Fairy Queen (10.04.2010, 17:49): Ich habe diese Woche in der BSO München eine Aufführung dieser in Deutschland serh selten gespielten Oper sehen können, aber ehe ich eine Kritik hier ins Forum setze, sollte man vielleicht mal allgemein etwas zu dem Werk sagen. Les dialogues des Carmelites wurde 1957 in Mailand und in Paris uraufgeführt mit einem Libretto , das Poulenc selbst nach einem Theaterstück von George Bernanos, das wiederum auf einer Novelle von Gertrud von Le Fort beruht, geschrieben hat.
Man spürt sehr deutlich Poulencs Auseinandersetzung mit dem Glauben und der katholischen Religion und beides ist auch zentrales Thema in Bernanos Gesamtwerk. Eine Oper, die ganz ohne die üblichen Verdächtigen Liebe, Eifersucht, Leidenschaft auskommt und deren Haupt-Thema die Angst und deren Überwindung ist, ist schon etwas Besonderes. Es gibt sehr wenig äussere Handlung, die eine dramaturgische Umsetzung erleichtert, dafür umsomehr Stoff zum Diskutieren und Reflektieren. Ich finde diese Oper faszinierend, was gleichermassen am Stoff wie an der musikalischen Umsetzung liegt. Poulenc, der zu der groupe de six gehörte findet einen Weg jensets des Atonalen und des Epigonalen und ist besonders begabt darin, das Orchester in allen Farben leuchten zu lassen. Die Musik ist so gut hörbar und ausdrucksstark, dass selbst eingefleischte Gegner der Moderne nicht abgeschreckt werden, aber dennoch auch Avantgardisten nicht pfeifend den Saal verlassen. Der Schluss dieser Oper ist ener der ergreifendsten, die je geschreiben wurden und geht bei einer richtigen Inszenierung durch Mark und Bein. In München bin ich diesbezüglich leider serh enttäuscht worden, da wurde am Ende gegen POULENCS Musik und nciht nur gegen das Libretto inszeniert; dazu aber später.
Das Ganze spielt in der Zeit der frz. Revolution und beruht zu Teilen auf einer historischen Begebenheit im Kloster von Compiegne. Die Hauptfigur ist aber erfunden. Blanche de la Force wird von furchtbarer Lebensangst gepeinigt, ihre Mutter starb bei ihrer Geburt nach einem Unfall. Sie verlässt Vater und Bruder, die sie nie als eigenständige Persönlichkeit anerkannt haben und geht in ein Karmelitenkloster um die schrecklilche Welt und all ihre angstmachenden Umstände zu fliehen.
Sie findet eine Gemeinschaft von Frauen vor, die musikalisch serhr gut charakterisiert werden, jede Schwester hat ihre besonderen Eigenschaften. Die lebensfrohe immer optimistische Constance bildet z.B. einen Gegenpol zu Blanche. Die alte Priorin nimmt Blanche unter ihre Fittiche und erkennt sic hin ihr wieder: beide hatten denselben Ordensnamen gewählt:" Soeur Blanche de l'agonie du Christ". Von der Todesangst Christi.
Diese Oberin stirbt ganz unerwartet einen serh serh schweren Tod, voller Angst, Hoffnunglosigkeit und Verzweiflung, der ihrem tiefen Glauben Hohn zu sprechen scheint. Später wird das von Constance so interpretiert, dass sie nciht ihren eigenen Tod gestorben ist sondern stellvertretend für einen anderen Menschen dessen Tod auf sich genommen hat. Einer der stärksten und bewegendsten Gedanken des Stückes für mich. Wie Christus für die Menschheit stirbt, stirbt hier die Oberin für Blanche und nimmt ihr damit den eigenen Tod bzw die Todesangst ab.
In den antireligösen Wirren der frz. Revolution werden die Schwestern nun gezwungen, ihren Orden aufzulösen. Unter der Federführung der resoluten und dogmatischen Mere Marie entscheiden sich alle ausser Blanche für den Martyrer-Tod. Die neue Oberin kommt zu spät, um ihr Veto zu geben .Für sie bestimmen nicht die Menschen selbst ob sie zu Martyrern werdesondern Gott allein und sie sieht darin eine Form grössten Hochmuts, sich selbst dazu zu machen. Constanze ist überzeugt, dass Blanche zurückommt, denn sie ist ihr im Traum erschienen,aber Blanche ist inzwischen Dienstmagd und eine Begegnung mit Mere Marie, die bei ihrer Familie in Paris ist und deren Los ist, nciht mit den Schwestern sterben zu dürfen, verstärkt nur ihre panischen Ängste.
Die Schwestern werden schiesslich zum Tode verurteilt, weil sie von ihrer Gemeinschaft nicht ablassen und besteigen eine nach der anderen die Guillotine. deise Szene ist so grandios komponiert, wie man sich nur denken kann. Der ganze Nonnenchor singt ein Salve Regina und bei jeder guillotinierten Schwester hört man einen dumpfen Trommelschlag und der Chor wird dünner. Das ist wirklich erschütternd und macht das ganze Grauen wie auch den tiefen Glauben serh plastisch Am Ende bleibt noch Constanze mit ihrer Engelstimme( hohe Sopranrolle) Im letzten Momet kommt aber dann Blanche, die mit einem Schlag all ihre Angst überwunden hat und sie geht freiwillig mit ihren Schwestern in den Tod und wird als letzte Opfer des Fallbeils. Die Oper endet mit dem Schlag, der sie köpft.
DVD, CD Empfehlungen usw erbitte ich von anderen, z.B. Rideamus, der das Werk auch so liebt wie ich,denn ich habe derzeit keinen Zugriff, da am Laptop meiner Schwester eine Kritk der Münchner aufführung, die musikalisch erstklassig war, kommt noch dieser Tage nach
Heike (10.04.2010, 22:33): Liebe Fairy, danke für diesen Thread (das ist natürlich super, dass du die Oper so ausführlich vorstellst, ehe du deine Rezension schreibst - da wird man gleich noch neugieriger!) Ich kannte die Oper nicht, bin aber unlängst schon durch ein gewisses Rätsel darauf aufmerksam geworden (ich hoffe, ich verrate damit nicht zu viel) und daher freue ich mich besonders auf weitere Anmerkungen oder Empfehlungen dazu. Heike
Rideamus (11.04.2010, 02:00): Liebe Fairy,
ich würde zwar nicht vorbehaltlos unterschreiben, dass ich das ganze Konversationsstück Poulencs so liebe wie Du, aber mindestens das letzte Bild ist in der Tat eines der großartigsten und effektsichersten Stücke, die je komponiert wurden.
Wer es sich in einer stückgerechten Inszenierung vorweg nehmen möchte, was nicht ungefährlich für den Eindruck des Vorangegangenen ist. kann anhand von John Dexters ausdrucksstarker Insezenierung an der MET hier tun: http://www.youtube.com/watch?v=GcUXp-fpiD0&feature=related
Was komplette Aufnahmen betrifft, so gibt es auf cd wohl nur eine rückhaltlos überzeugende Wahl, nämlich die sehr stimmige Aufnahme von Paul Dervaux mit Denise Duval als Blanche und Régine Crespin als Priorin:
Ich kenne allerdings die Alternativen nicht. Eigentlich sollte man die Oper nach Möglichkeit auch sehen, deshalb empfehle ich eine dieser beiden DVDs:
. Robert Carsens versierte Mailänder Inszenierung überzeugt mich dabei noch mehr als die auch recht gute von Marthe Keller in Strasbourg, für die aber die bessere musikalische Realisierung spricht, denn Muti dirigiert doch etwas unflexibel, und allein die Constance von Patricia Petibon ist ein starkes Argument für die französische Einspielung. Sie soll übrigens in der neuen Wiener Inszenierung Robert Carsens in einem Jahr unter Bertrand de Billys Stabfürhung die Blanche singen, was jeden zum Hingehen motivieren sollte, der irgend kann, denn das könnte die ideale Version werden.
Gut bedient ist man aber auch mit beiden genannten DVDs, da es eine komplette Einspielung der MET-Inszenierung von 1977 mit Jessyen Norman und Maria Ewing leider nicht auf DVD, sondern allenfalls auf dem grauen Markt gibt, wie der YouTube-Ausschnitt zeigt.
Einen EIndruck von der Münchener Inszenierung erhält man übrigens hier: http://operntv.eviscomedia.com/media.1054.html
Mehr zu dieser Oper schreibe ich gerne, wenn ich an die Auflösung des entsprechenden Rätsels komme, was leider noch ein wenig dauern wird.
:hello Rideamus
Severina (11.04.2010, 10:47): Original von Rideamus
Robert Carsens versierte Mailänder Inszenierung überzeugt mich dabei noch mehr als die auch recht gute von Marthe Keller in Strasbourg, für die aber die bessere musikalische Realisierung spricht, denn Muti dirigiert doch etwas unflexibel, und allein die Constance von Patricia Petibon ist ein starkes Argument für die französische Einspielung. Sie soll übrigens in der neuen Wiener Inszenierung Robert Carsens in einem Jahr unter Bertrand de Billys Stabfürhung die Blanche singen, was jeden zum Hingehen motivieren sollte, der irgend kann, denn das könnte die ideale Version werden. Mehr zu dieser Oper schreibe ich gerne, wenn ich an die Auflösung des entsprechenden Rätsels komme, was leider noch ein wenig dauern wird.
:hello Rideamus
Lieber Rideamus,
meine Karte habe ich schon bestellt und freue mich bereits jetzt darauf!! Ich gehe allerdings davon aus, dass es wird sich um keine komplette Neuinszenierung handelt, Carsen wird lediglich seine Mailänder Produktion überarbeiten und auffrischen (Ebenso wie mit seiner "Semele" aus Zürich!). Was ich persönlich nicht schlimm finde, weil ich sie nicht kenne und sie daher für mich auf jeden Fall neu ist! :D
lg Severina :hello
Fairy Queen (12.04.2010, 08:41): Wie schön, dass diese Oper nun öfter gegeben wird! Ich kann sie wirklich jedem empfehlen, der sich im Opernhaus mal auf etwas Anderes einlassen möchte als Liebe und Leidenschaft. Auf Berichte zu den jeweiligen Inszenierungen bin ich dann sehr gespannt. Danke an Ridemaus für die Einstellung der CD/DVD Empfehlungen. Zu der Münchner Aufführung:
Inszenierung: Dmitri Tcherniakov Musikalische Leitung : Kent Nagano
Blanche de la Force: Susan Gritton Madame de Croissy(Priorin): Sylvie Brunet Madame Lidoine: Soile Isokowski Mère Marie: Susanne Resmarck Soeur Constance: Hélène Guilmette Marquis de la Force: Alain Vernhes Chevalier de la Force(Bruder): Bernard Richter uva Bayrisches Staatsorchester und Opernchor
Die Oper wird von Tcherniakov aus dem Klosterkontext komplett herausgenommen und in ein zeitgenössiches Ambiente versetzt. Die Kostüme können von den 30iger Jahren bis heute Alles sein. Sie kann überall auf der Welt spielen, wo es Staatsgewalt, Ideologie,und Gruppen, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen, gibt. Da der Text sehr viel katholische oder zumindest religiöse Elemente enthält, ist es schwierig, komplett von der Religion zu abstrahieren. Die Gebete und Gesänge sind nicht wegzuinsznieren. Wer unbedingt will, kann das Ganze aber auch politisch interpretieren- ich will nicht!
Die zwingende Regie- Idee ist, ein kleines(fahrbares) Haus aus Glas und Holzbrettern auf die Bühne zu stellen, in denen sich quasi die gesamte Oper abspielt. Bis auf die Szenen, die bei Poulenc ausserhalb des Klosters stattfinden, ist dieses Haus Handlungsort. Die Fenster können undurchsichtig gemacht werden, um die Isolation und Abschottung noch zu verstärken. Ich finde diese Regieidee bestechend und serh gut gelungen. Blanche flieht hier wirklich ganz demonstrativ und für Alle verstehbar und fühlbar vor der Welt in einen Innen-Raum, der ihr Schutz geben soll.
Das erste Bild, noch vor Beginn der Oper, setzt sich davon umso klarer ab: eine lärmende Menschenmenge auf irgendeinem Platz in irgendeiner grauen düsteren Stadt.
Die Bühne ist bis auf dieses Haus vollkommen leer und wirkt riesengross. Die Menschen die darauf agieren, sind einsam und verloren, alles ist grau und öde- ein eindrucksvolles Bild!
Der Personenregie wird angescihts dieser sehr kargen Szenerie natürlich grosse Bedeutung zuteil und die Sänger sind gottseidank entsprechend gecastet. Sie verkörpern die einzelnden Charaktere in überzeugender Weise und sichern damit das Gelingen der Inszenierungs-Idee. Allen voran Susan Gritton als Blanche, die diese zerrissenen und neurotischen Charakter serh gut darstellt und singt, auch wenn mir ihre Stimme als solche nicht gefällt. Die "schönen" Stimmen haben die Figuren, die am meisten in sich ruhen und die die positivste Lebenshaltung haben: Constance und Mme Lidoine. Wenn das bewusst so gewählt ist, mein grösstes Kompliment für dieses subtile Casting! :down Gesanglich und musikalisch sind aber eigentlich alle Leistungen auf der höchsten Ebene anzusiedeln, man merkt doch gleich , zu welcher Liga die BSO München gehört. Ich war zum ersten Mal dort und von den Ausmassen des Hauses serh überrascht- zumal ich in schwindelerregender Höhe sass. Was mir, wie schon oben angedeutet, nicht gefallen hat, ist der Schluss der Oper. Die kollektive Hinrcihtung, die im Libretto und insbesondere in der Musik so eindrucksvoll dargestellt wird, findet bei Tcherniakov nicht statt. In München begehen(planen) die Schwestern kollektiven Selbstmord mit einer Gasflasche. sie schliessen sich in ihrem Haus ein und drehen das Gas auf- Assoziationen scheinen da serh willkommen zu sein, denn um das Haus herum stellen Sicherheitskräfte im Abstand von mehreren Metern eine gelbbespannte Bande auf, an der sich schaulustiges Volk versammelt, aber zurückgetrieben wird. An und für sich ist das ein serh starkes Bild und es verdeutlicht plakativ die Isolation und den gebilligten und "staatlich geschützten" Selbstmord der Gemeinschaft im Haus.
Dann kommt Blanche und schlâgt die Tür ein und rettet eine Schwester nach der Anderen aus dem Haus. Am Ende bleibt sie allein in dem Haus, das explodiert. Grosse Flamme auf der Bühne Alle ausser ihr überleben. Bei aller psychologishcen Kohärenz: das für mich nicht Tragbare ist die Diskrepanz zwischen der Musik und dieser Schlussszene. Poulenc hat ein Salve regina vorgesehen, dass mit jeder guillotinierten Nonne dünner wird. Bis am Ende nur noch ein Duett und ein Engelssolo übrigbleiben. Dazwischen hört man für jede Hinrichtung einen Trommelschlag- eine Kombination die wirklich durch Mark und Bein geht und an Eindringlichkeit kaum zu ûberbieten ist. In München bleibt davon leider nur Rudimentâres übrig. Wenn man will, kann man zwar die Tromelschlâge auf jede gerettete Schwester projizieren, aber das ist m.E. ein Abklatsch und die Musik kommt weit weniger eindringlich rûber. Der Salve regina Chor ist nicht mehr vo nder Szene motiviert und das Ende wirkt sogar abgebrochen und unorganisch. Dieser Schluss ist für mich der grosse Schwachpunkt einer ansonsten hervoragenden Umsetzung des Werks. Da diese Oper nciht sehr bekannt ist, finde ich das serh schade, denn so können Menschen, die eine Gelegenheit haben, das Werk mal kennenzulernen, nur eine in meinen Augen verfälschte Version sehen. Ich bin alles andere als ein Regietheater-Gegner, aber wenn in dieser Weise eingegriffen wird, ist das so, als ob in Carmen plötzlich kein Mord am Ende steht sondern ein Happy End. Schade!
F.Q.
Trotzdem meine Empfehlung an alle, die noch Gelegenheit haben, in der BSO eine Aufführung zu sehen- man denke sich aber bitte den richtigen Schluss dazu......
Severina (12.04.2010, 10:57): Liebe Fairy, Deinen Bericht habe ich schon mit großer Spannung erwartet - vielen Dank!! Ich freue mich nach so vielen positiven Meinungen über dieses Werk nun schon wirklich sehr auf die Aufführung in Wien. Carsen zählt ja zu meinen Lieblingsregisseuren, also werde ich mir einmal die DVD mit seiner Inszenierung besorgen. Ich muss schamrot gestehen, dass ich vor einigen Jahren schon die Gelegenheit gehabt hätte, die Carmelites in Zürich kennen zu lernen, es damals aber vorgezogen habe, den strahlend schönen Nachmittag am Seeufer zu verbringen...... :S
Schön, dass Du wieder da bist!! :leb
lg Sevi :hello
Solitaire (03.05.2010, 17:54): Liebe Fairy, ich habe diesen Bericht erst gerade entdeckt und Danke dir sehr dafür. Ich habe am Samstag und gerade eben viel Zeit damit verbracht, mir auf Youtube diverse Auszüge dieser Oper anzuschauen, darunter verschiedene Versionen des Finales und ich muß gestehen, ich glaube nicht, jemals ein Opernfinale gehört zu haben, daß mich mehr erschüttert hat. Ich bin noch richtig benommen, und auch wenn ich die Oper bisher nie gesehen habe, gebe ich dir recht: man kann die Schlußszene sicher stilisiert darstellen, ohne daß ein wütender Mob und eine Guillotine auf der Bühne zu sehen sind, aber man darf ihren Sinn nicht verfälschen, zumal die Musik eine so deutliche Sprache spricht. Die Schläge der Guillotine sind mir wahrlich durch Mark und Bein gegangen und ich gestehe, daß ich geheult habe wie ein Schloßhund. Wäre mein Mann früher von der Arbeit gekommen und hätte mich "erwischt" hätte er vermutlich gefragt "Is was mit der Omma??" :ignore Ab Oktober wird die Oper in der Rheinoper in Düsseldorf gespielt, und auch wenn Opernkarten im Augenblick ein Luxusgut für mich sind, werde ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen, und wenn ich drei Wochen von Zwieback und Wasser leben muß :B Vorhin nun habe ich noch die schrecken- und mitleiderregende Sterbeszene der Priorin gesehen (Anja Silja), auch hier: die schonungsloseste und realistischste Sterbeszene, die ich bisher aus einer Oper kenne. All die sterbenden Violettas, Mimis, Gildas, Antonias, Werthers etc. lassen ja manchmal den Eindruck entstehen, daß es auf der Welt nix romantischeres nud schöneres gibt als zu sterben, hier nun wird man doch ziemlich hart bei seinen eigenen Dämonen gepackt und ich halte es eigentlich für unmöglich, sich nicht bei dem Gedanken zu ertappen, wie das wohl mal bei einem selber sein wird... Da ich Siljas Französisch nicht verstehe (und es mit meinem Französisch ja ohnehin hapert) , habe ich vom Text nur Bruchstücke verstanden, aber die Musik ist derart kraftvoll und ausdrucksstark, daß das weiter keine Rolle gespielt hat. Ich bin wirklich ergriffen von dieser Musik und konnte der Versuchung nicht widerstehen, bei amazon eine Gesamtaufnahme zu bestellen.
Was nun den Selbstmord via Gas angeht, so muß ich dir gestehen, daß ich so etwas (und zwar unabhängig davon, ob es zur Oper "passt" oder nicht) auf der Bühne unerträglich finde. Die Assoziationen sind einfach zu grausam und ich finde, man sollte nicht einmal in Ansätzen versuchen, das nicht darstellbare darzustellen. Nicht um das Publikum zu schonen, sondern aus Respekt vor den Opfern. Tut mir leid, aber so sehe ich das :(
Fairy Queen (03.05.2010, 21:36): Liebe Solitaire, wenn ich dich lese, weiss ich wirklich ganz genau, warum ich solche zeitaufwändigen Berichte schreibe!!!!! Deine Sätze machen mich richtig froh, auch wenn der Inhalt ja alles Andere als fröhlich ist.
Ja, diese Oper ist wirklich ganz anders als die romantischen Puccinis und Verdis, die den Tod so schön ästhetisieren. Die Priorin stirbt ungetröstet- was für eine Christin in ihrer Position so skandalös ist, dass Mére Marie die Sache vertuschen möchte und sie sogar noch in ihrer letzten Stunde zur Contenance und "Selbstbeherrschung" ruft. Das Mysterium dieses Todes versteht nur die junge, "naive" lebensfrohe Constance: die Priorin stirbt Blanches Tod, um ihr die Angst und die bodenlose Verzweiflung abzunehmen. Eine ergreifendere Metaphern für den Gedanken echter christlicher Nächstenliebe kann man sich kaum vorstellen. So wie Christus für die Menschheit gestorben ist, stirbt hier die Priorin für Blance de la Force.
Dass das Ganze nicht in religiösen Kitsch abgleitet, ist Poulens und Bernanos ganz grosse Kunst und wenn da der Regisseur nciht auf derselben Augenhöhe agiert, wird es schwierig.
Die sehr karge Inszeinierung in München war von der Grundidee m.E. angemessen, nur eben der Schluss..... Die Sache mit dem Gas war so plaktiv nicht, dass automatisch Assoziationen mit Gaskammern kommen mussten, aber sie können natürlich durchaus entstehen, zumal diese gelben Bande rund um das Haus da waren und das gaffende Volk , das nicht eingeschritten ist. Du bist die Erste, die den Vorwurf einer Verhöhnung oder Respektlosigkeit der Opfer ins Spiel bringt- das ist nciht von der Hand zu weisen, auch wenn es wie gesagt, nciht offensichtlich war, zumal es sich um Selbstmord handelte. Aber für mich ging dieser Schluss sowieso nciht, warum, habe ich ja oben erklärt. Ja, das ist eine tief erschütternde Oper und eine kongeniale Verbindung von Libretto und Musik. Poulenc hat sehr viel Herzblut in dieses Werk gesteckt, es hat auch direkt mit seinem Bekenntnis zum christlcihen Glauben und seinem eigenen Ringen um diesen Glauben zu tun. Dieses Zeugnis voller Zweifel und Angst ist soviel menschlicher und glaubwürdiger als ein Martyrertod mit Lâcheln auf den Lippen- das Tief-Menschliche, die Überwindung der eigenen Angst, macht die Grösse des Werkes aus. Als ich diese Oper, vor gar nciht so langer Zeit, zum ersten Mal gesehen habe (auf DVD) war ich ebenso erschüttert wie du. Bei mir war mein Mann aber dabei und genauso getroffen wie ich. Wir konnten danach gar nciht schlafen und haben dann noch das Stück von Bernanos gelesen. Und deshalb tat es mir in München umso mehr weh, dass meine Tochter nur diesen verstümmelten Schluss zu sehen bekam- damit geht einfach ganz ganz viel verloren. Woran man mal wieder sehen kann, wie gross die Verantwortung der Regiesseure ist.
Bitte berichte unbedingt, wie eure Rheinoper das hinbekommt. Die Troyaner von Berlioz haben sie richtig gut gemacht, sie scheinen also im frz. Repertoire was draufzuhaben.
Wenns ganz arg wird mit dem Zwieback, schick ich dir Fresspakete aus Frankreich!!!!!! Das muss mir Poulenc ja doch wert sein. Leider hat sich beim letzten Paket nach München die Post von ihrer allerschlechtesten Seite gezeigt: die gesammelten Leckerlis kamen nciht an- wer weiss, wer die gefuttert hat... meine arme Tochter jedenfalls nciht! :I
F.Q.
Armin70 (03.05.2010, 21:49): Hallo,
da ich aufgrund Rideamus "musikalischer Ostereiersuche" auf dieses Werk aufmerksam wurde, hatte ich mir vor kurzem die DVD mit der Mailänder Inszenierung mit Riccardo Muti bestellt und die kam heute per Post an. Erst wollte ich mir nur eine reine Audio-Aufnahme kaufen aber ich dachte mir dann, dass es wahrscheinlich aufschlussreicher und leichter ist, wenn ich mir eine mir bis dahin unbekannte Oper nicht nur anhören sondern auch anschauen kann. Wenn ich Zeit und Muße finde, werde ich sie mir demnächst anschauen.
Gruß Armin
Heike (03.05.2010, 23:39): Bitte berichte! Ich habe mir ja schon eine Karte für die Aufführung an der DOB in der nächsten Saison gekauft, auch mich hat's angesteckt mit der Karmeliterinnen-Neugier! Heike
Fairy Queen (04.05.2010, 07:12): Solche "Viren" mit hoher Ansteckungsgefahr können gerne ihr Unwesen treiben! :wink Ich bin serh auf eure Eindrücke gespannt. Die Oper bietet auch sehr viel Stoff für inhaltliche Diskussionen.
F.Q.
Solitaire (04.05.2010, 18:15): Hallo Fairy! Seit heute liegt im Büro "Die letzte am Schafott" von Gertrud von Le Fort auf meinem Schreibtisch. Sie hat sich auch dieses Themas angenommen. Wenn ich meinen derzeitigen Historienschmöker ("Die Päpstin". Ja, ich weiß, mußte aber mal sein :cool) durch habe, nehme ich mir die Novelle vor. Das Stück von Bernanos kenne ich als Film mit Jeanne Moreau, der vor seeehr vielen Jahren mal im Spätprogramm lief und mich schon damals gefesselt hat.
Was mich beim Tod der Priorion so entsetzt hat war nicht so sehr das körperliche Leiden (das auch), sondern vor allem das, was du ansprichst: die völlige Verzweiflung und Todesangst in der sie stribt. Für die meisten Opernfiguren kommt ja irgendwann doch der Moment, indem sie ihren Frieden finden, nicht so hier. Die Priorin stirbt in der Tat "ungetröstet".
Das Mysterium dieses Todes versteht nur die junge, "naive" lebensfrohe Constance: die Priorin stirbt Blanches Tod, um ihr die Angst und die bodenlose Verzweiflung abzunehmen. Eine ergreifendere Metaphern für den Gedanken echter christlicher Nächstenliebe kann man sich kaum vorstellen. So wie Christus für die Menschheit gestorben ist, stirbt hier die Priorin für Blance de la Force. Ja, als Metapher ist es sehr bewegend, und natürlich muß man angesichts dieses Todeskampfes an Jesu Worte denken "Mein Gott, warum hast du mich verlassen...". In der "anderen" Nonnenoper (Puccini) geht es da ja doch um einiges verklärter und kitschiger zu.
Was die Rheinoper angeht, so war ich dort schändlich lange nicht mehr. Wenn man bedenkt, daß es mich kein extra Fahrgeld kostet, da die Billets auch als Fahrkarte für den Zug gelten, gibt es eigentlich keine Entschuldigung dafür, denn wenn ich nicht gerade eine Woche München plane wie zur Zeit ("Figaro" mit D'Arcangelo :leb) sind die Karten ja sooo teuer nun auch wieder nicht. Das Freßpaket wird also nicht nötig sein, aber gut zu wissen, daß es im Notfall eine eiserne Ration gibt :wink
Die ganze Oper kenne ich ja bisher nicht (aber bald liefert amazon ja!) aber ich bin schon jetzt begeistert von der Kraft dieser Musik.
Fairy Queen (05.05.2010, 06:15): Liebe Solitaire, die Novelle von Gertrud von Le Fort war Bernanos Vorlage. Der Vergleich von Poulenc und Puccinis Nonnenopern ist wirklich radikal....; :wink
Bei Puccini sterben alle Heldinnen einen so erbarmungslos verkitschten Tod als Opfer, Martyrerinnen und Verklärte, dass ich danach erstmal Alles durchlüften muss um mich von dieser schwüle zu befreien bzw in eine Zitrone beissen möchte, um den Zuckerwassser-Gescmack loszuwerden. Poulencs Ende könnte auch kitschig sein, ist es aber nciht, weil der Entwicklungsprozess der figuren so glmaubwürdig dagestellt wird udn es sich eben nciht um Schablonen und Klischees sondern um echte Menschen handelt. Einen Tod wie den der Priorin auf der Bühne zu zeigen , ist ja nun wahrhaftig nciht populistisch und wie das wohl beim italiensichen puccinigeeichten Opernpublikum angekommen wäre, will ich mir gar nciht vorstellen. Aber Menschen sterben njn mal nciht wie Mimi oder Liu sondern oft unter ängsten und Qualen- nur will das eben niemand sehen. Wenn man gläubiger Christ ist, muss man davon ausgehen, dass Christus unter furchtbaren Qualen gestorben ist. Ich finde Bernanos/Poulenc daher weit überzeugender in ihrer dem Leben abgerungenen Glaubensaussage als irgendwelche verklärten Heiligenlegenden oder gar eine Suor Angelica. F.Q. Viel Spass in München!!!!!!
Jürgen (05.05.2010, 10:45): Original von Fairy Queen Wenn man gläubiger Christ ist, muss man davon ausgehen, dass Christus unter furchtbaren Qualen gestorben ist.
Und wenn man kein gläubiger Christ ist: Kreuzigung ist doch Firlefanz.
@Puccini's Nonnenoper: Aber was für ein Schmachtfetzen. Ich höre sie gerne.
Grüße Jürgen
Fairy Queen (05.05.2010, 12:16): Etwas schief ausgedrückt das mit der Kreuzigung, ich gebs gerne zu..... :A Ich meinte damit vor allen Dingen auch den christlcihen Inkarnationsglauben, eben, das Christus kein Gott sondern ein Mensch war, als er diese Qualen litt und nciht kraft göttlicher Gewalt von den Leiden dieses Todes befreit wurde. So wie eben die Priorin bei Poulenc auch nciht kraft ihrer Position, an die sie Mère Marie ja streng gemahnt, von den Ängsten Qualen des Todes erlöst wird, sondern in die tiefsten Abgründe sehen muss. Für manch andere Religionen ist diese Inkaanation und das Todes-Leiden Chrisiti, der ja gleichzeiitig als Gottes Sohn verehrt wird, total unverständlich und grotesk. Wie kann ein Gottessohn so sterben? Für Poulenc ist gerade das aber tiefe Mysterium und alle diese essentiellen fragen machen mir diese Oper so wertvoll.
F.Q.
Solitaire (06.05.2010, 11:54): Gestern hat amazon meine CD geliefert: eine Liveaufnahme der Oper vom 26.1.1957 aus der Scala. Es dürfte sich also um die allererste Aufführung handeln.(Auf Italienisch!). Allerdings gibt es leider keinen Text, was aber gerade bei dieser Oper wichtig wäre. Wiiß jemand, ob man ihn online bekommen kann? Habe schon alles Mögliche versucht, aber nix gefunden. Zur Not nehme ich auch das italienische oder französische Libretto und behelfe mir dann mit L.E.O., Vokabeln aus dem Italienischkurs oder dem Französischunterricht und logischem Denken :J Ich wäre für jeden Tip sehr dankbar! :beer
Fairy Queen (06.05.2010, 13:01): Liebe Solitaire, in meinem Opernprogramm aus München ist der LibrettoText französisch-deutsch abgedruckt. Ich kann ihn kopieren und Dir zuschicken, das dauert aber dann ein kleines bisschen und das sind über 20 Seiten. Wenn Du Geduld hast, mach ich das gerne und freue mich, mich für Deine Liebenswürdigkeit mal ein kleines bisschen revanchieren zu können.
F.Q.
Heike (09.05.2010, 10:19): Es ist am 1.5.2010 eine weitere DVD erschienen:
Live-Mitschnitt aus der Staatsoper Hamburg;Regie: Nikolaus Lehnhoff Philharmoniker Hamburg, Simone Young Künstler: Wolfgang Schöne, Alexia Voulgaridou, Nikolai Schukoff, Kathryn Harries, Anne Schwanewilms,
Heike
Fairy Queen (09.05.2010, 14:29): Liebe Heike, diese Inszenierung kann ich bestens Gewissens empfehlen, der Schluss ist genial! Man sieht ja auf dem Bild shcon das Bild mit den Säulen, zwsichen dneen jeweils eine der nonnen steht. Bei jedem Guillotineknall fällt eienr der hellen Flächen wird schwarz und eine Nonne weniger ist auf der Bühne bzw singt. Das ist sehr suggestiv udn geht durch Mark und Bein. Als erste Annäherung an das Werk viel besser als München! Die Sänger in München waren allerdings besser, das Orchester unter Nagano evtl auch eine Spur, wobei Young und die Hamburger ihre Sache sehr gut machen. Man kann nicht Alles haben......
F.Q.
Armin70 (11.05.2010, 23:06): So eben schaute ich mir meine Neuererwerbung an:
Das war meine erste Begegnung mit Poulencs "Dialogues des Carmelites" und daher fehlen mir natürlich Vergleichsmöglichkeiten.
Dennoch kann ich für mich sagen, dass 1. von dem Werk an sich, 2. von der musikalischen Interpretation und 3. von der szenischen und dramaturgischen Realisation voll überzeugt bin.
Das ist schon ergreifend, das Schicksal der Karmeliterinnen zu erleben und daran Anteil zu nehmen.
Das Bühnenbild ist sehr karg und spärlich gestaltet in dieser Inszenierung von Robert Carsen aus dem Teatro degli Arcimboldi, Mailand. Das bekommt meiner Meinung dem Werk aber sehr gut, weil es keine sog. "Ausstattungsoper" ist. Die Kostüme entsprechen aber der Zeit, in der das Werk spielt, nämlich dem späten 18. Jahrhundert. So richtet sich die Konzentration voll auf die Handlung und das Geschehen und man wird nicht durch irgendwelchen "Firlefanz" abgelenkt.
Auch die Personenführung finde ich überzeugend. Da sieht man keine typischen opernhaften und oft abgedroschen wirkende Gesten oder sonstige Aktionen.
Das tragische Ende wird meiner Meinung nach werkdienlich, d. h. ohne falsche oder übertriebene Effekte und auch nicht werkverfremdend dargestellt.
Wunderbar ist Poulencs Musik, die mich bei einigen Passagen an Stellen aus Poulencs Orgelkonzert oder an sein Gloria erinnert. Poulenc verwendet, insbesondere bei den Abschnitten, die im Kloster spielen, eine an der Kirchenmusik orientierte Harmonik kombiniert mit einer gewissen Schärfe aber alles bleibt letztlich auf dem Boden der Tonalität.
Bei den tollen Sängern/innen ragen für mich besonders Dagmar Schellenberger (Blanche), Laura Aikin (Constanze), Gwynne Geyer(neue Priorin), Barbara Dever (Mutter Marie) und natürlich Anja Silja als Priorin des Karmel heraus.
Grandios auch das Orchester der Mailänder Scala unter der Leitung von Riccardo Muti.
Mein Fazit ist kurz aber eindeutig: Dieses Werk bereichert eindeutig meinen musikalischen Horizont (danke an Rideamus, weil ich ohne seine "musikalische Ostereisuche" nicht darauf aufmerksam geworden wäre) und diese DVD halte ich für eine sehr gelungene Umsetzung dieser beeindruckenden Oper.
Solitaire (12.05.2010, 08:29): Hallo Armin! Vielen Dank für deine Eindrücke! Ich habe auf Youtube Anja Silja in der Sterbeszene gesehen und sie allein wäre für mich ein Grund, die DVD zu kaufen.
Fairy Queen (12.05.2010, 10:40): Ich freue mich , dass diese Oper wieder ienen neuen Liebhaber gewonnen hat. sie wird in der nächsten Saison anscheinend an verschiedenen Opernhäusern gegeben und scheint gerade "in" zu sein. Wir sind halt hier die Avantgarde und die Trendmaker.... :D Lieber Arnim, kannst du (oder wer das schon gesehen hat) bitte etwas genauer beschreiben, wie der Schluss in Mailand gelöst ist? Ich kenne diese Inszenierung nciht. Liebe Solitaire, dein zweisprachiges Libretto kann nun jederzeit eintrudeln, es ist seit vorgestern unterwegs. F.Q.
Rideamus (12.05.2010, 10:57): Der Mailänder Schluss ist nicht unähnlich dem Strasburger, nur dass die Nonnen im Stehen eine Art Choreographie vollführen und bei den Guillotine-Lauten einzeln umfallen.
Wer sich die Spannung zum Ende der Gesamt-DVD vorher nehmen möchte, kann sie hier sehen: http://www.youtube.com/watch?v=5RGSLSYXIek&feature=related
:hello Rideamus
Fairy Queen (13.05.2010, 07:53): Lieber Rideamus, ich habe dieses Finale eben angesehen und auch wenn ich mir noch nicht ganz über die Bedeutung der armbewegungen im Klaren bin, ist das eine serh eindrucksvolle und für mich "richtige" Lösung. die Grenze zum Kitsch ist ja in dieser Szene leicht zu überschreiten und das Umfallen jeder ienzelnen Nonne finde ich da noch "gefährlicher" als das Herunterfallen der schwarzen Flächen, aber Carsenschafft für mci hdie Gratwanderung. Poulenc Musik ist wirklich unglaublcih, ich bin jedesmal wieder tief ergriffen von diesem Salve Regina. Kann man die Todesangst wegsingen? Was fûr eine Vorstellung, gerade wenn man Musik auch als therapeutisches Medium betrachtet!
F.Q.
Solitaire (13.05.2010, 17:11): Original von Fairy Queen Kann man die Todesangst wegsingen?
Ich glaube nicht, daß man die Todesangst wegsingen kann, aber vielleicht können manche Menschen gegen sie ansingen? Ihr etwas entgegensetzen, um nicht wahnsinnig zu werden vor Schrecken... Ich weiß es nicht. Aber dieses Motiv gibt es ja in der Geschichte immer wieder, in vielen Fällen mögen das fromme Legenden oder Wunschdenken sein, aber die "Idee" singend in den Tod zu gehen scheint Menschen schon immer berührt zu haben: verfolgte Christen im alten Rom die angeblich singend in die Arena gegangen sind, die historischen 16 Märtyrerinnen von Compiègne die wirklich singend das Schafott bestiegen haben sollen, das kam zu ertragende Schicksal der 44 Kinder von Izieu, die im April 1944 von der Gestapo verhaftet und in Auschwitz ermordert wurden, und von denen einige aus Verzweiflung angefangen haben sollen zu singen als sie deportiert wurden. Vielleicht ist für manche Menschen der Gesang eine Möglichkeit gegen die Angst vor der absoluten Vernichtung anzugehen.
Wie auch immer, Fairy sei Dank habe ich gestern das Libretto der Oper erhalten und sie mir heute Vormittag angehört. Ich denke, dieses Werk ist so vielschichtig und gibt soviel Stoff zum nachdenken, grübeln und zur Beschäftigung mit den eigenen inneren Höllen, daß jede CD, und wohl auch jeder erster Opernbesuch in der Tat nur eine Annäherung sein können. Der Text allein schon gibt einem so manche Nuß zu knacken... Hier ein paar erste Gedanken zum Stück: Fasziniert hat mich die Gegensätzlichketi der handelnden Hauptfiguren, sie alle tun am Schluß das gleiche (oder sind zumindest dazu entschlossen), und doch bringt jede ein anderes Opfer, das sich von dem der Mitschwestern völlig unterscheidet. Mme. Croissys Opfer ist ohne Zweifel ihr schwerer Tod, es gibt auf meiner CD die Stelle in der während des Todeskampfes Blanche an ihr Bett tritt, und die sterbende Priorin mitten in ihrem Leiden Blanches Namen mit unendlicher Sorge und Zärtlichkeit ausspricht, so daß man fühlt, daß es wirklich so ist, wie Constance später sagt: sie stirbt den Tod einer anderen und sie stirbt in Sorge für eine andere. Dieser Tod war zu klein für diese große Frau. Constance vergleicht diesen Tod später mit einem zu kleinen Kleidungsstück, das der Priorin zugeteilt wurde: sie habe ja nichteinmal mit den Armen durch die zu engen Ärmel dieses Kleidungsstück gepasst. Eine Andere (zierliche, zerbrechliche) werde sich eines Tages in den bequemen, weiten Mantel des Todes der Priorin kuscheln und feststellen wie einfach und bequem er sei. Überhaupt Constance: sie ist für mich das absolute Gegenstück zu Mutter Marie. Marie kann es gar nicht erwarten, das Martyrium zu erdulden und ehrlich gesagt bin ich mir nicht mal sicher, ob ich sie sympathisch finde, und ob ihr Opfer wirklich eines wäre. Ich habe den Eindruck, sie achtet das irdische Leben gering, sie gehört zu den Leuten, die nicht oft genug betonen können, daß die Erde ein Jammertal und überhaupt alles ganz fürchterlich ist. Sie bezeichent ihr Leben als klein und wertlos und offen gestanden entwertet sie damit m.E. das Geschenk des Gottes an den sie doch so fest glaubt. Wäre es da wirklich so eine Großtat, dieses Leben das sie so gering schätzt zu opfern? Ein Augenblick des Schmerzes (Madame la Guillotine arbeitet ja sauber) und fertig. Keine Zweifel, keine Angst, keine Liebe zum Leben die sie zum Opfer bringen würde...wenn man boshaft sein will, kann man nur den lieben Gott zu seiner Weisheit beglückwünschen: er sieht, das Marie furchtbar gerne das Martyrium durchleiden möchte und erfüllt ihr diese Wunsch, nur ganz anders, als sie sich das gedacht hat.
Welch ein Unterschied dagegen die kleine Constance: sie liebt das Leben, sie ist fröhlich, heiter, sie lacht gerne, sie erinnert sich voller Freude an die Hochzeit ihres Bruders, daran, daß sie mit jedem Burschen getanzt hat und sie erzählt völlig frei von Hochmut oder falscher Bescheidenheit, daß alle sie auf dem Fest geliebt hätten weil sie so fröhlich gewesen sei. Dieses lebenssprühende Geschöpf opfert nun ein Leben an dem sie wirklich hängt und in dem sie glücklich war, und sie opfert es freudig, aber ohne den Fanatismus von schwester Marie. Ich bin davon überzeugt, daß sie seelisch mit Sicherheit die Gesündeste und ausgeglichenste von allen Ordensfrauen war die wir in der Oper näher kennen lernen. Für sie war die frohe Botschaft wirklich eine FROHE Botschaft.
Blanche nun verbleibt fast bis zum Schluß in der Todesangst, und ich bin mir nicht mal sicher, ob sie sie wirklich überwindet. Vielleicht trägt sie sie direkt vor Gott und bringt sie ihm zum Opfer denn sie ist es, die ihr Leben ausgemacht hat, so wie Constance ihre Fröhlichkeit und Lebendigkeit zum Opfer gebracht hat. Es tut mit leid, wenn das jetzt etwas kitschig und pathetisch klnigt, aber ich bin noch ein bißchen durch den Wind. Jedenfalls weiß ich nach dieser Oper gerade nichts rechtes mit mir anzufangen, was selten vorkommt. Ich bin schon sehr beeindruckt von dem Stück und fest entschlossen, mir die Aufführung in Düsseldorf nicht entgehen zu lassen.
Fairy Queen (14.05.2010, 06:27): Liebe Solitaire, das Singen angescihts von Todesangst ist ein sehr besonderes Thema. Nach diversen neurobiologishcen und neutropsychologischen Studien werden beim "meditativem" Singen (wie "Mantras" jedweder Kulturen- dazu gehören dann auch natürlcih christliche Gesänge wie Poulencs Salve regina) die körpereigenen Opiate(endorphine) freigesetzt und Stresshormone abgebaut. ausserdem wird die Herzfrequenz positiv beeinflusst. All das Intuitive oder empirische Wissen unserer Vorfahren wird so von moderner Wissenscahft nun untermauert- was ich total faszinierend als Phänomen finde. Das erklärt natürlich nciht das letzte Geheimnis dieses Salve Regina Chores und soll das um Gotteswillen auch nicht, es ist nur ieine Anmerkung am Rande.
Ja, die Figuren sind unglaublich eindrucksvoll charakterisiert- Jede für sich. Ich sehe das ganz wie du- Gott macht da seinen eigenen Plan, insbesondere auch mit Mère Marie. sie bekommt m.E. die grösste Lektion in Sachen Demut erteilt, indem sie nciht mitsterben darf. Und der Tod der Priorin für Blanche ist überhaupt das Mysterium schlechthin, das nur Constance, bei der man sich ja erstmal fragt, warum die keinen netten jungen Burshcen geheiratet hat, verstehen kann. Die Figur von Blanches Bruder und ihre Beziehung untereinander ist auch diskussionswürdig, so ganz schlau bin ich da noch immer nciht geworden.
F.Q.
Heike (24.05.2010, 12:16): Das Programm der Komischen Oper Berlin ist erschienen und oha - eine Premiere für den 26.6.2011 ist angekündigt:
Gespräche der Karmelitinnen
# Musikalische Leitung ... Stefan Blunier # Inszenierung ... Calixto Bieito (ich ahne Schlimmes!) Libretto vom Komponisten nach Georges Bernanos Deutsche Textfassung von Peter Funk und Wolfgang Binal
Ich habe mir gleich eine Karte gesichert! Heike
Heike (30.05.2010, 18:53): Ich habe den (verregneten) Sonntag nachmittag genutzt und mir die Scala DVD mit Muti angesehen. Was für eine Oper!
Die Handlung hat mich ja schon vorab in den Bann gezogen, aber dass die Musik mich so anrührt und aufregt, das hatte ich nicht erwartet. Diese kraftvolle und zugleich oft einsame, seltsam bewegende Musik finde ich grandios. Man schwankt immer zwischen spiritueller Meditation und purer Angst.
Die verschiedenen Charaktere der Nonnen sind wirklich beeindruckend. Mir hat die Mère Marie im Gegensatz zu meinen Vorschreiberinnen eher Sympathien geweckt (zumal sie sooo schön singt). Ich sehe die als eine gütige Mutter, die immer für andere die Verantwortung übernimmt, nicht an sich selbst denkt, die dem Land gutes tun will, die auch Blance gehen lässt und die am Ende ehrlich betroffen die Schwestern allein sterben lassen muss. Ich glaube nicht, dass sie eine Lektion in Demut nötig hat, sondern ich sehe es eher als wesentlich an, dass es am Ende auch ohne sie weitergeht. Denn die Schwestern schaffen es auch auch ohne jeden mütterlichen Beistand, in dieser starken Schlussszene zu bestehen. Jeder steht in der Todesangst allein vor seinem Gott und es ist egal, ob sie als letztes in die Augen von Mutter Marie sehen können.
Blanche und ihren Bruder finde ich auch spannend, aber da habe ich mir noch keine richtigen Reim drauf gemacht. Er ist ja ein recht feinfühliger, macht sich schon am Anfang Sorgen um seine Schwester und warnt sie dann auch unkonventionell vor, als Gefahr naht. Andererseits glaubt er ja wohl selbst nicht dran, dass sie weggehen wird. Mir kommt es vor, als wenn ihn die Umgebung des Klosters förmlich lähmt und er auch ganz irritiert von seiner Schwester ist. Die macht sich ja irgendwie selbst was vor und vielleicht spürt er einiges davon.
Ich bin froh, bei den beiden Berliner Aufführungen in der nächsten Saison dabeizusein. Heike
nikolaus (25.09.2010, 09:59): Hier eine wohlwollende Rezension einer Inszenierung samt DVD aus Hamburg.
Nikolaus.
Solitaire (06.10.2010, 17:54): Am Wochenende bin ich endlich dazu gekommen, mein Jubiläumsgeschenk näher zu würdigen : die lieben Kollegen haben mir ja zum 25. Dienstjubiläum „Les dialogues des Carmelites“ geschenkt:
Da ich die Oper bisher nur von der CD und einigen Youtube-Clips kannte, habe ich kaum Vergleichsmöglichkeiten was die musikalische und optische Umsetzung angeht, aber jedenfalls kann ich sagen, daß es ein sehr beeindruckender Opernnachmittag war. Von der Musik bin ich nach wie vor begeistert, diese Musik ist so ungeheuer kraftvoll, daß man sich ihrer Wirkung kaum entziehen kann, und das ohne eine einzige wirkliche Arie im üblichen Sinn. Die Sänger waren mir bis auf Patricia Petibon alle unbekannt, und eigentlich war Petibon auch der Grund, mir gerade diese DVD und keine andere zu wünschen. Die Sopranistin Anne Sophie Schmidt als Blanche hat mir sehr gefallen, auch wenn ihre Stimme manchmal etwas schrill klang, aber das hat mich hier nicht weiter gestört, ich fand sogar, daß es zu dieser übernervösen, von Phobien geplagten jungen Frau gepasst hat. Ich weiß nicht, ob sie mir in einer anderen Rolle gefallen würde, aber hier war sie sehr beeindruckend. Noch recht jung, sehr schlank und mit übergroßen Augen im blassen Gesicht, war sie auch optisch ein sehr glaubhaftes „Schwester-Häschen“.
Patricia Petibon ist wie immer großartig: eine wunderbare Sängerin, eine hervorragende Darstellerin, dazu dieses ungemein ausdrucksstarke Gesicht – sie ist m.E. eine hervorragende Constance: fröhlich, heiter, schwärmerisch, aber auch ernst und tiefgründig.
Nadine Denize führt einen als Madame de Croissy in der Sterbeszene geradewegs in die eigenen Höllen und konfrontiert einen mit den eigenen Dämonen. Da ist nichts vom verklärten Sterben einer Mimi oder Violetta, hier wird es unangenehm realistisch. Eine Szene, vor der ich wohl immer etwas Angst haben werde, und ich kann gut verstehen, daß sich im Publikum nach Fallen des Vorhangs keine Hand zum Applaus gerührt hat. Manchmal ist Schweigen eben die größte Anerkennung.
Hedwig Fassbender als Mère Marie wirkte auf mich hier viel menschlicher und sympathischer als in der Novelle oder auch auf der CD. Ich bin immer noch nicht sicher, was ich von dieser Figur zu halten habe, und ob sie nicht vielleicht doch eine Fanatikerin ist, aber Fanatikerinnen gibt es in dieser Oper durchaus so einige...auch die so liebenswerte Schwester Constance wünscht sich ja z.B. mit schwärmerischer Innigkeit jung sterben zu dürfen...ein Wunsch, den ICH ja nun so gar nicht nachvollziehen kann. Wie auch immer, gesungen und gespielt wird in dieser Produktion aus Strasbourg (1999) ganz wunderbar. Auch die männlichen Rollen sind m.E. gut besetzt, treten aber naturgemäß nach dem ersten Bild doch ziemlich in den Hintergrund. Ein paar Worte zur Inszenierung: gespielt wird in historischen Kostümen und dezent angedeuteter historischer Kulisse. Erfreulicherweise wird das Stück weder verfremdet, noch haben wir das Gefühl, uns in den Kulissen zu Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ zu befinden. Also: weder Guillotine noch mordlustiger, Gartengerät schwingender Pöbel sind in der Schlußszene auf der Bühne zu sehen. Die Inszenierung konzentriert sich voll und ganz auf die handlenden Personen und ihr Innenleben, leugnet aber nicht die Zeit in der das Stück spielt. Ich kann die DVD wirklich empfehlen und freue mich schon darauf, die Oper in der Rheinoper in Düsseldorf endlich live erleben zu können.
Heike (13.02.2011, 20:03): Gestern war ich in ber Deutschen Oper Berlin, zur Wiederaufnahme der Oper, hier mein Kurzbericht:
Orchester der DOB, Chor der DOB Musikalische Leitung Yves Abel Inszenierung Günter Krämer
Marquis de la Force Stephen Bronk Blanche, seine Tochter Rachel Harnisch Der Chevalier, sein Sohn Thomas Blondelle Madame de Croissy, Priorin Julia Juon Madame Lidoine, neue Priorin Michaela Kaune Mutter Maria Ulrike Helzel Schwester Konstanze Burcu Uyar Der Beichtvater der Karmeliterinnen Jörg Schörner
Endlich hatte ich mal die Gelegenheit, das Werk live zu sehen, und es hat sich alles in allem gelohnt. Die Sänger zeigten eine gute Leistung, einige männliche Nebenrollen waren etwas schwächer, aber die Karmeliterinnen dafür um so besser. Eine gelungene Ensembleleistung, ohne große Stars recht überzeugend. Der Chor wie immer herausragend, auch das Orchester gefiel mir gut. Lediglich einige Bläsersolisten hätte ich mir etwas inspirierter gewünscht.
Die Inszenierung blieb nahe am Werk, war eher puristisch und angenehm unspektakulär. Sehr eindrucksvoll gestaltete sich die Sterbeszene der alten Priorin sowie die nachfolgenden Gebete. Die Rolle der Marie als immer präsente Außenseiterin wurde insgesamt herausgehoben. Allerdings kam ihre Entschlossenheit, ihre Todessehnsucht, für mich nicht so rüber. Eigentlich ist mir nicht so ganz klargeworden, welche Rolle ihr der Regisseur hier letztlich zuschrieb. Sie wirkte auf mich eher weltlich, düster, fast getrieben. Constanze stellte demgegenüber als Figur eher die beständige, starke Frau dar. Sie verschwand aber immer ein wenig mehr in der Menge der Karmeliterinnen als Marie - so dass wohl Marie als Gegenentwurf zu der unschuldigen, hin und hergerissenen, ängstlichen Blanche gedacht war. Gut gelungen fand ich die sehr hintergründige Einbeziehung der Revolutionszeiten sowie das Bühnenbild und die Kostüme.
Sehr störend an dieser Inszenierung fand ich, dass es ca. 25 Karmeliterinnen waren, die da mitspielten - auch noch dann, als sie dann zum Schafott gingen und sangen. Es fielen dann teilweise zwei gleichzeitig um, auf die Schläge der Guillotine, was die Intensität dieses berührenden Schlusschores bei mir sehr arg irritierte. Mir ist schon klar, was der Regisseur damit sagen will, aber ich habe es als komplett musikinkompatibel empfunden. Dies nehme man als meine Hauptkritik, ansonsten fand ich die Inszenierung interessant, die Personenführung intensiv und spannend.
Das Publikum war begeistert, es gab viel Applaus aus dem nicht ganz gefüllten Saal. Nun bin ich gespannt, was im Frühsommer Calixto Bieito an der KOB daraus machen wird. Heike
Severina (14.02.2011, 16:01): Liebe Heike, danke für deinen Bericht, der meine Vorfreude auf die Aufführung im ThadW im April (regie: robert Carsen) noch steigert! Auch ich habe die Carmélites noch nie live gesehen und bin schon sehr gespannt! lg Sevi :hello
Fairy Queen (14.02.2011, 16:28): Liebe Heike, ich freue mich , dass du diese tolle Oper live erleben konntest.Wie oben beschireben, das ist eine meiner Lieblingsopern und die Dramaturgie ist einfach umwerfend. Wenn allerdings die Schlussszene nicht richtig überzeugen kann, geht leider serh Vieles verloren Und ich bin daher umso gespannter auf die kommenden Berichte aus Wien und Berlin bzw darauf, was Carsen und Bieito aus dem Schluss machen!
F.Q.
Severina (28.04.2011, 15:05): Eigentlich würde meine Rezension zu den "Carmélites" im ThadW vom 27. April auch hierher passen, aber ich habe sie nun doch im Thadw-Thread eingestellt und verweise hier einmal darauf!
Auf Bieito wäre ich jetzt auch gespannt, denn mit seiner überbordenden Phantasie und Bildersprache wird er wohl einen kompletten Gegenentwurf zu der minimalistischen Carsen-Inszenierung bieten! lg Sevi :hello
Musikalische Leitung ... Stefan Blunier Inszenierung ... Calixto Bieito
Marquis de La Force ... Claudio Otelli Blanche de La Force ... Maureen McKay Der Chevalier ... Dmitry Golovnin Madame de Croissy ... Christiane Oertel Madame Lidoine ... Erika Roos Mutter Marie, Novizenmeisterin ... Irmgard Vilsmaier Schwester Constance ... Julia Giebel Mutter Jeanne ... Caren van Oijen Schwester Mathilde ... Maren Schäfer Der Beichtvater des Karmel ... Peter Renz 1. Kommissar ... Thomas Ebenstein 2. Kommissar ... Hans-Peter Scheidegger Kerkermeister ... Carsten Sabrowski
Und noch eine - zumindest musikalisch - hochzufriedenstellende Aufführung der Karmeliterinnen in Berlin!
Aber fange ich mit der Inszenierung an. Was soll ich sagen, Bieito ist zahm geworden (oder zu katholisch, um diesen Stoff zu skandalisieren)? Kaum Blut, auch sonst keine großen Schocks. Er verlegt das Stück in eine moderne Zeit. Kulisse ist ein Gefängnis mit mehrstöckigen Stahlbetten, mich hat es auch an einen Atombunker- Schutzraum erinnert. Die französische Revolution wird fast ausgespart, das könnte in jeder beliebigen Diktatur spielen, mit eingesperrten Aufrührischen. Am Anfang scheint der Raum als Schutz zu dienen, aber mit fortlaufender Handlung wird das Eingesperrtsein immer mehr deutlich.
Von Anfang an geistert eine irre, weihrauchschwenkende junge Frau durch die Szene. deren Bedeutung ich mir nicht so richtig erklären kann. Blanche ist ziemlich hysterisch, Constanze schwanger, Mutter Marie hat gouvernantenhafte Züge, die alte Priorin kommt im Rollstuhl daher, die neue Priorin ist die gute Seele. Jede PErson hat ihren Charakter, aber eine Gesamtaussage konnte ich nicht so recht entnehmen. Ein wenig Bieito gibts dann doch: Auf die Waschung der toten Priorin wird viel Gewicht gelegt, die Person ist real nackt. Ebenso taucht der tote Vater halb verwest und blutig am Ende bei BLanches Erinnerung noch mal auf. Am Ende bekommen die Frauen Schilder umgehangen "Hure Gottes" und gehen nach hinten zum sterben. Vorher wird die Irre kahlgeschoren, so dass nun auch noch das Dritte Reich angedeutet wird? Die Inszenierung ist insgesamt wenig aufregend, aber das muss sie ja bei diesem Stoff nicht sein. Ganz stimmig fand ich es aber auch nicht. Mir wurde zudem ein wenig zuviel jejammert und gestöhnt auf der Bühne.
Musikalisch/ sängerisch war ich sehr zufrieden. Christiane Oertel sang eine äußerst beeindruckende Sterbeszene und spielte auch sehr überzeugend. Gesanglich gefielen mir eigentlich alle 5 weiblichen Hauptfiguren gut, Blanche mit einer zur Hysterie passenden, etwas verhuschten Stimme, dagegen Mutter Marie äußerst stark und dramatisch. Erika Roos als neue Priorin mit teilweise wunderbar lyrischen Passagen. Sehr beeindruckend auch Constanze, mit viel Lebensfreude, Esprit und Kraft. Bei den Männern ist mir niemand aufgefallen, also die haben das Ganze gut abgerundet. Doch, die Szene mit dem opportunistischen Kommissar war sehr schön.
Stefan Blunier dirigierte sehr effektvoll und dramatisch, mit teilweise extrem langen Pausen (wo auf der Bühne stumm weitergespielt wurde, z.B. bei der Waschung). So bekam das Stück eine hohe Dramatik, besonders am Ende eine extrem intensive Lesart. Sicher kann man es auch feinfühliger machen, aber zu der Inszenierung hat der hohe drive sehr gut gepasst.
Interessanterweise hat für mich die Oper auf deutsch sehr gut funktioniert. Es wurden einige Passagen ausgelassen, was die Revolution angeht, auch die Szene wo die neue Priorin gekürt wurde war gekürzt. Die Berliner waren begeistert, das Team wurde auf der Bühne gefeiert, inclusive Bieito, das ich das noch erleben darf! Das erste Mal, dass ich in einer seiner Aufführungen keine Buhs gehört habe. Heike
Severina (27.06.2011, 11:08): Liebe Heike, das finde ich bemerkenswert, dass diese Oper innerhalb einer Saison gleich an zwei großen Opernhäusern einer Stadt gespielt wird! Dass Bieito "zu katholisch" geworden ist, müsste aber eine sehr neue Entwicklung sein, wenn ich an seinen "Don Carlos" in Basel denke, wo er mit der Instituton Kirche wahrlich nicht zimperlich umgegangen ist. Was mich mehr erstaunt, dass er bei den "Carmelites" seine sonst so überbordende Phantasie, die sich in einer wahren Bilderorgie äußert, offensichtlich sehr im Zaum gehalten hat. Bei Bieito habe ich meist das Gefühl, diese Ideen würden für mindestens 5 Inszenierungen reichen, eine ist damit beinahe überfrachtet.
lg Sevi :hello
Heike (27.06.2011, 19:11): Liebe Sevi, ja, das hat mich auch erstaunt. Ich habe schon mehreres von Bieito gesehen und man fiel quasi immer von einer Überraschung in die nächste. Entweder hat er provoziert, oder überspitzt, oder originell gedeutet, oder er hat seiner Phantasie freien Lauf gelassen und dann wusste man gar nicht, wo man zuerst hinsehen sollte.
Hier hat er das alles weitgehend unterlassen. Aber auch nichts wirklich neues hinzugefügt. So fehlte mir am Ende irgendwie was. Alles in allem war es aber ein lohnenswerter Abend, v.a. deshlab, weil wirklich sehr gut gesungen und gespielt wurde. Heike
Heike (01.07.2011, 23:45): Eine Frage zu den Noten: Kann mir vielleicht jemand sagen, auf welche Art die Schläge der Guillotine in der Partitur beschrieben sind? Danke, Heike
Armin70 (03.07.2011, 17:27): Die Noten/Partitur habe ich zwar nicht aber das einzige, was ich dazu herausfinden konnte ist, dass Poulenc die 16 Guillotineschläge in der Partitur genau auskomponiert hat und der Dirigent bzw. der Regisseur es nicht selbst entscheiden kann, ob und an welchen Stellen diese gespielt werden sollen.
Armin
Heike (04.07.2011, 16:50): Michael Schlechtriem hat mir in Capriccio geantwortet, er hatte seinen Dirigenten befragt und folgende Antwort bekommen:
"in der Partitur ist in der Schlagzeugsektion an jeder Guillotinenstelle ein "X" mit der Bezeichnung "Guillotine" vermerkt. Es ist dem Dirigenten überlassen, welchen Klangeffekt er dafür einsetzt."
Heike
Severina (05.07.2011, 15:19): Das ist sehr interessant und erklärt, warum es in jeder Produktion etwas anders klingt, einmal wie ein dumpfer Schlag, dann wieder erinnert es an das Herabsausen des Fallbeils, usw.
lg Sevi :hello
Heike (05.07.2011, 23:31): Liebe Sevi, genau deshalb kam ich auf die Frage! Es hört sich IMMER anders an (was man schon allein auf youtube mühelos nachprüfen kann) und da fragt man sich, ob da überhaupt was in der Partitur dazu steht. Heike
nikolaus (11.01.2014, 22:23): Bei arte live web kann man noch 160 Tage einen live-Mitschnitt der Dialoges des Carmelites vom 2112.2013 aus dem Théâte des Champs Elysées in einer sozusagen all-star-Besetzung sehen:
Regie: Olivier Py
London Philharmonia Orchestra Jeremy Rohrer
Rosalind Plowright Sandrine Piau Véronique Gens Sophie Koch Patricia Petibon
Ich hab's noch nicht gesehen, wollte aber alle interessierten darauf hinweisen.