im Zuge der Erkundung des Belcanto bin ich über Donizettis Märtyreroper POLIUTO gestolpert, in der der neugetaufte Christ Poliuto im Spannungsfeld zwischen geistlicher Hinwendung zu Gott und weltlicher Eifersucht steht, seine Frau Paolina im Konflikt zwischen ihrem früheren Geliebten Severo und ehelicher Treue, Severo im Konflikt zwischen Amtstreue und Rettung seiner Geliebten und der christliche Gemeindevorsteher Nearco im Konfikt zwischen Verrat von Poliutos Taufe und Folter. Polito, Paolina und Nearco stehen zusätzlich im klassischen Märtyrerkonflikt zwischen Tod und Leben. Die Oper hat mich auf Anhieb fasziniert - selbst auf die Gefahr hin, eure Urteile über meinen Sujet- und Librettogeschmack hoffnungslos zu zementieren. Um wenigstens die erste Fallgrube zu umschiffen: es war in erster Linie nicht die Figur der Paolina, die mich angezogen hat, sondern das Beziehungsdreieck Nearco - Poliuto - Severo.
Zur Handlung: die Oper spielt im 3. Jh n. Chr in Armenien zur Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Decius. 1. Akt: Poliuto, ein hoher Staatsbeamter, lässt sich heimlich taufen. Seine Frau Paolina entdeckt das Geheimnis und wird vom Gemeindeführer Nearco auf die Gefahr für Poliutos Leben hingewiesen, sollte sie nicht verschwiegen sein. Der Jupiterpriester Callistene ruft den Prokonsul Severus zum Kampf gegen das zunehmende Christentum ins Land. Severo und Paolina waren früher ineinander verliebt, Paolinas Vater Felice log Paolina jedoch Severos Tod in der Schlacht vor, um sie mit Poliuto verheiraten zu können. Severos Ankunft macht Paolina klar, dass sie Severo immer noch liebt, sie ist jedoch fest entschlossen, Poliuto die Treue zu halten. Severo seinerseits ist bestürzt über die Entdeckung, dass Paolina verheiratet ist, weil auch er sie noch liebt. 2. Akt: Der intrigante Callistene führt ein Treffen von Paolina und Severo herbei und lässt Poliuto den Abschied der beiden beobachten. Paolina bleibt standhaft, der vorher schon misstrauische Poliuto ist jedoch von der Untreue seiner geliebten Frau überzeugt. Nur die Nachricht, dass Nearco verhaftet wurde, hält ihn von seinen Rachegelüsten ab. Im Jupitertempel, im Beisein des Volkes und der Priesterschaft treffen die 6 Hauptpersonen aufeinander. Nearco soll den Namen des Neugetauften preisgeben, weigert sich jedoch. Die Androhung der Folterung Nearcos veranlasst Poliuto, seine Taufe zu offenbaren. Er wird mit Nearco zum Tod in der Arena verurteilt. Paolina fleht Severo um Gnade für ihren Mann an. Poliuto weist dies entrüstet zurück, klagt die entsetzte Paolina der Treulosigkeit an und stürzt zum Zeichen der Aufkündigung ihres Ehebundes die Jupiterstatue um. Priester und Volk fordern nun umso vehementer Poliutos Tod und Verdamnis. 3. Akt: Callistene offenbart gegenüber der Priesterschaft seine Machtgelüste. Poliuto träumt im Gefängnis von der Unschuld seiner Frau. Paolina sucht ihn auf und es gelingt ihr, Poliuto von ihrer Unschuld zu überzeugen, nicht jedoch, durch den Widerruf seiner Taufe sein Leben zu retten. Sie entschließt sich, selbst Christin zu werden und Poliuto in den Tod zu begleiten. Als Poliuto abgeholt wird, ist Severo entsetzt über Paolinas Bekenntnis zum Christentum und versucht vergeblich, sie zu Widerruf zu bewegen. Callistene und das aufgewiegelte Volk fordern den Tod der Christen. Die Oper endet mit Poliutos und Paolinas gemeinsamen Aufbruch in die Arena zum Märtyrertod.
Im folgenden beziehe ich mich im Wesentlichen auf diese DVD:
Poliuto - Gregory Kunde Paolina - Paoletta Marrocu Severo - Simone Del Savio Callistene - Andrea Papi Nearco - Massimiliano Chiarolla Felice - Dionigi D'Ostuni Un christiano - PierMarco Vinas Dirigent: Marcello Rota Regie: Marco Spada Orchester und Chor der Bergamo-Festspiele, 2010
Um es vorwegzunehmen: Aus meiner Sicht ist das eine durchaus gelungene Umsetzung dieser Oper mit einer Mixtur aus moderner und konventioneller Inszenierung. Die Kostüme der Solisten und des Chors sind modern (aber nicht aus der Altkleidersammlung, Poliuto, Callistene und Felice tragen die gleichen, uniformähnlichen Anzüge), während die stummen Soldaten-Statisten in klassischen römischen Rüstungen stecken. Die Bühne hat als zentrales, gleichbleibendes Element eine runde, zweistufig erhöhte Plattform in der Mitte, deren Boden erleuchtet werden kann und z.B. durch angedeutete Wände im zweiten Akt zunächst zum Atrium von Felices Haus, im zweiten Bild mit der Jupiter-Statuette auf einem Sockel zum Jupiter-Tempel wird
und im dritten Akt durch rundum eingesteckte Stäbe zur Gefängniszelle von Poliuto (siehe Cover). Ein Regiekonzept, dass diese Oper in einen völlig neuen Kontext stellt, konnte ich zwar nicht entdecken, aber das ist mir zumindest im Erstkontakt mit einer Oper auch lieber, solange in den Kulissen und Kostümen überzeugend gespielt wird. Bei Kunde musste ich erst optisch einen kleinen Schock überwinden: ich kannte ihn nur vom Tell 1995 aus Pesaro und einigen Youtube-Schnipseln, die aber offenbar auch eher aus den 90ern waren, und war zunächst erschrocken, wie sehr er in diesen 15 Jahren körperlich gealtert ist. Da kommt mir der 70jährige Domingo (der natürlich auch in dieser Hinsicht ein Phänomen ist) körperlich fitter vor, als der 56jährige Kunde. Aber soweit ich das mit meinen beschränkten Kenntnissen und von einer Konserve beurteilen kann, scheint die Stimme noch in Ordnung zu sein: er produziert weiterhin Tenorgesang auf allerhöchstem Niveau. Spielerisch hat er mir sowieso schon immer gefallen - es mag einige noch begnadetere Darsteller geben, aber mit Sicherheit zahlreiche schlechtere. Del Savio ist der nächste Pluspunkt: ich kannte diesen Sänger gar nicht, aber er hat für meinen Geschmack einen außergewöhnlich schönen Bariton, den er auch ausdrucksstark einsetzen kann. Frau Marrocu hat ein ausgeprägtes Vibrato, an das ich mich erst gewöhnen musste, ansonsten empfinde ich sie zumindest nicht als Fehlbesetzung. Papi hat genügend Schwärze in seinem Bass, um den relativ eindimensional gezeichneten Bösewicht Callistene überzeugend darzustellen. Sehr gut gefällt mir Chiarolla, der aus der relativ kleinen Rolle des Nearco eine Menge herausholt, vor allem darstellerisch, aber auch stimmlich keinesfalls abfällt. D'Ostuni in der noch kleineren Rolle des Felice ist mir in keiner Richtung besonders aufgefallen.
Der Beginn der Oper ist noch recht ruhig und undramatisch, zum geheimen Treffen der Christen hat der Regisseur ein sehr schönes Bild gefunden: Während des Gesanges fügen die Chormitglieder ihre Öllämpchen auf der zentralen Plattform zu dem Fischsymbol des Frühchristentums zusammen, der über einen großen runden Spiegel (Symbol für das Wasser der Taufe?) über dieser Plattform für das Publikum sichtbar wird. Die Oper verfolgt unabhängig vom Sujet ein sehr interessantes und die gängigen Konstellationen irritierendes Konzept: Severo und Paolina werden zunächst musikalisch als klassisches Liebespaar aufgebaut, mit einem großen Liebesduett zu Beginn des zweiten Aktes. Der Zuschauer und -hörer beginnt dabei automatisch Sympathien für Severo zu entwickeln - und gerät dadurch selbst in den Konflikt zwischen Severo und Poliuto. Nearco ist in dieser Inszenierung ein sehr überzeugender Gemeindeführer: ruhig, zurückhaltend, ein stilles Wasser, in dem man aber mehr Emotionen erahnt, als an der Oberfläche erkennbar werden. Er tauscht nur wenige Blicke mit Severo, Callistene und Poliuto, aber die haben es in sich. Polituto ist sein christlicher Gegenpol - vor Eifersucht beinahe berstend und in ähnlicher Intensität brennend für seine frische Bekehrung: So dass sein Ideal, dem Weg der Vergebung und des Friedens zu folgen ständig in Konflikt mit seiner Eifersucht gerät. In diesem Punkt erinnert er mich von ferne an den Stiffelio. Wie schon geschrieben haben mich besonders die wechselseitigen Beziehungen zwischen Nearco, Poliuto und Severo interessiert (auch wenn die Beziehung Poliuto-Severo natürlich zu großen Teilen über Paolina läuft). Logischerweise liebe ich u.a. dadurch die Szene im Jupitertempel (2. Akt), in der als einziger alle drei gemeinsam auf der Bühne sind. Den Regieeinfall, Poliuto in diesem letzten Bild des 2. Aktes von Anfang an mit auf der Bühne zu haben, finde ich schlichweg genial (im Libretto kommt er erst unmittelbar vor seiner Selbstbezichtigung als Christ hinzu): auf diese Weise bekommt er die Drohungen gegen Nearco - selbst noch unerkannt als Christ - unmittelbar mit und muss den Konflikt, ob und an welcher Stelle er den Knoten durchhaut, voll durchstehen. Musikalisch und szenisch macht dieses Schlussbild des 2. Aktes eine ungeheure dramatische Steigerung durch. Immer wenn man meint, jetzt ginge nicht mehr, wird noch eins draufgesetzt. Ob man diese aufwühlende, hoch emotionale Musik, die in einem genialen Stimmengewirr gipfelt, noch als Belcanto bzeichnen kann? Ich höre da jedenfalls schon ganz viel Verdi. Darstellerisch hätte ich mir lediglich vom Chor etwas mehr Aktion gewünscht. Diesen sittsam aufgereihten, bzw. zum Schluss in der Schrecksekunde erstarrten Sängern nehme ich den wütenden Mob nur schwer ab, aber die Solisten machen das mehr als wett. Vielleicht hätte da ein aktiverer Chor auch nur abgelenkt - obwohl wenigstens ein paar geballte Fäuste doch vermutlich noch machbar gewesen wären. Überhaupt ist der 2. Akt derjenige, der mich bei weitem am meisten begeistert. Der 3. vermag den ungeheuren Spannungsbogen vom 2. Akt nicht mehr zu halten. Aber das habe ich schon bei vielen anderen Opern ähnlich erlebt. Im Bühnenbild stört mich die Wackeligkeit der Stäbe, die Poliutos Gefängnis symbolisieren sollen, aber jedes Mal bedenklich schwanken, wenn Poliuto sich daran festhalten will. Hätte da ein Pavarotti auf der Bühne gestanden, das ganze Gefängnis wäre nach wenigen Minuten zusammengebrochen. Wenn dahinter ein besonderer Regiesinn stecken sollte, hat er sich mir jedenfalls nicht erschlossen. Die sehr ritualisiert kämpfenden Gladiatoren im Hintergrund haben mich auch nicht voll überzeugt, obwohl ich spontan auch keine bessere Idee hätte.
Ich kenne aus dem Internet noch drei andere Aufnahmen (1988 mit Martinucci, 1993 mit Sempre und 2009 mit Geraldi), die allerdings keine wirklichen Alternativen sind. Keine davon erreicht auch nur annährend die Spannung der Bergamo-Aufführung. Am besten würde mir möglicherweise noch die Aufführung von 1988 gefallen, wenn das Bild nicht so grottenschlecht wäre, dass man wirklich keine Gesichter und damit auch keine Mimik erkennen kann. Die einzige dieser drei, die eine akzeptable Bildqualität bietet, ist die Inszennierung von 2009 aus Buenos Aires. Sie ist aber leider auch ein Beispiel dafür, dass man sich in historisch korrekten(?) Kostümen und Kulissen fürchterlich langweilen kann. Ich komme auch nicht dahinter, warum ausgerechnet Poliuto einen goldenen Lorbeerkranz im Haar hat. Von dem absoluten Gegenstück der modernen Inszenierung aus Zürich kenne ich nur den 6minütigen Spot auf youtube, aber der lässt mich vermuten, dass mir diese Inszenierung auch nicht behagt hätte. Es gibt noch eine CD mit Carreras und Ricciarelli mit den Wiener Symphonikern, aber ich befürchte, dass das eine reine Audio-Aufnahme war. Sehr schade, denn ich hätte Carreras gerne mal auch mit Bild als Poliuto erlebt. Das Finale des 2. Aktes dieser Aufnahme (das mir allerdings nicht ganz so gut gefällt wie auf der DVD) ist hier zu hören: http://www.youtube.com/watch?v=ESh9lmqiUuI
Rideamus hat mich noch auf einen sehr interessanten Link aufmerksam gemacht, in dem ein Audio-Mitschnitt einer Aufführung mit Maria Callas und das originale Drama "Polyeucte" von Corneille in englischer Übersetzung abrufbar ist: http://www.operatoday.com/content/2006/05/donizetti_poliu.php
VG, stiffelio
Rideamus (26.06.2012, 15:20): Liebe Stiffelio,
vielen Dank für diese ausführliche Einführung in eine der interessantesten Opern Donizettis. Wie Du weißt, habe ich mich bisher etwas schwer mit ihr getan, weil ich nur die Tonaufnahme mit José Carreras und Katia Ricciarelli kannte, die ich als etwas langweilig empfand, als ich sie vor vielen Jahren gekauft hatte, weshalb ich sie seither nie mehr gehört habe.
Nun ist es Dein Verdienst, dass ich der Oper wie der Aufnahme Abbitte tun muss. Ich bin zwar immer noch nicht begeistert, zumal mich die von Dir empfohlene DVD aus Bergamo musikalisch auch nicht befriedigt, aber ich kann jetzt verstehen, warum die Oper doch sehr engagierte Anhänger hat. Vielleicht ist es mein Problem, dass sie schon sehr an den frühen Verdi erinnert, aber doch nicht dessen melodische Kraft hat.
Was mich aber vor allem motivieren wird, mich weiter mit dieser Oper zu befassen, ist das außergewöhnliche Libretto, das sicher mehr der Vorlage Corneilles als den routinierten Phrasen Salvatore Cammaranos verdankt. Wie Du sehr richtig schreibst, ist die Konstellation der drei Hauptpersonen höchst ungewöhnlich und m. E. sogar vielschichtiger als der nicht unähnliche Plot der AIDA. Leider hält Donizettis Musik diesem Maßstab nicht stand, wobei ich allerdings einräume, dass die Interpretationen, die ich bislang zu hören bekam, dem Potenzial der Partitur nicht gerecht werden, was wiederum zu einer Ungerechtigkeit meinerseits gegenüber Donizetti führen könnte.
Bevor ich mich weiter zu der Oper äußere, was ich definitiv vorhabe, muss ich mich also noch weit ausführlicher mit ihr befassen.
Sind wir eigentlich die Einzigen hier, die sie kennen?
:hello Rideamus
stiffelio (26.06.2012, 20:25): Lieber Rideamus,
vielen Dank schon jetzt für deine Anmerkungen! Es würde mich sehr interessieren, wo du die hauptsächlichen musikalischen Mängel der Bergamo-DVD verortest. Ist es die Interpretin der Paolina, mit der ich insbesondere beim ersten Anhören auch nicht ganz glücklich war? Oder hast du ganz andere Kritikpunkte?
Die AIDA kenne ich zwar (und das ist musikalisch natürlich überhaupt kein Vergleich!, aber das erwarte ich von Donizetti auch nicht), aber nicht so gut wie andere Verdi-Opern, weil ich bisher noch keine DVD gefunden habe, die mich völlig zufriedenstellt. Meinst du mit dem "ähnlichen Plot" sozusagen das Gegenstück, dass in der AIDA ein Mann (Ramades) zwischen zwei Frauen steht, während es im POLIUTO zwei Männer und eine Frau sind? Oder meinst du Aida zwischen ihrem Vater und Ramades als Parallele zu Paolina?
VG, stiffelio
Rideamus (26.06.2012, 20:42): Nur kurz vorab zu der Üarallele zur AIDA: in beiden Opern entschließt sich die Heldin, sich gegen iuhr Vaterland und dessen Autoritäten zu wenden und mit ihrem Geliebten wegen seiner Überzeugung in den Tod zu gehen. Das Besondere beim POLIUTO ist, dass sie erst da erkennt, wen sie eigentlich liebt. Insofern ist POLIUTO auch ein Gegenentwurf zur AIDA-
Zur musikalischen Kritik muss ich noch mehr und öfter hin hören, aber ich mag in der Tat siw Paolina überhaupt nicht. Allerdings überzeugen mich auch Kunde und der Dirigent nicht, der es nie so recht schafft, die Ensembles beisammen zu halten und daraus das beabsichtigte Ganze zu formen. Das mag an der Komposition liegen, weil ich da auch in den anderen Aufgnahmen da etwas vermisse - vor allem im großen Concertato am Schluss des zweiten Aktes.
Wenn Dich das beeindruckt, solltest Du unbedingt den SIMON BOCCANEGRA gut kennenlernen.
:hello Rideamus
stiffelio (26.06.2012, 21:17): Lieber Rideamus,
hm, aber Aida tut das erst, nachdem ihr Vater - und damit ein ganz mächtiges Bindeglied zu ihrer Heimat - tot ist, ganz abgesehen von einer Reihe weiterer schwerwiegender Unterschiede (die du ja auch schon angedeutet hast). Aber ich will deinen Vergleich mit der AIDA auch nicht überstrapazieren.
Bei Kunde ist mir aufgefallen, dass er überwiegend sehr lautstark unterwegs ist (jedenfalls im Vergleich zum Liebesduett von Les Troyens, das ich inzwischen von youtube kenne und mir sehr gut gefällt - die DVD steht immer noch auf meiner Warteliste, weil ich mich bei dem Preis noch nicht entschließen konnte, ob ich nicht doch warte, bis ich einen Blu-ray-Player habe).
Zum SIMON BOCCANEGRA: es gibt kaum eine Oper, die ich besser kenne und öfter gehört habe :wink (vom Stiffelio vielleicht mal abgesehen) und du hast recht: sie gehört zu meinen ganz großen Lieblingen!!
VG, stiffelio
stiffelio (26.06.2012, 23:24): P.S.: noch eine kleine Anmerkung zum von dir kritisierten Dirigat: da könnte etwas ganz Verrücktes passiert sein, nämlich dass ein Manko sich für mich ins Positive gewendet hat. Ich hab mir eben den 2.Akt nochmal angehört und gerade das fehlende Beisammenhalten im Finale könnte ein Punkt sein, der mich paradoxerweise fasziniert (denn das Finale mit Carreras fand ich damit verglichen auch eher langweilig). Dieses musikalische Auseinanderbrechen ist für mich Teil des Auseinanderbrechens der ganzen Szene, auch wenn mir das vor deinem Kommentar überhaupt nicht bewusst war.
Auch wenn das evtl. nur meine Inkompetenz in Sachen Dirigatbeurteilung unterstreicht, finde ich es interessant, dass auf diese Weise in manchem Klumpen Dreck ein Körnchen Gold stecken kann :wink.
VG, stiffelio
Severina (27.06.2012, 19:25): Original von Rideamus Bevor ich mich weiter zu der Oper äußere, was ich definitiv vorhabe, muss ich mich also noch weit ausführlicher mit ihr befassen.
Sind wir eigentlich die Einzigen hier, die sie kennen?
:hello Rideamus
Nein, seid Ihr nicht, aber meine Erstbegegnung mit "Poliuto" fand vor einem Monat unter nicht sehr glücklichen Umständen in Zürich statt, sodass es keineswegs eine "Liebe auf den ersten Blick" wurde. Vielleicht auf den zweiten, was ich bei dem Sujet aber auch eher bezweifle. Um das aber festzustellen, müsste ich mich ebenso wie Rideamus intensiver mit dieser Oper beschäftigen, dazu komme ich aber erst in einigen Tagen. Die "nicht sehr glücklichen Umstände": Eine moderne, aber ziemlich verfehlte Inszenierung, speziell der Schluss völlig gegen die Musik gestrickt, und das verzeihe ich nicht, im Unterschied zur Librettotreue, wo ich es nicht so eng sehe, wenn die Sänger nicht immer textadäquat agieren. Dazu auch eine sehr schwache Besetzung, lediglich Massimo Cavaletti als Severo gefiel mir sehr gut, alle anderen (Pisapia, Cedolins....) strapazierten meine Gehörorgane. Nello Santi weiß als alter Hase zwar, wie man Donizetti dirigiert, aber er konnte den Karren auch nicht aus dem Dreck ziehen. Und die Musik nahm mich auch nicht so gefangen, wie das dieser Komponist üblicherweise schafft - ich fand sie eher durchschnittlich, verglichen mit allen anderen seiner Werke, die ich kenne. Von meinen unzähligen Opernaufführungen in Zürich seit 1984 war das mit Abstand die schwächste, deshalb konnte ich mich nicht einmal dazu aufraffen, eine Rezension davon einzustellen.
Allerdings hat mich Stiffelios DVD nun doch neugierig gemacht, denn vielleicht schafft es diese Inszenierung ja, dass ich mich zumindest mit dem Inhalt anfreunden kann. Muss einmal schauen, was sie beim Krokodil so kostet!
lg Sevi :hello
Billy Budd (27.06.2012, 19:30): Original von Severina Dazu auch eine sehr schwache Besetzung, lediglich Massimo Cavaletti als Severo gefiel mir sehr gut, alle anderen (Pisapia, Cedolins....) strapazierten meine Gehörorgane. Nello Santi weiß als alter Hase zwar, wie man Donizetti dirigiert, aber er konnte den Karren auch nicht aus dem Dreck ziehen. Und die Musik nahm mich auch nicht so gefangen, wie das dieser Komponist üblicherweise schafft - ich fand sie eher durchschnittlich, verglichen mit allen anderen seiner Werke, die ich kenne. Von meinen unzähligen Opernaufführungen in Zürich seit 1984 war das mit Abstand die schwächste, deshalb konnte ich mich nicht einmal dazu aufraffen, eine Rezension davon einzustellen.
Liebe Severina, bitte entschuldige das OT, aber ich möchte anmerken, dass ich Pisapia und Cedolins in Wien im Simon Boccanegra gehört habe und sie als so übel nicht empfand.
Zur Oper "Poliuto" kann ich mich leider nicht äußern.
Billy :hello
Severina (27.06.2012, 19:46): Lieber Billy, zu diesem Simone kann nun ich wiederum nichts sagen! Cedolins klang in der Höhe unangenehm schrill, Pisapia brüllte sich in einem Einheitsforte durch seine Partie, beide ließen den auch darstellerisch sehr guten Cavaletti in seinen Bemühungen immer wieder ins Leere laufen. Aber vielleicht habe ich inzwischen ein Pisapia-Trauma, denn fast immer, wenn bei meinen Zürichbesuchen einTenor absagt, ist er der Einspringer. (Im konkreten Fall für Vittorio Grigolo, der schon vor Probenbeginn das Handtuch warf, obwohl der "Poliuto" nur für ihn überhaupt angesetzt wurde. Nicht, dass ich Grigolo sonderlich nachtrauerte, es hätte mich nur interessiert, wie er live klingt. Im Radio oder TV kann ich nämlich den Hype um ihn nicht nachvollziehen. Aber das ist jetzt wirklich OT :ignore!)
lg Severina :hello
Billy Budd (27.06.2012, 19:51): Liebe Severina, danke für diese genaue Antwort! Bei uns war er übrigens auch ein Einspringer (für Sartori, den ich gerne gehört hätte). Billy :hello
stiffelio (27.06.2012, 21:45): Original von Severina Die "nicht sehr glücklichen Umstände": Eine moderne, aber ziemlich verfehlte Inszenierung, speziell der Schluss völlig gegen die Musik gestrickt, und das verzeihe ich nicht, im Unterschied zur Librettotreue, wo ich es nicht so eng sehe, wenn die Sänger nicht immer textadäquat agieren.
Liebe Severina,
ich vermute ja auch, dass die Züricher Inszenierung mir nicht gefallen hätte. Aber magst du dennoch kurz erzählen, wie die Charaktere der Hauptpersonen aufgebaut waren? Denn ich würde tatsächlich nicht behaupten wollen, dass die Musik - zumindest über die gesamte Oper gesehen - zu dem Besten zählt, was ich je gehört habe, aber zusammen mit der Psychologie der Hauptpersonen wird eben doch eine sehr faszinierende Sache für mich daraus.
VG, stiffelio
Rideamus (28.06.2012, 11:41): Original von stiffelio P.S.: noch eine kleine Anmerkung zum von dir kritisierten Dirigat: da könnte etwas ganz Verrücktes passiert sein, nämlich dass ein Manko sich für mich ins Positive gewendet hat. Ich hab mir eben den 2.Akt nochmal angehört und gerade das fehlende Beisammenhalten im Finale könnte ein Punkt sein, der mich paradoxerweise fasziniert (denn das Finale mit Carreras fand ich damit verglichen auch eher langweilig). Dieses musikalische Auseinanderbrechen ist für mich Teil des Auseinanderbrechens der ganzen Szene, auch wenn mir das vor deinem Kommentar überhaupt nicht bewusst war.
Auch wenn das evtl. nur meine Inkompetenz in Sachen Dirigatbeurteilung unterstreicht, finde ich es interessant, dass auf diese Weise in manchem Klumpen Dreck ein Körnchen Gold stecken kann :wink.
VG, stiffelio
Liebe Stiffelio,
dieser Eindruck ist nur natürlich, denn alles Gold wird ja eigentlich aus Dreck gewonnen. Auch ein M;ensch ist ja nicht ohne Weiteres gleich in einem Klumpen Lehm oder einer Rippe zu erkennen. :D
Zur Oper selbst: ich habe mir die DVD jetzt erneut angesehen, aber vor allem der öfters gelobte dritte Akt hat außer der mitreißenden Melodie des Duetts, die schon das Vorspiel in typisch frühverdianischer Banda-Manier dominiert, nicht viel zu bieten - jedenfalls in dieser Aufführung, der ich musikalisch und darstellerisch nicht genug abgewinnen kann, auch wenn mir die Dekorationen und Kostüme durchaus zusagen.
Ich fürchte, das bleibt vorerst mal eine Oper, die eher eine des interessanten Übergangs ist als für sich selbst heraus ragt. Es wäre aber interessant, mal eine gute Aufführung der eigentlichen Urfassung, LES MARTYRS, zu sehen, denn ich vermute, die ist näher an Corneille als Cammaranos Konfektionsware. Schade um den guten Stoff, der wirklich Besseres verdient, aber ich werde mich jetzt erst einmal um den TROVATORE bemühen.
:hello Rideamus
PS: wo die Zürcher Aufführung aus dem Ruder lief, und inwiefern sie gegen die Musik inszeniert war, würde mich aber auch interessieren, denn in dem YouTube-Trailer wirkt die Inszenierung zumindest nicht undurchdacht-
Severina (28.06.2012, 13:59): Lieber Rideamus,
nun, ich will gerne versuchen, Deine Frage zu beantworten, auch wenn ich dazu mein Gedächtnis sehr strapazieren muss, weil ich diese Vorstellung eher an mir vorbeiplätschern ließ, weil sie mich wie gesagt nur in wenigen kurzen Szenen gefangen nahm. Zur Vorbereitung studierte ich brav das Libretto und ahnte schon, dass "Poliuto" nicht wirklich etwas für mich sein würde. Als Agnostikerin tu ich mir mit Märtyrergeschichten naturgemäß schwer, ich verstehe zwar ohne Wenn und Aber, dass man sein Leben für einen geliebten Menschen opfert, nicht aber für einen abstrakten Gott. Gut, dann las ich weiter im Programmheft über das Inszenierungskonzept von Damiano Michieletto und fand seine Ideen sehr interessant: Nicht im antiken Rom sollen seine Helden in den Tod gehen, sondern in einem fiktiven totalitären System, der Kampf zwischen zwei konkurriernden Religionen wird abstrahiert zu einem zwischen Staatsgewalt und Individualismus, Poliuto, obwohl Exponent der Führungsschicht, sieht keinen Sinn mehr in diesem Lebensmodell, sucht spirituelle Werte und geht lieber selbstbestimmt in den Tod als gleichgeschaltet weiter einem Unrechtsregime zu dienen. Klingt faszinierend, und zunächst dachte ich mir auch "Toll, so könnte 'Poliuto' für mich funktionieren!" Leider ging es mir dann wie so oft, wenn mich die lichtvollen Erläuterungen eines Regisseurs überzeugt/neugierig gemacht hatten, dass ich mich bei der Aufführung dann fragte: "Und wo ist das jetzt alles?" Anregungen für sein Konzept fand der Regisseur bei Huxley, Orwell und Terry Gilliam, dessen Film "Brazil" offenbar Pate für das Bühnenbild gewesen ist. Da ich diesen Film nicht kenne, kann ich auch nicht beurteilen, wie gut/schlecht das aufgegangen ist. Auf keinen Fall ist es Michieletto aber gelungen, die beklemmende Atmosphäre von "Brave New World" oder "1984" einzufangen. Das Bühnenbild mit seinen Röhren und Leitungen erinnert an einen Heizungskeller - gut, so kann man Katakomben natürlich "modern" übersetzen. An Katakomben (oder noch mehr die Gipsabgüsse aus Pompei) erinnerten mich auch die in seltsamen Posen erstarrten Puppen, die überall herumlagen. Im nächsten Akt saßen sie dann aber plötzlich inmitten der uniform gekleideten und in ihren ritualisierten Bewegungen ebenfalls wie Puppen (Marionetten) wirkenden Teilnehmern der Vollversammlung, die Callistene einberufen hat. Also doch keine toten Märtyrer - was aber dann? Im ersten Bild zerrt Poliuto diese Puppen duch die Gegend, türmt sie dann übereinander, ohne dass das für mich einen Sinn ergeben hätte.
Natürlich hat die Inszenierung auch ihre Meriten, gibt es Momente, die schon überzeugen und unter die Haut gehen, und im Unterschied zur weitgehend nur albernen und völlig sinnfreien Ballo-Produktion muss man Michieletto zugestehen, dass er immerhin ein erkennbares Konzept vorgelegt hat, auch wenn es sich mir nicht in allen Details entschlüsselt hat. Vielleicht hätte es mit einem anderen Ensemble funktioniert, nicht aber mit einem völlig phlegmatischen Massimiliano Pisapia als Poliuto, der wie ein Hausmeister durch die Gegend schlurfte und seinen Part in einem Einheitsforte herunterbrüllte. Ich will dem guten Pisapia ja nichts unterstellen, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihn diese Oper ebenso langweilte wie mich.
Deshalb kann ich auch Stiffelios Frage nach der Charakterisierung der einzelnen Figuren kaum beantworten, weil zumindest mir weder bei Pisapia noch bei Cedolins etwas in der Art aufgefallen ist - sie sangen ihre Noten, viel mehr kam da nicht. Der einzige Ausnahme bildete Massimo Cavaletti als Severo, der nicht nur toll sang, sondern auch engagiert spielte. Er tritt zwar immer noch in soldatischer Montur, aber mit Krücken auf- der Krieg hat ihn körperlich, aber auch seelisch zum Krüppel gemacht, er ist schwer traumatisiert, extremen Stimmungsschwankungen unterworfen, die Hemmschwelle zur Brutalität liegt niedrig. Seine Eifersucht auf Poliuto hat etwas Existenzielles: Inmitten der Greuel des Krieges, von Tod, Gewalt, Zerstörung hat ihn offensichtlich nur der Gedanke an Paolina, an ein gemeinsames Glück (meinetwegen eine Idylle mit Gartenzwerg) vor der völligen Entmenschung, dem Irrsinn bewahrt, und nun wird er brutal aus diesem Traum gerissen, findet er sein Bett quasi besetzt vor. Damit ist er nun wirklich am Ende. Cavaletti gestaltete das Psychogramm dieses durch den Krieg Zerstörten sehr eindrucksvoll, und hätten auch alle anderen auf diesem Niveau agiert, fiele mein Urteil über diese Aufführung sicher positiv aus.
Unter die Haut gingen mir die Folterszenen, die in ihrem Realismus Teile des Publikums überforderten, denn schon vor der Pause gab es einzelne Unmutsäußerungen ("Aufhören!"), nach der Pause mehrten sich die Zwischenrufe. Abgesehen davon, dass es wohl wenig Sinn macht, sich über eine Inszenierung zu empören, wenn die Verursacher längst über alle Berge sind, fragte ich mich gerade da, was sich die Besucher eigentlich erwarteten: Leute, in "Poliuto" geht's um die Christenverfolgung, eines der blutigsten und grausamsten Kapitel in der Geschichte, und das muss ein Regisseur (meiner Meinung nach) auch exakt so rüberbringen. Klar, die Verhörszene Nearcos ging an die Nieren, aber genau so soll es auch sein. Die Buhs dafür kapiere ich absolut nicht. Wenn mir nach Buhen gewesen wäre - was ich noch nie getan habe - dann wegen des sinnlosen Pupperlherumschleppens o.ä.
Wo ging die Inszenierung gegen die Musik? Nun, speziell am Schluss, wo sich ein langer Zug halb toter, völlig apathischer Christen zur Hinrichtung schleppt und man den Eindruck gewinnt, sie wüssten überhaupt nicht mehr, was mit ihnen geschieht. Das steht in krassem Widerspruch zum Text wie auch zum euphorischen Charakter der Musik, nach der die Christen ja freudig in den Tod gehen. OK, man kann das natürlich für einen Quatsch halten, denn realitätsnäher ist sicher Michielettos Sicht auf den Gang in die Arena, aber Donizetti hat es nun einmal SO und nicht anders komponiert . "Lieti moriam per te" singen die Christen, und dann "O gioa!", aber die Szene zeigt genau das Gegenteil - da ist keine Spur von freudiger Opferbereitschaft oder Leichtigkeit angesichts des Todes. Diese Christen sind völlig passiv, körperlich und geistig längst gebrochen und weit entfernt, sich moralisch als Sieger fühlen zu können. So, das waren jetzt ein paar halbgare Anmerkungen zum Züricher "Poliuto", ich muss gestehen, dass ich mich an etliche Szenen kaum mehr erinnere..... Immer ein schlechtes Zeichen für den Regisseur, denn nicht einmal mein Ärger war so groß, dass ich ihm in einer Rezension Luft verschaffen hätte wollen. Die Aufführung ging mehr oder weniger an mir vorbei....
lg Sevi :hello
Rideamus (28.06.2012, 15:08): Liebe Sevi,
vielen Dank für diese ausführlichen Erinnerungen, die in etwa das spiegeln, was ich gefürchtet hatte. Ichb hatte nur ein wenig Hoffnung auf mehr, weil die üblichen Hetztiraden im wiener Forum gegen dieses Regietheater so heftig ausfielen, dass ich dachte, da könne vielleicht soch mehr dran sein.
Wer aber den dritten Akt nicht als euphorische Variante der Geschichte vom Feurigen Engel begreift, hat offensichtlich die Musik nicht verstanden. Die ist zwar denkbar weit von Prokoffief oder gar Penderecki entfernt, abwer man hört doch den ekstatischen Grundton überall, selbst wenn er in der Ouvertüre noch wie die Blaskapelle von Lampedusa/Viscontis Donnafugata klingt.
Dazu braucht es allerdings auch Sänger, die sich nicht nur darin erschöpfen, sich die Seele aus dem Leib zu singen, wieKunde und seine Parterin in Bergamo, sondern auch ein Gefühl davon vermitteln, dass sie wissen, warum sie das tun (außer für die Bravi vom Publikum).
Was Deine Kritik am Tenor der Handlung betrifft: ich würde sie nicht nur auf das fraglos vorhandene Märtyrermotiv reduzieren, denn der eigentlich spannende Konflikt ist doch der einer Frau zwiaschen drei Männdern: ein mächtiger Intrigant, der sie begehrt, ein stolzer Offuizier, den sie liebt, und ein Ehemann, an den sie mit einer Lüge verkuppelt wurde, den sie aber achten und schließlich lieben lernt. Der Callas traue ich zu, mit diesem Material trotz zuweilen uninspirierter Musik etwas anfangen zu können. Aber wer um alles in der Welt wäre der passende Tenorpartner? Kaufmann vielleicht, aber der hat Besseres zu singen. Carreras war es jedenfalls auch nicht, denn den hat die Aufnahme schon seiner greinenden Phase vor der großen Krise erwischt.
Scvhade, dass Latham-Königs Aufführung in Rom nur in einer so grottenschlechten Aufnahme vorliegt, denn die hätte vielleicht wirklich das Zeug gehabt, die beste bisher greifbare Darbietung zu sein.
:hello Rideamus
stiffelio (28.06.2012, 22:25): Lieber Rideamus Original von Rideamus vor allem der öfters gelobte dritte Akt hat außer der mitreißenden Melodie des Duetts, die schon das Vorspiel in typisch frühverdianischer Banda-Manier dominiert, nicht viel zu bieten da stimme ich dir zu, ich finde ja auch, dass der 3. Akt gegenüber dem 2. Akt abfällt. Es wäre aber interessant, mal eine gute Aufführung der eigentlichen Urfassung, LES MARTYRS, zu sehen, denn ich vermute, die ist näher an Corneille als Cammaranos Konfektionsware. Schade um den guten Stoff, der wirklich Besseres verdient, aber ich werde mich jetzt erst einmal um den TROVATORE bemühen. Oh ja, solltest du irgendwo auf eine "sichtbare" Aufführung von LES MARTYRS stoßen, lass es mich wissen. Derzeit scheint es die weder auf DVD noch im Internet zu geben. Auf youtube konnte ich nur Audioausschnitte finden (und das Finale 3. Akt, das offenbar dem 2. AKt im POLIUTO entspricht, nur in miserablem Ton). Wenn du nach dem TROVATORE nochmal Lust auf eine Diskussion über den Stoff verspüren solltest, bin ich jedenfalls sehr gerne wieder dabei. Denn ich finde die Konstellation immer noch hochspannend - und nach den Rudimenten, die ich bisher von Corneilles originalem Drama begriffen habe, teilweise sogar subtiler und vielschichtiger als die Vorlage, vor allem, was Severo und Poliuto betrifft. Die beiden kommen mir bei Corneille wesentlich holzschnittartiger vor: Poliuto als der reine Märtyrer, den außer seinem Martyrium fast nichts zu interessieren scheint und der auch noch wesentlich provokativer auftritt. Da bleiben selbst für mich nur überwiegend unsympathische Züge übrig. Severo als der humanistische, tolerante Heide, der in seinem Alles-verzeihen-und-verzichten geradezu Mozarts Titus Konkurrenz macht. Da finde ich die Opernfassung, in der sowohl Poliuto als auch Severo positive und negative Züge haben, wesentlich lebendiger. Corneilles Drama müsste eigentlich "Paolina" heißen, sie ist m.E. dort die eigentliche Hauptperson und auch am interessantesten gestaltet. Wobei ja auch die Opernfassung einer darstellerisch begabten Paolina einiges zu bieten hätte.
Schade, dass Latham-Königs Aufführung in Rom nur in einer so grottenschlechten Aufnahme vorliegt, denn die hätte vielleicht wirklich das Zeug gehabt, die beste bisher greifbare Darbietung zu sein. Musikalisch könntest du da recht haben, insbesondere Elisabeth Connell gefällt mir als Paolina weit besser als Paoletta Marrocu. Aber obwohl ich die Mimik nicht erkennen und daher nicht beurteilen kann - die Gestik bietet leider auch nicht mehr als eine überwiegende Stehpartie mit Standardgesten - für 1988 vieleicht verzeihlich, aber trotzdem schade. In dem Punkt ist mir Bergamo wesentlich lieber.
VG, stiffelio
stiffelio (28.06.2012, 22:56): Liebe Severina,
auch von mir vielen Dank für deine Mühe, dir eine an sich ungeliebte Aufführung uns zuliebe ins Gedächtnis zu rufen. Ich habe das Programmheft heute per Post bekommen und werde da bestimmt noch Fragen dran entwickeln. Für heute nur noch eine: ich habe in irgendeiner Zusammenfassung des POLIUTO gelesen, dass Severo sich am Schluss selbst umbringen will, aber entwaffnet wird. Es passt ja zu seinem letzten Satz "Ed io vivrò?", zu einem konketen Selbstmordversuch finde ich aber nichts im Libretto und konnte davon auch nichts in einer der mir bekannten Inszenierungen entdecken - wie war das in Zürich?
Leute, in "Poliuto" geht's um die Christenverfolgung, eines der blutigsten und grausamsten Kapitel in der Geschichte, und das muss ein Regisseur (meiner Meinung nach) auch exakt so rüberbringen. Wenn dir da Andeutungen nicht reichen, wird die Bergamo-DVD eher nichts für dich sein. Man sieht Nearco und Poliuto schon an, dass sie zwischen Verhaftung und Arena nicht ungeschoren davongekommen sind, aber konkrete Mißhandlungen werden nicht gezeigt (ist mir, wie du weisst, so indirekt auch lieber).
VG, stiffelio
Rideamus (29.06.2012, 10:16): Liebe Stiffelio,
wenn es auch mit POLIUTO und mir wahrscheinlich keine Liebesgeschichte mehr werden dürfte, möchte ich zumindest die Gelegenheit nutzen, Dich auf eine andere Belcanto-Oper Donizettis hinzuweisen, die Dir gefallen dürfte.
Ich meine LA FAVORITE oder deren italienische Version LA FAVORITA. Leider sind die beiden einzigen - nur im Netz greifbaren - Bildaufzeichnungen von ziemlich mäßiger Qualität, aber die Musik lohnt sich.
Mehr dazu später einmal.
:hello Rideamus
stiffelio (29.06.2012, 20:31): Lieber Rideamus,
über die Favoritin bin ich auch schon gestolpert. Meine Schwierigkeiten, mich ausführlicher mit ihr zu befassen, lagen mal wieder darin, dass ich kein deutsches oder englisches Libretto hatte. Aber auf deine Anregung hin habe ich heute nochmal gesucht und bei A...n ein (hoffentlich) englisches Libretto ausbuddeln können. Das ist jetzt bestellt und dann steht der Favoritin nichts mehr im Wege :wink
VG, stiffelio
stiffelio (29.07.2012, 18:34): Lieber Rideamus,
inzwischen konnte ich mich ein wenig in LA FAVORITE einsehen und -hören. Leider scheint es von dieser Oper ja wirklich weit und breit keine vernünftige DVD zu geben, so dass ich auf die zumindest optisch qualitativ mangelhaften Mitschnitte von youtube angewiesen bin. Als erstes hat es mich mächtig überrascht, wie ähnlich diese Oper dem POLIUTO im strukturellen Aufbau bis hin in manche einzelnen Szenen ist. Poliuto=Fernando Paolina=Leonora Severo=Alfonso Nearco=Baldassare Callistene=Don Gasparo o.k., bei Nearco und Callistene stimmen die Parallelfiguren nicht mehr ganz, Baldassare übernimmt allein aufgrund der Stimmlage auch Strukturen von Callistene. Und natürlich gilt es auch nicht für alle Szenen, aber allein der Anfang mit dem Chor, dann das Duett von Fernando und Baldassare, die Schlusszene des 2. bzw. 3. Aktes mit allen Hauptfiguren, der letzte Akt, der fast völlig auf die beiden Hauptfiguren zugeschnitten ist... das hat mich - wie gesagt strukturell - schon sehr an den POLIUTO erinnert. Bei der Musik gebe ich dir zumindest im letzten Akt recht - die hat mir tatsächlich besser gefallen als der letzte Akt im POLIUTO. Freilich besteht eine Oper für mich ja ganz wesentlich auch aus Handlung und ich bin auch optisch auf eine überzeugende Darstellung angewiesen. Es ist für mich nicht so leicht, diese einzelnen Elemente einer Oper auseinanderzudröseln und so liegt der POLIUTO bei mir im Gesamtpaket immer noch vorne. Auch, weil mir die Konflikte dort noch vielschichtiger und schärfer vorkommen und mich die speziellen Konstellationen dort immer noch schwer begeistern. Allerdings hätte er mir bei weitem nicht so gut gefallen, wenn ich nur die Versionen von youtube kennen würde, die mich darstellerisch und/oder von der Bildqualität her ja auch nicht überzeugt hatten. Ich hoffe also sehr, dass möglichst bald mal eine offizielle DVD in einer annehmbaren Inszenierung von LA FAVORITE erscheint, die ich garantiert sofort kaufen würde. Wenn du da mal auf einer Neuerscheinung stößt, lass es mich bitte wissen. Immerhin vermittelt mir Giuseppe Filianoti in der Inszenierung aus Las Palmas 2002 eine Ahnung davon, welches Potenzial in der Rolle des Fernando liegen kann.