Gehirn vereinfacht komplexe Musikstücke

Heike (26.05.2011, 19:05):
Der australische Wissenschaftler Nicholas Hudson hat mit einer Software das Kompressionspotenzial verschiedener Musikstücke untersucht, also "- wie stark sich also die Datenmenge durch das Entfernen sich wiederholender Informationen oder das Identifizieren von Mustern reduzieren lässt, ohne dass sich die Musik selbst merklich verändert." (
-wie das gehen soll ist mir eher unklar, aber es klingt spannend
-)

Ergebnis:

"Den geringsten Grad an Kompressionsmöglichkeit hatte Lärm, zeigte die Analyse: Die Datenmenge konnte durch das Komprimieren per Computerprogramm lediglich um 14 Prozent reduziert werden, .... . Anders hingegen Beethovens 3. Symphonie: Das klassische Musikstück ließ sich sehr stark komprimieren und brachte es anschließen nur noch auf 41 Prozent der ursprünglichen Datenmenge. ....

Das Techno-Stück «Theme from Bubblemann» von Andy Van, der Poptitel «I should be so Lucky» von Kylie Minogue und das Rockstück «White Wedding» von Billy Idol erreichten dagegen Werte von 69, 70 und 58 Prozent und lagen damit vom Kompressionspotenzial zwischen Lärm und Klassik."

Das Ergebnis überrascht mich:
Ich hätte doch erwartet, dass Pop/ Rock wesentlich weniger verschiedene Daten enthält.

Quelle und ganzer Artikel: http://www.nationalgeographic.de/aktuelles/gehirn-vereinfacht-komplexe-musikstuecke

Die Schlussfolgerung "Denn Komplexes auf Einfaches zurückzuführen, findet das Gehirn offenbar angenehm und schön." leutet mir auf den ersten Blick ein; verrätselt schwierige Matheaufgaben machen jedenfalls mehr Spaß als simples Kopfrechnen.

Interessant wäre auch, wie da die verschiedenen klassischen Musikepochen abschneiden würden.
Heike
Wooster (27.05.2011, 14:07):
Mir ist nicht klar, inwiefern damit gezeigt worden wäre, dass es angenehm für uns ist, beim Musikhören (unbewusst?) Komplexes auf Einfacheres zurückzuführen. Wenn das den Musikgenuss beschreibt, warum gefällt so vielen die Musik von Kylie Minogue, die sich anscheinend nicht entsprechend reduzieren lässt?

Ich frage mich auch, was das für Methoden verwendet wurden. Zwar habe ich diesen Schlager der 80er nur noch vage im Ohr, aber die meisten Popsongs sind doch Strophenlieder, ggf. mit einem Gitarrensolo u.ä. als Einschub. Ich weiß nicht, nach was für einem Algorithmus ein 3minütiges Strophenlied mit durchlaufendem Beat als komplexer herauskommen kann als eine viersätzige Sinfonie, die gut 45 min. dauert. Natürlich sind dort auch Wiederholungen vorgesehen, oder Variationen, d.h. veränderte Wiederholungen einer gemeinsamen Struktur. Wahrscheinlich hat man das Scherzo aus der Eroica genommen...

Ich glaube auch, dass man zwischen Formen von Komplexität differenzieren muss. Ein Kanon ist durch eine Melodie und die Tonstufen und Takte der weiteren Einsätze festgelegt, sehr komprimiert bzw., da ja die Stimmen mehrfach durchlaufen redundant. Aber je nachdem wirkt ein mehrstimmig Kanon sehr viel komplexer als ein weniger streng festgelegtes (damit informationsreicheres Stück).
Heike (27.05.2011, 18:12):
Ich weiß nicht, nach was für einem Algorithmus ein 3minütiges Strophenlied mit durchlaufendem Beat als komplexer herauskommen kann als eine viersätzige Sinfonie, die gut 45 min. dauert.
Genau darüber habe ich mich ja auch gewundert!
Heike
EinTon (27.05.2011, 20:47):
Um komplexes auf Einfaches zurückzuführen, muss es ja zunächst mal - eben komplex sein! :wink

Bei Sachen, die ohnehin schon einfach sind (wie eben der Kylie-Minogue-Song) kann das Gehirn dagegen nur noch wenig Spielraum, sie noch mehr zu vereinfachen, daher der geringere "Kompressionsgrad" des Popliedes.

So würde ich mir das zumindest erklären...

Gruß,

Normann
Heike (27.05.2011, 21:00):
Oh das klingt sehr logisch!
Das würde auch zu der Schlussfolgerung passen, dass vielleicht Menschen mit genereller Lust an eher komplexen geistigen Herausforderungen klassische Musik bevorzugen....

Dann würde mich ja mal interessieren, ob z.B. zeitgenössische klassische Musik (die ja mitunter sehr komplex ist) eher wie Lärm wenig reduzierbar ist oder eher wie Klassik auf ein erhebliches Minimum zurechtschrumpfen würde.
Heike
Cetay (inaktiv) (28.05.2011, 09:23):
Der Autor begeht eine ziemliche Schlamperei, wenn er bei seinen Zahlenspielereien einmal -beim Lärm- die durch das Komprimieren reduzierte Datenmenge, ein anderes Mal -bei Beethoven- die nach dem Kompromieren übrig gebliebene Datenmenge hernimmt und es beim dritten Mal -bei Techno/Pop/Rock aus dem Textzusammenhang nicht ganz eindeutig ist.
Wahrscheinlich ist auch hier die Restmenge gemeint, wodurch sich folgendes Bild ergibt:
Lärm 86 - Techno/Pop/Rock 58-70 - Klassik 41

Damit ist die Welt wieder in Ordnung, denn die U-Musik liegt da, wo sie hingehört - näher am Lärm. Die geringe Kompressionsfähigkeit von Lärm liegt nicht an dessen Komplexität, sondern im Gegenteil an der fehlenden Strukur (der hohen Entropie, der geringen Ordnung, dem geringem Informationsgehalt). Die Folgerung «Klassische Musik ist offensichtlich komplex, aber in Wirklichkeit einfach, während Popmusik einfach scheint, aber in Wirklichkeit komplex ist» ist schlichtweg falsch, weil die Annahme, dass hohe Kompressionsfähigkeit "in Wirklichkeit" auf Einfachheit hindeutet, falsch ist. Ein Ton hat es auf den Punkt gebracht und man kann das noch weiterstricken: Wo nichts ist, kann nichts komprimiert werden. Nach der Theorie des Autors müsste 4'33 das in "in Wirklichkeit" komplexeste Musikstück überhaupt sein.

Ich kriege aber vor allem Zustände, weil hier völlig unzulässige Verallgemeinerungen gemacht werden. Der Autor betrachtet ein Beispiel aus jedem Genre, das Ganze gilt also nur für die konkret betrachteten Musikstücke, damit ist obiges Resüme über "Klassik" und "Pop" ein zweites mal falsifiziert. Hätte man als Beispiel für Klassik Für Elise und für Rockmusik Close to the Edge von Yes hergenommen, wäre es anders herum ausgegangen.
Dass "Menschen mit genereller Lust an eher komplexen geistigen Herausforderungen klassische Musik bevorzugen.... " ist daher nicht schlüssig. Sie bevorzugen lediglich -und kaum überaschend- komplexe Musik.
Bei Zeitgenössischem gibt es sicher die ganze Palette. Cages in allen Musikalischen Paramatern völlig indeterminiertes Werk Atlas Eclipticalis wird etwa die gleiche Kompressionsfähigkeit wie Lärm aufweisen, während streng serielle Werke fast beliebig komprimierbar sein müssten.