Don Carlo / München / 15.01.2012

Schweizer (16.01.2012, 20:58):
Grosser Jubel
In München wird auch bei der aktuellen Wiederaufnahme die italienische, fünfaktige Fassung von 1886 und ein Einschub der Urfassung von 1867 im Finale des 4.Akts gegeben. Die Première dieser Münchner Produktion kam am 1.Juli 2000 heraus: Inszenierung, Bühne, Kostüme und Lichtkonzept sind allesamt von Jürgen Rose.
Insgesamt eine gute Arbeit im fast traditionellen Rahmen, sieht man von einer Kostüm- und kirchlichen Devotionalienschau (man kann zur Verteidigung diese Ausstattungsorgie als "pompöser Staatsakt" anführen) im Autodafé-Tableau ab; es wird aber keinesfalls nur ein Geschichtsschinken bebildert, sondern Rose wartet mit einigen bestechend-schönen Ideen in der Personenregie auf. Da ist mir eindringlich das Freundschaftsritual Carlos/Posa aufgefallen. Man gibt sich am Schluss des Duetts erstmals die Hand (der beiden Freunde rechte Hand ist wie zum Gebet gefaltet, beim ersten Mal folgt eine stürmische Umarmung), das zweite Mal, wenn Carlo bereits an seinem Freund, dem Intimo del re, zweifelt, dauert das Ritual viel länger und beim letzten Mal fragt man sich ob die Umarmung überhaupt noch stattfinden wird, sie tut's, aber Carlo löst sich gleich und stürzt davon. Im Duett König-Posa stehen die beiden genau unter dem grossen Kreuz wenn Filippo mahnt: "ma ti guarda dal Grande Inquisitor!" Und nun zum Fontainebleau-Akt, der für mich zum Highlight des gestrigen Abends wurde und mir auf Grund der überzeugenden Spielfreude von Sopranistin und Tenor Wonneschauer den Rücken rauf und runter jagte, mich tief berührte. Und es ist nicht der Reiz der Neuheit (ich habe den Fontainebleau-Akt schon an der MET erlebt), der mithalf mich so glücklich zu machen. Die zwei Künstler waren so jung, so verliebt, so himmelhochjauchzend glücklich und fielen dann so tief ("l'ora fatale è suonata") als sie erfuhren, dass nun der Vater Isabella/Elisabetta zur Frau nimmt. Hinreissend gestaltet und gesungen von beiden.
Darf ich anfügen, dass es für die Zuschauer die Fallhöhe des Dramas entscheidend schärft wenn man diesen ersten Akt des Glücks und Unglücks miterlebt und nicht nur, wie im Falle der 4-aktigen Versionen des Werks, davon weiss/erfährt/hört.
Regiemässig am wenigsten überzeugt hat mich das üblicherweise starke erste Bild des 4.Akts, das mit "Ella giammai m'amò" beginnt. Der König entsteigt dem Bett im Pyjama, was ja eigentlich normal sein könnte, mich jedoch sehr irritierte, da Filippo/Rene Pape sich trippelnd, wankend, fast irr viel bewegte bis er zum Orchesternachspiel seiner Arie wieder im Bett war und die Decke über den Kopf zog. Mich hat das weder überzeugt noch berührt: ein alter Mann, traurig, deprimiert und von Zweifel zerfressen, ist meiner Meinung nach eher gelähmt, langsam in seinen Bewegungen und Habitus. Mir schien der König wurde ungewollt der Lächerlichkeit preisgegeben. Kam hinzu, dass Pape in allen andern Szenen darstellerisch präsent und stimmlich luxuriös-potent wirkte, ausgerechnet in seiner Arie aber auch noch sehr ungewohnte, dynamische Akzente setzte. Und bei dieser Gelegenheit fiel mir dann auch ein Mangel an seiner Diktion auf (No, qual cor chiuso è a me hört sich bei ihm wie chiusame an, sowohl das è wie das o werden verschluckt). Auch die Königin stürzt dann im Nachthemd hinzu, wenn aber der Grossinquisitor zur Unterredung kommt, oder bei "soccorso alla regina" Eboli und Posa natürlich angezogen hinzukommen, stimmt das Ganze einfach nicht. Am Escurial gab es doch Bedienstete, die wenigstens einen Morgenrock herbeischaffen könn(t)en.
Liebe Foristen, die kritischen Anmerkungen zu Rene Pape und die nachfolgenden Einwände schmälern keineswegs den grossartigen Gesamteindruck des gestrigen Abends, der sichtlich und hörbar begeisterte, das ist alles als Kritik auf hohem Niveau gemeint.
Jonas Kaufmann als Carlo vermittelte sämtliche Facetten des Infanten, spielte (wie immer) glänzend, sang überzeugend-gut (auch wenn die Stimme wieder einige mal nach hinten rutschte und dann gaumig klang); wenn einer ein so stimmiges, intensives Rollenportrait hinkriegt, übersehe ich gern einige nicht perfekte Töne.
Boaz Daniel als Posa war eine Erstbegegnung und sein eher trockenes Timbre war für mich gewöhnungsbedürftig, ist nicht so nach meinem Gusto (typische Geschmacksache): er bringt eine gute, sichere Höhe mit, aber unten fehlt es an Fundament; kam hinzu, dass er eineinhalb Frösche produzierte. Darstellerisch empfand ich ihn (von eher gedrungenem Wuchs?) neben Kaufmann als farblos, mit Nickelbrille als eher nachdenklicher Philosoph, nicht als geschmeidig-gewandter Freund und Leitwolf.
Der Grossinquisitor des Eric Halfvarson war unheimlich, gefährlich, sein
gewaltiger Bass war rollendeckend, waberte aber in einigen Phrasen sehr bedenklich.
Zu den Damen: Anna Smirnova als Eboli ist eher ein dunkler Sopran als ein Mezzo und Feinheiten sind ihre Sache nicht: entsprechend hat sie im Schleierlied mit den Terzen zum a rauf ihre liebe Mühe (Intonation und Fluss). Sie weiss aber ihre Trümpfe auszuspielen: Stellen mit exponierten Höhen wie "voi la regina amate", "il mio t'è ignoto ancor" oder in ihrer Arie im vierten Akt "oh mia beltà, ahhh" werden mit unfehlbarer Attake erfolgreich und lustvoll gemeistert! Oben absolut top, unten fehlte mir die samtene Qualität einer Bumbry, einer Verret, einer Baltsa. Und darstellerisch ist sie weder attraktiv noch prägnant.
Die absolute Topleistung des Abends erbrachte Anja Harteros als hinreissende Elisabetta, Spiel und Gesang sozusagen perfekt.
Das Applausometer (Intensität, Länge und Bravorufe) bei den ersten Solovorhängen der Solisten ergab dann auch eine klare Abstufung: Platz eins für Harteros, Platz zwei ex-aequo für Kaufmann/Pape, Platz vier für Eboli, Platz fünf für Posa (keine Bravos).
Chor und Orchester unter Asher Fisch prächtig, das Cello-Solo vor der Filippo-Arie grossartig.
Ingrid (10.08.2012, 16:28):
Lieber Schweizer,

gerade stieß ich auf Deine Rezension dieser, so besonderen Vorstellung des Don Carlo und ich konnte durch Deine exzellente Schilderung wieder voll in diese einmalige Atmosphäre (bes. auch des Fontainebleau-Aktes) eintauchen. Auch die Verflechtung der Hände zwischen Posa und DC, durch einen schwarzen Handschuh noch sichtbarer, hast Du wunderbar hervorgehoben, denn alles hatte ja eine besondere Bedeutung. Als Posa starb, zog sich ja DC, als Zeichen seiner tiefen Freundschaft zu ihm, diesen Handschuh an.

Über den 4. Akt wurde auch unter den Besuchern schon viel diskutiert, denn viele empfanden diese Bekleidung des Königs auch nicht würdevoll genug. Pape gefällt mir aber trotzdem immer :wink Und über Elisabeth und Carlos sind wir uns ja sowieso einig, wie auch über die anderen Protagonisten. Leicht verspätet :D ganz herzlichen Dank für diese, wirklich gute und eindrucksvolle Rezension.

War auch erneut wieder sehr sehr dankbar, dass wir hier in München so großartige Opernabende mit Weltklassesängerinnen und -sängern erleben dürfen. Und man kann es kaum glauben, ich habe auf meinem Stehplatz nur ca. 15 Euro incl. 11Euro S-Bahn bezahlt. Dafür kommt man in kein Kino. Nur in Wien ist es auf den Stehplätzen wohl noch günstiger, aber in Zürich bestimmt nicht, oder?

:hello Ingrid
Schweizer (10.08.2012, 16:54):
Hallo Ingrid, ich bedanke mich für Deinen liebenswürdigen Kommentar und freue mich, dass Du von dieser hochstehenden Aufführung ebenso begeistert warst wie ich. Für mich war dies bisher im 2012 das mich emotional am tiefsten berührende Opernerlebnis.
Am nächsten kam der konzertante TROVATORE vom 9. Juni in Berlin, aber darüber habe ich nicht berichtet.
Gruss vom Schweizer
Severina (10.08.2012, 17:06):
Nun, in unserem franz. "Don Carlos" räkelt sich der König zu Beginn des 4. Aktes auch im Nachthemd im Bett, noch dazu mit Eboli, aber das passt in dieser Konwitschny-Inszenierung vorzüglich. Hier ist eben die Arie nicht das berührende Lamento eines Einsamen, sondern die Generalausrede aller fremd gehenden Ehemänner": "Meine Frau liebt und versteht mich nicht!" Natürlich wurde diese Szene kontrovers diskutiert, ich fand immer, dass sie weder gegen den Text und schon gar nicht gegen die Musik inszeniert war. Im Gegenteil, Konwitschny hört sehr genau auf die Musik!

Dass Boaz Daniel alles andere als ein optimaler Posa ist, kann ich mir lebhaft vorstellen. (Aber ehrlich gesagt will ich ihn mir in dieser Partie nicht wirklich vorstellen :ignore) Daniel war bei uns ein anfangs wirklich sehr gutes Ensemblemitglied - als Paolo im Simone fand ich ihn ausgezeichnet - leider blieb er in dann seiner Entwicklung stecken und konnte die Erwartungen nie einlösen. Und leider verfügt er auch nicht über die allerbesten Nerven, die ihm so manches Mal einen Streich spielten.

Aber auf die Luxusbesetzung mit Harteros und Kaufmann warten wir in Wien wohl vergeblich.....

lg Severina :hello
Schweizer (10.08.2012, 17:31):
Hallo Severina, danke für die geschilderte Variante der Philipp-Arie im französischen Wiener Don Carlos: ich kenne diese Aufführung leider nicht, aber die von Regisseur K präsentierte Alternative scheint mir nicht aus den Fingern gesogen, hat was bestechendes an sich.
Boaz Daniel war im Vergleich zur übrigen Spitzenbesetzung der Münchner Serie wahrlich der Schwachpunkt, aber als Einspringer wollte ich ihn nicht zu hart anfassen. Massimo Cavaletti, aktueller Marcello in der Salzburger Bohème, war im März bei seinem Posa-Début in der neuen Zürcher Produktion ein weit überzeugenderer Malteser-Ritter.
Gruss vom Schweizer
Severina (10.08.2012, 17:39):
Original von Schweizer
Boaz Daniel war im Vergleich zur übrigen Spitzenbesetzung der Münchner Serie wahrlich der Schwachpunkt, aber als Einspringer wollte ich ihn nicht zu hart anfassen. Massimo Cavaletti, aktueller Marcello in der Salzburger Bohème, war im März bei seinem Posa-Début in der neuen Zürcher Produktion ein weit überzeugenderer Malteser-Ritter.
Gruss vom Schweizer

O ja, den kann ich mir gut vorstellen, Cavaletti hat ein wirklich schönes Timbre und ist vor allem ein intensiver Darsteller! Er war der einzige Lichtblick im in meinen Augen missglückten Züricher "Poliuto"!

lg Severina :hello
Karolus Minus (10.08.2012, 18:25):
Original von Severina
Nun, in unserem franz. "Don Carlos" räkelt sich der König zu Beginn des 4. Aktes auch im Nachthemd im Bett, noch dazu mit Eboli, aber das passt in dieser Konwitschny-Inszenierung vorzüglich. Hier ist eben die Arie nicht das berührende Lamento eines Einsamen, sondern die Generalausrede aller fremd gehenden Ehemänner": "Meine Frau liebt und versteht mich nicht!" Natürlich wurde diese Szene kontrovers diskutiert, ich fand immer, dass sie weder gegen den Text und schon gar nicht gegen die Musik inszeniert war. Im Gegenteil, Konwitschny hört sehr genau auf die Musik!
lg Severina :hello

Mit der danebenliegenden Eboli, die ja auch den Großinquisitor mitbekommt) wird auch deutlicher, was am Schluß des Bildes ja nur in eoinem kurzen Satz gesagt wird, wenn Eboli der Königin gesteht "ich hab das Kästchen genommen" - das verzeiht die noch - und danach "der König und ich haben außerdem" und DARAUFHIN läßt Elisabeth ihr die Wahl zwischen Exil und Kloster.
Lg
Karolus Minus
Billy Budd (10.08.2012, 21:42):
Zum Thema kann ich nichts sagen, weil mich der Don Carlos kaum interessiert, möchte aber - ohne mich da oberlehrerhaft aufzuspielen - anmerken, dass es einen Thread "Gestern in der Oper" gibt, in denen solche Berichte hingehören.
Nun ja, wäre ich noch Moderator, könnte ich das ganz leicht verschieben ...

Ohne Meyer in Schutz nehmen zu wollen, aber meine Traumbesetzung gab es mit Yonghoon Lee und Adrianne Pieczonka in Wien unlängst. Da auch der Rest der Besetzung (Tézier, K. Youn, Uria-Monzon) nicht schlecht war, wird mir diese Serie trotz der Verdi'schen Musik in guter Erinnerung bleiben.

Boaz Daniel kommt übrigens wieder ins Ensemble. :leb
Billy :hello


P.S.: Mein Bericht zur damaligen Vorstellung findet sich hier.
Ingrid (10.08.2012, 23:13):
Lieber Billy,

habe nur mal so durchgezappt und bin deshalb auf diese Überschrift gestoßen. In den Thread: "Gestern in der Oper" hatte ich nicht reingeschaut. Für mich war es so also genau richtig, um schöne Erinnerungen aufzufrischen.

Yonghoon Lee mochte ich als Don Carlo in München auf jeden Fall auch total gerne, aber an dieses intensive Spiel von Kaufmann kam er nicht heran und ich mag halt auch die baritonale Färbung und Du nicht so gerne, aber das Thema ist inzwischen abgehakt :wink

:hello Ingrid
Severina (10.08.2012, 23:16):
Original von Karolus Minus
Original von Severina
Nun, in unserem franz. "Don Carlos" räkelt sich der König zu Beginn des 4. Aktes auch im Nachthemd im Bett, noch dazu mit Eboli, aber das passt in dieser Konwitschny-Inszenierung vorzüglich. Hier ist eben die Arie nicht das berührende Lamento eines Einsamen, sondern die Generalausrede aller fremd gehenden Ehemänner": "Meine Frau liebt und versteht mich nicht!" Natürlich wurde diese Szene kontrovers diskutiert, ich fand immer, dass sie weder gegen den Text und schon gar nicht gegen die Musik inszeniert war. Im Gegenteil, Konwitschny hört sehr genau auf die Musik!
lg Severina :hello

Mit der danebenliegenden Eboli, die ja auch den Großinquisitor mitbekommt) wird auch deutlicher, was am Schluß des Bildes ja nur in eoinem kurzen Satz gesagt wird, wenn Eboli der Königin gesteht "ich hab das Kästchen genommen" - das verzeiht die noch - und danach "der König und ich haben außerdem" und DARAUFHIN läßt Elisabeth ihr die Wahl zwischen Exil und Kloster.
Lg
Karolus Minus

Stimmt, ich habe diesen ganzen Akt von der Inszenierung her großartig gefunden, mit so vielen klugen, stimmigen Details in der Personenführung.

lg Severina :hello