Frühe Experimente in der Musik

satie (16.06.2008, 21:24):
Frühe Experimente in der Musik


Aus gegebenem Anlass möchte ich hier einen Thread eröffnen, der sich Beispielen in der Musikgeschichte widmet, in denen musikalisch experimentiert wird.
Das Stück, welches diesen Thread anregte, ist das "Capriccio Stravagante"(1627) von Carlo Farina (geboren 1600, bereits 1639 verstorben). Farina war ein begnadeter Violinvirtuose, der in besagtem Stück Techniken benutzt, wie sie uns eigentlich eher aus der zeitgenössischen Musik bekannt sind. Eine Spielanweisung Farinas habe ich bei Wikipedia gefunden:

„Was das Katzengeschrey anlanget wird folgender gestalt gemacht, daß man mit einem Finger manchen Ton, da die Noten stehet, mehlichen unterwartz zu sich zeuhet, da die oberen Semifusen (1/16 Noten) geschrieben seyn, muß man mit dem Bogen bald vor, bald hinter dem Stegk auffs ärgste und geschwindeste als man kann faren, auff die weise wie die Katzen letztlichen, nachdem sie gebissen und jetzdo außreissen zu thun pflegen.“

Das ist also die Technik des "Glissando", des Gleitens mit dem Finger auf der Saite, oder wenn man es etwas salopper formulieren will: es wird von einem Ton zum anderen "geschmiert".

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Carlo_Farina

Nebst diesem "Katzengeschrey" wird auch der Hund imitiert, die Trompete (es sind hier nur Streicher und Continuo beteiligt), der Hahn, die Henne, die Leier, die Gitarre, die Flöte, die Trommel. Techniken wie pizzicato (zupfen), col legno battuto (mit dem Bogenholz auf die Saiten schlagen), sul ponticello (auf dem Steg/ nahe am Steg spielen, erzeugt einen näselnden Obertonklang) tauchen in diesem Stück auf.

Schöne Aufnahmen davon:

Die bereits erwähnte, in der DHM-Box enthaltene Aufnahme mit dem Ensemble, welches sich selbst "Capriccio Stravagante" nennt:
http://stravagante.com/minis/monteverdi-lamento.jpg
MONTEVERDI
LAMENTO D’ARIANNA / COMBATIMENTO
Carlo Farina: Capriccio Stravagante (Manfredo Kraemer, violin).
Guillemette Laurens, mezzo-soprano
Konstantinos Paliatsaras, tenor
Capriccio Stravagante / Skip Sempé


http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0722056231220.jpg
La Bande Montreal Baroque - Batailles
Gervaise: Pavane & Gaillarde de la Guerre
Biber: Battalia
Merula: Canzona la Gattarina
Schmelzer: Polnische Sackpfeiffen;Ballett
"Die Fechtschule"
Holborne: Pavana "The Funerals"
Farina: Capriccio Stravagante
Vierdanck: Capriccio
Scheidt: Canzona "O Nachbar Roland";
Galliarde "Battaglia"
Falconieri: Battalla Barabassa Tenero de
Satan
Concerto Palatino (Bruce Dickey & Doron
Sherwin / Hörner), La Bande Montreal Baroque Label: Atma , DDD, 2003

Die zweite CD beinhaltet weitere Stücke, in denen musikalisch experimentiert wird, allen voran ist hier zu nennen die "Battalia" von Heinrich Ignaz Franz Biber von Biber(n) ((* 12. August 1644 in Wartenberg, Böhmen; † 3. Mai 1704 in Salzburg). Hier gibt abermals Wikipedia den vollen Titel:
"Sonata La Battalia 1673 (ein Schlachtengemälde) Titel: ”Das liderliche Schwarmen der Musquetirer, Mars, die Schlacht undt Lamento der Verwundeten, mit Arien initirt und Baccho dedicirt, von H. Biber, Ao. 1673.”
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Ignaz_Franz_BiberBald fünfzig Jahre nach Farinas frühem Experimentalwerk finden sich hier ähnliche Techniken, und wieder dienen sie der Imitation von Trommeln, Trompeten, Kanonenschüssen etc.
Der zweite Satz der "Battalia" trägt den Titel "Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor". Ich habe die Partitur noch nie gesehen, daher kann ich nicht sagen, wie genau es gemacht ist, aber man hört jedenfalls mehrere (nicht zusammenpassende) Tonarten gleichzeitig (das wird man dann auch in Mozarts "muikalischem Spaß" antreffen), eine unglaubliche Kakophonie, die auch wirklich eine sein soll. Der "Mars" (Marsch) bietet dann eine Art Pfeifenmelodie mit Trommelbegleitung (wieder legno battuto). Denselben Marsch hatte Biber schon einmal benutzt, und zwar in seiner
"Sonata violino solo representativa" (1699). In dieser werden nun vor allem Tiere imitiert, die Nachtigall, der Kuckuck, der Frosch, die Henne und der Hahn, die Wachtel, die Katze. Beim Frosch findet sich eine Technik des gequetschten Bogenstrichs mit zusätzlichem Glissando, was wirklich wie ein Quaken klingt.
Eine tolle Aufnahme mit beiden Werken, der Battalia und der Sonata ist diese hier aus einer wundervollen Sammelbox:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0825646326426.jpg
CD 8: Zelenka, Fanfare D-Dur / Biber, Battalia;Passacaglia
c-moll;Sonate für Violine solo;Partia VII/Locke, Canon 4
in 2;Music for the Tempest

Sie müsste auch einzeln erhältlich sein.

Ich fürchte jetzt schon, dass das alles sehr lang wird, daher werden weitere Stücke später folgen. Einer Sache muss man aber noch nachgehen, da bereits danach gefragt wurde:
warum nun im Barock plötzlich diese Experimente, Imitationen, und warum hört es später wieder auf? Heute ist es ja gar verpönt, überhaupt etwas darstellen zu wollen mit Musik (es sei denn etwas "feinstoffliches"), damals scheint es total hip gewesen zu sein.
Das ganze beginnt in der Renaissance (alles was ich jetzt schreibe ist ohne Gewähr, ich bin hier nicht auf dem neuesten Stand, vielleicht gibt es viel frühere Beispiele), mit der Rückwendung zur Antike und der aristotelischen Forderung "Ars imitatur naturam", also der Forderung, die Kunst solle die Natur imitieren (wie genau das gemeint war von Aristoteles wäre eine eigene Diskussion wert, also lassen wir es lieber).
In der Renaissance ist die Kunstmusik noch vokal dominiert, daher wurde dort vor allem im Madrigal (DIE Renaissancegattung schlechthin) experimentiert, im Dienste der Textdarstellung mit musikalischen Mitteln (zum Beispiel Vogelstimmen, auch Trommelimitationen mit geeigneten Silben etc.). Im Barock haben wir endlich die Wende zur eigenständigen Instrumentalmusik als Kunstform, daher erscheinen dort diese Effekte und Experimente dann auch vermehrt in den Instrumentalstücken. Die Wende liegt irgendwo um Beethoven herum (in der Pastorale besteht Beethoven ja darauf, dass die Musik eher Schilderung innerer Gemütsbewegungen als Imitation von etwas äußerlichem sei).

Natürlich bin ich sehr sehr neugierig, was ihr alle an solcherlei Experimenten kennt. Im nächsten Beitrag werde ich weitere vorstellen, die mir noch einfallen.

Herzlich,
S A T I E
EinTon (16.06.2008, 21:37):
Scheidt: Canzona "O Nachbar Roland"

Das kenne ich, habe ich früher einige Male mit meinem Vater und seinen Gambistenfreunden gespielt (ich selber habe die Basstimme auf dem Cello gespielt).

Es sind Variationen über ein Lied mit dem im Zitat angegebenen Titel - Motto: "O Nachbar Roland, mein Mann ist grad auf Dienstreise...." Die Variationen stellen die in dem Lied enthaltene Geschichte programmatisch dar.
Am Schluß ertappt der Ehemann Frau und Liebhaber und es kommt zu einem Kampf. Dieser wird dargestellt, indem das Thema von allen Instrumenten in tremulierten Sechzehnteln dargeboten wird. Irgendwelche Spezialeffekte kommen in dem Stück aber nicht vor.

aber sorry, das war jetzt vielleicht etwas Off Topic...

Gruß,

Normann
satie (16.06.2008, 21:42):
Einige weitere Beispiele, diesmal ohne lange Erklärungen, ich bin ja viel mehr gespannt, was ihr alle kennt:

Domenico Scarlattis Sonata K. 175 (L. 429 P. 136 ) in a-moll benutzt Cluster (Tontrauben, also Trauben von benachbarten Tönen), um (wahrscheinlich) Gitarrenartige Akzente darzustellen. Das knallt ganz schön.
Eine hochinteressantes Buch hierzu:
Klaviercluster: Geschichte, Theorie und Praxis einer Klanggestalt
von Herbert Henck
Ich wollte es mir schon längst kaufen...immer noch nicht gemacht...

Dann der bereits erwähnte "Musikalische Spaß" von Mozart (1787, KV 522). Hier werden allerdings eher musikalische Strukturen aufs Korn genommen, etwa die Solokadenz im langsamen Satz, die immer höher steigt und sich völlig in "falschen" Noten verliert, die sture Gleichförmigkeit der Phrasen im ersten Satz und die sinnlosen Kontrastierungen, dann im Menuett einer der herrlichsten Horneinsätze aller Zeiten (das muss man hören, verraten darf ich es hier nicht), und ein Schluss in mehreren Tonarten gleichzeitig.

Übrigens: von den genannten habe ich keine guten Aufnahmen. Ich bin also dankbar für Tips!

So, jetzt mal Bühne frei für eure Beispiele...

Herzlich,
S A T I E
satie (16.06.2008, 21:43):
Original von EinTon
Scheidt: Canzona "O Nachbar Roland"

Das kenne ich, habe ich früher einige Male mit meinem Vater und seinen Gambistenfreunden gespielt (ich selber habe die Basstimme auf dem Cello gespielt).

Es sind Variationen über ein Lied mit dem im Zitat angegebenen Titel - Motto: "O Nachbar Roland, mein Mann ist grad auf Dienstreise...." Die Variationen stellen die in dem Lied enthaltene Geschichte programmatisch dar.
Am Schluß ertappt der Ehemann die Frau und Liebhaber und es kommt zu einem Kampf. Dieser wird dargestellt, indem das Thema von allen Instrumenten in tremulierten Sechzehnteln dargeboten wird. Irgendwelche Spezialeffekte kommen in dem Stück aber nicht vor.

aber sorry, das war jetzt vielleicht etwas Off Topic...

Gruß,

Normann

Danke, Normann!
Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass diese CD nicht nur Stücke enthält, die solche Effekte benutzen. Manche sind einfach Programmmusik.
Sarastro (16.06.2008, 22:18):
Lieber Satie,
vielen Dank für Deine schöne, sehr informative Eröffnung dieses hochinteressanten Themas! Das besonders Faszinierende bei diesen frühen Experimenten ist nach den Beschreibungen, die Du wiedergegeben hast, mit welchen eigenwilligen, recht unkonventionellen Mitteln z.B. die verschiedenen Tierstimmen imitiert wurden. Zwar machte noch Haydn in seinen beiden großen Oratorien auf seine Weise reichlichen Gebrauch von solchen Imitationen und Naturmalereien, aber die Methoden hatten sich inzwischen eben doch schon deutlich geändert.

Herzliche Grüße,
Sarastro
satie (16.06.2008, 22:32):
Ich habe natürlich einen Tippfehler gemacht: die Sonata representativa von Biber stammt aus dem Jahr 1669, nicht 1699! Sonst wäre sie ja nach der Bttalia entstanden...
Sarastro (16.06.2008, 22:42):
Hier noch ein Nachtrag, ein recht amüsantes Experiment - oder vielleicht sollte ich eher sagen: einen recht amüsanten Scherz - betreffend: Im Finale von Haydns 60. Symphonie ("Il distratto", 1774) gibt es nach einer Generalpause eine sehr originelle, urkomische Stelle, die so klingt, als würden die Musiker ihre (Streich-)Instrumente stimmen.
***
Zu Tierstimmenimitationen fällt mir übrigens noch Dittersdorf ein: In der fünften seiner Metamorphosen-Symphonien (gibt´s bei Naxos) quaken die in Frösche verwandelten lykischen Bauern ziemlich penetrant, wie es Ovid ("quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant") vorgegeben hatte.

Viele Grüße,
Sarastro
Poztupimi (16.06.2008, 23:20):
Lieber Satie,

vielen Dank für den Einstieg, auch wenn ich spontan nicht so furchtbar viel beitragen kann, sehe ich aber schon wieder die eine oder andere neue CD auf mich zukommen (auf die DHM-Box hoffe ich im nächsten Monat :D).

Ein Beispiel fällt mir aber ein, das vielleicht etwas in die Richtung geht:

Adriano Banchieri (1567 – 1634)
Contrappunto bestiale alla mente
für fünfstimmigen Chor (SSATB)

Nach einer "munteren" Fa la la-Einleitung treten über einer Baßlinie (Basa alle contrap.: "Nulla fides gobis similiter est zoppis / si squerzus, bonus, bonus est, / super annalia scribe") nacheinander auf:
Cane: bau bau, Gatto: mi-au mi-au, Chiù: chiù und Cucco: Cu-cù.

Es gibt einige Filmchen im Netz, die meisten sind aber eher langweilig und brav, besser trifft zum Beispiel dieses hier mit den King's Singers das Thema (man beachte die schicken Pullover der Ausführenden).

Viele Grüße,
Wolfgang


Viele Grüße,
Wolfgang
satie (17.06.2008, 13:52):
Hier noch einige Beispiele:

Das erste (erhaltene) Beispiel für ein Pizzicato auf einem Streichinstrument ist wohl indiesem Stück zu finden:
Monteverdi : „Tancredi e Clorinda“, 1624

Wo man das erste col legno findet, weiß ich nicht, vielleicht tatsächlich bei Farina. Es kommt aber auch in recht bekannten Stücken vor, so etwa in Berlioz' Symphonie Fantastique und dem ersten Satz der "Planeten" von Gustav Holst (aber das ist ja auch nicht so alt).

Stücke, in denen Kanonenschüsse mit Clustern oder vergleichbaren Klängen nachgeahmt werden, gibt von Dandrieu, Corrette, Balbastre und anderen, Gewitter nachgeahmt haben ebenfalls Corrette, Vogler, Lasceux, Neukomm und andere. Vögel findet man bei den französischen Clavecinisten zuhauf, wahrscheinlich sind das ohnehin die belibtesten Tiere für Komponisten (bis hin zum professionellen Ornitologen Messiaen).

Ein weiteres verrücktes Stück soll "Le Cahos" von Rebel sein, welches ich leider noch nicht gehört habe...

Nicht zu vergessen auch die Präparation des Klaviers: zu Mozarts Zeit gab es den sogenannten Janitscharenzug, eine Vorrichtung, die über einen Registerzug zugeschaltet werden konnte. Wurde er betätigt, legten sich auf einige Saiten kleine Becken oder Schellen, die dann mitschepperten. Den "Türkischen Marsch" etwa kann man damit wunderbar spielen (immer, wenn das Ritornell kommt). Dies ist also keine Erfindung von Cowell und Cage, sondern schon früher benutzt worden.

Natürlich liegt der Unterschied zwischen diesen experimentellen Instrumentaltechniken damals und heute einfach nur darin, dass damals so etwas immer entweder etwas imitierte (also eigentlich in den Bereich der Programmmusik gehörte) oder in einem generell spaßig-exotischen Zusammenhang stand, während es in Musik des 20 Jahrhunderts bis heute vorwiegend der Klangerneuerung und -erweiterung diente und sich somit von solchen Funktionen weitestgehend emanzipiert hat.

Herzlich,
S A T I E
Zelenka (18.06.2008, 17:41):
Original von Satie
Dann der bereits erwähnte "Musikalische Spaß" von Mozart (1787, KV 522). Hier werden allerdings eher musikalische Strukturen aufs Korn genommen, etwa die Solokadenz im langsamen Satz, die immer höher steigt und sich völlig in "falschen" Noten verliert, die sture Gleichförmigkeit der Phrasen im ersten Satz und die sinnlosen Kontrastierungen, dann im Menuett einer der herrlichsten Horneinsätze aller Zeiten (das muss man hören, verraten darf ich es hier nicht), und ein Schluss in mehreren Tonarten gleichzeitig.

Übrigens: von den genannten habe ich keine guten Aufnahmen. Ich bin also dankbar für Tips!



Lieber Satie:

Hier zwischendurch nur kurz ein Tip für eine Aufnahme von Mozarts zwerchfellerschütterndem "Spaß" (gekoppelt mit anderer leichter Musik):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51SPB6CYB3L._SL500_AA240_.jpg

Ein musikalischer Spaß KV 522, "Der Sieg vom Helden Koburg" KV 587 (Contredanse in C-Dur), "Das Donnerwetter" KV 534 (Contredanse in D-Dur), "La Bataille" KV 535 (Contredanse in C-Dur), 6 Deutsche Tänze KV 567, Gallimathias musicum KV 32, Marsch No. 1 in D-Dur KV 335 (320a), "Les Filles malicieuses" KV 610 (Contredanse in G-Dur), "Il trionfo delle donne" KV 607 (605a) (Contredanse in Es-Dur), "Die Leyerer" KV 611 (Deutscher Tanz in C-Dur), 3 Deutsche Tänze KV 605
Orpheus Chamber O DG 4297832

Gruß, Zelenka
EinTon (18.06.2008, 19:03):
Original von Satie
Nicht zu vergessen auch die Präparation des Klaviers: zu Mozarts Zeit gab es den sogenannten Janitscharenzug, eine Vorrichtung, die über einen Registerzug zugeschaltet werden konnte.

In Hamburg gibt es ein sehr gutes Klavier- und Cembalomuseum, da kann man auch Klaviere mit "Effektpedalen" (nicht immer geschmackvoller Art) aus jener Zeit besichtigen - manche Klaviere hatten damals bis zu 7 Pedale!

Bei dem uns vorgeführten Klavier (eben mit Mozarts "türkischem Marsch"!) wurden die Schellen und Becken einfach durch Treten eines Pedals zum Klingen gebracht (vegleichbar einem BassDrum-Pedal eines Jazz- oder Rockdrummers)l, funktionierten also unabhängig von den Saiten.
Zelenka (18.06.2008, 20:18):
Lieber Satie:

Herzlichen Dank für diesen erquicklichen Faden, in dem trotz der recht allgemeinen Themenstellung eher lautimitatorische Phänomene in der Musikgeschichte angesprochen werden.

Du hast selbst darauf hingewiesen, und Wolfgang hat seinerseits Banchieris "Contrappunto bestiale alla mente" (Teil von "Festino nella sera del Giovedì Grasso avanti Cena" op. 18) genannt: Im vokalen Bereich gibt es jedenfalls Beispiele aus dem 16. Jhdt. für allerlei Tierstimmenimitationen (Katze, Hahn etc.). Ich habe das Banchieri-Werk einmal auf einer Opus 111-CD besessen, ich habe das Miauen aber auf Dauer nicht ertragen können. (Die CD wird mittlerweile zu halsabschneiderischen Preisen gehandelt.) Aus jener Zeit kann ich mich im Moment im wesentlichen nur auf Orlando di Lasso stützen, der durchaus auch schon mit imitatorischen Effekten gearbeitet hat (Villanelle, moresche e altre canzoni, Concerto Italiano, Alessandrini, Opus 111). Die Instrumentalmusik ist schlechter bezeugt, obwohl es sie, man denke an den großen Bereich des Tanzes, natürlich gegeben hat. Im Prinzip gibt es keinen Anlaß anzunehmen, daß es lautimitatorische Effekte nicht gegeben hat. Offenbar verstießen sie nicht wie später gegen einen herrschenden guten Geschmack, und es ist auch in der Literatur (Shakespeare und andere) zu spüren, daß verschiedene Stilebenen auf das Beste koexistieren konnten. Aus dem 17. Jhdt. sind Lautimitationen reichlich überliefert. Farina ist genannt (dessen "Capriccio stravagante" ich in einer Aufnahme der Sonatori de la Marca Gioiosa (Divox) besitze), Biber ist genannt, der auf diesem Gebiet recht produktiv war, man denke vielleicht auch noch in seinem Falle an die Sonate à 6 'die Pauern Kirchfarth genandt' und anderes, Schmelzer ist ebenfalls genannt. Im 18. Jhdt. wird gelegentlich weiter imitiert, Rameau, Vivaldi, Telemann, Haydn, Mozart sind zu nennen. Ob die Tradition etwa mit Beethovens Pastorale endet? Eher wohl nicht … 1815 und wenig später wurden z.B. einige musikalische Schlachten von Waterloo komponiert, die E.T.A. Hoffmann so verabscheute (und unter Pseudonym doch auch selbst komponierte). Programmusik hat es weiter gegeben, auch wenn Schumann gegen sie wetterte. Und im 20. Jhdt, hat dann z.B. Messiaen auch noch seinen außerordentlichen "Catalogue d'oiseaux" komponiert …

Gruß, Zelenka
satie (20.06.2008, 15:47):
Ein weiteres Beispiel für Programm-Musik besonderer Art:

Tableau De L'Operation De La Taille

von Marin Marais

Es handelt sich hierbei um die musikalische "Beschreibung" einer Gallensteinoperation (damals selbstverständlich ohne Anästhesie durchgeführt). Ich habe die Partitur leider nicht, aber Marais hat in die Noten hinein kleine Sätze geschrieben, die bei Aufführung meist vorgelesen werden, da wird beschrieben, wie der Patient ängstlich den Operationsstuhl besteigt, wie der Schnitt durchgeführt wird etc.
Ein kurzes Dreiminutenstück, allerdings musikalisch meines Erachtens nicht so witzig, wie zu erwarten wäre...
Offenbar wurde dieses Stück in den USA oder England zwecks Vermarktung eines Medikaments namens "Norgine" (vielleicht war das auch der Firmenname) auf eine kleine Schallplatte gepresst (auf der anderen Seite war ein fingiertes Verkaufsgespräch eines Medikamentenvertreters...). Schon kurios...:-)

Kann man hier zum Beispiel hören:

http://www.youtube.com/watch?v=X8qdrwykZHg&feature=related


Natürlich sollen in diesem Thread nicht nur solcherlei Experimente unter die Lupe genommen werden. Zu fragen wäre nach

- formal-strukturellen Experimenten (z.B. die isorhythmische Motette, Guillaume Dufays Motette "Nuper rosarum flores" mit ihrer nach den Proportionen des Florentiner Doms gestalteten Zahlenstruktur)

- Experimenten in der Harmonik (z.B. Gesualdos abenteuerliche Chromatik)

- räumlichen Experimenten (z.B. Gabrielis "Canzone")

etc. etc. ...

Herzlich,
S A T I E
Cetay (inaktiv) (20.06.2008, 16:38):
Original von Satie
Es handelt sich hierbei um die musikalische "Beschreibung" einer Gallensteinoperation (damals selbstverständlich ohne Anästhesie durchgeführt). Ich habe die Partitur leider nicht, aber Marais hat in die Noten hinein kleine Sätze geschrieben, die bei Aufführung meist vorgelesen werden, da wird beschrieben, wie der Patient ängstlich den Operationsstuhl besteigt, wie der Schnitt durchgeführt wird etc.

http://www.smileygarden.de/smilie/Schockiert/whatthahell.gif Da kommt mir als weitere Überhöhung Klaus Hubers Tenebrae in den Sinn, das u.a. die physiolgischen Vorgänge im Körperinneren von Folteropfern als klingende Metapher beschreibt. Nicht gerade ein frühes Experiment im Sinne dieses Fadens, aber dennoch erwähnenswert.
satie (08.09.2008, 09:14):
Wie ich bgereits woanders geschrieben hatte, scheint die Frage nach dem allerersten Col Legno gelöst. Ich zitiere aus der Bibel des 21. Jahrhunderts, der Wikipedia:

"Als bekannter Witzbold verfasste er auf dessen Lesson for 2 to play on 1 Lute die Parodie An Invention for Two to Play upone one Viole für zwei Gambisten, bei der ein Spieler auf dem Schoß des anderen sitzt. Sie streichen das Instrument mit zwei Bögen. In einem anderen Stück notierte Hume die Spielanweisung drum this with the backe of your bow („mit der Bogenrückseite trommeln“). Dies ist die erste Verwendung der Col-legno-Spielweise in der Musikgeschichte."

Den ganzen Artikel über Hume kann man hier finden:
http://de.wikipedia.org/wiki/Tobias_Hume