uhlmann (11.09.2008, 10:28): ich will nun doch jenen dirigenten hier würdigen, den ich an die erste stelle beim dirigenten-voting gesetzt habe und der für mich zu etwas wie einem fixstern in meinem musikalischen kosmos geworden ist: eugen jochum.
er war einer jener dirigenten alter prägung, die sich selber nie so wichtig nahmen und immer die musik in den vordergrund stellten. starallüren und übertriebenes ego waren ihm zeitlebens fremd. trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb hat er eine internationale karriere gemacht, die ihn an fast alle wichtigen orte des musiklebens geführt hat.
hier ein paar daten und stationen: 01.11.1902: geboren in babenhausen 1922-25: studium in münchen bei siegmund von hausegger, 1927: debüt bei den münchner philharmonikern mit bruckners siebter 1927-34 stationen in kiel, lübeck, mannheim, duisburg und berlin 1934-49: generalmusikdirektor in hamburg 1949: gründer des symphonieorchesters des bayrischen rundfunks, das er bis 1960 leitete 1953: debüt in bayreuth (dirigiert bis 1973 tristan, lohengrin, tannhäuser und parsifal) 1961-64: chefdirigent des concertgebouw orchesters (zusammen mit bernard haitink) 1969-73: chefdirigent der bamberger symphoniker 26-03.1987: gestorben in münchen
eugen jochum wird heute fast ausschließlich mit dem werk anton bruckners in verbindung gebracht. tatsächlich lag ihm bruckner auch besonders am herzen, doch sah er sich selber nicht ausschließlich als bruckner-spezialist. ab 1950 war jochum präsident der deutschen sektion der anton-bruckner-gesellschaft und später der erste, der in den sechzigern eine gesamteinspielung aller 9 symphonien vorlegte. ende der siebziger spielte er sie mit der staatskapelle dresden nochmals ein (diese aufnahme ist bei brilliant classics günstigst zu haben und gehört wohl schon deshalb in jede gut sortierte bruckner-discographie). zeitlebens setzte sich jochum für bruckners originalversionen ein.
abseits von bruckner favorisierte jochum das klassisch-romantische repertoire, sowohl im konzert als auch in der oper. besonders hinweisen möchte ich auf jochums wagner, mozart und haydn, über den wir hier ja schon diskutiert haben. die musik des 20. jahrunderts hat er sich nur sporadisch erschlossen (orff, blacher, egk), mit moderneren strömungen konnte er sich nicht anfreunden.
eugen jochum hat eine große zahl an aufnahmen hinterlassen. neben den einspielungen der werke bruckners gibt es einige aufnahmen, die ich als referenz oder zumindest nahe daran einstufe:
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028944743722.jpg orffs carmina burana
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028947756118.jpg der freischütz mit seefried, holm und böhme
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028946954928.jpg beethoven klavierkonzert 1 mit pollini
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Q85R0AXJL._SL500_AA240_.jpg zumindest auf eine bruckner-aufnahme möchte ich hinweisen, da sie imo ein highlight der gesamten bruckner-discographie darstellt: jochums legendäre fünfte mit dem concertgebouw aus ottobeuern vom 31.05.1964
daneben gibt es viele andere aufnahmen, die hier genannt werden könnten. neuerdings findet man bei billig-labels diverse compilations und eine menge live-mitschnitte von opern (v.a mozart und wagner, u.a. bei cantus classics und walhall).
natürlich gibt es auch einspielungen von jochum, die mir weniger zusagen: die beethoven-symphonien mit dem concertgebouw aus den 60ern sind imo nur mittelmaß. und bach, den jochum sehr gerne gemacht hat, muß ich auch nicht wirklich so hören (obwohl jochum gar nicht so dick aufträgt wie etwa ein karajan). dafür ist jochums mozart auch für heutige verhältnisse relativ schlank und spritzig, gar nicht schlecht.
hier noch ein paar interessante links:
wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Jochum eine liebevoll gestaltete site, die sich v.a. mit jochums amsterdamer zeit befasst: http://www.robkruijt.0nyx.com/EugenJochum/ejochumn.htm jochums bruckner-aufnahman: http://www.abruckner.com/recordings/default.htm,search=Jochum
würde mich über diskussionen freuen.
Rachmaninov (11.09.2008, 11:15): @Uhlmann,
mit E. Jochum habe ich mich bisher wenig beschäftigt, da ich mich auch wenig mit Bruckner beschäftige.
Die Aussage
Original von uhlmann er war einer jener dirigenten alter prägung, die sich selber nie so wichtig nahmen und immer die musik in den vordergrund stellten.
gefällt mir, da ich darin eine der höchsten Tugenden für einen Musiker überhaupt sehe.
Tranquillo (11.09.2008, 15:29): Lieber Uhlmann,
Haydns Londoner Sinfonien und Orffs Carmina Burana mit Jochum gehören auch bei mir zu den Referenzaufnahmen, die ich immer wieder höre.
Obwohl ich sonst eher kein Opernfan bin, begeisterte mich vor einiger Zeit diese Aufnahme von Mozarts "Entführung":
Jochum scheint einen besonderen Sinn für den komödiantischen Schwung dieses Werks gehabt zu haben: Die Ouvertüre habe ich noch nie so "türkisch" gehört, und auch sonst macht es einfach Spass zuzuhören - nicht zuletzt wegen Fritz Wunderlich.
Übrigens hat sich Jochum auch mit J. S. Bachs geistlichen Werken auseinandergesetzt, es gibt Aufnahmen der beiden Passionen und der Messe h-moll (ich erinnere mich auch an eine Aufnahme des Weihnachtsoratoriums, die aber nicht mehr erhältlich zu sein scheint).
Viele Grüsse Andreas
Dr. Schön (11.09.2008, 15:29): Mit Jochum's DGG Zyklus habe ich Bruckners Sinfonien einst zu ersten Mal gehört und kennengelernt. Ein wirkliches Interesse an dessen Werken kam aber erst auf, als ich deutlich später Aufnahmen mit Klemperer, Wand und Celibidache (letzteren mochte ich zumindest damals(!) eine Zeit lang sehr) kennenlernte. Und so ist es auch geblieben. Ich höre Jochum's Bruckner gelegentlich und eigentlich immer seltener.
Besonders scheint ihm die 4te zu liegen. Ansonsten wohnt ihm eine Kompetenz und Verbindlichkeit inne, die mich irgendwie nicht anspricht. Soll heißen, ich respektiere Jochums Sicht, bevorzuge jedoch Alternativen.
Was macht seine 5te aus Amsterdam so besonders?
Das bekannte Orff Werk kenne ich bisher überhaupt nur mit Jochum und das scheint mir eine gelungene Einspielung zu sein. Seinen Brahms würde ich gerne zumindest einmal hören.
Dr. Schön
uhlmann (11.09.2008, 16:06): lieber andreas,
jochum hat recht viel mozart gemacht. ich finde ihn frisch und lebendig, nicht zu "fett", aber doch in der romantischen tradition stehend. neben der erwähnten entführung gibt es von der dg eine cosi (mit seefried, haefliger, fidi, prey) sowie bei walhall aufnahmen des figaro und der cosi aus münchen (auf deutsch gesungen). mit den bambergern hat er die späten symphonien eingespielt, erhältlich bei orfeo (leider teuer). die aufnahmen der symphonien mit dem concertgebouw sind wohl gerade nicht erhältlich.
seinen bach brauche ich nicht unbedingt. ich kenne die matthäus-passion, aber old-school-bach ist nicht mein ding. da bevorzuge ich eindeutig hip.
Original von Dr. Schön Was macht seine 5te aus Amsterdam so besonders?
das ist einer jener glücksfälle, wo alles zusammenpasst: grandioses orchesterspiel (das concertgebouw gilt ja seit jeher als eines der besten bruckner orchester), eine phänomenale interpretation des dirigenten, dazu die knisternde live-atmosphäre, eine sternstunde. das finale ist der nackte wahnsinn. welch eine dramatik baut jochum hier auf, da steht mir jedes mal die gänsehaut. die aufnahme ist wohl leider im moment nicht erhältlich, kommt aber sicher irgendwann zurück.
hier ein bild der aufführung: http://www.robkruijt.0nyx.com/EugenJochum/ottob.jpg
Dr. Schön (11.09.2008, 16:17): Danke. Vielleicht schlummert sie ja irgendwann einmal günstig in einem Second Hand Laden oder so....
Wooster (11.09.2008, 21:33): Diesen Freischütz halte ich auch für einen Geheimtip!
Mozart gibts z.B. hier (es gab aber auch noch Sinfonien mit dem Concertgebouw, die Linzer hatte ich auf LP), m.E. kann Jochum durchaus mit den "Spezialisten" Böhm und Krips mithalten:
Legendären Ruf (ungeachtet der Amazon-Rezis) genießen die (allerdings noch mono eingespielten) Brahms-Sinfonien bei DG. Kennt die jemand? (ist eigentlich Repertoire, daß ich z. Zt. nicht vervielfachen möchte)