Rideamus (01.02.2010, 11:38): Wie ich soeben erfahre, wird Simon Rattle im Mai an der Berliner Lindenoper eine absolute Rarität zur Aufführung bringen, die ich jedem dringend ans Herz legen möchte, zumal er mit Magdalena Kozena eine vrzügliche Besetzung der Hauptrolle hat. Es handelt sich um Emmanuel Chabriers Operette L'ÉTOILE, die ich nachfolgend im Detail vorstellen möchte. Hier aber vorab mal die Besetzung:
L'étoile / Der Stern Oper von Emmanuel Chabrier Musikalische Leitung: Simon Rattle Inszenierung: Dale Duesing Bühnenbild: Boris Kudlicka Kostüme: Kaspar Glarner
König Ouf I. - Jean-Paul Fouchécourt Lazuli - Magdalena Kožená Prinzessin Laoula - Juanita Lascarro Siroco - Giovanni Furlanetto Fürst Herisson de Porc-Epic - Douglas Nasrawi Aloès - Stella Doufexis Tapioca - Florian Hoffmann
Die Aufführungsdaten findet Ihr hier: http://www.staatsoper-berlin.de/de_DE/repertoire/447452
:hello Rideamus
Rideamus (01.02.2010, 11:54): Zunächst einmal einige Informationen über Chabrier selbst, der bei uns noch erstaunlich unbekannt ist, sieht man einmal von seinen Konzerthits wie der (eher untypischen) sinfonischen Rhapsodie ESPANA ab. Diese Informationen sind eine überarbeitete Fassung eines Artikels, den ich vor Jahren mal für ein anderes Forum geschrieben habe:
Stark vereinfacht gesagt, kann man sagen, dass Chabrier eine Brücke von Berlioz und Wagner, deren Werk ihn stets faszinierte, zu Debussy bildete, dem er mit seiner starken Affinität zum Impressionismus den Weg ebnete. Er war mit den meisten der großen französischen Künstler seiner Zeit befreundet, darunter Baudelaire und vor allem Paul Verlaine, der ihm zwei Operettenlibretti schrieb, die Chabrier jedoch nur unvollständig vertonen konnte, und mehreren großen Malern, darunter Edouard Manet, der sogar ein berühmt gewordenes Portrait von ihm malte.
Chabrier, der zwar auch eine formelle Musikausbildung erhielt, das meiste (auch Klavierspielen) jedoch von seiner sehr musikalischen Mutter lernte und als Autodidakt weiter entwickelte, studierte getreu der Familientradition Jura und verdiente, nicht unähnlich dem nur 30 Jahre jüngeren und in seiner Musik noch radikaleren Versicherungsmakler Charles Ives, lange Zeit sein Geld als Anwalt und Angestellter der französischen Regierung, bis er diese Stellung nach 20 Jahren aufgab um sich ganz der Musik zu widmen. Dies ermöglichte es ihm, trotz beständig mangelnden Erfolges mit eigensinniger Originalität seinen eigenen Weg zu verfolgen. Noch Gustav Mahler erkannte in der Rhapsodie ESPANA "die Wurzel aller modernen Musik", und Maurice Ravel bekannte, von keinem anderen Komponisten so sehr beeinflusst worden zu sein wie von Chabrier.
Ist Chabrier deshalb ein früher "Neutöner"? Mitnichten. Er entzog sich lediglich allen gängigen Konventionen zugunsten eines virtuosen Einsatzes der Klangfarben, mit denen er ähnlich umging wie seine malenden Freunde mit den richtigen. Das wurde auch von den meisten seiner komponierenden Zeitgenossen neidlos anerkannt. Sie konnten es sich leisten, weil sie bei diesem heiteren musikalischen van Gogh nie in Gefahr waren, in der Gunst des Publikums von ihm überschattet zu werden. Anders als die impressionistischen Maler ist aber der Klangimpressionist Chabrier bis heute unpopulär geblieben und steht tief im Schatten seines - eigentlich viel schwierigeren - Nachfolgers Debussy, der jedem sofort einfällt, wenn von musikalischem Impressionismus die Rede ist.
Vermutlich hätte sich das auch nicht geändert, wenn seine letzten Jahre nicht durch eine fortschreitende Lähmung getrübt worden wären, die ihm große Schmerzen bereitete und, bereits drei Jahre vor seinem frühen Tod in einer Heilanstalt, die Vollendung seiner letzten Oper BRISEIS verhinderte. Dennoch gibt es wenig Komponisten, die - nicht nur in Anbetracht seiner Lebensumstände - das Prädikat eines "fröhlichen Optimisten" so uneingeschränkt verdient hätten wie er, und wie es seine Werke bis heute glücklicherweise zum Ausdruck bringen, ohne das man ihnen jemals den Vorwurf der populistischen Plattheit machen könnte.
Wer sich mit den Orchesterwerken dieses großartigen Komponisten vertraut machen möchte, kann unbedenklich zu dieser neuerdings erfreulich preiswerten Einspielung nahezu aller Orchesterwerke unter der Stabführung von Michel Plasson greifen:
Hier geht es mir aber vor allem um seine Bühnenwerke, die ich gerne in den nächsten Tagen und Wochen vorstellen möchte, beginnend natürlich mit L'ÉTOILE.
:hello Rideamus
Fairy Queen (01.02.2010, 12:06): Lieber Rideamus, da scheint nicht nur Magdalena Kozena gut zu sein, sondern man kann die Gesamtbesetzung wohl uneingeschränkt empfehlen. Ich hoffe Du wirst uns von dieser Aufführung berichten und es gibt eine Übertragung irgendwo für diejenigen die 1000km weg sind....
Ich habe diese Oper auch erst vor kurzer Zeit(auf deine Empfehlung, versteht sich) kennengelernt, obschon sie hier in Frankreich auch nciht selten als Studentenproduktion an den Conservatoires manchmal gemacht wird. Ich finde sie musikalisch serh schön und phantasievoll und was die Inszeneirung angeht, hat man ganz viele Möglichkeiten. Bin gespannt, wie das von Dale Duesing ausserhalb Frankreichs gemacht werden wird. F.Q.
Severina (01.02.2010, 16:37): Leider ist diese Aufführung auch außerhalb meiner Reichweite, aber Rideamus' beharrliche Tropfen haben nun auch meinen Stein gehöhlt, "L'Etoile" ist eben auf meine nächste Bestellliste bei a.... gewandert. :D Dale Duesing - das ist doch ein Sänger, oder? Wenn der also inszeniert, müsste es eine sängerfreundliche Produktion werden! (bei einer anderen würde auch Furlanetto gar nicht mitmachen, der gilt als extrem konservativ, was Regie betrifft.) lg Severina :hello
Rideamus (03.02.2010, 06:23): Noch kann ich nur hoffen, dass ich diese Aufführung sehen kann, aber ich werde es natürlich versuchen.
Als weiteren Eindruck von Chabriers Originalität gebe ich Euch hier mal eine Fundsache, auf die ich bei meiner Recherche zu L'Étoile gestoßen bin, nämlich Patricia Petibon mit dem Lied "Les Eternuements": http://www.youtube.com/watch?v=XqCiHJNhHy0. Natürlich ist die herrliche Instrumentation" nicht reiner Chabrier, aber sie passt köstlich.
Ein guter Anlass, auf diese grandiose Sängerin hinzuweisen, die einen eigenen Thread verdient:
Mal sehen, wann ich dazu komme. Jetzt ist erst mal L'Étoile dran, das sie übrigens auch ganz vorzüglich singt.
:hello Rideamus
Fairy Queen (03.02.2010, 07:50): Den Lobeshy-mnen für Patricia Petibon kann ich mich nur anschliessen. Eine der besten derzeit aktiven frz. Sopranistinnen. :down :down :down Sie hat leider das Pech zur selben Generation und anfangs auxch zum selben Stimmfach zu gehören wie ihre Landsmännin Natalie Dessay und stand ein wenig in deren Schatten. Aber das gehört nicht mehr zu Chabrier sondern in einen anderen Thread.
F.Q.
Heike (03.02.2010, 08:29): Lieber Rideamus, herzlichen Dank für den Hinweis auf diese Berliner Aufführung, die ich mir nicht entgehen lassen werde, so ich es irgendwie terminlich hinkriege! Rattle und Oper und dann noch mit seiner Frau in der Hauptrolle - das ist in jedem Fall spannend. Wenn man dann noch so eine wunderbare Einführung dazu vorab geliefert bekommt, dann macht das natürlich doppelt Spaß. Denn von Chabrier habe ich vorab noch nie gehört und vermutlich wäre ich ohne den Beitrag auf diese Oper gar nicht aufmerksam geworden. Heike
Rideamus (03.02.2010, 10:02): Liebe Hebre,
vielen Dank für die Vorschusslorbeeren, aber ich habe die eigentliche Enführung doch noch gar nicht eingestellt. Jetzt aber löse ich mein Versprechen ein, jedenfalls den ersten Teil, der noch auf einem - natürlich überarbeiteten - älteren Text fußt:
Ich sehe diese von Chabrier als Opéra bouffe bezeichnete musikalische Komödie als Operette an, weil Offenbach seinen besten Operetten diese Bezeichnung mitgab und ich ziemlich sicher bin, dass Chabrier sein Werk in deren Tradition sah. Allerdings ist es eine der besten und anspruchsvollsten Operetten überhaupt, und niemand sollte Probleme damit haben, wenn man sie ungeachtet ihrer Kennzeichnung durch den Komponisten als veritable Opéra comique in der Tradition eines Boieldieu oder Adam bezeichnet, obwohl sie in ihrem Anspruch weit über deren primär gefällige Tonsprache hinaus geht. Das hat auch Vincent d'indy so gesehen, als er nach der ersten Rundfunkübertragung des Werkes 1934 schrieb:
"L'ÉTOILE. Diese magischen Worte haben seit nunmehr fünfzig Jahren in den Gedanken vieler Künstler herumgespukt. Sie haben sogar Opernintendanten verfolgt, denn es gibt keinen, der nicht davon geträumt hätte, dieses legendäre Werk für ein Publikum von Kennern so heraus zu bringen, wie es ihm gebührte. Es ist allen wahren Musikern lieb und heilig - ein Juwel von französischer Operette, in dem die Narretei und die Poesie dieses anderen Offenbach mit all dem Charme, der Eleganz und dem sprudelnden Reichtum präsentiert werden, zu dem dieser in der Lage war, obwohl er sich dessen nicht einmal bewusst war und deshalb nie danach strebte."
Starkes Lob. Dennoch ist kein Wort übertrieben, wie man schon beim ersten Hören spürt und beim wiederholten immer besser erkennen kann. Das Libretto von Eugène Leterrier und Albert Vanloo folgt der damals schon schwindenden Mode der orientalischen Narretei, weshalb es den Librettisten auch nicht erspart blieb, mit einem Bühnenanfänger zusammen zu arbeiten. Thematisch erinnert es nicht von ungefähr an Rossinis L'ITALIANA IN ALGERI, mit der es den ausgelassenen Geist teilt, obwohl es sich musikalisch in einer sehr anderen Welt aufhält.
Ich kenne das Werk in zwei verschiedenen Fassungen und folge hier im Weiteren der inzwischen wohl gängigen Version John Eliot Gardiners, die er nach deren Erstaufführung in Lyon 1986 vor etwa einem Jahr mit nur wenigen Änderungen auch nach Paris brachte. Die von Désiré-Emile Inghelbrecht 1934 aufgeführte Fassung, die dieser auch 1957 für den französischen Rundfunk aufgenommen hat, weicht in einigen Teilen in der Reihenfolge von ihr ab, vor allem aber in der Besetzung des Straßenhändlers Lazuli mit einem Tenor (Joseph Peyron), während Gardiner die Rolle den Sopranistinnen Colette Alliot-Lugaz (Lyon) und Stephanie D’Oustrac (Paris) gab. Leider konnte ich nicht sicher feststellen, welche Fassung die ursprüngliche ist, oder ob beide Möglichkeiten von Chabrier autorisiert wurden, denn schon Ernest Ansermet ließ in seinem - mir leider nicht bekannten - Querschnitt von 1941 die Rolle von der Sopranistin Ninon Vallin singen.
Vermutlich aber war die ursprüngliche Besetzung ein Tenor. Die Änderung ist jedoch in mehrfacher Hinsicht zu bevorzugen, wie sich noch zeigen wird, und hat sich wohl als Standard eingebürgert, denn auch Jean-Marie Zeitouni hat in seinen Aufführungen an der New York City Opera, in Montreal und anderen Städten Nordamerikas (ich habe eine Aufnahme aus Cincinnati) diese Praxis beibehalten. Nun aber zu der versprochenen Detailanalyse:
L’ÉTOILE !. AKT
Der süffig-verführerische Charakter der Musik wird schon in der Potpourri-Ouvertüre deutlich, in der wir erstmals der bezaubernden Titelmelodie begegnen, die wir, ebenso wie die Tonfolge des Namens Laoula, noch öfter hören werden. Als Anhänger Wagners kannte Chabrier natürlich die Idee des Leitmotivs. Sein freier Gebrauch davon ähnelt aber eher dem der Idée fixe eines Berlioz.
Die Ouvertüre beginnt eher konventionell mit ein paar Marschtakten, überrascht dann aber schon zum ersten Mal mit einer ganz anderen Wendung und warnt uns vor, dass hier - im Gegensatz zum Libretto - musikalisch nichts so laufen wird, wie man es erwartet. Nicht von ungefähr wurde Chabrier mehrfach dazu angehalten, "einfacher" zu schreiben, weil die Musiker und Sänger des Ensembles, die eher schlichte Musikstrukturen gewohnt waren, schon protestierten, wenn eine zweite Strophe anders lief als die vorherige, und mit Arbeitsverweigerung drohten, als sie die Partitur einstudierten. Damit hatten sie allerdings auch den Ehrgeiz des Direktors gereizt, der sich nicht nachsagen lassen wollte, seine Musiker seien schlechter als andere. Es wurden also viele zusätzliche Proben genehmigt, die auch nötig waren. Für unsere heutigen Ohren mag das überraschend sein, aber je mehr man in das Detail schon der Ouvertüre schaut, um so erstaunlicher erscheinen die immer neuen Überraschungen, die dennoch so zwangsläufig klingen, als könnten sie gar nicht anders. Schon deshalb verdiente auch diese Ouvertüre, wie alle Orchesterstücke von Chabrier, einen häufigeren Einsatz im Konzert.
Der erste Akt beginnt in einem morgenländischen Königreich, dessen Herrscher König Ouf I. die Angewohnheit hat, sich am Vorabend seines Geburtstages inkognito unter das Volk zu mischen um jemanden zu finden, der etwas Schlechtes über den König sagt. Dieser wird nämlich anderntags öffentlich gefoltert und hingerichtet - ein Vergnügen, das Oufs Volk als festen Höhepunkt seiner Geburtstagsfeiern erwartet. Das Volk aber ist gewarnt, und in einem komisch-verschwörerischen Chor warnt man einander zur Vorsicht (Mélons-nous).
In diese bedrohliche Stimmung geraten die nichtsahnenden Gesandten des Nachbarkönigs, Hérisson de Porc-Epic (Stachelschwein) und sein Sekretär Tapioca, der mit Hérissons Frau Aloes, der Vertrauten der gleich ihr ebenfalls mitgereisten Prinzessin Laoula, ein Verhältnis pflegt. Laoula soll mit Ouf verheiratet werden um zwischen den verfeindeten Nachbarn Frieden zu stiften und einen gemeinsamen Erben hervor zu bringen. Zunächst aber wollen sie inkognito bleiben um sicher zu stellen, dass in dem Land alles mit rechten Dingen zugeht. Auch ihr, mit Dialogpassagen unterbrochenes, Quartett (Nous voyageons incognito) zerstört schnell alle Erwartungen auf einen vorhersehbaren Ablauf, denn es folgt vor allem der Sprachmelodie und unterstreicht den Witz der Situation, zumal Laoula erst jetzt den eigentlichen Zweck der Mission erfährt, mit dem sie natürlich überhaupt nicht einverstanden ist.
Aus der Pariser Aufführung vom Dezember 2008. Regie: Mascha Makaieff u. Jerome Deschampss. http://chanteur.net/spectacles/20071219-OperaComique-Etoile.htm In diese Gemengelage tritt (bei Gardiner) der nichtsahnende Straßenhändler Lazuli mit einem Auftrittslied, das nichts mehr mit den schlichten Auftrittscouplets anderer Operetten zu tun hat. Lazuli ist müde und will sich in seinem Karren schlafen legen. Zuvor aber beschwört er den hellsten Stern (O petite étoile), ihm zu sagen, ob seine Träume in Erfüllung gehen werden. Dieses nur oberflächlich schlichte, tatsächlich aber beständig modifizierte Strophenlied ist von einer dermaßen bezaubernden Aura, dass ich es nur mit dem wunderschönen Lied an den Mond aus Dvoraks RUSALKA vergleichen kann. Schon deshalb ist die Entscheidung, es von einer Frauenstimme singen zu lassen, mehr als gerechtfertigt, weil der normale französische Operettentenor kaum in der Lage ist, die Innigkeit und Unschuld dieser Traumbeschwörung einzufangen. Colette Alliot-Lugaz macht das in der Lyoner Aufnahme traumhaft. Man kann es hier in einem Ausschnitt aus der Pariser Aufführung hören und sehen: "http://www.youtube.com/watch?v=KayhpIWFuog&feature=related". Es gibt das Lied auch in einer, auf YouTube leider total übersteuerten, konzertanten Darbietung von Patricia Petibon, die sich aber ihrer fantastischen Interpretation wegen trotzdem anzuhören lohnt, obwohl es weh tut: „http://www.youtube.com/watch?v=VtjzXyydatw&feature=related“
Während Lazuli schläft, kommen die abenteuerlustigen Laoula und Aloes hinzu und beschließen, den hübschen Fremden zu kitzeln um ihn aufzuwecken (Il faut le chatouiller). Dieses etwas konventionellere Duett beginnt wie ein neckisches Duett aus Humperdincks HÄNSEL UND GRETEL, wo es nicht deplatziert wäre, bricht dann aber immer wieder in scheinbar freie Extemporés aus, die es immer näher an die komplexere Stimmführung der scherzenden Frauen von Verdis - formal strengeren - FALSTAFF rücken. Auch dieses Duett vermag zu bezaubern, ist aber nur eine Zwischenstation zu dem ursprünglichen Auftrittslied Lazulis (Je suis Lazuli), das nur noch in dem konventionellen Text an ein gewöhnliches Auftrittscouplet in der Tradition Offenbachs erinnert. YouTube bietet es in einer historischen Aufnahme mit Fanely Revoil: „http://www.youtube.com/watch?v=F6k74VyUkjM“.
Es beginnt wie ein munteres Vorstellungscouplet im Stil Offenbachs, kippt aber schon nach wenigen Takten in eine, dem Dialog folgende, intensive Anmache um. Lazuli verkauft nämlich alles, was Frauen Freude macht. Urplötzlich bahnt sich Chabriers Liebe zur Prosodie ihren Weg. Auch darin bleibt er seinem Vorbild Wagner treu, dem ebenfalls der Text oft wichtiger war als die geschlossene melodische Form. Der weit ältere Verdi, der Chabrier dennoch überlebte, fand erst in seinen späten Opern zu einer derartigen Differenzierung, wie Chabrier sie bereits in seinem ersten Bühnenwerk praktizierte. Es waren Freiheiten wie diese, die seinen Komponistenkollegen immer wieder große Bewunderung abgenötigt haben.
Dann endet die erst Strophe so munter, wie sie begann. Wir sind aber wieder mal vorgewarnt, und auch Orchester und Sänger(innen) müssen aufpassen wie Schießhunde. Bequem ist das nicht, aber ungemein reizvoll. Man darf sich bei Chabrier nie einfach zurücklehnen um den erwarteten Fortgang eines Stückes zu genießen. Es folgt ein typisches Listenlied. Kaum hat man sich jedoch behaglich darin eingerichtet, kommt eine weitere, noch überraschendere Wendung, ein kleiner Marsch, mit dem Lazuli behauptet, dass dank seiner raffinierten Kosmetik Mutter und Tochter wie Schwestern aussähen. Es folgt eine Wiederholung, aber auch das nur scheinbar, denn winzige Veränderungen, die auf den Text Rücksicht nehmen, zeigen immr wieder, dass Wiederholungen für Chabrier alles andere als Routine sind.
Nach diesen ausführlichen Expositionsteilen folgt sofort das große Finale: Herisson de Porc-Epic kehrt zurück um die Frauen zu holen und gibt Laoula als seine Gattin aus, zerrt sie aber davon, bevor sie protestieren kann. Lazuli ist am Boden zerstört, hat also genau die richtige Laune für den noch immer verkleideten Ouf, der ihn heuchlerisch befragt, was er von der Regierung halte. Wütend über die für ihn völlig irrelevante Frage, verpasst ihm Lazuli eine Ohrfeige. Nun enthüllt sich Ouf in seiner ganzen künstlichen Empörung und echten Grausamkeit. Er hat sein Opfer für die Tortur und anschließende Hinrichtung gefunden. Lazuli ist der Tod egal. Die Frau, die er liebt, ist verheiratet, sein Leben hat keinen Sinn mehr.
Auch das Volk freut sich und gibt in einer raffiniert-mutierten Neuauflage eines Motivs von FISCH-TON-KAN, dem Operettenfragment, das Chabrier nach einem Libretto Paul Verlaine vertont hatte, mit einer Pseudoklage Ausdruck, deren munterer Rhythmus sein angeblich so entsetztes Mitgefühl Lügen straft. Der Höhepunkt ist dann die nicht weniger verlogene, geradezu süßlich walzernde Einladung Oufs an Lazuli, es sich auf dem Folterstuhl bequem zu machen.
Donnez-vous la Donnez-vous la Donnez-vous la Peine de vous assoir Mon bon ami, vous allez voir.
(Macht euch das Vergnügen, euch zu setzen, lieber Freund, und ihr werdet schon sehen). Das Wortspiel um die Pein ist sicher kaum zufällig gewählt.
Beim Lesen dieser Zeilen mein man, ganz von selbst auf die Melodie zu kommen, auf die Chabrier verfiel, aber das stimmt natürlich nicht. Man hat sich nur wieder von Chabriers Talent einfangen lassen, seine höchst komplexe Musik dem Wort anzupassen und ihrer Komplexität eine Tarnkappe vermeintlicher Schlichtheit überzuziehen. Jeder andere, auch Offenbach, hätte hier wahrscheinlich ein im engsten Wortsinn fürchterliches Theater veranstaltet, nicht aber der an und mit Verlaine geschulte Chabrier. Nicht zum ersten und letzten Mal, hier aber besonders deutlich, erzielt Chabrier einen höchst komischen, aber auch nachhaltig erschreckenden Effekt durch die Kontrastierung des Textinhalts mit der Wahl seiner Komposition.
In diesem schon recht extremen Fall ist sie nicht weniger grotesk, aber mindestens so hintersinnig wie Johann Strauß' genialer Walzer aus SIMPLICIUS, mit dem er das Massenschlachten des Dreißigjährigen Krieges zelebriert. Augenblicke höchster Grausamkeit kann man eben auch musikalisch oft nur durch die sarkastische Ausformulierung ihres genauen Gegenteils kennzeichnen. Sowohl Chabrier als auch Strauß, der aber die Hilfe eines Regisseurs braucht um seinem Publikum auf die Sprünge zu helfen, waren mit diesem Verfremdungseffekt ihrer Zeit mindestens ein halbes Jahrhundert voraus.
Das Thema dieses großen Ensembles bestimmt den Rest des Finales. Oufs Hofastrologe Siroco kommt aufgeregt hinzu und berichtet Ouf, dass das Schicksal des jungen Mannes mit dem seinen untrennbar verbunden sei, denn Ouf müsse 24 Stunden nach dessen Tod sterben, und er, der Astrologe selbst, nur 15 Minuten danach. Beide haben also allen Grund, Lazuli zu verwöhnen statt zu töten. Nunmehr wird das trügerische Lied mit seinem passenden Inhalt gefüllt. Ouf lässt Lazuli vom Folterstuhl in eine Sänfte und in seinen Palast bringen. Laoula ist verräterisch erfreut darüber. Das Volk aber ist enttäuscht, fast wütend, dass es heuer keine Hinrichtung geben wird. Als braves Volk und eingedenk der beständigen Gefahr, selbst auf dem Folterstuhl zu landen, beteiligt es sich jedoch an Oufs Einladung: Donnez-vous la...
Man sieht und hört: nicht nur das Orchester und die Solisten, auch der Chor muss höchsten Ansprüchen gerecht werden, wenn diese nur scheinbar harmlose Operette angemessen umgesetzt werden soll. Hier hat Gardiners Einspielung gegenüber den Rundfunkaufnahmen, die ich kenne, ihre besonderen Stärken. Mag ihr manchmal der letzte Schwung, auch eine gewisse Leichtigkeit fehlen, die Differenzierungen der Partitur sind bei ihm und seinem Ensemble in besten Händen.
Eine Analyse des zweiten Aktes folgt im Laufe der nächsten Tage.
:hello Rideamus
Heike (03.02.2010, 10:17): Lieber Rideamus, aber du hattest es ja schon versprochen :-) Hier geht es mir aber vor allem um seine Bühnenwerke, die ich gerne in den nächsten Tagen und Wochen vorstellen möchte, beginnend natürlich mit L'ÉTOILE.
Ich habe mir übrigens gerade eben schon ein (Premieren)Ticket gebucht, leider kann ich nur an dem besagten Sonntag, aber zum Glück sind die preiswerten Preisklassen alle noch verfügbar gewesen! So, also dann hoffe ich natürlich sehr, dass auch du das Vergnügen des Dabeiseins haben wirst und wir uns dann hier ausführlich drüber unterhalten werden :beer Heike
Severina (03.02.2010, 12:47): Original von Hebre Lieber Rideamus, aber du hattest es ja schon versprochen :-) Hier geht es mir aber vor allem um seine Bühnenwerke, die ich gerne in den nächsten Tagen und Wochen vorstellen möchte, beginnend natürlich mit L'ÉTOILE.
Ich habe mir übrigens gerade eben schon ein (Premieren)Ticket gebucht, leider kann ich nur an dem besagten Sonntag, aber zum Glück sind die preiswerten Preisklassen alle noch verfügbar gewesen! So, also dann hoffe ich natürlich sehr, dass auch du das Vergnügen des Dabeiseins haben wirst und wir uns dann hier ausführlich drüber unterhalten werden :beer Heike
Liebe Heike, meine neiderfüllten Gedanken werden Dich (und hoffentlich auch Rideamus!) begleiten, noch dazu, wo Juanita Lascarro singt, die mich vorige Woche so als Poppea begeistert hat! Eine wunderbare Singschauspielerin, wie sie gerade für "L'Etoile" nötig ist. lg Severina :hello
Rideamus (20.02.2010, 13:16): L’ÉTOILE Vor dem Zweiten Akt erklingt zunächst ein kurzes Zwischenspiel, das noch einmal - in diesmal dezidiert heiterer Weise - das eigentlich grausame Thema des „Allez-vous là “ aufgreift.
!I. AKT
Wenn der Vorhang wieder aufgeht, sehen wir Lazuli, wie er von Hofdamen aus Oufs Harem verwöhnt wird. Sie tun sich nicht schwer damit, denn sie finden ihn absolut hinreißend. („Ah! Le charmant garcon“ / Oh,. Der charmante Junge) Lazuli erwidert ihre Zuneigung mit einem „Brindisi“, einem Trinklied, in dem er bekennt, dass er wohl träume: „Vrai dieu! J’ai fait un reve enchanteur“ (Großer Gott, ich träumte etwas Zauberhaftes). Irgendwie schafft er es, nicht nur zu singen, sondern auch weiter zu trinken, und wieder variiert Chabrier ein Strophenlied auf köstliche Weise, indem er dem zweiten Vers das trunkene Lallen Lazulis einkomponiert, der all die schönen Mädchen um ihn herum küssen will, bevor er aufwacht.
Aus der Pariser Aufführung von 2008 mit Stephanie d'Oustrac als Lazuli Da treten Ouf und Siroco herein, wie stets bemüht um das Wohlergehen ihres ungewollten Schützlings, und nun verschwinden die Mädchen tatsächlich. Lazuli ist schlagartig ernüchtert, denn er stellt fest, dass er faktisch ein Gefangener ist. Es gelingt ihm zwar, durch das Fenster auszusteigen, aber Ouf und Sirocco können ihn noch abpassen und zur Rückkehr überreden, indem sie ihm versprechen, dass er vogelfrei sein kann, wenn er es will. Für’s Erste beruhigt, kehrt Lazuli zurück, erinnert sich aber, dass er eigentlich in eine verheiratete Frau verliebt ist. Besorgt erkundigen sich die beiden, ob der Ehemann der Geliebten sehr eifersüchtig ist, und sie geraten fast in Panik, als sie in einem frechen Couplet, das als Muster zahlloser späterer und typisch französischer Chansons gedient haben könnte, erfahren, dass Lazuli noch nie Schwierigkeiten mit Ehemännern hatte. Im Gegenteil, sie sind sehr nützlich um die Frauen zu unterhalten, wenn sie einem zuviel werden:
Quand on aime, est-il utile De se torturer l’esprit Pour cet obstacle futile Que l’on appelle un mari?
Wenn man liebt, ist es denn nötig Zu zermartern sich den Kopf Um den Ehemann? Vierschrötig Ist er meist, und auch ein Tropf.
Überhaupt, wenn er Sperenzchen macht, kann man ihn ja zum Duell fordern und ihm die Ohren lang ziehen. Dieses Lied kann man, gesungen von der legendären Fanely Revoil, in der ersten Hälfte dieses YouTube-Tracks hören, dessen zweiter Teil, die Erzählung von Lazulis Rettung aus dem See, im dritten Akt dran kommt: http://www.youtube.com/watch?v=o9fo2xdZNog
Kurz darauf kommt der vermeintliche Ehemann Laoulas, Prinze Hérisson de Porc-Epic herein. Siroco will ihn sofort abführen lassen, da er ein Duell fürchtet, aber Hérisson klärt das Missverständnis auf, durch das Laoula erfährt, dass sie mit Ouf verheiratet werden soll. Sie fällt in Ohnmacht. Laoulas Begleiter Tapioca und Aloués wollen sie wiederbeleben, aber erst dem schwärmerischen Lazuli gelingt das mit einem Kuss. Dieses „Kussquartett“ ist einer von Chabriers erlesensten Einfällen, auf den man, wie s oft bei ihm, kaum jemals bei der Lektüre des Textes kommen könnte, denn während der größte Teil des Textes mit der sehnsüchtigen Annäherung und dem abschließenden Kuss verbraucht wird, lässt Chabrier einen regelrechten Minutenwalzer über der abschließenden Zeile aufblühen: Ah! Cela va mieux Cela va mieux Cela va mieux Grace à ce baiser là.
Ah! Jetzt ist es gut. Jetzt ist es gut, Jetzt ist es gut, Dank diesem Kuss.
Eine dermaßen erfolgreiche Therapie muss zwecks nachhaltiger Wirkung natürlich wiederholt werden, und diesmal verläuft die zweite Strophe ausnahmsweise fast genauso wie die erste. Laoula verrät Lazuli, dass sie eine Prinzessin ist, aber bevor das Missverständnis vollkommen aufgeklärt werden kann, stürzt Ouf herein und fordert Lazuli auf, die Prinzessin sofort zu entführen, damit sie nicht dem eifersüchtigen Ehemann in die Fänge geraten. Die beiden lassen sich nur zu gern auf das Spiel ein. und Laoula erfüllt Oufs Wunsch, ihm ein wenig dankbar zu sein, was sie ihm gerne in einem munteren Couplet bestätigt: „Moi, je n’ai pas une ame ingrate“ (Ich habe keine undankbare Seele).
Wiederum schließt Chabrier dieses vermeintlich schlichte Couplet mit einem besonderen Aufschwung ab, diesmal in Form eines kurzen Galopp: „Je penserai toujours à vous“ (Ich werde immer an Euch denken). Der wiederum leitet unvermittelt in das Entführungsterzett über, in dem Laoula Lazuli und der nichtsahnende Ouf gemeinsam den düpierten Ehemann verspotten, der natürlich niemand als Ouf selbst ist: Maintenant il faut partir vite (Nun gilt es eilends zu verschwinden).
Kaum sind die beiden verschwunden und rudern über den nahe gelegenen See davon, kommt Hérisson hinzu und klärt alles auf. Ouf ist zunächst verständlicherweise verärgert, weil er in den Spottgesang auf sich selbst eingestimmt hat, dann aber auch sofort wieder ängstlich, weil Hérisson ihm mitteilt, dass seine Leute sich schon auf Lazulis Fersen geheftet haben. Prompt ertönt ein Schuss, und das Boot, in dem Laoula und Lazuli saßen, versinkt. Ouf und Siroco sehen ihr Ende binnen 24 Stunden kommen (Siroco immer eine Viertelstunde später), zumal Laoula kurze Zeit darauf gerettet und herein geführt wird und in einem todtraurigen Lied, erzählt, wie sie mit ihrem Geliebten friedlich über den See glitt, als plötzlich – und jetzt kommt wieder einer jener unvermittelten, köstlichen Einfälle Chabriers: Et puis crac, et puis crack Tout changea dans une minute
Und dann ‚krach, und dann ‚krach’, Alles war vorbei minütlich
Ouf und Siroco sind verzweifelt, aber wenn sie auf Sympathie beim Volk gerechnet haben sollten, haben sie sich geirrt. Wieder einmal gehört das Aktfinale dem stark geforderten Chor, der aber auch selten eine solch dankbare Aufgabe erhält. Zunächst kondoliert man pro forma der Prinzessin, hat dann aber nichts Besseres zu tun als in einem fröhlichen Galopp, der nicht von ungefähr an den teuflischen Can-Can aus Offenbachs Unterwelt erinnert, Ouf zu bescheinigen, dass einem sein Schicksal piepegal ist und man von Lazuli nicht mehr zu reden braucht, da dieser schließlich tot sei: C’est un malheur, un grand malheur ... Il est mort, Ma foi pur lui est grand dommage Puis qu’il est mort, n’en parlons plus
Oh welch ein Pech, welch Unglück gar ... Er ist tot. Doch ist es auch um ihn schon schade, Da er jetzt tot, ist er egal.
Mit diesem Finale hat Chabrier es tatsächlich geschafft, mit dem scheinbar nicht mehr zu übertreffenden Finale des ersten Aktes gleichzuziehen. Je öfter ich dieses herrliche Werk höre, um so unverständlicher ist es mir, dass es nicht zu den dauerhaften Erfolgen der Musikgeschichte gehört. Offenbar gibt es das wirklich, dass ein Werk zu gut sein kann um populär zu sein.
Die Besprechung des dritten Aktes folgt demnächst. In der Zwischenzeit kann ich nur empfehlen, sich am besten diese Aufnahme zu besorgen und sich selbst davon zu überzeugen, dass ich nicht von ungefähr so ins Schwärmen gerate.
:hello Rideamus
Heike (21.02.2010, 11:24): Lieber Rideamus, deine Begeisterung ist ja direkt ansteckend - und direkt proportional steigt auch meine Vorfreude auf die Premiere!!!! Heike
Fairy Queen (22.02.2010, 13:41): Im belgischen Radiosender musique 3 gibt es diese Woche eine Serie zu Chabrier mit vielen Musikbeispielen. Ich habe leider nur das Ende heute mittag(gegen 12 Uhr) mitbekommen und die Ankündigung für die Woche. Für einen echten Fan wie Rideamus kônnte das interessant sein, und musique 3 ist sowieso ein toller Sender, kann ich nur wärmstens empfehlen.
F.Q.
Rideamus (08.04.2010, 16:11): Die Berliner Aufführungsserie rückt näher, und ich schulde Euch immer noch die Erläuterungen zu dritten Akt. Hier sind sie, verbunden mit der Hoffnung, dass sich noch viele dazu entschließen, die Operette in Berlin anzusehen und zu hören.
Man muss nicht unbedingt der Meinung von John Eliot Gardiner sein, dass der dritte Akt ungeachtet seiner Kürze die schönste Musik des gesamten Werkes enthält um Chabrier zu bescheinigen, dass er das Niveau seiner Einfallskraft bis zum Ende durchhält, was bei Operetten eher die Ausnahme ist, da man hier gerne die vorangegangenen Hits aufgreift um der Erinnerung nachzuhelfen. Dies ist hier erst ganz am Schluss der Fall und selbst dann noch mit einem amüsanten Twist.
Erinnern wir uns: Lazuli und Laoula sind gemeinsam in einem Boot über den See geflüchtet und wurden zum Kentern gebracht. Laoula konnte gerettet werden und von ihrem Unglück erzählen, aber Lazuli bleibt verschwunden. Tief betrübt müssen Ouf und Sirocco von einem übereifrigen Polizeioffizier erfahren, dass Lazuli tatsächlich tot sei, womit ihr eigener Tod binnen 24 Stunden feststeht. Als sie sich wieder vom See zurückziehen, taucht Lazuli aber auf, und wir hören ein weiteres bezauberndes Beispiel für Chabriers Faible für ausdrucksstarke Lautmalerei, wenn Lazuli uns berichtet, wie er unter Wasser davon geschwommen und auf den Grund des Sees herabgesunken ist, wobei er sich in der Tiefe erkältet hat.
Ouf und Sirocco trösten einander indessen mit mehreren Gläsern grünem Chartreux. Maskiert als therapeutische Anleitung, gehört dieses köstliche Duett zu den komischsten und zugleich überzeugendsten Schilderungen des Absinkens in totale Trunkenheit, welche die Musikgeschichte kennt: http://www.youtube.com/watch?v=5-0i8UFo_cQ&feature=related Spätestens hier muss jedem einleuchten, warum Mark Lamos, der Regisseur der Aufführungsserie vor einigen Jahren an der New York City Opera sagte: "Im Grund geht es bei L'ÉTOILE vor allem darum, eine großartige Zeit zu verbringen." (http://www.youtube.com/watch?v=Q4xvunpXilg)
Laoula und ihre Gefährtin Aloe sind indessen an den See gegangen und betrauern den Tod Lazulis. Als dieser Aloes Trostworte, dass auch dieser Kummer vorüber gehen würde, im Hintergrund mitbekommt, erlaubt er sich den Spaß, in seinem Versteck zu bleiben und den beiden Frauen zu versichern, dass der junge Mann keineswegs tot sei:
Petit bonhomme, petit bonhomme Petit bonhomme n'est pas mort Petit bonhomme, petit bonhomme Petit bonhomme vit encore
Diese lautmalerisch köstliche Versicherung, bei der Chabrier sehr mutwillig mit dem Textrhythmus umgeht, ist zwar dramaturgisch nicht sonderlich stringent, löst aber ein besonders liebenswertes Terzett aus, als die beiden Frauen Lazuli doch entdecken und zu ihrer Freude feststellen, dass er tatsächlich kein Geist ist, sondern noch lebt.
Der immer noch angetrunkene Ouf hat indessen beschlossen, das Beste aus seinen wenigen verbleibenden Stunden zu machen und Laoula zu heiraten. Laoula findet das naturgemäß gar nicht erfreulich, denn nicht nur, dass sie Ouf verabscheut, sie möchte auch nicht binnen Stunden Witwe werden. In bewegenden Couplets versucht sie Ouf davon zu überzeugen, dass sie rasch verwelken würde, wie eine Rose, die zuviel Wasser bekommt.
Ouf hat genug von der Musik und der Trauer, gibt aber nach, als Sirocco ihm bedeutet, er habe nur noch fünf Minuten zu leben. Beide legen sich zum Sterben hin, aber nichts geschieht. Ouf will Sirocco schon wegen falscher Prophezeiungen hinrichten lassen, als das Mysterium geklärt und Lazuli hereingeführt wird. Ouf ist erleichtert, dass er nun doch heiraten kann, aber Lazuli droht, dass er dann sterben müsse, weil er ohne Laoula nicht leben könne. Ouf gibt auf und den beiden seinen Segen.
Und so haben doch Laoula und Lazuli das letzte Wort, das hintersinnigerweise das Finale des ersten Aktes aufgreift, diesmal aber in einem ungetrübt fröhlichen Ton:
Donnez-vous la Donnez-vous la Donnez-vous la peine de vous asseoir Mes bons Messieurs, venez nous voir
Macht euch das Vergnügen, euch zu setzen, werte Herren, und seht uns an.
Dem kann man nur zustimmen: macht Euch das Vergnügen und hört und seht dieses kleine Wunderwerk, nach dessen Vollendung Chabrier zu Recht beklagt hat, dass man die Komödie viel weniger ernst nimmt als die große Tragödie.
:hello Rideamus
Heike (09.04.2010, 10:49): Lieber Rideamus, ich hatte gehofft, dass du das noch vor der Premiere fertig machst :-) danke! Ich werde berichten. Heike
Heike (12.05.2010, 07:58): OPERNFÜHRER Kluturradio rbb heute 12.05.
18:05 bis 19:00 Uhr
Emmanuel Chabrier: L'etiole Ein Wagnerianer auf Offenbachs Spuren
Musikalische Leitung - Sir Simon Rattle Inszenierung - Dale Duesing Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor
König Ouf I. -Jean Paul Fouchécourt Lazuli -Magdalena Kožená Prinzessin Laoula -Juanita Lascarro Siroco -Giovanni Furlanetto Fürst Herisson de Porc-Epic -Douglas Nasrawi Aloès -Stella Doufexis Tapioca -Florian Hoffmann
Was für ein anregender Abend! Das ist eine ganz herzerfrischend komische (aber nie dümmliche) Oper oder Operette, ganz wie man will. Inhaltlich war die Geschichte für mich eine Mischung zwischen absurdem Theater und lustigem Possenspiel; musikalisch ein Mix zwischen Opera Comique, früher Wiener Operette und manchmal fast modernem französischem Chanson. Ein Werk, das ich erst durch Rideamus' Rätsel kennengelernt habe und das sich hinter den großen Opern nicht verstecken muss. Natürlich keine große Philosophie, aber beste Unterhaltung.
Ich hörte einfallsreiche, unerwartet bunt orchestrierte und köstlich variierte Musik. Brilliante, schnell wechselnde Ideen, die gute Laune machen und den Eindruck eines glücklichen Komponisten vermitteln, der Spaß an der Sache hat. Die Staatskapelle spielte auch unter Rattle gewohnt souverän, mit schönem Klang und mit zauberhafter Leichtigkeit. Auch die Solisten hatten ihre Freude, das hörte man direkt. Ein, zweimal war Rattle nicht ganz im Takt mit dem Chor, aber gut, das sind ja typische Premierenkrankheiten.
In den Hauptrollen wunderbar die Kozena in der Hosenrolle des Lazuli. Ich mag ihre Stimme gern, auch wenn sie in der Höhe manchmal etwas Mühe hatte. Gestern hat sie auch schauspielerisch eine absolute Meisterleistung geboten (Glückwunsch auch an Kostüm und Maske, das war außergewöhnlich passend gemacht). Nicht vulgär, nicht zu erotisch - sondern lässig gespielt und dann wieder zärtlich, sehnsüchtig. Als männliche Hauptrolle ein hinreißend liebenswürdiger und auch stimmlich toller Jean Paul Fouchécourt als König - ein gaaaaanz kleiner Mann, fast einen Kopf kleiner als die Kozena, was so wunderbar in die Rolle passte, dass es zum Schreien komisch wirkte, wie der sich wichtig machte. Eine echte Entdeckung für mich, der Mann.
Großartig gesungen haben auch die beiden Damen Juanita Lascarro und Stella Doufexis und sie sahen auch noch beide exzellent aus und spielten sehr ausdrucksvoll - was dem ganzen Ensemble einen herrlichen Touch von spöttischer und bizarrer Dekadenz verlieh. Lascarro und Kozena als Paar - phantastisch, da hat die Lascarro der Kozena fast die Show gestohlen! Die weiteren Männer stimmlich ohne Fehl und Tadel, ganz ebenbürtig (soweit ich das beurteilen kann).
Zur Inszenierung: Ein ganz einhelliges Bravo gab es am Ende dafür, ich habe kein einziges "Buh" gehört (und das will in Berlin was heißen). Die Handlung ist in ein modernes Nobelhotel verlegt, die Damen stolzieren in Haute Couture auf und ab und der Chor ist eifrig dabei, als Angestellte seinen Dienst zu tun (ganz individuell gekleidet). Überhaupt der Chor, der hat tolle Szenen, gesanglich. Der dezent uniformierte König wohnt auch dort, mischt sich aber erst mal in Tarnkleidung unters Volk und dann nimmt das bekannte "Drama" seinen skurilen Verlauf. Ich fand die Inszenierung als solche nicht besonders spektakulär, aber auch weder langweilig noch misslungen. Insgesamt ganz hübsch gemacht, unauffällig passend zum Stück, so dass Text und Musik für sich sprechen konnten. Mir gefiel vor allem die ausgezeichnete Personenführung, die haben alle mit schönem schwarzem Humor gespielt (komisch, aber nie billig oder platt erotisierend) und die ohnehin groteske Handlung somit in ein zeitlos frivoles Schauermärchen verwandelt. Ob die an Rande herumstehenden Gartenstühle (ohne Funktion) mit dunkelblau-weißen Auflagen an die griechische Diplomatie bzw. das bevorstehende oder doch nicht bevorstehende Ende griechischer "(Finanz)Monarchen" erinnern sollten - keine Ahnung.
Was mich allerdings immer ärgert sind Veränderungen am Libretto - ich nehme mal an, dass es im 19 Jh. noch keinen Euro gab - hier kam er einmal vor :-(
Insgesamt also ein sehr heiterer Abend, ich habe mich köstlich amüsiert und mich auch im Nachhinein gewundert, dass quasi überhaupt nicht gehustet wurde! Das war direkt auffällig, sollte etwa doch die lockere und erheiterte Stimmung zu derlei Ruhe im vollbesetzten Saal beitragen? Heike
Rideamus (17.05.2010, 10:07): Liebe Heike,
vielen Dank für Deinen Bericht. Es freut mich sehr, dass Dir das Stück so gefallen hat, wie Du erhofft hattest, so dass meine Werbung dafür sich gelohnt hat.
Leider werde ich es wohl nicht mehr in diese Aufführungsserie schaffen, aber ich hoffe, dass Du nicht die Einzige bleibst, die für dieses Stück und seine Aufführung wirbt. Veilleicht interessiert sich dann sogar jemand dafür, sie aufzuzeichnen.
:hello Rideamus
Heike (17.05.2010, 18:23): Auch der Kulturradio-Kritiker hatte mit der Premiere seine Freude und bezeichnet L'etoile als "Höhepunkt der ganzen bisherigen Opern-Saison". http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2010/Staatsoper_Unter_den_Linden___L_Etoile_.html
Die Staatsoper zeigt jetzt auch einige Szenenfotos: http://www.staatsoper-berlin.de/de_DE/repertoire/447452/further Heike
Rideamus (17.05.2010, 20:20): Liebe Heike,
vielen Dank auch für diese Links und die Bildergalerie, die mir doch einen recht guten Eindruck von der - zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftigen - Inszenierung zu geben scheinen.
Was mich übrigens überrascht, ist, dass Du Giovanni Furlanetto mit keinem Wort erwähnt hast. Dabei ist der Astrologe Scroco doch eine der dankbareren Partien, wenn auch ohne Solo. Aber das Chartreuse-Duett macht doch nur viel Sinn, wenn beide Sänger richtig gut und komisch sind.
:hello Rideamus
Heike (17.05.2010, 20:41): Hallo Rideamus, doch der hat auch ganz wunderbar gesungen und gespielt, besonders das "grüne Loblied" mit den "trunkenen" Solobläsern dazu, zum Schießen komisch. Ich hatte nur über die 3 Damen und den überragenden König schon so einen langen Psalm geschrieben, da kam der Rest unberechtigt etwas zu kurz.
Schade, falls du es dir diesen Monat nicht mehr ansehen kannst (ich schicke dir ganz herzliche Wünsche für jede Menge Gesundheit!), aber vielleicht nehmen sie es ins Repertoire auf bei dem Erfolg! Oder vielleicht findet sich ja ein lieber Verwandter mit Tür zu Tür Service; es wird ohne Pause gespielt und dauert somit nur gut 90 Minuten - und vielleicht gibt so ein heiterer Abend dir ja genau die Kraft, die du brauchen kannst! Heike
Heike (30.12.2010, 12:47): Oha, das Kulturradio kürt Emmanuel Chabriers L’Etoile ("Der Stern") zur besten Produktion des Jahres 2010 an den Berliner Opernhäusern. Schade, dass es am Schillertheater wohl nicht gespielt wird. Heike
Zefira (17.11.2011, 21:25): Hallo zusammen, ich habe mit Vergnügen diesen Thread gelesen, denn letzten Samstag waren wir in einer wunderbaren Aufführung dieser Oper, die gerade in Frankfurt gespielt wird. Hier der Link.
Ich habe dieses Werk vorher nicht gekannt und kam leider auch nicht auf die Idee, vorher hier nachzulesen. Durch die "Obertitel" konnte ich gut folgen und habe mich köstlich amüsiert. Unter der Regie von David Alden war schon vorher klar, dass diese Aufführung ein Feuerwerk an witzigen Ideen enthalten muss. Genauso war es auch. Köstlich die Maske von Siroco mit Kunstbauch und Hobbitfüßen, die fast so groß waren wie sein Kopf. Während des gesamten zweiten Akts hantierte er mit einem Infusionsständer, er tanzte sogar damit. Sängerisch ist mir besonders Paula Murrihy als Lazuli aufgefallen, die gleich im ersten Akt wunderbare Momente hatte. Ich kann sonst keinen der Beteiligten besonders hervorheben; sie waren alle bestens aufgelegt und bei Stimme - aber immer wieder kam der besondere Spielwitz dieser Inszenierung zur Geltung: Im ersten Akt die Arien auf dem Laufband mit im Hintergrund tanzendem Putzpersonal, im zweiten Akt wurde der Dirigent erschossen ...
Für uns (Mimí, ihre Schwester und mich) standen die "Sterne" über dieser Aufführung leider nicht besonders gut: Wir hatten ziemlich schlechte Plätze im dritten Rang seitlich, von wo aus nur etwa zwei Drittel der Bühne zu sehen waren. In der ersten Pause schickte uns ein Herr, der angeblich im Haus arbeitete, in den ersten Rang hinunter, dort seien noch drei Plätze frei. Leider stellte sich am Ende der Pause heraus, dass eben nicht drei, sondern nur zwei Sitze frei waren, und obwohl wir schnellstens wieder hinaufrannten, war es nun zu spät, die ursprünglichen Plätze wieder einzunehmen - wir mussten für den Rest der Aufführung stehen. Dafür sahen wir nun aber alles ausgezeichnet :A
Wer noch die Möglichkeit hat, sollte sich diese Oper in Frankfurt ansehen, es lohnt sich.
Grüße von Zefira
Heike (17.11.2011, 21:30): Ja, das lohnt sich. In Berlin kann man in dieser Saison auch wieder, im Schillertheater: Es gibt 7 Vorstellungen jetzt im Dezember,, mit Rattle am Pult der Staatskapelle und M. Kozena als Lazuli +J. Lascarro als Prinzessin. Heike
Zefira (17.11.2011, 21:35): Juanita Lascarro hat auch in Frankfurt gesungen. Ich bin von dieser Sängerin ohnehin begeistert, seit ich sie auf DVD als Eurydice in "L'Orfeo" gesehen habe (an der Seite von Keenlyside als Orfeo, ein Augen- und Ohrenschmaus!).
Mimì (29.11.2011, 00:22): Hallo zusammen, als ich dieses kleine, hübsche Werk auf dem Spielplan in Frankfurt gesehen habe, dachte ich nur, dass die Handlung sich lustig anhört, ich ja mal in meine erste Operette gehen und zudem noch etwas Unbekanntes fördern könnte. So trivial war mein Gedankengang damals ^^. Aber ich habe in der Tat eine tolle Entdeckung gemacht und kann all das Lob hier nur bestätigen. Das Finale ist mir noch lange im Ohr hängen geblieben :leb.
Vielen Dank, lieber Rideamus, für die ausführlichen Erklärungen. Ich habe sie zwar auch erst nach der Aufführung gelesen, aber dennoch wird einem vieles hinterher noch mal bewusster und insgesamt wird so die Erinnerung an einen schönen Abend umso mehr wach gehalten :thanks.
Zur Aufführung selbst: Ich fand den Astrologen einfach genial. Sängerisch hat er ja leider wenige Momente, wenngleich ich das Chartreux-Duett großartig fand, aber die Maske, die spielerischen und komödiantischen Momente und sein permanentes Gejammere „et moi, un quart d’heure plus tard“ („und ich eine Viertelstunde später“), das war wirklich lustig. Auch den quirligen, hyperaktiven König fand ich sehr gut. Juanita Lascarro, die ich als einzige zuvor kannte, war großartig und überzeugte ebenso wie alle anderen Sänger. Kann mich da eigentlich nur meiner Mutter anschließen, besonders hervorzuheben wäre da keiner. Ich glaube, es war einfach eine Ensembleleistung und dieses Zusammenspiel find ich gerade bei Komödien immer am wichtigsten.
Insgesamt lohnt es sich wirklich, sich dieses zu Unrecht unbekannte Werk zu Gemüte zu führen. Es ist Musik, die jedermann sofort versteht und die dennoch viele schöne Einfälle, Details und so viel Witz und Humor enthält :times10.