Felix Draeseke (1835 - 1913) - Der Romantiker zwischen Brahms und Bruckner

Maurice inaktiv (16.01.2020, 14:32):
Felix Draeseke wurde am 07.Oktober 1835 in Coburg geboren. Zu seiner Zeit galt er als einer der wichtigsten Komponisten im deutschsprachigen Raum. Die Verbindung der Welten von Brahms und Bruckner führte ihm den Weg hin zu einem Spätromantiker mit durchaus eigenem Stil. Er war auch als Musikschriftsteller und Pädagoge tätig. Verstorben ist er am 26.Februar 1913 in Dresden.

Aus gutem Hause stammend (sein Vater war Theologe und Superintendent und Sohn eines evangelischen Bischofs gewesen), schien es das Leben nicht gut mit ihm zu meinen. Seine Mutter verstarb wenige Tage nach seiner Geburt, und er wurde von seinen drei Schwestern seines Vaters großgezogen. Mit fünf Jahren bekam er eine Mittelohrentzündung, die nie ganz ausheilen sollte. Entsprechend war sein Gehör dauerhaft geschädigt. Trotzdem erlernte er das Klavierspiel, schrieb mit acht Jahren sein erstes Klavierstück und begann ab 1850 Komposition zu studieren.

Im April 1852 begann er in Leipzig Musiktheorie, Komposition, Musikgeschichte und Klavier zu studieren. Unter seinen Lehrern befanden sich Ignaz Moscheles und Juliuis Rietz. Er erlebte Franz Liszt bei einer Wagner-Aufführung in Weimar, lernte Hans von Bülow in Berlin kennen und wurde ein Anhänger der Werke von Liszt und Richard Wagner. Das sollte Auswirkungen auf sein Studium haben, was er 1855 enttäuscht abbrach, da die Lehrer in Leipzig ihm viel zu konservativ waren.

1855 wurde er Konzertkritiker der Zeitung "Neue Zeitschrift für Musik" für ein Jahr. 1857 wurde er durch von Bülow Franz Liszt vorgestellt und erhielt Einzug in dessen Kreis und Umfeld. 1859 lernte er Richard Wagner kennen. Die Zeiten wurden aber härter, so wurde sein "Germania-Marsch" verrissen, die Wagnger-Anhänger verließen das Land. Liszt ging nach Rom, Draeseke in die französischsprachige Schweiz.

1864 ging er nach Lausanne, um als Musiklehrer zu arbeiten. Bis 1876 war er mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, wenn er auch komponierte. Kontakte zu alten Kameraden waren eingeschlafen, mit Richard Wagner brach er, nachdem dieser sich Liszts Ehefrau zugewendet hatte.

1876 folgte Die Rückkehr nach Deutschland, genauer gesagt, nach zuerst noch einmal kurz nach Coburg, dann nach Dresden. Bis 1884 gab er wieder Unterricht, um dann endlich einen Platz als Professor für Komposition, Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium bekam. Seine 3.Sinfonie wurde 1888 bei der Uraufführung durch den Dirigenten Ernst von Schuch, der auch schon die Uraufführung seiner 2.Sinfonie (1878) dirigierte. Er galt inzwischen als der härteste Konkurrent zu Johannes Brahms, dessen Musikverständnis er inzwischen näher stand als den Werken von Liszt oder Wagner.

Durch die Rückwendung von den "modernen" Liszt und Wagner" zu den "konservativen Komponisten" stand er inzwischen bei den jungen Konservativen hoch im Kurs, aber Leute wie Richard Strauss, der durchaus auch die Werke von Draseke dirigierte, fingen an ihn zu kritisieren, oder wandten sich gleich von ihm ab. Er sollte zwar noch die Titel Hofrat und Geheimen Hofrat durch den sächsischen König erhalten (1898 und 1906), aber trotz aller Erfolge begann sein Licht zu verglühen. Er war inzwischen fast völlig taub geworden, konnte aber immerhin noch im Februar 1912 die Aufführung seines Christus-Myteriums als Triumph live miterleben. Im November des gleichen Jahres bekam er eine Lungenentzündung, die dazu führte, dass er bis zu seinem Tode das Haus nicht mehr verlassen konnte. Er verstarb schließlich am 25.Februar 1913 an einem Schlaganfall.

Noch einige Jahre nach seinem Tode dirigierten Größen wie Arthur Nikisch, Fritz Reiner, Hans Pfitzner und der junge Karl Böhm Werke von ihm. Doch dann wurde es still um seine Werke. Erst nach der Machtergreifung kamen seine Werke wieder zum Vorschein. Doch das schadete ihm wieder mehr als je zuvor. Nach dem Kriege wurde es dann wieder weitgehend still um ihn.
Maurice inaktiv (16.01.2020, 14:50):
Seine Werke hier mal grob aufgelistet:

Vier Sinfonien - sind bei CPO erhältlich in guten Einspielungen
Ein Violinkonzert e-moll
Ein Klavierkonzert Es-Dur - ist auf CD erhältlich
sieben Sinfonische Dichtungen
Eine Serenade
Sieben Opern
Drei Oratorien
Zwei Requiems
mehrere Chorwerke
Drei Streichquartette
weitere div. Kammermusik
Diverse Klavierwerke
Diverse Lieder

Mehrere Bücher, etwa über Franz Liszts Sinfonische Dichtungen und ein Buch über Richard Wagner

Quelle: Wikipedia, CPO-Booklets aus den Sinfonien
































Hier mal eine Auswahl , die auf CD erhältlich ist. Ich selbst habe die Sinfonien da, die ich auch gelegentlich höre. Ich finde sie sehr gelungen, da sie eben nicht ganz so genau einzuordnen sind. Damit stehen sie für mich durchaus auf einer Ebene mit den Sinfonien von Brahms und Bruckner, auch wenn sie kaum gespielt werden. Eigentlich schade.
Andréjo (16.01.2020, 15:24):
Mit (deutlich) mehr kann ich nicht dienen, aber das Klavierkonzert ist durch Melodik und Struktur sehr hörenswert - was, glaube ich, hier von anderer Seite ebenso gesehen wird. :)

Die Hyperion-CD mit den beiden hübschen Konzerten von Jadassohn hast Du ja oben verlinkt.

:hello Wolfgang
Maurice inaktiv (16.01.2020, 15:47):
das Klavierkonzert ist durch Melodik und Struktur sehr hörenswert - was, glaube ich, hier von anderer Seite ebenso gesehen wird.
Richtig.


Die Hyperion-CD mit den beiden hübschen Konzerten von Jadassohn hast Du ja oben verlinkt.
Auch richtig. Das Klavierkonzert von Hyperion auch. ;)
Andréjo (16.01.2020, 16:39):
Ich wollte eigentlich noch ein "außerdem" ergänzen. :)

Gerade sehe ich, dass es auch noch eine mdg-Produktion des Klavierkonzerts gibt, welche Du oben verlinkt hast.

Hast Du bewusste Erfahrungen mit diesem Label? Bei mir finden sich einige CDs, wobei ich mich erinnere, dass mir die (audiophil realistische) Kontrastdynamik, die diese Firma beansprucht bzw. anstrebt, im Einzelfall missfallen hat. So habe ich das Solo-Cembalo in einem Konzert für Cembalo und Orchester (Frank Martin?) kaum gehört ...
Maurice inaktiv (16.01.2020, 16:54):
Gerade sehe ich, dass es auch noch eine mdg-Produktion des Klavierkonzerts gibt, welche Du oben verlinkt hast.

Hast Du bewusste Erfahrungen mit diesem Label?
Nur wenig. Vielleicht drei oder vier CDs, mehr auch nicht. Da ist mir aber zumindest nichts Negatives aufgefallen, was den Klang angeht. Neu sind die Einspielungen im Hochpreis-Sektor, das ist richtig. Das Label hat ja einige Einspielungen auch von Draeseke gemacht. Leider haben sie nicht noch die 2.Sinfonie einspielen lassen, sonst gäbe es auch immerhin zwei GE der Sinfonien Draesekes.
Sfantu (30.01.2021, 20:35):
Gerade sehe ich, dass es auch noch eine mdg-Produktion des Klavierkonzerts gibt, welche Du oben verlinkt hast.
Die Durchhörbarkeit insgesamt ist besser in der hyperion-Aufnahme. Die Draeseke-MDG-Ausgaben sind klanglich konstant recht dunkel grundiert, die Balance zwischen Solo & Tutti ist jedoch ausgewogen. Weder im Falle von Markus Becker noch von Claudius Tanski wird das Instrument erwähnt - wir dürfen heutzutage aber wohl eh von einem Steinway-Monopolismus ausgehen.
Interpretatorisch sind die Becker- wie die Tanski-Version exzellent. Die cpo-wie die MDG-Projekte zu Draeseke ergänzen sich aufs Schönste. Weigle setzt auf Linearität & Transparenz, Hanson rührt mit großer Kelle an, läßt die Wuppertaler pastos & klanggesättigt aufspielen - beides hat seinen unbedingten Reiz.
Die Tempo-Disposition bei Hanson scheint mir eine Spur schlüssiger.


Hast Du bewusste Erfahrungen mit diesem Label? Bei mir finden sich einige CDs, wobei ich mich erinnere, dass mir die (audiophil realistische) Kontrastdynamik, die diese Firma beansprucht bzw. anstrebt, im Einzelfall missfallen hat. So habe ich das Solo-Cembalo in einem Konzert für Cembalo und Orchester (Frank Martin?) kaum gehört ...

Meintest Du diese CD?

Rudolf Scheidegger, Cembalo,
Musikkollegium Winterthur - Jac van Steen
(SACD hybrid, MDG, 2008)

Habe sie gerade noch einmal durchgehört. Mir scheint auch hier die Balance natürlich. Sicher ist es grundsätzlich etwas heikel, bei konzertanten Werken das Cembalo gegenüber dem Tutti ausreichend zur Geltung zu verhelfen. Hier aber paßt es, wie ich finde.
Sfantu (30.01.2021, 20:41):
Kontakte zu alten Kameraden waren eingeschlafen, mit Richard Wagner brach er, nachdem dieser sich Liszts Ehefrau zugewendet hatte.
Die Aussage ist insofern problematisch, da Liszt nicht verheiratet war. Auch Liszts zahlreichen Liebschaften sowie seinen beiden langjährigen Lebensgefährtinnen hatte sich Wagner - soweit bekannt - keineswegs "zugewandt".
Andréjo (30.01.2021, 21:24):
@ Sfantu: Vielen Dank für Deine Antwort zu der mdg-Produktion mit dem Cembalo-Konzert von Frank Martin. Ich werde es mir wieder einmal anhören!

:) Wolfgang
Philidor (30.01.2021, 23:30):
Kontakte zu alten Kameraden waren eingeschlafen, mit Richard Wagner brach er, nachdem dieser sich Liszts Ehefrau zugewendet hatte.
Die Aussage ist insofern problematisch, da Liszt nicht verheiratet war. Auch Liszts zahlreichen Liebschaften sowie seinen beiden langjährigen Lebensgefährtinnen hatte sich Wagner - soweit bekannt - keineswegs "zugewandt".
:D
Cosima Wagner war nicht Liszts Frau, sondern seine Tochter. Die Mutter von Cosima war die Schriftstellerin Gräfin Marie d‘Agoult.

Cosima war Ehefrau von Hans von Bülow, der zu der Zeit, als das Verhältnis mit Wagner schon bestand, Tristan und Meistersinger uraufführte.

Offenbar konnten die Beteiligten Musik und Privates ganz gut trennen.

Gruß
Philidor

:hello
Sfantu (04.02.2021, 11:25):

Der Thuner See - Ein landschaftliches Tongemälde WoO 27

Thuner Stadtorchester - Laurent Gendre
(CD, live, Σ-Recordings , 2011)

16'22

Wohl der einzige Tonträger mit dieser Sinfonischen Dichtung enthält die Aufnahme des Thuner Stadtorchesters aus einem Konzert vom 8. Juni 2008. Theodor Künzi, Leiter des Thuner Cäcilienchors, entdeckte die Handschrift des 1903 entstandenen & nie im Druck erschienenen Werks 1996 in der Sächsischen Landesbibliothek. Er konnte daraus spielbare Orchesterstimmen einrichten, sodaß die Schweizer Erstaufführung im Jahr 2000 stattfinden konnte. Ein einziges Konzert des WoO 27 war bis dahin für 1919 belegt.
Das gut viertelstündige Tongemälde schildert einen Tag am Thuner See mit anfangs beschaulicher Naturstimmung (wiegende 6/8). U. a. die Holzbläser & die Harfe malen liebliche Laute aus Flora & Fauna. Verhaltenes Donnergrollen aus der Ferne & Wolkenschatten verfinstern die Szenerie nur vorübergehend, es kommt zu einem erneuten, strahlenden Sonnen-Durchbruch in majestätischen, weit ausschwingenden Themen. In der Mitte des Werks brennt Draeseke dann ein Feuerwerk naturalistischer Gewitterszenen ab. Grollendes Blech, knallendes Schlagwerk, unheilsschwangere Chromatik in den Streichern (> beinahe wörtlich aus der "Walküre" entlehnt) - das ist so richtig großes, packendes Drama! Hernach glätten sich die Wogen, die Stimmen dünnen mehr & mehr aus, bis die hohen & höchsten Streicher in einem Lohengrinschen Elysium entschweben.
Sehr plastisch, sehr bildhaft, diese Musik.
Das Orchester hat Profis als Stimmführer & in weiten Teilen der Bläserpulte, ansonsten spielen Laienmusiker. Immerhin stellen sie jährlich 4 Konzertprogramme auf die Beine & gelten als eines der besten Amateurorchester. Dafür ist die Spielkultur bemerkenswert hoch, dennoch wünschte man sich freilich auch mal Einspielungen dieses spektakulären Brockens durch Spitzenensemble.

Die CD ist neu - soweit ich sehe - weiterhin nur über die Website des Orchestervereins zu erwerben.
Sfantu (04.02.2021, 19:17):
Höre mich dieser Tage mal wieder durch die Draeseke-Sinfonien & komme zu dem Schluß: in diesem Schatten-Kabinett gibt es einige Namen, die für mein Empfinden auch weiter getrost im Schatten bleiben dürfen. Wenn aber irgend jemand nicht, dann Felix Draeseke!

Seine Dritte lief heute Nachmittag im Wohnzimmer mit den Niedersachsen & Weigle, den imposanten Trauermarsch als Zugabe. Grandios, wuchtig, erschütternd!

Jetzt am frühen Abend dieselbe Dritte mit den Wuppertalern & Hanson, diesmal im Musikzimmer - okay, anderes set up (& auch schon ein erstes Glas Fendant dazu) - & doch: sie setzen nochmal eine Messerspitze Hingabe drauf.

Auch, wenn Draeseke sicher weiterhin mehr Beachtung verdient: einfach nur beglückend,
solch luxuriöse Darbietungen zur Verfügung zu haben. & das weiterhin zu Schnäppchenpreisen bei jpc.