Friedrich Gulda ...

Gamaheh (29.11.2010, 23:53):
... wäre in diesem Jahr 80 geworden (genau: am 16. Mai). Ich hoffe, das ist nicht an allen unbemerkt vorbeigegangen - ich wurde erst vor ein paar Tagen darauf aufmerksam, als ich ein in einem italienischen Forum erschienenes Interview mit Martha Argerich für private Zwecke übersetzt habe. Martha Argerichs Erinnerungen an Gulda möchte ich hier als eine kleine Hommage an den großen Musiker wiedergeben:

Das Interview wurde am 3. Februar 2010 von dem Mitglied "Pepe" des www.pianoforum.it geführt und ist formell kein Interview, sondern eher eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten, fast in der Form eines stream of consciousness. Der vollständige Originaltext ist hier zu finden.

Beginn des Zitats **

Aber meine musikalische Revolution war bei Gulda, das war ein absoluter Autodidakt, wußtest du das? Der hat mir nie was von technischen Dingen erzählt, das war nicht nötig ... was für ihn zählte war das Ergebnis.
Da gibt es eine fantastische Geschichte, etwas, was ihm in Argentinien passiert ist – du weißt, daß die dort von der Technik besessen sind .... also er war bei einem Treffen von Musikern, und alle sprachen von Technik, Technik hier und Technik dort ... Da war ein Junge, der ihm vorgespielt hat (er war damals sehr jung), und nachdem er gespielt hatte, fragte ihn Gulda „Gefällt dir, was du gemacht hast? Was rausgekommen ist?“ und der Junge „jaaaaa!“, und er „Dann hast du eine fantastische Technik!!!“ (lacht herzlich)

Ich erinnere mich, wie Gulda mir sagte „nein ... nein ... dieses Crescendo, das du machst ... du kommst zu früh an, das ist wie eine verfrühte Ejakulation ... ah ... aber das kannst du nicht begreifen, du bist noch zu klein (ich war dreizehn), aber versuch trotzdem zu begreifen, daß du bis zur letzten Note durchhalten mußt!“

Er war sich darüber im klaren, daß ich ein kleines Mädchen war, aber ich hab das trotzdem kapiert (lacht)
Gulda war elf Jahre älter als ich ...

Und du warst in ihn verliebt ...

Ich habe mich in ihn verliebt, aber er wußte nichts davon.
Später sind wir uns wieder begegnet, und er sagte, daß ich nicht in guter Form sei, und er sei gerade auch nicht in Form, dann sagte er mir, daß wir ein wenig zusammenbleiben könnten, um uns gegenseitig zu helfen, aber wir müßten auch Liebhaber sein ... aber ich sagte nein
und was willst du ... er sagte „du willst alles trennen, aber für mich muß das hier (er zeigt auf den Kopf) und das hier (er zeigt auf das Herz) und das hier (er zeigt auf einen eindeutigen Punkt, wohlverstanden unter der Gürtellinie), für mich muß das alles zusammen sein!“

Er war Stier (sie betrachtet einen „Stier“, der vor ihr sitzt und lächelt)
Aber zwischen uns ist nichts passiert, für mich war das unmöglich, ich sagte zu ihm „ich kann nicht, weil ich so verliebt in dich war, als ich deine Schülerin war (ich weiß nicht mehr, ob ich ihn gesiezt habe), und er hat gesagt ... „ich dachte, du seist ein Kind!!!“ (sie lächelt) Solche Bewunderung ... soviele Dinge ... da ist es unmöglich, eine Beziehung zu haben ... verstehst du?

Er sagte mir „Ich kann dir 70 Prozent helfen, und die restlichen 30 Prozent kannst du mir helfen“. Ihm gefiel, wie ich spielte, das war sehr interessant für ihn, und er dachte, daß er mir in dem Moment erneut helfen könnte ... Es ist nichts passiert, ich bin weggegangen ... Ich konnte das nicht ertragen, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll ... ich hatte eine wahnsinnige Bewunderung, ich hatte Angst ... verstehst du? (sie sieht mich an, um Bestätigung zu finden) Es war zu ...

Bei ihm war ich eineinhalb Jahre ... er sagte mir „du darfst nur zwei oder drei Jahre bleiben, nicht länger, weil du anfängst, wie ich zu spielen, und das geht nicht. Du machst das, was ich mit meinem Lehrer gemacht habe, aber der trat nicht öffentlich auf.“

Er nahm die Unterrichtsstunden auf, ich fing nicht gerne an, also fing ich an, über Dinge zu reden, über die ich mir Gedanken machte, ich sprach zu ihm von der Frage der Seele ... solche Sachen ... er hörte zu, es war ihm klar, daß ich nicht anfangen wollte und mir Gedanken machte .. er ließ mich reden, derweil setzte er sich ans Klavier und fing dreißig Sekunden lang an zu spielen, und dann machte ich weiter, wo er angefangen hatte ... er hatte verstanden, daß ich blockiert war. Ich habe immer noch dieses Problem, mit irgend etwas anzufangen ...

Er nahm auf, und hinterher mußte man sich das anhören zusammen mit ihm mit dem Bleistift, der beobachtete, was ich machte, und ich mußte mich selbst kritisieren nach dem, was ich hörte ... dann sagte er, ok, mach das, was du meintest. Einmal sagte ich ihm, ich müsse nachhause gehen, um zu üben und nachzudenken, und er sagte "Nein! Das kannst du jetzt machen."
Das kannst du jetzt machen ... (lächelt)

Einmal mußte ich die Ballade in g-moll spielen, und er hat mich gehört und gesagt "Das ist schrecklich!" und hat selbst angefangen, die Ballade zu spielen, und hinterher hat er gesagt "Meine ist auch schrecklich ... Laß uns versuchen, was gemeinsam zu machen, laß uns versuchen zu verstehen ..."
Er war ehrlich ... wie alle Stiere (lacht und betrachtet von neuem den "Stier", den sie vor sich hat) er sagte, was er dachte ...

Gelegentlich unterbricht sie ihre Erinnerungen, weil ihr etwas in den Sinn kommt, was sie machen muß Ich muß Joghurt kaufen gehen, und der Laden macht gleich zu! Es ist sechs Uhr abends.

Einmal hatte ich einen Monat an einer Schubert-Sonate gearbeitet, einer in a-moll (sie singt ... do si la miiii do la mi), und er war besorgt.
"Argerich," sagte er zu mir, "ich dachte, du seist talentiert, aber vielleicht habe ich mich geirrt!"
Und er sagte "OK, nächste Woche bringst du mir Gaspard de la nuit und die Abegg-Variationen". Ich wußte nicht, daß Ravel schwierig war und habe das in fünf Tagen gelernt. Das hat er mit mir gemacht ... er hat gesehen, daß ich blockiert war mit dieser Sonate ... und er hat mir diese andere Sache zum Arbeiten gegeben ... Ich war ja schon von Scaramuzza geimpft ...

Du hast den kleinen Jungen wiedergefunden ... Pedrito
Ich habe den kleinen Jungen wiedergefunden, der mir sagte, ich könne nichts, und ich machte das, wovon er mir sagte, ich könne es nicht.
Er wußte Dinge auf unbewußtem Niveau, das war unglaublich.
Ich spielte ihm gerne vor, während er mich ansah und ich sein Gesicht sah, er war transparent ...

Telefon ... Zigarette ... Es wird dunkel. Sie geht und redet weiter vom anderen Zimmer aus, während sie sich umzieht.

Ich wußte nicht, daß ich Pianistin werden würde ... aber ich kann nichts anderes, ich konnte nichts anderes ...
Gulda war sehr speziell, eines Tages habe ich ihn in Berlin getroffen, mir ging es schlecht, ich hatte Liebeskummer. Er sah mich und sagte "Laß mich fünf Minuten nachdenken", dann sagte er "Ich werde dir sagen, was ich mache, fang an, dich umzusehen, ich sage nicht, daß du mit anderen ins Bett gehen sollst, sieh hin, wie der eine geht, ob der andere ein hübsches Lächeln hat, ob jener intelligent ist ... sieh dich um und freue dich an den Eigenschaften, die du in den anderen siehst" ... Hinsehen und sich an den Eigenschaften der anderen freuen ...
Wenn man Liebeskummer hat, sieht man nichts, das ist furchtbar ...
Das ist amüsant ... Findest du nicht ? (sie lacht)

Aber es ist merkwürdig, ich weiß, daß Gulda tot ist, aber für mich ist er nicht tot, wenn ich an ihn denke, ist er voller Lebendigkeit, voller Leben, voller Talent ... für mich ist er nicht tot, das ist merkwürdig!!!
Das ist merkwürdig ... das habe ich bei anderen Personen nicht ...
Er wollte, daß ich Jazz mache, und ein bißchen habe ich das auch, aber dann habe ich es sein lassen.
Das hat ihn sehr wütend gemacht, er hat mich getroffen, als ich 40 war und fand diese Tatsache schrecklich, daß ich mit dem Jazz nicht weitergemacht habe ... ich auch. Aber jetzt ist es vielleicht zu spät ... Ich habe nicht einmal Zeit, auszugehen und Joghurt zu kaufen!
Der Laden hat inzwischen zu, kein Joghurt also.

Meinst du, daß das zu kurz ist für's Forum? Willst du weitermachen? (fragt sie mich ... sicher, ich möchte weitermachen, aber ich denke auch daran, daß sie schon den ganzen Nachmittag hier bei uns ist, um über sich zu sprechen ... andererseits gefällt es ihr auch ... ich weiß nicht ... ich antworte nicht und sehe sie nur an, aber sie hat begriffen, daß ich weitermachen möchte)

In der Zwischenzeit ist Akane angekommen, wir haben Hunger und beschließen, essen zu gehen. Es hat viel geschneit, und draußen ist es kalt, aber wir wollen trotzdem zu Fuß gehen. Wieder zuhause. Wir nehmen unsere wieder auf.

Wo waren wir stehengeblieben?
Bei Gulda ...
Er hatte am 16. Mai Geburtstag ...
Keiner hat mich so fasziniert wie Gulda, nie habe ich etwas so Interessantes und Originelles gesehen, aber originell auf natürliche Weise ... Und auch sein Ausdruck war so anders ... Er war flexibel mit der Dynamik, ohne zu schummeln, er wollte in Hinsicht auf den Text wie ein musikalischer Fotograf sein, nicht wie ein Maler ... Er wollte sichtbare Texttreue haben, wollte sichtbar machen, was da ist. Wenn du dir den Text ansiehst, siehst du, daß es genau das ist! ... und dann hatte er derartig außergewöhnliche Klangwirkungen ... Er war fasziniert von Cortot, das ist interessant, weil er nicht viel mit ihm gemeinsam hat
Dank Cortot hat er angefangen, Chopin zu spielen, er hat sich begeistern lassen, als er Cortot gehört hat ... Gemeinsam hatten sie, daß sie über das Offensichtliche hinaussahen ...
Cortot, ja, außergewöhnlich, die Aufnahmen, nicht persönlich. Außergewöhnlicher Musiker, kohärent. Ja, eine außergewöhnliche Sache.
Es ist interessant, daß sich Gulda angezogen fühlte von etwas, das so anders war als er, seine Freunde verstanden das nicht besonders gut.
Er war außergewöhnlich ...

Einmal war da Ludwig Hoffmann, der wollte eine andere Pianistin heiraten, und Gulda hat gesagt: "Warum willst du die denn heiraten ... die hat doch gar keinen Rhythmus!!!" (lacht)

Ein anderes Mal hat er ein Konzert in Wien gegeben, das war mit Gesichtskontrolle (lacht) Gesichtskontrolle?
Ja! Wenn jemand kam und eine Eintrittskarte kaufte und häßlich war, mußte er hinten sitzen ... dafür hatte er einen Assistenten!
Noch ein anderes Mal, in Lausanne, hat er ein Programm mit dem Titel "Bach und Gulda" (oder so ähnlich) angekündigt, und das Konzert begann damit, daß er improvisierte. Viele Leute sind aufgestanden und gegangen, und als er das sah, sagte er: "und jetzt, wo die Idioten weg sind, spiele ich Bach ..."

Als er jung war, war er sehr arm, während des Krieges als Österreich besetzt war, war sein Vater kein Nazi und durfte daher nicht arbeiten ... er fror, er hatte nur einen dünnen Mantel und begleitete Sänger, um ein bißchen Geld zu verdienen, er war jung, 11 Jahre, mager, und (Bruno Seidlhofer hat mir das erzählt), er ging zu ihm (Seidlhofer) und fragte ihn "Maestro, werde ich ein großer Pianist sein?" Und er antwortete ja. Und dann fragte ihn Gulda: "Wann?" (lacht)

Ein anderes Mal war da ein bildschönes Mädchen von 15 Jahren, sie war die Verlobte von Jacques Klein, eine Brasilianerin, eine unglaubliche Schönheit und außerdem noch Miliardärin, und sie hatte einiges Talent, spielte überhaupt nicht schlecht. Sie spielte ihm vor, er sah sie an und sagte: "du bist so schön, und du bist so reich - warum willst du Klavier spielen?"
Nach ihm (und nicht nur nach ihm) ist es so, daß wenn alles gut geht im Leben, du schön bist, glücklich bist, Liebe hast, dann hast du keine Notwendigkeit, etwas in besonderer Weise zu machen, er fand, daß sich im Mangel viele besondere Dinge finden ... ich weiß nicht, ob er recht hat ...

Gulda sagte mir mal, daß er keine Lust mehr hätte, irgend etwas außer Mozart zu spielen, weil alle anderen "ihr Bauchweh zeigen", und deshalb wollte er nur noch Mozart spielen und sein eigenes Bauchweh, seine eigenen Kompositionen ... (lacht)

* Ende des Zitats ***

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (30.11.2010, 22:02):
... sieh hin, wie der eine geht, ob der andere ein hübsches Lächeln hat, ob jener intelligent ist ... sieh dich um und freue dich an den Eigenschaften, die du in den anderen siehst" ... Hinsehen und sich an den Eigenschaften der anderen freuen ...

:down

(u.a.)

Danke, Gamaheh!

Nikolaus.
sahrapa92 (06.12.2011, 07:37):
gulda war einfach ein guter musiker, immer von einem brennenden ehrgeiz getrieben, der beste zu sein. er brachte es fertig, gane klavierabende ohne eine falsche note u spielen. trotz allen übens gelang es ihm nicht, bestimmte passagen von chopin oder liszt im tempo zu meistern. also suchte er den kontakt zu großmeister arrau, bat ihn um hilfe. erhielt die übliche antwort, die technik umstellen, nochmal ganz von vorne anfangen. der hans hat dann einfach das verweigert, was er als hänschen nicht gelernt hat, chopinetuden hat er nie eingespielt (wie übrigens auch rubinstein).
seine konversion zum jazz hatte gewiss auch mit seiner abneigung gegen den ultrareaktionären klassischen musikbetrieb zu tun. wie ein kind freute er sich, wenn jazzgrößen ihn als einen der ihren bezeichneten, mit ihm spielten.
dann kam diese phase, gulda mit seiner frau nackt auf der bühne, mit blockflöte.
seine bachinterpretationen auf dem selbstgebaselten elektronisch verstärktein clavichord fand ich gut, leider hat das instrument ihn nicht überlebt, in den augen der historischen eiferer teufelszeug.
nicht alle seine interpretationen sind reines gold, aber immer von tiefer überzeugung geprägt. mir gehts wie der martha: gulda ist nie gestorben. so einer lebt ewig.