Georg Muffat (1653 - 1704)

Joe Dvorak (20.09.2022, 11:53):
Zu den eher unbekannten Namen zaehle ich Georg Muffat. Warum das so ist, erschliesst sich mir nicht. Die Sonatensammlung Armonico tributo ist eine wahre Fundgrube und strotzt nur so von Vielfalt und Virtuositaet. Die Sonaten wurden spaeter zu Concerti Grossi umgearbeitet und Saetze hinzugefuegt. Muffat ist viel herumgekommen. Stationen waren Paris, Strasbourg, Wien, Prag, Salzburg, Rom & Passau und er traf Lully, Biber & Corelli. Die Einfluesse werden in seinem Werk zu einem einheitlichen Musikstil verbunden, weswegen er als einzigartig angesehen wird und Muffat selbst begriff seinen Stilmix als Auftakt zu Harmonie und Frieden zwischen den Ländern.

Meine Hoerempfehlung ist die Concerto Grosso Version der Armonico tributo mit dem unvergleichlichen Ensemble 415:
Andréjo (20.09.2022, 16:15):
Stimmt, Muffat ist für mich so ein Name, den ich immer mal wieder lese und der mich dann doch nicht interessiert. Man pflegt halt seine privaten Vorurteile.

Barockmusik steht sicher nicht im Zentrum dessen, was ich höre, auch nicht in der von mir bevorzugten Instrumentalmusik.

Aber zum einen weiß ich Joes Vor- und Ratschläge zu schätzen, gerade weil er ein Modernist in vielen Schattierungen des Begriffs ist und weil er oft bewusst nicht dem Mainstream huldigt. Zum anderen ist so ein Schubs oft genau das Richtige für den Breitenliebhaber.

Das Ensemble 415 finde ich exzellent. Da dürfte es drei oder vier Aufnahmen geben, die im Schrank stehen. Die Zahl besagt ja, was einen erwartet - tief getönte Spritzigkeit.

Ich habe mir jetzt die Muffat-CD von oben gebraucht für einen guten Euro ohne Porto bestellt und lasse mich mal überraschen. Meine letzte große Überraschung auf genau diesem Gebiet war die folgende Doppel-Scheibe. Ebenso eine Foristen-Empfehlung von andernorts.



:) Wolfgang
Sfantu (20.09.2022, 22:18):
Danke, Joe,
für den Scheinwerfer-Schwenk auf diesen Musiker!
Habe daraufhin meine wenigen Muffat-Sachen wieder ausgegraben (keine Gewähr auf Vollständigkeit), darunter zwei schon ordentlich abgehangene Schinken vom Nikolaus und den kleinen Strolchen:

:

Serenata G-dur Armonico tributo Nr. 5 (Salzburg, 1682)
Suite D.dur "Nobilis juventus", Florilegium II, Fasciculus I (Passau, 1698)
Suite G-dur "Laeta poesis", Florilegium II, Fasciculus II (Passau, 1698)
Sonata g-moll Armonico tributo Nr. 2 (Salzburg, 1682)

La Petite Bande - Sigiswald Kuijken
(LP, BASF/harmonia mundi, 1975)





Suite E-dur "Indissolubilis Amicitia" (Passau, 1698)
Concerto d-moll "Bona Nova" (Passau, 1701)

Concentus Musicus Wien - Nikolaus Harnoncourt
(LP, DGA, 1965)





Suite E-dur "Indissolubilis Amicitia" (Passau, 1698)
Suite D.dur "Nobilis juventus", Florilegium II, Fasciculus I (Passau, 1698)
"Saeculum" oder "Hundert jährige Gedächtnuß" (Passau, 1701)
"Ciacona Propitia Sydera" oder "Günstiges Gestirn" (Passau, 1701)
"Quia hic?" oder "Wer da?" (Passau, 1701)
"Coronatia Augusta" oder "Die majestätische Krönung" (Passau, 1701)

Armonico Tributo - Lorenz Duftschmid
(CD, cpo, 1999)


Das Wiederhören macht Freude.

Die Einfluesse werden in seinem Werk zu einem einheitlichen Musikstil verbunden, weswegen er als einzigartig angesehen wird
Die Persiflage, das Spiel mit verschiedenen nationalen "Gouts" kann Muffat sicher nicht für sich allein verbuchen. Auch bei bspw. Lully, Campra, Couperin ist etwa zur gleichen Zeit derlei Völkerschau en vogue. Zur prachtvollsten Blüte gebracht freilich kurz darauf bei Telemann mit seiner meisterhaften Kultivierung des "gemischten Gouts". Wenn es Muffat aber tatsächlich um eine richtiggehende Verschmelzung, Amalgamisierung der Stile gelegen war, dann ist das vermutlich in der Tat einzigartig.

Beim Wiederhören ist Muffats Musik allerdings allenthalben klar vom französischen Stil durchdrungen. Die nationalen (oder sonstige bildhaft-illustrativen) Anspielungen in mehreren Satztiteln bleiben Etikett, drücken sich kaum musikstilistisch aus.

Die Eindrücke anhand dreier Tonträger sind sicher nicht repräsentativ. Was hier jedenfalls allerorten durchscheint (will sagen: durchklingt), ist ein französisches Monument namens Lully.
Joe Dvorak (21.09.2022, 02:43):
Die Einfluesse werden in seinem Werk zu einem einheitlichen Musikstil verbunden, weswegen er als einzigartig angesehen wird
Die Persiflage, das Spiel mit verschiedenen nationalen "Gouts" kann Muffat sicher nicht für sich allein verbuchen. Auch bei bspw. Lully, Campra, Couperin ist etwa zur gleichen Zeit derlei Völkerschau en vogue. Zur prachtvollsten Blüte gebracht freilich kurz darauf bei Telemann mit seiner meisterhaften Kultivierung des "gemischten Gouts". Wenn es Muffat aber tatsächlich um eine richtiggehende Verschmelzung, Amalgamisierung der Stile gelegen war, dann ist das vermutlich in der Tat einzigartig.
Beim Wiederhören ist Muffats Musik allerdings allenthalben klar vom französischen Stil durchdrungen. Die nationalen (oder sonstige bildhaft-illustrativen) Anspielungen in mehreren Satztiteln bleiben Etikett, drücken sich kaum musikstilistisch aus.

Die Eindrücke anhand dreier Tonträger sind sicher nicht repräsentativ. Was hier jedenfalls allerorten durchscheint (will sagen: durchklingt), ist ein französisches Monument namens Lully.
Da kann ich wenig darauf entgegnen. Ich erkenne die einzelnen Stile nicht mal, wenn sie fuer sich stehen. :ignore
Mir geht es da wie Andréjo. Barock ist abgesehen von J.S. Bach und Monteverdi kein Schwerpunkt, aber immer wenn ich etwas hoere, dann denke ich, es sollte einer sein. Namen wie Zelenka, Rebel, Lully hoert man oft mit dem Zusatz, sie seien fuer ihre Zeit und teils sogar nach heutigen Massstaeben ungemein modern gewesen. Das weckt natuerlich den
Modernist in vielen Schattierungen des Begriffs (...) er oft bewusst nicht dem Mainstream huldigt
in mir. Aber wie wuehlt man sich da durch? Zelenkas Werkverzeichnis umfasst 247 Eintraege, das von Lully immerhin noch 77. Da bleibt es bei Zufallsfunden, weil ein bekanntes und geschaetztes Ensemble das halt aufgenommen hat. So wie dieser Sampler, der vielleicht zur Ueberpruefung der Durchscheinhypothese taugt:



Jean-Baptiste Lully / Marin Marais / Georg Muffat u.a. - La Belle Danse
Capriccio Stravagante, Les 24 Violons, Skip Sempé
Philidor (21.09.2022, 07:45):
Ja, danke! Gerog Muffat war definitiv eine coole Socke und schrieb hochinteressante Musik.

Ich erwähne hier den "Apparatus musico-organistiscus", eine Sammlung aus dem Jahre 1690 von 12 Toccaten, 1 Ciacona, 1 Passacaglia, dem "nova cyclopeias harmonicas" und dem "ad malleorum ictus allusio".

Musik, die nach allem, was wir wissen, Buxtehude in seinem "stylus phantasticus" deutlich beeinflusst hat.

Die erste Toccata spiele ich alle paar Jahre im Gottesdienst, wenn das Eingangslied in d-Moll (oder d Dorisch) steht und bekomme gute Rückmeldungen ("Was war denn das? Ach, Muffat? Interessant!").

Die Ciacona ist ein wunderbares "utilita", wenn Dir sub communione die vorbereiteten Choralvorspiele ausgehen.
Donaldist (21.09.2022, 14:11):
Was ich uneingeschränkt empfehlen kann sind die Orgelwerke bei Naxos mit Peter Haselböck.
Persönlich finde ich viele Versuche Orgelmusik im Hörraum daheim wiederzugeben oft sehr problematisch. Für mich gehört zur Orgel das große Kirchenschiff oder ein entsprechender Konzertsaal. Manchmal gefällt es mir wie in dieser Aufgabe, manchmal eher nicht.