Georg Friedrich Haas

Toni Bernet (14.11.2023, 10:26):
In einer 2017 von der italienischen Musikzeitschrift Classic Voice lancierten Abstimmung wurde G.F. Haas' Stück in vain (2000) als bedeutendstes Werk in der Kunstmusiksparte seit 2000 gekürt und Haas bekam die meisten Stimmen als wichtigster lebender Komponist.

Weiter berichtet Wikipedia: "Georg Friedrich Haas gilt als Vertreter der Spektralmusik. Seine Werke zeichnen sich vor allem durch klangliche Experimente aus, die oft auf ein Aufbrechen des zwölftönigen Systems zur intensiven Nutzung der Mikrointervallik und Panchromatik sowie spezieller Obertonreihen zurückgehen. Haas’ Ästhetik ist von der Überzeugung getragen, Musik vermöge „Emotionen und seelische Zustände von Menschen so zu formulieren, daß sie auch von anderen Menschen als die ihren angenommen werden können“. So hat Haas mit dem Intellektualismus mancher Strömungen der musikalischen Avantgarde (z. B. des Dekonstruktivismus) gebrochen. Viele seiner Kompositionen kreisen um die thematischen Pole „Nacht“, „Fremde“ und „Romantik“. Haas arbeitet mit zum Teil stark repetitiven Verläufen."


Interessant ist auch, dass Georg Friedrich Haas vor nicht langer Zeit eine brisante Autobiografie veröffentlicht hat, die eine Art Selbstbefreiung aus seinem österreichischen Herkunftsmilieu beschreibt. Deren Titel heisst: Georg Friedrich Haas, Durch Vergiftete Zeiten. Memoiren eines Nazibuben, hrsg. Daniel Ender und Oliver Rathkolb, Wien 2022


Aufgrund solcher Fakten schlage ich vor, dass wir auch hier im Klassikforum einen Threat eröffnen, in dem einzelne seiner Kompossitionen nach unserer Wahl vorgestellt werden. Das können Hinweise und Kommentare auf Aufnahmen seiner Werke oder Hörerfahrungen mit Kompositionen von G.F. Haas sein.
Toni Bernet (14.11.2023, 10:36):
Georg Friedrich Haas (*1953): Zweites Violinkonzert für Violine und Orchester (2016)

Ich möchte mit der Vorstellung des Zweiten Konzerts für Violine und Orchester von Georg Friedrich Haas gleich selbst beginnen, bin aber gespannt auf andere Hörerfahrungen mit seinen Kompositionen.

Hier eine Beschreibung dieses Violinkonzerts durch die Geigerin Miranda Cuckson, der das Konzert gewidmet ist und die selbst 2017 die Uraufführung spielte:

«Haas‘ neues Konzert für Geige und Orchester hat eine Dauer von über 30 Minuten. Die Atmosphäre ist recht düster und turbulent. Die Musik scheint eine ruhige, sanfte Stimmung anzustreben, dies wird jedoch durch drohende Gewalt verhindert. Die Interaktion zwischen Solistin und Orchester drückt die wechselnde Dynamik dieser aufwühlenden Kräfte aus. Das Werk ist auf eine besondere Weise Teil der Tradition des romantischen Konzerts, wagt sich jedoch durch seine ungewöhnliche Form, seine Harmonien und die Behandlung des Orchesters auch in experimentelle Bereiche.
Die Violine spielt manchmal ausladende Gesten, die sich über die Textur legen, von tiefen Ausbrüchen bis hin zum extrem hohen Register der Violine reichen. Sie hat einige exponierte, ergreifende Melodien sowie schnelle Passagen mit Arpeggien und Tonleitern. Obwohl sie im Wesentlichen idiomatisch sind, enthalten sie manchmal Mikrotöne und schaffen Modi, die weniger vertraut sind als die Tonleitern und Arpeggien, mit denen klassische Musiker aufwachsen und vertraut sind! Der Grad der Mikrotonalität ist in einem Konzert ungewöhnlich, und stellt eine Herausforderung für die Stimmung und das Ensemble dar. Haas lässt die Streicher manchmal divisi spielen, je ein Spieler pro Stimme.
Das Konzert besteht aus neun ineinander übergehenden Teilen: Präludium (1), Kadenz (2), Resonanz und Feedback (3), Dreistimmige Invention (4), Sgraffito (5), Sotto voce (6), Interludium (7), just intonation (8) und Aria (9).»

Meine eigene Hörerfahrung findet sich ausführlich beschrieben auf meiner Homepage:
Vgl. https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/21-jahrhundert/haas/
Joe Dvorak (20.11.2023, 13:01):


in vain (2000)
Klangforum Wien, Sylvain Cambreling

In vain kann man ohne Anleitung hören, und man hat ein bisschen den Effekt wie bei einem größer besetzten Nummernstück von Cage. Das ist schon mal positiv. Will man mehr, so heißt es "Licht aus", aber erst nachdem man gelesen hat, was vergebens uns sagen kann. Das Werk, das in der gezeigten Einspielung 63 Minuten dauert, wird von einem 24-köpfigen Kammerorchester aufgeführt und soll die meiste Zeit in der Dunkelheit erklingen. Die Musiker müssen also auswendig spielen und können nur über den Klang miteinander und mit dem Publikum in Verdindung treten. Die abwechselnden hellen und dunklen Phasen, begleitet von mikrotonalen Verschiebungen innerhalb der Obertonreihe, sollen das Verlangen nach vollkommener Harmonie und die Unmöglichkeit, sie in der Musik wie im Leben zu erreichen, ausdrücken.
Mein Senf dazu: Das passt schon irgendwie. Die Obertonreihe (Syonyme: Naturtonreihe, Harmonische Reihe) ist von Natur aus so harmonisch wie es nur geht, aber wenn man sich nur ein bisschen zu weit vom Grundton entfernt, wird es trotzdem sehr schnell sehr dissonant. Deshalb musste das Stimmungssystem erst temperiert (verstimmt) werden, bevor man sich frei im Tonraum bewegen konnte. Vollkommene Harmonie und Freiheit gehen nicht (in der Musik wie im Leben).