Francis Poulenc - Mönch und Lausbub

Rolf Scheiwiller (12.04.2006, 09:13):
Guten Tag zusammen.

" In Poulenc wohnen zwei Seelen, die eines Mönchs und die eines Lausbuben ". So schrieb damals ein franz. Krtiker. Prägnanter kann man es nicht ausdrücken !

Dieser bedeutende Französische Musiker wurde 1899 geboren und starb 1963. Er stammte aus einem berühmten Haus. Der Pharmaciekonzern Rhone - Poulenc ist ein mächtiger seiner Sparte.

In seinen Anfangsjahren hat es Francis Poulenc diebisch Freude gemacht, seine Hörer zu erschrecken und vor den Kopf zu stossen. Ich denke in erster Linie an sein frühes Bühnenwerk " Les Mamelles de Theresias " ( 1944 ). Mir gefällt dieses bizarre , humorvolle Werk.

Wundervolle Kompositionen sind sein " Concert champetre ". Für Cembalo und Orchester. Oder sein " Morgenständchen ". Genannt " Aubade ". Humorvolle, lyrische Musik. Leicht und ohne Grübelei.

Auch bedeutende Klavierwerke stammen aus diesen Jahren.

Später dann in seinem Leben vollzog er eine abrupte Kehrtwendung. Weg von der oberflächlichen Lebensweise. Er widmete sich hauptsächlich geistlicher Musik. Hier schuf er unvergängliche Meisterwerke. Ich denke an sein prachtvolles, hymnisches " Gloria ". Sein " Stabat Mater " und andere.
Am Ende seines Lebens seine Meisteroper. " Les Dialogues des Carmelites " ( 1956 ) Ein einzigartig dastehendes Werk. Das Libretto fusst auf der Novelle " Die Letzte am Schafott " von Gertrud von Le Fort. Die Handlung spielt während der Franz. Revolution. Und wie das endet, kann man sich vorstellen !


Von diesem Meisterwerk hab ich zwei hervorragende CD Einspielungen. P. Dervaux und Kent Nagano. Sowie eine DVD aus der " Opera du Rhin " Strassbourg.Ergreifende Musik.


Gibt es vielleicht unter Euch Hörer, die seine Musik schon länger kennen als ich (ich erst etwa drei Jahre )


Gruss.
Rolf.
Rachmaninov (13.04.2006, 08:15):
@Rolf,

mit Poulenc habe ich bisher recht wenig Erfahrung.

Genauer gesagt kenne ich bisher lediglich sein Konzert für 2 Klaviere und das Klavierkonzert. Beides sehr interessante Werke.
Allerdings war ich beim ersten Hören doch sehr verwundert über diese Art der Komposition.



Für jeden der auf Entdeckungstour oder auf der Suche nach "Neuem" ist sicherlich sehr interessant.
Rolf Scheiwiller (12.04.2006, 09:13):
Guten Tag zusammen.

" In Poulenc wohnen zwei Seelen, die eines Mönchs und die eines Lausbuben ". So schrieb damals ein franz. Krtiker. Prägnanter kann man es nicht ausdrücken !

Dieser bedeutende Französische Musiker wurde 1899 geboren und starb 1963. Er stammte aus einem berühmten Haus. Der Pharmaciekonzern Rhone - Poulenc ist ein mächtiger seiner Sparte.

In seinen Anfangsjahren hat es Francis Poulenc diebisch Freude gemacht, seine Hörer zu erschrecken und vor den Kopf zu stossen. Ich denke in erster Linie an sein frühes Bühnenwerk " Les Mamelles de Theresias " ( 1944 ). Mir gefällt dieses bizarre , humorvolle Werk.

Wundervolle Kompositionen sind sein " Concert champetre ". Für Cembalo und Orchester. Oder sein " Morgenständchen ". Genannt " Aubade ". Humorvolle, lyrische Musik. Leicht und ohne Grübelei.

Auch bedeutende Klavierwerke stammen aus diesen Jahren.

Später dann in seinem Leben vollzog er eine abrupte Kehrtwendung. Weg von der oberflächlichen Lebensweise. Er widmete sich hauptsächlich geistlicher Musik. Hier schuf er unvergängliche Meisterwerke. Ich denke an sein prachtvolles, hymnisches " Gloria ". Sein " Stabat Mater " und andere.
Am Ende seines Lebens seine Meisteroper. " Les Dialogues des Carmelites " ( 1956 ) Ein einzigartig dastehendes Werk. Das Libretto fusst auf der Novelle " Die Letzte am Schafott " von Gertrud von Le Fort. Die Handlung spielt während der Franz. Revolution. Und wie das endet, kann man sich vorstellen !


Von diesem Meisterwerk hab ich zwei hervorragende CD Einspielungen. P. Dervaux und Kent Nagano. Sowie eine DVD aus der " Opera du Rhin " Strassbourg.Ergreifende Musik.


Gibt es vielleicht unter Euch Hörer, die seine Musik schon länger kennen als ich (ich erst etwa drei Jahre )


Gruss.
Rolf.
Rachmaninov (13.04.2006, 08:15):
@Rolf,

mit Poulenc habe ich bisher recht wenig Erfahrung.

Genauer gesagt kenne ich bisher lediglich sein Konzert für 2 Klaviere und das Klavierkonzert. Beides sehr interessante Werke.
Allerdings war ich beim ersten Hören doch sehr verwundert über diese Art der Komposition.



Für jeden der auf Entdeckungstour oder auf der Suche nach "Neuem" ist sicherlich sehr interessant.
Armin70 (04.06.2010, 17:15):
Angeregt durch den Thread über Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmelites“ wollte ich erst einen neuen Thread über Francis Poulenc erstellen aber dann entdeckte ich diesen "angestaubten" Thread und ich dachte, dass es vielleicht doch besser ist, diesen "wiederzubeleben".

Francis Poulenc wurde am 07. Januar 1899 in Paris geboren und er starb am 30. Januar 1963 ebenfalls in Paris. Erste Kontakte mit der Musik bekam Poulenc durch seine Mutter, von der er das Klavierspielen lernte. Er war dann Lieblingsschüler des spanischen Pianisten Ricardo Vines.

Poulenc studierte dann Komposition bei Charles Koechlin. Ab Anfang der 1920er Jahre lernte Poulenc ein Gruppe anderer junger französischer Komponisten um Erik Satie und Jean Cocteau kennen, die sich „Le Six“ nannte. Zu dieser Gruppe gehörten übrigens Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Germaine Tailleferre und eben Francis Poulenc. Ziel dieser Gruppe war es, den Stil des musikalischen Impressionismus zu vereinfachen und klarer zu strukturieren.

Auf einer Reise durch Europa in den 1920er Jahren lernte Poulenc die Komponisten Alban Berg, Anton Webern und Arnold Schönberg kennen. Allerdings hat das in Poulencs Musik keine Spuren hinterlassen.

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung blieb Poulenc in Frankreich. Er erhielt in dieser Zeit immer wieder anonym Texte und Gedichte aus dem französischen Widerstand zugespielt. Darunter auch Gedichte von Paul Eluard. Dessen „Ode à la liberté“, in der offen zum Widerstand aufgerufen wird, vertonte Poulenc in seiner Motette „Figure humaine“ (Das menschliche Antlitz) für Chor a capella. Das Werk wurde 1945 in London uraufgeführt und die französische Erstaufführung in Paris fand allerdings erst 1947 statt und nicht, wie von Poulenc geplant, am der Tag der Befreiung von den deutschen Besatzern.

Poulenc wandte sich erst spät der Oper zu. Seine erste Oper „La Mamelles de Tiresias“ wurde 1947 in Paris uraufgeführt. Seine berühmteste und meistgespielte Oper „Dialogues des Carmelites“ entstand 1957 als Auftragswerk für die Mailänder Scala und wurde dort auch uraufgeführt. Seine letzte Oper „Les Voix humaine“ aus dem Jahr 1959 wurde wieder in Paris uraufgeführt.

Zu seinen wichtigen Orchester- und Instrumentalwerken gehören die Konzerte für: Cembalo (Concert champetre, 1927), 2 Klaviere (1932) und für Orgel (1938) sowie die Ballettmusik „Les Biches“(1922/23). Des weiteren hat Poulenc mit dem Stabat Mater (1950) und dem Gloria (1959) wichtige geistliche Werke komponiert.
Ebenso schrieb Poulenc umfangreiche Kammermusiken für unterschiedliche Besetzungen sowie Lieder, Chorwerke und auch Filmmusiken.

Poulencs Musikstil basiert auf dem Impressionismus mit einer starken Tendenz zum Klassizismus. Des weiteren ließ sich Poulenc auch immer wieder von populären Melodien inspirieren. Poulenc hatte zudem ein untrügliches Gespür für musikalische Einprägsamkeit gepaart mit witzig geistreichen Einfällen, aber ohne dabei banal zu werden.

Poulenc war selbst ein hervorragender Pianist und es gibt einige historische Aufnahmen mit ihm als Solisten oder auch als Liedbegleiter bzw. Mitwirkender in Kammermusikaufnahmen. Ich selbst bin gerade dabei, Poulencs Musik für mich zu entdecken und die (wenigen) Werke, die ich bis jetzt von ihm kenne, machen wirklich Lust auf mehr. Vielleicht können andere hier im Forum ihre Eindrücke und Erfahrungen mit Poulencs Musik schildern bzw. auch Empfehlungen zu Aufnahmen seiner verschiedenen Werke machen.

Gruß
Armin

(Quelle: Wikipedia.de)
Cetay (inaktiv) (04.06.2010, 17:56):
Ich muss feststellen, dass Poulenc ein fast weisser Fleck auf meiner Musiklandkarte ist. Ich habe nur eine einzige CD mit Werken von ihm:

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0034571176239.jpg
Gloria D-Dur; Susan Gritton, Trinity College Choir Cambridge, Polyphony, Britten Sinfonia, Stephen Layton

Ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass der mächtige Eindruck, den diese Aufnahme auf mich macht, zu einem Gutteil von der Art der Interpretation (die ich gerne als britisches Undersatement beschreibe) herrührt. Ein Vergleichshören des Gloria mit der Battle/Ozawa Aufnahme hat das bestätigt, die mehr opernhaft-dramatische Herangehensweise hat mir gar nicht zugesagt.

Über das Stück schrieb ich seinerzeit:

Ganz große Musik, die sich nicht zwischen tiefer Religiösität und übermütiger Expressivität entscheiden kann. Lt. Booklet ist die Harmonik ein Rezept aus Chabrier, Ravel, Fauré, Debussy, Mussorgsky und Satie, gemischt mit "einem Schoppen Couperin und zwei Schoppen Strawinsky". Na dann Prost!
Rideamus (04.06.2010, 18:59):
Welch hübscher Zufall. Gerade höre und sehe ich einen Mitschnitt der Oper LA COLOMBE, die zwar hauptsächlich von Gounod stammt, jedoch nicht unwesentlich und hörbar von Poulen ergänzt wurde. Ein Beweis der Vielseitigkeit dieses am vielseitigsten schillernden Mitglieds der Groupe de Six, der ja erst in seiner religiösen Spätphase zu einem ganz anderen Stil fand, wie wir ihn aus den großartigen DIALOGUES DES CARMELITES kennen.

Trotz meiner Bewunderung für diese Oper, vor allem ihren effektvollen Schluss, ziehe ich den Lausbub vor, denn wie anders ist da doch seine satirische Oper LES MAMELLES DE TEIRESIAS, oder wie noch anders dieser Klassiker der Musik für Kinder:


Ich habe das Stück noch in einer alten Aufnahme mit Poulenc am Klavier und Noel Coward, der den englischen Soundtrack über einer Tonspur spricht, die ursprünglich mit Pierre Fresnay aufgenommen wurde. Üblicherweise wird das Stück, das als Orchestermelodram für Orchester und Erzähler geschrieben wurde, mit Prokoffiefs PETER UND DER WOLF gekoppelt, und die Aufnahme von Georges Pretre mit Peter Ustinov in dieser Kopplung kann ich besonders empfehlen.

Die MAMELLES kenne ich nur in dieser Aufnahme, zu der ich bislang keinen Vergleich habe, weil mir das Stück auif Anhieb eher fremd und daher liegen blieb:


Ich will mir die Aufnahme aber wieder mal anhören, denn der alte Mitschnitt eines Konzertes, in dem Poulenc seine Lieblingssängerin Denise Duval in einem Ausschnitt aus dieser Oper begleitet, ist wirklich verführerisch.

Eines aber sollte man wissen, wenn man sich über die religiösen Werke hinaus mit Poulenc besachäftigen will: wengistens halbwegs ordentliche Französischkenntnisse sind erforderlich - nicht nur um die wichtigen Texte zu verstehen, sondern auch die sehr eng an die Sprache angelehnte Musikalität und erst recht Poulencs Lieder gebührend zu schätzen.

Mehr zu seinen Werken vielleicht später. Ich muss nämlich erst wieder Zeit finden, mich da einzuhören. Für weitere Empfehlungen bin ich aber jetzt schon weit offen.

:hello Rideamus
Armin70 (04.06.2010, 20:56):
Ein Werk von Poulenc, das mir besonders gut gefällt, ist das Konzert für Orgel, Streicher und Pauken in g-moll aus dem Jahr 1938.

Poulenc war durch den Tod eines guten Freundes sehr erschüttert und er unternahm aufgrund dessen 1936 eine Marienwallfahrt nach Rocamadour. Der Tod des guten Freundes und die Marienwallfahrt brachte Poulenc den Glauben wieder nahe und er komponierte ab dieser Zeit verstärkt Kirchenmusik. Allerdings mischen sich in Poulencs Kirchenmusiken, ähnlich wie bei Messiaen, Spiritualität mit weltlicher Sinnenfreude.

Das Orgelkonzert komponierte Poulenc aufgrund eines Auftrags der Prinzessin Polignac, die damals die bedeutenste Musikmäzenin in Frankreich war. Poulenc selbst sagte über dieses Werk: "Das Orgelkonzert nimmt, am Rande meiner religiösen Musik, einen wichtigen Platz in meinem Schaffen ein. Es ist kein >concerto da chiesa< im eigentlichen Sinne, aber durch die Beschränkung des Orchesters auf Streicher und Pauken habe ich eine Aufführung in der Kirche möglich gemacht. Will man einen guten Begriff von der ernsten Seite meiner Musik bekommen, wird man sie hier finden, ebenso wie in meinen religiösen Werken."

Poulenc orientiert sich in dem Orgelkonzert an älterer Musik, z. B. an Johann Sebastian Bach, dessen Fantasie in g-moll BWV 542 hörbar Pate stand und die Poulenc sehr liebte.
Poulenc sagte selbst vielleicht etwas augenzwinkernd: "Das ist nicht der unterhaltsame Poulenc des Konzerts für zwei Klaviere, vielmehr ein Poulenc auf dem Weg zum Kloster, fünfzehntes Jahrhundert, wenn man so will." Es gibt aber auch in diesem Werk die heiteren-pastoralen Töne. Es ist eine interessante Mixtur aus feierlich-ernster und würdevoller Musik auf der einen Seite und dann Zirkus- und Spielbudenklänge auf der anderen Seite.

Noch ein Zitat von Poulenc:
"Wenn ich einerseits religiöse Motetten schaffen konnte und andererseits kleine Lieder, die klingen als könnte man sie in der Rue de Lappe nahe der Bastille vor sich hinsummen, dann kommt das daher, dass ich sowohl das Milieu der Pfarrer wie das der Taugenichtse kenne und liebe."

Das Orgelkonzert erlebte seine Uraufführung im Jahr 1939 in Paris mit Maurice Durufle als Solisten.

Zum Vergleich einmal J. S. Bachs Fantasie in g-moll BWV 542:
Bach

und der Beginn von Poulencs Orgelkonzert:
Poulenc

Ich selbst habe das Werk in folgender Aufnahme:


Simon Preston, Orgel
Boston Symphony Orchestra, Seiji Ozawa
Heike (05.06.2010, 08:30):
Danke Armin für das Rauskramen dieses Threads! Ich bin, nachdem ich die Karmeliterinnen kennengelernt habe, ungeheuer neugierig geworden auf Poulencs Musik und beginne gerade, mich damit zu befassen. Daher bin ich gespannt, was es hier noch für Empfehlungen gibt und lese mit großem Interesse mit.
Heike
Armin70 (05.06.2010, 15:29):
Ein weiteres interessantes Werk von Francis Poulenc, das ich sehr gerne höre, ist das Gloria in G-Dur.

Poulenc komponierte das Werk im Auftrag der Koussevitsky-Foundation zu Ehren des Dirigenten Serge Koussevitsky und dessen Frau Natalia im Jahr 1959. Der Text des Werkes basiert auf dem Gloria aus der römisch-katholischen Liturgie. Das Werk wurde am 21. Januar 1961 in Boston unter der Leitung von Charles Munch mit der Sopranistin Adele Addison, dem ProMusica-Chor und dem Boston Symphony Orchestra uraufgeführt.

Die erste Aufnahme des Werkes wurde ebenfalls im Jahr 1961 gemacht mit dem Dirigenten Georges Pretre und Francis Poulenc war bei dieser Aufnahme beratend dabei und hatte quasi die Gesamtaufsicht.

Das Werk hat 6 Sätze:

1.Gloria in excelsis Deo
2.Laudamus te
3.Domine Deus, Rex caelestis
4.Domine Fili unigenite
5.Domine Deus, Agnus Dei
6.Qui sedes

Das Werk besticht durch eine interessante Mischung aus einem heiteren würdevollen Stimmung und einer fast frivolen Ausgelassenheit an einigen Stellen, insbesondere im 2. und 4. Satz. Ebenso gibt es wundervolle lyrische, fast schon ätherisch schwebende Passagen.

Poulenc bezeichnete sein Gloria auch als „Chor-Sinfonie“. Ähnlichkeiten gibt es durchaus zu Strawinskys „Psalmensinfonie“, insbesondere bei den Ecksätzen.

Francis Poulenc sagte selbst über das Gloria:
„Jetzt ist es nötig, sich auf das Gloria zu richten. Genug Schmerz, genug Leidenschaft ! Zugegeben, vom Stabat Mater an bis zur Voix humaine war das Leben nicht zum Lachen, aber ich denke, dass all die schmerzlichen Erfahrungen zu meiner Bewährung nötig waren. Jetzt ist es genug. Friede...Friede !“
Dieses Zitat stammt aus einem Brief, den Poulenc 1959 an Simone Girard schrieb und er spielt darin an die Verluste aus seinem Freundeskreis in den vergangenen Jahren an (Jacques Thibaud, Paul Eluard, Arthur Honegger, sein Partner Julien Roubert und andere mehr).

Einen kleinen Skandal verursachte das freche Laudamus te. Poulenc hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Er rechtfertigte sich wie folgt: „Ich habe einfach, als ich das Laudamus komponierte, an jene Fresken von Gozzoli gedacht, auf denen die Engel die Zunge herausstrecken, und auch an jene ernsten Benediktinermönche, die ich eines Tages beim Fussballspiel gesehen habe.“

Im Gloria kommen Poulencs „2 Gesichter“ (Mönch und Lausbube) sehr schön zur Geltung.

Die o. g. historische Aufnahme aus dem Jahr 1961 ist zusammen mit dem Orgelkonzert auf dieser Aufnahme enthalten:


Rosanna Carteri, Choeur de la R.T.F, Orchestre National de l`O.R.T.F., Georges Pretre

Ich selbst besitze folgende Aufnahme des Gloria:


Sylvia Greenberg, Choeur de la Radio Suisse Romande, Choeur Pro Arte de Lausanne, Orchestre de la Suisse Romande, Jesus Lopez-Cobos

Vielleicht kennen hier noch andere Forianer/innen weitere Aufnahmen von diesem Werk bzw. können ihre Eindrücke über dieses Werk schildern.

(Quellen: Wikipedia.org und Kirchenmusik.Kirchenkreis-Merseburg.de)
Armin70 (06.06.2010, 00:57):
Francis Poulenc:

Klavierkonzert (1949):
Das Klavierkonzert komponierte Francis Poulenc 1949 in Boston. Es ist, was die äussere Form betrifft, traditionell in 3 Sätzen angelegt:

1.Allegretto
2.Andante con moto
3.Rondeau a la francaise

Damit erschöpfen sich aber auch schon die Gemeinsamkeiten mit traditionellen klassisch geprägten Klavierkonzerten. Schon der erste Satz ist das pure Vergnügen und erinnert an eine Pariser Modenschau: So wie da lauter schöne Mode von schönen Mannequins an einem vorübergeht so schweben im ersten Satz lauter schöne Melodien am Hörer vorbei und entschwinden wieder. Fast schleicht sich dabei ein Gefühl von Wehmut ein. Dieses Gefühl setzt sich im zweiten Satz dann fort. Das wunderschöne Hauptthema wird dezent rhythmisch vom Orchester begleitet.
Das Finale ist geprägt vom Rhythmus des Maxixe (eine Variante des 1920er Tango). Poulenc platziert weiter ein Zitat aus „Swanee River“ in diesem Rondeau als Referenz an das amerikanische Publikum. Dieses Zitat ist aber sehr geschickt in die Partitur eingefügt.

Concert champetre (1927/28):
Dieses Konzert für Cembalo schrieb Poulenc für die Cembalistin Wanda Landowska und gilt als Paradebeispiel für den frühen Klassizismus in Poulencs Stil.

Die drei Sätze lauten:

1.Adagio – Allegro molto – Adagio – Allegro molto
2.Andante: Mouvement de Sicilienne
3.Finale. Presto trés gai

Ein Vorbild war sicherlich Strawinskys Konzert für Klavier und Bläser aus dem Jahr 1924. Beide Werke beginnen mit einer langsamen Einleitung. Insbesondere bei Poulenc erinnert diese gravitätische Einleitung an die barocke französische Ouvertüre. Daran schließt sich nahtlos ein schwungvolles Allegro an.
Einige Passagen erinnern mit ihren Ostinati und perkussiven Momenten an Strawinskys „Sacre“ und dann im nächsten Moment meint man einen schönen Chanson zu hören. Poulenc sagte selbst über dieses Werk:“Ich wollte das Werk im Wald von Saint-Leu ansiedeln, wo Rosseau und Diderot spazieren waren, wo sich Couperin und auch Landwoska aufgehalten hatten.“

Wanda Landowska, die das Konzert 1929 unter der Leitung von Pierre Monteaux uraufgeführt hatte, fühlte sich durch dieses Konzert „völlig unbeschwert und fröhlich“.

Dieses Konzert klingt wunderbar verrückt, charmant und witzig und beim Anhören weiß man, woher der Komponist der Filmmusik zu den „Miss Marple“-Filmen seine Inspiration her hatte.

Konzert für 2 Klaviere (1932):
Poulenc komponierte dieses Konzert als Auftrag für die Gönnerin und Mäzenin Prinzessin Polignac. Das Werk ist eine abwechslungsreiche Aneinanderreihung der verschiedensten musikalischen Elemente und Assoziationen.

Die Satzbezeichnungen lauten:

1.Allegro non troppo
2.Larghetto
3.Finale. Allegro molto

Der erste Satz klingt wie eine Mischung aus Strawinsky, Prokofjew, Rachmaninow und französischem Varieté. Ebenso vermeint man gegen Ende des Satzes plötzlich ein asiatisches Gamelanorchester zu hören. Poulenc hörte bei der Pariser Weltausstellung 1931 balinesische Klänge und dies fand in diesem Konzert dann seinen Ausdruck.
Der zweite Satz beginnt als hätten die beiden Solisten versehentlich eine Mozart-Partitur aufgeschlagen und beginnen, daraus zu spielen. Im weiteren Verlauf verändert sich die Musik aber wieder und klingt nach Poulenc, wobei sich auch eine Prise Chopin und Rachmaninow dazu gesellen.
Im dritten Satz brennt Poulenc ein wahres Feuerwerk ab. Neben Varieté-Klängen sind auch Jazz-Anklänge a la Gershwin zu hören.

Die Kunst von Poulenc besteht meiner Meinung darin, dass trotz der vielen Anklänge an unterschiedliche Stile und Anleihen an andere Komponisten die Werke letztlich dann doch nach einer geschlossenen Einheit klingen. Poulenc behandelt die verschiedenen Stilelemente spielerisch leicht wie ein Akrobat, der mit Bällen, Kegeln und anderen Gegenständen gleichzeitig in einem atemberaubend schnellem Tempo jongliert.

Empfehlenswerte Aufnahmen dieser Werke sind sicherlich diese:







http://ecx.images-amazon.com/images/I/51dxtIg4M0L._SS500_.jpg









(Quellen: oehmclassics.de, kheitmann.com, collegiummusicumbasel.ch)
Armin70 (07.06.2010, 17:32):
Abschliessend möchte ich noch auf 2 Werke hinweisen, welche für die ernste Seite, also den Mönch, bei Francis Poulenc stehen:

Litanies á la Vierge Noire

Dieses Werk stammt aus dem Jahr 1936 und ist geschrieben für Frauenchor und Orgel. Auslöser für dieses Werk war der bereits an anderer Stelle angesprochene Tod von Pierre-Octave Ferraud, eines guten Freundes von Poulenc, im gleichen Jahr. Poulenc fühlte sich danach wieder verstärkt dem katholischem Glauben hingezogen. Aufgrund dessen unternahm er eine Pilgerreise zur Kathedrale Notre Dame in Rocamadour, die in den Bergen im Südwesten von Frankreich liegt. In dieser Kathedrale befindet sich die Statue der Jungfrau Maria, die aus schwarzem Stein gehauen wurde.

Poulenc verfasste den Text selbst, angeregt durch Gespräche während seiner Pilgerreise mit anderen Pilgern. Er sagte selbst: „Der Text ist ein Appell an die heilige Dreieinigkeit und an die Barmherzigkeit und das Verständnis.“

Der dreistimmige Frauenchor-Satz ist liedhaft geprägt und vermeidet herkömmliche Kadenzen. Gleichzeitig ist dieses Werk sehr anrührend und ergreifend gestaltet. Hinzu kommt der dazu stimmige Orgelpart, der auf das nur wenig später entstandene Orgelkonzert hinweist. Es gibt auch eine alternative Fassung wo der Orgelpart für Streicher und Pauken umgeschrieben ist. Meistens wird aber die originale Orgelfassung verwendet, weil diese doch besser zu der schlichten religiösen Stimmung des Werkes passt.

Die Litanies á la Viege Noire weist ebenso auf die Melodik und Harmonik der Gesänge der Karmeliterinnen aus seiner 1957 entstandenen Oper „Dialogues des Carmelites“ voraus, d. h. Poulenc hatte sich beim komponieren dieser Oper sicherlich an seine frühere Komposition erinnert und Teile der Stimmung dort wieder aufgegriffen.

Stabat Mater

Poulenc komponierte das Stabat Mater im Jahr 1950 unter dem Eindruck vom Tod des Künstlers Christian Berard, mit dem Poulenc sehr gut befreundet war. Zunächst beabsichtige Poulenc ein Requiem zu komponieren aber er entschied sich dann nach einem Besuch der schwarzen Jungfrau Maria in Rocamadour, den mittelalterlichen Text des Stabat Mater zu vertonen.

Komponiert ist das Werk für Solo-Sopran, Chor und Orchester. Die Uraufführung fand 1951 beim Musikfestival in Straßburg statt und war schnell sehr erfolgreich. In den USA gewann das Stabat Mater im gleichen Jahr den „New York Critics Circle Award“ für die beste Chorkomposition.

Das Werk ist aufgeteilt in 12 Sätze:

1.Stabat Mater dolorosa (Chor)
2.Cujus animam gementem (Chor)
3.O quam tristis (Chor a capella)
4.Quae moerebat (Chor)
5.Quis est homo (Chor)
6.Vidit suum (Sopran und Chor)
7.Eja mater (Chor)
8.Fac ut ardeat (Chor a capella)
9.Sancta mater (Chor)
10.Fac ut portem (Sopran und Chor)
11.Inflammatus et accensus (Chor)
12.Quando corpus (Sopran und Chor)

Das Werk ist beherrscht von einer dramatischen Grundstimmung. Beeindruckend sind die Kontraste in dem Werk: Einerseits gibt es Passagen voller Wucht mit dem ganzen Einsatz von Chor und Orchester, daran vielleicht an Strawinsky erinnernd. Das sind z. B. eindrucksvolle Trauermarsch-Passagen und schroffe Blechbäsereinsätze. Daneben gibt es aber auch einige hell und leichte, fast lyrisch-ätherische Momente in dieser Komposition.

Insgesamt kann man das Stabat Mater als „dunkles“ Gegenstück zum „hellen“ Gloria bezeichnen.

Oft werden beide Werke zusammen aufgenommen, da diese gut miteinander harmonieren. Aufgrund der Kürze der Werke passen meistens Gloria, Stabat mater und Litanies a la Vierge noir auf eine CD.













Im Internet fand ich noch eine interessante und qualitativ sehr gute Aufnahme des Stabat Mater aus Japan mit der Sopranistin Ranko Kurano, dem Chor der Tokyo University of the Arts und dem NHK Symphony Orchestra unter der Leitung von Charles Dutoit.


(Quellen: Wikipedia.org, classicalarchives.com)
Armin70 (21.06.2010, 20:51):
La voix humaine

Francis Poulenc komponierte seine letzte Oper im Jahr 1959. Dieses Werk basiert auf einem Libretto von Jean Cocteau, das auf seinem gleichnamigen Drama aus dem Jahr 1932 zurückgeht. Die Uraufführung fand am 6. Februar 1959 in der Pariser Opera-Comique. Poulenc komponierte dieses Werk für die französische Sopranistin Denise Duval, die auch in der Uraufführung die Solopartie sang. Die musikalische Leitung hatte George Pretre.

Die Handlung:

Eine junge Frau in ihrem Appartement. Sie telefoniert mit ihrem Liebhaber, der ihr am Telefon sagt, dass die Beziehung beendet ist und er in Kürze eine andere Frau heiraten wird. In den knapp 50 Minuten, die das Werk dauert, wird geschildert, wie die Frau in einer Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung, Trauer, Enttäuschung und Wut versucht, ihren Liebhaber zurück zu gewinnen. Die Frau versucht an ihren Liebhaber zu appellieren, indem sie ihn an die schönen Seiten ihrer Beziehung erinnert und in ihrer Verzweiflung geht sie sogar soweit, dass sie bereit ist, sich ihrem Liebhaber vollkommen hinzugeben und sich für ihn erniedrigt.

Erschwert wird die Kommunikation durch ständige Unterbrechungen und Störungen der Telefonverbindung, die sinnbildlich für das gestörte Verhältnis des Paares steht.

Als sie schließlich erkennt, dass dies alles nichts hilft und die Trennung unvermeidlich und nicht rückgängig zu machen ist, scheint sie dies alles äußerlich zunächst ruhig und gefasst aufzunehmen. Dann aber, nach dem sie zum letzten Mal ihre ewige Liebe zu ihrem Ex-Liebhaber hinausschreit, stranguliert sie sich selbst mit dem Telefonkabel.

Jean Cocteau war nach der Uraufführung begeistert über Poulencs Musik. Poulenc folgt in seiner Musik Cocteaus Vorlage in jeder Nuance. Hier ist nichts von den locker-leichten Melodien, die man aus Poulencs anderen Werken kennt, zu finden. Die Musik dieses Monodramas ist äußerst expressiv und dramatisch. Der Sopranistin wird alles abverlangt, was man sich an musikalischem Ausdruck vorstellen kann: seufzen, flüstern bis hin zum verzweifelten Aufschrei. Der Gesangspart hat nichts mit lyrischen Legatolinien oder gar Belcanto zu tun. Das ist z. T. eine regelrechte „Tour-de-force“ für die Solistin, die nicht nur den sehr schwierigen Gesangspart meistern muss, sondern die auch ganz allein auf der Bühne ihre Rolle füllen muss.

Trotz oder vielleicht gerade wegen des schwierigen und anspruchsvollen Gesangsparts haben in der Vergangenheit viele große Sängerinnen dieses Werk gesungen., z. B. Karen Armstrong, Dame Josephine Barstow, Dame Gwyneth Jones, Dame Felicity Lott, Catherine Malfitano, Julia Migenes Johnson, Jessye Norman, Renata Scotto, Anja Silja, Elisabeth Söderström, Galina Vishnevskaya, um nur einige zu nennen.

(Quellen: Wikipedia.org, eroica.com, oper-leipzig.de)
Heike (21.06.2010, 21:35):
Hallo Armin,
da mir "Les Dialogues des Carmelites" auf Anhieb auch musikalisch so gut gefallen hat (und da ich expressives oft mag) finde ich das interessant. Aber der Plot klingt ja wie Ingmar Bergmans schlimmste Szenen einer Ehe! Das macht jedoch neugierig.


Ich habe mich ja inzwischen zum großen Fan von Poulencs Gloria entwickelt. Das ist so eigenwillig und originell umgesetzt (verstärkt durch die komischen französischen Betonungen) und zudem wunderbar abwechslungsreich gemacht, dass ich tottraurig bin, dass er keine vollständige Messe geschrieben hat. X(

Im Urlaub habe ich dann auch noch im Radio die Ozawa- Aufnahme gehört und mich sofort unsterblich in die Sopranistin (Kathleen Battle) verliebt, also die CD ist schon unterwegs zu mir und dann werde ich auch das Stabat Mater kennenlernen. Poulenc ist wirklich eine richtige Entdeckung!
Heike
Sfantu (05.07.2010, 14:59):
Hallo Heike,

Zugriff auf nähere (Booklet-, Kammermusikführer-) Informationen zu Poulencs Flötensonate habe ich unter der Woche leider nicht, da ich nur am Wochenende zu Hause sein kann. Daher hier nur eine kurze Charakterisierung der Sätze: In I, Allegro malinconico, singt sich das Solo in erzählender (klagender? zu sich selbst sprechender?) Weise aus. Stünde da nicht "melanconico", ich hielte es ebenso gut für ein entspanntes, hier und dort von Schönwetterwolken getrübtes Bild eines Sommertages im Park bei süssem Nichtstun unter schattenspendenden Bäumen. Das in den letzten Takten wiederholte fragende Hauptthema bricht jedoch inmitten der Phrase ab, bleibt unbeantwortet...

II, Cantilena. Elegisch, ausgesprochen arios. Hier wird schon Ernsteres ausgesprochen, die anfängliche Plauderei weicht dem eigentlichen Anliegen, es wird Tieferes erkundet. Wie ernst ist diese Klage?

III, Presto. Fast überrumpelt wird man durch diesen etwas überdrehten Kehraus. Zu sehr hängt man dem Träumerischen des Mittelsatzes nach, hat noch nicht alles erfasst geschweigedenn eingeordnet. Schnitten nicht immer wieder Reminiszenzen an Motivfetzen aus den vorangegangenen Sätzen Inseln der Besinnung und der Innenschau in diese ausgelassene musikalische Kissenschlacht, der Kontrast wäre doch zu krass, zu unorganisch. Mönch und Lausbub gewissermassen also auch hier.

Ich bin kein allzu grosser Ferund Flöte-Klavier. Hier nimmt sie mich ungemein gefangen, bezaubert auf nicht gekannte Weise. Ein ganz wertvolles kleines Werk - wohl nie ganz begreifbar und doch eine enge Freundin und Vertzraute - tief in mein Herz geschlossen!

Vielleicht mal Appetithäppchen anhören und abwägen - mein Favorit ist bis auf Weiteres: Patrick Gallois mit Pascal Rogé, Decca, ca. 1983, zusammen mit anderen Kammermusikwerken von Poulenc. Wenn ich die irgendwo noch auf Vinyl fände - nicht auszudenken... :down
Sfantu (05.07.2010, 18:15):
O wie ich das hasse, zu entdecken, dass ich meinen Beitrag nicht sorgfältig korrekturgelesen habe!

In Zeile 13 muss es heissen: Ich bin kein allzu grosser Freund der Kombination Flöte-Klavier...

Übrigens - kann Armins Plädoyer für das Klavier-Doppelkonzert nur beipflichten. Sehr hörenswert, unterhaltsam, abwechslungsreich - leider ein bisschen zu kurz - man verspürt den Appetit, sich daran satt zu hören, da ist es auch schon wieder vorbei.

Besitze eine Einspielung mit Beteiligung Poulencs als einer der Solisten von ca. 1960 unter Pretre bei EMI: sicher aufschlussreich, ein Dokument, klanglich in Ordnung (gute, frühe Stereo-Qualität), die zweite in meiner Sammlung ist allerdings meine klare Favoritin und hiermit wärmstens empfohlen: Francois-René Duchable, Jean-Philippe Collard, Rotterdams Philharmonisch Orkest - James Conlon, 1984 bei Erato erschienen, inzwischen in der Apex (Budget)-Serie wiederaufgelegt, mit dabei das Klavierkonzert und Aubade. Klanglich brillant und durchhörbar, das Perkussive herrlich zur Geltung bringend, mit der nötigen Würze, den idealen Tempi und dem rechten Instinkt sowohl für das Lyrische wie für Spielwitz und Theater-Aplomp.
Ein Muss, wie ich finde!
Heike (05.07.2010, 18:59):
Vielen Dank lieber Sfantu, das klingt sehr interessant.
Heike
Armin70 (06.07.2010, 21:32):
Hier noch ein paar Erläuterungen zu weiteren verschiedenen Werken von Francis Poulenc:

Les Biches (Ballett-Suite):

Francis Poulenc komponierte dieses Werk im Jahr 1923 für Serge Diaghilev's „Ballet Russes „. Der Name „Biches“ ist eine umgangssprachliche kokette Bezeichnung für junge attraktive Damen. In dem Handlungsplot geht es dann auch hauptsächlich um das amouröse Flirten und das Liebesspiel von jungen Frauen und Männern.

In den einzelnen Sätzen der Suite wird das muntere Treiben und die verschiedenen frivolen Spielereien spritzig-leicht in Musik umgesetzt. Francis Poulenc jongliert brilliant mit den verschiedensten musikalischen Stilen. Manchmal blitzen Mozart und Strawinsky durch die Partitur durch.

Les Animaux modeles:

Übersetzt heisst das nichts anderes als „Die Tiere als Modelle“. Zu diesem Ballett aus dem Jahr 1942 schrieb Poulenc selbst die teils surrealistisch anmutende Geschichte. Inspiriert wurde er durch die Tier-Fabeln von La Fontaine.
Die Handlung spielt an einem heißen Tag im Juli irgendwo auf dem idyllischen Land. Eine Zikade spielt die Violine, ein Löwe ist in ein hübsches Mädchen verliebt, Hähne bekämpfen sich bis auf das Blut usw. Gleichzeitig ist dieses Werk aber auch eine Parabel auf die Situation im damaligen Frankreich, das damals von Deutschland besetzt war.
Poulenc komponierte dazu eine sehr intensive Musik und dieses Werk beinhaltet sicherlich einige der schönsten musikalischen Ideen Poulencs.

Aubade – Concerto choreographique:

Die Besetzung dieser Komposition aus dem Jahr 1929 ist für Klavier und 18 Instrumente und ist eine Mischung aus Klavierkonzert, Ballett und Kammermusik.
Aubade ist eine moderne Version von Rameaus Opern-Balletten und musikalisch stehen Poulencs „Eckpfeiler“ Mozart und Strawinsky bei einigen Passagen Pate. Gleichzeitig zitiert Poulenc einige seiner eigenen Werke, z. B. Klavierkompositionen.
In der Ballett-Handlung, die dem Werk unterlegt ist, geht es vereinfacht gesagt um die Diana, der Göttin der Jagd, welche die Protagonistin ist. Diana ist zum ewigen Jagen verdammt aber sie hat dazu schlicht und einfach keine Lust mehr und sie entdeckt die Liebe. Schliesslich wirft sie ihren Pfeil und Bogen weg, um ein neues Leben anzufangen.

Bei der Uraufführung ignorierte der Choreograph, George Balanchine, Poulencs Vorstellungen, wie die Inszenierung auszusehen hat: Balanchine wählte einige männliche Tänzer aus, welche die Tänzerin der Diana umrahmen. Poulenc wollte aber ein reines Frauen-Ballett, d. h. ohne männliche Tänzer mit nur einer Tänzerin in der Rolle der Diana.

Letztlich hat sich Aubade aber als Konzertstück etabliert und bildet ein interessantes Seitenstück zu den anderen Konzerten für Tasteninstrumente.

Le bal masque (Kantate für Bariton und Kammerensemble):

Dieses Werk aus dem Jahr 1932 gehört wohl zu den skurrilsten Kompositionen Poulencs. Vertont sind darin einige surrealistische Gedichte von Max Jacob (1876 – 1944). Dieses Werk komponierte Poulenc auch bewusst als Gegensatz zu den ernsten, streng atonal komponierten Werke der sog. „Zweiten Wiener Schule“. Der Text, der fast an den Dadaismus erinnert, findet in Poulencs Musik seine ideale Umsetzung, die heiter, ironisch und fast schon sarkastisch klingt.

Sinfonietta

Das Werk entstand im Jahr 1948 als Auftragskomposition der BBC. Es handelt sich hierbei um absolute Musik, d. h. es liegt kein Programm zugrunde. Trotzdem ist es kein trocken, akademisch klingendes Werk. Poulenc komponierte sicherlich kein tiefgründiges Orchesterwerk und er hatte überhaupt nicht die Absicht, eine dramatische Sinfonie zu schreiben. Sein Ziel war es, ein Orchesterwerk zu schaffen, welches den einzelnen Orchestergruppen Gelegenheit bietet, ihre musikalische Brillianz zu zeigen.

Sonate für 2 Klaviere

Diese Sonate aus dem Jahr 1952 gehört zu den anspruchsvollsten Werken, die überhaupt für 2 Klaviere komponiert wurden. Die Musik ist dramatisch und hoch-virtuos zugleich. Es gibt z. B. Anklänge an Kirchenglocken und Glockenspielen, die von den Klavieren imitiert werden. Den beiden Solisten/innen wird an technischer Raffinesse alles abverlangt.
Die Sonate für 2 Klaviere ist das passende Gegenstück zum fast 20 Jahre früher entstandenen Konzert für 2 Klaviere.


Quatre motets pour un temps de penitence

Francis Poulenc schrieb seine "Quatre motets pour un temps de pénitence" zwischen Juli 1938 und Januar 1939. Den Motetten 2, 3 und 4 liegen drei Responsorien der Matutin der Karwoche zugrunde. "Timor et tremor" benutzt Verse aus den Psalmen 54 und 30, die Poulenc wahrscheinlich der gleichnamigen Motette von Orlando di Lasso entnommen hat. Poulenc bedient sich in den Motetten einer madrigalistischen Schreibweise mit bildhafter Ausdeutung einiger Textstellen.
In der letzten Motette findet sich ein Sopransolo: Über einem Orgelpunkt auf G vereinigen sich Chor und Solostimme zu einer wehmütigen Litanei.

Un soir de neige

Francis Poulenc komponierte diese Motette nach Gedichten von Paul Eluard innerhalb von nur 3 Tagen, d. h. vom 24. - 26. Dezember 1944. In diesem Chorzyklus verarbeitet Poulenc die überstandene finstere Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs. Man kann quasi von Poulencs „Winterreise“ sprechen. In dunklen, teils unisono geführten Gesangslinien wird das Bild einer dunklen und geheimnisvollen Winterlandschaft geschildert.

Quatre motets pour le temps de Noël

Francis Poulenc komponierte diese Motetten im Jahr 1951/52 und sie sind geprägt von einer heiteren und feierlichen Stimmung.
Der erste Satz, O magnum mysterium, schildert die Geburt des Christkindes und preist die Jungfrau Maria. Im zweiten Satz Quem vidistis pastores dicite berichten die Hirten von der Geburt des Christkindes, begleitet von einem Chor der Engel. Die dritte Motette Videntes stellam schildert den himmlischen Stern und wie die Heiligen Drei Könige dem Christuskind ihre Gaben (Weihrauch, Myrre und Gold) darreichen.
Die abschliessende vierte Motette, Hodie Christus natus est, ist der feierliche Abschluss dieses brillianten Chorwerks.

2 Motetten: Salve Regina & Exultate Deo

Beide Werke entstanden 1941. Salve Regina ist dunkel und vom Charakter her zunächst eher verhalten. Im Verlauf des Werkes ändert sich die Stimmung und die Musik wird dramatischer mit einigen dissonanten Schärfen. Gegen Ende weicht die dramatische Stimmung und das Werk klingt in einer feierlichen Stimmung aus.
Exualtate Deo ist das lichte Gegenstück dazu. Poulenc komponiert einen Chorsatz, der die triumphale Macht Gottes eindrucksvoll zum Klingen bringt.

Messe in G

Die Messe entstand im Jahr 1937 und Poulenc widmete sie seinem Vater. Dieses Werk markiert den Wendepunkt in Poulencs Leben, als er durch den Unfalltod eines engen Freundes sich wieder dem katholischem Glauben zuwandte.
Die Musik ist einerseits erhaben und feierlich aber gleichzeitig strahlt diese Messe eine Leichtigkeit und eine Art heiterer Ernst aus. Dem Chor wird dabei alles abverlangt was man sich gesanglich vorstellen kann. Sehr wirkungsvoll sind die doppelchörigen Effekte, die an die antiphonale Musik der italienischen Renaissance erinnern.
Das Werk verklingt in ätherischen Spähren zu den Worten „Dona nobis pacem“ (Herr, gib uns Frieden).
Die Messe ist vielleicht Poulencs gewichtigster Beitrag zur A-capella-Chormusik und bildet zugleich eine interessante Ergänzung zu den später entstandenen, mit Orchester besetzten, Chorwerken (Stabat mater und das Gloria).

Quatre petites prières de Saint François d'Assise

Diese vier kurzen Gebete des Heiligen Franz von Assisi entstanden 1948 für vierstimmigen Männerchor. Das Werk hat einen archaischen Grundcharakter und Poulenc orientiert sich stilistisch an den Werken französischer Komponisten des 14./15. Jahrhundert. Geprägt sind diese kurzen Chorsätze auch immer wieder mit einigen dissonanten Schärfen.
Sehr gut dazu passen die 1959 komponierten Laudes de Saint Antoine de Padoue, für dreistimmigen Männerchor. Diese vier Chorsätze sind von einer wunderbaren Schlichtheit, die das Werk zeitlos erscheinen läßt.
In der kurzen aber trotzdem sehr schönen Motette Ave verum corpus aus dem Jahr 1952 und in den weltlichen Petites voix aus dem Jahr 1936 beweist Francis Poulenc, dass er auch sehr schön nur für Frauenstimmen komponieren kann.

Noch einige Worte zu den weltlichen Chorwerken von Francis Poulenc:

Als Mitglied der Groupe des Six war Francis Poulenc stark inspiriert von der Poesie Paul Eluards und Guillaume Apollinaires, zwei Hauptprotagonisten des literarischen Surrealismus. Kompositionen für Singstimmen nehmen einen gewichtigen Platz in seinem Oeuvre ein, und vor allem auf dem Gebiet der Chorliteratur kehrte Poulenc, der sich selbst als einen Mann des Liedes bezeichnet hat, immer wieder zu Texten dieser beiden Dichter zurück.
Die 'Chansons françaises‘, acht Chorsätzen nach Volkstexten, komponierte Poulenc im Jahr 1946. Klare Diktion und exzellente Textverständlichkeit, gepaart mit vorbildlicher rhythmischer Präzision, wird vom Chor gleich im ersten Stück mit dem Titel 'Margoton va t’a l’iau‘ gefordert. Die hohen Männerstimmen brillieren in dem schalkhaften 'Clic clac‘, in welchem das Geräusch von Holzschuhtänzern lautmalerisch imitiert wird; vereinzelte intonatorische Ungenauigkeiten werden bei einer solch inspirierten Darbietung gern verziehen. Die Musik lebt von ihrer klassizistischen Schlichtheit, niemals sind die Sätze harmonisch oder kontrapunktisch überladen – die Interpreten treten als einfühlsame Sachwalter dieser im deutschsprachigen Raum zu Unrecht selten aufgeführten Musik in Erscheinung. Am Schluss des burlesken 'Chanson de boire‘, Poulencs erster Chorkomposition von 1922, erscheinen frei einsetzende und gleichsam angeheitert improvisierende Solostimmen und machen diese Pièce zu einem Highlight des Programms.

Es folgen die 'Sept Chansons‘ nach Texten von Eluard und Apollinaire aus dem Jahr 1936. Der kompositorische Ansatz ist hier artifizieller und bedient sich verstärkt impressionistischer Farben. Von ruhiger, choralartiger Atmosphäre geprägt sind 'La blanche neige‘ und 'A peine défigurée‘; das raffinierte 'Par une nuit nouvelle‘ entgleitet nach seinem rhythmisch gefestigten Beginn in metrisch aufgelöste, den Text frei deklamierende Rezitativ-Passagen. In diesem Zyklus zeigt sich Poulenc als versierter Chorkomponist, der gängige Techniken wie Doppelchörigkeit, Imitation, Orgelpunktsatz, exotische Skalen und Mixturharmonik virtuos mit einer höchst individuellen und doch stets grundtongebundenen Tonsprache verbindet.
Armin70 (11.07.2010, 15:56):
Francis Poulenc: Kammermusiken für Bläser

Sonate für Flöte und Klavier

Die Sonate für Flöte und Klavier komponierte Francis Poulenc im Jahr 1957. Eigentlich sollte er im Auftrag der Coolidge-Stiftung in den vereinigten Staaten eine Kammermusik zum Andenken an die verstorbene Stifterin Elizabeth Coolidge schreiben. Elizabeth Coolidge ist die Sonate denn auch gewidmet. In einem Brief hat Poulenc das Stück aber seinem Freund, dem Flötisten Jean Pierre Rampal zugeeignet: " Ich kannte E. C. nicht, darum ist das Stück meiner Meinung nach das Deine." Rampal hat beim Chesterverlag eine Ausgabe der Sonate herausgegeben, die aber inzwischen wiederum revidiert worden ist, da ziemlich große Differenzen zwischen Poulencs und Rampals Texten bestanden. Die Sonate ist ein hoch emotionales Stück, dessen Partitur mit Vortragsbezeichnungen von "melancholisch" bis "bissig" versehen ist.

Die Sonate, die eines von Poulencs populärsten Werken werden sollte, wurde im Juni 1957 beim Festival von Straßburg von dem Flötisten Jean-Pierre Rampal und dem Komponisten am Klavier uraufgeführt.

Im Januar 1957 hatten seine Dialogues des Carmélites an der Mailänder Scala ihre erfolgreiche Premiere erlebt, und Poulenc erläuterte seinem Biographen Henry Hell in einem Brief, dass die einfache und doch kunstvolle Schreibweise der Flötensonate harmonisch an die Opernpartie der Novizin Schwester Constance erinnere. Der erste Satz, Allegro malinconico, bringt kontrastierende Stimmungen und enthält ein besonders markantes Hauptthema. Der zweite Satz, Cantilena, stellt eine bewegende Melodie vor, indessen Harmonik und Textur des Klavierparts von trügerischer Einfachheit sind. Das Werk endet mit einem raschen, freundlichen, wiederum leuchtend klaren Presto giocoso, dessen lebhafter Verlauf kurz von einer nachdenklicheren Passage unterbrochen wird.

Sie birgt einen riesigen emotionalen Spannungsbogen in sich und ist eine der beliebtesten modernen Flötensonaten.


Sonate für Klarinette und Klavier

Die Klarinettensonate komponierte Poulenc im Jahr 1962 und zählt zu seinen letzten Kompositionen vor seinem Tod im Januar 1963. Poulenc widmete das Werk „In memoriam Arthur Honegger“.

Der erste Satz, Allegro tristamente, wird von einer kurzen Einleitung mit sprunghafter Intervallfolge und fragmentarischer Motivbehandlung eröffnet. Der witzige Charakter scheint unter der Oberfläche durch. Der erste Satz zeichnet sich darüber hinaus durch die dynamischen Feinabstufungen im piano im intimen Dialog zwischen Klarinette und Klavier aus.

Bereits 1959 entstand der zweite Satz, Romanza, den er ursprünglich unter dem Titel „Andantino tristamente“ einzeln veröffentlichen wollte. Spährisch anmutende Pianissimo-Klänge leiten den im Charakter tiefgründigen Satz ein. Der anschließende Klageruf der Klarinette unterbricht nur kurz die ernste, ruhige und konzentrierte Stimmung, die von einer gleichmäßigen Klavierbegleitung grundiert und von den weit schwingenden Melodieelementen der Klarinette erzeugt wird. Der letzte Satz, Allegro con fuoco, glänzt mit einem Reichtum an prägnantem Themenmaterial und lebt von Farbkontrasten von Hell bis Dunkel. Hochvirtuos setzt Poulenc die Klarinette bis in die höchste Lage ein. Figuratives Spiel und die drängende Motorik lassen Assoziationen zu Scherzi oder Filmkompositionen von Schostakowitsch zu.

Nach Poulencs Tod wurde das Werk bei einem Gedächtniskonzert am 10. April 1963 von Benny Goodman und Leonard Bernstein in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt. Es hat sich sofort einen festen Platz im konzertanten Repertoire der Klarinettisten gesichert.


Trio für Oboe, Fagott und Klavier

Poulenc schrieb das Werk im Jahr 1926 und markiert die Wechsel in Poulencs Stil zum Neo-Klassizismus. In diesem Trio klingen zudem Erinnerungen an die französische Barockmusik mit ihrer Klarheit, Einfachheit, Ausgewogenheit und Humor an.

Auch klingen Passagen dieses Trios z. T. an Haydn, Mozart oder an Saint-Säins` 2. Klavierkonzert. Poulenc zeigt in diesem Werk auch seine Liebe zum Jazz. Das merkt man an einigen Klavierstellen, die vielleicht auch so von Duke Ellington hätten stammen können.


Elegie für Horn und Klavier

Das Werk entstand im Jahr 1957 und ist Dennis Brain, dem legendären englischen Hornisten, der leider viel zu früh tragisch bei einem Unfall ums Leben kam, gewidmet.

Die Elegie beginnt im langsamen ruhigem Tempo mit einem unbegleiteten Hornruf. Mit dem Einsatz des Klaviers ändert sich der Charakter der Musik und wechselt zu einem burlesken Marsch, der von einer grüblerischen Klavierstelle unterbrochen wird und danach setzt der Marsch wieder ein.

Im Anschluss daran kehrt die Musik zur ruhigen und nachdenklichen Ausgangsstimmung zurück und das Werk endet in einer elegischen Klängen.


Sextett für Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott

Das Sextett aus dem Jahr 1929 gehört zu Poulencs beliebtesten Werken und es verbindet französischen Esprit mit emotionaler Tiefe.

Der erste Satz ist wie eine Toccata und erinnert etwas an Strawinsky mit seinem neo-klassischen Charakter. Die Musik ist sehr schnell und das Ensemble hat glänzende Gelegenheit, zu brillieren. Im zweiten Satz wandern die Themenmotive sehr schön durch alle Instrumente, beginnend mit der Oboe, die zum Schluss den Satz beschließt.
Das Finale in Form eines Rondos ist gekennzeichnet durch rhythmische und lyrische Abschnitte und der Abschluss des Sextetts ist wirkungsvoll und effektvoll.


Sonate für Trompete, Horn und Posaune

Diese Sonate komponierte Poulenc im Jahr 1922 und er bezeichnete das Werk später als reine Unterhaltung. Es ist auch nur ein sehr kurzes Werk von knapp 8 Minuten Dauer.

Der erste Satz erinnert mit seinem Thema an ein lustiges Kinderlied. Im zweiten Satz ist die Stimmung ruhig und lyrisch und im dritten Satz befindet man sich wieder in der lustigen und humorvollen Welt des ersten Satzes, in der sich allerdings auch einige dunklere Eintrübungen in Moll mischen.
Das dominierende Instrument in diesem Trio ist eindeutig die Trompete.

(Quellen: www.naxos.com; www.classicalarchives.com; www.kammerkunst.de)
edwin (17.11.2010, 11:06):
Original von Rideamus
Die MAMELLES kenne ich nur in dieser Aufnahme, zu der ich bislang keinen Vergleich habe, weil mir das Stück auf Anhieb eher fremd und daher liegen blieb:


Ich will mir die Aufnahme aber wieder mal anhören, denn der alte Mitschnitt eines Konzertes, in dem Poulenc seine Lieblingssängerin Denise Duval in einem Ausschnitt aus dieser Oper begleitet, ist wirklich verführerisch.

Eines aber sollte man wissen, wenn man sich über die religiösen Werke hinaus mit Poulenc besachäftigen will: wengistens halbwegs ordentliche Französischkenntnisse sind erforderlich - nicht nur um die wichtigen Texte zu verstehen, sondern auch die sehr eng an die Sprache angelehnte Musikalität und erst recht Poulencs Lieder gebührend zu schätzen.
Diese Aufnahme ist leider nur ein ganz kleines Tröpfleinchen auf einem eben aus dem Vulkan geschleuderten Lavabrocken. Sie ist nämlich eine Bearbeitung des Werks für Kammerorchester und damit, ich sag das jetzt ganz ohne Schnörkel, eine Verfälschung dessen, worauf Poulenc so besonderen Wert legte: Des Klanges.

Poulenc sagte einmal, eine gelungene Instrumentierung sei wie eine Sauce: Man müsse nicht herausschmecken, was drin ist, Hauptsache, sie hat Aroma. Die Instrumentierung in den "Mamelles" ist ein Glanzstück sonder Gleichen. Hier ein Harfenglissando, das die Holzbläser färbt, dort ein sanfter Hornton den Streichern beigemischt, dann eine grelle Trompetenattacke, bei der man die Oboenstimme kaum bewußt vernimmt - und so weiter und so fort. Bei den Chansons (ist da am Ende gar Maurice Chevalier Pate gestanden?) glaubt man, irgendeine Tingeltangel-Kapelle zu hören, aber der Klang ist zugleich so unglaublich verfeinert, daß eine sanfte nostalgische Verklärung über der Musik liegt.

Nachdem dies alles gesagt ist, kommen wir zum Problem der "Mamelles": Dem Inhalt. Das ist eine Burleske um einen Mann, der zur Frau wird, um immer mehr Kinder gebären zu können. Guillaume Apollinaire hat sich das ausgedacht. Zentraler Satz: "Hört her, Franzosen, die Lektion des Krieges
Macht Kinder, ihr, die ihr bis jetzt kaum welche gemacht habt - Geschätztes Publikum: Macht Kinder." (Hintergedanke: Damit die Nation "Grand" bleiben möge.) Aber jetzt kommt's: Apollinaire hat etwas als surrealistisches Stück verpackt, was er, als französischer Hurra-Patriot reinsten Wassers, bitter ernst ernst meinte: 1917 bedarf es "Menschenmaterials", um den Ersten Weltkrieg durchzustehen.

Poulenc hat dieses Stück 1945 und 1946 komponiert (UA 1947) - ich werde das Gefühl nicht los (das vermittelt mir der heilige Ernst so mancher Passage zwischen den köstlichen Grotesken), daß auch er die Verluste an Menschenleben reflektierte - diesmal die des Zweiten Weltkriegs - und den Frauen einen patriotischen Rat erteilen wollte.
Heute erscheint das Stück im Licht der Komödie, aber, wie gesagt: Weder Apollinaire noch Poulenc haben von Komödie gesprochen, sondern wertungsfrei von einem "Surrealistischen Drama".

Nun zu den Aufnahmen: Die beste hat wohl André Cluytens gemacht:

Leider gestrichen und nur noch zu Liebhaberpreisen erhältlich. Sie war auch in der Poulenc-Vokalwerke-Box der EMI-Frankreich enthalten. Auch gestrichen.

Zweitbeste Wahl ist Ozawa, bei dem das Werk etwas gar robust daherkommt, aber man hat wenigstens die originalen Farben.

Leider ist auch Ozawa gestrichen, aber die Preise sind wenigstens nicht ganz so hoch wie für die Cluytens-Einspielung.

Was tun? Vielleicht diese Adresse versuchen: http://store.operapassion.com/
Könnt' ja 'was dabei sein. (Mein Tipp: Ja nicht durchscrollen, die Geldkatze wird sonst einer zu radikalen Abmagerungskur unterzogen...)
:hello
Rideamus (18.11.2010, 05:05):
Lieber Edwin,

zunächst einmal ein herzliches Willkommen in diesem Forum. Ich habe zwar in Capriccio Deinen Weggang bedauert und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass er nicht so endgültig und radikal ausfällt, wie er sich anhörte, freue mich aber sehr, dass Du uns nicht ganz verloren gehst, sondern hier weiter machst. Ich hoffe - sicher mit allen, die des gleichen Weges daher kamen -, dass auch Dir diese Alternative auf Dauer gefällt. Wenn der Ton die Musik macht, bist Du hier jedenfalls richtig.

Besonders freut mich natürlich, dass Du mit den MAMELLES gleich ein im Ansatz stecken gebliebenes Thema aufgreifst, auch wenn die von Dir vorgeschlagenen Alternativen nicht ohne Weiteres greifbar sind. Einen Ausschnitt der von Dir erwähnten Aufnahme Ozawas mit Barbara Bonney, der mir sehr gefällt, kann man immerhin hier hören: http://www.youtube.com/watch?v=m1c36oICRe8&playnext=1&list=PL407CF42013DC295E&index=1
In der Nachbarschaft dort gibt es auch noch weitere Eindrücke von dem Werk, die mir besser gefallen als meine genannte Aufnahme. Drunter findet sich auch der Prolog auf deutsch hier: http://www.youtube.com/watch?v=DX9UDAGj0wI. Auch hier gilt allerdings, dass bei Poulenc mit der Originalsprache Wesentliches verloren geht. Womöglich erklärt die Uminstrumentierung, warum ich mit dem Werk nicht recht warm werden konnte, das mir alllerdings auch thematisch fremd bleibt.

Neulich fand ich im Web übrigens eine Aufzeichnung einer Aufführung des Werkes vom Mai diesen Jahres im Liceu von Barcelona mit Maria Bayo und Gabriel Bermudez unter der Leitung von Josep Vicent. Wer des Spanischen mächtig ist, kann sich über diese Produktion hier informieren:
http://www.liceubarcelona.cat/detall-obra/obra/les-mamelles-de-tiresias-1.html

Ich muss mich mit der Aufnahme erst selbst mehr vertraut machen, bevor ich mich dazu äußern kann, aber der erste Eindruck ist vielversprechend. Vielen Dank für die Motivation, mich mal wieder mit diesem doch sehr faszinierenden Stück zu beschäftigen

:hello Rideamus
Fairy Queen (18.11.2010, 09:55):
Ich freue mich auch riesig, dass Edwin hierher gefunden hat. Wenn man die notwendige Zeit und die Nerven hat kann man auch in zwei Foren sein (manche schaffen sogar noch mehr...), aber Eines ist für mich sicher: in diesem Forum lebt es sich absolut friedlich und konfliktfrei. Wenn angebliche "Unruhestifter" hier noch niemals mit irgendwem ernsthafte Probleme hatten und ebensowenig nie einer Zensur unterworfen wurden, hat das durchaus Gründe, die jenseits dieser Mitglieder liegen.

Was Poulenc angeht, den ich ausserordentlich schâtze: seine phantastische Oper "Les dialogues des Carmelites" hat einen eigenen Thread, aber was ist mit den Liedern?
Hier schonmal eine Gesamtausgabe auf CD:



F.Q.
edwin (18.11.2010, 17:04):
Liebe Fairy Queen,
ja, die Lieder Poulencs. Ein unerschöpflicher Kosmos. Für mich gehören viele sie zum besten, was an Liedern existiert, denn Poulenc ist nicht nur ein wunderbarer Komponist, er trifft auch eine fabelhafte Textauswahl. Im Grunde sind seine Texte eine perfekte Auswahl französischer Lyrik - subjektiv, aber mit untrüglichem Geschmack.
Sein Lieblingsdichter war wohl Paul Eluard.
Eluard, im deutschen Sprachraum viel zu wenig bekannt, begann als Surrealist, gab allerdings bald das "automatische Schreiben" (also die unreflektierte Wortaneinanderreihung) zugunsten formvollendeter Gedichte auf. Vom Surrealismus bleibt die ungewöhnliche Metaphorik und der Wortreichtum der Sprache. Eluard ist dabei einer der großen Liebesdichter des 20. Jahrhunderts.
Poulenc vertont zahlreiche seiner Gedichte, als kleine Anregung will ich jetzt nur den Zyklus "Tel jour telle nuit" nennen, einen der größten Liederzyklen, den die Musik des 20. Jahrhunderts hat. Fast unverschämt tonal, noch dazu C-Dur, ist der beginn des ersten Liedes "Bonne journée": Die Singstimme, eingebettet in den Klavierklang, entwickelt eine breite Melodie, allmählich leuchten Chromatizismen aus dem Satz hervor und verleiehn ihm ein Parfum, wie es wohl nur ein französischer Komponist zu mischen versteht.
Träumerisch gibt sich das zweite Lied, "Une ruine coquille vide" mit zarten Dissonanzen, die die Harmonik mehr aufhellen als sie zu trüben. Dann folgt ein Lied im typischen Poulenc'schen Chanson-Stil: "Le front comme un drapeau perdu" könnte vielleicht auch von Maurice Chevalier gesungen worden sein. Die sanfte Nostalgie verwandelt sich im folgenden "Une roulotte couverte en tuiles" zu einer trotzigen Groteske mit einigen harmonischen Seltsamkeiten - ist es Zufall oder Absicht, daß Poulenc die Chromatik vom ersten Lied bis zu diesem immer weiter ausbaut? "À toutes brides" ist dann wieder im Chanson-Tonfall, aber er ist etwas ramponiert. Und dann folgt ein Wunder: "Un herbe pauvre" ist vollendete Schönheit. Es hat etwas von stiller religiöser Ekstase und ist doch menschlich zugleich. Die Melodie ist von solcher Zärtlichkeit, daß man gar nicht merkt, wie intellektuell perfekt sie aufgebaut ist. In den stützenden Akkorden ist die Schönheit zu Klang geworden. Mit "Je n'ai envie que de t'aimer" holt Poulenc den Zuhörer aus den Gefilden verklärten Lauschen wieder zurück - das ist saftig, zum Mit- oder Nachsingen, frisch und bunt. In "Figure de force brûlante et farouche" hämmert das Klavier leidenschaftlich und die Stimme legt sich etwas wie Italianità zu, richtig aufgeplustert wirkt diese Nummer (ich bin sicher, Poulenc hat verschmitzt gelächelt, wenn er sie am Klavier begleitet hat). Das letzte Lied des Zyklus schließt im Gestus an das erste an, doch "Nous avons fait la nuit" geht weit darüber hinaus. Es ist ein großer, dabei sanfter Hymnus, eine weitgeschwungene, sich permanent entwickelnde Melodie von vollendeter Schönheit. Sie mündet in ein Klaviernachspiel, das etwas von Schubert hat und doch ganz französisch ist in seinem Duft.
Ein Liederzyklus, der in 25 Minuten eine ganze Welt entwirft...
:hello
Armin70 (18.11.2010, 21:39):
Die Sendung "Diskothek im Zwei" von dem Sender DRS2 beschäftigte sich in der Folge vom 31.05.2010 mit Francis Poulencs wunderbarem "Gloria". Man kann sich die Sendung in kompletter Länge noch anhören und zwar hier.

Wer es eilig hat, der kann sich bei den "Downloads" auf der Homepage Anschauen, welche Aufnahmen bei dieser Sendung vorgestellt wurden und welche Aufnahme letztlich bei der Expertenrunde am besten abschnitt. Ich möchte das Ergebnis auch nicht verraten aber nur soviel, dass ich vollkommen die gleiche Meinung habe wie die Expertenrunde.
Fairy Queen (19.11.2010, 09:35):
Lieber Edwin, ich kann im Moment leider aus zeitlichen Gründen leider keine ausführlichen kommentare/Besprechungen machen, aber in Sachen Eluard kann ich ich Dri nur 100% Recht geben. Neben Aragon und René Char gehört er zu der Triade divine de la poésie française des 20 Jh.
Ein Liebesgedicht das beginnt: "La terre est bleu comme une orange" (Die Erde ist blau wie eine Orange) muss ienem erstmal einfallen!
Und das Wagnis, Gexihte zu vertonen, ist umso grösser je kunstvoller die Gedichte shcon an sich sind. Nur die ganz grossen Komponisten schaffen den Spagat aus ganz grosen Gedicihten auch ganz grosse Lieder zu machen. Um einige Beispiele zu nennen Schubert, Schumann, Mendelssohn, Grieg... Fauré, Debussy, Duparc, Poulenc.
Victor Ullmann konnte das auch.
Wer nur mittelmässige oder schlechte Texte vertont hat, wird seine Gründe für diese Wahl gehabt haben.
Ich habe in der Liederwelt von Poulenc jedenfalls ncoi hEiniges zu entdecken. in frankreich sind seine Werke beleibt udn viel gespielt/gesungen. Lieber Armin, danke fûr den Tipp.
:hello