Gerd Schaller (*1965)

Cetay (inaktiv) (07.01.2013, 13:00):
Gerd Schaller wurde in Bamberg geboren. Er studierte Dirigieren an der Hochschule für Musik in Würzburg. Seine dirigentische Laufbahn begann er 1993 an der Staatsoper Hannover, wechselte 1998 als Erster Kapellmeister an das Staatstheater Braunschweig, und wirkte von 2003 bis 2006 als Generalmusikdirektor am Theater Magdeburg. Seither arbeitet er mit zahlreichen bekannten Orchestern im In- und Ausland. (gerd-schaller.com).

Das ist nun nicht gerade die Art von Biographie, die uns vom Sessel auffahren und Großes erwarten läßt. "Hat er mit 12 Jahren alle Beethoven-Sonaten in jede beliebige Tonart transponiert auf Kommando auswendig spielen können? Ist er mit 21 als Chefdirigent eines großen RSO berufen worden? Oder hat er wenigstens in einem Anfall der Verwechslung von Kunst mit Sport an einem renommierten Wettbewerb teilgenommen und den auch gewonnen? Nichts dergleichen. Naja, dann reichts mit bald 50 allenfalls noch dazu, für einschlägige Spezialisten-Labens zurecht vergessenes Randrepertoire einzuspielen. Wie ... Bruckner? Also bitte, was will ein solcher Nobody in einer Diskographie ausrichten, die von Jochum bis Wand, von Inbal bis Skrowaczewski, von Celi bis Tintner überreichlich mit hochkarätigen Einspielungen aller Größen, Farben und Formen gesegnet ist - ganz zu Schweigen von den entstehenden, bislang weit mehr als nur "beachtlichen" Zyklen mit Venzago und Young?"

Diesen vorherdenkbaren Gedankengang des gemeinen Klassikkonsumenten hat wohl auch das "Profil" Label gehabt und deswegen zu einem kleinen Trick gegriffen, um Schaller trotzdem Gehör zu verschaffen. Sie wählten für den Zyklus die seltene Carragan-Edition, die unter anderem eine Vervollständigung des Finales der Neunten enthält. Und der Trick hat bei mir funktioniert. Ich habe mir das angehört und konnte gar nicht glauben, was ich da höre - nicht allein bezüglich des Finales der Neunten, sondern überhaupt. In der Bruckner-Diskographie kann Schaller in der Tat nicht "mithalten"; das wäre die Untertreibung des Jahres. Er setzt sich vielmehr locker an die Spitze. Wer solch starke Worte von einem Randforianer aus einem Randforum nicht glauben mag, lese hier Worte von ClassicsToday France und STEREOPHILE, USA. Dort steht auch, was ich besser nicht sagen könnte und deshalb herzitiere: (...) es gibt hier nichts Umstürzlerisches oder Revolutionäres. Es ist einfach "der" Atem, "das" Tempo, die genau hinkommen, eine unerbittliche Logik und - vor allem - eine exzeptionelle Durchsichtigkeit (...). Ita est! Die absolute Stimmigkeit aüßert sich darin, dass ich mir beispielsweise über die Tempi überhaupt keine Gedanken mache. Der innere Kritiker bleibt stumm, ich höre einfach nur Bruckner, einfach nur Musik und erst hinterher fällt mir auf, dass mich nichts "gestört" hat.

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Schallers neuester Streich ist die Einspielung der Unvollendeten von Schubert, wieder ergänzt und aufführungsreif komplettiert von William Carragan. Hier gilt das Gleiche: Carragan ist ein notwendiger Aufmerksamkeitsfaktor, der uns dazu bringt, überhaupt hinzuhören. Aber sobald wir selbst hinhören, brauchen wir niemanden mehr, der uns sagt, dass hier ein großartiges Dirigat geführt wird. Die beiden vollendeten Sätze der Unvollendeten habe ich noch nie so stimmig erlebt. Wer sich an Vollendungen des Unvollendbaren stört, kann hier aufhören und hat sicher eine der allerbesten Aufnahmen von D759 gehört. Dass das folgende Scherzo nicht abfällt und das aus Rosamunde-Themen zusammengeklaubte Finale nicht als Behelfsllösung wirkt, schreibe ich ebenfalls dem Dirigenten zu, der seinen logischen Atem über alle vier Sätze ausbreitet und Fragen, ob das alles seine Richtigkeit hat, zweitrangig macht.

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Wer sich nicht vorstellen kann, abseits der von Autoritäten anerkannten Orchester und Interpreten nicht nur Beachtliches sondern gar Exzeptionelles zu finden, sollte bei Schaller (der sich für den fast vergessenen Karl Goldmark einsetzt und zwei CDs mit Werken des selten gespielten Sibelius-Lehrers aufgenommen hat) mal genau hinhören.
Heike (08.01.2013, 00:28):
Randforianer aus einem Randforum
?(
Na jedenfalls hast Du geschafft, mich neugierig zu machen - nur leider finde ich von dem Herrn nichts bei simfy :-(
Heike
Cetay (inaktiv) (08.01.2013, 09:37):
Das ist eine generelle Schwäche der Streamingdienste. Das Tagging von Klassik ist völlig willkürlich, deshalb muss man etwas rumprobieren. In diesem Fall hilft Philharmonie Festiva als Suchbegriff, dann findet man die oben gezeigten Aufnahmen und die erste Sinfonie von Goldmark.

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daniel5993 (21.01.2013, 11:02):
Hallo Cetay,

ich habe die "Bilder einer Ausstellung" unter seiner Fuchtel mit dem Staatsorchester Braunschweig live erleben dürfen.

Dies Konzert gehört zu den Nachhaltigsten, welche ich je erlebt habe.
An die richtig guten Konzerte kann ich mich erinnern, da diese bei mir wie im Film ablaufen, ohne dass ich etwas anderes wahrnehme.
Mussorgskys Bilder wurden sehr dramatisch und gewaltig unter Ihm geschildert.

Schaller selbst weiß durch seine Art/Person auf Anhieb Sympathien zu wecken.
Auf dem Podium selbst wirkt er sehr leidenschaftlich und engagiert. Seine Liebe zur klassischen Musik ist nicht zu übersehen.

Beste Grüße
Daniel
Cetay (inaktiv) (31.01.2013, 08:31):
Hallo Daniel,
es ist interessant, auf welch unterschiedliche Weisen große Konzerterlebnisse verarbeitet werden. Bei mir ist es eher die im Konzert durchlebte Gefühlspalette und die von meinem inneren Schwätzer dazwischengeworfenen Analysen, die ewig "abrufbar" bleiben.

Es gibt eine brandneue Veröffentlichung zu vermelden: Schaller hat mit dem Requiem von Franz von Suppé ein stark vernachlässigtes Werk eingespielt. Mit dem Namen Suppé verbindet man gemeinhin ridiküle Operetten, möglicherweise traute man ihm ein ernstes Requiem nicht zu und hat es deshalb durch das musikhistorische Repertoiresieb fallen lassen. Völlig zu unrecht. Suppé hat sich schon bei vielen seiner zahllosen, kaum bekannten Overtüren als Meister der Instrumentierung und Klangfarbenraffinesse gezeigt und hier und da auch mal profundere Tüne angeschlagen. Beim Requiem ist von Leichter Kavallerie nichts zu hören, wohl aber, wo sich Verdi Inspiration geholt hat. Ich bin gespannt, wie Schaller neben Michel Corboz und Edmond de Stoutz aussieht.

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Franz von Suppé; Requiem in d-Moll; Marie Fajtova, Franziska Gottwald, Tomislav Muzek, Albert Pesendorfer, Philharmonischer Chor München, Philharmonie Festiva, Gerd Schaller
Cetay (inaktiv) (31.07.2016, 12:24):
Wie die Zeit vergeht. Dreieinhalb Jahre ist der letzte Eintrag her, geändert hat sich seither nichts. Schaller heimst international höchstes Lob ein, macht eine "Record of the Month" nach der anderen (z.B -> hier oder -> hier) oder schafft es gar auf Jahresbestenlisten (-> hier) und wird hierzulande weiter so gut wie nicht wahrgenommen. Sein Bruckner-Zyklus ist fertig und er hat drei Beethoven-Sinfonien im Kasten. Ob das ebenfalls ein Zyklus werden soll, weiß ich nicht - von vorneherein noch aussichtsloser ist das allemal. Man bedenke nur, welch hervorragende Beethoven-Zyklen Gustav Kuhn oder Jan Willem de Vriend in diesem Jahrhundert vorgelegt haben, ohne dass es jemanden interessiert hätte. Man muss schon Chailly oder Thielemann heißen, damit jemand hinhört.

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Die vielbeschworene "Krise der Klassik" hierzulande hat nicht nur damit zu tun, dass immer weniger Leute Klassik hören wollen, sondern ebenso, dass die, die sie hören, immer nur nach denselben bekannten Werken und Interpreten fragen. Eine Produktion wie die folgende hat da im doppelten Sinne von vorne herein fast verloren - mal ganz abgesehen von dem -für den Inhalt und das Zielpublikum- selten dämlichen Cover:

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Johann von Herbeck; Große Messe

Dennoch möchte ich den Freunden von Bruckners geistlicher Musik nahelegen, unbedingt Schallers letzten Streich anzuhören. Das ist eine der gelungensten Aufnahmen der Großen f-Moll Messe (gleichwertig noch ist allenfalls Matthew Best) und bietet mit dem Psalm 146 eine Rarität, die in machen Chorpassagen Haare-aufstellenden Eindruck macht. Dazu ist das von Schaller höchstselbst eingespielte Orgelwerk trotz der vermeintlichen Einfachheit eine echte Bereicherung des Hörrepertoires.

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Cetay (26.10.2021, 09:27):
Die Diskussion im Bruckner-Thread hat mich veranlasst, diesen alten Faden mal wieder auszugraben. Schaller war seither nicht untaetig. Er hat Bruckner aufgenommen. Und Bruckner. Und dann Bruckner und wieder Bruckner und nochmal Bruckner und schliesslich Bruckner. Und ein weiteres mal Bruckner. Der Mann scheint den Rekord von Takashi Asahina brechen zu wollen. Also was haben wir?
Die Studiensinfonie f-Moll von 1863
Die Neunte mit von Schaller komplettiertem Finale
Die Neunte mit Revision des von Schaller komplettierten Finale
Die Dritte in der Version von 1890 / Edition Schalk
Das Streichquintett arrangiert fuer grosses Orechster
Die Neunte fuer Orgel (selbstredend von Schaller eingerichtet, arrangiert, gespielt und mit Finale)
Die Erste in der Wiener Fassung von 1891
Da mutet es fast sensationell an, dass sein juengstes Projekt eine Einspielung von Brahms ist. Und die ist so superb gespielt und -mit einem angeblich von Brahms intendierten reduzierten Streicherapparat- so luftig-transparent dargeboten, dass selbst ein Brahms-Nichtversteher wie ich gerne dranbleibt. Mehr davon! Man moechte ihm am liebsten zurufen: Mensch Herr Schaller, nun wissen wirklich alle, die es wissen wollen, dass sie ein grosser Bruckner-Kenner und -Koenner sind. Aber Sie haben der Welt soviel mehr zu geben. Machen Sie bitte etwas anderes!


Bildquelle: GERD SCHALLER

Johannes Brahms - Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 73
Philharmonie Festiva
Andréjo (26.10.2021, 12:42):


Soeben habe ich mal nachgesehen, dass die einzelnen Einspielungen zwischen 2011 und 2016 entstanden sind. 2017 wurden sie dann offensichtlich kompiliert und 2018 wurde die Integrale veröffentlicht. Das Orchester wurde 2008 von Schaller gegründet und hat nicht nur, aber doch schwerpunktmäßig Bruckner eingespielt.

Da die einzelnen oder vielleicht auch nur viele der einzelnen Aufnahmen natürlich separat erhältlich waren und sind, war mein Staunen aaO darüber, dass VAT69 alias Cetay früher mal gerne Bruckner gehört hat und auch gerne mit Schaller, obwohl ja die Integrale erst seit 2018 erhältlich sei, nicht gar so geistreich ... :D :)

Ich verbinde mit Schaller vor allem die Steigerwald-Marktgemeinde Ebrach mit Kloster, wo er gerne auftritt, (und JVA (1)) - stamme ja auch selber grob aus dieser Gegend.

Jetzt müsste man die Integrale auch mal hören. Man = ich. Und jetzt reicht es auch wieder mit diesen Bekenntnissen eines Unwichtigen ...

:hello Wolfgang

(1) Manche wollen ins Kloster, andere liebe raus. Also öfter mal was los dort ...