Ein aufrichtiger Künstler

Jeremias (04.10.2006, 09:02):
Diese Meldung erschien am 2.10.06 auf klassik-heute.de:

Pianist Michael Korstick erwirkt einstweilige Verfügung gegen Sony BMG

Michael Korstick, der in der Musikwelt als einer der wichtigsten Beethoven-Interpreten der Gegenwart gilt, hatte den Erlass einer einstweiligen Verfügung beantragt, nachdem er darauf aufmerksam geworden war, dass seine Aufnahme von Beethovens Bagatelle op. 126 Nr. 1, welche auf seiner letzten beim Label Ars Musici erschienenen CD mit Werken von Beethoven und Schubert (ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2005 als "Solistische Einspielung des Jahres") enthalten war, ohne seine Kenntnis und Zustimmung zur Verwendung für "Kuschel Klassik" an Sony BMG weiterlizenziert worden war. Sony BMG war dabei in gutem Glauben gewesen, eine wirksame Lizenz für diese Art der Verwertung erworben zu haben. Da eine solche Weitergabe jedoch vertraglich an die Zustimmung des Künstlers gebunden war, hat das Landgericht Berlin jetzt eine mittlerweile rechtkräftige einstweilige Verfügung erlassen (16 0 731/06), mit der Sony BMG der weitere Vertrieb dieses Titels untersagt wird.

Korstick hatte seinen Ruf als ernsthafter und maßstabsetzender Interpret insbesondere der Werke Beethovens durch die missbräuchliche Verwendung seiner Aufnahme unter Nennung seines Namens als Interpret von "Kuschel Klassik" gefährdet gesehen und jeglichen Kompromiss ausgeschlossen.

Der Künstler: "Die Idee, ausgerechnet späten Beethoven als Kuschelmusik zu verramschen, ist vollkommen absurd. Es ist schlimm genug, dass es klassische Musiker gibt, die sich beim Massenpublikum anbiedern und sich als Popstars vermarkten lassen. Aber dieses Spiel spiele ich ganz einfach nicht mit."

:down
Rachmaninov (09.10.2006, 07:58):
@Jeremias,

die Haltung Korstick's ist absolut nachvollziehbar.

Er studiert ausgiebig die Unterlagen und Schriften zu den einzelnen Beethoven Sonaten und findet sich dann anschließend auf einer derartigen Produktion wieder.

Absolut verständlich das er um seinen Ruf bangt bei derartigen Entwicklungen.
ab (09.10.2006, 21:02):
Immer weniger junge hören heute Klassik. Ein solcher Sampler, gleichgültig wie er heißt, ist eine Möglichkeit, dieses Publikum überhaupt zu erreichen. Und wenn auch nur 50 Hörer davon ergriffen werden und sich dann weiter mit dieser Musik befassen oder gar diese Platte - oder die eines anderen Piansiten - kaufen, dann hat er sein Gutes gehabt.

Ein solcher Elitärismus, Menschen Musik vorenthalten zu wollen, hat mE viel mehr etwas mit Anbiedern an ein Fachpublikum zu tun. Korsticks Haltung ist absolut nicht nachahmenswert!
Rachmaninov (10.10.2006, 07:33):
@ab,

das sehe ich dann durchaus anders.

Der Künstler hat gewisse vertraglich festgelegte Recht und dann ist es einfach nicht akzeptabel gegen seinen Willen einfach derartige Dinge zu tuen und in dieser Form seine Aufnahmen zu Veröffentlichen.

Das mag elitär erscheinen tut aber nichts zur Sache. Er hat quasi dieses Elitäre ja vertraglich und damit binden verhandelt.

Und der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel, auch wenn es 500 Klassikfan's wären, die man gewinnen würde.

R
ab (10.10.2006, 08:57):
Da bin ich ganz Deiner Ansicht: rechtlich ist das einwandfrei; und ich finde es auch unmöglich, ungefragt, so etwas zu tun. Jedoch wurde oben ja nicht damit argumentiert, dass es rechtlich unmöglich sei, sondern dass seinem Ruf geschadet werden würde. Ich finde higegen, dass sowohl seinem Ruf als auch dem der Musik etwas Gutes getan würde.
Gamaheh (19.10.2006, 01:27):
Hallo allerseits,

wie lustig! Ich stimme grundsätzlich mit allen überein!

Na klar lehne ich vertragswidriges Handeln ab und kann auch Korsticks Impuls verstehen, einen Teller oder sowas an die Wand zu werfen. Aber eine einstweilige Verfügung? Und die Begründung! Ich meine u.a. auch schon Pollini auf so einer CD gesehen zu haben, da ist der Korstick doch in bester Gesellschaft. Ist der nicht auch, auf seine bescheidene Art, ein "ernsthafter und maßstabsetzender" Interpret?
Früher gab es Platten mit Titeln wie "Mozart a gogo" oder so ähnlich. Hätte sich Mozart darüber aufgeregt? (Keine Ahnung, vielleicht hätte er es hip gefunden.) Der soll sich mal nicht so haben, der Korstick!

Ich muß zugeben, daß ich diese und ähnliche CDs in Läden auch schon mit verächtlichen Blicken gestreift habe, aber warum eigentlich? Eigentlich gebe ich ab hier recht. Das Wort "Kuschel" klingt halt nicht so seriös, was hat das eigentlich für Assoziationen? Wolldecken? Kuscheltiere? Kleine Kinder? (!!)

Wenn ich es mir recht überlege, kann ich mir durchaus Schlimmeres vorstellen, als in eine warme Decke gekuschelt (weil man sich bald bei den steigenden Energiepreisen keine Heizung mehr leisten kann) klassische Musik zu hören und sich möglicherweise auch noch im Nebenprodukt das Gemüt erwärmen zu lassen. Wenn man zu zweit ist, kann man es sich bei Diskussionen über die Ernsthaftigkeit der Interpretationen usw. womöglich sogar erhitzen!

Hauptsache, man nimmt dabei die Musik ernster als sich selbst, dann führt jede Diskussion zu einem guten Ende!

Eine kuschelige gute Nacht
wünscht Gamaheh
Gamaheh (21.10.2006, 00:20):
Inzwischen habe ich mal nachgesehen und gefunden, daß die Covers in der Tat recht suggestiv sind:

http://images.amazon.com/images/P/B0000075AO.03._SS400_SCLZZZZZZZ_V1056639784_.jpg

Dabei fällt mir ein, daß ich mal gelesen habe, daß Artur Schnabel auf die Frage, warum er so lange gewartet habe mit der Aufnahme von Schallplatten, geantwortet haben soll (sinngemäß etwa): Er habe sich lange gescheut, weil er ja nicht wisse, was die Leute machen, während sie seine Musik hören.
Möglicherweise war seine Horrorvision, daß sie sich in Freizeitkleidung in bequemen Sesseln zuhause rumlümmeln! Ich gehe davon aus, daß diese Kuschel-CDs eine reine Marketing-Sache sind (ich glaube, sowas nennt man "Gewinnung von neuen Marktanteilen") und sicherlich ein größeres Publikum ansprechen als solche mit etwa einem Titel wie "Klassik von ernsthaften und maßstabsetzenden Interpreten für Leute, die sie sich im Abendanzug in gerader Haltung sitzend anzuhören" es würden.

Übrigens kann von "Verramschen" bei einem Preis von 22 Euro pro Doppel-CD auch nicht wirklich die Rede sein.

(Ich gehe übrigens davon aus, daß wir hier nicht wirklich eine juristische Frage diskutieren.)

Alles Gute,
Gamaheh
Jeremias (04.10.2006, 09:02):
Diese Meldung erschien am 2.10.06 auf klassik-heute.de:

Pianist Michael Korstick erwirkt einstweilige Verfügung gegen Sony BMG

Michael Korstick, der in der Musikwelt als einer der wichtigsten Beethoven-Interpreten der Gegenwart gilt, hatte den Erlass einer einstweiligen Verfügung beantragt, nachdem er darauf aufmerksam geworden war, dass seine Aufnahme von Beethovens Bagatelle op. 126 Nr. 1, welche auf seiner letzten beim Label Ars Musici erschienenen CD mit Werken von Beethoven und Schubert (ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2005 als "Solistische Einspielung des Jahres") enthalten war, ohne seine Kenntnis und Zustimmung zur Verwendung für "Kuschel Klassik" an Sony BMG weiterlizenziert worden war. Sony BMG war dabei in gutem Glauben gewesen, eine wirksame Lizenz für diese Art der Verwertung erworben zu haben. Da eine solche Weitergabe jedoch vertraglich an die Zustimmung des Künstlers gebunden war, hat das Landgericht Berlin jetzt eine mittlerweile rechtkräftige einstweilige Verfügung erlassen (16 0 731/06), mit der Sony BMG der weitere Vertrieb dieses Titels untersagt wird.

Korstick hatte seinen Ruf als ernsthafter und maßstabsetzender Interpret insbesondere der Werke Beethovens durch die missbräuchliche Verwendung seiner Aufnahme unter Nennung seines Namens als Interpret von "Kuschel Klassik" gefährdet gesehen und jeglichen Kompromiss ausgeschlossen.

Der Künstler: "Die Idee, ausgerechnet späten Beethoven als Kuschelmusik zu verramschen, ist vollkommen absurd. Es ist schlimm genug, dass es klassische Musiker gibt, die sich beim Massenpublikum anbiedern und sich als Popstars vermarkten lassen. Aber dieses Spiel spiele ich ganz einfach nicht mit."

:down
Rachmaninov (09.10.2006, 07:58):
@Jeremias,

die Haltung Korstick's ist absolut nachvollziehbar.

Er studiert ausgiebig die Unterlagen und Schriften zu den einzelnen Beethoven Sonaten und findet sich dann anschließend auf einer derartigen Produktion wieder.

Absolut verständlich das er um seinen Ruf bangt bei derartigen Entwicklungen.
ab (09.10.2006, 21:02):
Immer weniger junge hören heute Klassik. Ein solcher Sampler, gleichgültig wie er heißt, ist eine Möglichkeit, dieses Publikum überhaupt zu erreichen. Und wenn auch nur 50 Hörer davon ergriffen werden und sich dann weiter mit dieser Musik befassen oder gar diese Platte - oder die eines anderen Piansiten - kaufen, dann hat er sein Gutes gehabt.

Ein solcher Elitärismus, Menschen Musik vorenthalten zu wollen, hat mE viel mehr etwas mit Anbiedern an ein Fachpublikum zu tun. Korsticks Haltung ist absolut nicht nachahmenswert!
Rachmaninov (10.10.2006, 07:33):
@ab,

das sehe ich dann durchaus anders.

Der Künstler hat gewisse vertraglich festgelegte Recht und dann ist es einfach nicht akzeptabel gegen seinen Willen einfach derartige Dinge zu tuen und in dieser Form seine Aufnahmen zu Veröffentlichen.

Das mag elitär erscheinen tut aber nichts zur Sache. Er hat quasi dieses Elitäre ja vertraglich und damit binden verhandelt.

Und der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel, auch wenn es 500 Klassikfan's wären, die man gewinnen würde.

R
ab (10.10.2006, 08:57):
Da bin ich ganz Deiner Ansicht: rechtlich ist das einwandfrei; und ich finde es auch unmöglich, ungefragt, so etwas zu tun. Jedoch wurde oben ja nicht damit argumentiert, dass es rechtlich unmöglich sei, sondern dass seinem Ruf geschadet werden würde. Ich finde higegen, dass sowohl seinem Ruf als auch dem der Musik etwas Gutes getan würde.
Gamaheh (19.10.2006, 01:27):
Hallo allerseits,

wie lustig! Ich stimme grundsätzlich mit allen überein!

Na klar lehne ich vertragswidriges Handeln ab und kann auch Korsticks Impuls verstehen, einen Teller oder sowas an die Wand zu werfen. Aber eine einstweilige Verfügung? Und die Begründung! Ich meine u.a. auch schon Pollini auf so einer CD gesehen zu haben, da ist der Korstick doch in bester Gesellschaft. Ist der nicht auch, auf seine bescheidene Art, ein "ernsthafter und maßstabsetzender" Interpret?
Früher gab es Platten mit Titeln wie "Mozart a gogo" oder so ähnlich. Hätte sich Mozart darüber aufgeregt? (Keine Ahnung, vielleicht hätte er es hip gefunden.) Der soll sich mal nicht so haben, der Korstick!

Ich muß zugeben, daß ich diese und ähnliche CDs in Läden auch schon mit verächtlichen Blicken gestreift habe, aber warum eigentlich? Eigentlich gebe ich ab hier recht. Das Wort "Kuschel" klingt halt nicht so seriös, was hat das eigentlich für Assoziationen? Wolldecken? Kuscheltiere? Kleine Kinder? (!!)

Wenn ich es mir recht überlege, kann ich mir durchaus Schlimmeres vorstellen, als in eine warme Decke gekuschelt (weil man sich bald bei den steigenden Energiepreisen keine Heizung mehr leisten kann) klassische Musik zu hören und sich möglicherweise auch noch im Nebenprodukt das Gemüt erwärmen zu lassen. Wenn man zu zweit ist, kann man es sich bei Diskussionen über die Ernsthaftigkeit der Interpretationen usw. womöglich sogar erhitzen!

Hauptsache, man nimmt dabei die Musik ernster als sich selbst, dann führt jede Diskussion zu einem guten Ende!

Eine kuschelige gute Nacht
wünscht Gamaheh
Gamaheh (21.10.2006, 00:20):
Inzwischen habe ich mal nachgesehen und gefunden, daß die Covers in der Tat recht suggestiv sind:

http://images.amazon.com/images/P/B0000075AO.03._SS400_SCLZZZZZZZ_V1056639784_.jpg

Dabei fällt mir ein, daß ich mal gelesen habe, daß Artur Schnabel auf die Frage, warum er so lange gewartet habe mit der Aufnahme von Schallplatten, geantwortet haben soll (sinngemäß etwa): Er habe sich lange gescheut, weil er ja nicht wisse, was die Leute machen, während sie seine Musik hören.
Möglicherweise war seine Horrorvision, daß sie sich in Freizeitkleidung in bequemen Sesseln zuhause rumlümmeln! Ich gehe davon aus, daß diese Kuschel-CDs eine reine Marketing-Sache sind (ich glaube, sowas nennt man "Gewinnung von neuen Marktanteilen") und sicherlich ein größeres Publikum ansprechen als solche mit etwa einem Titel wie "Klassik von ernsthaften und maßstabsetzenden Interpreten für Leute, die sie sich im Abendanzug in gerader Haltung sitzend anzuhören" es würden.

Übrigens kann von "Verramschen" bei einem Preis von 22 Euro pro Doppel-CD auch nicht wirklich die Rede sein.

(Ich gehe übrigens davon aus, daß wir hier nicht wirklich eine juristische Frage diskutieren.)

Alles Gute,
Gamaheh