ECM Records

Joe Dvorak (23.06.2022, 01:27):
ECM (Edition of Contemporary Music) ist ein deutsches Plattenlabel, das 1969 von Manfred Eicher gegruendet wurde. Das Programm von ECM erstreckt sich von Jazz ueber Moderne Klassik bis zu Bach und davor - Grenzueberschreitungen in graduellen Abstufungen dazwischen, sowie in Richtung Film und Weltmusik inklusive. Das Label wurde mit seiner speziellen musikalischen Aesthetik, einer charakteristischen Klangproduktion und der eigenen Covergestaltung ueber Jazz- und Klassik-Zirkel hinaus bekannt und konvertierte nicht selten Anhaenger des einen zum andern in beide Richtungen.

Wie haben sie das gemacht? Angefangen hat es als 'normales' Jazz-Label. Die ersten Aufnahmen waren noch vom Nachhall der Free Jazz Bewegung durchdrungen. Doch bald aenderte sich die Richtung.
Hier muss ich kurz ausholen und mir erklaeren, was Jazz eigentlich ist. Eine klare Definition gibt es nicht, d.h. es gibt keinen Satz von Merkmalen, die zwingend vorhanden sein muessen. Wenn 'Hot'-Phrasierung, 'schmutzige' Tonbildung, swingender Rhythmus und Improvisation vorhanden sind, dann hat man es fast sicher mit Jazz zu tun, aber oft fehlen mehrere dieser Elemente und trotzdem empfindet man es als Jazz. Man weiss es einfach. Oder in den Worten von Louis Armstrong: If you have to ask what jazz is, you'll never know.
ECM, bzw. seine Protagonisten (von den Kuenstlern ueber die Tontechniker bis zum Produzenten) haben -sehr vergroebernd ausgedreuckt und nicht fuer alle geltend- die von vielen Musikfreunden eher als unaesthetisch (derb, schrill, nervoes) empfunden Merkmale zurueckgenommen, sie haben den Jazz 'schoen gemacht', aber -wichtig- ohne ihm die kuenstlerische Integritaet zu rauben. Niemand wird behaupten koennen, dass Sargasso Sea, ein absolutes Schluesselalbum fuer diese 'neue Aesthetik', belanglose Musik sei. Damit wurden dem Jazz neue Hoererschichten erschlossen. So etwas erweckt immer Argwohn und Hardliner hatten schnell das Urteil weichgespuelt fuer den Massengeschmack gefaellt. Aber welcher Musiker koennte etwas dagegen haben, dass ihm viele Leute zuhoeren wollen, solange er sich dafuer nicht allzusehr verbiegen muss? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ralph Towner und John Abercrombie ins Studio gingen und sich gesagt haben: lass uns mal etwas seichten Mist fuers Volk einspielen und damit die fette Kohle machen. ECM wurde bald so sehr zum Synonym fuer seine Aesthetik und seinen Sound, dass "ECM-Jazz" als eigener Stil wahrgenommen wurde. Und wie bei jeder Stilrichtung gibt es Gelungenes und weniger Gelungenes - aber bei keiner anderen fallen mir so viele Alben fuer die Ewigkeit ein.

Warum erzaehle ich das alles, wo es hier doch um Klassik gehen soll? Deswegen, weil ECM bald darauf mit der Modernen Klassik genau dasselbe gemacht hat. Unter dem Sub-Label ECM New Series veroeffentlichten sie zeitgenoessische Komponisten, die sich meist ohnehin schon auf der zugaenglicheren Seite des Spektrums der Neuen Musik befanden und entschaerften das mit ihrer Klangproduktion noch weiter. Ob ein Steve Reich oder Arvo Part ohne ECM ihren heutigen Status erlangt haetten, darf zumindest hinterfragt werden. Mitte der 80er wagte man den naechsten Schritt. Mit Schuberts Klaviersonate D.960 wurde zum ersten Mal 'richtige' Klassik aufgenommen. Natuerlich im ECM-Sound und damit der Klassik neue Hoererschichten, die sonst ihrer Lebtage nicht auf die Idee gekommen waeren, sich Schubert anzuhoeren, erschliessend. Dafuer bin ich Zeitzeuge. ECM war damals im meinem Dunstkreis so angesagt, dass ueber die Schubert-CD gemutmasst wurde: Wenn die das aufnehmen, dann ist es vielleicht gar nicht mal so schlecht. Ich habe mir das Album jedenfalls gekauft. Zu der Zeit hatte ich gerade mal zwei Klassik(i.e.S.)-LPs im aechzenden Regal. Heute bin ich im Klassikforum. Vielleicht hilft diese Geschichte, zu verstehen, warum ich die Augenbrauen hochziehe, wenn man sich ueber das Label echauffiert. Es erschliesst der Kunstmusik neue Hoereschichten. Selbst auesserst missratene, aber massenhaft verkaufte Projekte, wie die Zusammenarbeit des Hilliard Ensemble mit Jan Garbarek koennten den einen oder die andere dazu bewegt haben, sich auch mal Perotin anzuhoeren. Die Mehrheit wird das ohne Saxophon vielleicht langweilig finden, aber eine halbe Handvoll faengt Feuer und graebt in dieser Richtung weiter. Bildungs-Mission erfuellt und einen Haufen Kohle gemacht. Mehr geht kaum.

Was meint ihr dazu? Kennt ihr das Label? Habt ihr Aufnahmen? Oder anders gefragt, interessieren euch Aufnahmen gezielt, weil sie von diesem Label kommen? Achtet ihr da ueberhaupt darauf oder zaehlt nur, wer spielt? (Etwa: Witzig! Ich habe gerade zufaellig das Schumann-Album mit den Geistervariatonen von Andras Schiff laufen und jetzt, wo du es sagst, sehe ich, dass da ECM New Series draufsteht...)
Sfantu (25.06.2022, 19:25):
Ein Label-Faden zu ECM?
Sfantu gefällt das!

Vieles von dem, was Du schreibst, Joe aus dem Mitte-Reich, empfinde und betrachte ich genauso.
ECM-Alben begleiteten mich (fast) von Beginn meiner aktiven Hörerei an. Bei meiner ersten Freundin lief Garbareks Twelve Moons rauf und runter. Das war damals der Startpunkt, von dem aus ich unsystematisch weiter forschte - trial and error inklusive: was Garbarek von da an ausstieß, empfand ich als sukzessive weniger erträglich bis hin zu peinigend. Die älteren Sachen von ihm dagegen schienen mir interessanter. Hatte gestern auf Deinen Impuls hin Witchi-Tai-To seit Langem mal wieder auf dem Plattenteller. Ein weiterer ECM-Star, bei dem mal Tops und mal Flops aus der Wundertüte kamen und kommen, ist Pat Metheney. Ja, auch ich und ähnlich gesinnte Freunde führten ziemlich bald das Wort vom "ECM-Jazz" im Munde. Sphärisch oder meditativ sind Eigenschaften, die mir hierzu in den Sinn kommen. Von Art Lande hatten wir`s gelegentlich ja schonmal. Voyage von Chick Corea und Steve Kujala gehört zu meinen all time favorites wie auch Einiges von Eberhard Weber.

Was mich aber stutzig machte, ist dieser Satz:
Mitte der 80er wagte man den naechsten Schritt. Mit Schuberts Klaviersonate D.960 wurde zum ersten Mal 'richtige' Klassik aufgenommen. Natuerlich im ECM-Sound und damit der Klassik neue Hoererschichten, die sonst ihrer Lebtage nicht auf die Idee gekommen waeren, sich Schubert anzuhoeren, erschliessend.
Komponierte und notierte Musik bleibt doch zunächst einmal, was sie ist. Inwiefern sollte der ECM-Sound Schubert für neue Hörerschichten erschließen?
Ich habe als ECM new series-CDs u. a. Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87 mit Keith Jarrett oder Bach-Cellosuiten mit Thomas Demenga. Im Hörvergleich mit konkurrierenden Vergleichseinspielungen macht sich für mich kein spezifischer ECM-Sound bemerkbar.

Wie ist das Label Moods einzuschätzen? Kopierten sie ECM? Oder lag diese Art Sphären-Jazz damals einfach in der Luft?
"Was ECM sein Towner, isch bei uns ebbe der Dauner"
Joe Dvorak (27.06.2022, 04:48):
Sphärisch oder meditativ als Eigenschaften des "ECM-Jazz". Da stimme ich nur zoegerlich zu, bzw. nicht ohne zu betonen, dass das selten auf Kosten der jazzigen Essenz geht, das was mich eben gerade nicht ruhig im Sessel sitzen laesst. Manchmal wird die Grenze auch ueberschritten; Terje Rypdals After the Rain faellt mir ein, ist aber trotzdem einer meiner Favoriten im Katalog. Ich habe mir angelesen, dass die Besonderheit des "ECM-Jazz" darin bestehen soll, dass mehr auf die klassische abendlaendische Musik zurueckgriffen wird und weniger auf Spiritual & Blues. Da ist was dran, wenn auch sehr verallgemeinernd. Man liest fuer diese Art von Musik auch die Bezeichnung Kammerjazz.

Wie auch immer, ich bin maechtig angefixt. Es wird gesagt, dass sich der Musikgeschmack sehr frueh ausbildet und sich dann nur noch wenig veraendert. Die Musik, zu der man das erste Bier gekoepft hat, bleibt. Auch da ist was dran. Wenn ich mir die alten Sachen wieder anhoere, dann resoniert das auf eine ganz besondere Weise, weil diese Musik 'impraegniert' ist.

Mitte der 80er wagte man den naechsten Schritt. Mit Schuberts Klaviersonate D.960 wurde zum ersten Mal 'richtige' Klassik aufgenommen. Natuerlich im ECM-Sound und damit der Klassik neue Hoererschichten, die sonst ihrer Lebtage nicht auf die Idee gekommen waeren, sich Schubert anzuhoeren, erschliessend.
Komponierte und notierte Musik bleibt doch zunächst einmal, was sie ist.
NIcht wenn Afanassiev spielt. ECM-Sound meint hier nicht alleine das warme, von metallischer Schaerfe freie Klangblild, sondern auch die sehr langsamen Tempi, die verinnerlichte Spielweise, die Abwesenheit eines pathetisch-theatralischen Gestus. Das mag nicht die ideale Weise sein, Schubert zu spielen, konnte aber fuer jemanden, der das klassisch-romantische Solo-Piano bis dahin als "Geklimper" empfunden hat, einen Zugang ebnen. (Aber ca. 35 Jahre spaeter empfinde ich es wieder so. :D )
Joe Dvorak (28.06.2022, 02:28):
Ich will noch die im Eingangsbeitrag gestellte Frage, ob euch (hier: Klassik-)Aufnahmen gezielt interessieren, weil sie von diesem Label kommen, fuer mich beantworten. Ja, unbedingt. Wenn ich von einem einzigen Label mehr als drei Dutzend Jazz-Platten als 'unverzichtbar' bewerte, dann interessiert mich zwangslaeufig auch, was sie in einer meiner anderen Geschmackssauelen produzieren. Saties Messe de Pauvres habe ich gekauft, weil sie bei ECM rausgekommen ist. Es gibt bessere Aufnahmen, die ich aber ohne diese erste Entdeckung wohl nie gehoert haette. Wer ausser ECM koennte etwas wie Heinz Rebers Mnaomai, Mnomai bringen? Es gibt immer wieder spannende Werkkopplungen. Klaviermusik von Schubert und Schoenberg zum Beispiel. Beiden alleine fuer sich wuerde ich kaum die Zeit einer CD-Laenge opfern, im erhellenden Wechselspiel tue ich das gerne. Sicher gibt es in der New Series auch Zweifelhaftes. Alles, was ich von der viel aufgenommen Komponistin Eleni Karaindrou gehoerprobt habe, fand ich schnell zum Abschalten.
Lange Rede gar kein Sinn: Ich verfolge die Aktiviteten des Labels lose und lande heute noch ab und an einen einen Volltreffer, wie das juengst das im Geradehoerfaden gezeigte Kurtág/Dvořák-Album.
Philidor (28.06.2022, 07:32):
Ich weiß gar nicht mehr, was meine ersten ECM-Scheiben waren. Kandidaten sind eine Pärt-CD mit dem Te Deum, dem Magnificat und der Berliner Messe, Pärts Johannespassion und Keith Jarretts Aufnahme von Bachs WK I. Gut, Letzteres war nicht gerade ein Brüller, aber es war meine erste Aufnahme des Werks, darum fiel mir das nicht so auf ... "Wir hatten ja nix ..." ;)

Dann fanden das "Köln Concert" sowie Jarretts "Standards Vol. 1/2" ziemlich schnell den Weg in mein Regal.

Wirklich geflasht hat mich dann Kanchelis "Vom Winde beweint" (mit Schnittkes Violakonzert) mit Kim Kashkashian. Ab diesem Moment habe ich den werblichen Botschaften der ECM geglaubt, und die reduktive Aufmachung in Schwarz und Weiß und Grautönen verband sich mit der gelieferten Musik plötzlich zu einem schlüssigen Gesamtkonzept. Ach ja, Gesualdos "Tenebrae" mit dem Hilliard Ensemble kamen noch.

Aber der Kancheli war schon Sonderklasse.
Joe Dvorak (04.07.2022, 05:16):
Sphärisch oder meditativ als Eigenschaften des "ECM-Jazz". Da stimme ich nur zoegerlich zu, bzw. nicht ohne zu betonen, dass das selten auf Kosten der jazzigen Essenz geht, das was mich eben gerade nicht ruhig im Sessel sitzen laesst. Manchmal wird die Grenze auch ueberschritten; Terje Rypdals After the Rain faellt mir ein, ist aber trotzdem einer meiner Favoriten im Katalog. Ich habe mir angelesen, dass die Besonderheit des "ECM-Jazz" darin bestehen soll, dass mehr auf die klassische abendlaendische Musik zurueckgriffen wird und weniger auf Spiritual & Blues. Da ist was dran, wenn auch sehr verallgemeinernd. Man liest fuer diese Art von Musik auch die Bezeichnung Kammerjazz.
Hier muss ich etwas entzoegern, nachdem ich im Katalog geblaettert habe und etliche einst besessene (selbst gekaufte, auf Kassette aufgenommene, in der WG dauerhaft ausgeliehene) Alben wieder in den aktiven Bereich des Gedaechtinsses gezogen wurden. Es gibt doch einige Platten, die fast vollstaendig in die sphärisch-meditative Kategorie fallen, Shankars Vision, David Darlings Cycles, John Surmans Road to Saint Ives, aber dann gibt es welche, die kein einziges der oft stereotyp unterstellten Merkmale des "ECM-Jazz" aufweisen, etwa Old New Dreams s/t oder alles von Jack DeJohnette's Special Edition.

Man kann es vielleicht so formulieren: Typische Merkmale des "ECM-Jazz", die einzeln oder zusammen vorkommen, sind: 1. Sphärische oder meditative Grundstimmung (lange Toene oder ausladende Melodieboegen im Wechsel mit Stille; Einsatz von Streichern oder Keyboards) 2. Abwesenheit (oder mehr lautmalerischer Einsatz) des Schlagzeugs oder der kompletten Rhythmusgruppe, 3. Verwendung klassisch-abendlaendlischer oder europaeisch-folkloristischer Harmonien (Akkordfolgen/Skalen) - aber nicht jede Jazz-Platte, die aus dem Hause ECM kommt, ist "ECM-Jazz".