Gabriel Fauré: Requiem op. 48 - Das etwas andere Requiem?

Papageno (14.04.2009, 19:55):
Hallo, ihr da draußen!

Vielleicht habt ihr bereits meinen Beitrag zu diesem Werk in Rolf Scheiwillers Thread "REQUIEM-Vertonungen" gelesen? Falls nicht: Kennt ihr das namhafte Requiem von Gabriel Fauré, das als Hervorstechendstes unter all dessen Werken gilt? Der berühmteste Teil aus diesem Opus ist meines Wissens nach die überirdisch schöne und intime Solo-Sopran-Arie "Pie Jesu".
Dem ein oder anderen dürfte eventuell auch das ausnehmend lyrische Bariton-Solo "Libera me" mit Chor sein, in dem trotz allen tragischen Tönen, die hier angeschlagen werden, auch kleine Hoffnungsschimmer aufblitzen, wie ich in meinem Threadbeitrag geschrieben habe, wenn die Textstelle "Libera me, Domine, de morte aeterna, in die illa tremenda" (Rette mich, Herr, vor dem ewigen Tod an jenem Tage des Schreckens) zum Tragen kommt.

Hier spürt man förmlich die unerschütterlich scheinende Zuversicht, dass Gott einen in der Stunde des Todes, vor der sich jeder mehr oder weniger fürchtet, sicher führen wird.
Dieses Urvertrauen wird durch die sich prompt anschließenden, schneidenden Chorrufe "Dies illa, dies irae" (O jener Tag, Tag des Zornes) für einen kurzen Moment durch leichte Angstgefühle beim Hören gestört, bis der Chor in moderatem Tempo gleich dem Bariton-Solisten ruhig und friedvoll die Worte "Requiem aeternam dona eis, Domine" (Herr, gib ihnen die ewige Ruhe) und man sich beim Zuhören, zumindest ich, wieder sicher und geborgen fühlt.

Ach ja: Viele Kritiker haben an Faurés Requiem übrigens bemängelt, dass es nicht die Todesangst der Menschen zum Inhalt hätte und nicht behandelt würde. Ein richtiges, traditionelles Requiem müsse dieses jedoch zu leisten im Stande sein. Dies konterte Fauré selbst damit, dass er anführte, das Werk solle den Tod als "glückliche Befreiung, als Streben nach dem jenseitigen Glück und weniger als schmerzhaften Übergang" darstellen. Das, finde ich persönlich, ist ihm sehr gut gelungen und ich ziehe solche Requien hundertmal denen alá Brahms (z.B. "Ein Deutsches Requiem") und Co. vor, die für mich ein wenig zu düster daher kommen. Darum schrieb ich auch: "Das etwas andere Requiem?" :D

Was sind eure Erfahrungen mit bzw. Assoziationen zu Faurés Requiem? ?(

Meine hier berichteten Erfahrungen habe ich mit dieser sehr schön gestalteten Aufnahme unter dem Dirigat von Carlo Maria Giulini gemacht:

http://iclassics.com/images/local/300/1673E.jpg

Liebe Grüße, Jan! :)
Rachmaninov (14.04.2009, 20:32):
Original von Papageno
Kennt ihr das namhafte Requiem von Gabriel Fauré, das als Hervorstechendstes unter all dessen Werken gilt?


Natürlich kenne ich das Werk. Ob es das hervorstechendste alle Werke dieser Gattung ist mag ich aber nicht unbedingt so "unterschreiben"


Hier spürt man förmlich die unerschütterlich scheinende Zuversicht, dass Gott einen in der Stunde des Todes, vor der sich jeder mehr oder weniger fürchtet, sicher führen wird.

...

Ach ja: Viele Kritiker haben an Faurés Requiem übrigens bemängelt, dass es nicht die Todesangst der Menschen zum Inhalt hätte und nicht behandelt würde. Ein richtiges, traditionelles Requiem müsse dieses jedoch zu leisten im Stande sein. Dies konterte Fauré selbst damit, dass er anführte, das Werk solle den Tod als "glückliche Befreiung, als Streben nach dem jenseitigen Glück und weniger als schmerzhaften Übergang" darstellen. Das, finde ich persönlich, ist ihm sehr gut gelungen und ich ziehe solche Requien hundertmal denen alá Brahms (z.B. "Ein Deutsches Requiem") und Co. vor, die für mich ein wenig zu düster daher kommen. Darum schrieb ich auch: "Das etwas andere Requiem?" :D

Was sind eure Erfahrungen mit bzw. Assoziationen zu Faurés Requiem? ?(


Eben darum liebe ich dieses Requiem auch ser, weil es nicht wie jenes von Mozart Gott / dem Tod den Fedehandschuh hinwirst oder eine dramatische Auseinandersetzung mit dem Ende sucht, sondern fast schon eine beschaulich schöne Vorstellung vermittelt, die dem Sterben den Schrecken nimmt und fast schon als etwas positives zeigt, etwas was lediglich eine weitere Stufe darstellt, und keinen Schrecken.
Papageno (15.04.2009, 11:12):
Hallo, Rachmaninov!

Vielleicht habe ich mich in meiner Thread-Vorstellung etwas unklar ausgedrückt. Ich meinte natürlich, dass das "Requiem op. 48" das berühmteste von allen Werken Faurés repräsentiert. Ich habe dies nicht global auf alle jemals komponierten Requien anderer Komponisten bezogen. Das würde ich mir aber auch nie anmaßen! :D

Schön zu hören, dass dir dieses Requiem auch besonders aufgrund der Vermittlung, dass der Tod nichts Furchterregendes darstellt, zusagt!

Liebe Grüße, Jan! :)
Gamaheh (15.04.2009, 19:45):
Lieber Jan,

zunächst willkommen im Forum! Ich habe das Fauré-Requiem in bester Erinnerung, denn als ich einst Mitglied in einem Chor war, haben wir es auch gesungen.

Allerdings: Wie unterschiedlich die Ansichten doch sind! Ich fand es überhaupt nicht tröstlich, sondern befürchtete ob seiner depressiven Stimmung geradezu einen Massenselbstmord der Choristen (ich war da nicht die einzige). Ich muß allerdings zugeben, daß ich es nur daher kenne und es nie in einer professionellen Einspielung oder gar Aufführung gehört habe, soweit ich mich erinnere.

Das „Libera me“ ist ein echter Ohrwurm und hat sich in der Tat tief in meinen Gehörgang gewunden; andererseits fand ich es auch immer besonders kitschig. Das „Pie Jesu“ erinnere ich besonders dafür, daß es bei uns von einer Dame gesungen wurde, die bei jedem Ton mindestens eine Oktave beanspruchte, deren Gatte aber eines unserer Konzerte gesponsert hatte (wenn ich mich recht erinnere).

Im übrigen meine ich zu wissen – obwohl ich nicht katholisch bin – daß die dies illa tremenda nicht die Todesstunde ist, sondern der Tag des Jüngsten Gerichts, die dies irae (es geht ja auch weiter mit den Worten quando caeli movendi sunt et terrae – für mich auch nicht gerade eine ruhevolle Vorstellung: der Tag, an dem Himmel und Erde beben!).

Viel tröstlicher finde ich in der Tat das Brahmssche Requiem, viel heiterer das Mozartsche!

Grüße,
Gamaheh
Papageno (15.04.2009, 22:11):
Hallo, Gamaheh!

Das, was du hier schilderst, ist ein typisches Beispiel für das weite Gebiet, auf dem die unterschiedlichen Geschmäcker differieren. Mir persönlich gibt besonders das "Libera me" ein immenses Gefühl der Geborgenheit, wenn ich es höre. Vielleicht wirkt es für dich auch deswegen "kitschig", weil man bei einem Requiem mit so einer innigen, von sehr starkem Vertrauen und Hoffen geprägten Stelle überhaupt nicht rechnet.

Was die Sopranistin, die in deinem Chor das "Pie Jesu" intoniert hat und den Chor an sich, den du als nicht professionell geschildert hast, anbelangt: Ich denke nicht, dass sich das Interesse für ein Werk neu entwickelt, wenn man es von Berufsmusikern serviert bekommt. Ich singe z.B. in meinem Kirchenchor gerade die wunderbare "Paukenmesse" von Jospeh Haydn. Ich kannte das Werk zuvor fast gar nicht und durch das intensive Auseinandersetzen mit diesem Stück in meinem Chor, wurde es zu einem meiner ganz persönlichen Favoriten. Entweder, man verspürt bei einem Stück sofort Neugier, oder eben nicht. Aber, dass verschiedene Darbietungsvariationen einen an ein Stück heranführen können, für das man beim ersten Hören kein Interesse für sich verbuchen konnte, würde ich nicht so sehen.

Liebe Grüße, Jan! :)
ab (16.04.2009, 17:01):
Enttäuschend fand ich Elly Ameling mit dem Rotterdamer Philharmonischen Orchester und dem Dirigenten Jean Fournet (Philips). Beide schätze ich sonst überhaus, aber hier finde ich bloß gepflegte Fadess und unerfreuliches Vibrato der Sängerin.
:I

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41168YEYC5L._SL500_AA240_.jpg
Papageno (16.04.2009, 19:38):
Hallo, ab!

Das ist sehr schade! Ich habe mich auch schon durch so viele verschiedene Einspielungen dieses Werkes gearbeitet und muss sagen: Die beste von allen ist die, die ich mir letztlich auch angeschafft habe, nämlich die mit Kathleen Battle (Sopran), Andreas Schmidt (Bariton), und Philharmonia Chorus & Orchestra unter der musikalischen Leitung von Carlo Maria Giulini. Die Aufnahme ist bei DGG erschienen und in meinen Augen eine echte Kaufempfehlung.

Liebe Grüße, Jan! :)
Papageno (23.04.2009, 20:29):
Hallo, ihr Lieben!

Ich habe gestern eine neue Aufnahme dieses Meisterwerkes von meinem Gesangslehrer erhalten, in der eines der weltweit führenden Kammerorchester, die "Academy of St Martin in the Fields" unter der musikalischen Leitung von George Guest, instrumentiert. Sie und der Organist Stephen Cleobury akkompanieren den hochkarätigen Chor des Chambridge-Colleges "St John", den zarten Knabensopran Jonathon Bond und den stimmkräftigen Bariton Benjamin Luxon. Eine Aufnahme, die, für mich jedenfalls, ganz neue Facetten an diesem Werk erschließt.

Mr Luxon singt das "Libera me" hier bespielsweise viel ausdrucksstärker, als Andreas Schmidt aus der DGG-Einspielung. Er legt intensivere Betonung auf die Worte "Domine" und "aeterna", wodurch er die Dringlichkeit dieser Bitte um ein Leben nach dem Tod deutlich mehr zum Ausdruck bringt, als der bereits zuvor erwähnte Herr Schmidt.
Diese Decca-Produktion aus dem Jahre 1975 (ADD, die CD ist 1994 erschienen) überzeugt mich wesentlich mehr, als das Konkurrenzprodukt der DGG und stellt für mich eine Art Referenzaufnahme dieses Opus'´dar, da auch der Chor hier seine Anliegen noch inniger und zu Gott flehender vorbringt.

DIE Aufnahme, die DEM Requiem von meinem Standpunkt aus am meisten gerecht wird. Könnt ihr ähnliches über diese Einspielung berichten?

http://www.joh.cam.ac.uk/cms_misc/images/johnian/Faure_double_CD.jpg

Liebe Grüße, Jan! :)
Poztupimi (03.05.2009, 22:19):
Ihr Lieben,

Faurés Requiem gehört zu den Vokalwerken, die ich immer wieder gerne höre, was sicher auch daran liegt, daß ich es vor vielen Jahren mitgesungen habe. Daher besitze ich auch mehr als nur die Aufnahme aus aus der elterlichen LP-Sammlung, allerdings keine der hier schon gezeigten.

Da ich vorhin eine Aufnahme gehört habe, will ich auch kurz zu dieser etwas schreiben:

bzw.

Gabriel Fauré (1845-1924)
Requiem d-moll op. 48 – 3. Fassung für Sopran, Bariton, vierstimmigen gemischten Chor und großes Orchester
Victoria de los Angeles, Dietrich Fischer-Dieskau, Henriette Puig-Roget /
Choeurs Elisabeth Brasseur / Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire / André Cluytens

(Beide Tonträger habe ich in meiner Sammlung, heute lief erst die LP, danach – man kann einfach besser springen – die CD)

Das Ganze ist sehr getragen, ich finde es teilweise zu langsam und schleppend im Vergleich zu den meisten meiner anderen Aufnahmen (Herreweghe 2x, Gardiner, Fremaux; Legrand läßt sich ähnlich viel Zeit.
(diese hier: 39:55 // 8:09 / 9:10 / 3:19 / 3:19 / 6:48 / 5:20 / 3:47)

Fischer-Dieskau gefällt mir beim "Offertoire" und "Libera me" ganz gut, schlicht und ohne übertriebenes Pathos.
Bei de los Angeles bin ich etwas gespalten, ich glaube ich mag den Klang ihrer Stimme nicht so sehr, und einige quasi von unten "eingeschleifte" Töne überzeugen mich auch nicht so recht (weitere Aufnahmen mit ihr besitze ich nicht).

Schwachpunkt ist aus meiner Sicht ist der Chor. Das klappert manchmal ganz gewaltig, Einsätze kommen nicht zusammen, die Balance zwischen den Stimmgruppen stimmt nicht und teilweise wird für meinen Geschmack viel zu heftig tremoliert. Wobei, das erste "O Domine ..." im "Offertoire" singen sie wiederrum ganz schön.

Viele Grüße,
Wolfgang
ab (03.05.2009, 23:10):
Danke für die Warung! (Ich dachte gerade dieser Aufnahme von Cluytens käme besonders hoher Status zu...)

Aber zurück zum Titel: Es gibt von diesem "etwas anderem Requiem" tatsächlich auch ein etwas anderes Requiem: Es exisitert eine Klavierfassung, die von Emile Naoumoff angefertigt und eingespielt wurde (Sony):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31735F2EZ9L._SL500_AA240_.jpg

Naoumoff ist französischer Pianist und Komponist, der auch von Mussorgskys Bilder einer Ausstellung eine viel gescholtene Klavierkonzert-Fassung zubereitet hat.

Sehr viele lieben diese pedal-verfeinerte Aufnahme besonders (ich meine auch hier in diesem Forum). Als Beispiel etwa hier nachzulesen.

Ich selbst finde die Bearbeitung zwar vorzüglich, nicht aber die Interpretation, weil sie mir letztlich etwas zu steril ist, mir zu wenig atmend, zu wenig dem Text nachempfunden, also zu wenig gesanglich.
Rachmaninov (17.10.2011, 08:33):
Original von ab
Danke für die Warung! (Ich dachte gerade dieser Aufnahme von Cluytens käme besonders hoher Status zu...)

Aber zurück zum Titel: Es gibt von diesem "etwas anderem Requiem" tatsächlich auch ein etwas anderes Requiem: Es exisitert eine Klavierfassung, die von Emile Naoumoff angefertigt und eingespielt wurde (Sony):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31735F2EZ9L._SL500_AA240_.jpg

Naoumoff ist französischer Pianist und Komponist, der auch von Mussorgskys Bilder einer Ausstellung eine viel gescholtene Klavierkonzert-Fassung zubereitet hat.

Sehr viele lieben diese pedal-verfeinerte Aufnahme besonders (ich meine auch hier in diesem Forum). Als Beispiel etwa hier nachzulesen.

Ich selbst finde die Bearbeitung zwar vorzüglich, nicht aber die Interpretation, weil sie mir letztlich etwas zu steril ist, mir zu wenig atmend, zu wenig dem Text nachempfunden, also zu wenig gesanglich.

nachdem ich in den letzten Tagen immer wieder selber daran gedacht hatte einen Thread zu Faures Requiem zu starten habe ich mit Schrecken festgestellt, dass es bereits einen sehr gut eröffneten Thread dazu gibt.

@ab,
ich stimme dir zu, die Überarbeitung des Werks in Naoumoff's Klavierfassung ist vorzüglich.
Mir gefällt auch die Einspielung von Naoumoff sehr gut. Das die Aufnahme wenig atmet und der Test wenig nachempfunden wird ist mir persönlich bisher noch nie so vorgekommen!
Ich bewundere an dieser Aufnahme wie es Naoumoff gelingt einzig mit dem Klavier die gleiche Stimmung zu erzeugen wie sonst in Faures Requiem nur mit der gesamten Besetzung. :engel
ab (17.10.2011, 22:33):
Die erste Aufnahme mit Countertenor ist erschienen:

Phlilippe Jaroussky
Paavo Järvi
Virgin Classics

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41rIzgF9CiL._SL500_AA300_.jpg
Jürgen (18.10.2011, 11:56):
Original von ab
Die erste Aufnahme mit Countertenor ist erschienen:

Phlilippe Jaroussky
Paavo Järvi
Virgin Classics

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41rIzgF9CiL._SL500_AA300_.jpg

Ich habe mal in die Amazon Schnipsel und in den Trailer hineingehört.

Und das gefällt mir sehr gut. Diese glockenhelle Stimme von Philippe fügt sich wunderbar in die paradiesische Musik ein.

Grüße
Jürgen
Rachmaninov (18.10.2011, 12:01):
Original von Jürgen
Original von ab
Die erste Aufnahme mit Countertenor ist erschienen:

Phlilippe Jaroussky
Paavo Järvi
Virgin Classics

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41rIzgF9CiL._SL500_AA300_.jpg

Ich habe mal in die Amazon Schnipsel und in den Trailer hineingehört.

Und das gefällt mir sehr gut. Diese glockenhelle Stimme von Philippe fügt sich wunderbar in die paradiesische Musik ein.

Grüße
Jürgen

D.h. du stimmst dieser Amazon Kritik, die einzige mit 4 statt 5 Sternen nicht zu?


Einzigartig an der Neueinspielung mit Paavo Järvi und dem Orchestre de Paris dürfte die Besetzung der Sopranstimme mit einem Countertenor sein: Philippe Jaroussky singt hier das heikle 'Pie Jesu', für das sich der Komponist eine Knabenstimme vorgestellt hat, das aber ob seiner hohen Lage in der Regel von Sopranistinnen gesungen wird. Allerdings bleibt gerade Jaroussky die Achillesferse in einer ansonsten wunderbar gelungenen Aufnahme. Die Partie liegt ihm merklich zu hoch, sodass sein sonst so frei und schlackenlos fließender Sopran etwas eng und gepresst wirkt ' statt ätherischer Reinheit vermittelt sich sängerisches Bemühen. Im Gegensatz dazu fügt sich Bariton Matthias Goerne mit einem ebenso farbenreichen wie artikulatorisch prägnanten Singen prächtig zur ausgesprochen sinnlich-körperhaften Lesart Järvis: auf ähnlichem Niveau, was chorische Qualität betrifft, lässt Järvi im Vergleich zu Gardiners Referenzaufnahme von 1992 seinem Orchestre de Paris mehr Freiheiten, legt den Fokus mehr auf den erfüllten Moment als auf die letzte formale Stringenz: Katholische Entrückung statt protestantischer Luzidität, wenn man so will. Alles in allem bleibt Gardiners Aufnahme für mich aber noch einen Tick geschlossener.
Quelle: Amazon.de
Jürgen (18.10.2011, 13:27):
Original von Rachmaninov
Original von Jürgen
Original von ab
Die erste Aufnahme mit Countertenor ist erschienen:

Phlilippe Jaroussky
Paavo Järvi
Virgin Classics

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41rIzgF9CiL._SL500_AA300_.jpg

Ich habe mal in die Amazon Schnipsel und in den Trailer hineingehört.

Und das gefällt mir sehr gut. Diese glockenhelle Stimme von Philippe fügt sich wunderbar in die paradiesische Musik ein.

Grüße
Jürgen

D.h. du stimmst dieser Amazon Kritik, die einzige mit 4 statt 5 Sternen nicht zu?


Einzigartig an der Neueinspielung mit Paavo Järvi und dem Orchestre de Paris dürfte die Besetzung der Sopranstimme mit einem Countertenor sein: Philippe Jaroussky singt hier das heikle 'Pie Jesu', für das sich der Komponist eine Knabenstimme vorgestellt hat, das aber ob seiner hohen Lage in der Regel von Sopranistinnen gesungen wird. Allerdings bleibt gerade Jaroussky die Achillesferse in einer ansonsten wunderbar gelungenen Aufnahme. Die Partie liegt ihm merklich zu hoch, sodass sein sonst so frei und schlackenlos fließender Sopran etwas eng und gepresst wirkt ' statt ätherischer Reinheit vermittelt sich sängerisches Bemühen. Im Gegensatz dazu fügt sich Bariton Matthias Goerne mit einem ebenso farbenreichen wie artikulatorisch prägnanten Singen prächtig zur ausgesprochen sinnlich-körperhaften Lesart Järvis: auf ähnlichem Niveau, was chorische Qualität betrifft, lässt Järvi im Vergleich zu Gardiners Referenzaufnahme von 1992 seinem Orchestre de Paris mehr Freiheiten, legt den Fokus mehr auf den erfüllten Moment als auf die letzte formale Stringenz: Katholische Entrückung statt protestantischer Luzidität, wenn man so will. Alles in allem bleibt Gardiners Aufnahme für mich aber noch einen Tick geschlossener.
Quelle: Amazon.de


Genauso ist es.

Das sängerische Bemühen, was ihm hier angekreidet wird, ist bestenfalls nachvollziehbar, wenn man den Videoclip anschaut. Aber auch da habe ich schon viel Schlimmeres gesehen.


Grüße
Jürgen
Solitaire (20.10.2011, 14:59):
Ich mag dieses Werk sehr und hatte letztes Jahr die große Freude es im Chor singen zu dürfen.
Es versteht sich wohl von selbst, daß die Möchtegern-Primadonna nicht nur brav ihren Chorpart gelernt, sondern sich in der Badewanne und bei hausfraulichen Tätigkeiten auch am "Pie Jesu" versucht hat :engel :engel :engel

Ich muß zugegeben daß ich zu Anfang ein paar Probleme mit dem Werk hatte: ähnlich wie beim Requiem von John Rutter (der sich ja nun unüberhörbar von Fauré hat inspirieren lassen) wird hier der Schrecken des Todes und des Jüngsten Gerichts bis auf ein Minimum ausgeblendet (ich fidne es nämlich überhaupt nicht düster, sondern sehr tröstlich!), und das scheint mir doch etwas seltsam...
Ich will hier keinen Seelenstriptease veranstalten, aber ich für meinen Teil habe durchaus große Angst vor dem Tod und konnte mir nur schwer vorstellen, wie man solch ein Werk komponiert ohne das zu thematisieren. Aber wer weiß, vielleicht waren Fauré und Rutter zuversichtlicher als ich :I
Wunderschöne Musik ist es jedenfalls, und endlich mal etwas was man auch als Laiensänger wirklich singen kann ohne zwischendurch das Gefühl zu haben daß man eigentlich ein ganz schamloser Hochstapler ist :D
Jürgen (20.10.2011, 16:30):
Original von Solitaire
ich fidne es nämlich überhaupt nicht düster, sondern sehr tröstlich!


Das Friedvolle und Tröstende ist absichtlich von Fauré so komponiert worden.
Der Zuckerguss durfte natürlich auch nicht fehlen.
Soweit ich weiss war Fauré Atheist. Vielleicht hat er deswegen das Fegefeuer o.Ä. weggelassen.

Wenn Bach sich auf seinen Tod freut (BWV 82), hört sich das nicht halb so optimistisch an.

Ein ganz anderes Kaliber hat es, wenn Mahler die himmlischen Freuden geniesst (Sinfonie nr.4). :wink


Grüße
Jürgen
Solitaire (21.10.2011, 09:33):
Original von Jürgen
Das Friedvolle und Tröstende ist absichtlich von Fauré so komponiert worden.

Ja, das habe ich mir schon gedacht :engel
Gamameh hatte nur weiter obe geschrieben, daß ihr Chor beim Einstudieren kurz vor der kollektiven Depression stand, was ich gar nicht verstehen kann.

Soso, ein Atheist war der Herr Fauré, na dann ist es kein Wunder daß er keine Angst hat, er weiß ja nicht, was ihm blüht :wink
Rachmaninov (22.10.2011, 15:28):
Original von Solitaire
Original von Jürgen
Das Friedvolle und Tröstende ist absichtlich von Fauré so komponiert worden.

Ja, das habe ich mir schon gedacht :engel
Gamameh hatte nur weiter obe geschrieben, daß ihr Chor beim Einstudieren kurz vor der kollektiven Depression stand, was ich gar nicht verstehen kann.

Soso, ein Atheist war der Herr Fauré, na dann ist es kein Wunder daß er keine Angst hat, er weiß ja nicht, was ihm blüht :wink

Also ich kann mir schon vorstellen, dass man, selbst bei Faure's requiem, bei der immer wieder erneuten Beschäftigung mit dem Thema "Tod, Sterben" durchaus auch mal betrübt wird oder gar depressiv.
Solitaire (23.10.2011, 11:22):
Ist bei mir komischerweise gar nicht so, obwohl das im normalen Leben ein Thema ist, das mich in letzter Zeit durchaus umtreibt (Tod, nicht Depression), aber bei Fauré, Mozart und selbst bei Verdi mit seinem schreckenerregenden Dies Irae packt mich die Musik so sehr daß für Angst und Trübsahl keine Zeit bleibt.
Aber ich bin ja auch nicht katholisch und glaube nicht an die Hölle... :D
Mich schreckt eher die Vorstellung, dieses wunderbare Leben irgendwann aufgeben zu müssen.
So, und jetzt genug der Bekenntnisse :D