Schweizer (01.12.2013, 15:39):
Verzeiht, dass ich mit soviel Verspätung über den neu inszenierten FAUST berichte, ich wage gar nicht mehr den Bericht unter *Gestern in der Oper* zu publizieren. Ihr erinnert Euch bestimmt, dass ich den Gloger-Holländer aus Bayreuth schlimm fand. Nun hat er aber in Zürich eine überzeugende Arbeit geliefert, sich in meinen Augen rehabilitiert: er hat das Stück in die Fin-de-siècle Zeit des 19.Jahrhunderts verlegt und damit Gounod's Oper, die ja eh nur die Rahmenhandlung mit Goethe's grossem Wurf gemeinsam hat, definitiv von der übermächtigen Vorlage weggerückt. Faust ist bei Gounod ja kein Wissenschaftler, der sich mit Hilfe des Teufels weiterreichendes Wissen und neue Erkenntnisse aneignen will, sondern er bricht auf und will leben, den vollen Lebensgenuss erleben (Spassgesellschaft im heutigen Idiom).
Mittels einer Pantomime während der Ouvertüre hat das Gloger gleich überzeugend vermittelt. Da sitzen sich an einer langen Tafel Herr und Frau Faust nach dem Abendbrot gegenüber, sie liest eifrig in der Bibel, er langweilt sich, man hat sich offensichtlich nur noch wenig bis gar nichts mehr zu sagen, lebt aneinander vorbei. Die hereinkommenden Kinder im jungen Schulalter werden vom Vater *gute Nacht*-geküsst, dann schiebt er sie in Richtung Mutter, die dann die Bibel weglegt, aufsteht und mit den Kindern auf der andern Seite abgeht. Gloger schreibt sinngemäss im Opernhaus-Magazin: das Stück entstand während des zweiten Kaiserreichs, einer Zeit des sich entwickelnden Kapitalismus in Frankreich. Diese Zeit sei, wie später nochmals in den 20igern zwischen den zwei Weltkriegen, von einem Gefühl des *was kostet die Welt* geprägt gewesen. Frankreich sehe sich damals mit der Weltausstellung in Paris und dem Bau des Eiffelturmes als führende Kulturnation, damit geht eine grosse Ausstrahlung einher, die sich in Amüsierbetrieben wie Varietés und der Oper manifestierte. Die katholische Kirche hielt mit auf Strenge fokussierter Moralauffassung dagegen. Daraus erfolgte ein verlogener Lebensstil, nämlich Bigotterie: abends geht man ins Bordell, aber am nächsten Morgen mit züchtig-frommem Augenaufschlag zur Kirche!
Gloger gelingt es, das alles einsichtig und überzeugend auf die Bühne zu stellen. Faust will ausbrechen, will etwas erleben, Mephisto ist kein Teufel mit Huf oder Schwanz, sondern erscheint in wechselnder Aufmachung, sei es als Maître de Plaisir im Nachtclub (wo Marguerite dem Zuschauer als etwas landeierige Kellnerin eingeführt wird), sei es als Priester in der Kirche oder als Henker wenn die schwangere Marguerite unter dem Beifall der tobenden Menge zum Schafott geführt wird. Und das gleiche Volk hat sich zuvor im Ausgang zügellos amüsiert und in der Kirche bekreuzigt! Als Gegensatz zu den Massenszenen wurde für die intimeren Szenen aus dem Hintergrund ein enges, karges Zimmer als Behausung der Serviererin vorgefahren, was den Vorteil hatte, das bei den bekannten Arien eine günstige Resonanz Richtung Zuschauerraum hin entstand.
Und damit komme ich zu den Künstlern: die Krone des Abends in stimmlicher wie darstellerischer Hinsicht gebührt Kyle Ketelsen als Méphistophélès, hinreissend! Pavol Breslik, in der Partie des Faust debütierend, setzte darstellerisch das Regiekonzept überzeugend um, stimmlich schien sie mir ihm noch eine halbe Schuhnummer zu gross zu sein: die lyrischen Teile waren wunderbar, bei den dramatischen Höhepunkten stiess er noch an Grenzen. Die zwei-drei extremen Hochtöne des Parts waren sicher da, wirkten aber abgesetzt, wie farblich nicht zum übrigen Stimmtimbre gehörend? Und nun zur In Zürich erstmals zum Einsatz gelangenden Amanda Majeski als Marguerite: sie nennt eine sichere Technik ihr eigen, protzt im Finale vor der Pause mit Intensität und Stimmvolumen einer verzweifelten Sieglinde was mir übertrieben schien; und ihr eher kühl-herbes Timbre im Verbund mit mangelndem fraulichen Liebreiz im Aussehen machte sie für mich, überspitzt ausgedrückt, zur Fehlbesetzung. Ich fragte mich einige Male während der Aufführung warum sich der Faust ausgerechnet in diese Frau verguckt, der sucht doch Wärme und Sex? Für mich hätte es eher gepasst, Marguerite wäre im Gegensatz zur frömmelnden Ehefrau als Sexbombe oder billiges Flittchen von der Regie her dargestellt worden. In den zwei wichtigen Nebenrollen war Anna Stéphany als Siebel grandios, Elliot Madore als Valentin gut.
Dass der Abend insgesamt für mich nicht zum grossen Wurf gedieh, lag diesmal nicht an der Regie, sondern vor allem an der vom Typ her falsch eingesetzten Majeski und dem stimmlich (noch) nicht hundertprozentig überzeugenden Titelrollenträger.
Gruss vom Schweizer