Elgar: The Apostles, op. 49

agravain (20.11.2016, 09:55):
Entstehung

Am 01. Dezember des Jahres erhielt Elgar das Angebot für das Birmingham Triannial Festival des Jahres 1903 ein Oratorium zu komponieren. Er sagte zu, und zwar aus zwei Gründen, genauer "aufgrund einer Kombination aus finanzieller und künstlerischer Notwendigkeit, mit der Betonung auf der letzteren. Es half Elgar bei seinen finanziellen Schwierigkeiten zu wissen, dass es den Auftrag aus Birmingham gab, doch darf man dabei auch nicht übersehen, dass ‚The Apostles‘ und ‚The Kingdom‘ mitnichten ‚Reißer‘ sind, die gegen Elgars innere Überzeugung komponiert wurden, um über die Runden zu kommen. Er schrieb sie, weil er es wollte.“ (Michael Kennedy: Portrait of Elgar. Oxford 1968. S. 155. Im Weiteren: Kennedy)

Und er wollte schon lange. Laut seiner eigenen Aussagen war Elgar schon seit seiner Jugend vom Leben und Wirken der Apostel fasziniert gewesen, und zwar seit sein Schulmeister Francis Reeves über sie gesagt hatte: „Die Apostel waren arme Männer, junge Männer… vor dem Herabsteigen des Heiligen Geistes womöglich nicht viel schlauer als einige von euch hier.“ (zit. n. JNM, 379). Schon 1899 hatte Elgar darüber nachgedacht, Judas zum Thema eines oratorischen Werkes zu machen, dieses dann aber nicht komponiert. Mit dem Auftrag aus Birmingham nun gab es endlich die Möglichkeit, die lange gehegte Idee in die Tat umzusetzen. Elgar begann alsbald mit der Materialsammlung. Diese erschien ihm, rückblickend auf die Schwierigkeiten, die ihm das katholische Libretto von „The Dream of Gerontius“ gemacht hatte, als ausgesprochen wichtig. So entschied Elgar, dass das Libretto für sein neues Oratorium gänzlich aus Textstellen aus der Bibel zusammengestellt werden sollte. Entsprechend intensiv versenkte sich ins Studium.

Im Juli besuchte Elgar Bayreuth, wo er Wagners Opern „Der fliegende Holländer“, „Parsifal“ und die ersten drei Opern des „Rings der Nibelungen“ sah. Die drei Ring-Opern inspirierten Elgar zu einem musikalischen Plan für sein neues Werk. Es schien ihm nun klar geworden zu sein, dass der von ihm gewählte Stoff, der im Grunde das gesamte Neue Testament umfasste, nicht in einem einzigen Oratorium untergebracht werden konnte. Stattdessen formte sich in Elgars Geist die Vision eines oratorischen Triptychons, in dem zentrale Apostel und deren Entwicklung dargestellt werden sollten. Doch die anfängliche Euphorie Elgars ließ schnell nach. Als George Johnston vom Birmingham Festival Komitee im August 1902 anfragte, ob Elgar gut vorankomme, schrieb dieser ihm:

„Nach den Ferien kann ich Ihnen oder dem Verlagshaus ein Manuskript vorlegen.“ (Zit. n. JNM, 373.) Doch Elgar hatte nichts, was er vorweisen konnte, weder ein kohärentes Libretto noch eine nennenswerte Menge an Musik. Als sein Verlag Novello sich im Oktober 1902 beunruhigt ebenfalls nach den Fortschritten der Komposition erkundigt, schickt Elgar eine Grobstruktur der angedachten Trilogie:

I. Die Unterweisung
II. Die irdischen Folgen
III. Die Folgen des Ganzen in der nächsten Welt. Jüngstes Gericht & die neue Welt wie in der Offenbarung. Jedes der Werke in sich abgeschlossen, das eine auf dem anderen aufbauen. (Brief an Littelton vom 27.10.02 zit. n. Michael Foster: Plotting Gigantic Worx. The Story of Elgar’s Apostles Triology. Droitwich 1995. S.12. Im Weiteren: Foster)

Das war verhältnismäßig vage, doch viel mehr an Präsentablem gab es nicht, lediglich eine Fülle von Motiven und Leitmotiven, allerhand Fragmentarisches, Szenenentwürfe – aber ein zusammenhängendes, für Orientierung sorgendes Libretto gab es nicht, auch nicht, als sich Elgar Ende des Jahres an die formale Komposition machte. Und dieser Umstand war es letztlich, der das in höchstem Maße ambitionierte Projekt „The Apostles“ fast zum Scheitern brachte.

Der von ihm so verehrte Richard Wagner hatte so übrigens nie gearbeitet. Hier gab es zunächst die Dichtung, anschließend die Komposition. Sonst hätte seine so ausgeklügelte Arbeit mit Leitmotiven nicht funktioniert. Während also Wagner seinen Schaffensprozess immer unter Kontrolle hatte und stets genau wusste, wo er hinwollte, so hatte Elgar im Grunde kaum eine genauere Vorstellung davon. Die Sorge davor, aufgrund des Librettos Schwierigkeiten bei der Kritik, bei den Verantwortliches des Festivals und beim Publikum zu bekommen, hatte ihn dazu verführt, auf die Herstellung des Librettos jenes gestalterische Prinzip anzuwenden, das er erfolgreich beim Komponieren nutzte und das die bedeutende Elgar-Forscherin Diana McVeagh als „mosaikartig“ beschrieb. McVeagh meint damit, dass Elgar - stark verkürzt gesagt – so vorging, dass er größere musikalische Einheiten aus kleinen und kleinesten Teilen/Motiven, die er aus anderen Skizzen und Kompositionen wiederverwertete, schließlich zu einem neuen Ganzen zusammenfügte (vgl. Diana McVeagh: Elgar – His Life and Music. London 1955). Doch auf die textliche Ebene schien sich dieses Prinzip von nicht überzeugend anwenden zu lassen.

Elgar wandte sich darum an den Geistlichen Edward Capel-Cure, mit dem er schon während seiner Arbeit an „The Light of Life“ zusammengearbeitet hatte. Dieser konnte ihn bei der Arbeit am Text zwar unterstützen, doch „das Ausmaß der Aufgabe, der er sich gegenübersah, führte zu einer Art inspiratorischer Lähmung, die nur umso typischer wurde, je weiter das Projekt voranschritt.“ (Foster S. 11.) An seinen Freund und Lektor schreibt Elgar am 28. 01. 1903: „ Hexenschuss besser, Rheumatismus schlechter, Laune übel, Stimmung giftig, Kopf – leer.“ (zit. n. Foster, S. 15)

Die Arbeit kroch voran. Im Februar konnte er immer die Seligpreisungen zum Druck schicken. Von der Idee, die Trilogie bis zum Festival fertigzustellen, hatte er mittlerweile abgeschrieben, schließlich befand er sich erst im ersten Teil des Oratoriums. Für den zweiten fehlte noch immer das Libretto.

Elgar fand neuerliche Inspiration und Orientierung in dem Gedicht „The Divine Tragedy“ des von ihm verehrten Dichters Henry Waddworth Longfellow. Nun ging es – wenn auch zäh – voran. Im Juni notiert Lady Elgar in ihrem Tagebuch: „E. ist müde & sorgt sich über die „Apostel“. Tatsächlich waren Elgars Kräfte erschöpft: „Er gab den ungleichen Kampf um die Fertigstellung von ‚The Apostles‘ auf. Sie mussten nun mit der Himmelfahrt enden.“ (JNM, S. 410). Es war Lady Elgar, die dem Verlagshaus Novello diese Nachricht überbringen musste. Am darauffolgenden Tag (28.06.1903) schrieb Elgar selbst an seinen Verleger Littleton und gab an (oder viel eher vor), wieder gesundheitliche Probleme zu haben, die ihn an der Komplettierung hinderten: „Ich war bei meinem Londoner Arzt & meine Augen sind wieder schlecht. He verbietet mir weitere Arbeit. Ich schlage darum nun dem Birmingham Komitee vor, dass sie sie die Teile I & II von ‚The Apostles‘ aufführen sollen. Dieser Abschnitt ist in sich geschlossen & kann gut für sich alleine stehen. Den abschließenden Abschnitt des Werkes (Teil III als Abschluss), von dem vieles zuerst geschrieben worden war, können sie zu einem späteren Zeitpunkt jederzeit haben.“ (zit. n. JNM, S. 410). Dieser letzte Abschnitt des Werkes, den Elgar letzten Endes auch nicht komponierte, war die Keimzelle für das folgende Oratorium „The Kingdom“. Das Komitee stimmte Elgars Vorschlag zu. Elgar machte sich nun einigermaßen stringent an die Arbeit. Die Orchestrierung des Werkes und die Korrekturen der Stimmen waren bald abgeschlossen. Die Probenarbeit begann und am 14.10. 1903 kam es zur Uraufführung von „The Apostles“ in der der vollbesetzten Birmingham Townhall.

Was die Fortsetzung des Werkes angeht, die zu diesem Zeitpunkt schlicht unter "The Apostles Pt. Two" firmierte, so tat sich im Anschluss kompositorisch eher wenig.

***

Zur Aufnahme, zum Aufbau und zur Musik bei Gelegenheit mehr.

:hello Agravain
agravain (20.11.2016, 10:04):
Aufnahmen

Zunächst jedoch für den Shoppingwilligen ein schneller Blick auf die Diskographie. Und da reicht tatsächlich ein schneller Blick, denn weder "The Apostles" noch das Schwesterwerk "The Kingdom" haben jemals den Grad an Populariät erreicht wie der "Gerontius". Biograph Michael De-la-Noy meint darum: ", The Apostles und The Kingdom wurden zu den am wenigsten bekannten und beachteten seiner Werke." (De-la-Noy, Michael: Elgat the Man. London 1988. S. 142)

Sir Adrian Boult (1973/74)



Sheila Armstrong, Helen Watts, Robert Tear,
Benjamin Luxon, John Carol Case, Clifford Grant

Down House School Choir, London Philharmonic Choir
London Philharmonic Orchestra

*

Richard Hickox (1990)



Alison Hargan, Alfreda Hodgson, David Rendall,
Stephen Roberts, Bryn Terfel, Robert Lloyd

London Symphony
London Symphony Orchestra

*

Richard Cooke (2005)




Anna Leese, Louise Poole, Andrew Staples,
Roderick Williams, Robert Rice, Colin Campbell

Canterbury Choral Society, Canterbury Cathedral Choir
Philharmonia Orchestra

*

Sir Mark Elder (2012)




Rebecca Evans, Alice Coote, Paul Groves,
Brindley Sherratt, David Kempster, Jacques Imbrailo

Hallé Youth Choir, Hallé Choir
Hallé

*

:hello Agravain