Sfantu (02.01.2021, 16:07): Zunächst nochmal ein gesegnetes neues Jahr euch Allen!
Emilie Mayer
*14. Mai 1812 in Friedland/Mecklenburg-Strelitz †10. April 1883 in Berlin
Als drittes von fünf Kindern des Friedländer Ratsapothekers verbrachte Emilie Mayer offenbar eine beschauliche, weitgehend ereignislose Kindheit & Jugend. Die Mutter verstarb als Mittzwanzigerin im Kindbett, sodaß Emilie & ihre Geschwister als Halbwaise aufwuchsen. Im Alter von 5 Jahren Klavierunterricht beim städtischen Organisten, Carl Heinrich Ernst Driver. Früh begann sie mit der Komposition kleinerer Stücke für das Klavier. Sie verblieb als letztes Kind im väterlichen Hause, bis ihr Vater sich 1840 das Leben nahm. Daraufhin verließ sie ihr Heimatstädtchen & zog in die Pommersche Hauptstadt Stettin. Durch ihr Erbe allen finanziellen Sorgen enthoben konnte Emilie sich als eine der ersten Frauen überhaupt ganz der Komposition widmen. Im Unterschied etwa zu Clara Schumann oder Fanny Hensel verstand sich die unverheiratet gebliebene Emilie Mayer auch nicht nur nebenbei, sondern primär als Komponistin. In Stettin wurde sie Schülerin Carl Loewes. In jener Zeit entstanden erste Lieder & Kammermusikwerke, aber schon bald verlegte sie den Schwerpunkt ihres Schaffens auf Orchestermusik. 1847 übersiedelte sie nach Berlin um Fuge & Kontrapunkt bei Adolf Bernhard Marx & Orchestersatz bei Wilhelm Wieprecht zu studieren. Für Aufführungen oder gar Drucklegungen ihrer Werke investierte sie viel Energie & beträchtliche Summen aus ihrem Vermögen. Mit ihren Brüdern bereiste sie 1856 Wien. Erfolglos engagierte sie sich hier um Aufführungen - trotz königlichen Empfehlungsschreibens aus Berlin. Daheim erlangte sie mit der Zeit ein gewisses Ansehen, führte ein offenes Haus, in welchem viele Berliner Musiker, Literaten & Adelige verkehrten. Aufführungen konnten schließlich in Stettin, Berlin, Halle, Lyon, Budapest, Brüssel, München & Leipzig realisiert werden. Dies bewirkte ein beachtliches Echo & mehrte allmählich ihr Ansehen. Ab den 1860er Jahren verlegte sie ihren Schaffensschwerpunkt auf die Kammermusik. Mehr & mehr Stücke erschienen nun im Druck, 1880 dann auch ein Werk in Großbesetzung, ihre Faust-Ouvertüre op. 46 - in Partitur & Stimmen. Die relativ späte öffentliche Anerkennung & Würdigung verebbte allerdings bald nach ihrem Tode.
Die englischsprachige Wikipedia weiß von einer Eßstörung zu berichten, welche Einfluß auf ihr kompositorisches Schaffen gehabt habe ( ?( ) In der englisch-& der französischsprachigen Wikipedia wird ihr Stil als von der Wiener Klassik geprägt beschrieben, mit romantischen Einflüssen im Spätwerk. Für mein Empfinden war Emilie Mayer von Beginn an durch & durch Romantikerin. Gelegentliche Referenzen an Beethoven (Kopfsatz 2. Sinfonie) werden hörbar - summa summarum aber bewegt sie sich klar in der Früh-& beginnenden Hochromantik. Frei von Einflüssen ist ihr Schaffen so wenig wie das einer/eines jeden Anderen. Die zeitliche Nähe zur deutschen Spieloper kann sie so wenig verleugnen wie (in der Folge) Mendelssohn. Was ihr freilich gänzlich abgeht, ist die gelegentliche sentimentale Süßlichkeit bei Zeitgenosse Ludwig Spohr. Vor allem aber die Komplexität in Rhythmik & Harmonik müssen wir eher als echt Mayerisch zur Kenntnis nehmen. Das New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd edition erwähnt, daß Emilie Mayer zudem eine beachtliche Skulpturistin gewesen sei. Überhaupt verweist das teils bunte Sammelsurium an Einzelinformationen aus den genannten Quellen als auch aus den Booklet-Texten der nachfolgend besprochenen CDs, daß die Mayer-Forschung wohl noch in den Anfängen steckt. Ein Überblick über ihr Schaffen findet sich hier &hier
Daß ihre Musik nach & nach den Weg in die Aufnahmestudios schafft, ist so überfällig wie erfreulich. Gleich das erste Beispiel, die 1. & 2. Sinfonie bei cpo macht richtig staunen!
Sfantu (03.01.2021, 00:52):
Sinfonien Nr. 1 & 2 NDR Radiophilharmonie Hannover - Leo MacFall (CD, cpo, 2020)
Un poco adagio - Allegro assai 11'08 Scherzo 6'41 Un poco adagio, cantabile 6'11 Finale. Allegro vivace 6'39
Diese beiden ersten von insgesamt acht Gattungsbeiträgen sind noch während Mayers Lehrzeit bei Carl Loewe entstanden, vermutlich um die Jahre 1845/46. Laut Bert Hagels, Verfasser des Booklet-Texts, existieren Hinweise auf Aufführungen durch Loewe mit seinem Stettiner Instrumentalverein, Anfang 1847. Erstaunlich die souveräne Art dieser "frühvollendeten" Sinfonikerin!
Sinfonie Nr. 1 c-moll
Die langsame Einleitung in der Grundtonart ist in Form eines Trauermarsches gehalten. Die Exposition mit ihrem impulsiven Unisono-Hauptmotiv ist von drängend-dramatischem Grundgestus. In der Durchführung bringt Mayer staunenmachende Modulationen, darauf repitiert die Reprise die Exposition praktisch notengetreu. Im Schlußabschnitt vollzieht sich statt einer Zuspitzung eher ein Spannungsabbau über wellenartige Abwärtsfiguren in den Streichern in mehreren Ketten. Es folgt ein kurzer, prägnanter Abschluß.
Im Adagio (As-dur, 3/4) werden Sonatensatzform, Variation & Rondo kunstvoll ineinander verschränkt. Diese Überblendung wird im Booklet-Text analysiert. Das hörend nachzuvollziehen, gelingt mir in mehreren Durchläufen immer nur zum Teil. Überhaupt bildet die Textbeilage eine quasi fast wissenschaftliche Werkanalyse - lobenswerterweise mit genauen Laufzeit-Angaben zum Auffinden der jeweils genannten Abschnitte. Die ausgedehnte Schlußcoda atmet sogar einen Hauch italienischen Opern-Flairs.
In f-moll & 3/4 hebt das Menuett mit vehementem, beinahe stampfendem Motiv in angetäuschtem Kanon an. Es steht in der tradierten A-B-A-Form. In deutlichem Kontrast dazu das lyrisch verträumte Trio. Es wirkt wie ein Ständchen, eine Romanze mit einem reizvollen kleinen Dialog zwischen Solo-Cello & -Oboe. Bemerkenswert finde ich die behutsame Überleitung von A zu B. & auch die Rückkehr zu A nimmt erst wieder einen geschmeidigen "Anlauf", wodurch der Satz an Geschlossenheit gewinnt. Die Coda "zerlegt" das Anfangsmotiv in einen Wechsel von Ober-& Unterstimmen, verebbt (scheinbar) allmählich & endet mit einem knappen, knackigen Tutti-Akkord.
Das Finale in c-moll zeigt Mayer als eine mit allen Wassern gewaschene Spielerin mit den Konventionen. Sie zaubert ein Füllhorn überraschender Facetten. Der energische Drive ist ansteckend. Ein Jagdmotiv in den Hörnern leitet den schmetternden Abschluß ein.
Sinfonie Nr. 2 e-moll
Die Zweite wirkt von Beginn an eine Nummer freier, kühner, in größerem Format gedacht, aber auch zerklüfteter, etwas weniger geschlossen & stringent als das ältere Schwesterwerk.
Im Kontrast zum "Trauermarsch" zu Beginn der Ersten stecken in der langsamen Einleitung dieses Kopfsatzes (e-moll, 4/4) allerlei tiefromantische Naturschilderungen mit hörbaren Reminiszenzen an Carl Maria von Weber. Der Grundgestus ist rhythmisch pulsierend. Ein wiederkehrendes hymnisches Seitenthema erinnert mich an Beethovens "Weihe des Hauses".
Das an zweiter Stelle stehende, geradtaktige (!) Scherzo in a-moll, 4/4, gerät zum eigenwilligen, fast kauzigen Charakterstück. Im Grunde beherrscht das aus auf-& absteigenden gebrochenen Dreiklängen gebaute energische Hauptthema in kunstvollen Veränderungen den gesamten Satz (> beide Scherzi - dieses wie auch das aus Nr. 1 als Hörtipps zum Einstieg!).
Das un poco adagio (C-dur, 6/8), in dieser Aufnahme (wie ich finde, passenderweise) eher in fließendem Andante gespielt, besitzt Intermezzo-Charakter. Eine Moll-Passage muß uns heutigen Hörern als 1:1-Zitat aus dem Seitensatz des Andante in Schuberts Fünfter erscheinen. Ob Mayer allerdings jenes Werk tatsächlich kannte? Eine wirkliche Schubert-Aufführungstradition hatte meines Wissens in den 1840ern noch nicht eingesetzt (merkwürdig, daß das Booklet hierauf nicht eingeht). Manche Wendung scheint durch rasche, arpeggierende Auszierungen recht pianistisch empfunden.
Der Finalsatz ist von straffem Zugriff geprägt. Wenige lyrische Inseln bieten indes lohnende Kleinode: ein Seitenthema wird intermittierend (leicht biedermeierlich) von einem Violin-, dann Cello-Solo gestaltet, in der späteren Wiederkehr zusätzlich noch von einem Oboen-Solo.
Emilie Mayer erweist sich als sattelfeste Sinfonikern mit bereits jetzt eigenwilliger Ausprägung.
Die Ausführenden setzen sich mit Liebe & Überzeugungskraft für diese herrliche Musik ein. Guter Klang. Vermutlich keine Holz-Paukenschlegel - die hätte ich mir noch gewünscht (um einen winzigen Kritikpunkt anzubringen).
Sfantu (03.01.2021, 13:27):
Sinfonie Nr. 4 h-moll (Rekonstruktion Stefan Malzew) Neubrandenburgische Philharmonie - Stefan Malzew (CD, Capriccio, live, 2012, ℗ 2018)
Zuerst war ich etwas skeptisch, da ich mit Rekonstruktionen, Bearbeitungen, Arrangements oft so meine Mühe habe. In diesem Fall ist das allerdings vollkommen unbegründet. Leider gelten mehrere Handschriften der Komponistin als verschollen - so auch ihre vierte Sinfonie. Glücklicherweise hat sich aber ein (eigenes) Arrangement für Klavier zu vier Händen erhalten, aus welchem der Dirigent dieser Aufnahme eine spielbare Orchester-Partitur erstellte. & es wundert mich selbst, das festzustellen: das ist ihm auf überzeugende, ja beglückende Weise gelungen!
Der Kopfsatz trumpft ohne Umschweife mit wuchtiger Geste auf, der Leitgedanke ist wiederum dramatisch & mit Zug nach vorn. Als würzige Zutat wohl dosiert scheinen hie & da Anklänge an Robert Schumann oder die französische grand opéra auf. Herrlich weit ausschwingende sangliche Seitenthemen. Mayer durchdringt all dies mit ihrer reichen Palette an Harmonik. Es kommt im Verlauf zu einer dramatischen Zuspitzung, insgesamt herrscht eine heroisch markante Tonsprache. Booklet-Autor Christian Heindl bringt eine denkbare programmatische Inspiration in Affinität zu den Neudeutschen ins Spiel.
Das liedhaft geprägte Adagio ist ein wahrer Wunderquell romantischer Märchenstimmungen. Nicht unähnlich dem langsamen Satz in Schuberts großer C-dur-Sinfonie ereignen sich allerlei entsprechende Szenen, allerdings weniger linear als dort, stattdessen bunter & weniger mit dem Schwerpunkt auf Tragik. Eine langsam aufgetürmte dramatische Klimax weist indes schon weit voraus in Richtung Spätromantik. Was Malzew hier aus dem Klaviersatz zaubert, wirkt in keinem Moment gewollt sondern absolut idiomatisch & Mayersch.
Heindl spricht angesichts des folgenden Allegros von Mendelssohnschem Zauberspuk mit pastoralen Einschüben. Was mir aber fehlen würde, ist das schwerelose Flirren. Diese Szenerie ist dunkler, die Musik hat mehr Gewicht & Konsistenz. Vergleichbare Scherzi finden sich eher bei Raff. Mayer schreibt hier mit reicherer Farbpalette als Mendelssohn. Die Kontraste haben mehr Profil, die Akzente sind schärfer.
Das abschließende Presto bietet bei allem Vorwärtsdrang doch immer auch eine Fülle traumverlorener Seitengedanken. Heindl meint in diesem Satz einen rückwärtsgewandten Klassizismus auszumachen. Klassische Formstrenge vielleicht - doch atmet die Musik mit jedem Takt ritterlich-romantischen Geist. Wie schon im Kopfsatz der Ersten folgt auf ein scheinbares Verebben eine triumphale Schlußsteigerung.
Bestens disponiertes Orchester, gute Klangqualität. Die Tempi sind sehr natürlich gestaltet. Das Presto-Finale artet lobenswerterweise nicht in einen verhuschten Schweinsgalopp aus.
Andréjo (03.01.2021, 17:50): Danke Dir, sfantu, für die interessanten Ausführungen. Emilie Mayer reizt mich, seit ich sie im Sommer entdeckt habe über eines der Musikforen, und die CD mit den ersten beiden Sinfonien werde ich mir jetzt bestellen. Sollte es zu einer weiteren CD kommen, dann wäre es wohl Kammermusik.
Zu dieser Zeit kannte ich noch nicht einmal ihren Namen - gut, der macht jetzt nicht so viel her, etwa im Vergleich zu einer Louise Héritte-Viardot :
Zumindest das erste der Quartette ist wirklich anhörenswert, wenn man nicht beckmesserhaft an die Musik herantritt. Salonromantik, nicht ohne melodische und strukturelle kleine Überraschungen, ein gewiss nicht klischeefreier Genreton - es geht um Waldesstimmungen an einem schwülen Tag. Man hört und spürt beispielsweise die Insekten ... aber sie finden sich sicherheitshalber auch im Untertitel. ;)
Indes: Hier geht es um Frau Mayer, das weiß ich schon ...
Und so wie ich Deine Ausführungen verstehe und Dich kenne, macht wiederum die Musik von Emilie Mayer mehr her.
:) Wolfgang
Sfantu (04.01.2021, 22:16): Lieber Andréjo, danke für Deine freundliche Reaktion. Frau Mayer scheint mir tatsächlich noch die ein oder andere erfreuliche Entdeckung zu versprechen. Weiteres von mir in den nächsten Tagen. Über Héritte-Viardot lese ich durch Dich (bewußt) hier zum ersten Mal. Ein weiterer interessanter Pfad, den ich gern verfolgen werde. Wenn da nicht noch so viel Anderes wartete... nicht zuletzt unser guter Alter Jupp aus Rohrau
Sfantu (09.01.2021, 10:48):
Sinfonie Nr. 5 f-moll (ca. 1858) Kammersymphonie Berlin - Jürgen Bruns (CD, Dreyer Gaido, 2001)
Die bisher gehörten Mayer-Sinfonien beschreiben eine Art spiralförmige Entwicklungslinie: weg von der Konvention, hin zum Durchbrechen der tradierten Formen, hin zum individuellen Ausdruck. Diese Erwartung löst die f-moll-Sinfonie zunächst nicht ein. Der Kopfsatz strömt in einer epischen Grundstimmung dahin - reich an Farben & Harmonien, instrumental dicht gefügt. Wo bleibt die auffahrende, heroische Geste der Vierten, ihr kühnes Drängen in Neuland? Stattdessen hier mehr ein breites Fließen, das schon die spätromantischen Russen erahnen läßt. Das Adagio knüpft da schon besser erkennbar am vorangegangenen Schwesterwerk an, noch deutlicher zu vernehmen die weiten, quasi prä-Brucknerschen Spannungsbögen. Die Grundstimmung des Scherzos betreffend spitzt die Booklet-Autorin ihre Feder in die gleiche Richtung wie ihr Kollege im Beiheft zur Vierten: Ohne "Sommernachtstraum" ging damals wohl kein Scherzo über die Bühne. Emilie Mayer zeichnet ihn mit einem chromatisch verknäulten Unisono und burschikosen Sprüngen, führt in einer fünfteiligen Anlage das Trio im 3/4-Takt von h-moll über b-moll in einen triolisch gehaltenen 2/4-Takt. Der Vergleich mit Mendelssohn hinkt indes hier wie dort. Die Tonsprache ist disparater, hat mehr Gewicht, Eigensinn & zeigt viele Gesichter. Schwerelosen Elfenspuk sucht man hier vergebens. Der Schlußsatz hebt mit seinem ritterlichen Hauptthema optimistisch & mit rhythmischer Zugkraft an. Was folgt, zeigt Mayer wieder in der Spur der sturmfrisurigen Vierten. Was sie hier an Wandlungskünsten aufbietet, ist enorm: herrliche Sologirlanden von den Piccoli hinab bis ins tiefe Holz, jähes Dazwischenfahren der gestopften Hörner, eine brüske Trompetenfanfare, Pauken-Kanonaden, eine plötzliche dramatische Zuspitzung gegen Ende, gefolgt von einer Generalpause, dann ein dynamischer Aufschwung zu einer schmetternden Coda. Die Stimmungen wechseln von Takt zu Takt - fast ein romantisches Pendant zum Meister der Affekte, 100 Jahre zuvor, CPE Bach. Wollte jemand ein Paradebeispiel hochromantischer Musik in 6 1/2 Minuten hören: hier ist es.
An anderer Stelle ertappte ich mich zu Josef Bohuslav Foerster bei der Unart, weniger vertraute oder erstmals gehörte Werke mit allerlei Vertrautem zu vergleichen. Daraus folgt dann meist der gedankliche Kurzschluß: Aha- erwischt! Da wird von diesem oder jenem abgekupfert... Unsinn! So wenig man sich solcher Einordnung entziehen kann umso mehr muß man sich ihres trügerischen Charakters bewußt sein. In dieser Fünften kommen mir mehr & mehr geeignete Vergleichs-oder Bezugspunkte abhanden. Die Komponistin schreitet so souverän & mit so ganz eigenen, neuen Ideen voran, daß ich nicht mehr sagen kann: hier klingt es wie dieses oder jenes. Das hier ist Mayersch! Solch eine vielversprechende Entdeckung einer Sinfonikerin erlebe ich zum ersten Mal. Louise Farrenc war vielleicht die einzige Frau, die sich etwa zeitgleich an die Männerdomäne Sinfonie wagte. Sie schrieb meisterhaft aber auch konventioneller, weniger kühn als Emilie Mayer.
Engagierte, überzeugende Darbietung des Berliner Orchesters. Dem ordentlichen Klang dieser Live-Einspielung (31. Oktober 2001, Hochschule der Künste Berlin, Konzertsaal Bundesallee) fehlt leider ein Quäntchen Transparenz. Gleich die wild hinabstürzenden Sechzehntel-Streicherkaskaden, welche den Kopfsatz eröffnen, sind nicht optimal nachhörbar.
Mein dringlicher Wunsch: mehr Mayer!
Andréjo (24.04.2021, 14:34): Ich kopiere mal einen Beitrag, den ich heute Morgen bei Capriccio eingestellt habe. Er bezieht sich auf die CD mit der 4. Sinfonie, über die Sfantu bereits ausführlicher gesprochen hat. Ein paar Bemerkungen von mir sind trotzdem neu ;) .
Dank an Sfantu bei dieser Gelegenheit für seinen Eintrag zur fünften Sinfonie. Die würde mich dann natürlich auch noch interessieren.
Kürzlich gekauft, erstmals jetzt gehört.
Die vierte Sinfonie hat Mayer nicht (mehr) selbst instrumentiert, sie ist aber wohl in einer späteren Klavierbearbeitung überliefert - allenthalben ein Zeichen damaligen Interesses der Musikwelt. Der Dirigent der Aufnahme, Stefan Malzew, hat nun eine Version für Orchester geschaffen und eingespielt. Ein kraftvolles, recht dunkles und keineswegs epigonales Werk, vielleicht am ehesten mit Schumann oder den beiden Sinfonien von Norbert Burgmüller vergleichbar.
Am attraktivsten finde ich das vermutlich letzte ihrer wohl neun Streichquartette, das hier erstmals festgehalten wurde. Alle vier Sätze haben markanten Eigenwert, besonders reizvoll scheint mir der langsame Satz, der Choralthematik verkörpert. Er ist dem Andenken der Komponistin an ihren Apotheker-Vater gewidmet.
Einzig das halbstündige Klavierkonzert scheint mir nicht in gleicher Weise interessant, denn als ausgeprägtes Mozart-Pastiche genießt es zu viel eigenständigere Konkurrenz, die Jahrzehnte früher entstanden ist.
Die beiden ersten Sinfonien kenne und schätze ich ebenso.
Es gibt meines Wissens noch (mindestens) zwei Scheiben mit Kammermusik, die ich mir wohl zulegen werde.
Wolfgang
Sfantu (08.05.2022, 15:52): Habe heute das in Beitrag Nr. 7 von Andréjo bereits vorgestellte
Streichquartett g-moll op. 14
im Vergleich gehört. Seiner Beschreibung kann ich mich voll und ganz anschließen - hinzuzufügen gibt es nicht viel: Auf mich wirkt der Kontrast des knappen, vorüber huschenden Scherzos zum gewichtigen Kopfsatz wie Teil einer Dramaturgie, die die Grundcharaktere, hier die Schwerelosigkeit des einen und dort den tiefen Ernst des anderen Satzes, als komplementär herausstreichen will. Ja - den langsamen Satz sehe ich auch als Herzstück dieses Quartetts. Die Verarbeitung eines Chorals - hier: "Wer nur den lieben Gott läßt walten" - wurde seinerzeit als Reminiszenz auf einen außermusikalischen Aspekt verstanden. Ob es nun das Gedenken Mayers an ihren verstorbenen Vater war (er ist ja auch Widmungsträger des Werkes) oder sonst ein Ereignis / eine Person, bleibt bis auf Weiteres unklar. Das g-moll-Quartett (das einzige, welches zu Mayers Lebzeiten im Druck erschien), scheint mir weniger himmelstürmend als ihre bisher besprochenen Sinfonien. Eigenprofil? Handwerkliche Meisterschaft? Unbedingt! Doch konziser und mehr der klassischen Konvention eingebunden.
Klenke Quartett (CD, Capriccio, 2018)
Allegro appassionato 11`46 Scherzo. Allegro assai 3`14 Adagio con molto espressione 7`05 Finale. Allegro molto 6`18
Erato Quartett Basel (CD, cpo, 1999)
Allegro appassionato 12`15 Scherzo. Allegro assai 3`08 Adagio con molto espressione 7`41 Finale. Allegro molto 6`06
Beide Deutungen sind vollauf gültig und nehmen für sich ein. Was beide Ensembles vermissen lassen, ist ein rhythmisch präzis artikulierter Einstieg in das Scherzo. Beide agieren zu ungefähr - besonders die Klenkes verhuschen hier etwas. Das Erato Quartett hat leider die schlechtere Aufnahmequalität zu verzeichnen (Aula der Senioren-Universität Kandern-Holzen, 4. bis 7. Juni 1998). Leicht schwammig und entfernt, nicht optimal heraushörbare Einzelstimmen. Das Cello wirkt stellenweise zum Kontrabaß aufgepumpt, der fehlende Stimmen-Fokus läßt vorübergehend das Trugbild chorischer Besetzung aufscheinen - etwas bedauerlich (auch, wenn sich das Ohr mit der Zeit freilich dran gewöhnt).
Sfantu (24.05.2022, 11:01):
Sinfonie Nr. 3 C-dur "Sinfonie Militair"
Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin - Mark Rohde (CD, MDG, 2022)
Adagio - Allegro con brio 10`52 Un poco adagio 7`06 Scherzo. Allegro 6`12 Finale Militair. Adagio - Allegro vivace 7`40
Frisch erschienen, bringt diese Veröffentlichung wiederum eine neue Seite der facettenreichen Komponistin zum Vorschein: Brillanz, Martialisches, ja bisweilen Plakatives. Und doch paßt sie (die Sinfonie) mit diesen Eigenschaft als ideales Bindeglied zwischen die Zweite und die Vierte: ein kontinuierlich wachsendes Zutrauen zu dramatischer Geste und Kühnheit bricht sich Bahn. Welche Umstände führten zu diesem zumindest teilweise militärisch geprägten Werk? Die Sinfonie schrieb Mayer offenbar kurz nach ihrem Weggang von Stettin nach Berlin. Ihr dortiger Kompositionslehrer Wilhelm Wieprecht muß als Einflußnehmer auf Mayers neues Werk in Betracht gezogen werden - war er damals doch die zentrale Figur der Reform der Preußischen Militärmusik. Auch hob er Mayers Dritte beim ersten öffentlichen Konzert ihrer Werke am 21. April 1850 im königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt aus der Taufe. Ob die Ereignisse der Märzrevolution eine zusätzliche Inspiration gewesen sein mögen?
Der zunächst verhalten anhebende Kopfsatz wandelt auf zauberische Weise durch allerlei harmonische Wechselspiele, wächst sich aber mehr und mehr zu selbstbewußtem Duktus aus. Den Abschluß der Exposition bildet eine Art Geschwindmarsch - darin erhalten die Holzbläser Gelegenheit zu reizvollen kleinen Auftritten. Den Rest des Satzes kennzeichnet ein frischer Vorwärtsdrang, der mit Fanfarenmotiven durchaus Militärisches assoziieren läßt - hier aber, so meine ich, nicht das Zerstörerische sondern den repräsentativen und volksnahen Schneid der preußischen Garden. Während der Coda zieht das Tempo leicht an, was dem Abschluß des Satzes eine Portion überrumpelnder Grandeur verleiht.
Im langsamen Satz wird eine doppelbödige Idylle in Szene gesetzt. Die schmeichelnd-schmachtenden, Schubert und der deutschen Spieloper nicht fernen lyrischen Themen, werden wieder und wieder von dramatischem Aufwallen unterbrochen. Formal zeigt sich eine Mischung aus Reihung und Variationen. Im Verlauf erscheinen die lyrischen Abschnitte vorübergehend zunehmend moll-getrübt, damit zugleich die Brüchigkeit der Stimmung unterstreichend bis der Satz dann doch versöhnlich ausklingt.
In 6/8 und in c-moll federt das Scherzo daher. Auch hier brodelt das Drama unter der Oberfläche - in Gestalt plötzlich hervorwallender, unheilvoller Wirbel. Das zweimalige Trio besteht aus einem sonnig-wiegenden Thema, von welchem Booklet-Autor Peter Larsen schreibt, es könne geradeweg von Johann Strauß stammen.
Fahle, scheinbar ziellos leise, zögernde Motive der Streicher werden bald vom freudig erregten Allegro vivace abgelöst - zuerst leise in den Streichern, untermalt vom Triangel, beim Durchbruch des Themas im vollen Orchester-Forte dann zusätzlich durch große Trommel und Becken. Mayer bietet hier großes heroisches Spektakel à la Meyerbeer. Das den Satz einleitende Adagio kehrt nach plötzlich abbrechendem, unheilschwangerem Tutti-Akkord wieder. Larsen vermutet ein Gedenken der Komponistin an Leidtragende militärischer Auseinandersetzungen. Sogleich kehrt der große siegessichere Trubel zurück und das Werk wird mit imposant auftrumpfenden Akkorden abgeschlossen.
Das Schweriner Orchester (zusammen mit der Neubrandenburger Philharmonie im Falle der Vierten würde Dave Hurwitz wohl von Mayers "Home Town Teams" sprechen) spielt überzeugend und mit ansteckender Verve.
Es tut sich was in Sachen Mayer. Soweit ich es überblicke, sind die Sinfonien 1 bis 7 nun alle einmal eingespielt - die Dritte gar dreifach. Auch an Kammermusik-Aufnahmen erscheint sukzessive mehr.
Sfantu (24.06.2022, 23:27):
Barbara Beuys
Emilie Mayer - Europas größte Komponistin. Eine Spurensuche (235 Seiten. Weilerswist, 2021)
Vor wenigen Stunden fertig gelesen, schreibe ich gern ein paar Worte zu dieser wohl ersten Emilie Mayer-Biografie.
Barbara Beuys kommt also allein dadurch schon ein wichtiges Verdienst für diese Komponistin zu. In geschickter Dramaturgie zeichnet sie den Werdegang Mayers, eingebettet in wichtige Exkurse zur Zeitgeschichte, im besonderen aber zur Rolle der Frau und zum Geschlechterverständnis jener Zeiten. So fand ich es total spannend - weil mir bis dato unbekannt - daß ausgerechnet Rousseau als eine der Ikonen der Aufklärung mit seinem rückschrittlichen Frauenbild so nachhaltigen Einfluß auf das Geschlechterbild (kurioserweise insbesondere) im deutschen Sprachraum hatte. Umso bewundernswerter die bescheidene und doch selbstbewußt-zielstrebige Art, mit der Mayer unbeirrt von Widerständen ihren Weg gegangen zu sein scheint (Letzteres wird bspw. aus der Korrespondenz mit ihren Verlegern deutlich). Zu ihrem schöpferischen Genius gesellten sich weitere glückliche Umstände, die ihr das Werden und Wachsen zur angesehenen Künstlerin ermöglichten: die Erbschaft ihres Vaters, die sie von finanziellen Sorgen befreite, die Entscheidung, unverheiratet zu bleiben und somit selbstbestimmt zu leben (es oblag damals dem Ehegatten, der Frau eine Berufstätigkeit zu gestatten), dann aber sicher auch die Begegnung mit Schlüsselfiguren, welche sie in ihrer Entwicklung bestärkten und förderten: ihr Vater, ihr erster Lehrer Driver ("Wenn du die Meu gifst, kann ut di wat warden"), von entscheidender Bedeutung sicher Carl Loewe, ihr Lehrer und Mentor in Stettin, in Berlin u. a. Adolph Bernhard Marx, ihr wichtigster Lehrer und Ludwig Rellstab als unvoreingenommener Rezensent (und Gründer) der Neuen Zeitschrift für Musik. Doppelt glücklich in der zuletzt erwähnten Kategorie an Personen, daß es sämtlich Männer waren, die fortschrittlich genug dachten, den Aspekt der Geschlechter-Zugehörigkeit hintan zu stellen und allein Begabung und Berufung als Maßstab gelten zu lassen.
Alles in allem ein wertvoller Beitrag zur Wiederentdeckung Emilie Mayers.
Was dennoch zu bemängeln bleibt, mag manchem belanglos erscheinen. Mich stört es indes gewaltig und führt mich ernsthaft zu der Frage: leistet sich die Edition Dittrich noch ein Lektorat?? Ich komme auf knapp zwei Dutzend Orthographie-Fehler. Daß auch unter Intellektuellen die Unterscheidung zwischen "das" und "daß" nicht gelingt, ist nicht neu. Mayers Haupt-Verleger Bote & Bock wird zwischendurch zu Bock & Bote (warum nicht Bock & Gärtner?!), Josef Rheinberger wird genau zweimal erwähnt. Beide Male als "Rheinsberger").
Nichts desto weniger eine klare Empfehlung für dieses Buch. Und die Hoffnung, daß künftig mehr Quellen zu Emilie Mayers Leben und Schaffen verfügbar werden.
Sfantu (09.12.2023, 18:36): Als im vergangenen Jahr die Zweit-und Dritteinspielungen der Sinfonie Militair erschienen, zögerte ich nicht, sie mir zu bestellen. Zum einen, da auf diese Weise auch die Gattungsbeiträge 6 und 7 greif-und hörbar wurden. Dann aber auch, weil die Dritte einfach Spaß macht und so erstmals ein Vergleichshören bei einer Mayer-Sinfonie möglich wird. Separat liefen diese Versionen ab und zu schon einmal - in direkter Gegenüberstellung hintereinander aber erst heute.
Philharmonisches Orchester Bremerhaven - Marc Niemann (CD, Hänssler, 2022)
Adagio - Allegro con brio 10`17 Un poco adagio 6`52 Scherzo. Allegro 5`50 Finale Militair. Adagio - Allegro vivace 8`04
NDR Radiophilharmonie Hannover - Jan Willem de Vriend (CD, cpo, 2022)
Adagio - Allegro con brio 10`00 Un poco adagio 7`02 Scherzo. Allegro 6`12 Finale Militair. Adagio - Allegro vivace 8`31
Die Unterschiede sind klein aber fein - zwischen Rohde und Niemann. Die Version der wackeren Hanseaten von der Wesermündung stellt vorläufig eine Art Normal-Null dar. Es wird an allen Pulten geschmackvoll-gediegen musiziert. Klanglich eine Spur kompakt - hier wäre etwas mehr Durchhörbarkeit wünschenswert gewesen. Dennoch erfreut die Einspielung rundum. Denkbar, daß Mayer Drei sich als eines jener Werke erweisen wird, das vielleicht zu gut geschrieben ist um schlecht aufgeführt zu werden.
Die mir vertrauteste Aufnahme ist freilich jene mit der Schweriner Staatskapelle (s. Beitrag Nr. 9). Im langsamen Satz werden die Miniatur-Dramen plastischer, packender erzählt - man zeigt mehr Mut zu rhetorischer Geste. Für das etwas martialische Finale erwartet man daher wohl ähnliche Qualitäten - und bekommt diese dann auch geliefert. Im Schlußabschnitt wird imposant aufgetrumpft.
Soviel zu den beiden maritimen Aufnahmen. de Vriend bläst mit den Hannoveranern jeden Rest von Küstennebel fort. Die Aufnahmequalität ist noch einen Tick klarer als dieder MDG-Ausgabe. Ein hörbarer Pluspunkt die konturierte Paukenstimme - das klingt so aufwühlend wie beglückend. Wenn im Kopfsatz das ritterliche Fanfaren-Motiv erklingt, antworten die Streicher mit ihren beiden sukzessiv aufsteigenden Sekund-Seufzern. de Vriend läßt den zweiten dieser "Seufzer" jeweils etwas leiser spielen - ein winziger Kunstgriff, der aber so sinnfällig wie elegant erscheint. Übrigens spricht es wiederum für die Qualität der Komposition, daß diese Abschnitte, Fanfare+Seufzer-Motive nicht ermüdend oder redundant erscheinen obwohl sie viele Male in diesem Satz wiederkehren. Im Gegenteil - man freut sich auf jeden von ihnen.
Ein vorläufiges Fazit: keine der Aufnahmen ist schlecht oder stiehlt dem Werk etwas an möglichem Potenzial. Niemann klingt rund und solide, Rohde wagt ein wenig mehr Ausdruck, de Vriend aber vereinigt diese Vorzüge, erfreut mit neuen Akzenten und es gebührt ihm daher die Palme. Im Schlußsatz wählt er das langsamste Grundtempo, wodurch dieses Militär-Finale noch eine zusätzliche Portion Grandezza erhält. Das Schlagwerk (so auch bei Rohde) kommt plastisch und elektrisierend zur Geltung.
Vier und Fünf mögen mehr Tiefgang besitzen. Dennoch ist die Drei derzeit ein wenig die Favoritin bei mir. Es darf auch mal etwas leichtgewichtiger sein (doch nicht im Mindesten banal!!). Vielleicht eignet sie sich als Einstiegs-Werk für Mayer-Ersthörer durch ihre niederschwelligen Zugangsqualitäten.