im Grunde meines Herzens bin ich Prolet und Rock'n Roller. Überraschenderweise :D war ich in meinem ganzen Leben weder in einem klassischen Konzert noch in der Oper.
Eigentlich hätte ich Lust, mit dieser ehernen Regel zu brechen.
Unbehagen an diesem Vorsatz bereitet mir - neben dem allenthalben verbreiteten Wahn der Regisseure, Opern zu "modernisieren" und bedeutungsschwangere, wenn nicht gar politische Aussagen treffen zu wollen - indes meine absolute Ahnungslosigkeit vom herrschenden Dresscode bzw. die nicht vorhandene Garderobe. Leider habe ich niemanden, der mich diesbezüglich erleuchten könnte.
Hier also die dümmste aller anzunehmenden Fragen: Wie geht der Herr von heute in die Oper? Benötigt er einen Anzug (damit wäre ich raus aus der Nummer) oder zumindest Sakko und Schlips (würde mich, gelinde gesagt, nerven, wäre aber ein Kompromiß, den ich widerwillig eingehen könnte)? Gibt es so eine Art Türsteher, der einen nach Hause schickt, wenn man in Jeans und Pullover aufkreuzt? Oder gar feine Unterschiede, von denen ich in meiner Jungfräulichkeit nichts ahne (etwa: Figaro = Jeans erlaubt, Parsifal = never ever)?
Tja, mein Interesse an der Klassik ist eine sehr zarte, empfindsame Blüte. Irgendwie habe habe ich Angst, es für immer zu versauen. So etwa nach dem Motto: "Wie war dein erstes Mal?" - "Grauenvoll, nie wieder!" Kurz: Ich will mich wohlfühlen und genießen. Das kann ich aber nur in bequemen Klamotten.
Nochmals sorry für die doofe Frage - sie beruht zur Gänze auf Vorurteilen (siehe: moderne Inszenierungen). Ich hoffe zudem, dieses Forum ist dafür das richtige.
Liebe Grüße von Holger
Nicolas_Aine (31.10.2010, 12:47): also in der Oper war ich selbst nur etwa 2x, da bin ich jeweils mit Jeans und Hemd hin, wenn ich das noch richtig weiß, allerdings war ich damals 12 bzw. 15.
Wenn ich jetzt in Konzerte gehe (inzwischen bin ich 20), ziehe ich meist entweder eine normale oder schwarze Jeans und ein Hemd an. Generell tragen aber vor allem dann nicht mehr ganz so junge Leute meistens einen Anzug mit Krawatte, wobei man durchaus auch Leute sieht, die genauso wie ich gekleidet sind. Also Pflicht ist ein Anzug o.ä. zumindest in der Stuttgarter Liederhalle auf keinen Fall, und ich kann mir sowieso nicht vorstellen, dass man irgendwo wieder heimgeschickt wird, weil man unpassend gekleidet ist, die meisten Konzertveranstalter sind heute um jeden Besucher, der etwas Geld in die Kassen spült, froh. Das einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass evt. von anderen Besuchern dumme Kommentare kommen könnten, aber da sollte man ohnehin drüberstehen ;)
Severina (31.10.2010, 13:12): Ich bin zwar kein Mann :D, aber oft genug in der Oper, wo ich nicht nur auf die Bühne schaue :wink. Also, die Wiener Staatsoper ist nun gewiss ein traditionsreiches Haus, aber einen Dresscode gibt es hier schon lange nicht mehr, jeder darf/soll das anziehen, worin er sich wohl fühlt. (Einzige Einschränkung: Shorts im Sommer sind nicht erlaubt, da werden die Leute tatsächlich heim geschickt, was immer wieder zu erregten Disputen mit speziell amerikanischen Touristen führt!) Aber da an der WSO Restkarten kurz vor Vorstellungsbeginn billig an Studenten abgegeben werden, passiert es nicht selten, dass sich in der ersten Reihe Parkett Smokingträger neben Jeansträgern mit Schlabberpullover wieder finden. Speziell die Jungen und auch viele Leute mittleren Alters tragen ganz normale Alltagskleidung. Neben mir saß auch schon einmal ein älterer Herr im Jogginganzug!!
Ich bin eher der Jeanstyp und hasse es, mich zu "verkleiden", ich besuche die Oper wegen der Musik und nicht um dort zu paradieren. Also besteht mein normales Opernoutfit aus einer schwarzen Jean und diversen weißen und/oder schwarzen Shirts. Basta. Viel wichtiger als die Kleidung meiner Sitznachbarn ist mir ihre Körperpflege....
Ich hoffe, mit diesem Lokalaugenschein ist Dir gedient!
lg Severina :hello
Heike (31.10.2010, 13:13): Hallo Holger, ich gehe in Berlin oft in die Oper. Du kannst ganz beruhigt hier beliebig leger angezogen in jedes Haus gehen (Premieren mal ausgenommen, wo doch Abendgarderobe etwas mehr vorherrscht). Du wirst in sauberem Alltagsdress weder auffallen noch irgendwie mißbilligend angeguckt werden. Allenfalls würde ich dir raten, auf ausgelatschte Turnschuhe und Basecap zu verzichten ;-)
Ich würde mir nicht gerade ein verknittertes T-Shirt anziehen, aber mit gepflegter Hose (gern auch Jeans) und klassischem Hemd oder Pullover bist du gut im Trend. Heike
P.s. Da du Wagner magst, wie ich gelesen habe, kann ich dir den Tannhäuser an der DOB empfehlen, der im Dezember wieder mehrmals gespielt wird. Der hatte mir im letzten Jahr recht gut gefallen. Es wurde zwar eher klassisch inszeniert, aber mit subtilen Mitteln psychologisch überzeugend umgesetzt.
Holger (31.10.2010, 14:25): Liebe Fories,
so freundliche und so aufmunternde Antworten in so kurzer Zeit auf eine so blöde Frage - da bin ich angenehm überrascht und möchte mich ganz herzlich bedanken!
:down
Original von Heike
P.s. Da du Wagner magst, wie ich gelesen habe, kann ich dir den Tannhäuser an der DOB empfehlen, der im Dezember wieder mehrmals gespielt wird. Der hatte mir im letzten Jahr recht gut gefallen. Es wurde zwar eher klassisch inszeniert, aber mit subtilen Mitteln psychologisch überzeugend umgesetzt.
Ich möchte mir nicht die pauschale Aussage anmaßen, Wagner zu "mögen". Dafür kenne ich ihn bei weitem (noch) nicht gut genug. Aber es gibt eben Ouvertüren, die mir ans Herz gehen, darunter Lohengrin, Parsifal und eben der besagte Tannhäuser - ein HAMMER! Das macht mich rasend neugierig auf mehr. "Eher klassisch inszeniert" ist genau das, was ich mir wünsche. DANKE für Deinen Hinweis!
Mozarts "Figaro" sähe ich mindestens ebenso gern in einer "eher klassischen" Inszenierung. Da gibt es Gesangspartien, die mich einfach vom Stuhl hauen! Nur möchte ich sie mir nicht durch den Anblick von Nazis, Kettensägen, Schlammschlachten (und was sich Klein Holger sonst unter einer "zeitgenössischen" Darbietung vorstellt) verderben.
Schade, daß das Puppentheater, von dem in einem anderen Thread berichtet wird, nicht in Berlin gastiert. Das wäre vermutlich genau das Richtige für einen Anfänger wie mich.
Liebe Grüße und nochmals ein Dankeschön an Euch alle von Holger
Fairy Queen (31.10.2010, 20:46): Lieber Holger, deine Frage ist kein bisschen dumm- mich würde auch interessieren, wie gekleidet ich zu einem Autorennen gehen soll, wenn ich plötzlich Lust darauf hätte und da ich noch nie da war..... ?( Ich gehöre eher zu denen, die sich für die Oper chic machen, das liegt aber daran, dass ich eh gerne schöne Kleider anziehe und den Opernbesuch als ein besonderes Ereignis celebriere zu dem auch mein Outfit gehört. Wenn ich allerdings so oft wie Sevi in der Oper sein könnte, wäre dem gewiss nicht mehr so. Bein uns sieht man ebenfalls Alles- von Second-Hand-Jeans bis Dior. Es gibt in normalen Häusern wohl keinen Dresscode mehr. Wenn Du nicht gerade in Bayreuth oder bei den Salzburger Festspielen bist, kannst du hingehen, wie Du lustig bist. Hauptsache Du kannst es richtig geniessen. Bei dem, was ich von dir gelesen habe, solltest du vorerst wohl solche Häuser wie die KOB meiden. Der Figaro, den ich da gesehen habe, war eher zum Abgewöhnen- wenn ich vorher nie einen Figaro gesehen hâtte, wäre das mein erster und letzter Versuch gewesen. Heike gibt dir sicher den richtigen Rat! Ganz viel Freude bei dieser spannenden Entdeckungsreise!!!!! Erzähl uns bitte, wie 's war.
F.Q.
Holger (31.10.2010, 21:05): Liebe Fairy,
auch Dir ein Dankeschön!
Erzählen will ich gern. (Ich hoffe, Du erzählst dann auch vom Autorennen? :D)
Um mich vollends als Intellektueller zu etablieren, fehlt mir nun nur noch ein winziges Stück Insiderwissen.
Original von Fairy Queen
Bei dem, was ich von dir gelesen habe, solltest du vorerst wohl solche Häuser wie die KOB meiden.
Was, bitte, ist "die KOB"?
Königliche Oper Bamberg? Kammer ohne Besen? Kneipe ohne Bier?
Man weiß so wenig...
Liebe Grüße von Holger (der die KOB bereits jetzt nicht leiden kann!)
Armin70 (31.10.2010, 22:47): Hallo Holger,
"Kneipe ohne Bier"...das ist ja ne Horrorvorstellung... :J Bei der Abkürzung "KOB" handelt es sich vermutlich um die Komische Oper Berlin.
Ich persönlich bevorzuge auch eher einen klassisch-schlichten Kleidungsstil für einen Konzert- bzw. Opernbesuch (Sakko, T-Shirt oder Hemd aber ohne Krawatte und dunkle Jeans mit schwarzen Sneakers), denn schliesslich kommts mir dabei auf die Musik und nicht auf die Klamotten an, wobei ich mir vor dem Konzert und in der Pause gerne die anderen Konzertbesucher anschaue, was die so tragen. Allerdings halte ich mich dabei dezent am Rande des Foyers auf und tue so, als studiere ich aufmerksam das Programmheft.
Gruß Armin
Ingrid (01.11.2010, 00:26): Hallo Holger,
bin ein totaler Fan der Komischen Oper und im Gegensatz zu Fairy habe ich die Inszenierung mit "Premierenbesetzung" des Figaro sehr sehr gemocht. So ich es schaffe, möchte ich sie mir unbedingt noch einmal ansehen und -hören. Fand danach unseren Münchner Figaro, trotz Spitzenbesetzung und natürlich italienisch gesungen, stinklangweilig. Die neuen Meistersinger dort sollen auch sehr gut sein.
Aber zurück zum Bekleidungsthema. In Berlin war ich bei der Lohengrin-Premiere im letzten Jahr völlig daneben angezogen, da ich ganz zufällig dort vorbeikam und dann auch noch jemand eine günstige Karte anbot. Außer mir waren an dem Abend wirklich alle Damen in Abendrobe und die Begleiter dementsprechend fein angezogen. Habe mich da echt total geniert. Bei der Premiere am nächsten Tag in der KOB war ich dann wieder dem Anlass entsprechender bekleidet. In München achte ich vor allem darauf, dass es mir nicht zu heiß wird. Dünne schwarze Schlapperhosenanzüge sind meist zu allen Jahreszeiten meine Favoriten. Inzwischen gibt es aber auch dort immer mehr Leute in sportlicher Bekleidung. Allerdings treibt mir allein der Gedanke an dicke Denim-Jeans schon den Schweiß auf die Stirn.
Herzliche Grüße nach Berlin Ingrid
Fairy Queen (01.11.2010, 12:16): :times10 So verschieden sind hier die Geschmäcker! Wo soll der arme Holger nun hingehen und was soll er an-bzw ausziehen??????
Bilde dir am besten selbst ein Urteil- in Berlin ist die Auswahl ja reichlich gross und der Dresscode "Abendgarderobe" scheint nur noch in Salzburg oder bei Wagner-Premieren eine Rolle zu spielen. Die Berliner sehen das sowieso viel lockerer und "proletarischer" als die Süddeutschen, scheint mir. Aber selbst im modeverwöhnten Paris sieht man in der Oper normale Alltagkleidung. Daneben kann man sich sich allerdings auch an ausgefallenen Creationen ergötzen und ich gebe gerne zu, dass mir das âsthetisch sehr gefällt und ich deshalb keinesfalls weniger Wert auf die Musik lege als jemand in Jeans und T-Shirt. Was das Autorennen angeht: ich glaube, das wird in diesem Leben nichts mehr, denn allein von der Geräuschkulisse würde ich wahnsinnig. Aber wenn doch: was zieht man denn da an????? :D
F.Q. (= Frau ohne Quote) :hello
Holger (01.11.2010, 20:36): Original von Fairy Queen
So verschieden sind hier die Geschmäcker! Wo soll der arme Holger nun hingehen und was soll er an-bzw ausziehen??????
Wenn ick det wüßte! Wie denn nu? Und ob "Ausziehen" wirklich das Wahre wäre...? :D
Original von Fairy Queen Was das Autorennen angeht: ich glaube, das wird in diesem Leben nichts mehr, denn allein von der Geräuschkulisse würde ich wahnsinnig. Aber wenn doch: was zieht man denn da an????? :D
Hier der ultimative Link:
Boxenluder
:leb
Liebe Grüße vom Opernluder :rofl
Sfantu (01.11.2010, 21:41): Hallo Holger,
nachdem Du inzwischen ein bisschen die outfitbedingten Hemmungen überwunden haben dürftest, von mir noch eine Idee in Richtung: Wie spüre ich 'ne klassisch ausgestattete Inszenierung auf? Meines Wissens ist das Stammpublikum der Dresdner Semperoper eher eines, das den Modernes-Regie-Theater-Firlefanz kaum durchgehen lässt - hier könntest Du einigermassen sicher vor reihernden Punks, Exkrementen-Schlammschlachten oder Protagonisten sein, die ihre schönsten Arien in Zwangsjacken kopfüber hängend singen müssen...Auch bspw. in Russland bekommt man vorwiegend klassisch inszenierte und ausgestattete Opernabende geboten (zugegeben, bisken weit wech) - vielleicht bietet sich überhaupt mal ein Ausflug in ein grundanständiges Stadttheater ausserhalb vom dicken B an (Dessau, FF, Cottbus?) - auch dort sollte es inszenatorisch etwas braver zugeh'n.
Und überhaupt - Wagner, traditionell: Zwo Fliegen mit einer Klappe wären in etwa wie folgt möglich: Der Advent steht vor der Tür! Das ist die Hochsaison von Humperdincks "Hänsel & Gretel". Als bereitwillige Opfer eines nicht auszurottenden Missverständnisses wird dies nach wie vor von Vielen als "Kinderoper" begriffen - die armen Lütten!! Kinder sind mit sowas aus ähnlichen Gründen ähnlich überfordert wie seinerzeit mit dem düsteren "Polar-Express". Hier kannst Du nämlich einen Westentaschen-Wagner zum Reinschmecken kennenlernen ohne fünf Stunden mit Kreislaufkrisen durchstehen zu müssen. Für die Kurzen ist das viel zu wuchtig. Humperdinck schipperte nämlich munter in Wagners Fahrwasser - war zeitweise sein Mitarbeiter und später Lehrer von dessen Klein-Siegfried. Um dem übergrossen Schatten Wagners zu entkommen, wählte er den Schleichweg über Märchen-Opern und hatte Erfolg damit. "H & G" ist über manche Strecke recht sentimental, mal bieder, mal geheimnisvoll und schattenreich. Der "Abendsegen" gehört aber zum Schönsten, was ich je gehört habe. Also - in diesem Fall kannst Du Dich sogar in Latzhose und mit Fahrradhelm unter die (gewissen- oder ahnungslosen) Eltern mischen...
Viel Spass in jedem Fall!
:hello Sfantu
Holger (01.11.2010, 22:34): Lieber Sfantu,
danke für Deine Tips! :thanks
Humperndinck habe ich notiert.
"Semper-Oper" klingt in meinen Ohren irgendwie schrecklich heilig (vulgo: nach Schlips und Kragen).
Andererseits würde ich für eine biedere, werkgetreue Aufführung ja alle erdenklichen Kompromisse machen. (Ächz!)
Die Idee, sich eher abseits von Berlin umzusehen, finde ich prinzipiell jedenfalls nicht schlecht.
Wenn ich mich nur erinnern könnte, wo dieses Marionettentheater beheimatet ist, von dem irgendwo im Forum die Rede war!?! Gleich mal die Suchfunktion bemühen. Für einen kleinen Doofi wie mich wäre das bestimmt ein idealer Einstieg!
Liebe Grüße von Holger
Armin70 (01.11.2010, 22:54): Hallo Holger,
anbei Solitaires Bericht von dem Marionetten-Theater:
Original von Solitaire Ich will euch heute von einem ungewöhnlichen Freischütz erzählen, den ich vor einigen Tagen erlebt habe. Aufgeführt wurde er im Burgtheater. So der Name eines der wenigen in Deutschland noch (oder wieder) erhaltenen Papiertheater. Es befindet sich in Solingen auf der dortigen mittelalterlichen, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder errichteten Burganlage:
Spielleiter, Schauspieler, Bühnentechniker, Sänger, Hausherr, Faktotum, Buffetfräulein und vieles mehr ist Peter Schauerte – Lüke, der seit nahezu 30 Jahren diese alte Theaterkunst am Leben erhält, und seit 2001 sein Publikum im Bergischen Land mit Kindermärchen, Schauspielklassikern, Mozartopern etc. begeistert. In der aktuellen Spielzeit werden neben Märchen,Kindertheater, Gastspielen von Kollegen etc. die Opern „Don Giovanni“, „Die Zauberflöte“, „Die Entführung a.d. Serail“ und „Der Freischütz“ gespielt. Der Theaterleiter bestreitet nahezu die komplette Vorstellung alleine, er singt, spielt, ist sein eigener Bühnentechnikerund tut, was immer sonst noch getan werden muß. Bei Opernaufführungen unterstützt ihn manchmal eine professionelle Sopranistin, die z.B. im Don Giovanni die (stark gekürzten) weiblichen Rollen übernimmt. Im Freischütz aber singt Peter Schauerte – Lüke alle Rollen, vom Kaspar über Ännchen und Agathe bis zum Eremiten, selbst. Er hat einen ausgebildeten Bariton, und auch wenn seine Agathe nicht ganz mit Elisabeth Grümmer mithalten kann, singt er sie doch immerhin in Originallage. :cool Im Ernst: niemand wird in seine Opern gehen, um musikalisch den Jahrhundert-Freischütz zu erleben, wer sich jedoch darauf einlässt, diese alte Form der Familienunterhaltung zu erleben, dem kann erstaunliches widerfahren. Denn Peter Schauerte – Lüke ist ganz ohne Zweifel von einer leidenschaftlichen Liebe zum Theater infiziert, die sich auf das Publikum überträgt. Zu Beginn der Vorstellung gab es eine kleine Einführung in die Geschichte des Papiertheaters. Es entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als das gehobenene Bürgertum endlich die Möglichkeit hatte, sich Theaterbesuche zu leisten, Theater aber nur in großen Städten zu finden waren. Eine Oper oder ein Schauspiel zu erleben war also ein seltener Luxus. Man suchte nach Möglichkeiten, das Theater nachause zu holen und erinnerte sich der damals beliebten Ausschneidebögen für Kinder. Man begann, ganze Theater mit Bühnenbild, Vorhang, Proszeniumslogen, Schauspielern, Kostüme etc. auf diese Bögen zu drucken und zu verkaufen. Daheim wurde alles liebevoll ausgeschnitten, zusammengebaut und verklebt. Und wenn man es richtig gemacht hatte, hatte man ein richtiges kleines Theater mit Vorhang und Bühnentechnik. Gleichzeit brachten Verlage Textbücher mit bereits gekürzten Schauspielen und Opern auf den Markt, nach denen die Papiertheater bespielt werden konnten. Die Stücke dauerten zwischen 10 Minuten und einer guten Stunde. Da damals in nahezu jedem wohlhabenderen Haushalt musiziert wurde (glückliche Zeiten...) gab es immer jemanden, der ein passendes Instrument spielte oder zu den Vorstellungen sang. Peter Schauerte – Lüke bezeichnet das Papiertheater als „Vorgänger von Fernsehen und Playstation“. Nur das damals noch echte Kreativität gefragt war. Mit der Zeit gab es in vielen Städten Theater und irgendwann wandelten sich die Papiertheater von der Unterhaltung für Erwachsene zum Kinderspielzeug. Jetzt wurden Märchen gespielt, oft von Kindern für Kinder. Nach dem zweiten Weltkrieg geriet das Papiertheater nahezu vollständig in Vergessenheit, bis es Anfang der 80ger Jahre von einigen Nostalgikern wiederentdeckt wurde. Die alten Muster der Ausschneidebögen waren noch vorhanden und wurden neu aufgelegt, und heute wird wieder mehr und mehr Papiertheater gespielt oder zu Dekorationszwecken für’s traute Heim gebastelt. Herr Solitaire z.B. hat einmal an einer Papiertheaterversion des Kinderbuches „Wolfine“ mitgewirkt. Nach der Einführung ging es dann los: Licht aus, Ouvertüre an (vom Band), der Vorhang hebt sich, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Wie im großen Theater. Peter Schauerte – Lüke, der isch auch gern „Der Prinzipal“ nennt, singt zu Klavierbegleitung die er vorher von einem Pianisten hat einspielen lassen. Die Arien sind z.T. stark gekürzt, in seiner eigenen Stimmlage wird er aber manchmal ausführlicher und läßt z.B. Kasper alles singen, was auch Gottlob Frick oder Matti Salminen singen würden. „Der Prinzipal“ hat die Musik selber zusammengestrichen, und er hat das m.E. sehr gut gemacht. Szenisch ist das ein Freischütz völlig ohne Regietheater-Eskapaden, und man würde sich wünschen, daß sich gewisse Selbstdarsteller auf dem Regiesessel mal ein Beispiel daran nehmen. Bei Maxens Schuß aus Kaspars Büchse trudelt zu unser aller Vergnügen ein echter Papier-Steinadler vom Himmel, in der Wolfsschlucht glühen winzige Eulenaugen unheilvoll in die Dunkelheit, das wilde Heer rast ebenso über die Bühne wie das restliche von Weber vorgeschrieben Getier: der wilde Eber, ein unheimliches Gespenst etc. Das alles zur (jetzt vom kompletten Orchester gespielten) Wolfsschlucht-Musik und zu unheimlichen Echoeffekten beim Zählen der Freikugeln. Dann: eine sehr bekannte, aber völlig unwebersche Melodie. Das Holländer-Motiv erklingt, das Schiff des bleichen Mannes dem Erlösung einstmals noch werden kann rast über den Himmel und ein entnervtes „Captain! Wir sind in der falschen Oper! Auf nach Norwegen, zu Daland!“ ist zu hören ,was allgemeines Gekicher auslöst. Danach geht’s wie gewohnt weiter: Samiel erscheint, und der Papierteufel sieht wahrlich zum fürchten aus. Max fällt, der Vorhang auch, Pause.
In der Pause geht es zu wie in der großen Oper: Sekt oder Saft an der improvisierten Bar. Serviert vom Sänger, Spieler, Bühnentechniker persönlich. Es ergibt sich die Gelegenheit, ihm mitzuteilen, daß man diese Inszenierung viel schöner findet als jene von Achim Freyer...
Die Stärkung durch Alkoholika war nötig, denn jetzt ist das Publikum dran: den Brautchor gilt es mitzusingen, und kurz darauf den Jägerchor. Wir tun es mit Inbrunst und (mal wieder) mehr Begeisterung als wirklichem Können. Das Stück nimmt seinen üblichen Verlauf: Probeschuß, „Schieß nicht Max, ich bin die Taube“, die Papier-Agathe und Kaspar fallen um, der Eremit rettet die Situation, und ganz am Schluß erfahren wir noch, wie das mit Agathe und Max weiterging. Die haben nämlich tatsächlich geheiratet und 20 Kinder bekommen, von denen tragischer Weise nur 3 überlebt haben. Das Freikugel-Rezept wurde unter der hand über Generationen weitergegeben, in späteren Jahrzehnten verschlug es Maxens Nachfahren nach Amerika, und heute sitzt einer von ihnen im Pentagon und arbeitet an einer streng geheimen Geheimsache Zwecks Ausbildung amerikanischer Scharfschützen. Und so kommen wir dann doch noch zu ein bisschen Regietheater.
Nach der Vorstellung ist es Brauch, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, und da kann man die Theatermaschinerie, das wilde Heer und den Steinadler bewundern. Und fragt sich, wo Peter Schauerte – Lüke die übrigen 3 Arme versteckt hat, die er doch ganz sicher braucht um sein Theater zum Leben zu erwecken. Der Prinzipal mit einigen seiner Darsteller:
Don Giovanni:
Und ja: man kann es als Kitsch sehen wenn man will, aber ich finde es einfach zauberhaft. Man bekommt einen Eindruck davon, was Theaterbegeisterte Menschen gemacht haben, die nicht die Möglichkeit hatten, eine DVD oder eine CD einzulegen.
Kommendes Jahr sind u.a. der Holländer geplant und ein Projekt „Der komplette Ring in 45 Minuten“.
Die Homepage des Burgtheaters in Solingen bietet weitere Infos, siehe hier.
Gruß Armin
Holger (01.11.2010, 23:04): Ach, Armin,
ick könnt Dir knutschen!
Hab nämlich bei der Suchfunktion hoffnungslos versagt. Oder sie bei mir. Oder irgendwas.
Jedenfalls:
:down :down :down :down :down
Ich danke Dir!
Liebe Grüße von Holger
Fairy Queen (02.11.2010, 07:19): Lieber Sfantu, einfach köstlich! :leb :leb :leb Lieber Holger, für eine Karriere als "Boxenluder" bin ich definitiv niicht geeignet, bleibe also lieber in der Oper als bei Autorennen..... :( :hello
Solitaire (02.11.2010, 09:50): Hallo Holger! Wenn dich Puppentheater interessiert, wäre vielleicht auch das hier was für dich: Salzburger Marionettentheater auf DVD Die Scheiben sind nicht ganz billig, lohnen sich aber. Und sie sind garantiert ohne Kettensägen, Naziuniformen und Schlammschlachten! Außerdem führt Sir Peter durch die Stücke :down
Zum Dresscode: ich mache das je nach Lust und Laune. Wenn ich vor der Oper arbeiten muß, habe ich keine Gelegenheit mehr mich umzuziehen,da die Vorstellung 15 Minuten nach Dienstschluß anfängt. (Ich arbeute genau gegenüber vom Theater). Also gehe ich in Alltagsklamotten. Wenn ich aber Zeit habe,bretzele ich mich nach Strich und Faden auf und spiele Prinzessin :D
halten zu Gnaden, daß Ihro Empfehlung zu sehen und ihr zu folgen, eins war!
Einer meiner spontansten Spontankäufe überhaupt! (Bin ich jetzt ein Sponti...?)
Freue mich schon tierisch auf den "Figaro"!
Liebe Grüße von Holger
Solitaire (02.11.2010, 17:27): Werter Holger! Es freuet mich gar sehr, daß meine Empfehlung Anlaß zu solcher Spontantat war! :beer Viel Spaß!
miranda (03.11.2010, 00:43): Lieber Holger,
ein sehr schönes Marionettentheater mit Opernprogramm gibt es in Prag (Information in Englisch unter http://mozart.cz/onas.php. Ich habe dort Orpheus und Eurydice von Gluck gesehen, ganz wunderbar.
Eine kleine Bitte: lass doch ab jetzt deine Demutsgesten à la "entschuldigt nur, dass ich nicht alles weiß". Nach einer Weile nutzt sich der Effekt ab.
Viel Spaß bei deinen weiteren Entdeckungen!
Miranda
Holger (03.11.2010, 10:35): Liebe Miranda,
danke für den Tip!
Original von miranda Eine kleine Bitte: lass doch ab jetzt deine Demutsgesten à la "entschuldigt nur, dass ich nicht alles weiß". Nach einer Weile nutzt sich der Effekt ab.
Ich werde mich bemühen. :wink Wobei es mich tatsächlich (und nicht im Sinne bewußter Koketterie) eine gewisse Überwindung kostet, hier Beiträge zu veröffentlichen. Ist eben alles Neuland.
Danke jedenfalls für Deinen Hinweis!
Liebe Grüße von Holger
Holger (06.11.2010, 02:29): Original von Solitaire
Hallo Holger! Wenn dich Puppentheater interessiert, wäre vielleicht auch das hier was für dich: Salzburger Marionettentheater auf DVD
Liebe Solitaire,
heute kamen die DVDs. Eigentlich wollte ich "nur mal eben nebenbei" den Figaro einlegen - um ihm auf der Stelle zu verfallen und das Fernsehprogramm Fernsehprogramm sein zu lassen. Wie könnte ich es über das Herz bringen, diese zauberhafte Musik zu unterbrechen...?
Nochmals vielen, vielen Dank für Deinen fantastischen Tip!
:thanks
Eine so märchenhafte Inszenierung würde ich mir für "mein erstes Mal" in der Oper wünschen!
Übrigens konnte ich - noch immer gebeutelt von der dritten CD des "Parsifal" - den boshaften Gedanken nicht unterdrücken, daß Wagner, hätte er nur halb so viele melodische Einfälle gehabt wie Mozart allein im "Figaro", daraus 10 Opern gemacht hätte...
Urks, ich weiß, ich versündige mich. :haha Nix für ungut, vor allem nix gegen Wagner, der stellenweise wahnsinnig ergreifend ist. Schließlich und endlich bietet die DVD des Marionettentheaters ja auch "nur" eine Art "Best of". Dennoch läßt mich das Gefühl nicht los, daß Mozart eine Klasse für sich darstellt.
Und jetzt fiebere ich dem "Perdono, perdono" ganz am Schluß entgegen, bei dem ich jedesmal heulen muß. :I Bevor das hier jemand mitkriegt, verabschiede ich mich doch lieber ganz schnell. Will schließlich mein Image als harter Hund nicht gefährden!
Viele Grüße von Holger
peter337 (14.11.2010, 11:50): Lieber Holger!
Ich denke, dass sich Wagner gedacht hat ich kann es besser,als der Wolferl, dafür sind Opern rausgekommen, die manchmal - im Ganzen - an die 16 Stunden dauern. Bis die Brünnhilde den Scheiterhaufen betritt, singt sie ja noch "Starke Scheite schichtet mir dort" net einmal das kann sie alleine machen.
Als ich den Waldvogel sang, lang ists her, da habe ich immer starken Kaffee trinken müssen, denn sonst wäre ich, bis ich dran kam - in Frieden entschlafen, wenn's net so laut gewesen wäre.
Bayreuth, ich meine bereut, hätte ich es nur beim "Holländer" oder bei dem auch so langen "Tannhäuser", die Herzerl Elsa - "Lohengrün" - dauert mir auch zu lange und erst der "Tristan" bis die Isolde endlich singt "Mild und leise wie er lächelt" dabei müsste er von dem Gesangel, jederzeit aus jeder noch so jederer Milderei in Rage kommen.
So, und jetzt kann man mich Banause nennen, ich bin Kummer gewöhnt . ?( ?( ?(
Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello :hello
peter337 (14.11.2010, 12:03): Original von Severina Ich bin zwar kein Mann :D, aber oft genug in der Oper, wo ich nicht nur auf die Bühne schaue :wink. Also, die Wiener Staatsoper ist nun gewiss ein traditionsreiches Haus, aber einen Dresscode gibt es hier schon lange nicht mehr, jeder darf/soll das anziehen, worin er sich wohl fühlt. (Einzige Einschränkung: Shorts im Sommer sind nicht erlaubt, da werden die Leute tatsächlich heim geschickt, was immer wieder zu erregten Disputen mit speziell amerikanischen Touristen führt!) Aber da an der WSO Restkarten kurz vor Vorstellungsbeginn billig an Studenten abgegeben werden, passiert es nicht selten, dass sich in der ersten Reihe Parkett Smokingträger neben Jeansträgern mit Schlabberpullover wieder finden. Speziell die Jungen und auch viele Leute mittleren Alters tragen ganz normale Alltagskleidung. Neben mir saß auch schon einmal ein älterer Herr im Jogginganzug!!
Ich bin eher der Jeanstyp und hasse es, mich zu "verkleiden", ich besuche die Oper wegen der Musik und nicht um dort zu paradieren. Also besteht mein normales Opernoutfit aus einer schwarzen Jean und diversen weißen und/oder schwarzen Shirts. Basta. Viel wichtiger als die Kleidung meiner Sitznachbarn ist mir ihre Körperpflege....
Ich hoffe, mit diesem Lokalaugenschein ist Dir gedient!
lg Severina :hello
Liebe Severina!
Wie Du kommst,ich meine in die Oper, ist egal, Dein Fachwissen ist entscheidend, da kann ich nur so vor Neid erblassen und gelbgrün werden, denn ich nehme lieber alles auf die" Schaufel".
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello
Severina (14.11.2010, 12:08): Lieber Peter, also, zu Neid besteht kein Anlass, denn mein Fachwissen ist mehr als bescheiden! Ich beurteile Oper nur aus dem Bauch heraus, also so, wie ich es empfinde. Du ziehst in Deinem herrlichen Opernführer immer wieder Werke durch den Kakao, die ich noch nie in meinem Leben gehört habe - also wer ist da jetzt der Fachmann??? (Abgesehen davon, dass ich nie das Waldvöglein gesungen habe :wink - zum Segen der Opernwelt übrigens! :D :D :D)
lg Sevi :hello
peter337 (14.11.2010, 12:12): Original von Severina Lieber Peter, also, zu Neid besteht kein Anlass, denn mein Fachwissen ist mehr als bescheiden! Ich beurteile Oper nur aus dem Bauch heraus, also so, wie ich es empfinde. Du ziehst in Deinem herrlichen Opernführer immer wieder Werke durch den Kakao, die ich noch nie in meinem Leben gehört habe - also wer ist da jetzt der Fachmann??? (Abgesehen davon, dass ich nie das Waldvöglein gesungen habe :wink - zum Segen der Opernwelt übrigens! :D :D :D)
lg Sevi :hello
Liebe Severina!
Das Waldvöglein das ist schon so lange her, ich beschränke mich, in meiner Beschränktheit, lieber Opern durch den Kakao zu ziehen - und mich auch.