George Szell - der Perfektionist

HenningKolf (02.10.2007, 13:26):
Liebe Forianer,

mit dieser Thread-Eröffnung möchte ich ein paar Fakten zu George Szell, einem meiner Lieblingsdirigenten, zusammentragen und - wie ich hoffe - zur Diskussion über sein Schaffen anregen.


Geboren wurde er als György Széll am 7.6.1897 in Budapest.

Als Szell 3 Jahre alt war, siedelte die Familie nach Wien um. Alle Quellen, die mir zugänglich waren, beschreiben seinen Vater als äußerst musikliebend und stellen heraus, dass sich die musikalische Begabung des Kindes früh zeigte. Bereits im Alter von zwei Jahren soll der kleine George zahlreiche Volkslieder in verschiedenen Sprachen gesungen und seine ihn am Klavier begleitende Mutter zurechtgewiesen haben, wenn diese mal fehlerhaft spielte. Szell bekam Klavierunterricht, unter anderem bei Richard Robert, der auch Clara Haskill und Rudolf Serkin unterrichtete. Mit Serkin war Szell lebenslang nicht nur musikalisch, sondern auch freundschaftlich verbunden.

Als sogenanntes Wunderkind tourte Szell im Alter von elf Jahren als Konzertpianist durch Europa und wurde (so jedenfalls einige Internetquellen) von Zeitungen gelegentlich als „neuer Mozart“ bezeichnet.
Die Eltern und Richard Robert waren jedoch umsichtig genug, die öffentlichen Auftritte einzuschränken, sodass Szell genügend Zeit blieb, Studien in Musiktheorie und Komposition zu betreiben, vornehmlich in Wien, aber auch zeitweise in Leipzig.

Im Alter von 16 Jahren kam es zum zufälligen Debut als Dirigent:
Szell befand sich mit den Eltern im Sommerurlaub, der Dirigent des örtlichen Orchesters verletzte sich am Arm, Szell vertrat ihn erfolgreich.

Bereits als Siebzehnjähriger leitete Szell die Aufführung einer eigenen Komposition durch ein Berliner Orchester, allerdings nicht, wie gelegentlich im Netz zu lesen, durch die Berliner Philharmoniker, sondern durch das - mir nicht näher bekannte - „Blüthner Orchester“.

Sodann arbeitete er als Assistent unter Strauss an der Berliner Oper, danach von 1917 - 1919 als Chefdirigent der Straßburger Philharmoniker in direkter Nachfolge Otto Klemperers.
Es folgten Stationen beim Deutschen Theater in Prag (1919-1921), in Darmstadt (1921-1922) und in Düsseldorf (1922-1924), bevor er als Erster Kapellmeister an die Staatsoper Berlin engagiert wurde (1924-1929). Gleichzeitig leitete er das Rundfunksymphonie-Orchester Berlin, unterrichtete an der Berliner Hochschule für Musik (1927-1930) und machte auch Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern. Von 1929 an (nicht 1939, wie im deutschsprachigen Wikipedia zu lesen ist) arbeitet er als Generalmusikdirektor und Opernchef in Prag, verlagerte sein musikalisches Wirken in den späten Dreißigern, wohl mit dem richtigen Gespür für die politische Entwicklung versehen, zunächst nach Großbritannien und Amsterdam (unter anderem Gastdirigentschaft beim CGO, Leitung des Scottish National Orchestra und „ständiger Gastdirigent“ des Residenzorchesters Den Haag), um schließlich, nachdem er in Australien für den Australischen Rundfunk Einspielungen vorgenommen hatte, zusammen mit seiner Frau seinen Wohnsitz in New York zu nehmen (1939).
Das erste Jahr in der neuen Wahlheimat überbrückte Szell mit verschiedenen Lehrtätigkeiten, danach war er zunächst auf Einladungen und Gastdirigate verwiesen (u.a. Detroit Symphony, NYPO u. Toscaninis NBC Symphony), bevor er 1942 einer der festangestellten Dirigenten der Met wurde.
War er zuvor bereits für 2 Spielzeiten als Gastdirigent in Cleveland tätig geworden, so übernahm er das Cleveland Orchestra 1946 und leitete es bis zu seinem Tode am 30. Juli 1970. Ebenfalls 1946 erhielt Szell die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Das Clevelander Orchester war im Jahre 1946 nicht viel mehr als ein gutes Provinzorchester, erst unter der Leitung von George Szell wuchs es zu einem Orchester mit Weltgeltung heran.

Die meisten heute erhältlichen Einspielungen hat Szell mit diesem und dem CGO, welchem er auch nach dem Kriege als Einladungsdirigent verbunden war, getätigt.

Eine sehr gute und wie ich glaube recht vollständige Discographie findet sich hier:

link

Ich persönlich habe Szell erst kürzlich entdeckt, noch vor einigen Monaten war er mir nur als Name bekannt. Mittlerweile habe ich zahlreiche CDs erworben und bin nach wie vor mehr als begeistert.

Alle Einspielungen zeichnen sich durch eine gewisse Strenge und Exaktheit aus (ein ganz anderer, sehr spannender Haydn für mich z.B.), ohne dass dieses Fehlen jeglicher Sentimentalität der Spielfreude des Orchesters abträglich wäre. Enttäuscht war ich bisher von keiner Einspielung, was ich recht ungewöhnlich finde, weil es zuvor eigentlich immer so war, dass ich auch von Dirigenten, die ich schätze, die eine oder andere Einspielung besitze oder besessen habe, die ich weniger gut finde. Viele Einspielungen haben für mich persönlich Referenzstatus, etwa die Brahms-Konzerte mit Serkin, Sibelius´ 2., Beethovens 5. und 9., die Egmont-Ouvertüre (Sony, Cleveland Orchestra) und die Einspielungen mit Gilels, Mahlers 6. (stringent, hochspannend), Dvoráks 7., das Cellokonzert op.104 mit Fournier auf DGG, Bruckners 3., aber besonders die vor nervöser Spannung knisternde 8.
(Noch) nicht gekauft habe ich die Einspielungen mit Fleischer. Vielleicht kann ja ein Forumsmitglied etwas dazu beitragen (insbesondere was die Aufnahmequalität betrifft, die Aufnahmen sind ja zum Teil von deutlich vor 1960).
Etwas zu den Mozart- , Schubert- und Schumanneinspielungen zu sagen fühle ich mich nicht berufen, ich muss die Komponisten noch weitgehend für mich entdecken.... :ignore


Ich habe jedoch gelesen, dass die Stereo-Einspielung der Schumann-Sinfonien aus dem Jahre 1960 damals so etwas wie eine Pioniertat gewesen sein soll. Schumann war wohl damals als Sinfoniker nicht sonderlich geschätzt. Szell habe es sich nicht nehmen lassen, in einem Artikel in der New York Times eine Streischrift zur Ehrenrettung des Sinfonikers Schumann zu publizieren, dessen 150. Geburtstag damals gefeiert wurde oder kurz bevorstand.

Die Musikauffassung Szells, die sich in seinen Einspielungen wiederspiegelt, wird, so finde ich, durch folgende, ihm zugeschriebene Äußerung (auf die Frage, warum Mozart bei ihm so streng klinge) treffend dargestellt: „Nur ein Dummkopf würde Schokoladensoße über Spaghetti gießen!“


Die Person George Szell wird häufig als zumindest schwierig, teilweise sogar unsympathisch dargestellt.
So ließ Sir Rudolf Bing, seines Zeichens Generalmanager der Met, in seinen Memoiren kein gutes Haar an ihm: "Er war ein unangenehmer Mensch, möge er in Frieden ruhn".

Ob dies Allgemeingültigkeit beanspruchen kann, möchte ich bezweifeln. Aus der von Osborne verfassten Karajan-Biographie jedenfalls geht hervor, dass beide Dirigenten in kollegialer Wertschätzung verbunden waren und sich Szell als guter „Gastgeber“ sehr dafür eingesetzt hat, dass Karajan bei einem Gastauftritt in Cleveland beste Arbeitsbedingungen vorfindet. Andere Quellen sprechen auch davon, dass Szell privat durchaus jemand war, der mit einer gewissen Trinkfestigkeit ausgestattet sich gut aufs fröhliche Feiern verstand.
Dass der Dirigent Szell sich durch eine gewisse Härte und unermüdlichen Arbeitseifer auszeichnete, war, denke ich, Voraussetzung dafür, die Cleveländer in die Oberliga zu führen.
Überliefert ist insoweit folgendes Zitat: "The Cleveland Orchestra gives seven concerts a week and the public is invited to two."

Der Perfektionismus Szells ging soweit, dass er die Veröffentlichung einer Einspielung der 4. von Tschaikowski mit dem LSO untersagte, weil er mit dem Ergebnis nicht einverstanden war.

Szell hat beim breiten Publikum nie den Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad eines Karajan, Böhm oder Bernstein erreicht. ("Szell doesn´t sell", soll insoweit ein Manager einer Plattenfirma geäußert haben). Vielleicht auch heute der Grund, dass sich die hervorragend remasterten Aufnahmen von Sony entweder nicht mehr im Katalog befinden oder im lowcost-Bereich.

Welchen Stellenwert hat Szell bei Euch?

Henning
Zelenka (02.10.2007, 13:34):
Lieber Henning:

Schon einmal ganz herzlichen Dank für die schöne Fadeneröffnung! Auch wenn Szell wohl wirklich nicht einer der sympathischsten Menschen war, ist dieser Faden sehr nötig! Der Violinist, der auf Szells Betreiben aus den Clevelander Orchester herausflog, weil er sich lieber ein neues Auto kaufte als eine bessere Geige, ist vielleicht ein Exempel dafür, wie ernst es Szell um die Musik war. Demnächst hoffentlich auch von mir mehr an dieser Stelle!

Gruß, Zelenka
Amadé (02.10.2007, 18:59):
Hallo Hennig,

auch ich freue mich, dass sich jemand dieses großen Drirgenten hier im Forum annimmt.
Szell hat in meiner Platten-Sammlung einen sehr hohen Stellenwert, wenn Du in meine homepage reinschaust, wirst Du das sofort erkennen.

Folgendes möchte ich noch anmerken:

- Beethovens Klavierkonzerte mit Leon Fleisher wurden 1959 (Nr.4) , alle anderen 1961 in der Severance Hall zu Cleveland eingespielt. Sie sind frischer, lebendiger als die spätere Produktion mit Emil Gilels, klanglich auch besser, als die damals von amerikanischen EMI-Technikern, die zum erstenmal in Cleveland arbeiteten, aufgenommenen Konzerten. Ich möchte nicht sagen, dass sich Szell hier besonders weiterentwickelt oder einen anderen Zugang zu den Werken gefunden hätte. Es ist wohl eher so, dass er sich auf die Vorstellungen der beiden Pianisten einstellte.- Die 4. Sinfonie von Tschaikowsky wurde im September 1962 für Decca aufgenommen und wurde sowohl auf LP als auch auf CD veröffentlicht. Ich halte sie für eine der gelungensten Aufnahmen dieses von mir nicht sonderlich geschätzten Werkes. Möglicherweise hat man in einer späteren Sitzung einiges nachgebessert.Grüße Bernd
Cosima (02.10.2007, 20:26):
Hallo Henning,

ich freue mich über Deine schöne Thread-Eröffnung! Von George Szell war ich seinerzeit gleich begeistert, als mir die ersten CDs mit ihm zu Ohren kamen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch keine schlechte Aufnahme mit diesem Dirigenten gehört habe.

Aus dem Stehgreif würde ich die Beethoven-Klavierkonzerte mit Leon Fleisher hervorheben, die 4. Mahler-Sinfonie ( :down ), seine Mozart-Sinfonien (40, 41), die Unvollendete von Schubert, die Schumann-Sinfonien, die 2. von Sibelius, die fantastischen Brahms-Konzerte mit Fleisher usw.

Ja, er ist auch einer meiner Lieblings-Dirigenten!

Gruß, Cosima
HenningKolf (03.10.2007, 10:37):
@ Zelenka

weißt Du vielleicht noch, wo Du die Geschichte über den Violonisten gelesen hast? Bin immer auf der Suche nach weiteren Quellen, zumal es eine gedruckte Biographie - jedenfalls in Deutsch oder Englisch und soweit ich weiss - nicht gibt...schade eigentlich, denn die internet-Quellen sind nicht wirklich zuverlässig, erst bei mehrfachem Querlesen z.B ist mir aufgefallen, dass die wikipedia-Angaben nicht immer zutreffend sind.

@ Cosima, Amadé

Fleisher steht sowieso auf der to do - Liste für die nächste Zeit, jedenfalls die Beethoven-Einspielungen sind leicht und recht preiswert erhältlich. Die Grieg-, Franck und Rachmaninoff (op.43)--Einspielungen tauchen - auch im amazon-marketplace - anscheinend eher selten auf.

Amadé, ich habe erst eine Teilfreischaltung und kann nicht auf Dein Mitgliedsprofil zugreifen: irgendwo ein link auf die von Dir angesprochene website?

EDIT: nicht mehr notwendig, thread zu deiner Seite sprang mir gerade in der Foren-Übersicht entgegen

Gruß
Henning
Amadé (03.10.2007, 14:58):
@ Henning u.a.

George Szell war übrigens auch ein sehr versierter Pianst, ich besitze mindestens 2 Aufnahmen mit ihm:
- Mozart 4 Violinsonaten mit seinem Konzertmeister R. Durian, CBS
- Mozart Violinsonaten KV 454, 481 mit J.Szigeti, Vanguard

Gruß Bernd
Cosima (03.10.2007, 17:41):
Original von HenningKolf
EDIT: nicht mehr notwendig, thread zu deiner Seite sprang mir gerade in der Foren-Übersicht entgegen


Alternativ brauchst Du aber auch nur den www-Button unterhalb der jeweiligen Beiträge zu drücken. Dieser Button wird aktiviert, wenn jemand in seinem Profil eine Seite hinterlegt hat.

Übrigens würde ich unbedingt den Brahms-Klavierkonzerten mit Leon Fleisher Priorität einräumen, sie haben noch mehr Feuer als jene mit Serkin, die ich aber auch sehr gut finde.

http://ec1.images-amazon.com/images/I/410H8AWKXJL._AA240_.jpg

Fantastisch! Nur das 2. mit Richter / Leinsdorf höre ich noch lieber, ansonsten sind Fleisher / Szell hier meine "Referenz".

Gruß, Cosima
Rachmaninov (03.10.2007, 17:45):
Original von Cosima
Übrigens würde ich unbedingt den Brahms-Klavierkonzerten mit Leon Fleisher Priorität einräumen, sie haben noch mehr Feuer als jene mit Serkin, die ich aber auch sehr gut finde.

http://ec1.images-amazon.com/images/I/410H8AWKXJL._AA240_.jpg


@Cosima,

absolut richtig und wichtig ist diese Nennung! Eine der besten Aufnahmen der beiden Brahms Konzerte überhaupt. Fleisher und Szell sind hier ein prima Team! :down
HenningKolf (03.10.2007, 18:36):
der Monatserste ist ja gerade erst gewesen, frisches Geld auf dem Konto.....


:D
Zelenka (04.10.2007, 19:44):
Original von HenningKolf
@ Zelenka

weißt Du vielleicht noch, wo Du die Geschichte über den Violonisten gelesen hast? Bin immer auf der Suche nach weiteren Quellen, zumal es eine gedruckte Biographie - jedenfalls in Deutsch oder Englisch und soweit ich weiss - nicht gibt...schade eigentlich, denn die internet-Quellen sind nicht wirklich zuverlässig, erst bei mehrfachem Querlesen z.B ist mir aufgefallen, dass die wikipedia-Angaben nicht immer zutreffend sind.

Gruß
Henning

Lieber Henning:

Nachdem ich wieder Zugang zu meinen Dateien habe: Die Information zur Entlassung eines Orchestermitglieds durch Szell, weil es sich ein Auto statt ein besseres Instrument gekauft hatte, stammt aus einer Würdigung Szells in der Zeitschrift "Gramophone" vom Februar 2006. N.B.: Es wird nicht gesagt, um welches Instrument es sich handelte, die Geige habe ich leider falsch in Erinnerung gehabt!

Gruß, Zelenka
HenningKolf (04.10.2007, 21:28):
@ danke für den Hinweis


hatte auch schon mal überlegt mir ein gramophone-Abo zuzulegen. Hat man da als Abonnent eigentlich Zugriff auf ein Online-Archiv, ähnlich wie bei Fono-Forum, d.h. kann alte Artikel und Rezensionen lesen??


Gruß
Henning
Zelenka (05.10.2007, 13:47):
Original von HenningKolf
@ danke für den Hinweis


hatte auch schon mal überlegt mir ein gramophone-Abo zuzulegen. Hat man da als Abonnent eigentlich Zugriff auf ein Online-Archiv, ähnlich wie bei Fono-Forum, d.h. kann alte Artikel und Rezensionen lesen??


Gruß
Henning

Lieber Henning:

Es gibt beim Gramophone kein Online-Archiv wie beim FonoForum, das mit PDFs arbeitet. Die Rezensionen der Zeitschrift sind allerdings etwa ab dem Jahr 2000 (?) durchsuchbar und werden jeweils nach ein paar Monaten nach ihrem ersten Erscheinen zugänglich. Nicht nur Abonnenten können hier suchen und lesen, es ist nur eine sehr einfache Registrierung (Email-Adresse) notwendig. Der Weg dorthin: > www.gramophone.co.uk > am linken Bildschirmrand auf "Reviews" clicken > im Untermenü auf "Search Gramofile" clicken. Das Weitere ergibt sich ... Ein paar Artikel sind via "Features" (wieder am linken Bildschirmrand) zu lesen, in neuerer Zeit scheint dort aber nichts hinzugefügt worden zu sein. Ob sich ein Abonnement des Gramophone lohnt? Ich bin als langjähriger Leser da gar nicht so sicher ...

Gruß, Zelenka
HenningKolf (05.10.2007, 14:42):
Danke für den Hinweis...

ich werde erst mal ein bißchen online lesen und dann entscheiden, ob ich ein abo in Erwägung ziehe...

mache zwar sehr viel am und mit dem Computer, rippe ja sogar meine CD´s und archiviere sie auf Festplatte, aber was das Lesen betrifft bin ich altmodisch...lieber ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung....es sei denn man recherchiert eine bestimmte Fragestellung

Henning
Zelenka (05.10.2007, 18:31):
Welchen Stellenwert hat Szell bei mir? Im Prinzip einen hohen, obwohl ich gewiß nicht alles, was er eingespielt hat, besonders mag, und ich vielleicht einen etwas freieren, spontaneren Dirigierstil vorziehen würde, auch einen, der wärmer wäre und mehr atmen würde. Bei Szell mußte auch die Inspiration mühselig geprobt werden. Eine Stereo-Einspielung von Dvoráks Slawischen Tänzen habe ich vor Jahren aus meiner Sammlung entfernt, sie schien mir damals ganz ohne Charme. Auch seine Beethoven-Symphonien besitze ich nicht mehr. Sein Mozart gefällt mir nicht sehr. Ansonsten rangieren viele der schon hier im Faden genannten Aufnahmen auch bei mir ganz oben, ich würde vielleicht noch besonders auf Mahlers 4. hinweisen, in der natürlich ein ganz anderer, ein eher analytischer, Weg beschritten wird als bei Bernstein.

Aufmerksam machen möchte ich auf das Szell-Kapitel auf der DVD „The Art of Conducting“ (Warner), die ganz allgemein höchst empfehlenswert ist. In einem gefilmten Interview umreißt Szell, was er als Dirigent in den U.S.A. beabsichtigte, nämlich die amerikanische Orchesterkultur mit ihrer Betonung der technischen Perfektion und der Brillianz mit jener europäischen der Zeit sogar vor dem ersten Weltkrieg zu verbinden. Ob dies völlig gelungen ist, bezweifle ich persönlich ein wenig: Die Clevelander Orchesterkultur tendierte doch eher zur amerikanischen Seite. Szells Aufnahmen mit europäischen Orchestern (wie sie etwa in einer 5-CD-Box von Decca greifbar sind, eine 4. von Tschaikowsky mit dem LSO von 1962 ist übrigens dabei) zeigen einen anderen Szell, der weniger verbissen ist. Auf der erwähnten DVD geht Szell auch auf die notorischen Entlassungen in Cleveland ein und streitet ab, daß er viel gesäubert habe. Isaac Stern kommentiert aus der Sicht der Solisten, die es unter Szell nicht immer leicht hatten. Stern weist aber daraufhin, daß wohlbegründete Wünsche durchaus akzeptiert wurden. Hugh Bean (Konzertmeister verschiedener Londoner Orchester) stellt Szell in eine Reihe mit Toscanini und Reiner, die als einzige über perfekte Orchester verfügten, die sie praktisch wie ein Instrument spielen konnten. Technische Probleme spielten hier keine Rolle mehr.

Ich möchte nicht den weiter oben im Faden erwähnten Artikel aus dem „Gramophone“ referieren. Erwähnt sei nur, daß Szell ein sehr guter Koch gewesen sein soll und ein köstliches Gulasch im Répertoire hatte.

Gruß, Zelenka
Zelenka (05.10.2007, 18:51):
Doch noch eine Anekdote aus dem Gramophone-Artikel: Als jemand gegenüber Rudolf Bing äußerte, Szell sei sich selbst der ärgste Feind, sagte Bing: "Nicht solange ich lebe!"

Ach ja, Szell war auch Weinkenner und Paul-Klee-Experte ...

Gruß, Zelenka
Zelenka (06.10.2007, 20:03):
Vielleicht auch noch der Hinweis, daß derzeit viele Mono-Aufnahmen aus Szells Clevelander Zeit bei dem Label United Archives erscheinen.

Gruß, Zelenka
Cosima (06.10.2007, 22:30):
Original von Zelenka
Ansonsten rangieren viele der schon hier im Faden genannten Aufnahmen auch bei mir ganz oben, ich würde vielleicht noch besonders auf Mahlers 4. hinweisen, in der natürlich ein ganz anderer, ein eher analytischer, Weg beschritten wird als bei Bernstein.


Ich hatte aber schon auf die 4. Mahler hingewiesen. Ohne weiteren Kommentar allerdings. Deshalb dies noch: Neben Kegels Aufnahme ist das für mich die beste Interpretation, die ich kenne. Szell verpasst ihr das gewisse Etwas, eben den richtigen, vielschichtigen Ausdruck des „So-als-ob“. Überhaupt ist das meine liebste Mahler-Sinfonie. Ich mag diese Form der Darstellung von Naivität, die ja eigentlich keine ist.

Die Bernstein-Aufnahme habe ich auch, gestehe aber, sie noch gar nicht intensiver gehört zu haben. Muss ich unbedingt bald nachholen!

Gruß, Cosima
HenningKolf (17.10.2007, 20:16):
Da ich neuerdings Fono-Forum Abonnent bin habe ich Zugriff auf deren Onlinearchiv (der eigentliche Grund des Abos, früher war dies nämlich eine äußerst fundierte Zeitschrift mit gut recherchierten Artikeln und sachlich fundierten Rezensionen).

In einem Interview wird Szell gefragt, ob er sich denn mehr als Operndirigent fühle oder mehr der Instrumentalmusik verschrieben habe.
Szell sinngemäß (die Artikel sind urheberrechtlich geschützt und nur gegen Bezahlung oder für Abonenten lesbar, deshalb an dieser Stelle kein Zitat):

früher habe er - bis zur Prager Zeit einschließlich - gleichberechtigt Opern und sinfonische Musik dirigiert, jetzt aber ganz überwiegend keine Opern mehr, weil es diese "Jetflugzeuge" gebe. Deren Effekt sei, dass die Sänger lieber von einem Ort zum nächsten flögen statt zu üben und zu proben. Da bekäme man dann entsprechende Ergebnisse....

.... es gebe einige ganz hervorragende europäische Orchester (Berliner, LSO, CGO). Die Wiener seien - eigentlich - das unübertroffen beste Opernorchester .... theoretisch ... praktisch nur, wenn man zum ausreichenden Proben käme

.......Seine Interpretation sei dadurch gekennzeichnet, dass er mit dem Herzen denke und mit dem Gehirn fühle. Die Mischung zwischen Instinkt und Intellekt müsse halt stimmen.

............und als Credo: Der Komponist habe immer recht. Man müsse so dirigieren, dass es der Komponist sei, der das Publikum begeistere. Aufgabe des Dirigenten sei, herauszubekommen, was der Komponist wirklich gewollt habe.

Das Interview stammt aus dem Jahre 1966 wenn ich es richtig erinnere...
HenningKolf (02.10.2007, 13:26):
Liebe Forianer,

mit dieser Thread-Eröffnung möchte ich ein paar Fakten zu George Szell, einem meiner Lieblingsdirigenten, zusammentragen und - wie ich hoffe - zur Diskussion über sein Schaffen anregen.


Geboren wurde er als György Széll am 7.6.1897 in Budapest.

Als Szell 3 Jahre alt war, siedelte die Familie nach Wien um. Alle Quellen, die mir zugänglich waren, beschreiben seinen Vater als äußerst musikliebend und stellen heraus, dass sich die musikalische Begabung des Kindes früh zeigte. Bereits im Alter von zwei Jahren soll der kleine George zahlreiche Volkslieder in verschiedenen Sprachen gesungen und seine ihn am Klavier begleitende Mutter zurechtgewiesen haben, wenn diese mal fehlerhaft spielte. Szell bekam Klavierunterricht, unter anderem bei Richard Robert, der auch Clara Haskill und Rudolf Serkin unterrichtete. Mit Serkin war Szell lebenslang nicht nur musikalisch, sondern auch freundschaftlich verbunden.

Als sogenanntes Wunderkind tourte Szell im Alter von elf Jahren als Konzertpianist durch Europa und wurde (so jedenfalls einige Internetquellen) von Zeitungen gelegentlich als „neuer Mozart“ bezeichnet.
Die Eltern und Richard Robert waren jedoch umsichtig genug, die öffentlichen Auftritte einzuschränken, sodass Szell genügend Zeit blieb, Studien in Musiktheorie und Komposition zu betreiben, vornehmlich in Wien, aber auch zeitweise in Leipzig.

Im Alter von 16 Jahren kam es zum zufälligen Debut als Dirigent:
Szell befand sich mit den Eltern im Sommerurlaub, der Dirigent des örtlichen Orchesters verletzte sich am Arm, Szell vertrat ihn erfolgreich.

Bereits als Siebzehnjähriger leitete Szell die Aufführung einer eigenen Komposition durch ein Berliner Orchester, allerdings nicht, wie gelegentlich im Netz zu lesen, durch die Berliner Philharmoniker, sondern durch das - mir nicht näher bekannte - „Blüthner Orchester“.

Sodann arbeitete er als Assistent unter Strauss an der Berliner Oper, danach von 1917 - 1919 als Chefdirigent der Straßburger Philharmoniker in direkter Nachfolge Otto Klemperers.
Es folgten Stationen beim Deutschen Theater in Prag (1919-1921), in Darmstadt (1921-1922) und in Düsseldorf (1922-1924), bevor er als Erster Kapellmeister an die Staatsoper Berlin engagiert wurde (1924-1929). Gleichzeitig leitete er das Rundfunksymphonie-Orchester Berlin, unterrichtete an der Berliner Hochschule für Musik (1927-1930) und machte auch Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern. Von 1929 an (nicht 1939, wie im deutschsprachigen Wikipedia zu lesen ist) arbeitet er als Generalmusikdirektor und Opernchef in Prag, verlagerte sein musikalisches Wirken in den späten Dreißigern, wohl mit dem richtigen Gespür für die politische Entwicklung versehen, zunächst nach Großbritannien und Amsterdam (unter anderem Gastdirigentschaft beim CGO, Leitung des Scottish National Orchestra und „ständiger Gastdirigent“ des Residenzorchesters Den Haag), um schließlich, nachdem er in Australien für den Australischen Rundfunk Einspielungen vorgenommen hatte, zusammen mit seiner Frau seinen Wohnsitz in New York zu nehmen (1939).
Das erste Jahr in der neuen Wahlheimat überbrückte Szell mit verschiedenen Lehrtätigkeiten, danach war er zunächst auf Einladungen und Gastdirigate verwiesen (u.a. Detroit Symphony, NYPO u. Toscaninis NBC Symphony), bevor er 1942 einer der festangestellten Dirigenten der Met wurde.
War er zuvor bereits für 2 Spielzeiten als Gastdirigent in Cleveland tätig geworden, so übernahm er das Cleveland Orchestra 1946 und leitete es bis zu seinem Tode am 30. Juli 1970. Ebenfalls 1946 erhielt Szell die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Das Clevelander Orchester war im Jahre 1946 nicht viel mehr als ein gutes Provinzorchester, erst unter der Leitung von George Szell wuchs es zu einem Orchester mit Weltgeltung heran.

Die meisten heute erhältlichen Einspielungen hat Szell mit diesem und dem CGO, welchem er auch nach dem Kriege als Einladungsdirigent verbunden war, getätigt.

Eine sehr gute und wie ich glaube recht vollständige Discographie findet sich hier:

link

Ich persönlich habe Szell erst kürzlich entdeckt, noch vor einigen Monaten war er mir nur als Name bekannt. Mittlerweile habe ich zahlreiche CDs erworben und bin nach wie vor mehr als begeistert.

Alle Einspielungen zeichnen sich durch eine gewisse Strenge und Exaktheit aus (ein ganz anderer, sehr spannender Haydn für mich z.B.), ohne dass dieses Fehlen jeglicher Sentimentalität der Spielfreude des Orchesters abträglich wäre. Enttäuscht war ich bisher von keiner Einspielung, was ich recht ungewöhnlich finde, weil es zuvor eigentlich immer so war, dass ich auch von Dirigenten, die ich schätze, die eine oder andere Einspielung besitze oder besessen habe, die ich weniger gut finde. Viele Einspielungen haben für mich persönlich Referenzstatus, etwa die Brahms-Konzerte mit Serkin, Sibelius´ 2., Beethovens 5. und 9., die Egmont-Ouvertüre (Sony, Cleveland Orchestra) und die Einspielungen mit Gilels, Mahlers 6. (stringent, hochspannend), Dvoráks 7., das Cellokonzert op.104 mit Fournier auf DGG, Bruckners 3., aber besonders die vor nervöser Spannung knisternde 8.
(Noch) nicht gekauft habe ich die Einspielungen mit Fleischer. Vielleicht kann ja ein Forumsmitglied etwas dazu beitragen (insbesondere was die Aufnahmequalität betrifft, die Aufnahmen sind ja zum Teil von deutlich vor 1960).
Etwas zu den Mozart- , Schubert- und Schumanneinspielungen zu sagen fühle ich mich nicht berufen, ich muss die Komponisten noch weitgehend für mich entdecken.... :ignore


Ich habe jedoch gelesen, dass die Stereo-Einspielung der Schumann-Sinfonien aus dem Jahre 1960 damals so etwas wie eine Pioniertat gewesen sein soll. Schumann war wohl damals als Sinfoniker nicht sonderlich geschätzt. Szell habe es sich nicht nehmen lassen, in einem Artikel in der New York Times eine Streischrift zur Ehrenrettung des Sinfonikers Schumann zu publizieren, dessen 150. Geburtstag damals gefeiert wurde oder kurz bevorstand.

Die Musikauffassung Szells, die sich in seinen Einspielungen wiederspiegelt, wird, so finde ich, durch folgende, ihm zugeschriebene Äußerung (auf die Frage, warum Mozart bei ihm so streng klinge) treffend dargestellt: „Nur ein Dummkopf würde Schokoladensoße über Spaghetti gießen!“


Die Person George Szell wird häufig als zumindest schwierig, teilweise sogar unsympathisch dargestellt.
So ließ Sir Rudolf Bing, seines Zeichens Generalmanager der Met, in seinen Memoiren kein gutes Haar an ihm: "Er war ein unangenehmer Mensch, möge er in Frieden ruhn".

Ob dies Allgemeingültigkeit beanspruchen kann, möchte ich bezweifeln. Aus der von Osborne verfassten Karajan-Biographie jedenfalls geht hervor, dass beide Dirigenten in kollegialer Wertschätzung verbunden waren und sich Szell als guter „Gastgeber“ sehr dafür eingesetzt hat, dass Karajan bei einem Gastauftritt in Cleveland beste Arbeitsbedingungen vorfindet. Andere Quellen sprechen auch davon, dass Szell privat durchaus jemand war, der mit einer gewissen Trinkfestigkeit ausgestattet sich gut aufs fröhliche Feiern verstand.
Dass der Dirigent Szell sich durch eine gewisse Härte und unermüdlichen Arbeitseifer auszeichnete, war, denke ich, Voraussetzung dafür, die Cleveländer in die Oberliga zu führen.
Überliefert ist insoweit folgendes Zitat: "The Cleveland Orchestra gives seven concerts a week and the public is invited to two."

Der Perfektionismus Szells ging soweit, dass er die Veröffentlichung einer Einspielung der 4. von Tschaikowski mit dem LSO untersagte, weil er mit dem Ergebnis nicht einverstanden war.

Szell hat beim breiten Publikum nie den Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad eines Karajan, Böhm oder Bernstein erreicht. ("Szell doesn´t sell", soll insoweit ein Manager einer Plattenfirma geäußert haben). Vielleicht auch heute der Grund, dass sich die hervorragend remasterten Aufnahmen von Sony entweder nicht mehr im Katalog befinden oder im lowcost-Bereich.

Welchen Stellenwert hat Szell bei Euch?

Henning
Zelenka (02.10.2007, 13:34):
Lieber Henning:

Schon einmal ganz herzlichen Dank für die schöne Fadeneröffnung! Auch wenn Szell wohl wirklich nicht einer der sympathischsten Menschen war, ist dieser Faden sehr nötig! Der Violinist, der auf Szells Betreiben aus den Clevelander Orchester herausflog, weil er sich lieber ein neues Auto kaufte als eine bessere Geige, ist vielleicht ein Exempel dafür, wie ernst es Szell um die Musik war. Demnächst hoffentlich auch von mir mehr an dieser Stelle!

Gruß, Zelenka
Amadé (02.10.2007, 18:59):
Hallo Hennig,

auch ich freue mich, dass sich jemand dieses großen Drirgenten hier im Forum annimmt.
Szell hat in meiner Platten-Sammlung einen sehr hohen Stellenwert, wenn Du in meine homepage reinschaust, wirst Du das sofort erkennen.

Folgendes möchte ich noch anmerken:

- Beethovens Klavierkonzerte mit Leon Fleisher wurden 1959 (Nr.4) , alle anderen 1961 in der Severance Hall zu Cleveland eingespielt. Sie sind frischer, lebendiger als die spätere Produktion mit Emil Gilels, klanglich auch besser, als die damals von amerikanischen EMI-Technikern, die zum erstenmal in Cleveland arbeiteten, aufgenommenen Konzerten. Ich möchte nicht sagen, dass sich Szell hier besonders weiterentwickelt oder einen anderen Zugang zu den Werken gefunden hätte. Es ist wohl eher so, dass er sich auf die Vorstellungen der beiden Pianisten einstellte.- Die 4. Sinfonie von Tschaikowsky wurde im September 1962 für Decca aufgenommen und wurde sowohl auf LP als auch auf CD veröffentlicht. Ich halte sie für eine der gelungensten Aufnahmen dieses von mir nicht sonderlich geschätzten Werkes. Möglicherweise hat man in einer späteren Sitzung einiges nachgebessert.Grüße Bernd
Cosima (02.10.2007, 20:26):
Hallo Henning,

ich freue mich über Deine schöne Thread-Eröffnung! Von George Szell war ich seinerzeit gleich begeistert, als mir die ersten CDs mit ihm zu Ohren kamen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch keine schlechte Aufnahme mit diesem Dirigenten gehört habe.

Aus dem Stehgreif würde ich die Beethoven-Klavierkonzerte mit Leon Fleisher hervorheben, die 4. Mahler-Sinfonie ( :down ), seine Mozart-Sinfonien (40, 41), die Unvollendete von Schubert, die Schumann-Sinfonien, die 2. von Sibelius, die fantastischen Brahms-Konzerte mit Fleisher usw.

Ja, er ist auch einer meiner Lieblings-Dirigenten!

Gruß, Cosima
HenningKolf (03.10.2007, 10:37):
@ Zelenka

weißt Du vielleicht noch, wo Du die Geschichte über den Violonisten gelesen hast? Bin immer auf der Suche nach weiteren Quellen, zumal es eine gedruckte Biographie - jedenfalls in Deutsch oder Englisch und soweit ich weiss - nicht gibt...schade eigentlich, denn die internet-Quellen sind nicht wirklich zuverlässig, erst bei mehrfachem Querlesen z.B ist mir aufgefallen, dass die wikipedia-Angaben nicht immer zutreffend sind.

@ Cosima, Amadé

Fleisher steht sowieso auf der to do - Liste für die nächste Zeit, jedenfalls die Beethoven-Einspielungen sind leicht und recht preiswert erhältlich. Die Grieg-, Franck und Rachmaninoff (op.43)--Einspielungen tauchen - auch im amazon-marketplace - anscheinend eher selten auf.

Amadé, ich habe erst eine Teilfreischaltung und kann nicht auf Dein Mitgliedsprofil zugreifen: irgendwo ein link auf die von Dir angesprochene website?

EDIT: nicht mehr notwendig, thread zu deiner Seite sprang mir gerade in der Foren-Übersicht entgegen

Gruß
Henning
Amadé (03.10.2007, 14:58):
@ Henning u.a.

George Szell war übrigens auch ein sehr versierter Pianst, ich besitze mindestens 2 Aufnahmen mit ihm:
- Mozart 4 Violinsonaten mit seinem Konzertmeister R. Durian, CBS
- Mozart Violinsonaten KV 454, 481 mit J.Szigeti, Vanguard

Gruß Bernd
Cosima (03.10.2007, 17:41):
Original von HenningKolf
EDIT: nicht mehr notwendig, thread zu deiner Seite sprang mir gerade in der Foren-Übersicht entgegen


Alternativ brauchst Du aber auch nur den www-Button unterhalb der jeweiligen Beiträge zu drücken. Dieser Button wird aktiviert, wenn jemand in seinem Profil eine Seite hinterlegt hat.

Übrigens würde ich unbedingt den Brahms-Klavierkonzerten mit Leon Fleisher Priorität einräumen, sie haben noch mehr Feuer als jene mit Serkin, die ich aber auch sehr gut finde.

http://ec1.images-amazon.com/images/I/410H8AWKXJL._AA240_.jpg

Fantastisch! Nur das 2. mit Richter / Leinsdorf höre ich noch lieber, ansonsten sind Fleisher / Szell hier meine "Referenz".

Gruß, Cosima
Rachmaninov (03.10.2007, 17:45):
Original von Cosima
Übrigens würde ich unbedingt den Brahms-Klavierkonzerten mit Leon Fleisher Priorität einräumen, sie haben noch mehr Feuer als jene mit Serkin, die ich aber auch sehr gut finde.

http://ec1.images-amazon.com/images/I/410H8AWKXJL._AA240_.jpg


@Cosima,

absolut richtig und wichtig ist diese Nennung! Eine der besten Aufnahmen der beiden Brahms Konzerte überhaupt. Fleisher und Szell sind hier ein prima Team! :down
HenningKolf (03.10.2007, 18:36):
der Monatserste ist ja gerade erst gewesen, frisches Geld auf dem Konto.....


:D
Zelenka (04.10.2007, 19:44):
Original von HenningKolf
@ Zelenka

weißt Du vielleicht noch, wo Du die Geschichte über den Violonisten gelesen hast? Bin immer auf der Suche nach weiteren Quellen, zumal es eine gedruckte Biographie - jedenfalls in Deutsch oder Englisch und soweit ich weiss - nicht gibt...schade eigentlich, denn die internet-Quellen sind nicht wirklich zuverlässig, erst bei mehrfachem Querlesen z.B ist mir aufgefallen, dass die wikipedia-Angaben nicht immer zutreffend sind.

Gruß
Henning

Lieber Henning:

Nachdem ich wieder Zugang zu meinen Dateien habe: Die Information zur Entlassung eines Orchestermitglieds durch Szell, weil es sich ein Auto statt ein besseres Instrument gekauft hatte, stammt aus einer Würdigung Szells in der Zeitschrift "Gramophone" vom Februar 2006. N.B.: Es wird nicht gesagt, um welches Instrument es sich handelte, die Geige habe ich leider falsch in Erinnerung gehabt!

Gruß, Zelenka
HenningKolf (04.10.2007, 21:28):
@ danke für den Hinweis


hatte auch schon mal überlegt mir ein gramophone-Abo zuzulegen. Hat man da als Abonnent eigentlich Zugriff auf ein Online-Archiv, ähnlich wie bei Fono-Forum, d.h. kann alte Artikel und Rezensionen lesen??


Gruß
Henning
Zelenka (05.10.2007, 13:47):
Original von HenningKolf
@ danke für den Hinweis


hatte auch schon mal überlegt mir ein gramophone-Abo zuzulegen. Hat man da als Abonnent eigentlich Zugriff auf ein Online-Archiv, ähnlich wie bei Fono-Forum, d.h. kann alte Artikel und Rezensionen lesen??


Gruß
Henning

Lieber Henning:

Es gibt beim Gramophone kein Online-Archiv wie beim FonoForum, das mit PDFs arbeitet. Die Rezensionen der Zeitschrift sind allerdings etwa ab dem Jahr 2000 (?) durchsuchbar und werden jeweils nach ein paar Monaten nach ihrem ersten Erscheinen zugänglich. Nicht nur Abonnenten können hier suchen und lesen, es ist nur eine sehr einfache Registrierung (Email-Adresse) notwendig. Der Weg dorthin: > www.gramophone.co.uk > am linken Bildschirmrand auf "Reviews" clicken > im Untermenü auf "Search Gramofile" clicken. Das Weitere ergibt sich ... Ein paar Artikel sind via "Features" (wieder am linken Bildschirmrand) zu lesen, in neuerer Zeit scheint dort aber nichts hinzugefügt worden zu sein. Ob sich ein Abonnement des Gramophone lohnt? Ich bin als langjähriger Leser da gar nicht so sicher ...

Gruß, Zelenka
HenningKolf (05.10.2007, 14:42):
Danke für den Hinweis...

ich werde erst mal ein bißchen online lesen und dann entscheiden, ob ich ein abo in Erwägung ziehe...

mache zwar sehr viel am und mit dem Computer, rippe ja sogar meine CD´s und archiviere sie auf Festplatte, aber was das Lesen betrifft bin ich altmodisch...lieber ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung....es sei denn man recherchiert eine bestimmte Fragestellung

Henning
Zelenka (05.10.2007, 18:31):
Welchen Stellenwert hat Szell bei mir? Im Prinzip einen hohen, obwohl ich gewiß nicht alles, was er eingespielt hat, besonders mag, und ich vielleicht einen etwas freieren, spontaneren Dirigierstil vorziehen würde, auch einen, der wärmer wäre und mehr atmen würde. Bei Szell mußte auch die Inspiration mühselig geprobt werden. Eine Stereo-Einspielung von Dvoráks Slawischen Tänzen habe ich vor Jahren aus meiner Sammlung entfernt, sie schien mir damals ganz ohne Charme. Auch seine Beethoven-Symphonien besitze ich nicht mehr. Sein Mozart gefällt mir nicht sehr. Ansonsten rangieren viele der schon hier im Faden genannten Aufnahmen auch bei mir ganz oben, ich würde vielleicht noch besonders auf Mahlers 4. hinweisen, in der natürlich ein ganz anderer, ein eher analytischer, Weg beschritten wird als bei Bernstein.

Aufmerksam machen möchte ich auf das Szell-Kapitel auf der DVD „The Art of Conducting“ (Warner), die ganz allgemein höchst empfehlenswert ist. In einem gefilmten Interview umreißt Szell, was er als Dirigent in den U.S.A. beabsichtigte, nämlich die amerikanische Orchesterkultur mit ihrer Betonung der technischen Perfektion und der Brillianz mit jener europäischen der Zeit sogar vor dem ersten Weltkrieg zu verbinden. Ob dies völlig gelungen ist, bezweifle ich persönlich ein wenig: Die Clevelander Orchesterkultur tendierte doch eher zur amerikanischen Seite. Szells Aufnahmen mit europäischen Orchestern (wie sie etwa in einer 5-CD-Box von Decca greifbar sind, eine 4. von Tschaikowsky mit dem LSO von 1962 ist übrigens dabei) zeigen einen anderen Szell, der weniger verbissen ist. Auf der erwähnten DVD geht Szell auch auf die notorischen Entlassungen in Cleveland ein und streitet ab, daß er viel gesäubert habe. Isaac Stern kommentiert aus der Sicht der Solisten, die es unter Szell nicht immer leicht hatten. Stern weist aber daraufhin, daß wohlbegründete Wünsche durchaus akzeptiert wurden. Hugh Bean (Konzertmeister verschiedener Londoner Orchester) stellt Szell in eine Reihe mit Toscanini und Reiner, die als einzige über perfekte Orchester verfügten, die sie praktisch wie ein Instrument spielen konnten. Technische Probleme spielten hier keine Rolle mehr.

Ich möchte nicht den weiter oben im Faden erwähnten Artikel aus dem „Gramophone“ referieren. Erwähnt sei nur, daß Szell ein sehr guter Koch gewesen sein soll und ein köstliches Gulasch im Répertoire hatte.

Gruß, Zelenka
Zelenka (05.10.2007, 18:51):
Doch noch eine Anekdote aus dem Gramophone-Artikel: Als jemand gegenüber Rudolf Bing äußerte, Szell sei sich selbst der ärgste Feind, sagte Bing: "Nicht solange ich lebe!"

Ach ja, Szell war auch Weinkenner und Paul-Klee-Experte ...

Gruß, Zelenka
Zelenka (06.10.2007, 20:03):
Vielleicht auch noch der Hinweis, daß derzeit viele Mono-Aufnahmen aus Szells Clevelander Zeit bei dem Label United Archives erscheinen.

Gruß, Zelenka
Cosima (06.10.2007, 22:30):
Original von Zelenka
Ansonsten rangieren viele der schon hier im Faden genannten Aufnahmen auch bei mir ganz oben, ich würde vielleicht noch besonders auf Mahlers 4. hinweisen, in der natürlich ein ganz anderer, ein eher analytischer, Weg beschritten wird als bei Bernstein.


Ich hatte aber schon auf die 4. Mahler hingewiesen. Ohne weiteren Kommentar allerdings. Deshalb dies noch: Neben Kegels Aufnahme ist das für mich die beste Interpretation, die ich kenne. Szell verpasst ihr das gewisse Etwas, eben den richtigen, vielschichtigen Ausdruck des „So-als-ob“. Überhaupt ist das meine liebste Mahler-Sinfonie. Ich mag diese Form der Darstellung von Naivität, die ja eigentlich keine ist.

Die Bernstein-Aufnahme habe ich auch, gestehe aber, sie noch gar nicht intensiver gehört zu haben. Muss ich unbedingt bald nachholen!

Gruß, Cosima
HenningKolf (17.10.2007, 20:16):
Da ich neuerdings Fono-Forum Abonnent bin habe ich Zugriff auf deren Onlinearchiv (der eigentliche Grund des Abos, früher war dies nämlich eine äußerst fundierte Zeitschrift mit gut recherchierten Artikeln und sachlich fundierten Rezensionen).

In einem Interview wird Szell gefragt, ob er sich denn mehr als Operndirigent fühle oder mehr der Instrumentalmusik verschrieben habe.
Szell sinngemäß (die Artikel sind urheberrechtlich geschützt und nur gegen Bezahlung oder für Abonenten lesbar, deshalb an dieser Stelle kein Zitat):

früher habe er - bis zur Prager Zeit einschließlich - gleichberechtigt Opern und sinfonische Musik dirigiert, jetzt aber ganz überwiegend keine Opern mehr, weil es diese "Jetflugzeuge" gebe. Deren Effekt sei, dass die Sänger lieber von einem Ort zum nächsten flögen statt zu üben und zu proben. Da bekäme man dann entsprechende Ergebnisse....

.... es gebe einige ganz hervorragende europäische Orchester (Berliner, LSO, CGO). Die Wiener seien - eigentlich - das unübertroffen beste Opernorchester .... theoretisch ... praktisch nur, wenn man zum ausreichenden Proben käme

.......Seine Interpretation sei dadurch gekennzeichnet, dass er mit dem Herzen denke und mit dem Gehirn fühle. Die Mischung zwischen Instinkt und Intellekt müsse halt stimmen.

............und als Credo: Der Komponist habe immer recht. Man müsse so dirigieren, dass es der Komponist sei, der das Publikum begeistere. Aufgabe des Dirigenten sei, herauszubekommen, was der Komponist wirklich gewollt habe.

Das Interview stammt aus dem Jahre 1966 wenn ich es richtig erinnere...