gestern habe ich mir von Schubert die 1. Sinfonie angehört, gerade höre ich die 5. Sinfonie. Mein erster Eindruck als Laie: Die Stücke klingen irgendwie fröhlich, weshalb sie mich etwas an Mozart, aber auch manchmal ein wenig an Beethoven erinnern. Ist dieser Gedankengang nachvollziehbar oder vielleicht doch zu oberflächlich gedacht?
Gruß Ronald
Andréjo (31.12.2020, 12:22): Ganz sicher nicht falsch gedacht! Die frühen Sinfonien - vor der Unvollendeten - stehen alle - mehr oder minder - noch deutlich unter dem Einfluss von Haydn und vor allem Mozart. Die Fünfte ist davon vielleicht die Beliebteste.
Früh ist allerdings sicherlich ein eigenwilliges Attribut für einen derart Frühvollendeten - aber es ist ja keineswegs ein mild problematisches Deutungsklischee, das nur ich gerade angewandt hätte. (Du verstehst schon, was ich meine ... :) ) Mag sein, dass aufgrund der Genialität des Spätwerks diese Attribuierung dennoch nicht dumm ist ...
Oder geradeheraus und ein wenig simplifizierend formuliert: Das Frühwerk von Schubert ist wertvoll und lohnend. Das Spätwerk ist unverwechselbar eigenständig.
:hello Wolfgang
Philidor (31.12.2020, 12:45): Die Stücke klingen irgendwie fröhlich, weshalb sie mich etwas an Mozart, aber auch manchmal ein wenig an Beethoven erinnern. Fröhlich klingt freilich vieles von "Kommt ein Vogel geflogen" über manches bei Bach ("Gloria in excelsis" aus der Messe h-Moll), Haydn (z. B. "Die Himmel erzählen" aus der Schöpfung), Mendelssohn (Beginn 4. Sinfonie), Prokofjew (Sinfonie classique) bis hin zu Steve Reich (Music for 18 musicians).
Den Anfang der Fünften von Schubert finde ich auch fröhlich. Ich verstehe ihn so:
Bläserakkorde leiten den Satz ein. Nach ein paar Sekunden kommen die Violinen dazu und stellen nach einer einleitenden Figur das erste Thema vor: Daa - dadam dam daaa.
Man kann dann schön verfolgen, wie Schubert dieses erste Thema, diesen ersten Gedanken immer wieder neu beleuchtet, ihn in anderer Tonhöhe spielen lässt.
Spannend finde ich auch, dass Schubert es nicht bei dem schönen Einfall bewenden lässt. Er zeigt nicht nur, dass er einen schönen Gedanken erfinden konnte, sondern auch, was man "damit machen kann". Und das ist vielleicht ein ganz wichtiger Teil der Arbeit der Komponisten - nicht nur einen schönen Einfall haben, sondern etwas damit machen.
Schubert lässt diesen Einfall, den die Violinen vorstellen, sogleich von den Bässen "wie ein Echo" imitieren - er macht etwas damit.
Die Musik wird weiter gesponnen, und nach etwa 25 Sekunden hebt das erste Thema wie zu Beginn abermals an - wieder das Frage-Anwort-Spiel zwischen Violinen und Bässen, doch nun bereichert durch die Flöte, die einen neuen Gedanken einbringt. (Schubert hat das geschickt vorbereitet - die Flöte kam nicht aus dem Nichts, sie war schon ein paar Takte vor dem Wiedereinsatz des ersten Themas prominent zu hören.)
Nach etwa 40 Sekunden ist dieser zweite Durchlauf des ersten Themas vorbei. Jetzt lässt Schubert aufdrehen! Das Orchester gibt Gas. Irgendwie verwandt mit dem ersten Thema, und doch anders.
Nach etwa 50 Sekunden finde ich es gar nicht mehr fröhlich, da kommen fast schon dramatische Klänge. Es gibt einen klaren Halt, an welchem alle Instrumente für eine Sekunde schweigen.
Nach einer guten Minute erscheint das zweite Thema, gut zu erkennen an der geringeren Lautstärke. War das erste Thema ganz einfach gebaut (fast alles mit "Daa - dadam dam daaa"), hat das zweite eine etwas kompliziertere Struktur: Eine erste Phrase klingt wie eine Frage, die durch eine zweite Phrase beantwortet wird, dasselbe dann nochmal in anderer Tonhöhe. Und nochmal dasselbe, wie beim ersten Thema durch weitere Stimmen bereichert.
Und nun kommen Beleuchtungswechsel, in meiner Aufnahme etwa bei 1:20 - das finde ich gar nicht fröhlich ... da ist etwas im Busch, was vom Orchester schnell überspielt wird. Diese Interna unserer Familie zeigen wir nicht jedem!
Trotz eines fröhlichen Grundtons gibt es so viel mehr zu entdecken ... sorry, das es so lange geworden ist ... ich leider offenbar ebenfalls an Logorrhoe.
Gruß Philidor
:hello
aiel (31.12.2020, 13:00): Hallo Philidor,
vielen Dank für die ausführliche Erklärung. Ich hätte den Beitrag verfassen sollen, nachdem ich die Sinfonie gehört habe.
"Bläserakkorde leiten den Satz ein. Nach ein paar Sekunden kommen die Violinen dazu und stellen nach einer einleitenden Figur das erste Thema vor: Daa - dadam dam daaa.
Man kann dann schön verfolgen, wie Schubert dieses erste Thema, diesen ersten Gedanken immer wieder neu beleuchtet, ihn in anderer Tonhöhe spielen lässt."
Wie kann ich lernen, den Satz einer Sinfonie zu interpretieren? Gibt es dafür eine Art Anleitung für Anfänger?
Gruß Ronald
aiel (31.12.2020, 13:02): Nachtrag: Ich glaube, ich habe die Antwort schon gefunden: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonatensatzform