Cetay (inaktiv) (31.07.2011, 12:15): "Wüsten beziehen sich für mich nicht nur auf die physischen Wüsten aus Sand, Meer, Bergen und Schnee, auf den Weltraum oder leere Großstadtstrassen" (...) "sondern auch auf jenen abgelegenen Innenraum, den kein Teleskop je erreichen wird. Wo man allein ist mit dem Geheimnis und der essentiellen Einsamkeit."
Varèse gilt als der große Einzelgänger in der Musikgeschichte. Seine von Debussy, Strauss und Busoni beeinflussten Frühwerke gingen verloren oder wurden eigenhändig vernichtet. Die erste erhaltene und heute bekannteste Komposition Amériques (1918-22, UA 1926 durch Stokowski) wurde nach seiner Auswanderung in die USA in einem von der Tradition weitgehend unbelasteten Umfeld geschaffen. Die radikal neue Tonsprache, die von den Futuristen und von physikalisch-objektiven Klangvorstellungen beeinflusst war, verleitet dazu, Varèse als großen Einzelgänger und seine Werke als erratische Blöcke zu sehen. Freilich wies Dieter A. Natz in seinem Buch Edgar Varèse - Die Orchesterwerke detailliert nach, dass Amériques voller Zitate, Assoziationen und Analogien steckt, die eine klare Linie zu den großen Vieren Schönberg, R. Strauss, Debussy und Strawinsky zeichnen. Wie üblich reagierten die Kritiker mit an Dummheit nicht zu überbietenden Kommentaren ("Feuer im Bronx-Zoo") auf das Unerhörte, das sie in ihrer schnarchenden Glückseligkeit (Varèse) gestört hat.
Danach ging es Schlag auf Schlag: Bis 1927 entstanden Offrandes für Sopran und Kammerorchester, Octandre für 7 Bläser und Kontrabass, Hyperprism für 9 Bläser und 16 Schlagzeuger, Intégrales für kleines Orchester und Schlagzeug und Arcana für großes Orchester. Hier entwickelte Varèse seine Ideen des Organized Sound weiter und ging dabei weit über die Ideen der Futuristen hinaus. "Musik war für ihn Kunst-Wissenschaft, eine emotionale, politische und ritualistische Kraft, die die Luft in Schwingungen versetzt, den menschlichen Körper in Wallung bringen und die Seele umrühren sollte". Seine Vorliebe für das Schlagzeug bezeugt, dass es ihm darum ging, dass "Musik vor allem physisch aufgenommen werden (müsse), nicht indem man ein harmonisches System versteht und akzeptiert". Mit der Verwendung von Sirenenglissandi wurde der Tonraum zum Kontinuum. Ionisation (1931) für 41 Schlaginstrumente und 2 Sirenen ist die erste klassisch-abendländische Komposition, in der die feste Tonhöhe als Parameter vollständig außer Kraft gesetzt ist. Auf der Suche nach immer weiteren Ausdrucksmöglichkeiten schuf Varèse unter anderem das Stück Density 21.5 für Flöte solo (1936), bei dem auch perkussive Effekte erzeugt werden und verwendete schließlich maschinelle Klänge in seiner Komposition Déserts (1954) für Bläser, Klavier, Schlaginstrumente und Tonband. Sein letztes vollendetes Werk Poème Electronique war folgerichtig eine reine Tonbandkomposition.
Das hinterlasse Oeuvre von Varèse ist so schmal, dass es auf eine Doppel-CD passt. Sein Einfluss ist dennoch weitreichend und weist über die Klassische Avantgarde hinaus; namentlich Frank Zappa hat die Ideen Varèses in der Populärkultur salonfähig gemacht. Zeit- und Geldmangel gelten nicht als Ausreden dafür, sich noch nicht mit Varèse beschäftigt zu haben. Für einen 10er kriegt man eine GA und ist in zweieinhalb Stunden damit durch. Ob man Boulez, Chailly oder Nagano nimmt, ist nicht so wichtig. Die ekstatische Wirkung teilt sich sowohl in der scharf-konturierten Leseart des ersten als auch in der "Le beau nouveau" vermittlenden Deutung des letzen mit. Unverzeihlicherweise fehlt bei beiden das Poème Electronique, weswegen Chailly eine Erwägung wert ist. (Die GA von Christopher Lyndon-Gee (ohne das Poème) kenne ich nicht.) Oder man steigt mit der Pioniertat von Robert Craft ein (wieder aufgelegt als The Varese Album). Die ist klanglich zwar nicht ganz auf der Höhe und auch nicht vollständig -u.a. fehlt Amériques, dafür ist das Poème drauf- aber von der (im Sinne des Zitats ganz oben) verhängnissvoll-drohenden Atmosphäre her unübertroffen.
Alle kursiven Zitate stammen aus dem Buch Ocean of Sound von David Toop (Hannibal 1997)
Cetay (inaktiv) (31.07.2011, 12:47): Col Legno hat unlängst Konzertmitschnitte von den Salzburger Festspielen 2009 veröffentlicht, bei denen Varèse in der Reihe "Kontinente" in den Mittelpunkt gestellt wurde. Mit von der Partie war Martin Grubinger. Wenn der momentane Hype um diesen "Paganini des Schlagzeugs" genutzt wird, um Varese zu verbreiten, soll es nur recht sein.
Nordolf (01.08.2011, 00:52): Danke, lieber Cetay, für diesen kurzen, aber knackigen Einführungstext zu einem wichtigen Komponisten! :thanks
Ich verspreche in den nächsten Tagen meine Varese-CD unter dem Dirigat von Pierre Boulez endlich mal wieder zu hören und über Klangeindrücke zu berichten.
Herzliche Grüße! Jörg
Armin70 (01.08.2011, 19:10): Diesen Beitrag über Edgard Varese habe ich zum Anlass genommen, mich mal wieder mit seiner Musik zu beschäftigen.
Da ich zwei verschiedene Aufnahmen (Boulez und Chailly) des Orchesterwerks "Arcana" besitze, habe ich diese mal miteinander verglichen.
Arcana bedeutet soviel wie Geheimnis, Kenntnisse, die wörtlich oder auch sinngemäß in okkulten Mysterien verborgen sind. Während der Komposition, die sich von 1925 bis 1927 erstreckte, beschäftigte sich Varese mit der Philosophie des Arztes und Alchimisten Paracelsus, der im 16. Jahrhundert lebte. Dies schlägt sich in der Partitur nieder, denn sie ist quasi eine Verschmelzung von Vareses Zielvorstellung von einer Musik, welche die ganze Welt des Klangs offenbart und dem Geist der Hermetiker der Renaissance, welche das menschliche Bewusstsein durch den Einfluss der Gestirne erweitern wollten.
Dieses gigantische Orchesterwerk explodiert förmlich in den Weltraum hinein: Ein kraftvoll-hämmernder Beginn mit tiefen Bläsern und Pauken, dazu eine aufwärts strebende dissonante Bläserfanfare lässt die Musik von den Tiefen bis zu den Höhen rasant schnell durchmessen. Diese Komplexe Firgur nannte Varese in Anlehnung an Berlioz "idee fixe", da diese im Werk in abgewandelten Formen immer wiederkehrt.
Andere Motive sind z. B. ein skurriler Militärmarsch für hohe Bläser und Schlagzeug oder seltsam stotternde Fanfarenpassagen. Dazu kommt die gigantische Schlagzeuggruppe, die sechs Musiker beansprucht und die oft als selbständige Einheit erscheint.
Dieses beeindruckende Werk wurde 1927 von Leopold Stokowski uraufgeführt, dem dieses Werk auch gewidmet ist.
Zu den beiden Aufnahmen, die ich von "Arcana" habe:
und
Für mich ist es ehrlich gesagt gar nicht so leicht, meine Eindrücke zu dieser sehr komplexen, vielschichtigen Musik zu schildern, zumal ich mit Vareses Musik nicht so gut vertraut bin. Dennoch kann ich sagen, dass mich diese gigantische Musik schon sehr beeindruckt.
Die beiden Aufnahmen sind meiner Meinung auf sehr hohem Niveau, was auch kein Wunder ist, da zwei absolute Spitzenorchester zu hören sind. Die Chailly-Aufnahme klingt vielleicht sinnlicher bzw. opulenter als die Boulez-Aufnahme, die wiederum für meinen Geschmack damit punktet, dass diese analytischer klingt. Vielleicht ist dies der Vorteil, weil Boulez das Werk auch als Komponist sieht und so tiefer in die Partitur vordringt als wie das bei Chailly der Fall ist.
Zudem trägt der etwas klarere Klang der Boulez-Aufnahme dazu bei, dieses riesige Orchester mit den Klangballungen etwas deutlicher durchhörbar zu machen. Allein die wuchtigen Klänge der Kontrabass-Posaune und der Bass-Tuben sowie die imposanten Schlagzeug-Attacken kommen für meinen Geschmack in der Boulez-Aufnahme prägnanter durch, so dass letztlich für mich Boulez hauchdünn die Nase vor Chailly hat.
Cetay (inaktiv) (06.08.2011, 08:47): Meine favorisierte Komposition von Varèse ist Déserts. In diesem Werk für Bläser (Flöte, Piccolo, 2 Klarinetten /auch Bassklarinetten, 2 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 2 Basstuben, Kontrabasstuba), Klavier und Schlagzeug (5 Spieler) sind alle Trademarks des Komponisten vereint: Blockhaft an- und abschwellende Klangmassen, zusammengesetzt aus ausgehaltenen Einzeltönen und fanfarenartigen Attacken in extremen Lagen (etwa Basstuba vs schrill pfeifende Piccolo) und einem hochdifferenziert eingesetzten Schlagwerk. Weiter kommen 3 Tonbandzuspielungen vor, die als Einschübe mit den 4 Orchesterteilen abwechseln. Varèse nahm unter anderem Klänge in Fabriken, Eisenhütten und Sägewerken auf und bearbeitete das Material in Pierre Schaffers Studio de musique concrète.
Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen surrealer Schönheit und beklemmender Kälte. Die trotz der häufigen Ballungen erschreckend karg wirkende Klanglandschaft (Klangwüste trifft es genau) zielt auf den von Varèse beschworenen abgelegenen Innenraum ... mit dem Geheimnis und der essentiellen Einsamkeit - und landet bei mir einen Volltreffer. :times10
Déserts wurde am 2. Dezember 1954 von Herman Scherchen im Pariser Theatre des Champs-Elysees uraufgeführt - am Ort der Uraufführung des Sacre und einen ähnlichen Skandal provozierend. Das Konzert wurde im Rundfunk übertragen und ist als Tondokument erhalten:
Die links gezeigte CD enthält noch ein Interview mit dem Komponisten. Wer des Französischen nicht mächtig ist, greift besser zur rechten, die obendrein bei Bedarf noch die schnelle Flucht in die vertrauteren Klangwelten von Schubert, Mozart und Purcell ermöglicht. http://www.smileygarden.de/smilie/Schilder/vorsicht.gif Gewarnt sei vor Boulez, der bei beiden Einspielungen (CSO und Ensemble ic) die Tonbandinterpolationen weggelassen hat. Das ist zwar "erlaubt", aber das Werk verliert.
Nordolf (06.08.2011, 14:51): Ich habe diese CD mit Kompositionen von Varese unter dem Dirigat von Boulez:
Ionisation (Pierre Boulez / Members Of The New York Philharmonic 1977) Ameriques (Pierre Boulez / New York Philharmonic 1977) Arcana (Pierre Boulez / New York Philharmonic 1977) Density 21.5 (Flöte: Lawrence Beauregard 1984) Offrandes (Soprano: Rachel Yakar // Pierre Boulez / Esemble InterContemporain 1984) Octandre (Pierre Boulez / Esemble InterContemporain 1984) Integrales (Pierre Boulez / Esemble InterContemporain 1984)
Boulez interpretiert hier mit Klarheit und Transparenz, mit hoher Wucht bei den Crescendo-Stellen und mit einer gewissen scharfen Geschliffenheit, die sehr gut zu dieser Musik passt. Mir hat es besonders Vareses wohl bekanntestes Werk "Ameriques" für großes Orchester angetan, das 1926 uraufgeführt wurde (Boulez braucht für das Stück ca. 24 Minuten). Es entstand unter dem Eindruck der Stimmungen in der Stadt New York. Nach dem Willen des Komponisten soll es allerdings den Aufbruch zu neuen Ufern und Welten, zu unentdeckten Ländern der Erde und des Geistes symbolisieren. Die Stimmung hat stellenweise etwas Exotisches an sich und erinnert an einen Abenteuerfilm – manchmal meine ich den Einfluss südamerikanischer Rhythmen herauszuhören. Diese sind natürlich durch die schrille expressionistische Klangsprache stark verfremdet. Ebenso lassen sich hier viele an Debussy gemahnende Momente ruhiger Klangmalerei finden. Auffällig sind auch die hohen pfeifenden Töne, die eine gewisse „Angststimmung“ erzeugen. Genau wie in "Ionisation" verwendet Varese bei diesem Werk eine Sirene, die ebenfalls einen paranoiden Anstrich in die Musik bringt. In den letzten vier Minuten des Werkes gibt es einen eindrücklichen, peitschenden Rhythmus zu hören, der mir unter die Haut geht. Die "neuen Welten" Vareses scheinen recht gefährlich zu sein.
Ürsprünglich erforderte das Werk eine noch größere Besetzung im Orchester – 1927 reduzierte Varese die Anzahl der Musiker. Insbesondere gab es statt 13 jetzt nur noch 9 Percussionspieler. Hat irgendjemand eine Ahnung, ob es eine Einspielung der Originalversion von "Ameriques" gibt? Die mir hier vorliegende Einspielung scheint die revidierte Version zu sein.
Herzliche Grüße! Jörg
Armin70 (06.08.2011, 15:16): Hallo Nordolf,
die Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Varese mit Chailly enthält die Originalfassung von "Ameriques":
Auch diese Aufnahme enthält die Originalfassung:
Ich kenne diese Fassung aber nicht, da ich auch nur die revidierte Version in der o. g. Aufnahme mit dem CSO und Pierre Boulez kenne.
Die Chailly-Doppel-CD scheint sich tatsächlich zu lohnen, da hier auch "Deserts" mit den von Cetay erwähnten Tonbandinterpolationen enthalten ist.
Cetay (inaktiv) (06.08.2011, 18:52): Wenn ich mir die überschwengliche Rezension vom notorischen Oberverreisser Hurwitz oder die von Gramophone durchlese, dann scheinen die beiden Naxos-Bände mehr als eine Alternative zu sein. Auch hier ist Déserts ganz zu hören und für Komplettisten sind noch Vervollständigungen von Fragmenten und unvollendeten Werken drauf.
Edit: jetzt ist es auf die korrekte Hurwitz-Rezi von Vol. 1 verlinkt
Cetay (inaktiv) (11.09.2012, 00:26): http://ecx.images-amazon.com/images/I/51YQqU8o0qL._SL500_AA300_.jpg Varèse; Complete Works Vol. 1; New York Wind Ensemble, Julliard Percussion Orchestra, Frederic Waldmann (Dir.), Rene Le Roy (Flöte)
Integrales Density 21.5 Ionisation Octandre Interpolation 1-3 für Tape (aus Dèserts)
Eben hörte ich diese Aufnahme und war erstaunt wegen der sehr dürftigen Klangqualität. Bei Nachforschen erfuhr ich, dass sie aus dem Jahr 1950 stammt und im Beisein des Komponisten entstanden ist. Ich war bislang der irrigen Annahme, Robert Craft wäre der Pionier gewesen. Der etwas topfige Mono-Sound steht den Stücken gar nicht schlecht und die ungeschliffene Spieltechnik verleiht vor allem den Integrales eine besondere Intensität. Letzlich ist es jedoch die historische Bedeutung, die das Album für harte Fans interessant macht (zumal es sich um das Album handelt, das Frank Zappa so beeindruckte). Interpretatorisch und vor allem klangtechnisch ist alles andere in diesem Faden Vorgestellte besser. Der Titel des Albums ist irreführend, weitere Volumina hat es nicht gegeben, weil die Plattenfirma bald Pleite ging.
Cetay (inaktiv) (02.02.2014, 11:35): Ich höre gerade eine mir bislang entgangene Aufnahme und muss mir kräftig die Ohren reiben. Artur Weisberg verpflanzt auf dieser 1972 entstandenen Einspielung Varèse kurzerhand in das gemeinsame Territorium von Spätromantik und Expressionismus und übersetzt das physikalisch-objektive Ideal vom organisiertem Klang in packende Dichtungen von einer klanglichen Opulenz und erschütternden dramatischen Wucht, die mich schier vom Stuhl bläst. Das ist vermutlich nicht das, was der Komponist im Sinn hatte und in der Regel halte ich nicht viel von offenhörbar auf emotionale Überwältigung zielenden Interpretationen, aber in diesem Fall muss ich kapitulieren und das als unbedingt hörenswerte alternative Deutung von Varèses Werk einstufen:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51f1ikoO19L._SL500_AA240_.jpg Offrandes / Intégrales / Octandre / Ecuatorial; Jan DeGaetani (Mezzosopran), Thomas Paul (Bass), Contemporary Chamber Ensemble, Arthur Weisberg
Als Authentizitätsfanatiker kann man sich auch in der Klassischen Moderne austoben. Von Amériques existieren zwei Versionen, das Original von 1922 und die vom Komponisten re-orchestrierte Version, mit Streichungen, Ergänzungen, Verschiebungen, sowie einigen geänderten Dynamik- und Spielanweisungen von 1927. Varèse hat diese Änderungen direkt in der publizierten Edition der Originalversion vorgenommen, Stellen geschwärzt, Seiten überklebt, handschriftliche Korrekturen gemacht und so weiter. Nun ist aber die publizierte Edition der Originalversion scheinbar voller Fehler im Vergleich zu Varèses Manuskript und wurde von ihm offenbar nicht Korrektur gelesen, so dass nicht nur die Fehler mitübernommenen wurden, sondern offenbar einige Entscheidungen bei der Revision durch Fehler beeinflusst wurden. Zu allem Überfluss hat Varèse noch weitere Änderungen an der Masterkopie der 1927er Ausgabe vorgenommen, nachdem diese bereits publiziert war. Chou Wen-Chung hat sich nun dran gemacht das alles (und noch mehr; die ganze Geschichte kann man -> hier nachlesen) richtigzustellen und dank der eben gehörten Neuaufnahme wissen wir nun, wie es wirklich gedacht war. Wie wirken sich die Unterscheide aus? Dramatisch! Das hört sich völlig anders an, als alle anderen Einspielungen des Stücks. Varèse kommt mit einem Male als freundlicher Tondichter in der Tradition von Strauss und Debussy daher - alle Ecken und Kanten sind weg, klangliche Härten (z.B. die charakteristischen schrillen Bläser) sind totale Fehlanzeige. Das eignet sich herrlich zum kuscheln in der Badewanne bei Rotwein und Kerzenlicht; aber bitte nicht den Weichspüler im Badewasser vergessen. Natürlich hat das nichts mit den Korrekturen an der Edition zu tun, sondern mit der Interpretation, die eine ähnliche diskographische Sternstunde darstellt, wie seinerzeit Karajans Aufnahme von Stravinskys Sacre. Man kann Varèse sicher so spielen - vielleicht haben sich ja alle anderen Interpreten getäuscht, einschließlich derer, die den Komponisten noch kannten? Und ich bin ein Befürworter der Interpretationsfreiheit und Vielfalt. Möglicherweise findet gar der eine oder andere Neuton-Phobiker, der die CD wegen Dvorák in die Hände bekommt, gefallen daran und wird konvertiert. Kein Fehler. Aber höchstwahrscheinlich hat das mit den Intentionen des Komponisten nicht allzu viel zu tun - und die löblichen Intentionen einer solchen kritischen Ausgabe werden mehr als konterkariert.
Retrobrain (13.07.2022, 18:37): Tja, nun ist dieser Thread nicht gerade der Neueste, aber Varese sollte nicht vergessen werden.
Ich höre gerade die Decca-Gesamtaufnahme von Chailly an.
Amerique läßt hier und Zitate fallen, aber ich bin recht unsicher, wovon. Manchmal klingt eine Melodie im Hintergrund an. Hier wird vielleicht die Herkunft Amerikas gezeigt? Denn dieses gewaltige Land ist ja kein homogener Block sondern stammt von allen möglichen Nationen ab und hat versucht, die Menschen zu integrieren. Klappt nur allzu häufig nicht. Aber auch das stellt die Musik dar.
Das Poéme ist für das Entstehungsjahr 1958 sicher neuartig und Aufsehen erregend, aber ehrlich gesagt, machen das modernere Elektronikkünstler nach meinem Geschmack besser.
Arcana hingegen ist spannungsgeladen, wenn auch nicht vordergründig geheimnisvoll. Aber die Bedrohung ist da. Aus welcher Richtung wird der Schlag kommen? Wer oder was bedroht uns? Warum? Antworten gibt es darauf nicht, wenn auch hier und da eine Vermutung durchschimmert. Könnte jedem spannenden Film als Soundtrack dienen.
Die weiteren Kompositionen höre ich nach und nach an. :J