BBIS-SACD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Kuijken-L08a%5BAccent-SACD%5D.jpg

Ich habe die Einspielungen satzweise vergleichend gehört.

1. Aria Tenore: Meine Seufzer meine Tränen

Im Eingangssatz schlägt die Tristesse voll durch. Lediglich Rilling und mit Abstrichen Leonhardt schaffen es durch zügiges Tempo zu überzeugen. Dadurch klingen die Flöten und die Oboe frischer.
Alle Anderen erzeugen bei mir nur gepflegte Langeweile.
Es stellt sich mir jedoch die Frage, ob es im Tal der Seufzer und Tränen nicht so gewollt ist.


3. Chorale (Alto): Der Gott, der mir hat versprochen.

Dieser Choral lebt von der Frische der Streicherverzierungen, die am besten zur Geltung kommen, wenn wie bei Kuijken und Suzuki die Tempi etwas straffer sind. Der Alt, bei Rilling sogar mehrstimmig, ist hier nicht depressiv resignierend, sondern frech fordernd. Da beschwert sich jemand bei seinem Gott: "Der Gott, der mir hat versprochen seinen Beistand jederzeit"


5. Aria Basso: Ächzen und erbärmlich Weinen

Traurig, depressiv und schlicht langweilig bei Leusinck/Leonhardt mit über 9 Minuten.
Schneller mit 6-7 Min. bei Rilling oder Suzuki ist die Arie wesentlich leichter zu ertragen. Nur bei diesen beiden klingt es auch hoffnungsfroh, wenn von möglichem Trost gesungen wird.
Kuijken liegt mit 7:49 tempomäßig dazwischen, ist sauber sowie transparent musiziert und wirkt immerhin straff voranschleichend.
Dennoch nicht meine Lieblingsarie.


6. Choral Coro: So sei nun Seele deine

Hier können mich alle Einspielungen überzeugen. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Bei Rilling ist es der breite Chor, der dem Choral Gewicht verleiht.
Kuijken macht genau das Gegenteil, läßt nur Solisten singen. Diese Schlankheit (natürlich auch in den Instrumenten) hat seinen eigenen Reiz. Der Choral wird noch mehr zum Kleinod, als er es durch seine Kürze ohnehin ist.
Selbst Leusinck lässt diesmal einigermaßen engagiert vortragen.
Leonhardt setzt seinen Knabenchor sauber ein, diesmal stören mich die Knaben nicht.
Suzuki ist transparent, sauber und forsch, ohne gehetzt zu klingen.

Grüße
Jürgen
Jürgen (19.01.2011, 10:37):
Bach komponierte diese Kantate in Weimar und führte sie am 19. Januar 1716 erstmals auf.
Der Kantatentext stammt vom Hofdichter Salomon Franck.
Sie ist besetzt mit vier Solisten: Sopran, Alt, Tenor, Bass und vierstimmigem Chor
Die Instrumentation ist Weimar-typisch eher kammermusikalisch: Fagott, zwei Violinen, Viola und Basso continuo.

1. Recitativo (Sopran, Streicher): Mein Gott, wie lang, ach lange?
2. Aria (Alt, Tenor, Fagott): Du mußt glauben, du mußt hoffen
3. Recitativo (Bass): So sei, o Seele, sei zufrieden
4. Aria (Sopran): Wirf, mein Herze, wirf dich noch
5. Choral: Ob sich's anließ, als wollt er nicht

Herausragendes Merkmal dieser recht kurzen (im Schnitt 12-13 Minuten) Kantate ist das im Duett eingesetzte Fagott, das dort virtuos zum Zuge kommt.



1. Recitativo Sopran
Mein Gott, wie lang, ach lange?
Des Jammers ist zuviel,
Ich sehe gar kein Ziel
Der Schmerzen und der Sorgen!
Dein süßer Gnadenblick
Hat unter Nacht und Wolken sich verborgen,
Die Liebeshand zieht sich, ach! ganz zurück,
Um Trost ist mir sehr bange.
Ich finde, was mich Armen täglich kränket,
Der Tränen Maß wird stets voll eingeschenket,
Der Freuden Wein gebricht;
Mir sinkt fast alle Zuversicht.

2. Aria (Duetto) Alt Tenor
Du musst glauben, du musst hoffen,
Du musst gottgelassen sein!
Jesus weiß die rechten Stunden,
Dich mit Hilfe zu erfreun.
Wenn die trübe Zeit verschwunden,
Steht sein ganzes Herz dir offen.
3. Recitativo Bass
So sei, o Seele, sei zufrieden!
Wenn es vor deinen Augen scheint,
Als ob dein liebster Freund
Sich ganz von dir geschieden;
Wenns er dich kurze Zeit verlässt,
Herz! glaube fest,
Es wird ein Kleines sein,
Da er für bittre Zähren
Den Trost- und Freudenwein
Und Honigseim für Wermut will gewähren!
Ach! denke nicht,
Dass er von Herzen dich betrübe,
Er prüfet nur durch Leiden deine Liebe,
Er machet, dass dein Herz bei trüben Stunden weine,
Damit sein Gnadenlicht
Dir desto lieblicher erscheine;
Er hat, was dich ergötzt,
Zuletzt
Zu deinem Trost dir vorbehalten;
Drum lass ihn nur, o Herz, in allem walten!

4. Aria Sopran
Wirf, mein Herze, wirf dich noch
In des Höchsten Liebesarme,
Dass er deiner sich erbarme.
Lege deiner Sorgen Joch,
Und was dich bisher beladen,
Auf die Achseln seiner Gnaden.

5. Choral
Ob sichs anließ, als wollt er nicht,
Laß dich es nicht erschrecken,
Denn wo er ist am besten mit,
Da will ers nicht entdecken.
Sein Wort lass dir gewisser sein,
Und ob dein Herz spräch lauter Nein,
So lass doch dir nicht grauen.

Quelle: Wikipedia

Grüße
Jürgen
Agravain (20.01.2011, 08:00):
BWV 13 "Meine Seufzer, meine Tränen"

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61jVsMz9HRL._SL500_AA300_.jpg

Edith Mathis, Anna Reynolds, Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau Münchener Bach Chor & Orchester
Karl Richter

(1971)

Der Thread gibt mir Gelegenheit, mich nach langer Zeit einmal wieder umfassend mit Richters Bach-Exegese zu beschäftigen (was meine bisherigen Vorstellungen ja zeigen) - eine nicht uninteressante Wiederbegegnung, weil ich verhältnismäßig viele Bach-Hörer kenne, die nach langen und auch begeisterten Ausflügen in die HIPpe-Interpretation immer wieder zurück zu Richter finden und ich mich gefragt habe, warum das wohl so sein mag. Tatsächlich mag das an den vielen, vielleicht mittlerweile unerwarteten Gemmen in seinen Kantaten-Einspielungen liegen, die derart Bachschen Geist zu atmen scheinen, dass die Frage nach einer Aufführungstradition völlig sekundär wird.

Die Einspielung dieser Kantate ist wieder einmal so ein Fall. Sicher, Fischer-Dieskaus Darstellung der zerknirschten Bass-Arie ist heutzutage eher schlecht zu hören, wirkt seine Auslegung der herben Klagemotivik eher hölzern, ja gewollt. Aber der Rest! Schon die Eingangsarie mit ihrem seufzenden, mit Flöten und der Oboe typisch besetzem, klagenden Charakter wird von Peter Schreier derart ergreifend gestaltet, dass ihr intensiver Ausdruck kaum noch übertreffbar scheint. Auch die beiden dem Alt und dem Sopran zugeordneten Rezitative gelingen ausgesprochen gut, wobei Edith Mathis ihren Text, der sich ja von der Kummer hin zur Hoffnung wendet, gestalterisch ganz besonders schön umsetzt. Der mittlere Choral ist vielleicht etwas zu ruhig, man kann da sicher einen verärgerteren Ansatz wählen, wobei auch freudige Tonart und die beschwingte Streicher-Begleitung als Hinweis darauf verstanden werden können, dass sich am Ende jene Tröstung einstellen wird, sodass die Musik den Text gleichsam konterkariert bzw. über ihn hinaus deutet. Den Schlusschoral nimmt Richter flüssig und ausgesprochen piano, sehr verinnerlicht. Man könnte, der Text gibt es ja her, nun mit der Gewissheitskeule zuschlagen und den Satz im satten Forte bringen, Richter wählt jedoch eine das Vorangegangene im Gedächtnis habende und somit schlüssigere Interpretation. Nicht brachliale Zuversicht, sondern erlöste Hoffnung beendet diese Einspielung.

:hello Agravain
Armin70 (20.01.2011, 18:21):
Die Kantate BWV 13 "Meine Seufzer, meine Tränen" liegt mir in den Aufnahmen von Koopman, Kuijken und Suzuki vor.

Die Musik zu dieser Kantate macht auf mich einen fast schon meditativen Eindruck. Nur der mittlere, vom Alt gesungene Choral hat einen lebhafteren Charakter.

Von den o. g. Aufnahmen finde ich Suzukis Interpretation am schlüssigsten, weil die Tempi weich fliessend sind, ohne dabei zu statisch zu sein. Des weiteren gefallen mir von den Solisten der Tenor (Gerd Türk) und der Bass (Peter Kooij), die in dieser Kantate die Hauptpartien zu singen haben, auch am besten.
Armin70 (20.01.2011, 21:26):
Die Kantate "Mein Gott, wie lang, ach wie lange" BWV 155 habe ich mir eben in den Aufnahmen von Gardiner, Suzuki und Koopman angehört.

Gardiner wählt in seiner Interpretation insgesamt die schnellsten Tempi. Das bekommt besonders dem Duett zwischen Alt und Tenor mit dem obligaten Fagott ganz gut, das mir in Gardiners Version übrigens am besten gefällt. Weniger gut gefällt mir dagegen der Countertenor Richard Wyn-Roberts, dessen Stimme mir in den hohen Lagen zu "kehlig" und gepresst klingt.

Das ausgewogenere Solistenquartett bieten sowohl Suzuki als auch Koopman in ihren Aufnahmen, die beide etwas langsamere Tempi im Vergleich zu Gardiner wählen. Das Fagottsolo im Alt/Tenor-Duett ist mir bei Suzuki und Koopman etwas zu "brav". Das könnte ruhig etwas "knorriger" klingen. Der bei Suzuki singende Countertenor Yoshikazu Mera gefällt mir wesentlich besser als Wyn-Roberts aber auch die einzigste Altistin bei diesen 3 Aufnahmen Elisabeth von Magnus harmoniert sehr schön mit dem Tenor Paul Agnew in Koopmans Aufnahme.

Die Sopranistinnen in den 3 Aufnahmen (Joanne Lunn, Midori Suzuki und Caroline Stam) gefallen mir alle ausgezeichnet. Alle 3 haben eine leichte, höhensichere, silbrig-hell klingende Stimme.

Suzuki lässt als einzigster der 3 den abschliessenden Choral solistisch von seinen Gesangssolisten singen. Das finde ich logisch bei einer Kantate, wo der Chor nur beim Schlusschoral zum Einsatz kommt, das dann eben die komplette Kantate solistisch gesungen wird.
Armin70 (20.01.2011, 22:12):
Am kommenden Sonntag, dem 3. Sonntag nach Epiphanias, werden die Kantaten BWV 72, 73, 111 und 156, die auch alle für diesen Kirchensonntag geschrieben wurden, gesendet.

Hier die Übersicht:

MDR-Figaro: 06:30 - 07:00 Uhr:
Kantate "Was mein Gott will, das g`scheh' allzeit" BWV 111
Joanne Lunn, Sara Mingardo, Julian Podger, Stephen Varoce, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

HR2-Kultur: 07:00 - 07:30 Uhr:
Kantate "Was mein Gott will, das g`scheh' allzeit" BWV 111
Lisa Larsson, Annette Markert, Christoph Pregardien, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Choir & Orchestra, Ton Koopman

NDR-Kultur: 08:00 - 08:40 Uhr:
Kantate "Ich steh mit einem Fuß im Grabe" BWV 156
Sara Mingardo, Julian Podger, Stephen Varoce, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

SWR2: 08:03 - 08:30 Uhr:
Kantate "Herr, wie du willst, so schicks mit mir" BWV 73
Joanne Lunn, Julian Podger, Stephen Varoce, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

SR2: 08:04 - 09:00 Uhr:
Kantate "Was mein Gott will, das g`scheh' allzeit" BWV 111
Yukari Nonoshita, Robin Blaze, Andreas Weller, Peter Kooij, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

BR-Klassik: 08:05 - 08:30 Uhr:
Kantate "Was mein Gott will, das g`scheh' allzeit" BWV 111
Arleen Auger, Helen Watts, Lutz- Michael Harder, Philippe Huttenlocher, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling

WDR3: 09:05 - 10:00 Uhr:
Kantate "Alles nur nach Gottes Willen" BWV 72
Joanne Lunn, Sara Mingardo, Julian Podger, Stephen Varoce, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

RBB Kulturradio: 09:30 - 10:00 Uhr:
Kantate "Was mein Gott will, das g`scheh' allzeit" BWV 111
Arleen Auger, Helen Watts, Lutz- Michael Harder, Philippe Huttenlocher, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling
Jürgen (24.01.2011, 14:54):
Diese Kantate wurde am 21.Januar 1725 zum ersten mal aufgeführt.
Der Text des 1. & 6.Satzes stammt von Herzog Albrecht von Preußen (1547), 2-5 Anonym.

Die Melodie der Choräle stammt von dem französischen Komponisten Claudin de Sermisy. Sie ging 1528 erstmals als Teil einer Liedersammlung in Druck.

Die Melodie von Sermisy wurde bis heute über 2 dutzend Male gecovert, meist in Kombination mit dem herzöglichen Text. Allein J.S.Bach verwendete sie fünf mal mit diesem Text und sieben mal mit anderen Texten.
Eine ausführliche Liste findet sich hier bzw. hier.

Die Kantate ist gesetzt für Sopran, Alt, Tenor, Bass und vierstimmigen Chor.
Im Orchester kommen 2 Oboen, 2 Violinen, Viola und Continuo zum Zuge.


1. Coro
OWas mein Gott will, das g'scheh allzeit,
Sein Will, der ist der beste;
Zu helfen den'n er ist bereit,
Die an ihn gläuben feste.
Er hilft aus Not, der fromme Gott,
Und züchtiget mit Maßen:
Wer Gott vertraut, fest auf ihn baut,
Den will er nicht verlassen.

2. Aria B
Entsetze dich, mein Herze, nicht,
Gott ist dein Trost und Zuversicht
Und deiner Seele Leben.
Ja, was sein weiser Rat bedacht,
Dem kann die Welt und Menschenmacht
Unmöglich widerstreben.

3. Recitativo A
O Törichter! der sich von Gott entzieht
Und wie ein Jonas dort
Vor Gottes Angesichte flieht;
Auch unser Denken ist ihm offenbar,
Und unsers Hauptes Haar
Hat er gezählet.
Wohl dem, der diesen Schutz erwählet
Im gläubigen Vertrauen,
Auf dessen Schluss und Wort
Mit Hoffnung und Geduld zu schauen.

4. Aria (Duetto) A T
So geh ich mit beherzten Schritten,
Auch wenn mich Gott zum Grabe führt.
Gott hat die Tage aufgeschrieben,
So wird, wenn seine Hand mich rührt,
Des Todes Bitterkeit vertrieben.

5. Recitativo S
Drum wenn der Tod zuletzt den Geist
Noch mit Gewalt aus seinem Körper reißt,
So nimm ihn, Gott, in treue Vaterhände!
Wenn Teufel, Tod und Sünde mich bekriegt
Und meine Sterbekissen
Ein Kampfplatz werden müssen,
So hilf, damit in dir mein Glaube siegt!
O seliges, gewünschtes Ende!

6. Choral
Noch eins, Herr, will ich bitten dich,
Du wirst mir's nicht versagen:
Wenn mich der böse Geist anficht,
Laß mich doch nicht verzagen.
Hilf, steur und wehr, ach Gott, mein Herr,
Zu Ehren deinem Namen.
Wer das begehrt, dem wird's gewährt;
Drauf sprech ich fröhlich: Amen.


Quelle: bach-cantatas


Grüße
Jürgen
Armin70 (26.01.2011, 23:22):
Diese Kantate hörte ich mir in den Aufnahmen von Rilling, Suzuki, Koopman und Gardiner an:



Ehrlich gesagt finde ich so einen Interpretations-Vergleich nicht so einfach und darum bin ich froh, dass ich kein Musikkritiker bin, der das regelmässig macht. Deshalb kann und will ich hier keine tiefschürfenden Analysen der o. g. Aufnahmen anstellen.

Für mich persönlich ist die Aufnahme von Suzuki am überzeugensten gewesen. Das liegt zum einen an den zwar schnellen aber dennoch nicht gehetzt wirkenden Tempi. Des weiteren finde ich die Gesangssolisten neben denen von Koopmans Aufnahme am besten. Suzuki schafft eine transparente und dynamische Gestaltung des Werkes.
Auch die Rilling-Aufnahme hat mir ganz gut gefallen, obwohl (oder weil ?) dies ganz und gar keine HIPe-Aufnahme ist aber die gute Gächinger Kantorei und das sehr beherzte Musizieren des Bach-Collegiums war auch mal schön zum Anhören.
Koopman rangiert für mich so im Mittelfeld. Die Tempi waren mir schon fast zu schnell und ansonsten fehlte mir der gewisse expressive Ausdruck, den ich bei Suzuki fand.
Gardiner ist mir insbesondere bei dem Alt-Tenor-Duett ("So geh ich mit beherzten Schritten") viel zu schnell. Da wissen die Sänger gar nicht mehr, wie sie vernünftig atmen sollen. Da ist dann auch nicht mehr richtig sauber und schon fast "geschmiert".
Agravain (27.01.2011, 07:52):
Original von Armin70
Gardiner ist mir insbesondere bei dem Alt-Tenor-Duett ("So geh ich mit beherzten Schritten") viel zu schnell. Da wissen die Sänger gar nicht mehr, wie sie vernünftig atmen sollen. Da ist dann auch nicht mehr richtig sauber und schon fast "geschmiert".

In der Tat muss man sich fragen, was Gardiner da geritten hat. Die rhythmische Struktur des Satzes ist ja von sich aus schon so bewegt angelegt, dass noch die langsamste mir vorliegende Aufnahme (Ramin) die intendierte "beherzte" Bewegung zum Grabe hin problemlos erkennen lässt - wenngleich Ramin wirklich sehr breit spielen lässt.
Wie luftig dieser in seiner Aussage und seiner architektonischen Position innerhalb der Kantate zentrale Satz noch bei einer Spielzeit von 8.28 klingen kann (Gardiner: 5.13), führt Richter vor, der sowohl die dem Ganzen zugrunde liegende punktierte Figur als auch die ornamentale Sechzehntel-Bewegung der ersten Violinen so leicht, klar und genau spielen lässt, dass deutlich wird, dass eine Forcierung der Bewegung für das Gelingen dieses Satzes nicht nötig ist, sondern dieses eher gefährden kann. Eine Spielzeit zwischen 6 (Suzuki) und 7 Minuten (Leusink) hat sich gegenwärtig wohl eingebürgert, wobei mir persönlich Suzukis 6:05 trotz des in der Tat recht unaufgeregten Musizierens noch fast etwas zu flott sind. Dennoch ist das in der Tat die in ihrer Gänze gelungenste Einspielung.

:hello Agravain
Armin70 (27.01.2011, 20:45):
Alles nur nach Gottes Willen BWV 72

Die Kantate komponierte Bach für den 3. Sonntag nach Epiphanias und wurde erstmals am 27. Januar 1726 aufgeführt.

Die vorgeschriebenen Lesungen sind Röm 12,17-21 LUT und Mt 8,1-13 LUT. Der Kantatentext wurde bereits 1715 von Salomon Franck in Weimar in Evangelisches Andachts-Opffer veröffentlicht. Bach vertonte ihn erst in Leipzig, ähnlich wie die Kantate "Ihr, die ihr euch von Christo nennet“ BWV 164. Der abschließende Choral Was mein Gott will, das g’scheh allzeit wurde von Albrecht von Brandenburg 1547 geschrieben. Die Melodie von Claudin de Sermisy erschien zuerst 1528 in der Liedersammlung „Trente et quatre chansons“. Bach hatte den Choral ein Jahr zuvor seiner Choralkantate „Was mein Gott will, das g’scheh allzeit“ BWV 111 für den selben Sonntag zugrundegelegt.

Bach arbeitete den Eingangschor später um zum Gloria seiner Messe in g-Moll, BWV 235.

Obwohl Franck den ersten Satz als Arie bezeichnet hatte, vertonte Bach ihn als Chorsatz. Ein instrumentales Ritornell wird dominiert von zwei Takte langen Sechzehntelfiguren der Violinen, die gegen Ende auch vom continuo aufgegriffen werden. Die Stimmen übernehmen die Figuren auf das Wort alles, zuerst der Sopran, dann die anderen Takt für Takt. In einem ruhigeren Mittelteil auf die Worte „Gottes Wille soll mich stillen“ werden kanonische Imitationen der Stimmen vom Orchester begleitet. Die nächsten Worte „bei Gewölk und Sonnenschein“ werden wieder durch Figuren wie zu Beginn ausgemalt, doch in tiefer Lage beginnend. Der erste und letzte Abschnitt enden mit Choreinbau in das Ritornell.
In seiner Bearbeitung für das Gloria der Messe ließ Bach für den Gebrauch in der Liturgie das einleitende Ritornell weg. Er setzte die Worte „Gloria in excelsis Deo“ auf den ersten Teil, „Et in terra pax“ auf den Mittelteil und „Laudamus te“ auf den Schlussteil.
Das erste Rezitativ beginnt secco, doch entwickelt sich zum Arioso auf die Worte Herr, so du willt, die neun Mal wiederholt werden, jedesmal mit anderer Fortführung, gipfelnd in so sterb ich nicht.
In der folgenden Arie setzt die Singstimme unmittelbar ein, erst darauf folgt ein ungewöhnliches Ritornell, eine Fuge der Violinen und des continuo.
In der zweiten Arie mit liedhaft-tänzerischem Charakter spielen die Instrumente ein Ritornell und wiederholen es nach einer kurzen Devise: „Mein Jesus will es tun, er will dein Kreuz versüßen“. Im Hauptzteil ist die Singstimme in das Ritornell eingebettet. Im Mittelteil wird Obgleich „dein Herze liegt in viel Bekümmernissen“ durch Moll-Trübung ausgedrückt. Nach einem weiteren Ritornell wiederholt die Singstimme abschließend: „mein Jesus will es tun“.
Der Schlusschoral ist vierstimmig.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Alles nur nach Gottes Willen,
So bei Lust als Traurigkeit,
So bei gut als böser Zeit.
Gottes Wille soll mich stillen
Bei Gewölk und Sonnenschein.
Alles nur nach Gottes Willen!
Dies soll meine Losung sein.

2. Rezitativ und Arioso (Alt, Violine I/II und Continou)
O selger Christ, der allzeit seinen Willen
In Gottes Willen senkt, es gehe wie es gehe,
Bei Wohl und Wehe.
Herr, so du willt, so muss sich alles fügen!
Herr, so du willt, so kannst du mich vergnügen!
Herr, so du willt, verschwindet meine Pein!
Herr, so du willt, werd ich gesund und rein!
Herr, so du willt, wird Traurigkeit zur Freude!
Herr, so du willt, und ich auf Dornen Weide!
Herr, so du willt, werd ich einst selig sein!
Herr, so du willt, - lass mich dies Wort im Glauben fassen
Und meine Seele stillen! -
Herr, so du willt, so sterb ich nicht,
Ob Leib und Leben mich verlassen,
Wenn mir dein Geist dies Wort ins Herze spricht!

3. Arie (Alt, Violine I/II und Continou)
Mit allem, was ich hab und bin,
Will ich mich Jesu lassen,
Kann gleich mein schwacher Geist und Sinn
Des Höchsten Rat nicht fassen;
Er führe mich nur immer hin
Auf Dorn- und Rosenstraßen!

4. Rezitativ (Bass und Continou)
So glaube nun!
Dein Heiland saget: Ich wills tun!
Er pflegt die Gnadenhand
Noch willigst auszustrecken,
Wenn Kreuz und Leiden dich erschrecken,
Er kennet deine Not und löst dein Kreuzesband.
Er stärkt, was schwach,
Und will das niedre Dach
Der armen Herzen nicht verschmähen,
Darunter gnädig einzugehen.

5. Arie (Sopran, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou)
Mein Jesus will es tun, er will dein Kreuz versüßen.
Obgleich dein Herze liegt in viel Bekümmernissen,
Soll es doch sanft und still in seinen Armen ruhn,
Wenn ihn der Glaube fasst; mein Jesus will es tun!

6. Choral (Oboe I/II e Violine I col Soprano, Violine II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Was mein Gott will, das g'scheh allzeit,
Sein Will, der ist der beste,
Zu helfen den'n er ist bereit,
Die an ihn glauben feste.
Er hilft aus Not, der fromme Gott,
Und züchtiget mit Maßen.
Wer Gott vertraut, fest auf ihn baut,
Den will er nicht verlassen.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt und Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe I/II, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit. 27. Januar 1726
Textdichter: Salomo Franck 1715; 6: Markgraf Albrecht von Preußen 1547
Anlass: 3. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: de.Wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (27.01.2011, 20:53):
Herr, wie du willt, so schicks mit mir BWV 73

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate 1724 in Leipzig für den 3. Sonntag nach Epiphanias und führte sie am 23. Januar 1724 erstmals auf.

Die vorgeschriebenen Lesungen waren Röm 12,17-21 LUT und Mt 8,1-13 LUT, die Heilung eines Aussätzigen. Der unbekannte Textdichter nimmt die Worte des Kranken "Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen" als Ausgangspunkt für die Empfehlung, diese vertrauensvolle Haltung auch im Angesicht des Todes zu bewahren. Im ersten Satz fügt er zwischen die Zeilen der ersten Strophe von Kaspar Bienemann's Choral „Herr, wie du willst, so schick's mit mir“ drei Rezitative. Der Schlusschoral ist die letzte Strophe von Ludwig Helmbold's „Von Gott will ich nicht lassen“.

Bach führte die Kantate in einer revidierten Fassung am 21. Januar 1748 oder 26. Januar 1749 erneut auf.

Der Eingangschor beruht auf der ersten Strophe von „Herr, wie du willt, so schick's mit mir“, erweitert um ausgedehnte Rezitative der drei Solisten. Ein Motiv aus vier Töne auf die Worte "Herr, wie du willt" wird vom Horn eingeführt und während des gesamten Stückes wiederholt. Die accompagnato Rezitative aller drei Solisten werden von den Oboen mit Material aus dem Ritornell begleitet, während das Horn und die Streicher auch hier das Kopfmotiv wiederholen. In die letzte Wiederholung des Ritornells wirft der Chor dieses Motiv ein und ein letztes Mal in eine abschließende Kadenz.
In Satz 3 wird der Wille des Menschen als widersprüchlich geschildert, "bald trotzig, bald verzagt", und entsprechend in der Melodie abgebildet, in einem Sprung erst aufwärts, dann abwärts. Danach beginnt Satz 4 unmittelbar, ohne Ritornell. Drei Strophen beginnen mit den Worten "Herr, so du willt". Sie werden als freie Variationen ausgeführt und durch eine Coda beschlossen. Wie im ersten Satz, so durchzieht auch hier ein Motiv auf die Worte "Herr, so du willt" den Satz. Es ist der Beginn der Arie Bist du bei mir aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach von Gottfried Heinrich Stölzel, die lange Bach zugeschrieben wurde. Der Schlusschoral ist vierstimmig gesetzt.

Text:

1. Chor und Rezitativ (Chor, Sopran, Tenor, Bass, Orchester)
Herr, wie du willt, so schick's mit mir
Im Leben und im Sterben!
Tenor
Ach! aber ach! wieviel
Läßt mich dein Wille leiden!
Mein Leben ist des Unglücks Ziel,
Da Jammer und Verdruss
Mich lebend foltern muss,
Und kaum will meine Not im Sterben von mir scheiden.
Allein zu dir steht mein Begier,
Herr, lass mich nicht verderben!
Bass
Du bist mein Helfer, Trost und Hort,
So der Betrübten Tränen zählet
Und ihre Zuversicht,
Das schwache Rohr, nicht gar zerbricht; Und weil du mich erwählet,
So sprich ein Trost- und Freudenwort!
Erhalt mich nur in deiner Huld,
Sonst wie du willt, gib mir Geduld,
Denn dein Will ist der beste.
Sopran
Dein Wille zwar ist ein versiegelt Buch,
Da Menschenweisheit nichts vernimmt;
Der Segen scheint uns oft ein Fluch,
Die Züchtigung ergrimmte Strafe,
Die Ruhe, so du in dem Todesschlafe
Uns einst bestimmt,
Ein Eingang zu der Hölle.
Doch macht dein Geist uns dieses Irrtums frei
und zeigt, dass uns dein Wille heilsam sei.
Herr, wie du willt!

2. Aria (Tenor, Oboe und Continou)
Ach senke doch den Geist der Freuden
Dem Herzen ein!
Es will oft bei mir geistlich Kranken
Die Freudigkeit und Hoffnung wanken
Und zaghaft sein.

3. Rezitativ (Bass und Continou)
Ach, unser Wille bleibt verkehrt,
Bald trotzig, bald verzagt,
Des Sterbens will er nie gedenken;
Allein ein Christ, in Gottes Geist gelehrt,
Lernt sich in Gottes Willen senken
Und sagt:

4. Arie (Bass, Violine I/II, Viola und Continou)
Herr, so du willt,
So presst, ihr Todesschmerzen,
Die Seufzer aus dem Herzen,
Wenn mein Gebet nur vor dir gilt.
Herr, so du willt,
So lege meine Glieder
In Staub und Asche nieder,
Dies höchst verderbte Sündenbild,
Herr, so du willt,
So schlagt, ihr Leichenglocken,
Ich folge unerschrocken,
Mein Jammer ist nunmehr gestillt.

5. Choral (Corno e Oboe I e Violine I col Soprano, Oboe II e Violine II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Das ist des Vaters Wille,
Der uns erschaffen hat;
Sein Sohn hat Guts die Fülle
Erworben und Genad;
Auch Gott der Heilge Geist
Im Glauben uns regieret,
Zum Reich des Himmels führet.
Ihm sei Lob Ehr und Preis!

Besetzung: Soli (Sopran, Tenor, Bass) Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Horn, Oboe I/II, Violine I/II, Viola, Orgel und Continou
Entstehungszeit: 23. Januar 1724
Textdichter: unbekannter Dichter; 1: Kaspar Bienemann 1582; 5: Ludwig Helmbold 1563
Anlass: 3. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: de.Wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (27.01.2011, 20:57):
Ich steh mit einem Fuß im Grabe BWV 156

Diese Kantate wurde erstmals am 3. Sonntag, den 23. Januar1729 in Leipzig aufgeführt.

Eröffnet wird die Kantate von einer Sinfonia, die im wesentlichen identisch mit dem langsamen Satz aus dem Cembalokonzert f-moll BWV 1056 ist.

Text:

1. Sinfonia (Oboe, Violine I/II, Viola und Continou)

2. Choral und Aria (Chor-Sopran und Tenor, Violine I/II, Viola und Continou)
Ich steh mit einem Fuß im Grabe,
Machs mit mir, Gott, nach deiner Güt,
Bald fällt der kranke Leib hinein,
Hilf mir in meinen Leiden,
Komm, lieber Gott, wenn dirs gefällt,
Was ich dich bitt, versag mir nicht.
Ich habe schon mein Haus bestellt,
Wenn sich mein Seel soll scheiden,
So nimm sie, Herr, in deine Händ.
Nur lass mein Ende selig sein!
Ist alles gut, wenn gut das End.

3. Rezitativ (Bass und Continou)
Mein Angst und Not,
Mein Leben und mein Tod
Steht, liebster Gott, in deinen Händen;
So wirst du auch auf mich
Dein gnädig Auge wenden.
Willst du mich meiner Sünden wegen
Ins Krankenbette legen,
Mein Gott, so bitt ich dich,
Laß deine Güte größer sein als die Gerechtigkeit;
Doch hast du mich darzu versehn,
Dass mich mein Leiden soll verzehren,
Ich bin bereit,
Dein Wille soll an mir geschehn,
Verschone nicht und fahre fort,
Laß meine Not nicht lange währen;
Je länger hier, je später dort.

4. Arie (Alt, Oboe, Violine und Continou)
Herr, was du willt, soll mir gefallen,
Weil doch dein Rat am besten gilt.
In der Freude,
In dem Leide,
Im Sterben, in Bitten und Flehn
Laß mir allemal geschehn,
Herr, wie du willt.

5. Rezitativ (Bass und Continou)
Und willst du, dass ich nicht soll kranken,
So werd ich dir von Herzen danken;
Doch aber gib mir auch dabei,
Dass auch in meinem frischen Leibe
Die Seele sonder Krankheit sei
Und allezeit gesund verbleibe.
Nimm sie durch Geist und Wort in acht,
Denn dieses ist mein Heil,
Und wenn mir Leib und Seel verschmacht,
So bist du, Gott, mein Trost und meines Herzens Teil!

6. Choral (Oboe e Violine I col Soprano, Violine II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Herr, wie du willt, so schicks mit mir
Im Leben und im Sterben;
Allein zu dir steht mein Begier,
Herr, lass mich nicht verderben!
Erhalt mich nur in deiner Huld,
Sonst wie du willt, gib mir Geduld,
Dein Will, der ist der beste.

Besetzung: Soli (Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 23. Januar 1729
Textdichter: Christian Friedrich Henrici (Picander) 1728; 2: Johann Herman Schein 1628; 6: Kaspar Bieneman 1582
Anlass: 3. Sonntag nach Epiphanias
(Quellen: allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (28.01.2011, 21:28):
Die Kantate BWV 72 hörte ich mir eben in den Aufnahmen von Leusink, Rilling und Gardiner an:



Das war meine erste Bekanntschaft mit Leusinks Bach-Aufnahmen und mein Eindruck ist, vorsichtig ausgedrückt, zwiespältig. Gut gefiel mir der Klang des Netherlands Bach Collegium, das auf originalen Instrumenten spielt und einen warm klingenden Klang hat (gutes Bassfundament). An anderer Stelle hatte ich schon hingewiesen, dass ich kein Fan von Knabenchören bin und daran ändert auch der hier singende Holland Boys Choir nichts. Vor allem die mittleren Stimmen (Alt und Tenor) stachen mir im Eingangschor etwas vordergründig ins Ohr. Von den Gesangssolisten fande ich Ruth Holton, die auch in einigen Aufnahmen von Gardiner als Solistin mitwirkt und den Bassisten Bas Ramselaar ganz ansprechend. Über den Countertenor Syste Buwalda decke ich lieber den Mantel des Schweigens...

Helmuth Rilling wählt erwartungsgemäss langsamere Tempi aber ich finde das dennoch ganz ansprechend. Der hier singende Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart singt auch ganz ansprechend. Von den Solisten ist Arleen Auger für mich immer ein besonders schöner Ohrenschmaus aber auch die übrigen beiden Solisten haben mir gut gefallen.

Allein schon wegen des Eingangschors ist für mich Gardiners Aufnahme dann doch die erste Wahl in diesem Trio. Vielleicht ist es auch nicht Fair, den Monteverdi Choir mit Chören der anderen beiden Aufnahmen zu vergleichen aber das hört man erst, was für musikalisch in diesem Werk steckt. Von den Gesangssolisten irritiert mich der Bassist Stephen Varoce wegen seiner sehr hell klingenden Stimme. Für mich klingt er eher wie ein Bariton mit tenoraler Stimmfärbung (gibts sowas überhaupt ?). Die anderen Gesangssolisten haben mir ähnlich gut gefallen wie in Rillings Aufnahme.
Armin70 (28.01.2011, 22:18):
Weiter gehts im Interpretationenvergleich. Dieses Mal mit BWV 73 und den Aufnahmen von Leusink, Rilling, Koopman und Gardiner:



Die für mich eindeutig beste Aufnahme in diesem Quartett ist die von Ton Koopman, weil er das ausgewogenste Solistentrio hat und er am meisten aus der Partitur herausholt. Vor allem die Transparenz ist hier vorbildlich. Am schönsten klingt bei Koopman auch das im Eingangschor und im Schlusschoral eingesetzte Horn, das ich bei Leusnik gar nicht gehört habe (oder ich habe Tomaten auf den Ohren).
Ähnlich wie Koopman gelingen auch Gardiner schöne Momente aber Klaus Mertens (Koopman) ist eindeutig der bessere Sänger als Stephen Varoce (Gardiner).
Als ich den Eingangschor bei Rilling hörte dachte ich erst "das ist ja Zeitlupentempo". Nachdem ich mich aber in dieses Tempo reinhörte und den Eingangschor dann noch mal hörte, fand ich das irgendwie auch gut und spannend gestaltet.
Die Leusink-Aufnahme ist zwar irgendwie solide aber auch nicht mehr und nicht weniger. Eine Interpretation ohne Emotionen, sachlich und das klingt dann manchmal eher nach Pflichterfüllung als dass da mit Leidenschaft musiziert wird.
Armin70 (28.01.2011, 23:27):
Zu guter Letzt hörte ich mir noch die Aufnahmen von BWV 156 mit dem Trio Leusink, Rilling und Gardiner an:



Die einleitende Sinfonia gefällt mir in allen drei Aufnahmen ganz gut. Am ausdruckvollsten wird sie vielleicht bei Rilling gespielt. Was mir dieses Mal bei Leusink gut gefallen hat ist, dass er im zweiten Stück den Solo-Sopran anstatt den Chor-Sopran singen lässt. Dem Countertenor bei Leusink kann ich aber ehrlich gesagt nichts abgewinnen.
Da höre ich lieber Altistinnen wie bei Rilling und Gardiner, deren Interpretationen insgesamt auf mich ausgewogener wirken als die von Leusink. Bei Gardiner sind mir dieses Mal übrigens keine extrem schnellen Tempi aufgefallen wie bei BWV 111.

Bei den 3 Kantaten, die ich bis jetzt in Leusinks Interpretationen hörte, gefällt mir lediglich das Orchesterspiel ganz gut. Vor allem das Bass-Fundament klingt warm und voll aber nicht dick aber das ist halt nicht alles, worauf es bei Bach-Kantaten ankommt...
Jürgen (29.01.2011, 14:48):
Bach komponierte zum 4.Sonntag nach Epiphanias zwei Kantaten:

BWV 14: Wär Gott nicht mit uns diese Zeit
BWV 81: Jesus schläft, was soll ich hoffen?


Die Radiosender übertragen Bach'che geistliche Kantaten und Anderes:

SR 2 BWV 14 Koopman 08:00 - 09:00
RBB BWV 14 Rotzsch 09:30 - 10:00
BR-Klassik BWV 81 Gardiner SDG 08:05 - 08:35
NDR-Kultur BWV 81 Suzuki 08:00 - 08:40
SWR 2 BWV 81 Koopman 08:03 - 08:30
WDR 3 BWV 14 Koopman 09:05 - 10:00
HR 2 BWV 81 MacLeod 07:00 - 07:30
MDR Figaro BWV 14 Rotzsch 06:30 - 07:00
SWR 2 BWV 211 (Kaffeekantate) Schreier 05:00 - 06:00
Deutschlandradio Kultur Zelenka: Requiem 06:30 - 07:00



http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C20.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rotzsch-C03-1.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P19a%5BSDG-2CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C21a%5BBIS-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C08-2.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/MacLeod-C02a%5BSony-CD%5D.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Schreier-C07-1.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51GQ6ib5RgL._SL160_AA160_.jpg



Grüße
Jürgen
Heike (29.01.2011, 22:44):
"Jesus schläft, was soll ich hoffen" (BWV 81) komponierte Bach in Leipzig für den 4. Sonntag nach Epiphanias und führte sie erstmals am 30. Januar 1724 auf. Der Textdichter ist unbekannt, Erdmann Neumeister und Christian Weiss wurden vorgeschlagen.

Text:
Der Dichter bezieht sich auf das Evangelium und zeigt Jesus als verborgen (schlafend) und offenbar (handelnd). Die Worte des vierten Satzes zitieren das Evangelium: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ Der Schlusschoral ist die zweite Strophe von Johann Francks Jesu meine Freude.

1. Aria A
Jesus schläft, was soll ich hoffen?
Seh ich nicht
Mit erblasstem Angesicht
Schon des Todes Abgrund offen?

2. Recitativo T
Herr! warum trittest du so ferne?
Warum verbirgst du dich zur Zeit der Not,
Da alles mir ein kläglich Ende droht?
Ach, wird dein Auge nicht durch meine Not beweget
So sonsten nie zu schlummern pfleget?
Du wiesest ja mit einem Sterne
Vordem den neubekehrten Weisen,
Den rechten Weg zu reisen.
Ach leite mich durch deiner Augen Licht,
Weil dieser Weg nichts als Gefahr verspricht.

3. Aria T
Die schäumenden Wellen von Belials Bächen
Verdoppeln die Wut.
Ein Christ soll zwar wie Felsen stehn,
Wenn Trübsalswinde um ihn gehn,
Doch suchet die stürmende Flut
Die Kräfte des Glaubens zu schwächen.

4. Arioso B
Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?

5. Aria B
Schweig, aufgetürmtes Meer!
Verstumme, Sturm und Wind!
Dir sei dein Ziel gesetzet,
Damit mein auserwähltes Kind
Kein Unfall je verletzet.

6. Recitativo A
Wohl mir, mein Jesus spricht ein Wort,
Mein Helfer ist erwacht,
So muss der Wellen Sturm, des Unglücks Nacht
Und aller Kummer fort.

7. Choral
Unter deinen Schirmen
Bin ich für den Stürmen
Aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern,
Laß den Feind erbittern,
Mir steht Jesus bei.
Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
Ob gleich Sünd und Hölle schrecken,
Jesus will mich decken.

Musik, Besetzung
drei Solisten, Alt, Tenor und Bass,
vierstimmiger Chor im Choral,
zwei Blockflöten, zwei Oboe d'amore, zwei Violinen, Viola und Basso continuo

Bach stellt die Fragen der ängstlichen Seele dramatisch dar.
Die erste Arie illustriert das Schlafen durch Blockflöten, tiefe Lagen der Streicher und Haltetöne in der Singstimme. In Satz 3 zeichnen die Linien der Instrumente Sturm und Wellen nach. Der zentrale Satz in der symmetrischen Anordnung der Kantate ist Satz 4. Der Bass als Stimme Christi stellt die Frage Jesu. Continuo und Singstimme benutzen in diesem Arioso ähnliches Material, was die Worte intensiviert. Die folgende Arie, bezeichnet allegro, kontrastiert den Sturm in unisono-Läufen der Streicher mit ruhigerer Bewegung in den Oboen. Der Schlusschoral ist schlicht vierstimmig gesetzt.


Quellen; Wiki, http://webdocs.cs.ualberta.ca/
Jürgen (01.02.2011, 08:13):
Im 2.Leipziger Kantatenzyklus und auch Jahre danach wollte sich kein 4. Sonntag nach Epiphanias einstellen, und so kam Bach erst am 30.1.1735 zu seiner 2.Kantate für diesen Sonntag. Sie ist damit eine der letzten Kantaten, die Bach komponiert hat.

Der Text der Ecksätze stammt von Martin Luther , bei den Mittelsätzen vom allseits bekannten unbekannten Dichter.



1. (Coro) (Corno da caccia e Oboe I/II all' unisono, Violino I/II, Viola, Continuo)
Wär Gott nicht mit uns diese Zeit,
So soll Israel sagen,
Wär Gott nicht mit uns diese Zeit,
Wir hätten müssen verzagen,
Die so ein armes Häuflein sind,
Veracht' von so viel Menschenkind,
Die an uns setzen alle.

2. Aria (Sopran, Corno da caccia, Violino I/II, Viola, Continuo)
Unsre Stärke heißt zu schwach,
Unserm Feind zu widerstehen.
Stünd uns nicht der Höchste bei,
Würd uns ihre Tyrannei
Bald bis an das Leben gehen.

3. Recitativo (Tenor, Continuo)
Ja, hätt es Gott nur zugegeben,
Wir wären längst nicht mehr am Leben,
Sie rissen uns aus Rachgier hin,
So zornig ist auf uns ihr Sinn.
Es hätt uns ihre Wut
Wie eine wilde Flut
Und als beschäumte Wasser überschwemmet,
Und niemand hätte die Gewalt gehemmet.

4. Aria (Bass, Oboe I/II, Continuo)
Gott, bei deinem starken Schützen
Sind wir vor den Feinden frei.
Wenn sie sich als wilde Wellen
Uns aus Grimm entgegenstellen,
Stehn uns deine Hände bei.

5. Choral (Corno da caccia e Oboe I/II e Violino I col Soprano, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Gott Lob und Dank, der nicht zugab,
Dass ihr Schlund uns möcht fangen.
Wie ein Vogel des Stricks kömmt ab,
Ist unsre Seel entgangen:
Strick ist entzwei, und wir sind frei;
Des Herren Name steht uns bei,
Des Gottes Himmels und Erden.


Im ersten Satz, im Stile einer Chor-motette, werden die Singstimmen strophenweise variiert und gespiegelt während sich das Jagdhorn (corno da caccia) die Choralmelodie vorbehält.

In der Sopran-Arie, die positiv herausragt aus einer sonst eher mittelmäßigen Kantate, nimmt sich das Horn noch mehr Virtuosität heraus. Der Satz strotzt vor Lebensfreude, Corno da caccia und Sopran spielen sich die Bälle abwechselnd zu.

Grüße
Jürgen

Quellen: Bach-Cantatas und die MDR Figaro Radio-Anmoderation.
Jürgen (01.02.2011, 09:23):
Die Kantate Wär Gott nicht mit uns diese Zeit liegt mir neben den am Sonntag mitgeschnittenen Aufnahmen von Koopman (2003) und Rotzsch (1984)

http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C20.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rotzsch-C03-1.jpg

noch durch Leonhardt (1972), Rilling (1984) und Leusinck (2000) vor.
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C01.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S05.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Leusink-C09.jpeg

Der Eingangschor gefällt mir bei Rilling und Rotzsch sehr gut.
Leusinck wäre ohne die schrillen Spitzen der Soprane (Knabenstimmen oder Aufnahme-technisch bedingt?) noch erträglich. So aber kann ich nur bis zur Mitte hören.
Leonhardt scheidet aufgrund der gestelzten Diktion des Knabenchors aus. Bis zum Einsetzen des Chors klingt das Stück aber schön authentisch.
Koopman ist mir hier ausnahmsweise ein wenig zu brav, beinahe flach.

Im 2.Satz, der Sopran-Arie, verwendet Leonhardt mal wieder einen Knabensopran und wird sofort abgeschaltet.
Bei Leusinck singt mit Ruth Holton ein echter Sopran und daher fällt die Aufnahme immerhin nicht negativ auf.
Koopman ist wieder etwas zu glatt. Das mag aber auch daran liegen, dass ich zuvor Rotzsch gehört habe. Hier gefällt der brilliante Ludwig Güttler am Corno da caccia. Monika Frimmers Sopran kann sehr schön mithalten, so dass es eine Freude ist hier zuzuhören.
Beim wiederholten Hören stelle ich aber fest, dass mir Rilling auch sehr gut gefällt. Das Horn von Marie-Louise Neunecker klingt ein wenig authentischer als bei Güttler, während der Sopran von Krisztina Láki weniger Vibrato vertragen könnte. Eine frische und transparente Aufnahme.

Die Bass-Arie im 4.Satz reißt mich wenig mit, dient aber immerhin dafür, Leonhardt zu rehabilitieren. Kein Knabe, sondern Max van Egmond als Bass kann mit seiner sanften Stimme überzeugen.

Grüße
Jürgen
Armin70 (01.02.2011, 23:00):
Die Kantate BWV 14 liegt mir in den Aufnahmen von Rotzsch, Rilling, Leusink und Koopman vor.

Ich kann mich Jürgens Eindrücken zu diesen Aufnahmen im wesentlichen anschliessen. Als ehemaliger Blechbläser (natürlich kein Profi sondern "nur" auf Posaunenchor-Niveau) habe ich bei dieser Kantate besonders auf den Hornpart im Eingangschor, der Sopran-Arie und im Schluss-Choral geachtet.

Charakteristisch ist der Klang von Ludwig Güttlers modernen Nachbau eines Corno da Caccia in B-Stimmung:



Wie bei der Trompete werden auch beim modernen Corno da Caccia die Ventile i. d. R. mit der rechten Hand gespielt; wobei es auch linksgriffige Bauweisen gibt. Meistens spielen aber Trompeter das moderne Corno da Caccia und da sie es von der Trompete gewohnt sind, die Ventile mit der rechten Hand zu spielen, wurde das so beibehalten.

Da Helmuth Rilling ebenfalls wie in der Aufnahme von Rotzsch auf modernen Instrumenten spielen lässt, verwendete Marie Luise Neunecker in dieser Aufnahme auch ein Horn mit Ventilen. Ihr Hornklang unterscheidet sich aber deutlich von dem Güttlers, was nicht nur daran liegt, dass sie mit deutlich weniger Vibrato spielt. Ich glaube, dass Neunecker in dieser Aufnahme ein sog. Diskanthorn in hoch-B-Stimmung spielt:



Vereinfacht ausgedrückt ist das Diskanthorn nichts anderes als eine kleinere Ausgabe des Waldhorns. Ebenso wie das Waldhorn ist es ebenfalls linksgriffig und wird im Gegensatz zum Corno da Caccia daher auch i. d. R. von den Hornisten gespielt. Der Klang ist im Vergleich zum Corno da Caccia etwas dunkler und erinnert daher mehr an den Hornklang, während das Corno da Caccia mehr zum Trompetenklang tendiert.

Dann die beiden Aufnahmen von Leusink und Koopman, die jeweils auf Originalinstrumenten spielen lassen. Auffallend ist der sehr helle, trompetenähnliche Klang in Leusinks Aufnahme, so dass ich fast den Eindruck hatte, dass zumindest bei der Sopran-Arie eine sog. Tromba da tiraisi verwendet wurde:



Bei Koopmans Aufnahme klingt das viel mehr nach Horn und daher vielleicht am authentischsten von allen Aufnahmen:



Die ventillose Variante des Corno da Caccia, d. h. die Naturhorn-Variante, ermöglicht aufgrund der kurzen Rohrlänge die Clarin-Spielweise (melodiefähige Spielweise ab dem 8. Naturton; erst ab dieser Höhe entsteht eine Tonleiter; ab dem 13. Naturton sind dann chromatische Melodien möglich) wie auf der Naturtrompete. Daher hört man bei dem Natur-Corno da Caccia keine gestopften Töne wie beim tieferen Corno da Chasse, das Bach z. B. in seinem 1. Brandenburgischen Konzert oder in der 4. Kantate des WO einsetzt:



Insgesamt haben mir die Hornparts in allen vier Aufnahmen ganz gut gefallen. Den vielleicht schönsten Klang hatte für mich Marie Luise Neunecker und am authentischsten und "urigsten" Klang es in Koopmans-Aufnahme.

Natürlich wird in BWV 14 auch gesungen und was die Solisten angeht, so gefiel mir von den Sopranistinnen Monika Frimmer (Rotzsch) ganz klar am besten während ich von den Bassisten den bewährten Klaus Mertens (Koopman) favorisiere. Was die Chöre angeht, so habe ich beim Holland Boys Choir die gleichen Bedenken wie Jürgen sie hat: Das klingt im Sopran teilweise schrill. Wesentlicht besser machen das die berühmten Thomaner in der Rotzsch-Aufnahme. Auch Rillings bewährte Gächinger Kantorei gefällt mir ganz gut. Koopmans Aufnahme hält sich dieses Mal dezent im Mittelfeld auf, wobei man über die Qualität des Amsterdam Baroque Choirs & Orchestra nicht zu diskutieren braucht.
Jürgen (02.02.2011, 22:30):
Da hast Du viel erhellendes auch Bildhaft dargestellt. Vielen Dank Armin.
Ich habe noch ein Bild von Gottfried Reiche, dem Leib- und Magentrompeter Bachs, gefunden.
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Lib-BIG/Reiche-Gottfried-01.jpg

Das was er in der Hand hält entspricht am ehesten dem, was Du Koopman zuordnest.
Güttlers Instrument hat zwar noch die äusseren Abmessungen dieses Corno da Caccias, aber sonst recht wenig Gemeinsamkeiten. Aber auch wenn es nicht HIP ist, klingt es schön.

Grüße
Jürgen
Armin70 (02.02.2011, 22:51):
Der Gottfried Reiche muss schon ein Tausendsassa gewesen sein. Kein Wunder, dass Bach so viele schwierige Trompeten- und Hornpartien schrieb, die auch heute immer noch eine Herausforderung an Musiker darstellen.

Das Notenzettelchen, dass Gottfried Reiche auf dem Gemälde in seiner Hand hält, kann man hier deutlicher sehen:



Und so hört sich das an.

Gruß
Armin
Jürgen (03.02.2011, 09:29):
Ich habe mal versucht, einem Jagdhorn Töne zu entlocken. Das war ein Ventilloses Teil, wie es Jagdbläsergruppen verwenden. Ein Ton schaffte ich noch einigermaßen, auch wenn er nicht schön klang. Beim zweiten Ton musste ich schon die Segel streichen. Ich habe es nie wieder versucht. Das Horn gehörte meinem Bruder, so dass ich auch keine Gelegenheit mehr hatte.

Wenn ich nun dieses Abblasen von Gottfried Reiche sehe und höre, habe ich die allergrößte Hochachtung. :down

Grüße
Jürgen
Jürgen (03.02.2011, 10:06):
Ich habe gestern und heute einige Interpretationen dieser Kantate gehört.
Genauer gesagt habe ich mich auf die Arien (Alt, Tenor, Bass) konzentriert.

Die Alt-Arie beschreibt, wie Heike schon schrieb, das Schlafen Jesu. Das ist so gut gelungen, dass ich diese Arie eher als ermüdend empfinde, um nicht zu sagen: langweilig. Am wenigsten ermüdend ist es Suzuki gelungen, indem er das straffste Tempo wählte und mit dem Counter-Tenor Robin Blaze einen guten Griff tat.

Die Arie für Tenor ist ein wunderbares Beispiel für Tonmalerei in Bachs Kantatenmusik. Die heftigen stürmischen Wellenbewegungen kann man schön in den Streichern aber auch in der Singstimme hören, insbesondere bei Suzuki und noch besser bei Gardiner. Bei allen anderen (Rilling/Harnoncourt/Leusinck/MacLeod/Koopman) klingt es eher wie eine mittelmäßig steife Brise.

Die Bassarie ist auch Programmmusik und wieder setzen das Gardiner wie Suzuik schön um. Bei Rilling ist es nicht so tonmalerisch, aber dafür klingt der Bass von Siegmund Nimsgern einfach herrlich.

Grüße
Jürgen
Jürgen (03.02.2011, 16:22):
Darstellung des Herrn oder Mariä Lichtmess (früher auch: Mariä Reinigung, lat: Purificatio Mariae) ist ein Fest, das am 2. Februar, am vierzigsten Tag nach Weihnachten, gefeiert wird.

Für diesen Feiertag komponierte Bach folgende Kantaten:


BWV 82: Ich habe genug
BWV 83: Erfreute Zeit im neuen Bunde
BWV 125: Mit Fried und Freud ich fahr dahin
BWV 157: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!
BWV 158: Der Friede sei mit dir
BWV 161: Komm, du süße Todesstunde
BWV 200: Bekennen will ich seinen Namen



Da am nächsten Sonntag, dem 5.Sonntag nach Epiphanias, keine Kantaten vorliegen (der 5.Sonntag nach Epiphanias ist sehr selten) übertragen die Radiosender teilweise aus obiger Liste:

BR-Klassik BWV 100 Rilling 08:05 - 08:35
DRS 2 BWV 92 Gardiner SDG 09:00 - 09:30
NDR-Kultur BWV 22 Koopman 08:00 - 08:40
RBB BWV 73 Herreweghe 09:30 - 10:00
SR 2 BWV 158 Schultz 08:00 - 09:00
SWR 2 BWV 227(Motette) Suzuki 08:03 - 08:30
WDR 3 BWV 83 Suzuki 09:05 - 10:00
HR 2 BWV 125 Suzuki 07:00 - 07:30
Deutschlandradio Kultur BWV 161 Harnoncourt 06:30 - 07:00
Deutschlandfunk BWV 82 & 158 Schneider 06:10 - 07:00


Grüße
Jürgen
Armin70 (03.02.2011, 22:59):
Eben hatte ich mir diese Kantate in den Aufnahmen von Leusink, Rilling, Koopman, MacLeod und Suzuki angehört.

Ich kann mich Jürgens Eindrücken über diese Aufnahmen im Prinzip voll und ganz anschliessen.

Die Leusink-Aufnahme fand ich ehrlich gesagt langweilig. Das war nicht mehr und nicht weniger als ein korrektes Abspielen und Absingen der Noten. Das scheint seine Gründe zu haben, dass, seit dem ich Sonntags die Bach-Kantatenübertragungen im Radio verfolge, noch keine Leusink-Aufnahmen dabei waren...(jedenfalls kann ich mich nicht erinnern).

Wesentlich besser, weil insgesamt engagierter musiziert wird, gefallen mir die Aufnahmen von Rilling, Koopman und MacLeod. Die für mich beste Aufnahme gelang allerdings Suzuki mit seinem Bach-Collegium Japan, weil die von Jürgen schon angesprochenen tonmalerischen Aspekte in dieser Kantate am expressivsten herausgearbeitet werden.

Die Gardiner-Aufnahme kenne ich nicht aber ich kann mir gut vorstellen, dass er auch den Charakter dieser Kantate sehr gut trifft, da Gardiner auch bei anderen ähnlich gestalteten Werken den dramatischen Gestus i. d. R. sehr gut herausarbeitet.
Heike (03.02.2011, 23:25):
Sehr interesante Darlegungen zu den Instrumenten waren das, danke!
Ich habe im Moment etwas wenig Zeit, mich zu einzelnen Aufnahmen zu äußern, aber ich verfolge die Kantaten mit und finde eure Erläuterungen äußerst spannend!
Heike
Agravain (04.02.2011, 17:27):
Das ist wahrhaft eine der Gemmen unter Richters Bach-Aufnahmen. Natürlich vollkommen HIP-frei und somit nicht für jeden Bach-Liebhaber problemlos zu goutieren. Doch was Anna Reynolds unter Richters Leitung an Trauer, Furcht, Verlassenheitsgefühl aus der episch angelegten Alt-Eingangsarie herausholt, ist schon erstaunlich. Die Folgearie "Die schäumenden Wellen von Belials Belials Bächen verdoppeln die Wut" scheint wie für Peter Schreier gemacht, der die anspruchsvollen, die schäumenden Wellen malenden Koloraturen mit kaum gehörter Präzision, dabei aber nicht bloß machanisch, sondern leicht und mit beneidenswerter Selbstverständlichkeit singt. Ausgesprochen zupackend gelingt in Folge des Basses große Arie "Schweig, aufgetürmtes Meer!", für deren ruppigen Charakter sich auch ein Theo Adam als Sänger gut eignet. Rundum eindrucksvoller Bach in Richterscher Manier.

:hello Agravain
Jürgen (06.02.2011, 11:01):
Original von Jürgen

DRS 2 BWV 92 Gardiner SDG 09:00 - 09:30



Ich muss mich entschuldigen. Mir war entgangen, dass DRS 2 die Sendezeit geändert hat. Sie sendeten diese Kantate zwischen 10:30 und 11:00 Uhr.

Ich hoffe, ich bin der Einzige, dessen Aufnahme dadurch daneben ging.

Grüße
Jürgen
Jürgen (07.02.2011, 21:34):
Original von Armin70
Weiter gehts im Interpretationenvergleich. Dieses Mal mit BWV 73 und den Aufnahmen von Leusink, Rilling, Koopman und Gardiner:

........

Die für mich eindeutig beste Aufnahme in diesem Quartett ist die von Ton Koopman, weil er das ausgewogenste Solistentrio hat und er am meisten aus der Partitur herausholt. Vor allem die Transparenz ist hier vorbildlich. Am schönsten klingt bei Koopman auch das im Eingangschor und im Schlusschoral eingesetzte Horn, das ich bei Leusnik gar nicht gehört habe (oder ich habe Tomaten auf den Ohren).
Ähnlich wie Koopman gelingen auch Gardiner schöne Momente aber Klaus Mertens (Koopman) ist eindeutig der bessere Sänger als Stephen Varoce (Gardiner).
Als ich den Eingangschor bei Rilling hörte dachte ich erst "das ist ja Zeitlupentempo". Nachdem ich mich aber in dieses Tempo reinhörte und den Eingangschor dann noch mal hörte, fand ich das irgendwie auch gut und spannend gestaltet.
Die Leusink-Aufnahme ist zwar irgendwie solide aber auch nicht mehr und nicht weniger. Eine Interpretation ohne Emotionen, sachlich und das klingt dann manchmal eher nach Pflichterfüllung als dass da mit Leidenschaft musiziert wird.

Ich habe heute BWV 73 gehört. Ich schliesse mich in groben Zügen Armin an, erweitere jedoch um die gestern gesendete Einspielung unter Herreweghe. Insbesondere die Bassarie liegt vor allen anderen Kandidaten. Peter Kooy hat einen sowohl weichen, angenehmen wie auch kraftvollen Bass. Ausserdem klingt das Pizzikato im Mittelteil sehr markant, was bei der Konkurenz oft untergeht.

Grüße
Jürgen
Jürgen (09.02.2011, 11:31):
Am 2.Februar war ja auch die Kantate BWV 82 gesetzt. Sie wurde hier aber schon sehr ausführlich besprochen.
So möchte ich hier nur eine kleine Ergänzung anbringen.

Ich habe es schon im Was höre ich gerade erwähnt:

Original von Jürgen
http://ecx.images-amazon.com/images/I/510TA1QKMYL._SL500_AA300_.jpg

Clavier-Büchlein für Anna Magdalena Bach 1725, Behringer 1999

In diesem Klavier-Büchlein ist auch die Schlummerarie enthalten, hier ist der Sopran Sibylla Rubens' lediglich von der Orgel (Michael Behringer) begleitet. Das ist wunderbar zart und intim vorgetragen. Für Sopran sicherlich meine liebste Einspielung übertrifft sie sogar manche Bassdarstellung. Je nach Stimmungslage sogar alle.

Grüße
Jürgen
Armin70 (10.02.2011, 22:59):
Eben hatte ich mir auch einige der Kantaten, die am vergangenen Sonntag gesendet wurden, angehört:

Das ist einmal die Kantate BWV 73 in der Aufnahme von Philippe Herreweghe, die bereits Jürgen angesprochen hatte. Mir hat diese Interpretation auch sehr gut gefallen und dabei dachte ich mir so, dass die Radiosender an den Sonntagen viel öfters Aufnahmen von Herreweghe bringen sollten. Einzigster kleiner Wermutstropfen ist, wenn ich das so überhaupt sagen kann, dass ich das Horn im Eingangschor dieser Kantate ehrlich gesagt nicht gehört habe. Der Hornklang gefiel mir in Koopmans Aufnahme von BWV 73 sehr gut.

Dann hörte ich mir Suzukis Aufnahme von BWV 125 an und das für mich eine sehr ausdrucksstarke und intensive Interpretation. Die Gesangssolisten fand ich, wie meistens immer bei Suzuki, überzeugend. Suzuki gestaltet die Kantate sehr subtil und überlegt. Für mich klang das insgesamt sehr überzeugend.

Die Kantate BWV 158 hörte ich in den Aufnahmen mit Gotthold Schwarz (mit La Stagione Frankfurt), Ekkehard Abele (mit Le Concert Lorrain) und Philippe Huttenlocher (Bach-Collegium Stuttgart, Rilling). Diese kurze Kantate wird hauptsächlich vom Bassisten geprägt und da kann ich bei allen drei Aufnahmen nichts negatives über die jeweiligen Solisten sagen. Wobei ich bei Huttenloch höchsten hinsichtlich des stärkeren Vibratos kleine Abstriche machen muss. Die Interpretationen von Schwarz und Abele fand ich insgesamt doch stimmiger.

Dann die Kantate BWV 161 in den Aufnahmen von Harnoncourt und Koopman. Harnoncourts Aufnahme mit Knabensopran-Solisten und Knabenchor fand ich auf jeden Fall klar besser als die Leusink-Kantatenaufnahmen. Das liegt wohl daran, dass der Tölzer Knabenchor sicherlich um Klassen besser ist als der Holland Boys Choir. Allerdings muss man auch sagen, dass der Chor in dieser Kantate erst im Schlusschoral zum Einsatz kommt. Koopmans Interpretation finde ich aber dann doch besser, weil mich die Altistin Elisabeth von Magnus wesentlich mehr überzeugt als der Countertenor Paul Esswood (Harnoncourt). Des weiteren finde ich Koopamns Interpretationsansatz irgendwie überzeugender als bei Harnoncourt. Harnoncourts spätere Kantaten-Aufnahmen mit dem Arnold-Schönberg-Chor finde ich viel überzeugender als seine früheren Aufnahmen mit dem Tölzer Knabenchor. Vielleicht haben die ihm selbst nicht mehr so gefallen, weshalb er zumindest einige Kantaten später noch einmal und dann mit Erwachsenenchor und Altistin aufnahm.
Jürgen (11.02.2011, 09:09):
Der 6.Sonntag nach Epiphanias kam zu Bachs Lebzeiten nur 4 mal vor. Da Bach eher Pragmatiker war, als an die Nachwelt (insbesondere an uns) zu denken, ließ er diese wenigen Termine ungenutzt verstreichen und komponierte keine Kantate.

Ähnlich pragmatisch verhalten sich die Radiosender und schicken Folgendes über den Äther:


BR-Klassik BWV 14 Rotzsch 08:05 - 08:35
RBB BWV 81 Kuijken 09:30 - 10:00
SR 2 BWV 82a Haim 08:00 - 09:00
HR 2 BWV 69 Koopman 07:00 - 07:30
NDR-Kultur BWV 96 Harnoncourt 1979 08:00 - 08:40
WDR 3 BWV 195 Koopman 09:05 - 10:00
SWR 2 BWV 236 Pichon 08:03 - 08:30



BWV 14 & 81 stammen noch vom 4.Sonntag nach Epiphanias und haben, weil es je nach Jahr auch ein letzter Sonntag nach E. ist, durchaus ihre Berechtigung.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51MtloZ-5pL._SL160_AA160_.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Kuijken-L08a%5BAccent-SACD%5D.jpg


BWV 82a stammt ja vom 2.Februar (Marias Badetag), was auch als ziemlich zeitnah durchgeht:
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Haim-C01a%5BVirgin-CD%5D.jpg

BWV 69 (Ratswahl-Kantate) und 195 (Hochzeit) haben keinen fest zugeordneten Termin und sind damit auch kluge Schachzüge, um die Durststrecke zu überbrücken:
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C06-2.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C21.jpg


Lediglich bei BWV 96 (18.Sonntag nach Trinitatis) und der Missa Brevis BWV 236 kann ich auch beim besten Willen keinen Bezug herstellen. Probleme habe ich damit aber keine. Insbesondere auf die Messe freue ich mich, weil es eine sehr junge Aufnahme ist, die ich noch nicht kenne und die mich schon durch das Cover und den Namen des Ensembles (Pygmalion) neugierig macht:
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C05.jpeghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/41kKFN0JGfL._SL160_AA160_.jpg


Grüße
Jürgen
Armin70 (11.02.2011, 22:19):
Ich hatte mir eben noch die Kantate BWV 83, die auch am vergangenen Sonntag gesendet wurde, in den Aufnahmen von Suzuki, Gardiner und Koopman angehört.

Am überzeugensten klang für mich die Gardiner-Aufnahme. Die Tempi waren insgesamt zwar schnell aber nicht, wie manchmal bei Gardiner, zu überhetzt. Die Hörner schmetterten im Eingangssatz auch am schönsten und auch sonst gefällt mir Gardiners akzentreiche Interpretation ganz gut.

Suzuki hat zwar nach meinen Geschmack die besseren Gesangssolisten als Gardiner aber dieses Mal war mir sein Interpretationsansatz etwas zu dezent bzw. verhalten, obwohl sehr klangschön.

Koopman ist der schnellste in diesem Trio und mir sind seine Tempi ehrlich gesagt zu schnell. Besonders im Eingangssatz hatte ich den Eindruck, als wenn Koopman noch was anderes vor hatte und schnell fertig werden wollte. Vielleicht ist das ein Nachteil, wenn man so ein gewaltiges Aufnahmeprojekt mit den Bach-Kantaten durchzieht, dass man manchmal vom Tempo her zu sehr auf die Tube drückt.

Dann hörte ich mir noch eine schöne Aufnahme von der Motette Jesu, meine Freude BWV 227 mit dem Bach-Collegium Japan und Masaaki Suzuki an. Diese Interpretation hat mir sehr gut gefallen. Vor allem der Wechsel zwischen den choristischen und solistischen Passagen ist in diesem Werk sehr interessant und deshalb wirkt auf mich eine Aufnahme mit einem Chor, wie bei Masaaki, auf mich stärker als eine solistisch besetze Aufnahme. Sehr gut gefällt mir noch, dass Masaaki den Chor nur von einem Continou-Ensemble begleiten lässt, denn hohe Streicher und Bläser in den Motetten sind für mich fehl am Platz.
Jürgen (17.02.2011, 11:00):
Da ich am letzten Sonntag diese Kantate im Radio mitgeschnitten habe, möchte ich sie kurz vorstellen.

Sie wurde 1727 zum ersten mal aufgeführt, 1742 wiederholt und ein drittes mal 1748. Lediglich von der letzten Aufführung ist das Material überliefert. Ursprünglich war die Kantate um drei Sätze umfangreicher.

Sie ist gesetzt für Sopran, Alt, Tenor, Bass und vier-stimmigen Chor.
Im Orchester spielen Pauken, Streicher, je 2 Trompeten, Hörner, Oboen, Flöten sowie Orgel Continuo.

Text:


1. Coro (Soprano, Alto, Tenore, Basso)
Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen.
Ihr Gerechten, freuet euch des Herrn und danket ihm und preiset seine Heiligkeit.

2. Recitativo Bass
Dem Freudenlicht gerechter Frommen
Muss stets ein neuer Zuwachs kommen,
Der Wohl und Glück bei ihnen mehrt.
Auch diesem neuen Paar,
An dem man so Gerechtigkeit
Als Tugend ehrt,
Ist heut ein Freudenlicht bereit,
Das stellen neues Wohlsein dar.
O! ein erwünscht Verbinden!
So können zwei ihr Glück eins an dem andern finden.

3. Aria Bass
Rühmet Gottes Güt und Treu,
Rühmet ihn mit reger Freude,
Preiset Gott, Verlobten beide!
Denn eu'r heutiges Verbinden
Läßt euch lauter Segen enden,
Licht und Freude werden neu.

4. Recitativo Sopran
Wohlan, so knüpfet denn ein Band,
Das so viel Wohlsein prophezeihet.
Des Priesters Hand
Wird jetzt den Segen
Auf euren Ehestand,
Auf eure Scheitel legen.
Und wenn des Segens Kraft hinfort an euch gedeihet
So rühmt des Höchsten Vaterhand.
Er knüpfte selbst eu'r Liebesband
Und ließ das, was er angefangen,
Auch ein erwünschtes End erlangen.

5. Coro (Soprano, Alto, Tenore, Basso)
Wir kommen, deine Heiligkeit,
Unendlich großer Gott, zu preisen.
Der Anfang rührt von deinen Händen,
Durch Allmacht kannst du es vollenden
Und deinen Segen kräftig weisen.

6. Choral
Nun danket all und bringet Ehr,
Ihr Menschen in der Welt,
Dem, dessen Lob der Engel Heer
Im Himmel stets vermeldt.


Wie die Besetzung schon andeutet, sind gerade die beiden Chorsätze 1 & 5 sehr festlich angelegt. Mir gefällt das sehr gut, so dass es mich wundert, dass diese Kantate gar nicht so oft auf Tonträger eingespielt worden ist. Kein Richter, Gardiner und Suzuki. Aber immerhin sind die Gesamteinspieler Rilling, Leusinck, Harnoncourt/Leonhardt sowie Koopman vertreten.

Bei Rilling gefallen mir die Trompeten, bei Leusinck die Pauken, bei Leonhardt missfällt mir der Knabensopran. Koopman besticht durch seine Ausgeglichenheit, es wirkt stimmig. Klar, die Trompeten und Pauken könnten etwas markanter sein, wie von Rilling/Leusinck vorgemacht, aber dafür klingt bei ihm der Sopran nicht so aufdringlich wie bei denen.



Quelle: bach-cantatas


Grüße
Jürgen
Jürgen (18.02.2011, 08:40):
In den Erklärungen des Kirchenkalenders lese ich, dass es auch noch rund 70 Tage bis Ostern sein sollen. Auch wenn ich schwach im Kopfrechnen bin, erkenne ich recht schnell, dass in der Kirche großzügig gerundet wird :D

Für diesen Sonntag schrieb Bach drei Kantaten:


BWV 144: Nimm, was dein ist, und gehe hin
BWV 92: Ich hab in Gottes Herz und Sinn
BWV 84: Ich bin vergnügt mit meinem Glücke (Sopran & Chor)



Und die Radiosender, froh endlich wieder feste Vorgaben zu bekommen, bedienen sich auch aus diesem Tripel.



BR-Klassik BWV 92: Suzuki zwischen 08:05 und 08:40
WDR 3 BWV 92: Suzuki zwischen 09:05 und 10:00
HR 2 BWV 92: Suzuki zwischen 06:00 und 07:00
NDR-Kultur BWV 92: Richter zwischen 08:00 und 08:40
RBB BWV 92: Koopman zwischen 09:30 und 10:00
SR 2 BWV 144: Koopman zwischen 08:00 und 09:00
SWR 2 BWV 92: Gardiner SDG zwischen 08:03 und 08:30
MDR-Figaro BWV 84: Pommer zwischen 06:30 und 07:00
Deutschlandfunk BWV 92: Rilling zwischen 06:10 und 07:00
Deutschlandradio Kultur BWV 84: Rilling zwischen 06:00 und 07:00


http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C07-2.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S27.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S29.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Pommer-C02-1.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C13.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C33a%5BBIS-SACD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P20a%5BSDG-2CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Richter-C02.jpeg

Grüße & viel Spaß beim Aufnehmen/Anhören
Jürgen
Armin70 (18.02.2011, 23:01):
Ich hatte mir noch die Radiomitschnitte der Kantaten vom vergangenen Sonntag angehört:

Die Kantate "Jesus schläft, was soll ich hoffen" BWV 81 mit La Petite Bande und Sigiswald Kuijken reiht sich ein in die bis jetzt guten Erfahrungen, die ich mit Kuijkens solistisch besetzten Aufnahmen machte. Das klingt schön transparent und die Solisten, die gleichzeitig den Chor stellen, passen sehr gut zusammen.

Dann die Kantate "Herr Christ, der ein'ge Gottessohn" BWV 96 einmal mit Nikolaus Harnoncourt und mit Ton Koopman. Harnoncourts Besetzung des Solo-Sopran mit Knabensopran ist nun wirklich Geschmackssache. Mein Fall ist es jedenfalls nicht. Anonsten sind die Tempi bei Harnoncourt auch etwas zäh. Wesentlich besser klingt das bei Koopman, weil er flüssigere Tempi wählt und allein der Amsterdam Baroque Choir ist ganz eindeutig mehr nach meinem Geschmack als ein Knabenchor, egal ob der aus Tölz, Leipzig, Dresden oder sonstwoher kommt. Des weiteren sind die Gesangssolisten bei Koopman auch besser.

Die Kantate "Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen" BWV 195 entfaltet in Koopmans Interpretation prachtvollen Glanz, einer "Hochzeits-Kantate" angemessen. Hätte Bach heute gelebt, so hätte er vielleicht noch eine "Scheidungs-Kantate" komponiert; wie die wohl geklungen hätte...

Mein Highlight vom vergangenen Sonntag war aber die Übertragung der Missa brevis F-Dur BWV 233 (es handelte sich nicht, wie auf der Homepage von SWR 2 angekündigt, um BWV 236). Das für mich bis dahin unbekannte Ensemble Pygmalion singt und spielt schlicht und einfach brilliant, mit Spielfreude, sehr transparent und mit frischen aber nie überhetzt wirkenden Tempi. Das hat mich sehr überzeugt und das Zuhören hat richtig Spass gemacht.
Armin70 (22.02.2011, 18:40):
Ich bin vergnügt mit meinem Glücke BWV 84

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate im Jahr 1727 für den Sonntag Septuagesimae. Dieser Kirchensonntag läutet die Vorfastenzeit ein und weist mit seinem Namen auf die 70 Tage hin, die mit dem Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, vorüber sind.

Die Kantate ist für Solosopran, Chor, Solo-Oboe, Streicher und Basso Continou geschrieben. Der Text basiert in den ersten vier Sätzen auf einer Dichtung von Picander und im abschließenden Choral auf Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt.

Text:

1. Arie (Sopran, Oboe, Violine I/II, Viola und Continou)
Ich bin vergnügt mit meinem Glücke,
Das mir der liebe Gott beschert.
Soll ich nicht reiche Fülle haben,
So dank ich ihm vor kleine Gaben
Und bin auch nicht derselben wert.

2. Rezitativ (Sopran und Continou)
Gott ist mir ja nichts schuldig,
Und wenn er mir was gibt,
So zeigt er mir, dass er mich liebt;
Ich kann mir nichts bei ihm verdienen,
Denn was ich tu, ist meine Pflicht.
Ja! wenn mein Tun gleich noch so gut geschienen,
So hab ich doch nichts Rechtes ausgericht'.
Doch ist der Mensch so ungeduldig,
Dass er sich oft betrübt,
Wenn ihm der liebe Gott nicht überflüssig gibt.
Hat er uns nicht so lange Zeit
Umsonst ernähret und gekleidt
Und will uns einsten seliglich
In seine Herrlichkeit erhöhn?
Es ist genug vor mich,
Dass ich nicht hungrig darf zu Bette gehn.

3. Arie (Sopran, Oboe, Violine und Continou)
Ich esse mit Freuden mein weniges Brot
Und gönne dem Nächsten von Herzen das Seine.
Ein ruhig Gewissen, ein fröhlicher Geist,
Ein dankbares Herze, das lobet und preist,
vermehret den Segen, verzuckert die Not.

4. Rezitativ (Sopran, Violine I/II, Viola und Continou)
Im Schweiße meines Angesichts
Will ich indes mein Brot genießen,
Und wenn mein Lebenslauf,
Mein Lebensabend wird beschließen,
So teilt mir Gott den Groschen aus,
Da steht der Himmel drauf.
O! wenn ich diese Gabe
zu meinem Gnadenlohne habe,
So brauch ich weiter nichts.

5. Choral (Oboe e Violino I col Soprano, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore und Continuo)
Ich leb indes in dir vergnüget
Und sterb ohn alle Kümmernis,
Mir genüget, wie es mein Gott füget,
Ich glaub und bin es ganz gewiss:
Durch deine Gnad und Christi Blut
Machst du's mit meinem Ende gut.

Besetzung: Solo (Sopran), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe, Violine I/II, Viola und Continou
Entstehungszeit: 9. Februar 1727
Text: nach Christian Friedrich Henrici (Picander) 1728/29; 5. Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt 1686
Anlass: Septuagesimae

(Quellen: allmusic.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (22.02.2011, 22:18):
Die Kantate Ich bin vergnügt mit meinem Glücke, BWV 84 hatte ich mir vergleichend in den Aufnahmen von Max Pommer und Pieter Jan Leusink angehört.

Insgesamt haben mir beide Aufnahmen ganz gut gefallen. Die Sopranistin Adelheid Vogel bei Pommer hat zwar mit etwas Vibrato gesungen, was ich allerdings nicht als störend empfand. Da es sich um eine Live-Aufnahme handelte, sind einige Wackler im Zusammenspiel zwischen Solistin und Orchester evtl. zu erklären. Durchaus überzeugend fand ich die Idee, im Schluss-Choral keinen Chor singen zu lassen, sondern eben nur die Sopranistin, die den Cantus firmus singt, so dass es sich, wie z. B. bei der Kantate BWV 51, um eine reine Solo-Kantate handelt, auch wenn das Bach sich so vielleicht nicht vorgestellt haben mag.

Gut gefallen hat mir dieses Mal auch die Leusink-Aufnahme, was in erster Linie der Sopranistin Ruth Holton zu verdanken ist, deren sehr schlanker Sopran sehr gut zu dieser Kantate passte. Die Tempi empfand ich auch durchaus als stimmig. Besser wäre es noch gewesen, wenn Leusink es im Schluss-Choral genauso gemacht hätte wie Pommer, d. h. hier auch nur die Solistin singen zu lassen. Stattdessen kam dann halt der Holland Boys Choir zum Einsatz, der mir hier immerhin nicht so negativ auffiel wie in anderen Aufnahmen.
Agravain (23.02.2011, 08:00):
Original von Armin70
Kantate Ich bin vergnügt mit meinem Glücke, BWV 84

Gut gefallen hat mir dieses Mal auch die Leusink-Aufnahme, was in erster Linie der Sopranistin Ruth Holton zu verdanken ist, deren sehr schlanker Sopran sehr gut zu dieser Kantate passte. Die Tempi empfand ich auch durchaus als stimmig.

Diesem Eindruck kann ich mich völlig anschließen. Zwar eignet sich Ruth Holtons knabenhaft-silbriger Sopran nicht für alle Partien der Bachschen Kantaten, hier passt diese Stimme aber sehr gut, das sie besonders der Eingangsarie eine ganz unschuldige Naivität und Freundlichkeit verleiht.

Ich habe neben dieser Aufnahe die Rillingsche mit Arleen Auger gehört, die mir nicht so recht zusagen wollte. Besonders den Eingangssatz gestaltet mir Rilling zu vertikal, der Bogen, den Oboe und Gesangsstimme an sich spannen, geht mir zu oft verloren. Durch den schon fast staccato gespielten Streichersatz soll eventuell versucht werden Fröhlichkeit und "Vergnügen" zum Klingen zu bringen. In dem Satz geht es aber eben um die aus dem Stoizismus herkommende Gemütsverfassung der "Serenitas", eine ruhige, in sich ruhende Heiterkeit. Und gerade die empfindet man hier (zumal das Tempo entsprechend einen Tuck zu straff erscheint) so nicht.

Schade finde ich, dass die Sender somit auch eher zweitrangige Aufnahmen von BWV 84 zurückgergriffen haben (auch Frau Vogel war meines nicht so recht), obwohl es so gute Aufnahmen des Werkes gibt, wie bspw. die ganz und gar hippe, schlanke und in Gesang und Dirigat einwandfreie wie die mit Nancy Argenta unter der Leitung von Monica Hugget

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51jZSKEtHPL._SL500_AA300_.jpg

oder die ganz exquisite mit Siri Thornhill unter der Leitung von Helmut Müller-Brühl:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61nKVWrijqL._SL500_AA300_.jpg

die sich jeweils an Stimmigkeit und Eindringlichkeit nichts nehmen.

:hello Agravain
Jürgen (23.02.2011, 11:51):
Original von Armin70
Die Sopranistin Adelheid Vogel bei Pommer


Ich sehe gerade mit Bestürzen, dass ich bei meiner Radiovorschau das falsche Cover für die Pommersche verlinkt habe.

Bei Bach-Cantatas habe ich nämlich eine Aufnahme unter Pommer gefunden. Bei dieser Aufnahme sang jedoch Venceslava Hruba-Freiberger und nicht Adelheid Vogel. Dummerweise gibt es von der gesendeten Aufnahme kein Cover, sie scheint auch nirgends erhältlich zu sein.

Dennoch eine interessante Aufnahme. Wie Armin schon schrieb, ist es eine schöne Alternative den Schlusschoral vom Sopran singen zu lassen (Und billiger!).

Erfreulich ist auch, dass diesmal Leusinck mit Ruth Holton die beste (von den mir vorliegenden) Version bietet. Die Begründungen von Agravain und Armin bringen es gut auf den Punkt.

Bleibt mir nur noch zu erwähnen, dass Harnoncourt mit seinem Knabensopran bei mir überhaupt nicht landen konnte.

Grüße
Jürgen
Jürgen (24.02.2011, 15:09):
Für den kommenden Sonntag schrieb Bach drei Kantaten:


BWV 181: Leichtgesinnte Flattergeister
BWV 126: Erhalt uns Herr, bei deinem Wort
BWV 18: Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt



Und die Radiosender halten sich an das Programm.



Deutschlandradio Kultur BWV 18 Harnoncourt von 06:00 bis 07:00
RBB BWV 18 Suzuki von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 18 Kuijken von 08:00 bis 09:00
WDR 3 BWV 18 Kuijken von 09:05 bis 10:00
HR 2 BWV 126 Suzuki von 07:00 bis 07:30
MDR-Figaro BWV 126 Biller von 06:30 bis 07:00
Deutschlandfunk BWV 126 Rilling von 06:10 bis 07:00
BR-Klassik BWV 126 Koopman von 08:05 bis 08:30
NDR-Kultur BWV 181 Suzuki von 08:00 bis 08:40


http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C01.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S40.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C14.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Kuijken-L06a%5BAccent-SACD%5D.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C05a%5BBIS-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C17a%5BBIS-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C34a%5BBIS-SACD%5D.jpg




Grüße & viel Spaß beim Aufnehmen/Anhören
Jürgen
Armin70 (24.02.2011, 21:41):
Original von Jürgen
Original von Armin70
Die Sopranistin Adelheid Vogel bei Pommer


Ich sehe gerade mit Bestürzen, dass ich bei meiner Radiovorschau das falsche Cover für die Pommersche verlinkt habe.

Bei Bach-Cantatas habe ich nämlich eine Aufnahme unter Pommer gefunden. Bei dieser Aufnahme sang jedoch Venceslava Hruba-Freiberger und nicht Adelheid Vogel. Dummerweise gibt es von der gesendeten Aufnahme kein Cover, sie scheint auch nirgends erhältlich zu sein.


Das war ein Live-Mitschnitts eines Konzerts, das aufgrund der akustischen Verhältnisse vermutlich in einer Kirche stattfand. Diese Aufnahme ist evtl. nur vom MDR aufgenommen worden und ist wahrscheinlich nicht als kommerzielle CD erhältlich.
Armin70 (24.02.2011, 21:56):
Am vergangenen Sonntag wurde auch folgende Kantate gespielt:

Kantate „Ich hab in Gottes Herz und Sinn „ BWV 92

Johann Sebastian Bach komponierte dieses Werk für den Sonntag „Septuagesimä“ im Jahr 1725. Mit 9 Sätzen und einer Aufführungdauer von ca. 30 Minuten gehört dieses Werk zu den umfangreichen Kantaten in Bachs Werkverzeichnis.

Text:

1. Chor (Chor und Orchester)
Ich hab in Gottes Herz und Sinn
Mein Herz und Sinn ergeben,
Was böse scheint, ist mein Gewinn,
Der Tod selbst ist mein Leben.
Ich bin ein Sohn
Des, der den Thron
Des Himmels aufgezogen;
Ob er gleich schlägt
Und Kreuz auflegt,
Bleibt doch sein Herz gewogen.

2. Choral und Rezitativ (Bass und Continou)
Es kann mir fehlen nimmermehr!
Es müssen eh'r
Wie selbst der treue Zeuge spricht,
Mit Prasseln und mit grausem Knallen
Die Berge und die Hügel fallen:
Mein Heiland aber trüget nicht,
Mein Vater muss mich lieben.
Durch Jesu rotes Blut bin ich in seine Hand geschrieben;
Er schützt mich doch!
Wenn er mich auch gleich wirft ins Meer,
So lebt der Herr auf großen Wassern noch,
Der hat mir selbst mein Leben zugeteilt,
Drum werden sie mich nicht ersäufen.
Wenn mich die Wellen schon ergreifen
Und ihre Wut mit mir zum Abgrund eilt,
So will er mich nur üben,
Ob ich an Jonam werde denken,
Ob ich den Sinn mit Petro auf ihn werde lenken.
Er will mich stark im Glauben machen,
Er will vor meine Seele wachen
Und mein Gemüt,
Das immer wankt und weicht in seiner Güt,
Der an Beständigkeit nichts gleicht,
Gewöhnen, fest zu stehen.
Mein Fuß soll fest
Bis an der Tage letzten Rest
Sich hier uf diesen Felsen gründen.
Halt ich denn Stand,
Und lasse mich in felsenfesten Glauben finden,
Weiß seine Hand,
Die er mich schon vom Himmel beut,
zu rechter Zeit
Mich wieder zu erhöhen.

3. Arie (Tenor, Violine I/II, Viola und Continou)
Seht, seht! wie reißt, wie bricht, wie fällt,
Was Gottes starker Arm nicht hält.
Steht aber fest und unbeweglich prangen,
Was unser Held mit seiner Macht umfangen.
Laßt Satan wüten, rasen, krachen,
Der starke Gott wird uns unüberwindlich machen.

4. Choral (Alt, Oboe d`amore I/II und Continou)
Zudem ist Weisheit und Verstand
Bei ihm ohn alle Maßen,
Zeit, Ort und Stund ist ihm bekannt,
Zu tun und auch zu lassen.
Er weiß, wenn Freud,
er weiß, wenn Leid
Uns, seinen Kindern, diene,
Und was er tut,
ist alles gut,
Ob's noch so traurig schiene.

5. Rezitativ (Tenor und Continou)
Wir wollen uns nicht länger zagen
Und uns mit Fleisch und Blut,
Weil wir in Gottes Hut,
So furchtsam wie bisher befragen.
Ich denke dran,
Wie Jesus nicht gefürcht' das tausendfache Leiden;
Er sah es an
Als eine Quelle ewger Freuden.
Und dir, mein Christ,
Wird deine Angst und Qual, dein bitter Kreuz und Pein
Um Jesu willen Heil und Zucker sein.
Vertraue Gottes Huld
Und merke noch, was nötig ist:
Geduld! Geduld!

6. Arie (Bass und Continou)
Das Brausen von den rauhen Winden
Macht, dass wir volle Ähren finden.
Des Kreuzes Ungestüm schafft bei den Christen Frucht,
Drum lasst uns alle unser Leben
Dem weisen Herrscher ganz ergeben.
Küsst seines Sohnes Hand, verehrt die treue Zucht.

7. Choral und Rezitativ (Chor, Soli und Continou)
Ei nun, mein Gott, so fall ich dir
Getrost in deine Hände.
Bass
So spricht der gottgelassne Geist,
Wenn er des Heilands Brudersinn
Und Gottes Treue gläubig preist.
Nimm mich, und mache es mit mir
Bis an mein letztes Ende.
Tenor
Ich weiss gewiss,
Dass ich ohnfehlbar selig bin,
Wenn meine Not und mein Bekümmernis
Von dir so wird geendigt werden:
Wie du wohl weißt,
Dass meinem Geist
Dadurch sein Nutz entstehe,
Alt
Dass schon auf dieser Erden,
Dem Satan zum Verdruss,
Dein Himmelreich sich in mir zeigen muss
Und deine Ehr je mehr und mehr
Sich in ihr selbst erhöhe,
Sopran
So kann mein Herz nach deinem Willen
Sich, o mein Jesu, selig stillen,
Und ich kann bei gedämpften Saiten
Dem Friedensfürst ein neues Lied bereiten.

8. Arie (Sopran, Oboe d`amore, Violine I/II, Viola und Continou)
Meinem Hirten bleib ich treu.
Will er mir den Kreuzkelch füllen,
Ruh ich ganz in seinem Willen,
Er steht mir im Leiden bei.
Es wird dennoch, nach dem Weinen,
Jesu Sonne wieder scheinen.
Meinem Hirten bleib ich treu.
Jesu leb ich, der wird walten,
Freu dich, Herz, du sollst erkalten,
Jesus hat genug getan.
Amen: Vater, nimm mich an!

9. Choral (Oboe d'amore I/II e Violino I col Soprano, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Soll ich den auch des Todes Weg
Und finstre Straße reisen,
Wohlan! ich tret auf Bahn und Steg,
Den mir dein Augen weisen.
Du bist mein Hirt,
Der alles wird
Zu solchem Ende kehren,
Dass ich einmal
In deinem Saal
Dich ewig möge ehren.


Besetzung: Soli (S A T B), Coro (S A T B), Oboe d'amore I/II, Violino I/II, Viola und Continuo
Entstehungszeit: 28. Januar 1725
Text: 1,2,4,7,9: Paul Gerhardt 1647; Rest: Umdichtungen eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: Septuagesimae

(Quellen: bach-cantatas.com, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (24.02.2011, 22:22):
Diese Kantate hörte ich mir in den Aufnahmen von Karl Richter, John Eliot Gardiner und Masaaki Suzuki an.

Eine positive Überraschung für mich war die Richter-Aufnahme. Karl Richter machte aus diesem Werk so etwas wie ein "Mini-Oratorium", d. h. es ist eine sehr klangvoll-mächtige Aufnahme. Die große Chorbesetzung kommt in diesem Werk durchaus eindrucksvoll zur Geltung. Die bildhaften Textzeilen, die Bach in seiner Musik effektvoll vertont, kommen bei Richter auch gut rüber. Bei den Gesangssolisten kann ich mich einzig mit Fischer-Dieskaus Gesang nicht so richtig anfreunden. Sehr effekvoll lässt Richter in dieser Aufnahme auch die Orgel einsetzen. Da die Aufnahme im Herkules-Saal in München entstand wurde vermutlich sogar die große Konzertsaal-Orgel eingesetzt. Im Schluss-Choral kommt sogar so etwas wie "Kirchengemeinde-Feeling" auf.

John Eliot Gardiners Aufnahme ist natürlich ganz anders aber auch sehr gut, weil sie für mich in diesem Trio die dramatischste ist. Einschränkungen gibt es für mich nur bei den Solisten. Lediglich die Sopranistin Miah Persson gefällt mir sehr gut.

Masaaki Suzukis Aufnahme entscheidet sich von den Tempi her nur geringfügig von Richters Aufnahme. Der Pluspunkt bei Suzukis Aufnahme liegt meiner Meinung nach darin, dass er die besten Gesangssolisten zur Verfügung hat. Ansonsten ist Suzukis Aufnahme eher durch gebremstes Temperament gekennzeichnet aber das klingt jetzt negativer als es gemeint ist. Alles in allem ist Suzukis Aufnahme sehr klangschön.

Noch eine kleine Anmerkung:
In der Nummer 7 dieser Kantate, die ein Wechsel zwischen Choral und Rezitativ-Einschüben ist, lässt Richter auch die Rezitativ-Einschübe von den Chorstimmen singen während Gardiner und Suzuki diese von den jeweiligen Solisten singen lassen.
Jürgen (25.02.2011, 09:01):
Bei dieser Kantate will ich nur auf den Alt-Choral eingehen, weil einzig er mich ein wenig fesseln konnte.

Diesen Choral gibt es mit den unterschiedlichsten Ansätzen. Mal mit Chor (Richter, wie nicht anders erwartet), mit Alt (Rilling, leider ohne rechten Fluss; Koopman mit Franziska Gottwald, die sich fast wie ein Altus anhört), oder mit Counter Tenor (Leonhardt, Leusinck, Suzuki).

Leider singt mir Paul Esswood bei Leonhardt mit so viel Vibrato, dass es mich stört.
Sytse Buwalda unter Leusinck ist mir zu verhalten.

So verbleiben mir noch drei von der Besetzung unterschiedlich Aufnahmen:

Richter / Chor
Koopman / Alt
Suzuki / Counter
Beim Anhören fällt noch etwas auf, nämlich das Tempo. Und hier haben wir verkehrte Welt: Richter ist mit unter 3 Minuten der Schnellste und Suzuki, der eine Minute länger benötigt, der Langsamste. Sonst ist das eher umgekehrt. (Was diesen einzelnen Satz angeht muss ich also Armin widersprechen)
Koopman liegt etwa in der Mitte.
Das führt dazu, dass Koopman und mehr noch Suzuki eine verhaltene und verinnerlichte Lesart präsentieren, während Richter fast heiter klingt.

Alle drei haben daher ihre Berechtigung und gefallen mir gut.

Grüße
Jürgen
Jürgen (28.02.2011, 11:24):
Ich bin mal faul und zitiere direkt aus dem Programmheft (Komplettes Dokument) des Konzerts, das am Sonntag auch bei MDR-Figaro ausgestrahlt wurde.


Original aus dem Programmheft
Der Choralkantate »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort« liegt das gleichnamige Kirchenlied zugrunde, dessen älteste Version in einem Gesangbuch von 1545 überschrieben ist »Ein kinderlied / zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen / den Bapst und
Türcken etc.« Dieser zunächst dreistrophigen Kerndichtung Martin Luthers sind nachträglich zwei Strophen von Justus Jonas angegliedert worden, sodann Luthers »Verleih uns Frieden gnädiglich« und schließlich – 1566 durch Johann Walter – eine Schlußstrophe mit der Fürbitte für
»Fürsten und alle Obrigkeit«. In dieser erweiterten Gestalt ist die Liedvorlage in der für Bachs Choralkantaten charakteristischen Weise durch einen unbekannten Bearbeiter in einen sechssätzigen Kantatentext verwandelt worden, wobei wie üblich Eingangs- und Schlußstrophe(n) unverändert blieben, die übrigen Liedbestandteile durch Umdichtung oder auch Textinterpolation dem neuen Zweck angepaßt wurden.
Bachs Komposition stellt an den Beginn die hier zu erwartende ausgedehnte konzertierende Choralbearbeitung. Ungewöhnlich an diesem Satz ist der anspruchsvolle Part einer hohen Trompete, die sich bevorzugt in der für sie ungewohnten Haupttonart a-Moll bewegt. So erscheint der heroische Klangcharakter des Blechblasinstruments seltsam verschleiert, ohne allerdings die von der Textvorlage geforderte Kampfentschlossenheit aufzugeben.
Parallelführungen, Imitationen und insistierende Tonwiederholungen verleihen der inständigen Bitte der Tenor-Arie Nachdruck und Überzeugungskraft. Ohne Konzilianz trägt die karg besetzte Baß-Arie die Forderung nach dem Niederschlagen der Feinde vor.



1. (Coro)
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur' des Papsts und Türken Mord,
Die Jesum Christum, deinen Sohn,
Stürzen wollen von seinem Thron.

2. Aria Tenor
Sende deine Macht von oben,
Herr der Herren, starker Gott!
Deine Kirche zu erfreuen
Und der Feinde bittern Spott
Augenblicklich zu zerstreuen.

3. Choral e Recitativo Alt, Tenor
Alt
Der Menschen Gunst und Macht wird wenig nützen,
Wenn du nicht willt das arme Häuflein schützen,
beide
Gott Heilger Geist, du Tröster wert,
Tenor
Du weißt, dass die verfolgte Gottesstadt
Den ärgsten Feind nur in sich selber hat
Durch die Gefährlichkeit der falschen Brüder.
beide
Gib dein'm Volk einerlei Sinn auf Erd,
Alt
Dass wir, an Christi Leibe Glieder,
Im Glauben eins, im Leben einig sei'n.
beide
Steh bei uns in der letzten Not!
Tenor
Es bricht alsdann der letzte Feind herein
Und will den Trost von unsern Herzen trennen;
Doch lass dich da als unsern Helfer kennen.
Beide
G'leit uns ins Leben aus dem Tod!

4. Aria Bass
Stürze zu Boden, schwülstige Stolze!
Mache zunichte, was sie erdacht!
Laß sie den Abgrund plötzlich verschlingen,
Wehre dem Toben feindlicher Macht,
Laß ihr Verlangen nimmer gelingen!

5. Recitativo Tenor
So wird dein Wort und Wahrheit offenbar
Und stellet sich im höchsten Glanze dar,
Dass du vor deine Kirche wachst,
Dass du des heilgen Wortes Lehren
Zum Segen fruchtbar machst;
Und willst du dich als Helfer zu uns kehren,
So wird uns denn in Frieden
Des Segens Überfluss beschieden.

6. Choral
Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten;
Es ist doch ja kein andrer nicht,
Der für uns könnte streiten,
Denn du, unser Gott, alleine.

Gib unsern Fürst'n und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
Dass wir unter ihnen
Ein geruh'g und stilles Leben führen mögen
In aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.
Amen.


Na, der Text des Eingangschorals ist schon heftig, wenn auch aus dem Zeitgeist heraus nachvollziehbar.
Ich denke mal, für ökumenische Gottesdienste wird man sich eine andere Kantate aussuchen :cool

Grüße
Jürgen
Jürgen (03.03.2011, 17:37):
Für den kommenden Sonntag schrieb Bach 4 Kantaten:


BWV 22: Jesus nahm zu sich die Zwölfe
BWV 23: Du wahrer Gott und Davids Sons
BWV 127: Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott
BWV 159: Sehet! wir gehn hinauf gen Jerusalem



Und die Radios gibt es daher (etwas Herreweghe-lastig):



BR-Klassik BWV 22 Herreweghe von 08:05 bis 08:30
DRS 2 BWV 22 & 23 Herreweghe von 10:00 bis 11:00
SR 2 BWV 23 Herreweghe von 08:00 bis 09:00
WDR 3 BWV 22 Herreweghe von 09:05 bis 10:00
HR 2 BWV 159 Herreweghe von 07:00 bis 07:30
MDR-Figaro BWV 23 Biller von 06:30 bis 07:00
Deutschlandfunk BWV 127 Koopman von 06:10 bis 07:00
NDR-Kultur BWV 22 Koopman von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 127 Richter von 09:30 bis 10:00




Grüße & viel Spaß beim Aufnehmen/Anhören
Jürgen
Armin70 (03.03.2011, 20:53):
Kantate „Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt“ BWV 18

Dieses Werk gehört zu den frühen Bach-Kantaten. Erstmals aufgeführt wurde diese Kantate vermutlich am 24. Februar 1715 oder auch ein bis zwei Jahre später am Weimarer Hof.

Auffällig an diesem Werk ist, dass es nur eine Arie aber zwei ausgedehnte Rezitative mit ariosen und choralartigen Einschüben gibt. Des weiteren ist die Orchesterbesetzung ungewöhnlich, denn die Violinen fehlen komplett. Stattdessen verlangt Bach 4 Bratschen, Violoncello und Continou, inklusive Fagott. Damit ähnelt die Orchesterbesetzung in dieser Hinsicht der Besetzung des 6. Brandenburgischen Konzerts. Für eine hellere Klangfarbe sogen 2 Blockflöten, die Bach für eine spätere Aufführung dieser Kantate in Leipzig aber strich.

Text:

1. Sinfonia (Instrumental, Orchester)

2. Rezitativ (Bass und Continou)
Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin kommet, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen: Also soll das Wort, so aus meinem Munde gehet, auch sein; es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, das mir gefället, und soll ihm gelingen, dazu ich's sende.

3. Recitativo (e Litanei) (S T B, Flauto I/II, Viola I-IV, Fagotto, Continuo)
Tenor
Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
Ich öffne dir's in meines Jesu Namen;
So streue deinen Samen
Als in ein gutes Land hinein.
Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
Laß solches Frucht, und hundertfältig, bringen.
O Herr, Herr, hilf! o Herr, lass wohlgelingen!
Du wollest deinen Geist und Kraft zum Wortegeben
Erhör uns, lieber Herre Gott!
Bass
Nur wehre, treuer Vater, wehre,
Dass mich und keinen Christen nicht
Des Teufels Trug verkehre.
Sein Sinn ist ganz dahin gericht',
Uns deines Wortes zu berauben
Mit aller Seligkeit.
Den Satan unter unsre Füße treten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
Tenor
Ach! viel verleugnen Wort und Glauben
Und fallen ab wie faules Obst,
Wenn sie Verfolgung sollen leiden.
So stürzen sie in ewig Herzeleid,
Da sie ein zeitlich Weh vermeiden.
Und uns für des Türken und des Papsts
grausamen Mord und Lästerungen,
Wüten und Toben väterlich behüten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
Bass
Ein andrer sorgt nur für den Bauch;
Inzwischen wird der Seele ganz vergessen;
Der Mammon auch
Hat vieler Herz besessen.
So kann das Wort zu keiner Kraft gelangen.
Und wieviel Seelen hält
Die Wollust nicht gefangen?
So sehr verführet sie die Welt,
Die Welt, die ihnen muss anstatt des Himmels stehen,
Darüber sie vom Himmel irregehen.
Alle Irrige und Verführte wiederbringen.
Erhör uns, lieber Herre Gott!

4. Aria (Sopran, Flauto I/II, Viola I-IV all' unisono, Continuo)
Mein Seelenschatz ist Gottes Wort;
Außer dem sind alle Schätze
Solche Netze,
Welche Welt und Satan stricken,
Schnöde Seelen zu berücken.
Fort mit allen, fort, nur fort!
Mein Seelenschatz ist Gottes Wort.

5. Choral (Flauto I/II e Viola I/II col Soprano, Viola III coll' Alto, Viola IV col Tenore, Fagotto col Basso, Continuo) Ich bitt, o Herr, aus Herzens Grund,
Du wollst nicht von mir nehmen
Dein heilges Wort aus meinem Mund;
So wird mich nicht beschämen
Mein Sünd und Schuld, denn in dein Huld
Setz ich all mein Vertrauen:
Wer sich nur fest darauf verlässt,
Der wird den Tod nicht schauen.

Besetzung:
Soli: S T B, Coro: S A T B, Flauto I/II, Viola I-IV, Fagotto, Violoncello, Continuo
Entstehungszeit: 1713/14
Text: 1-4: Erdmann Neumeister 171; 5: Lazarus Spengler 1524

Bemerkungen:
Weimarer Fassung (g-moll) 1714/1715 ohne Flauto I/II. Leipziger Fassung (a-moll) 13. Februar 1724.

Anlass: Sexagesimae

(Quellen: en.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (03.03.2011, 21:01):
Kantate „Leichtgesinnte Flattergeister“ BWV 181

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate für den Sonntag „Sexagesimae“ am 13. Februar 1724. Der oder die Textdichter sind unbekannt. Inhaltlich geht es vereinfacht ausgedrückt um den Zwiespalt zwischen Weisheit und Dummheit, dem Guten und dem Bösen und der Gefahr, sich dem Falschen zuzuwenden.

Text:

1. Aria (B, Flauto traverso, Oboe, Violino I/II, Viola, Continuo)
Leichtgesinnte Flattergeister
Rauben sich des Wortes Kraft.
Belial mit seinen Kindern
Suchet ohnedem zu hindern,
Dass es keinen Nutzen schafft.


2. Recitativo (A, Continuo)
O unglückselger Stand verkehrter Seelen,
So gleichsam an dem Wege sind;
Und wer will doch des Satans List erzählen,
Wenn er das Wort dem Herzen raubt,
Das, am Verstande blind,
Den Schaden nicht versteht noch glaubt.
Es werden Felsenherzen,
So boshaft widerstehn,
Ihr eigen Heil verscherzen
Und einst zugrunde gehn.
Es wirkt ja Christi letztes Wort,
Dass Felsen selbst zerspringen;
Des Engels Hand bewegt des Grabes Stein,
Ja, Mosis Stab kann dort
Aus einem Berge Wasser bringen.
Willst du, o Herz, noch härter sein?


3. Aria (T, Continuo)
Der schädlichen Dornen unendliche Zahl,
Die Sorgen der Wollust, die Schätze zu mehren,
Die werden das Feuer der höllischen Qual
In Ewigkeit nähren.


4. Recitativo (S, Continuo)
Von diesen wird die Kraft erstickt,
Der edle Same liegt vergebens,
Wer sich nicht recht im Geiste schickt,
Sein Herz beizeiten
Zum guten Lande zu bereiten,
Dass unser Herz die Süßigkeiten schmecket,
So uns dies Wort entdecket,
Die Kräfte dieses und des künftgen Lebens.


5. Coro (Tromba, Flauto traverso, Oboe, Violino I/II, Viola, Continuo)
Laß, Höchster, uns zu allen Zeiten
Des Herzens Trost, dein heilig Wort.
Du kannst nach deiner Allmachtshand
Allein ein fruchtbar gutes Land
In unsern Herzen zubereiten.


Besetzung:
Soli: S A T B, Coro: S A T B, Tromba, Flauto traverso, Oboe, Violino I/II, Viola, Continuo
Entstehungszeit: 13. Februar 1724
Text: unbekannter Dichter
Anlass: Sexagesimae

Quellen: emmanuelmusic.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (03.03.2011, 21:14):
Die Kantaten zum vergangenen Sonntag Sexagesimae BWV 18, 126 und 181 hatte ich mir überwiegend in den Aufnahmen von Masaaki Suzuki angehört. Lediglich die Kantate BWV 18 hatte ich vergleichend noch in Sigiswald Kuijkens Interpretation gehört.

Insgesamt haben mir diese Aufnahmen ganz gut gefallen. Sowohl die Solisten bei Kuijken, die gleichzeitig auch den Chor stellen, als auch bei Suzuki haben sich in den anderen Aufnahmen, die ich mit Kuijken und Suzuki bis jetzt kennenlernte, bereits bestens bewährt. Das gleiche gilt auch für das übrige Ensemble (La Petite Bande und Bach-Collegium Japan).
Heike (04.03.2011, 18:50):
Die Kantate BWV 22 "Jesus nahm zu sich die Zwölfe" wurde am 7. Februar 1723 erstmalig aufgeführt. Sie war ein Probestück anläßlich der Bewerbung Bachs um das Leipziger Thomaskantorat. Sie dauert ca. 18 Minuten.
Der Textdichter ist unbekannt.

1. (Arioso) T B (e Coro)
Oboe, Violino I/II, Viola, Continuo Tenor
Jesus nahm zu sich die Zwölfe und sprach:
Bass
Sehet, wir gehn hinauf gen Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, das geschrieben ist von des Menschen Sohn.
Chor
Sie aber vernahmen der keines und wussten nicht, was das gesaget war.

2. Aria A
Oboe solo, Continuo
Mein Jesu, ziehe mich nach dir,
Ich bin bereit, ich will von hier
Und nach Jerusalem zu deinen Leiden gehn.
Wohl mir, wenn ich die Wichtigkeit
Von dieser Leid- und Sterbenszeit
Zu meinem Troste kann durchgehends wohl verstehn!

3. Recitativo B
Violino I/II, Viola, Continuo
Mein Jesu, ziehe mich, so werd ich laufen,
Denn Fleisch und Blut verstehet ganz und gar,
Nebst deinen Jüngern nicht, was das gesaget war.
Es sehnt sich nach der Welt und nach dem größten Haufen;
Sie wollen beiderseits, wenn du verkläret bist,
Zwar eine feste Burg auf Tabors Berge bauen;
Hingegen Golgatha, so voller Leiden ist,
In deiner Niedrigkeit mit keinem Auge schauen.
Ach! kreuzige bei mir in der verderbten Brust
Zuvörderst diese Welt und die verbotne Lust,
So werd ich, was du sagst, vollkommen wohl verstehen
Und nach Jerusalem mit tausend Freuden gehen.

4. Aria T
Violino I/II, Viola, Continuo
Mein alles in allem, mein ewiges Gut,
Verbessre das Herze, verändre den Mut;
Schlag alles darnieder,
Was dieser Entsagung des Fleisches zuwider!
Doch wenn ich nun geistlich ertötet da bin,
So ziehe mich nach dir in Friede dahin!

5. Choral
Oboe, Violino I/II, Viola, Continuo
Ertöt uns durch dein Güte,
Erweck uns durch dein Gnad;
Den alten Menschen kränke,
Dass der neu' leben mag
Wohl hie auf dieser Erden,
Den Sinn und all Begehren
Und G'danken hab'n zu dir.

Quelle http://webdocs.cs.ualberta.ca/
Jürgen (09.03.2011, 14:59):
Diese Kantate ist - genau so wie BWV 22 - zur Bewerbung Bachs um das Thomaskantorenamt am 7.Februar 1723 uraufgeführt worden.
Es geschah im Rahmen eines Gottesdienstes, wobei BWV 22 vor der Predigt und BWV 23 nach der Predigt gespielt wurde.

Die Kantate wurde wohl schon in den Jahren zuvor in Köthen komponiert.
Der Textdichter ist auch hier unbekannt.

Ungewöhnlich an dieser Kantate ist die Eröffnung durch ein Duett, während der dort erwartete Chor direkt vor dem Schlusschoral ertönt.
Die Aufführungsdauer beträgt meist zwischen 15 und 20 Minuten.


1. Aria (Duetto) Sopran Alt
Du wahrer Gott und Davids Sohn,
Der du von Ewigkeit in der Entfernung schon
Mein Herzeleid und meine Leibespein
Umständlich angesehn, erbarm dich mein!
Und lass durch deine Wunderhand,
Die so viel Böses abgewandt,
Mir gleichfalls Hilf und Trost geschehen.

2. Recitativo Tenor
Du, aller Menschen Heil,
Bist ja erschienen,
Die Kranken und nicht die Gesunden zu bedienen.
Drum nehm ich ebenfalls an deiner Allmacht teil;
Ich sehe dich auf diesen Wegen,
Worauf man
Mich hat wollen legen,
Auch in der Blindheit an.
Ich fasse mich
Und lasse dich
Nicht ohne deinen Segen.

3. (Coro)
Du allmächtger Gott, auf dich,
Und die meinen sonderlich.
Gib denselben Kraft und Licht,
Laß sie nicht
Immerdar in Finsternissen!
Künftig soll dein Wink allein
Der geliebte Mittelpunkt
Aller ihrer Werke sein,
Bis du sie einst durch den Tod
Wiederum gedenkst zu schließen.

4. Choral
Der du trägst die Sünd der Welt,
Erbarm dich unser!
Christe, du Lamm Gottes,
Der du trägst die Sünd der Welt,
Erbarm dich unser!
Christe, du Lamm Gottes,
Der du trägst die Sünd der Welt,
Gib uns dein' Frieden. Amen.


Quelle: Anmoderation DRS2 und Bach-Cantatas.

Grüße
Jürgen
Armin70 (09.03.2011, 21:05):
Kantate "Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott" BWV 127

Johann Sebastian Bach komponierte dieses Werk für den Kirchensonntag Quinquagesimae im Jahr 1725.

Diese Kantate ist geprägt von Passionsgedanken und Todesbetrachtungen, da das der Kantate zugrunde liegende Lied von Paul Eber ein Sterbelied ist. Die Passionsgedanken finden sich z. B. in der Passionsweise "Christe du Lamm Gottes" als Cantus firmus im Orchester. Des weiteren finden sich z. T. deutliche Anklänge an Sterbessehnsucht, die Bach treffend in Musik fasst, wenn im Text beispielsweise von "Todesglocken" die Rede ist und diese Stelle von Pizzicato-Akkorden der Streicher begleitet werden.

In der dramatischen zweiten Arie, in der leidenschaftlich der Untergang von Himmel und Erde dargestellt wird, klingt dann auch das Hauptthema aus dem
Chor "Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden" aus der Matthäuspassion an.

Text:

1. Coro (Chor, Flauto I/II, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo)
Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott,
Der du littst Marter, Angst und Spott,
Für mich am Kreuz auch endlich starbst
Und mir deins Vaters Huld erwarbst,
Ich bitt durchs bittre Leiden dein:
Du wollst mir Sünder gnädig sein.

2. Recitativo (T und Continuo)
Wenn alles sich zur letzten Zeit entsetzet,
Und wenn ein kalter Todesschweiß
Die schon erstarrten Glieder netzet,
Wenn meine Zunge nichts, als nur durch Seufzer spricht
Und dieses Herze bricht:
Genug, dass da der Glaube weiß,
Dass Jesus bei mir steht,
Der mit Geduld zu seinem Leiden geht
Und diesen schweren Weg auch mich geleitet
Und mir die Ruhe zubereitet.

3. Aria (S, Flauto I/II, Oboe I, Violino I/II, Viola, Continuo) Die Seele ruht in Jesu Händen,
Wenn Erde diesen Leib bedeckt.
Ach ruft mich bald, ihr Sterbeglocken,
Ich bin zum Sterben unerschrocken,
Weil mich mein Jesus wieder weckt.

4. Recitativo e Aria (B, Tromba, Violino I/II, Viola, Continuo) Wenn einstens die Posaunen schallen,
Und wenn der Bau der Welt
Nebst denen Himmelsfesten
Zerschmettert wird zerfallen,
So denke mein, mein Gott, im besten;
Wenn sich dein Knecht einst vors Gerichte stellt,
Da die Gedanken sich verklagen,
So wollest du allein,
O Jesu, mein Fürsprecher sein
Und meiner Seele tröstlich sagen:

Fürwahr, fürwahr, euch sage ich:
Wenn Himmel und Erde im Feuer vergehen,
So soll doch ein Gläubiger ewig bestehen.
Er wird nicht kommen ins Gericht
Und den Tod ewig schmecken nicht.
Nur halte dich,
Mein Kind, an mich:
Ich breche mit starker und helfender Hand
Des Todes gewaltig geschlossenes Band.

5. Choral (Chor, Flauto I e Flauto II in octava e Oboe I/II e Violino I col Soprano, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Ach, Herr, vergib all unsre Schuld,
Hilf, dass wir warten mit Geduld,
Bis unser Stündlein kömmt herbei,
Auch unser Glaub stets wacker sei,
Dein'm Wort zu trauen festiglich,
Bis wir einschlafen seliglich.

Besetzung: Soli: S T B, Coro: S A T B, Tromba, Flauto I/II, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
Entstehungszeit: 11. Februar 1725
Text: 1,5: Paul Eber; 2-4: Umdichtung eines unbekannten Bearbeiters
Anlass: Estomihi

(Quellen: bach-cantatas.com, http://webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (10.03.2011, 21:38):
Kantate „Sehet ! Wir gehen hinauf gen Jerusalem“ BWV 159

Bach schrieb die Kantate in Leipzig für den Sonntag Estomihi, den Sonntag vor Aschermittwoch. Es war damit in Leipzig der letzte Sonntag vor Karfreitag, an dem eine Kantate aufgeführt wurde, da in Leipzig während der Passionszeit tempus clausum (geschlossene Zeit; Bezeichnung der sog. Bußzeiten: Advent und Fastenzeit; während Bachs Zeit in Leipzig wurden vom 2. bis 4. Advent sowie vom ersten Fastensonntag bis Palmsonntag mit Ausnahme des Hochfestes der Verkündigung des Herrn am 25. März keine umfangreichen Kirchenmusiken aufgeführt) eingehalten wurde. Das Datum der ersten Aufführung ist nicht belegt, doch der Textdichter Christian Friedrich Henrici (genannt Picander), der auch die Matthäus-Passion verfasst hatte, veröffentlichte diese Kantate in seinem Jahrgang 1728. Daher ist anzunehmen, dass sie am 27. Februar 1729 erstmals aufgeführt wurde. Bach hatte zwei Kantaten für den Sonntag Estomihi des Jahres 1723 komponiert, als Probestücke für seine Bewerbung um das Amt des Thomaskantors: Du wahrer Gott und Davids Sohn (BWV 23) und Jesus nahm zu sich die Zwölfe (BWV 22).

Die vorgeschriebenen Lesungen für den Sonntag waren 1 Kor 13,1-13 LUT und Lk 18,31-43 LUT, die Heilung eines Blinden und damit verbunden die Ankündigung des Leidens in Jerusalem. Während Bach in den früheren Kantaten auch auf die Heilung eingeht, konzentriert sich dieses Werk auf den Weg zur Passion. Der Dichter hebt in Satz 1 deren Ungeheuerlichkeit hervor, betrachtet sie in in Satz 2 als vorbildlich, in Satz 3 als Grund zum Abschied von weltlicher Freude, schließlich als Grund zum Dank. In Satz 2 ergänzen sich Rezitativ und die 6. Strophe von Paul Gerhardts Choral O Haupt voll Blut und Wunden, von dem in der Matthäus-Passion diese und vier weitere Stophen erscheinen. Satz 4 beginnt mit den Worten Es ist vollbracht (Joh 19,30 LUT), einem der Sieben Letzten Worte. Es deutet sich bereits an in der Ankündigung des Sonntagsevangeliums: „und es wird alles vollendet werden, was geschrieben wurde" Lk 18,31 LUT. Bachs Johannes-Passion enthält eine Alt-Arie auf diese Worte, eine Zusammenfassung der Passion unmittelbar nach dem Tod Jesu. Der Schlusschoral ist die 33. und letzte Strophe von Paul Stockmanns Jesu Leiden, Pein und Tod (1633).

Am Karfreitag 1729 wurde die Matthäus-Passion aufgeführt.

Satz 1 ist ein Dialog zwischen Jesus und der Seele. Die Seele wird vom Alt gesungen, nicht vom Sopran wie in vielen anderen solchen Dialogen, Jesus vom Bass als der Vox Christi (Stimme Christ). Bach erzielt dramatische Kontrastwirkung, indem er die Jesus-Worte als Arioso setzt, das nur vom continuo, die erregten Antworten der Seele hingegen von Streichern als recitativo accompagnato begleiten lässt. Diese Behandlung ist umgekehrt zur Matthäus-Passion, wo die Jesus-Worte von einem Streichquartett intensiviert werden. In Satz 2 wird die ausdrucksvolle Linie der Altstimme ergänzt durch die Choralstrophe Ich will hier bei dir stehen im Sopran. Den Höhepunkt der Kantate bildet Satz 4, in dem die Vox Christi die Vollendung der Passion bedenkt. Die Anfangsworte Es ist vollbracht werden gesungen auf ein Motiv, das die Oboe vorstellte, gestützt von einem „harmoniefüllenden Streichersatz“ (Alfred Dürr). Im Mittelteil wird der Abschnitt „Nun will ich eilen“ durch Läufe in der Stimme, Oboe und Violine veranschaulicht. Ein quasi da capo nimmt das Anfangsmotiv wieder auf, diesmal auf die Worte „Welt, gute Nacht“. Der Schlusschoral ist schlicht vierstimmig gesetzt.

Text:

1. Arioso e Rezitativ (Bass, Alt, Violine I/II, Viola und Continou)
Bass
Sehet!
Alt
Komm, schaue doch, mein Sinn,
Wo geht dein Jesus hin?
Bass
Wir gehn hinauf
Alt
O harter Gang! hinauf?
O ungeheurer Berg, den meine Sünden zeigen!
Wie sauer wirst du müssen steigen!
Bass
Gen Jerusalem.
Alt
Ach, gehe nicht!
Dein Kreuz ist dir schon zugericht',
Wo du dich sollst zu Tode bluten;
Hier sucht man Geißeln vor, dort bindt man Ruten;
Die Bande warten dein;
Ach, gehe selber nicht hinein!
Doch bliebest du zurücke stehen,
So müßt ich selbst nicht nach Jerusalem,
Ach, leider in die Hölle gehen.

2. Aria e Choral (Alt, Sopran, Oboe col Sopran, Fagott und Continou)
Ich folge dir nach
Ich will hier bei dir stehen,
Verachte mich doch nicht!
Durch Speichel und Schmach;
Von dir will ich nicht gehen,
Am Kreuz will ich dich noch umfangen,
Bis dir dein Herze bricht.
Dich lass ich nicht aus meiner Brust,
Wenn dein Haupt wird erblassen
Im letzten Todesstoß,
Und wenn du endlich scheiden musst,
Alsdenn will ich dich fassen,
Sollst du dein Grab in mir erlangen.
In meinen Arm und Schoß.

3. Rezitativ (Tenor und Continou)
Nun will ich mich,
Mein Jesu, über dich
In meinem Winkel grämen;
Die Welt mag immerhin
Den Gift der Wollust zu sich nehmen,
Ich labe mich an meinen Tränen
Und will mich eher nicht
Nach einer Freude sehnen,
Bis dich mein Angesicht
Wird in der Herrlichkeit erblicken,
Bis ich durch dich erlöset bin;
Da will ich mich mit dir erquicken.

4. Aria (Bass, Oboe, Violine I/II, Viola, Continou)
Es ist vollbracht,
Das Leid ist alle,
Wir sind von unserm Sündenfalle
In Gott gerecht gemacht.
Nun will ich eilen
Und meinem Jesu Dank erteilen,
Welt, gute Nacht!
Es ist vollbracht!

5. Choral (Chor, Oboe e Violine I col Soprano, Violine II col Alto, Viola col Tenore, Continou)
Jesu, deine Passion
Ist mir lauter Freude,
Deine Wunden, Kron und Hohn
Meines Herzens Weide;
Meine Seel auf Rosen geht,
Wenn ich dran gedenke,
In dem Himmel eine Stätt
Mir deswegen schenke.

Besetzung: Soli (Sopran, Alt, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Oboe, Violine I/II, Viola, Fagott und Continou
Entstehungszeit: 27. Februar 1729
Textdichter: Christian Friedrich Henrici (Picander) 1728; 1: Lukas 18,31; 2: Paul Gerhaardt 1656; 5: Paul Stockmann 1633
Anlass: Estomihi

(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (10.03.2011, 22:06):
Ich hatte mir eben die Kantaten BWV 22, 23, 127 und 159 vom vergangenen Sonntag (Estomihi) angehört. Überwiegend wurden diese Kantaten (BWV 22, 23 und 159) in Aufnahmen mit Philippe Herreweghe gesendet. Lediglich die Kantate BWV 127 hatte ich mir noch mit Ton Koopmans Interpretation aufgezeichnet.

Mir haben die Interpretationen insgesamt ganz gut gefallen. Insbesondere hat mir gefallen, dass endlich mal einige Aufnahmen von Herrweghe im Fokus standen, zumal von ihm sonst eher weniger Kantaten-Aufnahmen an den Sonntagen gesendet werden.

Die o. g. Kantaten zeichnen sich wie ich finde durch eine gewisse Reife und Meisterhaftigkeit in ihrem Aufbau und der Verschmelzung von Text und Musik aus. Insbesondere bei den Kantaten BWV 22 und 23, mit denen sich Bach um die Kantorenstelle in Leipzig bewarb, kann man verstehen, dass er aufgrund dessen den Zuschlag erhalten hatte. Wobei z. B. der Mitbewerber Johann Christoph Graupner auch ein ernstzunehmender Konkurrent war. Telemann hatte sich damals wohl eher aus taktischen Gründen in Leipzig beworben, um bessere finanzielle Konditionen in Hamburg zu bekommen aber das nur nebenbei.

Über die einzelnen musikalischen Darbietungen der gesendeten Aufnahmen sei nur soviel gesagt, dass Herreweghe und Koopman wie immer bewährte Solisten aufbieten (Rubens, Pregardien, Mields, Kooij), die z. T. auch bei anderen etablierten Alte-Musik-Dirigenten, z. B. Gardiner und Suzuki, zum Einsatz kommen.
Jürgen (10.03.2011, 23:54):
Von den vier Kantaten zum letzten Sonntag habe ich mir BWV 22 ein wenig und BWV 23 ziemlich ausführlich angehört. Letztere gefällt mir besser, weil das Duett schön eingängig ist, gerade wenn es, wie bei Herreweghe, schön frisch, aber ohne zu hetzen, vorgetragen wird.
Die erste Kantate erschien mir dagegen eher durchschnittlich.

Auch bei den Chorsätzen sagt mir Herreweghe am meisten zu. Auch hier wählt er zügige Tempi, ohne das man den Eindruck gewinnt, es sei auch nur eine Spur zu schnell.
Ganz im Gegenteil: Hört man anschliessend die Konkorrenz kommt einem selbst Koopman ein wenig schläfrig vor.
Loben möchte ich noch Rilling beim Duett (BWV 23). Mit dem Cembalo als b.c. schafft er eine Klarheit und Transparenz, die eine echte Alternative darstellt.

Die anderen beiden Kantaten höre ich mir lieber in den nächsten Wochen an, da Bach in der Fastenzeit ja auch pausiert hat.
Die Radiosender weichen auch auf Alternativkompositionen aus. Aber dazu morgen mehr.

Grüße
Jürgen
Jürgen (11.03.2011, 11:36):
Bach hat für diesen Sonntag keine Kantate geschrieben, weil Fastenzeit war.
Einige wenige Sender bringen trotzdem Bach-Kantaten, die entweder terminlich ziemlich daneben liegen oder ungebunden sind.

Manche Sender greifen alternativ auf Sakralwerke anderer Komponisten zurück, was durchaus interessant ist.



BR-Klassik BWV 51 Haim von 08:05 bis 08:30
WDR 3 BWV 150 Hengelbrock von 09:05 bis 10:00
NDR-Kultur BWV 150 Hengelbrock von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 29 Rotzsch von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 69 Koopman von 08:00 bis 09:00

SWR 2 Stabat Mater von Palestrina (Parrott) & Sances (Pierlot) von 08:03 bis 08:30
HR 2 Stabat Mater von Scarlatti von 07:00 bis 07:30
Deutschlandradio Kultur Faure: Requiem (Celibidache) von 06:00 bis 07:00



Grüße
Jürgen
Jürgen (17.03.2011, 09:51):

Arioso, Recitativo (basso, alto): Sehet! Komm, schaue doch
Aria, Choral (alto, soprano): Ich folge dir nach
Recitativo (tenore): Nun will ich mich, mein Jesu
Aria (basso): Es ist vollbracht
Choral (coro): Jesu, deine Passion


Ich habe mir diese Kantate in drei Einspielungen angehört:

1. Leonhardt 1986
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C08.jpeg

2. Leusinck 1999
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Leusink-C02.jpeg

3. Herreweghe 2007
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Herreweghe-C19a%5BHMF-CD%5D.jpg

Für mich sind die beiden Arien solche Höhepunkte, dass diese Kantate sich von der Masse der durchschnittlichen Kantaten abhebt.

Die Bass-Arie ist ein ruhiges zartes Stück, das mir in allen Aufnahmen gefällt. Vielleicht ist Herreweghe etwas angenehmer, weil Peter Kooy das Ruhige und Zarte stärker herausarbeitet. Die Unterschiede sind aber nicht groß.

Wunderbar ist auch die Alt-Arie, in die Bach einen Sopran-Choral eingearbeitet hat und ein Fagott durch das Programm führt. Dieser Choral stammt gar nicht von ihm. Die Melodie wurde von Hans Leo Hassler als Liebeslied Mein G’müt ist mir verwirret von einer Jungfrau zart komponiert. Es erschien 1601. Viele Komponisten bedienten sich bei Hassler, Bach sogar mehrfach. (Quelle)
Das Ergebnis ist jedenfalls lieblich anzuhören und es gefällt mir in allen drei Fällen. Selbst Leusinck fällt nicht ab und Leonhardt, der hier Altus mit Knabensopran kombiniert kann mich hier überzeugen.

Fazit: Eine schöne Kantate, die ich gerne wieder hören möchte. Die Einspielung unter Herreweghe hat leicht die Nase vorn. Ich bin froh, sie im Radio mitgeschnitten zu haben.

Grüße
Jürgen
Armin70 (17.03.2011, 14:37):
Hallo,
ich kann mich Jürgens Eindrücken zur Kantate BWV 159 voll und ganz anschliessen, obwohl ich nur Herreweghes Aufnahme hörte aber die hat mir so gut gefallen, dass ich nicht das Bedürfnis hatte, mir z. B. Leusincks Interpretation anzuhören.

Was ich an der Kantate BWV 159 so beeindruckend finde, ist die Reife und Meisterschaft in den Dialogsequenzen zwischen Jesus und der Seele oder die von Jürgen bereits angesprochene Altarie mit der wunderbar eingearbeiteten Choralmelodie im Chor-Sopran. Was ich auch interessant finde ist, dass sich in dieser Kantate schon einiges aus der wenig später am Karfreitag 1729 erstmals aufgeführten Matthäus-Passion wiederfindet. Zwischen der Aufführung der Kantate BWV 159 und der Matthäus-Passion lag die sog. mit "tempus clausum" bezeichnete Zeitspanne, d. h. in der Zeit des Sonntags vor Aschermittwoch (Estomihi) bis Karfreitag erklangen in Leipzig keine umfangreichen Kirchenmusiken.

Auch aufgrund dieser zeitlichen Nähe zur Matthäus-Passion hat für mich die Kantate BWV 159 eine besondere Stellung innerhalb von Bachs Kantaten.

Armin
Jürgen (18.03.2011, 10:47):
Fastenzeit ist und Bach hat für diesen Sonntag natürlich wieder nichts geschrieben. Vier Sender haben sich jedoch willkürlich Kantaten (mit und ohne Terminbindung) herausgesucht:



NDR-Kultur BWV 131 Breiding von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 117 Leonhardt von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 119 Koopman von 08:00 bis 09:00
WDR 3 BWV 100 Koopman von 09:05 bis 10:00



Grüße
Jürgen
Jürgen (22.03.2011, 15:33):
Bach schrieb 3 Kantaten mit diesem Titel. Alle basieren auf dem gleichnamigen Kirchenlied von Samuel Rodigast(1649-1708), der den Text zu diesem Choral 1675 schrieb.
Die Melodie wurde von Severus Gastorius komponiert, stammt aber ursrünglich von Werner Fabricius. Sie wird bei dieser Kantate im ersten und letzten Satz verwendet.

Dieser Kantate ist kein Termin zugeordnet, manchmal wird aber der 15. Sonntag nach Trinitatis angegeben.
Sie wurde in Leipzig zwischen 1732 und 1735 komponiert und in diesem Zeitraum wohl auch erstmals aufgeführt. Das genaue Datum ist nicht überliefert.

Auffällig ist das gänzliche Fehlen von Rezitativen, was aber nicht unbedingt stören muss. Die Ecksätze sind üppig instrumentiert, was ihnen einen sehr festlichen Charakter verleiht.
Die Arien hat Bach eher intim bestückt.



Original von bach-cantatas

1. (Coro)
Corno I/II, Tamburi, Flauto traverso, Oboe d'amore, Violino I/II, Viola, Continuo
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Es bleibt gerecht sein Wille;
Wie er fängt meine Sachen an,
Will ich ihm halten stille.
Er ist mein Gott,
Der in der Not
Mich wohl weiß zu erhalten;
Drum lass ich ihn nur walten.

2. Aria (Duetto) A T
Continuo
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Er wird mich nicht betrügen;
Er führet mich auf rechter Bahn,
So lass ich mich begnügen
An seiner Huld
Und hab Geduld,
Er wird mein Unglück wenden,
Es steht in seinen Händen.

3. Aria S
Flauto traverso solo, Violoncello, Continuo
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Er wird mich wohl bedenken;
Er, als mein Arzt und Wundermann,
Wird mir nicht Gift einschenken
Vor Arzenei.
Gott ist getreu,
Drum will ich auf ihn bauen
Und seiner Gnade trauen.

4. Aria B
Violino I/II, Viola, Continuo
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Er ist mein Licht, mein Leben,
Der mir nichts Böses gönnen kann,
Ich will mich ihm ergeben
In Freud und Leid!
Es kommt die Zeit,
Da öffentlich erscheinet,
Wie treulich er es meinet.

5. Aria A
Oboe d'amore, Violoncello, Violone, Continuo
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Muss ich den Kelch gleich schmecken,
Der bitter ist nach meinem Wahn,
Laß ich mich doch nicht schrecken,
Weil doch zuletzt
Ich werd ergötzt
Mit süßem Tost im Herzen;
Da weichen alle Schmerzen.

6. Coro
Corno I/II, Tamburi, Flauto traverso, Oboe d'amore, Violino I/II, Viola, Continuo
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
Derbei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die rauhe Bahn
Not, Tod und Elend treiben,
So wird Gott mich
Ganz väterlich
In seinen Armen halten;
Drum lass ich ihn nur walten.

Grüße
Jürgen
Armin70 (22.03.2011, 16:34):
Ich möchte noch etwas über die Kantate "Nach dir, Herr, verlanget mich" BWV 150, die vorletzten Sonntag gesendet wurde, schreiben, da ich dieses Werk sehr interessant finde:

Dieses Werk gehört zu den frühesten Kantaten, die von Bach überliefert sind. Vermutlich entstand die Kantate sogar noch in Arnstadt (1707) oder in den frühen Weimarer Jahren, d. h. ab 1708. Der Anlass, für den diese Kantate komponiert wurde, ist nicht mehr überliefert. Die Kantate basiert auf einen frühen Luther-Choral. Weiter verwendet Bach einen Text eines unbekannten Dichters sowie Abschnitte des Psalm 25.

Auffällig ist die sparsame Orchestrierung, die nur aus 2 Violinen, obligatem Fagott und Basso Continou besteht. Des weiteren kommen 4 Solisten (Sopran, Alt, Tenor und Bass) und ein Chor zum Einsatz. Die Kantate enthält 7 Sätze, d. h. es sind Chorsätze und Arien. Die Rezitative fehlen komplett. Die Musik ist gekennzeichnet durch viele Fugen und eine intime Polyphonie. Ebenso wechselt die Stimmung der Musik fast von Satz zu Satz und die vorherrschenden Moll-Tonarten verleihen der Kantate einen ernst-strengen Charakter.

Das Bass-Thema im finalen Chaconne-Satz übertrug übrigens Johannes Brahms für sein Finale der 4. Sinfonie, das ja auch als Passacaglia aufgebaut ist.

Text:

1. Sinfonia (Violine I/II, Fagott, Continou)

2. Coro (Chor, Violine I/II, Fagott, Continou)
Nach dir, Herr, verlanget mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich. Laß mich nicht zuschanden werden, dass sich meine Feinde nicht freuen über mich.

3. Aria (Sopran, Violine I/II, Continou)
Doch bin und bleibe ich vergnügt,
Obgleich hier zeitlich toben
Kreuz, Sturm und andre Proben,
Tod, Höll und was sich fügt.
Ob Unfall schlägt den treuen Knecht,
Recht ist und bleibet ewig Recht.

4. Coro (Chor, Violine I/II, Fagott, Continou)
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich; denn du bist der Gott, der mir hilft, täglich harre ich dein.

5. Aria - Terzett (Alt, Tenor, Bass, Fagott, Continou)
Zedern müssen von den Winden
Oft viel Ungemach empfinden,
Oftmals werden sie verkehrt.
Rat und Tat auf Gott gestellet,
Achtet nicht, was widerbellet,
Denn sein Wort ganz anders lehrt.

6. Coro (Chor, Violine I/II, Fagott, Continou)
Meine Augen sehen stets zu dem Herrn; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

7. Coro (Chor, Violine I/II, Fagott, Continou)
Meine Tage in dem Leide
Endet Gott dennoch zur Freude;
Christen auf den Dornenwegen
Führen Himmels Kraft und Segen.
Bleibet Gott mein treuer Schutz,
Achte ich nicht Menschentrutz,
Christus, der uns steht zur Seiten,
Hilft mir täglich sieghaft streiten.

Diese Kantate hörte ich mir in den Aufnahmen von Thomas Hengelbrock und Ton Koopman an. Beide Aufnahmen finde ich sehr eindringlich, weil sie den intimen Charakter der Kantate dadurch betonen, dass der Chor jeweils sehr klein, fast solistisch besetzt ist. Dadurch kommt der strenge Ausdruck sehr gut zur Geltung und die schönen polyphonen Strukturen kann man sehr gut nachvollziehen.

(Quellen: en.wikipedia.org; webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (22.03.2011, 20:35):
Die Kantate "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut" BWV 117 entstand vermutlich zwischen 1728 und 1731. Genau kann man das nicht mehr zuordnen. Ebenso ist das Anlass, für den die Kantate komponiert wurde, unbekannt. Man vermutet, dass es sich um eine Hochzeit oder ein ähnlich festliches Ereignis handelte.

Johann Sebastian Bach vertonte einen Text von Johann Jakob Schütz (1640 - 1690).

Auffällig ist weiter der Umfang der Kantate, die aus 9 Sätzen besteht.

Text:

1. Coro (Chor, Flauto traverso I/II, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo)
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut,
Dem Vater aller Güte,
Dem Gott, der alle Wunder tut,
Dem Gott, der mein Gemüte
Mit seinem reichen Trost erfüllt,
Dem Gott, der allen Jammer stillt.
Gebt unserm Gott die Ehre!

2. Recitativo (B und Continuo)
Es danken dir die Himmelsheer,
O Herrscher aller Thronen,
Und die auf Erden, Luft und Meer
In deinem Schatten wohnen,
Die preisen deine Schöpfermacht,
Die alles also wohl bedacht.
Gebt unserm Gott die Ehre!

3. Aria (T, Oboe d'amore I/II, Continuo)
Was unser Gott geschaffen hat,
Das will er auch erhalten;
Darüber will er früh und spat
Mit seiner Gnade walten.
In seinem ganzen Königreich
Ist alles recht und alles gleich.
Gebt unserm Gott die Ehre!

4. Choral (Instrumentierung nicht überliefert)
Ich rief dem Herrn in meiner Not:
Ach Gott, vernimm mein Schreien!
Da half mein Helfer mir vom Tod
Und ließ mir Trost gedeihen.
Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir;
Ach danket, danket Gott mit mir!
Gebt unserm Gott die Ehre!

5. Recitativo (A, Violino I/II, Viola, Continuo)
Der Herr ist noch und nimmer nicht
Von seinem Volk geschieden,
Er bleibet ihre Zuversicht,
Ihr Segen, Heil und Frieden;
Mit Mutterhänden leitet er
Die Seinen stetig hin und her.
Gebt unserm Gott die Ehre!

6. Aria (B, Violino solo, Continuo)
Wenn Trost und Hülf ermangeln muss,
Die alle Welt erzeiget,
So kommt, so hilft der Überfluss,
Der Schöpfer selbst, und neiget
Die Vateraugen denen zu,
Die sonsten nirgend finden Ruh.
Gebt unserm Gott die Ehre!

7. Aria (A, Flauto traverso I, Violino I/II, Viola, Continuo)
Ich will dich all mein Leben lang,
O Gott, von nun an ehren;
Man soll, o Gott, den Lobgesang
An allen Orten hören.
Mein ganzes Herz ermuntre sich,
Mein Geist und Leib erfreue sich.
Gebt unserm Gott die Ehre!

8. Recitativo (T und Continuo)
Ihr, die ihr Christi Namen nennt,
Gebt unserm Gott die Ehre!
Ihr, die ihr Gottes Macht bekennt,
Gebt unserm Gott die Ehre!
Die falschen Götzen macht zu Spott,
Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott:
Gebt unserm Gott die Ehre!

9. Coro (Chor, Flauto traverso I/II, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo)
So kommet vor sein Angesicht
Mit jauchzenvollem Springen;
Bezahlet die gelobte Pflicht
Und lasst uns fröhlich singen:
Gott hat es alles wohl bedacht
Und alles, alles recht gemacht.
Gebt unserm Gott die Ehre!

Diese Kantate hörte ich mir in der Aufnahme von Gustav Leonhardt an. Mein Eindruck ist zwiegespalten. Nicht so gut hat mir Rene Jacobs als Altist gefallen, ehrlich gesagt finde ich seinen Gesang unterirdisch. Die anderen beiden Solisten fand ich passabel aber auch nicht sonderlich herausragend. Gut aber fand ich insgesamt die Tempi von Leonhardt und das Instrumentalensemble, das schön akzentreich spielte. Der vom Collegium Vocale Gent verstärkte Knabenchor Hannover fand ich auch recht gut. Allerdings wurden die Choräle etwas zu statisch gesungen. So macht man das heute nicht mehr.

(Quellen: classical.net; webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (23.03.2011, 19:58):
Kantate „Preise, Jerusalem, den Herrn“ BWV 119

Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate in seinem ersten Amtsjahr in Leipzig für die Ratswechselfeierlichkeiten der Stadt für den 30. August 1723. Dies gehörte auch zu den Pflichten des Thomaskantors.

Bach vertonte die biblischen Psalmen 147, 85 und 126, Passagen aus Luthers „deutschem Te Deum“ sowie Dichtungen eines unbekannten Verfassers. Inhaltlich wird mit Lobes- und Dankhymnen des Wohlstandes der Stadt Leipzig gedacht. Weiter wird entsprechend dem barocken Weltbild betont, dass die weltliche Herrschaft der Obrigkeit durch Gott legitimiert und in seinem Sinne ist.

Dem Anlass entsprechend ist die Musik insgesamt sehr festlich und aufwendig instrumentiert. Auffällig sind die 4 Trompeten, sonst sind es i. d. R. 3 Trompeten, die zum Einsatz kommen, z. B. h-moll Messe, Weihnachtsoratorium, 3. und 4. Orchestersuite.

Vermutlich wollte Bach zu Beginn seiner Amtszeit in Leipzig das ganze Spektrum seiner Fähigkeiten demonstrieren. Erst die etwas schlichteren Formen der beiden Schlusssätze zeigen, dass letztlich nicht die Obrigkeit, sondern doch Gott als oberstem Herrscher das letzte Wort zusteht.

Text:

1. Coro (Chor, Tromba I-IV, Tamburi, Flauto I/II, Oboe I-III, Violine I/II, Viola, Continou)
Preise, Jerusalem, den Herrn, lobe, Zion, deinen Gott! Denn er machet fest die Riegel deiner Tore und segnet deine Kinder drinnen, er schaffet deinen Grenzen Frieden.

2. Recitativo (T, Continou)
Gesegnet Land, glückselge Stadt,
Woselbst der Herr sein Herd und Feuer hat!
Wie kann Gott besser lohnen,
Als wo er Ehre lässt in einem Lande wohnen?
Wie kann er eine Stadt
Mit reicherm Nachdruck segnen,
Als wo er Güt und Treu einander lässt begegnen,
Wo er Gerechtigkeit und Friede
Zu küssen niemals müde,
Nicht müde, niemals satt
Zu werden teur verheißen, auch in der Tat erfüllet hat?
Da ist der Schluss gemacht: Gesegnet Land, glückselge Stadt!

3. Aria (T, Oboe da caccia I/II, Continou)
Wohl dir, du Volk der Linden,
Wohl dir, du hast es gut!
Wieviel an Gottes Segen
Und seiner Huld gelegen,
Die überschwenglich tut,
Kannst du an dir befinden.

4. Rezitativo (B, Tromba I-IV, Tamburi, Flauto I/II, Oboe da caccia I/II, Continou)
So herrlich stehst du, liebe Stadt!
Du Volk, das Gott zum Erbteil sich erwählet hat!
Doch wohl! und aber wohl! wo man's zu Herzen fassen
Und recht erkennen will,
Durch wen der Herr den Segen wachsen lassen.
Ja!
Was bedarf es viel?
Das Zeugnis ist schon da,
Herz und Gewissen wird uns überzeugen,
Dass, was wir Gutes bei uns sehn,
Nächst Gott durch kluge Obrigkeit
Und durch ihr weises Regiment geschehn.
Drum sei, geliebtes Volk, zu treuem Dank bereit,
Sonst würden auch davon nicht deine Mauern schweigen!

5. Aria (A, Flauto I/II, Continou)
Die Obrigkeit ist Gottes Gabe,
Ja selber Gottes Ebenbild.
Wer ihre Macht nicht will ermessen,
Der muss auch Gottes gar vergessen:
Wie würde sonst sein Wort erfüllt?

6. Recitativo (S, Continou)
Nun! wir erkennen es und bringen dir,
O höchster Gott, ein Opfer unsers Danks dafür.
Zumal, nachdem der heutge Tag,
Der Tag, den uns der Herr gemacht,
Euch, teure Väter, teils von eurer Last entbunden,
Teils auch auf euch
Schlaflose Sorgenstunden
Bei einer neuen Wahl gebracht,
So seufzt ein treues Volk mit Herz und Mund zugleich:

7. Coro (Chor, Tromba I-IV, Tamburi, Flauto I/II, Oboe I-III, Violine I/II, Viola, Continou)
Der Herr hat Guts an uns getan,
Des sind wir alle fröhlich.
Er seh die teuren Väter an
Und halte auf unzählig
Und späte lange Jahre naus
In ihrem Regimente Haus,
So wollen wir ihn preisen.

8. Recitativo (A, Continou)
Zuletzt!
Da du uns, Herr, zu deinem Volk gesetzt,
So lass von deinen Frommen
Nur noch ein arm Gebet vor deine Ohren kommen
Und höre! ja erhöre!
Der Mund, das Herz und Seele seufzet sehre.

9. Choral (Chor, Instrumentierung nicht überliefert)
Hilf deinem Volk, Herr Jesu Christ,
Und segne, was dein Erbteil ist.
Wart und pfleg ihr zu aller Zeit
Und heb sie hoch in Ewigkeit!
Amen.

Besetzung:
Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass)
Tromba I-IV, Tamburi (Pauken), Flauto I/II, Oboe I-III, Oboe da caccia I/II, Violine I/II, Viola, Continou

(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (23.03.2011, 20:23):
Kantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“ BWV 131

Dieses Werk gehört neben den Kantaten BWV 150, 196, 106 und 4 zu den ältesten erhaltenen Kantaten Bachs. Vermutlich entstand das Werk in Mühlhausen 1707 oder 1708 und wurde vom Pastor der Marienkirche Georg Christian Eilmar in Auftrag gegeben.

Der Text besteht aus dem Psalm 130 und den Strophen 2 und 5 des Chorals „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ von Bartholoäus Ringwaldt (1532 - ca. 1599). Inhaltlich geht es um das Flehen um Vergebung der Sünden. Daher wird vermutet, dass die Kantate in einem Bußgottesdienst aufgeführt wurde. Der Hintergrund könnte eine Feuersbrunst gewesen sein, die kurz vor Bachs Ankunft in Mühlhausen große Teile der Innenstadt zerstörte. Allerdings ist solch ein Gottesdienst nirgendwo in zeitgenössischen Quellen belegt. Eventuell könnte der Anlass wie bei dem „Actus tragicus“ BWV 106 ein Begräbnis gewesen sein.

Wie in den anderen frühen Kantaten Bachs so wird auch hier auf Rezitative und Da capos verzichtet. Die Sätze gehen fließend und mit kontrastierenden Tempi ineinander über. Das in der Kantate thematisierte Klagen und Flehen wird expressiv von Instrumenten und Gesang geschildert. Die große Meisterschaft Bachs deutet sich in diesem Werk bereits an.

Text:

1. Coro (Chor, Oboe, Fagott, Violine, Viola I/II, Continou)
Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir.
Herr, höre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

2. Arioso (B e Choral: S, Oboe, Continou)
So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen ?
Erbarm dich mein in solcher Last,
Nimm sie aus meinem Herzen,
Dieweil du sie gebüßet hast
Am Holz mit Todesschmerzen,
Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.
Auf dass ich nicht mit großem Weh
In meinen Sünden untergeh,
Noch ewiglich verzage.

3. Coro (Chor, Oboe, Fagott, Violine, Viola I/II, Continou)
Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.

4. Aria (T e Choral: A, Continou)
Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zu der andern.
Und weil ich denn in meinem Sinn,
Wie ich zuvor geklaget,
Auch ein betrübter Sünder bin,
Den sein Gewissen naget,
Und wollte gern im Blute dein
Von Sünden abgewaschen sein
Wie David und Manasse.

5. Coro (Chor, Oboe, Fagott, Violine, Viola I/II, Continou)
Israel hoffe auf den Herrn; denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.
Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Besetzung:
Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor (Sopran, Alt, Tenor, Bass)
Oboe, Fagott, Violine, Viola I/II, Continou

(Quellen: de.wikipedia.org, webdocs.cs.ualberta.ca)
Armin70 (24.03.2011, 21:48):
Die Kantate "Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir" BWV 131 hörte ich mir eben in den Aufnahmen von Ton Koopman und als Radiomitschnitt vom letzten Sonntag in einer Aufnahme mit Jörg Breiding an.

Bei der Breiding-Aufnahme wirken als Solisten der Tenor Andreas Weller und der Bassist Peter Kooij mit. Des weiteren singen der Knabenchor Hannover und es spielt das Barockensemble L`Arco. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt aus einer Kirche (Ort und Datum weiss ich nicht).

Die Solisten bei Koopman sind der Tenor Guy de Mey und der Bassist Klaus Mertens sowie singen und spielen der Amsterdam Baroque Choir & Orchestra.

Breiding gelingt der Wechsel zwischen den kontrastierenden Abschnitten recht gut und mit dem Bassisten Peter Kooij hat er einen sehr versierten Sänger, der ja auch bei vielen anderen Bach-Aufnahmen mitwirkt, z. B. Herreweghe und Suzuki. Dafür, dass ich mit Knabenchören nicht so viel anfangen kann, gefällt mir der Klang des Knabenchors Hannover recht gut.

Allerdings gebe ich der Aufnahme von Ton Koopman doch den Vorzug, weil er für meinen Geschmack den ernst-strengen Charakter dieser Kantate besser umsetzt. Der Amsterdam Baroque Choir klingt dann auch wesentlich klarer als der Knabenchor Hannover. Auch hat Koopman den besseren Tenor als Breiding. Des weiteren speilt das Amsterdam Baroque Orchestra etwas flexibler und transparenter als das Ensemble L`Arco, wobei das auch an der Live-Aufnahme liegen kann.
Armin70 (24.03.2011, 22:54):
Noch kurz meine Eindrücke über die beiden Aufnahmen der Kantate "Preise, Jerusalem, den Herrn" BWV 119:

Caroline Stam, Michael Chance, Paul Agnew, Klaus Mertens


Deborah York, Ingeborg Danz, Mark Padmore, Peter Kooij


Insgesamt kann ich bei diesen beiden Aufnahmen nicht sagen, welcher ich den Vorzug geben würde, da beide für mich auf dem gleich hohen Niveau sind. Es ist dann der persönliche Geschmack, die entweder für Koopman oder Herreweghe den Ausschlag gibt, z. B. der Aspekt, ob ein Countertenor (Chance, Koopman) oder eine Altistin (Danz, Herreweghe) singt. Dies bezüglich gefällt mir Ingeborg Danz besser.

Vielleicht lässt Koopman eine Nuance beherzterer Spielen und die Trompeten und die Pauken schmettern bei ihm auch etwas mehr aber das sind wirklich Kleinigkeiten. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Klangtechnik bei Koopman etwas direkter klingt als bei Herreweghe, bei dem das Klangbild etwas weicher gezeichnet ist.

Letztlich gefallen mir aber beide Aufnahmen gleich gut.
Jürgen (25.03.2011, 08:48):
Am kommenden Sonntag werden Kantaten für den Sonntag Oculi (BWV 54), aber auch für den heutigen Tag Mariä Verkündigung (BWV 1) gesendet.


BR-Klassik BWV 54 Gardiner SDG von 08:05 bis 08:30
NDR-Kultur BWV 54 Koopman von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 54 Herreweghe von 09:30 bis 10:00
MDR-Figaro BWV 54G üttler von 06:30 bis 07:00
WDR 3 BWV 54 Suzuki von 09:05 bis 10:00
SR 2 BWV 1 Kuijken von 08:00 bis 09:00
HR 2 BWV 1 Suzuki von 07:00 bis 07:30


BWV 182 ist zwar auch für Mariä Verkündigung vorgesehen, allerdings fielen am Tag der Erstaufführung 1714 dieser Feiertag und Palmsonntag auf das selbe Datum. Vielleicht heben sich die Sender deswegen BWV 182 für den Palmsonntag auf.

Grüße
Jürgen
Jürgen (25.03.2011, 09:56):
Original von Armin70
Die Kantate "Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir" BWV 131 hörte ich mir eben in den Aufnahmen von Ton Koopman und als Radiomitschnitt vom letzten Sonntag in einer Aufnahme mit Jörg Breiding an.

Bei der Breiding-Aufnahme wirken als Solisten der Tenor Andreas Weller und der Bassist Peter Kooij mit. Des weiteren singen der Knabenchor Hannover und es spielt das Barockensemble L`Arco. Es handelt sich um einen Live-Mitschnitt aus einer Kirche (Ort und Datum weiss ich nicht).

Die Solisten bei Koopman sind der Tenor Guy de Mey und der Bassist Klaus Mertens sowie singen und spielen der Amsterdam Baroque Choir & Orchestra.

Breiding gelingt der Wechsel zwischen den kontrastierenden Abschnitten recht gut und mit dem Bassisten Peter Kooij hat er einen sehr versierten Sänger, der ja auch bei vielen anderen Bach-Aufnahmen mitwirkt, z. B. Herreweghe und Suzuki. Dafür, dass ich mit Knabenchören nicht so viel anfangen kann, gefällt mir der Klang des Knabenchors Hannover recht gut.

Allerdings gebe ich der Aufnahme von Ton Koopman doch den Vorzug, weil er für meinen Geschmack den ernst-strengen Charakter dieser Kantate besser umsetzt. Der Amsterdam Baroque Choir klingt dann auch wesentlich klarer als der Knabenchor Hannover. Auch hat Koopman den besseren Tenor als Breiding. Des weiteren speilt das Amsterdam Baroque Orchestra etwas flexibler und transparenter als das Ensemble L`Arco, wobei das auch an der Live-Aufnahme liegen kann.

Zu Breiding, dessen Einspielung auch ich im Radio mitgeschnitten habe, fand ich noch folgende Informationen:

Andreas Weller Tenor; Peter Kooij Bass; Knabenchor Hannover; Barockorchester L'Arco, Jörg Breiding;
Probsteikirche Basilika St. Clemens (katholisch!), Hannover, 21.November 2003

Ich schätze diese Aufnahme etwas anders ein als Armin. Sätze 2 und 4, wenn Bass bzw. Tenor von Knabenchorälen begleitet werden, finde ich prinzipiell hervorragend gelungen. Lediglich der Tenor schien mir in der Arie etwas indisponiert zu sein. Seine Stimme klang belegt, als müsse er sich mal räuspern (was man mitten in der Arie schlecht machen kann). Aber der Einsatz des Knabenchors, der hier nur einen seichten Klangteppich erzeugt, passt m.E. wunderbar.
Zu beginn des Schlußchores bei einer exponierten dramatischen Stelle gefällt er mir gar nicht. Um wieviel besser gelingt das z.B. Rilling mit einem Frauenchor mit feinem Crescendo an dieser Stelle.

Fazit: Die Darbietung des 2. Satzes mit Kooij und dem Knabenchor Hannover ist mein Favorit, besser als Rilling, Harnoncourt, Koopman oder Leusinck. Die übrigen Sätze sind m.E. mittelmäßig bis unterirdisch.

Grüße
Jürgen
Agravain (27.03.2011, 08:58):
BWV 54 Widerstehe doch der Sünde

1. Aria
Widerstehe doch der Sünde,
Sonst ergreifet dich ihr Gift.
Laß dich nicht den Satan blenden;
Denn die Gottes Ehre schänden,
Trifft ein Fluch, der tödlich ist.

2. Recitativo
Die Art verruchter SündenI
st zwar von außen wunderschön;
Allein man mussHernach mit Kummer und Verdruss
Viel Ungemach empfinden.
Von außen ist sie Gold;
Doch, will man weiter gehn,
So zeigt sich nur ein leerer Schatten
Und übertünchtes Grab.
Sie ist den Sodomsäpfeln gleich,
Und die sich mit derselben gatten,
Gelangen nicht in Gottes Reich.
Sie ist als wie ein scharfes Schwert,
Das uns durch Leib und Seele fährt.

3. Aria
Wer Sünde tut, der ist vom Teufel,
Denn dieser hat sie aufgebracht.
Doch wenn man ihren schnöden Banden
Mit rechter Andacht widerstanden,
Hat sie sich gleich davongemacht.


Die Kantate BWV 54 „Widerstehe doch der Sünde“ gehört mit ihren beiden um ein Rezitativ gruppierten Arien für Alt zu den kürzesten Kantaten Bachs. Es wird mittlerweile vermutet, dass sie zu Oculi 1715 erstmals in der Weimarer „Himmelsburg“ aufgeführt wurde. Sicher ist das indes nicht:

(http://www.bach-cantatas.com/BWV54.htm)

There are some considerable problems here that make a definite assignment impossible. We are left with the possibilities indicated in the revised (English) Dürr. Klaus Hofmann (1993) in one of the Bach journals is primarily responsible for the 1715 date. The problem with the March 4, 1714 date is that it would have occurred two days after Bach’s appointment as Kapellmeister at the Weimar court. The only reason that Oculi has been assigned is because printed text book has this Sunday assigned. This is a good reason, but because the references to the Epistle and Gospel readings on Oculi Sunday are rather vague and because Bach composed a similar early cantata as “in ogni tempo”, Schulze considers the 7th Sunday after Trinity 1714 as a possibility because some possible references to the readings for that Sunday. Dürr (English + update) state: ‘most likely in summer or autumn’ of 1714. Küster dates this cantata to before 1714. The NBA KB states that it could have been composed as early as 1713 possibly for Oculi or another suitable point in the year (in ogni tempo). Schulze also explains that the 1st mvt. was used by Bach with a different text as part of the St. Mark Passion.
Wie dem aber sei: Die kurze Kantate (ca. 12 Minuten Spielzeit) gehört zum schönsten, was uns Bach hinterlassen hat. Die ersten Zeilen des im Zentrum stehenden Rezitativs ist verantwortlich für die Gestalt der beiden Arien. Bach formt davon ausgehend eine musikalische Juxtaposition des „wunderschönen“ und des „teuflischen“ Charakters der Sünden. So ist die erste Arie schon fast von einer an Händelsche Bukolik erinnernde Klangschönheit, in der die Violinen über einer gehenden Bassfigur geradezu zephyrisch-ruhige Känge zaubern, obwohl Bach den zweifelhaften Charakter der Sünde deutlich einbaut (Einsatz mit Dissonanz, Trugschlüsse!). Im Gegensatz zum Wohlklang der ersten Arie ist die zweite aufgeregt und herb, die Sünde erscheint in der Gestalt der ersten vier, sich chromatisch abwärts bewegenden Töne des Fugenthemas. Doch sind Teufel und Sünde nicht unüberwindlich und so endet der Satz in hellem Es-Dur.

Gehört habe ich die Kantate eben noch einmal in der Aufnahme Scholl/Herreweghe und ich muss erneut die Farge stellen, ob man das als Altus besser singen kann. Ich denke nein, obwohl es durchaus schöne Interpretationen gibt.
Buwalda musste ich nach den ersten paar Takten ausschalten. Paul Esswood, der mir oft nicht so recht zusagt, gefällt mir hier ausgesprochen gut. James Bowman kann leider kein Deutsch. Gerard Lesne singt sehr schön, aber sehr, sehr, sehr langsam (fast 13 Minuten für die Eingangsarie ist schon recht fett – Scholl/Herreweghe benötigen 6:58). Der niederländische Altus Maarten Engeltjes singt ebenfalls sehr gut, hat jedoch bei den tiefen Tönen eine leichte Tendenz zum Pressen. Scholl und Koopman scheinen mir nicht so sehr den gleichen Geist zu atmen wie Scholl und Herreweghe.
Es gibt da aber noch zwei historische Aufnahmen, die ich gerne erwähnen möchte. Zum einen ist das eine bei Youtube zu hörende Aufnahme der ersten Arie mit Alfred Deller. Sicher, Dellers Deutsch ist nicht so hundertprozentig – aber die Stimme hat so etwas Klares, ich möchte bald sagen: Unschuldiges, dass mir beim Hören schon einmal eine Träne ins Auge steigen kann. Ähnlich geht es mir bei der Fernsehaufzeichnung dieser Kantate mit Glenn Gould und dem Countertenor Russel Oberlin, die mich aufgrund der herrlichen Gestaltung des Orchestersatzes der ersten Arie noch immer berührt. Ist das Commitment, oder was?
Verinnerlichter schaffen das auch Herreweghe und Scholl nicht.

:hello Agravain
Jürgen (28.03.2011, 16:48):
Original von Agravain
Gehört habe ich die Kantate eben noch einmal in der Aufnahme Scholl/Herreweghe und ich muss erneut die Farge stellen, ob man das als Altus besser singen kann. Ich denke nein, obwohl es durchaus schöne Interpretationen gibt.
Buwalda musste ich nach den ersten paar Takten ausschalten. Paul Esswood, der mir oft nicht so recht zusagt, gefällt mir hier ausgesprochen gut. James Bowman kann leider kein Deutsch. Gerard Lesne singt sehr schön, aber sehr, sehr, sehr langsam (fast 13 Minuten für die Eingangsarie ist schon recht fett – Scholl/Herreweghe benötigen 6:58). Der niederländische Altus Maarten Engeltjes singt ebenfalls sehr gut, hat jedoch bei den tiefen Tönen eine leichte Tendenz zum Pressen. Scholl und Koopman scheinen mir nicht so sehr den gleichen Geist zu atmen wie Scholl und Herreweghe.
Es gibt da aber noch zwei historische Aufnahmen, die ich gerne erwähnen möchte. Zum einen ist das eine bei Youtube zu hörende Aufnahme der ersten Arie mit Alfred Deller. Sicher, Dellers Deutsch ist nicht so hundertprozentig – aber die Stimme hat so etwas Klares, ich möchte bald sagen: Unschuldiges, dass mir beim Hören schon einmal eine Träne ins Auge steigen kann. Ähnlich geht es mir bei der Fernsehaufzeichnung dieser Kantate mit Glenn Gould und dem Countertenor Russel Oberlin, die mich aufgrund der herrlichen Gestaltung des Orchestersatzes der ersten Arie noch immer berührt. Ist das Commitment, oder was?
Verinnerlichter schaffen das auch Herreweghe und Scholl nicht.

:hello Agravain

Bei den Aufnahmen, die ich kenne muss ich Dir zustimmen. Bowman, Lesne und Engeltjes, sowie die Historischen kenne ich allerdings nicht.
Positiv hervorheben möchte ich Paul Esswood mit Leonhardt, dessen größter Vorteil darin liegt, dass die Aufnahme entstand nachdem er seinen Stimmbruch hatte. Spaß beiseite, Leonhardt verwendet ja oft Knaben als Solisten, was mir meist missfällt. Bei dieser Einspielung mit einem dem Knabenalter entwachsenen Esswood stimmt alles zusammen. Wunderbar gelungen sind die deutlich hörbaren aufsteigenden Streicherlinien in der instrumentalen Einleitung.

Ansonsten gefällt mir auch noch Gardiner und - schlanker wie schneller - Suzuki. Beides Mitschnitte vom Sonntag.
Ein weiterer Radiomitschnitt von MDR Figaro, eine Liveaufnahme des Leipziger Barockorchester unter Konstanze Beyer (Im Programm war Güttler angekündigt), gefällt mir weniger. Etwas zu behäbig im Tempo, obwohl schneller als Lesne.

Grüße
Jürgen
Agravain (28.03.2011, 16:55):
Original von Agravain
Gerard Lesne singt sehr schön, aber sehr, sehr, sehr langsam (fast 13 Minuten für die Eingangsarie ist schon recht fett – Scholl/Herreweghe benötigen 6:58).

Da bin ich im Übrigen einem Zeilenrutscher aufgesessen. Lesne singt die Eingangsarie in 9 Minuten - was allerdings immer noch recht langsam ist. Kann man sich im Übrigen auch bei Youtube anhören.

Ich habe ein paar Aufnahmen mit Frauen gehört - die wollen mir hier alle nicht so recht zusagen.

:hello Agravain
Armin70 (30.03.2011, 18:11):
Eben hatte ich mir diese schöne Kantate in folgenden Aufnahmen angehört:
Matthias Koch/Konstanze Beyer; Nathalie Stutzmann/John Eliot Gardiner; Andreas Scholl/Philippe Herreweghe; Andreas Scholl/Ton Koopman, Julia Hamari/Helmuth Rilling und Yoshikazu Mera/Masaaki Suzuki.

Die Aufnahme von Koch/Beyer ist mir insgesamt etwas zu behäbig in den Tempi. Sie ist von diesen 6 Einspielungen auch insgesamt am langsamsten. Des weiteren kann ich mich mit dem Timbre von Matthias Koch nicht so recht anfreunden.

Bei Nathalie Stutzmann fällt mir als erstes ihre ungewöhnlich dunkel gefärbte Stimme auf, die zunächst etwas eigenwillig klingt aber je länger ich da reinhörte, desto besser hat mir das gefallen. Des weiteren begleiten die English Baroque Soloists sehr vielseitig und akzentuiert.

Dann zweimal Andreas Scholl: Einmal mit dem Collegium Vocale Gent und Philippe Herreweghe und mit dem Amsterdam Baroque Orchestra und Ton Koopman. Agravain ging ja schon auf diese beiden Interpretationen ein. Zunächst fallen die nahezu fast identischen Tempi dieser beiden Aufnahmen auf. Allerdings gefällt mir im gegensatz zu Agravain die zwei Jahre frühere entstandene Aufnahme Scholls mit Koopman besser. Das liegt vor allem daran, dass ich die Begleitung des Amsterdam Baroque Orchestras differenzierter finde. Abgesehen davon hat Andreas Scholl eine sehr schöne Altus-Stimme.

Als einzigste "Un-Hippe"-Aufnahme in dieser Runde schneiden Julia Hamari und Helmuth Rilling für mein Empfinden gar nicht mal so schlecht ab. Hamaris Alt klingt etwas heller und leichter als Nathalie Stutzmanns Stimme. Natürlich spielt das Bach-Collegium Stuttgart in einer größeren Besetzung mit Vibrato, so dass die Musik mit breitem Pinselstrich aufgetragen wird aber Rilling lässt durchaus akzentuiert spielen.

Agravain stellte in seinem vorletzten Beitrag die Frage, ob man diese Kantate schöner singen kann als Andreas Scholl. Als ich die Aufnahme von Yoshikazu Mera mit Masaaki Suzukis Bach Collegium Japan hörte möchte ich sagen, dass Mera es vielleicht nicht schöner aber mindestens genauso gut singt wie Scholl. Ich bin weiss Gott kein Gesangsexperte und deshalb kann ich das nicht so gut beschreiben aber mir gefällt an Meras Gesang, dass seine Stimme für mich leicht klingt. Dann lässt er seine Stimme auch schön aufblühen, d. h. erst singt er fast ohne Vibrato und dann leuchtet die Stimme toll auf. Das hat mir sehr gut gefallen. Auch die Textverständlichkeit fand ich sehr gut. Von den Tempi her ist dies zwar die schnellste Aufnahme aber das wirkte auf mich keineswegs gehetzt. Zusammen mit den Aufnahmen von Gardiner und Koopman ist diese vom Orchesterspiel für mich auch am interessantesten.
Jürgen (01.04.2011, 09:49):
Für den Sonntag Laetare hat Bach aufgrund der noch andauernden Fastenzeit keine Kantate geschrieben.

Die Sender weichen daher auf Kantaten ohne Terminbindung oder andere sakrale Werke aus.



DRS 2 BWV 21: The Purcell Quartet von 10:00 bis 11:00
WDR 3 BWV 97: Gardiner SDG von 09:05 bis 10:00
SR 2 BWV 120: Koopman von 08:00 bis 09:00
BR-Klassik BWV 131: Gropper von 08:05 bis 08:30
NDR-Kultur BWV 227: Biller von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 236: Herreweghe von 09:30 bis 10:00

Gerade BWV 21 könnte sehr interessant werden. Solistisch besetzt und von einem Quartett begleitet.



Was mir noch gefallen könnte:
HR 2 Schütz: SWV 482-485 (Motetten aus dem Schwanengesang), Herreweghe von 07:00 bis 07:30

Grüße
Jürgen
Agravain (01.04.2011, 12:48):
BWV 1: Wie schön leuchtet der Morgenstern
Kantate zum Fest Mariae Verkündigung

1. (Coro)
Wie schön leuchtet der Morgenstern
Voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn,
Die süße Wurzel Jesse!
Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,
Mein König und mein Bräutigam,
Hast mir mein Herz besessen,
Lieblich,
Freundlich,
Schön und herrlich, groß und ehrlich, reich von Gaben,
Hoch und sehr prächtig erhaben.

2. Recitativo Tenor
Du wahrer Gottes und Marien Sohn,
Du König derer Auserwählten,
Wie süß ist uns dies Lebenswort,
Nach dem die ersten Väter schon
So Jahr' als Tage zählten,
Das Gabriel mit Freuden dort
In Bethlehem verheißen!
O Süßigkeit, o Himmelsbrot,
Das weder Grab, Gefahr, noch Tod
Aus unsern Herzen reißen.

3. Aria Sopran
Erfüllet, ihr himmlischen göttlichen Flammen,
Die nach euch verlangende gläubige Brust!
Die Seelen empfinden die kräftigsten Triebe
Der brünstigsten Liebe
Und schmecken auf Erden die himmlische Lust.

4. Recitativo Bass
Ein irdscher Glanz, ein leiblich Licht
Rührt meine Seele nicht;
Ein Freudenschein ist mir von Gott entstanden,
Denn ein vollkommnes Gut,
Des Heilands Leib und Blut,
Ist zur Erquickung da.
So muss uns ja
Der überreiche Segen,
Der uns von Ewigkeit bestimmt
Und unser Glaube zu sich nimmt,
Zum Dank und Preis bewegen.

5. Aria Tenor
Unser Mund und Ton der Saiten
Sollen dir
Für und für
Dank und Opfer zubereiten.
Herz und Sinnen sind erhoben,
Lebenslang
Mit Gesang,
Großer König, dich zu loben.

6. Choral
Wie bin ich doch so herzlich froh,
Dass mein Schatz ist das A und O,
Der Anfang und das Ende;
Er wird mich doch zu seinem Preis
Aufnehmen in das Paradeis,
Des klopf ich in die Hände.
Amen!
Amen!
Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange,
Deiner wart ich mit Verlangen.

***

Die Kantate mit der das Bachwerkeverzeichnis beginnt wurde für das Fest Mariae Verkündigung am 25. März 1725 komponiert. es ist ein ausgesprochen freudenreiches Fest, wird doch die Geburt Jesu angekündigt. Auch in der bildenden Kunst hatte das Fest einen breiten Niederschlag, beispielsweise bei Leonardo:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/93/Leonardo_da_Vinci_-_Annunciazione_-_Google_Art_Project.jpg/800px-Leonardo_da_Vinci_-_Annunciazione_-_Google_Art_Project.jpg
(Leonardo da Vinci: Annunciazione um 1472; Quelle: Wikipedia)

Das Werk Bachs wird somit zur frühesten Adventskantate, was auch erklärt, warum sie sich beispielsweise in Rillings thematischer Zusammenstellung der Advents- und Weihnachtskantaten wiederfindet.
Darüber hinaus erklärt dieser Umstand den festlichen Charakter der Kantate, die mit drei Solisten, vierstimmigem Chor, 2 Oboen da caccia, 2 Hörnern, 2 konzertierenden Violinen, Streichern und Continuo recht üppig besetzt ist. Die Nutzung der beiden Hörner gibt dem Ganzen einen glänzend-weihnachtlichen Klang.

Der Eingangschor mit seinem schwingend-bewegten 12/8-Takt und einer Ausdehnung von 116 Takten ist im Grunde der Fixpunkt dieser Kantate. Freudig besingt der Chor die Herrlichkeit Christi, die Violinen malen das Glitzern des Morgensterns, die konzertierenden Hörner verleihen den festlichen Ton. Einem schlichten Rezitativ folgt eine Sopran-Arie, in der Sopran und Oboe da caccia dem lustvollen Wunsch der Seelen nach Vereinigung mit der himmlischen Freude (=Christus) Ausdruck verleihen. Erneut schließt ein einfaches Rezitativ (Bass) an, bevor der bewegte Gestus des Eingangschores in der herrlichen Arie "Unser Mund und Ton der Saiten" für Tenor erneut aufgegriffen wird. Ein festlicher Choralsatz beendet die Kantate.

:hello Agravain
Jürgen (08.04.2011, 11:38):
Der Sonntag Judica stellt im Bach'schen Kantatenkalender einen weißen Flecken dar.

Die wenigen Sender, die trotzdem Kantaten senden, haben sich undatierte (97) oder Ratswahlkantaten (119/29) ausgesucht.

BR-Klassik BWV 97 Gardiner SDG von 08:05 bis 08:30
NDR-Kultur BWV 97 Gardiner SDG von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 119 Rotzsch von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 29 Harnoncourt (Neu) von 08:00 bis 09:00

Grüße
Jürgen
Agravain (08.04.2011, 14:45):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51JYXTX9JEL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/61-yRzZhhWL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/415k7b6r9ML._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51P1LIC8sWL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/41c1FmUM65L._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51XZMQ8GacL._SL500_AA300_.jpg


Unter den sechs Einspielungen von BWV 1, die ich im Vergleich gehört habe, hat jede ihre Meriten, es gibt im Grunde keine, die mir in ihrer Gänze als misslungen erscheint.
Allerdings gibt es auch keine, die ich als völlig rund empfinde.

Der Eingangschor stellt sich in den Einspielungen recht unterschiedlich dar. Nicht nur, dass er bisweilen deutlich im Tempo differiert (so ist Rotzsch mit 7:07 recht flott, Suzuki mit 8:22 recht ruhig). Auch der Charakter des Satzes wird recht unterschiedlich gezeichnet. Die drei R (Richter, Rotzsch, Rilling) präsentieren eher einen beschwingt-freudigen und festlichen Satz, der in seinem goldgelben Klang durchaus an den Eingangschor zur vierten Kantate des Weihnachtsoratoriums („Fallt mit Danken, fallt mit Loben“) erinnert. Satter Chorklang, voller Orchestersatz, starker Cantus firmus. Es ist eine Lesart, deren Ausgangspunkt wohl in den beiden letzten Textzeilen („Schön und herrlich, groß und ehrlich, reich von Gaben, / Hoch und sehr prächtig erhaben“) zu suchen ist . Das kann man so machen und ich empfinde das durchaus als schlüssig.

Während auch Leusink diesen Ansatz wählt, so machen es die anderen beiden HIP-Vertreter (Suzuki und Kuijken) doch ganz anders.
Bei Suzuki, der diesen Satz ja recht langsam spielen lässt, entwickelt sich ein ganz weiches, im positiven Sinne wattiges musikalisches Geschehen, das eine eher verhaltene, pastorale Freude zu darzustellen sucht. Besonders schön lässt er den Cantus firmus gestalten, der nicht über die Unterstimmen weggeschmettert wird, sondern ganz leicht, immer piano oft sogar pianissimo über dem bewegten Satz schwebt. Der Effekt ist, dass sich das bei jedem Einsatz so anhört, als breche ein himmlischer (schon fast „englischer“) Sonnerstrahl durch – aber eben nur einer. Das gefällt mir schon sehr.
Aber auch Kuijkens solistische Herangehensweise ist überzeugend. Es gibt Kantaten, bei denen mich das zwar überhaupt nicht vom Stuhl haut, hier passt das aber schon sehr gut, betont es doch den im Grunde intimen Charakter des Verkündigungsgeschehens. Die gute Botschaft wurde ja eben von einem Engel überbracht und nicht von sämtlichen Cherubim und Serphim. Beide Interpretationen fokussieren weniger den Festcharakter. Sie orientieren sich eher an Begriffen wie „lieblich“, „freundlich“ oder „süß“.

Klippen – zumindestens im weitesten Sinne – scheinen mir indes die beiden Arien darzustellen. Nicht, dass sie im technischen Sinne ausgesprochen problematisch zu meistern sind, wohl aber im interpretativen.
In der Sopranarie spielt das Tempo eine entscheidende Rolle. Hier ist Kuijken mit 4:09 der schnellste, Leusink mit 5:21 deutlich der langsamste. Im direkten Vergleich wird es mehr als deutlich, dass eine langsame Herangehensweise der Arie nicht bekommt. Sie klingt dann schnell bieder, teilnahmslos, langweilig. Marjon Strijk gibt sich zwar redliche Mühe (so auch Edith Mathis), aber wenn das nicht mit einem gewissen Druck musiziert wird, springt kein Funke über.

Bei der Tenor-Arie gibt es zwar auch Unterschiede im Tempo (Richter ist mit 6:10 der schnellste, Leusink mit 7:05), das scheint mir aber nicht das Kriterium, das für das Gelingen entscheidend ist. Die 6:10 klingen bei Richter allerdings schon fast ein bisschen gehetzt. Für mich spielt allerdings sowohl die Präsenz des Sängers eine wichtigere Rolle als auch die Art, wie an die Gestaltung des Continuo herangegeangen wird.
So verliert der an sich flüssige und schwingende Satz schnell diesen Charakter, wenn die Unterstimmen zu schwer genommen werden, so wie beispielsweise bei Rilling, der hier schlicht hindurchtrampelt.
Bei den Sängern gibt es ebenfalls Unterschiede. Ernst Haefliger klingt durch Richters schnelles Tempo gestresst, Adalbert Kraus singt ebenso erdenlastig, wie Rilling dirigiert. Knut Schoch singt schön, das labberige Tempo Leusinks nimmt dem Satz indes vollkommen seine Spritzigkeit. Kuijkens Tenor Marcus Ullmann ist mir zu schwach auf der Brust, seiner Stimme fehlt etwas der Kern, der Biss; tadellos singt Gerd Türk, wenngleich mir schon – wie eigentlich immer - ein wenig zu glatt. Ich lande – wie so oft bei Schreier, der für diese Arie unter Rotzsch nicht nur technisch, sondern auch interpretatorisch die „Benchmark“ setzt.

:hello Agravain
Jürgen (15.04.2011, 11:52):
Für den Palmsonntag hat Bach (endlich mal wieder) eine Kantate geschrieben.

BWV 182: Himmelskönig, sei willkommen

Die Radiosender halten sich brav daran:


BR-Klassik BWV 182 Gropper von 08:05 bis 08:30
Deutschlandradio Kultur BWV 182 Pierlot von 06:00 bis 07:00
NDR-Kultur BWV 182 Pierlot von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 182 Gardiner SDG von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 182 Suzuki von 08:00 bis 09:00
WDR 3 BWV 182 Koopman von 09:05 bis 10:00
HR 2 BWV 182 Koopman von 07:00 bis 07:30
Deutschlandfunk BWV 182 Koopman von 06:10 bis 07:00
MDR-Figaro BWV 182 Klapprott von 06:30 bis 07:00


http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P21a%5BSDG-2CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C02-2.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gropper-T-C01a%5BOhems-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C03a%5BBIS-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Ricercar-C10a%5BMirare-CD%5D.jpg


Grüße
Jürgen
Heike (15.04.2011, 14:51):
Entstehung:
Mit der Ernennung Bachs zum Konzertmeister am Hof von Weimar war für ihn die Verpflichtung verbunden, pro Monat eine neue Kantate zu komponieren. Die Kantate „Himmelskönig sei willkommen“ ist mit großer Wahrscheinlichkeit der erste dieser Weimarer Kompositionsaufträge. Vermutlich wurde die Kantate am Palmsonntag, 25. März 1714 in der Weimarer Schlosskapelle uraufgeführt.

Thematik:
Gemäß der Bestimmung zum Palmsonntag thematisiert die Kantate den Einzug Jesu nach Jerusalem und den Beginn der Karwoche. Der gläubige Christ wird aufgefordert, als Dank für das von Jesus gebrachte Opfer dem Gottessohn sein Herz zu widmen und auch im Leiden zu Jesus zu stehen.

Musik:
Das Werk markiert den Beginn des Übergangs des Komponisten vom traditionellen Choralkonzert als Kantatentypus des 17. Jahrhunderts zu den modernen, hauptsächlich von italienischen Einflüssen geprägten Kantatenformen.
Dem neuen Stil entspricht die von den Italienern inspirierte Führung der Solovioline und die ausgeprägte Rolle der drei aufeinanderfolgenden kontemplativen Arien in Da capo-Form.

Diejenigen Sätze, in denen die Gemeinschaft der Christen selbst spricht oder angesprochen wird, sind als vollstimmige Chöre angelegt. Die Sätze, die als Ansprache des Individuums angesehen werden können, als solistisches Rezitativ (Satz 3) oder als Soloarie (Sätze 3 bis 6). Bis auf eine Ausnahme (Satz 6), sind alle madrigalischen (das heißt, nicht an einen Choral oder ein Bibelwort gebundenen) Strophen als Da-Capo-Arien angelegt. Die Anwendung dieser Form auf Chöre ist für 1714 neuartig.

Interessant ist, dass das Hauptthema des ersten Satzes (Sonata) aus den (rhythmisch veränderten) ersten acht Tönen des Chorals O Ewigkeit, du Donnerwort besteht. Dieser Choral ist von Bach in mehreren anderen Werken verwendet worden, unter anderem in den Kantaten BWV 20 und BWV 60, die beide den Titel dieses Chorals tragen.

Besetzung:
Gesangsstimmen: Sopran, Alt, Tenor, Bass, bis auf den Sopran alle auch mit Solo-Aufgaben (Rezitativ, Arien) betraut.
Instrumente: Blockflöte, Violine, Viola I/II, Basso continuo mit Violoncello

Text:
Als Textdichter wird aufgrund des Stils Salomon Franck angenommen, der zu dieser Zeit hauptsächlich für den Weimarer Hof tätig war, wenn es auch hierfür keinen eindeutigen Beleg gibt.

1. Sonata
Flauto, Violino concertante, Violino di ripieno, Viola I/II, Violoncello, Continuo

2. Coro
Flauto, Violino, Viola I/II, Violoncello, Continuo
Himmelskönig, sei willkommen,
Laß auch uns dein Zion sein!
Komm herein,
Du hast uns das Herz genommen.

3. Recitativo B
Violoncello, Continuo
Siehe, ich komme, im Buch ist von mir geschrieben; deinen Willen, mein Gott, tu ich gerne.

4. Aria B
Violino, Viola I/II, Continuo
Starkes Lieben,
Das dich, großer Gottessohn,
Von dem Thron
Deiner Herrlichkeit getrieben,
Dass du dich zum Heil der Welt
Als ein Opfer vorgestellt,
Dass du dich mit Blut verschrieben.

5. Aria A
Flauto solo, Continuo
Leget euch dem Heiland unter,
Herzen, die ihr christlich seid!
Tragt ein unbeflecktes Kleid
Eures Glaubens ihm entgegen,
Leib und Leben und Vermögen
Sei dem König itzt geweiht.

6. Aria T
Violoncello, Continuo
Jesu, lass durch Wohl und Weh
Mich auch mit dir ziehen!
Schreit die Welt nur "Kreuzige!",
So lass mich nicht fliehen,
Herr, von deinem Kreuzpanier;
Kron und Palmen find ich hier.

7. Choral
Flauto, Violino, Viola I/II, Violoncello, Continuo
Jesu, deine Passion
Ist mir lauter Freude,
Deine Wunden, Kron und Hohn
Meines Herzens Weide;
Meine Seel auf Rosen geht,
Wenn ich dran gedenke,
In dem Himmel eine Stätt
Uns deswegen schenke.

8. Coro
Flauto, Violino, Viola I/II, Violoncello, Continuo
So lasset uns gehen in Salem der Freuden,
Begleitet den König in Lieben und Leiden.
Er gehet voran
Und öffnet die Bahn.

Quellen: der ausführliche Wiki-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsk%C3%B6nig,_sei_willkommen
und http://webdocs.cs.ualberta.ca/~wfb/cantatas/182.html
Jürgen (21.04.2011, 12:16):
Gesichert und überliefert sind von Bach nur 3 Kantaten für den Ostersonntag:

BWV 4: Christ lag in Todes Banden
BWV 31: Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret
BWV 249: Kommet, eilet und laufet (Oster Oratorium)



Die Radiosender verhalten sich dementsprechend:


NDR-Kultur BWV 4: Hengelbrock von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 4: Metzmacher von 09:30 bis 10:00
HR 2 BWV 4: Suzuki von 07:00 bis 07:30
MDR-Figaro BWV 4: Arman von 06:30 bis 07:00
Deutschlandfunk BWV 4: Koopman von 06:10 bis 07:00
SR 2 BWV 31: Koopman von 08:00 bis 09:00
Deutschlandradio Kultur BWV 31: Harnoncourt von 06:00 bis 07:00
WDR 3 BWV 31: Suzuki von 09:05 bis 10:00
NDR-Kultur & RBB BWV 249: Parrott von 04:00 bis 05:00
BR-Klassik BWV 249: Bernius von 08:05 bis 08:30




http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Hengelbrock-C02a%5BHanssler-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C01a%5BBIS-CD%5D.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C01-2.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C02.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C06a%5BBIS-CD%5D.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Parrott-C03.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/EO-Bernius.jpg


Grüße
Jürgen
Jürgen (21.04.2011, 12:44):
Für den Ostermontag komponierte Bach zwei Kantaten:


BWV 6: Bleib bei uns, denn es will Abend werden
BWV 66: Erfreut euch, ihr Herzen



Aus dem Radio ertönt daher:


HR 2 BWV 6: Suzuki von 07:00 bis 07:30
Deutschlandfunk BWV 6: Richter von 06:10 bis 07:00
BR-Klassik BWV 66: Suzuki von 08:05 bis 08:30
Deutschlandradio Kultur BWV 66: Koopman von 06:00 bis 07:00
NDR-Kultur BWV 66: Koopman von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 66: Gardiner DGG von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 66: Gardiner DGG von 08:00 bis 09:00
MDR-Figaro BWV 66: Sonnentheil von 06:30 bis 07:00



http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Richter-C02.jpeghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C36a%5BBIS-SACD%5D.jpg
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C09-2.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-C06a%5BArchiv-CD%5D.jpghttp://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C18a%5BBIS-CD%5D.jpg

Grüße
Jürgen
Heike (24.04.2011, 09:51):
Entstehung:
Bei der Kantate "Christ lag in Todesbanden" handelt es sich wahrscheinlich um ein Frühwerk von Bach. Ihr Entstehungsjahr, so wird aus dem Kompositionsstil abgeleitet, dürfte zwischen 1707 und 1713 gelegen haben, und vermutlich noch in Bachs Zeit in Mühlhausen (1707/1708) fallen. Es sind jedoch nur Abschriften aus seinen Leipziger Jahren 1724 und 1725 erhalten, so dass keine Gewissheit über Einzelheiten der Urfassung besteht.

Thematik:
Der Text basiert ausschließlich auf dem gleichnamigen Osterlied von Martin Luther aus dem Jahre 1524, dessen sämtliche Strophen neben der einleitenden kurzen Sinfonia die Sätze der Kantate bilden. Der liturgischen Bestimmung gemäß wird die Auferstehung Christi und der Triumph Gottes über den Tod besungen.

Musik:
Gesangsstimmen: Sopran, Alt, Tenor, Bass, nicht genauer als solistisch oder chorisch gekennzeichnet
Instrumente: Violine I/II, Viola I/II, Basso continuo, dazu in manchen Fassungen Zink und Posaune I-III colla parte mit den Gesangsstimmen
Die Kantate Christ lag in Todes Banden folgt in ihrem Stil noch dem Typus des Choralkonzerts, wie es bei Kantatenkompositionen des 17. Jahrhunderts üblich war.

Die Kantate beginnt mit einer instrumentalen Sinfonie, die die erste Linie der Melodie einführt.
Die Folge der sieben Strophen zeigt Symmetrie: Chor - Duett - Solo - Chor - Solo - Duett - Chor. Alle Strophen enden auf dem Wort Halleluja.

Text:

1. Sinfonia
Violino I/II, Viola I/II, Continuo

2. (Coro) Versus 1 S A T B
Christ lag in Todesbanden
Für unsre Sünd gegeben,
Er ist wieder erstanden
Und hat uns bracht das Leben;
Des wir sollen fröhlich sein,
Gott loben und ihm dankbar sein
Und singen halleluja,
Halleluja!

3. Versus 2 S A
Den Tod niemand zwingen kunnt
Bei allen Menschenkindern,
Das macht' alles unsre Sünd,
Kein Unschuld war zu finden.
Davon kam der Tod so bald
Und nahm über uns Gewalt,
Hielt uns in seinem Reich gefangen.
Halleluja!

4. Versus 3 T
Jesus Christus, Gottes Sohn,
An unser Statt ist kommen
Und hat die Sünde weggetan,
Damit dem Tod genommen
All sein Recht und sein Gewalt,
Da bleibet nichts denn Tods Gestalt,
Den Stach'l hat er verloren.
Halleluja!

5. (Coro) Versus 4 S A T B
Es war ein wunderlicher Krieg,
Da Tod und Leben rungen,
Das Leben behielt den Sieg,
Es hat den Tod verschlungen.
Die Schrift hat verkündigt das,
Wie ein Tod den andern fraß,
Ein Spott aus dem Tod ist worden.
Halleluja!

6. Versus 5 B
Hier ist das rechte Osterlamm,
Davon Gott hat geboten,
Das ist hoch an des Kreuzes Stamm
In heißer Lieb gebraten,
Das Blut zeichnet unsre Tür,
Das hält der Glaub dem Tode für,
Der Würger kann uns nicht mehr schaden.
Halleluja!

7. Versus 6 S T
So feiern wir das hohe Fest
Mit Herzensfreud und Wonne,
Das uns der Herre scheinen lässt,
Er ist selber die Sonne,
Der durch seiner Gnade Glanz
Erleuchtet unsre Herzen ganz,
Der Sünden Nacht ist verschwunden.
Halleluja!

8. Versus 7 S A T B
Wir essen und leben wohl
In rechten Osterfladen,
Der alte Sauerteig nicht soll
Sein bei dem Wort der Gnaden,
Christus will die Koste sein
Und speisen die Seel allein,
Der Glaub will keins andern leben.
Halleluja!

Quellen: Wiki und http://webdocs.cs.ualberta.ca/~wfb/cantatas/4.html
Jürgen (28.04.2011, 08:33):
Diese Osterkantate ist eine der bekanntesten und meistgespielten Kantaten überhaupt. (Danke Heike, für die Vorstellung. Und alles Gute nachträglich :beer)

Bei Bach-Cantatas sind über 50 Einspielungen gelistet und auch auf meiner FP befinden sich (zumindest nach diesem Ostersonntag) 10 Aufnahmen.


Chronologisch sortiert sind dies:

1968: Richter, Münchener Bach-Chor / Münchener Bach Orchester
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Richter-C02.jpeg

1970: Nikolaus Harnoncourt, Wiener Sängerknaben / Concentus Musicus Wien
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/HL-C01.jpeg

1980: Helmuth Rilling, Gächinger Kantorei Stuttgart / Bach-Collegium Stuttgart
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rill2-S01.jpeg

1981: Hans-Joachim Rotzsch, Thomanerchor Leipzig / Neues Bachisches Collegium Musicum
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Rotzsch-C03-0.jpg

1993: Andrew Parrott, Taverner Consort & Players
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Parrott-C03.jpg

1994: Ton Koopman, Amsterdam Baroque Orchestra & Choir
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Koopman-C01-2.jpg

1995: Masaaki Suzuki, Bach Collegium Japan
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C01a%5BBIS-CD%5D.jpg

1996: Arman, Ensemble Mitteldeutsche Barockmusik (kein Cover gefunden)

2000: Pieter Jan Leusink, Holland Boys Choir / Netherlands Bach Collegium
http://www.bach-cantatas.com/Pic-Rec/Leusink-C11.jpeg

2001: Christoph Poppen, Münchener Kammerorchester, Hilliard Ensemble
http://s.dsimg.com/image/R-150-2553580-1290159415.jpeg



Die Aufnahme von Arman habe ich aktuell im Radio mitgeschnitten. Durch das Splitten und weitere Bearbeiten habe ich einen ersten Eindruck davon gewonnen, so dass ich davon Abstand nehme, sie beim Vergleichshören noch zu berücksichtigen.
Zu mäßig waren die Sänger und obendrein die Klangqualität für 1996 unbefriedigend.


Sinfonia

Von den restlichen 9 habe ich erstmal nur den ersten Satz, die Sinfonia, gehört. Gefällt mir ein Kandidat nicht, so verfahre ich wie DRS2 und schmeisse ihn aus dem Rennen.

Beginnen möchte ich mit Suzuki, weil ich seine Interpretation auch im Radio mitgeschnitten habe und direkt nach Arman hörte. Suzuki kommt schlank, zart und gefühlvoll daher, was auf mich einen angenehmen und intimen Eindruck macht.
Ähnlich verhält es sich mit Parrott. Koopman erscheint mir etwas ruppiger bei grundsätzlich gleicher Ausrichtung. Leusinck ist für mich am anderen Ende der Skala. Was bei Suzuki schlank ist, ist bei ihm dünn und blutleer, es fehlt mir die Emotion. Leusinck ist daher einer der Streichkandidaten.
Harnoncourt streiche ich auch, weil er mir zu müde erscheint.
Rilling läßt die Sinfonia in einer anderen Tempo-Dimension spielen. Sehr schnell und obendrein abgehackt. Mir gefällt das nicht, daher streiche ich auch ihn.
Am anderen Ende der Tempo-Skala befindet sich Richter. Mit 1:38 braucht er doppelt so lange wie Rilling. Aber was für eine Spannung, welche Gefühlstiefe! Richter bleibt.
Und Rotzsch, genau so Non-Hip wie Richter, erreicht er doch nicht seinen Ausdruck. Dennoch nicht schlecht.
Zuletzt Poppen, bei dem mir in der Sinfonia nichts besonderes auffällt. Weder im positiven, noch im negativen Sinne. Auch er bleibt.

Somit verbleiben noch 6 Kandidaten: Richter/Rotzsch/Koopman/Suzuki/Parrott/Poppen
Die werden sich bald dem Sängerwettstreit (Eingangschor, Versus 1) stellen müssen.

Soweit erstmal.

Grüße
Jürgen
Jürgen (28.04.2011, 09:42):
Coro (Versus I): Christ lag in Todes Banden

Ich fange mal mit den beiden unhippen Einspielungen an. Richter und Rotzsch, die beide gleichermaßen loslegen als sei es eine Jubelkantate. Das ist per se nicht schlecht, erscheint mir aber an dieser Stelle etwas zu dick aufgetragen.

Deutlich schlanker und für mich passender sind Koopman und Suzuki, die sobald es ans Halleluja geht noch richtig zulegen können. Leichte Vorteile sehe ich bei Suzuki, weil es noch zarter und runder klingt.

Mit solistischem Ansatz musizieren Parrott und Poppen. Aber welche Unterschiede zwischen den Beiden. Klingt bei Parrott alles harmonisch, passen bei Poppen die Solisten, die mir obendrein stimmlich missfallen, nicht zusammen.

Nach dem zweiten Satz streiche ich daher Poppen.

Es verbleiben:

Richter
Rotzsch
Koopman
Suzuki
Parrott


Duetto (Soprano, Alto) (Versus II): Den Tod niemand zwingen kunnt


Hier lässt Rotzsch die Stimmen vom Thomanerchor singen, wobei mir etwas die Durchdringung fehlt.
Richter nimmt den Münchner Bachchor und legt für meinen Geschmack etwas zu fröhlich los. Beim abschließenden Halleluja schmelze ich jedoch dahin.
Bei Koopman/Suzuki/Parrott klingt es nicht so munter vorwärts-schreitend, sondern zurückhaltender und verinnerlichter. All diese Aufnahmen sind auf höchstem Niveau.

Ich würde bei diesem Satz niemanden streichen, Rotzsch ist aber hier das Schlusslicht.


Grüße
Jürgen
Jürgen (29.04.2011, 11:54):
Noch bevor ich mit BWV 4 fertig werde, schiebe ich die Radiovorschau ein. Manche Dinge brauchen halt ihre Zeit, auch wenn man wenig davon hat.

Für den Sonntag Quasimodogeniti schuf Bach die Kantaten:

BWV 67: Halt im Gedächtnis Jesum Christ
BWV 42: Am Abend aber desselbigen Sabbatas

Das Programm stellt sich dementsprechend dar:

BR-Klassik BWV 42: Herreweghe von 08:05 bis 08:30
NDR-Kultur BWV 42: Herreweghe von 08:00 bis 08:40
MDR-Figaro BWV 42: Suzuki von 06:30 bis 07:00
DRS 2 BWV 150 & 67: ? Interpret nicht angegeben von 10:00 bis 11:00
RBB BWV 67: Kuijken von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 67: Koopman von 08:00 bis 09:00
WDR 3 BWV 67: Koopman von 09:05 bis 10:00
HR 2 BWV 67: Koopman von 07:00 bis 07:30
Deutschlandradio Kultur BWV 233: Linde von 06:00 bis 07:00


Im Kantatenkalender sehe ich gerade, dass es noch Kantaten zum 3.Osterfeiertag, dem Osterdienstag, gibt. Ob da etwas gesendet wurde ist müßig, denn für eine Vorschau ist es ohnehin zu spät.

Grüße
Jürgen
Jürgen (29.04.2011, 12:51):
Ich mache mal weiter, damit ich diese Woche noch fertig werde.
Zur Erinnerung, folgende Aufnahmen höre ich noch:

Richter
Rotzsch
Koopman
Suzuki
Parrott


Und ich mache weiter mit dem 4. Satz

Aria (Tenore) (Versus III): Jesus Christus, Gottes Sohn

Obwohl Richter mit 1:56 nur 7 Sekunden schneller ist, als Rotzsch, der am längsten braucht, ist bei ihm das gefühlte Tempo immens hoch. Es mag an der breiteren Besetzung liegen, aber so unähnlich sind die von Rotzsch und Richter ja nicht. Die Wahrnehmung ist zumindest eine gänzlich andere. Richter wirkt gehetzt, fast lustig. Rotzsch gefällt mir viel besser. Mit getragenerem Ernst.
Die übrigen drei haben den Tenor solistisch besetzt, Parrott hat sogar die Streicheranzahl hörbar reduziert. Allerdings gefällt mir bei ihm der Tenor nicht. Ich weiss nicht, wie ich es fachmännisch ausdrücken soll, seine Stimme quäkt mir zu sehr.
Bei Suzuki stimmt wieder alles. Schlanker Tenor, blitzsaubere Instrumentalisten und dazu passendes Tempo.

Grüße
Jürgen
Heike (15.05.2011, 10:43):
Entstehung:
Bei der Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen (BWV 12) handelt es sich um eines der frühen Werke: um die zweite der monatlich komponierten Weimarer Kirchenkantaten. Komponiert wurde sie für den Gottesdienst in der Schlosskapelle am 22. April 1714. Der überwiegend frei gedichtete Text stammt wahrscheinlich vom Salomon Franck. Der abschließende Choral ist die letzte Strophe des Kirchenliedes von Samuel Rodigast „Was Gott tut, das ist wohlgetan“.

Musik:
Besetzung:
Gesangsolisten: Alt, Tenor, Bass
Chor: Sopran, Alt, Tenor, Bass
Orchester: Violine I/II, Viola I/II, Oboe, Fagott, Trompete, Basso continuo

Das Werk beginnt mit einer einleitenden Sinfonia. In diesem ersten Teil malt eine Solo-Oboe das „Klagen“ klangbildlich aus.

Der erste Teil des folgenden Chorsatzes in Da-Capo-Form ist eine altertümliche Passacaglia im 3/2-Takt. Ihr liegt im Continuo ein Ostinato zugrunde, das in Sekundschritten absinkt, die Parodie eines schmerzvollen Liebesliedes von Antonio Vivaldi. In äußerster Sparsamkeit der Mittel singen die Singstimmen zunächst jede nur ein Wort, wie einen gedehnten Seufzer. In allmählicher Verdichtung bleiben sie bei diesen vier Worten bis zur siebten Wiederholung der Bassfigur, zu der sie homophon den Text fortsetzen. Der Mittelteil, dessen Text nur aus dem Nebensatz (über die Christen) besteht „die das Zeichen Jesu tragen“, ist im Kontrast flüssiger gestaltet, Un poco allegro und endet Andante mit aufsteigenden Einsätzen der Stimmen. Bach hat den Passacaglia-Teil in seiner h-Moll-Messe zum Crucifixus umgearbeitet.

Ungewöhnlich ist das nach dem Bibelrezitativ anschließende Aufeinanderfolgen von drei Arien ohne verbindende Rezitative. Dies macht deutlich, dass sich der Übergang vom älteren Kantatentyp zu der modernen Form bei Bach nicht abrupt vollzogen hat und beide Formen in diesem Werk neben einander stehen. Die Tenorarie wird von einer Solotrompete begleitet, die die Choralmelodie „Jesu, meine Freude“ zitiert.

Dem vierstimmigen Schlusschoral, bei dem im Regelfall die Instrumente nur die Chorstimmen verstärken, fügt der Komponist eine weitere obligate Violinstimme hinzu, die das Werk besonders glanzvoll beschließt.

Text:
Der Text entwickelt den Gedanken, dem Leid des Gläubigen das Leiden Christi gegenüberzustellen, um am Ende dem getreuen Christen das Ende aller Mühsal zu verkünden.

1. Sinfonia
Oboe, Violino I/II, Viola I/II, Continuo, Fagotto

2. Coro
Weinen, Klagen,
Sorgen, Zagen,
Angst und Not
Sind der Christen Tränenbrot,
Die das Zeichen Jesu tragen.

3. Recitativo A
Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen.

4. Aria A
Kreuz und Krone sind verbunden,
Kampf und Kleinod sind vereint.
Christen haben alle Stunden
Ihre Qual und ihren Feind,
Doch ihr Trost sind Christi Wunden.

5. Aria B
Ich folge Christo nach,
Von ihm will ich nicht lassen
Im Wohl und Ungemach,
Im Leben und Erblassen.
Ich küsse Christi Schmach,
Ich will sein Kreuz umfassen.
Ich folge Christo nach,
Von ihm will ich nicht lassen.

6. Aria T
Sei getreu, alle Pein
Wird doch nur ein Kleines sein.
Nach dem Regen
Blüht der Segen,
Alles Wetter geht vorbei.
Sei getreu, sei getreu!

7. Choral
Was Gott tut, das ist wohlgetan
Dabei will ich verbleiben,
Es mag mich auf die rauhe Bahn
Not, Tod und Elend treiben,
So wird Gott mich
Ganz väterlich
In seinen Armen halten:
Drum lass ich ihn nur walten.

Quellen: Wiki und http://webdocs.cs.ualberta.ca/~wfb/cantatas/12.html
Heike (16.05.2011, 19:27):
Diese frühe Kantate mag ich ganz gerne, weil man einerseits einige bekannte Motive wiedererkennt und weil der ganze Charakter so liedhaft, fast kontemplativ ist. Außerdem finde ich die Soloinstrumente sehr schön ausgemalt und eingesetzt.

Ich habe nur eine einzige Aufnahme (solistisch besetzt), die ich sehr gelungen finde:



Heike
Jürgen (20.06.2011, 09:00):
Die umfangreiche Kantate BWV 194 Höchsterwünschtes Freudenfest wurde 1723 komponiert.
Der Anlass war die Kirchweih und Orgeleinweihung in dem Dörfchen Störmthal, südöstlich von Leipzig.
Bach, der damals durchaus als Superstar galt, hat die neue Orgel abgenommen, womit sich die Gemeinde stolz geschmückt hat.
Aber auch Bach selbst profitierte von dieser Aktion, nicht zuletzt, weil er die Kantate so allgemein hielt,
dass er sie in den nächsten Jahren noch dreimal zu Trinitatis aufführen konnte.

Die Kantate ist mit Sopran, Tenor, Bass und vierstimmigem Chor besetzt.
Ausserdem spielen 3 Oboen, Fagott, 2 Violienen, Viola Continuo und natürlich die Orgel.
Die Kantate besteht aus zwei Teilen á 6 Sätzen. Womöglich wurde zwischen den Teilen ein Orgel-Intermezzo gespielt
(Gestern bei der Radioübertragung war das der Fall).




Erster Teil

1. Coro
(Oboe I-III, Fagotto, Violino I/II, Viola, Continuo)
Höchsterwünschtes Freudenfest,
Das der Herr zu seinem Ruhme
Im erbauten Heiligtume
Uns vergnügt begehen lässt.
Höchsterwünschtes Freudenfest!

2. Recitativo B
(Continuo)
Unendlich großer Gott, ach wende dich
Zu uns, zu dem erwähleten Geschlechte,
Und zum Gebete deiner Knechte!
Ach, lass vor dich
Durch ein inbrünstig Singen
Der Lippen Opfer bringen!
Wir weihen unsre Brust dir offenbar
Zum Dankaltar.
Du, den kein Haus, kein Tempel fasst,
Da du kein Ziel noch Grenzen hast,
Laß dir dies Haus gefällig sein, es sei dein Angesicht
Ein wahrer Gnadenstuhl, ein Freudenlicht.

3. Aria B
(Oboe I, Violino I/II, Viola, Continuo)
Was des Höchsten Glanz erfüllt,
Wird in keine Nacht verhüllt,
Was des Höchsten heilges Wesen
Sich zur Wohnung auserlesen,
Wird in keine Nacht verhüllt,
Was des Höchsten Glanz erfüllt.

4. Recitativo S
(Continuo)
Wie könnte dir, du höchstes Angesicht,
Da dein unendlich helles Licht
Bis in verborgne Gründe siehet,
Ein Haus gefällig sein?
Es schleicht sich Eitelkeit allhie an allen Enden ein.
Wo deine Herrlichkeit einziehet,
Da muss die Wohnung rein
Und dieses Gastes würdig sein.
Hier wirkt nichts Menschenkraft,
Drum lass dein Auge offenstehen
Und gnädig auf uns gehen;
So legen wir in heilger Freude dir
Die Farren und die Opfer unsrer Lieder
Vor deinem Throne nieder
Und tragen dir den Wunsch in Andacht für.

5. Aria S
Violino I/II, Viola, Continuo)
Hilf, Gott, dass es uns gelingt,
Und dein Feuer in uns dringt,
Dass es auch in dieser Stunde
Wie in Esaiae Munde
Seiner Wirkung Kraft erhält
Und uns heilig vor dich stellt.

6. Choral
(Oboe I-III, Violino I/II, Viola, Continuo)
Heilger Geist ins Himmels Throne,
Gleicher Gott von Ewigkeit
Mit dem Vater und dem Sohne,
Der Betrübten Trost und Freud!
Allen Glauben, den ich find,
Hast du in mir angezündt,
Über mir in Gnaden walte,
Ferner deine Gnad erhalte.

Deine Hilfe zu mir sende,
O du edler Herzensgast!
Und das gute Werk vollende,
Das du angefangen hast.
Blas in mir das Fünklein auf,
Bis dass nach vollbrachtem Lauf
Ich den Auserwählten gleiche
Und des Glaubens Ziel erreiche.




Zweiter Teil

7. Recitativo T
(Continuo)
Ihr Heiligen, erfreuet euch,
Eilt, eilet, euren Gott zu loben:
Das Herze sei erhoben
Zu Gottes Ehrenreich,
Von dannen er auf dich,
Du heilge Wohnung, siehet
Und ein gereinigt Herz zu sich
Von dieser eitlen Erde ziehet.
Ein Stand, so billig selig heißt,
Man schaut hier Vater, Sohn und Geist.
Wohlan, ihr gotterfüllte Seelen!
Ihr werdet nun das beste Teil erwählen;
Die Welt kann euch kein Labsal geben,
Ihr könnt in Gott allein vergnügt und selig leben.

8. Aria T
(Continuo)
Des Höchsten Gegenwart allein
Kann unsrer Freuden Ursprung sein.
Vergehe, Welt, mit deiner Pracht,
In Gott ist, was uns glücklich macht!

9. Recitativo (Duetto) B S
(Continuo)
Bass: Kann wohl ein Mensch zu Gott im Himmel steigen?
Sopran: Der Glaube kann den Schöpfer zu ihm neigen.
Bass: Er ist oft ein zu schwaches Band.
Sopran: Gott führet selbst und stärkt des Glaubens Hand, Den Fürsatz zu erreichen.
Bass: Wie aber, wenn des Fleisches Schwachheit wollte weichen?
Sopran: Des Höchsten Kraft wird mächtig in den Schwachen.
Bass: Die Welt wird sie verlachen.
Sopran: Wer Gottes Huld besitzt, verachtet solchen Spott.
Bass: Was wird ihr außer diesen fehlen!
Sopran: Ihr einzger Wunsch, ihr alles ist in Gott.
Bass: Gott ist unsichtbar und entfernet:
Sopran: Wohl uns, dass unser Glaube lernet, Im Geiste seinen Gott zu schauen.
Bass: Ihr Leib hält sie gefangen.
Sopran: Des Höchsten Huld befördert ihr Verlangen, Denn er erbaut den Ort, da man ihn herrlich schaut.
Beide: Da er den Glauben nun belohnt Und bei uns wohnt, Bei uns als seinen Kindern, So kann die Welt und Sterblichkeit die Freude nicht vermindern.

10. Aria (Duetto) S B
(Oboe I/II, Continuo)
O wie wohl ist uns geschehn,
Dass sich Gott ein Haus ersehn!
Schmeckt und sehet doch zugleich,
Gott sei freundlich gegen euch.
Schüttet eure Herzen aus
Hier vor Gottes Thron und Haus!

11. Recitativo B
(Continuo)
Wohlan demnach, du heilige Gemeine,
Bereite dich zur heilgen Lust!
Gott wohnt nicht nur in einer jeden Brust,
Er baut sich hier ein Haus.
Wohlan, so rüstet euch mit Geist und Gaben aus,
Dass ihm sowohl dein Herz als auch dies Haus gefalle!

12. Choral
(Oboe I-III, Violino I/II, Viola, Continuo)
Sprich Ja zu meinen Taten,
Hilf selbst das Beste raten;
Den Anfang, Mittl und Ende,
Ach, Herr, zum besten wende!

Mit Segen mich beschütte,
Mein Herz sei deine Hütte,
Dein Wort sei meine Speise,
Bis ich gen Himmel reise!


Quelle: Bach-Cantatas
Jürgen (07.07.2011, 11:30):
Seit geraumer Zeit mal wieder eine Radiovorschau.


Für den 3.Sonntag nach Trinitatis schrieb Bach 2 Kantaten:


BWV 21: Ich hatte viel Bekümmernis (Ein 40-Minuten-Brummer noch aus Weimar, der gerne und oft aufgenommen wurde)
BWV 135: Ach Herr, mich armen Sünder




Das Radio hält sich an den Fahrplan:



MDR-Figaro BWV 21 Biller von 06:30 bis 07:00
SR 2 BWV 21 Herreweghe von 08:00 bis 09:00
BR-Klassik BWV 21 Rotzsch von 08:05 bis 08:46
WDR 3 BWV 21 Suzuki von 09:05 bis 10:00
Deutschlandfunk BWV 135 Kuijken von 06:10 bis 07:00
HR 2 BWV 135 Leonhardt von 07:00 bis 07:30
NDR-Kultur BWV 135 Koopman von 08:00 bis 08:40
SWR 2 BWV 135 Kuijken von 08:03 bis 08:30
RBB BWV 135 Koopman von 09:30 bis 10:00


Wer Biller aufnehmen möchte sollte Start- und Endzeit großzügig handhaben, weil 30 Minuten sicherlich etwas knapp sind.

Grüße
Jürgen
Jürgen (12.07.2011, 11:59):
Diese Kantate wurde erstmals zum 3.Sonntag nach Trinitatis 1713 in Weimar aufgeführt. Sie ist aber so flexibel gehalten, dass Bach sie auch zu anderen Gelegenheiten gespielt hat. So z.B. im November 1720 in Hamburg.
1723 als Bach gerade seine neue Stelle als Thomaskantor in Leipzig angetreten hatte, führte er sie nochmals - kirchenkalendarisch korrekt platziert - auf. Wahrscheinlich hatte er noch nicht alle Umzugskartons ausgeräumt und hatte noch nicht die Zeit für komplette Neukompositionen. So verstärkte er BWV 21 um 4 Posaunen und führte es auf.

Der Textdichter ist wahrscheinlich Salomon Franck.
Diese Kantate ist mit ca.40 Minuten recht umfangreich und zweigeteilt.
Der erste Teil ist noch von Trübsal beherrscht, während im Zweiten Hoffnung aufkeimt bis hin zu Frohlocken und Jubel. Dabei erreicht Bach eine große Intensität und Dramatik (besonders Satz 8 & 9), die mich fast an Opernmusik erinnert.

Die Besetzung ist für Sopran, Tenor, Bass und vierstimmigen Chor
Orchester: Trompete I-III, Pauken, Oboe, Fagott, Violine I/II, Viola, Basso continuo



Erster Teil


1. Sinfonia

2. Coro
Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen; aber deine Tröstungen erquicken meine Seele.

3. Aria S
Seufzer, Tränen, Kummer, Not,
Ängstlichs Sehnen, Furcht und Tod
Nagen mein beklemmtes Herz,
Ich empfinde Jammer, Schmerz.

4. Recitativo T
Wie hast du dich, mein Gott,
In meiner Not,
In meiner Furcht und Zagen
Denn ganz von mir gewandt?
Ach! kennst du nicht dein Kind?
Ach! hörst du nicht das Klagen
Von denen, die dir sind
Mit Bund und Treu verwandt?
Da warest meine Lust
Und bist mir grausam worden;
Ich suche dich an allen Orten,
Ich ruf und schrei dir nach,
Allein mein Weh und Ach!
Scheint itzt, als sei es dir ganz unbewusst.

5. Aria T
Bäche von gesalznen Zähren,
Fluten rauschen stets einher.
Sturm und Wellen mich versehren,
Und dies trübsalsvolle Meer
Will mir Geist und Leben schwächen,
Mast und Anker wollen brechen,
Hier versink ich in den Grund,
Dort seh ins der Hölle Schlund.

6. Coro
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichtes Hilfe und mein Gott ist.



Zweiter Teil

7. Recitativo (Dialog) Seele (S), Jesus (B)
Sopran:
Ach Jesu, meine Ruh,
Mein Licht, wo bleibest du?
Bass:
O Seele sieh! Ich bin bei dir.
Sopran:
Bei mir?
Hier ist ja lauter Nacht.
Bass:
Ich bin dein treuer Freund,
Der auch im Dunkeln wacht,
Wo lauter Schalken seind.
Sopran:
Brich doch mit deinem Glanz und Licht des Trostes ein.
Bass:
Die Stunde kömmet schon,
Da deines Kampfes Kron'
Dir wird ein süßes Labsal sein.

8. Aria (Duetto) Seele (S), Jesus (B)
Sopran:
Komm, mein Jesu, und erquicke,
Bass:
Ja, ich komme und erquicke
Sopran:
Und erfreu mit deinem Blicke.
Bass:
Dich mit meinem Gnadenblicker,
Sopran:
Diese Seele,
Bass:
Deine Seele,
Sopran:
Die soll sterben,
Bass:
Die soll leben,
Sopran:
Und nicht leben
Bass:
Und nicht sterben
Sopran:
Und in ihrer Unglückshöhle
Bass:
Hier aus dieser wunden Höhle
Sopran:
Ganz verderben?
Bass:
Sollst du erben
Sopran:
Ich muss stets in Kummer schweben,
Bass:
Heil! durch diesen Saft der Reben,
Sopran:
Ja, ach ja, ich bin verloren!
Bass:
Nein, ach nein, du bist erkoren!
Sopran:
Nein, ach nein, du hassest mich!
Bass:
Ja, ach ja, ich liebe dich!
Sopran:
Ach, Jesu, durchsüße mir Seele und Herze,
Bass:
Entweichet, ihr Sorgen, verschwinde, du Schmerze!
Sopran:
Komm, mein Jesus, und erquicke
Bass:
Ja, ich komme und erquicke
Sopran:
Mit deinem Gnadenblicke!
Bass:
Dich mit meinem Gnadenblicke

9. Coro
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Guts.
Tenor:
Was helfen uns die schweren Sorgen,
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
Beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
Nur größer durch die Traurigkeit.
Sopran:
Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
Dass du von Gott verlassen seist,
Und dass Gott der im Schoße sitze,
Der sich mit stetem Glücke speist.
Die folgend Zeit verändert viel
Und setzet jeglichem sein Ziel.

10. Aria T
Erfreue dich, Seele, erfreue dich, Herze,
Entweiche nun, Kummer, verschwinde, du Schmerze!
Verwandle dich, Weinen, in lauteren Wein,
Es wird nun mein Ächzen ein Jauchzen mir sein!
Es brennet und sammet die reineste Kerze
Der Liebe, des Trostes in Seele und Brust,
Weil Jesus mich tröstet mit himmlischer Lust.

11. Coro
Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig zu nehmen
Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.
Lob und Ehre und Preis und Gewalt sei unserm Gott
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen, Alleluja!


Für mich rangiert diese Kantate unter den Top 10, schlimmstenfalls Top 15, der Bach'schen Kantaten.

Grüße
Jürgen

Quellen: Bach-Cantatas und Wikipedia.
Heike (13.07.2011, 10:10):
Hallo,
BWV 21 "Ich hatte viel Bekümmernis" habe ich keider nur in einer einzigen Aufnahme, mit Rotsch. Ich erinnere mich aber gut an diese Kantate, besonders an den ersten Teil; bereits die einleitende Sinfonia ist so tieftraurig, dass sie auch heute noch mit ihrer schlichten, berührenden Melodie als Filmmusik in einer Tragödie durchgehen würde.

Ich muss die Aufnahme mal wieder hören, später mehr.
Heike
Jürgen (14.07.2011, 08:34):
Hallo Heike,

Du hast recht, der erste Teil ist traurig gehalten. Es lohnt sich jedoch den zweiten teil zu hören, denn da schlägt die Stimmung um.
Den Rotzsch habe ich auch und es ist imho eine sehr gute Aufnahme. Am Sonntag habe ich noch Suzuki im Radio mitgeschnitten, der im Vergleich zu Rotzsch schlanker, transparenter und mit weniger Vibrato daherkommt.

Grüße
Jürgen
Heike (14.07.2011, 18:29):
Ich habe die Aufnahme mit Rotzsch aus dieser Box noch mal angehört:



Neues Bachisches Collegium Leipzig, Thomanerchor Leipzig
Arleen Augér Sopran
Peter Schreier Tenor
Siegfried Lorenz Bass

Mit gefällt die Aufnahme gut, besonders die Sopranistn Arleen Augér hinterlässt einen ausgezeichneten Eindruck - eine nicht zu schwere Stimme, trotzdem voll und schön, die stellt Schreier (der seine Parts auch sehr ergreifend darbietet) fast in den Schatten.
Hervorragend auch der Chor (und das ist eher selten, dass mir ein Knabenchor gefällt). Die Instrumentalsolisten sind teils hochkarätig (Güttler an der Trompete), teils gefällt es mir aber auch nicht so (was auch am Instrument liegen kann, die Orgel in den Arien zB finde ich eher unschön von Klang her).

Heike
Jürgen (15.07.2011, 13:52):
Für kommenden Sonntag hat sich Bach folgende Kantaten ausgedacht:

BWV 24: Ein ungefärbt Gemüte (Ich dachte mir, es reicht, wenn das Gemüt ungefärbt ist)
BWV 177: Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ
BWV 185: Barmherziges Herze der ewigen Liebe


Etwas Gardinerlastig aber Kantatenkalendarisch korrekt werden wir bedient:

Deutschlandfunk BWV 24: Gardiner SDG von 06:10 bis 07:00
MDR-Figaro BWV 24: Dombrecht von 06:30 bis 07:00
NDR-Kultur BWV 24: Suzuki von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 24: Gardiner SDG von 09:30 bis 10:00
Deutschlandradio Kultur BWV 177: Rilling von 06:00 bis 07:00
SR 2 BWV 177: Koopman von 08:00 bis 09:00
SWR 2 BWV 177: Rilling von 08:03 bis 08:30
BR-Klassik BWV 177: Gardiner SDG von 08:05 bis 08:32
HR 2 BWV 185: Koopman von 07:00 bis 07:30
WDR 3 BWV 185: Gardiner SDG von 09:05 bis 10:00


Grüße
Jürgen
Jürgen (22.07.2011, 12:48):
Für kommenden Sonntag hat sich Bach folgende Kantaten ausgedacht:

BWV 88: Siehe ich will viel Fischer aussenden
BWV 93: Wer nun den lieben Gott läßt walten


Und die Sendeanstalten kredenzen uns:

SR 2 BWV 88: Koopman von 08:00 bis 09:00
SWR 2 BWV 88: Suzuki von 08:03 bis 08:30
RBB BWV 88: Gardiner SDG von 09:30 bis 10:00
Deutschlandfunk BWV 93: Kuijken von 06:10 bis 07:00
MDR-Figaro BWV 93: Christoph von 06:30 bis 07:00
HR 2 BWV 93: Suzuki von 07:00 bis 07:30
NDR-Kultur BWV 93: Herreweghe von 08:00 bis 08:40
BR-Klassik BWV 93: Kuijken von 08:05 bis 08:32
WDR 3 BWV 93: Koopman von 09:05 bis 10:00


Grüße
Jürgen
Jürgen (05.08.2011, 21:56):
Für kommenden Sonntag hat sich Bach folgende Kantaten ausgedacht:

BWV 107: Was willst du dich betrüben
BWV 186: Ärgre dich, o Seele, nicht
BWV 187: Es wartet alles auf dich


Und die Sendeanstalten kredenzen uns:

DRS 2 BWV 107: Suzuki von 10:00 bis 11:00
NDR-Kultur BWV 107: Herreweghe von 08:00 bis 08:40
HR 2 BWV 107: Herreweghe von 07:00 bis 07:30
SR 2 BWV 107: Koopman von 08:00 bis 09:00

Deutschlandradio Kultur BWV 54: Leonhardt von 06:00 bis 07:00

RBB BWV 186: Koopman von 09:30 bis 10:00
SWR 2 BWV 186: Suzuki von 08:03 bis 08:30

Deutschlandfunk BWV 227: Gli Angeli Geneve von 06:10 bis 07:00

BR-Klassik BWV 187: Suzuki von 08:05 bis 08:32
WDR 3 BWV 187: Koopman von 09:05 bis 10:00
MDR-Figaro BWV 187: Biller von 06:30 bis 07:00


Die Motette habe ich nur erwähnt, weil sie durchaus interessant sein könnte.


Grüße
Jürgen
Jürgen (19.08.2011, 12:11):
Für kommenden Sonntag hat sich Bach folgende Kantaten ausgedacht:

BWV 94: Was frag ich nach der Welt
BWV 105: Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht
BWV 168: Tue Rechnung! Donnerwort


Und die Sendeanstalten kredenzen uns:

BR-Klassik BWV 94: Gardiner DGG von 08:05 bis 08:32
WDR 3 BWV 94: Gardiner DGG von 09:05 bis 10:00

Deutschlandradio Kultur BWV 105: Harnoncourt von 06:00 bis 07:00
NDR-Kultur BWV 105: Creed von 08:00 bis 08:40
SWR 2 BWV 105: Gardiner DGG von 08:03 bis 08:30
RBB BWV 105: Suzuki von 09:30 bis 10:00
HR 2 BWV 105: Suzuki von 07:00 bis 07:30

SR 2 BWV 168: Gardiner DGG von 08:00 bis 09:00
MDR-Figaro BWV 168: Biller von 06:30 bis 07:00



Grüße
Jürgen
Agravain (19.08.2011, 12:26):
Lieber Jürgen,

vielen Dank erstinaml für Deine unermüdlichen Hinweise. Leider ist das hier ja so ein wenig eingeschlummert.
Ich werde dem mal entgegenwirken und versuchen, hier wieder ein wenig Leben reinzubringen. Am Sonntag steuer ich also etwas zu Kantate 105 bei.

:hello Agravain
Armin70 (22.08.2011, 19:44):
Johann Sebastian Bach komponierte die Kantate "Was frag ich nach der Welt" BWV 94 für den 9. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1724.

Kennzeichnend für die Kantate ist der Grundgedanke in Form einer Antithese: Auf der einen Seite steht die "Welt" und auf der anderen Seite der gläubige Christ in seiner innigen Liebe zu Jesus. "Welt" bedeutet hier das Irdische und steht für alles Materielle, alles Allzumenschliche an Gefühlen und Begierden, Prunksucht und Falschheit. All dies ist zerbrechlich und vergänglich. So stellt die Kantate dann auch einen einzigen Abgesang an die Welt dar.

Ungewöhnlich ist der Beginn des Eingangschors, denn zunächst setzt das Continou mit einem Akkord ein und dann folgt ein virtuoses Flötensolo. Dann folgt das restliche Orchester und man meint, ein Konzert zu hören. Erst dann setzt der Chor ein.
In den Rezitativen und Arien variiert Bach sehr geschickt mit den Texten, denn einerseits verwendet er die ursprünglichen Textzeilen von Balthasar Kindermann (1664) in den Arien und dann neuere Texte eines heute unbekannten Dichters in den Rezitativen.

Am Ende verklingt die Kantate im versöhnenden Dur, was ausdrücken soll, dass die Entsagung des Irdischen nicht allzu düster und trostlos erscheinen soll.

Text:

1. (Coro) Flauto traverso, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
Was frag ich nach der Welt
Und allen ihren Schätzen
Wenn ich mich nur an dir,
Mein Jesu, kann ergötzen!
Dich hab ich einzig mir
Zur Wollust fürgestellt,
Du, du bist meine Ruh:
Was frag ich nach der Welt!

2. Aria Bass und Continuo
Die Welt ist wie ein Rauch und Schatten
Der bald verschwindet und vergeht,
Weil sie nur kurze Zeit besteht.
Wenn aber alles fällt und bricht,
Bleibt Jesus meine Zuversicht,
An dem sich meine Seele hält.
Darum: was frag ich nach der Welt!

3. Choral e Recitativo Tenor, Oboe I/II, Continuo
Die Welt sucht Ehr und Ruhm
Bei hocherhabnen Leuten.
Ein Stolzer baut die prächtigsten Paläste,
Er sucht das höchste Ehrenamt,
Er kleidet sich aufs beste
In Purpur, Gold, in Silber, Seid und Samt.
Sein Name soll für allen
In jedem Teil der Welt erschallen.
Sein Hochmuts-Turm
Soll durch die Luft bis an die Wolken dringen,
Er trachtet nur nach hohen Dingen
Und denkt nicht einmal dran,
Wie bald doch diese gleiten.
Oft bläset eine schale Luft
Den stolzen Leib auf einmal in die Gruft,
Und da verschwindet alle Pracht,
Wormit der arme Erdenwurm
Hier in der Welt so grossen Staat gemacht.
Acht! solcher eitler Tand
Wird weit von mir aus meiner Brust verbannt.
Dies aber, was mein Herz
Vor anderm rühmlich hält,
Was Christen wahren Ruhm und rechte Ehre gibet,
Und was mein Geist,
Der sich der Eitelkeit entreißt,
Anstatt der Pracht und Hoffart liebet,
Ist Jesus nur allein,
Und dieser solls auch ewig sein.
Gesetzt, dass mich die Welt
Darum vor töricht hält:
Was frag ich nach der Welt!

4. Aria Alt, Flauto traverso, Continuo
Betörte Welt, betörte Welt!
Auch dein Reichtum, Gut und Geld
Ist Betrug und falscher Schein.
Du magst den eitlen Mammon zählen,
Ich will davor mir Jesum wählen;
Jesus, Jesus soll allein
Meiner Seele Reichtum sein.
Betörte Welt, betörte Welt!

5. Choral e Recitativo Bass und Continuo
Die Welt bekümmert sich.
Was muss doch wohl der Kummer sein?
O Torheit! dieses macht ihr Pein:
Im Fall sie wird verachtet.
Welt, schäme dich!
Gott hat dich ja so sehr geliebet,
Dass er sein eingebornes Kind
Vor deine Sünd
Zur größten Schmach um dein Ehre gibet,
Und du willst nicht um Jesu willen leiden?
Die Traurigkeit der Welt ist niemals größer,
Als wenn man ihr mit List
Nach ihren Ehren trachtet.
Es ist ja besser,
Ich trage Christi Schmach,
Solang es ihm gefällt.
Es ist ja nur ein Leiden dieser Zeit,
Ich weiß gewiss, dass mich die Ewigkeit
Dafür mit Preis und Ehren krönet;
Ob mich die Welt
Verspottet und verhöhnet,
Ob sie mich gleich verächtlich hält,
Wenn mich mein Jesus ehrt:
Was frag ich nach der Welt!

6. Aria Tenor, Violino I/II, Viola, Continuo
Die Welt kann ihre Lust und Freud,
Das Blendwerk schnöder Eitelkeit,
Nicht hoch genug erhöhen.
Sie wühlt, nur gelben Kot zu finden,
Gleich einem Maulwurf in den Gründen
Und lässt dafür den Himmel stehen.

7. Aria Sopran, Oboe d'amore solo, Continuo
Er halt es mit der blinden Welt,
Wer nichts auf seine Seele hält,
Mir ekelt vor der Erden.
Ich will nur meinen Jesum lieben
Und mich in Buß und Glauben üben,
So kann ich reich und selig werden.

8. Choral: Flauto traverso in octava e Oboe I e Violino I col Soprano, Oboe II e Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo
Was frag ich nach der Welt!
Im Hui muss sie verschwinden,
Ihr Ansehn kann durchaus
Den blassen Tod nicht binden.
Die Güter müssen fort,
Und alle Lust verfällt;
Bleibt Jesus nur bei mir:
Was frag ich nach der Welt!

Was frag ich nach der Welt!
Mein Jesus ist mein Leben,
Mein Schatz, mein Eigentum,
Dem ich mich ganz ergeben,
Mein ganzes Himmelreich,
Und was mir sonst gefällt.
Drum sag ich noch einmal:
Was frag ich nach der Welt!

Angehört hatte ich mir diese Kantate in der Aufnahme von Masaaki Suzuzki:



Insgesamt eine wunderbare Interpretation, bei der für mich alles stimmt: tolle Solisten und ein sehr guter Chor, der sehr klein, fast solistisch besetzt ist. Dazu der, wie immer bei Suzuki, sehr transparente Instrumentalpart.
Agravain (28.08.2011, 09:00):
Zu der Kantate, die im BWV die Nummer 105 trägt, schreibt Marten t'Haart in seinem umstrittenen Bach-Büchlein:

"Wie großartig, wie ergreifend, wie dramatisch der Eingangschor ist, hört man am besten auf einer uralten Einspielung von Ernset Ansermet. Glänzende Sopran-Arie, hinreißend fröhliche Tenor-Arie. Eine der zehn schönsten Kantaten."

Nun, ich kenne zwar Ansermets Einspielung nicht, und frage mich ganz persönlich, ob auch ich "Herr gehe nicht ins Gericht" in die Top-Ten der Kantaten einsortieren würde, aber grundsätzlich weist t'Haart schon richtig auf die Glanzpunkte des Werkes hin: den Einganschor und die beiden Arien.

Bach komponierte die Kantate zum 9. Sonnatg nach Trinitatis, der 1723 auf den 25. Juli fiel. Sie gehört somit zum ersten Kantatenjahrgang.

Besetzung

Soli: S, A, T, B; vierstimmiger Chor, Corno, Oboe I & II, Violino I & II, Viola, Continuo.

Text

1. (Coro)
Corno, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht. Denn vor dir wird kein Lebendiger gerecht.

2. Recitativo A
Continuo
Mein Gott, verwirf mich nicht,
Indem ich mich in Demut vor dir beuge,
Von deinem Angesicht.
Ich weiß, wie groß dein Zorn und mein Verbrechen ist,
Dass du zugleich ein schneller Zeuge
Und ein gerechter Richter bist.
Ich lege dir ein frei Bekenntnis dar
Und stürze mich nicht in Gefahr,
Die Fehler meiner Seelen
Zu leugnen, zu verhehlen!

3. Aria S
Oboe, Violino I/II, Viola
Wie zittern und wanken
Der Sünder Gedanken,
Indem sie sich untereinander verklagen
Und wiederum sich zu entschuldigen wagen.
So wird ein geängstigt Gewissen
Durch eigene Folter zerrissen.

4. Recitativo B
Violino I/II, Viola, Continuo
Wohl aber dem, der seinen Bürgen weiß,
Der alle Schuld ersetzet,
So wird die Handschrift ausgetan,
Wenn Jesus sie mit Blute netzet.
Er heftet sie ans Kreuze selber an,
Er wird von deinen Gütern, Leib und Leben,
Wenn deine Sterbestunde schlägt,
Dem Vater selbst die Rechnung übergeben.
So mag man deinen Leib, den man zum Grabe trägt,
Mit Sand und Staub beschütten,
Dein Heiland öffnet dir die ewgen Hütten.

5. Aria T
Corno, Violino I/II, Viola, Continuo
Kann ich nur Jesum mir zum Freunde machen,
So gilt der Mammon nichts bei mir.
Ich finde kein Vergnügen hier
Bei dieser eitlen Welt und irdschen Sachen.

6. Choral
Violino I/II, Viola, Continuo
Nun, ich weiß, du wirst mir stillen
Mein Gewissen, das mich plagt.
Es wird deine Treu erfüllen,
Was du selber hast gesagt:
Dass auf dieser weiten Erden
Keiner soll verloren werden,
Sondern ewig leben soll,
Wenn er nur ist Glaubens voll.

Der große Eingangschor hat appellativen Charakter. Er ist zweiteilig als Präludium und Fuge gesetzt. Während die appellative Textzeile "Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht" als Präludium fungiert, wird die zweite "Denn vor dir wird kein Lebendiger gerecht" als Fuge gesetzt. Dies hatte zu diesem Zeitpunkt in Bachs Schaffen durchaus experimentellen Charakter.

Der Eingangschor thematisiert also die Angst der Seele vor dem Gericht des Herren. Das folgende Rezitativ greift den flehenden Gestus auf ("Mein Gott, verwirf mich nicht"), thematisiert aber sogleich den Weg zur Erlösung. Das "Leugnen" und "Verhehlen" der eigenen Sündhaftigkeit ist ein fataler Fehler, während das "frei Bekenntnis" derselben der rechte Schritt in Richtung Paradies ist.

Die folgende Sopran-Arie illustriert das "Zittern und Wanken" der Gedanken der Sünder. Bach lässt - ebenfalls ein Experiment - den Generalbass gänzlich fort (ein Hinweis darauf, dass dem Sünder die Basis, der göttliche Halt fehlt). Stattdessen übernimmt die Viola mit repetierenden Achteln die Unterstimme, die Violinen malen mit Sechzehnteltremolo das Zittern der Gedanken, die Oboe deren haltloses hin und her Wanken, wobei die Atmosphäre der Desorientierung durch häufig wechselnde Septakkorde noch unterstrichen wird.

Im sich anschließenden Rezitativ wird deutlich, dass im Gegensatz zum Sünder sich derjenige glücklich schätzen kann, der sich zu Christus als Bürgen bekennt. Denn dieser ist es, der am Tag des Gerichts für die gläubige Seele sprechen und sie ins Paradies geleiten wird.

Die frohgemute Tenor-Arie elaboriert das im Rezitativ Gesagte und der Choralsatz schließt das Werk als Summa ab.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61GmkT5FbwL.jpg

Gardiners Aufnahme des Werkes überzeugt mich voll und ganz. Schlank musiziert, dennoch nicht von jener Glätte und Hetze, die manch eine seiner früheren Aufnahme charakterisiert. Hier passt alles zusammen. Der bedrückte Ton des Chor-"Präludiums", die Expressivität des Alt-Rezitativs und der vertrauenvoll-frohgemute Ton der Tenor-Arie. Keines der gewählten Tempi wirkt unnatürlich oder forciert. Ganz besonders schön gelingt die von Kathrine Fuge gesungene Sopran-Arie. Der Monteverdi Choir & die English Baroque Soloists musizieren auf dem üblichen hohe Niveau.

:hello Agravain
Agravain (28.08.2011, 10:31):
Die auf BWV 105 folgende Kantate war BWV 46, die den Titel "Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei" trägt. Sie entstand zum 10. Sonntag nach Trinitatis, der 1723 auf den 1. August fiel.

Dem aufmerksamen Hörer werden sofort die ersten Takte des großangelegten Eingangschors bekannt vorkommen, übernahm ihn Bach doch später als "Qui tollis peccata mundi" in die h-moll-Messe BWV 232 - ein Zeichen seiner eigenen Wertschätzung für das Stück.
Bach übernimmt den "Präludium und Fuge"-Aufbau der vorangegeangenen Kantate BWV 105. Der vor Bach in die h-moll-Messe übernommene Teil des Eingangschores ist der "Präludium"-Abschnitt.
Insgesamt kann die Kantate ohnehin als in den Ausdruckmitteln gesteigerte Partnerin von BWV 105 aufgefasst werden. So ist zum einen die Besetzung eine größere.

Besetzung

Soli: A, T, B; vierstimmiger Chor, Tromba o Corno da tirarsi, Flauto I & II, Oboe da caccia
I & II, Violino I & II, Viola, Continuo.

Zum anderen ist schon der Eingangschor um vielfaches komplexer. Hier tritt der freie polyphone Satz von BWV 105 zurück zugunsten eines kanonischen Satzes, in dem die Chorstimmen immer wieder paaweise geführt werden.

Text

1. (Coro)
Flauto I/II, Tromba o Corno da tirarsi, Oboe da caccia I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich troffen hat. Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zorns.

2. Recitativo T
Flauto I/II, Violino I/II, Viola, Continuo
So klage du, zerstörte Gottesstadt,
Du armer Stein- und Aschenhaufen!
Lass ganze Bäche Tränen laufen,
Weil dich betroffen hat
Ein unersetzlicher Verlust
Der allerhöchsten Huld,
So du entbehren musst
Durch deine Schuld.
Du wurdest wie Gomorra zugerichtet,
Wiewohl nicht gar vernichtet.
O besser! wärest du in Grund verstört,
Als dass man Christi Feind jetzt in dir lästern hört.
Du achtest Jesu Tränen nicht,
So achte nun des Eifers Wasserwogen,
Die du selbst über dich gezogen,
Da Gott, nach viel Geduld,
Den Stab zum Urteil bricht.

3. Aria B
Tromba o Corno da tirarsi, Violino I/II, Viola, Continuo
Dein Wetter zog sich auf von weiten,
Doch dessen Strahl bricht endlich ein
Und muss dir unerträglich sein,
Da überhäufte Sünden
Der Rache Blitz entzünden
Und dir den Untergang bereiten.

4. Recitativo A
Continuo
Doch bildet euch, o Sünder, ja nicht ein,
Es sei Jerusalem allein
Vor andern Sünden voll gewesen!
Man kann bereits von euch dies Urteil lesen:
Weil ihr euch nicht bessert
Und täglich die Sünden vergrößert,
So müsset ihr alle so schrecklich umkommen.

5. Aria A
Flauto I/II, Oboe da caccia I/II
Doch Jesus will auch bei der Strafe
Der Frommen Schild und Beistand sein,
Er sammelt sie als seine Schafe,
Als seine Küchlein liebreich ein;
Wenn Wetter der Rache die Sünder belohnen,
Hilft er, dass Fromme sicher wohnen.

6. Chorale
Violino I/II, Viola, Tromba o Corno da tirarsi col Soprano, Flauto I a due, Flauto II a due, Continuo
O großer Gott von Treu,
Weil vor dir niemand gilt
Als dein Sohn Jesus Christ,
Der deinen Zorn gestillt,
So sieh doch an die Wunden sein,
Sein Marter, Angst und schwere Pein;
Um seinetwillen schone,
Uns nicht nach Sünden lohne.

Der große Eingangschor ist - wie gesagt - in zwei Teile gegliedert. Dem kanonisch gesetzten Teil, dessen harmonische Struktur immer wieder auf die Betonung und Hervorhebung des Wortes Schmerz hinausläuft folgt eine Chorfuge, die ihrerseits den Begriff "Jammer" mit dissonanten Halbtonschritten illustriert.
Der Text, der als Ausgangspunkt fungiert, entstammt den Klageliedern des Jeremia und thematisiert erneut die Schrecken des jüngsten Gerichtes.

Im folgenden Tenor-Rezitativ malen die zu den Streichern hinzutretenden Flöten die Bäche der Tränen Christi, von denen angesicht des durch Gottes Zorn über die Sündhaftigkeit der Einwohner des zerstörten Jersualem die Rede ist. Doch da Jesu Tränen Jerusalem nicht zur Umkehr und Buße bewogen haben, steht nun die endgültige Annihilation durch eine neue Sintflut ins Haus (des Eifers Wasserwogen).

Die Bass-Arie greift dieses Bild auf und illustriert das Aufziehen des göttlichen Gewitters, wobei das zum Einsatz kommende Blechblasinstrument die Anwesenheit Gottes symbolisiert. Skalenläufe, Dissonanzenreichtum und Verschnellerung der Notenwerte bilden das dramatische Geschehen höchst plastisch ab.

Das folgende Alt-Rezitativ mahnt dann den Sünder dahingehend, dass er sich nicht einbilden möge, die Strafe hätte Jerusalem quasi stellvertretend für alle anderen getroffen. Deutlich wird gesagt, dass durch die tägliche Vergrößerung der eigenen Sünden auch ihnen die Vernichtung ins Haus steht.

Die folgende pastorale Arie zeichnet hingegen Jesus als Schäfer, Schild und Beistand der Gläubigen, die im Gegensatz zu den Sündern der Rache Gottes entgehen.

Der Abschlusschoral bittet Gott darum, uns um der Wunden Jesu willen zu schonen.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/518OnvMiHrL._SS400_.jpg

Die von mir gehörte Aufnahme unter der Leitung von Ton Koopman will mich nicht so recht überzeugen. Sicher, der Eingangchor wird ganz wunderbar gesungen und das Amsterdam Baroque Orchestra spielt ohne Fehl und Tadel. Die Solisten hingegen überzeugen mich überhaupt nicht. Der Bildgewaltigkeit des Textes und der sich stark an ihm orientierenden Musik wird im Grunde keiner von ihnen gerecht. Jörg Dürmüller ist nicht wirkich in der Lage, den Affektgehalt seines großen Rezitatives angemessen umzusetzen, auch Klaus Mertens' Interpretation der Bass-Arie bleibt im Lapidaren stecken und greift die innewohnende Dramatik in keinster Weise auf. Und Bogna Bartosz dicker Alt gefällt mir schlicht nicht. Zu viel heiße Kartoffel in der Tongebung, zu wenig Einfühlungsvermögung und Gestaltungskraft.
Ich glaube, aus dieser ausgesprochen kunstvollen Kantate ließe sich deutlich mehr machen.

:hello Agravain
Jürgen (29.08.2011, 12:11):
Die Kantate Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben! wurde von Bach am 25. August 1726 in Leipzig erstmalig aufgeführt.

Gestern habe ich zwei Radiomitschnitte dieser Kantate getätigt:

Aldeburgh Festival Singers / English Chamber Orchestra, Benjamin Britten
Mezzo-soprano: Janet Baker; Tenor: Peter Pears; Baritone: Dietrich Fischer-Dieskau
Recorded at Blythburgh Church, Suffolk, England. June 1965 (Live)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41nFUY5Jo3L._SL500_AA300_.jpg


Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki
Counter-tenor: Robin Blaze; Tenor: Gerd Türk; Bass: Peter Kooy
Recorded at the Kobe Shoin Women's University Chapel, Japan. Sep-Oct 2009

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41%2BsIBFksJL._SL500_AA280_.jpg

Interessanterweise gefällt mir der wesentlich ältere Live-Mitschnitt unter Britten deutlich besser. Das liegt zum Einen an der Dame Janet Baker, die hier angenehm hervorsticht. Robin Blaze fehlt dagegen die Wärme.
Zum anderen dehnt Britten den Schlusschoral sehr aus. Das hat schon Richter'sche Dimensionen, sogar mehr als Richter selbst mit diesem Choral.
Britten erreicht dadurch eine Gefühlstiefe, die mich sehr anrührt.
Suzuki ist natürlich nicht schlecht. Die Tonqualität ist um Längen besser, keine Huster oder Stühleknarzen, wirkt aber im direkten Vergleich fast ein wenig steril.

Hätte ich Britten nicht gehört, wäre diese Kantate in der Masse der Alltagskompositionen untergegangen und ich hätte ihr weiter keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. (bis zum nächsten Jahr vielleicht)


Grüße
Jürgen
Agravain (30.08.2011, 09:32):
Original von Jürgen
Die Kantate Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben! wurde von Bach am 25. August 1726 in Leipzig erstmalig aufgeführt.

wäre diese Kantate in der Masse der Alltagskompositionen untergegangen und ich hätte ihr weiter keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt

Und das wäre echt schade gewesen! Leider ist die ganz wunderbare Gardiner-Aufnahme von BWV 102 nicht im Radio gelaufen - oder ich hab's übersehen. Allein der Eingangschor ist hier eine darartige Wucht, dass man sich fragt, warum dieser Satz nicht irgendwie von Bach weiterverwertet wurde...

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0843183014729.jpg

:hello Agravain
Jürgen (09.09.2011, 09:48):
Für kommenden Sonntag hat sich Bach folgende Kantaten ausgedacht:

BWV 35: Geist und Seele wird verwirret
BWV 69a: Lobe den Herrn, meine Seele
BWV 137: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren


Die Radiostationen brauchten sich lediglich noch die Interpreten aussuchen:

BR-Klassik BWV 35: Müllejans von 08:05 bis 08:32
HR 2 BWV 35: Müllejans von 06:05 bis 07:30

SR 2 BWV 69a: Koopman von 08:00 bis 09:00
WDR 3 BWV 69a: Suzuki von 09:05 bis 10:00
MDR-Figaro BWV 69a: Gardiner SDG von 06:30 bis 07:00

NDR-Kultur BWV 137: Koopman von 08:00 bis 08:40
RBB BWV 137: Rotzsch von 09:30 bis 10:00
SWR 2 BWV 137: Suzuki von 08:03 bis 08:30
Deutschlandfunk BWV 137: Gardiner SDG von 06:10 bis 07:00


Grüße
Jürgen
Jürgen (13.09.2011, 15:07):
BWV 137: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

Diese Kantate wurde 1725 für die Erstaufführung am 19.August in Leipzig komponiert wurde aber auch als Ratswahlkantate eingesetzt.

Der Text stammt von Joachim Neander, dem Namenspatron aller Neandertaler.
Die Melodie des Chorals entstammt ursprünglich einem weltlichen Lied.

Alle fünf Sätze der Kantate basieren auf diesem Choral.
Das Schöne ist, dass fast jeder diesen Choral als Kirchenlied schon einmal gehört hat. Noch schöner ist, dass mir dieser Choral gut gefällt.



1. Coro (Tromba I-III, Tamburi, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo)
Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Kommet zu Hauf,
Psalter und Harfen, wacht auf!
Lasset die Musicam hören.

2. Aria A (Violino solo, Continuo)
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
Der dich erhält,
Wie es dir selber gefällt;
Hast du nicht dieses verspüret?

3. Aria (Duetto) S B (Oboe I/II, Continuo)
Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
Der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet;
In wieviel Not
Hat nicht der gnädige Gott
Über dir Flügel gebreitet!

4. Aria T (Tromba, Continuo)
Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
Der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet;
Denke dran,
Was der Allmächtige kann,
Der dir mit Liebe begegnet.

5. Choral (Tromba I-III, Tamburi, Oboe I/II e Violino I col Soprano, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo)
Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen!
Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen!
Er ist dein Licht,
Seele, vergiss es ja nicht;
Lobende, schließe mit Amen!


Am besten gefällt mir, wenn im 4.Satz, der Tenorarie, die Trompete den Choral spielt. Bevorzugt Güttler unter Rotzsch. Aber auch andere Mütter haben schöne Töchter. So ist auch Richter ganz lecker.

Grüße
Jürgen
Agravain (18.09.2011, 09:17):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/5121HANNVFL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51jZSKEtHPL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/61DMk%2Bg4igL._SL500_AA300_.jpg

So, nun ein Überblick, über die von mir gehörten Kantaten der letzten beiden Sonntage.

Beginnen möchte ich mit BWV 199 "Mein Herze schwimmt im Blut", von der ich eine ganze Reihe von Einspielungen besitze, wobei mich zwei vollkommen gegensätzliche am meisten anrühren. Zum einen ist das die Einspielung Karl Richters (1971/72), in der Edith Mathis die Sopranpartie übernimmt, zum anderen diejenige mit Nancy Argenta unter der Leitung von Monica Huggett (1993).

An Richters Einspielung gefällt mit die Grundsimmung, die durch und durch von barocker Gravitas geprägt ist, die sich - wen mag es überraschen - beispielsweise der Wahl recht gemessener Tempi ausdrückt (sodass die Gesamtspielzeit bei Richter auch 27:30 beträgt, während Argenta/Huggett 22:22 benötigen). Edith Mathis gestaltet den Text dieser Weimarer Kantate ausgesprochen intensiv und durchleuchtet die Botschaft überzeugend. Hinzu tritt das ausgesprochen schöne Spiel Manfred Clements an der Oboe, der dem Sopran in der ersten Arie ein wirklicher Duettpartner ist. Besonders schön ist auch der volle, warme Streicherklang in der zweiten Arie, was zwar gänzlich HIP-fern ist, dafür aber eine Wärme ausstrahlt, die ich hier nicht missen möchte.

Dagegegen ist das, was Argenta & Huggett abliefern natürlich historisierende Aufführungspraxis "by the book" und das hat natürlich auch seinen Reiz. Ich habe schon einmal geschrieben, dass Nancy Argenta hier eine Lehrstunde im barocken Gesang abliefert, und ich sage es gern noch einmal. Es ist ist schon eindrucksvoll wie hier phrasiert wird, wie jede musikalische Nuance intelligent umgesetzt wird, ja mit welcher Leichtigkeit das Ganze von statten geht, ohne dass man das Gefühl hat, es würde lediglich heruntermusiziert. Darüber hinaus verleiht Argentas silbrige Stimme dem ganzen einen ganz besonderen Ton.

Am darauffolgenden 12. Sonntag nach Trinitatis habe ich mir eine Reihe von Einspielungen von BWV 137 "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" angehört. Es ist eine meiner liebsten Kantaten Bachs, was wahrscheinlich mit daran liegt, dass Neanders Lied ebenfalls eines meiner liebsten ist. Hier gibt es zu berichten, dass ich die HIPpen Einspielungen samt und sonders als hektisch empfunden habe. Ob es nun Gardiner, Koopman oder Suzuki ist: alle drücken für meinen Geschmack schon im Eingangschor ein bisschen sehr auf die Tube (wobei ich Suzuki, dessen Aufnahe daneben noch sehr hallt, noch am erträglichsten finde - auch in der gestaltung der Arien). Entsprechend fälllt die Gestaltung der Arien aus.

Tatsächlich gibt es aber auch das andere Extrem: Günter Ramin. Wenn man die Vorstellung hat, Richter musiziere bisweilen statisch, dann man muss man Ramins Aufnahme mit den Thomanern einmal hören.

Das bringt mich zu Richter, der eine beschwingte, gut zu hörende Aufnahme abliefert, die mich indes nicht so ergreift wie die der Thomaner unter der Leitung von Hans-Joachim Rotzsch. Hier ist - ähnlich wie BWV 140 - alles perfekt. Tempi, Solisten, Orchester und Chor: Alles befindet sich in schöner innerer und äußerer Harmonie, die Stimmung ist von Fröhlichkeit geprägt, ohne dass dies durch extraflotte Tempi quasi mit dem Holzhammer vermitteln werden müsste. Das spricht von einer Verinnerlichung der barocken Serenitas bei Rotzsch, die hier auf's beste transportiert wird.

:hello Agravain
Jürgen (28.09.2011, 08:15):
BWV 078: Jesu, der du meine Seele, Mauersberger 1970


http://ecx.images-amazon.com/images/I/51T6ZE1ZsTL._SL500_AA300_.jpg


Ich höre gerade meinen Radiomitschnitt vom letzten Sonntag.

Mauersberger gänzlich unHIPe Herangehensweise hat etwas Ergreifendes.
Bei den Solisten gefällt mir Theo Adam, 1970 voluminös und kraftstrotzend, besonders gut. Im Rezitativ gefällt er mir allerdings besser als in der Arie, die ihm nicht so entgegenkommt, vielleicht ist sie zu verspielt.

Grüße
Jürgen
Jürgen (30.09.2011, 09:38):
Für den 15. Sonntag hat Bach folgende Kantaten komponiert:

BWV 51: Jauchzet Gott in allen Landen!
BWV 99: Was Gott tut, das ist wohlgetan
BWV 100: Was Gott tut, das ist wohlgetan
BWV 138: Warum betrübst du dich, mein Herz?


BWV 51 ist eine sehr populäre Kantate. Zumindest deuten 78 Einspielungen, die bei Bach-Cantatas gelistet sind, darauf hin.
Im Umkehrschluss dürften die restlichen 3 Kantaten eher Durchschnittsware sein, sind sie doch jeweils maximal 12 mal aufgenommen worden.


Die Radiostationen sparen sich BWV 100 und spielen:

NDR-Kultur BWV 51: Berliner Barock-Compagney von 08:00 bis 08:40
SR 2 BWV 51: Haim von 08:00 bis 09:00
SWR 2 BWV 51: Haim von 08:03 bis 08:30
MDR-Figaro BWV 51: Unbekannter Interpret von 06:30 bis 07:00

BR-Klassik BWV 99: Gardiner SDG von 08:05 bis 08:32
WDR 3 BWV 99: Suzuki von 09:05 bis 10:00

RBB BWV 138: Herreweghe von 09:30 bis 10:00
HR 2 BWV 138: Koopman von 07:00 bis 07:30



Grüße
Jürgen
Heike (04.10.2011, 19:24):
Immerhin habe ich von BWV 51 zwei Aufnahmen: von Gardiner und Rifkin; nicht sehr viele, wenn man bedenkt, dass es mindestens 78 gibt. Die beiden werde ich morgen mal in Ruhe hören und berichten.
Heike
Heike (04.10.2011, 19:35):
Jauchzet Gott in allen Landen (BWV 51) ist eine Solokantate für Sopran.

Entstehung:
Sowohl der Textdichter als auch das genaue Entstehungsjahr der Kantate sind nicht bekannt. Komponiert wurde sie in Leipzig für den 15. Sonntag nach Trinitatis. Als wahrscheinliches Entstehungsjahr wird 1730 angenommen.

Thema und Text:
Das Werk ist in seiner einleitenden Arie und dem vierten Satz ganz auf Jubel und Lobpreis Gottes ausgerichtet, während die Binnensätze, das Rezitativ und die zweite Arie den Charakter eines Gebetes haben. Der Choralstrophe „Sei Lob und Preis mit Ehren“ (aus dem Choral „Nun lob, mein Seel, den Herren“) ist ein abschließendes „Alleluja“ angefügt.

1. Aria S
Jauchzet Gott in allen Landen!
Was der Himmel und die Welt
An Geschöpfen in sich hält,
Müssen dessen Ruhm erhöhen,
Und wir wollen unserm Gott
Gleichfalls itzt ein Opfer bringen,
Dass er uns in Kreuz und Not
Allezeit hat beigestanden.

2. Recitativo S
Wir beten zu dem Tempel an,
Da Gottes Ehre wohnet,
Da dessen Treu,
So täglich neu,
Mit lauter Segen lohnet.
Wir preisen, was er an uns hat getan.
Muss gleich der schwache Mund von seinen Wundern lallen,
So kann ein schlechtes Lob ihm dennoch wohlgefallen.

3. Aria S
Höchster, mache deine Güte
Ferner alle Morgen neu.
So soll vor die Vatertreu
Auch ein dankbares Gemüte
Durch ein frommes Leben weisen,
Dass wir deine Kinder heißen.

4. Choral S
Sei Lob und Preis mit Ehren
Gott Vater, Sohn, Heiligem Geist!
Der woll in uns vermehren,
Was er uns aus Gnaden verheißt,
Dass wir ihm fest vertrauen,
Gänzlich uns lass'n auf ihn,
Von Herzen auf ihn bauen,
Dass uns'r Herz, Mut und Sinn
Ihm festiglich anhangen;
Drauf singen wir zur Stund:
Amen, wir werdn's erlangen,
Glaub'n wir aus Herzensgrund.

5. Aria S
Alleluja!


Besetzung:
Solo-Sopran, Tromba in C, Streicher, Basso continuo
Die Sopranstimme gibt der Bachforschung insofern Rätsel auf, als damals einerseits in Leipzig Frauen als Sängerinnen in Kirchen nicht zugelassen waren, andererseits die Solopartie solch hohe Anforderungen stellt, dass sie wohl kaum von einem Knabensopran hätte ausgeführt werden können.

Von der Kantate existiert ebenfalls eine Fassung des Sohnes Wilhelm Friedemann Bach, der eine zweite Trompete und Pauken hinzufügte.

musikalische Struktur:
Der erste Satz hat einen ausgeprägt konzertant-virtuosen Charakter, während die Instrumente, diesmal ohne die Trompete, im zweiten und dritten Teil nur begleitende Funktionen für die Soprankoloraturen haben. Der als Choralbearbeitung angelegte vierte Satz kehrt dieses Prinzip wiederum um: Die Choralmelodie wird von der Solostimme in schlichter Form vorgetragen, begleitet von zwei konzertanten Violinen. Der Choral geht im abschließenden fünften Satz in ein als Fuge angelegtes Finale über, in das nun auch wieder die Trompete einstimmt.

Quellen: Wiki, http://webdocs.cs.ualberta.ca/~wfb/cantatas/51.html
Heike (05.10.2011, 18:54):
Hier mein Urteil zu den Einspielungen zu BWV 51, die ich heute gehört habe:

1. durchgefallen: Gardiner
Zunächst mal finde ich die Sopranistin Emma Kirby hier ganz schlecht. Ihre Aussprache ist miserabel (vor allem bei den S-Lauten). Zudem singt sie die Gebete viel zu mechanisch runter, arbeitet sich zu angestrengt durch die Koloraturen und kriegt sogar mitunter eine ganz kreischige Stimme. Mir fehlt da jegliche Leichtigkeit. Ebenso missfällt mir die Trompete - zu zackig und gefühllos, fast mechanisch.

2. besser: Rifkin
Die Sopranistin Julianne Baird gefällt mir besser, sie singt klarer und auch ausdrucksvoller. Jedoch ist mir hier die erste Jubelarie viel zu langsam gespielt. In den Mittelsätzen gefäll mir das Tempo gut, aber am Anfang und auch im vierten Satz wirkt es etwas langweilig. Dafür ist wiederum die Trompete sehr schön

3. Sieger (oben glatt vergessen): Haim
Großartig von Natalie Dessay gesungen - ein Genuss! Und das Ensemble trifft genau mein Tempo, nicht so langsam, trotzdem in allen Stimmen wunderbar gefühlvoll. Vor allem der dritte Satz ist göttlich meditativ gespielt und gesungen. Die Begleitung schlägt die anderen beiden CDs deutlich.
Agravain (08.10.2011, 10:18):
Original von Heike
Hier mein Urteil zu den Einspielungen zu BWV 51, die ich heute gehört habe:

1. durchgefallen: Gardiner
Zunächst mal finde ich die Sopranistin Emma Kirkby hier ganz schlecht. Ihre Aussprache ist miserabel (vor allem bei den S-Lauten). Zudem singt sie die Gebete viel zu mechanisch runter, arbeitet sich zu angestrengt durch die Koloraturen und kriegt sogar mitunter eine ganz kreischige Stimme. Mir fehlt da jegliche Leichtigkeit. Ebenso missfällt mir die Trompete - zu zackig und gefühllos, fast mechanisch.


Auch ich habe in den letzten Tagen meine Aufnahmen von BWV 51 durchgehört, wobei ich die Gardiner-Aufnahme, die ich als Jugendlicher sehr liebte, ebenfalls nicht mehr so gerne höre. Sicher, da geht die Post ab (das ist es wohl, was mich als Jungspund so faszinierte), die von Heike genannten Kritikpunkte würde ich heute aber ebenfalls nennen.

Die anderen von mir gehörten Aufnahmen sind:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/5121HANNVFL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51W4tDcUb0L._SL500_AA300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61zI-4S7ViL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51jZSKEtHPL._SL500_AA300_.jpg

1) Maria Stader, Münchner Bach-Orchester, Karl Richter
2) Monika Frimmer, Neues Bachisches Collegium Musicum, Pommer
3) Siri Thornhill, Kölner Kammerorchester, Helmut Müller-Brühl
4) Nancy Argenta, Ensemble Sonnerie, Monica Huggett

Mein Favorit ist hier mit ziemlichen Abstand die Nr. 4. Nancy Argenta und das Ensemble Sonnerie unter der Leitung von Monica Huggett machen im Grunde alles richtig. Herrlicher, inspirierter Gesang, geradezu wie im Lehrbuch, jedoch ohne jeglichen Staub. Die Tempi werden ideal gewählt, der beginn nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam, die mittlere Arie ausgesprochen verinnerlicht, das jubelnde Finale flott, ohne übertrieben zu sein.

Es schließt sich Monika Frimmer an, die eine grundsolide, bisweilen vielleicht zu solide Leistung abliefert. Das ist schön gesungen, aber doch mit einem Quäntchen zuviel der professionellen Routine, sodass die Musik dahinplätschert und die Innenspannung der Musik nicht immer transportiert werden kann.

Richtiggehend langweilig ist dann Siri Thorhills Einspielung unter Müller-Brühl, wobei ich letzteren eher für die sich ausbreitende Ödnis verantwortlich mache als die Sopranistin. Mann ist das lahm. Herunterbuchstabiert, viel zu bodenständig, wenig schwingend, uninteressiert an der Botschaft und entsprechend uninteressant in der Umsetzung. Wie soll ein Solist da Höchstleistungen bringen?

Maria Stader unter Richter teilt sich den untersten Platz auf dem Treppchen mit Thornhill/Müller-Brühl, wenngleich aus anderen Gründen. Da wird schon motiviert Musik gemacht, Richter und Stader verstehen wohl, worum die Kantate kreist, allerdings ist Richters Dirigat hier einigermaßen schrecklich. Es wird die gesamte Aufnahme hindurch sehr vertikal musiziert, starke Betonungen der Zählzeiten, keinerlei Schwingen, keine Spur Jazz (wenn man denn - wie Loussier - in Bach den ersten Jazzer sehen will). Das ist schon schade. Hinzu kommt, dass der stahlharte Sopran der Stader hier schon ein wenig die singende Säge ins Gedächtnis ruft. Keine Wärme, kein schöner Ton, oft forciert klare und breite Vokale (ihr A ist schon nicht mehr schön). Obschon ich sie in anderen Partien gern höre: hier scheint sie mir ungeeignet.

:hello Agravain
Jürgen (12.10.2011, 14:25):
Ich habe am Sonntag Herreweghes Interpretationen dreier passender Kantaten im Radio aufgenommen:

BWV 027: Wer weiß wie nahe mir mein Ende
BWV 095: Christus, der ist mein Leben
BWV 161: Komm, du süsse Todesstunde

Allesamt stammen sie von dieser CD:
http://bach-cantatas.com/Pic-Rec-BIG/Herreweghe-C18%5BHMF%5D.jpg
BWV 84, auch für diesen Sonntag komponiert, wurde leider nicht gesendet.


Als Highlight dieser Kantaten ist mir sofort (beim Splitten) der Sopran-Choral Valet will ich dir geben aus BWV 95 aufgefallen.

Ich habe diesen Choral dann mal vergleichend gehört.

Harnoncourt mit seinem Knabensopran wurde von mir nach 10 Sekunden gleich disqualifiziert. Schlimmer hat es nur noch Ramin (auch mit Knabensopran) hinbekommen.

Bei den Damen bei Leusinck/Rilling/Koopman/Suzuki hat mir lediglich Arleen Auger bei Rilling nicht gefallen. Sie hat es opernhaft rausgeschmettert mit verschlepptem Tempo, wie ich meine.
Aus den übrigen Einspielungen ragt die von Dorothee Mields unter Herreweghe um eine Winzigkeit hervor. Ein Tick getragener und gefühlvoller als ihre Konkurrentinnen.
So gesungen gefällt es mir fast noch besser, als die Chorversion dieses Chorals aus der Johannes-Passion (Nr.26).

Grüße
Jürgen
Jürgen (22.10.2011, 20:08):
Für den 18. Sonntag nach Trinitatis hat Bach folgende Kantaten komponiert:

BWV 96: Herr Christ, der einige Gottessohn
BWV 169: Gott soll allein mein Herze haben


BWV 169 ist eine Solo Kantate für Alt bzw. Counter. Allein (möglicherweise) aus diesem Grunde ist sie mit 26 Einspielungen, die bei Bach-Cantatas gelistet sind, überdurchschnittlich vertreten.


Die Radiostationen spielen zusätzlich BWV 21, eine Terminungebundene Kantate:

Deutschlandradio Kultur BWV 21: Harnoncourt von 06:00 bis 07:00

WDR 3 BWV 96: Gardiner SDG von 09:05 bis 10:00

MDR-Figaro BWV 169: Gardiner SDG von 06:30 bis 07:00
HR 2 BWV 169: Suzuki von 07:00 bis 07:30
NDR-Kultur BWV 169: Müller-Brühl von 08:00 bis 08:40
BR-Klassik BWV 169: Müllejans von 08:05 bis 08:32
RBB BWV 169: Müllejans von 09:30 bis 10:00
SR 2 BWV 169: Müllejans von 08:00 bis 09:00
SWR 2 BWV 169: Müllejans von 08:03 bis 08:30


Etwas Müllejans-lastig:
http://bach-cantatas.com/Pic-Rec/Mullejans-C01a%5BHMF-CD%5D.jpg
Da ich diese Aufnahme noch nicht kenne, werde ich sie wohl aufnehmen.
Zusätzlich noch die beiden Kantaten unter Gardiner:
http://bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P09a%5BSDG-2CD%5D.jpg


Grüße
Jürgen
Jürgen (28.10.2011, 15:27):
Für den 19. Sonntag nach Trinitatis hat Bach folgende Kantaten komponiert:

BWV 5: Wo soll ich fliehen hin?
BWV 48: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen
BWV 56: Ich will den Kreuzstab gerne tragen


Auf den Folgetag, Montag den 31.10, fällt der Reformationstag.
Deswegen wird auch BWV 80: Ein' feste Burg ist unser Gott
auf manchen Frequenzen gesendet.



SR 2 BWV 5: Koopman von 08:00 bis 09:00
SWR 2 BWV 5: Gardiner SDG von 08:03 bis 08:30

RBB BWV 48: Gardiner SDG von 09:30 bis 10:00

BR-Klassik BWV 56: Gardiner SDG von 08:05 bis 08:32
NDR-Kultur BWV 56: Kussmaul von 08:00 bis 08:40
HR 2 BWV 56: Koopman von 07:00 bis 07:30
MDR-Figaro BWV 56: Schneider von 06:30 bis 07:00

WDR 3 BWV 80: Koopman von 09:05 bis 10:00
Deutschlandradio Kultur BWV 80: Biller von 06:00 bis 07:00


Mit BWV 56 und 80 befinden sich also zwei richtige Klopper auf dem sonntäglichen Spielplan.
Ich freue mich drauf.

Grüße
Jürgen

P.S: Ich werde nun die Spielplanankündigungen einstellen. Dieser Thread existiert nun ein ganzes Kirchenjahr und das Thema soll ruhig etwas sacken. Ich habe in diesem Jahr sehr viele Kantaten gehört und sehr viele Anregungen erhalten. Genau das habe ich mir von diesem Thread erhofft.
Jürgen (31.10.2011, 09:23):
Original von Heike
In der Koopman-Aufnahme von BWV 80 finde ich im ersten Satz, also in der Choralbearbeitung, die Orgel dermaßen aufdringlich und störend dröhnend, dass ich geneigt bin anzunehmen , dass es sich dabei um einen Aufnahmefehler handeln muss. Ich kann die CD kaum ertragen, obwohl ich die restlichen Sätze und auch die Stimmen recht schön finde.
Heike

Mit einem Jahr Verspätung höre ich nun auch die Koopmansche Einspielung, die ich gestern im Radio mitschnitt.
Und ich finde, dass Heike recht hat. Diese aufdringliche tiefe Basspfeife hat mich auch sehr verstört.

Grüße
Jürgen
Jürgen (07.11.2011, 15:27):
Die Einführung zu dieser Kantate, die Agravain letztes Jahr schrieb, kann ich nun verlinken.

Momentan höre ich:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/514WKS4RPCL._SL500_AA300_.jpg

Bach: BWV 180 - Schmücke dich, o liebe Seele, Richter 1978


Zuvor habe ich das gleiche Werk in den Einspielungen dieser Herren gehört:
Gardiner / Suzuki / Kuijken / Coin

http://bach-cantatas.com/Pic-Rec/Gardiner-P11a%5BSDG-2CD%5D.jpghttp://bach-cantatas.com/Pic-Rec/Suzuki-C26a%5BBIS-CD%5D.jpghttp://bach-cantatas.com/Pic-Rec/Kuijken-L01a%5BAccent-SACD%5D.jpghttp://bach-cantatas.com/Pic-Rec/Coin-C01-1a%5BAstree-CD%5D.jpg

Obwohl das alles gute Aufnahmen sind, packen mich die Chöre bei Richter ganz besonders.


Grüße
Jürgen