Ermunterung für die Laiensänger unter uns..

Solitaire (07.03.2012, 15:59):
So.
Hier nun ein Beitrag, der zum allergrößten Teil nicht auf meinem Mist gewachsen ist, der mir aber so gefällt, daß ich mir erlaube, ihn ausführlich und vollständig zu zitieren.
Als Laiensänger im Laienchor stellt man sich ja immer wieder die Frage „Darf ich das?“ Darf man große Chorwerke singen, für die man eigentlich viel zu wenig kann und auch immer können wird?
Wolfram Goertz gibt in der aktuellen Ausgabe der Rheinischen Post seine Antwort:

Langsam wächst das Lampenfieber, doch auch die Vorfreude. Röcke werden genäht, Blusen gebügelt, neue Krawatten gekauft und Schuhe geputzt, der Vorverkauf der Karten läuft schon seit Wochen, die für teuer Geld engagierten Gesangssolisten haben gottlob noch kein Halsweh. So wird das Werk denn in Erfüllung gehen: endlich in der Karwoche die "Matthäus-Passion" singen.
Es gibt hierzulande nicht wenige Kantoreien, Kirchenchöre, freie Konzertchöre, die ihr Jahresziel in der Aufführung eines Meisterwerks sehen – und mancher, der es übt, wird als Hilfestellung oder Krücke gewiss eine der einschlägigen CD-Aufnahmen des Werks nutzen. Das kann helfen, aber auch demoralisieren, wenn Sänger nämlich zu der kränkend-ernüchternden Erkenntnis kommen: So gut wie die können wir sowieso nicht werden!
Handeln Laienchöre mutwillig oder fahrlässig kunstschänderisch, wenn sie sich an Kunstwerke wagen, die aufgrund ihres Schwierigkeitsgrades vielleicht den Profis vorbehalten bleiben sollten? Gibt es nicht die autonome Würde des Kunstwerks, die es zu schützen gilt, damit sich nicht minderqualifizierte Kräfte entweder verheben, vergreifen oder gar versündigen?
Langsam, langsam: Die h-moll-Messe bleibt immer die h-moll-Messe, also Kunst von verschwenderischer Fülle und größtem Reichtum, selbst wenn man in einer Aufführung eher Mühe als Kunst hört. Deren unmittelbare Wirkung – als Ausdruck übergeordneter Schönheit – ist indes nicht an die Qualität ihrer Darbietung gekoppelt. Viele Musikfreunde haben schon ein "Weihnachts-Oratorium" gehört, bei dem nicht jedes hohe A vom Himmel leuchtete, sondern eher matt funzelte – trotzdem ging es zu Herzen und trug die Idee des Werks beseelter fort, als es manchen Profis gelänge, die das Opus auf Tournee mit zehn Konzerten in zwölf Tagen abspulen.
Jene Übergriffe, bei denen sozusagen Amateure in Badelatschen einen Achttausender der Musikliteratur besteigen wollen, sind außerordentlich selten. Und wenn, dann kann man diesen Laien auch gar keinen Vorwurf machen. Wie sollen sie denn wissen, dass die "Johannes-Passion" einen gänzlich untrainierten Chor schon nach dem Eingangschor gänzlich ermattet ins Chorgestühl zurückwirft? Eher sollte man den Dirigenten eine Philippika ins Stammbuch schreiben, wenn das Unzulängliche schon vor der Aufführung zum Ereignis zu werden droht. In der Regel werden diese Chorleiter dann besonders nervös und beginnen in den Proben wie wild zu fuchteln und Unruhe zu verbreiten. Mit professioneller Besonnenheit ließen sich derlei Unebenheiten in der Führungsetage leicht abschleifen.
Mag es nun in der Aufführung hin und wieder rumpeln: Die Welt geht davon nicht unter – doch für die Choristen hat vielmonatige Probiererei endlich ein Ziel gefunden. Es zu erreichen kann überwältigend sein. Wer nie eine der Passionen Bachs oder das Requiem von Mozart, Verdi oder Brahms mitgesungen hat, kann den ideellen und persönlichen Zugewinn überhaupt nicht ermessen, der bei der Einstudierung solcher Werke beim Chorsänger entsteht. Einem großen Meister einmal ganz nahe sein: Das geht nur, wenn er einem über Wochen und Monate zum Abendstern, zum Gesundbrunnen, zum Leuchtturm, gelegentlich auch zum Sargnagel geworden ist.
Mit Bach frohlocken, leiden und schließlich mit ihm auferstehen – ein größer Glück ist nicht auf Erden.
Danke Wolfram! :D
Ich habe es mir kopiert und werde es bei Anfällen von Selbstzweifeln hervorholen.
Severina (07.03.2012, 16:51):
Liebe Mina,
ich bewundere und beneide jeden, dem ein musikalisches Talent in die Wiege gelegt worden ist, und wenn es auch "nur" für einen Laienchor reicht. Als halbes Landei komme ich immer wieder in den Genuss diverser Darbietungen von Männergesangsvereinen, Jugendgruppen, Kirchenchor etc. und würde nie meine WSO-geeichte Nase darüber rümpfen. Im Gegenteil, die ehrliche Begeisterung der Amateure beglückt mich oft mehr als routinierte Profis, die - das soll durchaus vorkommen - gerade Dienst nach Vorschrift machen.

Und glaube mir: Die "autonome Würde des Kunstwerks" ist auch an der WSO nicht vor "fahrlässigen Kunstschändern" sicher!!!!! :cool

Also genieße jede Minute auf dem Podium und zerbrich Dir nicht den Kopf, ob das A hell leuchtet oder nur matt funzelt!!! :D

lg Sevi :hello
Solitaire (07.03.2012, 16:59):
Gut, dann lasse ich es mit Begeistung funzeln, das hohe A :D
Es gibt ja nicht von ungefähr das böse wort vom Musikvollzugsbeamten :ignore
Zefira (07.03.2012, 19:09):
Ich werde nie vergessen, wie ich einmal eine Aufführung des Mozart-Requiems von einem Schülerchor gehört habe!
Es war in einer Kirche. Die Choristen sind gleich nach Ende der Aufführung ins Puiblikum gegangen - ich habe mehrere Schüler und Schülerinnen gesehen, die ihren Eltern mit Tränen in den Augen in die Arme fielen.
Unser Konzertchor - auch ein Laienchor - singt viel schwieriges Material, gerade unlängst das Schicksalslied und die Nänie von Brahms. Ich finde das toll - dank der persönlichen Verbundenheit mit dem Chor kommen viele Leute in die Aufführung, die sich sonst nie solche Musik anhören würden.

Wenn wir die Verhunzung klassischer Stücke unterbinden wollen, müssen wir erst mal bei der Verballhornung von Orff und Verdi für Werbezwecke ansetzen. Da besteht viel mehr Handlungsbedarf!
Solitaire (08.03.2012, 09:20):
Original von Zefira
I ich habe mehrere Schüler und Schülerinnen gesehen, die ihren Eltern mit Tränen in den Augen in die Arme fielen.

Ist es nicht wunderbar, wenn eigenes Musizieren so etwas auslösen kann?

Oh, Musik in der Werbung...in meinem Beruf wird man ja auch immer mal wieder nach dem "Lied aus dieser Autowerbung" gefragt.
"Oh wie verführerisch sind Choco Cro-ho-ssies" hat bei mir allerdings schon fast Kultstatus :ignore :D
Mimì (11.03.2012, 23:41):
Als begeisterte Mitsängerin in besagtem Konzertchor möchte auch ich mal meinen Senf dazugeben ^^.

Der Artikel ist ja wirklich wunderbar! :thanks Ich glaube, den werd ich mir auch mal kopieren und dann bei passender Gelegenheit immer wieder rausholen.

Tatsächlich ist das Mitwirken bei so großen Wirken sehr berührend. Nun ja, mit Tränen bin ich selbst damals nach dem Verdi-Requiem meiner Familie zwar nicht in die Arme gefallen. Aber es ist doch etwas Besonderes, wenn man nach monatelangem Proben mitsamt Orchester und allem, was dazu gehört, auf der Bühne stehen darf, nur, um etwas von dem weiterzugeben, was diese Musik einem bedeutet. Und um wenigstens anzudeuten, wie großartig sie ist. :down

Einem großen Meister einmal ganz nahe sein: Das geht nur, wenn er einem über Wochen und Monate zum Abendstern, zum Gesundbrunnen, zum Leuchtturm, gelegentlich auch zum Sargnagel geworden ist.

Besser hätte man es eigentlich nicht ausdrücken können.
Genauso interessant und bezeichnend finde ich aber auch das Zitat:

Die h-moll-Messe bleibt immer die h-moll-Messe, also Kunst von verschwenderischer Fülle und größtem Reichtum, selbst wenn man in einer Aufführung eher Mühe als Kunst hört.

Sehr richtig. Die Musik verbraucht sich schließlich niemals (ist das nicht großartig?)

Und nicht zuletzt sollte man sich beizeiten vor Augen halten, dass der Großteil der heute aufgeführten klassischen Musik zu einer Zeit geschrieben wurde, als es noch keinerlei Aufnahmemöglichkeiten gab. Das heißt, wer Musik hören wollte, musste sie entweder selbst machen oder live zuhören, wie andere Musik machen - und das waren auch dann nicht selten Laien. Das gilt weniger für die Chorliteratur, aber die sämtlichen Liederzyklen von Schumann und Schubert und wie sie alle heißen, wurden vorwiegend für den "Hausgebrauch" geschrieben, weil es damals viel selbstverständlicher war, im Haus Musik zu machen.

Das ist heute leider nicht mehr so. Musik wird ja soundso schon zunehmend den Profis allein überlassen, "die machen es ja schließlich, wie es sich gehört." Aber bei aller Liebe zu den vielen wunderbaren Sängern und Musikern da draußen, es kann auch manchmal ganz schön an einem nagen, dass man sich hin und wieder dabei ertappt, sich mit ihnen zu vergleichen - dabei ist das doch irgendwie unsinnig. Wenn man sich nämlich mal ernsthaft Gedanken darüber macht, was Musik eigentlich bedeutet und warum Menschen überhaupt so etwas wie Musik entwickelt haben, kommt man doch früher oder später dahin, dass ihr einziger Sinn nicht der pure Genuss von Wohlklang sein kann. Na gut, ich hab zwar immer mehr den Eindruck, dass Musik - zumindest in meiner Generation - nur noch als geeigneter Beat zum "Abgehen" herangezogen wird :ignore, aber dennoch: Warum kann eine Reihung von Tönen etwas so Großes in uns bewirken?

Ich glaube, Musik ist eine so ureigene Sprache für uns und das Recht, sich musikalisch auszudrücken, sollte doch jedem gegeben sein...wenn sie doch unser Abendstern, unser Gesundbrunnen und unser Leuchtturm sein kann :) (ja ja, den Sargnagel hab ich jetzt mal um der Romantik Willen rausgelassen :D).

Außerdem wird ja schließlich auch keiner gezwungen, zu den Konzerten von all den Laienchören da draußen hinzugehen :D.
Fairy Queen (21.03.2012, 20:54):
Ich Kann nur aus vollem Herzen das hier Gesagte unterstützen! Chorsingen ist nicht nur musikalisch und persönlich beglüvckend sondern auch sehr gut für die Gesundheit. Ich empfehle allen Chorsängern und Sängerinnen die Lektüre von Wolfgang Bossinger: Die heilende Kraft des Singens Dort werden diverse studien zitiert, die die Heilwirkungen des Chorsingens untersucht haben und zu erstaunlichen ergebissen gekommen sind. Lasst euch also durch nichts und niemanden davon abhalten dieses "Medikament" ohne Risiken und Neben-Wrikungen auszuüben.

Ich habe einige Choristen in menen therapeutischen Gruppen und es gibt leider auch Chorleiter, die ihre persönlichen Autoritäts- und
Perfektionismus Probleme an den Sängern austoben und deren Selbstwertgefühl systhematisch untergraben. Das ist besonders schade, denn der Enthusiasmus und das Vertrauen der Chorsänger sind ein wertvolles gut, mit dem ein Chorleiter behutsam umgehen sollte, wenn er etwas taugt.

ich habe selbst lange in Chören gesungen und alle grossen Werke der Oratorienliteratur mitaufgefûhrt. Ja, das sind Glückshormonausschüttungen, die einem Kilo Schokolade und frischverliebter Wolke siebendreiviertel entsprechen udn ich kann das oben Geschriebene bestens nachempfinden. Mir fehlt das Chorsingen manchmal sehr, aber ich werde sicher in meinem Leben wieder dazu Gelegenheit haben- im Moment ist halt eher Solo dran. Was ein vollkommen anderes Erleben und viel stressiger ist- finde ich.....
Frohes Tirilieren und bloss keine Angst vor Un-Perfektion!!!!! Solange ihr nciht wie Profis bezahlt werdet, habt ihr jedes Recht wie Amateure zu singen! Das sag ich mir auch als Solistin und es hilft oft, die Freude wachsen und den Stress schrumpfen zu lassen.

:engel