Fanny Hensel - durch die sexistische Knute ihres Bruders behindert?
Peter Brixius (01.02.2011, 21:45): Eva Weissweiler schreibt im Vorwort von Fanny und Felix Mendelssohn. Briefwechsel 1821 bis 1846
Wenn es auch stimmt, dass Mendelssohn gegen die Veröffentlichung von Fannys Kompositionen war und daß dieser Widerstand die Beziehung empfindlich störte, so verhielt er sich insgesamt doch bei weitem nicht so "rabenbrüderlich" und frauenfeindlich,wie die bisherigen Editionen glauben machen. Das Klischee vom ultrakonservativen, eifersüchtigen oder sogar neidischen Bruder bedarf nach Lektüre der Handschriften der Korrektur.
Ich halte es für sehr problematisch, Wertungen von heute auf eine vergangene Epoche zu übertragen. Da ist die Korrektur, die Eva Weissweiler vornimmt, sehr wichtig (und BTW ist der englische wikipedia-Artikel genauer als der deutsche - aber hin und wieder bestätigt sich, dass wikipedia nicht so verlässlich ist, wie man es sich wünschte).
Den Angeklagten sollte man zu Worte kommen lassen, bevor man ihn so wohlgemut verurteilt. Felix schreibt am 24. Juni 1837 an seine Mutter
Du schreibst mir über Fannys neue Stücke, und sagst mir, ich solle ihr zureden und ihr Gelegenheit verschaffen, sie herauszugeben. Du lobst mir ihre neuen Compositionen, und das ist wahrhaftig nicht nöthig damit ich mich von Herzen darauf freue, und sie für schön und trefflich halte, denn ich weiß ja von wem sie sind. Auch darüber hoff ich brauch ich nicht ein Wort zu sagen, daß ich, sowie sie sich entschließt etwas herauszugeben ihr die Gelegenheit dazu, soviel ich kann, verschaffen und ihr alle Mühe dabei die sich ersparen läßt. abnehmen werde. Aber zureden etwas zu publiciren kann ich ihr nicht, weil es gegen meine Ansicht und Überzeugung ist. Wir haben darüber früher viel gesprochen und ich bin immer noch derselben Meinung - ich halte das Publiciren für etwas Ernsthaftes (es sollte das wenigstens sein) und glaube man soll es nur thun, wenn man als Autor sein Lebenlang auftreten und dastehn will. Dazu gehört eben eine Reihe von Werken, eins nach dem anderen, von einem oder zweien allein ist ein Verdruß von der Öffentlichkeit zu erwarten, oder es wird ein sogenannten Manuscr. für Freunde, das ich auch nicht liebe, Und zu einer Autorschaft hat Fanny wie ich sie kenne, weder Lust noch Beruf, dazu ist sie zu sehr eine Frau wie es recht ist, erzieht den Sebastian und sorgt für ihr Haus, und denkt weder ans Publicum, noch an die musikalische Welt, noch sagar an die Musik, außer wenn dieser erste Beruf erfüllt ist. Da würde das Druckenlassen nur darin stören, und ich kann mich eben einmal nicht damit anfreunden. Darum werde ich ihr nicht zureden, verzeih es mir. Zeige diese Worte aber weder Fanny noch Hensel, der sie mir übel nehmen oder doch misverstehen würde - sage lieber gar nichts davon. Wenn sich Fanny aus eigenem Antrieb oder Hensel zu gefallen dazu entschließt, bin ich, wie gesagt, bereit ihr behilflich zu sein, soviel ich nur vermag, aber ermuntern zu etwas daß ich nicht für recht halte, das kann ich nicht.
Zit. nach "Das verborgene Band. Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Schwester Fanny Hensel" Wiesbaden 1997 (S. 16)
Das liest sich ganz anders als der pauschale Vorwurf, der auch bei wikipedia (D) durchscheint. Der Widerstand - vergessen wir das nicht - ging vor allem vom Vater aus, die Autorschaft Fannys an den Liedern, die Felix in seine Liederpublikation aufnahm, wurde von Felix durchaus nicht verschwiegen, auch nicht gegenüber Queen Victoria, zu deren Lieblingsliedern eben eines von Fanny gehörte. Auch an anderer Stelle kann man nachlesen, dass Felix die Autorschaft seiner Schwester nennt.
Liebe Grüße Peter
Sfantu (01.02.2011, 23:57): Lieber Peter,
zunächst einmal Chapeau, dass Du ganz nonchalant zu einem eigenen Faden wechseltest - der ursprüngliche hätte durch Fortspinnen der Fanny-Diskussion auch bald sein eigentliches Ziel eingebüsst. Zugegeben - meine Wortwahl fiel etwas markig aus und hatte wohl eine vage Tendenz ins Provokante. Wenn´s als Frucht indes ein erhellendes Für-und-Wider in Gang bringt - warum nicht...?
@ Fairy Natürlich schrieb ich auch eingedenk der damaligen Zeitläufte. Wie inkonformistisch, radikal, ja avantgardistisch hätte Felix wohl sein müssen, das Talent, das Potential, ja die Berufung seiner Schwester vorbehaltlos zu unterstützen...
Einen wohl singulären Glücksfall hingegen stellte der Lebenslauf Louise Farrencs, der französischen Altersgenossin Fannies dar. Sie erklomm sogar den Gipfel einer Professur am Pariser Conservatoire, profilierte sich als anerkannte (und (zu Lebzeiten) aufgeführte) Tonschöpferin, ohne tatkräftige männliche (eheliche) Unterstützung zu entbehren und ohne ihre mütterlichen Pflichten zu vernachlässigen > cpo produzierte in den letzten Jahren verdienstvolle Ersteinspielungen eines Teils ihres Schaffens, einer wichtigen Stimme mit Eigenprofil im nachbeethovenschen Früh-und Hochromantik-Kanon der Ries´, Spohrs, Marschners aber eben auch der Mendelssohns und Schumanns.
Ungeachtet meiner augenzwinkernden Spitze gegen Felix seht ihr in mir einen leidenschaftlichen Mendelssohn-Liebhaber! Und wohin käme ich, wollte ich alle potenziellen oder tatsächlichen Verfehlungen hinsichtlich geschlechtlicher, sozialer, ethnischer, weltanschaulicher oder wie auch immer gearteter Gleichberechtigung als Massstab für meine Musikauswahl heranziehen? Ein Musik konsumierendes Leben ohne den Affekt- und Rachemörder Gesualdo, ohne den Misanthropen Brahms, ohne den Judenhasser und Intriganten Wagner, ohne stramme Alt-Nazis wie Pfitzner resp. die Speichellecker wie Böhm und Heger, ohne die Scientologen Chick Corea oder Beck wäre das Ergebnis - da drück´ich doch lieber ein bis zwei ethische Liddeckel zu... ´
:hello Sfantu
Peter Brixius (02.02.2011, 00:40): Original von Sfantu Zugegeben - meine Wortwahl fiel etwas markig aus und hatte wohl eine vage Tendenz ins Provokante. Wenn´s als Frucht indes ein erhellendes Für-und-Wider in Gang bringt - warum nicht...?
Lieber Sfantu,
ich bin recht dankbar für eine kernige Provokation, das motiviert einen, dagegen zu halten - und da macht eine Diskussion auch Spaß. Mein Bedenken richtet sich denn auch nicht gegen Deinen willkommenen Denkanstoß, sondern gegen die doch eher desorientierende Eintragung in wikipedia (D). Da scheinen hin und wieder betriebsblinde Leute etwas zu schreiben, wie ich dazumal bei dem Beitrag über Elly Ney so unter die Decke ging, dass der betreffende Beitrag korrigiert wurde.
Das große Können von Fanny Hensel ist - so denke ich - unbestritten. Das war im 19. und 20. Jahrhundert (erst recht im 3. Reich) durchaus nicht so. Die Beziehung zu ihrem Bruder ist eine spannende Geschichte, das wusste ich zwar schon vorher, bin aber dankbar, dass ich da noch einmal richtig nachfassen musste.
Warum nimmt Mendelssohn ihre Lieder in seine Opera auf? Doch sicherlich, weil er sie geschätzt hat. Warum hat er den (oberflächlichen) Eindruck vermittelt, dass sie von ihm selbst sind? Sicherlich wollte er sie sich nicht aneignen - vielleicht war es so die einzige Möglichkeit, sie zu veröffentlichen. Immerhin hat er ihre Autorschaft (mündlich) alles andere als verleugnet. Dass sie den eigenen überlegen seien, wie man in der (feministischen) Literatur zu lesen findet, halte ich allerdings einer verzerrten Wahrnehmung geschuldet. Aber auf Augenhöhe sind sie zweifellos.
Liebe Grüße Peter
Fairy Queen (02.02.2011, 08:05): Lieber Sfantu, ich finde deinen Beitrag sehr sympathisch, allerdings bin ich bei weitem nicht so tolerant wie du. Für mich gibt es da durchaus Grenzen des Hinnehmbaren Der wie du sagst "Judenhasser und Intrigant" Wagner bleibt mir tortz seienr revolutionâren Stellung in der Musikgeschichte(und vorher in Sachsen....) persona non grata. Ich setze in dieses (ehedem) nazideologieverseuchte Bayreuth auch heute noch keinen Fuss . Was nicht heisst, dass ich mich der Magie seines Tristan nciht bewusst wäre. Was komponierende frauen angeht, ist das ien spannendes Thema und Beispiele wie Louise Ferrenc sind leider sehr dünn gesät. Pauline viardot ist auch so ein postiv-Fall einer Frau, die , allerdings unter dem Schutz einer gutbûrgerlichen Ehe, eine grosse internationale Musiker-Karriere machen konnte; Hier hat der Ehemann sogar die rolle des Werbetrommlers und Impressarios gespielt und volle Unterstützung gegeben. Ein Negativbeispiel ist wie ich ich schon im anderen Thread sagte, Gustav Mahler. Aber der hat wahrlich teuer dafür bezahlt, weswegen ich ihm gegenüber mitfûhlende Nachsicht walten lasse..... :D Männer sind halt auch nur Menschen und Kinder ihrer Epoche. Viele wollen ebenlieber selbst angehimmelt werden als eien Frau zu haben, die öffentlich angehimmelt wird und "nur" der Mann an ihrer Seite zu sein. Pauline Viardot war eien sehr intelligente Frau und hat ihren Ehemann auch nach diesem Kriterium ausgewählt. :wink Was die Qualitât der Mendelssohn Lieder angeht: nein, bai aller Frauen-Liebe, Fannies Lieder kommen nicht wirklich an die ihres Bruders, der ein echter Meister der deutschen Musik ist (Wagners Verleumdungen hin oder her) heran. Aber angesichts der sehr hohen Qualitât der Felix-Lieder ist das keine Herabsetzung!
F.Q.
EinTon (04.02.2011, 23:24): Original von Fairy Queen L Was komponierende frauen angeht, ist das ien spannendes Thema und Beispiele wie Louise Ferrenc sind leider sehr dünn gesät.
F.Q.
In der Jetztzeit gibt es schon mehr : Olga Neuwirth, Rebecca Saunders (nicht mit Rebecca Clarke zu verwechseln), Adriana Hölszky, Kaija Saariaho, Sofia Gubaidulina, etc...
Musikalisch bemerkenswert scheint mir nicht zuletzt Isabel Mundry zu sein - da Du Kunstlieder magst, kannst Du ja Dir ja mal ihren Mini-Zyklus "Anagramm" anhören, aber Vorsicht: viele melodische Sprünge und unvermittelte Lautstärkeänderungen für die Sängerin... :)
Fairy Queen (05.02.2011, 06:08): Lieber Einton, danke fûr die links, in der Tat nciht einfach zu singen. :D Was die grössere anzahl von komponistinnen i nder gegenwart angeht, ist das natûrlci herfreulich, aber mir shcieenn sie immer noch serh unterrepräsnetiert in dieser sparte. wenn man das mal mit Schriftstellerinnen in Proportion zu den männlcihen kollegen vergleicht. Sind das weiterhin gesellschaftliche, gar sexistishce gründe oder gibt es da vielleicht doch ein gewiiss nciht political correctes geschlechtsspezifisches Moment, das Frauen den Zugang zu dieser Kunst erschwert?
Das ist keine rhetorische sondern eine echte Frage, denn ich weiss das absolut nicht. ?(
bon weekend F.Q.
EinTon (05.02.2011, 21:12): Original von Fairy Queen aber mir shcieenn sie immer noch serh unterrepräsnetiert in dieser sparte. wenn man das mal mit Schriftstellerinnen in Proportion zu den männlcihen kollegen vergleicht. Sind das weiterhin gesellschaftliche, gar sexistishce gründe oder gibt es da vielleicht doch ein gewiiss nciht political correctes geschlechtsspezifisches Moment, das Frauen den Zugang zu dieser Kunst erschwert?
Das ist keine rhetorische sondern eine echte Frage, denn ich weiss das absolut nicht. ?(
Zu letzterer Frage kannst Du ja mal folgendes Buch der kanadischen Psychologin Susan Pinker lesen:
Severina (23.02.2011, 12:33): Original von Peter Brixius Das große Können von Fanny Hensel ist - so denke ich - unbestritten. Das war im 19. und 20. Jahrhundert (erst recht im 3. Reich) durchaus nicht so. Die Beziehung zu ihrem Bruder ist eine spannende Geschichte, das wusste ich zwar schon vorher, bin aber dankbar, dass ich da noch einmal richtig nachfassen musste.
Warum nimmt Mendelssohn ihre Lieder in seine Opera auf? Doch sicherlich, weil er sie geschätzt hat. Warum hat er den (oberflächlichen) Eindruck vermittelt, dass sie von ihm selbst sind? Sicherlich wollte er sie sich nicht aneignen - vielleicht war es so die einzige Möglichkeit, sie zu veröffentlichen. Immerhin hat er ihre Autorschaft (mündlich) alles andere als verleugnet. Dass sie den eigenen überlegen seien, wie man in der (feministischen) Literatur zu lesen findet, halte ich allerdings einer verzerrten Wahrnehmung geschuldet. Aber auf Augenhöhe sind sie zweifellos.
Liebe Grüße Peter
Lieber Peter, ich müsste das jetzt natürlich auch noch einmal nachlesen, aber ich erinnere mich noch gut, dass ich mich bei der Lektüre des Briefwechsels zwischen Fanny und Felix Mendelssohn vor einigen Jahren ziemlich geärgert habe über den herablassend-wohlwollenden Ton, den der Bruder gegenüber den Kompositionen der Schwester da ein paarmal anschlägt. Für mich klang das so ein bisschen wie "Für eine Frau nicht schlecht, aber...." Und er ließ auch keinen Zweifel daran, wo in seinen Augen die wahre Bestimmung der Frau lag, nämlich bei den drei Ks, wobei mir natürlich klar ist, dass das damals der gesellschaftliche Konsens war, er das also als Kind seiner Zeit geschrieben hat. Ich denke aber auch - und das klingt in dem von Dir zitierten Brief an den Vater ja auch an - dass ein von der Musik so manisch Besessener wie FM gar nicht anders kann als den "Alles-oder-nichts"-Standpunkt einzunehmen, dass also eine komponierende Hausfrau (überspitzt formuliert!) in seinem Musikkosmos keinen wirklichen Platz findet. Das ist jetzt reine Spekulation, aber ich denke, hätte es sich bei Fanny Hensel nicht um seine geliebte Schwester gehandelt, hätte er seine Vorbehalte wohl wesentlich deutlicher formuliert..... Was nichts daran ändert, dass Felix Mendelssohn zu meinen Lieblingskomponisten zählt, speziell was sein symphonisches Schaffen betrifft. (Natürlich liebe ich auch seine Lieder heiß und innig, bevor mir jetzt Fairy die Freundschaft aufkündigt :wink)
lg Sevi :hello
Fairy Queen (23.02.2011, 12:51): Liebe Sevi, bevor ich dir irgendetwas kündige musst du schon ganz andere Geschütze auffahren, unter Mordversuch oder mindestens Hochverrat kommst du da schlecht weg :D Nein, ich denke man darf nicht den Fehler machen, die Errungenschaften der 2.Hälfte des 20 Jh auf die Mitte des 19Jh zu übertragen. Natürlich ändert es nichts an der Ungerechtigekeit und am subjektiven Leiden der Frauen, dass damals die Worte Gleichberechtigung oder gar "Feminismus" noch nicht zum gesellschaftlicjen Konsens gehörten. aber man kann einfach von einem Schumann oder Mendelssohn nciht das erwarten, was heute z.B eine Frau Haïm von, ihrem Mann/Bruder/Vater erwarten darf: eine freie Entfaltung der Künstlerpersönlichkeit, gleich welchen Geschlechts. Dass Fanny sich nciht von ihrem Bruder massiv unterdrückt gefühlt haben kann, zeigen die sehr liebevollen Briefe, voller Vertrauen udn ogffenheit, die die bieden Zeitlebens gewechselt haben. Wenn es einen grossen Konflikt zwischen den Geschwistern gegeben hâtte, hätte Fanny sich doch eher zurückgezogen udn sich nciht dem Bruder weiterhin geöffnet. Zumindest empfände ich das als die logische Folge eines offenen oder versteckten Grolls. F.Q.
Sully (30.11.2011, 10:45): Hallo Peter,
mein Beitrag zu Deinem hervorragenden Artikel über Fanny Hensel-Mendelssohn hier eine CD mit dem Titel:
ROMANTIC WOMEN COMPOSERS (Ambache Chamber Orchestra & Ensemble)
Auf dieser CD sind......
- Clara Schumann (1819-96) - Konzertsatz in F minor - Fanny Mendelssohn (1805-47) - Piano Trio in D minor, Op.11 - Louise Farrenc (1804-75) - Clarinet Trio in E flat, Op.44 - Marie Grandval (1830-1907) - Romance and Gavotte
Mehr Infos auf diser Webseite: http://www.ambache.co.uk/
Ich liebe diese CD sehr und kann sie nur empfehlen
Gruss Sully
Sfantu (07.02.2013, 19:20): Was lange währt...
Selbstzitat vom 1. Feb '11 aus "Tod auf dem Podium" > Allgemeine Klassikthemen, S. 4 ...Am eindrücklichsten habe ich ein WDR-Zeitzeichen zu einem runden Geburtstag oder Todestag Fannies in Erinnerung. Jahrelang habe ich die viertelstündigen Zeitzeichen aufgezeichnet und archiviert, sofern sie Musikthemen zum Inhalt hatten - da werd' ich mal stöbern...
Endlich hab' ich die Herkulestat, meine Hundertschaften an MDs zu ordnen & zu etikettieren, vollbracht & siehe da: das Fanny-Hensel-Zeitzeichen ist wieder aufgetaucht. Da die WDR-Mediathek nur die Beiträge seit Ende 2010 zum Nachhören anbietet, hab' ich mir den "Spass" gemacht, den Wortlaut meines Mittschnitts abzutippen - voila:
Hildegard Schulte - WDR-Zeitzeichen vom 14. November 2005 zum 200. Geburtstag von Fanny Hensel
Es ist eine Sternstunde im Leben des Mädchens aus begütertem Hause: die grösste geistige Autorität Deutschlands, Johann Wolfgang von Goethe, schreibt ein Gedicht, mit der Bitte, Fanny möge die Verse in Töne setzen. Die Ehre ist unermesslich, die Aufregung immens. Goethe findet Gefallen an dem hochbegabten musikalischen Nachwuchs der Familie Mendelssohn. Tochter Fanny, das älteste der vier Kinder, ist schon in jungen Jahren eine aussergewöhnliche Pianistin und dazu noch mit einer reichen musikalischen Phantasie gesegnet. Schon mit dreizehn Jahren überrascht Fanny ihren Vater zum Geburtstag mit einem besonderen Geschenk: sie spielt ihm die Präludien aus dem WTK von Bach vor und zwar auswendig. Selbst die weltläufige Tante Henriette aus Paris ist verblüfft und schreibt an die Mutter des Mädchens: "Fannies Meisterstück, vierundzwanzig Präludien auswendig zu lernen, haben mich starr und stumm vor Erstaunen gemacht".
Mittelmass gibt es nicht in der Familie Mendelssohn, es weht noch der Geist des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn, des berühmten Grossvaters von Fanny. Auch die Frauen der Sippe sind hochgebildet. Sarah Levy etwa, die Grosstante mütterlicherseits, eine hervorragende Cembalistin, ehemals Schülerin von Friedemann Bach und Gönnerin von CPE Bach. Oder die Schriftstellerin Dorothea Schlegel, geborene Mendelssohn, Fannies geistreiche und emanzipierte Tante, sozusagen das enfant terrible der weitverzweigten Familie. Schliesslich Fannies Mutter Lea - sie kann ihren Homer im griechischen Original lesen, ist überaus musikalisch und soll als Kind vom Bach-Schüler Kirnberger im Cembalospiel unterrichtet worden sein. Fanny werden alle Privilegien eines grossbürgerlichen Hauses zuteil, sie lernt Englisch, Französisch, Latein und Griechisch, die Geschwister lesen gemeinsam Shakespeare und Goethe, die musikalischen Hausgötter heissen natürlich Bach und Beethoven. Als Fanny Mendelssohn am 14. November 1805, heute vor 200 Jahren in Hamburg geboren wird, ruft Mutter Lea verwundert, das Kind habe ja "Bachsche Fugenfinger". Kurioser Auftakt eines Komponistinnen-Lebens, das rein äusserlich mit Ehe und Mutterschaft in konventionellen Bahnen verläuft. Und doch ist der Seelenzustand der Musikerin nicht frei von Spannungen. Die Historikin Dr. Cecile Loventhal-Hensel aus Berlin über ihre Urgrossmutter (O-Ton): "Fanny war äusserst temperamentvoll und äusserst liebevoll. Aber sie war nicht so in sich ruhend, wie man sich das sonst eigentlich bei Frauen vorstellt (/O-Ton). Fannies Dreh-und Angelpunkt ist zeitlebens die Familie. Die Mendelssohns siedeln 1811 von Hamburg nach Berlin über, sie sind einflussreiche, dem preussischen Königshaus treu ergebene Bankiers. Vater Abraham ist überzeugt von der Notwendigkeit der Assimilation seiner jüdischen Familie in eine christliche Gesellschaft, er lässt sich und seine Kinder sogar taufen. (O-Ton C L-H) "Ich hab' die Theorie, dass die damaligen Juden gesehen haben, dass sie auf einem Gebiet weiter kommen können, und das ist Kunst oder Wissenschaft, neben dem Kaufmännischen" (/O-Ton). Den Mendelssohn-Kindern wird eine erstklassige Erziehung ermöglicht. Die beiden ältesten, Fanny und Felix, sind hochmusikalisch, sie nehmen Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter, dem Leiter der Berliner Singakademie und Duzfreund Goethes. Es ist schliesslich Sohn Felix, der als Komponist dem Namen Mendelssohn Glanz verleiht und in die Musikgeschichte eingeht. Und Fanny, die nicht minder hochmusikalische Tochter Abraham Mendelssohns - erlebt sie, wie vormals Nannerl Mozart, das Drama des begabten Kindes, weil sie hinter ihrem jüngeren Bruder zurückstehen muss? Berühmte Zeitgenossen sind jedenfalls beeindruckt von Fannies Klavierspiel und ihren Kompositionen. Goethe etwa urteilt über Felix' Schwester, sie seien musikalisch gleich begabt. Dorothea Schlegel über die Geschwister: "Felix spielt mit einer Genialität und Fanny mit einer Virtuosität, dass einem völlig der Verstand dabei stillsteht." Besonderes Gewicht hat das Urteil des berühmten Konzertpianisten Ignaz Moscheles: "Dieser Felix Mendelssohn ist schon ein reifer Künstler und dabei erst fünfzehn Jahre alt. Seine ältere Schwester Fanny, auch unendlich begabt, spielte Fugen und Passacaglien von Bach mit bewundernswerter Genauigkeit. Ich glaube, sie ist mit Recht ein guter Musiker zu nennen".
Als Tochter einer patriarchalischen wie begüterten Familie ist es Fanny nicht vergönnt, Musik im professionellen Sinn zu betreiben, d. h., als Konzertpianistin oder mit dem Veröffentlichen eigener Werke Geld zu verdienen. Schon im Kindesalter werden ihr die Flügel gestutzt. (O-Ton C. L-H) "Es gibt ja diesen berühmten Brief von Abraham an Fanny, wo er sagt, was einer Frau ziemt usw., ist, zu heiraten. Und das hat sie dann ja auch gemacht, schliesslich und endlich." (/O-Ton) (aus dem erwähnten Brief) "Die Musik wird für Felix vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll. Beharre in dieser Gesinnung, diesem Betragen - sie sind weiblich. Und nur das Weibliche ziert die Frauen". Fanny beugt sich diesem familiären Reglement zunächst. Natürlich ist sie die engste Vertraute ihres Bruders von Kindertagen an. Die beiden komponieren und musizieren gemeinsam und stehen zeitlebens in intensivem Gedankenaustausch. Später, als Felix das Elternhaus verlässt und oftmals auf Konzertreisen ist, wird ausführlich korrespondiert. Doch wie der Vater steht auch Felix den Wünschen seiner Schwester ablehnend gegenüber, Kompositionen unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. Merkwürdig, denn er weiss sehr genau um die Qualität der Werke seiner Schwester: "Ich denke, es ist die schönste Musik, die jetzt ein Mensch auf Erden machen kann. Wenigstens hat mich nie etwas so durch und durch belebt und ergriffen. Wahrhaftig, es gibt wenig Leute, die wert sind, die Lieder zu kennen". Warum hält Felix die Werke nicht für würdig, einem grossen Kreis von Musikliebhabern vorgestellt zu werden? (O-Ton C L-H) " Fanny und Felix waren beide sehr, sehr empfindlich. Es ist bekannt, dass Felix unter schlechter Kritik gelitten hat. Und ich behaupte, das war vielleicht einer der Gründe, warum er der Veröffentlichung der Werke seiner Schwester so kritisch gegenüber stand. Fanny war genauso empfindlich. Und ich habe gelesen, Kritiken, die damals erschienen über die ersten publizierten Veröffentlichungen von ihr und die waren nicht sehr gut. Da wurde von Damenmusik gesprochen usw. und das war's dann" (/O-Ton).
Anerkennung und Rückhalt findet Fanny endlich bei ihrem zukünftigen Lebenspartner, dem preussischen Hofmaler Wilhelm Hensel. Das Paar heiratet 1829 in Berlin und bezieht das Gartenhaus im Mendelssohn-Anwesen. Im Jahre 1833 wird der Sohn Sebastian geboren. (O-Ton C L-H) "Die Ehe war eine reine Liebesehe. Diese Liebe hat über Jahre, das ganze Leben von Fanny gehalten und sie hat auch getragen. Wilhelm war unglaublich stolz auf seine Frau" (/O-Ton). In künstlerischer Hinsicht liegt es Wilhelm Hensel fern, sich in den Vordergrund zu spielen, seine Frau gar zu dominieren. Vielmehr unterstützt und ermutigt er sie, zu schreiben und darin, die Kompositionen in Druck zu geben. Das Oevre ist nicht gerade klein, mehr als 450 Werke hat Fanny geschaffen: Lieder, Klavier- und Kammermusik, Orchester- und Chorstücke. Sie erklingen oftmals bei den sogenannten Sonntagsmusiken, Fanny tritt im Rahmen dieser privaten Konzerte als Pianistin, Dirigentin und Chorleiterin in Erscheinung.
Zu einem besonderen Erlebnis wird eine Italienreise der Familie Hensel (1839 (Anm. des Kopisten)), die auch musikalisch Früchte trägt. Fannies Klavierzyklus "Das Jahr" ist gewissermassen eine klingende Erinnerung an die einjährige Reise. "Ich habe in der letzten Zeit Mehreres komponiert und meinen Klavierstücken, die ich hier gemacht, Namen von hiesigen Lieblingsplätzen gegeben. Teils sind sie mir wirklich an den Orten eingefallen, teils hab' ich sie im Sinn dabei gehabt. Es wird mir künftig hin ein angenehmes Andenken sein, eine Art von zweitem Tagebuch". (O-Ton C L-H) "Da gibt es eine reizende Stelle in einem Brief von Fanny, wo sie sagt: "Hensel ist dauernd unterwegs um alte Freunde zu begrüssen". Und dann kamen diese jungen Musiker, wie z. B. Charles Gounod, der sich also in Fanny ganz sicher etwas verliebt hat und das hat sie genossen wie eine Frau es geniesst, wenn sie plötzlich angehimmelt wird und alle finden sie wunderbar und wenn sie spielt, ist sie noch wunderbarer - das ist eine völlig normale Angelegenheit, finde ich, und eine herrliche, und ich gönn's meiner Urgrossmutter, dass sie eine so himmlische Zeit hatte" (/O-Ton).
Fanny ist erst 43 Jahre alt, als ein Schlaganfall sie am 14. Mai 1847 mitten aus dem Leben reisst. Kein halbes Jahr später stirbt ihr Bruder Felix ebenfalls an den Folgen eines Schlaganfalls. Zwei grosse Gestalten der musikalischen Romantik treten ab. Das künstlerische Schaffen Fanny Hensels gerät schnell in Vergessenheit, dennoch ist die Komponistin heute keine grosse Unbekannte mehr dank der Musikforschung in den letzten Jahrzehnten. So wie im Leben ist Fanny auch im Tod eingerahmt von den beiden Männern, die für sie am wichtigsten waren. Ihr Grab auf dem Berliner christlichen Dreifaltigkeits-Kirchhof, bedeckt von einem roten Granitstein, liegt zwischen den Ruhestätten von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Wilhelm Hensel - ein beschaulicher Ort, vergessen und unbehelligt von den barbarischen Auswüchsen der deutsch-jüdischen Geschichte.
Insbesondere Fanny Hensels Lieder zählen zu dem Besten, was die musikalische Romantik aufzubieten hat. Sie sind einfallsreich, tiefgründig, bieten verblüffende Klangfolgen, und wie ein bekannter Musikforscher unlängst schrieb: "Fanny erteilt uns eine wunderbare Lektion im Fach Harmonik für Fortgeschrittene". Eine lebhafte Vorstellung von der Komponistin vermitteln nicht zuletzt die zahlreichen Porträts, die Wilhelm Hensel mit grosser Hingabe gemalt hat. Fanny war sein Lieblingsmotiv: "Er hat mich schon wieder mit einem Blütenkranz gezeichnet - am Ende glauben die Leute, dass ich mit solch einem Möbel auf dem Kopf zur Welt gekommen bin".
Fairy Queen (08.02.2013, 09:29): Danke für diesen schönen Beitrag lieber Sfantu! Ich habe etliche Lieder von Fanny Hensel mit Gitarrenbegleitung und das macht grosse Lust, sie wieder vorzunehmen, zu singen und zu hören. F.Q.