Severina (30.04.2014, 01:00):
Elina Garanca wurde am 16. September 1976 in Riga geboren und wuchs mit ihrem älteren Bruder Janis in einer musikalisch geprägten Familie auf: Ihre Mutter, selbst ein Mezzosopran, unterrichtete am Nationaltheater, ihr Vater war als Chorleiter tätig. Schon früh lernte sie das Leben auf und hinter der Bühne kennen, im Elternhaus verkehrten die Größen des lettischen Geistes- und Kulturlebens.
Völlig konträr verliefen hingegen die Wochenenden und Ferien, welche die Familie regelmäßig am Bauernhof mütterlicherseits verbrachte. Hier hieß es für Elina und Janis kräftig anpacken, und scherzhaft bezeichnet sie sich selbst als die "beste Kühe melkende Mezzosopranistin". Auch als Familie Garanca nach dem Tod der Großmutter selbst ein kleines Haus mit Grundbesitz erwarb, bedeutete das in erster Linie Arbeit, denn in dem von Lebensmittelengpässen heimgesuchten kommunistischen Lettland nützte die Familie die Möglichkeit zur Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten. Die Zuckerrübenernte in eiskalten Jännertagen hat sich Elina Garanca besonders eingeprägt. Traumatische Auswirkungen hatte diese Tortur auf jeden Fall keine, denn die Sängerin bezeichnet Gartenarbeit heute als ihr liebstes Hobby und betont, wie sehr ihr die damals abverlangte Disziplin und Durchhaltevermögen in ihrem Beruf von Nutzen sind.
Aber auch die wesentlich weniger anstrengenden Klavierstunden stießen bei dem Teenager auf keine Gegenliebe, sie empfand die vielen Jahre des Übens als Qual. Heute hingegen ist Elina Garanca ihren Eltern für ihre damalige Unnachgiebigkeit dankbar , kann sie doch neue Partien selbst am Klavier einstudieren.
Trotz ihres musikalisch geprägten Umfeldes stand für die kleine Elina zunächst keineswegs fest, dass sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten wollte. Schauspielerin lautete ihr erster Berufswunsch, und dass sie nach der Matura die Aufnahmsprüfung an eine Schauspielschule nicht schaffte, bedeutete eine herbe Enttäuschung. Ein Kurs für Kulturmanagement, zu dem ihr der Vater geraten hatte, erwies sich schon bald als Sackgasse, ebenso der Versuch, sich zur Musikpädagogin ausbilden zu lassen. Erst jetzt, quasi aus der Unschlüssigkeit heraus, was sie mit ihrem Leben beginnen sollte, manifestierte sich der Wunsch, Sängerin zu werden. Die Mutter reagierte darauf zunächst mit Skepsis, hielt sie doch die Stimme ihrer Tochter für zu klein und keineswegs geeignet für eine erfolgreiche Bühnenlaufbahn, ließ sich dann aber doch überreden, ihr Unterricht zu geben. Mit Erfolg, denn Elina wurde in den Vorbereitungskurs für die Musikakademie aufgenommen! Und was eher als Notlösung begonnen hatte, entwickelte sich bald zur großen Leidenschaft: Vorbei war es mit dem lustigen Leben in der Freundesclique, Elina ordnete alles ihrem großen Ziel unter, arbeitete hart und beinahe besessen an sich und konnte ihren Stimmumfang allmählich erweitern. Daneben jobbte sie als Putzfrau, um das Geld fürs Studium zu verdienen, und trieb so manchen Nachbarn an den Rand des Wahnsinns, weil sie auch dabei unermüdlich ihre Tonleitern übte. Aber die Rackerei machte sich bezahlt, denn Elina Garanca schaffte schließlich die Aufnahmeprüfung an die Musikakademie.
1997 gab die rumänische Gesangslehrerin Irina Gavrilovici einen Kurs an der Akademie, und Elina Garanca, eigentlich nur als Zuhörerin zugelassen, ließ nicht locker, bis sie ihr vorsingen durfte. Die Pädagogin erkannte ihr Talent und lud sie im Jänner 1998 nach Wien ein, wo sie eine Woche lang intensiv mit ihr arbeitete und einen großen Erfolg erzielte: Elinas Stimmumfang umfasste nun erstmals zwei Oktaven. Im Juli fuhr sie ein zweites Mal nach Wien, um beim renommierten Hans-Gabor-Belvedere-Wettbewerb anzutreten. . Natürlich war die Anfängerin noch keine ernsthafte Siegesanwärterin, doch sie schaffte es bis ins Semifinale und fiel Christine Mielitz auf, damals Intendantin des Stadttheaters in Meiningen. Sie lud sie zu einem Vorsingen ein, bei positivem Ausgang winkte ein Engagement und der Octavian im neuen "Rosenkavalier". Aber noch während Elina Garanca zitternd und bangend auf den Bescheid aus Meiningen wartete, tat sich eine andere große Chance auf, nämlich in Bukarest als Giovanna Seymour in Donizettis "Anna Bolena" einzuspringen. Innerhalb von 10 Tagen paukte sie diese Partie und stand damit am 22. Oktober erstmals auf einer "richtigen" Bühne vor "richtigem" Publikum.
Die Zusage aus Meiningen führte zu einem Konflikt mit der Mutter, die es lieber gesehen hätte, wenn ihre Tochter ihre Ausbildung in Riga abgeschlossen hätte. Mit 22 Jahren und ohne eine wirklich solide Basis bereits in ein Engagement zu gehen, hielt sie für entschieden zu früh. Doch Elina setzte sich durch, sprang ins kalte Wasser und gewann! Ohne Deutschkenntnisse trat sie am 13. Februar 1999 eine Reise ins Ungewisse an. Diese Kenntnisse eignete sie sich rasch an, und zwar auf eine ziemlich unkonventionelle Art und Weise: Bewaffnet mit einem Deutsch-Lettisch-Wörterbuch konsumierte sie Talkshows am Fließband und übersetzte, übersetzte, übersetzte! (Da sage noch einer, Talkshows dienten nur zur Volksverdummung!) Heute verblüfft Elina Garanca mit einer nahezu akzentfreien Beherrschung der deutschen Sprache und ihrem enormen Wortschatz. (Dass sie daneben noch Englisch, Italienisch, Spanisch und Russisch auf ebensolchem Niveau spricht, relativiert sie selbst mit dem wiederholten Hinweis auf ihr sehr mäßiges Französisch… Nichts zeigt wohl deutlicher den Ehrgeiz und hohen Anspruch, den die Sängerin an sich selbst stellt!)
In Meiningen absolvierte Elina Garanca zunächst die Ochsentour durch viele Wurzenrollen – der dicht gedrängte Terminkalender macht staunen – bevor es dann im März 2000 zum versprochenen Debut als Octavian kam, eine Rolle, in der sie weltweit bis heute zu den gefragtesten Interpretinnen zählt und die auch für die Sängerin selbst einen besonderen Stellenwert einnimmt. Über die PR in Meiningen merkt sie heute selbstkritisch an: "Aus heutiger Sicht war ich für die Rolle des Octavian noch viel zu jung. Ich glaube, ich brüllte damals die Noten mehr heraus als sie tatsächlich zu singen. Meine Stimme war noch nicht reif und meine Technik reichte noch nicht für eine derart schwierige Aufgabe." Die Kritiker gingen gottlob weniger hart mit der jungen Sängerin ins Gericht!
Von Meiningen wechselte Elina Garanca 2000 an die Neue Oper in Frankfurt am Main. Sie gewann den Mirjam-Helin-Gesangswettbewerb in Finnland, wurde aber ein Jahr später in Cardiff beim BBC-Singer-of-the-world-Contest, obwohl als Favoritin gehandelt, "nur" Zweite. Sie empfand dies als Rückschlag in ihrer sich bisher so erfreulich entwickelnden Karriere, überdachte ihren Weg und beschloss als erste Konsequenz, ihren 2002 auslaufenden Vertrag mit Frankfurt nicht zu verlängern. Ihr Agent arrangierte ein Vorsingen an der Wiener Staatsoper, wo sie mit 7 Arien Direktor Ioan Holender so überzeugte, dass er ihr ein Engagement und die Charlotte in der Neuproduktion von Massenets "Werther" in Aussicht stellte. Doch Elina Garanca wagte es schon zu Beginn ihrer Karriere, Bedingungen zu stellen, sie wollte sich nicht mehr 100%ig an ein Haus binden, sondern auch für andere Aufgaben frei sein. Der gefürchtete Impresario ging tatsächlich darauf ein und die junge Lettin stand bald darauf auf genau der Bühne, die ihr vier Jahre zuvor bei ihrem ersten Wienaufenthalt vom Galeriestehplatz aus in jeder Beziehung unerreichbar fern erschienen war.
Am 26. Jänner 2003 gab Elina Garanca mit der Lola in Mascagnis "Cavalleria Rusticana" ihr Debut an der WSO und sang sich in den folgenden Jahren quer durchs Mezzo-Gemüsebeet, bevor sie 2005 als umjubelte Charlotte ihre erste PR bekam und ein Jahr später auch hier ihre Paraderolle, den Octavian vorstellen durfte.
2003 bedeutete auch noch in anderer Hinsicht eine Weichenstellung, denn ein Vorsingen bei Nikolaus Harnoncourt in Zürich brachte Elina Garanca ihren ersten Vertrag für die Salzburger Festspiele ein. Den Annio in Mozarts "La Clemenza di Tito" bezeichnet die Sängerin als Durchbruch zu ihrer internationalen Karriere. Die wichtigsten Stationen:
2005 "Cosi fan tutte" in Aix-en-Provence in der von der Kritik bejubelten Regie von Patrice Chereau, der Elina Garanca aber deutlich weniger abgewinnen konnte.
2006 Debut im ThadW als Sesto in Mozarts "La Clemenza di Tito" . In diesem Jahr schloss Elina Garanca einen Vertrag mit der DG ab und nahm als erste CD für dieses Label "Aria Cantilena" auf, für die sie mit einem Echo ausgezeichnet wurde. (Und das, obwohl die Sängerin Studioproduktionen gar nicht mag – sie vermisst die positiven Schwingungen aus dem Zuschauerraum.)
2007 Debut an der Lindenoper in Berlin, ebenfalls mit dem Sesto. Im heimatlichen Riga probierte Elina Garanca ihre erste Carmen aus, ganz ohne die "obligate Zeffirelli-Monstrosität", die sie offensichtlich ebenso verabscheut wie ich. Eine weitere neue Erfahrung war die erste Tournee durch Deutschland mit einem Arienprogramm, die so positiv verlief, dass die Soloabende seither ein zweites Standbein geworden sind. Auch am ROH debutierte Granca in diesem Jahr, und zwar als Dorabella in einer frechen, modernen Inszenierung von Jonathan Miller.
2008 schließlich landete Elina Garanca endgültig im Opernhimmel, nämlich an der MET. Nicht ganz glücklich war sie lediglich, dass sie sich dem New Yorker Publikum mit der Rosina vorstellen musste, weil sie sich nicht als genuine Rossini-Sängerin sieht. Auch hier zeigt sich die selbstkritische Haltung der Mezzosopranistin: "Koloraturen sind für meine Stimme ein echter Grenzbereich, um die ich mich zwar mit Freuden bemühe, aber meine Stimme ist für das Leichte und Schwerelose nicht geschaffen. ……. bin ich überzeugt, dass ich Koloraturen nie so sauber werde singen können wie eine Cecilia Bartoli, eine Vesselina Kasarova oder eine Joyce di Donato. Die drei sind für mich absolute Gurus." Das MET-Publikum dürfte Garancas Bedenken jedenfalls nicht geteilt haben und spendete reichlich Beifall!
Trotz dieser Erfolge begann nun eine kritische Phase, in der das enorme Arbeitspensum der letzten Jahre seinen Tribut forderte. Krankheiten häuften sich und Absagen wurden unvermeidlich. Eine solche beendete auch das bis dahin harmonische Verhältnis mit WSO-Direktor Ioan Holender. Als Elina Garanca nämlich aufgrund einer Magen-Darmverstimmung ihre Rosina in Wien absagte, aber am nächsten Tag in Baden Baden ein Konzert sang, wollte er nicht so recht an diese schnelle Genesung glauben. (Garanca fühlte sich auch nicht wirklich genesen, rückblickend hält sie es aus künstlerischen Gründen für einen Fehler, nicht auch den Auftritt in BB gecancelt zu haben.) Zugegeben, die Optik war in der Tat etwas schief. Zum Eklat kam es dann, als Elina Garanca 2010 wegen einer kleinen OP auch ihre Teilnahme an "Carmen" zurückziehen musste, die als krönender Abschluss der Ära Holender geplant gewesen war. Da aber auch schon Tenor (Rolando Villazón) und Dirigent (Maris Jansens) abhanden gekommen waren, lagen die direktorialen Nerven offensichtlich blank und das Gewitter entlud sich über Elina Garanca. Ihre Retourkutsche war dann wohl, dass sie an der großen Abschiedsgala für den scheidenden Ioan Holender nicht teilnahm, obwohl er ihrer Karriere die entscheidenden Impulse gegeben hatte und sie ja eigentlich von Wien aus in die große weite Opernwelt aufgebrochen war. Das fand ich ehrlich gesagt nicht OK von ihr, Knatsch hin, Knatsch her. Es dauerte dann bis 2013, bis Elina Garanca unter der neuen Direktion ihre Version der Carmen auch an der WSO präsentierte.
An der Seite von Anna Netrebko brillierte sie schon zuvor als Giovanna Seymour in der Neuproduktion von Donizettis "Anna Bolena". Musikalisch zählte diese PR zu den wenigen erfreulichen in der bisher ziemlich glücklosen Ära Dominique Meyer.
Privat ist Elina Garanca seit 2006 mit dem spanischen Dirigenten Karel Marc Chichon verheiratet. Das Paar lebt in Südspanien und hat zwei Töchter, Catherine Louise (geb. 2011) und Cristina Sophie (geb. 2014) Ein gemeinsames Projekt ist das seit 2008 auf Stift Göttweig in Niederösterreich stattfindende Freiluftkonzert "Klassik unter Sternen", ansonsten vermeiden sie den Eindruck, als "Paket" in Erscheinung zu treten. Garancas Stimme ist nach der ersten Geburt runder und voller geworden, ohne aber ihren charakteristischen glockenhellen Silberglanz eingebüßt zu haben. Trotzdem will sich die Sängerin allmählich von den vielen Hosenrollen (Sesto, Annio, Octavian, Cherubino, Romeo….) verabschieden, die bisher einen Großteil ihres Repertoires umfasst haben. Nicht weil sie sie stimmlich nicht mehr bewältigen würde, sondern weil sie sich als reife Frau und zweifache Mutter nicht mehr überzeugend mit ihnen identifizieren kann. Und Glaubwürdigkeit in der Darstellung ist Elina Garanca ebenso wichtig wie Perfektion im Gesang. Daher feilt sie an der richtigen Gestik und Mimik ebenso akribisch wie am musikalische Ausdruck. (Als Vorbereitung auf ihre Hosenrollen studierte sie z.B. auf Sportplätzen, wie man sich als Mann richtig bewegt!)
Elina Garanca strebt also einen allmählichen Repertoirewechsel an, hin ins dramatische Fach. Als nächste Etappenziele nennt sie Santuzza und Eboli, als allerdings noch in weiter Ferne schwebende Traumpartie die Amneris.
Wir Wiener hatten ja das Glück, Elina Garancas Karriere von einem sehr frühen Stadium an verfolgen zu können. Nicht nur ich war traurig, als sie aus dem Ensemble ausschied und uns seither nur mehr mit leider viel zu seltenen Gastauftritten beglückt.
Was ich an Elina Garanca liebe? Nun, erst einmal die perfekte Beherrschung ihrer Stimme, die Leichtigkeit der Tonproduktion und vor allem ihr cremiges, für einen Mezzo sehr helles Timbre. Für mich strahlt sie sehr viel Wärme aus, weshalb der immer wieder erhobene Vorwurf des Mangels an Emotionen bei mir auf Unverständnis stößt. Ich höre und fühle in Elina Garancas Singen mehr als nur eine meisterhafte Technik, sehr viel mehr. Sie ist sicher keine Sängerin des großen Pathos und der ausufernden Gesten, man muss genau hinsehen und vor allem hinhören, um die feinen Pinselstriche, mit denen sie ihre Rollenporträts malt, erkennen und würdigen zu können. Deshalb war ich auch von ihrer Carmen fasziniert, obwohl oder gerade weil sie so von der üblichen Erwartungshaltung abwich. Aber unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelte ein wahrer Orkan von Leidenschaften, man musste nur in ihre Augen schauen, in denen es blitzte und loderte.
Ich freue mich jedenfalls auf hoffentlich noch viele beglückende Vorstellungen mit einer meiner Lieblingssängerinnen!
lg Severina :hello