Solitaire (18.07.2008, 14:24): Da ich sie ja im Oktober in Berlin sehen werde, und ohnehin sehr gern mag, hie nun also ein „Eugen Onegin“-Thread. Ich habe gehofft, daß das mal jemand macht, der mit dieser Oper schon mehr Erfahrung hat, ich habe sie bisher erst einmal gesehen, und besitze auch noch keine Gesamtaufnahme, wäre also jedem dankbar, der mir in dieser Beziehung raten könnte.
Die Oper von Peter Tschaikowsky basiert auf dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin und wurde im März 1879 in Moskau uraufgeführt. Tschaikowksy nannte sein Werk im Untertiel „Lyrische Szenen“, und tatsächlich bringt die Oper nur einen Teil der im Roman enthaltenen Szenen auf die Bühne. Während „Eugen Onegin“ früher in Deutschland nahezu immer in der deutschen Übersetzung gesungen wurde, gibt man sie heutzutage im russischen Original, was die Sänger m.E.vor eine weitere große Herausforderung stellt. Hier die Handlung: Der gelangweilte, übersättigte Dandy Eugen Onegin wird von seinem Freund, dem Dichter Lenski der Gutsnachbarin Larina und ihren fast erwachsenen Töchtern Olga und Tatjana vorgestellt, er befindet sich wegen einer Erbschaftsangelegenheit auf dem Land, langweilt ich aber schon wieder ganz fürchterlich. Während Lenski, der mit Olga verlobt und sehr verliebt in sie ist, mit ihr turtelt, plaudert Onegin mit der sehr romantisch und schwäremerisch veranlagten Tatjana, die vom ersten Augenblick fasziniert ist von ihm.
Einige Wochen später: Tatjana hat sich leidenschaftlich in Onegin verliebt, eines Nachts tut sie das für ein Mädchen der damaligen Zeit undenkbare: sie schreibt Onegin einen glühenden Liebesbrief und offenbart ihm ihre Gefühle. Diese „Briefszene“ gehört m.E. zum begeisterndsten, was die Opernbühne zu bieten hat. Eine ganze Nacht lang schreibt Tatjana an diesem Brief und lässt ihn bei Anbruch des Tages an Onegin senden.
Tatjana und Onegin treffen aufeinander, übersättigt und überheblich weist er das Mädchen zurück: wenn er für die Ehe gemacht wäre, gäbe es für ihn sicher keine bessere Wahl als Tatjana, so sagt er, jedoch könne er in solchen Alltäglichkeiten kein Glück finden. Tatjana ist tief getroffen.
Am gleichen Abend wird Tatjanas Namenstag gefeiert. Onegin sieht unwillig zu, wie Tatjana umschwärmt wird. Aus Langeweile und Ärger tanzt er mit Olga. Das lebensfrohe Mädchen geht zum Scherz auf den eigentlich harmlosen Flirt ein. Lenski jedoch ist von eher eifersüchtigem Naturell und stellt seinen Freund erbost zu Rede. Da auch Onegin gereizt ist, gibt ein Wort das andere, schließlich fordert Lenski Onegin zum Duell im Morgengrauen.
Am Morgen des Duells: es Lenski, voller dunkler Vorahnungen, nimmt in der Arie „Kuda,kuda...“ Abschied vom Leben. Jedes Wort über diese Musik würde den Zauber zerstören, ihr kennt sie ohnehin alle. Da erscheint Onegin mit seinen Sekundanten. Die Freunde hängen, jeder für sich, ihren Gedanken nach: sollen sie nicht den albernen Streit vergessen, sich die Hände reichen und als Freunde auseinandergehen? Aber der Ehrenkodex ist stärker: das Duell findet statt, und Lenski unter der Kugel seines Freundes den Tod.
Jahre später: Onegin hatte seit dem Tode Lenskis keine ruhige Stunde mehr, rastlos ist er durch die Welt geirrt, ohne Ruhe und Vergessen zu finden. Nach langer Zeit ist er wieder einmal in Russland. Auf einem Ball eines Bekannten, des Fürsten Gremin, wird er dessen Frau vorgestellt: es ist Tatjana. Betroffen stellt Onegin fest, daß aus dem schwärmerischen Mädchen eine strahlend schöne, offenbar nicht unglückliche Frau geworden ist. Nun ist er es, der sich glühend in Tatjana verliebt.
Am nächsten Tag: Onegin sucht Tatjana auf, gesteht ihr seine Liebe und fleht sie an, mit ihm zu fliehen. Tatjana macht keinen Hehl daraus, daß sie immer noch von Onegin fasziniert ist, und Leidenschaft für ihn empfindet, sie will jedoch Gremin, der ihr immer ein liebevoller Ehemann war, die Treue halten. Als Onegin sie in seine Arme reißen will, stürzt sie aus dem Zimmer. Onegin bleibt verzweifelt zurück. „Verschmäht, verstoßen! Welch hartes Los!“
Das besondere an dieser Oper ist vielleicht die Tatsache daß, vom dramatischen Duell abgesehen, nicht wirklich viel passiert: ein Mädchen verliebt sich, wird abgewiesen, heiratet einen anderen. Jahre später verliebt sich der ehemals so heiß begehrte dann in sie, aber sie ist nicht bereit, ihrem Mann die Treue zu brechen. Nichts alltäglicher als das. Aber in welche Musik setzt Tschaikowksy diese Handlung...wie gesagt, ich habe „Eugen Onegin“ bisher erst einmal gesehen, und ich war vom ersten Ton an hingerissen von dieser Musik und habe mir gewünscht, sie so schnell wie möglich wieder hören zu dürfen.
Meine Begeisterung kannte keine Grenzen als ich gelesen habe, daß Villazón die, m.E. für einen lyrischen Tenor keineswegs ungefährlicheRolle des Cavaradossi abgesagt, und stattdessen den lyrischen Part des Lenski angenommen hat. Es ist eine der schönsten Rollen die je für einen lyrischen Tenor geschrieben wurden.
Ebenso ist der blasierte, übersättigte und am Ende so rastlose Onegin eine Traumrolle für jeden Bariton. Allzu sympathisch ist mir der Kerl allerdings nicht, dennoch: der Darstller dieser Rolle muß neben seiner Stimme immerhin über genug Ausstrahlung verfügen, daß man verstehen kann ,daß eine tugendhafte Russin des. 19. Jahrhunderts seinetwegen alle Konventionen über Bord wirft und den ersten Schritt tut. Ich bin sehr gespannt wie der Sänger des Onegin ,den ich nicht kenne, das im Oktober machen wird.
Ein Wort noch zu Puschkin, dem Verfasser der literarischen Vorlage: wie sein Held Lenski ist er im Duell gestorben. Im Alter von 38 Jahren hat er sich wegen einer (politischen ?) Intrige duelliert und ist wenige Tage später seinen Verletzungen erlegen.
Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht schreiben, außer immer wieder von dieser Musik zu schwärmen. :down :down :down Jetzt seit ihr dran: wer ist euer Lieblings-Onegin, euer Lieblings-Lenski, eure Lieblingstajana und warum? Ich habe die TV-Version der Oper einmal auf Video gesehen: eine stark gekürzte Fassung mit Hermann Prey als Onegin und Teresa Stratas, die mich trotz sicherlich ab und zu vorhandener stimmlicher Probleme immer wieder begeistert.
Jimi (21.07.2008, 20:21): Hallo Solitaire,
in dem Thread "OPERN von russischen Komponisten" habe ich vor über 2 Jahren geschrieben:
Original von Jimi
Zum Thema russische Oper muss ich sagen, dass ich auf diesem Gebiet noch ziemlich wenig gehört habe, ich bin einfach noch nicht dazu gekommen mich damit zu beschäftigen.
Daran hat sich leider nicht viel geändert, deswegen kann ich auch zu "Eugen Onegin" nicht viel beitragen. Was die Interpretation von "Kuda kuda..."angeht, habe ich allerdings 2 klare Favoriten, Nicolai Gedda und Sergei Lemeshev, die die Arie so lyrisch gestalten wie ich mir das vorstelle :
Diese Aufnahme von Gedda wurde im Forum schon einmal vorgestellt(ich bin jetzt zu faul den Beitrag zu suchen). Es gibt noch eine frühere Aufnahme von Gedda's ersten Emi-Recital wo er das Stück vielleicht nicht ganz so ausgefeilt, aber dafür noch jugendlich-lyrischer interpretiert.
Wenn Gedda noch überboten wurde, dann von Sergei Lemeshev, ein russischer Tenor der 30er-50er Jahre, der hierzulande rel. unbekannt ist, obwohl es doch einige Gesamtaufnahmen mit ihm gibt. Mir ist klar, dass seine Stimme wohl nicht jeden begeistern wird, dennoch halte ich seine Interpretation für fast nicht mehr zu überbieten. :down
Hier die frühe Aufnahme von 1937(Vorsicht rauscht).
Hier noch eine spätere Filmaufnahme.
:hello Jimi
manrico (22.07.2008, 02:45): Vielen Dank für die Eröffnung dieses Threads.
Eugen Onegin zählt für mich zu den interessantesten Figuren auf der Opernbühne (gemeinsam mit der Norma, Azucena, Simon Boccanegra, Rigoletto, Posa, Benvenuto Cellini, Hoffmann), weil hier die Zuordnung gut/böse nicht funktioniert und ein mit Fehlern behafteter Suchender und kein Held auf die Bühne gestellt wird.
Ich bin der Ansicht, dass Onegin sehr wohl gute Menschenkenntnis besitzt, dass er aber nicht liebesfähig ist. Gleich im ersten Quartett ("Sag, wer von beiden ist Tatjana?") sieht er, dass der verträumte Lenski und die lebenslustige Olga nicht für einander geschaffen sind. Wäre er Dichter, er würde sich für die verklemmte, lebensfremde Tatjana entscheiden. Tatjana projiziert tatsächlich ihre ganze Sehnsucht in diesen weltgewandten überheblichen Zyniker, der ihr wie ein Held aus ihren Romanen vorkommt. Und genau das erkennt Onegin. Insofern halte ich seine Zurückweisung Tatjanas nur für logisch. Er weiss, dass ihre Liebe nicht ihm sondern einer Fiktion gilt. Was im 19. Jahrhundert offensichtlich für eine gesellschaftliche Unmöglichkeit gehalten wurde, ist heute nicht mehr der Rede wert. Was natürlich auch heute bleibt, ist die Verletzung, die Tatjana erfährt. Aber es handelt sich meiner Ansicht nach um eine Ent-Täuschung durch Onegin. Ich frage mich immer, wie hätte er auf diesen Brief reagieren sollen, um Tatjana zu erklären, dass er sie nicht liebt.
Was Onegin wirklich erschüttert, ist dass er im Duell Lenski getötet hat - dabei wollte Onegin weder das Duell und schon gar nicht den Tod seines Freundes - hat er doch beiläufig geschossen und eigentlich ohne zu zielen geschossen. Er wusste sehr wohl, dass er Lenski provozieren würde, vor allem, weil sich Olga innerlich schon längst von Lenski und seiner erdrückender Liebe losgesagt hat und Lenski dies auch deutlich spüren lässt. Insofern wären wohl Olga und Onegin das bessere Paar gewesen.
Durch die Heirat mit dem Fürsten Gremin begibt sich Tatjana konsequenter Weise wieder in eine neuerliche Abhängigkeit - diesmal allerdings verbunden mit sozialem Aufstieg. Sie hat nur gelernt, ihre Rolle als Fürstin zu spielen - innerlich ist sie aber genauso zwanghaft wie eh und je. Genau hier holt die Vergangenheit Onegin wieder ein. Im Rezitativ aus dem dritten Akt erwähnt er mit keinem Wort den Verlust Tatjanas - seine unbewältigte Tat ist der Tod Lenskis, den er nicht ungeschehen machen kann. Mit Tatjana will er meiner Ansicht nach ein Stück seiner heilen Welt aus der Vergangenheit retten. Hier wird ihm klar, wie anders sein Lebensweg hätte aussehen können, hätte er sich in biedere Kleinhäuselei mit Tatjana begeben. Er wäre ein gelangweilter Ehemann geworden, hätte seine Frau bestimmt bei jeder Gelegenheit betrogen, aber sein bester Freund wäre noch am Leben. Er sucht Frieden bei Tatjana, aber keine Liebe. Sein "Ich liebe dich, ich liebe dich" klingt für mich nach einem Ertrinkenden, der sich an einen Strohhalm klammert, mehr Verzweiflung als Leidenschaft. Aber Tatjana gibt ihre Sicherheit nicht auf. Für einen Skandal ist sie nicht geboren. So überlässt sie Onegin seinem Schicksal, das sie - und das muss man zu ihrer Ehrenrettung sagen - ja tatsächlich nichts angeht.
Ich habe Onegin nie als unsympathisch empfunden, sondern eher als mutigen Menschen, der sich den gesellschaftlichen Zwängen widersetzt und letztlich doch von ihnen gebrochen wird. Tatjana ist für mich die Personifzierung aller dieser Zwänge - der perfekte Mitläufer, der sich nur ein einziges Mal über diese Zwänge hinwegsetzt und auch das nur, nach vielen Anläufen. Der Brief, den sie schreibt, quillt ihr auch nicht aus dem Herz, denn sie fängt immer wieder an und zerreisst jeden Brief, ganz so, als ob sie sich das, was sie unmittelbar fühlt, verbieten würde. Ihr Gefühl muss in halbwegs akzeptable Form gebracht werden. Im Finalduett hat sie sich ganz im Griff - sie kann Onegin ihre Zuneigung gestehen und ihm gleichzeitig mitteilen, dass ihr ihre gesellschaftliche Position wichtiger ist als ihr Gefühl. Ich glaube nicht, dass sie tatsächlich begreift, worum es Onegin geht und dass sie nur Mittel zum Zweck wäre. Sie hält seine Verzweiflung für Liebe und erliegt erneut einer Täuschung. Dieses Finale gehört für mich allerdings zu den größten Schöpfungen der Opernliteratur - ähnlich schwer umzubringen wie das Finale aus Carmen oder Norma. In diesem Duett hat sich auf der Bühne für mich Thomas Hampson zum besten Onegin gemacht, den ich gesehen habe, gefolgt von Horstovski (der das bessere russisch haben soll, aber das kann ich beim besten Willen nicht beurteilen). Auf CD mag ich ausserdem noch George London, Giuseppe Taddei und (erstaunlich für mich) Fischer-Dieskau. Er hat aber auch den Vorteil, dass er die beste aller möglichen Tatjanas zur Seite gestellt bekommen hat, nämlich die göttliche Sena Jurinac. Wladimir Lenski ist in diesem Fall auch ideal besetzt: Anton Dermota. Dermota ist für mich schlichtweg die Verkörperung des Lenski, dicht gefolgt von Fritz Wunderlich und Neill Shikoff (auch live eine Offenbarung, der das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreisst, selbst wenn er einmal nicht zu 100% bei Stimme ist).
lg
Werner
Heike (22.07.2008, 08:09): Hallo, ich freue mich auch auf diese Oper in Berlin. Die Figuren sind psychologisch so wahnsinnig interessant, besonders Tatjanas Entwicklung finde ich wunderbar differenziert. Puschkins Vorlage werde ich in Hinblick auf die Aufführung sicherlich nochmal lesen.
Ich habe nur eine Aufnahme, die es bei jpc preiswert gab - ich wurde sehr angenehm überrascht und bin damit recht zufrieden:
Hebre
Solitaire (22.07.2008, 20:36): Erstmal vielen Dank für eue antworten! Werde mich morgen näher damit befassen, siet weinigen Tagen gab es hier eine Störung der Telekom, sodaß ich nicht online gehen konnte. Erstmal nur soviel: ich kenne einen Querschnitt mit Shicoff als Lenski, und er hat mich auch ungeheuer beeindruckt und kann mir gut vorstellen, daß er auf der Bühne grnadios ist!
Solitaire (23.07.2008, 08:22): So, das Internet läuft immer noch, die Telekom hat also offenbar ausnahmsweise mal etwas richtig gemacht. @Manrico Danke für deine Sichtweise auf die Oper, auch wen ich manches etwas anders sehe, finde ich es wie immer sehr interessant! Ich habe mich, wie erwähnt, mit dieser Oper leider noch nicht so viel beschäftigt wie ich es gerne getan hätte, und bin daher auch sehr gespannt auf Berlin. Mit Hampsons Onegin habe ich schon bei jpc geliebäugelt, (wie übrigens auch mit seinem "Werther" in der Bariton-Version, aber wer will das alles bezahlen???). Daß der Tod Lenskis für Onegin die Tragödie seines Lebens ist, steht außer Frage, es fällt mir nur ungheuer schwer, für solch eine idiotische Sitte wie das duellieren (und nein, ich berücksichtige den geschichtlichen Hintergrund nicht. Idiotisch bleibt idiotisch :cool ) auch nur in Ansätzen Verständnis aufzubringen. Hier hätte Onegin mal Gelegenheit gehabt, sich gesellschaftlichen Zwängen tatsächlich zu entziehen und diesen ganzen Unsinn abzublasen. Aber gut: kein Duell, kein "Kuda, kuda" und kein anschließendes Duett. So hat alles sein Gutes :D
Was Tatjanas Brief angeht: ich weiß ja nicht, wer hier schonmal glühende Beichten zu Papier gebracht hat, aber sowas zerreißt man gerne schon mal und fängt dann wieder von vorn an... :D Als zwanghaft habe ich sie nicht empfunden, aber ich werde beim nächsten Hören und Sehen mal darauf achten.
Es ist ja kein Geheimnis, daß ich Villazón, allen Ängsten die man um ihn manchmal aussteht zum Trotz, sehr mag, ich wäre auch in eine andere Oper gegangen um ihn mal auf der Opernbühne und nicht nur im Konzert zu erleben, aber ich bin schon sehr froh, daß es "Eugen Onegin" sein wird, die schon jetzt zu meinen Lieblingsopern gehört.
Habe neulich bei Youtube nach verschiedenen Versuonen von "Kuda, kuda" gesucht. Bei Wunderlich lautete ein Kommentar SO könne man das nun wirklich nicht singen... Was ich an der Oper so mag ist unter anderem, daß es keine Oper für ein oder zwei Stars ist, sondern m.E. eine Ensembleoper, mit einem guten Tenor oder Bariton allein ist da nicht viel gewonnen,da müssen schon ale am gleichen Strang ziehen. Ich hoffe sehr, das as in Berlin der Fall sein wird. Hier in Remscheid war ich jedenfalls sehr begeistert. Kennt jemand Thomas Laske? Der singt hier öfter, ich kenne seinen Besenbinder aus "Hänsekl und Gretel" und senen Malatesta und würde ihn so gerne mal als Onegin hören. Ich habe mir mal eine Karte für "Figaros Hochzeit" gekauft um ihn als Figaro zu hören, und dan hat er nicht gesungen. Passiert also nicht nur den reichen und berühmten...
manrico (23.07.2008, 20:02): Hallo Solitaire!
Also, ich wäre überglücklich, wenn mehrere Tenöre den Lenski so wie Wunderlich singen könnten :D (und noch besser ist er als Herrmann - zumindest das, was er von dieser Rolle aufgenommen hat). Aber zugegeben, Dermota war noch eine Spur besser, er hat mehr slawisches Timbre in der Stimme, und das kommt ihm beim Lenski natürlich sehr entgegen.
Was Tatjana und Onegin anlangt, so finde ich tatsächlich, dass Tatjana keine innere Wandlung, sie bleibt immer in der Rolle verhaftet, die ihr die Konvention auferlegt hat. Sie wird nur deshalb zur Sympathieträgerin, weil Tschaikowski die ganze Geschichte aus ihrem Blickwinkel (oder dem Lenskis im Duellbild) erzählt. Das beginnt mit der Landhausszene, in der das scheinbare Idyll der vier Frauen geschildert wird. Tatjana, die nur darauf wartet, sich einem Held aus ihren Romanen an den Hals zu werfen, Olga, die eigentlich ihres Lenski überdrüssig ist, aber vermutlich in Ermangelung anderer Heiratskandidaten doch bei ihm bleibt, Larina, die ängstlich bestrebt ist, die Heiratskandidaten nicht zu vergraulen und schliesslich die Amme, die nie ihr eigenes Leben leben durfte - sie wurde mit 18 verheiratet und lebt nun im Haus der Larina vermutlich als Witwe und zieht deren Kinder auf. Aber Tschaikowski klagt das System nicht an, sondern macht es fast biedermeierlich gemütlich und legt den Weichzeichner über diese Tristesse.
In die Öde dieses Alltags platzt Onegin. Egal, wer hier gekommen wäre, Tatjana hält ihn für den Helden aus ihren Romanen und handelt so, wie sie es gelesen hat.
Was schreibt sie denn eigentlich (Brieftext ist in Anführungszeichen):
"Und wär's mein Untergang, erfahren will ich zuvor, was schon seit Jahren verschwiegne Wünsche in mir fragen, die ungestüm ans Licht sich wagen. Ich schlürf das süsse Gift Verlangen, der Sehnsucht Bann hält mich gefangen. Ich seh ihn stets, an jedem Ort verfolgen mich sein Blick, sein Wort."
Diesen Brief verwirft sie, sexuelles Verlangen ist unangebracht, zumal es ja nicht Onegin selbst sondern irgendeinem Mann gilt.
Der zweite Brief:
»Ich schreib an Sie ohn' all Bedenken, ist damit alles nicht gesagt? Sie dürfen ungestraft mich kränken, ich beug mich wehrlos Ihrer Macht. Jedoch glimmt für mein traurig Los ein kleiner Funke Mitleid bloss, so werden Sie mich wohl verstehen. Erst wollt' ich mein Geheimnis wahren, und niemals, niemals gäb' mein Mund des Herzens Wünschen Ihnen kund «
Mit keinem Wort spricht sie von Liebe, sie sucht einfach die Befreiung aus ihrer Situation. Aber auch das ist nicht opportun.
Also folgt ein neuer Brief, in dem sie ganz klar sagt, wie sie sich ihr Leben vorstellt: die Unterdrückung aller Sexualität, aller Wünsche, ein Leben als frustrierte Hausfrau (das, was sie schliesslich ja auch bekommt):
»Was führte Sie in unsre Einsamkeit? Was war's? Welch Wünschen, welch Verlangen? Verschont wär' ich von allem Leid, von allem Zweifel, Hoffen, Bangen, des unerfahrnen Herzens Wallen hätt' wohl dereinst geheilt die Zeit. Ein andrer hätte mir gefallen. Ihn hätte ich geliebt vor allen, der Hausfrau Pflichten mich geweiht. «
Da ist er aber nun, der Romanheld, den sie sich im Traum ausgemalt hat - das ist wie beim "Fliegenden Holländer": Senta wie Tatjana jagen einem Traumbild und keinem realen Menschen nach:
Ein andrer!? Nein, nimmer hätt' auf Erden ich einen andren mir erwählt. Du musstest mir vom Schicksal werden, vom Himmel bin ich dir vermählt. Nicht hat das Schicksal mich verblendet mit sel'ger Hoffnung Morgenrot, Gott selbst hat dich zu mir gesendet, mein Hort bist du bis in den Tod. Ich sah im Traume dich schon lange, ich liebte dich, eh ich dich sah, du warest mir schon immer nah, ich folgte deiner Stimme Klange. Schon längst ... nein, nein, es war kein Traum. Du nahtest dich, ich sah dich kommen, mein Herzschlag stockte, ich erglühte, und jubelnd rief's in mir: er ist's! Fürwahr, du warst mein Schlummersegen, beschwingtest mich zu jeder Tat, du warst's, der mir auf allen Wegen, bei Arme und beim Krankenpflegen zur Seite trat. Du warst's, den ich beständig hörte, der all mein Sinnen mir betörte, des Gruss mich eingewiegt zur Nacht. Hast holde Namen mir gegeben, erweckt in mir ein neues Leben und neues Hoffen angefacht.
und dann schreibt sie also weiter:
"Sag, nahst als Schutzgeist du und Führer, bist gar ein listiger Verführer? Gib Antwort, lös die Zweifel mir. Raubst du mir meinen Seelenfrieden, lockt mich ein Trugbild nur in dir? Ist anderes mir zubeschieden?"
Das ist doch eine klammernde Liebe, die nur besitzergreifend ist, nicht gibt sondern nur nimmt. Mit dem Erscheinen Onegins wird ihr klar, dass es die Welt der Romane doch geben dürfte und dort will sie hin - sie jagt meiner Meinung nach einem Phantom nach, und das hat Onegin erkannt. Von Liebe habe ich einen anderen Begriff.
Sei's, wie es will. Mein ganzes Los ist an das Traumgesicht gebunden, ich komme niemals davon los, durch dich allein kann ich gesunden. Bedenke nur, bin ganz allein, und niemand will mich hier verstehen. Verlassen muss ich untergehen, wenn du nicht wirst mein Retter sein. Ich bau auf dich, du wirst mich hören, ein einzig Wort des Trostes sprich; doch straft verdienter Vorwurf mich, so wird dein Wort den Traum zerstören.
Geht rasch zum Tisch, beendet hastig den Brief und versiegelt ihn.
Ich schliesse. Oh, verstoss mich nicht, missbrauche nimmer mein Vertrauen, Auf dich, du holdes Traumgesicht, auf deine Ehre will ich bauen.
Dass Onegin sie nach diesem Brief zurückweist, finde ich nur zu verständlich. Er merkt einfach, wie undifferenziert ihre Emotionen sind.
Wenn man sich diesen Brief anschaut, so finde ich nicht, dass Tatjana im Lauf des Stücks auch nur irgendeine Entwicklung durchgemacht hat. In ihrem Brief nimmt sie ihr Leben vorweg. Sie hat sich ihrem Schicksal und den gesellschaftlichen Zwängen ergeben und wird in ein paar Jahren vermutlich genauso eine Beisszange wie die klatschenden Frauen, die sich am Ball über Onegin mokieren. Eigentlich finde ich Tatjana nicht besonders sympathisch, Tschaikowski nimmt sie wie gesagt nur in Schutz.
Was aber wirft man Onegin vor? Er trinke Alkohol, spiele, küsse den Frauen nicht die Hand und sei sogar Freimaurer. Man bedauert Tatjana. Onegin bekommt das mit und deshalb tanzt und flirtet er mit Olga. Ihn widert diese verlogene Gesellschaft an. Lenski erfüllt seine gesellschaftliche Pflicht und fordert Onegin zum Duell. Onegin nimmt das Duell nicht wirklich ernst: er kommt zu spät und hat sich nicht einmal jemanden von Stand zum Sekundanten genommen. Es ist wohl eher Lenski, der das fatale Duell sehr ernst nimmt.
Ich weiss schon, dass man oft liest, wie ekelhaft Onegin eigentlich ist, und dass er aus Tatjanas Blickpunkt nicht sehr gut wegkommt, ich finde das aber nicht gerecht - vor allem, wenn man sich von Tatjanas Sichtweise löst. Ich habe immer schon ein Faible für Aussenseiter und Revoluzzer, Leute, die ein System hinterfragen (da hatte ich mit Wotan schon eine Diskussion über Loge). Ich freu mich über eine Diskussion über die beiden.
lg
Werner
Heike (24.07.2008, 08:21): Hallo, so finde ich nicht, dass Tatjana im Lauf des Stücks auch nur irgendeine Entwicklung durchgemacht hat Ich sehe das anders. Anfangs ist Tatjana (wie schon gesagt wurde) das kindlich naive Mädchen, das projezierten Traumbildern hinterherjagt, schwärmt und sich in ihrer grenzenlosen Verliebtheit fast lächerlich macht. Mir ist sie nicht unsympathisch - mir tut sie leid, weil sie sich so verliert. Ich seh das als ugendlichen Leichtsinn, gepaart mit dem Druck der schwer zu ertragenden aktuellen Wirklichkeit. Später wird sie zur schönen und viel souveräneren Frau, die sich aus dieser emotionalen Abhängigkeit wohl befreit hat und ihr Leben lebt. Sie ist diejenige, die das Gespräch führt und die weiß was sie will. Sie hatte keine Zeit, sich vorzubereiten - und hat die Situation doch in der Hand und zerfließt durchaus nicht mehr in alten Verletztheiten.
Natürlich verbleibt sie dabei in gesellschaftlichen Zwängen - aber das ist ja nicht Tatjana vorzuwerfen (Anfang des 19.Jh.war man so sozialisiert und das Thema der Befreiung der Frau aus dieser Rolle ist bei Puschkin noch nicht aktuell). Sie ist erwachsen geworden und löst sich aus dieser tragisch verzweifelten Rolle, indem sie die Selbstkontrolle wiederfindet. Und sie hat es nicht nötig, ihre alte Verletzung von Onegin wiedergutmachen zu lassen, obwohl ganz sicher noch Gefühle da sind. Sie traut sich sogar, ihm gegenüber die Vergangenheit anzusprechen und analysiert das ganz treffend, äußert sogar Vermutungen zu Onegins Motiven (die ich gar nicht für abwegig halte). Sie hat sich mit ihrem neuen Leben arrangiert und will das nicht aufgeben.
Ich stand in meinen Blütenjahren, ich liebte Sie mit junger Glut, doch ach, was musste ich erfahren? Sie stiessen mich mit kaltem Blut hinweg von sich. Zu schlicht war Ihnen mein harmlos kindlich Herz erschienen. Ja, ja, mein Freund, Sie waren hart! Jetzt aber? Gott, mein Blut erstarrt, denk ich der Predigt Ihres Mundes und Ihres frost'gen Blicks. Doch Sie nicht klag ich an. Sie taten wie ein Ehrenmann in jener Stunde, Sie zeigten sich nur ehrlich, wahr. Wie kalt ward ich damals behandelt, wie haben Sie mich tief verletzt. Bin ich denn anders nun, verwandelt? Warum verfolgen Sie mich jetzt? Weil ich, umhüllt von äussrer Ehre, nun in der grossen Welt verkehre? Weil mein Gemahl mich reich gemacht? Weil ihn, verwundet in der Schlacht, und mich gleich ihm der Hof mit Ehren überhäuft? Ist's nicht vielmehr, weil in der grossen Welt sich eh'r Triumphe zu verbreiten pflegen zur Schmach der Frau, und Sie dies reizt, Ihr Wunsch nach solchem Ruhme geizt?
Obwohl Onegin es ihr wirklich nicht leicht macht, versinkt sie nicht wieder in der Leidenschaft von damals, sondern behält die Selbstkontrolle.
Onegin hat meiner Meinung nach schon etwas narzisstische Züge. Mir ist er nicht besonders sympathisch, er wirkt wie eine leere Hülle, die immer nur im Augenblick lebt. Nur seine eigenen Gefühle zählen wirklich, nur hier ist er wirklich verletzlich. So wie er damals Tatjana über die Maßen verletzt, so steht er am Ende da und denkt wieder nur an sich. Und so endet er auch:
Du bist mein! Verschmäht, verstossen! O welch hartes Los! sind seine letzten Worte - obwohl Tatjana gegangen ist. Ich bin sicher, wenn er demnächst einer neuen Schönen begegnet, wird er genauso schnell entflammt sein ....
Hebre
manrico (24.07.2008, 22:55): Hallo Hebre!
Ich finde den Onegin gerade eben deshalb so interessant, weil er eine komplexe Persönlichkeit ist, nicht einfach nur gut oder böse, sondern ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Und seine Überheblichkeit, sein Narzissmus sind sicher seine Schwächen. Das ist eben wie bei Azucena, Benvenuto Cellini, Norma oder anderen grossen Gestalten der Opernbühne, die sich nicht so einfach in ein Schema pressen lassen. Ich will die beiden Protagonisten jetzt nicht gegeneinander ausspielen, aber gegen den vielschichtigen Charakter und die Persönlichkeit bleibt Tatjana für mich vergleichsweise langweilig und blass. Du hast sicher recht, dass sie einem leid tun kann, aber das war's für mich auch schon. Sie lehnt sich auch später nicht gegen das System auf, sie ist mit einem alten reichen Mann verheiratet und fügt sich also ins System. Das heisst, auch da kann sie einem wieder leid tun. Eine äussere Entwicklung hat sie durchgemacht, eine innere Entwicklung kann ich nicht sehen, ausser dass sie desillusioniert und gesellschaftlich etabliert ist. Und schliesslich konzediert sie Onegin, dass er ehrlich war und ehrenhaft gehandelt hat - er ist auf ihren Gefühlsausbruch nicht eingegangen, was aber meiner Meinung nach sein gutes Recht ist. (Möglicherweise ist das aber auch eine geschlechtsspezifische Sichtweise)
lg
Werner
Heike (25.07.2008, 08:00): Hallo manrico, wir sind uns da vollkommen einig - INTERESSANT finde ich den Onegin auch :) Was Tatjana angeht - natürlich würde ich mir auch als Frau wünschen, dass sie noch mehr aus gesellschaftlichen Zwängen ausbricht - aber dafür war es wohl noch zu früh in der Geschichte. Außerdem, wofür soll sie denn da ausbrechen - welche Frau will schon so einen Mann wie Onegin auf Dauer? Mir gefällt es jedenfalls, dass sie ihn am Ende so souverän stehenlässt und nicht vor ihm wegrennt! Hebre
Solitaire (29.07.2008, 07:54): Hallo manrico und Hebre! War ein paar Tage im Kurzurlaub und konnte deshalb nicht online gehen. Ich kann eure Ausführungen nur gebannt uns SEHR interessiert verfolgen, aber nicht viel dazu sagen, da ich mich, wie gesagt mit dieser Oper noch nicht so gut auskenne. Nun bin ich noch neugieriger auf die Berliner Aufführung und werde sie auch auf mit Blick auf dieses Thema hier ansehen. In den nächsten Tagen führt mich mein Weg nach Köln, ich gedenke in der Klassikateilung von Saturn eine größere Summe Geldes auszugeben und werde mich wohl auch mal dem Onegin widmen.. :D
Heike (27.09.2008, 23:32): Oje, die Fotos der Berliner Inszenierung sind online: http://www.staatsoper-berlin.de/spielplan/detailansicht.php?id_event_cluster=67172&id_event_date=0&id_language=1&show=pics&aktiv=oper Ehrlich gesagt, mich gruselt es etwas beim anschauen......
Villazon habe ich ürigens vor kurzem schon in der Oper gesehen (nicht gehört): Er besuchte ganz privat mit einer Dame die Tristan- Aufführung, total leger im roten Shirt und mit abgelatschten Schuhen. Hat aber brav und lange Beifall geklatscht und sicher haben sie seinetwegen sich auch besonders viel Mühe gegeben :-)
Am 12.10. werd ich mir ja nun den Onegin anhören/ ansehen, bin schon ganz neugierig auf den Bericht von der Premiere heute! Hebre
nikolaus (28.09.2008, 10:26): Original von Hebre Oje, die Fotos der Berliner Inszenierung sind online: http://www.staatsoper-berlin.de/spielplan/detailansicht.php?id_event_cluster=67172&id_event_date=0&id_language=1&show=pics&aktiv=oper Ehrlich gesagt, mich gruselt es etwas beim anschauen......
Ehrlich gesagt, ich finde es höchst interessant. Wenn das Konzept so stringend ist, wie die Bilder vermitteln, kann es meiner Meinung nach sehr gut sein.
Nikolaus.
Solitaire (28.09.2008, 10:28): Bin am 12. auch in Berlin und sehe die Aufführung. Nachdem was ich vion einer Bekannten gehört habe, die gestern da war, ist es szenisch aber eher langweilig,nicht skandalös... :D Aber gut gesungen ung gespielt sollen sie haben. EDIT: Erster, noch recht magerer Beicht den ich gefunden habe: Klick
Heike (29.09.2008, 13:17): Die mir zur Verfügung stehenden lokalen Zeitungen waren sich heute ziemlich einig, was die neue Inszenierung angeht: http://www.tagesspiegel.de/kultur/Eugen-Onegin-Berliner-Staatsoper;art772,2624850 -> langweilig, unpassend und quasi Ausdruck der Sturheit eines alten Mannes Hebre
Solitaire (30.09.2008, 10:36): Tja, ich denke man tut gut daran, eine Schlafmaske Modell Holly Golightly mitzunehmen und das ganze mit geschlossenen Augen zu genießen. Triste, triste, triste...
Heike (30.09.2008, 18:37): Man kann ja dann anschließend zum "Publikumsgespräch zur Neuinszenierung" gehen (gibt es an dem Abend laut webseite) und ausführlich drüber schimpfen, falls es missfallen hat. Hebre
Solitaire (01.10.2008, 09:11): Was mich skeptish stimmt sidn übrigens weniger die weiß geschminkten Gesichter, die kenne ich tatsächlich aus der Pantomime, die ich sehr mag, sondern die offensichtliche Langeweile die verbreitet wird. Wenn man das Ganze mal als gespenstische Commedia dell'Arte Geschichte inszenieren will, bitte, nur zu. Das ist ein freies Land. Aber Langeweile auf der Opernbühne zu verbreiten finde ich schandbar und sträflich. Aber wer weiß: vielleicht finde ich es ja auch ganz toll und will Oper nie wieder anders sehen... :D Sehr witzig fand ich jedenfalls die Bemerkung, daß RV endlich mal nicht aussieht wie Mr.Bean, sondern wie Monsieur Bip, Gott hab ihn selig. (Ich habe ihn noch erleben drüfen, das nur am Rande).
manrico (08.10.2008, 22:52): Wir kriegen in Wien im März ja auch einen neuen Eugen Onegin (Keenlyside, Vargas, Ivery - mit Wermutstropfen Ozawa- Inszenierung Falk Richter). Bisher hatten wir russischen Landhausstil auf der Bühne. Das wird sich sicher radikal ändern, es wird vermutlich deutlich kälter und ungemütlicher im zaristischen Russland. Bin schon gespannt, wie sich die Vorstellungen anlassen werden. Ich werde euch berichten (allerdings eben erst im März).
lg
Werner
nikolaus (08.10.2008, 23:09): Original von manrico Wir kriegen in Wien im März ja auch einen neuen Eugen Onegin (Keenlyside, Vargas, Ivery - mit Wermutstropfen Ozawa- Inszenierung Falk Richter). Bisher hatten wir russischen Landhausstil auf der Bühne. Das wird sich sicher radikal ändern, es wird vermutlich deutlich kälter und ungemütlicher im zaristischen Russland. Bin schon gespannt, wie sich die Vorstellungen anlassen werden. Ich werde euch berichten (allerdings eben erst im März).
lg
Werner
Kann es sein, dass sie schon über 10 Jahre alt ist? Ich kann mich erinnern, dass ich Onegin in Wien anno dazumals 1997 (in meinen wilden Jahren) gesehen habe; hat mir damals gut gefallen (wunderschön warmes Licht bis zur Galerie strahlend, passend zum Landhausstil). Gesungen haben Hampson, Araiza (gibt es den eigentlich noch?) und... (weiter weiss ich nicht mehr)
Nikolaus.
Solitaire (09.10.2008, 10:46): Von normalen Opernbesuchern habe ich inzwischen vereinzelt auch sehr gutes über den Berliner Onegin gelesen, nicht nur über die Musik (vor allem Villazóns Stimme soll Freyers "Rumspringverbot" außerordentlich gut tun :D ), sondern auch über die Inszenierung selber. Tenor: seltsam, nicht zu wirklich zu verstehen, aber durchaus faszinierend. Am Sonntag habe ich die Ehre und werde dann berichten.
Heike (09.10.2008, 22:25): Ich frag mich die ganze Zeit, wie man intensives Fühlen (das diese Musik ja nun zweifellos transportieren sollte) und diese steife bzw. streng reglementierte Körpersprache in Übereinstimmung bringen kann als Sänger(in). Hebre
manrico (09.10.2008, 23:58): Lieber Nikolaus!
Der Onegin ist noch viel älter, ich glaube, er stammt aus den 70er Jahren. Wenn ich das recht im Kopf habe, hat ihn Grischa Asagaroff irgendwann einmal mit Brendel, Freni, Shikoff, Ghiaurov und Yachmi wiederbelebt. Der ist dann in wechselnden Besetzungen ziemlich lange noch gelaufen (unter anderem auch mit Hampson und Pieczonka).
(aber das ist ja bei weitem nicht die ältestete Inszenierung, die in Wien fröhliche Urständ feiert - den Rekord hält, glaub ich, die Butterfly, die stammt aus dem Anfang der 60er Jahre). Das muss uns erst einmal wer nachmachen :D
lg
Werner
Heike (13.10.2008, 08:43): So, gestern war ich nun in der Oper (incl. Publikumsgespräch, dazu später).
Musikalisch war es natürlich hohes Niveau und es war ein Erlebnis, Villazon endlich mal live zu erleben. Trekel als Onegin fiel dagegen für mich merklich ab, auf mich wirkte er blass und unbeteiligt. Die Frauen haben mir gut gefallen, wobei ich der Tatjana (Anna Samuil) die jugendliche Anmut und den schwärmerischen Leichtsinn stimmlich nicht so ganz abnehmen konnte, obwohl sie ganz schön gesungen hat.
Die Inszenierung fand ich ganz furchtbar. Ich kenne die Oper recht gut, muss also nicht die Übertexte mitlesen, um zu verstehen, was passiert und wer singt. Mir taten die armen Menschen leid, die das Werk erstmalig sahen. Es ist quasi unmöglich, ohne Musik und Texte zu erkennen, um welche Oper es sich überhaupt handelt. Die Figuren bewegten sich auf festen Bahnen im Zeitlupentempo über die Bühne, das maskenhaft geschminkte Gesicht immer zum Publikum gerichtet. Alles wiederholte sich 4 mal, kleine Abweichungen (mit gewollt wesentlichen Botschaften) inbegriffen. Über diese war man dankbar und wenn man die Oper sehr gut kennt, mag das auch eine gewisse Faszination haben, die Veränderungen zu beobachten und vorherzudenken. Mir hat es trotzdem nicht gefallen, denn ich teile nicht die inhaltliche Aussage, dass das Leben ein einziger Albtraum ist und sich alles überall wiederholt und dass dieses Werk das sagen kann.
Zudem empfand ich das ganze wie eine Gefühls- und Spaßbremse. Z.B. in den Ballszenen zum Beispiel bemühte sich das Orchester wie doll, Leben in den Saal zu bringen, aber die uniformierten Protagonisten standen weiter stocksteif und gruselten sich surreal vor sich hin. Sehr komisch.
Im anschließenden Publikumsgespräch (mit Villazon, Samuil, noch einer Sängerin, Namen weiß ich grad nicht und dem St. Rügamer als Triquet und 2 Dramaturgen) - hatte ich die ganze Zeit das Bedürfnis, Villazon zu bitten, das "Kuda" nochmal frei zu singen zum Abschluss ;-)
Hier versammelten sich eine ganze Menge von Befürwortern dieser Inszenierung und es gab viel Lob (die frustrierten anderen waren offensichtlich nicht geblieben, in meiner Sitznähe im Saal aber in der Mehrzahl gewesen). Das Gespräch war insoweit anregend, dass man erfuhr, dass Villazon ganz begeistert vom Konzept war (die Samuil z.B. wirkte eher angesteckt von ihm, aber keineswegs überzeugt). Auch sonst war es recht informativ und Villazon fuchtelte wie immer lebhaft vor sich hin beim Reden. Machte aber auch nette Späßchen (als jemand fragte, wie wohl Tschaikowski das alles finden würde und eine der Damen sagte, der sei ja schon tot und man könnte also nicht fragen, da holte Villazon sein Handy raus und rief "Tschaikowski ist dran - ich kann kein russisch!" und hielt es der russischen Dame rüber). Also er war ganz locker drauf und verbreitete gute Laune.
Ich kam mir beim Zuhörenstellenweise selbst ein wenig fremd vor und dachte "ob ich mir das jetzt nochmal ansehen müsste, um es zu kapieren". Da ist auch Psychologie im Spiel, wenn so viel Zustimmung zu hören ist, dann zweifelt man an der eignen Wahrnehmung. Aber ich bleibe letztlich dabei: Das ganze war mir verstörend, anstrengend und es nahm mir zu viel Freude an der wunderschönen Musik weg. Wenn ich mehr denken als fühlen will, dann geh ich ins Sprechtheater. Ich mag moderne Inszenierungen eigentlich, aber das war mir echt zu skuril und v.a. tat mir auch das Ensemble leid, die ständig merkwürdige akrobatische Verrenkungen auf Stühlen machen mussten und am Ende sogar (leider) noch die Buhrufe einstecken mussten, die natürlich dem nichtanwesenden Regisseur galten.
Hebre
Ps. bin auf die Meinung von Solitaire gespannt
Solitaire (13.10.2008, 21:20): So, ich bin wieder zuhause. Meinereiner war natrülich besonders neugierig auf Villazón. Was meine Begeisterung für ihn betrifft, habe ich hier ja vermutlich einen Ruf wie Donnerhall :J Was soll ich sagen? Ich werde ab jetzt aufhören, "RV before.." mit "RV after..." zu vergleichen. Ich mache mir keinen Kopf mehr darum, ob seine Stimme "vorher" vielleicht 20 Prozent mehr Klangfülle hatte, oder sein Piano besser angesprochen hat oder was immer die Schlaubischlümpfe im Land so auf ihrer Liste abhacken. Wir haben den RV den wir nun mal jetzt haben, und der, den wir jetzt haben hat gestern ganz wunderbar gesungen. Seine Stimme klang nicht einen Augenblick angestrengt, ich habe ihm lange nicht mehr so entspannt zugehört. Es gab allerdings einigeMomente, in denen seine Stimme vom Orchester überlagert wurde und er nicht gut zu hören war, das war vor allem in der Ballszene als der Streit mit Onegin eskaliert der Fall. Das ist natürlich schade,denn immerhin ist es ja ein hochdramatischer Moment, aber das nehme ich gerne in Kauf für RVs Intensität und berückend schönes Timbre. Zur Inszenierung: Manches hat mir gut, anderes nicht gefallen.Ich will mal mit dem negativen anfangen, dann habe ich es hinter mir. Durch die sehr stilisierte Art der Aufführung habe ich sie emotional aus größerer Distanz verfolgt, als es wohl bei einem konventionellen Onegin der Fall gewesen wäre. Das finde ich schade, ich will diese Distanz in der Oper eigentlich nicht, aber ich habe ich nicht so mit den Charakteren identifiziert wie wohl unter anderen Umständen. Ich sehe das wie Hebre: wenn ich denken will, gehe ich ins Sprechtheater. In der Oper will ich mehr fühlen und empfinden, das war gestern manchmal der Fall, aber eben nicht immer. Besonders im Schulßduett zwischen Tatjana und Onegin hat es bei dieser leidenschaftlichen Musik doch sehr genervt, daß sie sich nicht mal angesehen haben. Hätte RV Tschaikowskys Russisch verstanden, hätter er ihn wohl mächtig schimpfen hören können... :D
Sehr gelungen fand ich die buchstäbliche Be-Zeichnung der Charaktere durch das Make-Up. Wenn man das alles schon stilisiert, und nicht Personen, sondern "Typen" auf die Bühne bringt, dann war das hier sehr geschickt gemacht: Olga mit aufgeschminktem Lächeln und koketter Locke in der Stirn, Tatjana mit tragischem Gesichtsausdruck, Lenski als Pierrot mit großen Augen, Onegin als Dandy und Lebemann. Das alles ist mit ein bißchen schwarzer Farbe an der richtigen Stelle beeindruckend "skizziert". Die ewig gleichen Bewegungsabläufe fand ich nach einer Weile allerdings doch etwas ermüdend. Die Lichtregie war klasse und hat m.E. für einige beeindruckende Bilder gesorgt. Im Gedächtis geblieben sind mir vor allem drei Szenen: 1. Als Tatjana ihrer Amme gesteht daß sie verliebt sei, bricht das ganze Ensemble im stummes Gelächter aus. Bis auf Lenski, der in seinen Bewungsabläufen fortfährt und sich wie im Schreck oder Mitgefühl die Hände vor's Gesicht hält. Er als einziger kann über Tatjanas Geständnis nicht lachen. Er ist wie Pierrot, der weiß, wie tragisch und ernst die Liebe sein kann. Das war sehr beeindruckend. 2. Der selbe Bewegungsablauf, nur diesmal als Lenskis Tod festgestellt wird. Wieder bricht das ganze Ensemble in stummes, höhnisches Gelächter aus. Eine grausame, aber angemessen zynische Reaktion auf das, was da gerade passiert ist. 3. Lenskis endloser Sturz im Todeskampf. Er stürzt noch, als die Musik zur Ballszene einsetzt. Für mich ein beeindruckendes Bild dafür, daß Lenski für Onegin immer und überall stirbt, auch nach Jahren noch. Lenski stirbt auf den Bällen die Onegin besucht, auf den Soireen auf denen er sich rumtreibt und wohl auch in den Betten, in denen er sich in all den Jahren wälzt.
Seit gestern habe ich das dringende Bedürfnis, Rene Pape in einer großen Baßrolle zu erleben. Sollte es einen "Don Carlo" mit ihm als Filippo geben, werde ich mit wehenden Kleidern, Haaren und Fahnen nach Berlin eilen. Der Rest der Besetzung wäre mir fast schon egal. Er war phänomenal, und es ist schade, daß er nur diese eine, doch sehr konventionelle Arie zu singen hat. Ein absoluter Luxus-Gremin. Im übrigen bin ich begeistert, wie nahtlos sich Villazón in dieses Ensemble eingefügt hat. Ich hatte nicht einen Augenblick das Gefühl, eine Oper mit Ensemble plus Startenor zu sehen. Er war organischer Teil des Ensembles. Dennoch ist da diese umwerfende Bühnenpräsenz, Freyer hat ja offenbar diese Inszenierung um die Figur Lenski herum aufgebaut, die Dreh- und Angelpunkt des Dramas ist. RV hat das Kunststück fertiggebracht, die Bühne mit seiner Präsenz zu beherrschen wenn und wo es nötig war, ohne dabei irgendjemanden in den Hintergrund zu drängen und sich danach wieder zurückzuziehen. Das war kein Startenor auf der Bühne gestern, das war einfach ein Sänger. So sollte es ja auch sein. Roman Trekel hätte ich ein bißchen von dieser Bühnenpräsenz gewünscht. Gesungen hat er m. E. gut, aber ich habe nicht so recht verstanden, was Tatjana an ihm findet. Viel Ausstrahlung war da nicht. Schade. Anna Samuil hat mir stimmlich sehr gut gefallen, allerdings, da stimme ich Hebre zu, war sie weniger schwärmerisch als eher in ihren Träumen gefangen. Das war keinr Tatjana, die in ihren Träumen glücklich ist und nun glaubt, ihren Traumprinzen gefunden zu haben. Ich habe sie als mittelschwer gestört empfunden. Die Amme (Name der Sängerin vergessen) hat mir sehr gut gefallen!!! Sehr beeindruckend war übrigens das kleine Duett zwischen Onegin und Lenski kurz vor dem Duell als sie überlegen, ob sie den ganzen Quatsch nicht lieber sein lassen sollen. Ihr dreimaliges, immer unbarmherziger werdendes "Njet!" wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Das Lernziel dieser Inszenierung? "Der Tod hat uns am Zügel". Tja, aber das weiß ich auch so...
Übrigens war ich nicht bei dem Gespräch am Schluß, ich war so müde und einfach froh, ins Hotel zu kommen. Ach ja: ich liebe Daniel Barenboim. Jawoll. Das Orchester war grandios. Warum gab es eigentlich diese paar Buhrufe für ihn?
Sag mal Hebre, was sollten die Stühle bedeuten??? Mein Mann und ich haben auch lange geträtselt, was wohl dieser Kerl bedeuten sollte der immer wieder zählend über dei Bühne geschlichen ist. "Der Tod" "Das Schicksal" etc. Bis dann in der Duellszene klar war: das ist einfach nur der Sekundant. Mein Gatte meitne: vielleicht seien die Stühle ja auch einfach nur Stühle :D Falls einer der Darsteller kolabiert bei diesem Gewaltmarathon, kann man jedenfalls schnell die Stufenlagerung an ihm anwenden. So hat auch das dämlichste Symbol seine Vorteile. :cool
Heike (13.10.2008, 21:52): Hallo Solitaire, schade dass du nicht bei dem Gespräch warst, es war wirklich interessant und Villazon war da auch richtig sympatisch. Er spricht ja auch ganz gut deutsch, also kann direkt rüberbringen, was er sagen will.
1. Als Tatjana ihrer Amme gesteht daß sie verliebt sei, bricht das ganze Ensemble im stummes Gelächter aus. Bis auf Lenski, der in seinen Bewungsabläufen fortfährt und sich wie im Schreck oder Mitgefühl die Hände vor's Gesicht hält. Er als einziger kann über Tatjanas Geständnis nicht lachen.
Lenski und Tatjana waren sich sowieso sehr nahe, auch in ihren Bewegungsradien, rein räumlich. Das waren auch die einzigen beiden, die durch Kostüm und Veränderung noch gewisses Leben ausstrahlten für mich. Olga war ein künstliches Blondchen mit lächerlichem Tippelschritt, auch Onegin ein lebloser langweiliger Schönling.
Ach ja: ich liebe Daniel Barenboim. Jawoll. Das Orchester war grandios. Warum gab es eigentlich diese paar Buhrufe für ihn? Ich war eigentlich sicher, die haben für das Ensemble gebuht? Hab aber nicht so ganz genau hingesehen. Vielleicht stand Barenboim andernfalls (als Chef des Hauses) auch einfach für die Inszenierung grade, denn am Orchester gab es wirklich nix ernsthaft zu kritteln.
Sag mal Hebre, was sollten die Stühle bedeuten??? Das wurde im Publikumsgespräch auch gefragt. Die Antwort war, dass sie keine tiefere Bedeutung haben. Die Stühle seien einfach nur ein übliches Requisit, was auf Theaterbühnen halt überall präsent ist. Die Kostüme hat Freyer übrigens bei Chagall entlehnt (darauf wäre ich allein auch nicht gekommen).
Mein Mann und ich haben auch lange geträtselt, was wohl dieser Kerl bedeuten sollte der immer wieder zählend über dei Bühne geschlichen ist. "Der Tod" "Das Schicksal" etc. Bis dann in der Duellszene klar war: das ist einfach nur der Sekundant. Den habe ich allerdings auch als Todessymbol gesehen, ebenso zunächst auch als Freyers Gleichnis dafür, dass die Figuren auf der Bühne quasi alle schon gefühlstot wären. Hebre
P.s. Tatjana als "mittelschwer gestört" ist genau die richtige Umschreibung, danke, das trifft es auch bei mir, ich hatte so einen diffusen Eindruck genau von dem, konnte es aber nicht so gut in Worte fassen.
Solitaire (14.10.2008, 15:32): Hallo Hebre! Tja, was habe ich doch für einen schlauen Mann, die Stühle waren einfach Stühle.Und ich habe nach einem tieferen Sinn gesucht. Ein bißchen vert kommt man sich da schon vor, oder? :rofl Eigentlich ist das alles ja einfach nur die Gespenster-Version der guten alten Commedia dell'Arte. Die Kostüme (fanf ioch jedenfalls, Chagall hin oder her) und das Make-Up der Sänger waren jedenfalls ganz eindeutig davon inspiriert, nur daß es eben die Halloween-Ausgabe war. Wenn Herr Freyer seinen Darstelllern erlaubt hätte, ein bißchen freier zu agieren, wäre mir irgendwann auch nicht so ein wenig fad geworden, denn die Lichtregie hat mir wirklich gefallen und es gab auch durchaus Aspekte, die ichsehr gut fand. Aber irgendwann wußte man eben "Ach ja, gleich wälzt sich Villazón wieder am Boden und Olga taucht unter Onegins ausgestrecktem Arm auf ".Ich frage mich, ob sie die Inszenierung ins Repertoire übernehmen. In der Szene auf dem Ball als der Chor singt, "Solch ein Fest haben wir noch nie erlebt"und die Choristen mit diesen Grusellampions auftauchen (Tim Burton läßt grüßen), konnte ich mir ein leises "Das glaub ich gerne" nicht verkkneifen. :cool
Heike (15.10.2008, 08:37): Hallo, "Ach ja, gleich wälzt sich Villazón wieder am Boden und Olga taucht unter Onegins ausgestrecktem Arm auf " Ja, ich ergänze: "ach, jetzt wälzt sie sich gleich wieder mit dem Stuhl umher und gebiert dann ein Kind" - mir ging das einfach nach einer Weile auf die Nerven.
Und wenn ich die Musik nicht so gut kennen würde (und somit Freiraum hatte, die Bühne wirklich genau zu beobachten und z.B. auch die von dir beschriebenen, wirkungsvollen Effekte überhaupt zu registrieren), dann hätte ich mich tödlich gelangweilt. Ich halte es für unmöglich, gleichzeitig die Übertitel zu lesen und das subtile "Geschehen" ausreichend zu erfassen. Hebre
Solitaire (21.10.2008, 14:16): Eine Kuriosität am Rande: habe von jemandem der mit dem Personal gesprochen hat erfahren, daß es bisher in nahezu jeder Vorstellung dieser Inszenierung jemanden gab, dem speiübel geworden ist und der den Zuschauerraum verlassen mußte :B Teilweise mit Arzteinsatz :B :B :B
Heike (21.10.2008, 17:41): Ist ja lustig! Jetzt frag ich mich natürlich WAS denen da so auf den Magen geschlagen ist ... Soooo schlimm wars ja nun auch nicht ;-) Hebre
Solitaire (21.10.2008, 20:10): Gell? Immerhin mußte keiner sich im Theaterblut suhlen wie es ja schon mal in der einen oder anderen "Lucia" oder im "Macbeth" vorkommen soll. Obwohl warmes, rotes Menschenblut in dieser Insznierung vermutlich viel zu sinnlich gewesen wäre. :ignore Besagte Besucherin hat übrigens noch gesagt, daß sie an der Inszenierung vor allem gestört hat, daß Freyer jede andere Oper vermutlich ebenso inszeniert hätte. Das denke ich ja nun auch. In der Traviata die er vor einiger Zeit verbrochen hat gibt es auch diese wiederkehrenden Bewegungsabläufe. Allerdings dominiert hier die Farbe orange: Violetta hat langes, pumuckelfarbenes Haar und orange Augenbrauen, Alfredo organges Wuschelhaar und ebenfalls orange Brauen. Im übrigen haben sich jetzt offenbar große Teile des Ensembles einen Erkältungsvirus zugezogen. Ausgerechnet Villazón ist gesund geblieben. Bei der letzten Aufführung kam ein Mann vor den Vorhang (sagt meine Gewährsfrau). Seine ersten Worte waren "Villazón singt!" :D Dann verkündete er die erkältungsbedingte Indisposition von Sopran und Bariton, die aber trotzdem gesungen und sich wohl im Großen und Gantzen wacker geschlagen haben.
Heike (21.10.2008, 22:19): Sehr interessant! Besagte Besucherin hat übrigens noch gesagt, daß sie an der Inszenierung vor allem gestört hat, daß Freyer jede andere Oper vermutlich ebenso inszeniert hätte. Im Publikumsgespräch damals fragte auch jemand, warum sich Freyer grad diese Oper für diese Botschaft ausgesucht hatte - die Antwort war in etwa so, dass man das nicht so genau sagen könnte .... Das sei eben Minimalismus und das könnte man alles so zurückführen bla bla Hebre
Solitaire (22.10.2008, 07:07): Ja, ich denke, hätte man ihm die "Tosca" angeboten, die ja zur Zeit auch gespielt wird, hätte er sich eben die vorgenommen.
Solitaire (22.10.2008, 09:09): Mal ein paar Bilder aus Freyer-Inszenierungen, nur so der Vollständigkeit halber. Wenn also in Zukunft irgendwo „Achim Freyer“ dransteht werde ich mir sehr überlegen, ob die Sänger so phänomenal sind, daß sie mich für diese Art Regie entschädigen können. Zauberflöte La damantion de Faust Nochmal « Faust » Traviata
stiffelio (07.10.2013, 19:34): aus dem "MET im Kino"-Thread: Tschaikowsky - Eugen Onegin Anna Netrebko, Oksana Volkova, Piotr Beczala, Mariusz Kwiecien, Alexei Tanovitsky D: Valery Gergiev P: Deborah Wamer
Original von Allegra Am Vorabend hatten wir uns die Flemming/Hvorostovsky-Aufnahme der MET in einer früheren Inszenierung (2007) angesehen, die für mich eine ganz andere Interpretation aufwies als die jetzige. Das wäre an separater Stelle sicher mal ein nettes Diskussionsthema.
Hallo Allegra, ich denke, hier ist eine gute Stelle für Interpretationsvergleiche von EUGEN ONEGIN. :hello Die ganze MET-Inszenierung von 2007 habe ich mir noch nicht angesehen, aber gestern habe ich wie wild in meiner "Sammelkiste" gewühlt und die Duell- und Finalszenen verschiedenster Inszenierungen verglichen. Am spannendsten fand ich die von dir schon benannte MET 2007, die Pariser Inszenierung 2008 mit Kwiecien und Monogarova, die Salzburger 2007 mit Mattei und Samuil, eine ganz besonders tolle ROH-Aufnahme mit Keenlyside und Stoyanova (2012?) und mit leichter Einschränkung auch die Amsterdamer Inszenierung 2011 mit Skovhus und Stoyanova. Es ist echt Wahnsinn, wie unterschiedlich die Hauptcharaktere dargestellt sind.
Im Vergleich von MET 2013 und MET 2007 ist mir insbesondere die unterschiedliche Darstellung von Kwiecien versus Hvorostovsky in der Finalszene aufgefallen: während Kwiecien bereits nach den ersten Sätzen von Netrebko schon ahnt, dass er Tatjana für immer verloren hat und ihn nur noch die schiere Verzweiflung treibt, wiegt sich Hvorostovsky bis zum Schluss in der Hoffnung, wenn nicht sogar Überzeugung, dass er Tatjana doch noch herumkriegen kann. Zumindest hab ich das so wahrgenommen. Passend dazu verhielt sich Netrebko noch um ein paar Grade abweisender als Fleming.
Die Ausstattung der Inszenierung von Carsen 2007 war natürlich um Dimensionen minimalistischer als die von Warner 2013, aber ich fand es erstaunlich, wie wenig dieser Unterschied für mich ausgemacht hat - mal wieder ein Beleg, dass ich viel stärker auf die Schauspielkunst der Darsteller fixiert bin (die in beiden sehr gut war), als auf das Ambiente, solange es sich nicht allzu stark in den Vordergrund drängt.
VG, stiffelio
P.S.: Original von Giovanna Wahrscheinlich muss ich mich noch mehr mit dieser Oper beschäftigen, bis diese mich fasziniert oder eben nicht in die Liste meiner Lieblingsopern kommt. Hallo Giovanna, du merkst es vermutlich schon - der Onegin-Virus breitet sich langsam, aber hartnäckig bei mir aus :D Auch an dich viele Grüße!
Giovanna (07.10.2013, 19:52): Hallo Stiffelio,
das klingt gut und bei mir kommts sicher auch noch so weit...
Ich hab gestern auch noch etwas bei Youtube gestöbert, dabei aber das Hauptaugenmerk auf die Aufnahme mit Keenlyside und Stoyanova gelegt (weil Keenlyside einer meiner Lieblingssänger ist :down). Die Folge: ich hab mir die DVD gestern bei Amazon bestellt und freu mich schon auf den Vergleich mit der MET.
Die anderen von dir genannten Inszenierungen muss ich mir die nächsten Tage mal genauer anschauen, bevor ich mich da an Vergleiche ran wage...
Viele Grüße zurück Giovanna :hello
Severina (07.10.2013, 20:48): Meine Lieben,
ich habe den "Eugen Onegin" (Zählt zu meinen Lieblingsopern!) schon so oft live gesehen, dass ich nie das Bedürfnis verspürte, mir eine DVD-Sammlung zuzulegen, daher besitze ich nur die aus Salzburg mit Mattei, weil mir die Breth-Inszenierung so gut gefällt. Anna Netrebko habe ich in der letzten Saison als ausgezeichnete Tatjana erlebt, gemeinsam mit Hvorostovsky (Der Onegin ist die einzige Rolle, in der er mir wirklich gefällt) und Pavol Breslik.
lg Severina :hello
Allegra (07.10.2013, 22:17): Hallo stiffelio,
danke für diesen Hinweis hier, da steige ich doch gern mit ein.
Original von stiffelio
Im Vergleich von MET 2013 und MET 2007 ist mir insbesondere die unterschiedliche Darstellung von Kwiecien versus Hvorostovsky in der Finalszene aufgefallen: während Kwiecien bereits nach den ersten Sätzen von Netrebko schon ahnt, dass er Tatjana für immer verloren hat und ihn nur noch die schiere Verzweiflung treibt, wiegt sich Hvorostovsky bis zum Schluss in der Hoffnung, wenn nicht sogar Überzeugung, dass er Tatjana doch noch herumkriegen kann. Zumindest hab ich das so wahrgenommen. Passend dazu verhielt sich Netrebko noch um ein paar Grade abweisender als Fleming.
Die Ausstattung der Inszenierung von Carsen 2007 war natürlich um Dimensionen minimalistischer als die von Warner 2013, aber ich fand es erstaunlich, wie wenig dieser Unterschied für mich ausgemacht hat - mal wieder ein Beleg, dass ich viel stärker auf die Schauspielkunst der Darsteller fixiert bin (die in beiden sehr gut war), als auf das Ambiente, solange es sich nicht allzu stark in den Vordergrund drängt.
Das entspricht ziemlich genau meinen Empfindungen. Ein weiterer Moment, der mir sehr deutlich auffiel: Die Reaktion Onegins auf Tatianas Brief, völlig unterschiedlich von Hvorostovsky bzw. Kwiecien. Ich habe kurz zuvor den Puschkin-Roman gelesen und mir bzgl. Onegin ein Bild eines Mannes gemacht, der mir in seiner Langeweile, seiner Bindungsscheu und seinem überzogenen Selbstverständnis mit Verachtung und maßloser Arroganz auf Tatiana herabblickt. Kurz gesagt: er war mir unsympathisch.
Die Darstellung von Hvorostovsky kam mir überaus freundlich, geradezu vorsichtig einem verletzlichen jungen Mädchen gegenüber vor, dem er doch nun wahrlich nichts Böses wünsche - aber es ginge nun mal nicht, er sei für eine Ehe und Vaterschaft nicht geschaffen. Auch sein Verhalten während des Balls, das Flirten mit Olga, das häufige amüsierte, etwas blasierte Lächeln, die Langeweile - eher jungenhaft, frei nach dem Motto "muss sich noch die Hörner abstoßen".
Ganz anders dagegen der Onegin von Mariusz Kwiecien: mit einem überbordenden arroganten Selbstbewusstsein, dem es einerlei ist, wie tief er Tatiana verletzt. Ein Mann, der es nicht verkraftet, dieses in den Staub getretene Mädchen später als selbstbewusste, intelligente erwachsene Frau erkennen zu müssen. Überhaupt: Intelligenz. Nicht nur Tatiana, die trotz der Demütigung zu Beginn ihre weisen Schlüsse daraus zieht, dass dieser Mann, ungeachtet ihrer Gefühle, nichts für sie ist, fand ich von Anna Netrebko sehr überzeugend dargestellt. Ihre Wunde geht tief, sehr tief, das zeigte ihre Mimik deutlich. So jung und unschuldig wie sie im ersten Akt ist, so reif wirkte sie im letzten Akt. Die emotionalen Schmerzen blieben dieselben. Flemings Darstellung war zumindest im letzten Akt ähnlich deutlich, die ersten beiden Akte blieb sie mir jedoch zu blass, charakterlich zu unausgereift.
Beide Inszenierungen gefallen mir gut. Die 2007er in ihrem Minimalismus erzeugt dennoch ein greifbares Bild der jeweiligen Situationen. Die neue Inszenierung gefällt mir bei weitem besser, als häufig zu lesen ist. Weit mehr Bildgewalt, sicher, aber für mich in keiner Weise störend.
der Onegin-Virus breitet sich langsam, aber hartnäckig bei mir aus Dann sind wir schon zwei. :D
Jetzt aber schnell zum Lübeck-Faden, da gibt es auch was zu berichten. :P
stiffelio (07.10.2013, 22:36): Original von Giovanna Die Folge: ich hab mir die DVD gestern bei Amazon bestellt und freu mich schon auf den Vergleich mit der MET.
ich kann mir nicht vorstellen, dass du enttäuscht wirst. Keenlyside singt grandios und seine Darstellungs- und Ausdruckskraft in dieser Inszenierung ist atemberaubend (wann ist sie das nicht? :down). Man kann freilich nicht übersehen, dass Eugen Onegin hier von Holten tiefgreifend uminterpretiert worden ist: er ist keine Sekunde der arrogante, gelangweilte Adelige. Hier sind Tatjana und Eugen tatsächlich die Füreinander-Bestimmten, die Seelenverwandten, die sich auf den ersten Blick erkennen und auch ohne jedes Wort verstehen. Wer noch nie Mitgefühl mit Eugen Onegin gehabt hat, sollte sich diese Inszenierung ansehen. Wenn du mit dieser Umdeutung leben kannst (ich kann es gerade deshalb, weil die Grundstory keine ist, die mich zutiefst fasziniert), wirst du begeistert sein. Es ist auch die erste Inszenierung, die mit Personenverdopplungen arbeitet, die mich überzeugen.
Aus meiner Sicht ein ganz großer Wurf, obwohl um den Preis, dass von dem "ursprünglichen" Eugen Onegin nicht mehr viel übrig ist.
VG, stiffelio
stiffelio (07.10.2013, 22:47): Original von Severina ...besitze ich nur die aus Salzburg mit Mattei, weil mir die Breth-Inszenierung so gut gefällt. Ja, diese Inszenierung finde ich auch sehr stark. Den Abgang von Mattei nach der Duellszene ist tief bei mir haften geblieben: bisher der einzige, in dem Eugen Onegin zumindest nicht nach außen erkennen lässt, dass er tief getroffen ist. Umso heftiger dann die Wirkung seiner Verwahrlosung in der Finalszene.
Anna Netrebko habe ich in der letzten Saison als ausgezeichnete Tatjana erlebt, gemeinsam mit Hvorostovsky (Der Onegin ist die einzige Rolle, in der er mir wirklich gefällt) und Pavol Breslik. Mit einem Quentchen Boshaftigkeit könnte man sagen: die Arroganz von Eugen Onegin scheint Hvorostovsky einfach auf dem Leib geschrieben :ignore. Aber ganz ohne Ironie: auch das muss man erstmal hinkriegen und er singt und spielt das fabelhaft.
VG, stiffelio
Allegra (07.10.2013, 23:07): Original von stiffelio die Arroganz von Eugen Onegin scheint Hvorostovsky einfach auf dem Leib geschrieben :ignore. VG, stiffelio
*hüstel* Ich muss dem doch mal widersprechen: Die Arroganz bei Kwiecien fand ich um einiges ausgeprägter. Dagegen wirkte Hvorostovsky fast wie ein launischer, verwöhnter Bub. :D
stiffelio (07.10.2013, 23:11): Hallo Allegra,
für deine Anmerkungen zum 1. und 2. Akt muss ich freilich erstmal die 2007er MET komplett ansehen, was ich aber in den nächsten Tagen definitiv vorhabe. Ist aber schon sehr interessant, wie unterschiedlich du Hvorostovsky und Kwiecien da schilderst. Bisher habe ich den Eindruck, die Arroganz des Kwiecien-Eugen könnte etwas von außen Aufgesetztes sein, eine Art Rolle (das enfant terrible, der Provokateur), in der er sich gefällt, während die Selbstüberzeugtheit des Hvorostovsky-Eugen von innen heraus kommt, mit der natürlichen Ichbezogenheit (aber ohne Boshaftigkeit) eines Noch-nicht-Erwachsenen (oder noch präziser: eines allzu schönen Jünglings, der zu oft die Erfahrung gemacht hat, dass die Welt ihm zu Füßen liegt).
Beide Inszenierungen gefallen mir gut. Die 2007er in ihrem Minimalismus erzeugt dennoch ein greifbares Bild der jeweiligen Situationen. Die neue Inszenierung gefällt mir bei weitem besser, als häufig zu lesen ist. Weit mehr Bildgewalt, sicher, aber für mich in keiner Weise störend. Mit gefallen auch beide sehr gut. Das war nun wirklich kein Plüsch und kein Mief in der 2013er. Wem bereits diese Bildhaftigkeit zuviel ist, der kann wohl wirklich nur noch mit Symbolik leben.
VG, stiffelio
P.S.: sehe gerade deinen Einwand: Die Arroganz bei Kwiecien fand ich um einiges ausgeprägter. Dagegen wirkte Hvorostovsky fast wie ein launischer, verwöhnter Bub.sag ich doch :times10
Giovanna (07.10.2013, 23:22): Hallo Stiffelio,
jetzt bin ich erst recht gespannt und freu mich schon auf das Päckchen :)
Original von stiffelio Man kann freilich nicht übersehen, dass Eugen Onegin hier von Holten tiefgreifend uminterpretiert worden ist
Ich denke, dass das kein Problem ist, ich finde es sogar eher spannend, Onegin auf verschiedene Weise charakterisiert zu sehen (obwohl das natürlich auch prinzipiell gilt).
Original von stiffelio der Onegin-Virus breitet sich langsam, aber hartnäckig bei mir aus :D
Bei mir offensichtlich auch, drum muss ich mir jetzt wirklich mal die verschiedenen Onegins auf Youtube anschauen.
Original von stiffelio die Arroganz von Eugen Onegin scheint Hvorostovsky einfach auf dem Leib geschrieben :ignore :J
Viele Grüße Giovanna :hello
Severina (07.10.2013, 23:46): Diesen Satz kann ich unterschreiben! Die Blasiertheit braucht Hvorostovsky nicht zu spielen, die ist ihm angeboren :ignore
Hm, allmählich interessiert mich diese DVD, nicht nur wegen Keenlyside, von dem ich ein großer Fan bin. (Trotzdem will ich nicht verhehlen, dass ich live von seinem Onegin enttäuscht war, er blieb als Figur blass, indifferent. Allerdings war das damals an der WSO sein erster Onegin - glaube ich zumindest - inzwischen wird er diese Partie sicher verinnerlicht haben. Vielleicht erging es ihm ein wenig wie Thomas Hampson: Der war bei seinem esten Onegin so damit beschäftigt, das Russisch hinzukriegen, dass keine Energie mehr blieb für eine Rollengestaltung!)
Allerdings würde mich eines interessieren: Wenn Onegin und Tatjana füreinander bestimmt sind, warum stößt er sie dann zurück???? Für mich besteht die Tragik dieses Stückes darin, dass sich die falschen Paare finden: Tatjana würde viel besser zu Lenskji passen als die oberflächliche und vergnügungssüchtige Olga, die wiederum mit Onegin ein prächtiges Paar in der Fun-Gesellschaft abgeben würde. Ich habe mir schon oft überlegt, ob und wie man das in einer Inszenierung anklingen lassen könnte. Aber klar: Gegensätze ziehen sich an :D!
lg Severina :hello
Allegra (08.10.2013, 12:40): Original von Severina Diesen Satz kann ich unterschreiben! Die Blasiertheit braucht Hvorostovsky nicht zu spielen, die ist ihm angeboren :ignore
Nur aus Interesse: Wie kommst du darauf? Ich habe den Mann nie als blasiert empfunden - weder auf der Bühne noch in diversen Interviews. Eher im Gegenteil. Dass er allzuviel Menge um sich herum scheut, sei ihm zugestanden, das habe ich bei z.B. Leonie Rysanek nicht anders erlebt. :wink
Original von SeverinaAllerdings würde mich eines interessieren: Wenn Onegin und Tatjana füreinander bestimmt sind, warum stößt er sie dann zurück???? Für mich besteht die Tragik dieses Stückes darin, dass sich die falschen Paare finden: Tatjana würde viel besser zu Lenskji passen als die oberflächliche und vergnügungssüchtige Olga, die wiederum mit Onegin ein prächtiges Paar in der Fun-Gesellschaft abgeben würde. Ich habe mir schon oft überlegt, ob und wie man das in einer Inszenierung anklingen lassen könnte. Aber klar: Gegensätze ziehen sich an :D!
lg Severina :hello
Sehe ich auch so: Füreinander bestimmt sind sie definitiv nicht, das lässt sich schon bei Puschkin erkennen. Ja, Tatiana würde tatsächlich besser zu Lenski passen. Olga spielt ebenso mit dem Feuer (der Gefühle Lenskis) wie Onegin mit den Gefühlen (und damit mit dem Feuer, das ihn später selbst verzehrt) Tatjanas. Ob das ein Sich-Anziehen der Gegensätze ist, hm, ich weiß nicht. Mir scheint eher im Vordergrund zu stehen, daß Tatiana mit ihren - wieviel? - 16, 17 Jahren noch mitten in der Mädchenschwärmerei für einen bisher unbekannten Mann ist und ihre aus Büchern (und was für Bücher! Puschkin listet sie ja auf, die Schinken von damals wie "Pamela" etc.) gewonnene Sicht auf Männer auf ihn projiziert. Sie muss schlicht und einfach später erkennen, daß es eine Diskrepanz zwischen Gefühl und Vernunft gibt. Natürlich könnte sie mit ihm durchbrennen, Wochen voller himmelhochjauchzender Leidenschaft erleben, um dann umso tiefer abzustürzen und erkennen zu müssen, daß er genauso ist, wie er zu Beginn gesagt hat. Und was das in dem Zeitalter für eine Frau bedeutet hätte, ist mit heute kaum zu vergleichen.
Severina (08.10.2013, 14:02): Liebe Allegra,
das ist ein reines Bauchgefühl. Ich kenne Herrn Hvorstovsky ja nicht persönlich und kann daher nicht sagen, ob er tatsächlich so ist, wie er auf mich wirkt. Und auf mich wirkt er blasiert und auch distanziert. Für private Distanziertheit hätte ich volles Verständnis, aber er distanziert sich nach meinem Gefühl auch von seinen Bühnenfiguren. Er gibt sich einer Rolle nicht mit Haut und Haar hin, wie ich es an Sängern liebe, er behält immer die Kontrolle. Das wirkt sich natürlich einerseits positiv auf seinen Gesang aus, weil es ihm wohl nie passieren wird, dass er am Schluss eingeht, weil er sich vorher ohne jedes Scherheitsnetz total verausgabt hat, aber andererseits erschwert es mir die Empathie mit ihm. Hvorostovsky IST nicht X, Y, Z, er SPIELT X, Y, Z, das ist für mich ein wesentlicher Unterschied zu z.B. Keenlyside. Das ist auch ein sehr intellektueller Sänger, der in jeder Phase weiß, was er tut, und dem nie die Gäule durchgehen würden, trotzdem habe ich bei ihm das Gefühl, dass er sich total mit seinem Bühnencharakter identifiziert.
Hvorostovsky als Onegin passt für mich, denn da muss er nicht viel tun, sondern nur "wirken". (Vielleicht tue ich ihm auch da Unrecht, aber für mich strahlt er immer diese "Hach Gott, was bin ich schön!"-Attitude aus.) Sein Vater Germont ist OK, als Rigoletto hingegen war er für mich eine totale Fehlbesetzung - alle Noten brav exekutiert, aber nicht ein Jota Hass, Leidenschaft, Verzweiflung - also all das, was er vermitteln müsste.
Was Du zu Tatjana schreibst, deckt sich genau mit meinem Empfinden!
lg Severina :hello
stiffelio (08.10.2013, 20:01): Original von Severina Allerdings würde mich eines interessieren: Wenn Onegin und Tatjana füreinander bestimmt sind, warum stößt er sie dann zurück????
Liebe Severina,
ich hab diese Inszenierung auch erst einmal ganz gesehen, aber m E. meint hier Eugen Onegin sein "wenn ich eine Ehe erwägen würde, würde ich dich wählen, aber ich bin für eine Ehe nicht geschaffen" völlig ernst und nicht als Trostpflaster. Gerade weil er Tatjana aufrichtig liebt und in ihr eine Seelenverwandte spürt, will er ihr ein Leben an seiner Seite nicht zumuten. Vielleicht hält er sich auch für zu alt bzw. vom Leben desillusioniert für sie (ist nur eine Vermutung von mir, aber immerhin wird am Schluss zum "das Glück lag uns zum Greifen nah" in einer Art Fiktion angedeutet, dass die jüngeren "alter egos" von Eugen und Tatjana in romantischer Liebe zueinander finden). Jedenfalls deutet Keenlyside bereits am Ende dieser Szene minimisch an, dass er hier schon ahnt, dass er mit der Zurückweisung Tatjanas einen Fehler macht. Er möchte gerne eine Beziehung mit ihr, aber er traut sich (noch) nicht.
Wie schon oben geschrieben, ist mir klar, dass das ein völlig anderer Charakter ist als in der Ur-Story. Regietheater reinsten Wassers, aber diese neue Story finde ich in sich gut und stimmig. Die Tragik liegt hier in den "verpassten Zeitpunkten".
VG, stiffelio
P.S.: nach dem zweiten vollständigen Durchgang kann ich noch eine Beobachtung zu Onegins Motiven hinzufügen: bereits die Worte "früher war ich auch ein Träumer" von Onegin zu Tatjana beim Kennenlernen, die oft leichthin oder sogar mit spöttischem Unterton daherkommen, gewinnen in dieser Inszenierung und in Keenlysides Mund eine ganz neue Bedeutungsschwere. Ebenso sein Geständnis nach der Briefszene, dass Tatjanas Ehrlichkeit in ihm Gefühle wiederweckt habe, die lange verschüttet gewesen seien. Das Ende von Onegins Arie, sein hier ungeheuer gefühlvolles "ein Mädchen tauscht oft eine vergangene Fantasie durch eine andere" und besonders sein heftig aufwallender Schmerz nach dem abschließenden "solche Naivität führt ins Unglück" verführt mich zu der (noch etwas kühnen) Diagnose: Onegin war früher (in Tatjanas Alter?) auch einmal schwärmerisch verliebt und wurde bitter enttäuscht - jetzt ist er desillusionierter Romantiker a. D.. Diese Enttäuschung will er Tatjana vermeintlich ersparen oder zumindest abkürzen.
stiffelio (09.10.2013, 19:39): Original von Giovanna Hallo Stiffelio,
jetzt bin ich erst recht gespannt und freu mich schon auf das Päckchen :)
Hallo Giovanna,
jetzt bin ich mit dem dritten Durchgang durch und kann dich in deiner Vorfreude nur weiter bestärken. Das ist eine von den Aufnahmen, in denen man noch nach dem 20. Ansehen immer neue Details entdeckt. Ich könnte dir jetzt von mindestens einem Dutzend Szenen vorschwärmen, will mich aber heute exemplarisch auf eine beschränken, in der Keenlyside zunächst keine Silbe singt und mir trotzdem die Schuhe auszieht, nämlich die berühmte Polonaise zu Beginn des 3. Aktes. Da ist zu Beginn noch keine Festgesellschaft zu sehen, sondern Keenlyside stellt zusammen mit einigen Ballerinas sein Leben zwischen dem Duell und dem Ball, seine vergeblichen Bemühungen, den Tod des Freundes zu vergessen, als Ausdruckstanz dar. Dieser Mann ist ein Phänomen! Das, was er da abliefert, kann man kaum beschreiben, das muss man gesehen haben :down. Sicher hat auch der Choreograph da excellente Arbeit geleistet, aber Keenlyside hat es unübertrefflich umgesetzt. Eigentlich braucht man die anschließende Arie gar nicht mehr, um zu begreifen, was mit Onegin los ist.
Und als eines von unzähligen Sahnehäubchen hat diese Aufführung mit Peter Rose auch einen excellenten Gremin zu bieten. Ich freue mich, wenn du dann bald von deinen Eindrücken berichten magst.
VG, stiffelio
stiffelio (11.10.2013, 19:12): Original von stiffelio Hallo Allegra,
für deine Anmerkungen zum 1. und 2. Akt muss ich freilich erstmal die 2007er MET komplett ansehen, was ich aber in den nächsten Tagen definitiv vorhabe.
heute kam ich endlich dazu, den MET 2007-Onegin ganz anzusehen und möchte Hvorostovsky ein bisschen Abbitte für meine Frotzelei leisten. Obwohl ich das, was wohl am treffendsten von Severina mit "Blasiertheit" umschrieben wurde, eigentlich immer noch so sehe. Aber rein von der Stimmschönheit her ist der tatsächlich einer der besten, wenn nicht DER beste Onegin, den ich mir vorstellen kann (sogar noch vor Keenlyside und auch Kwiecien, nur Mattei kommt da ganz dicht heran). Das muss einfach mal neidlos zugestanden werden. Und seine Darstellung passt hervorragend zu dem Onegin-Bild, das mir das Libretto vorzeichnet - ganz besonders in den ersten beiden Akten. (Dass ich dennoch die ROH-Inszenierung und Keenlyside im Gesamtpaket vorziehe, ist eine rein persönliche Vorliebe - diese spezielle Inszenierung kann man m.E. auch gar nicht direkt mit anderen vergleichen, da sie praktisch eine ganz andere Oper ist.)
Fleming gefällt mir als Tatjana auch sehr gut: sie bringt das Mädchenhafte, Schüchterne in den ersten beiden Akten erstaunlich gut zur Geltung. Netrebko hat die schwärmerischen Züge noch mehr betont, welche von beiden Gestaltungen man für Tatjana vorzieht, scheint mir reine Geschmackssache. In der Schlussszene wirkt Netrebko auf mich noch souveräner, Fleming noch leidenschaftlicher. Allein schon der Blick von Netrebko nach Onegins "ich wurde für meinen Fehler bestraft" - hu! Eigentlich habe ich da fast erwartet, dass sie ihm auch noch den Tod von Lenski vorwirft. Auch der Kuss am Schluss: volle Souveränität und eine gebührende Revanche für den Kuss, den ihr Onegin nach der Briefszene verpasst. Fleming wirkt da bei aller innerlichen Entschlossenheit äußerlich viel weniger gefestigt. Ihr Abgang erinnerte auch wesentlich mehr an eine Flucht als der von Netrebko.
Meine unterschiedliche Wahrnehmung von Kwiecien und Hvorostovsky im Finale habe ich ja schon geschildert. Da hat dann Hvorostosvsky für mich doch eine Prise zuviel Distanziertheit. Selbst beim Knien vor Tatjana scheint er darauf bedacht, dass keine Falte seiner Kleidung verrutscht. Erst ganz am Schluss kommt dann doch noch wenigstens ein bisschen Leidenschaft auf.
Vargas ist als Lenski bestimmt nicht schlecht, kommt aber für mich weder stimmlich noch darstellerisch an die aktuelle, hervorragende Leistung von Beczala heran. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.
Aleksashkin empfinde ich als sehr guten, wenn auch nicht völlig überragenden Gremin. In der stimmlichen Potenz absolut beeindruckend, vor allem die tiefen Töne am Schluss der Arie. In der stimmlichen Gestaltung fehlte mir ein Quentchen Gefühl, aber das ist endgültig Meckern auf sehr hohem Niveau. Den Gremin finde ich sowieso eine der dankbarsten Bassrollen, die ich kenne. So ein kurzer Auftritt und dann gleich eine so wunderschöne Arie!
Ein kleiner Nachtrag noch zur MET 2013: einen der besten Regieeinfälle empfand ich die Darstellung des Franzosen Triquet als Körperversehrten. Das zog das Komische dieser Figur auf bewegende Weise ins Tragikomische und verlieh ihr dadurch wesentlich mehr Tiefe als üblicherweise - auch als in der MET 2007.
VG, stiffelio
Severina (11.10.2013, 20:00): Liebe Stiffelio,
Deine Begeisterung ist ansteckend, ich werde den Onegin also bei meiner nächsten Bestellung wohl auf die Liste setzen! Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass Keenlyside diese ungewohnte Lesart des Onegin wesentlich besser liegt als die übliche, den wie ich schon sagte, hat er mich in Wien damals leicht enttäuscht, denn so wenig eins mit einer Rolle habe ich ihn noch nie erlebt. Und ich habe sowieso ein Faible dafür, wenn etwas (gekonnt natürlich!) gegen den Strich gekämmt wird. Zu der Tanzeinlage: Wenn ich nicht irre, ist Keenlysides Frau Balletttänzerin, daher also vielleicht seine besondere Affinität zum Ausdruckstanz. Eventuell hat er diese Nummer auch mit ihrer Unterstützung/Beratung einstudiert.
Den MET-Onegin werde ich mir allerdings nicht zulegen, weil ich Fleming nicht sonderlich mag und ich auch Hvorostovsky nicht unbedingt auf Konserve brauche. Er singt eh oft genug in Wien... Ja, er hat eine wunderschöne Stimme und singt wunderschön (Sofern er seine merkwürdige Schnappatmung im Griff hat, die man manchmal bis auf die Galerie hinauf hört!), aber für mich klingt er immer ein bisschen langweilig. Lachen musste ich bei Deiner Bemerkung, er hätte in der Schlusszene Angst um den tadellosen Sitz seiner Hose gehabt, denn das passt eben so perfekt zu Hvorostovsky: Er will in erster Linie "wirken", schön sein, schön klingen, und dem ordnet er alles andere unter, auch die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks oder ein naturalistisches Spiel. Daher steht er auch immer so richtig schön "in Pose" auf der Bühne und bei einem Duett merkt man oft deutlich, dass er sorgsam darauf achtet, optisch von der Partnerin nicht verdeckt zu werden. Vargas habe ich schon live als Lenskij gehört und finde ihn in dieser Partie ziemlich fehlbesetzt.
lg Severina :hello
stiffelio (11.10.2013, 20:57): Liebe Severina,
toll dass ich dich anstecken konnte. Ich freu mich schon wie ein Schneekönig darauf, wenn wir dann unsere Eindrücke vergleichen können. :leb Diese ROH Inszenierung ist sowas von psychologisiert, das reinste Füllhorn. Und bei vielem bin ich mir auch nicht ganz sicher, wie ich es deuten soll - ist vielleicht auch absichtlich nicht genau festgelegt. Das ist mir immer am liebsten, wenn ich mir tagelang den Kopf zerbrechen kann. :D Erwarte dir bei der Tanzszene nichts zu vordergründig Spektakuläres. Das rein Artistische hätten andere Sänger vielleicht auch so hingekriegt. Aber der Ausdruck, den Keenlyside hineinlegen kann - den finde ich einfach atemberaubend. Und letztlich gilt das für praktisch die gesamte Oper, auch und gerade wenn er nicht singt. Keenlyside könnte seine Brötchen auch problemlos als Schauspieler verdienen. Auch die anderen Rollen ziehen da voll mit. Die Szene mit Gremin und Onegin ist super, der Streit von Lenski und Onegin, das Duell, das Finale... ach was, schau es dir selbst an. Selbst den Anfang habe ich viel spannender empfunden als am Samstag im Kino.
VG, stiffelio
P.S.: ich hab übrigens auch schon mit der Breth-Inszenierung angefangen, da kommt auch bald was von mir :wink
Giovanna (12.10.2013, 13:11): Hallo,
so, nun habe ich die DVD angeschaut und ich bin begeistert! :times10 Sowohl die Inszenierung, wie auch die sängerischen und schauspielerischen Leistungen finde ich sehr gelungen. Das gilt aber nicht nur für Keenlyside, ich fand auch die anderen Sänger wirklich toll!
Hier nun die Eindrücke von einigen Szenen und Stellen, die mir besonders aufgefallen sind: schon den Anfang fand ich sehr gelungen: er spielt kurz vor dem letzten Zusammentreffen zwischen Onegin und Tatjana. Sie hat den Brief von Onegin bekommen, in dem er um ein Zusammentreffen bittet und zieht nun ihrerseits ihren alten Brief hervor und erinnert sich an den Beginn der "Geschichte".
Deutlich anders als in der MET-Aufführung fand ich die Darstellung der Olga: während sie in der MET wirklich als sehr lebenslustiger und glücklicher Mensch rüberkommt, merkt man in dieser Inszenierung, dass sie sich eigentlich nach jemand anderem wie dem "braven" Lenski sehnt. Ihre Unzufriedenheit zeigt sich meiner Meinung nach bereits am Ende ihres Liedes, in dem sie sich selbst beschreibt: da sitzt sie neben Tatjana auf dem Boden und schmollt. Darum ist auch sie hin und weg, als Onegin auftaucht, sie wirkt ertappt, als Lenski sie anspricht und weicht ihm aus. Auch beim Ball steigt sie sofort auf Onegins Flirten ein. Erst als es zum Duell kommen soll, wird ihr bewusst, dass sie Lenski verlieren könnte und merkt, dass sie ihn eigentlich doch sehr liebt.
Beim ersten Besuch Onegins wirkt dieser bei weitem nicht so arrogant wie in der MET-Vorstellung: während er sich dort im Haus umschaut und alles irgendwie überheblich belächelt, hat er in dieser Inszenierung wirklich sofort nur Augen für Tatjana. Die beiden verstehen sich auch sofort - ich finde, das merkt man gut an dem Blick, den sie während des Liebesgedichts Lenskis an Olga austauschen.
Toll fand ich auch die Deutung der Szene beim Gesang der Mädchen: Tatjana hat ja zu diesem Zeitpunkt den Brief an Onegin bereits abgegeben und wartet auf eine Antwort und malt sich eine glückliche Zukunft mit Onegin aus. Dargestellt wird das durch die "älteren" Männer alle mit einem Brief in der Hand als glückliche Paare mit ihren Mädchen. Zumindest interpretiere ich die Szene so, aber vielleicht irre ich mich da auch. Was mir nicht ganz klar ist, weshalb Tatjana während der Szene in den Bücherschrank klettert ? ?(
Amüsant fand ich die Szene beim Couplet von Triquet: während dieser das Liedchen, das Lenski ihm geschrieben hat vorträgt, steht Lenski wie ein Souffleur bei ihm und "spricht" den Text und auch die Betonungen mit - aber nur solange, bis er Onegin und Olga schnapseln sieht.
Die Duellszene hat mich besonders berührt: wie Onegin Lenski beim Kuda, kuda umarmt, ihn zu trösten versucht und man ihm aber auch seine Angst vor dem Duell ansieht, kann einem schon einen Kloß in den Hals treiben. Es ist einfach bedrückend zu sehen, wie sie ihre Sprachlosigkeit nicht überwinden können und dem anderen gegenüber ihren Fehler nicht eingestehen können (vor sich selber haben sie das ja bereits getan). Es fehlt eigentlich auch nicht viel zur Versöhnung, sie wünschen sich ja beide, dass sie darüber Lachen könnten.
Stiffelio, die Tanzszene finde ich auch super umgesetzt. Besonders auch die Idee mit den grauen Kleidern der Tänzerinnen, die an Lenskis Kleidung erinnern und Onegin während seiner "Ablenkungsversuche" immer präsent sind.
Die Idee mit der Personenverdopplung finde ich auch gut umgesetzt, besonders stark fand ich, dass die "Tänzerin" der Tatjana nach ihrer Ernüchterung durch Onegins Absage nun ein langärmliges, weiteres Kleid trägt und dadurch kein träumerisches Mädchen mehr darstellt, sondern erwachsener und realistischer wird.
Aber wie Stiffelio schreibt gibt es bei mir einige Stellen, die noch Fragen aufwerfen, und über die ich mir noch den Kopf zerbrechen muss. Was ich zum Beispiel nicht ganz verstehe, ist warum die "echte" Tatjana in der Briefszene den bereits fertigen Brief bei sich hat oder der Hintergrund so rot wird, während sie auf eine Antwort Onegins wartet. Auch ist mir unklar, weshalb Lenski vor dem Duell den Baumstamm mit auf die Bühne zieht, da liegt ja bereits einer ?( ?(
Als Fazit kann ich sagen, dass ich ganz froh bin, als Einstieg zu Eugen Onegin die MET-Inszenierung gesehen zu haben, sonst hätte ich mit dieser Inszenierung vielleicht Schwierigkeiten gehabt, aber wie oben schon geschrieben, hat sie mir rundum gefallen und ich kann sie dir, Severina, wirklich nur weiterempfehlen!
Viele Grüße Giovanna :hello
stiffelio (12.10.2013, 14:43): Liebe Giovanna, fein, dass du dich so schnell gemeldet hast. :thanks schon den Anfang fand ich sehr gelungen: er spielt kurz vor dem letzten Zusammentreffen zwischen Onegin und Tatjana. Sie hat den Brief von Onegin bekommen, in dem er um ein Zusammentreffen bittet und zieht nun ihrerseits ihren alten Brief hervor und erinnert sich an den Beginn der "Geschichte". Diesen Anfang (noch vor der Ouvertüre) hab ich das erste Mal gar nicht kapiert, inzwischen vermute ich eine andere Deutung. Es ist ja keine Pause zwischen dem 2. und 3. Akt, das geht Schlag auf Schlag und man kann beobachten, wie Onegin zu Tatjana kommt. Deshalb glaube ich eher nicht, dass dieser Anfang da nochmal eine Szene aus diesem "letzten" Zusammentreffen herausgreift. Meine persönliche Deutung möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, um Severina in ihrer Wahrnehmung nicht vorzeitig zu beeinflussen. :wink Ich schick dir noch eine PN.
Ich empfinde es wie du, dass Olga ihre Überdrüssigkeit Lenskis und ihr Interesse an Onegin hier überdurchschnittlich deutlich spielt. Gleichzeitig wird aber auch die Harmlosigkeit des Flirts zwischen Onegin und Olga betont und dass Olga doch sehr an Lenski hängt, als auf einmal das Duell im Raum steht. Ich empfinde Olga hier tatsächlich als relativ kindlichen (und gerne schmollenden) Schmetterling, der von Blume zu Blume flattert und zu spät aufwacht, als es ernst wird.
Was mir nicht ganz klar ist, weshalb Tatjana während der Szene in den Bücherschrank klettert ? In dem Chor ist ja zum Schluss die Rede davon, dass der falsche Liebhaber ausgelacht wird. Ich denke, dieser Chor spiegelt die Hoffnungen, aber auch bereits die Sorgen Tatjanas, die sich mit ihrem Brief verletzlich gemacht hat. Nach der Szene mit Onegin klettert ja ihr jüngeres Selbst wie ein kleines Kind in den Schrank, um sich von allem abzuschotten. Es bleibt da bis zum Ende des Aktes, also auch während des Streits auf dem Ball ohne erkennbare Regung sitzen, wie ein Kind, dass sich bei einem Streit zwischen den Eltern verkriecht und "tot stellt".
Amüsant fand ich die Szene beim Couplet von Triquet: während dieser das Liedchen, das Lenski ihm geschrieben hat vorträgt, steht Lenski wie ein Souffleur bei ihm und "spricht" den Text und auch die Betonungen mit Das fand ich eine sehr pointierte Regieidee, dass Lenski den Text zu dem Couplet geschrieben hat. Denn meiner Einnerung nach ist das in anderen Inszenierungen nicht unbedingt so.
Besonders auch die Idee mit den grauen Kleider der Tänzerinnen, die an Lenskis Kleidung erinnern und Onegin während seiner "Ablenkungsversuche" immer präsent sind. Sehr interessant, diese Idee hatte ich noch gar nicht, dass selbst die Kleiderfarbe an Lenski erinnert. Du hast völlig recht.
Aber wie Stiffelio schreibt gibt es bei mir einige Stellen, die noch Fragen aufwerfen, und über die ich mir noch den Kopf zerbrechen muss. Was ich zum Beispiel nicht ganz verstehe, ist warum die "echte" Tatjana in der Briefszene den bereits fertigen Brief bei sich hat oder der Hintergrund so rot wird, während sie auf eine Antwort Onegins wartet.Auch ist mir unklar, weshalb Lenski vor dem Duell den Baumstamm mit auf die Bühne zieht, da liegt ja bereits einer Durch die Personenverdopplungen verschwimmen m.E. in dieser Inszenierung manchmal die Zeit- und Wahrnehmungsebenen: Personen, die gemeinsam auf der Bühne sind, nehmen sich nur teilweise oder gar nicht gegenseitig wahr, weil sie nur in übertragenem Sinne, auf psychologischer Ebene vorhanden sind. Insofern hat mich der fertige Brief nicht irritiert, Tatjana steht in dieser Szene sozusagen neben sich. Der rote Hintergrund war für mich einfach Ausruck der schwärmerischen Liebe, aber vielleicht steckt noch mehr dahinter. Den Baum kann ich auch noch nicht sicher deuten - vielleicht symbolisiert er den abgesägten Lebensbaum Lenskis?
Als Fazit kann ich sagen, dass ich ganz froh bin, als Einstieg zu Eugen Onegin die MET-Inszenierung gesehen zu haben Ebenfalls völlige Zustimmung, als ersten Einstieg in den ONEGIN finde ich diese Inszenierung auch nicht geeignet, dafür verfremdet sie ihn zu sehr. Und die Ernsthaftigkeit dieses Onegins kommt auch erst im Kontrast gegen die übliche Arroganz so richtig zur Geltung. Ganz toll finde ich in diesem Zusammenhang auch die Finalszene. So verzweifelt Onegin in anderen Inszenierungen (inkl. MET 2013) auch wirkt, es ist für mich doch immer mehr oder weniger deutlich, dass die gegenseitig ausgesprochene Liebe zwischen Onegin und Tatjana vor allem auf einer starken sexuellen Anziehungskraft beruht. Das "ich liebe dich" heißt vor allem: "Ich begehre dich". Das empfinde ich bei Keenlyside völlig untergeordnet, er will vor allem die Seele Tatjanas, gar nicht in erster Linie ihren Körper. Sein letztes "ich liebe dich" kommt bei mir wahnsinnsing existenziell an, genauso wie sein allerletztes "moy!" ("mein miserables Los"). Das toppt alle anderen Finalszenen, die ich bisher gesehen habe. Ich freue mich sehr, dass dir die Aufnahme wie erwartet auch so gut gefällt. :W VG, stiffelio
stiffelio (12.10.2013, 18:36): Original von Severina Meine Lieben,
ich habe den "Eugen Onegin" (Zählt zu meinen Lieblingsopern!) schon so oft live gesehen, dass ich nie das Bedürfnis verspürte, mir eine DVD-Sammlung zuzulegen, daher besitze ich nur die aus Salzburg mit Mattei, weil mir die Breth-Inszenierung so gut gefällt.
Salzburg Festival 2007
Larina - Renée Morloc Tatyana - Anna Samuil Olga - Ekaterina Gubanova Filipyevna - Emma Sarkissian Eugene Onegin - Peter Mattei Lensky - Joseph Kaiser Prince Gremin - Ferruccio Furlanetto A Captain - Sergej Kownir Zaretsky - Georg Nigl Triquet - Ryland Davies Peasant Leader - Thomas Köber Guillot - Michel Ogier
Wiener Philharmoniker, Salzburg 2007 Conductor: Daniel Barenboim Director: Andrea Breth
Liebe Severina, deine Faszination für diese Inszenierung finde ich absolut nachvollziehbar. Nicht nur, dass sie sehr gekonnt aktualisiert wurde, mir ist auch sofort aufgefallen, wie immens viel Sorgfalt und Fantasie an die Körpersprache, bis hin in die kleinsten Nebenrollen verwendet wurden. Die Grundcharaktere wurden hier (im Gegensatz zur ROH 2013) m.E. im Wesentlichen belassen, nur sehr pointiert zugespitzt. Mattei spielt den Onegin in einer Mischung aus Kotzbrocken und Unwiderstehlichkeit einfach herrlich, da stimmt jede Bewegung und Miene (obercool der lässige Hüftschwung und die Sonnenbrille :cool). Ein Spielertyp, der glaubt, mit genügend Distanziertheit (oder weniger vornehm aber deutlicher ausgedrückt: LMAA-Einstellung) das Leben in der Hand zu haben und zu spät merkt, dass ihm gerade auf diese Weise das Leben entgleitet. Mattei ist bezüglich Stimmschönheit höchstens noch Nuancen von Hvorostovsky entfernt und im Ausdruck ist er ihm um Meilen voraus. Im Gesamtpaket aus Stimmschönheit und -ausdruck würde ich ihm die Krone des besten Onegin verleihen. Das Testosteron in seiner Stimme, vor allem in der Arie im 1. Akt, ist umwerfend. Ein russischer Don Giovanni. So groß wie seine Distanziertheit zum Leben IN dieser Rolle, so gering ist seine Distanziertheit ZU dieser Rolle. Er geht bis in die letzte Facette in diesem Charakter auf, scheint gleichsam mit ihm zu verschmelzen.
Jede der Figuren hat hier ungeheurer viel Profil - z.B. auch Lenski, der den genau entgegengesetzten Fehler begeht, sich alles extrem zu Herzen zu nehmen und emotional hineinzusteigern. Tatsächlich Feuer und Wasser, diese beiden. (Eine Frage: wie deutest du die Narbe in Lenskis Gesicht? Ein Überbleibsel eines früheren Duells?) Josef Kaiser finde ich auch stimmlich sehr gut für den Lenski (das Russisch kann ich natürlich genausownig beurteilen wie bei den anderen Rollen, auch in allen anderen Aufnahmen).
Sehr gut dargestellt die Partygesellschaft im 2. Akt, auf der auch heute noch im Alkoholrausch fatale Entscheidungen wie hier die Duellforderung nachvollziehbar stattfinden können. Onegin ist deutlicher als in anderen Inszenierung ein extremer Auswuchs dieser Fun-Gesellschaft, die er eigentlich verachtet und die sich doch der gleichen Mechanismen bedient wie er: alles nur ein Joke, nichts wichtig nehmen, bis es zu spät ist. "Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten." Ein toller Einfall ist die extrem zugespitzt gegensätzliche Darstellung der Sekundanten. Der oberkorrekte, völlig gefühllose Sekundant von Lenski und der Sekundant Onegins (Guilliot) hier als Penner- und Alkityp, den aber als Einzigen der Tod Lenskis nach außen erkennbar nicht kalt lässt. Dieser bereits im Libretto angelegte Gegensatz wird ja häufig inszeniert, aber selten so gekonnt deutlich und gesellschaftskritisch wie hier. (Nächste Frage: wer ist der Bedienstete mit dem Besen, an den Onegin seine Arie zu Beginn des 3. Aktes richtet? Woher kennt er ihn? Oder kennt er ihn gar nicht und braucht nur einen Mülleimer für seine Emotionen?)
Was ist an Tatjana ein bisschen vermisse, ist der Wechsel vom naiven Mädchen zur souveränen Dame der Gesellschaft. Sie kommt mir am Anfang der Oper kaum weniger selbstsicher vor als am Ende - und eigentlich am Anfang sogar noch echter, im 3. Akt ist auf dem Ball für mich eine Prise zuviel Affektiertheit dabei. Mir ist noch nicht klar, ob das von der Inszenierung so gewollt ist und wenn ja, mit welcher Intention. Eindeutig scheint mir dagegen, dass nicht die Zurückweisung Tatjanas der Knick in Onegins Leben ist, sondern das Duell (durchaus mit dem Libretto konform), obwohl er es zunächst so locker wegzustecken scheint. Die Zurückweisung ist nur das i-Tüpfelchen auf seinem Abstieg.
Furlanetto ist natürlich eine Luxusbesetzung für den Gremin, den er stimmlich sehr gekonnt, aber mit einem sehr - na sagen wir: ungewohnten - Schuss an Italianità meistert. Darstellerisch gefällt mir gut, dass er seine Arie nicht einfach frontal runtersingt, sondern im Mittelteil sein Umfeld mit einbezieht (obwohl Holten an der ROH eine ähnliche Grundidee m.E. noch besser umgesetzt hat - lass dich überraschen).
Insgesamt also eine sehr spannende, in jeder Hinsicht hochwertige Inszenierung mit Super-Sängern, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie auch meine Lieblingsaufnahme geworden wäre, wenn ich mein Herz nicht schon an die Holten-Inszenierung verloren hätte. Wie kommt es eigentlich, dass gerade beim EUGEN ONEGIN so überdurchschnittlich viele hervorragende Bildaufzeichungen auf dem Markt sind? Oder bilde ich mir das nur ein? Ich könnte aus dem Stand keine Oper benenen, von der mir mehr Spitzen-Inszenierungen (in meiner Wahrnehmung) bekannt sind.
VG, stiffelio
stiffelio (13.10.2013, 20:39): Original von Giovanna Auch ist mir unklar, weshalb Lenski vor dem Duell den Baumstamm mit auf die Bühne zieht, da liegt ja bereits einer
Hallo Giovanna, heute kam mir noch eine andere Idee zu dem Baumstamm: ein Symbol für die Entwurzelung von Lenki in dieser Szene, der sich ja von dem, was bisher sein Leben ausgemacht hat, abgeschnitten fühlt. Einen anderen Baumstamm, der bereits auf der Bühne liegt, habe ich übrigens nicht entdecken können.
VG, stiffelio
P.S.: Noch eine OT-Frage zu Keenlyside: welche anderen Rollen kennst du eigentlich noch von ihm und welche findest du am besten?
Giovanna (13.10.2013, 21:16): Hallo Stiffelio,
bei dem Baumstamm, der bereits auf der Bühne liegt hab ich wohl nicht genau hingeschaut. :ignore Das, was ich gemeint habe ist mehr Teil des Bühnenbilds und nur im Hintergrund zu sehen. Also auf keinen Fall so deutlich, wie der, den Lenski reinzieht. Du hast ja den Baum als "abgesägten Lebensbaum Lenskis" interpretiert. Da ist mir auch noch eingefallen, dass der tote Baum vielleicht als Vorwegnahme des Duellausgangs dargestellt wird. Deine jetzige Deutung finde ich aber auch nicht schlecht.
Zur OT-Frage: ich bin auf Simon Keenlyside aufmerksam geworden, als ich YouTube-Aufnahmen zu Don Carlo durchgestöbert habe und da auf die Sterbeszene (ROH 2008) gestoßen bin - ab da hatte ich einen neuen Lieblingssänger :down Zudem habe ich ihn noch in der Zauberflöte (ROH 2003) und Macbeth (ROH 2011) gesehen, sowie in diversen YouTube-Ausschnitten (Don Giovanni, Wozzeck). Und genau das ist auch meine Reihenfolge. Ach, und natürlich die Nozze di Figaro unter René Jacobs - diese Aufnahme liebe ich!
welche anderen Rollen kennst du eigentlich noch von ihm und welche findest du am besten? Diese Frage geb ich grad so zurück :)
Viele Grüße Giovanna
stiffelio (13.10.2013, 22:26): Liebe Giovanna, nur ganz kurz, weil das ja eigentlich hier wirklich nicht hingehört (konnte nur meine Neugier nicht bezähmen :ignore): Mein erster Link mit Keenlyside war meiner Erinnerung nach sein Don Giovanni in Ferrara 1997. Den fand ich toll, ganz besonders sein Ständchen für Elviras Zofe. Ansonsten liebe ich heiß und innig sowohl seinen Posa (Don Carlo, ROH 2008) als auch seinen Hamlet (den aus Liceu noch mehr als den aus der MET). Beeindruckt hat er mich auch als Bruder von Margarete im Faust von Gounod (2010), obwohl ich dem Rest dieser Inszenierung zwiespältig gegenüberstehe. Der Macbeth war bisher nicht ganz mein Fall, lag aber sicher nicht an Keenlyside sondern an der Oper und dem Regiekonzept, letzteres gilt auch für seinen Giovanni aus der MET (müsste ich mir gelegentlich nochmal neu ansehen) und ein bisschen auch für seinen Papageno 2003. An den Wozzeck und The Tempest habe ich mich noch nicht herangetraut, bei mir ist nach Wagner noch ziemlich schnell Schluss. Wie hier im Thread schon angesprochen wurde, bewundere ich an Keenlyside besonders, wie rückhaltlos er sich in seine Rollen und das jeweilige Regiekonzept hineinwirft. Das bedeutet freilich auch, dass ich dann nicht soviel damit anfangen kann, wenn mir die Regie nicht behagt. Und ich bewundere sein Allroundtalent: singen, schauspielern, tanzen, es scheint nichts zu geben, was er nicht kann und das auch noch auf einem gnadenlos hohen Niveau.
Für alles Weitere sollten wir aber lieber einen Keenlyside-Thread im Sänger-Unterforum aufmachen.
VG, stiffelio
Giovanna (13.10.2013, 22:38): Hallo Stiffelio,
grad eben hab ich festgestellt, dass es auf der DVD die ganze Oper auch vom Regisseur kommentiert gibt. Mit anschauen warte ich aber noch ein bisschen, bis ich mir wegen den Regieeinfällen lange genug selber den Kopf zerbrochen habe...
Nochmal ganz kurz OT: The Tempest hab ich vorhin in meiner Aufzählung vergessen.
Viele Grüße Giovanna
Allegra (15.10.2013, 16:26): Hallo stiffelio,
Meine unterschiedliche Wahrnehmung von Kwiecien und Hvorostovsky im Finale habe ich ja schon geschildert. Da hat dann Hvorostosvsky für mich doch eine Prise zuviel Distanziertheit. Selbst beim Knien vor Tatjana scheint er darauf bedacht, dass keine Falte seiner Kleidung verrutscht. Erst ganz am Schluss kommt dann doch noch wenigstens ein bisschen Leidenschaft auf.
Diese Distanziertheit ist aber genau das, was ich in Onegin sehe – denn ich glaube ihm kein Wort seiner angeblichen Leidenschaft für Tatiana. Was ich in ihm sehe (und dabei muss ich zugeben, habe ich doch immer noch Puschkin als Grundlage im Kopf), ist ein restlos auf sich selbst bezogener, verwöhnter, blasierter Mann, dem, wie du so nett schreibst, die Falte seiner Kleidung wichtiger ist als die wahre Liebe. Was wäre für Tatiana denn gewonnen, würde sie ihn erhören? Nichts. Nach kurzer Zeit dürfte seine tatsächliche Natur hervorkriechen und – sich langweilen. Also nichts mit der großen Liebe. Das ist nur verpasstes Jagdglück. :D
Bezüglich Ramon Vargas stimme ich dir zu, er lässt die jugendliche, poetisch schwärmerische Leidenschaft doch etwas vermissen. Da fand ich Beczala weit überzeugender.
Renee Fleming gefiel mir zwar gut, blieb für mich im Vergleich zu Netrebko aber streckenweise etwas blass, obwohl ich gerade die letzte Szene mit Onegin dann doch noch überzeugender fand.
Die ROH Inszenierung geht mir leider noch immer ab, aber das lässt sich ja beizeiten korrigieren. Im Moment fehlt mir leider völlig die Muße dazu …
Und dank für deine Besprechung des Salzburger Onegin – das klingt wiederum sehr interessant! Sicher eine lohnenswerte Anschaffung.
Liebe Grüße, Allegra
stiffelio (16.10.2013, 21:29): Hallo Allegra Original von Allegra Diese Distanziertheit ist aber genau das, was ich in Onegin sehe – denn ich glaube ihm kein Wort seiner angeblichen Leidenschaft für Tatiana. Was ich in ihm sehe (und dabei muss ich zugeben, habe ich doch immer noch Puschkin als Grundlage im Kopf), ist ein restlos auf sich selbst bezogener, verwöhnter, blasierter Mann, dem, wie du so nett schreibst, die Falte seiner Kleidung wichtiger ist als die wahre Liebe. Was wäre für Tatiana denn gewonnen, würde sie ihn erhören? Nichts. Nach kurzer Zeit dürfte seine tatsächliche Natur hervorkriechen und – sich langweilen. Also nichts mit der großen Liebe. Das ist nur verpasstes Jagdglück. :D
Volle Zustimmung, dass Hvorostovskys Onegin absolut Libretto-abdeckend ist. Wenn er z.B. am Ende des Balls im 3. Akt von sich als verliebten Jüngling spricht und den Zaubertrank des Verlangens beschwört (ich hoffe, dass die Untertitel den russischen Text da einigermaßen korrekt wiedergeben), dann wird schon ziemlich deutlich, dass er mehr in das Verliebtsein als in Tatjana verliebt ist. Dennoch, Kwiecien glüht an dieser Stelle vor Leidenschaft, Mattei befindet sich schon jenseits der Grenze zum Rausch und Keenlyside macht wirklich die große Liebe daraus (bis dahin, dass ich da die Untertitel inzwischen schon lieber ausschalte, weil mir seine Stimme und Gestik andere Nuancen vermitteln als der Text) - da wird Hvorostovskys Distanz irgendwann doch ein wenig fad, obwohl er mich gerade beim Hören wieder mit seinem Timbre bezaubert hat: diesen dunkel-samtenen Klang mit diesem Stimmvolumen macht ihm tatsächlich keiner der oben Genannten nach.
Und ich kann nochmal betonen: diese Distanziertheit steht auch meinem Empfinden nach ganz gewiß nicht im Gegensatz zum Libretto. Ich halte seinen Onegin ähnlich wie Severina für eine der besten Rollen von Hvorostovsky.
Eugene Onegin - Mariusz Kwiecien Madame Larina - Makvala Kasrashvili Tatiana - Tatiana Monogarova Olga - Margarita Mamsirova The Nurse - Emma Sarkisyan Lenski - Andrey Dunaev Prince Gremin - Anatolij Kotscherka Zaretski - Valery Gilmanov The Bolshoi Theatre Soloists, Orchestra and Chorus Conducted by Alexander Vedernikov Director: Dimitri Tscherniakow Recorded live at the Paris Opera (Palais Garnier), 09/2008.
Hier eine weitere sehr interessante und ungewöhnliche Onegin-Inszenierung. Es war für mich die erste Inszenierung, die mit Monogarova als Tatjana nicht nur erfolgreich die Dame der Gesellschaft, sondern auch das zuerst hoffnungslos schüchterne, dann schwärmerisch verliebte (deutlicher: völig unrealistisch verknallte) Mädchen in allen seinen Facetten erfolgreich darstellen kann. Zum erstenmal hat mich die Briefszene so richtig gepackt. Insgesamt trotz starker Konkurrenz mit Abstand die überzeugendste Tatjana-Darstellung, die ich kenne!
Kwiecien zeigt hier, dass er auch anders kann, als in der MET 2013 (obwohl er sich dort laut Interview in seiner Arroganz sogar noch zurückgenommen hat): in seinem Wunsch, die Ablehnung Tatjanas möglichst sanft zu gestalten, steht er Hvorostovsky an der MET 2007 in nichts nach.
Die gesamte Oper findet im Eßzimmer einer Festgesellschaft statt, die ersten beiden Akte bei einer Familienfeier in Larinas Haus, der letzte Akt auf dem Fest von Fürst Gremin. Die Intimität ist auf ein Minimum reduziert: Bereits die ersten Szenen spielen sich im Gegenwart der versammelten Großfamilie ab, Onegin singt seine Arie zu Beginn des dritten Aktes als Tischrede vor aller Ohren und Tatjana ihre Eingangssätze der Finalszene im Beisein ihres Ehemannes. Allein auf der Bühne ist nur Tatjana während der Briefszene. Ungewöhnlich gezeichnet ist auch Lenski (Dunaev) als ein von der ganzen Familie nicht ernst genommener und zunehmend immer deutlicher bespöttelter Poet, der gerade deshalb durchdreht, als seine Schmerzgrenze überschritten wird. Er singt in dieser Inszenierung das Couplet selbst: als Revanche für die verweigerten Tänze von Olga will er jetzt mit seiner Zuwendung an Tatjana Aufmerksamkeit und evtl. auch Eifersucht erregen. Seine Duellforderung wird zunächst von niemandem außer ihm ernst genommen, von Larina kassiert er dafür eine Ohrfeige. Am Ende dieses Aktes wird deutlich, was Severina gern einmal dargestellt haben wollte: dass es eigentlich Lenski und Tatjana sind, die zusammenpassen - sie ist die einzige, die ihn beruhigen kann, als er anfängt, mit einem Gewehr in die Luft zu schießen. Das Duell selbst findet auch nur in abgewandelter Form statt: Selbst der aus der Familie stammende Sekundant Lenkis nimmt das Duell nicht ernst und der tödliche Schluss löst sich lediglich im Gerangel um das von Onegin deutlich abgelehnte Gewehr, also per Unfall. Obwohl Onegin hier daher eigentlich kaum Schuld an dem Vorgefallenen trägt, wird der Spieß im 3. Akt auf sehr deutliche Weise umgedreht: Onegin wird von der Festgesellschaft zunächst ignoriert, selbst von den Dienern, nirgends findet er einen Platz am Tisch. Er bekommt hier sehr deutlich zu spüren, was es bedeuten kann, nicht ernst genommen zu werden (wie vorher Lenski), bereits bevor Tatjana mit ihrer Ablehnung dem Ganzen die Krone aufsetzt.
Auch sängerisch fand ich das Ganze sehr gut, ohne einen Einzelnen hervorheben zu wollen. Eine kleine stimmliche Einschränkung höchstens bei Tatjanas Amme, die für mein Empfinden eine zwar rollendeckende, aber dennoch sehr "alte" Stimme mit einem etwas meckernden Timbre hat.
Kennt jemand hier diese Aufführung? VG, stiffelio
Allegra (17.10.2013, 17:37): Danke für diese Angaben, stoffelig - das klingt nach einer sehr interessanten Aufnahme!
stiffelio (17.10.2013, 19:15): Original von Allegra Danke für diese Angaben, stoffelig
Was oder wen meinst du denn mit stoffelig? :rofl VG, stiffelio
stiffelio (18.10.2013, 18:31): Liebe Giovanna,
jetzt muss ich doch mal in EINEM Punkt an der ROH-DVD herummäkeln: es wurde offenbar nicht nur Material der auch im Kino (und TV?) übertragenen Premiere verwendet, von der auch die meisten YT-Links stammen, sondern auch Aufzeichnungen anderer Vorstellungen hineingeschnitten. Das fände ich noch o.k., wenn es nur darum ginge, evtl. "Premierenunfälle" auszubügeln. Aber leider ist dieser Schnipselei einer der (für mich) bewegendsten Momente der Premiere zum Opfer gefallen: die Sekunden nach Tatjanas "Ich liebe dich" in der Finalszene. In der Premiere schien Keenlyside da einen Augenblick lang von einer Mischung aus Weinen und Lachen vor ungläubigem Glück überwältigt. Diese Sekunden wurden offensichlich durch einen Mitschnitt einer anderen Vorstellung ersetzt. Auch wenn es in gewisser Hinsicht beruhigend ist, dass selbst Keenlyside solche hochemotionalen Momente nicht beliebig in allen Vorstellungen reproduzieren kann oder will, bin ich maximal sauer auf denjenigen, der das herausgenomen hat. X( X( Da gelingt einem Sänger einmal eine einzigartige Darstellungstiefe und dann wird das auf der offiziellen DVD nicht übernommen! Ich kann's nicht verstehen... (Der Moment betrifft wohlbemerkt nur Sekunden, in denen nicht gesungen wird, Keenlysides anschließendes "Was hast du gesagt?" ist völlig frei von Schluchzern o.ä., deshalb sollten selbst absolute Gesangspuristen nichts dagegen einzuwenden haben.)
Eine andere Stelle, um die es mir leid ist (wenn auch nicht so extrem), ist der Mittelteil von Gremins Arie, in der Gremin Onegin immer bedrohlicher auf den Leib rückt, ihm schließlich einen verächtlichen Stoß versetzt und die Jacke von einer Schulter reißt. Auf der DVD wirkt Keenlyside da in erster Linie überrumpelt. Bei der Premierenaufzeichung kommt für mich viel besser zum Ausdruck, dass er fest entschlossen ist, sich nicht provozieren zu lassen und deshalb bewusst auf eine Gegenwehr verzichtet - eine schmerzhafte Lehre aus dem Duell mit Lenski?
Zum Glück gibt es diese Stellen (hoffentlich noch lange) auf YT, und zwar die erste hier bei 8:30 min und die zweite hier bei 1:45 min. Hast du diese Veränderungen auch bemerkt? Was sagst du dazu?
VG, stiffelio
P.S.: eine dritte Stelle, in der aber vermutlich nur die Kameraführung variiert wurde und mich eher amüsiert hat, betrifft eine Ballerina während der Polonaise: sie zieht ihren Rock nach oben und zeigt dabei ziemlich viel Bein (hier bei 2:05 min). Das wurde ebenfalls durch einen vorzeitigen Kameraschwenk auf Onegin auf der DVD abgeschnitten - etwa als Zugeständnis an den USA-Markt, der ja diesbezüglich sehr pingelig ist?? :J
Allegra (23.10.2013, 14:56): Original von stiffelio Original von Allegra Danke für diese Angaben, stoffelig
Was oder wen meinst du denn mit stoffelig? :rofl VG, stiffelio
Oh Himmel, das seh ich jetzt erst - das ist diese entsetzliche Autokorrekturfunktion. :B Ich bitte um Entschuldigung! :wink Und jetzt suche ich den Knopf GEGEN diese blödsinnigen Korrekturen ...
De Nederlandse Opera, Amsterdam, Juni 2011 Eugene Onegin - Bo Skovhus Lensky - Andrej Dunaev Prince Gremin - Mikhail Petrenko Tatyana - Krassimira Stoyanova Olga - Elena Maximova Larina - Olga Savova Filipyevna - Nina Romanova A Company Commander - Peter Arink Zaretsky - Roger Smeets Triquet - Guy de Mey Chorus Leader - Richard Prada Conductor: Mariss Jansons Director: Stefan Herheim
Nun noch die vorerst letzte meiner Onegin-Aufnahmen, die ich im Gegensatz zu den anderen nur mit Vorbehalt beschreiben kann, da ich nicht das Gefühl habe, sie auch nur annährend durchblickt zu haben. Es ist eine typische Herheim-Inszenierung: durchaus fein gezeichnete und interessante, aber schwer durchschaubare Personenführung, fantasievolle und zunehmend opulente Kulissen bis hin zum Überladenen. Kann sein, dass ich in 10 Jahren großer Herheim-Fan bin, zumindest für die Opern, die ich gut kenne, aber derzeit brummt mir immer der Kopf, wenn ich mal eine seiner Inszenierungen bis zum Ende durchgehalten habe. Hier mal eine Zusammenfassung von dem, was ich glaube verstanden zu haben: Die Oper spielt wie an der ROH ebenfalls in einer Rückblende (in Onegins Erinnerung), allerdings ausgehend von Gremins Festgesellschaft. Die Bühne zeigt als "Rahmenhandlungsort" zunächst frappierende Ähnlichkeit mit einem Opernfoyer, in dem der Chor vor der Aufführung flaniert. Mit Onegins Eintreten beginnt die Ekossaise aus dem 3. Akt, mit dem echten Vorspiel dann die Rückblende, die sich vor allem in einem großen Plexiglasquader im Zentrum der Bühne abspielt. Onegin ist teils Beobachter, teils wird er von den Erinnerungsfiguren (zu Beginn also Larina und Filipyevna) in ihr Spiel einbezogen, worauf er sichtlich verwirrt reagiert. Bereits hier spielt die Oper gleichzeitig auf mehreren, sich mischenden Bewusstseinsebenen. Es gibt eine Festgesellschafts-Tatjana im roten Abendklei, (die ähnlich verwirrt regiert, als sie in das Spiel des 1. Aktes einbezogen wird, bis sie nach der Chorszene ein weißes Kleid bekommt und damit in die Vergangenheit versetzt wird) und zusätzlich noch eine stumme Verdoppelung der jungen Tatjana, an die z.B. Onegin seine Arie nach der Briefszene richtet. Auch Gremin ist von Anfang an immer wieder dabei. Alles recht verwirrend, weil schwer zu durchschauen ist, wessen sich die agierenden Personen bewusst sind und wessen nicht. Aber im handlungsmäßig ziemlich ruhig laufendem 1. Akt geht das für mich noch ganz gut auf. Ganz viel wird hier von dem beachtlichen Schauspieltalent von Skovhus getragen, der mir auch stimmlich mit seinem weichen Bariton gut gefällt (auch wenn ich vermute, dass seine Stimme früher noch tragfähiger war). Stimmlich habe ich auch an den anderen Rollen nichts auszusetzen, hervorheben möchte ich noch Petrenko als Gremin, dessen Timbre für mich eine ungemein "russische" Färbung hat.
Eine Szene vor allem hat mich tatsächlich schwer begeistert: die Briefszene, in der nicht Tatjana, sondern ein von ihr herbeigeträumter Onegin den Brief schreibt, während wenige Meter entfernt Fürst Gremin im Luxus-Doppelbett schläft. Diese Szene hat für mich eine Eindringlichkeit und eine Spannung, an die nur Monogarova in der Pariser DVD auf ihre Weise annährend herankommt. Es gibt dann vor dem Duell noch einen großen dramatischen Moment, als Onegin Lenski die Hand zur Versöhnung bietet und gleichzeitig der Sekundant Lenski die Pistole reicht. Lenski zögert einige Momente - und ergreift dann die Pistole. Spätestens ab der Polonaise im dritten Akt, in dem Herheim alle repräsentativen Russlandklisches aufmarschieren lässt, vom russischen Bären über Volkstänzer, orthodoxe Mönche, Olympiasieger, Balletttänzer bis hin zu Austronauten, komme ich aber endgültig nicht mehr mit. Wer Stoff zum Grübeln haben will, findet in dieser Inszenierung jedenfalls ein reiches Betätigungsfeld. Ein schwacher Trost ist, dass auch Onegin immer wieder höchst verwundert durch diese Inszenierung wie durch einen Alptraum irrt :wink. Wenn jemand diese Inszenierung durchschaut hat, wären mir fachkundige Kommentare jedenfalls höchst willkommen
Liest eigentlich außer Allegra hier noch jemand mit oder habe ich alle durch meinen DVD-Marathon vergrault? :wink Severina, magst du wenigstens zur Breth-Inszenierung noch ein paar Sätze sagen?
VG, stiffelio
Allegra (25.10.2013, 15:49): Oh danke für diesen Kommentar - die DVD hatte ich gerade entdeckt, mir aber noch nicht besorgt. Die Inszenierung klingt ungemein spannend, ich liebe ja diese verschachtelten Deutungsmöglichkeiten, auch wenn man Zeit dafür braucht.
Der Winter naht und ich hoffe, ein wenig mehr Muße - dann können wir heftig weiterdiskutieren. :wink
Schweizer (26.10.2013, 14:13): Liebe Stiffelio, liebe Severina, ich habe eine völlig konträre Meinung zu diesem Salzburger Eugen Onegin, bin wieder einmal mehr gar nicht mit Euch einverstanden: diese Modernisierung respektive Verpflanzung des Stoffes in eine Kolchose empfand ich als völlig verfehlt und dem Puschkin'schen Stoff zuwiderlaufend. Das war für mich eine stimmungslose, eiskalte Version dieser Oper, die ich heiss liebe, auf kopflastige Art ganz bewusst von der Regisseurin (konsequent) entromantisiert. Selbst geschenkt würde ich mir diese Aufnahme nicht mehr ansehen, dermassen falsch oder daneben empfand ich sie. Und meine Enttäuschung war so immens, dass ich mich heute, zum Glück, kaum mehr daran erinnere. Samuil war stimmlich okay (mehr nicht) und darstellerisch unbedeutend, Kaiser's Timbre lag mir überhaupt nicht, ich fand ihn schlimm; der Einzige der festspielwürdig war, war Mattei als Onegin. Gruss vom Schweizer
stiffelio (26.10.2013, 18:49): Lieber Schweizer,
ich würde dir mit der Beschreibung der Breth-Inszenierung als "entromantisiert" durchaus zustimmen. Ob man das dann mag oder ablehnt, ist ja wieder eine völlig andere Frage. Ich bin beim EUGEN ONEGIN verschiedensten Interpretationsansätzen gegenüber offener als bei Opern, die schon vom Libretto her zu meinen Lieblingsopern gehören. Insofern kann ich nachvollziehen, dass jemand, der mit der Grundstory viel anfangen kann, sich eher wenig mit dieser Inszenierung anfreunden kann (wenn er denn eben auf die hier verloren gegangene Romantik viel Wert legt).
Worin wir uns auf jeden Fall einig scheinen, ist die Bewertung von Matteis Leistung. Ich bin immer noch von seiner Arie "Wenn mich das Schicksal als Gatten und Vater vorgesehen hätte..." völlig hingerissen. Das hat kein anderer Onegin, den ich bisher gehört habe, so hingekriegt.
Welche DVD vom EUGEN ONEGIN ist dir denn am liebsten?
VG, stiffelio
Schweizer (26.10.2013, 23:39): Liebe Stiffelio, danke für Deine Antwort: Du wirst Dich wundern, ich habe keine DVD. Mein allerletzter Eugen Onegin erlebte ich in Lyon vor 3 Jahren, als die Trilogie Onegin, Pique Dame, Mazeppa, alle von Stein inszeniert, gegeben wurden. Es war fantastisch! Ich habe aber auf Grund Deiner Beschreibung Appetit auf den Keenlyside-Onegin bekommen. Gruss vom Schweizer
PS: die Monogarova wird im nächsten Frühjahr in Zürich in der neuen Pique Dame die Lisa singen.
stiffelio (27.10.2013, 08:22): Lieber Schweizer,
oh, diese Trilogie aus Lyon hätte mich sicher auch interessiert. Ich habe gerade mal gestöbert, aber davon scheint es leider keine Aufzeichnung zu geben, oder? Als Onegin habe ich Alexey Markov gefunden, wie haben er und Stein diese Rolle denn angelegt?
VG, stiffelio
Schweizer (28.10.2013, 17:11): Liebe stiffelio, leider wurde diese Trilogie nicht aufgenommen/verwertet, ein Jammer: denn ich habe noch heute das Gefühl, nie was Besseres gesehen zu haben! Kirill Petrenko dirigierte, Stein inszenierte alle drei Opern: seine singuläre Meisterleistung bestand nun darin, virtuose Schauspielregiekunst mit strengen Bildkompositionen zu verbinden. So mikroskopisch genau alles gestaltet und erzählt wurde, wirkte es doch nie naiv naturalistisch. Es gab keine Rätsel, keine Geheimnisse, es musste einem nichts erklärt werden; und dennoch wurde es nie auch nur einen Moment lang langweilig, denn Stein überraschte mich immer wieder aufs neue mit Akzenten und Lösungen, die den glücklichmachenden Aha-Effekt auslösten: "so muss das wohl sein!" Dazu ein Ensemble aus russischen Sängern. Das Onegin-Porträt war fabelhaft, sehr vielschichtig; als Beispiel sei die Duell-Szene erwähnt: da kam also Onegin zum Duell und wie er Lenski erblickt, wechselt seine Mimik von überlegen-ernst auf verärgert-irritiert-gereizt, genau so wie er auf Larina's Landpomeranzenball dreinschaute als er von Lenski zum Duell gefordert wurde. Auf mich wirkte er danach so etwa wie: diesem Jungspund (Lenski), der seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, erteile ich jetzt die Lektion, die jener verdient hat / ein Mix aus Arroganz, Kälte, Geschäftsmässikeit im Sinn von "bringen wir es hinter uns" / als er ihn erschoss, Lenski niedersank und vier oder fünf Meter bis zum Bühnenportal purzelte, schien er erst zu Bewusstsein zu kommen, sein Ausdruck wird jetzt emotional, er eilte zum vormaligen Freund, kniete nieder, nahm seinen Kopf mit seinen Händen hoch, stellt dann fest er ist tot, ist angewidert-erschrocken, zieht die Hände zurück, steht auf, stürzte davon … Gruss vom Schweizer
stiffelio (28.10.2013, 19:38): Lieber Schweizer,
ja, traurig, traurig, wenn solche Sternstunden nicht aufgenommen werden :I. Zumindest in den großen Opernhäusern müsste das doch möglich sein. Ich suche auch immer noch nach einer Aufnahme mit Thomas Hampson als Onegin.
VG, stiffelio
Severina (31.10.2013, 23:27): Liebe Stiffelio,
der Keenlyside-Onegin ist bestellt, allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis ich mich dazu äußern kann, weil ich ab Mitte nächster Woche wieder fern von Wien und PC bin. Vielleicht komme ich am Wochenende dazu, mir wenigstens die Salzburger Produktion noch einmal anzuschauen, aber momentan bin ich im Belcantofieber und mein Sinn steht mir gar nicht nach Tschaikovsky :S. Nach der Fille-Serie (2 Vorstellungen habe ich noch vor mir :D!) habe ich dann die Ohren hoffentlich wieder frei für eine andere Musiksprache!
Ob mir ein Onegin von Peter Stein gefallen würde, bezweifle ich nach senem langweiligen Salzburger "Don Carlo" ein bisschen, aber ohne die Inszenierung zu kennen, ist das natürlich reine Spekulation.
lg Severina :hello
Giovanna (03.11.2013, 19:38): Hallo Stiffelio,
jetzt hab ich endlich noch die von dir genannten Szenen auf YouTube angeschaut und mit denen auf der DVD verglichen. Und du hast recht, es ist wirklich sehr schade drum X( Allerdings hat mich das in der Szene mit Gremin fast noch mehr gestört, ich kann dir aber leider nicht begründen warum, das ist einfach nur so ein Gefühl.
Morgen abend schau ich mir jetzt noch die kommentierte Fassung an und bin schon mal gespannt, was ich alles selbst entdeckt habe und was nicht.
Viele Grüße Giovanna
stiffelio (03.11.2013, 20:10): Liebe Giovanna,
die Abweichung in der Szene mit Gremin betrifft ja auch einen deutlich längeren Abschnitt, in der Szene mit Tatjana sind es dagegen nur wenige Sekunden, die deutlich abweichen. Ich habe inzwischen auch den Eindruck, dass es doch mindestens der gesamte 3. Akt ist, der auf der DVD ausgetauscht wurde. Es würde mich sehr interessieren warum, denn in der Premierensendung habe ich keinen einzigen Patzer gehört, der ein Ausbügeln erfordert hätte. Ganz im Gegenteil! Auch das "Njet" von Onegin, als Tatjana ihn fortschicken will, bringt Keenlyside in der Premierensendung noch wesentlich verzweifelt-energischer über die Rampe. Ruckelt das Bild von YT auf deinem Computer auch so fürchterlich? Das ist auf meinem leider extrem störend, sonst würde ich mir die Finalszene nur noch von YT ansehen.
Die kommentierte Fassung hab ich mir bisher nur einmal angesehen und es gab auch ein paar "Erleuchtungen", allerdings sind mir ein paar Sachen immer noch unklar geblieben. Spontan fällt mir als erstes die Szene ein, in der Olga Lenski zum ersten Mal beruhigen will. Da schickt Onegin sie ja zuerst mit einer Kopfbewegung selbst zu Lenski hin (als ob er seinen Flirt jetzt schon bedauert), um ihm nur wenige Sekunden später Olga wieder für den Cotillion auszuspannen. Was ihn da bloß reitet?? Das konnte mir der Kommentar auch nicht erklären. Vielleicht habe ich ja etwas überhört...
Lustig fand ich, dass selbst Holten den Baum auch nicht rational (nur emotional) erklären konnte. Und zur Szene ganz am Anfang (noch vor der Ouvertüre) hatte ich dir ja schon geschrieben, dass du da mit deiner Interpretation bezüglich Holtens Absicht völlig richtig lagst, dass ich das für mich aber dennoch nicht so akzeptieren kann :wink. Daran hat sich auch noch immer nichts geändert, ich kann meine eigene Interpretation jetzt sogar noch besser begründen :cool. Ich freue mich schon darauf, wenn Severina sie auch gesehen hat und wir die Karten aufdecken und zu dritt darüber diskutieren können.
VG, stiffelio
Giovanna (03.11.2013, 20:46): Liebe Stiffelio,
bei mir funktioniert YT einwandfrei, obwohl meine Internetverbindung nicht unbedingt superschnell ist und Sonntag abend schon gar nicht. Zumindest die oben von dir angegebenen Videos waren alle drei ok.
Diese Zusammenschnipselei finde ich auch extrem schade und in diesem Fall auch wirklich unverständlich. Aber damit müssen wir wohl leben :(
dass ich das für mich aber dennoch nicht so akzeptieren kann Das ist ja auch das Tolle, wenn man sich bei solchen Szenen eine eigene Deutung überlegen kann und nicht alles exakt "vorgekaut" bekommt, auch wenn sie dann von der eigentlichen Absicht des Regisseurs abweicht. Aber auf deine Begründung bin ich schon mal sehr gespannt...
Viele Grüße Giovanna :hello
Severina (19.11.2013, 00:07): So, meine Lieben, gut Ding braucht Weile, heute habe ich endlich einen ersten Durchgang der Londoner DVD geschafft, auf die Ihr mich schon so neugierig gemacht habt! Vorweg: Ich habe die Bonusteile ignoriert und werde das auch in den nächsten Tagen so halten, weil ich es immer viel spannender finde, was mir eine Inszenierung ohne "Gebrauchsanweisung" zu sagen hat. Erst wenn ich mir einigermaßen im Klaren bin, was das Konzept sein könnte, interessiert mich, wie groß die Übereinstimmung bzw. die Abweichungen mit/von den Intentionen des Regisseurs sind.
Der erste Durchgang ist immer nur ein erster Eindruck, klar ist da noch gar nichts bzw. sehr wenig. Allerdings verstehe ich schon jetzt Eure Faszination für diesen Onegin der gänzlich anderen Art. So wie Keenlyside hat ihn noch keiner angelegt, ich bin auch nicht sicher, ob er "mein" Onegin ist (eher nicht), aber das ist auch unwichtig, denn er formt eine plausible Figur aus einem Guss. Keenlysides Gesicht ist eine Seelenlandschaft, in die man immer tiefer eintauchen will. Umso mehr schmerzt es, dass die Kamera so oft von ihm wegschwenkt, wenn man das intensive Gefühl hat, dass jetzt noch ganz entscheidende Impulse kämen. Aber das ist eben das generelle Dilemma einer DVD und der Grund, warum ich immer sage, "Live kann durch nichts ersetzt werden!" Abgesehen von der Atmosphäre steht es mir in der Oper frei, auf wen ich meinen Fokus lege: ICH kann entscheiden, ob ich jetzt lieber das Mienenspiel von A oder B verfolgen will, während eine DVD dem Diktat der Bildregie unterliegt. Manchmal kribbelte es richtig in mir vor Ungeduld, endlich wieder Keenlysides in Großaufnahme zu sehen, seine Mimik und Körpersprache studieren zu können. Aber gut, das werden wir nicht ändern!
Was habe ich schon jetzt zu sagen? Über den Anfang bin ich mir noch nicht im Klaren. Zunächst dachte ich ja, Onegin und Tatjana treffen einander zufällig viele Jahre später (also nach ihrem Abschied) auf dem Gut ihrer Eltern, nostalgische Gefühle kommen hoch, Tatjana erinnert sich an den Brief, den sie einst in dem Buch versteckt hat, und eine Rückblende beginnt. Das geht aber später nicht auf, also muss ich da noch weiter nachdenken. Auch mit den Doppelgängern komme ich noch nicht klar: Manchmal finde ich es toll und völlig plausibel, dann wieder nervt es bzw. leuchtet mir gar nicht ein (z.B. in der Briefszene, die mich daher auch ziemlich kalt lässt, dabei liebe ich gerade sie so sehr!). Auch beim Duell stößt es mir sauer auf, dass Onegin theoretisch die Schuld auf ein alter ego schieben kann. Was mich auch stört, dass er schon beim "Kuda, kuda" dabei ist - es ist doch völlig unglaubwürdig, dass sich Lensky in Onegins Gegenwart seelisch derart entblößt. Und natürlich auch absurd, dass der sich dann bei den Sekundanten für seine Verspätung entschuldigt!
Ganz toll finde ich die Ballszene inszeniert, mit so vielen psychologisch stimmigen Details - da freue ich mich schon jetzt auf den zweiten Durchgang und viele neue Entdeckungen. (Lenski hat in dieser Inszenierung berechtigten Grund zur Eifersucht!)
Ich kann jetzt nicht zurückscrollen, weil mir dann manchmal mein Text abstürzt, aber habt Ihr Euch nicht gefragt, warum am Ende der Briefszene der Hintergrund dunkelrot wird, warum Tatjanas Doppelgängerin die Bücher zerfetzt und sich dann im Bücerschrank verkriecht?
Mich erinnert dieses Muster der schwarzen Äste auf dem roten Hintergrund an Blutgefäße und harmoniert perfekt mit der Musik, die pulsierendes Blut und Herzklopfen suggeriert. Das bleibt auch so während der entscheidenden Unterredung mit Onegin, erst als er abgeht, verdunkelt sich das Blutrot zu Schwarz und symbolisiert quasi das schwarze Seelenloch, in das Tatjana nach seiner Zurückweisung stürzt. Ihr alter ego zerfetzt die verlogenen Bücher, diesie in die Irre geführt haben und Schuld sind, dass Tatjana in Onegin ihren Mr. Right zu erkennen glaubt - sie erwacht endgültig aus ihren Mädchen träumen und verbannt die Traumgestalt, die ihr ein mögliches Glück mit Onegin vorgegaukelt hat,zu ihren Büchern in den Schrank. In diesem Augenblick wird Tatjana erwachsen, sie lebt in der Realität und nicht in ihrer Traumwelt. Das Problem dabei ist - und hier ist die Nahaufnahme leider grausam - dass Krassimira Stoyanova alles andere als mädchenhaft wirkt, eher wie die Mutter ihres alter ego, daher dachte ich auch eine Zeitlang, dass es sich um eine Rückblende der reifen Fürstin Gremin handelt. Aber das spießt sich dann wiederum mit anderen Szenen.
Fragen wirft auch das Schlussbild auf: Onegin und Tatjana tragen unter dem Mantel bzw. der Ballrobe ihre alten Kleider - ein Zeichen, dass sie immer noch dieselben sind wie in längst vergangenen Tagen? Aber das stimmt ja nicht, denn beide haben sich verändert. Wofür also steht diese Verkleidung? Ehrlich gesagt habe ich fest damit gerechnet, dass Tatjana bei dem Eingeständnis ihrer Liebe das gelbe Kleid aufreißt und sich im roten präsentiert. Oder schon vorher, als sie resigniert feststellen, dass sie ihre Chance gehabt und verspielt haben - das wäre für mich ein stärkeres Bild als die Doppelgänger, die ich gerade hier mit ihrem Schlafzimmerblick ziemlich platt finde.
Das wären also meine ersten Schnellschüsse - noch reichlich unausgegoren, ich weiß, aber ich bleibe am Ball :D! Schon jetzt einmal mein Dank an Stiffelio, dass Du mir diese DVD schmackhaft gemacht hast - sie ist jeden Cent wert! (Ob sie allerdings die Salzburger Version vom ersten Platz verdrängen kann, weiß ich noch nicht!)
lg Severina :hello
stiffelio (19.11.2013, 18:53): Liebe Severina,
dann kann's ja jetzt losgehen :leb :leb :leb Giovanna, wo bist du?
Original von Severina Keenlysides Gesicht ist eine Seelenlandschaft, in die man immer tiefer eintauchen will. :times10 :times10 das hast du wunderbar beschrieben. Genauso empfinde ich das auch und genau deshalb finde ich diese DVD über den Gesang hinaus so faszinierend. Das ist eine Rollenidentifikation, die ihresgleichen sucht. Umso mehr schmerzt es, dass die Kamera so oft von ihm wegschwenkt, wenn man das intensive Gefühl hat, dass jetzt noch ganz entscheidende Impulse kämen. Aber das ist eben das generelle Dilemma einer DVD und der Grund, warum ich immer sage, "Live kann durch nichts ersetzt werden!" Abgesehen von der Atmosphäre steht es mir in der Oper frei, auf wen ich meinen Fokus lege: ICH kann entscheiden, ob ich jetzt lieber das Mienenspiel von A oder B verfolgen will, während eine DVD dem Diktat der Bildregie unterliegt. Ich habe schonmal von der Idee gelesen, dass eine DVD in Zukunft mehrere Kameraführungen beinhalten könnte, die der Consumer frei wählen kann.Das finde ich eine sehr spannende und lohnende Idee. Abgesehen davon - kann man denn in der Oper die Mimik eines Sängers so genau verfolgen? Doch sicher nur mit Operglas, oder? Da weiß ich nicht, ob ich damit zurechtkäme...
Über den Anfang bin ich mir noch nicht im Klaren. Zunächst dachte ich ja, Onegin und Tatjana treffen einander zufällig viele Jahre später (also nach ihrem Abschied) auf dem Gut ihrer Eltern, nostalgische Gefühle kommen hoch, Tatjana erinnert sich an den Brief, den sie einst in dem Buch versteckt hat, und eine Rückblende beginnt. Das geht aber später nicht auf, also muss ich da noch weiter nachdenken. Das ist jetzt hochspannend für mich, denn das trifft ziemlich genau meine Vorstellung. Allerdings nicht auf dem Gut der Eltern, sondern in Gremins Haus, nach Gremins Tod. Was geht für dich daran nicht auf? Die Rückblende ist m.E. jedenfalls ganz offensichtlich.
Auch mit den Doppelgängern komme ich noch nicht klar: Manchmal finde ich es toll und völlig plausibel, dann wieder nervt es bzw. leuchtet mir gar nicht ein (z.B. in der Briefszene, die mich daher auch ziemlich kalt lässt, dabei liebe ich gerade sie so sehr!). Die Briefszene fand ich auch nicht so toll, wie in manchen anderen Inszenierungen. Allerdings hat sie mir auch in Salzburg nicht so gut gefallen (welches Mädchen schreibt seinen Liebesbrief auf einer Schreibmaschine???). Meine Favoriten diesbezüglich sind, wie oben beschrieben, Paris und Amsterdam. Auch beim Duell stößt es mir sauer auf, dass Onegin theoretisch die Schuld auf ein alter ego schieben kann. Was mich auch stört, dass er schon beim "Kuda, kuda" dabei ist - es ist doch völlig unglaubwürdig, dass sich Lensky in Onegins Gegenwart seelisch derart entblößt. Und natürlich auch absurd, dass der sich dann bei den Sekundanten für seine Verspätung entschuldigt! Das habe ich anders empfunden. Das Ganze ist ja eine Rückblende, Onegin ist nur als "Erinnerungsfigur" während Lenskis Arie anwesend, deshalb nimmt Lenski ihn auch nicht wahr. Als er dann "tatsächlich" ankommt (die Entschuldigung ist dann plausibel), sind zwei Seelen in seiner Brust: sein junges Ich, dass wie die meisten jungen Männern von Waffen fasziniert ist und sich vor seinem Kumpan nicht blamieren will und sein reiferes Ich, das versucht, das Duell zu verhindern. Ich finde, dass diese Verdoppelung sehr schön klar macht, wie Onegin, der das Duell weder will noch einen Sinn darin sehen kann, trotzdem dabei mitmacht. Und die Szene, in der der jüngere Onegin dem älteren die Pistole reicht, macht die Verantwortung im Gegenteil für mich ganz klar: Onegin begreift hier, dass er die Verantwortung nicht zurückweisen kann, auch wenn es nur ein Teil von ihm war, der sich fatalerweise auf das Duell eingelassen hat.
Ganz toll finde ich die Ballszene inszeniert, mit so vielen psychologisch stimmigen Details - da freue ich mich schon jetzt auf den zweiten Durchgang und viele neue Entdeckungen. (Lenski hat in dieser Inszenierung berechtigten Grund zur Eifersucht!) Ich fand sie auch ganz toll, allerdings waren da am meisten Stellen dabei, an denen ich immer noch knabbere. Was Onegin am Anfang bewegt, Tatjana doch den Tanz anzubieten, nachdem er sich zuerst deutlich dagegen entscheidet, auf sie zuzugehen, ist mir noch nicht klar. Auch nicht (wie schon oben geschrieben), warum er Olga erst zu Lenski schickt und sie ihm dann doch wieder vor dem Cotillion ausspannt. Die Eifersucht von Lenski ist insoweit schlüssig, als er da wohl wirklich erkennt, welche Bedürfnisse von Olga er nicht erfüllen kann. Aber ich finde es auch sehr deutlich, dass Onegin hier keine sexuelle Verführerrolle einnimmt. Er möchte sich mit Olga amüsieren, mehr nicht.
Ich kann jetzt nicht zurückscrollen, weil mir dann manchmal mein Text abstürzt, aber habt Ihr Euch nicht gefragt, warum am Ende der Briefszene der Hintergrund dunkelrot wird, warum Tatjanas Doppelgängerin die Bücher zerfetzt und sich dann im Bücerschrank verkriecht?
Mich erinnert dieses Muster der schwarzen Äste auf dem roten Hintergrund an Blutgefäße und harmoniert perfekt mit der Musik, die pulsierendes Blut und Herzklopfen suggeriert. Das bleibt auch so während der entscheidenden Unterredung mit Onegin, erst als er abgeht, verdunkelt sich das Blutrot zu Schwarz und symbolisiert quasi das schwarze Seelenloch, in das Tatjana nach seiner Zurückweisung stürzt. Ihr alter ego zerfetzt die verlogenen Bücher, diesie in die Irre geführt haben und Schuld sind, dass Tatjana in Onegin ihren Mr. Right zu erkennen glaubt - sie erwacht endgültig aus ihren Mädchen träumen und verbannt die Traumgestalt, die ihr ein mögliches Glück mit Onegin vorgegaukelt hat,zu ihren Büchern in den Schrank. In diesem Augenblick wird Tatjana erwachsen, sie lebt in der Realität und nicht in ihrer Traumwelt. das sehe ich im Prinzip alles auch so. Das Problem dabei ist - und hier ist die Nahaufnahme leider grausam - dass Krassimira Stoyanova alles andere als mädchenhaft wirkt, eher wie die Mutter ihres alter ego, daher dachte ich auch eine Zeitlang, dass es sich um eine Rückblende der reifen Fürstin Gremin handelt. Aber das spießt sich dann wiederum mit anderen Szenen. Wieder: welche Szenen meinst du? Für mich ist die Rückblende immer noch schlüssig. Eben eine Erinnerung, die man teilweise so erlebt, wie es "wirklich" gewesen ist, wo aber auch Facetten hervorstechen oder sublimiert werden können.
Fragen wirft auch das Schlussbild auf: Onegin und Tatjana tragen unter dem Mantel bzw. der Ballrobe ihre alten Kleider - ein Zeichen, dass sie immer noch dieselben sind wie in längst vergangenen Tagen? Aber das stimmt ja nicht, denn beide haben sich verändert. Wofür also steht diese Verkleidung? Ehrlich gesagt habe ich fest damit gerechnet, dass Tatjana bei dem Eingeständnis ihrer Liebe das gelbe Kleid aufreißt und sich im roten präsentiert. Oder schon vorher, als sie resigniert feststellen, dass sie ihre Chance gehabt und verspielt haben - das wäre für mich ein stärkeres Bild als die Doppelgänger, die ich gerade hier mit ihrem Schlafzimmerblick ziemlich platt finde. Sie haben sich verändert, sind aber in dieser Inszenierung im Kern die Gleichen geblieben. Die Doppelgäner, die "verpasste Gelegenheit" für Tatjana, das "Traumbild" für Onegin - mir hat's gefallen :ignore. Allerdings am meisten Keenlysides Reaktion auf die beiden: wie er Tatjana immer intensiver auf die beiden hinweist, das hat für mich etwas ungemein Suggestives.
Hier der Text meiner PN an Giovanna vom 12.10.: "meine Interpretation der Anfangsszene: ich denke, sie spielt längere Zeit, vielleicht viele Jahre NACH der Finalszene, liefert sozusagen eine Idee von "was kommt nach dem Opernende?". Der Brief, den Stoyanova ganz am Anfang in der Hand hält, könnte einfach einen erneuten Besuch von Onegin ankündigen, aber ich vermute noch mehr: weil im Gegensatz zur Finalszene Gremin nirgends zu entdecken ist, könnte der eine Todesnachricht von Gremin enthalten (vielleicht ist er in einer Schlacht gefallen oder auf einer Reise verstorben - er war ja deutlich älter). Onegin hat auch vom Tod Gremins gehört, beide wissen, dass Tatjana jetzt wieder "frei" ist. Deshalb kommt er sie besuchen. Und das ist der Moment, in dem Tatjana an den Anfang ihrer Geschicht erinnert und damit die Oper in einer Rückblende beginnen lässt. Schön finde ich, dass in dieser Anfangsszene offen gelassen wird, ob die beiden nochmal zueinander finden, aber eine Hoffnung darauf möglich macht."
VG, stiffelio
Severina (19.11.2013, 19:52): Liebe Stiffelio,
ich starte dann gleich den zweiten Durchgang, der mich hoffentlich klarer sehen lässt, denn beim ersten Mal sind mir die diversen Ebenen doch noch etwas durcheinander geraten. Sehr interessant finde ich Deine Interpretation der Duellszene, das werde ich im Hinterkopf behalten, wenn ich wieder an dieser Stelle bin! Ich habe leider den Thread nicht gefunden, in dem die Onegin-Diskussion angelaufen ist, deshalb hatte ich Deine sehr detailierte erste Analyse, an die ich mich noch vage erinnern kann, gestern nicht präsent. War das im DVD-Thread?
Nein, mit Operngucker schaue ich nie, denn da hat man ja auch immer nur einen Ausschnitt vor sich. Aber bei Lieblingssängern, von denen ich weiß, dass die Mimik ebenso großartig ist wie die Stimme, leiste ich mir immer sehr gute Karten in Bühnennähe. (Dafür gibt es andere Lieblinge, Beczala z.B., bei denen ein gewisser Abstand sogar positiv ist!) Das ist der Luxus, den ich mir gönne - andere geben die doppelte Summe im Jahresvergleich für Kleider und Kosmetika aus. Beides ist mir nicht wichtig, ich investiere lieber in meine Hobbies!
So, ich melde mich wieder in der Halbzeit!
lg Severina :hello
stiffelio (19.11.2013, 20:17): Liebe Severina,
ich habe über diesen ROH-Onegin meiner Erinnerung nach nur in diesem Thread geschrieben - allerdings schon beginnend ab Seite 2. Ich vermute aber, du meinst am ehesten diesen Beitrag?: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=118144#post118144
Original von Severina So, ich melde mich wieder in der Halbzeit! Gute Idee, ich werde die Scheiben auch gleich mal wieder einwerfen. Bis bald :hello, stiffelio
Severina (19.11.2013, 22:26): So, Halbzeit! Beim zweiten Mal konnte ich natürlich die Puzzleteile schon viel zielgerichteter zusammenfügen, jetzt ist mir klar, dass alles eine Rückblende ist. Auch mit den "Dobletten" komme ich besser zurecht, auch wenn mir der Mehrwert immer noch nicht ganz einleuchtet. Was mir in der Briefszene besonders aufgefallen ist, dass Tatjana ihrem alter ego Papier und Stift hinschiebt, später noch einmal zum Schreiben drängt - auch aus dem Wissen heraus, wie es geendet hat, würde sie also alles noch einmal so machen, den Brief immer noch schreiben. Nur eines kapiere ich rein psychologisch nicht, nämlich dass Tatjana den Brief, der ihr die demütigendsten Minuten ihre Lebens beschert hat, trotzdem wie eine Reliquie aufbewahrt. Eigentlich müsste sie ihn in tausend Stücke zerfetzen, jede Erinnerung daran verdrängen.
Unter die Haut geht der Schluss der Unterredung Onegin-Tatjana, als es beinahe zum Kuss kommt, er in letzter Sekunde noch die Kurve kriegt und seine ganze Hilflosigkeit in die Abgangsgeste legt.
Nun zu Deinen Fragen von weiter oben, warum Onegin erst vor Tatjana zurückweicht, sie dann doch zum Tanz auffordert, das Hin und Her mit Olga usw. Genau da müsste man eben wirklich ALLES sehen, nicht nur das, was uns das Kameraauge zeigt, denn hier wird derart subtil mit Blickkontakten, kleinsten Gesten gearbeitet, dass einige Male schlicht der Kontext fehlt: Man sieht z.B. Onegin und Olga zunächst in einiger Entfernung, ohne Blickkontakt, zwei Einstellungen weiter eng nebeneinander stehen: Was war dazwischen? Lockt er sie zu sich oder sie ihn? Wenn ich mich generell in die Situation hineinversetze, meine ich einmal Folgendes: Lenski, der ja nichts vom verhängnisvollen Brief weiß, fände es wahrscheinlich schön, wenn sein Freund mit der Schwägerin in Spe zusammenkommt, daher schiebt er ihn auf Tatjana zu, ermuntert ihn, sie aufzufordern. Onegin weicht zurück, vielleicht auch aus Rücksicht auf Tatjana, weil er weiß, wie peinlich ihr die Situation sein muss nach ihrer demütigenden letzten Begegnung. Umgekehrt fällt dieses merkwürdige Verhalten aber natürlich auf: Warum will er nicht mit Tatjana tanzen? Der Klatsch blüht! Und dann: In dieser sehr geschlossenen Gesellschaft auf dem Land ist es unvermeidlich, dass Onegin und Tatjana einander immer wieder begegnen - einmal gibt es ein Fest auf diesem Gutshof, dann auf jenem, alle Nachbarn sind selbstverständlich eingeladen. Daher denke ich mir, dass Onegin versucht, eine normale Beziehung zu Tatjana aufzubauen: Schau her, wir können trotz allem befreundet sein, miteinander tanzen! Er fordert sie also auf, aber der Körperkontakt beweist ihm, dass es mit der harmlosen Freundschaft nicht so einfach ist - das zeigt seine zärtliche Geste, als er -wieder einmal nur beinahe- ihre Wange streichelt. Nein, das funktioniert nicht! Viele Augenpaare ruhen auf ihnen, er will Tatjana nicht kompromittieren. Unsicherheit, Wut auf sich und die Situation an sich - was will er eigentlich hier unter all diesen Landpomeranzen???? Warum hat er sich von Lenski hierherschleppen lassen? Ja, das ist der Blitzableiter!! Olga signalisiert ihm schon von Anfang an ihr Interesse, also soll sie kriegen, was sie will! Im Unterschied zu Dir glaube ich nicht, dass seine Absichten so harmlos sind, denn die Blicke, die er Olga zuwirft, als sie sich gemeinsam aus seinem Flachmann bedienen, sind nicht jugendfrei :ignore! Joi Mama, kann ich da nur sagen! Aber auf der anderen Seite will er Lenski natürlich nicht wirklich verletzen, er rudert also zurück, signalisiert Olga, wo ihr Platz ist, nämlich an der Seite ihres Verlobten, aber sie hat längst Feuer gefangen, findet Onegin viel aufregender als ihren Dichter mit seinen faden Liebesgedichten. (Der redet nur über die Liebe, Onegin hingegen....) Aber Onegin hat keine Lust mehr auf dieses Spiel, das gefährlich zu kippen droht, er will die Reißleine ziehen, aber Olga hat keine Antenne für das nahende Unheil, sie berührt Onegin (Seine Miene: "Dumme Gans, nicht jetzt!") Was folgt, ist dann eine typische Aggressionsspirale, aus der keiner mehr herauskann, weder Lenski noch Onegin. Der versucht zwar zunächst noch eine Deeskalation, aber der Frust, den er schon den ganzen Abend mit sich herumschleppt, gewinnt die Oberhand, bis ihm dann zum Schluss die Sicherungen ganz durchbrennen. Seine Gesten beim Abgang sprechen Bände, welch widerstrebenden Gefühle in ihm toben.
Ich kann zu dien Szenen nur sagen :down :down :down :down
So, weiter in der Oper!
lg Severina :hello
stiffelio (19.11.2013, 23:07): Liebe Severina Original von Severina Nur eines kapiere ich rein psychologisch nicht, nämlich dass Tatjana den Brief, der ihr die demütigendsten Minuten ihre Lebens beschert hat, trotzdem wie eine Reliquie aufbewahrt. Eigentlich müsste sie ihn in tausend Stücke zerfetzen, jede Erinnerung daran verdrängen. Da würden mir viele möglichen Antworten einfallen. Zuerst legt Tatjana den Brief vielleicht nur als Schnelllösung in das Buch, als das Fest naht (ich müsste mir die entsprechende Szene nochmal anschauen) und vergisst ihn dann erstmal, bis zu dem nächsten Zusammentreffen mit Onegin viele Jahre später. Zweitens kommt ein Spezifikum dieser Inszenierung hinzu: hier ist die Liebe zwischen Tatjana und Onegin ja echt und tief, auch wenn er sie zunächst nicht zulassen kann. Tatjana könnte die ganze Zeit, zumindest im Unterbewusstsein, den Wert dieser Liebe spüren, was sie darin hindert, den Brief zu vernichten. Und drittens spielt dieser Brief auch in anderen Inszenierungen manchmal eine merkwürdige Rolle. Ich meine, schon ein weiteres Mal gesehen zu haben, dass Tatjana ihn Onegin in der Finalszene präsentiert, kann mich aber momentan nicht mehr erinnern, in welcher. In der Übersetzung auf Operaguide steht bei Onegin in der Abgangszene von Gremins Ball eine Zeile "Tatjana...die mir den Brief schrieb, den ich noch immer aufbewahre..." (also das Umgekehrte: Onegin bewahrt den Brief jahrelang auf, was m.E. eher noch unlogischer ist!) - ich weiß aber nicht, ob das auch im russischen Originallibretto so verankert ist.
Unter die Haut geht der Schluss der Unterredung Onegin-Tatjana, als es beinahe zum Kuss kommt, er in letzter Sekunde noch die Kurve kriegt und seine ganze Hilflosigkeit in die Abgangsgeste legt. Wahnsinn, nicht wahr? Diese Szene hatte mich zu der Deutung verführt, dass Onegin hier an seine Jugend und seine erste Liebe denkt - er blickt kurz vor dem Beinah-Kuss geradezu durch Tatjana hinurch, sieht irgend etwas vor seinem inneren Auge, bevor er zur Besinnung kommt. Etwas, was romantische Erinnerungen in ihm weckt, aber dennoch die Überzeugung festigt, dass es nicht gutgehen kann mit Tatjana, dass er ihr nicht guttun wird, obwohl er sie liebt. Verrückterweise wird die alternative Sicht auf Onegin durch viele kleine Hinweise im Libretto gestützt, in dieser Arie z.B. "die Jahre kehren nicht zurück, ich kann meine Jugend nicht zurückholen". Also war Onegin in seiner Jugend anders? Nicht ungeeignet als Ehemann und Vater?
Nun zu Deinen Fragen von weiter oben, warum Onegin erst vor Tatjana zurückweicht, sie dann doch zum Tanz auffordert, das Hin und Her mit Olga usw. ... Unsicherheit, Wut auf sich und die Situation an sich - was will er eigentlich hier unter all diesen Landpomeranzen???? Warum hat er sich von Lenski hierherschleppen lassen? Ja, das ist der Blitzableiter!! Olga signalisiert ihm schon von Anfang an ihr Interesse, also soll sie kriegen, was sie will! Ja, da kann ich dir in vielem zustimen Im Unterschied zu Dir glaube ich nicht, dass seine Absichten so harmlos sind, denn die Blicke, die er Olga zuwirft, als sie sich gemeinsam aus seinem Flachmann bedienen, sind nicht jugendfrei :ignore! Joi Mama, kann ich da nur sagen! Interessant, das sehen wir tatsächlich ganz unterschiedlich. Gerade diese Szene ist für mich reiner, jungenhafter Übermut, Lust am Provozieren, aber kein sexuelles Angebot. Keenlysides unnachahmlicher Blick in dieser Szene sagt für mich: "komm, pfeif auf diese ganze verstaubte Gesellschaft, wir machen was Spaßiges, probier mal." Das wäre der gleiche Blick, wenn ihm statt Olga ein junger Bursche hier gegenüberstünde.
Aber auf der anderen Seite will er Lenski natürlich nicht wirklich verletzen, er rudert also zurück, signalisiert Olga, wo ihr Platz ist, nämlich an der Seite ihres Verlobten, aber sie hat längst Feuer gefangen, findet Onegin viel aufregender als ihren Dichter mit seinen faden Liebesgedichten. (Der redet nur über die Liebe, Onegin hingegen....) Alles richtig und einleuchtend, erklärt aber für mich immer noch nicht die Szene, wo Onegin Olga mit der Kopfbewegung zu Lenski hinschickt, als der ihr vorwirft "du liebst mich nicht mehr" und Sekunden später ankommt "den Cotillion haben Sie mir versprochen". Erst den Konflikt entschärfen und Sekunden später wieder neu anheizen?? Was folgt, ist dann eine typische Aggressionsspirale, aus der keiner mehr herauskann, weder Lenski noch Onegin. Der versucht zwar zunächst noch eine Deeskalation, aber der Frust, den er schon den ganzen Abend mit sich herumschleppt, gewinnt die Oberhand, bis ihm dann zum Schluss die Sicherungen ganz durchbrennen. Seine Gesten beim Abgang sprechen Bände, welch widerstrebenden Gefühle in ihm toben. Ich kann zu dien Szenen nur sagen :down :down :down :down Ich auch :D
Bis morgen, ich muss jetzt ins Bett VG, stiffelio
Giovanna (20.11.2013, 00:34): Hallo zusammen,
ich bin gerade erst nach Hause gekommen und muss morgen auch früh wieder zum Arbeiten, deshalb nur ganz kurz.
Severina, beim ersten Anschauen ist es mir ähnlich ergangen, ich hab dann auch erst im zweiten Durchlauf auf die Details geachtet und mir beim ersten ansehen zuerst mal nen Überblick verschafft. Aber mir gefallen deine Deutungen und Erklärungen sehr gut, z.B. die Begründung für Onegins Verhalten bei Tatjanas Fest
Unsicherheit, Wut auf sich und die Situation an sich - was will er eigentlich hier unter all diesen Landpomeranzen???? Warum hat er sich von Lenski hierherschleppen lassen? Ja, das ist der Blitzableiter!! Olga signalisiert ihm schon von Anfang an ihr Interesse, also soll sie kriegen, was sie will!
Allerdings geht es mir dann wie Stiffelio: Alles richtig und einleuchtend, erklärt aber für mich immer noch nicht die Szene, wo Onegin Olga mit der Kopfbewegung zu Lenski hinschickt, als der ihr vorwirft "du liebst mich nicht mehr" und Sekunden später ankommt "den Cotillion haben Sie mir versprochen". Erst den Konflikt entschärfen und Sekunden später wieder neu anheizen??
Das finde ich auch etwas unlogisch. Vielleicht liege ich auch ganz falsch, aber man könnte die Szene auch eventuell so interpretieren: Onegin registriert, wie gekränkt und eifersüchtig Lenski ist, ist aber aus den vorhin erwähnten Gründen noch so sauer, dass er noch etwas weitersticheln "muss". Als Olga es gelingt, Lenski wenigstens ein kleines bisschen zu beruhigen (wie ernst sie es meint, lasse ich mal dahingestellt) und er nach dem Cotillon fragt, steht Onegin sofort bei den beiden und heizt durch seine Tanzaufforderung die Wut bei Lenski natürlich nochmals an.
Wie weit die Aggressionen inzwischen gestiegen sind, zeigt sich auch sehr gut an der Szene am Ende des Streits, an dem Onegin Lenski ironisch zu verstehen gibt: "toll gemacht". In dem Moment hat er auch bereits aus den Augen verloren, wer und was eigentlich der Auslöser des Streits ist, obwohl er sich zuvor ja seinen Fehler bereits eingestanden hat.
Die Blicke, mit denen Onegin Olga beim Schnapseln betrachtet sind mir so deutlich noch gar nicht aufgefallen. Welche Deutung ich da bevorzuge (Verführung oder nur Spaß) kann ich so noch nicht sagen, das muss ich mir noch überlegen.
aber habt Ihr Euch nicht gefragt, warum am Ende der Briefszene der Hintergrund dunkelrot wird, warum Tatjanas Doppelgängerin die Bücher zerfetzt und sich dann im Bücerschrank verkriecht?
Doch, hier Was ich zum Beispiel nicht ganz verstehe, ist warum die "echte" Tatjana in der Briefszene den bereits fertigen Brief bei sich hat oder der Hintergrund so rot wird, während sie auf eine Antwort Onegins wartet. Deine Erklärung dazu gefällt mir ausgesprochen gut, auf die Assoziation mit Blutgefäßen, die das pulsierende Blut und Herzklopfen symbolisieren, wäre ich wahrscheinlich nie gekommen :times10
Hast du eine Erklärung oder Deutung, für den Baum, den Lenski zur Duellszene hereinzieht?
Noch kurz was zur Duellszene: Auch beim Duell stößt es mir sauer auf, dass Onegin theoretisch die Schuld auf ein alter ego schieben kann. Was mich auch stört, dass er schon beim "Kuda, kuda" dabei ist - es ist doch völlig unglaubwürdig, dass sich Lensky in Onegins Gegenwart seelisch derart entblößt. Und natürlich auch absurd, dass der sich dann bei den Sekundanten für seine Verspätung entschuldigt!
Das habe ich anders empfunden. Das Ganze ist ja eine Rückblende, Onegin ist nur als "Erinnerungsfigur" während Lenskis Arie anwesend, deshalb nimmt Lenski ihn auch nicht wahr. Als er dann "tatsächlich" ankommt (die Entschuldigung ist dann plausibel), sind zwei Seelen in seiner Brust: sein junges Ich, dass wie die meisten jungen Männern von Waffen fasziniert ist und sich vor seinem Kumpan nicht blamieren will und sein reiferes Ich, das versucht, das Duell zu verhindern. Ich finde, dass diese Verdoppelung sehr schön klar macht, wie Onegin, der das Duell weder will noch einen Sinn darin sehen kann, trotzdem dabei mitmacht. Und die Szene, in der der jüngere Onegin dem älteren die Pistole reicht, macht die Verantwortung im Gegenteil für mich ganz klar: Onegin begreift hier, dass er die Verantwortung nicht zurückweisen kann, auch wenn es nur ein Teil von ihm war, der sich fatalerweise auf das Duell eingelassen hat.
Da bin ich der gleichen Meinung wie Stiffelio. Eine Mitverantwortung trägt meines Erachtens hier aber auch Guillot, der Sekundant Onegins: er stachtelt mit seinen Gesten und Blicken den "jungen, unbeherrschten" Onegin regelrecht an, während dessen "ältere, vernünftige" Seite ja eher geneigt ist, dass Duell abzublasen. Auch Lenski lässt seine Pistole bereits wieder sinken, da zeigt Guillot Onegin mit einer Handbewegung an: "so schieß doch".
Noch kurz was zu der Kameraführung: zum Teil machen mich die verschiedenen Blickwinkel auch ganz fuchsig, ebenso wie die Schnipselei bei einigen emotionalen Stellen, die Stiffelio ja schon beschrieben hat. Ich habe schonmal von der Idee gelesen, dass eine DVD in Zukunft mehrere Kameraführungen beinhalten könnte, die der Consumer frei wählen kann. Das finde ich eine sehr spannende und lohnende Idee Da wär ich sofort dafür; so wie man verschiedene Tonkanäle oder Untertitel anwählen kann, so auch verschieden Kamerablickwinkel.
So, jetzt hab ich für die paar Zeilen doch viel länger gebraucht, als gedacht, jetzt muss ich auch ins Bett.
Viele Grüße Giovanna :hello
Severina (20.11.2013, 01:07): Liebe Stiffelio,
dieses Einmal-so-Einmal-so, das an Onegins Verhalten irritiert, erkläre ich mir eben mit seiner grundsätzlichen Gereiztheit. Die ganze Situation nervt, überfordert ihn, und als sich die Schandmäuler dann noch über ihn mokieren, bringt das das Fass zum Überlaufen. Von nun an ist er auf Provokation aus, egal wen sie trifft. Aber dazwischen hat er immer wieder helle Momente, in denen ihm bewusst ist, dass er seine Freundschaft mit Lenski aufs Spiel setzt, und in einem solchen schickt er eben Olga zu ihm zurück. Aber gleich darauf schlägt seine Stimmung wieder um - es ist ja faszinierend zu beobachten, durch welche Kleinigkeiten das immer ausgelöst wird, da genügt ein unrechtes Wort - und es macht ihm wieder Spaß, den Freund zu ärgern. Ich glaube, Onegin weiß sehr gut, dass er mit dem Feuer spielt, aber er braucht das wohl, um sich lebendig zu fühlen. Und gleich darauf wieder den Alkohol, um seinen Frust zu ertränken. (Um noch einmal auf die Flachmann-Szene zu kommen: Ich würde bei diesen Blicken weiche Knie bekommen, und zwar butterweiche!!!! :engel)
Die Duellszene habe ich dank Deiner klugen Analyse nun kapiert, muss aber gestehen, dass sie mir auf konventionelle Art besser gefällt. Der Moment, wo alles auf der Kippe steht, wo ein Einlenken noch möglich wäre, geht bei Holten mE unter. Das geht mir sogar bei unserer an sich unmöglichen Kühlhaus-Inszenierung mehr unter die Haut, wo Onegin exakt in dem Moment schießt, als Lenski in einer "Komm, lassen wir den Quatsch!"-Anwandlung die Pistole sinken lässt. Die Tendenz ist natürlich auch bei Holten da, aber es überzeugt mich nicht so. Dem Baum, den Lenski hereinschleppt, messe ich keine so große Bedeutung bei, es ist einfach ein stimmiges Bild. Man kann mit dem dürren Ästen natürlich verdorrte Gefühle,Tod etc. assoziieren, vielleicht ist es auch eine Anspielung auf den blühenden Garten der Larins, den der Dichter am Anfang so euphorisch preist. Toll dafür die anschließende Sequenz, als Onegin vergeblich versucht, sein Leben zu beenden. Ja, und dann natürlich die großartige Pantomime während der Polonaise, dazu hast Du bereits alles gesagt, was es zu sagen gibt.
In der Schlusszene finde ich interessant, dass Fürst Gremin hier nicht als der gutmütige, naive Ehemann gezeigt wird, der nichtsahnend seinem Rivalen die Vorzüge seiner Frau preist. Dieser Gremin begegnet Onegin von Anfang an misstrauisch (Kein Wunder bei den Blicken, die er auf Tatjana wirft und die teilweise erwidert werden!), er adressiert seine flammende Gesellschaftskritik recht deutlich an ihn und hält ihn ganz offensichtlich für einen ziemlichen Windhund. Dass er bei der finalen Unterredung zwischen Tatjana und Onegin anwesend ist, wirft natürlich interessante Fragen nach dem Danach auf: In seinem Gesicht spiegelt sich nicht die Freude, dass sich seine Frau für ihn entschieden hat, sondern die Bestürzung über das Eingeständnis ihrer Liebe zu Onegin. Kann/will er mit dieser Frau weiter unter einem Dach leben? Eigentlich müsste er nach dem Ehrenkodex seiner Zeit den Rivalen zum Duell fordern. Und da schließt sich der Kreis wieder zur Anfangsszene: Gibt es eine gemeinsame Zukunft für Tatjana und Onegin? (Falls das Duell stattgefunden hat, wird wohl der Fürst den Kürzeren gezogen haben, nach einem schneidigen und vor allem treffsicheren Schützen schaut er nicht gerade aus!)
Zum Schluss noch ein OT: Vielleicht hat der blaue Rock diesen Gedanken evoziert, aber nach dieser schauspielerischen Glanzleistung als Onegin wüsste ich eine Traumrolle für Simon Keenlyside: Werther!!! (Davon gibt's ja bekanntlich auch eine Baritonfassung!)
lg Severina :hello
PS: Schnell nine nicht ganz ernst gemeinte Überlegung: Hat der arme Pavol Breslik wohl eine Sondergage dafür erhalten, dass er so lange als Leiche auf der Bühne herumliegen muss??
Severina (20.11.2013, 01:12): Liebe Giovanna,
wir haben wohl gleichzeitig gepostet, daher konnte ich mich vorhin noch nicht auf Deinen Beitrag beziehen, aber einiges (z.B. die Frage nach dem Baum) habe ich trotzdem schon beantwortet. Wir können uns dann ja morgen (oder vielmehr heute!) weiter unterhalten, jetzt ruft das Bett! :D
Gute Nacht!
Severina :hello
Giovanna (20.11.2013, 17:40): Hallo Severina,
die Gedanken zur Schlussszene sind mir so ähnlich auch gekommen. Dadurch, dass Gremin die Unterredung zwischen Onegin und Tatjana mitbekommt, finde ich den Schluss noch etwas bedrückender als das sonst der Fall wäre. Nicht nur, dass Onegin mit der Zurückweisung zurechtkommen muss; auch über der Ehe (die für Gremin ja wirklich glücklich war) liegt nun ein Schatten. Salopp gesagt: er tut mir voll leid... Und wie du schreibst: "da schließt sich der Kreis wieder zur Anfangsszene"
Noch eine OT-Frage: du hast geschrieben, dass du neben der Eugen Onegin-DVD auch noch die Macbeth-DVD gekauft hast. Hast du diese schon angeschaut und wie hat sie dir gefallen?
Viele Grüße Giovanna :hello
stiffelio (20.11.2013, 18:10): Liebe Severina und Giovanna,
Original von Severina dieses Einmal-so-Einmal-so, das an Onegins Verhalten irritiert, erkläre ich mir eben mit seiner grundsätzlichen Gereiztheit. Die ganze Situation nervt, überfordert ihn, und als sich die Schandmäuler dann noch über ihn mokieren, bringt das das Fass zum Überlaufen. Von nun an ist er auf Provokation aus, egal wen sie trifft. Aber dazwischen hat er immer wieder helle Momente, in denen ihm bewusst ist, dass er seine Freundschaft mit Lenski aufs Spiel setzt, und in einem solchen schickt er eben Olga zu ihm zurück. Aber gleich darauf schlägt seine Stimmung wieder um
o.k., dank deiner geduldigen Erläuterung leuchtet mir das inzwischen ein, dass Onegin in diesem Punkt schwanken und nicht stringent verhält. Es stimmt ja auch gut mit Giovannas Erklärungsansatz überein: Onegin registriert, wie gekränkt und eifersüchtig Lenski ist, ist aber aus den vorhin erwähnten Gründen noch so sauer, dass er noch etwas weitersticheln "muss". Als Olga es gelingt, Lenski wenigstens ein kleines bisschen zu beruhigen (wie ernst sie es meint, lasse ich mal dahingestellt) und er nach dem Cotillon fragt, steht Onegin sofort bei den beiden und heizt durch seine Tanzaufforderung die Wut bei Lenski natürlich nochmals an.
Die Duellszene finde ich auch nicht eine der stärksten dieser Inszenierung. Obwohl es schon recht deutlich wird, dass auch hier Lenski sich bereits dagegen entschieden hat, auf Onegin zu feuern, als dieser sich auf Guillots Provokation hin umdreht und schießt. Das hat Giovanna gut beschrieben. Aber gegen die darauffolgenden Szenen fällt es deutlich ab. Zur Pantomime habe ich ja noch gar nicht viel geschrieben, außer dass ich sie großartig finde :D. Ich finde es atemberaubend, wie subtil Keenlyside da zwischen Ablenkung und Irritation hin- und herschalten kann, bis die Irritation überhand nimmt und er sich entscheidet, den Geistern der Vergangenheit, die er nicht mehr verdrängen kann, die Stirn zu bieten. :down
In der Schlusszene finde ich interessant, dass Fürst Gremin hier nicht als der gutmütige, naive Ehemann gezeigt wird, der nichtsahnend seinem Rivalen die Vorzüge seiner Frau preist. Dieser Gremin begegnet Onegin von Anfang an misstrauisch (Kein Wunder bei den Blicken, die er auf Tatjana wirft und die teilweise erwidert werden!), er adressiert seine flammende Gesellschaftskritik recht deutlich an ihn und hält ihn ganz offensichtlich für einen ziemlichen Windhund. Das ist mit Abstand der interessanteste Gremin, den ich je gesehen habe. Nur Paris 2008 kommt da auf seine Weise annährend heran. Salzburg (Furlanetto) kann dagegen nicht mithalten. Oder siehst du das anders?
Dass er bei der finalen Unterredung zwischen Tatjana und Onegin anwesend ist, wirft natürlich interessante Fragen nach dem Danach auf: In seinem Gesicht spiegelt sich nicht die Freude, dass sich seine Frau für ihn entschieden hat, sondern die Bestürzung über das Eingeständnis ihrer Liebe zu Onegin. Kann/will er mit dieser Frau weiter unter einem Dach leben? Eigentlich müsste er nach dem Ehrenkodex seiner Zeit den Rivalen zum Duell fordern. Und da schließt sich der Kreis wieder zur Anfangsszene: Gibt es eine gemeinsame Zukunft für Tatjana und Onegin? (Falls das Duell stattgefunden hat, wird wohl der Fürst den Kürzeren gezogen haben, nach einem schneidigen und vor allem treffsicheren Schützen schaut er nicht gerade aus!) Es ist für Gremin offensichtlich eine furchbare Entdeckung, dass seine Frau Gefühle für einen anderen Mann hegt. Ich fürchte auch, das in diesem Moment etwas dauerhaft in ihm zerbricht. Das Duell ist eine interessante Idee. Aber ob dieser Onegin es über sich bringt, nochmal im Duell auf einen anderen Mann zu schießen? Bisher hatte ich am ehesten vermutet, dass Gremin auf Bitten Tatjanas auf eine neue Konfrontation mit Onegin verzichtet. (Ich meine mich zu erinnern, dass Onegin umgekehrt keine Forderungschance hätte: irgendwo habe ich gelesen, dass ein Offizier in Rußland nicht von einem Zivilisten gefordert werden konnte...). Ich frage jetzt mal ganz hinterlistig: bist du dir eigentlich sicher, dass die Anfangsszene nach dem Finale spielt? Für mich ist das zwar auch ohne Zweifel so. Aber Holtens ursprüngliche Intention war tatsächlich eine andere...
Zum Schluss noch ein OT: Vielleicht hat der blaue Rock diesen Gedanken evoziert, aber nach dieser schauspielerischen Glanzleistung als Onegin wüsste ich eine Traumrolle für Simon Keenlyside: Werther!!! (Davon gibt's ja bekanntlich auch eine Baritonfassung!) Davon würde ich mir jegliche Aufzeichnung jedenfalls sofort kaufen :beer
PS: Schnell nine nicht ganz ernst gemeinte Überlegung: Hat der arme Pavol Breslik wohl eine Sondergage dafür erhalten, dass er so lange als Leiche auf der Bühne herumliegen muss?? Dabei hat er angeblich (laut DVD-Kommentar) ganz begeistert von dieser Idee mitgemacht. Auch generell finde ich es eine gute Idee von dieser Rückblende, die entscheidenden Erinnerungsstücke auf der Bühne liegen zu lassen, bis sie sich immer mehr anhäufen: Tatjanas Bücher, den verdorrten Baum, Lenskis Leiche. Selbst die Tür vom Bücherschrabk, die Lenski im Kampf mit Onegin abgerissen hat, wird nicht wieder angebracht, sondern steht danach angelehnt an der Seite.
VG, stiffelio
Severina (20.11.2013, 18:20): Liebe Giovanna,
ja, die Duellszene habe ich dank Eurer Hinweise nun auch kapiert, so richtig überzeugt sie mich trotzdem nicht, da gefallen mir wie schon gesagt andere Lösungen besser. Außerdem läuft das Duell absolut nicht regelkonform ab, das nur nebenbei.
Holten ist der erste mir bekannte Regisseur, der sich auch mit Gremin intensiv auseinandergesetzt hat, normalerweise wird er doch eher als nicht sonderlich interessante Randfigur abgeta, der dafür den Hit der Oper singen darf. Ich finde ihn mit Peter Rose auch typenmäßig sehr gut besetz, denn auch darüber macht sich selten ein Regisseur Gedanken. An der WSO nahm man in der Vergangenherit meist einen in die Jahre gekommenen Publikumsliebling, der mit der berühmten Arie noch einmal brillieren durfte, oder jemanden aus dem Ensemble, der's halt auch schön singen kann. So kam es z.B, dass mit Ain Anger ein Mann in den besten Jahren, attraktiv, maskuline Ausstrahlung auf der Bühne stand, und man gut verstand, warum Tatjana dieses Prachtexemplar von Ehemann nicht gegen den im Vergleich langweiligen Onegin eintauschen wollte. Umgekehrt darf Gremin aber natürlich auch kein Ekelpaket sein.
Peter Rose wirkt in etwa so, wie ich mir Gremin vorstelle: Ein Mann, der Tatjana Sicherheit, Geborgenheit und einen hohen sozialen Status garantiert, sie verehrt, aber sicher nicht alle Bedürfnisse seiner um vieles jüngeren und heißblütigeren Ehefrau befriedigen kann (Diesem Bild entspricht die Netrebko natürlich um vieles besser als die im Vergleich dazu etwas hausbackene Stoyanova) Das weiß er auch, und daher begenet er Onegin wahrscheinlich auch so schroff: Er scheint zu spüren, dass da etwas ist zwischen dem Heimkehrer und seiner Frau, und natürlich kennt er Onegins Wirkung auf Frauen und seine charakterlichen Defizite genau - schließlich bezeichnet er ihn als seinen Freund. Onegin kann Tatjana das geben, was er ihr nicht geben kann. Zum Schluss ist Gremin wirklich eine tragische Gestalt, weil er sich über seinen Sieg ja nicht freuen kann: Er weiß, dass Tatjana nicht aus Liebe, sondern nur aus Pflichtbewusstsein bei ihm bleibt, sein privates Glück, die er in seiner Arie so zu Herzen gehend besungen hat, zerbricht, und ob es sich je wieder kitten lässt, ist mehr als fraglich.
Und auch Tatjana kann natürlich nicht zum business as usual zurückkehren, wie es die konventionellen Inszenierungen erlauben, sodass es bei Holten am Ende drei unglückliche Menschen gibt.
lg Severina :hello
PS: Jetzt habe ich mich mit Stiffelio gekreuzt, daher eine schnelle Ergänzung: Bin ganz Deiner Meinung, dass der Salzburger Gremin bei aller Stimmschönheit von Furlanetto uninteressant ist im Vergleich zu Peter Rose!
Schweizer (20.11.2013, 19:07): Liebe Severina, Ich unterschreibe Dein Statement *Aber das ist eben das generelle Dilemma einer DVD und der Grund, warum ich immer sage, "Live kann durch nichts ersetzt werden!" Abgesehen von der Atmosphäre steht es mir in der Oper frei, auf wen ich meinen Fokus lege: ICH kann entscheiden, ob ich jetzt lieber das Mienenspiel von A oder B verfolgen will, während eine DVD dem Diktat der Bildregie unterliegt.* voll und ganz; und dies ist auch der Grund, dass ich praktisch keine DVD's besitze. Ein weiterer Hinderungsgrund kommt für mich hinzu: der Zoom auf die Künstler raubt mir nicht nur die Gesamtsicht der Bühne, sondern auch manche Illusion, weswegen ich beim live-Erlebnis im Theater nie in den vorderen Reihen des Parketts sitzen will. Onegin-Beispiele: 1) Wenn ich die 51-jährige Krassimira Stoyanova mit der von mir empfundenen reifen, mütterlichen Ausstrahlung in Nahaufnahme sehe, kommt das mir entschieden mit meiner Vorstellung einer jungen Tatjana der ersten Akte des Werks in die Quere. 2) Die drei Jahre ältere Renée Fleming wirkt auf mich weit jünger, die geht bei mir durch. 3) Ramon Vargas ist für mich alters- und typ-mässig völlig falsch als Lenski, Beczala, Breslik, Kaiser "passen". Bitte versteht mich korrekt, mit obigen Urteilen geht es mir ausschliesslich ums Aussehen wenn sie mir herangezoomt werden, nicht um stimmliches Können oder meine Präferenzen in vokaler Hinsicht. Gruss vom Schweizer
stiffelio (20.11.2013, 20:13): Lieber Schweizer,
grundsätzlich gebe ich dir mit Stoyanova alsTatjana recht, aber an der ROH geht das durch die Rückblende für mich dennoch gut auf. Bedeutet dein Kommentar eigentlich, dass du den ROH-Onegin inzwischen auch hast?
VG, stiffelio
stiffelio (20.11.2013, 20:21): Liebe Severina,
Original von Severina Um noch einmal auf die Flachmann-Szene zu kommen: Ich würde bei diesen Blicken weiche Knie bekommen, und zwar butterweiche!!!! :engel Das sei dir auch ohne weiteres zugestanden :D.Aber lass mich das trotzdem nochmal beschreiben (selbstverständlich ohne dass du dich anschließen musst): Es fängt schon in der Szene an, in der Onegin und Olga leise reden, offenbar über Triquet (vielleicht auch Lenski als Textdichter), bevor Olgas Mutter sie "abschleppt". Onegin hat da einen derart offenen, entspannten Gesichtsausdruck, dass da absolut nichts Sexuelles für mich mitschwingt. Ihr Gespräch stelle ich mir in etwa so vor Olga: Sie müssen wissen - Lenski hat den Text zu Tatjanas Geburtsagslied geschrieben Onegin: Echt? Olga: Ja, sicher. Onegin: Wirklich? Na dann schaun wer mal...
und während der 2. Strophe: Olga: kommen Sie doch wieder mit, zuhören. Onegin bietet ihr den Flachmann an, Olga lehnt ab, Onegin bietet ihn weiter an, Olga schaut, ob sie jemand beobachtet. Dann nimmt sie ihn und "verbrennt" sich ordentlich. Onegin deutet scheinheilig an: "wie, nicht gut? Ist das nichts für Sie?" und beide müssen grinsen. Olga wendet sich wieder zu Trique und Onegin flüstert ihr ins Ohr: "so fade wie dieses Lied ist, reicht doch noch nichtmal dieser Schnaps, um es ausreichend zu würzen." Olga muss kichern und Onegin legt schnell den Finger auf die Lippen und steckt den Flachmann weg.
Das erklärt auch, warum Onegin nicht auf die spätere Frage Lenskis antwortet, was er ihr zugeflüstert habe. Soll er vor aller Ohren sagen, dass er Lenskis Liedtext verspottet hat?
Onegin will Lenski in dieser Inszenierung ein bisschen sticheln und als Bonuspunkt mit Olga einen netten Abend verbringen.Mehr sehe ich dahinter nicht (das kann in anderen Inszenierungen ganz anders sein, an der MET 2013 hat Kwiecin als Onegin viel mehr Sarkasmus hinein gepackt und Olga hat Lenski viel stärker provoziert und verspottet).
VG, stiffelio
P.S.: nur, dass du es wegen der Überschneidung vorhin nicht übersiehst: Auf deine Antwort zu meiner Frage bist du dir eigentlich sicher, dass die Anfangsszene nach dem Finale spielt? Für mich ist das zwar auch ohne Zweifel so. Aber Holtens ursprüngliche Intention war tatsächlich eine andere... bin ich sehr gespannt.
Schweizer (20.11.2013, 20:30): Nein, liebe stiffelio, ich habe es mir anders überlegt, werde ihn mir nur von Bekannten gelegentlich ausleihen. Auf Grund Eueres hochinteressanten Austauschs bin ich mir bewusst geworden, dass die ROH-DVD zwar eine faszinierende Fingerübung des heutigen Regietheaters ist, aber im Grunde genommen - wie eine von Euch dreien ganz klar formuliert hat - ein anderes Werk. Ich habe mir allerdings YT-Ausschnitte verschiedener Aufführungen angesehen. Gruss vom Schweizer
Severina (21.11.2013, 00:18): Liebe Stiffelio,
ja, ich fasse den Beginn ehrlich gesagt immer noch so auf, eine andere Deutung ist mir noch nicht eingefallen. Vielleicht sollte ich mir doch einmal die Bonusteile anschauen :D Einen interessanten Dialog hast Du da geschrieben, und klar könnte es so gewesen sein! Ich bleibe trotzdem lieber bei meinen butterweichen Knien :wink :D Überhaupt würde mich brennend interessieren, was Keenlyside immer wieder sagt, denn er bewegt doch in etlichen Szenen seinen Mund deutlich zum Sprechen. Leider bin ich nicht gut im Lippenlesen, und auf Englisch schon gar nicht. (Denn ich nehme doch stark an, dass er seine Muttersprache verwendet!) Betrachtet man seine Mimik und Gestik beim Abgang vo Larins Fest, dürften die begleitenden Worte vermutlich von deftiger Art sein :ignore
Übrigens bin ich sicher, dass alle Beteiligten vom Regiekonzept überzeugt waren und mit Begeisterung mitgemacht haben, bei Keenlyside merkt man das besonders deutlich. Der kann nämlich echt zumachen, wenn ihn eine Inszenierung nervt, das zeigte sich z.B. beim Wiener Onegin, wo er derart unbeteiligt, um nicht zu sagen lustlos, durch die absurde Szenerie schritt, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Ich war damals maßlos enttäuscht, weil ich mir im Vorfeld sicher war, Keenlyside würde ein großartiger Onegin sein, und dann kam so gar nichts von ihm. Das war Dienst nach Vorschrift, kein Haarbreit mehr. Und auch im "Macbeth" machte er seinem Unmut über manchen szenischen Unsinn zumindest bei der PR deutlich Luft, aber das ist hier OT.
Lieber Schweizer,
ich fürchte ehrlich gesagt auch, dass Du unsere Begeisterung für diese Inszenierung ganz und gar nicht teilen kannst, also erspare Dir diesen Frust lieber. Hast Du eigentlich den alten Züricher Onegin noch in guter Erinnerung (Mit Brendel, Araiza...)? Ich glaube mich zu erinnern, dass das Bühnenbild des ersten Aktes aus einem wogenden Kornfeld bestand, bin mir aber nicht mehr sicher.
lg Severina :hello
Severina (21.11.2013, 00:36): Liebe Giovanna,
ich sehe erst jetzt Deine OT-Frage: Ich möchte demnächst diese DVD im Macbeth-Thread vorstellen, momentan hat mich aber das Onegin-Fieber noch zu fest im Grif :winkf. Nur so viel: Für Keenlysidefans ist diese Aufnahme natürlich ein Muss, aber mir persönlich gefällt Tomas Hampson als Macbeth besser. Er kann die Getriebenheit, den Horror, der Macbeth beherrscht, überzeugender vermitteln. Keenlyside ist ein Meister der feinen Seelenregungen, Mordlust, Brutalität, Wahnsinn sind nicht so ganz sein Ding. Das heißt jetzt nicht, dass er als Macbeth schlecht wäre, aber meine erste Wahl ist er für diese Partie nicht.
lg Severina :hello
Giovanna (21.11.2013, 08:19): Liebe Severina,
(Denn ich nehme doch stark an, dass er seine Muttersprache verwendet!)
in der Zauberflöte von 2003 (ROH) ist deutlich zu hören, wie Keenlyside auch gelegentlich außerhalb des Librettos vor sich hinspricht, da aber auf deutsch. Und beim Don Carlo meine ich, war dasselbe in italienisch, aber da bin ich mir nicht wirklich sicher und kann das jetzt auch nicht nachprüfen. Aber ich weiß natürlich nicht, wie viel russisch Keenlyside spricht, daher könnte es gut sein, dass er beim Onegin auf englisch redet, aber interessieren würde mich natürlich auch, was er so sagt....
Viele Grüsse Giovanna :hello
PS: Im Gegenzug werde ich mal schauen, ob ich den von dir favorisierten Macbeth mit Hampson wo bei YT finde, denn kenne ich nämlich noch nicht (zugegebenermaßen kenne ich von Macbeth bisher nur die Version von Keenlyside und eine mit Leo Nucci).
stiffelio (21.11.2013, 08:45): Liebe Severina,
ich bin mir nicht so sicher, dass Keenlyside seine "stummen Worte" auf Englisch spricht. Zumindest nach dem Suizidversuch und am Ende der Pantomimeszene lese ich ein ganz deutliches "Njet" von seinen Lippen, keinesfalls ein "No".
Holten sagt im Bonusteil, dass die Anfangsszene den Morgen nach Gremins Ball darstellen soll, also den Beginn der Finalszene, die dann nach der Rückblende sozusagen ein zweiten Mal beginnt. So wie Giovanna es anfangs auch gedacht hat. Für mich geht das aber überhaupt nicht auf, aus folgenden Gründen: Zugegeben, der Brief, den Tatjana beim Hereinkommen liest, könnte an dieser Stelle noch Onegins Brief vom Vorabend sein. Aber direkt, nachdem sie ihn zu Boden wirft - bereits die Beschwingtheit, mit der sie auf den Bücherschrank zueilt, ihr Lächen beim Lesen des Briefes, ihre verträumten Blicke: selbst wenn ich ihr zugestehe, dass da nostalgische Erinnerungen an ihre Jugend im Spiel sind, das passt alles nicht zu einer Frau, die gleich dem Mann begegnen wird, den sie noch immer liebt und doch weiß, dass sie ihn abweisen wird/muss. Viel eher passt das alles zu dem Gedanken: "es ist so lange her - aber gibt es vielleicht doch noch einen Weg zurück? einen, den ich nie für möglich gehalten hätte? Was hat die Zukunft jetzt für mich bereit?" Spätestens ab da war ich der festen Überzeugung: das ist nicht Onegins Brief, den sie da zu Boden geworfen hat, sondern einer, der in irgendeiner Weise ihre Bindung zu Gremin auflöst. Dann Onegins Eintreten, als er die Türen schließt, als er Tatjana zum ersten Mal wieder voll anblickt: das ist für mich die Mimik eines Mannes, der alles erhofft, aber nichts mehr erwartet. Ein Onegin, der auch auf ein "Nein" von Tatjana eingestellt ist. Seine (und auch ihre) Ruhe in diesen Augenblicken steht im krassesten Gegensatz zur entsprechenden Finalszene im dritten Akt, zu seinem unruhigen Hin- und Hertigern, als er offenbar noch nicht einmal die Vorstellung erträgt und zulässt, dass Tatjana ihn abweisen könnte. Auch von Tatjanas Zerrissenheit ist hier nichts zu spüren. Dafür passt die Unruhe in der echten Finalszene aber perfekt zu Onegins fiebrigem, völlig unkontrolliertem Aufbruch von der Festgesellschaft und auch ebenso zu Tatjanas Aufbruch, als sie der Verstellung in der Öffentlichkeit nicht mehr eträgt.
Das alles macht die Vorstellung für mich unmöglich, diese Eingangsszene könnte die Einleitung der Finalszene sein. Die Ruhe und Abgeklärtheit passt nur zu einem viel späteren Wiedersehen. Allenfalls ein "Zusammentreffen in Gedanken", also nicht in der Realität, nur in der gegenseitigen Imagination könnte ich mir zur Not noch vorstellen. Aber die Idee von einem späteren Zusammentreffen gefällt mir viel besser. :wink
VG, stiffelio
P.S.: bei den ersten Malen, als ich die DVD angeschaut habe, hatte ich sogar überlegt, ob der Brief, den Tatjana aus dem Buch zieht, nicht ihr, sondern Onegins Liebesbrief sein könnte, den er ihr am Abend nach Gremins Ball schreibt. Dann würde ihr Lächeln, als sie ihn liest, einen ganz anderen Sinn bekommen als nur Nostalgie. Und Onegins gestisches Zurückweisen des Briefes in der Finalszene würde dann bedeuten, dass er unbedingt verhindern will, dass Tatjana ihm seinen Liebesbrief ebenso zurückgibt, wie er ihr ihren Brief im 1. Akt zurückgegeben hat. Die Heftigkeit seines Erschreckens macht dann für mich etwas mehr Sinn, als wenn sie ihm an dieser Stelle ihren eigenen Liebesbrief präsentiert. Inzwischen kann ich freilich auch mit der anderen Vorstellung (der Brief ist immer Tatjanas Brief) ganz gut leben. Aber ganz verschwunden aus meinem Hinterkopf ist die alternative Vorstellung noch nicht.
Severina (21.11.2013, 11:44): Liebe Stiffelio,
mit dem "Njet" hast Du sicher recht, das ist mir beim zweiten Mal auch aufgefallen. Ich traue Keenlyside schon zu, dass er inzwischen auch passabel Russisch spricht, er scheint ein großes Sprachtalent zu ein. Zumindest Deutsch spricht er nicht nur akzentfrei, sondern auch absolut sinnerfassend. (Ich denke immer noch voll Bewundeung an seinen Faust in Schumanns "Faustszenen", wo er alle Muttersprachler mit seiner brillianten Diktion ganz klar ausgestochen hat.)
Und Deine Interpretation der Anfangsszene leuchtet mir absolut ein, genau in diese Richtung gingen auch meine Überlegungen. Bleiben wir einfach bei unserer Version, egal, was Herr Holten meint :D! (Ich hab ja schon ein paarmal betont, dass mir die Intention des Regisseurs nicht so wichtig ist wie das, was ich aus einer Inszenierung herauslese - die Interpretation der Interpretation sozusagen!)
lg Severina :hello
Schweizer (21.11.2013, 20:39): Liebe Severina, Deine Frage nach Araiza/Brendel in einem Zürcher Onegin hat bei mir vage Erinnerungen wachgerufen. Ich habe in meinen Aufzeichnungen gewühlt und nichts gefunden, kann jedoch dank der YT-Duellszene mit Sicherheit sagen, dass ich die Aufführung gesehen habe. Da hat die junge Kasarova die Olga gesungen, Salminen den Gremien, es fällt mir jedoch die Tatjana im Moment nicht ein. Es war eine Everding-Inszenierung. / Zur Frage des Kornfelds kann ich nichts Gültiges beisteuern, denn das oder Garben kamen in früheren Interpretationen des öftern vor.
Meine festgehaltenen Onegin-Aufführungen: 1973 Basel: 2 mal mit Marilyn Zschau/Anna Alexieva als Tatjana 1977 MET: Zylis-Gara, Isola Jones, Gedda, Milnes, Talvela 1977 Graz: Bartfai Tögl, Kovacs, Konya, Petrusanec 1989 Zürich: ?, Kasarova, Araiza, Brendel, Salminen 1995 Zürich. Benackova, Saparova, Alexejev, Taraschenko, Holl 2004 Zürich: Dashuk, Nikiteanu, Beczala, Volle, Polgar
Gruss vom Schweizer
Schweizer (21.11.2013, 21:03): Nachtrag: in der Neuinszenierung von 1995 sollte Hampson seinen ersten Onegin singen, sagte dann aber mit der Begründung ab, dass er mit dem russischen Idiom seine Mühe habe, er noch nicht bereit sei. Gruss vom Schweizer
Severina (21.11.2013, 23:53): Lieber Schweizer,
ich habe jetzt in meinen Aufzeichnungen gewühlt, laut denen ich am 24.3.1991 in Zürich "Eugen Onegin" erlebt habe, mit Ljubov Sharnina als Tatjana, Vessi als Olga, Brendel und Araiza. Auch da hätte übrigens ursprünglich Hampson singen sollen (Verwechselst Du vielleicht die Jahreszahl?), weil ich mich noch genau erinnere, wie mir Frau Inasaridse (die spätere Frau Araiza II) freudestrahlend mitgeteilt hat, dass statt Hampson Brendel den Onegin macht. (Freudestrahlend deshalb, weil Araiza und Hampson damals wohl nicht so gut miteinander konnten. Ob sich das später geändert hat, weiß ich allerdings nicht.)
lg Severina :hello
Schweizer (22.11.2013, 17:21): Liebe Severina, mag sein dass Du richtig liegst, mag sein dass Du Dich irrst? Pereira hat im Herbst 1991 sein Intendantenamt in Zürich begonnen, also ein halbes Jahr nach Deinem Onegin mit Araiza/Brendel; und er hat immer am im Vergleich zur STOP Wien kleinen Zürcher Haus berühmten Sängern Neuinszenierungen zum Testen neuer Partien angeboten. Aus diesem Grund habe ich gestern, ohne ganz sicher zu sein, nachgetragen, dass Hampson im 1995 den Onegin zurücklegte. Seit ich Deine Antwort gelesen habe, habe ich weiter darüber gegrübelt und es ist mir in den Sinn gekommen, dass Hampson den Onegin auf russisch sogar zweimal in Zürich nicht wie angekündigt sang. Das zweite Mal muss das anlässlich einer Wiederaufnahme passiert sein … oder umgekehrt, dass es beim ersten Mal eine Wiederaufnahme war und beim zweiten Mal bei einer Première? Jedoch weiss ich mit Bestimmheit, dass Hampson's Rollendébut in russischer Sprache dann an der STOP Wien stattgefunden hat. Vielleicht bringt uns diese Tatsache weiter? Gruss vom Schweizer
PS: ich hatte keine Ahnung, dass sich Araiza und Hampson nicht grün waren; im Mai93 gab es in der Regie von Lehnhoff einen neuen Don Carlo mit obgenannten Herren als Carlo und Posa.
Severina (22.11.2013, 18:53): Lieber Schweizer,
ich irre mich zwar oft bei Daten und Namen, hier bin ich mir aber ziemlich sicher, weil ich meine Opernreisen immer gut dokumentiert habe. Daher habe ich mir die Rezension der NZZ zur PR aufgehoben, über die Jahreszahl besteht also kein Zweifel. Da ich "Eugen Onegin" nur ein einziges Mal in Zürich gesehen habe, muss sich also die Bemerkung von Frau Inasaridse auf diese Serie beziehen. Aber es kann natürlich sein, dass Hampson zweimal aus einem Züricher Onegin ausgestiegen ist! Du hast völlig recht, dass sein Debut in russischer Sprache in Wien stattgefunden hat, und ich weiß noch gut, welch ein Kraftakt das für ihn gewesen ist: Er war derart auf den Text fokussiert, dass die Rollengestaltung auf der Strecke blieb und er mich also in dieser Partie überhaupt nicht überzeugen konnte. Deshalb ist es sehr gut möglich, dass Hampson den Onegin in Zürich zweimal gecancelt hat, weil er eben noch mit dem Russischen zu kämpfen hatte.
lg Severina :hello
Schweizer (22.11.2013, 19:17): Liebe Severina, danke für die einleuchtenden Fakten. Mir ist eben erst wieder eingefallen, dass Pereira, nicht nach aussen, ob der Absage ziemlich sauer gewesen sein soll. Was meinst Du, ich würde meinen wir lassen die "Geschichtsforschung" in diesem Zusammenhang nun ruhen? Gruss vom Schweizer
Severina (22.11.2013, 20:00): Natürlich, es ist alles dazu gesagt bzw. die Sachlage geklärt! :D lg Severina :hello
Fairy Queen (23.01.2014, 09:05): Hat jemand von euch den Onegin aus der MET unter der Leitung von Ghergiev mit Anna Netrebko, Pjotr Beczala und Markus Kwiecien gesehen oder gehört? Ich habe am Samstag weite Teile einer Radioübertragung im belgischen Sender musique3 gehört, der einen ganzen Puschkin-Abend mit Oper, Lied und Orchesterstücken gegeben hat, kenne aber natürlich die Inszenierung nicht. Beczala hat mir stimmlich grossartig gefallen, Kwiecien war auch gut in seinem Element aber Netrebkos Tatjna konnte ich kaum erkennen, sie klang als sei sie mindestens ihre eigene Mutter wenn nciht gar Grossmutter.... Ob das in dieser Oper wirklich so sein muss?????? Wenn ich nur höre und nicht sehe, ist die Wahrnehmung ganz anders und ich hatte grösste Mühe, mir aus dem Gesang Netrebkos eine junge leidende Tatjana vorzustellen. Die wunderschöne Arie des Gremlin war leider total vermasselt, wer da fehlbesetzt wurde oder einen schlechten Tag hatte, habe ich vergessen-jedenfalls ein deutlicher Abfall gegenüber dem gesanglichen Niveau der anderen Darsteller. Ich gehöre übrigens auch zu den Fans dieser herrlichen Oper mit lieben Grûssen F.Q. :engel
stiffelio (23.01.2014, 19:59): Liebe Fairy,
ja, zumindest Allegra, Giovanna und ich haben diese Aufführung im Kino gesehen. Berichte findest du hier ff und hier ff. Wie du siehst, stimme ich dir beim Sänger des Gremin (Tanovitsky) vollständig zu. Netrebko habe ich nicht als so "ältlich" empfunden, aber da war natürlich der optische Eindruck mit dabei.
VG, stiffelio
Allegra (26.01.2014, 21:31): Eine Radioübertragung gab es auch hier letztens, die ich aber leider nicht hören konnte. Was Gremin betrifft, sind wir wohl alle einer Meinung. Anna Netrebko habe ich allerdings nicht als ältlich empfunden - ihre Stimme ist durchaus dunkler geworden, aber unpassend schien mir das überhaupt nicht für die Rolle.
Severina (31.01.2014, 19:29): Meine Lieben,
ich habe diese MET-Produktion zwar weder im Kino gesehen noch im Radio gehört, dafür aber AN schon live als Tatjana erlebt und kann vesichern, dass sie auf mich kein bisschen ältlich gewirkt hat. Ganz im Gegenteil halte ich das für ihre aktuell beste Rolle, die perfekt zu ihr passt.
lg Severina :hello
Severina (31.01.2014, 19:51): Meine Lieben,
ich habe diese MET-Produktion zwar weder im Kino gesehen noch im Radio gehört, dafür aber AN schon live als Tatjana erlebt und kann vesichern, dass sie auf mich kein bisschen ältlich gewirkt hat. Ganz im Gegenteil halte ich das für ihre aktuell beste Rolle, die perfekt zu ihr passt.
lg Severina :hello
Severina (07.03.2014, 00:29): Unter meinen musikalischen Geburtstagsgeschenken befand sich auch die DVD der MET-Produktion von 2013, und ich will Euch meine Eindrücke nicht vorenthalten:
Die Inszenierung von Deborah Warner kann natürlich mit der Londoner nicht mithalten, sie ist im Vergleich dazu nicht nur äußerst konventionell, sondern speziell im 1. Akt auch langweilig. Leider zählt auch die Chorführung nicht zu ihren Stärken, sodass manches auf mich unfreiwillig komisch wirkte.
Was diese Produktion für mich trotzdem sehenswert macht, sind die starken Leistungen von Netrebko, Kwiecien und Beczala. Nicht nur stimmlich zählen sie aktuell wohl zu den besten Interpreten dieser Partien, auch schauspielerisch konnten sie mich voll und ganz überzeugen. Anna Netrebko legt die Tatjana extrem verinnerlicht an, mit sehr sparsamer Körpersprache, dafür umso beredterer Mimik. Ihr Mienenspiel speziell in der Briefszene mit Onegin ist schlicht großartig. Auch stimmlich lässt sie keinen Wunsch offen, das ist beseeltes Singen, das mich zutiefst anrührt.
Piotr Beczala ist als Lenski für mich nicht zu toppen, das ist nicht nur wunderbar gesungen (Das "Kuda, kuda..." zum Niederknien schön!), sondern auch überzeugend gespielt, wobei natürlich Holten noch wesentlich mehr aus ihm herausgeholt hätte.
Aber der Dreh- und Angelpunkt dieser Oper ist natürlich die Titelfigur, die in ihrer Vielschichtigkeit viele Interpretionen erlaubt. Verglichen mit Keenlysides faszinierendem Seelenstriptease am ROH ist Mariusz Kwieciens Onegin relativ einfach gestrickt, aber er hält diese Linie konsequent durch. Kwiecien ist sicher der unsympathischste Onegin in meiner Sammlung: Ein kalter Egozentriker, ohne echtes Interesse an oder gar Einfühlungsvermögen in seine Mitmenschen. Seine emotionale Gleichgültigkeit in der Briefszene lässt nicht nur Tatjana erstarren, sondern auch die Zuschauer. Zumindest mir erging es so. Er versucht nicht einmal, Verständnis oder Mitleid mit dem Mädchen zu heucheln, die ganze Situation ist ihm nur lästig und er möchte sie möglichst schnell hinter sich bringen. Am liebsten würde er den Brief wahrscheinlich überhaupt ignorieren, aber man weiß ja nicht, was so einem überspannten Backfisch noch alles einfällt, in welch peinliche Situation sie ihn womöglichbei nächster Gelegenheit bringen könnte, also ist es besser, ihr diese Flausen ein für allemal auszutreiben. Wie ein Oberlehrer maßregelt er Tatjana wegen ihrer unziemlichen Liebeserklärung, spielt gelangweilt mit Äpfeln, in seinem Blick kein Funken Mitgefühl, nur kalte Neugierde, wie sie darauf reagiert. Ich habe das Gefühl, er weidet sich förmlich an ihrer Qual, und dazu passt auch der absolut perfide Schluss dieser Szene: Onegin küsst sie, und zwar nicht wie ein Bruder auf die Wange, sondern auf den Mund. Das ist nicht nur ein Bruch mit jeder Etikette, sondern bedeutet in diesem Kontext natürlich auch eine besondere Demütigung. ("Das hättest Du gern, kriegst Du aber nicht!") Im letzten Akt rächt sich Tatjana für diese Perfidie, sie küsst nun ihreseits Onegin (und zwar recht leidenschaftlich) und lässt ihn dann wie einen Schuljungen stehen. Das ist der einzige wirklich starke Regieeinfall!
Onegin treibt das sadistische Spiel mit Tatjanas Gefühlen dann am Ball auf die Spitze, wenn er sie zum Tanz auffordert und zuvor zärtlich ihre Hand küsst, und zwar auf eine Art und Weise, die sie wahrscheinlich wie ein elektrischer Schlag trifft und außerdem über die gesellschaftliche Konvention hinausgeht. Dass er sie vor den Gästen kompromittiert ist ihm ebenso gleichgültig wie der Gefühlssturm, den er in ihr entfacht. Wahrscheinlich genießt er beides in seiner Hybris.
Genauso eiskalt wie mit Tatjana treibt er auch sein Spiel mit Lenski. Diese ganze hinterwäldlerische Gesellschaft ödet ihn an, die Eskalation des Streits mit Lenski ist genau das, was er braucht, um sich zu spüren. Im Unterschied zu allen anderen Onegins meiner Sammlung erweckt Kwiecien auch in der Duellszene nicht den Eindruck, das ihm das Ganze Leid täte. Lässig betritt er den Schauplatz, kaut an einem Sandwich, das sentimentale Deutt mit Lenski klingt in seiner Interpretation wie eine sachliche Bilanz, ohne jedes Zögern kommt das "Njet!", ebenso geschäftsmäßig erfolgen dann Händedruck und Umarmung mit dem Freund/Feind. Onegin ginge kein großes Risiko ein, wenn er absichtlich danebenschösse, denn Lenski setzt vor dem Duell seine Brille auf, ist also wahrscheinlich gar nicht fähig, einen wirklich platzierten Schuss abzugeben. (Wie es überhaupt mit der Treffsicherheit des Poeten steht, dessen Waffe eher die Feder als die Pistole ist, wäre eine grundsätzliche Überlegung wert!) Aber Onegin zielt genau, er will töten, und wenn er am Ende den toten Lenski in den Arm nimmt (nachdem er ihm die Brille abgenommen hat!), wirkt das auf mich wie eine theatralische Pose, aber nicht wie echte Trauer oder gar Reue. Ich bin mir nicht so sicher, ob Kwieciens plötzlich entflammte Leidenschaft für Tatjana im letzten Akt echt ist. Er sucht Gesellschaft, Anschluss, aber jeder zeigt ihm die kalte Schulter. (Ist es wegen seiner langen Abwesenheit, hat man den Skandal auf Larins Ball noch in Erinnerung?) Onegin ertränkt seinen Frust in Alkohol, in sehr viel Alkohol, was bekanntlich sehr oft eine gewaltige Woge Selbstmitleid erzeugt. Wenn Tatjana später sagt "Das Glück war uns einst so nah!", so trifft das auf Keenlysides Onegin zu, aber kaum auf Kwieciens, der das mögliche Glück ganz bewusst und vor allem nicht ohne sadistische Lust mit Füßen getreten hat.
Die restliche Besetzung kann ich schnell abhandeln: Oksana Volkova ist als Olga OK, aber nicht mehr, Elena Zarembas Tremolo nervt mich ziemlich, John Graham-Hall fand ich als Triquet nur peinlich, und über Alexei Tanovitskis Fürst Gremin haben ja schon meine Vorschreiberinnen ein Verdammungsurteil gefällt: Das ist einer MET nicht würdig!! Abgesehen von der desolaten stimmlichen Verfassung ist Tanovitski auch viel zu jung und gut aussehend für diese Partie, aber dieser Besetzungsfehler macht in letzter Zeit wohl Schule. Aber es muss doch klar sein, dass Tatjana zwischen Sicherheit, Solidität und warmer Zuneigung auf der einen und der großen Leidenschaft auf der anderen Seite zu wählen hat, dass die Treue zu Gremin ein Opfer bedeutet. Wenn der Fürst hingegen ohnehin ein attraktives Mannsbild in den besten Jahren ist (und einer Frau in JEDER Beziehung etwas zu bieten hat :wink), wäre Tatjana doch dumm, wenn sie ihn gegen diesen Windhund von Onegin eintauschen würde.
Früher war der Gremin die Altersrolle für berühmte Bässe, für altgediente Publikumslieblinge, die ihre Kräfte auf die einzige Arie fokussieren und noch einmal brillieren konnten, zu ihrer und des Auditoriums Freude. Ein Nicolai Ghiaurov zählte z.B. zu diesen illustren Gremins. Wenn so ein würdiger alter Herr auf der Bühne stand, wusste man, dass Tatjana bei ihm in einem goldenen Käfig lebt, für ihre Vitalität und Lebensfreude aber kaum ein passendes Ventil finden würde. Da war die Option, alles hinzuschmeißen und mit Onegin durchzubrennen, wirklich eine Überlegung wert und Tatjanas Festhalten an Treuegelöbnis und Ehe umso bewundernswerter.
lg Severina :hello
stiffelio (07.03.2014, 21:28): Liebe Severina,
vielen Dank für diese detailierte Schilderung, die mir den MET-Onegin wieder so richtig plastisch vor Augen gestellt hat. Immer wenn du eine Aufnahme beschreibst, die ich verfügbar habe, bekomme ich sofort Lust, sie mir wieder einmal anzuschauen. :thanks
Über Netrebko, Beczala und ganz besonders Kwieczien bin ich nahezu völlig mit dir einer Meinung. Eine klitzekleine Ausnahme: Onegin habe ich bei Lenskis Tod doch noch etwas berührter in Erinnerung, als du es beschreibst. Aber sonst gebe ich dir völlig recht, dass die Arroganz und Egozentrik von Kwieczien in dieser Rolle kaum zu überbieten ist. Das war für mich ein interessanter Gegensatz zu Paris, wo er den Onegin deutlich anders angelegt hat. Zu Lenskis Brille noch eine Frage: denkst du wirklich, dass er damit nicht zielen könnte? Ich habe sie eher nicht als "Lesebrille" empfunden, sondern dass Lenski einfach nur zu eitel ist, um sie immer zu tragen (was bei leichter Kurzsichtigkeit damals wohl auch nicht üblich gewesen wäre). Angenommen, deine Interpretation stimmt: was treibt Lenski dann dazu, die Brille zum Duell aufzusetzen? Reine Schusseligkeit oder WILL er bewusst gar nicht richtig zielen könnnen?? Beczala war im übrigen nicht nur stimmlich, sondern tatsächlich auch darstellerisch ein Hochgenuß für mich. Der sympathischste Lenski, den ich je erlebt habe, ein guter Gegensatz zu Kwiecziens Onegin. In den darstellerischen Fähigkeiten hat er in den letzten Jahren tatsächlich einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht, denn auch als Prinz in Rusalka fand ich ihn richtig gut.
VG, stiffelio
Severina (07.03.2014, 22:02): Liebe Stiffelio,
Ich denke, dass Brillen im 19.Jhdt. noch nicht die Präzisionsgeräte von heute waren, wo jeder Sehfehler ganz individuell ausgeglichen werden kann. Lenski setzt die Brille im 1. Akt beim Lesen auf, da es damals noch keine Gleitsichtbrillen gegeben hat, wird sie wohl auf Entfernung nicht viel taugen. Vielleicht überinterpretiere ich diese Brillengeschichte auch und Frau Warner hat darin nicht mehr als einen Gag gesehen. Aber für mich war das eben ein Zeichen, wie ungleich das Duell von Anfang an ist. Was es wahrscheinlich auch ohne Sehfehler Lenskis wäre, denn schon aufgrund der unterschiedlichen Biografie der beiden Kontrahenten denke ich, dass Onegin der erfahrenere und vor allem kaltblütigere Schütze ist. Lenski schlittert in dieses Duell ja mehr oder weniger hinein, seine rasende Eifersucht schaltet jede rationale Überlegung aus. Als er dann wieder zu sich kommt, ist es zu spät um noch zurückzurudern. Das ist jetzt natürlich auch reine Spekulation von mir, aber für mich ist dies Lenskis erstes Duell, Onegin hat auch auf diesem Gebiet sicher wesentlich mehr Erfahrung.
Ich finde es auch sehr erfreulich, wie sich Beczala in den letzten Jahren darstellerisch entwickelt hat. Seine Stimme habe ich ja schon immer geliebt und es daher sehr bedauert, dass er in seinen Anfangsjahren in Zürich immer nur steif herumgestanden ist. Da er damals auch eine, ähem, ausgeprägtere Taille hatte, fürchtete ich schon, da wüchse ein neuer Botha heran. Aber Beczala ist extrem ehrgeizig mit einem Hang zum Perfektionismus, und dazu gehört für ihn, auch als Schauspieler zu überzeugen und optisch zu entsprechen, daher hat er hart an sich gearbeitet.(Ich sag's nur ungern, aber stimmlich hat er mich noch mehr begeistert, als er noch ein paar Kilos mehr auf die Waage brachte :ignore Als Lenski ist er allerdings ohne Abstriche großartig!) Ich konnte bei den Rusalka-Proben in Zürich beobachten, wie Beczala an jedem Detail gefeilt hat, musikalisch und szenisch.
Kwiecien singt demnächst bei uns den Onegin, und nach der DVD würde mich das natürlich sehr reizen - hieße der Lenski nicht Rolando Villazón. Das muss ich nicht mehr haben und bedeutet außerdem, dass sämtliche Vorstellungen ausverkauft sind.
lg Severina :hello
stiffelio (07.03.2014, 23:48): Liebe Severina,
o.k., die Brille einfach als Andeutung, dass Lenski einen Sehfehler hat und damit von vorneherein Nachteile beim Schießen, das macht auch für mich Sinn. Freilich wirklich nur als eine etwas ungelenke bzw. vage Andeutung, denn bei dem geringen Abstand, der hier beim Schuss Onegins vorliegt, braucht man wohl weniger Zielsicherheit als Kaltblütigkeit. Dennoch ist die Brille natürlich ein Hinweis, dass Lenskis bevorzugtes Hobby sicher nicht das Schießen war. Also wirklich mehr eine Unvertrautheit mit der Situation als ein knallharter Nachteil beim Zielen, wie du es ja auch siehst.
In dem Händedruck der beiden und in der Umarmung sehe ich von Seiten Onegins allerdings doch ein Quentchen mehr als reine Geschäftsmäßigkeit. Bereits vom Duett bis zum Ende des Aktes ist eine der wenigen Szenen, in denen sich kein Hauch des sonst so häufigen ironisch-sarkastischen Lächelns in Onegins Mundwinkel stiehlt. Und es ist eindeutig Lenski, der die Umarmung der beiden mit einem Abwehren beendet. Onegin ist freilich dennoch derjenige, der zumindest den Schuß äußerlich kaum berührt durchzieht, nach dem Motto "Na gut, er will es ja nicht anders". Eine Ahnung dessen, was er mit Lenski verloren hat, kann ich erst nach dem "Tot!" des Sekundanten wieder spüren.
Eine Frage noch zu Triquet: meintest du das "peinlich" stimmlich oder darstellerisch? Denn die Peinlichkeit der Darstellung habe ich als von der Regie gewollt empfunden. Ein Triquet, der sich vermutlich aufgrund seiner Körperbehinderung aus bitterer Not lächerlich macht. Das war für mich eine sehr beklemmende Lächerlichkeit bzw. Peinlichkeit und diesen Effekt in dieser Szene fand ich gut (dazu passt dann sogar auch eine stimmliche Peinlichkeit).
In der Szene mit Fürst Gremin hat es Netrebko als Tatjana m.E. absolut grandios verstanden, trotz des vergleichsweise jungen und gutaussehenden Gremins das entscheidende Manko ihrer Ehe deutlich zu machen: sie langweilt sich! Sie langweilt sich fast zu Tode. In der Schussszene ist dann gegenüber Onegin mehr Rache im Spiel, als ich je bei einer anderen Tatjana empfunden habe. Bei ihrem "das Glück lag uns so nah" habe ich den Eindruck, dass sie keineswegs dem leibhaftigen Onegin, sondern lediglich ihrer unrealistischen Schwärmerei für ihn und der Lebendigkeit, die für sie damit verbunden war, nachtrauert. Passend dazu sind bei dem Duett dieser Textzeile Tatjana und Onegin auf der Bühne maximal weit voneinander entfernt. Absolut faszinierend war für mich auch der Unterschied Kwieczien/Keenlyside (nicht nur) in dieser Szene. Sowohl bei Onegins "Oh Gott" als auch bei seiner Weigerung, Tatjana zu verlassen, war bei Kwieczien passend zu seiner sonstigen Darstellung vor allem Trotz heraushörbar, bei Keenlyside dagegen existenzielle Verzweifelung. Diesen gekonnten Unterschieden in der stimmlichen und schauspielerischen Darstellung nachzuspüren, macht immer noch einen großen Reiz der verschiedenen Onegin-Versionen für mich aus.
VG, stiffelio
Severina (10.03.2014, 21:51): Liebe Stiffelio,
Deine Erklärung zu Triquet leuchtet mir ein, so habe ich das natürlich nicht betrachtet, aber es macht durchaus Sinn. Leider hindert mich momentan das herrliche Frühlingswetter an intensiveren DVD-Sitzungen, denn da sitze ich lieber draußen auf meiner Loggia und höre CDs anstatt drinnen im Zimmer vor der Glotze. Außerdem bin ich ab morgen wieder einige Zeit fern von einem zuverlässig funktionierenden PC, was wieder eine Sendepause meinerseits bedeutet.
lg Sevi :hello
stiffelio (10.03.2014, 22:44): Gute Reise! und im übrigen entschuldige ich mich für das überzählige "z" bei Kwiecien. Ich weiß nicht, wo ich das am Samstag her hatte...