Ein bedeutender Schweizer Komponist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Willy Burkhard
Toni Bernet (31.10.2024, 22:35): Das Interesse an der Wiederentdeckung von Komponisten, die vor dem zweiten Weltkrieg die Musikszene regional und teilweise auch international bestimmt hatten, wächst. Deren Innovationen überlebten irgendwie versteckt während des zweiten Weltkrieges und wurden dann zu Beginn der musikalischen Avantgarde nach 1945 an den Rand gedrängt oder gar vergessen. Der Schweizer Willy Burkhard gehört zu diesen Komponisten. Er studierte in Bern, Leipzig, München und Paris. Als überzeugter Protestant hat er in seiner Zeit zur Erneuerung der Kirchenmusik beigetragen, insbesondere durch seine Oratorien «Das Gesicht Jesajas» (1934) und «Das Jahr» (1940/41), doch hat er in allen Gattungen von Kammermusik, Orchestermusik bis zur Oper («Die schwarzeSpinne», 1948) ein grosses Werk, das 99 Opusnummern umfasst, hinterlassen. Die Sammlung Burkhard befindet sich heute in der Paul Sacher Stiftung in Basel.
Willy Burkhards Leben wurde nicht nur durch den zweiten Weltkrieg, sondern auch privat durch eine langwierige Lungenerkrankung beeinflusst und eingeschränkt. So lebte er ab 1933 abgelegen und weit entfernt von der aktiven Musikszene in den Lungenkurorten Montana und Davos, bevor er dann 1942 als Lehrer für Theorie und Komposition ans Konservatorium Zürich berufen wurde. Burkhards unerwarteter, frühzeitiger Tod 1955 verhinderte eine weitere Entwicklung seiner kompositorischen Ansätze.
1943 entstand sein 20-minütiges, einsätziges, aber klar dreiteiliges Violinkonzert. Der Kenner der Schweizerischen Musik des 20. Jahrhunderts, Walter Labhard, beschreibt diese Komposition als Verbindung von neoklassizistischem Musikantentum mit «einer an französischen Vorbildern geschulten Klangbehandlung von meisterhafter Durchsichtigkeit. Eine Intervallstruktur, die auf einer bis zur Septime ausgedehnten Terzenfolge basiert, und unablässig variierte Sekundmotive nutzt der Komponist zur Erzielung einer Einheit, welche weder durch unterschiedliche Ausdruckselemente noch durch die im letzten Teil gesteigerte Virtuosität gefährdet wird.»
Als Motivation, Willy Burkhards Kompositionen heute zu hören, diene folgender bemerkenswerte Briefauszug aus dem September 1939: «Es ist doch etwas Besonderes, wenn mir gerade heute jemand sagt, meine Musik werde schon noch eine Aufgabe zu erfüllen haben. Ich habe in den letzten Tagen und Wochen oft genug gesagt, es sei jetzt höchst unwichtig, ob diese und jene Aufführung stattfinde oder nicht. Wir brauchen uns aber schliesslich nur zu fragen, wer uns mehr bedeutet, Hitler oder Goethe, Goering oder Schubert, Goebbels oder Kant (um nur von den Deutschen zu reden), so sind wir uns (sic!) die Antwort nicht verlegen. Und es ist doch sehr fraglich, ob unsere geistigen Güter zerstört werden können, so bitter und schwarz die Zukunft aussieht. Hie und da komme ich mir ganz komisch vor, wenn ich, anstatt mitzuknallen und Politik zu machen, Musik schreibe. Und – ich kann nichts dafür – aber irgendwie müssen sogar solche schlimmen und schlimmsten Zeiten als Anreger wirken!» (Willy Burkhard in einem Brief an die Familie Indermühle vom 12. Sept. 1939).
Diese Zeilen sind auch im Jahr 2024 hochaktuell.
Zu Burkhards Violinkonzert op. 69 vgl. https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/20-jahrhundert/burkhard/
Sfantu (01.11.2024, 23:07): Lieber Toni,
merci für die Erinnerung an dieses wirklich bemerkenswerte Violinkonzert. Ich habe sowohl die Einspielung von Frau Tschopp (CD) als auch von Herrn Schneeberger (LP). Mangels Ruhe und Zeit konnte ich mir heute keine konzentrierten Hörsitzungen daheim gönnen. Die CD mit Frau Tschopp und dem Winterthurer Orchester lief aber immer hin 3x auf meinen heutigen Autofahrten. Ich darf mich mal wieder für die kundige Hörbegleitung bedanken. Und überhaupt für den spannenden Höranstoß!
Härzliche Grüess, Sfantu
Toni Bernet (02.11.2024, 21:10): Danke für die Grüsse und deine ermutigenden Zeilen. Ab und zu neue alte Entdeckungen zu machen, das lohnt sich doch. Mir geht es auch so.
Liebe Grüsse zurück Toni
Sfantu (03.11.2024, 18:01): Ich bekam nun Lust auf mehr Musik von Burkhard. Kurz vor dem Violinkonzert entstand das Cello-Concertino.
Concertino für Violoncello und Streichorchester op. 60
Patrick Demenga, Zürcher Kammerorchester - Howard Griffiths (CD, Novalis, 1998)
Allegretto con moto - Cadenza - Moderato 6'43 Andante quasi adagio 4'22 Moderato - Allegro - Cadenza - Moderato - Allegro molto 6'35
Das Tutti bereitet mit sanglichem Thema den Klangteppich für das Soloinstrument, welches das Thema übernimmt, spielerische Seitengedanken antönt, vom Ensemble kommentiert wird und mit allmählich ansteigender Spannung auf eine Climax zusteuert, welche sogleich wieder in sanftes Verebben mündet. Das Ganze atmet den Geist der pastoralen britischen Schule jener Zeit (oder läßt ihn zumindest assoziieren). Nach erneutem Wechselspiel der Stimmungen folgt eine ausgedehnte Solokadenz, die trotz schnellerer Läufe und emphatischen Steigerungen mehrheitlich zur Innenschau, zum Reflektieren tendiert.
Düstere Unisono-Gedanken in den tiefsten Registern, fast wie ein Rezitativ, eröffnen den langsamen Mittelsatz. Das Solo-Cello stimmt darüber eine Art Klagegesang an. Immer wieder wird das Solo vom Tutti kurzzeitig zur Seite gedrängt um seinerseits eindringlich zu kommentieren. Das Solo kehrt zu ernstem, lyrischem Gestus zurück, zaghaft von den tiefen Streichern begleitet. Die Gesamtstimmung bleibt seltsam gedrückt, Fragen bleiben unbeantwortet.
Sehr zaghaft, fast schlafwandelnd hebt der Finalsatz an bis sich ein geschäftiges Wechselspiel zwischen Solo und Concertino entspinnt. Endlich brechen sich etwas lichtere Stimmungen Bahn - oder ist es bloß ironischer Zweckoptimismus? Das spielerische Element kommt jedenfalls zum Tragen, es pendelt zwischen lyrischen und motorischen Energien. Eine letzte Solo-Kadenz kann immerhin klarere Positionen, entschiedenere Aussagen platzieren. Ein letzter Einwurf der hohen Streicher, eine kecke, augenzwinkernde Antwort des Cellos, danach ein versöhnlicher, sanft verklingender Abschluß. War's ein Scherz? War's nur ein Traum? Die zwischenzeitliche Erdenschwere ist jedenfalls im nu verflogen - dem Erlöschen einer Kerzenflamme im Windhauch gleich.
Dies Ernst Lichtenhahns Booklet-Text zu diesem Werk:
Das Concertino für Violoncello und Streichorchester op. 60 entstand 1940 auf Anregung des Cellisten Lorenz Lehr für Werner Müllers Berner Kammerorchester. Die Bedenken gegen einen solistischen Einsatz des Cellos, die Burkhard Paul Sacher gegenüber geäussert hatte, waren nun offenbar überwunden. Und in der Tat ist es faszinierend zu sehen und zu hören, wie Burkhard Mittel und Wege fand, den Klangcharakter des Soloinstruments, der nach seiner Vorstellung das ganze Werk bestimmen sollte, zur vollen Geltung zu bringen und trotzdem die klanglichen Möglichkeiten der höheren Streicher nicht zu sehr einzuschränken. Die Lösung des Problems liegt darin, dass einerseits das Solo-Cello in Figurationen und Kantilenen seine volle Klangschönheit zu entfalten vermag ohne je schwerfällig zu wirken, und dass andererseits das Orchester dank eines äusserst durchsichtigen und lockeren Satzes sich voll entfalten kann ohne je das Soloinstrument zu dominieren.
Sfantu (05.11.2024, 23:56): Schroffer als das Violin-und das Cellokonzert wirkt das erste Streichquartett von 1929 - eines von insgesamt zwei Gattungsbeiträgen. Dur-Moll-tonale Zentren werden nur vereinzelt gestreift. Die herbe Milde der beschriebene Konzerte ist noch nicht zu erahnen - "Zukunftsmusik" im eigentlichen Wortsinne also. Formal distanziert sich Burkhard selbstbewußt vom klassischen Schema, schreibt eher eine Art Suite für Streichquartett.
Die strenge Fuga hinterläßt einen starken, wenn auch etwas obskuren Eindruck mit ihrer Mischung aus trocken akademischer Strenge und einer seltsam gedrückten, trostlosen Stimmung.
Im Mittelsatz stimmt die erste Geige eine lyrische Kantilene an, vom gleichmäßigen Pulsieren der übrigen Musiker begleitet. Fast breitet sich so der Eindruck einer getragenen Barock-Arie aus. Gegen Ende darf auch das Cello kurz solistisch hervortreten.
Der Schlußsatz besteht aus einem einleitenden Intermezzo und vierzehn Variationen. Geschickt kontrastierend zeigen sie Einiges an groteskem Humor, wodurch die Musik kurzweilig zu unterhalten vermag.
Streichquartett Nr. 1 op. 23
Moser-Quartett Bern (CD, Musiques Suisses, 2005)
Fuga 4'40 Aria 6'06 Intermezzo. Tema con variazioni 8'00
Tadellose Einspielung durch das Moser-Quartett. Der Klang könnte eine Spur trockener, fokussierter sein.
Toni Bernet (08.11.2024, 22:57): Mit Interesse habe ich Willy Burkhards Concertino für Violoncello und Streichorchester angehört. Wer Musik für Streichorchester mag, findet ganz spannende und unerwartete Streicher-Klangwirkungen in diesem Cello-Concertino. Im übrigen hat mir Sanftus Kommentar einen ausgezeichneten Zugang zu diesem Konzert ermöglicht. Willy Burkhard ist eine Entdeckung. Vielen Dank Sfantu.
Als nächstes werde ich seine Kantate "Die Sinfflut" hören können. Eine Kantate für Chor a Capella op 97. Das collegium vocale zu franziskanern luzern unter der Leitung von Ulrike Grosch wird die Kantate am 9. November 2024 in der Leonhardskirche Basel und am 10. November in der Franziskanerkirche Luzern aufführen.
Sfantu (10.11.2024, 18:41): Innerhalb der Trias der Solokonzerte für Streichinstrumente (für die Geige schrieb Burkhard bereits in den Zwanzigern ein hier noch nicht erwähntes Werk) setzt Burkhards Bratschenkonzert einen markanten (Tief-) Punkt der Schwermut und Trostlosigkeit, welcher das Violinkonzert als auch das Cello-Concertino geradezu leichtfüßig erscheinen läßt.
Konzert für Viola und Orchester op. 93
Christoph Schiller, Bratsche Orchestra della Radio Televisione della Svizzera Italiana - Mario Venzago (CD, Jecklin, 1990)
Molto allegro 5'05 Lento, sempre poco rubato 5'37 Allegro ma non troppo 8'50
Es herrscht bereits nach den ersten Klängen Klarheit: dies wird keine Musik der Freude. Nach leisem Trommelwirbel und kurzer Geste des Tutti spricht die Solo-Bratsche unmittelbar zum Hörer, zunächst unbegleitet. Langsam fließt dieses Nebeneinander in - wenn auch vielleicht nicht nicht in ein Miteinander - so doch in eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Es wird lauter und emotional aufgeladener, es entspinnt sich ein Konflikt zwischen Solo und Tutti. Dieser wird hier grimmig und verbissen, dort eher lakonisch ausgefochten. Die drückende Grundstimmung lichtet sich nur vereinzelt andeutungsweise auf. Erneut düster hebt der Mittelsatz an. Tiefes Holz und tiefe Streicher sorgen für den grau-verwaschenen Hintergrund, vor welchem das Solo-Instrument eine Art Klagegesang anstimmt. Diese Klage kommt bald ernüchtert und ermattet daher, bald aufbegehrend. Die Solo-Kadenz bringt das Gefühl von Trauer, ja Verzweiflung am eindringlichsten zum Ausdruck. Eine Art Solo der kleinen Trommel leitet den Schlußsatz ein. Zuerst zaghaft, dann schneller und kecker, dann wieder in den stockenden Beginn zurückkehrend, könnte man es in den ersten Takten auch für ein tonloses con sordino-Zupfen des Solisten halten oder für ein Klopfen auf den Instrumenten-Corpus. Die Entwicklung nimmt nach und nach eine wachsende Dynamik an. Nacheinander erklingen Dialoge des Solo mit verschiedenen Einzelinstrumenten aus der Holz-Gruppe. Endlich kommt es zu einer wachsenden Welle dramatischer Ausbrüche im Tutti mit Beckenschlägen auf den jeweiligen Höhepunkten. Letzte Versuche der Bratsche zu markanten Aussagen, erneut meist unbegleitet. Hernach mehr und mehr Resignation, schließlich leises Verstummen.
Wiederum aufschlußreich der Booklet-Text, diesmal von Thomas Gartmann:
Als eines der letzten Werke entsteht 1953/54 das Violakonzert für Walter Gerhardt, den Solobratschisten des Zürcher Radio-Orchesters, der es am 5. Oktober mit dem Tonhalle-Orchester unter Hans Rosbauds Leitung uraufführt. Burkhards Musik erscheint hier stark von Todesahnungen überschattet - am 18. Juni 1955 stirbt der Komponist in Zürich. Auf den eingangs erwähnten Charakter der Trauer verweist auch Willy Schuh in seiner einfühlsamen Rezension: "Trauer ist der Grundzug der rhapsodischen Komposition, die ähnlich wie das Violinkonzert und manches andere grössere Orchesterwerk Burkhards zwar an der Gliederung in einzelne Sätze - es sind drei - festhält, diese aber eng verknüpft und einer einzigen grossen Entwicklungskurve einzuschreiben weiss. Die innere Verbundenheit der Sätze ist nicht nur eine stimmungs- und ausdrucksmässige; vielmehr beruht sie auf der Gemeinsamkeit des musikalischen Materials, das bereits in den eröffnenden Takten in konzentrierter Form enthalten ist. Burkhard hat selten konsequentere, konstruktiv strenger organisierte Musik geschrieben, kaum je aber auch eine grössere Freiheit, Variabilität und Unmittelbarkeit des rhapsodischen Ausdrucks gewonnen als in diesem zu seinen persönlichsten Schöpfungen zählenden Bratschenkonzert, das dem Konzertanten nicht in einem virtuosen oder spielerischen Sinne huldigt, sondern lediglich durch die führende Rolle, die es dem Solopart zuweist. Trauer und Klage als einziger "Inhalt" eines dreisätzigen Werkes von etwa 21 Minuten Dauer könnte leicht Monotonie zur Folge haben. Burkhard entgeht der Gefahr nicht zuletzt mittels einem trotz dem Vorwalten der dunklen, düstern und fahlen Farben sehr charaktervoll differenzierten und scharf ausgeprägten Instrumentierung des sparsam eingesetzten Orchesterparts, aber auch dank der spannungsvollen Entwicklung innerhalb der einzelnen, auf die Gesamtform ausgerichteten Sätze, von denen der melancholisch beginnende letzte die stärksten Akzente bringt: den einzigen grossen, von der Solokadenz aufgefangenen Ausbruch und Aufschrei nach so viel männlich verhaltener Klage und ergreifenden Meditationen, die von Einsamkeit und Todesahnung aber auch von den stärkenden Kräften des Glaubens - musikalisch symbolisiert durch einen choralartigen Cantus firmus - unmissverständliche Kund geben.".
Sfantu (11.11.2024, 19:51): Lieber Toni,
was sind Deine Eindrücke vom Konzert mit der "Sintflut"?
Herzlichst, Sfantu
Toni Bernet (14.11.2024, 19:32): Der unterdessen beste Chor der Stadt Luzern, das collegium vocale zu franziskanern luzern interpretierte unter der Leitung von Ulrike Grosch diese Chorkantate auf exzellente Weise. Dazu stand im Programmheft folgender Text: Klar ist, dass für Burkhard die Auseinandersetzung mit religiösen Stoffen ein persönliches Anliegen war. Zur Zeit der Niederschrift war er bereits schwer erkrankt, es wurde sein letztes Werk und kann, unabsichtlich oder nicht, als ein Vermächtnis aufgefasst werden. Vor allem aber ist die Kantate ein Stück herausragende Chormusik, die die bibli- sche Geschichte um die «Verderbtheit des Menschengeschlechts» (so der Titel des ersten der fünf Sätze), das Kommen und Gehen der Flut sowie die Geschichte Noahs auf eindringliche Weise nahebringt. Eine «Kantate» ist das Werk insofern, als dass sich rezitativische und mo- tettische Teile abwechseln. Burkhard verwendet die Übersetzung Martin Luthers und folgt dem – freilich gekürzten – Bibeltext Wort für Wort. So wird beispiels- weise im zweiten Satz detailliert erzählt, wie Noah die Arche bauen soll, und am Beginn des dritten Satzes erhalten wir eine präzise Angabe, wie alt Noah beim Beginn der Sintflut war. Vor allem aber streicht Burkhard einen Wesenszug der Sintflut-Geschichte deutlich heraus: Gott erscheint in diesem Text als ausseror- dentlich menschlich. Es «reute ihn», es «bekümmerte ihn in seinem Herzen», er «gedachte an Noah» – Gott erscheint hier als ein nahbares Gegenüber, trotz seiner übernatürlichen Machtmittel. Dazu deutet Burkhard den Text klangmalerisch aus. Wenn die Flut kommt, sind mit dem «da – da – da ...» die Regentropfen zu hören. Seine charakteristische modale Skala aus Halbton-Ganzton-Halbton-Ganzton geht nach oben, wenn das Wasser steigt. Wenn der Wind kommt und das Wasser wieder fällt, geht die Skala nach unten. «Und das Gewässer stand auf Erden hundert und fünfzig Tage»: Der Chor singt im Fortissimo fast unisono, es klingt statisch wie ein Block. Beim Flut-Ende hingegen, als Gott an Noah gedachte, wird es innig, und als die Raben und schliesslich die Taube aus der Arche hinausfliegen, liebevoll. Hören Sie genau hin, wie Noah mit den Seinen aus der Arche hinaustritt! Am Ende steht der Re- genbogen als Zeichen des neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen. Er ist bereits durch alle Stimmen zu hören (und im Notenbild zu sehen), als noch gar nicht von ihm die Rede ist. Schliesslich erklingt in einem aus kleinen und grossen Terzen gebauten Auf- und Abgang, gesungen vom Bass, das grosse Ver- sprechen: «Solange die Erde steht ...»
Sfantu (14.11.2024, 21:02): Besten Dank, lieber Toni, für Deinen Bericht zu Werk und Aufführung! Mich spornte das an, diese Musik endlich bewußt zu hören. Zwei Aufnahmen stehen seit Jahr und Tag in meiner Sammlung. Trotz der Kompaktheit möchte ich die Einspielungen nicht einfach hintereinander weg hören. Dazu ist das Werk doch von einem Gewicht und Gehalt, die mir wenigstens 24 Stunden Abstand auferlegen.
Tatsächlich sehr wirkungsvoll das lautmalerische da da da für die Regentropfen. Mehr noch freilich die von Dir erwähnte Fast-Unisono-Passage zur Intensität des Unwetters - das macht Schaudern! Anschaulich auch das alla breve, mit dem "Und er ging hinaus mit seinen Söhnen und mit seinem Weibe und mit seiner Söhne Weibern und allerlei Getier, allerlei Gewürm, allerlei Vögel..." unterlegt ist. Es vermittelt sich unmittelbar das freudige Schreiten, der hoffnungsfrohe Aufbruch in einen Neubeginn.
"Die Sintflut" op. 97 Kantate nach dem Bericht aus dem ersten Buch Mose für gemischten Chor a cappella
Die Verderbtheit des Menschengeschlechts 3'45 Die Berufung Noahs 3'37 Der Ausbruch der Sintflut 4'39 Der Sintflut Ende 5'42 Gottes Bund mit Noah und der Regenbogen 5'16
Eine gute, überzeugende Darbietung. Es wird die Unbedingtheit dieser Geschichte erlebbar. Hinsichtlich Textverständlichkeit wäre noch ein wenig Luft nach oben. Gediegene Pressung, sehr gutes Exemplar.
Sfantu (18.11.2024, 20:11):
"Die Sintflut" op. 97 Kantate nach dem Bericht aus dem ersten Buch Mose für gemischten Chor a cappella
Basler Madrigalisten - Fritz Näf (CD, ars musici, 1995)
Die Verderbtheit des Menschengeschlechts 3'37 Die Berufung Noahs 3'58 Der Ausbruch der Sintflut 4'36 Der Sintflut Ende 5'17 Gottes Bund mit Noah und der Regenbogen 4'43
Himmelweit sind die Unterschiede nicht. In beiden Aufnahme liegt die Sprechpräzision in etwa gleichauf - die Aufnahmequalität ist in der jüngeren Version um eine Nuance besser. Womit die Kölner Kantorei am Ende aber klar punktet, ist die expressive Dramatik des Ausdrucks in "Der Ausbruch der Sintflut". Bei den Baslern bleibt der Eindruck in diesem wichtigen Abschnitt im Ungefähren stecken, vermag es nicht wirklich, zu packen.