Gestern im Konzert

Gamaheh (19.06.2007, 17:50):
Liebe Forenser,

es ist mir unangenehm, immer unter dem Superlativ der "größten" Konzerte zu schreiben, auch wenn es nicht so war (und es sind ja die wenigsten so); also hier ein etwas zurückhaltenderer Name, der auch solchen gerecht wird, über die man vielleicht trotzdem ein Wort verlieren möchte - und sei es nur zur Abschreckung.

Gestern in der Musikhalle in Hamburg: das NDR-Sinfonieorchester unter dem französischen Dirigenten Emanuel Krivine mit dem französischen Pianisten Jean-Yves Thibaudet.

Zunächst fiel auf, daß das Orchester doch ganz hübsch und präzise klingen kann, anfangs mit zwei Stückchen aus Berlioz' Les Troyens. Dann Saint-Saëns' KK5, nicht unbedingt mein liebstes. Der Pianist war sicherlich durchaus digitaltauglich, trat ausgesprochen "cool" auf, hatte aber einen geradezu aggressiven Gestus von einem Barpianisten, der aufdringlich wirkte und mir einfach zuviel war.

Die 8. Sinfonie von Dvorák hätte sicherlich sehr angenehm sein können - auch wenn Dvorák auf mich immer ein bißchen wirkt wie ein popularisierter und etwas seichter Abklatsch von Brahms - wenn ich nicht vorher so schläfrig geworden wäre. Alles in allem war ich am Ende froh, wieder an die frische Luft zu kommen.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (26.06.2007, 13:47):
Liebe Forenser,
mich hat es mal wieder für ein paar Tage nach Paris getrieben, und gern berichte ich Euch von meinen musikalischen Erlebnissen dort.

Es war der Beginn der „Solistes aux Serres d’Auteuil“, dem Klavier-Festival im Gewächshaus, bei dem ich im letzten Jahr Philippe Bianconi gehört hatte (ich berichtete davon, glaube ich). Es findet seit 2000 alljährlich, seit dem letzten Jahr in zwei Etappen, im Juni und September, statt.

Diese Serie hat gewisse Vorgaben, die häufigen Einwände gegen Konzerte klassischer Musik begegnen wollen: zu spät (hier: 19 Uhr), zu lang (hier: 60 Minuten), zu teuer (hier: 12 Euro, für Kinder bis zu 12 Jahren umsonst). Darüber hinaus soll in jedem Konzert ein zeitgenössisches Werk aufgeführt werden.

Die Gewächshäuser, Ende des 19. Jh. erbaut und am Rande des Bois de Boulogne gegenüber dem Tennis-Stadion „Roland Garros“ gelegen, dienten ursprünglich der Anzucht von Pflanzen für die Pariser Parks. Die Konzerte finden im "Pavillon des Azalées" statt, einem der Bestimmung gemäßen Bau aus Glas und Stahl mit etwas mehr als 200 Plätzen auf grünen Parkbänken. Die Akustik ist naturgemäß fragil und hält Einwirkungen von außen nicht gut stand. Die Firma Yamaha stellt den Flügel zur Verfügung und benutzt das Gewächshaus mit ständiger Anwesenheit eines Technikers gewissermaßen als Versuchslabor, um seinen High-end Flügel zu testen, wie ein Presseausschnitt informierte. Die – glücklicherweise – kaum normalen, ungünstigen Bedingungen: zuweilen hohe Luftfeuchtigkeit und starke Temperaturschwankungen, bieten sich dazu an. Wie sich z.B. zeigte, reagiert der Flügel äußerst und unangenehm schrill auf heftig angeschlagene hohe Töne.

Am ersten Abend, dem 21. Juni (Fête de la Musique in Frankreich), ein für die Serie untypischer Beethoven-Marathon mit Fraçois-Fréderic Guy, der diesmal gar nicht böse wirkte, sondern eher gut gelaunt. Sein Unterfangen war allerdings ein mutiges: an einem Abend acht der beethovenschen Sonaten zu spielen, wobei er das Programm dieses concert surprise – wie die Organisatorin mitteilte – erst einige Stunden vorher festgelegt hatte. Insgesamt wäre dem Abend sicher eine etwas verbindlichere Planung zugute gekommen, aber er war trotzdem schön und interessant. Das Programm der drei aufeinanderfolgenden Konzerte war wie folgt:

I. op. 26
op.27/2 „Mondschein“
op. 110
II. op. 13 „Pathétique“
op.111
III. op. 109
op. 78 „A Thérèse“
op. 57 „Appassionata“

Man muß sagen, daß sich Guy im Laufe des Abends kontinuierlich steigerte, und der Höhepunkt war sicherlich die Appassionata, die auch wohl seinem pianistischen Temperament am meisten entgegenkommt (oder umgekehrt). Diese Sonate habe ich wirklich schon zu Tode gemetzelt gehört, aber Guy führte sie zu einem wahrhaft fulminanten Abschluß. Sehr schön auch op.110, mein Favorit unter Beethovens Sonaten.

Wenn man Pianisten (unabhängig von der Musik, die sie spielen) literatur- oder geistesgeschichtlichen Epochen zuordnen wollte, gehört Guy sicherlich dem Sturm und Drang an, was aber nicht heißt, daß er nicht auch sehr einfühlsam gerade die langsamen Passagen spielen kann (dies kam besonders schön im op.109 zur Geltung). Er hat bisweilen eine (für mich) irritierende Art, einzelne Noten zu hämmern und bis zur Apokope abzulösen, ein Manierismus, den ihm zweifellos sein Temperament auferlegt.

Alles in allem ein schöner und interessanter Abend, der nur leicht dadurch gestört wurde, daß in unmittelbarer Nachbarschaft eine riesige Fête de la musique mit ca. 100000 Besuchern stattfand, was gelegentlichen Sirenen- und Hubschrauberlärm mit sich brachte (wir waren gewarnt).

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (26.06.2007, 15:12):
Danke für diesen schönen Bericht.

Ich bin zugegebenermassen ein bisschen neidisch.
Hier in Münster ist das musikalische Angebot mehr als mager, bzw. ich bekomme manches überhaupt nicht mit. Und bei den heutigen Arbeitszeiten lohnt es sich kaum, "mal eben" nach Dortmund oder Essen zu düsen...
Diese Konzertserie, die du beschreibst, klingt ja überaus interessant. Wenn du noch mehr dieser Abende besuchst, berichte bitte!!

Nikolaus :thanks
Gamaheh (26.06.2007, 15:29):
Hallo Nikolaus,

eine Fortsetzung folgt demnächst: Ich habe dort mehrere Konzerte besucht. Münster ist übrigens, wenn mich meine zugegebenermaßen mangelhaften geographischen Kenntnisse nicht trügen, viel näher an Paris als Hamburg (und dort bist Du doch - Deinen Berichten nach - auch schon öfter zu Konzerten hin- (bzw. her-) gefahren).

Beste Grüße,
Gamaheh
cellodil (26.06.2007, 21:43):
Liebe Gamaheh,
Original von Gamaheh
Es war der Beginn der „Solistes aux Serres d’Auteuil“, dem Klavier-Festival im Gewächshaus, bei dem ich im letzten Jahr Philippe Bianconi gehört hatte (ich berichtete davon, glaube ich).

War das das Konzert mit der unbequemen Bank? Davon hattest Du - glaube ich - in dem Thread, in dem wir über Konzert und/contra Konserve geredet hatten, geschrieben...

Original von Gamaheh
Diese Serie hat gewisse Vorgaben, die häufigen Einwände gegen Konzerte klassischer Musik begegnen wollen: zu spät (hier: 19 Uhr), zu lang (hier: 60 Minuten), zu teuer (hier: 12 Euro, für Kinder bis zu 12 Jahren umsonst). Darüber hinaus soll in jedem Konzert ein zeitgenössisches Werk aufgeführt werden.

Klingt nach einem bestechend simplen und überzeugenden Konzept. Wird das gut angenommen? Weißt Du, ob das außerhalb von Frankreich Nachahmer findet?

Original von Gamaheh
Die Gewächshäuser, Ende des 19. Jh. erbaut und am Rande des Bois de Boulogne gegenüber dem Tennis-Stadion „Roland Garros“ gelegen, dienten ursprünglich der Anzucht von Pflanzen für die Pariser Parks. Die Konzerte finden im "Pavillon des Azalées" statt, einem der Bestimmung gemäßen Bau aus Glas und Stahl mit etwas mehr als 200 Plätzen auf grünen Parkbänken.

Was für eine schöne Location (zumindest klingt es so).

Original von Gamaheh
Die Akustik ist naturgemäß fragil und hält Einwirkungen von außen nicht gut stand. Die Firma Yamaha stellt den Flügel zur Verfügung und benutzt das Gewächshaus mit ständiger Anwesenheit eines Technikers gewissermaßen als Versuchslabor, um seinen High-end Flügel zu testen, wie ein Presseausschnitt informierte. Die – glücklicherweise – kaum normalen, ungünstigen Bedingungen: zuweilen hohe Luftfeuchtigkeit und starke Temperaturschwankungen, bieten sich dazu an. Wie sich z.B. zeigte, reagiert der Flügel äußerst und unangenehm schrill auf heftig angeschlagene hohe Töne.

Das klingt allerdings etwas weniger romantisch...

Original von Gamaheh
(...) Fraçois-Fréderic Guy, der diesmal gar nicht böse wirkte, sondern eher gut gelaunt. Sein Unterfangen war allerdings ein mutiges: an einem Abend acht der beethovenschen Sonaten zu spielen, wobei er das Programm dieses concert surprise – wie die Organisatorin mitteilte – erst einige Stunden vorher festgelegt hatte.

Monsieur Guy scheint eine hervorragende Kondition zu haben...

Original von Gamaheh
Das Programm der drei aufeinanderfolgenden Konzerte war wie folgt:

I. op. 26
op.27/2 „Mondschein“
op. 110
II. op. 13 „Pathétique“
op.111
III. op. 109
op. 78 „A Thérèse“
op. 57 „Appassionata“

Man muß sagen, daß sich Guy im Laufe des Abends kontinuierlich steigerte, und der Höhepunkt war sicherlich die Appassionata, die auch wohl seinem pianistischen Temperament am meisten entgegenkommt (oder umgekehrt). Diese Sonate habe ich wirklich schon zu Tode gemetzelt gehört, aber Guy führte sie zu einem wahrhaft fulminanten Abschluß. Sehr schön auch op.110, mein Favorit unter Beethovens Sonaten.

Wenn man Pianisten (unabhängig von der Musik, die sie spielen) literatur- oder geistesgeschichtlichen Epochen zuordnen wollte, gehört Guy sicherlich dem Sturm und Drang an, was aber nicht heißt, daß er nicht auch sehr einfühlsam gerade die langsamen Passagen spielen kann (dies kam besonders schön im op.109 zur Geltung). Er hat bisweilen eine (für mich) irritierende Art, einzelne Noten zu hämmern und bis zur Apokope abzulösen, ein Manierismus, den ihm zweifellos sein Temperament auferlegt.

Das klingt ziemlich packend und mitreißend... Scheint ein richtig gelungener Abend gewesen zu sein.

Freue mich schon auf die Fortsetzung Deines Berichts aus Paris.

Herzliche Grüße

Sabine
Gamaheh (27.06.2007, 17:15):
Liebe Sabine,

vielen Dank für Deine Kommentare.

Original von cellodil
War das das Konzert mit der unbequemen Bank? Davon hattest Du - glaube ich - in dem Thread, in dem wir über Konzert und/contra Konserve geredet hatten, geschrieben...

Genau das war es.

Klingt nach einem bestechend simplen und überzeugenden Konzept. Wird das gut angenommen? Weißt Du, ob das außerhalb von Frankreich Nachahmer findet?

Ich finde es sehr überzeugend. Diese Veranstaltungen sind (nach meiner begrenzten Erfahrung) sehr populär. Das Festival Chopin, von dem ich auch noch kurz berichten werde, findet in einem ähnlichen Rahmen statt. Ich weiß allerdings nicht, ob es außerhalb von Frankreich so etwas gibt.

Was für eine schöne Location (zumindest klingt es so).

Sehr schön, könnte aber sicher noch schöner bei strahlendem Sonnenschein sein - doch so habe ich es noch nicht erlebt.


Freue mich schon auf die Fortsetzung Deines Berichts aus Paris.

Kommt demnächst.

Herzliche Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (27.06.2007, 19:16):
Am folgenden Abend Philippe Giusiano (Jg. 1973), der 1995 den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann (2. Preis – der erste wurde nicht vergeben). Dieser Pianist hatte mich bereits aus dem Radio (von La Roque d’Anthéron) und von CD durch sein elegantes Chopin-Spiel beeindruckt.

An diesem Abend spielte er zunächst Rachmaninoff (8 Etudes tableaux op.33) und Skriabin (Sonate-Fantaisie in gis op.19); ich kenne das russische Repertoire nicht besonders gut, habe irgendwie keinen Draht dazu, aber unter den Fingern von Giusiano wurden die Stücke lebendig. Gefolgt – gemäß den Vorgaben der Serie – von einem zeitgenössischen Stück von J. Andrejevas (mir bis dato unbekannt): Estampe An Engraving (1990), dem ich persönlich spontan nichts abgewinnen konnte. Am Schluß dann Chopin: das Nocturne in As op.32/2 und das Scherzo n.2 in b op.31, das er wirklich mit einer Verve wie kein anderer spielt (ich hatte es von ihm schon von La Roque d’Anthéron gehört). Es folgten drei Zugaben (das Prélude op.45 sowie zwei Etüden (op.10/4 und op.10/3).

Im Laufe dieses Konzertes fiel das Wasser in großen Mengen aus dem Himmel, und eine Schwäche der Konstruktion, die den dafür vorgesehenen Pflanzen nichts anhaben kann, aber möglicherweise für musikalische Instrumente ungeeignet ist, machte sich bemerkbar: Es tropfte an einigen Stellen durch die altersschwachen Nähte zwischen Metall und Glas. (Ich erinnere mich, daß im letzten Jahr zur gleichen Zeit ähnliche Bedingungen herrschten und die Organisation vorsorglich an den betroffenen Stellen Kreppband an die Parkbänke geklebt hatte, deren Bedeutung den ahnungslosen Zuhörern allerdings erst erklärt wurde, als alle bereits dichtgedrängt saßen ohne Möglichkeit, den Platz zu wechseln.)

Gemäß meiner soeben erfundenen Klassifikation ein Pianist des chevaleresken Zeitalters, des Ritterromans – ein Pianist mit Panache!
Frankreich hat schon großartige Pianisten, und gerade die besten unter ihnen sind bei uns kaum bekannt: ich denke da zuallererst (wie Ihr wißt) an Philippe Bianconi, aber auch Philippe Giusiano, François-Frédéric Guy, Jean-Frédéric Neuburger und auch Lise de la Salle, von der ich vielleicht noch schreiben werde.

Grüße,
Gamaheh
cellodil (28.06.2007, 14:55):
Liebe Gamaheh,

schön, dass Du von Deinem Konzertmarathon so anschaulich erzählst. Das macht richtig Lust auf mehr...

Apropos Marathon: Wie viele Konzerte gibt es denn an den Serres d'Auteuil? Und wie viele Abende sind das? Ist die Veranstaltung immer an die Fête de la musique gekoppelt?

Original von Gamaheh
Philippe Giusiano (Jg. 1973) (...)

An diesem Abend spielte er zunächst Rachmaninoff (8 Etudes tableaux op.33) und Skriabin (Sonate-Fantaisie in gis op.19); ich kenne das russische Repertoire nicht besonders gut, habe irgendwie keinen Draht dazu, aber unter den Fingern von Giusiano wurden die Stücke lebendig.

Das sind diese großartigen Momente, in denen plötzlich ein Türchen, das bislang verschlossen war, aufgeht... Was meinst Du, was im Vergleich zu den Interpretationen, die Du von den Stücken kanntest, anders war? Hast Du eine Idee, was dieses plötzliche Lebendigsein bewirkt haben könnte?

Original von Gamaheh
Im Laufe dieses Konzertes fiel das Wasser in großen Mengen aus dem Himmel, und eine Schwäche der Konstruktion, die den dafür vorgesehenen Pflanzen nichts anhaben kann, aber möglicherweise für musikalische Instrumente ungeeignet ist, machte sich bemerkbar: Es tropfte an einigen Stellen durch die altersschwachen Nähte zwischen Metall und Glas.

Das war dann nicht nur für den Flügel der Härtetest...

Original von Gamaheh
Ich erinnere mich, daß im letzten Jahr zur gleichen Zeit ähnliche Bedingungen herrschten und die Organisation vorsorglich an den betroffenen Stellen Kreppband an die Parkbänke geklebt hatte, deren Bedeutung den ahnungslosen Zuhörern allerdings erst erklärt wurde, als alle bereits dichtgedrängt saßen ohne Möglichkeit, den Platz zu wechseln.

Und was war dieses Jahr?

Stelle mir gerade die Szene vor, wie permanent Wasser von oben tropft, während vorne ein Mann Rachmaninov und Chopin spielt, das Publikum immer nasser und nasser wird, aber zu gebannt von der Musik einfach verharrt. Variante 2: Einer nach dem anderen schleicht sich leise davon und am Ende sitzt nur noch der Pianist, der so versunken in sein Spiel ist, dass er von alledem nichts mitbekommen hat, am Flügel und spielt Chopin.

Original von Gamaheh
Frankreich hat schon großartige Pianisten, und gerade die besten unter ihnen sind bei uns kaum bekannt

Schon merkwürdig, eigentlich...

Original von Gamaheh
Lise de la Salle, von der ich vielleicht noch schreiben werde.

Bitte!!!!!

Liebe Grüße

Sabine
Gamaheh (28.06.2007, 16:25):
War der vorige Abend der Höhepunkt meiner vier Tage in Paris, so war dies gewiß der Tiefpunkt. Hier spielte ein italienischer Pianist, Giovanni Bellucci (Jg. 1965), der, wie ich seither recherchierte (auf seiner Homepage, im übrigen), mit diversen Preisen ausgezeichnet und mit Kritikerlob überschüttet worden ist (nichtsdestotrotz ein illustrer Unbekannter für mich).

Er spielte Liszts Transkription von Beethovens 5. Sinfonie, die Welturaufführung eines Stückes von einem jungen Italiener (N. Campogrande, La dolce Italia von 2004), der die Versammlung durch seine Anwesenheit zierte, und Liszts Ungar. Rhapsodie n.2 in cis. Hier wurde nun der Yamaha wirklich einem Härtetest ausgesetzt: Bellucci hatte offenbar den Ehrgeiz, mindestens ein paar Saiten bersten zu lassen, aber zumindest das gelang ihm nicht, und meine Trommelfelle haben – Spätschäden nicht ausgeschlossen – den Anschlag allem Anschein nach auch unbeschadet überstanden. Leider nähert sich mir, wenn kontinuierlichem Dröhnen – und sei es noch so laut – ausgesetzt, Hypnos auf leisen, aber entschlossenen Schritten, und nur der Unbequemlichkeit der Parkbank war es zu verdanken, daß er keine Gewalt über mich gewann. Wer wie ich – freundlich und optimistisch gestimmt – auf Momente der Poesie wartete, die ja auch bei Liszt reichlich vorhanden sind, wartete vergeblich.

Zu mehr als einer Zugabe wurde Bellucci – trotz der italienischen Claqueure – nicht genötigt: eine lisztsche Transkription aus Verdis Rigoletto, in der ich die Arie „Bella figlia dell’amore“ erkannte – bedauernswerterweise wurde die Schöne auf dem Yamaha zu Tode geprügelt. Aber immerhin gelang es mir so, mit Beniamino Gigli im Ohr den Rückzug anzutreten.

Wessen Neigung zu altmodischem Virtuosentum geht und wer keinen großen Wert auf Musikalität legt (und möglicherweise ohnehin schon halb taub ist), sollte sich Bellucci unbedingt bei nächster Gelegenheit anhören – Mittelalter!

Grüße.
Gamaheh
Gamaheh (29.06.2007, 16:36):
Original von cellodil
Apropos Marathon: Wie viele Konzerte gibt es denn an den Serres d'Auteuil? Und wie viele Abende sind das? Ist die Veranstaltung immer an die Fête de la musique gekoppelt?
Der erste Teil, der wohl immer gegen Ende Juni beginnt (ob aus Anlaß der Fête de la Musique, weiß ich nicht) ist beendet, der zweite Teil fängt Ende August an und geht über drei Wochenenden, glaube ich; hier würde ich besonders auf J.F. Neuburger und Ilia Rachkovsky hinweisen. Wenn es Dich interessiert, geh doch mal zu dem Link im Bericht vom ersten Abend, dort findest Du das Programm und auch ein paar Fotos vom Gewächshaus.
Hast Du eine Idee, was dieses plötzliche Lebendigsein bewirkt haben könnte?
In erster Linie die Live-Situation natürlich, dann vermutlich der Schwung, mit dem sie gespielt wurde (die Musik), die mir sonst eher schwer, etwas düster und zäh erscheint.
Stelle mir gerade die Szene vor, wie permanent Wasser von oben tropft, während vorne ein Mann Rachmaninov und Chopin spielt, das Publikum immer nasser und nasser wird, aber zu gebannt von der Musik einfach verharrt. Variante 2: Einer nach dem anderen schleicht sich leise davon und am Ende sitzt nur noch der Pianist, der so versunken in sein Spiel ist, dass er von alledem nichts mitbekommen hat, am Flügel und spielt Chopin.
Das wäre eine nette Szene für einen Film; vielleicht kannst Du sie Yamaha als Werbeidee verkaufen? Ganz so schlimm war es nicht: Es tropfte nur ein bißchen, und an den betroffenen Stellen rückten die Leute etwas enger zusammen.

Beste Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (29.06.2007, 16:45):
Am folgenden Tag mußte ich auf Michel Béroff im Pavillon des Azalées verzichten, da mir daran gelegen war, meinen Nachtzug nach Hause nicht zu verpassen. Stattdessen ging ich am Nachmittag in den nicht weit entfernt, ebenfalls im Bois de Boulogne gelegenen Parc de Bagatelle, wo in der Orangerie das Festival Chopin stattfindet, das in diesem Jahr zum 24. Mal von der Pariser Chopin-Gesellschaft ausgerichtet wird (bis Mitte Juli).

Die Orangerie ist ein solides steinernes Bauwerk von etwa 150 mq, in das man etwa 200 Stühle gestellt hatte (die auch weitgehend ausgelastet waren) und das mit sehr üppigem Blumenschmuck ansprechend dekoriert war. Das Instrument war ein Steinway Konzertflügel, die Akustik hervorragend. Die milde Wetterlage des Tages erlaubte ein Konzert bei geöffneten Fenstern mit Blick auf das Rosarium.

Nachteilig ist hier, daß man erst 3 Euro Eintritt bezahlen muß, bevor man den Park betreten darf. Wenn ich – ohne jeden Lokalpatriotismus, der mir abgeht – daran denke, daß man in meiner Heimatstadt in dem schönsten mir bekannten Park (den ich das Glück habe, an Arbeitstagen zweimal am Tag zu durchqueren) jederzeit freizügig lustwandeln darf, dann mutet mich das eigentümlich und undemokratisch an.

Es spielte Hervé Billaut (Jg.1964), ein französischer Pianist, den ich bereits aus dem Radio von La Roque d’Anthéron kannte. Im Mittelteil den obligatorischen Chopin: die Ballade n.3, die Berceuse, und den Walzer op.42; davor Bach und Fauré, danach Albéniz und zwei Zugaben, die ich nicht kannte.

Billaut hatte mich im Radio nicht außergewöhnlich beeindruckt, und er tat es auch diesmal nicht; aber das ist eine reine Frage des Geschmacks, es war durchaus ein schönes Konzert von einem sympathischen Pianisten, und ich bin froh, daß ich es nach dem gestrigen noch gehört habe.
Billaut kann ich nicht spontan einordnen – vielleicht beeindruckt er mich als Persönlichkeit einfach nicht stark genug, weder im positiven noch im negativen Sinne.

Für die, die es interessiert: Jemand erzählte mir, daß die abendlichen Konzerte dort, die zur Begleitung der untergehenden Sonne stattfinden, die in die Orangerie scheint, besonders schön sind. Im Park werden Kerzen aufgestellt, durch die man dann durch das Rosarium flanieren kann.

Insgesamt favorisiere ich immer mehr die kleineren, etwas anderen Konzerte dieser Art, die eine intime und gesellige Atmosphäre begünstigen, im Gegensatz zu den großen, repräsentativen, die gesellschaftliche eher als gesellige Anlässe sind, zu denen die Besucher gerne ihre Garderoben ausführen und die mit „großen“ Namen locken.

Grüße,
Gamaheh
cellodil (29.06.2007, 17:16):
Original von Gamaheh
Für die, die es interessiert: Jemand erzählte mir, daß die abendlichen Konzerte dort, die zur Begleitung der untergehenden Sonne stattfinden, die in die Orangerie scheint, besonders schön sind. Im Park werden Kerzen aufgestellt, durch die man dann durch das Rosarium flanieren kann.

Klingt himmlisch... Und dann noch ein schönes Konzert... Hmmm....

Abgesehen von dem einen Abend, der nicht ganz so gelungen war, scheinst Du ja eine richtig schöne und anregende Zeit in Paris gehabt zu haben. Zumindest hallt sie in Deinen Berichten noch nach.

Seufz! und herzliche Grüße

Sabine
AcomA (30.06.2007, 00:07):
hallo Gamaheh,

michel beroff würde ich auch mal gerne live erleben. leider spielt er nicht mehr auf dem niveau wie vor 30 jahren aufgrund dystonischer beschwerden.

gruß, siamak
Gamaheh (04.07.2007, 18:34):
Original von AcomA
hallo Gamaheh,

michel beroff würde ich auch mal gerne live erleben. leider spielt er nicht mehr auf dem niveau wie vor 30 jahren aufgrund dystonischer beschwerden.

gruß, siamak

Leider habe ich ihn vor ein paar Wochen auch in Hamburg verpaßt (aus eigener Blödigkeit - einfach vergessen!).

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (19.07.2007, 11:29):
Liebe Forenser,

nun hat das Schleswig-Holstein Musik-Festival begonnen, und ich war am Montag in Wotersen, um in der dortigen Scheune Tzimon Barto zu hören, über den ich hier soviel mir positiv Erscheinendes gelesen hatte. Es war ein recht angenehmer Abend, denn Wotersen ist ein netter Ort, obwohl es fast unerträglich heiß war.

Das großzügige und vielseitige Programm:

Beethoven, Sonate op.10/2
Rameau
Ravel, Miroirs
Rameau, Soupirs
Claude Baker, Flights of Passage
Chopin, Grande Polonaise brillante précédée par un Andante spianato
Vier Zugaben:
(die erste habe ich vergessen - aber vielleicht waren es auch nur drei)
Schumann, Intermezzo aus Faschingsschwank
etwas von Scott Joplin (oder ähnliches)
Liszt, Ungarische Rhapsodie n.2

Daß wir uns auf nichts Konventionelles einstellen durften, machte der Künstler gleich zu Anfang klar, als er sich an den Flügel setzte, einige beliebige Akkorde spielte und meinte „Wir warten auf die Noten.“ (Eine Merkwürdigkeít, die ich jetzt schon ein paarmal erlebt habe; jemand, der so viele Sprachen lernt, sollte doch seine Musik im Kopf behalten können.) Der Notenständer wurde gebracht, und Barto legte los: nicht so richtig Beethoven, wie man ihn gewohnt ist, etwas gehetzt zuweilen, sehr langsam dann wieder. Im zweiten Satz zeigte er durchaus, daß er dem Instrument wunderschöne lyrische Töne zu entlocken vermag – bisweilen; auch gelang es ihm immer wieder, die Mehrstimmigkeit sehr gut hervorzuheben. Insgesamt fand ich mich durch dauernde, unmotivierte Tempowechsel, durch erratische Dynamik und ein sonderbares Rhythmusgefühl irritiert, ein Eindruck, der sich über das gesamte Konzert verfestigte – ich dachte an schnelle Schnitte in Filmen, die ich mir nicht ansehe, weil mich so etwas nervös macht.

Dann Rameau, dessen Musik ich nicht so gut kenne, aber sicher schon überzeugender gehört habe, mit enormem Pedaleinsatz. Soviel ich weiß, sind Allemande, Sarabande, Gavotte Tänze, aber es wäre sicherlich eine Herausforderung auch an die Tänzer unter uns, zu dieser ausgeköstelten Langsamkeit mit diesem ungleichmäßigen Rhythmus zu tanzen. Ich werde den Eindruck nicht los, daß Bartos Rhythmusgefühl noch andere Quellen hat als Beethoven, Rameau und Ravel, der uns als nächstes geboten wurde – auch, zugegebenermaßen, nicht meine Vorstellung von Ravel. Insbesondere die Oiseaux erschienen mir nicht traurig, sondern eher manisch-depressiv (einen ähnlichen Eindruck hatte ich kürzlich, als ich sie von Alexandre Tharaud im Radio hörte). Dans la Vallée des cloches, il y avait quelque chose qui clochait.

Nach der Pause ein längeres Stück von einem zeitgenössischen amerikanischen Komponisten, Claude Baker, das mit einem Schlag der flachen Hand des Pianisten auf die Baßsaiten begann (er mußte noch häufiger die Saiten durch Schlagen und Zupfen züchtigen) und von Lesungen von Texten Walt Whitmans unterbrochen wurde (wobei ich keinen rechten Zusammenhang zwischen der Musik und der Lyrik zu entdecken vermochte), das aber recht launig und teilweise ravelesk war, dann aber wieder sehr an Messiaens Turangalîla-Symphonie erinnerte. Zum Schluß dann Chopin: Als er die Grande Polonaise anstimmte, dachte ich, jetzt käme eine Transkription des Badenweiler Marsches; hier waren es nicht mehr die Kanonen unter den Blumenbeeten, sondern die völlig unverblümten Kalashnikoffs.

Bis hier war der Beifall eher mäßig, aber insbesondere ab der dritten Zugabe (die er dann auch alle ohne Noten spielte) riß der Pianist mit der eisernen Kondition dann das Publikum so richtig mit. Jetzt begann ich zu ahnen, woher Barto sein Rhythmusgefühl hat: vom Ragtime anscheinend. Insgesamt hatte der Abend durchaus einen gewissen Unterhaltungswert.
Zu hören gegen Ende des Monats (28.7.?) auf NDR3.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (25.09.2007, 12:18):
"Gestern" ist sicherlich nicht richtig - aber einige Sachen möchte ich gerne nachholen:

Am 28. Juli im Kieler „Schloß“ (da stand mal eins) eine an und für sich interessant konzipierte Liszt-Nacht (das Themen-Land war ja diesmal Ungarn, unter dem Motto „Musika Paprika“!).

An dem Abend, den ich als endlosen erwartet hatte, da sechs mehr oder weniger junge Pianisten auf dem Programm standen: Claire-Marie Le Guay (die einen äußerst unvorteilhaften Hosenanzug aus Blümchen-Tüll oder sowas trug), Alice Sara Ott (die gerade beim SHMF heftig Preise abgesahnt hatte und für einsprang, daher auch eine Programmänderung), Evgenia Rubinova, Gergely Bogányi, Nelson Goerner und Herbert Schuch.

Auf der Bühne standen zwei Flügel, und bald wußte man auch, warum: Es wurde angesagt, daß die Künstler wünschten, daß man zwischendurch nicht applaudiere. Darauf waren sie so angestrengt erpicht, daß während der eine spielte, immer schon der nächste am anderen Flügel bereit saß, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Da keiner länger als fünfzehn Minuten zur Zeit spielte, wirkte das Ganze ziemlich hektisch und unnatürlich. Einer mußte sich ständig im Halbdunkel auf Zehenspitzen zu seinem Stuhl zurücktasten, während ein anderer auf den Klavierschemel nachrückte.

In der ersten Hälfte Transkriptionen, in der zweiten Originalwerke von Listz:

Liszt/Bach: Präl. u. Fuge in C BWV 545 (Rubinova)
Liszt/Mozart: Confutatis und Lachrymosa aus dem Requiem (Le Guay)
Liszt/Schubert: Erlkönig (Bogányi)
Liszt/Paganini: Grande Étude in a (Ott)
Liszt/Wagner: O du mein holder... (Schuch)
Liszt/Gounod: Faust-Walzer (Goerner)
Liszt: Nuages gris (Bogányi)
Unstern! (Bogányi)
KE Waldesrauschen (Schuch)
KE Gnomenreigen (Schuch)
Étude d’exécution transcendante in d „Mazeppa“ (Ott)
Mephisto-Walzer N.1 (Goerner)
St. François d’Assise. La prédication aux oiseaux (Le Guay)
Ungarische Rhapsodie n.2 in cis (Rubinova)

Bei der Zugabe saß Goerner an dem einen Flügel, während sich die anderen am anderen abwechselten. Da ich u.a. die englische und die italienische Nationalhymne erkannte, war es wohl (ein Teil) dieses massiven Werks über europäische Hymnen.

Im ganzen ein interessanter und (vielleicht zu) abwechslungsreicher Abend, erfreuliche Leistungen von mehr oder weniger allen, wenn auch zu kurz, um wirklich etwas dazu sagen zu können. Die Entdeckung des Abends war für mich der junge Ungar, offenbar (und sicher nicht zu Unrecht) der klavieristische Stolz seines Landes. Die Poesie, mit der er Liszt spielte, war ganz erstaunlich und zeigte, daß es eben auch so geht – leider zu selten erlebt.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (25.09.2007, 12:24):
@Gamaheh,

von Étude d’exécution transcendante habe ich sowohl eine Aufnahme von "Le Guay" sowie Goerner. Goerner empfinde ich als Liszt Interpret insg. mind. eine Klasse besser! Wie war Dein Eindruck?
Gamaheh (25.09.2007, 12:42):
Lieber Richard,

Original von Rachmaninov
von Étude d’exécution transcendante habe ich sowohl eine Aufnahme von "Le Guay" sowie Goerner. Goerner empfinde ich als Liszt Interpret insg. mind. eine Klasse besser! Wie war Dein Eindruck?

Ich kann diesen Eindruck nur bestätigen. Hier spielte Goerner ja doch ganz andere Sachen, aber Le Guay hat mich eigentlich gar nicht beeindruckt (aber wie gesagt, die Zeit war zu kurz, um etwas Negatives sagen zu wollen).

Goerner habe ich am folgenden Tag noch im Kuhstall in dem Zwei-Milchkannen-Flecken Pronstorf gehört. Dort spielte er ein recht aufwendiges Programm:

Janácek: Sonate 1.X.1905 „Von der Straße“
Schumann: Humoreske
Liszt: Sonate in h

Dort zeigte sich Goerner als durchaus ernstzunehmender Pianist. Die Humoreske erschien mir zwar konträr in der Weise, wie Goerner sie nahm, die h-moll-Sonate hat mich halbwegs überzeugt. Es ist eben schwierig, wenn man schon gewisse Vorstellungen von einem Werk hat, es sein denn, es funkt wirklich (aber das ist in meiner Erfahrung eher selten). Wirklich überzeugt hat er mich jedoch mit einer der drei (!) Zugaben, dem Petrarca-Sonett n.123 (obwohl ich davon auch gewisse Vorstellungen habe).

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (26.09.2007, 16:11):
Dieses Duo hatte ich schon früher einmal gehört, dort aber war die Akustik so, daß zumindest die Geige etwas scharf (soll heißen: unschön) klang.

In der Orangerie mit ihren vielen Glasfenstern war sie erstaunlicherweise superb, und entsprechend war es ein großartiges Konzert. Zwei der schönsten Beethoven-Sonaten (Nr.3 und Nr. 10), die erste mit jugendlichem Feuer, die zweite unvergleichlich, insbesondere der zweite Satz, bei dem es mir klar wurde, warum Bruno Walter Beethovens langsame Sätze für das Schönste hielt, was in der Musik geschrieben worden ist, und ein anderer sie als „Choräle“ bezeichnet hat. In der zweiten Hälfte Brahms’ dritte Violinsonate, mit großer Hingabe und Elan gespielt. Ein erwartungsgemäß hingerissenes Publikum im ausverkauften Saal. Als erste Zugabe etwas, was ich nicht kannte (Bartok?), aber sehr aufregend, zum Schluß, als obligatorisches „Wiegenlied“ der zweite Satz der 2. Sonate von Brahms. Die beiden erfreuen sich hier ungeheurer Beliebtheit. Am Anschluß gab es Gelegenheit, ihre neue CD mit Brahms’ Violinsonaten, die im Oktober bei Aeon erscheint, „in anteprima“ zu erwerben. (Ich nahm sie natürlich wahr.)

http://ec1.images-amazon.com/images/I/31SbufLgzgL._AA240_.jpg
Das Konzert wird am 2. Oktober um 16 Uhr auf Radio France Musique gesendet.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (27.09.2007, 12:18):
Im sehr schönen Botanischen Garten von Paris (Parc Floral im Bois de Vincennes) finden im Sommer diverse musikalische Veranstaltungen im Freien statt, der Eintritt ist frei (dafür kostet der Eintritt in den Park 5 €). Es steht dort eine Bühne mit einem Steinway-Konzertflügel unter einer zeltartigen Überdachung, die auch ca. 300 Zuhörern Schutz gewährt.

Zunächst spielte Bavouzet Beethovens Mondschein-Sonate, die er ziemlich uninspiriert herunternudelte. Danach Liszt: Invocation, Hymne de la nuit, und die Rigoletto-Paraphrase, zugegebenerweise ungleich poetischer als ich sie im Juni gehört hatte (ich berichtete). Diese Stücke wurden durch die „off“-Rezitation von Gedichten unterbrochen (Mesguish). Bavouzet spielt beiläufig, nimmt Beifall beiläufig entgegen und fängt mitten im Applaus beiläufig wieder an zu spielen.

Danach kamen dann einige Kostproben des Lisztschen Melodramas, eine Gattung, die mir bis dahin unbekannt war: Bavouzet spielte Werke, die Liszt auf Gedichte komponiert hatte, aber nicht dazu (also im Gegensatz zu Liedern). Der Bezug wurde dadurch verdeutlicht, daß Mesguish in unregelmäßigen Abständen zwischendurch die Texte (diesmal "on") rezitierte. Es war schon ulkig, z.B. Bürgers „Leonore“ auf französisch zu hören („mon bonheur, Wilhelm, est avec toi“) – in der Tat trifft kein Wort es besser als „melodramatisch“. Außer der Leonore noch: Die Liebe des toten Dichters, Der traurige Mönch, Der Blinde. Ich mußte an die Klavierbegleitung zu Zeiten des Stummfilms denken. In der Tat sprach Bavouzet in einer anschließenden Veranstaltung, in der die beiden über das Konzept sprachen und Fragen des Publikums beantworteten, über das Melodram als Vorgänger der Filmmusik. Interessante Veranstaltung ...

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (02.10.2007, 18:40):
@Gamaheh,

ich kann nur bestätigen, Mustonen live ist wirklich NICHTS was der Musikliebhaber erleben muss, oder gar sollte.
Mein Klavierabend in Frankfurt vor einigen Jahren war zum abgewöhnen.

Jedenfalls was Mustonen angeht!
Jeremias (03.10.2007, 13:42):
dem kann ich mich nur anschliessen! Vor einigen Jahren führte er in D'dorf prokofieff (Dornröschen), Hindemith und noch irgendwas auf.... das Geld hätte man sich sparen können! Was sagte mir ein herr einige tage danach? Er sei in der Puase gegangen und habe zu Hause Sokolov gehört....
Walter (04.10.2007, 08:59):
Gestern war es soweit - Die Kinder, Lisa und Ich waren im Gedenkkonzert für Mstislav Rostropovich in der Alten Oper in Frankfurt.

Netterweise hat der Anhang nur 1€ gekostet - dementsprechend viele Kinder waren dann auch da! Das Durchschnittsalter der Hörer lag deswegen sicher nicht über 35 Jahren. Der Nachwuchs hielt sich tapfer und zeigte gegenüber manchem gelangweilten Bänker kaum größere Konzentrationsschwächen.

Unter der Leitung von Neeme Järvi spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Vor der Pause gab es Ansprachen der Tochter Rostropovichs und einer Vertreterin der Kronberg Academy.

Gespielt wurde:

Rodion Shchedrin (*1932):
Slava, Slava. Ein festliches Glockengeläut

Max Bruch (1838-1920)
Kol Nidrei (Mischa Maisky)

Richard Strauss (1864-1949)
Romanze F-Dur (David Geringas)

Antonin Dvorak (1841-1904)
Cellokonzert Nr. 2 h-Moll op. 104, 2. Satz (Natalia Gutman)

Nach der Pause dann:

Peter Tchaikovsky (1840-1893)
6. Sinfonie h-Moll op. 74 (Pathétique)

Das festliche Glockengeläut war eine nette Einleiitung! Mischa Maisky hat uns dann alle begeistert. Unglaublich, welche Kraft und Ausstrahlung dieser Mann in der weissen Mähne mit seinem Cello vor 2500 Gästen entwickelt. Ich kann es kaum glauben, wie ein Cello einen solchen Saal erfüllen kann.

Da hatte es Geringas mit Strauss für meinen Geschmack deutlich schwerer. Der Strauss berührt mich einfach nicht so und damit viel der Zauber leider aus.

Natalia Gutmann dagegen durfte mit dem Cellonkonzert von Dvorak wieder verzaubern. Wenn auch nicht ganz so eindringlich wie Maisky so war das Zusammenspiel mit dem Orchester einfach begeisternd. Da sitzt man zwischen 2500 Menschen und vergisst die Welt.

Die Pause allerdings war ernüchternd - keine Chance auf ein Getränk oder eine Brezel - Da ist der Service unterbelichtet!

Die Pathetique war dann genau das Richtige um das Jungvolk am späteren Abend wach zu halten. Das Bayerische Orchester gab alles und spielte dynamisch und mitreissend, voller Engagement und mit ganzem "körperlichen" Einsatz. Obwohl Järvi nach dem Stück Schwierigkeiten hatte das Podest zu verlassen und für den Applaus wieder zu erklimmen, war er während des Dirigats zu Sportlichen Höchstleistungen fähig.

Der Tchaikowsky war also ein voller Erfolg und wir freuen uns schon auf Heute Abend - da sind wir beim Benefiz-Konzert für die Rostropovich Cello Foundation :leb
Rachmaninov (04.10.2007, 20:27):
@Walter,

Maisky, Geringas und Gutman an einem Abend! Ich denke, für jeden dieser drei würden einige schon ins Konzert gehen wenn sie alleine auftreten würden.

Freue mich auf den Bericht des heutigen Abends!

Morgen früh bei Kaffee bevor die Forianer es erfahren :ignore

:leb
nikolaus (04.10.2007, 22:41):
Original von Walter
... Mischa Maisky hat uns dann alle begeistert. Unglaublich, welche Kraft und Ausstrahlung dieser Mann in der weissen Mähne mit seinem Cello vor 2500 Gästen entwickelt. Ich kann es kaum glauben, wie ein Cello einen solchen Saal erfüllen kann.



Das kann ich nachempfinden.
Ich habe ihn nun mehrfach in Lugano erlebt, und es war jedesmal sehr beeindruckend :down
Man mag sein Spiel mögen oder nicht, mangelnde Tiefe oder Intensität kann man ihm nicht absprechen!

Nikolaus Nikolaus
Nikolaus
(ich konnte mich nicht entscheiden, welches der grünste Farbton ist... :wink)
Walter (05.10.2007, 07:52):
Gestern dann haben wir in der Halle der Bänker unseren Konzertbesuch vom Mittwoch noch getoppt:

Donnerstag, 4. Oktober 2007
Benefiz-Konzert für die Rostropovich Cello Foundation
Herrmann Josef Abs Saal Frankfurt, 19:00 Uhr


Das fing erst mal mit dem Service an :J es gab die ganze Zeit genügend Getränk und Knabberzeugs (natürlich nicht während des Konzerts)

Nach der Ansprache von Mr. Burns (direkt geeignet für eine Folge Simpsons) erfuhren wir, dass Yuri Bashmet nicht spielen kann :I :I :I

daher musste gleich mal ein Höhepunkt ausfallen:

Max Bruch: Kol Nidrei
Yuri Bashmet Viola

wurde ersetzt durch ein Nocturne von Tchaikovsky mit Mischa Maisky und der Kremerata Baltica. Im Vergleich zur Kol Nidrei nur ein nettes Appetithäppchen, doch schon hier funkelten die Klänge schon auf.

Danach eine weitere Ansprache der Tochter Rostropovichs.

Der Schnittke riss mich danach nicht vom Hocker, allerdings bin ich nicht unbedingt ein Fan.

Alfred Schnittke: Menuett für Streichtrio, uraufgeführt von Gidon Kremer, Yuri Bashmet und Mstislav Rostropovich
Gidon Kremer Violine
David Geringas Violoncello

Aber danach kam dann der erste Höhepunkt des Abends:

Dmitri Shostakovich: Klaviertrio No. 2 e-Moll op.67
Gidon Kremer Violine
Mischa Maisky Violoncello
Martha Argerich Klavier

BOAHHH - :times10 das kann mir keiner mehr nehmen! Der Saal war gefüllt von Energie und Spannung. Einmal die der Musik und Shostakovichs und mittendrin diese gewaltigen Kräfte der Musiker.

Die Pause brauchten dann doch die meisten!


Peter Tchaikovsky: Streichsextett d-Moll «Souvenir de Florence» op.70, Fassung für Streichorchester
Kremerata Baltica

Wunderschön der volle Klang der Kremerata Baltica. Genau das Richtige um wieder einzutauchen in die Musik. Wegträumen in den Wogen der Streicher.

Dann der zweite Höhepunkt des Abends:

Astor Piazzolla: „Hommage à Liège" Doppelkonzert für Bajan, Violoncello und Streicher
David Geringas Violoncello
Geir Draugsvoll Bajan
Kremerata Baltica

Diese Rhythmen einer Musik für Liebende. Top, das Spiel von Geir Draugsvoll - perfekt auf ihn eingehend Geringas und alles getragen von der Kremerata Baltica.
Auch hier wieder Standing Ovations und eine Zugabe von Piazzolla.

Vorbei - der laue Herbstabend hatte uns wieder - sanftes Schweben durch die Häuserschluchten Frankfurts...
nikolaus (05.10.2007, 09:11):
Das kann ich mir alles gut vorstellen und hätte das auch gerne erlebt!! Das sind Moment, die man nie vergisst :down

Das Trio Argerich/Kremer/Maisky habe ich auch schon live erlebt mit einem Schumann-Trio. Da herrscht eine unglaubliche Energie schon bevor der erste Ton gespielt wird, Wahnsinn!

Immer noch ganz grün, Nikolaus.
Walter (05.10.2007, 21:05):
Original von nikolaus
Das kann ich mir alles gut vorstellen und hätte das auch gerne erlebt!! Das sind Moment, die man nie vergisst :down

Das Trio Argerich/Kremer/Maisky habe ich auch schon live erlebt mit einem Schumann-Trio. Da herrscht eine unglaubliche Energie schon bevor der erste Ton gespielt wird, Wahnsinn!

Immer noch ganz grün, Nikolaus.

Endlich durften wir die Drei auch mal sehen - Du hattest ja schon öfter das Vergnügen!

:hello
Gamaheh (16.10.2007, 10:26):
Original von Walter
Netterweise hat der Anhang nur 1€ gekostet - dementsprechend viele Kinder waren dann auch da! Das Durchschnittsalter der Hörer lag deswegen sicher nicht über 35 Jahren. Der Nachwuchs hielt sich tapfer und zeigte gegenüber manchem gelangweilten Bänker kaum größere Konzentrationsschwächen.

Lieber Walter,

das finde ich mal eine tolle Sache und es zeigt doch, daß die dann auch mitgehen und nicht in den Konzertsaal gepeitscht werden müssen! Aber in meiner Erfahrung muß es dann auch schon irgendwas Besonderes sein, da haben die Kinder einen untrüglichen Sinn für - aber das war es ja in diesem Falle auch ohne Frage, und das hat sich wohl auch mitgeteilt - schön für Euch!

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (16.10.2007, 10:28):
Noch zwei kleine Nachträge, zunächst am 28.9. im Bechstein-Centrum einer von deren willkommenen Klavierabenden, diesmal mit Boris Bloch; das Programm:

D. Scarlatti: Sechs Sonaten
W.A. Mozart: Fantasie in c KV 475
J.S. Bach: Italienisches Konzert
F. Liszt: Sarabande u. Chaconne aus "Almira" von Händel/Danza sacra e duetto final aus "Aida" von Verdi
Chopin: Scherzo n.3 op.39 in cis

Die Scarlatti-Sonaten haben mich direkt begeistert: Ich hätte nicht gedacht, daß jemand diese langweiligen kleinen Dinger so interessant machen kann und ganz individuell und dann auch noch hübsch (in der Vita des Komponisten war vom "unvergleichlichen Singen seines Klavierspiels" die Rede, und obwohl man diese Ergüsse in der Regel mit ganz viel Salz zu sich nehmen muß, stimmte es hier mal).

Das Italienische Konzert war für jemanden, für den der transparente Ton von Glenn Gould das Höchste der Gefühle ist, im Mittelsatz etwas pedalvernebelt, dafür im letzten Satz umso eindrucksvoller.

Bei dem Chopin-Scherzo hätte ich mir etwas mehr Panache gewünscht, die kam dann aber in den zwei Zugaben von Grieg, wo der Pianist einfach losließ. Ich hätte nicht gedacht, daß der anfangs so streng wirkende Bloch so freundlich lächeln kann.

Grüße,
Gamaheh
Jeremias (16.10.2007, 10:43):
Mit dem Schostakowitsch-Trio habe ich die drei auch mal vor Jahren gehört.. eines der schönsten ERlebnisse meines Lebens!!!! Zuvor gab es die Fantasiestücke für Trio von Schumann....

am Donnerstag gibt es ein Highlight in Düsseldorf: Paul Badura-Skoda zu seinem 80. Geburtstag..

:down
Jeremias (11.11.2007, 00:23):
Heute Abend das Requiem von Verdi in der Kölner Philharmonie... Borodina, Vargas, Bychkov.... wäre ich in dem Moment von dieser Erde gegangen, ich wäre der glücklichste Mensch gewesen!
cellodil (11.11.2007, 08:12):
Original von Jeremias
Heute Abend das Requiem von Verdi in der Kölner Philharmonie... Borodina, Vargas, Bychkov.... wäre ich in dem Moment von dieser Erde gegangen, ich wäre der glücklichste Mensch gewesen!

Lieber Jeremias,

das scheint ja wirklich eine Sternstunde gewesen zu sein. Wie schön!

Herzliche Grüße

Sabine
HenningKolf (11.11.2007, 09:43):
Original von Jeremias
Heute Abend das Requiem von Verdi in der Kölner Philharmonie... Borodina, Vargas, Bychkov.... wäre ich in dem Moment von dieser Erde gegangen, ich wäre der glücklichste Mensch gewesen!


Ich bräuchte jetzt mal dringend einen Smiley mit dem ich grenzenlosen Neid ausdrücken kann....ich armer Exkölner und nunmehriger Ostprovinzler :I

Gruß
Henning
Rachmaninov (11.11.2007, 11:28):
Original von HenningKolf
Original von Jeremias
Heute Abend das Requiem von Verdi in der Kölner Philharmonie... Borodina, Vargas, Bychkov.... wäre ich in dem Moment von dieser Erde gegangen, ich wäre der glücklichste Mensch gewesen!


Ich bräuchte jetzt mal dringend einen Smiley mit dem ich grenzenlosen Neid ausdrücken kann....ich armer Exkölner und nunmehriger Ostprovinzler :I

Gruß
Henning

@Jeremias,

das klingt zwar klasse, aber schön das Du noch da bist :engel

@Henning,

wenn Du so ein smilie findest einfach Bild schicken!
Jeremias (11.11.2007, 19:11):
Es war einmalig! Die Solisten, absolute Weltklasse! Vom ersten bis zum letzten Ton eine unbeschreibliche Spannung! Meine bessere Hälfte kannte das Requiem noch nicht und war eher skeptisch... nach ein paar Tönen war sie hin und weg! Das Lacrimosa war mit das große Highlight! Dann die 3 Chöre aus Turin, vom NDR und WRD.... sagenhaft! Und schließlich Bychkov... er war in einer anderen Welt! 15 Minuten lang Standing Ovations!

Am 23.11. gibt es eine Radiosendung in WDR3, zudem gab es eine TV-Aufzeichnung!
Jeremias (12.11.2007, 12:29):
Laut Zeitung soll sogar eine CD erscheinen!

:leb :leb :leb
Rachmaninov (12.11.2007, 12:33):
Original von Jeremias
Laut Zeitung soll sogar eine CD erscheinen!

:leb :leb :leb

Oh, das wäre natürlich etwas für Deine bescheidene Sammlung
Jeremias (12.11.2007, 12:42):
Ja und da dürfte uach mal ausnahmsweise Madame nichts dagegen haben ;)

Ach ja: gewonnen! Admin, sie hat die Kohle wirklich bekommen!
Carl Bernstein (15.11.2007, 21:22):
Original von Gamaheh
Am 28. Juli im Kieler „Schloß“
(...)
Bei der Zugabe saß Goerner an dem einen Flügel, während sich die anderen am anderen abwechselten. Da ich u.a. die englische und die italienische Nationalhymne erkannte, war es wohl (ein Teil) dieses massiven Werks über europäische Hymnen.

Grüße,
Gamaheh

Hallo,

kleine Korrektur:

In der Zugabe wurde das Hexameron gegeben. 1837 hatte Franz Liszt seine Klavier-Kollegen Thalberg, Pixis, Herz, Czerny und Chopin eingeladen, je eine Variation über einen Marsch von Bellini aus "Die Puritaner" zu schreiben. Liszt selbst brachte die Einleitung, die Zwischenspiele und das Finale. Das Ganze haben die Pianisten in Paris bei einem Benefizkonzert aufgeführt.

Ansonsten: volle Zustimmung, das Konzert war ebenso ungewöhnlich wie großartig.

Gruß,
Carl
Rachmaninov (15.11.2007, 21:26):
@Carl,

herzlich willkommen! :hello
Carl Bernstein (15.11.2007, 21:47):
Original von Rachmaninov
@Carl,

herzlich willkommen! :hello

Danke :)
daniel5993 (15.11.2007, 22:09):
Original von Carl Bernstein
Original von Rachmaninov
@Carl,

herzlich willkommen! :hello

Danke :)

Auch von mir ein Herzliches Willkommen! :hello
Eine Frage, bist du mit Leonard . . . .B . . .verwandt :D :D?
HenningKolf (15.11.2007, 22:17):
Auch von meiner Seite:

Viel Spass hier

Gruß
Henning
Carl Bernstein (15.11.2007, 22:18):
Original von daniel5993
Auch von mir ein Herzliches Willkommen! :hello
Eine Frage, bist du mit Leonard . . . .B . . .verwandt :D :D?

Interessant: Weder im Computer-Forum, noch im Science-Fiction-Forum wurde ich das gefragt ;-)

Die Antwort ist natürlich "nein". Den Nick verwende ich schon länger und er spricht sich wirklich "Bernstein", nicht "Börnstihn". Weiß nicht mehr, wie ich damals darauf gekommen bin.

Gruß,
Carl
nikolaus (15.11.2007, 22:46):
Schliesse mich meinen Vorschreibern an...

:hello Nikolaus.
Carl Bernstein (15.11.2007, 23:00):
Danke für die Willkommensgrüße :-)

Original von daniel5993
Eine Frage, bist du mit Leonard . . . .B . . .verwandt :D :D?

Weder im Computer-Forum noch im Science-Fiction-Forum wurde ich das gefragt ;-)

Die Antwort ist natürlich "nein". Den Nick verwende ich schon länger auch in anderen Foren. Er spricht sich wirklich (deutsch) "Bernstein", nicht (englisch) "Börnstihn". Hab' vergessen, wie ich damals darauf gekommen bin.

Gruß,
Carl
cellodil (15.11.2007, 23:51):
@Carl

Was soll ich da noch sagen?

Warmly Welcome und viel Freude und angeregte und anregende Diskussionen im Forum.

Grüße

Sabine
Zelenka (16.11.2007, 19:18):
Original von Carl Bernstein
Original von Gamaheh
Am 28. Juli im Kieler „Schloß“
(...)
Bei der Zugabe saß Goerner an dem einen Flügel, während sich die anderen am anderen abwechselten. Da ich u.a. die englische und die italienische Nationalhymne erkannte, war es wohl (ein Teil) dieses massiven Werks über europäische Hymnen.

Grüße,
Gamaheh

Hallo,

kleine Korrektur:

In der Zugabe wurde das Hexameron gegeben. 1837 hatte Franz Liszt seine Klavier-Kollegen Thalberg, Pixis, Herz, Czerny und Chopin eingeladen, je eine Variation über einen Marsch von Bellini aus "Die Puritaner" zu schreiben. Liszt selbst brachte die Einleitung, die Zwischenspiele und das Finale. Das Ganze haben die Pianisten in Paris bei einem Benefizkonzert aufgeführt.

Ansonsten: volle Zustimmung, das Konzert war ebenso ungewöhnlich wie großartig.

Gruß,
Carl

Lieber Carl:

Auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum!

Auch von mir eine kleine Korrektur: Das Hexaméron wurde von den beteiligten Komponisten nie zusammen aufgeführt und war auch nicht rechtzeitig für das Benefiz-Konzert am 31.3.1837 fertig geworden.

Gruß, Zelenka
Gamaheh (17.11.2007, 00:42):
Lieber Carl,

auch von mir ... und danke für die Korrektur!

Carl Bernstein assoziiere ich eher mit Watergate, war das nicht Robert Redford? Hast Du den Namen wegen der Ähnlichkeit gewählt? Aber auch hier könnte ich mich irren...

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (17.11.2007, 00:44):
Liebe Forenser,

am Freitag, wie schon anderswo erwähnt, das alljährliche (oder fast) Gastspiel von Pollini.

Chopin:
Prélude op.45
Ballade n.2 in F op.38
Mazurken op.33/1-4
Scherzo n.3 in cis op.39
Polonaise in As op.53 („Heroische“)

Debussy:
6 Préludes aus Heft 1 (Voiles, Le vent dans la plaine, Les sons et les parfums ..., Des pas sur la neige, Ce qu’a vu le vent de l’ouest, La cathédrale engloutie)
6 Etüden Heft 2

Zugaben :
Liszt, eine Etüde (welche, weiß ich nicht)
Chopin, sog. Revolutions-Etüde (op.10/12)
Chopin, Ballade n.1
Chopin, Nocturne op.27/2

Bis vor kurzem hatte Pollini die Angewohnheit, sich mit etwas Modernem „warmzuspielen“; das war eine gute Idee. Hier kam mir am Anfang der gräßliche Gedanke, er sei ein gewöhnlicher Pianist geworden, denn zumindest die Ballade eignet sich zum Aufwärmen eigentlich wohl eher nicht. Erst mit dem Scherzo kam er langsam in Fahrt. (Erschwerend kam hinzu, daß ich erst im März das Prélude, die Ballade und das Scherzo mit Philippe Bianconi in einem Konzert gehört hatte, das mich ungeheuer beeindruckt hat – s. weiter oben.) Mit der Polonaise war er dann wieder auf der Höhe angekommen, die man von ihm kennt, dies ist eines seiner Glanzstücke (er hat es auch letztes Jahr hier gespielt).

Der Debussy in der zweiten Hälfte war dann wirklich hinreißend, ich kann ihn mir nicht poetischer und sinnhafter vorstellen; der Klang, den er dem Instrument entlockt, ist einfach wunderschön. (Man darf sicher nicht vergessen, daß Pollini zu den wenigen privilegierten Pianisten gehört, die in der Lage sind, sich optimale Bedingungen zu schaffen.)

Die großzügigen Zugaben (gute zwanzig Minuten) waren dann noch einmal ein Höhepunkt nach dem Höhepunkt, wo er richtig die Haare runtergelassen hat (von denen er nicht mehr allzu viele hat, wie ich konstatieren konnte, als ich noch im zweiten Rang stand), was sich – nach allem, was man hier liest – anscheinend niemand vorstellen kann, der das nicht erlebt hat. Von einer im Studio aufgenommenen CD werdet Ihr diesen Pollini jedenfalls nicht hören.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (17.11.2007, 18:29):
Liebe Forenser,

der war leider eine Enttäuschung. Er spielte folgendes Programm:

J.S. Bach: Zwei Choräle aus den Kantaten BWV 645 und 147
Schubert: Impromptu in f, D 935/1
idem: Klavierstück D 946/2
Ravel: La Valse
Brahms: 6 Klavierstücke op.118
idem: Händel-Variationen op.24

Ich muß vorausschicken, daß Chuquisengo mit den Noten vor sich spielte, die er nach jedem Stück ziemlich umständlich und geräuschvoll disponierte; ich halte das für mindestens unsportlich – eigentlich eine Unsitte, die ich in der letzten Zeit aber schon öfters beobachtet habe.

Der Bach klang noch ganz gut, obwohl keinesfalls immer ganz sauber; der Schubert war konzeptlos; beim Ravel drosch der Pianist derartig auf den brandneuen Flügel ein, daß er in der Pause vorsichtshalber nachgestimmt wurde. Der Brahms war unendlich, und unendlich langweilig, so daß ich tatsächlich froh war, als es endlich vorbei war und daß es keine Zugabe gab. Ich hatte Chuquisengo noch nie gehört, weder im Konzert noch von der Platte, und vielleicht war er ja einfach nicht in Form. Er machte jedoch auf mich den Eindruck, als wenn er nur spielte, weil er es mußte. Kein Stück erschien mir dramaturgisch irgendwie durchdacht, und zudem hat Chuquisengo einen sehr harten, fast brutalen Zugang zu seinem Instrument.

Ich möchte noch nachtragen, daß ich dort zuletzt (Anfang Oktober) Jura Margulis gehört hatte, der immerhin ein Virtuos ist. Er spielte u.a. die Paganini-Variationen von Brahms, anscheinend einer der wenigen Pianisten, die sie freiwillig spielen. Aber irgend etwas fehlte auch dort. Ich hatte übrigens noch nie vorher so deutlich das Klickern von Fingernägeln auf den Tasten gehört wie bei Margulis.

Heute gab es das Programm für 2008, das vielleicht den einen oder anderen interessieren wird. In Hamburg werden Alfredo Perl (das Highlight für mich) sowie Henri Sigfridsson, Denis Proshayev, Pascal Rogé, Saleem Abboud Ashkar (auch in Düsseldorf) und Ilya Yakushev (auch in Berlin) spielen; von den beiden letzten habe ich noch nie gehört – kennt sie jemand von Euch? Nikolai Demidenko wird leider nur in Berlin und Düsseldorf auftreten. In Düsseldorf außerdem: Duo Okasaki/Koch (?), Alice Sara Ott, Francesco Piemontesi (?); in Berlin außerdem: Alexandre Tharaud, Boris Bloch, Amir Katz und Aiman Mussakhodjaeva/Amir Tebenikhin (??).

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (17.11.2007, 20:28):
@ Gamaheh,

das ist aber schade.

Ich habe zwei CDs von ihm und finde sie eigentlich ganz gut.
Sicher kann er nicht mit den ganz grossen mithalten, aber ich empfinde sein Spiel als solide und ehrlich, vielleicht ein bisschen nüchtern.

Dieses sind die CDs:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/316YYMSRYML._SS400_.jpg
Darauf sind die beiden Bach-Kantaten-Bearbeitungen, die du gehört hast, sowie Werke von John Foulds, die Chaconne G-Dur von Händel, Liszts Bearbeitung des Allegrettos aus Beethovens 7. Sinfonie, Coriglianos Fantasia on an ostinato, Bachs Toccata c-moll, Schumanns Toccata C-Dur, Prokofievs Toccata d-moll.

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/6095541.jpg
Ma mere l'oye (arr. Rosen)
Pavane pour une infante defunte (arr. Chuquisengo)
Jeux d'eau
La Valse (arr. Chuquisengo)


Von Jura Margulis habe ich folgende CD

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/9844911.jpg
Ich finde allerdings zu seinem Spiel keinen rechten Zugang, da fehlt mir etwas (oder es liegt an den Stücken?)

Das Bechstein-Programm für 2008 verspricht ja einige Highlights.
Ich kann mit einem kleinen Eindruck zu Piemontesi beitragen, den ich dieses Jahr in Lugano gehört habe in einem Kammermusikabend; er begleitete die Violinistin Alissa Margulis bei Messiaen und Brahms. Auch er ist ein grundsolider Pianist; beide Stücke haben mir gut gefallen, aber letztlich sind sie zu wenig, um ihn angemessen beurteilen zu können.

Viele Grüsse, Nikolaus.
Gamaheh (19.11.2007, 00:32):
Lieber Nikolaus,

danke für Deine Anmerkungen. Ich erinnere mich, die CDs schon hier im Forum von Dir gesehen zu haben. Wie gesagt, vielleicht war er indisponiert, nach einem Mal wäre es wohl ungerecht, sich ein Urteil bilden zu wollen.

Grüße,
Gamaheh
Carl Bernstein (23.11.2007, 18:55):
Danke an alle für die freundliche Begrüßung :)

Meine Antworten bezüglich des "Bernstein" waren eine Weile hängengeblieben (sind im nachhinein zur Sendezeit einsortiert), darum habe ich erstmal nix weiter gepostet.

Original von Zelenka
Lieber Carl:

Auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum!

Auch von mir eine kleine Korrektur: Das Hexaméron wurde von den beteiligten Komponisten nie zusammen aufgeführt und war auch nicht rechtzeitig für das Benefiz-Konzert am 31.3.1837 fertig geworden.

Gruß, Zelenka

Hallo Zelenka,

vielen Dank für Deine Korrektur. Einerseits finde ich es ärgerlich, daß ich da Ungenauigkeiten als "Wissen" verkauft habe. Andererseits ist es nett, wie freundlich hier Wissen von Interessierten zusammengetragen wird. Dadurch bin ich wieder etwas schlauer :)

Gruß,
Carl
nikolaus (25.11.2007, 23:58):
Zwei Erlebnisse am Wochenende:

1.: Freitag Lucia di Lammermoor in der Bonner Oper: gute Lucia (allerdings eher ein Allround-Sopran, aber ihren Fähigkeiten entsprechend die Rolle gestaltet und gut gespielt), guter Enrico, schlechter Edgardo und eine passable, wenn auch blutrünstige Inszenierung, wenn ich auch manche Slapstick-artige Chorbewegungen nicht verstanden habe; begeistertes Publikum; das fand ich einerseits ganz schön für das Haus, andererseits stimmt es mich traurig, daß in Bonn "nur" noch Stadttheater-Niveau herrscht...l.

2.: Highlight (könnte deshalb auch im anderen Thread stehen): Samstag in der Tonhalle: Martha Argerich spielte Prokofievs 3. Klavierkonzert, begleitet vom UBS Verbier Festival Orchestra unter Charles Dutoit. :down Ich finde es einfach fantastisch, wie sie spielt: so natürlich und leicht, als wenn es sie keine Mühe kostet!
Klasse auch das Orchester: Nachwuchsmusiker zwischen 17 und 29 Jahren, die mit einer tollen Begeisterung spielen (übrigens im zweiten Konzertteil Berlioz, Symphoie fantastique). Charles Dutoit finde ich ja immer ein bißchen arrogant, aber er hat einfach sehr, sehr gute Arbeit mit dem Orchester geleistet!

Nikolaus :leb
Rachmaninov (26.11.2007, 14:57):
Original von Carl Bernstein
Danke an alle für die freundliche Begrüßung :)

Meine Antworten bezüglich des "Bernstein" waren eine Weile hängengeblieben (sind im nachhinein zur Sendezeit einsortiert), darum habe ich erstmal nix weiter gepostet.

Original von Zelenka

Sorry, mein Versäumniss.

Das habe ich gerade erst realisiert.

Gruß
Jeremias (26.11.2007, 16:16):
Argerich hatte ich auch überlegt hinzugehen. Aber die KArten waren mir dann doch etwas zu teuer ?(
Zelenka (26.11.2007, 16:52):
Original von Carl Bernstein
Danke an alle für die freundliche Begrüßung :)

Meine Antworten bezüglich des "Bernstein" waren eine Weile hängengeblieben (sind im nachhinein zur Sendezeit einsortiert), darum habe ich erstmal nix weiter gepostet.

Original von Zelenka
Lieber Carl:

Auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum!

Auch von mir eine kleine Korrektur: Das Hexaméron wurde von den beteiligten Komponisten nie zusammen aufgeführt und war auch nicht rechtzeitig für das Benefiz-Konzert am 31.3.1837 fertig geworden.

Gruß, Zelenka

Hallo Zelenka,

vielen Dank für Deine Korrektur. Einerseits finde ich es ärgerlich, daß ich da Ungenauigkeiten als "Wissen" verkauft habe. Andererseits ist es nett, wie freundlich hier Wissen von Interessierten zusammengetragen wird. Dadurch bin ich wieder etwas schlauer :)

Gruß,
Carl

Lieber Carl:

Ich hoffe, Deine Beiträge werden zahlreich sein und nicht wieder irgendwo hängenbleiben! :)

Meine Besserwisserei ist hier ganz zufällig zustandegekommen, ich hatte mich vor ein paar Wochen anläßlich einer Hexaméron-Version auf CD (Oleg Marshev, Danacord) ein wenig mit der Materie beschäftigt.

Gruß, Zelenka
nikolaus (26.11.2007, 19:24):
Original von Jeremias
Argerich hatte ich auch überlegt hinzugehen. Aber die KArten waren mir dann doch etwas zu teuer ?(

Da hast du allerdings recht. Ich habe auch lange gezögert und mich dann doch spontan entschlossen und angeblich eine der letzten Karten ergattert.
Wenn ich dann allerdings sehe, wie wenig die reservierten Sponsorenplätze in Anspruch genommen werden, ärgere ich mich sehr...
Jeremias (09.12.2007, 12:11):
Gestern in Düsseldorf:

Mischa und Lily Maisky:

Beethoven: Sieben Variationen Es-Dur über «Bei Männern, welche Liebe fühlen» aus Mozarts «Zauberflöte» WoO 46 für Klavier und Violoncello

Franck: Sonate A-Dur (Fassung für Violoncello und Klavier)
--PAUSE
Rachmaninow: Vocalise op. 34 Nr. 14, Elégie es-moll op. 3/1 (Morceaux de fantaisie)

Schostakowitsch, Sonate d-moll op. 40 für Violoncello und Klavier

Zugabend:

Der langsame satz aus der Sonate von rachmaninoff, die rumänischen Volkstänze von Bartok und eine unbekannte Romanze von Schostakowitsch.


Am Anfang hatte man das Gefühl, die beiden müssten erst warm werden, aber dann im langsamen satz der Franck-Sonte waren beide dann auf der Höhe. Für mich war Lily, Mischas Tochter, sogar die bessere an dem Abend, der auf allerhöchstem Niveau war! Technisch mit ihren 20 Jahren nahezu ausgereift, war sie mehr als nur eine Begleiterin, sondern eine ebenbürtige Partnerin. Sie hat die Spontanität ihres Vaters wunderbar aufgefangen, ist sie teilweise sogar mitgegangen. Kammermusik auf allerhöchstem Niveau. Meine Highlights: Der Rach. nach der Pause und die letzte Zugabe... einzigartig!
nikolaus (09.12.2007, 21:49):
Original von Jeremias
Gestern in Düsseldorf:

Mischa und Lily Maisky:

Beethoven: Sieben Variationen Es-Dur über «Bei Männern, welche Liebe fühlen» aus Mozarts «Zauberflöte» WoO 46 für Klavier und Violoncello

Franck: Sonate A-Dur (Fassung für Violoncello und Klavier)
--PAUSE
Rachmaninow: Vocalise op. 34 Nr. 14, Elégie es-moll op. 3/1 (Morceaux de fantaisie)

Schostakowitsch, Sonate d-moll op. 40 für Violoncello und Klavier

Zugabend:

Der langsame satz aus der Sonate von rachmaninoff, die rumänischen Volkstänze von Bartok und eine unbekannte Romanze von Schostakowitsch.


Am Anfang hatte man das Gefühl, die beiden müssten erst warm werden, aber dann im langsamen satz der Franck-Sonte waren beide dann auf der Höhe. Für mich war Lily, Mischas Tochter, sogar die bessere an dem Abend, der auf allerhöchstem Niveau war! Technisch mit ihren 20 Jahren nahezu ausgereift, war sie mehr als nur eine Begleiterin, sondern eine ebenbürtige Partnerin. Sie hat die Spontanität ihres Vaters wunderbar aufgefangen, ist sie teilweise sogar mitgegangen. Kammermusik auf allerhöchstem Niveau. Meine Highlights: Der Rach. nach der Pause und die letzte Zugabe... einzigartig!

Glückwunsch, das freut mich für Dich!
Das war aber auch ein anspruchsvolles Programm!

Gruß, Nikolaus.
Jeremias (10.12.2007, 15:12):
Die beiden sind in der Kritik aber gar nicht gut weggekommen, das Programm sei nicht i.O. gewesen, zudem habe Lily Maisky zwar die Töne getroffen, mehr aber auch nicht.....
nikolaus (10.12.2007, 20:54):
Original von Jeremias
Die beiden sind in der Kritik aber gar nicht gut weggekommen, das Programm sei nicht i.O. gewesen, zudem habe Lily Maisky zwar die Töne getroffen, mehr aber auch nicht.....

:ignore
Ups, wer war das denn?

Ich habe Lily Maisky dieses Jahr in Lugano erlebt. Gespielt hat sie für meine Ohren sehr gut. Ich mochte ihr bloss nicht zusehen: sie hat immer so elegisch die Augen verdreht; ich habe meine dann eben zugemacht und so ging's gut...
HenningKolf (10.12.2007, 21:46):
Original von nikolaus
Original von Jeremias
Die beiden sind in der Kritik aber gar nicht gut weggekommen, das Programm sei nicht i.O. gewesen, zudem habe Lily Maisky zwar die Töne getroffen, mehr aber auch nicht.....

:ignore
Ups, wer war das denn?

.


hoffen wir mal dass der Kritiker wenigstens da war.......hatte einen Referendarkollegen der für eine gar nicht kleine westliche Regionalzeitung satirische Kommentare in einer festen Rubrik auf der ersten oder zweiten Seite verfasste. Der "Berufskritiker" war verhindert, da haben sie ihn in ein Konzert geschickt (war nichts Klassisches, aber trotzdem.............). Er meinte nur, dass ihn das nun wirklich nicht interessiert habe, er sei nicht hingegangen, habe aber etwas geschrieben....wenn nichts Besonderes passiert sei wie ein Unfall oder Ähnliches, würde das eh keiner merken. Auf WDR hätten die kurz etwas berichtet, von einem Unfall oder Ähnlichem hätten die auch nichts gesagt, also ........Ist auch abgedruckt worden....Er meinte auch, wenn die etwas Freundliches über eine Nobelkarosse schrieben, dürfe der eine oder andere Redakteur 1 Monat kostenlos mit derselben herumfahren....

Seitdem bin ich ein noch kritischerer Zeitungsleser


Henning
Jeremias (10.12.2007, 22:29):
Ich gebe den Kritiken gar nichts... und erst recht nicht denen, die mich mal zerrissen haben :P Gott habe die alte Dame selig.....
Gamaheh (11.12.2007, 20:53):
Original von nikolaus
Original von Jeremias
Argerich hatte ich auch überlegt hinzugehen. Aber die KArten waren mir dann doch etwas zu teuer ?(

Da hast du allerdings recht. Ich habe auch lange gezögert und mich dann doch spontan entschlossen und angeblich eine der letzten Karten ergattert.

Herzlichen Glückwunsch, Nikolaus! Das Leben ist kurz, und es gibt wenig, was uns nährt ...

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (11.12.2007, 21:11):
Original von Gamaheh
Das Leben ist kurz, und es gibt wenig, was uns nährt ...

Grüße,
Gamaheh

Wie wahr!
Woher stammt das Zitat?

Gruß, Nikolaus.
Gamaheh (12.12.2007, 21:41):
Original von nikolaus
Original von Gamaheh
Das Leben ist kurz, und es gibt wenig, was uns nährt ...

Grüße,
Gamaheh

Wie wahr!
Woher stammt das Zitat?

Gruß, Nikolaus.

Von mir!

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (12.12.2007, 22:20):
Original von Gamaheh
Original von nikolaus
Original von Gamaheh
Das Leben ist kurz, und es gibt wenig, was uns nährt ...

Grüße,
Gamaheh

Wie wahr!
Woher stammt das Zitat?

Gruß, Nikolaus.

Von mir!

Grüße,
Gamaheh

:down :D :hello
Gamaheh (17.12.2007, 23:23):
Liebe Forenser,

es ist schon erstaunlich, wo die Franzosen überall Theater hinbauen! Falls es hier noch Hamburger gibt außer mir, mögen sie sich ein modernes Theater mit ca. 600 bequemen Plätzen in ansteigenden Reihen und einer hervorragenden Akustik vorstellen, das mitten im Einkaufszentrum Billstedt steht (mangels eines passenderen Vergleichs)!

Die Dimensionen in Paris sind natürlich andere, so findet sich dieses Theater in einem riesigen Einkaufszentrum, das sich noch nicht einmal den Anschein von vorweihnachtlicher Stimmung gab (nichts für Klaustrophobe und dem Konsumismus Abgeneigte), in einem Vorort ca. 50 km (geschätzt) südlich der Metropole, noch mit der Vorortbahn erreichbar, vermutlich einem der Orte, wo man vor nicht allzu langer Zeit Autos in Brand gesteckt hat. Im Zug und auf der Straße kaum ein weißes Gesicht, im so gut wie ausverkauften Theater ausschließlich – Anlaß zu Betrachtungen über das Publikum von klassischer Musik.

Hier war ich etwas spontan hingefahren, da ich wider Erwarten Glück mit der Bahnfahrkarte hatte und aufgrund von Betrachtungen über die Kürze des Lebens (Nikolaus!) – ich hatte noch nicht einmal eine Karte für das Konzert (nicht auszudenken, wenn 26 Stunden Bahnfahrt im Sitzwagen für nichts gewesen wären, aber ein gewisser „Kick“ war es doch).

Dies war eine „Nuit du piano“, derselbe „conseiller de musique“ wie bei der in Maisons-Laffitte im März, meine ich (s. mein Bericht), eine erfolgreich wie die andere. Hier wie dort stand ein hervorragender Steinway-Konzertflügel zur Verfügung, und es spielten drei Pianisten jeweils ca. eine Stunde. Das Programm ging chronologisch rückwärts, so daß zunächst die 25-jährige Marie Vermeulin (eine Schülerin u.a. von Hortense Cartier-Bresson, s. Maisons-Laffitte), die eine Reihe von „Angeber-Stücken“ des 20. Jahrhunderts („Le piano au XXe siècle“) spielte (wie ich sie nennen würde, aber in dem Alter, wo man noch zeigen muß, daß man Klavier spielen kann, sicher gerechtfertigt):

Debussy: Voiles, Ondine, Feux d’artifice
Messiaen : Regard n.10 de l’Esprit de Joie
Berio : Sequenza IV
Stravinsky : Trois mouvements de Petrouchka

Eine äußerst virtuose junge Pianistin, die ihre Muskeln zeigte. Einen Sinn hinter der Musik vermochte sie mir nicht zu vermitteln.

Danach der Teil, dessentwegen ich gekommen war: Das Programm von Philippe Bianconi hieß „Au coeur du romantisme“ und umfaßte:

Schumann: Fantasie in C
Chopin: Prélude op.45
Ballade n.3
Liszt: Consolation n.3
Mephisto-Walzer n.1

Schumanns Fantasie, sicherlich eines der Highlights der Klavierliteratur, habe ich diverse Male im Konzert gehört, u.a. äußerst erinnerungswürdig und eindrucksvoll von Pollini (kein Vergleich mit seiner Schallplatteneinspielung), hiervon habe ich berichtet. Ich habe sie auch schon mehrere Male sehr schlecht gespielt gehört.

Dies war wirklich eine Sternstunde. Ich kenne keinen Pianisten, der Schumann so überzeugend, so sinnhaltig spielt, wie Bianconi. Wo hier beispielsweise Pollini die Abgründe öffnet, daß man (ich) nicht anders denken kann als an den Schumann, der in den Rhein springt, stellt Bianconi die ganze Zerrissenheit, auch die Aufgewühltheit, aber auch die Unentschlossenheit, die Melancholie dar („ die ich während unserer unglücklichen Trennung schrieb und die übermelancholisch“ schreibt Schumann an Clara). Der letzte Teil gelingt ihm ungleich besser als allen anderen, die ich gehört habe, denn hier ist ein Pianist, der sich selbst zuhört – das schafft Nähe, Teilnahme, Zugang. Keiner hat es besser ausgedrückt als ein Kritiker der Berliner Zeitung, hier.

Das erfährt man auch im Prélude op.45 von Chopin, gefolgt von der Ballade n.3, die ich besonders hören wollte. Bianconi weiß hier die linke Hand einzusetzen, um eine Stimmung von etwas Geheimnisvollen, Bedrohlichen, Jenseitigen zu erzeugen.

Liszt. Die Consolation n.3 ist so unlisztisch, wie man ihn üblicherweise kennt, sondern so ganz das, was der Titel sagt. Es gibt wohl wenige Musiker, die etwas so mit dem Publikum teilen können. Nicht einmal im Mephisto-Walzer n.1 läßt Bianconi den Virtuosen heraus (der er zweifellos – nebenbei auch – ist), sondern einen formidablen Sinn für Humor, ein (diabolisches) Vergnügen. Gut, daß ich die Reise gemacht habe!

Anne Queffélecs Reise von Scarlatti bis Beethoven (über Mozart und Bach/Busoni) habe ich dann nicht mehr miterlebt, nicht nur, weil man aufhören soll, wenn es am schönsten ist, sondern auch, weil ich noch nach Paris zurück wollte.

Schade, daß man dort relativ unsanft ein Stück von der Insel der Glückseligen verstoßen wird, sobald man in die Betonwürste des EKZ hinaustritt und die Rampe zur Tiefgarage hinuntergeht, die der einzige Weg zum Bahnhof zu sein schien!

Abendliche Grüße,
Gamaheh
cellodil (18.12.2007, 05:03):
Liebe Gamaheh,

da kann ich nur sagen: Seufz!

und (fast) grün werden...

Herzliche Grüße

Sabine
Zelenka (19.12.2007, 18:10):
Original von Gamaheh

Schumanns Fantasie, sicherlich eines der Highlights der Klavierliteratur, habe ich diverse Male im Konzert gehört, u.a. äußerst erinnerungswürdig und eindrucksvoll von Pollini (kein Vergleich mit seiner Schallplatteneinspielung), hiervon habe ich berichtet. Ich habe sie auch schon mehrere Male sehr schlecht gespielt gehört.

Dies war wirklich eine Sternstunde. Ich kenne keinen Pianisten, der Schumann so überzeugend, so sinnhaltig spielt, wie Bianconi. Wo hier beispielsweise Pollini die Abgründe öffnet, daß man (ich) nicht anders denken kann als an den Schumann, der in den Rhein springt, stellt Bianconi die ganze Zerrissenheit, auch die Aufgewühltheit, aber auch die Unentschlossenheit, die Melancholie dar („ die ich während unserer unglücklichen Trennung schrieb und die übermelancholisch“ schreibt Schumann an Clara). Der letzte Teil gelingt ihm ungleich besser als allen anderen, die ich gehört habe, denn hier ist ein Pianist, der sich selbst zuhört – das schafft Nähe, Teilnahme, Zugang. Keiner hat es besser ausgedrückt als ein Kritiker der Berliner Zeitung, hier.

Abendliche Grüße,
Gamaheh

Liebe Gamaheh:

Ganz herzlichen Dank für Deinen schönen Konzertbericht! Schade, daß Du Anne Queffélec verpaßt hast, die ich sehr schätze, aber es wurde wohl wirklich zuviel des Guten geboten.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41NF0E87C9L._AA240_.jpg

Wie ist denn Bianconis Einspielung der Schumann-Fantasie einzuschätzen im Vergleich zu seinem Konzertauftritt? (Leider scheint sie im Moment vergriffen zu sein.) Gibt sie einen guten Eindruck von seinem Schumann-Spiel?

Gruß, Zelenka
Gamaheh (20.12.2007, 23:21):
Original von Zelenka
Wie ist denn Bianconis Einspielung der Schumann-Fantasie einzuschätzen im Vergleich zu seinem Konzertauftritt? (Leider scheint sie im Moment vergriffen zu sein.) Gibt sie einen guten Eindruck von seinem Schumann-Spiel?


Lieber Zelenka,

vielen Dank für Deinen Kommentar - ist ja doch eher selten.

Das, was die Studio-Aufnahme von dem Erlebnis im Konzert unterscheidet, ist für mich genau das letztere: das Erlebnis. Ich bin ja eher eine Konzert- als eine Platten-Hörerin (grundsätzlich) und finde Studio-Aufnahmen immer etwas fade – irgend etwas fehlt da immer, eine gewisse Freiheit, ein größeres oder geringeres Maß an Kommunikation (mit dem Publikum), „vibes“, wenn Du so willst.

Trotzdem würde ich, wenn ich die Fantasie von der Platte hören wollte, von den Aufnahmen, die ich zur Verfügung habe (Gieseking, Nat, Richter, Pollini, Bianconi, Perl) vorzugsweise zu Pollini (live übrigens auch ungleich eindrucksvoller) oder Bianconi greifen, wohl zuerst zu Bianconi (rein subjektiv). Alle diese Aufnahmen haben ihre Höhepunkte (bei Gieseking z.B. besonders der Schluß), ich mag sie alle, aber die beiden letzteren überzeugen mich eher im Ganzen.

Bianconi ist für mich der Pianist, der am nächsten am Geist der Romantik ist, und das teilt sich (mir) auch von der Konserve mit, und insbesondere der Zauber der langsamen Sätze. Ja, diese Aufnahme schätze ich sehr (auch die Davidsbündlertänze), nur Exzesse darfst Du nicht erwarten (nicht im Tempo, nicht im Rhythmus, nicht in der Dynamik, und vor allem keine virtuose Angeberei); aber im Vergleich zum Konzert ist sie zweitrangig. Dennoch gibt sie einen guten Eindruck von Bianconis Schumann.

Ich habe mal ein Interview mit Bianconi gelesen (ich habe es nicht zur Hand, aber ich glaube, es war in der Zeitschrift „Pianiste“), in dem er sagt, wenn er auf die Bühne gehe, sei das, weil da ein Publikum sitzt (oder in dem Sinne), und da würde sich etwas abspielen zwischen ihm und dem Publikum, ein gegenseitiges Geben . Und auch wenn er das selbst sagt, so empfinde ich das auch.
Grüße,
Gamaheh
Zelenka (22.12.2007, 14:38):
Liebe Gamaheh:

Herzlichen Dank fuer Deine Erlaeuterungen! Und Du hast natuerlich voellig recht, dass der Auftritt vor Publikum in der Regel ungleich interessanter ist als eine Studioproduktion.

Kommentiere ich zu selten?

Gruss, Zelenka
Gamaheh (23.12.2007, 12:15):
Original von Zelenka
Kommentiere ich zu selten?


Lieber Zelenka,

ach, irgendwie kriege ich es immer hin, mich mißverständlich auszudrücken! Natürlich meinte ich nicht Dich, sondern allgemein.

Grüße,
Gamaheh
Cetay (inaktiv) (24.12.2007, 09:00):
Warum ein vielfach preisgekröntes Ensemble von internationalem Ruf ausgerechnet in der hiesigen Ortsteilkirche und das bei freiem Eintritt auftritt, ist schnell erklärt, wenn man sich die Namen zweier Mitstreiterinnen ansieht: Katharina (Barockvioline) und Juliane Heutjer (Blöckflöte) heißen so wie der ansässige Pfarrer. Da wenig Promotion gemacht wurde, dachte ich an ein gemütliches, intimes Konzert, etwas in der Art wie die Club-Auftritte der Stars. Pustekuchen. Schon in gebührender Entfernung zur Kirche waren die Gehwege zugeparkt und ich durfte schließlich das Ganze an der Wand stehend genießen.

Aber das war schnell vergessen, als das Quartett, das durch Jonathan Pešek (Barockvioloncello) und Sebastian Wienand (Cembalo) komplettiert wird, endlich loslegte. Zunächst mit mir völlig unbekannten Sonatas aus den 1620ern von Castello bzw. Marini. Bereits hier zeigte sich, was das Ensemble zu bieten hat. Durch HIP-gerechte Artikulation und Dynamik wirkte das ganze unglaublich spannend und lebendig und vor allem war da eine fast ausgelassene Spielfreude zu spüren, wie sie halt nur in "Clubkonzerten" außerhalb des Festivalbetriebes zu finden ist. :P
Weiter ging es mit einer Sonate (A-Dur K.208) von Scarlatti. Etwas belangloseres und langweiligeres als Scarlatti auf dem Cembalo konnte ich mir kaum vorstellen - bis gestern. Jesus! Diese metrischen Tricksereien, Figuren, die sich verselbstständigen, gegenseitig durchdringen und wieder zusammenfinden - dieses Obertongewirr, das gleich einem Weißen Rauschen den ganzen Saal überspannte - einfach sagenhaft!
Aber dann gabs noch eins drauf: Den Winter aus den Vier Jahreszeiten. Was hier an Klangeffekten aus dem Instrumentarium gezaubert wurde, war bislang un-erhört, so Bildgewaltig habe ich das zuvor nicht erlebt. Und auch das Publikum konnte nun nicht mehr die Contenance wahren. Da wurde gegröhlt, wie es sich weder im Konzert noch in der Kirche gehört - und das ist das größte Kompliment, das man den Vieren machen kann. Dass sie mit ihrer (ich wiederhole mich) unbändigen Spielfreude das zur guten Hälfte weißhäuptige Publikum wirklich begeistern konnten.
Mit Corellis Weihnachtskonzert ging es dann weiter. Spätestens hier hatten es sich auch die Engel im Saal gemütlich gemacht. :engel

Über den zweiten Teil nach der Pause will ich mich gar nicht weiter im Detail auslassen. Es standen nochmal Vivaldi (Sonata Op.1 No 12), Gabrielli (Sonate für Vcl und bc), ein von den Künstlern selbst arrangiertes Stück aus "The Divsion Flute" (Anonymus, 1706) und schließlich nochmal Vivaldi ("per Ottavino, Archi e Cembalo") mit einem teuflisch virtuosen Flötenpart auf dem Programm. Und was hier an (ich wiederhole mich) Spielfreude und auch an spontanem Ensembleverständnis und vor allem Klangsinnigkeit geboten wurden, war mehr als aller Ehren Wert. Am Schluss gab es minutenlangen Applaus und stehende Ovationen. Wenn sich die Vier ihre Tugenden bewahren können, wächst hier -davon bin ich fest überzeugt- etwas ganz Großes heran.

http://www.mozart-gesellschaft-dortmund.de/uploads/pics/Portraet_L_ornamento.png
Ensemble l'ornamento
Rachmaninov (24.12.2007, 12:03):
@Dox,

ein wahrlich wunderbares Erlebnis wenn sogar die :engel anwesend waren :hello
Gamaheh (28.12.2007, 23:46):
Lieber Dox Orkh (was für ein Name!),

das klingt wie die Art von Erlebnis, wie man es nur im Konzert erfahren kann, und nur, wenn man nicht darauf vorbereitet ist! Von diesem Ensemble habe ich noch nie gehört, aber dann ist Kammermusik auch wirklich nicht mein "Fach". (Aber was nicht ist, kann ja noch werden!)

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (19.01.2008, 19:28):
Und noch ein Hinweis zum Thema weiter oben und noch weiter oben:

Am 28.1. um 10 Uhr sendet France Musique ein Konzert, das Bianconi im Dezember in Lyon gegeben hat mit u.a. Schumanns Fantasie und den Kreisleriana (dazu desselben Klavierquintett).

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (02.10.2007, 17:53):
Das Beste gleich vorweg: Es war nicht so schlimm wie Beethovens 1. Klavierkonzert, das ich kürzlich mit Mustonen im Radio gehört hatte.
Der Notenständer auf dem Flügel ließ nichts Gutes ahnen, und in der Tat brachte sich der Pianist die Partitur mit. Während des langen Orchestervorspiels, das sehr gemächlich angegangen wurde – ich würde fast sagen: spaziergängerisch – vor seinem Einsatz verfiel Mustonen schon in Zuckungen wie ein Veitstänzer und machte ganz unkontrollierte Bewegungen – hyperaktiv, hypernervös? Das wurde auch kaum besser, als er spielte (glücklicherweise wirkte es sich aber kaum auf die Feinmotorik aus).

Seine Rhythmik und Dynamik fand ich ganz abwegig, seinen Anschlag zumeist hart und klirrend, wenn er sich nicht so sehr bemühte, sanft zuzugreifen, daß er nur die Bewegungen machte und die Tasten gar nicht berührte. Gerade an markanten, strukturell wichtigen Stellen wurde er oft durch das Orchester vollkommen verschluckt. Diese Bewegungen erinnerten mich immer an irgend etwas, zuweilen an jemanden, der eine heiße Herdplatte testet, dann wieder an einen Kellner, der eine Tischdecke mit der Serviette abwedelt. Zwischendurch wischte er sich das Gesicht mit dem Frackärmel ab, etwa so, wie ich es bei der Gartenarbeit tue (dann allerdings nicht im Frack), weil die Hände zu schmutzig für ein Taschentuch sind. Ich mußte an eine neurologische Kondition denken, deren Namen ich vergessen habe.

Eine interessante Darbietung, wenn auch nicht unbedingt in musikalischer Hinsicht – ein wenig schade um Beethoven.

Um falschen Schlußfolgerungen vorzubeugen: Ich will hier weder bösartig sein, noch mache ich mich lustig. Eigentlich hat mich das Ganze eher ein wenig besorgt.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (04.04.2008, 00:45):
Liebe Forenser,

ich war mal wieder auf meiner Frühjahrsreise (!) und habe in Paris (und Rouen) diverse interessante Sachen gehört.

Zum einen läuft im Museée d’Orsay zur Zeit eine Reihe von Beethoven-Konzerten mit Gesamtaufführungen der Violinsonaten, der Streichquartette und der Transkriptionen der Symphonien für Klavier (zwei oder vier Hände).

Ich habe natürlich nur einen Teil davon hören können, am 23. März zunächst die Sendung (von Radio France, die diese Konzerte bei freiem Eintritt organisieren) von Jean-Francois Zygel („Le cabaret classique“, sonntags um 18 Uhr auf France Musique), in der er verschiedene Bearbeitungen („arrangements“ oder „dérangements“) von Beethovens 5. Symphonie vorstellte, von Liszt bis zu einer zeitgenössischen holländischen Gruppe. Zygel (der am Pariser Konservatorium Improvisation unterrichtet, wenn ich mich nicht irre) stellte überzeugend dar, daß Liszt viel zu viel Noten verwendet und wie man die Symphonie auch mit (absteigend) geringeren Mitteln darstellen könnte, bis zur Sonatenform. Er demonstrierte auch, wie man aus dem „martialischen“ Thema des dritten Satzes ein Nocturne im Stil von Fauré machen kann. Sehr interessant und unterhaltsam!

Es ging am Nachmittag weiter mit den Violinsonaten, hier der „Frühlings“-Sonate, die ich zufällig zwei Tage vorher bei Bechstein gehört hatte, dort von einem Geiger, den ich siebzehn Jahre vorher als Studenten in der Musikhochschule gehört hatte und der mir so gut gefallen hatte, daß ich dort hingegangen war (Reto Kuppel, Euch allen sicher unbekannt). Im Vergleich erschien mir die Interpretation von Jean-Marc Philips-Varjabédian (dem Geiger des Wanderer-Trios) und Michael Lévinas (einem Sohn des Philosophen, wie sich herausstellte) eher akademisch bzw. analytisch (Lévinas unterrichtet Analyse, wie sich herausstellte, und komponiert – s. die März-Ausgabe von Diapason) und weniger überzeugend als das, was ich zuvor gehört hatte. Ich fand es auch gleichzeitig manieriert (ist das ein Widerspruch?). Dieser Eindruck erhielt sich auch eine Woche später mit den Sonaten Nr. 10 op.96 und Nr. 4 op.23, aber egal – man läßt sich so leicht beeindrucken (oder eben nicht).

Danach habe ich mir dann allen Ernstes noch ein paar Streichquartette angehört, sehr beeindruckend gespielt vom Ysaye-Quartett, und vielleicht könnte ich mich – mit ein bißchen Übung – direkt auch noch für diese Art von Musik erwärmen, besonders nach den Quartetten Nr. 3 op.18/3 und Nr. 10 op.74 und Nr.13 op.130 (mit der Großen Fuge op.133) eine Woche später. Beethovens Werke wurden kontrastiert mit französischer Musik, so am 29.3. Vincent d’Indys Quartett Nr. 3 und Dutilleux’s Quartett „Ainsi la nuit“ (Renoir-Quartett).

Zwischendurch gab es noch eine Version der 3. Symphonie für Klavier zu vier Händen der Schwestern Lidija und Sanja Bizjak in der Transkription von Czerny und die 5. Symhonie zu zwei Händen (in der Transkription von Liszt) von Georges Pludermacher (die 4. fiel aus, weil die Pianistin erkrankt war). Ich finde diese Transkriptionen immer etwas hart, und die beiden Schwestern griffen recht herzhaft in die Tasten (an und für sich fand ich diese Transkription jedoch musikalisch ansprechender als die Lisztschen). Pludermachers Interpretation war etwas differenzierter als andere, die ich schon gehört hatte, aber im Grunde sind dies für mein Empfinden nur Curiosa.

Nebenbei bemerkt fand ich es interessant, daß man dort durchaus bereit war, eine Stunde im strömenden Regen zu stehen, um einen Platz im Auditorium zu bekommen; das muß ich hier noch erleben.
Darüber hinaus bringt Radio France im Sommer die 9 Symphonien sowie die fünf Klavierkonzerte, das Violinkonzert und das Tripelkonzert zur Aufführung (Orchestre National de France unter Kurt Masur, mit den Solisten Katia Skanavi, David Fray, Till Fellner, Louis Lortie, Gil Shaham, Nelson Freire, dem Beaux-Arts Trio; Théâtre des Champs-Elysées).

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (04.04.2008, 21:57):
Danke für diesen informativen und unterhaltsamen Beitrag!!

:thanks

Nikolaus.
nikolaus (04.04.2008, 22:06):
@ Gamaheh

Auf der suche nach Deinem Bericht über den Pianisten G.Bogànyi bin ich hierauf gestossen:


Original von Gamaheh
Dieses Duo hatte ich schon früher einmal gehört, dort aber war die Akustik so, daß zumindest die Geige etwas scharf (soll heißen: unschön) klang.

In der Orangerie mit ihren vielen Glasfenstern war sie erstaunlicherweise superb, und entsprechend war es ein großartiges Konzert. Zwei der schönsten Beethoven-Sonaten (Nr.3 und Nr. 10), die erste mit jugendlichem Feuer, die zweite unvergleichlich, insbesondere der zweite Satz, bei dem es mir klar wurde, warum Bruno Walter Beethovens langsame Sätze für das Schönste hielt, was in der Musik geschrieben worden ist, und ein anderer sie als „Choräle“ bezeichnet hat. In der zweiten Hälfte Brahms’ dritte Violinsonate, mit großer Hingabe und Elan gespielt. Ein erwartungsgemäß hingerissenes Publikum im ausverkauften Saal. Als erste Zugabe etwas, was ich nicht kannte (Bartok?), aber sehr aufregend, zum Schluß, als obligatorisches „Wiegenlied“ der zweite Satz der 2. Sonate von Brahms. Die beiden erfreuen sich hier ungeheurer Beliebtheit. Am Anschluß gab es Gelegenheit, ihre neue CD mit Brahms’ Violinsonaten, die im Oktober bei Aeon erscheint, „in anteprima“ zu erwerben. (Ich nahm sie natürlich wahr.)

http://ec1.images-amazon.com/images/I/31SbufLgzgL._AA240_.jpg
Das Konzert wird am 2. Oktober um 16 Uhr auf Radio France Musique gesendet.

Grüße,
Gamaheh

Ich habe inzwischen diese Brahms-Einspielung von T.Papavrami u. P.Bianconi: in der Tat sehr, sehr schön!! :down

Gruß, Nikolaus.
Gamaheh (06.04.2008, 22:56):
Zunächst lieber Nikolaus,

herzlichen Dank für Deine Kommentare!

Dann wieder ein Konzert:

Gerrit Zitterbart (Abegg-Trio) spielte heute abend im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg auf zwei historischen Tasteninstrumenten aus der museumseigenen Sammlung, einem Hammerflügel von Könnicke (1795, Mozart) und einem Hammerflügel von Brodmann (1815, Beethoven), folgendes Programm :

Mozart
Fantasie in d K.397
Sonate in C K. 330
Fantasie in c K. 475
Sonate in B K. 333
Beethoven
Rondo in C op.51.1
Rondo in G op.51.2
Sonate in C op.53 “Waldstein”.

Zitterbart gab jeweils eine interessante kleine Einführung zu den Stücken und wies auf Besonderheiten hin, was ich als sehr angenehm empfand.

Meine Erfahrung mit Hammerflügeln im Konzert ist begrenzt. Die beiden Instrumente waren sehr unterschiedlich: Während das ältere Instrument ohne Moderator-Kniehebel noch deutlich wie ein Cembalo klang (und zwar von den hohen zu den tiefen Tönen ansteigend stärker), gab der Brodmann-Flügel (bereits mit Pedalen ausgestattet) schon eher die Art von Klang von sich, wie wir ihn heute gewohnt sind (und es liegen nur zwanzig Jahre dazwischen).

Allerdings war auch bei diesem Instrument der Register-Unterschied (nenne ich das mal, mangels Fachkenntnis) zwischen den hohen und den tiefen Tönen doch auch noch enorm. Dies hatte allerdings die frappierende Wirkung, daß man Ober- und Unterstimme viel deutlicher separat wahrnahm, in erster Linie dort, wo sie genügend weit auseinanderliegen. Dies machte sich insbesondere bei der Waldstein-Sonate bemerkbar, wo ich Dinge gehört habe, die ich vorher nie wahrgenommen hatte – sehr interessant.

Das ältere Instrument fand ich vom Klang her zunächst gewöhnungsbedürftig, aber die Gewöhnung ging relativ schnell. Als wir bei der Fantasie K. 475 angekommen waren, war ich schon überzeugt, daß das eher noch besser klingt als auf dem modernen Flügel. Zitterbart setzte übrigens den Moderator auf intelligente und natürlich-klingende Weise ein: In der B dur-Sonate beispielsweise wechselte er im langsamen Satz an offenbar passenden Stellen zwischen moderiert und unmoderiert (ich frage mich, ob das ursprünglich in der Partitur notiert war), wobei ersteres erstaunlicherweise eine trauermarschartige Stimmung hervorbrachte, so daß ich fast froh war, als das fröhliche, helle Cembalogezirpe wieder einsetzte. (Ich habe vor ein paar Jahren Paul Badura-Skoda auf einem Instrument aus Mozarts Zeit gehört – er spielte u.a. Beethovens Pathétique-Sonate – und fand damals den Wechsel vom moderierten zum unmoderierten Register recht unangenehm und störend; ob das am Instrument, der Musik oder dem Interpreten liegt, vermag ich nicht zu beurteilen.)

Nach dem geballten Applaus von dreißig Händen (peinlich für Hamburg!) spielte Zitterbart dann noch als Zugabe ein sehr interessantes kleines Werk von Beethoven o.O. 56 (wenn ich richtig gehört habe, denn ich kannte es nicht). Ein schönes und interessantes Konzert, nur schade, daß die Hamburger solche Banausen sind ...

Grüße,
Gamaheh
Mort (07.04.2008, 12:06):
So, dann möchte ich mal mein Einstandsposting hier verfassen. Hallo an alle.

Ich bin im Moment in Vancouver im Zuge eines High-School-Jahrs. Vorgestern kam ich in den Genuss im Orpheum Theatre das Vancouver Symphony Orchestra unter Leitung von Bromwell Tovey zu sehen.
Es war tatsächlich mein erstes Klassik-Konzert seit Juli, was für mich gefühlt viel, viel zu lange war.

Nun zum Programm:

Vor der Pause gab es Beethovens Sechste. Ich habe sie zum ersten Mal live gehört und muss sagen, dass es wirklich eine schöne Sinfonie ist. Die Performance des Orchesters war jetzt nicht hinreißend, aber grundsolide und schön anzuhören, daher auch freundlicher Applaus ohne Jubelstürme.

Nach der Pause dann kam wohl der Grund, warum die meisten der über 3000 Zuschauer ihren Weg ins Orpheum Theatre gefunden hatte. Anne-Sophie Mutter spielte Beethovens Violinenkonzert op. 61. Und plötzlich hatte man das Gefühl, dass das gesamte Orchester mit aufblühte und es entstand eine wirklich wunderbare Aufführung des wunderbaren VK's, das ich zum zweiten mal live sehen konnte.
Nach Verklingen der letzten Note brach dementsprechend auch ein Jubelsturm los und Anne-Sophie Mutter musste mehr als zehnmal auf die Bühne kommen und gab dann auch noch eine Zugabe. Besonders emotional, da es der 100. Geburtstag von Herbert von Karajan war und sie ihm die Zugabe widmete und wohl das Stück spielte, das sie gespielt hatte, als sie ihm das erste Mal vorspielte. Unglücklicherweise habe ich nicht mitbekommen, um welches Stück es sich handelte.

Alles in allem ein wunderbarer Konzertabend.
Rachmaninov (07.04.2008, 16:25):
@Mort,

nochmals Willkommen hier im Forum.

Mir scheint Du hattest einen schönen Abend :hello
nikolaus (08.04.2008, 08:24):
Original von Mort
... und Anne-Sophie Mutter musste mehr als zehnmal auf die Bühne kommen und gab dann auch noch eine Zugabe. Besonders emotional, da es der 100. Geburtstag von Herbert von Karajan war und sie ihm die Zugabe widmete und wohl das Stück spielte, das sie gespielt hatte, als sie ihm das erste Mal vorspielte. Unglücklicherweise habe ich nicht mitbekommen, um welches Stück es sich handelte.

Alles in allem ein wunderbarer Konzertabend.

Wahrscheinlich die Chaconne (Bach)..

Herzlich willkommen!

Nikolaus.
Jeremias (08.04.2008, 11:49):
Gestern in der Düsseldorfer Tonhalle:
Düsseldorfer Symphoniker
Städt. Musikverein zu Düsseldorf e.V.
Marieddy Rossetto, Einstudierung
Tschechischer Philharmonischer Chor Brno
Petr Fiala, Einstudierung
Kinderchor der Städt. Clara-Schumann-Musikschule Düsseldorf
Justine Wanat, Einstudierung
Patricia Racette, Sopran
Anna Gabler, Sopran
Cordula Berner, Sopran
Katarina Karnéus, Mezzosopran
Renée Morloc, Mezzosopran
Mathias Schulz, Tenor
Stefan Heidemann
Jan-Hendrik Rootering, Bass

John Fiore, Dirigent

Ruzicka, MAELSTROM (Auftragswerk der Tonhalle)

Mahler, Symphonie Nr. 8 "Symphonie der Tausend" für drei Sopran- und zwei Alt-Soli, Tenor-, Bariton- und Baß-Solo, Knabenchor und zwei gemischte Chöre sowie großes Orchester


Also, die UA (die es schon am Freitag gab) war nichts besonderes. Der Intendant der Tonhalle erklärte nur, dass Ruzicka bereits vor 30 Jahren zur Eröffnung des Hauses etwas komponiert habe. Aber wenn Mahler's 8. auf dem Programm steht, dann kann man ja auch mal sowas vorab bringen.... und dann kam das Hauptwerk nach der Pause.... ich bin ja kein Fan von Mahler, aber ich kam gestern aus dem Konzert und mir fiel nur ein Wort ein: "Geil...." :engel Sorry, aber anders kann man es nicht beschreiben. Was abgeliefert wurde, das war eine Sternstunde der Orchesteraufführungen! Hinzu kam ein ca. 250 Mann/Frau starker Chor sowie ein Kinderchor, so dass es am Ende fast 450 Aufführende waren. John Fiore hatte bei seinem Abschiedskonzert als GMD sich selbst einen Traum erfüllt. Und der Beginn des 2. Satzes war dann DIE Sternstunde, die ich bei ihm über all die Jahre vermisst habe....
Mort (08.04.2008, 14:02):
@ Jeremias:

Auch wenn ich zur Zeit nicht in Düsseldorf bin, so interessiert mich doch das Geschehen in meiner Heimatstadt sehr. Weißt Du, wer der Nachfolger von John Fiore sowohl bei den Symphonikern als auch an der DOR wird?
Jeremias (08.04.2008, 15:06):
@ Mort: Soweit ich weiss, gibt es noch keinen neuen GMD. Fiore wird die DOR aber noch eine Spielzeit leiten. Was hälst Du denn von ihm?
Mort (08.04.2008, 15:13):
Original von Jeremias
@ Mort: Soweit ich weiss, gibt es noch keinen neuen GMD. Fiore wird die DOR aber noch eine Spielzeit leiten. Was hälst Du denn von ihm?

Ich mochte ihn als Person eigentlich immer sehr gerne. Habe persönlich mit ihm Bekanntschaft gemacht, da ich in der Oper mal an der Carmen-Aufführung beteiligt war. Da ich erst 17 bin und seine Schaffenszeit in Düsseldorf somit in die Zeit von 11 (Start des Klassikinteresses) bis 17 fällt, kann ich wirklich künstlerische Aspekte nicht so rausstreichen.
Wie findest Du ihn denn?

PS: Bei Wikipedia steht, dass er auch nur bis 2008 bei der DOR ist.
Jeremias (08.04.2008, 15:21):
Also, ich mochte ihn nie so besonders. Mir war seine Art der Interpretation einfach immer zu "wuchtig". Bei Mahler geht's ja noch, aber Mozart, früher Beethoven o.a., das konnte man sich nicht anhören.... bin mal gespannt, wer jetzt kommt....
Mort (08.04.2008, 15:24):
Original von Jeremias
Also, ich mochte ihn nie so besonders. Mir war seine Art der Interpretation einfach immer zu "wuchtig". Bei Mahler geht's ja noch, aber Mozart, früher Beethoven o.a., das konnte man sich nicht anhören.... bin mal gespannt, wer jetzt kommt....

Er ist ja auch eine "wuchtige" Persönlichkeit ;). Ja, ich bin auch sehr gespannt, wusste gar nicht, dass so etwas so kurzfristig entschieden wird. Bei der neu zu vergebenden Intendanz des Schauspielhauses bspw. stand der Neuling schon lange fest und auch der neue Intendant der DOR, der erst zur Saison 09/10 antreten wird, steht jetzt schon fest.
Gamaheh (08.04.2008, 17:55):
Original von nikolaus
Danke für diesen informativen und unterhaltsamen Beitrag!!


Die Konzerte werden alle nach und nach auf France Musique gesendet, an verschiedenen Tagen um 10 bzw. 16 Uhr.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (10.04.2008, 00:05):
Liebe Forenser,

entgegen allen Befürchtungen (?) hat Ivo Pogorelich diesmal nicht abgesagt, sondern ist tatsächlich aufgetreten, heute abend in der Hamburger Musikhalle (die nicht gerade ausverkauft, aber doch ziemlich voll war).

Man kann sein Spiel ohne Zweifel als sehr kontrastreich bezeichnen: „mal luut, mal liisen“, oder „mal sehr laut, mal sehr leise“, und kaum was dazwischen (ähnlich, was das Tempo betrifft). Er spielte zunächst zwei Beethoven-Sonaten, zu Anfang die letzte, in der er starke Akzente setzte – so starke (mit der linken Hand, so daß man teilweise die rechte kaum noch hörte), daß ich mich fragte, ob er uns etwas mitteilen wolle, dadurch, daß er die Sonate so zerfetzte. Kurzum: Es hat sich meinem kleinen Geist nicht erschlossen, obwohl ich zumindest diese noch „interessant“ nennen würde; den langsamen Teil spielte er durchaus andächtig und mit weltabgewandter Gelassenheit – fast abgeklärt (das war an diesem Punkt des Programms jedenfalls mein Eindruck). Überhaupt saß er wie ein Mönch am Klavier – nicht, daß ich mir von Pianisten auf der Bühne wünsche, daß sie sich in Ekstase um das Instrument winden ... Am Schluß gab es dann soviel Kraftausbrüche mit Pedalsoße, daß man bei einem Promenadenkonzert ins Taumeln geraten wäre.

Danach das op.78, teilweise mit einem Tempo, das Afanassiev vor Neid erblassen lassen würde. Spätestens hier war ich überzeugt, daß er uns nichts mitteilen wollte, daß ihm das Publikum völlig egal war, auch wenn Teile davon aus allen Ecken gnadenlos expektorierten und uns an einer besonders leisen Stelle (wie nicht!) ein Handy mit einem scheppernden, sehr exklusiven Klingelton daran erinnerte, daß wir noch lebendig waren. (Übrigens fast das erste Mal, daß ich auch den Pianisten husten sah und hörte.)

Nach der Pause Brahms, op.118/2. Das werde ich ihm nicht verzeihen! Wir hatten schon gesehen – ich habe zwar keine Partituren, aber ich weiß schon, wie diese Stücke „gehen“ – daß er Tempo- und Dynamik-Anweisungen nicht einmal als sanfte Hinweise zur Kenntnis nimmt, aber hier hat er doch den Bogen so weit überspannt, daß jeder Brahms-liebende Hamburger vor Scham am liebsten unter seinen Sitz gekrochen wäre! Am Anfang so klebrig und schwerfällig, daß man den Eindruck hatte, er hätte sich in der ersten Hälfte verausgabt und würde die Hände kaum noch von den Tasten heben können – gleich sinkt er leblos auf die Klaviatur! Weder „andante“ (eher kriechend) noch „teneramente“ (in meinem Vokabular). 12 Minuten? (Ich trage eine Uhr.) Das ist eigentlich nicht möglich, sicher hat er irgendwas zwei- oder dreimal wiederholt, weil es so klebte und nicht zuende gehen wollte.

Danach Rachmaninov, 2. Sonate. Dazu kann ich leider nicht viel sagen, außer daß mir hier Rachmaninov nicht nahegebracht wurde. Pogorelich ist sicher ein kräftiger Mann und kann herzhaft zulangen, sogar ohne etwas anderes als seine Arme zu bewegen, und der rechte Fuß ist auch intakt.

Was Pogorelichs „Rhetorik“ anbelangt, so erinnerte ich mich gehört zu haben, daß es mal einen Redner gegeben haben soll, der ähnliche Mittel in der Rede verwandte, in milderer Form hieß das „Hoffratts“-Deutsch (mit „gerolltem r“, versteht sich) : Die kurzen Vokale wurden in die Länge gezogen, die langen gekürzt, dazu das ganze „staccato“, schnelle Wechsel zwischen laut und leise usw., aber meistens doch eher laut, jedoch kein Zwischending.

Für hiesige Verhältnisse relativ verhaltener Beifall und keine Zugabe. Mein Gesamteindruck war, daß hier ein Pianist war, der keine Mühe scheut, dem Publikum zu zeigen, daß er sich nicht für Konventionen interessiert (das an sich ist ja nicht schlimm, und das hatte er schon dadurch klar gemacht, daß er zu seinem Frack eine schwarze Fliege trug), darüberhinaus aber auch nicht bereit ist, ihm irgend etwas zu geben, mit ihm zu teilen. Ein vergeudeter Abend? Nein, auch eine Erfahrung, aber irgendwie traurig ...

Betretene Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (10.04.2008, 08:22):
@Gamaheh ,

dies ist wohl eine der vielen Schritte ins Abseits, die sich wohl seit Jahren in Pogo's vita aneinander reihen.
Irgendwie hat er wohl die unglücklichen Umstände in seinem Leben nicht verkraftet und dies ist wohl auch der Grund für diesen Weg....
nikolaus (10.04.2008, 10:34):
@ Gamaheh

Hm, in der Tat stimmt einen das traurig.

Du schreibst, dass er offenbar dem Publikum nichts mitteilen wollte/konnte... Heisst das, dass bei Dir überhaupt nichts angekommen ist, will sagen irgendetwas an "Emotionen" (ich kann das mal wieder nicht besser ausdrücken...)?
Hattest Du den Eindruck, er wolle vielleicht technische Probleme kaschieren? Oder ist seine "Rhetorik" einfach Ausdruck seiner Egozentrik oder sogar reine Willkür?

Ich war Sonntag bis Dienstag in HH ohne mich vorher um das kulturelle Programm zu kümmern (bis auf die derzeitige Ausstellung im Jenisch-Haus) und habe erst auf dem Rückweg im Radio die Ankündigung von Pogorelich gehört.
Einerseits bin ich froh, seinetwegen nicht verlängert zu haben, andererseits hätte ich mir gerne ein Bild von ihm gemacht...

Umso grösserer Dank für Deinen Bericht!

Nikolaus.
Rachmaninov (10.04.2008, 10:53):
Was will ein scheibar "ausgebrannter" Mensch als Pianist dem Publikum denn vermitteln wenn er innerlich "leer" scheint?
Jeremias (10.04.2008, 16:15):
Pogorelich ist der Pianist, den ich mit am öftesten gesehen habe. Das erste mal war es 1995 glaube ich, wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau. Was er damals bot (4 Scherzi von Chopin, Sinfonische Etüden von Schumann) war mit das beste, was ich am Klavier je gehört habe! Seitdem ging es leider nur noch bergab mit ihm. Erschüttert waren Siamak und ich vor 3 Jahren, als er in Essen nur noch ein Schatten seiner selbst war. Ich habe mir vorgenommen, ihn mit seinen alten Aufnahmen in Erinnerung zu behalten. Kein Wunder, dass er keine neuen mehr veröffentlicht....
Gamaheh (10.04.2008, 21:00):
Original von nikolaus
Du schreibst, dass er offenbar dem Publikum nichts mitteilen wollte/konnte... Heisst das, dass bei Dir überhaupt nichts angekommen ist, will sagen irgendetwas an "Emotionen" ?
Hattest Du den Eindruck, er wolle vielleicht technische Probleme kaschieren? Oder ist seine "Rhetorik" einfach Ausdruck seiner Egozentrik oder sogar reine Willkür?

Ja, Nikolaus, ich fürchte, so meinte ich das (wobei ich Deine anderen Punkte nicht ausschließen würde).

Ich hatte irgendwie den Eindruck von einem Experimentator, der sein Objekt seziert und dann ausprobiert, wie es wieder zusammenpaßt, aber ich will mich hier nicht zu sehr darüber auslassen. Es fand für mein Empfinden nichts an Kommunikation statt. Anderswo ging es um "authentische" Interpretationen - hier war nichts davon.

Ich war Sonntag bis Dienstag in HH ohne mich vorher um das kulturelle Programm zu kümmern (bis auf die derzeitige Ausstellung im Jenisch-Haus) .

Du hättest am Sonntag Gerrit Zitterbart im Museum für Kunst und Gewerbe hören können, das hätte Dir bestimmt gefallen (s.o.) - Deine Anwesenheit hätte durchaus einen Unterschied gemacht.
Was gab es denn im Jenisch-Haus?

Richard, Jeremias: Dann frage ich mich, warum er noch auftritt, wenn er dem Publikum nichts mehr zu sagen hat. Denn diese (beidseitige) Kommunikation ist für mich der Grund, warum ich ins Konzert gehe (und mich sogar im Regen in die Schlange stelle oder stundenlang auf einer harten Parkbank sitze), anstatt mir die Sachen zuhause bequem auf der Chaiselongue von der Konserve anzuhören. Wenn es funktioniert, ist es wunderbar, und wenn es nicht stattfindet, ist es traurig. Daß es gar nicht stattfindet, hatte ich - soweit ich mich erinnere - vorher noch nicht erlebt.

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (13.04.2008, 22:12):
Original von Gamaheh

Du hättest am Sonntag Gerrit Zitterbart im Museum für Kunst und Gewerbe hören können, das hätte Dir bestimmt gefallen (s.o.) - Deine Anwesenheit hätte durchaus einen Unterschied gemacht.
Was gab es denn im Jenisch-Haus?


Grüße,
Gamaheh

Ja, Zitterbart hätte ich wirklich gerne gehört, klingt interessant, was Du berichtet hast.

Im Jenisch-Haus gibt es noch bis November eine kleine Austellung dänischer Landschaftsmaler, vorwiegend 19.Jhdt.. Wenn man das mag, sicher sehr nett, aber meins ist es nicht so...

Gruß, Nikolaus.
Gamaheh (14.04.2008, 22:54):
Liebe Forenser,

Eigentlich wollte ich Euch nicht zum wiederholten Mal etwas vorrhapsodieren als weitere Variation zum Thema, aber nach dem Pogorelich-Erlebnis drängt es mich doch, dies nachzuholen, weil Bianconi so sehr das Gegenstück ist: Er kommuniziert intensiv mit dem Publikum, ohne sich jemals anzubiedern oder in irgendeiner Weise anzugeben (geschweige denn, einen ostentativ überzeugen zu wollen) – das ist ein Erlebnis, das man nur im Konzert haben kann.

Dies war ein Zwischenspiel meiner letzten Paris-Reise, wo sich die Sachen, die mich interessierten, am Wochenende abspielten. Zwischendurch war ich drei Tage in Rouen, eigentlich nur zu touristischen Zwecken, aber hier bot sich mir überraschend die Möglichkeit, Philippe Bianconi in einem Hörsaal der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu hören, der allen Ernstes gepolsterte Fauteuils hat.

Ich hatte Glück, noch einen Platz zu bekommen, denn der Hörsaal war voll, wenn auch offensichtlich nicht mit Studenten.

Bianconi spielte zunächst die Klavierstücke op.119 von Brahms, die ein so interessantes Bild des Komponisten in seiner Entwicklung (wenn auch umgekehrt) bieten und die ich mir nicht voneinander getrennt vorstellen kann. Ich stelle immer wieder fest, daß nichts über lebendige Musik im Konzertsaal geht, man hört dort Dinge, die auf der Konserve an einem vorübergehen würden (jedenfalls an mir). Hier fiel mir wieder einmal besonders auf, daß man bei Bianconi – wenn er einen guten Tag hat – den Eindruck hat, daß die Musik gerade beim Spielen entsteht: Es wird einem hier nichts Fertiges vorgespielt, sondern man wird Zeuge einer Entdeckung.

Es folgte Schumanns Fantasie in C op.17, und dies war sicherlich eine der beeindruckendsten Interpretationen, die ich von diesem Stück gehört habe. Ein Stück, das niemals gleich ist, das immer im Augenblick entsteht und das aus seinen Launen heraus jeweils den Launen des Pianisten ausgesetzt ist. Bianconi gab jeder ihrer Launen nach; hier war nicht nur Düsteres, sondern „Ruine, Siegesbogen, Sternbild“, am Ende ein wahrer Triumph des Seelenfriedens und der Hoffnung. Ich vermute, es geht an die Grenzen eines jeden Pianisten, dieses Stück mit einiger Intensität vor Publikum zu spielen ...

Im zweiten Teil – und hier stellte sich eine interessante Programmstruktur heraus – sechs sehr unterschiedliche Préludes von Debussy, wobei das erste in der Stimmung sehr an das erste Intermezzo aus Brahms’ op.119 erinnerte, der Rest folgte in diesem Sinne:

Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir
Ce qu’a vu le vent d’Ouest
La danse de Puck
La Puerta del Vino
La terrasse des audiences du clair de lune
Feux d’artifice.

"Was der Westwind sah", hat mich besonders beeindruckt. Debussy hat diese wunderbar poetischen Titel, die er immer an das Ende der Partitur geschrieben hat, gewissermaßen als Auflösung, zur Kontrolle, ob man das „Programm“ verstanden habe – hier war es nicht schwer.

Es folgten zwei alte Schlachtrösser von Chopin : die Barcarolle (Bianconi scheint sie zu spielen, wann immer sich eine Gelegenheit bietet; hier bemerke ich besonders, daß man im Takt 16 geradezu das Plätschern des Wassers gegen die Bordwand hört) und das Scherzo n.3.

Da uns das nicht langte, bekamen wir noch drei Zugaben: Chopins Mazurka in A, die Toccata aus Ravels Tombeau de Couperin, um dann mit der „zart und innig“ notierten Episode aus Schumanns Davidsbündlertänzen nach Hause geschickt zu werden – insgesamt ein sehr großzügiges Programm.

Grüße,
Gamaheh
Gerion (15.04.2008, 11:40):
Original von Jeremias
Gestern in der Düsseldorfer Tonhalle:
Düsseldorfer Symphoniker
Städt. Musikverein zu Düsseldorf e.V.
Marieddy Rossetto, Einstudierung
Tschechischer Philharmonischer Chor Brno
Petr Fiala, Einstudierung
Kinderchor der Städt. Clara-Schumann-Musikschule Düsseldorf
Justine Wanat, Einstudierung
Patricia Racette, Sopran
Anna Gabler, Sopran
Cordula Berner, Sopran
Katarina Karnéus, Mezzosopran
Renée Morloc, Mezzosopran
Mathias Schulz, Tenor
Stefan Heidemann
Jan-Hendrik Rootering, Bass

John Fiore, Dirigent

Ruzicka, MAELSTROM (Auftragswerk der Tonhalle)

Mahler, Symphonie Nr. 8 "Symphonie der Tausend" für drei Sopran- und zwei Alt-Soli, Tenor-, Bariton- und Baß-Solo, Knabenchor und zwei gemischte Chöre sowie großes Orchester


Also, die UA (die es schon am Freitag gab) war nichts besonderes. Der Intendant der Tonhalle erklärte nur, dass Ruzicka bereits vor 30 Jahren zur Eröffnung des Hauses etwas komponiert habe. Aber wenn Mahler's 8. auf dem Programm steht, dann kann man ja auch mal sowas vorab bringen.... und dann kam das Hauptwerk nach der Pause.... ich bin ja kein Fan von Mahler, aber ich kam gestern aus dem Konzert und mir fiel nur ein Wort ein: "Geil...." :engel Sorry, aber anders kann man es nicht beschreiben. Was abgeliefert wurde, das war eine Sternstunde der Orchesteraufführungen! Hinzu kam ein ca. 250 Mann/Frau starker Chor sowie ein Kinderchor, so dass es am Ende fast 450 Aufführende waren. John Fiore hatte bei seinem Abschiedskonzert als GMD sich selbst einen Traum erfüllt. Und der Beginn des 2. Satzes war dann DIE Sternstunde, die ich bei ihm über all die Jahre vermisst habe....

Lieber Jeremias,

ich war an diesem Abend ebenfalls in der Tonhalle. Es war mein erstes Konzert dort, und ich muss sagen, es ist ein schönes und akustisch gutes Haus. Vor wenigen Jahren sah das ja wohl noch anders aus, Stichwort Klopfgeist... :wink

Mich hat die Aufführung ebenfalls begeistert. Mahler 8 habe ich hier in einer Einspielung mit Rattle und dem CBSO u.a. hier, das Werk fand ich schon immer faszinierend, aber den richtigen Zugang erhielt ich durch die Live-Aufführung.

Wie haben Dir die Solisten gefallen? Ich konnte sie teilweise schlecht hören, Fiore hätte das Orchester z.T. etwas leiser spielen lassen sollen. Das könnte aber auch an meinem Sitzplatz gelegen haben, ich saß im Rang E (rechts).

Zu Ruzicka's Auftragswerk: Als die letzte Note verklungen war, stöhnte zwei, drei Reihen hinter mir eine betagtere Dame und seufzte Halblaut so etwas wie "na endlich...". Ich muss sagen, dass mich das Werk schon fasziniert hat. Sehr interessant fand ich, dass es meiner Freundin, deren Begleitung ich an diesem Abend genießen durfte, ebenfalls gefiel - obwohl sie mit Klassik nichts am Hut hat, schon gar nicht mit neuer Musik...

Herzliche Grüße,
Gerion
Jeremias (15.04.2008, 15:01):
@ Gerion: Ich glaube, wir haben da ziemlich in einer Ecke gesessen, wir waren auch dort oben im Rang. Kannst Du Dich da an die Frau erinnern, die zu Beginn des Mahlers fotografiert und dann einen auf den Deckel bekommen hat? Und es erging mir wie Dir, es war das Live-Erlebnis, das mir die Welt zu Mahler geöffnet hat.... die Aufnahme mit Rattle habe ich auch und ich habe sie Sa. noch einmal komplett gehört!
Gerion (15.04.2008, 15:38):
Lieber Jeremias,

nein, an diesen Vorfall kann ich mich leider nicht erinnern.

Du/Ihr wart nicht zufällig die zwei jungen Herren mit Partitur am äußersten Ende der Rangempore?

Grüße
Gerion
Jeremias (15.04.2008, 16:01):
Nein, meine bessere Hälfte ist kein Herr :engel
Gerion (15.04.2008, 16:56):
Original von Jeremias
Nein, meine bessere Hälfte ist kein Herr :engel

:D

Es war höchst interessant, die beiden Herren aus dem Augenwinkel zu beobachten. Ich glaube, es waren Musikstudenten o.ä., oder vielleicht haben sie bei der Choreinstudierung mitgewirkt. Einer von beiden hatte eine Partitur auf den Knien, beide gestikulierten mal zustimmend, mal ablehnend, und der rechts Sitzende musste sich beherrschen, um nicht die halbe Aufführung "mitzudirigieren". Ich habe die beiden aber im Endeffekt nur ab und an aus dem Augenwinkel beobachtet, weil ich selbst gespannt auf der Sesselkante saß.

Der Abend hat mich wieder darin bestärkt, mehr Musik live zu erleben. Derzeit bringe ich es auf ein Konzert alle sechs Wochen, ungefähr. Der nächste Termin sind die Alban Bergs in Köln, im Mai und Juni...

Mir kam die Tonhalle fast zu klein vor für Mahlers Achte. Was meinst Du/ meinen die anderen?
Jeremias (15.04.2008, 17:04):
Es ging mir genauso, aber alleine für die Sache an sich hat es sich gelohnt! Wann hört man denn mal Mahlers 8. live?
Gamaheh (16.04.2008, 09:28):
Original von Gamaheh
Es ging am Nachmittag weiter mit den Violinsonaten von Jean-Marc Philips-Varjabédian (dem Geiger des Wanderer-Trios) und Michael Lévinas (einem Sohn des Philosophen, wie sich herausstellte)


Hier könnt Ihr ein kleines Video von den beiden bei der Probe im Konzertsaal des Musée d'Orsay sehen.

Grüße,
Gamaheh
Gerion (19.04.2008, 19:53):
Ich besuchte gestern die Kölner Philharmonie und hörte:

Anton Webern
Passacaglia für Orchester op. 1

Alban Berg
Violinkonzert
"Dem Andenken eines Engels"

Henri Dutilleux
Mystère de l'instant

Claude Debussy
La mer
Drei sinfonische Skizzen für Orchester

Frank Peter Zimmermann, Violine
WDR Sinfonieorchester Köln
Jukka-Pekka Saraste, Dirigent


Ich muss sagen, dass ich mit gemischten Gefühlen nach Hause kam. Während der Passacaglia hatte ich das Gefühl, dass das Orchester sich noch nicht warmgespielt hatte. Schlimm wurde es dann für mich bei dem Violinkonzert: Ich konnte stellenweise (sehr oft!) den Solisten wirklich überhaupt nicht aus dem Gesamtklang heraushören. Es muss wohl eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen sein: Zimmermann spielt eher zurückhaltend-vorsichtig, hatte ich den Eindruck. Zudem saß ich im Block N, in einem Winkel von 45-80 Grad zu seinem "Klangabstrahl" gesehen (er stand links vom Dirigenten und schräg der mir abgewandten Seite des Saals zugewandt). Ich hatte außerdem das Gefühl, dass Zimmermann an manchen Stellen klanglich unterging, weil das Orchester sehr laut spielte. Insgsamt eine Enttäuschung, ich hatte mir vom Live-Erlebnis sehr viel mehr erwartet, gerade weil ich Zimmermanns Aufnahmen sehr schätze und ihn schon immer einmal live hören wollte. Ich werde mich bei Solistenkonzerten nicht mehr in die hinteren Reihen setzen- was bei meinem Budget bedeutet, dass ich bis auf weiteres keine mehr hören kann. Schade.

Dutilleux und Debussy waren gut, aber ich war frustriert und konnte nicht mehr genießen.

Ich werde mir das Konzert gleich im WDR noch einmal anhören.
Gamaheh (23.04.2008, 21:44):
Original von Gerion
Zudem saß ich im Block N, in einem Winkel von 45-80 Grad zu seinem "Klangabstrahl" gesehen (er stand links vom Dirigenten und schräg der mir abgewandten Seite des Saals zugewandt). Ich hatte außerdem das Gefühl, dass Zimmermann an manchen Stellen klanglich unterging, weil das Orchester sehr laut spielte. Insgsamt eine Enttäuschung, ich hatte mir vom Live-Erlebnis sehr viel mehr erwartet,

Ich werde mir das Konzert gleich im WDR noch einmal anhören.

Lieber Gerion,

wie hat es sich denn aus dem Radio angehört ? Das müßte Dir doch eigentlich Aufschluß darüber gegeben haben, ob es im Konzert an Deiner ungünstigen Position lag oder am Zusammenspiel zwischen Orchester und Solist. Ich kenne glücklicherweise überwiegend Konzertsäle, in denen man überall gut hört, wenn auch nicht unbedingt sieht.

Grüße,
Gamaheh
Gerion (23.04.2008, 22:26):
Liebe Gamaheh,

ich habe hier mit Nikolaus darüber gesprochen, als die Empfehlung für die Radioaufzeichnung aufkam.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich FPZ zwar besser, aber nicht optimal gehört habe, und das Zusammenspiel m.E. nicht besonders toll war.

Liebe Grüße,
Gerion
Gerion (03.05.2008, 10:58):
Gestern erlebte ich "meine" Alban Bergs in der Kölner Philharmonie. Gegeben wurde Haydn op. 77, 1 Hob. III:81 G-dur, Alban Bergs Streichquartett op. 3 (1910), und nach der Pause Beethoven op. 132 a-moll.

Es war, wie immer, Musizieren auf höchstem Niveau. Haydn spielten sie leicht und doch tiefgründig; Berg voller Inbrunst, und Beethoven hat mir die Schuhe ausgezogen.

Es war ihr vorletztes Konzert in Köln, am 22.6. wird es noch ein Abschiedskonzert geben. Aber dies hier war das letzte "normale" Quartettkonzert. Es hat mir während Beethoven einige Male die Kehle zugeschnürt. Die Bergs haben mich an das Streichquartett herangeführt, als ich vor einigen Jahren mit Schuberts "Tod und das Mädchen" mein erstes Quartett hörte, spielten sie zufällig einen Tag später in der Philharmonie. Ich ging hin, und wurde begeistert. Durch ihre stringente Integration neuerer Werke öffnete sich mein Horizont für die Musik des 20. Jahrhunderts. Ich war richtig wehmütig, als ich gestern nach Hause ging. Ich sah beim Verlassen der Philharmonie kurz Herrn Pichler, überlegte kurz, ob ich ihn ansprechen soll, wollte ihn dann aber nicht stören.

Ein wahnsinnig schöner und bewegender Abend für mich. :down
Gamaheh (03.05.2008, 22:11):
Herzlichen Glückwunsch, Gerion !
Original von Gerion
Ich sah beim Verlassen der Philharmonie kurz Herrn Pichler, überlegte kurz, ob ich ihn ansprechen soll, wollte ihn dann aber nicht stören.

Vielleicht hätte er sich gefreut !

Grüße,
Gamaheh
Gerion (04.05.2008, 10:43):
@Gamameh: Er hätte mich wohl eher stellvertretend für die ganzen "Huster" verprügelt... :D

Nein, natürlich nicht. Ich weiß nicht, er schien in Eile, und da wollte ich eben nicht stören.
HenningKolf (26.05.2008, 22:34):
"Gestern im Konzert" nicht, aber morgen auch nicht.....

Passt nicht wirklich hierhin, aber loswerden muss ich es (und ein neuer Faden ist auch nicht angezeigt):

Ende Juli kommt Alfred Brendel auf seiner Abschiedstournee, man mag es kaum glauben, in die tiefste Provinz, nämlich in meinen Wohnort Neubrandenburg...
Wer hat zu spät davon erfahren und keine Karte bekommen?

Natürlich ich Dösbaddel........ :S :S :( X(
Gamaheh (26.05.2008, 22:43):
Original von HenningKolf
"Gestern im Konzert" nicht, aber morgen auch nicht.....

Passt nicht wirklich hierhin, aber loswerden muss ich es (und ein neuer Faden ist auch nicht angezeigt):

Ende Juli kommt Alfred Brendel auf seiner Abschiedstournee, man mag es kaum glauben, in die tiefste Provinz, nämlich in meinen Wohnort Neubrandenburg...
Wer hat zu spät davon erfahren und keine Karte bekommen?

Natürlich ich Dösbaddel........ :S :S :( X(

"Dösbaddel" klingt richtig und trifft auch auf mich zu mit meiner Abneigung, Karten im Vorverkauf zu erstehen - das ist mir am letzten Donnerstag hier auch passiert. Neubrandenburg ist aber doch eine Hochburg des MVP-Musikfestivals (oder wie immer es heißt) ??! Also von wegen "tiefste Provinz"!

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (27.05.2008, 21:37):
Am Sonntag spontan in der Kölner Philharmonie:

Münchner Philharmoniker
Christian Thielemann

R. Schumann: Ouvertüre aus "Manfred" op. 115

J. Brahms: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77
mit Gil Shaham als Solisten, seinetwegen bin ich
v.a. da gewesen

R. Schumann: Sinfonie Nr. 4 d-moll op.

Zugabe: Hermann u. - wie hiess sie noch gleich? - Dorothea

Shaham ist wirklich klasse: schöner Ton, schöne Gestaltung :down

Tielemann u. sein Orchester fand ich phasenweise sehr gut, phasenweise etwas "massig" und dadurch träge.

Die Zugabe empfand ich wirklich als "Rausschmeisser", ehrlich gesagt: gähnend langweilig :ignore

Nikolaus.
Gerion (28.05.2008, 09:28):
Hallo Nikolaus,

danke für die interessante Beschreibung - ich hatte auch geliebäugelt, war aber von den Preisen abgeschreckt worden... :(
HenningKolf (03.06.2008, 10:47):
Original von Gamaheh
Original von HenningKolf
"Gestern im Konzert" nicht, aber morgen auch nicht.....

Passt nicht wirklich hierhin, aber loswerden muss ich es (und ein neuer Faden ist auch nicht angezeigt):

Ende Juli kommt Alfred Brendel auf seiner Abschiedstournee, man mag es kaum glauben, in die tiefste Provinz, nämlich in meinen Wohnort Neubrandenburg...
Wer hat zu spät davon erfahren und keine Karte bekommen?

Natürlich ich Dösbaddel........ :S :S :( X(

"Dösbaddel" klingt richtig und trifft auch auf mich zu mit meiner Abneigung, Karten im Vorverkauf zu erstehen - das ist mir am letzten Donnerstag hier auch passiert. Neubrandenburg ist aber doch eine Hochburg des MVP-Musikfestivals (oder wie immer es heißt) ??! Also von wegen "tiefste Provinz"!

Grüße,
Gamaheh

Na ja, sicherlich ist das Festival eine gute Sache, aber Künstler mit dem Renomé von Brendel (und bei mir kommt hinzu, dass ich ihn im Gegensatz zu sehr vielen Forenmitgliedern gerne höre) lassen sich schon selten blicken...er spielt in der hiesigen Konzert"kirche" , was den Vorteil einer passablen - wenn auch möglicherweise leicht halligen - Akustik hat. Das ist bei den hiesigen "Festspielen Mecklenburg-Vorpommern" nämlich durchaus nicht immer der Fall.

Gruß
Henning
Jeremias (18.06.2008, 12:51):
Gestern in der Essener Philharmonie: Gabriela Montero

Im 1. Teil spielte sie die Bach-Chaconne (nach Busoni) sowie Chopins 3. und 1. Ballade, getrennt durch die Polonaise-Fantaisie. Im zweiten Teil spielte sie dann vor ihrem Improvisationspart den 1. Mephisto-Walzer von Liszt.

Also, ich habe sie jetzt 3x live gesehen und als "normale" Pianisten hat sie wirklich nicht viel zu sagen. Sehr viel Pedal, sehr viel umnebelt, teilweise keine Melodieführung mehr hörbar.... Schade!

Dafür hat der 2. Teil dann entschädigt :cool
nikolaus (21.06.2008, 00:12):
Krystian Zimerman beim Klavierfestival Ruhr in Duisburg.

Ich fand's sehr spannend, will aber Jeremias nicht vorgreifen... :D

Nikolaus.
Jeremias (23.06.2008, 14:07):
:haha

Ich schließe mich dem an...

Pach, 2. Partita: Unglaublich, diese Beherrschung der völligen Trennung der beiden Hände... ich habe die Ecksätze noch nie in so einem Tempo gehört... bei der Sarabande beispielsweise dann ließ er mit ganz wenigen Tönen den Saal regelrecht erstarren....

Beethoven op.111: Ebenfalls eine Offenbarung! Er hat es geschafft, dieses Werk mit Elan und "Drive" zu spielen und erzeugte eine unglaubliche Spannung, es kam niemals Langeweile auf...

Brahms op.119: Ebenfalls eine Meisterleistung. Zimerman ist ja bekanntlich ein sehr guter Brahms-Interpret

Szymanowski's Variationen über ein polnisches Thema: Zimerman der Virtuose, der seine Technik stets in den Dienst des Werkes stellt....

Ein unglaublicher Abend...

:times10
Jeremias (23.06.2008, 15:03):
Gestern in der Oper Wuppertal: Peter Grimes von Benjamin Britten

Ich wäre freiwillig nie in diese Oper gegangen, da Britten's Musik mir absolut nicht liegt. Es bot sich aber die günstige Gelegenheit, dieses Werk kennenzulernen.

Ich tue mir mit englischsprachiger Musik immer schwer und so war es auch gestern. Zudem sind die tragische Handlung und die Musik, die teilweise an Fragmente erinnert, nicht sehr fördernd. Alles in allem war es interessant sich hiermit auseinander zu setzen. Aber so schnell werde ich mir die Oper nicht noch einmal ansehen.

:ignore
nikolaus (23.06.2008, 21:53):
Original von Jeremias
:haha

Ich schließe mich dem an...

Pach, 2. Partita: Unglaublich, diese Beherrschung der völligen Trennung der beiden Hände... ich habe die Ecksätze noch nie in so einem Tempo gehört... bei der Sarabande beispielsweise dann ließ er mit ganz wenigen Tönen den Saal regelrecht erstarren....

Beethoven op.111: Ebenfalls eine Offenbarung! Er hat es geschafft, dieses Werk mit Elan und "Drive" zu spielen und erzeugte eine unglaubliche Spannung, es kam niemals Langeweile auf...

Brahms op.119: Ebenfalls eine Meisterleistung. Zimerman ist ja bekanntlich ein sehr guter Brahms-Interpret

Szymanowski's Variationen über ein polnisches Thema: Zimerman der Virtuose, der seine Technik stets in den Dienst des Werkes stellt....

Ein unglaublicher Abend...

:times10

Dem schliesse ich mich in allen Punkten an!!

Als Info für die anderen: Zimerman liess nach der Patita die Klaviatur auswechseln, und selbst ich habe den Unteschied gehört - beeindruckend!!

Ein faszinierender Abend!
Amadé (05.07.2008, 20:36):
Gestern in Bad Kissingen

Zu Beginn die Rumänischen Volkstänze von Bela Bartok. Nach dem 1.Satz brach der Dirigent ab und erklärte dem Publikum die Hintergründe ihrer Entstehung. Als Zeugen kamen dann 3 Musiker, 2 Violinen und Kontrabass, aufs Podium und spielten Bartoks Vorlagen, Volkstänze aus Transsilvanien. Das war eine Augen- und Ohrenweide. Riesiger Beifall. Danach die letzten 3 Sätze in Bartoks Bearbeitung. Kurz vor Schluss des letzten Satzes kamen während der Aufführung die 3 "Zigeuner"-Musiker wieder aufs Podium und brachten in ihrer unnachahmlichen Art zusammen mit dem Festival-Orchester des Werk zu Ende. Das Publikum tobte, vielleicht auch wegen der gelungenen pädagogischen "Lehrstunde".
Danach Dvoraks Violinkonzert a-moll op.53 mit dem jungen griechischen Geiger Leonidas Kavakos, temperamentvoll dargeboten, ohne das die lyrischen Abschnitte zu kurz kamen. Als Zugabe erklang ein modernes Stück, könnte zu Schnittke passen, bin mir aber nicht so sicher, da ich von ihm zu wenig kenne.
Nach der Pause die 2. von Brahms, zigmal schon gehört, aber immer wieder gern, vor allem dann, wenn sie nicht so tiefschürfend und lastig interpretiert wird, sondern mehr von der Sonne des Wörthersees erzählt, so bot sie Ivan Fischer und das Budapest Festival Orchestra dar. Für den großen Beifall gewährten die Musiker noch eine Zugabe, die Tritsch-Tratsch-Polka von J.Strauß.
Der weite Weg nach Kissingen hatte sich für mich gelohnt. Nächste Woche Sonntag dann Sokolov in Dortmund.

Grüße Amadé
Jeremias (09.07.2008, 00:43):
Gestern in der Dortmunder Philharmonie:


Martha Argerich
Mischa Maisky


Ludwig van Beethoven
Sieben Variationen für Klavier und Violoncello über das Duett Es-Dur WoO 46 »Bei Männern, welche Liebe fühlen« aus Mozarts Oper »Die Zauberflöte«

Edvard Grieg
Sonate für Violoncello und Klavier a-Moll op. 36

P A U S E

Olivier Messiaen
»Louange à l’Eternité de Jésus« für Violoncello und Klavier Nr. 5 aus: »Quatuor pour la fin du temps« für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier

Dmitrij Shostakovich
Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40

Als Zugabe: der langsame satz aus Rachmaninoffs Cellosonate sowie die 3 Fantasiestücke op.73 von Schumann

Kritik folgt.... nur soviel: Ich habe den Herrn neben mir sehr glücklich gemacht! Ich hatte eine Karte übrig und er war der erste, der sie abkaufen wollte. Standen direkt 5 Leute um mich rum.... :leb
nikolaus (09.07.2008, 20:57):
Original von Jeremias
Gestern in der Dortmunder Philharmonie:


Martha Argerich
Mischa Maisky


Ludwig van Beethoven
Sieben Variationen für Klavier und Violoncello über das Duett Es-Dur WoO 46 »Bei Männern, welche Liebe fühlen« aus Mozarts Oper »Die Zauberflöte«

Edvard Grieg
Sonate für Violoncello und Klavier a-Moll op. 36

P A U S E

Olivier Messiaen
»Louange à l’Eternité de Jésus« für Violoncello und Klavier Nr. 5 aus: »Quatuor pour la fin du temps« für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier

Dmitrij Shostakovich
Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40

Als Zugabe: der langsame satz aus Rachmaninoffs Cellosonate sowie die 3 Fantasiestücke op.73 von Schumann

Kritik folgt.... nur soviel: Ich habe den Herrn neben mir sehr glücklich gemacht! Ich hatte eine Karte übrig und er war der erste, der sie abkaufen wollte. Standen direkt 5 Leute um mich rum.... :leb

Wieder will ich Jeremias nicht vorgreifen, aber ich kann besagten Herren sehr gut verstehen!

Mir gibt Martha Argerichs Spiel unglaublich viel :down

Nikolaus.
Jeremias (09.07.2008, 21:04):
Mir auch! Es ist unglaublich, was sie für Töne auf dem Klavier zaubert.... ich denke an die Staccato-Stellen in der Grieg-Sonate, den Schmelz bei Beethoven oder die Repetitionen im 2. Satz der Schostakowitsch-Sonate. Letzte habe ich letztes Jahr mit Maisky und seiner Tochter gehört... welch ein Unterschied!

Aber irgendwas hat mir gestern gefehlt... vielleicht waren es die Stücke... die Grieg-Sonate besteht aus vielen einzelnen Fragmenten, man muss sich ständig umstellen. Messiaen ist nicht mein Fall und dann Schostakowitsch hinterher war am Ende für mich etwas zuviel. Ich hätte mir die ganze Rach-Sonate gewünscht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich momentan etwas abgespannt und urlaubsreif bin und auch der gestrige Tag nicht gerade erholsam im Büro war.

Aber Martha ist und bleibt eine Göttin am Klavier und Maisky hat gerade bei Messiaen mit seinem Ton unglaublich beeindruckt!

Jetzt kommt Sokolov am Dienstag!

@ Nikolaus: Wo hast Du gesessen? Wir waren oben im 2. Balkon rechts ziemlich in der Mitte
nikolaus (09.07.2008, 22:27):
Mir hat das Programm sehr gut gefallen:
Erst die Variationen von Beethoven zum Einstimmen des Publikums.
Danach die Grieg-Sonate als Steigerung.
Nach der Pause eine andere Grundstimmung, wieder mit einem sozusagen einführendem Stück (Messiaen, wobei mich dieser Satz aus dem Quatuor pour la fin du temps trotz oder gerade wegen seiner Schlichtheit sehr beeindruckt) und als Höhepunkt Shostakovich.
Aber du hast schon Recht, es ist keine Musik zum "Erholen". Ich war zwar vorher einigermassen entspannt, dafür aber halb tot, als ich im Bett war.

Mich fesselt Martha Argerich immer wieder.
Es ist unglaublich, welche Kraft und Geschwindigkeit sie aus dem Nichts entwickelt und dabei äusserlich weitgehend ruhig bleibt. Es ist, als könnte sie ihre Wahnsinns-Energie ganz gezielt durch ihre Arme und Hände in die Tasten lenken. Und im nächsten Moment zaubert sie die zartesten Töne. Diese Flexibilität und Kontrolle ist fantastisch.
Ausserdem beeindruckt mich eine Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit in ihrem Spiel, die ich bei anderen so nicht erlebe. Und immer wieder spürt und sieht man ihren Spaß an der Musik.

Mischa Maisky ist ähnlich flexibel (wahrscheinlich funktionieren sie deshalbe auch so gut zusammen), wobei ich den Eindruck habe, daß er dann doch ab und zu die Kontrolle verliert und es etwas arg wild wird. Aber auch er spielt wundervolle Töne, die direkt ins Herz gehen.

Kurz: ein grandioser Abend mit zwei schönen Zugaben!

Ganz beseelt, Nikolaus.

@ Jeremias: Ich saß in der zweiten Reihe der Chorempore von der Bühne aus gesehen rechts. Für 25€ nah am Geschehen, eigentlich gar nicht schlecht dort.
Ich konnte zwar ihre Hände nicht sehen, dafür aber ihr Gesicht. Zwischendurch hat sie immer wieder gelächelt, als wenn ihr eine Passage gerade besonders geglückt ist - zum Dahinschmelzen...
Zelenka (11.07.2008, 14:57):
Gestern abend war ich ueberraschend im Eroeffnungskonzert des "Mostly Mozart"-Festivals 2008 im Londoner Barbican: Haydns D-Dur-Cellokonzert mit dem Solisten Claudio Boho'rquez, Mozarts Klavierkonzert No. 27 mit Steven Osborne, die Academy of St Martin in the Fields unter Andreas Delfs dann zum Schluss allein in Beethovens Symphonie No. 1. Insgesamt mehr als solide Leistungen von allen Beteiligten. Am meisten beeindruckte mich vielleicht die mit grosser Verve gespielte Symphonie. (Links hinter mir sass uebrigens der Pianist Stephen Hough.)

Vor dem Konzert eine knapp einstuendige Panel-Diskussion mit spaeterer kurzer Beteiligung des Publikums zur Frage, ob Mozart oder Beethoven der bessere Komponist sei. Sehr ernstgemeint war die Diskussion nicht, man kann sie sich vielleicht so auch nur in England vorstellen. Am Ende stimmte das Publikum ab, nachdem der Moderator gefragt hatte, wer von den beiden Komponisten aus der Gondel des Ballons geworfen werden sollte. Mozart flog (trotz "Mostly Mozart"), Beethoven blieb ...

Gruss, Zelenka
Sarastro (11.07.2008, 18:15):
Original von Zelenka
Gestern abend war ich ueberraschend im Eroeffnungskonzert des "Mostly Mozart"-Festivals 2008 im Londoner Barbican: Haydns D-Dur-Cellokonzert mit dem Solisten Claudio Boho'rquez, Mozarts Klavierkonzert No. 27 mit Steven Osborne, die Academy of St Martin in the Fields unter Andreas Delfs dann zum Schluss allein in Beethovens Symphonie No. 1. Insgesamt mehr als solide Leistungen von allen Beteiligten. Am meisten beeindruckte mich vielleicht die mit grosser Verve gespielte Symphonie. (Links hinter mir sass uebrigens der Pianist Stephen Hough.)

Vor dem Konzert eine knapp einstuendige Panel-Diskussion mit spaeterer kurzer Beteiligung des Publikums zur Frage, ob Mozart oder Beethoven der bessere Komponist sei. Sehr ernstgemeint war die Diskussion nicht, man kann sie sich vielleicht so auch nur in England vorstellen. Am Ende stimmte das Publikum ab, nachdem der Moderator gefragt hatte, wer von den beiden Komponisten aus der Gondel des Ballons geworfen werden sollte. Mozart flog (trotz "Mostly Mozart"), Beethoven blieb ...

Gruss, Zelenka

Lieber Zelenka,
auch wenn´s nicht ernst gemeint war - peinlich, lächerlich und irgendwie unwürdig ist so ein Zirkus aber doch schon, finde ich. Und das auch noch nach einer Aufführung mit KV 595, Mozarts letztem Klavierkonzert, das zweifellos zu den subtilsten und spirituellsten Werken dieses Genres zählt (auch wenn ich mir nach Deiner Schilderung gut vorstellen kann, daß Beethovens - an Tiefe aber natürlich bei allem Respekt nicht mit KV 595 vergleichbarer - symphonischer Erstling überzeugender interpretiert wurde).
Abgesehen davon sollten die Engländer dankbarer sein und "ihren" Haydn nicht vergessen. Der hätte nämlich zusammen mit Mozart und Beethoven in der Gondel bleiben müssen ...

Herzliche Grüße,
Sarastro
Zelenka (12.07.2008, 12:31):
Original von Sarastro
Original von Zelenka
Gestern abend war ich ueberraschend im Eroeffnungskonzert des "Mostly Mozart"-Festivals 2008 im Londoner Barbican: Haydns D-Dur-Cellokonzert mit dem Solisten Claudio Boho'rquez, Mozarts Klavierkonzert No. 27 mit Steven Osborne, die Academy of St Martin in the Fields unter Andreas Delfs dann zum Schluss allein in Beethovens Symphonie No. 1. Insgesamt mehr als solide Leistungen von allen Beteiligten. Am meisten beeindruckte mich vielleicht die mit grosser Verve gespielte Symphonie. (Links hinter mir sass uebrigens der Pianist Stephen Hough.)

Vor dem Konzert eine knapp einstuendige Panel-Diskussion mit spaeterer kurzer Beteiligung des Publikums zur Frage, ob Mozart oder Beethoven der bessere Komponist sei. Sehr ernstgemeint war die Diskussion nicht, man kann sie sich vielleicht so auch nur in England vorstellen. Am Ende stimmte das Publikum ab, nachdem der Moderator gefragt hatte, wer von den beiden Komponisten aus der Gondel des Ballons geworfen werden sollte. Mozart flog (trotz "Mostly Mozart"), Beethoven blieb ...

Gruss, Zelenka

Lieber Zelenka,
auch wenn´s nicht ernst gemeint war - peinlich, lächerlich und irgendwie unwürdig ist so ein Zirkus aber doch schon, finde ich. Und das auch noch nach einer Aufführung mit KV 595, Mozarts letztem Klavierkonzert, das zweifellos zu den subtilsten und spirituellsten Werken dieses Genres zählt (auch wenn ich mir nach Deiner Schilderung gut vorstellen kann, daß Beethovens - an Tiefe aber natürlich bei allem Respekt nicht mit KV 595 vergleichbarer - symphonischer Erstling überzeugender interpretiert wurde).
Abgesehen davon sollten die Engländer dankbarer sein und "ihren" Haydn nicht vergessen. Der hätte nämlich zusammen mit Mozart und Beethoven in der Gondel bleiben müssen ...

Herzliche Grüße,
Sarastro

Lieber Sarastro:

Der Name Haydn wurde in der Diskussion nicht genannt, seine Verdienste um das englische Musikleben waren zumindest vorgestern in Vergessenheit geraten.

Wie gesagt: Sehr ernsthaft ging es nicht zu, allerdings sehr sachkundig schon z.T. (Ein wenig erinnerte das gestellte Thema an Faeden, die ein schlaefriges Klassikforum ein wenig beleben sollen ...) Alle Teilnehmer schaetzten beide Komponisten, Mozart und Beethoven, und es ist ja niemand wirklich in grosser Hoehe aus einer Gondel geworfen worden. Und ich gebe Dir hier recht, dass Mozarts letztes Klavierkonzert insgesamt eine tiefschuerfendere Leistung als Beethovens erste Symphonie darstellt.

Ich hatte in meinem Bericht vergessen, das spektakulaere Feuerwerk nach dem Konzert zu erwaehnen.

Gruss, Zelenka
Heike (12.07.2008, 17:50):
@ Jeremias und Nikolaus

Danke für den Bericht! Ich werde M. Argerich mit exakt dem gleichen Programm im November in der Berliner Philharmonie hören und freue mich schon sehr!
Hebre
nikolaus (12.07.2008, 23:12):
Wann spielen sie denn in Berlin?
Am 26.11. sind sie auch in Hamburg, und ich überlege, als HH-affiner dorthin zu pilgern...

:hello Nikolaus.
Jeremias (14.07.2008, 00:44):
Soeben zurück aus Dortmund. Sokolov gab einen eindrucksvollen Abend mit 2 Sonaten von Mozart und den Preludes von Chopin sowie insgesamt 6 Zugaben (jew. 3x Chopin & Skriabin).

für mich DAS Highlight des diesjährigen Festivals!

:engel

Mehr dazu morgen!

Gute Nacht
Heike (14.07.2008, 07:17):
Hallo,
Wann spielen sie denn in Berlin?
24.11. - Es sind noch Karten da, siehe
http://www.musikadler.de/index.php?id=10 (Meisterkonzerte)
Hebre
Amadé (15.07.2008, 21:12):
Eigentlich wollte Jeremias vom Konzert am Sonntagabend mit Grigory Sokolov berichten, er schreibt sicher noch was. Da ich Morgen in den Urlaub fahre und dann einige Zeit nicht mehr erreichbar bin, möchte ich hier noch kurz meinen Eindruck wiedergeben.
Das Programm: Mozart Sonaten KV 280 und 332, nach der Pause Chopins 24 Preludes op.28.
Nach den Preludes sagte eine Dame hinter mir zu einer Nachbarin: "Der holt das Letzte aus der Musik heraus!" Damit hatte sie Sokolovs Kunst auf das Genaueste charakterisiert, man kann gewiss Mozarts Sonaten anders interpretieren, schneller im Tempo, eleganter, mit perlenderen Läufen, aber nicht wahrhaftiger.
Noch eine Bemerkung zu Chopin: das erste der Preludes wird oft als Einspielstück vorgestellt, es kommt darauf an, die Zuhörerschaft in Chopins Klavierwelt aufzunehmen, mehr nicht. Nicht so bei Sokolov, hier konnte man ein genau charakterisiertes kleines Kunstwerk erleben, das einen Anfang und nach einigen Sekunden ein folgerichtiges Ende fand, klanglich genau abgetönt, sofern man sich sofort auf das Spiel des Pianisten konzentrierte. Nach fast 45 Min. hatte Sokolov das Letzte aus den Preludes herausgeholt. Kann ihm das irgendein Pianist nachmachen?

Grüße Amadé
Gamaheh (15.07.2008, 22:28):
Liebe Forenser,

nach einem weiteren Kurztrip letzte Woche berichte ich:

Das Festival Chopin, das die französische Chopin-Gesellschaft in diesem Jahr zum 25. Mal in der Orangerie des Parc de Bagatelle in Paris ausrichtet, steht diesmal unter dem Motto „Chopin en miroir“. In jedem der Abendkonzerte (es finden auch andere statt) wird Chopin einem anderen Komponisten gegenübergestellt. Diese „Concerts aux chandelles“ verdanken ihre besondere Atmosphäre den Kerzen, die nicht nur die Bühne beleuchten, sondern auch den wunderschönen Park und nach Schluß der Veranstaltung den Weg zurück zum Ausgang. Sie ziehen ein Publikum aller Altersgruppen an (auch Kinder!) und sind vermutlich stets ausverkauft.

http://www.proettlin.de/forum/Or_Bagatelle.jpg

Über die Orangerie habe ich bereits anderswo berichtet. Die Akustik ist zweifelhaft, und die Struktur selbst könnte ein bißchen liebevolle Aufmerksamkeit vertragen. Ein merkwürdiges Knistern oder Rascheln begleitete das Konzert, das ich besuchte, und der geringe Regen, der fiel, kann das nicht verursacht haben; ich dachte an kleine Nager im Gebälk!

Diese Konzerte beginnen um 20h45, und das von mir besuchte dauerte gute zwei Stunden mit einer kleinen Pause von zehn Minuten – kaum genügend Zeit, um ein wenig im kerzenbeleuchteten Park zu lustwandeln.

http://www.proettlin.de/forum/Or_Bag_Jard_kl2.jpg

Am 10. Juli spielte Philippe Bianconi Chopin, und der Komponist im Spiegel war (unüberraschenderweise) Schumann.

Zunächst zwei der kleinen Fantasiestücke op.12 von Robert Schumann: „Des Abends“ bereitete gewissermaßen die Stimmung: Ein einfaches, unprätentiöses Stück, so einfach gespielt, wie es nur ein großer Musiker kann.* Dann folgte „In der Nacht“, ein Kontrast der Unruhe, der sogleich gespiegelt wurde von den beiden Nocturnes op. 27: der Alptraum gefolgt von seinem (hier) friedvollen, selig-verträumten Gegenstück, wieder in aller ihm gemäßen Einfachheit. (Jemand erzählte mir, daß M-A. Hamelin dieselben Nocturnes einige Tage zuvor am selben Ort völlig anders gespielt hätte, und beide Interpretationen hätten sie überzeugt.)

Der Höhepunkt der ersten Hälfte war dann die Fantaisie op.49 (über die man vielleicht auch noch mehr sagen müßte), die ich noch nie so konzentriert gehört hatte, wahrscheinlich weil dieses Stück, das so kontrastreich und widerborstig ist, in den mir bekannten Aufnahmen oft entweder einfach auseinanderfällt oder geglättet wird (Ausnahme ist Jorge Bolet, bei dem nichts auseinanderfällt und der auch nichts glättet). Bianconi gestaltet einen sinnvollen Spannungsbogen über den Marsch (den er ungeniert martialisch spielt), einen lyrischen Teil, ein Triumphlied, eine Trauerepisode ...; alle diese heterogenen Episoden – so kontrastreich wie das Leben selbst – verschmelzen zu einer sinntragenden Einheit, vielleicht gerade weil die Widersprüche akzeptiert werden.

Und dann das 2. Scherzo, ein Stück, von dem ich glaubte, die besten Interpretationen schon gehört zu haben. Hier verrät Bianconi gleich am Anfang, daß er es anders sieht (nicht nur als die anderen Pianisten, sondern anscheinend auch als Chopin), als er auf die sotto voce Frage (so erscheint es hier) der ersten drei Takte nicht – wie wir es gewohnt sind – eine selbstbewußt auftrumpfende ff Entgegnung folgen läßt, sondern ein schüchternes, zweifelnd gehaltenes Echo. Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob es Hinweise gibt, die das rechtfertigen, aber warum er das macht, erklärt sich im folgenden: Der Dialog, der Kontrast, entwickelt sich erst allmählich.

Hier ist dieses Scherzo nicht einfach ein elegantes Stück voller Panache, sondern ein Werk voller Spannung, das sich – auch hier aus einem inneren Dialog, aus Gegensätzen – entwickelt. Es hat einen Anfang, eine Steigerung, einen Höhepunkt und eine Auflösung, es wird zum Drama. Ohne Zweifel: auch hier Eleganz und Panache, aber noch viel mehr. Ich kenne nicht viele Pianisten, die ein Stück in seiner dramatischen Entwicklung so spannend gestalten können – und gerade die Werke, die man meint zu kennen.

In der zweiten Häflte dann zunächst ein reizendes kleines Stück von Fauré, Le jardin de Dolly, das ursprünglich für Klavier zu vier Händen geschrieben wurde, in einer Transkription von Alfred Cortot, als Hommage an den Park (ein weiterer Bestandteil der diesjährigen Konzerte).

Es folgten dann die gegenseitigen Widmungen: Chopins 2. Ballade und Schumanns Kreisleriana, über die ich anderswo ausführlich geschrieben habe und dem ich im Moment nichts hinzufügen kann.

Als Zugaben, um die Gegenüberstellung zu komplettieren, Schumanns Chopin-Episode aus dem Carnaval, „Aufschwung“ aus den Fantasiestücken, und zu guter letzt noch Chopins Mazurka in a op.67/4.

Es gibt gewiß extravertiertere Musiker mit mehr Charisma, die das Publikum mit eigenwilligen, virtuosen Interpretationen und durch Affirmation der eigenen Persönlichkeit unterhalten, beeindrucken oder überwältigen. Aber ich kenne keinen, der großzügiger das Glück, das ihm die Musik so offensichtlich beschert, mit seinem Publikum teilt. Die lautere, ernste Hingabe, mit der er das macht, überzeugt jedesmal.

Grüße,
Gamaheh

*Bruno Walter drückt es so aus: „(E)s gehört, angesichts des Ringens um größte Wirkungen, wie es in der heutigen Musiköffentlichkeit üblich ist, Mut dazu, eine einfach gemeinte Phrase einfach zu spielen.“ (Von der Musik und vom Musizieren. o.O.: S. Fischer Verlag, 1977. S.86)
nikolaus (15.07.2008, 23:44):
Liebe Gamaheh!

Hochacktung, so eine schöne Konzert-Beschreibung habe ich noch nicht gelesen. Man meint, dabei gewesen zu sein. :down

Schon alleine das Konzertprogramm verdient Beachtung, wie ich finde. Ich mag solche Programme, in denen man einen roten Faden erkennt und interessante Gegenüberstellungen "serviert" bekommt, wirklich sehr gerne. Und wie Bianconi das Programm gestaltet hat, spricht schon für ihn...

Gratuliere zu diesem schönen Konzertabend!

Nikolaus.
Gamaheh (16.07.2008, 19:42):
Danke, Nikolaus !

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (18.07.2008, 23:37):
Bevor ich mich aufmache zum nächsten SHMF-Event noch kurz ein Bericht über den ersten dieser Saison.

Ein sogenanntes "Musikfest auf dem Lande" mitten in Hamburg, auf der Großbaustelle Hafen-City. Die ländliche Atmosphäre wurde durch überall herumliegende Strohballen und Strandkörbe simuliert :

http://proettlin.de/forum/HCC_Land_kl.jpg

Normalerweise lasse ich mich auf solche Überraschungskonzerte nicht ein, wo man gar nicht weiß, was einen erwartet, aber diesmal dachte ich "was soll's" und bin gleich tief in die Kammermusik gefallen ! (Am früheren Nachmittag hätte ich noch Klaviermusik hören können ...)

In der ersten Hälfte gab es - nach einer Einführung durch einen inanen bayrischen Abgesandten von NRD-"Kultur" eine Streicherformation mit Namen "Iturriaga-Quartett", die zunächst etwas von Juan Crisóstomo de Arriaga (Streichquartett Nr.3 in Es) spielte, der nicht viel zustande gebracht hat, weil er schon mit 20 Jahren irgendeiner Seuche erlag - der "spanische Mozart", wie der Einführer ihn nannte... Danach ein Stück von dem mir bis dato völlig unbekannten Eduard Toldrá (1895 - 1962), "Vistas al mar - poetische Erinnerungen", das mir eigentlich sehr gut gefiel (hat jemand von Euch schon mal von diesem Komponisten gehört ?). Als Zugabe etwas von Piazolla, auf das ich gut hätte verzichten können. Alles jedenfalls sehr spanisch, obwohl doch das Motto des diesjährigen SHMF "Russisch gestimmt" ist (mit Matrioschkas und allem).

Dann gab es eine Pause, die - wohl mit Rücksicht auf die darbende Gastronomie - so lang war (eine geschlagene Stunde), daß ich die zweite Hälfte nicht mehr erleben durfte, weil ich noch anderes vorhatte. Sonst hätte ich das Calmus Ensemble Leipzig mit diversen eher interessanten Sachen hören können ...

Als Kuriosität und mit Hinblick auf einen anderen Faden: Vor dem Konzert wurden die Kinder im Publikum (die vermutlich gekommen waren, um das Konzert zu hören) von einem Animateur mit gutem Hamburger Namen abgeführt, um kindermäßige Aktivitäten zu verfolgen, während die Erwachsenen Musik hörten (es waren immerhin fünf).

Das "Hamburg Cruise Center", in dem diese Veranstaltung stattfand, ist eine behelfsmäßige Konstruktion aus diversen Containern und ein bißchen Glas. Das ebenfalls aus Blech bestehende Dach ruht auf einer Holzbalkenkonstruktion. Dafür ist die Akustik enorm gut (was ich nicht erwartet hätte), und ich frage mich, warum man an die 400 Millionen oder so für eine Elbphilharmonie ausgibt, wenn es auch so geht ...

http://proettlin.de/forum/HCC_innen_kl.jpg

Auf dem Rückweg habe ich noch einen Blick auf die Baustelle "Elbphilharmonie" geworfen, die auch nicht im entferntesten so aussieht, als könnte sie in einem Jahr fertig sein (was man ja auch inzwischen aufgegeben hat).

Grüße aus der wachsenden Metropole,
Gamaheh
nikolaus (19.07.2008, 00:24):
Nur fünf Erwachsene im Publikum? :I

Dabei hat die Location tatsächlich was...

Besten Dank für die Eindrücke (vielleicht hätte ich doch nach HH ziehen sollen...!?).

Gruß, Nikolaus.
Zelenka (19.07.2008, 16:17):
Gestern abend das erste Konzert der diesjaehrigen Proms in der Londoner Albert Hall. Leider war ich aus Gesundheitsgruenden nicht am Ort des Geschehens, sondern musste mich mit der Fernsehuebertragung auf BBC 2 begnuegen. Traditionell spielt am ersten Abend das BBC SO, der Dirigent war Jiri Belohlavek.

Das Programm war recht eklektisch, eine vielleicht etwas seltsam anmutende Mischung:

Zuerst Richard Strauss' pompoeses "Festliches Praeludium" von 1913, bei dem die kolossale Orgel der Albert Hall gleich am Anfang schon zum Einsatz kam, unterstuetzt von sehr wirkungsvollen Blechblaesern, dann, leicht und spritzig, Mozarts Oboenkonzert KV 314 mit dem ausgezeichneten Solisten Nicholas Daniel. Danach Strauss' "Vier letzte Lieder" gesungen von Christine Brewer, die kurzfristig fuer die eigentlich vorgesehene Karita Mattila eingesprungen war. Eine durchaus passende Stimme, die aber ein wenig besser artikulieren koennte ...

Nach der Pause wieder die maechtige Orgel. Wayne Marschall spielte den letzten Satz aus Messiaens "La nativite' du Seigneur", Anlass war der 100. Geburtstag des Komponisten in diesem Jahr. Anschliessend Beethovens nicht besonders inspiriertes Rondo fuer Klavier und Orchester in B-Dur mit Aimard als Solisten, der im Anschluss dann ohne Orchester noch Elliot Carters recht neue und offensichtlich sehr schwierige "Catenaires" spielte. Dieses Toccata-artige Werklein schien Aimard bestens zu liegen. (Auch Elliot Carter ist dieses Jahr 100, im Unterschied zu Messiaen weilt er aber noch unter uns.) Kroenender Abschluss war dann ein vielleicht letztlich nicht ganz lebhaft genug gespieltes "Poem der Extase" von Scriabin, das aber auch so einen guten Eindruck hinterliess. Lebhafter Beifall.

Zur Erinnerung: Saemtliche Proms-Konzerte sind eine Woche lang nach ihrer Sendung via Internet zu hoeren (> www.bbc.co.uk/radio3/).

Gruss, Zelenka
Leif Erikson (19.07.2008, 17:15):
Hallo Zelenka,

der link funzt so nicht, aber so:

http://www.bbc.co.uk/radio3/

bzw. http://www.bbc.co.uk/iplayer/search/radio/?q=Proms


Gruß Leif


P.S. ich wußte gar nicht wie Royal Albert Hall aussieht:

http://www.pollstaronline.com/CIC2004/images/2003/RoyalAlbertHall-exterior.jpg
Cosima (19.07.2008, 17:23):
Original von Zelenka
Leider war ich aus Gesundheitsgruenden nicht am Ort des Geschehens, sondern musste mich mit der Fernsehuebertragung auf BBC 2 begnuegen.


Das ist schade, wo Du doch so nahe dran am Geschehen warst! Belohlavek würde ich auch zu gerne einmal live erleben. Allerdings lieber mit einem anderen Programm. :wink

Gruß, Cosima
Zelenka (19.07.2008, 17:24):
Original von Leif Erikson
Hallo Zelenka,

der link funzt so nicht, aber so:

http://www.bbc.co.uk/radio3/

bzw. http://www.bbc.co.uk/iplayer/search/radio/?q=Proms


Gruß Leif

Lieber Leif:

Herzlichen Dank fuer die Hinweise! Ich haette den Link natuerlich ueberpruefen muessen, weil ich ihn nicht einfach kopieren konnte. Jetzt funktioniert er uebrigens.

Gruss, Zelenka
Zelenka (19.07.2008, 17:26):
Original von Cosima
Original von Zelenka
Leider war ich aus Gesundheitsgruenden nicht am Ort des Geschehens, sondern musste mich mit der Fernsehuebertragung auf BBC 2 begnuegen.


Das ist schade, wo Du doch so nahe dran am Geschehen warst! Belohlavek würde ich auch zu gerne einmal live erleben. Allerdings lieber mit einem anderen Programm. :wink

Gruß, Cosima

Ich aergere mich auch! Das Programm war wirklich ungeheuer heterogen ...

Gruss, Zelenka
Gamaheh (19.07.2008, 19:35):
Original von nikolaus
Nur fünf Erwachsene im Publikum? :I


Lieber Nikolaus,

Du hast recht: Ich sollte so spät keine Beiträge mehr schreiben !

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (19.07.2008, 19:49):
Lieber Zelenka,

ich hoffe, es geht Dir inzwischen besser !

In der Albert Hall habe ich seinerzeit mein erstes Konzert gehört, es gab irgendwas von Tschaikowsky, genaueres weiß ich nicht mehr; ich hatte einen Stehplatz ganz, ganz oben, aber ich fand es toll !

Belohlavek habe ich mal gehört, als er James Levine ersetzte; Yundi Li spielte Chopins erstes Klavierkonzert, und dann die fünfte (glaube ich) Symphonie von Beethoven, die nach dem ersten Satz unterbrochen werden mußte, weil mehrere Dutzend Leute in der Pause nicht genug Zeit gehabt hatten, ihren Sekt zu trinken und sich Küßchen zu geben. Eigentlich hätte es als geschlossene Veranstaltung der UBS-Aktionäre (vermute ich) deklariert werden müssen.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (19.07.2008, 19:51):
Liebe Forenser,

um Mißverständnissen vorzubeugen und aus aktuellem Anlaß : Die von mir hier eingestellten Fotos sind ausschließlich solche, deren Urheberin und Rechteinhaberin ich bin.

Grüße,
Gamaheh
Leif Erikson (19.07.2008, 22:05):
Hallo Gamaheh,

mache ich Probleme mit dem Bildchen von der Royal Albert Hall ?

Gruß Leif

P.S. habe gerade den Beitrag "Fremde Quellen" gelesen und das Bild von der Royal Albert Hall durch einen link ersetzt. Ist das dann korrekt?
Gamaheh (20.07.2008, 00:12):
Original von Leif Erikson
Hallo Gamaheh,

mache ich Probleme mit dem Bildchen von der Royal Albert Hall ?

Gruß Leif

P.S. habe gerade den Beitrag "Fremde Quellen" gelesen und das Bild von der Royal Albert Hall durch einen link ersetzt. Ist das dann korrekt?

Lieber Leif,

mir macht das gar keine Probleme, was Du für Bilder einstellst. Ich meinte nur, das schreiben zu sollen, weil ich gerade eine PN mit einem entsprechenden Hinweis bekommen hatte.

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Ich suche mal "Fremde Quellen" und schreibe dort die Fortsetzung, da sie dort wohl eher hingehört.
Rachmaninov (20.07.2008, 11:33):
Original von Leif Erikson
Hallo Gamaheh,

mache ich Probleme mit dem Bildchen von der Royal Albert Hall ?

Gruß Leif

P.S. habe gerade den Beitrag "Fremde Quellen" gelesen und das Bild von der Royal Albert Hall durch einen link ersetzt. Ist das dann korrekt?

Ja, sollte so besser sien :hello
Gamaheh (21.07.2008, 01:45):
Liebe Forenser,

ich habe mal wieder live-Eindrücke gesammelt, und zwar gestern in der „Konzertscheune“ Wotersen: Unter dem Motto „Come together“ kamen drei Pianisten zusammen, um einen Beitrag zum Ankauf der Handschrift der Diabelli-Variationen durch das Beethoven-Haus in Bonn zu leisten.

Im ersten Teil spielten Christoph Eschenbach und Tzimon Barto die Sonate für zwei Klaviere in f op.34b von Johannes Brahms, von der ich nicht wußte, daß es sie gab. Bei den ersten Tönen erkannte man jedoch sofort das Brahmssche Klavierquintett, und im Programm las ich dann, daß es ursprünglich ein Streichquintett werden sollte, die Mehrheit aber nicht damit einverstanden war, so daß Brahms es für zwei Klaviere umschrieb; auch dieses fand nicht den ihm gebührenden Anklang, so daß es schließlich in drittem Leben gewissermaßen als Synthese der ersten beiden Versuche zum Klavierquintett wurde. Ich muß gestehen, daß ich es in der Form des Quintetts vorziehe. Der Somnoleszenz-Faktor war streckenweise recht hoch.

Das Highlight des Abends waren nach der Pause die Diabelli-Variationen, die Stefan Vladar eindrucksvoll in all ihrer Vielfalt als organisches Ganzes darbot, in ruppigen bis zu lyrischen und gar humorvollen Tönen, wobei es ihm sogar gelang, die eigentlich gräßliche Akustik der Scheune zu zähmen – entsprechend aufmerksam und wach war ich. Eine beeindruckende körperliche und intellektuelle Leistung !

Nach einer weiteren Pause – der Notenständer stand schon auf dem Flügel, und so wußte man, wer nun spielen würde – erklärte uns Christoph Eschenbach, daß als nächstes dieses Stück von einem portugiesischen Komponisten, Patrício da Silva (Jg. 1973) auf dem Programm stand, weil er gerade den Tzimon-Barto-Kompositionswettbewerb gewonnen hatte, den der gleichnamige Pianist ins Leben gerufen hatte. Teil des Preises sei es, daß Barto zwei Jahre lang in jedem seiner Recitals dieses Stück spielt – dies war die europäische Uraufführung. Barto gehört zwar gewiß nicht zu meinen Lieblingspianisten, aber das ist sicherlich eine großartige Idee, um zeitgenössische Komponisten zu fördern, und mehr als eine schöne Geste.

Im übrigen fand ich das Stück recht interessant („Three Movements for Piano solo“): Ohne sich von der Tradition der Tonalität zu verabschieden, war es doch sicher auch keine Pseudo-Klassik und auch kein bloßes Geklimper; ich würde es gerne nochmal hören.

Es folgte Beethovens Appassionata-Sonate op.57 mit Herrn Barto am Flügel. Ich kann mich mit Bartos Manierismen nicht anfreunden (Jazz-Elemente scheinen mir nicht so recht zu Beethoven zu passen); den langsamen Mittelsatz spielte er, als spielte er ihn zum ersten Mal, als würde er ihm nichts bedeuten; der letzte Satz war lau (falls man sich das vorstellen kann).

Alles in allem war es doch ein durchaus erlebenswerter Abend.

Grüße,
Gamaheh

http://www.proettlin.de/forum/Wotersen.jpg
Zelenka (22.07.2008, 20:27):
Original von Gamaheh
Lieber Zelenka,

ich hoffe, es geht Dir inzwischen besser !

In der Albert Hall habe ich seinerzeit mein erstes Konzert gehört, es gab irgendwas von Tschaikowsky, genaueres weiß ich nicht mehr; ich hatte einen Stehplatz ganz, ganz oben, aber ich fand es toll !

Belohlavek habe ich mal gehört, als er James Levine ersetzte; Yundi Li spielte Chopins erstes Klavierkonzert, und dann die fünfte (glaube ich) Symphonie von Beethoven, die nach dem ersten Satz unterbrochen werden mußte, weil mehrere Dutzend Leute in der Pause nicht genug Zeit gehabt hatten, ihren Sekt zu trinken und sich Küßchen zu geben. Eigentlich hätte es als geschlossene Veranstaltung der UBS-Aktionäre (vermute ich) deklariert werden müssen.

Grüße,
Gamaheh

Liebe Gamaheh:

Inzwischen bin ich wieder zurück, es geht mir einigermaßen. Die Proms gehen weiter ...

Die Atmosphäre bei den Proms in der Albert Hall ist schon einzigartig, obwohl sie schon aus akustischen Gründen nicht zu den besten Konzertsälen der Welt gehört.

Gruß, Zelenka
Gamaheh (23.07.2008, 20:24):
Original von Zelenka
Liebe Gamaheh:

Inzwischen bin ich wieder zurück, es geht mir einigermaßen. Die Proms gehen weiter ...

Die Atmosphäre bei den Proms in der Albert Hall ist schon einzigartig, obwohl sie schon aus akustischen Gründen nicht zu den besten Konzertsälen der Welt gehört.

Gruß, Zelenka

Lieber Zelenka,

das freut mich zu hören! Leider kommen die Dinge oft nicht zur rechten Zeit.

Mit den Proms hatte ich immer Schwierigkeiten, da ich mich nie mit dem Sitzen auf dem Boden anfreunden konnte ...

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (23.07.2008, 22:01):
Weil das SHMF in seiner Planung keine Rücksicht auf mich nimmt, mußte ich am Montag schon wieder in die Hamburg umgebende Provinz, um die Rellinger Kirche (ein interessanter oktagonaler Bau) aufzusuchen, in der an diesem Abend Natalia Gutman und Elisso Virssaladze spielten (meine Annäherung an die Kammermusik geht weiter).

Das Konzert begann mit für hiesige Verhältnisse enormer Verspätung, da die Künstlerinnen anscheinend noch üben mußten (was aus den Nebengelassen zu uns drang). Auch hatten sie kurzfristig entschieden, nicht Beethovens Sonate für Horn (Violoncello) und Klavier in F op.17 zu spielen, sondern die Cellosonate in g op.5/2.

Diese allerdings spielten sie ganz wunderbar, mit Leidenschaft und Wärme (wenn auch im letzten Satz ein wenig zu schnell für meine Vorstellungen): zwei Vollblutmusikerinnen, die (auch offensichtlich) schon oft miteinander musiziert haben und auch die sicherlich spezielle Akustik der Kirche zu nutzen wußten.

Es folgte die Cello-Sonate in a op.36 von Grieg und nach der Pause Rachmaninoffs Cello-Sonate in g op.19. Beide letztere kannte ich nicht, insofern kann ich nur nach erstem Eindruck sagen, daß ich sie gerne noch öfters hören möchte.

Als Zugabe Beethovens Variationen über ein Thema von Händel (mir bekannt als „Tochter Zion“, aus Judas Maccabäus, wenn ich mich nicht irre).

Das Konzert wurde vom NDR mitgeschnitten und soll am 23. August 2008, 22.30 bis 24.00 Uhr gesendet werden.

Grüße,
Gamaheh
Zelenka (24.07.2008, 13:04):
Original von Gamaheh
Original von Zelenka
Liebe Gamaheh:

Inzwischen bin ich wieder zurück, es geht mir einigermaßen. Die Proms gehen weiter ...

Die Atmosphäre bei den Proms in der Albert Hall ist schon einzigartig, obwohl sie schon aus akustischen Gründen nicht zu den besten Konzertsälen der Welt gehört.

Gruß, Zelenka

Lieber Zelenka,

das freut mich zu hören! Leider kommen die Dinge oft nicht zur rechten Zeit.

Mit den Proms hatte ich immer Schwierigkeiten, da ich mich nie mit dem Sitzen auf dem Boden anfreunden konnte ...

Grüße,
Gamaheh

Liebe Gamaheh:

Wenn man etwas mehr bezahlt, kann man natürlich auf reserviertem Gestühl sitzen ...

Gruß, Zelenka
Gamaheh (10.08.2008, 20:35):
Liebe Forenser,

das Schleswig-Holstein Musik Festival geht weiter, und auch wenn ich beschlossen habe, in diesem Jahr nicht an abwegigere Orte zu fahren, gibt es doch genug zu hören.

Der englische Pianist – wieviele englische Pianisten kennen wir, und wieviele treten hier jemals auf ? – Paul Lewis, „Ziehsohn“ von Alfred Brendel, spielte im Rahmen von etwas, das offenbar „Brendel-Projekt“ heißt.

Paul Lewis spielte also an diesem düsteren, unwetterschwangeren Abend (7.8.) im Festsaal des Reinbeker Schlosses, einem relativ kleinen Saal, der gerade 200 Plätze hat, also einem recht intimen Ambiente.

http://proettlin.de/forum/ReinbekSchk.jpg

Das Programm begann mit Mozarts Fantasie KV 475, nicht gefolgt von der Sonate KV 457, sondern von Ligetis Musica ricercata. Der noch einigermaßen junge (Jg. 1972) Pianist wirkte übermäßig ernst und hier für meine Begriffe zu bedächtig. Er spielte wunderschön, überlegt, ohne Mätzchen, aber doch sehr unspannend. Ich dachte, eigentlich ist er zu jung, um so zu spielen, so etwas kann bei einem Greis möglicherweise ganz anders wirken, aber nur bei einem Greis ...

Dann kamen glücklicherweise diese mir bis dahin unbekannten, hochinteressanten Stücke von Ligeti (elf an der Zahl), die eigentlich das Highlight des Abends waren und wirklich spannend.

Spannend war vor allem die Zusammenstellung des Programms, wie sich nach und nach herausstellte. Diese Ligeti-Stücke sind sehr unterschiedlich, von einzelnen, lang gezogenen Tönen (in den ersten beiden Stücken dachte ich, das Instrument wird hier nicht wirklich bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten geführt), über geradezu liebliche, walzerhafte Episoden, die durch zornige, geradezu destruktive Akkorde immer wieder abgebrochen werden (Nr.5, glaube ich), bis zum letzten Stück, das mich in seiner Struktur enorm an den Anfang der Mozart-Fantasie erinnerte.

Das folgende Rondo KV 511 spielte der Pianist gewissermaßen übergangslos nach dem Ligeti, und einen Augenblick war man wie im Niemandsland – ich wußte nich, wo ich war : bei Ligeti oder bei Mozart (dieselbe Tonart: a-Moll – gut, das mit der Tonart erklärte mir jemand, der was davon versteht, aber der Eindruck war richtig).

Nach der Pause dann die Schubert-Sonate D.894, die wiederum für mein Gefühl stark Bezug nahm auf das schon erwähnte 5. (?) Stück von Ligeti, ebenfalls mit von (hier allerdings nicht so eklatanten) Temperamentsausbrüchen durchbrochener Walzerseligkeit. Der Pianist ging ein wenig mehr aus sich heraus, ohne es zu übertreiben.

Als Zugabe gab es dann noch Schuberts Allegretto, und man hatte den Eindruck eines – wenn auch flüchtigen – Lächelns auf dem Antlitz des Pianisten.

http://proettlin.de/forum/PL_k.jpg

Das Konzert wurde vom NDR aufgezeichnet, aber ein Sendetermin stand noch nicht fest.

Auf dem Rückweg in der Bahn sprach ich mit einer anderen Konzertbesucherin, die die Anwesenheit des Meisters im Publikum bemerkt hatte (der offenbar nicht da war, um gesehen zu werden) – kein Wunder, daß der junge Mann so gehemmt wirkte ... Diese Frau hatte auch – im Gegensatz zu mir – das Programmheft studiert und konnte mir mitteilen, daß die Idee des nahtlosen Überganges vom Ligeti zum Mozart von Brendel stammte.

Beste Grüße,
Gamaheh
satie (10.08.2008, 20:50):
Liebe Gamaheh,
das Programm hört sich in der Tat spannend an, obwohl gerade dieser Ligeti eigentlich nicht auseinandergenommen werden darf; die Musica Ricercata, ein sehr frühes Werk von Ligeti, hat einen einfachen Bauplan: das erste Stück benutzt nur einen einzigen Ton (in allen Oktavlagen), ich glaube a. Dann kommt mit jedem Stück ein Ton dazu, bis am Ende alle 12 da sind. Die zweite Nummer wurde nicht zuletzt durch Kubricks "Eyes wide shut" sehr bekannt (wo sie fantastisch hineinpasst!). Ligeti hat übrigens einige dieser Stücke dann später zu seinen Bagatellen für Bläserquintett verarbeitet.
Ob man nun diese so streng aufgebauten Stücke mit Mozart paaren kann? Ich weiß es nicht, Grundsätzlich finde ich solcherlei Gegenüberstellungen hochinteressant, ich erinnere mich vor allem an ein tolles Konzert mit Tetzlaff, Kashkashian (keine Ahnung, ob der Name richtig geschrieben ist) und ich glaube Zacharias...ist ja auch egal, jedenfalls wurden da jeweils die Klavierquartette von Mozart Stücken von Webern (es waren die kurzen Stücke für Cello, bzw. Violine und Klavier) gegenübergestellt, was ich sehr schön fand. Auf jeden Fall sind mir solche bewusst kontrastierenden (?) Programme lieber als die ewig chronologisch vorgehenden.

Herzlich,
S A T I E
Gamaheh (11.08.2008, 20:15):
Lieber Satie,

vielen Dank für Deine Erklärungen!

Original von Satie
obwohl gerade dieser Ligeti eigentlich nicht auseinandergenommen werden darf;
Es wurde ja auch nicht auseinandergenommen, sondern alle elf Stücke wurden nacheinander gespielt.

Ob man nun diese so streng aufgebauten Stücke mit Mozart paaren kann? Ich weiß es nicht, Grundsätzlich finde ich solcherlei Gegenüberstellungen hochinteressant,

Für mein Empfinden hat es jedenfalls funktioniert - es war das eigentlich Interessante an diesem Abend.

Grüße,
Gamaheh
ab (12.08.2008, 21:19):
War zwar schon vorgestern, aber doch:

Belshazzar
(London, 1745)
Oratorium in drei Teilen von Georg Friedrich Händel | 1685-1759
Libretto von Charles Jennens, in englischer Sprache

René Jacobs (Musikalische Leitung)
Christof Nel (Regie)
Roland Aeschlimann (Bühnenbild)
Bettina Walter (Kostüme)

Kenneth Tarver (Belshazzar)
Rosemary Joshua (Nitocris)
Bejun Mehta (Cyrus)
Kristina Hammerström (Daniel)
Neal Davies (Gobrias) u.a.

RIAS KAMMERCHOR BERLIN
AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK BERLIN

Dieses Jahr war das Orchester wieder brilliant.

Der Star des Abends: der RIAS Kammerchor. :down :down :down
Selbst die solistisch eingesetzten Choristen waren in Puncto Kolloraturberherrschung, Agogik, Dynamik und Musikalität den Solisten weit voraus!

Es ist ein Jammer, dass bei den Festwochen immer seltener ausgewiesene Gesangsspezialisten der Barockzeit eingesetzt werden, sondern Sängerinnen und Sänger des eher jüngeren Spektrums der Musikgeschichte mit den entsprechenden, in der Regel wenig erfreulichen Vibratotechniken. :S

Dennoch: Ein sehr erfreulicher Opernabend!

Jetzt freue ich mich schon sher auf die zweite "Opernproduktion der Festspiele (die diesese Jahr Oratorien sind):

„Il martirio di Sant’Agnese“
Oratorium in zwei Teilen von Bernardo Pasquini | 1637-1710
Libretto von Kardinal Benedetto Pamphili, in italienischer Sprache


Alessandro de Marchi (Musikalische Leitung)
Vincent Boussard (Regie)
Vincent Lemaire (Bühnenbild)
Stéphanie Zani (Kostümbild)

Emmanuelle de Negri (Sant’Agnese)
Kristina Hansson (Madre di Sant’Agnese)
Martin Oro (Flavio)
Kobie van Rensburg (Aspasio)
Antonio Abete (Prefetto)

ACADEMIA MONTIS REGALIS

L’ASTRÉE, das Kammermusikensemble der ACADEMIA MONTIS REGALIS war bereits recht erfreulich ende Juli zu hören gewesen: Durch das Zusammenleben und -studieren in der Akademie ist größte Vertrautheit und geschultes Aufeinanderhören gegeben!
Jürgen (05.09.2008, 10:34):
Gestern war ich, wenn auch nicht im Konzert, so doch bei einer Toninstallation im Darmstädter Wasserreservoir auf der Mathildenhöhe.

http://blog.fishandchips.cc/uploads/DSC_4074_small.jpg

Es wurde "Stimmungen" von Stockhausen gespielt. Die Aufnahme stammt aus einer Turnhalle in Darmstadt aus dem Jahre 1972.

http://blog.fishandchips.cc/uploads/DSC_4073_small.jpg

Das Wasserreservoir ist sehr interessant. Man geht dort in Gummistiefeln durch etwa 15cm tiefes Wasser. Es ist ein wenig unheimlich aber beeindruckend. Ausserdem sehr hallig.

http://blog.fishandchips.cc/uploads/DSC_4071_small.jpg

Ich war etwa zehn Minuten allein dort unten und konnte der Musik aufmerksam lauschen. Um es rundheraus zu sagen, ich würde sie mir freiwillig nicht noch einmal anhören. Dezente Bach'sche Orgelmusik hätte mir an diesem Ort besser gefallen. "Stimmungen" ist so ein obertonreiches Gesäusel/Gejammere, was meditativ sein soll, es vielleicht auch ist, wenn man sich unter großen Anstrengungen sehr weit öffnet.
Möglicherweise tue ich dem Werk Unrecht, weil es etwa 80 Minuten lang ist und ich nur einen relativ kurzen Ausschnitt gehört habe.

Als dann eine Schulklasse hinzukam, wurde es laut und es wurde viel mit Blitz fotographiert. Ich flüchtete.

Aber das Wasserreservoir ist schon einen Besuch wert.

Grüße
Jürgen

P.S: Die Toninstallation gibt es nur noch bis Sonntag, 7.9.08.
Rachmaninov (05.09.2008, 11:02):
@Jürgen,

ein Kollege von mir war vor kurzem auch da und war völlig begeistert ...

:hello
Jürgen (05.09.2008, 11:16):
Original von Rachmaninov
@Jürgen,

ein Kollege von mir war vor kurzem auch da und war völlig begeistert ...

:hello

Ich bin ja auch begeistert, in erster Linie allerdings vom Wasserreservoir.

Hier mal ein Eindruck, den ich bei DuTube gefunden habe.

Hier ist der Ton besser

Grüße
Jürgen
Rachmaninov (05.09.2008, 13:10):
Original von Jürgen
Original von Rachmaninov
@Jürgen,

ein Kollege von mir war vor kurzem auch da und war völlig begeistert ...

:hello

Ich bin ja auch begeistert, in erster Linie allerdings vom Wasserreservoir.

Hier mal ein Eindruck, den ich bei DuTube gefunden habe.

Hier ist der Ton besser

Grüße
Jürgen

Der Kollege meinte sinngemäß: Der Komponist wäre an sich schwierig, aber im Umfeld wäre es stimmig gewesen!
Cosima (13.09.2008, 13:50):
Gestern in der hiesigen Stadthalle:

IGOR STRAWINSKY: Vier norwegische Stimmungsbilder

JEAN SIBELIUS: Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47
Solist: Frank Peter Zimmermann

RICHARD STRAUSS: Also sprach Zarathustra op. 30

Frank Peter Zimmermann war sehr gut aufgelegt, er spielte mit sicht- und hörbarer Spielfreude, wirkte auch insgesamt sehr gelöst und sympathisch. Sein Spiel war schon fantastisch – vom Ansatz her eher schlank, aber mit viel Wärme und Leidenschaft, mit zügigen Tempi. Zimmermann spielte eine Stradivari aus dem Jahr 1711, die einst dem großen Geiger Fritz Kreisler gehörte. (Leider spielte das Orchester nicht auf dem gleichen Niveau, gab jedoch sicher sein Bestes… )

Als Zugabe spielte Zimmermann vor dem begeisterten Publikum Paganinis Variationen über „God save the Queen“. Man muss das auch gesehen haben – ungeheuerlich, mit welchen technischen Schwierigkeiten er hier mühelos fertig wurde! Bravo! :)

Der Strawinsky war eher zum Warmwerden; was den Strauss angeht... das schweige ich besser.

Gruß, Cosima
Rachmaninov (15.09.2008, 11:24):
Original von Cosima
Als Zugabe spielte Zimmermann vor dem begeisterten Publikum Paganinis Variationen über „God save the Queen“. Man muss das auch gesehen haben – ungeheuerlich, mit welchen technischen Schwierigkeiten er hier mühelos fertig wurde! Bravo! :)

Gruß, Cosima

Habe ich live auch schon erlebt. Mit V. Repin in Müchen.
Findet man auch auf youtube.de einige Video's zu.

:wink
Leif Erikson (18.09.2008, 23:59):
(aus Versehen doppelt gepostet)
Leif Erikson (19.09.2008, 00:03):
Am Dienstag, 16.9.08 war ich im ersten "Meisterkonzert" dieser Saison im Musensaal des Rosengartens Mannheim, d.h. Staatsphilharmonie Rheinland/Pfalz (eigentlich) unter Ari Rasilainen, den ich sehr schätze. Er hat in seiner nach dieser Saison zuende gehenden Amtszeit das Orchester um mehrere Klassen verbessert. Das Programm war:

1.) Bartok, Violinkonzert Nr. 2 mit Patrizia Kopatchinskaja, Violine

2.) Bruckner Symphonie Nr. 3

Über die Symphonie nach der Pause möchte ich nur sagen, daß kaum ein guter Einsatz gespielt wurde. Ich war so schlagartig müde, daß es nur die berühmte sekundäre Müdigkeit gewesen sein kann. Es war offensichtlich, daß das Stück kaum geprobt worden war. Besonders die Bläser haben gepatzt und dann wieder äußerst virtuose Passagen sehr gut gespielt, die wohl schon geprobt worden waren.
Ari Rasilainen war aus "persönlichen" Gründen verhindert. Es dirigierte ein junges Nachwuchstalent aus Moskau, dessen Namen ich mir nicht merken konnte und jetzt auch nicht im Internet finde. Ich möchte wetten er konnte nur am Aufführungstag mit dem Orchester proben. Beim Violinkonzert hat er überzeugt.

Das Bartoksche Violinkonzert mit Kopachtinskaja hat alle diese Probleme
jedoch überstrahlt. Kopatchinskaja war Weltklasse, technisch, emotional, im Zusammenspiel mit dem begeisterten Orchester. Man sieht Ihr auch die - wohl als Markenzeichen gedachten - kleinen Mätzchen nach: Auftritt im Abendkleid jedoch barfuß, gelegentliches patschendes treten des Takts und Aufstampfen sowie häufiges Rückenkehren weil sie mit dem Orchester kommunizieren wollte. Das kannte ich bisher nur von Proben.
Ganz offensichtlich ist das 2. Violinkonzert von Bartok eines Ihrer Lieblingsstücke. Sie war 100% motiviert. Von CD kenne ich keine an diese Aufführung heranreichende Einspielung (Hörproben bei jpc). Seltsamerweise findet man kaum bekannte Namen unter den Aufnahmen. Gitlis wäre wahrscheinlich interessant.
Ich habe eine Aufnahme vom Radio auf einer DVD Audio, die nicht viel Platz bietet für die Dokumentation. Leider weiß ich nicht wer gespielt hat. Sie ist lange nicht so gut wie diese Aufführung war.
Kann mir jemand eine gute Einspielung empfehlen?
Ich wüßte auch gern wie das seltene Tasteninstrument heißt, was im Orchester mitgespielt hat. Es sah zwar aus wie ein Klavier aber durch die durchbrochene Rückwand des Instrumentes glaubte ich Orgelpfeifen zu sehen. Der Klang war eher wie ein Glockenspiel oder eine Okarina.

Die ausschließlich solistische Zugabe war verblüffend originell, virtuos und humorvoll. Sie mußte neben dem Geigenspiel sehr viele Geräusche und Jodler machen sowie Grimassen schneiden und fast schon tanzen. Leider konnten mir die Musiker auch nicht sagen, wer der Komponist war. Das Publikum hat gerast und die Bravos nahmen kein Ende.

Den Namen Kopatchinskaja wird man sich merken müssen.

Gruß, Leif.
satie (19.09.2008, 00:13):
Lieber Leif,
jenes ominöse Tasteninstrument ist eine Celesta. Dieses Instrument benutzte (wahrscheinlich) erstmals Tschaikowsky im Nussknacker (Die Zuckerfee!). Das Instrument gibt es erst seit Ende der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Bartok scheint es sehr gemocht zu haben, es gibt ja die berühmte Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Das Instrument trägt keine Orgelpfeifen, sondern Metallstäbe (Stahlplatten, die mit Filzhämmerchen angeschlagen werden) in seinem Inneren. Das Glockenspiel klingt um einiges penetranter als die Celesta (wobei es natürlich verschiedene Bauarten des Glockenspiels gibt).

Bei der Okarina allerdings musst Du etwas durcheinanderbringen, das wäre nämlich eine in verschiedensten Formen anzutreffende Ton-"Flöte". So klingt die Celesta entschieden nicht, sie ist ja ein Klaviatur-Idiophon. Was Du gemeint haben könntest, kommt mir leider auch nicht in den Sinn...

Kopatchinskaja war mir auch schon positiv aufgefallen, ich kenne einige Haydn-Trios mit ihr und einige Stücke von Kurtag.

Herzlich,
S A T I E
satie (19.09.2008, 00:25):
Original von Jürgen

Ich war etwa zehn Minuten allein dort unten und konnte der Musik aufmerksam lauschen. Um es rundheraus zu sagen, ich würde sie mir freiwillig nicht noch einmal anhören. Dezente Bach'sche Orgelmusik hätte mir an diesem Ort besser gefallen. "Stimmungen" ist so ein obertonreiches Gesäusel/Gejammere, was meditativ sein soll, es vielleicht auch ist, wenn man sich unter großen Anstrengungen sehr weit öffnet.
Möglicherweise tue ich dem Werk Unrecht, weil es etwa 80 Minuten lang ist und ich nur einen relativ kurzen Ausschnitt gehört habe.



Lieber Jürgen,
ja, Du warst definitiv zu kurz dort. "Stimmung" ist ein Werk, welches man ganz anhören muss, die 10 Minuten reichen unter diesen Voraussetzungen nicht einmal, um sich einigermaßen hineinzuhören. Ich bin mir nicht einmal sicher (so schön es sein mag) ob es so sinnvoll ist, das Stück für eine Installation zu nutzen. Der beeindruckende Wasserspeicher lenkt vielleicht schon zu sehr ab. Wenn man in Ruhe hört und eine gute Aufnahme vor sich hat (z.B. mit Michael Vetter, bei dem man wirklich die Obertöne hört) kann man praktisch bei jedem Einsatz etwas neues hören. Vielleicht solltest Du dem Stück doch noch eine Chance geben ?
Leif Erikson (19.09.2008, 00:26):
Lieber Satie,

ich hatte einen Orchestermusiker gefragt, ob das Instrument eine Celesta sei, er wußte es nicht, saß aber 1m davon entfernt. Ich hatte den Klang als Glockenspiel-artig in Erinnerung, der Musiker meinte, es würde eher pfeifen. Tatsächlich gab es auch Klänge, die einer Okarina ähnlich waren. Sie müssen woanders hergekommen sein.

Eine gute oder produktive Nacht, Leif.

P.S. Leider gibt es bis jetzt nur sehr wenige Aufnahmen von ihr. Es kommt jetzt zumindest eine CD mit Fazil Say.
EinTon (19.09.2008, 00:28):
Das Glockenspiel klingt um einiges penetranter als die Celesta.

Dafür klingt Vibraphon schöner! :wink

Die eindrucksvollste Stelle mit Celesta ist mE übrigens der Schluß von Schostakowitschs 4. - ein irrlichterndes Celesta-Dreiklangsmotiv inmitten einer gespenstischen, postapokalyptisch anmutenden Klanglandschaft.

Celesta-Klangbeispiel (nicht der erwähnte Schostakowitsch.)

Mehrere Okarinas kommen vor im Violinkonzert von Ligeti, wo er sie für etwas grotesk klingende Pfeifeffekte verwendet.
Leif Erikson (23.09.2008, 01:10):
Meine Lieben,

ich gleite gerade angenehm aus höheren Sphären auf normales Niveau hinab. 105 Minuten Dauerorgasmus ist eine angemessene Beschreibung des Konzerts des Venezolanischen Jugendorchesters unter Gustavo Dudamel in Salzburg 2008 auf Arte gestern um 22:50 bis heute 0:35.
Leider habe ich mich erst ca. 23:10 zugeschaltet als gerade die Bilder einer Ausstellung gegeben wurden: so frisch und präzise wie ich sie vielleicht noch nie gehört habe. Der Nachteil war vielleicht, daß ich so fasziniert war, daß meine Kritikfähigkeit darunter gelitten haben könnte.

Dann wurde das Triple-Konzert von L.v.Beethoven gespielt mit M. Argerich und den Capucon-Brüdern Renaud und Gautier. Vor allem Gautier am Cello ist eine Klasse für sich. Er konnte über die ganze Länge des Konzerts eine unglaubliche Präsenz, Präzision und Einfühlung aufrecht erhalten wie ich sie kaum je erlebt habe. Nach seinem Gesichtsaudruck zu schließen war er fast in Trance. Ein Ehrfurcht gebietender Anblick. Er hat seinen Part mit ungeheuerer Detailauflösung, Spannung und Grazie gespielt. Renaud an der Violine war kaum schlechter, aber der Focus blieb bei Gautier.
Martha Argerich war eine Art ruhender Pol. Sie hat die Klavierstimme selbstverständlich und fast unauffällig gespielt.
Das Orchester stand das ganze Stück über unter Strom und hat meine
Aufmerksamkeit fest im Griff behalten.
Dudamel hat wie immer sehr souverän, engagiert und begeistert gewirkt.
Der Beifall war ekstatisch.

Die Doku ist exzellent aufgenommen und gefilmt. Wenn sie wiederholt werden sollte müßt ihr sie unbedingt Sehen.

Gruß und ganz erschöpft, Leif.
Leif Erikson (23.09.2008, 10:45):
Einton, vielen Dank für die Klangbeispiele von Celesta und Okarina.
Ich habe die Stücke auf CD und gestern gehört. Leider sind es nur kurze Passagen bei denen sie mitspielen.
Ich bewundere sehr, daß Du sowas aus dem Gedächtnis abrufen kannst.

Gruß, Leif.
EinTon (28.09.2008, 02:25):
So, jetzt mal ein Bericht zu meinem Konzertbesuch auf dem Musica-Festival in Strasbourg vor einer Woche.

(Konzertlink: http://www.festival-musica.org/programme/voir/49 )

Gegeben wurden als zentrales und letztes Stück die "Gruppen" von Stockhausen - für 3 Orchester. Diese sitzen in Hufeisenform um die Zuhörer herum (ein Orchester links, eins rechts und eins an der "gewöhnlichen" Stelle vor den Zuhörern.) Jedes Orchester benötigt einen eigenen Dirigenten, weil teilweise wohl gleichzeitig verschiedene Tempi gespielt werden (oder, Satie??)
Für die Seitenorchester mußten links und rechts 2 Extrapodeste errichtet werden. Ich selber habe einen Platz fast in der Mitte (für den Räumlichkeitseffekt also ideal), aber hinter dem "Hufeisen" ergattern können.

Es war sehr aufregend, das Stück live zu hören, zumal einige Charakteristika auf den CD-Aufnahmen nicht so deutlich herauskommen (2 Lautsprecher simulieren echte "Räumlichkeit" eben nur unzureichend). Dazu zählt zB die von Stockhausen häufig angewandte Technik, einen Ton von Orchester zu Orchester "weiterreichen" zu lassen, was v. a. bei Schlagzeuganschlägen sehr ins Auge springt (zB. drei aufeinanderfolgende Anschläge auf Xylorimbas, der erste von der Xylorimba aus dem linken Orchester, der zweite aus dem mittleren, der dritte aus dem rechten Orchester) An einer besonders charakteristischen Stelle hört man auch von Orchester zu Orchester "übergeblendeten" Bläserakkord (in dem 2. Videolink unten bei 6:00 zu hören) Der wenig später stattfindende "Höhepunkt" - ein chaotisch wirkender Ausbruch aller 3 Orchester (bei Video 3, 00:37) - entfaltete eine unglaubliche Lautstärke, das war schon rein physisch ein "Erlebnis"! :) Insgesamt also Klasse!

Vor der Pause erklang zunächst ein Stück von Pascal Dusapin ("Extenso, solo n°2". Dieses hatte einen (nach meinem Empfinden) leicht neoromantischen Charakter, v. a. in der Instrumentierung mit ihren breiten Streicher- und Bläserwänden, oder besonders im "elegisch" wirkenden Anfang. Mir kamen gewisse Assozationen an Rihm (wobei's mir zugegebenermaßen besser gefiel als die Orchesterstücke, die ich so von Rihm kenne), aber auch (sehr vage!) an manche Sachen von Schönberg und Bartok. Im späteren Verlauf traten dann sehr viele Wirbel von Pauken und großer Trommel (gleichzeitig) auf, die streckenweise geradezu zum dominierenden (und alles andere übertönenden) Element wurden! Ob das einen programmatischen Hintergrund hatte, ist mir nicht bekannt...
Insgesamt fand ichs nicht schlecht gemacht, doch ist die schwül-wabernde Ästhetik, die sich in dieser Musik äußerte, zugegebenermaßen nicht so ganz mein Fall.

Das zweite Stück stammte vom 1981 geborenen Christophe Bertrand, wurde 2006-07 komponiert, beeinhaltete neben dem Orchester 2 Soloklaviere und trug den Titel "Vertigo". ;)

Dieses wurde von abstürzenden Kaskaden in den Soloklavieren (und im Orchester) geprägt, die das Stück mehr oder minder leitmotivartig durchzogen und immer wieder in neuen Varianten auftauchten. Dazu kamen andere schnelle Spielfiguren, alles wirkte recht rasant-fließend. Aufgrund dieser Begrenztheit des musikalischen Materials sowie reprisenartiger Wiederholungen charakteristischer "Stellen" konnte man das Stück als Hörer recht leicht verfolgen. Gegen Ende erfolgte eine Art Stretta mit einer Beschleunigung und Verdichtung der erwähnten Abwärtsläufe, daran schloß sich aber noch ein vergleichsweise ruhiger Schluß an.

Höhepunkt des Konzerts war aber natürlich der erwähnte Stockhausen.


Wer das Stockhausen-Stück noch nicht kennt, kanns hier in voller Länge als Video sehen (und natürlich hören), wenn auch in 3 Teile zerhackt.:

1.: http://www.youtube.com/watch?v=MsX1UMednjg&fmt=18

2.: http://www.youtube.com/watch?v=RI-oy4iw3vE&fmt=18

3.: http://www.youtube.com/watch?v=xpgHrXFNmn8&fmt=18

Eine Hintergrundinformation zu Stockhausen, nicht zuletzt auch zu den "Gruppen" und die in ihnen verwendeten Kompositionstechniken bietet der folgende, lesenswerte Artikel:


http://www.satzlehre.de/themen/stockhausen.pdf

Erwähnenswert ist schließlich noch, dass es nach dem Konzert im Foyer ein kostenloses, umfangreiches Buffet gab, mit Lachshäppchen und anderen leckeren Sachen... http://www.smiliemania.de/smilie132/00005021.gif


Gruß,

Normann
EinTon (28.09.2008, 02:49):
PS.: Erwähnenswert ist, dass am Nachmittag in Strasbourg ziemlich schönes Wetter herrschte, so dass einige hübsche Fotos gelangen:

http://u1.ipernity.com/8/14/47/3061447.450055e3.l.jpg



http://u1.ipernity.com/8/89/16/3008916.f5e47952.l.jpg
satie (01.10.2008, 00:12):
Lieber Normann,

ich beneide Dich um die Erfahrung der "Gruppen" als Live-Aufführung! Tatsächlich sind gewisse Dinge bei einer normalen Stereo-Aufnahme nicht nachvollziehbar, höchstens vielleicht, wenn man dazu die Partitur liest (besser: zu lesen versucht!) und sich jeweils vorstellt, woher nun eigentlich was kommt. Eigentlich wäre dieses Stück prädestiniert für eine 5.1-DVD, ich weiß aber nicht, ob es so was gibt.
Das Stück ist verdammt schwer zu dirigieren, wie mir mein ehemaliger Dirigier-Lehrer Friedrich Goldmann erzählt hat (er hat das Werk mit Claudio Abbado und Marcus Creed zusammen dirigiert und eingespielt), weil die Gruppen einerseits unabhängig voneinander sind, dann aber wieder synchronisiert werden müssen.
Auf jeden Fall eines der interessantesten Werke von Stockhausen.


Herzlich,
S A T I E
EinTon (01.10.2008, 23:25):
Original von Satie
.
Das Stück ist verdammt schwer zu dirigieren, wie mir mein ehemaliger Dirigier-Lehrer Friedrich Goldmann erzählt hat (er hat das Werk mit Claudio Abbado und Marcus Creed zusammen dirigiert und eingespielt), weil die Gruppen einerseits unabhängig voneinander sind, dann aber wieder synchronisiert werden müssen.


Wobei die Abbado-Einspielung in einer Kritik auf amazon.com nicht gut weg kommt, sie enthalte viele "textual errors" (wohl Spielfehler o. ä.).


Sind Dir zufällig Komponisten der beiden anderen Werke - Pascal Dusapin und Christophe Bertrand - ein Begriff?
Dulcamara (05.10.2008, 01:19):
Gestern abend in Baden Baden im Festspielhaus Daniel Harding mit dem Mahler Chamber Orchestra und Waltraud Meier. Gegeben wurde vor der Pause die Overtüre zum fliegenden Holländer und die Wesendonck-Lieder, zudem gab es als quasi obligatorische Zugabe Isoldes Liebestod. Nach der Pause die 8. Symphonie von Dvorak.

Insgesamt war es ein schöner Abend. Es war meine erste Begegnung mit Harding (nicht nur im Konzertsaal, sondern überhaupt), so dass ich erst einmal sehr gespannt auf ihn war. Beeindruckend ist sein Dirigat zunächst einmal bereits visuell, er verzichtet auf den Taktstock, dirigiert dafür mit dem ganzen Körper. Immer wieder überzeugend für mich auch seine große Betonung leiser Stellen, pianissimo-Stellen wurden auch wirklich pianissimo gespielt, was die Spannung der Stücke merklich steigert.

Die Holländer-Overtüre war für mich gleich das Highlight des Abends, sehr farbig musiziert mit erstaunlichem Feingefühl für die sanften, lyrischen und teilweise geradezu tänzerischen Passagen der Ouvertüre. Dem ein oder anderen mag die aus vielen CD-Aufnahmen vertraute Schroffheit gefehlt haben, der Beifall fiel jedenfalls recht verhalten aus.

Danach die Wesendonck-Lieder. Trotz meiner großen Begeisterung für den Tristan habe ich den Zugang zu diesen Liedern bislang nicht finden können. Daran konnte auch der heutige Abend leider nichts ändern. Waltraud Meier sang wie gewohnt mit großem Gespür für den Text, aber ihre Stimme klingt nicht mehr so schön wie auf früheren Aufnahmen von ihr. Zudem wollte - verstärkt durch ein scheußliches grünes Kleid, das gar nicht zu ihrem roten Haar passen wollte - in diesem konzertanten Umfeld die gewaltige Präsenz nicht entstehen, die sie auf der Bühne ausstrahlt (noch im Mai hat sie mich in Berlin als Isolde absolut umgehauen). So war es in der Summe eher langweilig. Auch dem Liebestod, so gekonnt er auch gesungen war, fehlte irgendwie das "Besondere", das diese Musik entfaltet, wenn sich damit ENDLICH der dramatische und musikalische Spannungsbogen des Tristan schließt. Zudem schwächelte hier auch das Orchester etwas, so recht glühte da nichts. Die Bravos und Standing Ovations nach Waltraud Meiers Auftritt habe ich deshalb eher als Tribut an ihr Lebenswerk gesehen (sooo verdient!!) als als Bewunderung für den heutigen Auftritt.

Dvoraks achte Symphonie kannte ich ehrlicher Weise vor heute abend nicht. Ein richtiger Publikumsliebling scheint sie aber nicht zu sein, im hiesigen Dvorak-Thread wird sie zum Beispiel kaum gewürdigt. Ehrlich gesagt, das hat mich nach heute abend dann schon ziemlich überrascht. Harding und dem MCO gelang eine sehr schwungvolle, lebendige Interpretation, zu jedem Zeitpunkt spannend, nach vorne drängend. Ich habe mir gleich zum schnellen Vergleich mal eine Aufnahme von einem meiner großen Dirigenten-Favoriten, Christoph von Dohnanyi, bestellt, freue mich aber sehr über Hinweise zu anderen schönen Einspielungen.
Leif Erikson (11.10.2008, 02:20):
Gestern abend hat in Darmstadt in der evangelischen Stadtkirche Ton Koopman mit dem Amsterdam Baroque Orchestra and Choir gastiert.
Es wurde Bachs H-moll-Messe gegeben. Das Orchester war ca. 30-40 köpfig und der Chor ungefähr genauso klein. In der Alt-Stimme des Chors konnte ich mehrere Männer heraushören. Jede der Chorstimmen war deutlich hörbar - fast alle gleich laut, was die Verfolgung der Stimmen der Komposition ungeheuer erleichtert hat.
Es wurden wohl ausschließlich alte oder Nachbauten alter Instrumente verwendet, die Streichinstrumente klangen nach Darmsaiten-Bespannung. Mit dem Rücken zu mir am linken Bühnenrand standen die 3 Naturtrompeten, Instrumente, bei deren Anblick ich Gänsehaut bekomme, wenn ich alsTonmeister tätig bin. Sie haben bis auf einen falschen Ton fehlerlos gespielt. Derjenige, welcher die Soli übernahm, war exzellent und hat Triller gespielt, die ich für unmöglich gehalten hätte. Dahinter, näher zur Bühnenmitte saß der Pauker - ein Ausbund von rhytmischer und dynamischer Präzision. Die Arbeit der Streicher konnte ich nicht mehr so genau beobachten, aber was ich hören konnte war entspannt, genau und vollständig kontrolliert.
Dies war auch die hervorstechendste Eigenschaft der ganzen Aufführung: ruhige, sehr bewußte Arbeit von technisch excellenten und 100%ig motivierten Profis, inbesondere eine völlig ausbalancierte Lautstärke, die zu einer beispielhaften Durchhörbarkeit der Stimmen beigetragen hat. Die zunächst gedämpfte Lautstärke des Ensembles paßte sehr gut zu der kleinen optimal bis trocken klingenden Kirche. Bei den späteren Sätzen konnte noch zugelegt werden, was sehr effektvoll war. Alle Einsätze und die Schlüsse waren perfekt beisammen.
Die Solisten waren sehr gut bis excellent. Der Sopran, Lydia Teuscher mit wunderbarem warmen timbre war mir zwar etwas zu zurückhaltend, dies könnte aber der überragenden Leistung des Mezzo geschuldet gewesen sein, Marie-Claude Chappuis. Ich habe selten einen in den Tiefen so volltönigen und angenehmen jedoch auch zu klaren, mühelosen Höhen fähigen Mezzo gehört. In den Duetten mit dem Sopran hat sie das Kunststück vollbracht, stärker zu wirken als dieser.
Auch die Männerstimmen waren sehr gut, besonders der Tenor, Jörg Dürrmüller. Der Bariton, Klaus Mertens, hat aber ebenfalls überzeugt. Alle vier haben eine gute Technik und eindrucksvolle Bühnenerfolge. Das Violinsolo der Konzermeisterin war eine reine Freude.
Koopman hat teilweise vom Orgelpositiv aus dirigiert. Ich habe ihn zwar immer als Könner geschätzt, aber auch - vor allem wegen seiner mir zu virtuosen Orgel-Interpretationen - kritisiert. Die Aufnahme von Buxtehudes "Jüngstem Gericht" war dann soviel besser als die von Wilson, daß ich angefangen habe umzudenken. Er scheint nun zu einem Spätstil gefunden zu haben, der dem Optimum sehr nahe kommt.
Außerdem kommuniziert er sehr gut mit dem Orchester und den Solisten. Die Freude an der Musik und der Leistung aller Beteiligten ist ihm deutlich anzusehen. Er ist mir dadurch viel sympathischer geworden.
Dies könnte das schönste Kirchenmusik-Konzert gewesen sein, was ich live erlebt habe. Der Beifall war laut und anhaltend - mit Bravos.


Gruß, Leif.
Jeremias (27.10.2008, 09:59):
Gestern in Duisburg: Arcadi Volodos!

Er hatte leider sein Programm teilweise geändert und spielte im 1. Teil Schuberts Sonate D894. Ich habe ihn damit bereits vor einigen Jahren gehört. Er ist an dem Werk unglaublich gereift, hat jetzt das richtige Alter um es zu spielen. Ich denke, mit Mitte 20 war es damals zu früh.

Im 2. Teil dann Ravels "Valses nobles et sentimentales", die er mit Charme und Witz spielte, wunderbare Pedaltechnik. Gleichwohl hätte ich mir eher "La Valse" gewünscht. Zum Abschluss dann Liszt's Dante-Sonate aus den Wanderjahren. Er hat sich das Werk noch leicht verfeinert, mit Rafinessen und technischen Höchstschwierigkeiten gespickt. Manchmal etwas zuviel des Guten, aber dennoch gleichwohl beeindruckend.

Als Zugaben: Zuerst Skriabin, dann die eigene Bearbeitung des langsamen Satzes aus Rach's Cellosonate. Als 3.folgte eine Bearbeitung einer Moszkowski-Etüde. Dann gab er eine irrwitzige Bearbeitung des 1. teiles von Sarasate's Carmen-Fantasie, bevor er das Konzert mit einem langsamen Vivaldi-Satz beendete.

Ein schöner Abend, zumal die Karten nur 15 € gekostet haben :engel
Gamaheh (30.10.2008, 23:47):
Original von Jeremias
Gestern in Duisburg: Arcadi Volodos!

Er hatte leider sein Programm teilweise geändert und spielte im 1. Teil Schuberts Sonate D894. Ich habe ihn damit bereits vor einigen Jahren gehört. Er ist an dem Werk unglaublich gereift, hat jetzt das richtige Alter um es zu spielen. Ich denke, mit Mitte 20 war es damals zu früh.

Im 2. Teil dann Ravels "Valses nobles et sentimentales", die er mit Charme und Witz spielte, wunderbare Pedaltechnik. Gleichwohl hätte ich mir eher "La Valse" gewünscht. Zum Abschluss dann Liszt's Dante-Sonate aus den Wanderjahren. Er hat sich das Werk noch leicht verfeinert, mit Rafinessen und technischen Höchstschwierigkeiten gespickt. Manchmal etwas zuviel des Guten, aber dennoch gleichwohl beeindruckend.

Als Zugaben: Zuerst Skriabin, dann die eigene Bearbeitung des langsamen Satzes aus Rach's Cellosonate. Als 3.folgte eine Bearbeitung einer Moszkowski-Etüde. Dann gab er eine irrwitzige Bearbeitung des 1. teiles von Sarasate's Carmen-Fantasie, bevor er das Konzert mit einem langsamen Vivaldi-Satz beendete.

Ein schöner Abend, zumal die Karten nur 15 € gekostet haben :engel

Das Programm habe ich gestern in Hamburg gehört. (Die billigsten Karten kosteten allerdings 22 Euro.) Den Schubert fand ich sehr endlos. Neben mir saßen drei junge russische Claqueure; der, der mir am nächsten saß, fiel bald in einen laut atmenden Tiefschlaf. Als ich ihn fragte, ob er so müde sei oder so gelangweilt, meinte er, Schubert sei wohl sehr schwierig, auch für den Interpreten. - Dabei spielt Volodos so schön, so schöne Klänge, man mag sich direkt hineinlegen! Aber für 45 Minuten, die nicht zusammenhalten, ist das eine Herausforderung - schöne Klänge reichen da nicht, zumal er mir etwas selbstgenüßlich erschien, auf seinem Lehnstuhl.

Nach der Pause dann Ravel - teilweise sehr witzig, sehr viel Esprit, für meinen Geschmack ein wenig zu jazzig, mit zuviel extremen Haltungen der Töne, etwas selbstgefällig. Das letzte Stück gefiel mir nicht - sicher nicht wie vorgesehen. Schließlich Liszt, dort war er er selbt, der Virtuos kehrte sich heraus. Das Publikum als Ganzes war schließlich und endlich begeistert. Vier Zugaben, etwas anders als in Duisburg.

Nach zehn Minuten war der Eindruck abgeklungen.

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (31.10.2008, 22:24):
Original von Gamaheh

Nach zehn Minuten war der Eindruck abgeklungen.

Grüße,
Gamaheh

Das deckt sich mit meinem Eindruck, den ich vor einigen Jahren gewinnen konnte...
Jeremias (03.11.2008, 08:44):
Das ist schon richtig, es ist kein bleibender Eindruck. Gleichwohl ein schöner Abend. Der Schubert ist sicher sehr lang, ich fand ihn aber sehr interessant, da ich ihn selbst gespielt habe.

Gestern in der Oper Düsseldorf gesehen: Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch.... Bericht folgt!
Travi (05.11.2008, 22:23):
Nach London im Sommer 2006 und Düsseldorf im Mai 2007 habe ich Hilary Hahn nun zum dritten Mal live erlebt. Am 30. Oktober war sie mit Tschaikowskys Violinkonzert op. 35 D-Dur in der Tonhalle Düsseldorf zu hören, außerdem wurde Tschaikowskys populäre Symphonie Nr. 5 op. 64 e-Moll gegeben, beides unter dem Dirigat von Vasily Petrenko, dem jungen russischen Stardirigenten des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra. Der Saal war für einen Donnerstagabend passabel gefüllt, aber bei weitem nicht ausverkauft, obwohl man die Plakate mit Hilarys Konterfei monatelang deutlichst in Düsseldorf platziert hatte. Am Ende des Violinkonzerts war dann aber doch Begeisterung zu merken. Hilary Hahn wurde dreimal auf die Bühne gebeten, und netterweise war auch eine Bach-Zugabe drin: die Sarabande aus der d-Moll Partita.

Interessant die Kritiken, die anschließend in zwei Düsseldorfer Zeitungen zu lesen waren, die eine negativ, die andere positiv; beide routiniert heruntergeschrieben. Der Kritiker der Rheinischen Post war der Meinung, die Solistin (die, wie nachzulesen ist, bereits 1999 für die Interpretation just dieses Violinkonzerts als beste Nachwuchskünstlerin mit dem Schallplattenpreis "ECHO Klassik" ausgezeichnet wurde) habe "ein Stück gewählt, dem sie noch nicht voll gewachsen war"; "ihre größte Stärke, der schöne und variable Ton" habe "gelitten" und es habe im Gegenteil "starre Klänge" gegeben, ja, "Sorglosigkeiten". Das sei aber auch kein Wunder, denn schließlich sei das Orchester ja auch "ein recht grobschlächtiger Partner" gewesen, vom Dirigenten, diesem "unentwegt aktiven Aufpeitscher und Antreiber" ganz zu schweigen. Dagegen die positive Kritik in der Westdeutschen Zeitung: Hier ist von der klaren und reinen Gestaltung die Rede (so klar und rein, "als sei es von Mozart") und von der blitzsauberen Intonierung. Ob die beiden im selben Konzert waren? Zumindest kann keine sagen, sie hätten voneinander abgeschrieben.

Wie ich selbst den Abend fand? Nicht einfach zu sagen. Obwohl die Stimmung im Saal gut war, was zusammen mit einem in der Pause genossenen Glas Wein zu einer gewissen Euphorie meinerseits führte, war leider auch ich mit den leiseren Stellen in Hilarys Spiel und einigen trampelig-polternden des Orchesters nicht so ganz einverstanden. Oder war's doch die Komposition?? Woran mag es gelegen haben, dass die Erinnerung an das hervorgerufene Gefühl beim Hören und die (nachträgliche) Einschätzung der Qualität der Aufführung sich nicht ganz decken wollen? Die Art des Dirigenten, sich mit ganzem Körpereinsatz auf seine Musiker zu stürzen, fand ich zunächst auch gewöhnungsbedürftig, das muss ich wohl sagen, aber ich hatte eigentlich nicht den Eindruck, nur einen Aufpeitscher vor mir zu sehen. Der Mann schien eine gute, enge Beziehung zu seinen Leuten zu haben. Auf die Idee, dass Hahn ihrer Aufgabe nicht gewachsen gewesen sei, wäre ich ebenfalls nicht gekommen; fände ich auch anmaßend. Angesichts ihres Tourneeplans hatte ich mich allerdings schon vorher gefragt, wie man es schafft, Abend für Abend mit dem gleichen Enthusiasmus auf der Bühne zu stehen. (Sechzehn Auftritte, drei Kontinente, drei Dirigenten und Orchester, und das Ganze innerhalb von anderthalb Monaten...) Zuletzt muss ich gestehen, dass ich einzig wegen meiner Lieblingsgeigerin in dem Konzert war und die beiden Tschaikowsky-Stücke "mitgenommen" habe, obwohl ich "alte" Tschaikowsky-Hörerin bin. (Ein musikbegeisterter Freund, den ich versucht hatte in das Konzert zu "schleppen", hatte wegen des Komponisten abgesagt und sich lieber seinem Yogakurs gewidmet...)

Zu Risiken und Nebenwirkungen: Am Wochenende ein paarmal meine eigenen Tschaikowsky-Aufnahmen gehört. Mit großem Vergnügen übrigens.

Travi
Poztupimi (05.11.2008, 23:13):
Liebe Travi,

vielen Dank für diese Schilderung, schön von Dir zu lesen (Deinen Beitrag zu "The Rest Is Noise" habe ich sehr interessiert gelesen, allein - es ist mit meinem Englisch nicht so weit her, daß ich da mal so eben lange und entspannt lesen kann).

Schon erstaunlich, was Du da aus den Kritiken zitierst. Aber, so wie Du zu Recht die Frage stellst, ob beide wohl im selben Konzert waren, kann man sich ja immer wieder fragen, ob Kritiker das gleiche Buch gelesen, den selben Film gesehen oder die gleiche CD gehört haben.

Vielleicht ist es ja wirklich so, da einiges von dem, was Du beschreibst und was viellecht nicht so ganz gepaßt hat, ihrem Tournee-Programm geschuldet ist. Was natürlich schade für sie, insbesondere aber auch für das Publikum ist.
Die Formulierung "ein Stück gewählt, dem sie noch nicht voll gewachsen war" finde ich bei einer so renomierten Künstlerin, die dieses Konzert ja nicht erst seit kurzem im Programm hat, alles andere als angemessen.

Viele Grüße,
Wolfgang
Travi (07.11.2008, 22:00):
Hallo Poztupimi,

passt vielleicht nicht so ganz genau an dieser Stelle, aber: Das Buch von Alex Ross, The Rest Is Noise, soll auch auf Deutsch erscheinen, und zwar im Piper Verlag.

Gruß,
Travi
Jeremias (08.11.2008, 11:17):
@ Travi: Ich wäre gerne hingegangen, aber Kartenpreise ab 50,- € aufwärts sehe ich einfach nicht ein!
Travi (09.11.2008, 19:35):
Ja, ich weiß (in London hätte ich weniger bezahlt!), und zu den saftigen Preisen kommt ja auch noch eine Zusatzgebühr hinzu (wofür eigentlich?) und, man glaubt es kaum, eine Vorverkaufsgebühr. Man könnte sich also, wenn man wollte, schwarz ärgern. Ich wollte mich aber nicht ärgern und bin einfach reingegangen. Schließlich schlage ich ja nicht alle Tage über die Stränge... :W

Travi
Leif Erikson (15.11.2008, 18:38):
Gestern war das zweite Konzert meines Abos der "Meisterkonzerte" der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Ari Rasilainen im Mannheimer Rosengarten.

Es wurde folgendes Programm gegeben:

SERGEJ RACHMANINOW
Konzert für Klavier und Orchester
Nr. 2 c-Moll op. 18
Solist: Andrej Gavrilov, p

SERGEJ RACHMANINOW
Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27


Diesmal war zur Abwechslung die Symphonie besser geprobt. Sie war mir fast unbekannt, hat aber auch den gefühlsmäßigen Schwung und die Eleganz des Klavierkonzerts. Ich werde meine Begeisterung als Anlaß zum Nachhören einer Einspielung auf CD nutzen.

Das highlight war trotzdem das Klavierkonzert wegen des Solisten. Gavrilov spielt mit delikatem Anschlag und gibt seinem Vortrag eine Art flüssiger Eleganz. Spieltechnisch hat er höchstes Potential aber die Konzentration hat im dritten Satz nicht zu fehlerfreiem Spiel ausgereicht (viele kleine nicht sehr störende Fehler, ich glaube fast immer Abrutschen von den schwarzen Tasten auf die weißen) .
Leider konnte das Orchester schlecht mithalten, was auf mangelnde Probenarbeit zurückgehen dürfte. Die Struktur des Stückes war nur in Ansätzen erkennbar, d.h. die Partitur wurde nur heruntergespielt.
Das höchste Niveau hat Gavrilov bei den Zugaben erreicht: ein wunderbar gefühlvoll gespieltes Stück von Chopin (ev. Mazurka) und von Prokofiev Suggestion diabolique op. 4, 4. Dieser stürmische Teufelstanz war mit Emphase und Ironie völlig fehlerfrei gespielt und hat das Publikum zu Bravos und anhaltendem stürmischem Applaus verführt.
Gavrilov ist nach seiner Krise in den 1990ern wieder sehr gut drauf und wird Aufnahmen mit den St. Petersburger Symphonikern machen, wie er mir während des Signierens in der Pause verraten hat. Menschlich scheint er sehr angenehm zu sein und kann gut deutsch. Im Februar und im März wird er wieder in Mannheim gastieren.
Die in der Pause zum (teueren) Kauf angebotene Doppel-CD mit Klavierwerken von Rachmaninov kann ich wärmstens empfehlen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61RZPTXPBQL._SS400_.jpg

neben musikalischen Höchstleistungen und einer sehr strukturierten Darbietung kann man hier den legendären "philisound" genießen
für den das Philadelphia SO und seine Tonmeister berühmt sind.


Gruß, Leif.
Heike (16.11.2008, 11:36):
Hallo Jeremias,
Gestern in der Oper Düsseldorf gesehen: Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch.... Bericht folgt!
Ich warte ganz neugierig drauf .....
Heike
Jürgen (17.11.2008, 11:30):
Original von Leif Erikson
Menschlich scheint er sehr angenehm zu sein und kann gut deutsch.

Das liegt wohl daran, dass er von 1989 bis 2001(?) in Bad Camberg bei Wiesbaden gewohnt hat und auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Ich habe ihn Anfang der 90er im Wiesbadener Kurhaus gesehen und gehört. Die Suggestion diabolique war schon damals seine Zugabe. Wahnsinnig schnell und beeindruckend.

Original von Leif Erikson
neben musikalischen Höchstleistungen und einer sehr strukturierten Darbietung kann man hier den legendären "philisound" genießen
für den das Philadelphia SO und seine Tonmeister berühmt sind.


Hast Du hier einen Smiley vergessen?
Soweit ich weiß, ist Phillysound etwas anderes:
Original von Wikipedia
Phillysound ist eine Stilform der Popmusik.
Er ist ein weicher, opulenter Unterstil des Soul. Besondere Klangmerkmale des Phillysounds waren die Verwendung von Streichern und die besondere Spielweise der offenen und geschlossenen Hi-Hat. Der Sound entstand in den 1960er Jahren in der US-amerikanischen Stadt Philadelphia und gilt als Vorläufer der Disco-Musik.

Ich hoffe das Philadelphia SO fährt nicht diese Schiene. Schon in den 70ern habe ich diese Musik nicht gemocht.

Grüße
Jürgen
Dr. Schön (17.11.2008, 12:43):
Original von Jürgen

Soweit ich weiß, ist Phillysound etwas anderes:
Original von Wikipedia
Phillysound ist eine Stilform der Popmusik.
Er ist ein weicher, opulenter Unterstil des Soul. Besondere Klangmerkmale des Phillysounds waren die Verwendung von Streichern und die besondere Spielweise der offenen und geschlossenen Hi-Hat. Der Sound entstand in den 1960er Jahren in der US-amerikanischen Stadt Philadelphia und gilt als Vorläufer der Disco-Musik.

Ich hoffe das Philadelphia SO fährt nicht diese Schiene. Schon in den 70ern habe ich diese Musik nicht gemocht.

Grüße
Jürgen

also ich liebe ja "When will I see you again" von den Three Dergees und noch ein paar andere Sachen (TSOP, O'Jays, Harold Melvin & the Blue Notes...), da hatte dieser typische Streichersound schon was himmlisches, ist jedoch zu schnell zum reinen Markenzeichen dieser Ecke geworden, und als das dann in Disco/Glitter umgekippt ist, mochte ich das auch nicht mehr.
Leif Erikson (18.11.2008, 16:56):
Also "philisound" habe ich aus irgendeinem booklet. Kann ich nicht rekonstruieren.
Auf die schnelle habe ich folgendes Zitat gefunden:

"Ormandy was clearly a true romantic, whose main concern was the sound of the music itself, rather than imposing a "scholarly interpretation" upon the score. Hence, the Philadelphia Orchestra under Ormandy's baton was famed for its "Philadelphia Sound," known for its clarity, skillful execution, warm tonality and precise timing."

und

"Other critics, seeking to give Ormandy his due, gave him the backhanded compliment that he "maintained" the Philadelphia Sound bequeathed him by Stokowski. Ormandy did more than that: He transformed the Philadelphia Orchestra into his own unique musical voice. In a 1960 interview, he - without a trace of conceit - remarked: "The Philadelphia sound - it's me." Explaining his emphasis on strings, he continued: "My conducting is what it is because I was a violinist. Toscanini was always playing the cello, Koussevitzky the double-bass, Stokowski the organ. The conductors who were pianists nearly always have a sharper, more percussive beat, and it can be heard in their orchestras."

Hier genauer nachzulesen.

Gruß, Leif.
Leif Erikson (18.11.2008, 17:13):
Im englischen Wikipedia steht noch folgendes:

"In 1912 Leopold Stokowski became principal conductor, and brought the orchestra to national prominence. Under him, the orchestra gained a reputation for great virtuosity, and developed what is known as the "Philadelphia Sound." Stokowski left the orchestra in 1941, and did not return as a guest conductor for nearly 20 years."


Gruß, Leif.
Heike (19.11.2008, 21:49):
Ich versüße mir den tristen und grauen November zur Zeit mit wunderbaren Konzerten - sonstz wird man ja glatt depressiv bei diesem Wetter:

Letzten Sonntag:
Andras Schiff mit 4 Beethovensonaten im Kammermusiksaal der Philharmonie :-) Besonders die Waldsteinsonate, die ich lange nicht mehr gehört hatte, fand ich ganz zauberhaft gespielt! Auch bei den andren drei (Nr. 16-18 opus 31) hörte ich ihm gerne zu, er spielte für mich sehr introvertiert, aber nicht langweilig.
Leider war es ein teilweise äußerst undiszipliniertes Publikum: vor der Pause verließen sage und schreibe 7 Personen nach und nach den Saal - und was noch schlimmer war - sie kamen (bis auf eine) auch alle wieder rein (und das nicht mal in den Pausen). Unglaublich. Die Husterei hielt sich in Grenzen, aber dann sowas.

Montag:
Masaaki Suzuki und das Kammerorchester International & Bach Collegium Japan im Konzerthaus
Johann Sebastian Bach:
- Ouvertüre C-Dur BWV 1066
- "Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben" - Kantate BWV 102
- "Weichet nur, betrübte Schatten“ – Aria für Sopran und Orchester aus der Hochzeitskantate BWV 202
- Messe g-Moll BWV 235

Natürlich HIP und ich war ganz fasziniert, wie so eine kleine Besetzung in diesem großen Saal funktionierte. Und dann dieser Chor! insbesondere ein grandios gefühlvoller männlicher Alt (Robin Blaze) ließ mich glatt dahinschmelzen, vor allem bei der Messe hätte ich endlos weiter zuhören können.... Aber das Konzert kann man im Radio nachhören :-) werde ich auch machen: 30.11. um 20 Uhr DRadio Kultur

Ja, und ab jetzt Vorfreude:
Samstag "MET im Kino" La damnation de Faust von Berlioz

und das beste zum Schluss am kommenden Montag:
Mischa Maisky + Martha Argerich in der Philharmonie mit einem Programm, was mich jetzt schon kribbelig und extrem neugierig macht:

- Luwig van Beethoven - Sieben Variationen über »Bei Männern, welche Liebe fühlen« aus Mozarts Oper Die Zauberflöte für Violoncello und Klavier Es-Dur WoO 46
- Edvard Grieg - Sonate für Violoncello und Klavier a-Moll op. 36
- Olivier Messiaen - Louange à l’Eternité de Jésus für Violoncello und Klavier, Nr. 5 aus »Quatuor pour la fin du temps«
- Olivier Messiaen - Louange à l’Immortalité de Jésus für Violoncello und Klavier, Nr. 8 aus »Quatuor pour la fin du temps«
- Dmitri Schostakowitsch - Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40 :engel

Heike
nikolaus (19.11.2008, 22:05):
Original von Hebre

und das beste zum Schluss am kommenden Montag:
Mischa Maisky + Martha Argerich in der Philharmonie mit einem Programm, was mich jetzt schon kribbelig und extrem neugierig macht:

- Luwig van Beethoven - Sieben Variationen über »Bei Männern, welche Liebe fühlen« aus Mozarts Oper Die Zauberflöte für Violoncello und Klavier Es-Dur WoO 46
- Edvard Grieg - Sonate für Violoncello und Klavier a-Moll op. 36
- Olivier Messiaen - Louange à l’Eternité de Jésus für Violoncello und Klavier, Nr. 5 aus »Quatuor pour la fin du temps«
- Olivier Messiaen - Louange à l’Immortalité de Jésus für Violoncello und Klavier, Nr. 8 aus »Quatuor pour la fin du temps«
- Dmitri Schostakowitsch - Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40 :engel

Heike

Mein Neid ist mit Dir!

Ich habe das Programm beim Klavierfestival Ruhr gehört, und fand es klasse!

Nikolaus.
Travi (24.11.2008, 22:32):
Am zweiten Abend ihrer Reihe Klassiker! hatte die Kölner Philharmonie gestern einiges zu bieten:

Elisabeth Leonskaja Klavier

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Florian Donderer Konzertmeister

Darius Milhaud
Musique pour Lisbonne op. 420 (1966)

Joseph Haydn
Sinfonie G-Dur Hob. I:54
Adagio maestoso
Adagio assai
Menuet. Allegretto
Finale. Presto

Pause

Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 (1804-1807)
Allegro moderato
Andante con moto, attacca
Rondo. Vivace

Piotr Anderszewski hatte aus Krankheitsgründen abgesagt, Elisabeth Leonskaja war als Klaviersolistin eingesprungen, was nicht nur die Verschiebung des Beethoven-Stücks nach sich zog, sondern auch die Aufführung eines anderen als ursprünglich geplant.

Leider war der schöne Saal höchstens halb gefüllt, aber die ZuhörerInnen, die sich durch das Schneewetter gekämpft hatten, wurden reichlich entschädigt. Für mich wurde der Abend zu einem Wechselbad der Gefühle: Zuerst der mir unbekannte Milhaud, der Vertreter der "klassischen" Moderne, über dessen kühle Dissonanzen ich mich in der Pause einfach gern unterhalten hätte, und dessen Stück Musique pour Lisbonne Erinnerungen an mehrere Portugalreisen hervorrief; dann Haydn, bei dessen Sinfonie mir insbesondere die fetzig gespielten opera buffa Anklänge gefielen, und zuletzt, nach der Pause, Beethoven, dessen Konzert für Klavier und Orchester mich so oft empfangen hat, wenn ich nach Hause kam, und das mir jetzt kaum erträglich war. Die Solistin, und wohl nicht nur sie - die Bremer sind schon ein tolles kleines Orchester! - wurde mit großem Beifall bedacht.

Ein paar Punker sah ich vor dem Konzert im Foyer. Das fand ich bemerkenswert, aber vielleicht bin ich (zu) leicht zu beindrucken. Vielleicht SchülerInnen? Die Philharmonie bemüht sich durch Projektarbeit ja sehr um sie.

Die Domplatte war nach dem Konzert zum Glück nicht mehr ganz so glatt und matschig-glitschig wie vorher und ich bin gut nach Hause gekommen...

Travi
HenningKolf (24.11.2008, 22:58):
Liebe Travi,

ich kann gut verstehen, dass das 4. KK für Dich mit besonders zwiespältigen Gefühlen verbunden war und hoffe, dass letztlich doch gute Erinnerungen an das Konzert überwiegen. Von Milhaud kenne ich nur sehr wenig, mit ihm wollte ich mich auch schon immer mal intensiver beschäftigen - die "Lissabon-Musik" kenne ich gar nicht.

Ich hoffe mal, das nur halbvolle Haus war dem Wetter geschuldet - als ich noch in Köln lebte schien die Philharmonie die wenigen Male, die ich sie der Klassik wegen aufsuchte gut gefüllt, ist aber auch schon mehr als zehn Jahre her (Jazzkonzerte waren eigentlich immer schnell ausverkauft, es ärgert mich heute noch, dass ich keine Karte für Miles Davis ergattern konnte)

Gruß
Henning
ab (24.11.2008, 23:07):
Original von HenningKolf
(Jazzkonzerte waren eigentlich immer schnell ausverkauft, es ärgert mich heute noch, dass ich keine Karte für Miles Davis ergattern konnte)


Köln soll ja jener Ort gewesen sein, wo er zum ersten mal seit Jahren wieder selbst viel geblasen haben soll, anstatt nur kurz hineinzutröten, dann das Instrument zum Jubeln zu eheben, um dann wieder den Rücken dem Publikum zuzuwenden. Seine Band war jedenfalls grandios, als ich ihn in den 90er noch gehört habe, leider mit mehr Jazz-Pop als Jazz-Rock!
Travi (24.11.2008, 23:19):
Miles Davis kenne ich leider nur von Fernsehen und DVD, und einen Stapel CDs habe ich auch in der Schublade, aber immerhin kann ich sagen, dass ich den späten Astor Piazzolla noch in Köln erlebt habe! Ich glaube aber leider nicht, dass ich besonders begeistert war. Ich glaube, der war da schon recht müde...

Übrigens, damit keine Missverständnisse aufkommen: Das Konzert gestern fand ich wirklich toll!

Gute Nacht,
Travi
nikolaus (24.11.2008, 23:51):
Original von Travi
Das Konzert gestern fand ich wirklich toll!

Gute Nacht,
Travi

Das freut mich für Dich!

Ich hatte letztes Jahr vor ähnlichem Hintergrund auch ein sehr schönes Konzert mit den Bremern unter Järvi (Sibelius, Beethoven, und als Zugabe einen mir sehr unter die Haut gehenden und die Sprache verschlagenden Valse triste).
Die Bremer sind wirklich ein famoses Orchester!

Grüße an Dich, Nikolaus.
Nicolas_Aine (02.12.2008, 11:12):
Sonntag, 30.11.2008, Musikhochschule Stuttgart:

Prof. Ingolf Turban, Violine
Maria Sofianska, Klavier

Kammerorchester Forum Stuttgart
Ulrich Kern, Dirigent

Felix Mendelssohn Bartholdy
Konzert für Violine, Klavier & Streichorchester
Allegro - Adagio - Allegro molto

Arnold Schönberg
Verklärte Nacht für Streichorchester op. 4
Grave - Molto rallentando - Pesante - Adagio - Adagio

Das Orchester besteht aus ehemaligen Musikstudenten der MH Stuttgart, darunter einigen ehemaligen Schülern von Prof. Turban, von denen heute viele in diversen Profiorchestern spielen.

Das Konzert war ausgezeichnet, Turban hat - wie von ihm gewohnt - sehr ausdrucksstark gespielt, technisch natürlich völlig mühelos, genauso wie Sofianska. Das Stück als solches ist definitiv zu Unrecht so unbekannt :) Nur manchmal war das Orchester etwas schlecht zu hören, ansonsten top.

Auch der Schönberg war sehr schön, das Stück kannte ich zwar davor nicht, hat mir aber sehr gut gefallen, auch die Interpretation fand ich sehr gelungen.
Jeremias (02.12.2008, 13:10):
Da stimme ich Dir zu, der Mendelssohn sollte öfter gespielt werden! Ich hörte ihn einst einmal mit Naida Cole und Gidon Kremer. Letzterer hat auch eine wunderbare Aufnahme mit Martha Argerich gemacht!

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41QSBA0DPDL._SL500_AA240_.jpg

:down
ab (02.12.2008, 13:27):
eines der wenigen Gespanne in der Violinsonaten-Diskographie, wo sich beide Partner absolut gleichwertig sind (mir fällt sponaten noch Oistrach/Frida Bauer ein)

:times10

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61XFPFW29VL._SL500_AA240_.gif
Gerion (02.12.2008, 14:32):
Original von Jeremias
Da stimme ich Dir zu, der Mendelssohn sollte öfter gespielt werden! Ich hörte ihn einst einmal mit Naida Cole und Gidon Kremer. Letzterer hat auch eine wunderbare Aufnahme mit Martha Argerich gemacht!

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41QSBA0DPDL._SL500_AA240_.jpg

:down


Diese Aufnahme ist wirklich wunderbar! Nachdrückliche Kaufempfehlung! :down
Nicolas_Aine (02.12.2008, 20:39):
na dann... mein Weihnachtswunschzettel platzt schon vor lauter CD WÜnschen:/
Heike (03.12.2008, 08:55):
Angela Hewitt: Bach, Beethoven, Fauré und Ravel
Philharmonie, Kammermusiksaal

Johann Sebastian Bach: Englische Suite Nr. 6 d-Moll
Ludwig van Beethoven: Sonate op. 10 Nr. 2
Fauré: Valses-Caprice Nr. 1 & 2
Maurice Ravel: „Le Tombeau de Couperin”


Die Frau hat jetzt in mir einen neuen Fan!
Sie spielte mit einer Leichtigkeit und zugleich Intensität, die ich ganz faszinierend fand. Wie in Trance, wie ein Elfenwesen.

Trotz des recht populären Programms war der Saal bei ihrem - wie ich meine ersten Berliner Recital - nur grad mal halb voll, schade. Aber es wurde dafür kaum gehustet, nicht mal in den Satzpausen, so bezaubert waren die Menschen :-)
Heike

P.s. und für uns Frauen: Sie sah auch toll aus, in einem sehr originellen, sehr weblichen Abendkleid, nur mit Glitzerohrringen geschmückt.
ab (03.12.2008, 09:34):
Original von Hebre
Angela Hewitt: Bach, Beethoven, Fauré und Ravel
Philharmonie, Kammermusiksaal
Trotz des recht populären Programms war der Saal bei ihrem - wie ich meine ersten Berliner Recital - nur grad mal halb voll, schade.

Tragisch! Ich dachte bei Klavier und Lied wäre es noch nicht so schlimm, dass sich das Publikum bloß so von Modeerscheinungen leiten lässt...

Ach, hier in der Provinz hätte ich auch gerne die Möglichkeit, solche Konzerte zu erleben...
ab (03.12.2008, 09:35):
Original von ab
eines der wenigen Gespanne in der Violinsonaten-Diskographie, wo sich beide Partner absolut gleichwertig sind (mir fällt sponaten noch Oistrach/Frida Bauer ein)

:times10

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61XFPFW29VL._SL500_AA240_.gif

Sorry, war im falschen Faden gelandet. Das hier hätte in die Höre-gerade-Rubrik gehört.
Gerion (03.12.2008, 10:17):
Original von ab

Tragisch! Ich dachte bei Klavier und Lied wäre es noch nicht so schlimm, dass sich das Publikum bloß so von Modeerscheinungen leiten lässt...


Nun ja, ein wenig ist wohl auch die Zeit (Wochentag = Arbeitszeit) die Ursache, oder?

Gruß
Gerion
ab (03.12.2008, 10:36):
Original von Gerion
Nun ja, ein wenig ist wohl auch die Zeit (Wochentag = Arbeitszeit) die Ursache, oder?


?( Lang Lang wird auch am Montag Abend voll; Brendel, hätte er sich nicht bereits verabschliedet, sicherlich auch, vermutlich auch Stadtfeld oder Grimaud usw.usf.
Heike (03.12.2008, 10:53):
Nun ja, ein wenig ist wohl auch die Zeit (Wochentag = Arbeitszeit) die Ursache, oder?

Es war 20 Uhr! Die Preise waren moderat (15-40 Euro, leer blieben vor allem die niedrigen Preisklassen) Berlin hat über 3 Mio Einwohner.....
Argerich/ Maisky im großen (!) Saal letzten Mittwoch war fast voll.
Bei Brendel im Herbst waren im großen Saal 3 (!) Konzerte binnen Tagen ausverkauft.
Hebre
Gerion (03.12.2008, 12:43):
Nun, das war bei Brendel sicherlich auch nicht immer so. Und ob man alle Künstler mit Menschen mit dieser (zweifellos vorhandenen oder zweifelhaft entstandenen) Strahlkraft vergleichen kann - wer mag das beurteilen?

Ich würde vermuten, dass von den 3 Mio. Berlinern mindestens 60% nicht klassikinteressiert sind, und von den Verbleibenden noch ungefähr 10% in Arbeitsfeldern arbeiten, in denen man sich um 20 Uhr noch einen Kaffee holt und an den Schreibtisch zurückkehrt, oder aus anderen Gründen nicht zur "Konzertzeit" verfügbar ist (nicht zuletzt auch: Familie, weil der Partner es nicht akzeptiert?). :( Anscheinend gibt es keinen, auch keinen sanften, "sozialen Druck" positiver Art, der Menschen in jedwede Art von Konzerten bringen würde. So bleiben nur die, die es wirklich, wirklich interessiert (ob das immer schlecht ist, sei dahingestellt).

Aber zum Glück gibt es Foren wie dieses und andere Medien, die noch zur Verbreitung von "good news" beitragen und Lust auf Konzertbesuche machen! :thanks
Heike (03.12.2008, 13:10):
Ich wunderte mich nur - weil z.B. Schiff mit seinen Beethovensonaten jetzt auch 4x ausgebucht ist. Soooo unbekannt ist die Hewitt doch gar nicht mehr und am Programm kanns auch nicht gelegen haben.
Heike
Rachmaninov (03.12.2008, 13:56):
Original von ab
Original von Gerion
Nun ja, ein wenig ist wohl auch die Zeit (Wochentag = Arbeitszeit) die Ursache, oder?


?( Lang Lang wird auch am Montag Abend voll; Brendel, hätte er sich nicht bereits verabschliedet, sicherlich auch, vermutlich auch Stadtfeld oder Grimaud usw.usf.

Sind auch alles hoch beworbene!

An Hewitt "klebt" das Ettiket der Bach-Spezialistin. Wahrscheinlich macht sie sich mit dem Programm nicht interessanter!
ab (03.12.2008, 14:12):
Original von Hebre
Ich wunderte mich nur - weil z.B. Schiff mit seinen Beethovensonaten jetzt auch 4x ausgebucht ist. Soooo unbekannt ist die Hewitt doch gar nicht mehr und am Programm kanns auch nicht gelegen haben.
Heike

Lieber 1x Hewittt als 4x Schiff :ignore

In mir keimt gerade der Veradacht, wäre Hewitt ein Mann, wäre der Saal womöglich voller gewesen. :ignore :ignore
Gerion (03.12.2008, 14:13):
Hmm.. Vielleicht hat es auch Faure und Ravel gelegen? ?( Immerhin kein absoluter "Mainstream"... Man müsste wissen, aus was für "Interessenschichten" sich das Konzertpublikum in Berlin zusammensetzt.
ab (03.12.2008, 14:17):
Original von Gerion
Hmm.. Vielleicht hat es auch Faure und Ravel gelegen? ?( Immerhin kein absoluter "Mainstream"... Man müsste wissen, aus was für "Interessenschichten" sich das Konzertpublikum in Berlin zusammensetzt.

...bei 3 Mio. Berlinerinnen und Berlinern und einem großen Einzugsgebiet also incl. synergetischer Attraktivität der Stadt stellt sich mir so eine Frage eigentlich nicht.

Ich hätte vermutet, Hewitt hat inzwischen eine solche Fan-Gemeinde wie ein Sokolov oder Afanassiev.
Heike (03.12.2008, 14:57):
Mhh, 2 Walzer (Faure) sind sooo schwierig nicht und Ravel ist doch als Person an sich auch sehr populär (wobei mir das Stück unbekannt war, aber mir sehr gut gefiel).

Der halbleere Saal ist umso verwunderlicher, als in beiden großen Sälen (Philharmonie und Konzerthaus) nicht parallel gespielt wurde.
Wie auch immer, es war schade und bleibt rätselhaft, dass es so schlecht besucht war.

Ich hätte vermutet, Hewitt hat inzwischen eine solche Fan-Gemeinde wie ein Sokolov oder Afanassiev.
Ich bin sehr gespannt, wie voll das Sokolov-Konzert im Februar sein wird. Bisher gibt es noch massig Karten.
Heike
ab (03.12.2008, 15:00):
Original von Hebre
Ich bin sehr gespannt, wie voll das Sokolov-Konzert im Februar sein wird. Bisher gibt es noch massig Karten.
Heike

Nicht versäumen! Sokolov ist immer ein Erlebnis (selbst wenn einem seine Art zu spielen persönlich nicht so sehr zusagen sollte)!

:hello
Heike (03.12.2008, 17:24):
Ich hab schon lange ne Karte :-)
Heike
nikolaus (03.12.2008, 21:35):
Original von Hebre

Argerich/ Maisky im großen (!) Saal letzten Mittwoch war fast voll.

Hebre

Wie hat es Dir denn gefallen?

Gruß, Nikolaus.
Heike (03.12.2008, 22:41):
Hallo Nikolaus,

Original von nikolaus
Original von Hebre

Argerich/ Maisky im großen (!) Saal letzten Mittwoch war fast voll.

Hebre

Wie hat es Dir denn gefallen?


Gut, aber nicht überwältigend.
Es kam mir zunächst sio vor, als wenn die zwei im Zusammenspiel nicht so gelöst gewesen wären - es kam jedenfalls wenig Vertrautheit und Intimität bei mir auf, es wirkte ein wenig angestrengt. Vielleicht hatte ich das Gefühl aber auch nur wegen dem großen Saal. Und das Konzert wurde auf Video aufgenommen, also es standen auch Kameras überall, auch auf der Bühne, am Rand. Vielleicht hat es sie ein wenig nervös gemacht. Also ich fand den ersten Teil nicht so stimmig, vor allem Maisky wirkte unruhig auf mich.
Nach der Pause hat es mir viel besser gefallen, und am Ende Schostakowitsch war dann einfach perfekt.

Nichts desto trotz beeindruckte mich Martha Argerich insgesamt sehr, sie spielte sehr brilliant, sehr klar und es waren stellenweise Klänge zu hören, die ich so live noch nie gehört habe, besonders in den tiefen Noten. Ich würde sie soooooo gern mal solo sehen, aber das ist wohl ein Wunschtraum.

Heike
nikolaus (03.12.2008, 23:16):
Hallo Heike,

ich glaube, das hast Du gut beobachtet, jedenfalls entspricht das dem, was man in den Zeitungen über die Konzerte in HH u. Berlin lesen kann.

Ich glaube auch, daß Mischa Maisky manchmal etwas "über die Stränge schlägt"...

Besten Dank für Deinen Eindruck,

Nikolaus.
Jeremias (17.12.2008, 09:44):
Gestern in Neuss:


Chorwerk Ruhr
Düsseldorfer Hofmusik
Peter Neumann | Leitung
Silke Schwarz | Sopran
Sara Mingardo | Alt
Christoph Prégardien | Tenor
Andreas Wolf | Baß


Johann Sebastian Bach | 1685–1750
Weihnachts-Oratorium BWV 248 Kantaten I - VI

Endlich einmal alle 6 Kantaten an einem Stück! Neumann dirigierte zwar ab und an etwas schleppend, dies wurde jedoch gut kompensiert. Der Chor ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Echo-Klassik und die Qualität war deutlich zu spüren! Das Orchester im großen und ganzen auch gut, wenn auch hier und da mit kleinen Schwächen bei den Bläsern.

Die Solistinnen Sopran und Alt haben uns nicht so überzeugt. Beide kamen aus dem Opernfach und fühlten sich insbesondere im 1. Teil nicht so wohl. Die Altistin war zeitweise doch sehr verkrampft. Prégardien war eine Klasse für sich! Absolut souverän, unglaublich deutliche Artikulation, eine wahnsinnig gute Technike... wie er seine beiden Soloarien mit den gewaltigen Koloraturen meisterte, das war einzigartig! Besonders atemberaubend war die Arie in der 4. Kantate, die auch so als Doppelkonzert für 2 Violinen durchgehen könnte.... welch eine Leichtigkeit! Highlight des Abends war aber der erst 25-jährige Bass-Bariton. Eine unglaublich reife Stimme für sein Alter, er war u.a. Schüler bei Prégardien. Die beiden Herren haben uns restlos und uneingeschränkt begeistert! Man merkte ihnen an, dass sie sich wesentlich wohler als die Damen fühlten, Pregardien sag auch die Chorstimmen teilweise mit.

Ein wunderbarer Abend, Weihnachten kann kommen!
ab (17.12.2008, 12:10):
Gestern im Konzert gehört:


bruckner orchester linz
dennis russell-davies dirigent
markus schulz bariton
kinderchor des ungarischen rundfunks
konzertvereinigung linzer theaterchor

joseph haydn: symphonie D-dur hob I:96 „the miracle“

béla bartók: sieben stücke für chor und kammerorchester
( „husarenlied“, „irrfahrt“, „lied der müßiggänger “,
„durch den wald irren“, „brotbacken“, „verlasse
mich nicht “, „burschengehänsel“ )

arthur honegger: „une cantate de noel“ für bariton, chor, kinderchor,
orgel und orchester

otto nicolai: weihnachtsouvertüre über den choral
„vom himmel hoch“


Das nenne ich ein Weihnachtsprogramm!
Von protestantischer oder katholischer Besinnlichkeit keine Spur, eher anglikanische Ausgelassenheit.

Davies in typischer federnder Manier.
Gradios war der Kinderchor des Ungarischen Rundfunks :down :down :down
Meine Verehrung für Bartók ist noch weiter gestiegen.

vollkommen vereinigten :engel
Da ragte selbst ein Pregardien um nichts mehr heraus... Warum sind solche Abende so selten :I]
cellodil (17.12.2008, 13:10):
Lieber ab,

da werde ich ein bisschen neidisch. Klingt richtig gut. Vor allem, wenn ich an das mir bevorstehende traditionelle Weihnachtskonzert denke... Naja. Ich werde - same procedure as last year - wohl auch dieses Jahr das Killervibrato (wenn Du Dir eine Katze vorstellst, der gerade jemand auf den Schwanz getreten ist, kommst Du dem ganz nahe) der Geigerin überleben...

Herzliche Grüße

Sabine
ab (17.12.2008, 13:34):
Original von cellodil
Lieber ab,

da werde ich ein bisschen neidisch.

Na ja, Davies Orchester klingt halt inzwischen in puncot Atem der Musik gar nicht mehr nach Österreich als viel mehr nach Saint Louis oder Saint Luke.

Das Herreweghe-Konzert liegt auch schon Jahre zurück.
Bei Werken mit Chor, Solisten, Orchester und Dirigenten liegt in der Regel zumindest bei einem davon ordentlich der Hase im Pfeffer. (bei der Oper kommt dann ja zudem noch Bühnenbild, Lichtregie, Regie und schauspielerische Leistung sowie Kostüme hinzu: sozusagen der Höhepunkt der Musikgattung?! )

(By the way: heute noch liegt mir ein Weihnachstoratorium in der Leipziger Nicolaikirche im Magen, wo über die, gelinde gesagt, sehr mäßige Qualität darüber hinaus auch noch eine Choristin ständig wie ein Zappelphilipp so herumhampelte, dass man völlig abgelenkt wurde. :S )
Gerion (20.12.2008, 12:16):
Gestern stand in Essen auf dem Programm:

C. Ives - The Unanswered Question
J. Haydn - Konzert für Trompete u. Orchester Es-Dur Hob. VIIe:1
L. v. Beethoven: Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 "Pastorale"

Der Solist des Haydn-Konzerts bzw. Mitwirkender beim Ives-Werk war Markus Stockhausen, dessen Fähigkeiten mich beeindruckt haben. Er war gut aufgelegt und improvisierte nach dem Haydn-Konzert noch auf der Picolo-Trompete (?) und dem Flügelhorn.

Beeindruckt war ich vom Alfred-Krupp-Saal als Klangraum. Ich saß in der Chorempore und empfand die Akustik als sehr angenehm und präzise. Das hatte allerdings den Nebeneffekt, dass man die zahlreichen Huster deutlich hören konnte, die natürlich auch im konstant leisen Ives-Stück, den Solopassagen des Haydn-Konzerts und den leisesten Abschnitten der Pastorale nicht an sich halten konnten. Ich habe mich mitunter richtig geschämt.

Die Essener Philharmoniker haben mir sehr gut gefallen. Stefan Soltesz dirigierte einen recht flotten Beethoven. Stellenweise kamen mir die Blechbläser etwas laut vor, das könnte aber an meiner Sitzposition gelegen haben. Einige Solopassagen (Blech- und Holzbläser im 2. Satz) hätte ich mir ebenfalls etwas exponierter gewünscht.

Das Ives-Stück konnte ich wegen des parallel abgehaltenen Hustkonzerts überhaupt nicht aufnehmen, geschweige denn verarbeiten.

Der Haydn war sehr gut!

Insgesamt ein gelungener Abend. Ich freue mich, im nächsten Quartal nach Essen zurückzukehren, um das Emerson String Quartet zu hören.

Herzliche Grüße
Gerion
Leif Erikson (21.12.2008, 10:35):
Vorgestern gab es von der Staatsphilharmonie Ludwigshafen ein Konzert mit dem Klavierkonzert von Grieg und der Peer Gynt Suite.

Solistin des Klavierkonzerts war Anna Buchberger geb. 1989, studiert in München an der Musikhochschule und ist auch noch auf dem Gymnasium. Ein zartes Mädchen, bei dem ich für die ffff - Stellen Bedenken hatte - jedoch weit gefehlt. Sie hat schon ca. 10 Jahre Bühnenerfahrung und hat das Stück, das ich vielleicht schon 3 mal live gehört habe fehlerlos (2 Fehler, die kaum zu hören waren) und absolut "erwachsen" gespielt. Ich war begeistert und gerührt über die frühe Vollkommenheit. Auch dieses musikalische "Fräuleinwunder" wird man sich merken müssen. Neben der brillanten Solistin war die Orchesterbegleitung etwas uninspiriert und vorsichtig.
Die Tatsache, daß dieses Orchester die Stücke eines Konzerts regelmäßig in deutlich hörbar unterschiedlichem Probenstand bietet wird mir langsam doch ziemlich ärgerlich. Ich fange dann immer an zu spekulieren, warum sie ihren Probenaufwand gerade so verteilen.

Die Peer Gynt Suite war das gut geprobte Stück und hat wirklich Spaß gemacht. Vor allem die drei Percussionisten waren exzellent, auch die Harfe und einige Bläser bei allgemein hohem Niveau.

Unnötig fand ich den Sprecher, der vor jedem Satz eine Inhaltsangabe verkündet hat. Die Sprache wurde quasi in die Musik ein- und ausgeblendet. Vielleicht kann man den Einsatz des Sprechers damit rechtfertigen, daß es sich ja ursprünglich um eine Schauspielmusik handelt. Da sie durchaus die Qualität von absoluter Musik hat ist der Sprecher aber wie gesagt überflüssig.
Herr von Thun spricht gut, wurde prompt wie ein Solist beklatscht und bekam einen Blumenstrauß - eindeutig zuviel der Ehre für meinen Geschmack.

Es ist gut zu wissen, wozu die Staatsphilharmonie imstande ist, z.B. auf der CD mit Koechlins "Heures Persanes" unter Segerstam.
Rasilainen habe ich auch schon oft in Bestform erlebt und auf CD gehört.
Leider macht er im Augenblick keinen sehr frohen Eindruck. Es ist seine letzte Saison bei der Staatsphilharmonie und da war ja diese Enttäuschung, daß das Orchester in München ausgeladen wurde. Ich bilde mir ein, daß er sich davon immer noch nicht erholt hat.

Gruß, Leif.
nikolaus (01.01.2009, 11:49):
Gestern nicht, sondern letztes Jahr und schon fast zwei Monate her (und damit löse ich meinen einzigen Vorsatz für das neue Jahr schon ein):

Vom 7. bis zum 9. November fand in Hamburg das "Konzertwochenende" Brahms am Klavier statt.

Organisiert wurde dieses Wochenende in bewunderungswürdiger Initiative einer Privatperson und des Vereins ProPiano Hamburg e.V..
Es umfasste das gesamte Solo-Klavierwerk von Brahms, ergänzt um einige Werke des Schumann-Ehepaars.

Eingeladen waren drei Pianisten, die sich jeden Abend aufteilten (eine, wie ich finde, sehr gelungene Konstruktion):
Philippe Bianconi
Jean-Frédéric Neuburger
Gerrit Zitterbart

Konzertort war die Freie Akademie der Künste, dort ein gewölbeartiger
Saal im obersten (glaube ich) Stockwerk, der als Ausstellungsraum dient.
Mir als "Provinzler" hat es dort sehr gut gefallen, sehr belebend. Die Akkustik ist durchaus akzeptabel.

Ich war am ersten Abend da und habe folgendes Programm erleben dürfen:

Brahms: Scherzo in es-moll op. 4
Sonate Nr. 1 in C-Dur op. 1 Jean-Frédéric Neuburger

Brahms: Acht Klavierstücke op. 76
Zwei Rhapsodien op. 79 Philippe Bianconi

Brahms: Vier Balladen op. 10
Variationen über ein eigenes Thema op. 21/1
Variationen über ein ungarisches Lied op. 21/2 Gerrit Zitterbart

Neuburger spielte sehr beeindruckend: das Scherzo charmant und jugendlich-frisch, die Sonate mit erstaunlicher Reife und gutem "Überblick" sowie auf angenehme Weise kraftvoll.

Bianconi ist trotzdem noch ein anderes Kaliber, man bemerkt (natürlich) seine grössere Erfahrung.
Er verfügt über einen wunderbar warmen Ton und weiss die Werke eigenwillig aber nicht exzentrisch zu gestalten. Darüberhinaus wirkt er einfach sympathisch und natürlich!

Zitterbart ist ebenfalls ein sehr erfahrener Pianist, hat mich aber mit seinem grundsoliden Spiel (das meine ich positiv) allerdings nicht ganz erreicht. Es fehlte mir irgendetwas - vielleicht schlicht etwas "Pep".

Der Vollständigkeit halber das Programm der anderen Tage:

Samstag:
Schumann/Liszt: "Widmung"
Schumann: Symphonische Etüden op. 13 Philippe Bianconi

Schumann: Bunte Blätter op. 99/4
Clara Schumann: Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 20 (Auswahl)
Schumann: Bunte Blätter op. 99/5
Brahms: Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 9
Brahms: Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24 Gerrit Zitterbart

Brahms: Sechs Klavierstücke op. 118
Brahms: Klaviersonate Nr. 2 fis-moll op. 2 Jean-Frédéric Neuburger

Sonntag:
Brahms: Klaviersonate Nr. 3 f-moll op. 5 Jean-Frédéric Neuburger

Brahms: Sieben Fantasien op. 116
Brahms: Drei Intermezzi op. 117 Gerrit Zitterbart

Schumann: Kreisleriana op. 16
Brahms: Vier Klavierstücke op. 119 Philippe Bianconi

Leider, leider habe ich diesen letzten Abend, der Höhepunkt des Wochenendes, nicht erlebt.

Lobend erwähnen muss ich auf jeden Fall noch das ausführliche, lehrreiche und schön gestaltete Programmheft (ebenfalls private Leistung!!). Davon können sich professionelle Konzertveranstalter mehrere dicke Scheiben abschneiden!

Fazit: ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte und Hochachtung vor den Musikern und vor allem vor der privaten Initiative und Organisation!

Nikolaus.
Gamaheh (02.01.2009, 01:36):
Lieber Nikolaus,

da war ich ja auch, und ich danke Dir, daß Du schon darüber berichtet hast, denn ich habe es auch vor mir hergeschoben!

Ich habe einen ähnlichen Eindruck wie Du: Der junge Neuburger liefert – insbesondere für sein Alter (21) – erstaunlich reife Interpretationen; er schien mir ganz ausschließlich auf die Musik konzentriert, die er sicher und kraftvoll – aber ohne jedes „Hämmern“ – spielte. Den intensivsten Eindruck hat er sicher am zweiten Abend mit der 2. Sonate hinterlassen. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, werden wir noch einiges von diesem Pianisten hören!

http://www.propiano-hamburg.de/Bilder/JFN_081109_5_w.jpg

Philippe Bianconi war nicht nur bei der Musik, sondern auch beim Publikum; das meine ich nur positiv – es war wie ein Geschenk! Und der Höhepunkt der drei Abende war – nicht nur für mich – sein Beitrag zum letzten Abend (Schumanns Kreisleriana und Brahms’ op.119), wo das gesamte Publikum spontan auf den Füßen war.

http://www.propiano-hamburg.de/Bilder/PhB_10_w.jpg

Bei Zitterbart fand ich bemerkenswert, daß er immer anwesend war: In jeder Pause und nach dem Konzert für das Publikum ansprechbar, selbst vor seinen Auftritten saß er im Publikum und hat den Kollegen zugehört. An zwei Abenden hat er auch noch ein wenig zu seinen Stücken gesagt, für die (wohl die meisten), die vorher nicht das Programmheft gelesen hatten, was am zweiten Abend besonders nützlich war. Mich lenkt es immer ein wenig ab, wenn ein Pianist aus der Partitur spielt, erstaunlicherweise klingt es gleich viel besser, wenn man die Augen zumacht.

http://www.propiano-hamburg.de/Bilder/GZ_081109_11_w.jpg

Insgesamt sicherlich mein Highlight der Saison!

Grüße,
Gamaheh

Fotos von www.propiano-hamburg.de/Brahms.html (mit Genehmigung)
kreisler (11.01.2009, 12:34):
Ich kann leider zu "Herr Neuburger" nichts sagen, da ich ihn nicht kenne.

Schumanns Kreisleriana (welche ich als eine der großartigsten klavierkomositionen halte!)
habe ich einmal mit Pollini im Münchner Herkulesssal gehört. Bei aller Verehrung zu Pollini weiß ich dennoch nicht, ob er da an die Aufnahmen bsp. von Kempff heranreichen kann.

Zu meinen sonstigen großen Konzerterlebnissen gehören einmal Kissin mit Mozart-Klavierkonzerten und
auch Julia Fischer mit Brahms Meisterwerk in der Royal Albert Hall beide letzte Saison.
Gamaheh (12.01.2009, 20:49):
Hallo Amadeus Kreisler,

willkommen im Forum - da muß ich doch gleich mal wieder ein Hoffmann-Zitat hervorkramen!
Original von Amadeus Kreisler
Ich kann leider zu "Herr Neuburger" nichts sagen, da ich ihn nicht kenne.
Aber zu den anderen beiden?

Schumanns Kreisleriana (welche ich als eine der großartigsten klavierkomositionen halte!)
habe ich einmal mit Pollini im Münchner Herkulesssal gehört. Bei aller Verehrung zu Pollini weiß ich dennoch nicht, ob er da an die Aufnahmen bsp. von Kempff heranreichen kann.
Das geht mir ebenso. Ich hatte völlig vergessen (oder verdrängt), daß ich sie von Pollini (den ich auch seit langem bewundere) im Konzert gehört hatte, aber mir fiel kürzlich das Programm in die Hände, und ich erinnerte mich, daß sie mir gar nichts gesagt hatten...

Vor Bianconis Kreisleriana dagegen kapituliere ich bedingsungslos! Er hat sie nicht auf CD aufgenommen, aber ich habe eine Konzert-Aufnahme aus dem Radio.

Grüße,
Gamaheh
kreisler (12.01.2009, 21:32):
Hallo Gamaheh

Nun von bianconi kenn ich immerhin den Vornahmen :wink

Aber im ernst: das klingt ja recht spannend, muss mich wohl (als absoluter Schumann-Begeisterter) mal über ihn informieren.

P.S.: Da hast du ja ein wunderbares Zitat "von mir" :) signatur. (Aber eigendlich habe ich bei meiner "Taufe" hier gar nicht nur an den "Kapellmeister" gedacht, sonder durch auch an bsp. den Österreichische Komiker.)
Heike (13.01.2009, 21:10):
Berlin, Lindenoper, 12.1.09 Daniel Barenboim, West-Eastern Divan Orchestra

Auf jeden Fall war es ein extrem emotionales Konzert - und zwar auch abseits der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost, die natürlich noch zusätzlich Spannung erzeugten!

Die Leonoren-Ouvertüre am Anfang wurde so berührend gespielt, wie ich es lange nicht gehört habe. Da war Tempo und zugleich Feeling drin, da verzeihe ich auch leicht, wenn es nicht immer überall so ganz perfekt ist.

Beethovens Fünfte anschließend war nicht übel, auch sehr flott - aber o.k., das habe ich x mal gehört.

Richtig gut fand ich dann Brahms' vierte Sinfonie. Das war große Kunst und hier hatte Barenboim wohl ausgiebig geprobt - jedenfalls floss es phantastisch und ich war entzückt! Ich hab die Sinfonie schon öfter auf CDs gehört und war vorher nie so richtig warm damit geworden, obwohl ich Brahms eigentlich sehr mag.

Die Standing Ovations am Schluss waren musikalisch verdient und nicht nur ein politisches statement.
Heike
cellodil (13.01.2009, 22:07):
Liebe Heike,

das klingt nach einem richtig schönen Konzertabend! Wow! Da werde ich fast ein bisschen neidisch...

Liebe Grüße

Sabine
Gamaheh (14.01.2009, 22:51):
Nicht gerade Konzert, aber so ähnlich: In der Sammlung historischer Tasteninstrumente des hiesigen Museums für Kunst und Gewerbe die Eröffnung der Video-Installation "Pianoforte" von Christoph Girardet (heute abend).

Angeregt durch die Beobachtung, daß in sehr vielen Spielfilmen an der einen oder anderen Stelle Klavier gespielt wird, hat der Künstler 88 Sequenzen aus 50 Filmen zu sechs Minuten Film zusammengeschnitten, in denen das Klavier im Mittelpunkt steht (d.h. gespielt wird - in den Sequenzen, nicht in den Filmen).

Dazu gab es eine Einführung des Künstlers, die erahnen läßt, wieviel Arbeit das gemacht hat; einen kurzen Vortrag über die Geschichte des Klaviers von einem Musikwissenschaftler, und eine kurzen Vortrag über Musik in Filmen von einem Kunsthistoriker (beide sehr amüsant), der u.a. auf dem Gebiet Film/Video einen seiner Schwerpunkte hat. Kernaussage der Veranstaltung war, daß das Klavier in der Lage ist, jede Emotion auszudrücken.

Alles in allem äußerst kurzweilig und sehr interessant.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (14.01.2009, 22:57):
Hallo A.K.,

Original von Amadeus Kreisler
Nun von bianconi kenn ich immerhin den Vornahmen :wink
"Herr Neuburger" heißt Jean-Frédéric, und sein Nachname spricht sich "Nöbürgé" (wobei "g" wie in "Gelée" - IPA funktioniert hier leider nicht).

Aber im ernst: das klingt ja recht spannend, muss mich wohl (als absoluter Schumann-Begeisterter) mal über ihn informieren.
Solltest Du!

P.S.: Da hast du ja ein wunderbares Zitat "von mir" :) signatur. (Aber eigendlich habe ich bei meiner "Taufe" hier gar nicht nur an den "Kapellmeister" gedacht, sonder durch auch an bsp. den Österreichische Komiker.)
Ach Entschuldigung - der Taubenvergifter? - da gibt es ja so viele! (U.a. auch noch einen Geiger, und dann der Brahms ...) Aber "Amadeus" und "Kreisler" zusammen waren mir zuviel der Assoziation mit Hoffmann!

Grüße,
Gamaheh
cellodil (15.01.2009, 05:39):
Original von Gamaheh
Original von Amadeus Kreisler
P.S.: Da hast du ja ein wunderbares Zitat "von mir" :) signatur. (Aber eigendlich habe ich bei meiner "Taufe" hier gar nicht nur an den "Kapellmeister" gedacht, sonder durch auch an bsp. den Österreichische Komiker.)

Ach Entschuldigung - der Taubenvergifter? - da gibt es ja so viele!

... oder der Musikkritiker, der auch die beste Oper von allen mit dem Ritter und der Ritterin, die niemals gespielt wird, geschrieben hat? ... aber der heißt doch Georg!

Liebe Grüße

Sabine

P.S.

@Amadeus Kreisler

Dir noch ein - etwas verspätetes - Willkommen im Forum. Vielleicht magst Du Dich mal gelegentlich im entsprechenden Thread im Mitgliederbereich vorstellen?
cellodil (16.01.2009, 00:03):
Die Karte für einen Abend mit der britischen Cello-Komikerin, Musik-Kabarettistin, Sängerin, Entertainerin, Schauspielerin, ... Rebecca Carrington im Theaterhaus Stuttgart war ein Weihnachtsgeschenk. Ich habe dem Abend mit durchaus gemischten Gefühlen entgegengesehen, weil der Veranstalter (eine hiesige Kultur- und "Szene"-Kneipe) bisweilen durchaus unterirdisch grauenvollen Künstlern ein Forum bietet. Ich hätte mir wohl keine Karte gekauft. Aber: Dann hätte ich wirklich etwas versäumt!

Carrington bringt mit ihrem Cello "Joe" nicht nur eine unglaublich komische Parodie von Jacqueline Du Pré auf die Bühne oder lässt Edith Piaf zum Schaf und die Prélude einer Bach-Suite zu Popmusik mutieren; sie nimmt ihr Publikum mit auf eine (nicht nur musikalische) Weltreise, lässt ihr Cello wie einen Dudelsack klingen und nimmt sich Joe schon mal als Flamenco-Gitarre zur Brust. Sie mockiert sich über hochnäsige französische Kellner und über spanische Machos, über Sopranistinnen und Tenöre, nicht über Gott, aber sicher über die Welt.

Carrington, eine charmante "Rampensau" mit viel Witz und einer Lust am Grimassieren, die an den jungen Otto Waalkes denken lässt, und ungeheurer Präsenz, beeindruckt nicht nur musikalisch, sondern und vor allem auch als Schauspielerin, die in ihren gnadenlos, aber doch auch augenzwinkernd überzeichneten Typen immer den wahren Kern aufscheinen lässt.

Ein wohltuend leichter und heiterer Abend...

P.S. Auf Arte gab es einen Beitrag über Rebecca Carrington, der - zumindest teilweise - hier zu sehen ist
ab (16.01.2009, 00:39):
hast Du die CD?
cellodil (16.01.2009, 06:27):
Original von ab
hast Du die CD?

Lieber ab,

ich glaube, das funktioniert nur live. Selbst die Videos auf youtube vermitteln nur einen ungefähren Eindruck. Deshalb habe ich auch auf den Erwerb der DVD verzichtet (die CD hatte sie gar nicht dabei gestern).

:hello und liebe Grüße

Sabine
ab (16.01.2009, 09:52):
Original von cellodil
Original von ab
hast Du die CD?

Lieber ab,

ich glaube, das funktioniert nur live. Selbst die Videos auf youtube vermitteln nur einen ungefähren Eindruck. Deshalb habe ich auch auf den Erwerb der DVD verzichtet (die CD hatte sie gar nicht dabei gestern).

:hello und liebe Grüße

Sabine

ich fürchte, Du hast ganz recht: Ich habe nämlich nur von einem begeisterten Cellisten die CD, die er nach einem Konzert in Wien gekauft hatte, in die Hand gedrückt bekommen - und diese hat mir nicht den Witz verständlich machen können.
:J
kreisler (16.01.2009, 18:34):
Original von cellodil
Original von Gamaheh
Original von Amadeus Kreisler
P.S.: Da hast du ja ein wunderbares Zitat "von mir" :) signatur. (Aber eigendlich habe ich bei meiner "Taufe" hier gar nicht nur an den "Kapellmeister" gedacht, sonder durch auch an bsp. den Österreichische Komiker.)

Ach Entschuldigung - der Taubenvergifter? - da gibt es ja so viele!

... oder der Musikkritiker, der auch die beste Oper von allen mit dem Ritter und der Ritterin, die niemals gespielt wird, geschrieben hat? ... aber der heißt doch Georg!

Liebe Grüße

Sabine

P.S.

@Amadeus Kreisler

Dir noch ein - etwas verspätetes - Willkommen im Forum. Vielleicht magst Du Dich mal gelegentlich im entsprechenden Thread im Mitgliederbereich vorstellen?

Dann danke für das Willkommen :hello

und ja, der Musikkrittiker heißt Georg, aber ich dabei irgendwie an alle ein wenig gedacht, übrigens auch an Mozert und ET A Hoffmann :wink

also alles durcheinander gemixt. heraus kommt dann so´n schmarnn :J

Das mit dem vorstellen hatte ich schon gleich am Anfang vor, da hab ich aber den Thread nicht gefunden... Danke dass du mich dran erinnert hast, ich muss es umbedingt nachholen

viele grüße vom kreisler

Achso und warum ich eigentlich hier reingeschaut habe:

Ich war gestern in diesem Konzert:

Marris Jansons, zusammen mit dem BR Symphonieorchester haben gespielt:

A. Tschaikowsky 4.Symphonie - das war so eine typische "moderne-Komposition-in-einem-Abonnementkonzert, weil das auch mal sein muss" Konzerteröffnung. Jetzt mal sehr böse gesagt :)
Aber das war mir einfach zu wenig "modern" :P

Prokofjew 1. Violinkonzert - Gespielt von Julia Fischer. Sie hat sehr schön Geige gespielt, ich habe sie allerdings schon mal mit Brahms gehört, das fand ich noch weit aus überzeugender. Vielmehr kann ich dazu nicht sagen, da ich zu meiner Schande gestehen muss, das ich das Violinkonzert zu ersten mal hörte

Strawinsky le sacre - Das hat Mariss Jansons - und das ganze Orchester - echt toll gemacht!
ein schönes Konzerterlebniss, der Sacre...

Und nochmal grüße

kreisler
ab (18.01.2009, 22:02):
Weils hier her gehört:
Beethovens letzte drei Klaviersonaten.

Original von ab
Original von Gamaheh
Original von ab
In (etwas zwiespältiger) Vorfreude auf das Martinée-Konzert am kommenden Sonntag mit den letzten drei Beethoven-Klaviersonaten mit Elisabeth Leonskaja,

Warum denn "zwiespältig"?


Ich freue mich aufs Prgramm und befürchte zugleich, dass aber meine Erwartungen von Frau Leonskaja nicht erfüllt werden.

Fazit: Ich kann nur positiv überrascht werden... :W


Bin weder positiv noch negativ überrascht worden.

(Schon lange nicht mehr so viele falsche Töne gehört. Schon lange nicht mehr eine so interessante Durchdringung gehört. Musikalisch leider wenig ergreifend. Wunderbare linke, weniger ausgereifte rechte Hand. Und immer ihre seltsame Agogik und Subjektivität.)
Gamaheh (21.01.2009, 00:16):
Liebe Forenser,

heute abend in der Hamburger Musikhalle: András Schiff mit Schumann.

Das angekündigte Programm:
Schumann: Papillons, Fantasie in C op.17
Beethoven: Klaviersonaten opp. 101 und 53

Gespielt hat er dieses:
Schumann: Waldszenen, Klaviersonate in fis op.11
Schumann: Fantasie op.17, posth. Variationen in Es WoO 24

Schiff hatte ich jahrelang ignoriert, weil ich mal seine Goldberg-Variationen gehört hatte und diese als „schwächlich“ empfand. Nun hatte ich in letzter Zeit endlich Gelegenheit, dieses schlimme Vorurteil zu korrigieren (nicht, daß eins besser wäre als das andere), seit ich ihn als formidablen Schumannianer kennengelernt habe.

Insofern war ich ob der Programmänderung auch nicht enttäuscht, zumal ich zu meinem Entzücken endlich die sog. „Geister“-Variationen auf einem Konzertprogramm fand!

Die Waldszenen haben mich gleich fasziniert. Sie sind ja für Schumann recht speziell, und Schiff gelang es, die Doppelbödigkeit, von der hier an anderer Stelle die Rede war, mit Finesse herauszubringen. Er spielt – nicht nur hier – vieles anders, als man es gewohnt ist zu hören, setzt überraschende Akzente, spielt die Hände gegeneinander aus (ich will sagen, daß er mal die eine, mal die andere auffällig stärker betont, ich möchte fast sagen: die Melodie aufbricht), was hier eine intensive Wirkung zeitigt – wie später noch stärker bei der Fantasie, aber in anderem Sinne.

Etwas anderes ist es dann schon mit der Sonate, wo ich mir ein wenig mehr Leidenschaft gewünscht hätte (jedenfalls vom Eindruck her) – aber das ist sicher auch nur ein Vorurteil; es war durchaus sehr interessant, das mal anders zu hören.

Die Fantasie ist wunderschön gespielt, aber hier wirkt mir Schiff zu kontrolliert – ein wenig, als würde er es für schlechten Geschmack halten, sich gehen zu lassen. Immer, wenn er an eine Stelle kommt, wo man ein starkes Crescendo, Accelerando gewohnt ist und mit Vorgenuß erwartet – eine Klimax – da bremst er ganz auffällig ab. Das ist natürlich bei all dem extravaganten Expressivismus, den wir von einigen sog. „Stars“ gewohnt sind, als Gegengabe auch wohltuend. Aber er hat nicht das Entfesselte eines Pollini, der dieses Werk gibt, als wäre es eine griechische Tragödie mit folgender Katharsis für alle Anwesenden; er hat auch nicht die innere Glut eines Bianconi, dem es gelingt, auch in den Herzen der Zuhörer eine Flamme zu entzünden, um dann im letzten Satz eine Stimmung heiteren Friedens zu verbreiten – wobei keinem von beiden vorgeworfen werden könnte, sich „gehen zu lassen“. (Ich spreche auch in beiden letzteren Fällen von Konzerterlebnissen, nicht von Konserven.)

Ja, und dann die „Geister“-Variationen endlich im Konzert! Das war schön, er spielte sie auch nicht ganz so schnell wie auf der Platte – ein schöner Abschluß, dacht ich (danach braucht eigentlich nichts mehr gesagt zu werden).

Daß hier keine Zweifel aufkommen: Für mich hat sich Schiff an diesem Abend als großer Musiker gezeigt, ein Eindruck, den er noch unterstrich, indem er als Zugabe Beethovens Klaviersonate op.109 spielte! Das Publikum (mich eingeschlossen) war hingerissen und begeistert.

Nächtliche Grüße,
Gamaheh
cellodil (21.01.2009, 08:50):
Liebe Gamaheh,

da scheinst Du ja einen schönen und erfüllten Konzertabend gehabt zu haben. Ich selbst hörte Schiff vor Jahren mal im Konzert. Da hatte er allerdings wohl einen ziemlich schlechten Abend. Das, was Du schreibst, gibt mir Hoffnung für Schwetzingen, wo ich ihn im Frühjahr mit Perényi und Shiokawa und Haydn-Trios hören werde. Obwohl: Zwischen Haydn und Schumann liegt ja ein weites Feld... Naja. Auf jeden Fall freut es mich, dass Du einen schönen Abend hattest.

Liebe Grüße

Sabine
ab (21.01.2009, 09:19):
Original von cellodil
wo ich ihn im Frühjahr mit Perényi und Shiokawa und Haydn-Trios hören werde. Obwohl: Zwischen Haydn und Schumann liegt ja ein weites Feld... Naja.

OH! Die spielen immer noch im Trio zusammen?! (Wie das wohl das sein muss, mit einer Ex-Frau auf Tour zu gehen...)
Nicolas_Aine (21.01.2009, 13:52):
Hab sogar zwei Konzerte, von denen ich erzählen kann :)

Stuttgart, Liederhalle, 15.1.2009

Anne-Sophie Mutter, Violine
Roman Patkolo, Kontrabaß
Michael Francis, Dirigent
SWR RSO

P. Hindemith: Symphonie "Mathis der Maler"
A. Previn: Konzert für Violine, Kontrabass und Orchester
W. A. Mozart: Ouvertüre aus "Die Hochzeit des Figaro"
S. Gubaidulina: Violinkonzert "In tempus praesens"

Das ganze war ein Benefizkonzert zu gunsten der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung, von dem Geld wird eine Geige für eine junge koreanische Geigerin gekauft, deren Name mir grade entfallen ist.

Zum Konzert:
Den Hindemith fand ich gut, allerdings hab ich von Hindemith keine Ahnung, deswegen kann ich das nicht so beurteilen.
Das Doppelkonzert von Previn war in Ordnung, mir hat das Stück nicht so gut gefallen, mir kam es so vor, als ob es nur aus einer langen Reihe Dissonanzen besteht, die ansonsten keinen Zusammenhalt haben. Dazu kam, dass Mutter nicht sehr überzeugt auf mich gewirkt hatte. Patkolo hat mir von der Technik her sehr gut gefallen, sein Ton war etwas klein.
Figaro - Naja, war halt Standardkost, auf hohem Niveau allerdings. Ich fand nur, dass dieses Stück überhaupt nicht ins Programm gepasst hat, kam mir so vor als wäre das ein "spielen wir halt noch was klassisches, dass mehr Leute kommen" Stück gewesen.
Das Violinkonzert von Gubaidulina fand ich genial. Zum Einen hat mir das Stück unglaublich gut gefallen, zum Anderen hat Mutter sehr sehr überzeugt davon gewirkt und es wirklich gut rübergebracht.

Alles in allem aber ein wirklcih gutes Konzert, hat sich auf jeden Fall gelohnt, zumal es für mich auch noch kostenlos war (dank LJO Mitgliedschaft :D) und ich hinterher noch zum Empfang durfte, auf dem neben Mutter und Patkolo auch Leute wie Günter Oettinger, Lothar Späth oder Wolfgang Schuster anwesend waren^^ War ganz lustig, und vor allem gabs Essen und Getränke umsonst.

Vom zweiten Konzert (Daniel Hope mit dem Stuttgarter Kammerorchester) erzähl ich nachher, ich muss jetzt in die Schule :/ Musikunterricht^^
Gerion (21.01.2009, 15:13):
Lieber Nicolas,

ein beneidenswert gutes Programm - bis auf Figaro, da gebe ich Dir recht.

Sowohl das Previn-Werk (dass, wenn ich mich recht erinnere, Mutter gewidmet ist) als auch das neue Gubaidulina-VK (ebenfalls eine Widmung für sie, wenn ich mich nicht irre) hätte ich wahnsinnig gerne gehört!

Herzlich grüßt
Gerion
cellodil (21.01.2009, 15:31):
Original von ab
Original von cellodil
wo ich ihn im Frühjahr mit Perényi und Shiokawa und Haydn-Trios hören werde. Obwohl: Zwischen Haydn und Schumann liegt ja ein weites Feld... Naja.

OH! Die spielen immer noch im Trio zusammen?! (Wie das wohl das sein muss, mit einer Ex-Frau auf Tour zu gehen...)

.... der Vorteil: Man kennt sich gut. Der Nachteil: dito...

Original von ab


... na, da machst Du mir ja Hoffnung! :wink

Dann werde ich mich wohl am besten vorher noch zum Survival-Camp Selektives Hören für Einsteiger und Fortgeschrittene anmelden.

Liebe Grüße in den Schnee (liegt er noch?)

Sabine
Nicolas_Aine (21.01.2009, 16:07):
Original von Gerion
Lieber Nicolas,

ein beneidenswert gutes Programm - bis auf Figaro, da gebe ich Dir recht.

Sowohl das Previn-Werk (dass, wenn ich mich recht erinnere, Mutter gewidmet ist) als auch das neue Gubaidulina-VK (ebenfalls eine Widmung für sie, wenn ich mich nicht irre) hätte ich wahnsinnig gerne gehört!

Herzlich grüßt
Gerion

Richtig, das Gubaidulina VK ist sogar von der ASM Stiftung in Auftrag gegeben worden.


Jetzt also das 2. Konzert, nachdem ich den Musikunterricht mal wieder überlebt habe^^

Di., 20.1.2009, Festsaal der Uni Tübingen

Daniel Hope, Violine + Leitung
Stuttgarter Kammerorchester

Ein Programm bestehend aus Vivaldi und Bach:

A. Vivaldi: Violinkonzert in D-Dur, RV 234 "L'Inquietudine"
J. S. Bach: Violinkonzert a-moll BWV 1041
A. Vivaldi: Konzert d-moll für 2 Violinen und Basso continuo op. 3 Nr. 11 aus “L’Estro Harmonico”
A. Vivaldi: Violinkonzert "La Tempesta di Mare", op. 8 Nr. 5 RV 253
J.S. Bach: Konzert für 2 Violinen d-moll BWV 1043
A. Vivaldi: „L'Estate“ – Der Sommer aus den Vier Jahreszeiten


Das Konzert war im Großen und Ganzen sehr gut, Hope hat einen tollen Ton, allerdings fand ich das Verhältnis Sologeige vs. Orchester nicht immer so gut, das Orchester war stellenweise etwas zu laut, kann aber auch an der Akustik gelegen haben, ich kenne den Saal nicht wirklich, auch wenn ich da schon gespielt habe (allerdings vor ca. 5 Jahren).
Im ersten Teil des Programms hatte er sehr sehr schnelle Tempi, die ich vor allem bei den beiden Vivaldi Stücken als zu schnell einstufen würde. Im zweiten Teil fand ich es in Ordnung.
Ansonsten ein wirklich tolles Konzert, die Interpretationen waren sehr durchdacht und, wie gesagt, ein toller Ton.
Auch das Orchester, dessen Geigen und Bratschen übrigens im Stehen gespielt haben, hat gute Arbeit geleistet. Auch das hier ein äußerst lohnenswertes Konzert, alles in allem :)
Gamaheh (25.01.2009, 15:08):
Heute Mittag im Spiegelsaal des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg ein Konzert der Deutsche Stiftung Musikleben mit dem Pianisten Cornelius Meister und dem Klarinettisten Clemens Trautmann:

Robert Schumann: Fantasiestücke in a op.73
Johannes Brahms: Sonate für Klavier und Klarinette in f op.120/1
Francis Poulenc: Sonate für Klarinette und Klavier

Der neo-klassizistische Saal mit seinen 170 Plätzen war brechend voll, und ich erwischte gerade noch einen der letzten beiden ... Ein schönes Konzert mit zwei sympathischen Solisten, die einst Stipendiaten der Stiftung waren: Die Moderatorin sprach von "unseren kleinen Stipendiaten", die vor 13 Jahren mit 15 bzw. 18 Jahren zum ersten Mal dort gespielt hatten und seitdem ein festes Team geworden sind. Der Pianist ist auch Dirigent (s. entsprechenden Faden), und der Klarinettist "nebenbei" Rechtsanwalt.

Das Gequieke der Klarinette finde ich immer etwas gewöhnungsbedürftig, aber Poulenc klang gut und sehr launig, und auch die vier Zugaben haben Spaß gemacht (u.a. Brasileira aus Scaramouche von Milhaud und ein Ungarischer Tanz von Brahms; die anderen beiden kann ich nicht benennen).

Grüße,
Gamaheh
Heike (30.01.2009, 00:47):
So, wie gewünscht hier mein Konzertbericht zu Perahia und noch einer von heute (oh, es ist ja schon gestern):
Weil ich nämlich morgen frei hab, kann ich jetzt mit einem Gläschen Sekt in aller Ruhe am PC sitzen ;-)


Mittwoch:
Philharmonie Berlin (restlos ausverkauft!)
Murray Perahia
Johann Sebastian Bach: Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825
Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviersonate Nr. 12 F-Dur KV 332
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 »Appassionata«
Johannes Brahms: Variationen und Fuge über ein Thema von Händel B-Dur op. 24

FAZIT:
> Rundum Begeisterung!!!
Wie erwartet zuerst der schön fließende, klar und differenziert gespielte Bach. Da ich die CD mit den Partitas 2, 3 und 4 oft im Player habe und ganz großartig finde, hat mich das nicht überrascht, dass mir auch Nr. 1 gleich den Anfang des Konzertes wunderbar eröffnet.
Dann Mozart. Den höre ich gar nicht oft, und wenn schon, dann mal eine Klaviersonate oder Oper. Mir hat es recht gut gefallen, wobei mir hier der Vergleich fehlt, um die Qualität wirklich beurteilen zu können.
Dann hat mich nahezu hingerissen: die Apassionata. Ich habe davon etliche Aufnahmen (mein Favorit: Schnabel), kenne sie in und auswendig. Das war Dynamik pur und Lyrik vom feinsten (v.a. der langsame Satz war hinreißend!) - also, das hat mich wirklich überrascht. Einfach großartig, virtuos, ohne jedes Pathos und doch voller Schönheit. Sehr transparent und melodisch. Ich bin begeistert, ich habe noch keine Beethovensonate von Perahia auf CD, aber das wird nachgeholt.
Zum Abschluss die Brahms-Variationen fand ich auch überzeugend, ich liebe Brahms und ich finde, er hat das wunderbar interpretiert, gesteigert und der Klang war einfach zauberhaft. So stelle ich mir das vor, nicht übertrieben, aber souverän.
Das Publikum war begeistert und erklatschte sich 2 Schumann-Zugaben, ich war fasziniert, dass (im Gegensatz zu dem Argerich- Maisky Konzert Ende 2008) überhaupt kein Gedanke bei mir aufkam, dass der Saal für einen einzelnen Flügel zu groß sei....


Donnerstag
Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal (recht gut gefüllt, aber nicht voll)
SOL GABETTA Violoncello HENRI SIGFRIDSSON Klavier

Ludwig van Beethoven: Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 5 D-Dur op. 102 Nr. 2
Dmitrij Schostakowitsch: Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40
César Franck: Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur (1886)
Ginastera: Pampeana Nr. 2 op. 21 (1950), Rhapsodie für Violoncello und Klavier

FAZIT:
> anregend und gut mit Abstrichen
Ich liebe Beethovens Cello-Sonaten! Und da hat mich die Gabetta wirklich nicht enttäuscht, da konnte man gut zuhören. Sie spielte Nr. 5 wirklich ganz gerade, quasi ohne jedes Vibrato. Hat mir gut gefallen.
Nur schade, dass der Mann am Klavier da nicht mithalten konnte - was schon das Problem des ganzen Abends umreißt: er war technisch versiert, aber einfach zu uninspiriert, oft zu laut und spielte einfach in einer anderen Liga, leider.
Ok, dann weiter mit Schostakowitsch, den ich ja sehr mag, der auch von Gabetta ordentlich gespielt wurde, aber mir wegen des schwachen Klaviers doch nicht allzuviel Spaß machte. Trotzdem habe ich gern zugehört, das Stück ist einfach zu schön.
Besser dann die so bekannte Franck- Sonate, die fand ich sehr ausdrucksvoll und das letzte (mir bisher unbekannte Ginastera - Stück gefiel mir auch gut.
Auch hier 2 Zugaben - Blochs Prayer und ein mir unbekanntes STück, auf jeden Fall eine Figaro-Parodie, sehr hübsch und zum Lachen.


So und zum Abschluss: meine Erlebnisse mit meinen Sitznachbarn will ich euch nicht vorenthalten (ich hätte Lust, dazu einen eigenen Thread zu eröffnen):

Mittwoch:
Bis 1 min vor Start blieb der Platz neben mir leer - dann kam ein Mann um die 50 rein, setzte sich neben seine bereits anwesende Frau und beschimpfte sie lautstark: Er habe gewusst, dass sie viel zu spät losgefahren seien, er habe 1 km weit weg parken müssen, sie habe ja vor der Tür aussteigen können und sie werde das irgendwann zurückkriegen ..... er kochte! ... auch noch nach der Pause! Ich dachte, er stirbt jetzt. Er atmete so, als wenn er 2000 m oder mehr gerannt wäre. Und setzte nervös seine Brille auf und ab, um ständig im Programm zu lesen, sobald ein neuer Satz begann :-( - während die Frau die ganze Zeit über nervös hin und her rutschte und so entsetzlich nach Knoblauch stank, dass ich sicher kolabiert wäre, wenn sie direkt neben mir gesessen hätte.

Donnerstag:
Neben mir eine ganz junge, schwangere Frau, daneben der zugehörige Vater. Die kamen auch 2 min vor Beginn, samt dicken Jacken und Schals, abgehetzt rein. Die werdende Mami (nein, sie war nicht im 9. Monat) registrierte mit der Hand auf dem Bauch 2 Stunden lang ganz fasziniert jegliche Kindsbewegungen mit "hach" und ""tsehhhh" und Entzücken plus begleitenden ruckartigen Erschreckens- Bewegungen, während sie die ganze Zeit beide Hände auf ihrem Bauch hatte und diesen permanent massierte, ständig die Sitzposition wechselte, sich ihren dicken Schal in den Rücken und wieder weglegte, die Hand des Papas nahm und fühlen ließ und zwischendurch immer wieder Heißhunger auf Schokolade (natürlich in Knisterpapier und mit Nüssen) kriegte.

Ich habe ja nun mit den vielen Hustern schon resigniert aufgegeben und mir so gut es geht selektives Hören angewöhnt - es ist so furchtbar - aber es wird doch nie langweilig mit den Sitznachbarn.
Heike
cellodil (30.01.2009, 07:37):
Liebe Heike,

Du scheinst das mit den Sitznachbarn ja noch ganz gelassen zu nehmen. Ich bekomme bei so etwas immer Mordgelüste. Sehr nett sind auch Männer, die sich berufen fühlen, Frau die Welt (in diesem Falle der Musik) zu erklären (keine Ahnung, wieso, aber zumindest ich habe den umgekehrten Fall bislang noch nie erlebt,...), oder irgendwelche schwerhörigen alten Damen, die ihrer Freundin lautstark das Neueste von ihren Enkelkindern, Nachbarn oder sonstigen Bekanntschaften erzählen müssen. Mittlerweile mache ich die Menschen gerne darauf aufmerksam, dass sie sich im Moment nicht zu Hause auf dem Sofa oder beim Kaffeeklatsch befinden. Das ernet meist erst einmal Irritation, dann böse Blicke, noch ein zwei dumme Bemerkungen, aber meistens ist Ruhe, beziehungsweise ein böser Blick genügt, um sie bei Wiederaufflackern von Ungezogenheiten zur Ruhe zu bringen.

Ganz anders ist es mit Geruchsbelästigung (das muss nicht Knoblauch, kann auch eine Überdosis von Parfum sein), das finde ich richtig übel und ausblenden kann ich das auch nicht. Da ist mir bislang noch nichts eingefallen, außer von verschließbaren Nasenlöchern zu träumen... Vielleicht hilft ja eine Taucherbrille??? Vielleicht eine Marktlücke: Die Abend-Taucherbrille...

Liebe Grüße

Sabine
ab (30.01.2009, 09:45):
Original von cellodil
Ich bekomme bei so etwas immer Mordgelüste.

Man sollte am Programzettel eine Warnung plazieren: "Achtung! Der Besuch von Konzerten Klassischer Musik kann ihre Gesundheit gefährden!"

Ich will da gar nicht mit meinen zahllosen Erfahrungen beginnen, das vergällt mir sonst noch die Musik...

Auch Kant hat bereits den Zusammenhang von Musik und Parfum gezogen; auch wenn er es natürlich nicht auf den Konzertbesuch, sondern auf die Musik selbst bezogen hat:

Außerdem hängt der Musik ein gewisser Mangel der Urbanität an, dass sie, vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente, ihren Einfluss weiter, als man ihn verlangt (auf die Nachbarschaft), ausbreitet, und so sich gleichsam aufdringt, mithin der Freiheit andrer, außer der musikalischen Gesellschaft, Abbruch tut; welches die Künste, die zu den Augen reden, nicht tun, indem man seine Augen nur wegwenden darf, wenn man ihren Eindruck nicht einlassen will. Es ist hiermit fast so, wie mit der Ergötzung durch einen sich weit ausbreitenden Geruch bewandt. Der, welcher sein parfümiertes Schnupftuch aus der Tasche zieht, traktiert alle um und neben sich wider ihren Willen und nötigt sie, wenn sie atmen wollen, zugleich zu genießen; daher es auch aus der Mode gekommen ist.
Heike (30.01.2009, 10:02):
Hallo,
Du scheinst das mit den Sitznachbarn ja noch ganz gelassen zu nehmen. Ich bekomme bei so etwas immer Mordgelüste.
Ganz und gar nicht, ich werde da auch zur potentiellen Furie und werfe mindestens böse Blicke in die entsprechende Richtung bzw. mache ggf. auch eine Bermerkung, wenn es zu weit geht.
Aber ich fürchte, dass z.B. der Mann explodiert wäre, wenn ich auch noch was gesagt hätte, so geladen war der nach dem Ärger mit seiner Frau.

Ich will da gar nicht mit meinen zahllosen Erfahrungen beginnen, das vergällt mir sonst noch die Musik...
Ach doch bitte, vielleicht sollten wir doch einen Thread dazu eröffnen, es tröstet mich schon zu wissen, dass ich nicht allein leide!
Heike
cellodil (31.01.2009, 09:49):
Original von ab
Man sollte am Programzettel eine Warnung plazieren: "Achtung! Der Besuch von Konzerten Klassischer Musik kann ihre Gesundheit gefährden!"

:D

... zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Psychiater oder Therapeuten...

Liebe Grüße

Sabine
Gerion (31.01.2009, 10:56):
Interessant: Derzeit streiten sich die Juristen (unter anderem) darüber, ob ein Fußballverein dafür haftet, wenn ein randalierender Fan andere Zuschauer verletzt. Denächst müsste sich dann die Berliner Philharmonie auch Rechtsrat holen... :D
Gamaheh (31.01.2009, 19:52):
Liebe Heike, liebe Sabine,

wenn ich Euch einen kleinen Tip geben darf: Probiert es doch mal mit den billigen Plätzen in der Galerie - dort habe ich solche Probleme noch nie gehabt, da kommen meistens Leute nur wegen der Musik. Sobald ich mich - wenn die Besucherdichte es zuläßt - auf einen besseren Platz setze, mache ich solche Erfahrungen auch: Frauen, die unablässig mit ihren Klunkern rasseln, Männer, die sich gelangweilt räkeln wie zuhause auf dem Sofa, Leute, die dauern den Kopf von einer Seite auf die andere bewegen, um zu sehen, ob es im Publikum etwas Interessanteres gibt als auf der Bühne, Pärchen, die denken, sie seien in der letzten Reihe im Kino ...

Grüße,
Gamaheh
Heike (31.01.2009, 20:22):
Hallo Gamaheh,
das waren beide Male recht preiswerte Plätze. aber Galerie war es nicht.
Ich sitze dort nie, weil:
1. ich nicht gern ohne Rückenlehne und Armlehnen sitzen will,
2. die Plätze nicht online verlauft werden (ich kaufe aus Zeitgründen fast alle Tickets online)
3. ich sehr ungerne hinter dem Orchester oder dem Künstler sitze.
Dann doch lieber hin und wieder unangenehme Nachbarn, zum Glück gibt es ja auch sehr viele nette, ruhige und gut erzogene Leute!
Heike
nikolaus (31.01.2009, 23:04):
Freitag abend im Bechstein-Zentrum Hamburg:

Cédric Pescia mit folgendem Programm:

F. Couperin: Les Folies francoises

O. Messiaen: La Buse variable (aus Catalogue d'Oiseaux)

C. Debussy: No. 4 Les fées sont d'exquises danseuses
No. 7 La terrasse des audiences du clair de lune
No. 11 Les tierces alternées
aus den Préludes Bd. II

O. Messiaen: Le Courlis cendré (aus Catalogue d'Oiseaux)

F. Couperin: Les Ombres Errantes

- Pause -

R. Schumann: Carnaval op. 9

Zugabe: erneut Les Ombres Errantes


=> FAZIT:
Für mich eine beeindruckende, wenngleich nicht astreine Leistung mit einem anspruchsvollen und den Hörer fordernden Programm.
Ich halte Pescia für einen hervorragenden Pianisten, der über ein flexibles/variables Spiel verfügt und blitzschnell zwischen verschiedenen Dynamiken, Tempi und Klangfarben wechseln kann. Das konnte er v.a. im ersten Teil zeigen, den er nach Ansage ohne Zwischenapplaus spielen wollten. Einerseits hat sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede der einzelnen Stücke ziemlich gut erarbeitet; und Messiaens Musik beinhaltet einige Brüche, die den Pianisten ganz schön fordern.
Schumanns Carnaval spielte er für meinen Geschmack etwas zu ungestüm, so dass das eine oder andere Detail etwas verschwamm. Insgesamt fehlt mir noch das berührende Moment in seinem Spiel, das er aber sicher noch finden wird.
(Etwas irritiert hat mich das laute Pedal...).

Für mich ein spannender, interessanter Abend im leider maximal zur Hälfte gefüllten Saal im Bechstein-Zentrum HH.

Nikolaus.
kreisler (01.02.2009, 00:04):
So, von mir auch noch ein Konzertbericht nachgereicht:

Donnerstag 29. Januar
Abonnementkonzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunk
Herkulesssal in der Residenz

Richard Strauss
Tod und Verklärung, op.24

Jean Sibelius
Symphonie Nr. 7, op. 105

-Pause-

Wolfgang Amadeus Mozart
Maurerische Trauermusik, KV 477

Alban Berg
Violinkonzert

Daniel Harding
Renaud Capuçon

Ich war sehr gespannt auf das Konzert, zum einen wegen dem tollen Programm aber auch auf Capuçon und Harding, von dem ich schon im Zusammenhang mit dem Mahler Chamber Orchestra gehört hatte (und mich freute mal einen jüngeren Dirigenten zu sehen).

Zu dem Strauss kann ich wenig sagen. Das ist nicht gerade meine Musik. Jedenfalls wirkte er auf mich sehr souverän gespielt und mit wirklich sehr tollen und mitreissenden Passagen. Jedoch fehlte mir ein wenig ein "Rote Faden" bei dem ganzen. Deswegen war der Strauss auch nicht hundertprozentig überzeugent. Ähnliches galt leider auch für den Sibelius. Ich hatte mich gerade auf diese Symphonie besonders gefreut, doch wurde ich etwas in meinen Erwartungen getäuscht. Mir war es einfach zu romantisch interpretiert (eindeutig vom Strauss "verklärt", aber dagegen allein hätte ich noch gar nichts gehabt) es fehlte jedoch vollkommen diese "nordische" Sibelius-Stimmung, die das besondere an diesen Symphonien ist. Schade dan doch lieber Järvi zu hause im CD-Player. Der ist wenigstens nordisch :D

Somit ging die erste Hälfte etwas in einem breiten Klangrausch unter und es blieb nicht wirklich viel davon im Gedächtnis.


Ich hatte gehofft, das der Mozart etwas Abwechslung in das Programm brächte. Der einzige Unterschied war hier jedoch die kleine Besetzung. Auch der Mozart war sogar für meinen Geschmack zu breit und nicht klar genug. Und irgendwie hatte das ganze Konzert so einen "Requiem-Charakter"...

Naja, nichts desto trotz hat Harding eine sehr interessante Schlagtechnik :D und schafft es irgendwie sehr "präsent" zu wirken, auch wenn man das von der Musik leider nicht umbedingt sagen konnte.

Der Höhepunkt des Abends war dann zweifellos das großartige Violinkonzert von Alban Berg. Ich mochte es schon immer gern, aber durch dieses Konzert hat es sich mir vollkommen erschlossen und es ist wohl mein Lieblings-Violinkonzert überhaupt geworden. Außerdem ist es kompositorich unglaublich: Die perfekte Mischung zwischen richtiger Romantik und Moderne! :down
Hier hat mir Capucon sehr gut gefallen. Wunderbar wie er sich in den Orchesterklang eingliedert und gleichzeitig sehr deutlich und einfach schön spielt. Hier hat mir das Zusammenspiel zwischen Orchester und Geiger sehr gut gefallen. Eine super Vorstellung! Abend gerettet :D

Mir ist außerdem aufgefallen, was für eine hervorragende Akustik der Herkulesssaal doch hat. Gerade auch im Vergleich zur (grauenhaften) Philharmonie im Gasteig. Einziges Manko: Man sieht fast nichts wenn man weiter hinten sitzt! Und kaum Platz für diese Riesenorchester von Strauß und Berg. Habe gerade in einem Artikel in der Süddeutschen gelesen, das sie einen neuen größeren Konzertsaal in München jetzt wirklich bauen wollen.

Trotzdem ist der Herrkulessaal wohl mein Lieblingskonzertsaal, auch wenn ich mittlerweile auch noch in ein paar anderen Guten gewesen bin.

Alles in allem hat sich das Konzert auf Jedenfall gelohnt,

kreisler
kreisler (01.02.2009, 00:16):
Im letzten Konzert (nicht dem oben beschriebenen, sondern dem davor) in dem ich war, sass neben meiner Mutter und mir ein Man der ununterbrochen vor sich hin redete. Er wollte uns und den anderen Zuhörern irgendwie die zusammenhänge von Musik und Psychologie und was-weiß-ich-noch erklären. War aber weder besonders geistreich noch interessant, sondern ziemlich nervig. zwischen den Stücken hat er dann sogar auf Zimmerlautstärke aufgedreht. Finde ich echt unmöglich so laut im Konzert zu sein. Alls man ihn dann darauf hingewiesen hatte wurde er wenigstens während der Musik ruhig, hat aber immer besonders auffällig und raschelnd sein Programmheft aus der Tasche geholt und aufgeschlagen. Dann kurz gelesen und wieder eingesteckt und wieder rausgeholt... :P

Das beste kam aber dann zum Schluss: Das sagte er nämlich zu meiner Mutter, sie solle nicht so laut klatschen, das fände er unangenehm!!! :ignore Also erwiedert haben wir nichts, sondern nur noch lauter geklatscht... :D

Grüße
Kreisler
Gerion (01.02.2009, 11:59):
Lieber Kreisler,

schön zu lesen, dass dein Konzerterlebnis im Herkulessaal schön war! Ich liebe das Berg VK auch, trotz einer etwas negativen Erfahrung, die ich als Zuhörer einer Aufführung einmal gemacht habe. Umso schöner ist es zu lesen, dass Dein Erlebnis so positiv war! Ich kann mich Dir nur anschließen: Die Mischung des Berg VK ist klasse! Darf ich fragen welche Aufnahme(n) Du hast? Ich habe diese hier:
http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0028944744521.jpg

Viele Grüße
Gerion
kreisler (01.02.2009, 15:19):
Halo Gerion,

ich hatte mir schon mal überlegt einen Thread zu Alban Berg zu starten. Den würde es hier dringend benötigen :) aber ich muss mir zuvor natürlich mal alle seine Werke (sind ja leider nicht so viele) noch mal anhören.

Vom Violinkonzert besitze ich folgende Aufnahme:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/21EP00WB36L._SL500_AA130_.jpg
Isaac Stern - Bernstein, NYP

Und hätte mir beinahe mal die Perlman/Ozawa Aufnahme dazu gekauft. Aber hauptsächlich wegen dem Strawinsky, bei Berg finde ich Isaac Stern absolut genial. Sehr zu empfehlen!

Kreisler
ab (02.02.2009, 10:52):
Original von nikolaus
Insgesamt fehlt mir noch das berührende Moment in seinem Spiel, das er aber sicher noch finden wird.


auch in der Aufnahme?

:hello
ab (02.02.2009, 10:55):
Original von Amadeus Kreisler
Halo Gerion,

ich hatte mir schon mal überlegt einen Thread zu Alban Berg zu starten. Den würde es hier dringend benötigen :) aber ich muss mir zuvor natürlich mal alle seine Werke (sind ja leider nicht so viele) noch mal anhören.


Ja, bitte! (ich bin ja bei Konzert Kremer/Davies-Fan - und bei Perlmann Strakvinsy!)
nikolaus (02.02.2009, 11:23):
Original von ab
Original von nikolaus
Insgesamt fehlt mir noch das berührende Moment in seinem Spiel, das er aber sicher noch finden wird.


auch in der Aufnahme?

:hello

Hm, gute Frage.
Nein, ich glaube dort fehlt es mir weniger.
Vielleicht lässt er sich in der Aufnahme (sowohl beim französischen Programm als auch beim Schumann - soweit ich ihn bisher gehört habe) einfach mehr Zeit. Sein Spiel wirkt dort ruhiger und ausgeglichener.
Vielleicht habe ich mich im Konzert aber auch von der nicht optimalen Akkustik und einigen Störgeräuschen ablenken lassen...

Nikolaus. :hello
Gamaheh (02.02.2009, 13:19):
Original von nikolaus

=> FAZIT:
Für mich eine beeindruckende, wenngleich nicht astreine Leistung mit einem anspruchsvollen und den Hörer fordernden Programm.
Ich halte Pescia für einen hervorragenden Pianisten, der über ein flexibles/variables Spiel verfügt und blitzschnell zwischen verschiedenen Dynamiken, Tempi und Klangfarben wechseln kann. Das konnte er v.a. im ersten Teil zeigen, den er nach Ansage ohne Zwischenapplaus spielen wollten. Einerseits hat sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede der einzelnen Stücke ziemlich gut erarbeitet; und Messiaens Musik beinhaltet einige Brüche, die den Pianisten ganz schön fordern.
Schumanns Carnaval spielte er für meinen Geschmack etwas zu ungestüm, so dass das eine oder andere Detail etwas verschwamm. Insgesamt fehlt mir noch das berührende Moment in seinem Spiel, das er aber sicher noch finden wird.
(Etwas irritiert hat mich das laute Pedal...).

Für mich ein spannender, interessanter Abend im leider maximal zur Hälfte gefüllten Saal im Bechstein-Zentrum HH.

Nikolaus, Du warst mal wieder schneller als ich! Ich habe dem auch nicht viel hinzuzufügen, außer daß Pescia mit dem Instrument unter den räumlichen Gegebenheiten (aufgrund der niedrigen Deckenhöhe akustisch schwieriger Saal) gut umzugehen wußte und sich somit als sensibler Musiker herausgestellt hat, der sich auch selbst hört (ist leider nicht immer der Fall).

Das Programm der ersten Hälfte hat meiner Meinung nach als Programm gut funktioniert, wenn ich auch Debussy gern etwas stimmungsvoller höre (die Feen schienen mit Clogs zu tanzen); auch was den Carnaval betrifft, stimme ich Dir zu - den hätte ich gerne etwas kapriziöser gehabt, mehr die einzelnen Episoden in ihrer Eigenart herausstellend.

Pescias Pedal(über)gebrauch hat mich schließlich schon sehr irritiert, besonders bei Debussy. Auch am Ende hat er ständig für mich viel zu lange nachklingen lassen, so daß es zu (teilweise starken) Überlagerungen von disharmonischen Frequenzen kam. Sicher hat er sich etwas dabei gedacht, denn es hatte Methode, aber ich habe sie nicht durchschaut.

Ich hoffe, Du läßt hören, wie die "Geister"-Variationen sind!

Grüße,
Gamaheh
Jeremias (06.02.2009, 11:06):
Gestern in Köln: Geburtstags- und Abschiedskonzert des Hochschulrektors Josef Protschka.

Im ersten Teil sang er die Winterreise, begleitet von Pavel Gililov. Im zweiten Teil sangen dann Studenten seiner Klasse, zudem spielte sein Sohn 3 eher langweilige JazzStücke auf der Trompete.

Protschka, 65 Jahre jung geworden, glänzte durch unglaubliches Einfühlungsvermögen. Auch wenn hier und da ein Ton nicht ganz sauber war, so war es gleichwohl sehr beeindruckend. Heimlicher Star war Gililov, der mit einem samtweichen Klang der ideale Partner für den Abend war.

Die Studenten sangen ein buntes Potpourri, war jetzt aber nichts besonderes...
Heike (08.02.2009, 09:40):
@Jeremias
Wie war Sokolov am Freitag? Ich warte schon sehr neugierig auf deinen Bericht, weil ich ihn ja diesen Freitag sehen werde
Heike
Rachmaninov (08.02.2009, 09:56):
Original von Hebre
@Jeremias
Wie war Sokolov am Freitag? Ich warte schon sehr neugierig auf deinen Bericht, weil ich ihn ja diesen Freitag sehen werde
Heike

Ich auch, welches Programm, vor allem Zugaben spielte er?
Jeremias (08.02.2009, 21:39):
Ich war nicht da

:I :I :I :I :I :I :I :I :I :I :I :I :I :I :I
Heike (08.02.2009, 23:07):
Ich war nicht da
Oje! Das tut mir leid.
Heike
cellodil (11.02.2009, 23:34):
Komme gerade von einem recht beglückenden Opernabend zurück

In der Stuttgarter Staatsoper war heute die Wiederaufnahme der Mozartoper Lucio Silla in der Inszenierung von Olga Motta. Vielleicht, weil die Regisseurin auch für Bühne und Kostüm verantwortlich war, wirkt diese Inszenierung sehr homogen, sehr aus einem Guß. Der sehr klaren visuellen Gestaltung (schlichte Bühne mit schönen, aber unmanierierten Effekten) steht ein zunächst etwas verwirrendes, eogenwilliges, letztlich aber doch (zumindest) konsequentes Regiekonzept gegenüber. Denn Motta stellt den glücklichen Schluss der Barockoper, die Mozart im Alter von 16 komponierte, in dem der Tyrann abdankt und die Liebenden sich doch noch kriegen, an den Anfang der Geschichte und führt die Oper dann als Spiel mit dem Feuer (auch in den Bildern) und um Liebe und Tod zu einem tragischen, wenn auch tröstlichen Ende, an dem sie die unglücklichen Liebenden im Tod vereint und den zweiten Satz von Mozarts Klarinettenkonzert ans Ende stellt.

Die Stärke von Mottas Inszenierung liegt für mich darin, dass die Regisseurin Bilder findet, die etwas Rätselhaftes, zum Teil auch Surreales haben, die vielleicht nicht unbedingt die Geschichte, aber auf eine eigenartige Art und Weise etwas von Mozarts Musik transportieren (sehr überzeugend das Staatsorchester unter Leitung von Sébastien Rouland und eine - trotz zweier indisponierter Sängerinnen - schöne Besetzung). Die Inszenierung hat etwas von einem Traum, von einem Rausch, bei dem die Logik der Geschichte nicht die der Tagwelt ist, sondern eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht.

Schön, schön, schön.
Heike (14.02.2009, 00:16):
Ich muss auch noch nachts drei Worte schreiben, bevor ich schlafen gehe.

GRIGORIJ SOKOLOV
Kammermusiksaal Philharmonie Berlin
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 2 A-Dur op. 2/2
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 13 Es-Dur op. 27/1
''Sonata quasi una fantasia''
Franz Schubert: Klaviersonate D-Dur op. 53 D 850

Sokolov war umwerfend - Vom Können brilliant, vom Ausdruck von extrem wild, leidenschaftlich bis zärtlich und versunken. So mögen wir Frauen das :-)
Die Schubert-Sonate habe ich noch nie mit so viel Witz und Esprit gehört.

6 Zugaben!
Rameau: Les sauvages
dann vier Chopin- Preludes, Nr. 4, 15, 16 und 24 (in anderer Reihenfolge)
und zum Schluss das Stück kannte ich nicht, irgendwas sehnsuchtsvoll impressionistisches
Allein für die Zugaben hätte sich das Kommen gelohnt :-)

Das Konzert war ausverkauft (obwohl nebenan die Philharmoniker spielten).
Meine Sitznachbarin (die Schwangere vom letzten Mal, die wohl dasselbe Abo hat wie ich) schien sich inzwischen an die Kindsbewegungen gewöhnt zu haben und war zum Glück ruhiger als beim letzten mal. Oder vielleicht war sie auch nur einfach fasziniert?

Wunderschön wars jedenfalls, das muss ich erst mal wirken lassen.
Heike
cellodil (14.02.2009, 08:21):
Liebe Heike,

das klingt nach einem Sternstunden-Abend. Wie schön!

Liebe Grüße

Sabine
Heike (14.02.2009, 08:32):
Guten Morgen,
ja, er ist wirklich ein Star bzw, ein Stern für sich (obwohl er sich vielleicht nicht dazu machen will)!

Ich finde, er hat einen wunderschönen Anschlag, das klang manchmal fast transzendent, füllte den Raum auch bei den leisesten Tönen, die er bis zum minikleinsten Tüpferli genüßlich ausspielte. Da schwangen Klänge voller Poesie, die aber doch eher undramatisch waren, die wie selbstverständlich die Strukturen herzauberten und mich gerade damit verzauberten.
Mir hat es sehr gut gefallen.
Heike
Rachmaninov (14.02.2009, 12:02):
Original von Hebre
Ich muss auch noch nachts drei Worte schreiben, bevor ich schlafen gehe.

GRIGORIJ SOKOLOV
Kammermusiksaal Philharmonie Berlin
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 2 A-Dur op. 2/2
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 13 Es-Dur op. 27/1
''Sonata quasi una fantasia''
Franz Schubert: Klaviersonate D-Dur op. 53 D 850

Sokolov war umwerfend - Vom Können brilliant, vom Ausdruck von extrem wild, leidenschaftlich bis zärtlich und versunken. So mögen wir Frauen das :-)
Die Schubert-Sonate habe ich noch nie mit so viel Witz und Esprit gehört.

6 Zugaben!
Rameau: Les sauvages
dann vier Chopin- Preludes, Nr. 4, 15, 16 und 24 (in anderer Reihenfolge)
und zum Schluss das Stück kannte ich nicht, irgendwas sehnsuchtsvoll impressionistisches
Allein für die Zugaben hätte sich das Kommen gelohnt :-)

Das Konzert war ausverkauft (obwohl nebenan die Philharmoniker spielten).
Meine Sitznachbarin (die Schwangere vom letzten Mal, die wohl dasselbe Abo hat wie ich) schien sich inzwischen an die Kindsbewegungen gewöhnt zu haben und war zum Glück ruhiger als beim letzten mal. Oder vielleicht war sie auch nur einfach fasziniert?

Wunderschön wars jedenfalls, das muss ich erst mal wirken lassen.
Heike

Oh, da freue ich mich ja schon so sehr auf München.
Sein Rameau ist eh ein Wunder :-)
Heike (14.02.2009, 13:29):
Sein Rameau ist eh ein Wunder :-)
Gibt es davon eine CD? Die kann ich nicht finden
Heike
Rachmaninov (14.02.2009, 13:32):
Original von Hebre
Sein Rameau ist eh ein Wunder :-)
Gibt es davon eine CD? Die kann ich nicht finden
Heike

Nein, musst du mal auf Youtube suchen!
Heike (14.02.2009, 13:37):
Schade, ich hatte nämlich bereits heut früh vergeblich danach gesucht, weil ich es gestern so klasse fand und sofort bestellen wollte. Und jetzt wollte ich mich schon freuen, als du das schriebst .... Zu früh gefreut.
Aber gut, dann Youtube, besser als nichts.
Heike
Amadé (14.02.2009, 21:13):
Das selbe Programm spielt er am 12.Juli in Essen. Da bin ich leider schon im Urlaub.

Gruß Amadé
Gamaheh (14.02.2009, 22:13):
Original von Hebre
Sein Rameau ist eh ein Wunder :-)
Gibt es davon eine CD? Die kann ich nicht finden

Sokolov wirkt auf mich eigenartigerweise nur im Konzert, seine CDs lassen mich kalt!

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (14.02.2009, 22:14):
Original von Amadé
Das selbe Programm spielt er am 12.Juli in Essen. Da bin ich leider schon im Urlaub.

Und in drei Tagen in Hamburg!
Heike (16.02.2009, 23:52):
und wieder ein neues Kapitel aus den Konzertsälen dieser Welt:

Kammermusiksaal Philharmonie Berlin
Arcanto Quartett
Dutilleux - Ainsi la nuit pour quatuor à cordes
Mendelssohn Bartholdy - Quartett Nr. 6 (das letzte)
Bartok - Quartett Nr. 5

Zum ersten Mal war dieses Quartett zu Gast bei den Philharmonikern - und der Abend wird ihnen sicher im Gedächtnis bleiben!
Aber zunächst zur Musik, die mir recht gut gefallen hat. Sehr professionell gespielt, mit Liebe zum Detail. Nicht ganz anfreunden konnte ich mich mit dem Ton der ersten Geige - sie klang irgendwie sehr scharf, da fehlten mir weiche, volle Töne (demgegenüber fand ich die Bratsche ganz wunderbar).
Insgesamt war es aber ein schönes Konzert und am Ende gab es noch eine sehr bewegte Zugabe mit Ravels Quartett, 2. Satz.

Was wirklich lustig war: Im letzten Satz vor der Pause riss dem 2. Geiger effektvoll eine Saite. Kleine Pause, Reparatur hinter der Bühne, während alle anderen artig warteten. Der Satz wurde wiederholt und alles war wieder wie immer.
So weit so gut.
Nach der Pause - ungefähr 6 Takte im ersten Satz gespielt: riss dem Cellisten eine Saite :rofl sogar die 4 auf der Bühne mussten so spontan und herzlich lachen, dass wirklich jeder im Saal mitlachen musste. Was es alles gibt!

Und zum Abschluss wieder Sitznachbarn-Beobachtungen:
Neben mir eine junge Frau, bepackt mit einer (nassgeschneiten) dicken fetten Jacke auf dem Schoß, dazu Mütze, Schal und Handschuhe - 2 Stunden lang. Kann mir mal jemand verraten, warum manche Leute die Garderobe nicht finden? Die Philharmonie hat die bestorganisierte Garderobe, die ich in Berlin kenne: kostenlos und bestückt mit so vielen Helferlein, dass die Abholung wirklich sensationell fix geht. Ich versteh es einfach nicht, warum tut man sich das an, sich am Platz mit dem Zeug zu bepacken?
Heike
cellodil (17.02.2009, 15:20):
Liebe Heike,

das Programm klingt gut. Vor allem der Dutilleux kann was haben, wenn er entsprechend gespielt ist.

Ich habe das Arcanto Quartett nur ein einziges Mal gehört vor vielleicht zwei Jahren (können aber auch schon drei sein) und ich war nicht wirklich begeistert (aber auch nicht wirklich verärgert). Ich hatte das Gefühl, dass diese vierer Formation zwar sehr gekonnt miteinander spielt, aber dass sie eben doch eher "Auch-Kammermusiker" sind (im Gegensatz zu Formationen, in denen alle Mitglieder vor allem in dieser Formation musizieren und anderes eher einen Ausflugscharakter hat). Das Gefühl, dass hier alle wie ein Organismus zusammenspielen, hat sich bei mir damals nicht eingestellt. Ich persönlich höre mir da den Cellisten Jean-Guihen Queyras lieber als Solisten an.

Dass manche Menschen ihre Sachen nicht an der Garderobe abgeben, das verstehe ich auch nicht. Selbst, wenn's nicht umsonst ist, ist das doch in Anbetracht dessen, was so ein Abend in totot kostet, vergleichsweise wenig. Vielleicht brauchen sie etwas, um sich festzuhalten? So wie Linus die Schmusedecke???

Liebe Grüße

Sabine
rejo (17.02.2009, 19:17):
das ist ja schön, daß du nach so einem entäuschenden Abend doch noch einen schönen hattest, es klang sehr interessant.

lg
Gamaheh (17.02.2009, 22:04):
Heute abend hat Sokolov denn in Hamburg gespielt. Ich bin nach der Pause gegangen, aber nicht wegen Sokolov, sondern weil ich mich so über Vor-mir-Sitzer geärgert habe, daß ich es nicht mehr genießen konnte!

Die zwei Personen vor mir standen, und als ich sie fragte, ob sie die Absicht hätten, sich hinzusetzten, meinten sie, Stehen sei nicht verboten, und überhaupt könnte ich doch ohnehin nichts sehen oder mich auch hinstellen ...

Als ich sie dann nach der ersten Hälfte fragte, ob sie nicht meinten, zumindest gegen die guten Sitten zu verstoßen und eine bemerkenswerte Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit zeigten, pöbelten sie mich an, was mir einfiele, ihnen das Konzert zu verderben usw. usw. Ich dachte, nach einer Zigarette in der Pause würde ich mich beruhigt haben, aber das war leider nicht so ...

Davon abgesehen fand ich wieder einmal Sokolov faszinierend, und das, was ich so faszinierend finde, ist diese sublimierte Kraft, die dann manchmal (fast) ungeschminkt hervorbricht (ich glaube, ich habe schon mal irgendwo bemerkt, daß ich eigentlich froh bin, daß er zur Musik gefunden hat und nicht etwa in die Politik gegangen ist). Dies kann ich von der Platte alleine nicht hören, das muß man auch sehen; das ist wohl der Grund, warum er mich von der Konserve relativ kalt läßt.

Hier hat er übrigens (jedenfalls bis zur Pause) das gleich Programm gespielt wie in Berlin, nur habe ich den Schubert und die Zugaben verpaßt.

Stattdessen habe ich mir eine Flasche besonders guten Wein aufgemacht und halte mich an das, was auf mich am therapeutischsten wirkt: Ich höre Philippe Bianconi mit Schumanns Kreisleriana und Fantasie in C.

Nur noch halb-frustrierte Grüße,
Gamaheh
Heike (17.02.2009, 22:34):
Hallo Gamaheh,
das ist ja wirklich unglaublich dreist. Da kann ich verstehen, dass einem da die Lust vergeht bei soviel Frechheit.
Aber, gabs da keine Saalordner? Das kann doch nicht wahr sein, dass man wegen solchen Idioten dann die Hälfte verpasst!
Heike

P.s. was haste denn für einen schönen Wein?
cellodil (17.02.2009, 22:48):
Original von Gamaheh
Heute abend hat Sokolov denn in Hamburg gespielt. Ich bin nach der Pause gegangen, aber nicht wegen Sokolov, sondern weil ich mich so über Vor-mir-Sitzer geärgert habe, daß ich es nicht mehr genießen konnte!

Die zwei Personen vor mir standen, und als ich sie fragte, ob sie die Absicht hätten, sich hinzusetzten, meinten sie, Stehen sei nicht verboten, und überhaupt könnte ich doch ohnehin nichts sehen oder mich auch hinstellen ...

Als ich sie dann nach der ersten Hälfte fragte, ob sie nicht meinten, zumindest gegen die guten Sitten zu verstoßen und eine bemerkenswerte Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit zeigten, pöbelten sie mich an, was mir einfiele, ihnen das Konzert zu verderben usw. usw. Ich dachte, nach einer Zigarette in der Pause würde ich mich beruhigt haben, aber das war leider nicht so ...


Liebe Gamaheh,

ich fasse es nicht... Und es tut mir leid für Dich um das beeinträchtigte Halb-Konzert...

Hoffe, Wein und Bianconi können's wieder ein bisschen richten.

Liebe Grüße

Sabine
cellodil (17.02.2009, 23:05):
Obwohl auch ich heute einen etwas seltsamen Sitznachbarn hatte (der sich ständig den Pullover und die Jacke aus- und wieder anzog und mitbrummelte, was etwas nervte) hatte ich doch einen insgesamt doch sehr beflügelnden Konzertabend in der Stuttgarter Liederhalle mit Bobby McFerrin als Dirigent und Solist mit dem Münchner Rundfunkorchester.

Die zweite Solistin des Abends war die argentinische Cellistin Sol Gabetta, die mit McFerrin zusammen zwei Vivaldi-Konzerte (das Concerto für zwei Violoncelli, Streicher und basso continuo g-moll, RV 531 und das Concerto für zwei Mandolinen, Streicher und basso continuo G-Dur RV 532) spielte. Nach den Vivaldi-Konzerten gab's noch ein paar kleinere Schmankerln im Duett, wie einen atemberaubenden Satz aus der G-Dur-Sonate von Barrière (im Original für zwei Celli).

Dann Solo-Improvisation von Bobby McFerrin (wunderschön!!!).

Eingerahmt wurde der Abend von zwei Mozart Werken. Am Anfang gab's die Ouvertüre zu La Nozze di Figaro und am Ende die Sinfonie No. 40 g-moll KV 550. Mitreißend - nicht nur wegen der Spielfreude des Orchesters und des Dirigenten....

Auf die beiden etwas lauwarmen Vivaldi-Konzerte mit Sol Gabetta hätte ich gerne verzichten können und stattdessen lieber noch etwas mehr Mozart oder mehr Improvisation gehört, aber trotzdem war's ein gelungener und dann doch auch runder Abend.
Gamaheh (17.02.2009, 23:39):
Liebe Heike, liebe Sabine,

vielen Dank für Eure Teilnahme! (Gutes, altes Forum!)

Die Platzanweiserinnen dürfen während des Konzerts nicht in den Saal, aber deren Chefin hat mir versprochen, sich darum zu kümmern und das weiterzugeben ...

Der Wein ist einer, den ein guter Freund von mir von seiner alten Schule bezieht, "aus den Weinbergen des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums" (=bischöfliche Weingüter) in Trier, und gelegentlich habe ich auch ein Anrecht auf eine Flasche. Da der Mosellaner vorwiegend weiß trinkt, ist dieser rot (Jahrgang 2006) und sehr trocken - ich bin schon halb durch. Das und Bianconi richten's! Und dann noch das wunderbare Quintett - und fünf glückstrahlende Musiker am Schluß - wie schön! (Ist eine DVD.)

Geläuterte Grüße,
Gamaheh

P.S.: Freut mich für Dich, Sabine, daß Du so ein schönes Konzerterlebnis hattest!
Heike (18.02.2009, 08:18):
Hallo Gamaheh,
der Wein klingt gut :-) Mein Vater hat auch seit vielen Jahren Weinberge, ich bin sozusagen damit groß geworden und für so eine Flasche guten Wein würde ich mich fast versündigen - ich kann also gut nachempfinden, dass du dich damit etwas trösten konntest!

Hallo cellodil,
ja das klingt nach einem gelungenen Abend, schade, dass die Gabetta so ein langweiliges Programm hatte (in Berlin spielte sie Beethoven, Schostakowitsch und Franck). Aber insgesamt scheint es ja doch ganz rund gewesen zu sein.

Ich persönlich höre mir da den Cellisten Jean-Guihen Queyras lieber als Solisten an.
Das Vergnügen werde ich am Samstag im Konzerthaus haben, dann kann ich ja vergleichen :-) - er spielt:
Johannes Maria Staud "Segue" - Musik für Violoncello und Orchester (UA der revidierten Fassung 2006) - das sagt mir überhaupt nichts ?(
Heike
Leif Erikson (18.02.2009, 12:38):
Liebe Gamaheh,

ich habe eine ähnliche Situation erlebt, Mutter mit Kinderwagen vor mir auf einem Außensitz versucht 45 Minuten lang mit Erfolg ihr Baby am Schreien zu hindern, was nur mit großem Aufwand an Sprechen, Summen und sonstigem Betütteln gelang, dann schreit es. Sie geht.

Besonders störend war, daß die Aufmerksankeit aller Leute in der Nähe unweigerlich durch die Bemühungen der Mutter von der Musik abgelenkt wurden - fast mehr als vom Schreien selbst - und man sich nicht böse zu werden traute.

In diesem Fall hat das Personal unglaublicherweise kooperiert oder wie kommt man sonst mit Kinderwagen in den Musensaal des Mannheimer Rosengartens ? Vielleicht war es sogar die Frau eines Musikers ?


Gruß, Leif.
Heike (18.02.2009, 17:40):
Hallo Leif,
Vielleicht war es sogar die Frau eines Musikers ?
Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen - gerade ein Musiker (oder dessen vermutlich musikgegeisterte Frau) sollte das doch seinem Publikum nicht antun wollen und da mehr Rücksicht nehmen?

Dem Baby wird das Ganze ja vermutlich komplett egal gewesen sein, aber von der Mutter finde ich es absolut ignorant zu meinen, dass sie nun Narrenfreiheit hat, nur weil sie das Kind dabei hat. Es gibt Omas, Tanten und Babysitter, und wenn ich die Musik unbedingt hören will, dann muss ich das eben VORHER anders organisieren. Ich liebe Kinder, aber genauso wenig wie ich ein Baby in eine verräucherte Kneipe bringen würde käme ich auf die Idee, es ins Konzert mitzunehmen. Für mich ist das einfach rücksichtslos.
Heike
cellodil (18.02.2009, 19:15):
Original von Hebre
Ich persönlich höre mir da den Cellisten Jean-Guihen Queyras lieber als Solisten an.
Das Vergnügen werde ich am Samstag im Konzerthaus haben, dann kann ich ja vergleichen :-) - er spielt:
Johannes Maria Staud "Segue" - Musik für Violoncello und Orchester (UA der revidierten Fassung 2006) - das sagt mir überhaupt nichts ?(
Heike

Liebe Heike,

mir sagt noch nicht einmal der Name des Komponisten was, aber Queyras ist bei Barockem und bei Zeitgenössischem ziemlich gut, finde ich. Ich wünsche Dir auf jeden Fall einen anregenden Konzert-Samstagabend.

Du hast ja auch Sol Gabetta erwähnt. Ich glaube, das lag nicht nur am Programm, sondern irgendwie wirkte sie auch an dem Abend etwas schüchtern oder eingeschüchtert. Kammermusikalisch habe ich sie da schon ganz anders erlebt (da war es fast zu dominant im Verhältnis zu ihren Partnerinnen, aber das ist eine andere Geschichte).

Liebe Grüße

Sabine
nikolaus (18.02.2009, 20:55):
Original von Hebre
und wieder ein neues Kapitel aus den Konzertsälen dieser Welt:

Kammermusiksaal Philharmonie Berlin
Arcanto Quartett
Dutilleux - Ainsi la nuit pour quatuor à cordes
Mendelssohn Bartholdy - Quartett Nr. 6 (das letzte)
Bartok - Quartett Nr. 5
...
Heike

Hallo Heike, hast Du das hier schon gelesen?

Gruß, Nikolaus.
Heike (18.02.2009, 22:31):
Hallo Nikolaus,
danke dir für den link, nein, das hatte ich noch nicht gelesen. Ich finde es aber sehr gut beschrieben. Trotzdem, die erste Geige war nicht 100%ig mein Fall, deshalb war meine Begeisterung etwas geringer. Aber das ist sicher Geschmackssache, auch für mich war es ein schöner Abend. Zusammengespielt haben sie wirklich ganz schön, was ja bei Solisten nicht selbstverständlich ist.

Hallo Sabine,
mir sagt noch nicht einmal der Name des Komponisten was
Mir auch nicht. Laut Wiki ist er ein Mittdreißiger, viel mehr ist da zur Musik auch nicht zu erfahren. Also wir werden sehen, was das wird. Ich werde berichten.
Heike
cellodil (18.02.2009, 22:42):
Original von Hebre
mir sagt noch nicht einmal der Name des Komponisten was
Mir auch nicht. Laut Wiki ist er ein Mittdreißiger, viel mehr ist da zur Musik auch nicht zu erfahren. Also wir werden sehen, was das wird. Ich werde berichten.
Heike

... das hoffe ich doch sehr, dass Du berichten wirst!

Liebe Grüße

Sabine
Cetay (inaktiv) (20.02.2009, 13:55):

Die zwei Personen vor mir standen, und als ich sie fragte, ob sie die Absicht hätten, sich hinzusetzten, meinten sie, Stehen sei nicht verboten (...)

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mir den geballten Zorn des solidaritätsbekundenden Teils des Forums zuzuziehe: Nüchtern festgestellt, haben die Beiden Recht. Es sei denn, es gibt eine Hausordnung, die das regelt oder AGBs, die man beim Erwerb der Karten mitbekommt.
Falls nicht, kann man auf die Konventionen oder "guten Sitten" verweisen oder man kann genau dieselben mal unter die Lupe nehmen und in Frage stellen - das soll eine Provokation letztendlich bewirken.
Also hinterfage ich: Gibt es außer der klassisch-abendländischen irgend eine andere Musik, bei der schon kleinste Bewegungen, Geräusche oder natürliche Körperregungen wie Niesen oder Husten als Affront gegen Künstler, Hörerschaft oder gar die kulturellen Errungenschaften der letzten 7000 Jahre gewertet werden? Im Gegenteil, bei vielen anderen Musikstilen wäre es eine Beleidigung für die Aufführenden, wenn das Publikum regungslos dasitzen würde. Dass gerade dies gerne als Gradmesser angeführt wird, um zu beweisen, dass die klassisch-abendländische Musik überlegen ist, begreife ich nicht. Wie kommt eine Kunst, die von ihren Konsumenten fordert, sich völlig widernatürlich zu verhalten, zu diesem Anspruch? Wenn das etwas Überlegenes haben soll, dann höchstens in einem diktatorischen Sinne. Warum fordern wir stattdessen nicht von den Künstlern, uns so in den Bann zu ziehen, dass wir freiwillig ruhig werden und zuhören, statt uns über Sitten und Konventionen dazu zwingen zu lassen?Ein beeindruckendes Beispiel habe ich im einem Portrait über Hilary Hahn gesehen. Sie trat in einem Club auf, der immer wieder Klassik-Stars einlädt, um Berührung mit einer Hörerschaft, die Konzertsäle meidet, zu ermöglichen. Die Meisten trauen sich erst gar nicht hin und die, die hingehen scheitern oft kläglich, weil sie mit der Geräuschkulisse und fehlenden Aufmerksamkeit des Publikums nicht klarkommen. Kurz nachdem Hilary Hahn -unbegleitet- zu spielen begonnen hatte, war Totenstille, die Leute standen mit offenem Mund herum, zum Teil als ob sie mitten in der Bewegung erstarrt wären, das Bierglas noch in der Hand. Um es ganz klar zu stellen. Ich heisse das, was die Beiden veranstaltet haben, in keinster Weise gut. Es ist nun mal Konvention, dass man sich im Konzert hinsetzt. Aber man kann wenigstens einen Restsinn aus dem Verhalten ableiten, wenn man fragt, wozu diese Konventionen eigentlich gut sind. Und ob man dem armen Nieser wirklich mit seinen Blicken die bösesten Wünsche zukommen lassen muss.
Heike (20.02.2009, 14:59):
Hallo,
Warum fordern wir stattdessen nicht von den Künstlern, uns so in den Bann zu ziehen, dass wir freiwillig ruhig werden und zuhören, statt uns über Sitten und Konventionen dazu zwingen zu lassen?
Wunderbar, das sollten sie tun (und schaffen es bei mir auch meistens).
Aber ob sie als Antivir- Grippemittel taugen?
Oder bei Leuten, die aus ganz andren Gründen als Musikinteresse dahingehen (irgendwer Schlaues schrieb mal "Versuche niemals, einem Schwein das Singen beizubringen, du verschwendest deine Zeit und belästigst das Schwein. ").
Oder bei gelangweilten Kindern, die viel lieber draußen spielen würden?
Es gehören immer 2 dazu - einer der was aussendet und einer, der was empfangen WILL und kann.

Und was die Sitzplatzfrage angeht, ich finde das hängt nicht an Konventionen oder Regeln, sondern ist eine Frage des schlechten Benehmens. Jeder weiß, dass man sich in Theatern und Konzertsälen dieser Welt, die Sitzplatzreihen haben, hinsetzt. Wer das nicht tut ist egoistisch oder will provizieren. Leider kann man gegen solche Leute nicht viel machen, sie begegnen einem überall.Mir fehlt dafür jedes Verständnis und ich mag sie auch nicht zum Anlass nehmen, um über völlige Ruhe bei der Musik zu diskutieren. Ich finde, das gehört nicht zusammen, denn über das Thema, wieviel Ruhe nötig ist, kann man ja durchaus verschiedener Meinung sein.
Heike
cellodil (20.02.2009, 16:33):
Lieber Dox,

selbstverständlich dürfen Konventionen in Frage gestellt werden. Warum auch nicht? Auch in unserem Kulturkreis ist das heutzutage übliche Verhalten ja noch gar nicht so lange Usus.

Allerdings scheint mir das Beispiel mit den beiden Stehern doch wenig mit einem Protest gegen unangebrachte Steifheit zu tun zu haben, sondern eher von einer gewissen Egozentrik und einer Rücksichtslosigkeit gegenüber Mitmenschen geprägt zu sein. Wenn es nur ums Stehen gehen würde, dann müsste man sich ja nicht unbedingt vor jemanden stellen (es gibt ja auch noch Gänge, wo das möglich ist, ohne dass ich damit jemanden dazu zwinge, wenn er nicht auch stehen will oder kann auf mein Hinterteil zu starren).

Mich ärgert ein solches Verhaltensrepertoire übrigens nicht nur im Konzertsaal, sondern grundsätzlich (ob im Supermarkt oder im Kino), das hat mit Demut vor der Kunst gar nichts zu tun, sondern etwas damit, dass ein soziales Gefüge - meiner Meinung nach - einfach auch eine gewisse Rücksichtnahme und Respekt vor den Bedürfnissen des anderen braucht.

Liebe Grüße

Sabine
HenningKolf (20.02.2009, 17:58):
Original von Dox Orkh


Auch auf die Gefahr hin, dass ich mir den geballten Zorn des solidaritätsbekundenden Teils des Forums zuzuziehe: Nüchtern festgestellt, haben die Beiden Recht.

Nüchtern festgestellt mangelte es den Beiden an guter Kinderstube, Benehmen, Höflichkeit, Einfühlungsvermögen - kurz an allem, was von dem Besucher eines klassischen Konzertes zu erwarten ist. Die Frage, wie man sich auf einem Rock- oder Jazzkonzert benimmt und benehmen darf hat damit schlicht und ergreifend rein gar nichts zu tun.

Das Problem scheint mir eher zu sein, dass man heute meint - so genannt - tolerant sein zu müssen, insbesondere auch von Seiten des Hausrechtinhabers. Ich bin mir sicher, dass die beiden Herren vor 20 Jahren möglicherweise einmal drauf angesprochen worden wären, danach aber hochkannt rausgeflogen wären. Mich würde es fast wundern, wenn dies - jedenfalls im "regulären" Konzertbetrieb und nicht bei irgendwelchen lockereren Festivals - in Japan, UK und USA nicht heute noch immer so wäre.

Von mir erntest Du nicht Zorn, aber totales Unverständnis. Ich kann schlicht nicht nachvollziehen, dass man solch ein Verhalten zum Anlass nimmt, sinnvolle Konventionen in Frage zu stellen.

Aber jedem seine Meinung, jedenfalls in diesem Forum


Henning
kreisler (20.02.2009, 19:02):
So, jetzt auch meinen geballten Zorn :wink:

Original von Dox Orkh
Also hinterfage ich: Gibt es außer der klassisch-abendländischen irgend eine andere Musik, bei der schon kleinste Bewegungen, Geräusche oder natürliche Körperregungen wie Niesen oder Husten als Affront gegen Künstler, Hörerschaft oder gar die kulturellen Errungenschaften der letzten 7000 Jahre gewertet werden? Im Gegenteil, bei vielen anderen Musikstilen wäre es eine Beleidigung für die Aufführenden, wenn das Publikum regungslos dasitzen würde. Dass gerade dies gerne als Gradmesser angeführt wird, um zu beweisen, dass die klassisch-abendländische Musik überlegen ist, begreife ich nicht.

Ich bleibe immernoch dabei: gute klassische Musik ist schlichtweg anspruchsvoller, was die Komposition und die Emotionen angeht. Man muss sich ganz einfach mehr konzentrieren, wenn man diese Musik wirklich verstehen will. Erst wenn man ein Stück gut kennt, kann man sich vollkommen "hineinstürzen".

Wie kommt eine Kunst, die von ihren Konsumenten fordert, sich völlig widernatürlich zu verhalten, zu diesem Anspruch?

1. hatten die beiden sicher keinen natürlichen Drang dazu, aufzustehen, und ich glaube auch nicht, dass du das während dem Konzert hast :wink. Husten wäre vielleicht ein natürlicher Drang, aber unpassender "Lärm" stört die Musik, weil er Atmosphere zerstört.

2. Wäre das für mich wiedernatürlich, wenn ich bei den Goldbergvariationen, der Unvollendeten oder was sonst nicht absolut still wäre. Nicht weil das Konvention ist, sondern weil alles in mir in diesem Moment auf die Musik fixiert ist.
Die Musik mag nicht auf alle so wirken, aber diese sollten dann wenigstens soviel Sozialkompetenz besitzen, das sie diesen Moment den anderen nicht wegnehmen, indem sie stören.

Also da stimme ich Hebre, Sabine und HnningGolf vollkommen zu!
Gamaheh (21.02.2009, 00:51):
Lieber Dox Orkh,

sicher darfst Du alles infrage stellen, was Du willst, insbesondere, solange Du es nur verbal tust. Andere damit zu belästigen und zu behindern, daß Du Deine schöne Unabhängigkeit und Überlegenheit gegenüber steifen Konventionen und Ritualen zur Schau stellst, ist etwas anderes, besonders dann, wenn Du es nur tust, um Deine eigenen Bedürfnisse und Interessen zum Nachteil anderer zu befriedigen. Hört Deine „Toleranz“ irgendwo auf? Wenn Dein Sitznachbar aufsteht und im Takt mitklatscht? Wenn er seine Beine über die Rückenlehne des (leeren) Sitzes vor sich baumeln läßt? Wenn er eine Thermoskanne auspackt und sich einen Kaffee einschenkt, um ihn dann genüßlich zu schlürfen? Wenn er dazu herzhaft in eine knusprige Baguette mit Harzer Käse beißt? Wenn Deine Sitznachbarin, die ihren Säugling mitgebracht hat, diesem während des Konzerts die Brust gibt? Wenn sie ihr Strickzeug auspackt und anfängt, mit den Nadeln zu klappern? Das alles könnte natürlich von der Musik ablenken, aber vielleicht ist Dir das egal. Manche Leute stört es schon, wenn andere am Ende eines Satzes applaudieren, obwohl das ganze Werk noch nicht beendet ist. (Im 19. Jahrhundert dagegen haben sich die Künstler bzw. die Komponisten Sorgen gemacht, wenn nicht nach jedem Satz geklatscht wurde.)

Konventionen sind ja grundsätzlich ungeschriebene soziale Übereinkünfte, die je nach Ort und Zeit variieren. Ein guter Leitsatz ist hier „Wenn in Rom, mach’s wie die Römer!“. Ich war mal – eher zufällig – in einem afrikanischen Gottesdienst, in dem die Gemeinde nicht nur mitsang, sondern zur Musik auch klatschte und tanzte. Das fand ich eigentlich ganz nett, aber ich würde dennoch nicht auf den Gedanken kommen, das in einem der hier eher verbreiteten zu tun; da versuche ich mich so zu verhalten, wie es die anderen tun.

Wenn man alles verschriftlichen und in irgendwelche AGB aufnehmen müßte, weil es keine Konventionen mehr gibt bzw. diese nicht für irgendwie doch verbindlich gehalten werden, dann wäre das allerdings möglicherweise die Antwort auf die Arbeitslosigkeit ...

Übrigens habe ich die Platzanweiserin gefragt, ob Stehen während des Konzerts verboten sei, und sie sagte „selbstverständlich, außer in der letzten Reihe, wenn man nur noch die Wand hinter sich hat“.

Die fraglichen Personen waren übrigens nicht Herren, sondern Frauen, und es hat in der Tat mein Gefühl für das Ästhetische verletzt, auf ihre unmittelbar vor mir befindlichen verlängerten Rücken zu blicken. Zugegeben: Ich hätte ja die Augen schließen können ...

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Ich vermag nicht die Relevanz der Hilary-Hahn-Episode in diesem Zusammenhang zu erkennen, kann Dir aber versichern, daß Sokolov durchaus auch – soweit ich erkennen konnte – das Publikum in seinen Bann zog, auch wenn den meisten wohl nicht die Kinnladen herunterklappten.
Heike (21.02.2009, 08:42):
Wenn man alles verschriftlichen und in irgendwelche AGB aufnehmen müßte
eine Horrorvorstellung!!!
Heike
Cetay (inaktiv) (21.02.2009, 13:37):
Original von Gamaheh
Lieber Dox Orkh,

sicher darfst Du alles infrage stellen, was Du willst, insbesondere, solange Du es nur verbal tust.


Liebe Gamaheh,

es ist gerade das schöne an Diskussionsforen, das man das dort tun kann, weil die virtuelle Haue, die man dafür erhält, schmerzfrei ist. Wenn allerdings -wie weiter oben- nur hurmorlos grießgrämiges Unverständnis ohne differenzierte Auseinandersetzung kommt, ist das wohl vergebene Liebesmüh.

Hört Deine „Toleranz“ irgendwo auf? Wenn Dein Sitznachbar aufsteht und im Takt mitklatscht? Wenn er seine Beine über die Rückenlehne des (leeren) Sitzes vor sich baumeln läßt? Wenn er eine Thermoskanne auspackt und sich einen Kaffee einschenkt, um ihn dann genüßlich zu schlürfen? Wenn er dazu herzhaft in eine knusprige Baguette mit Harzer Käse beißt? Wenn Deine Sitznachbarin, die ihren Säugling mitgebracht hat, diesem während des Konzerts die Brust gibt? Wenn sie ihr Strickzeug auspackt und anfängt, mit den Nadeln zu klappern? Das alles könnte natürlich von der Musik ablenken, aber vielleicht ist Dir das egal.

Hier spielt sicher die Erwartunghaltung eine Rolle. Da es Konvention ist, die genannten Dinge nicht zu tun, darf man sie auch als störend verbuchen. Wenn man allerdings bei 8 von 10 Konzerten auf irgend eine Art und Weise gestört wird (meine Erfahrungsquote), dann kann man entweder fortan mit gramzerfurchter Stirn herumlaufen oder die Erwartunghaltung ändern. Und eben das Gedankenspiel wagen, was passieren würde, wenn man die Konventionen von vorne herein über Bord werfen würde. Wahrscheinlich wären immer noch 8 von 10 Konzertbesuchen verhunzt, aber man könnte die Sache viel entspannter sehen.

Ein guter Leitsatz ist hier „Wenn in Rom, mach’s wie die Römer!“. Ich war mal – eher zufällig – in einem afrikanischen Gottesdienst, in dem die Gemeinde nicht nur mitsang, sondern zur Musik auch klatschte und tanzte. Das fand ich eigentlich ganz nett, aber ich würde dennoch nicht auf den Gedanken kommen, das in einem der hier eher verbreiteten zu tun; da versuche ich mich so zu verhalten, wie es die anderen tun.

Da stimme ich zu. Und doch kommt Unbehagen auf, bei der Vorstellung, dass man sich allein deswegen anpassen soll, weil es die Masse auch tut. Ich brauche nicht die abgegriffenen historischen Beispiele herauszukramen, um auf die Gefahren einer kritiklosen Konformität hinzuweisen. Es scheint übertrieben zu sein, das auf etwas so profanes, wie einen Konzert- oder Gottesdienstbesuch anzuwenden. Andererseits ist die Kultur im wesentlichen die Summe ihrer Konventionen. Und wenn ich mir die "Errungenschaften" unserer Kultur anschaue, dann ist es durchaus gerechtfertigt, jede einzelne Konvention kritisch zu hinterfragen (zumindest verbal :wink). Man kann ja durchaus zu dem Schluss kommen, dass sie ihren Sinn hat.

Grüße,
Jochen
HenningKolf (21.02.2009, 13:50):
Original von Dox Orkh
Wenn allerdings -wie weiter oben- nur hurmorlos grießgrämiges Unverständnis ohne differenzierte Auseinandersetzung kommt, ist das wohl vergebene Liebesmüh.



Vielleicht sollte ich Deinen Ausgangsbeitrag als humoristischen werten - dann käme ich sicherlich weniger "griegrämig" daher - ich hatte allerdings wirklich gemeint Du könntest Deinen Beitrag ernst gemeint haben. Unter dieser Prämisse war mir halt nicht nach "humorvoll" zumute......

X(
Heike (22.02.2009, 08:26):
Konzerthaus Berlin
Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek ; Jean-Guihen Queyras Violoncello

Felix Mendelssohn Bartholdy "Die Hebriden" - Konzertouvertüre h-Moll op. 26
Johannes Maria Staud "Segue" - Musik für Violoncello und Orchester (UA der revidierten Fassung 2006)
Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 ("Eroica")

Zunächst mal zu dem Staud-Stück: Wie ich aus dem Programmheft erfahren habe, ist das ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele gewesen. "Seque" heißt "es geht weiter", und das bezieht sich auf Mozart: Mozart schrieb nichts für Cello, außer ein kleines Fragment. Dieses nahm sich Staud und begann sein Stück damit - und setzte es eben fort. Davon merkte ich allerdings nichts, also ich erkannte keine Motive wieder. Es gab (neben Streichern und Bläsern) diverse merkwürdige Schlagwerke und auch ein Akkordeon (welches mir nicht groß auffiel, obwohl es laut Programm dialogisch mit dem Cello agieren sollte). Habe ich nicht so gehört, es war zu leise. Melodien konnte ich nicht erkennen, auch die Klänge waren so, dass ich manchmal kurz überlegte, ob das Geräusch jetzt aus dem Saal kam oder zum Stück gehörte. Erst ganz am Ende waren dann Mozarts Ideen wieder zu erahnen. Zwischendurch empfand ich stellenweise nur Lärm.
Am besten gefallen hat mir die Cello-Kadenz am Ende des 2. Satzes, die quasi nur aus Flageolett-Glissandi in allerhöchster Lage bestand und mich sofort in den Bann zog. Auch im 3 Satz gab es eine Kadenz, die von Pizzicato bestimmt war. Ich hörte, (welche es war, konnte ich nicht sehen, ich saß zu weit weg) dass Queyras dabei wieder eine Saite riss, was ihn jedoch nicht bewog, das Cello zu tauschen, er spielte den Rest des Satzes so zu Ende. Mich hat das Stück nicht wirklich geärgert, aber ich könnte auch nicht sagen, dass ich besonders neugierig wäre, es nochmal zu hören.
Der Komponist war da und wurde auch mit artigem Applaus bedacht.

Zu den Hebriden oder Beethoven gibts nicht viel zu sagen, das war ordentlich gespielt und hat mir gut gefallen, aber es war nichts herausragendes. Alles in allem ein netter Abend (mit netten Sitznachbarn, im Konzerthausabo sitzen immer ganz ruhige, ältere Paare neben mir).
Heike
cellodil (22.02.2009, 09:59):
Liebe Heike,

:thanks für den amüsanten Bericht über das Stück von Staud.

Original von Hebre
Konzerthaus Berlin
Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek ; Jean-Guihen Queyras Violoncello
(...)
Johannes Maria Staud "Segue" - Musik für Violoncello und Orchester (UA der revidierten Fassung 2006)
(...)

Es gab (neben Streichern und Bläsern) diverse merkwürdige Schlagwerke und auch ein Akkordeon (welches mir nicht groß auffiel, obwohl es laut Programm dialogisch mit dem Cello agieren sollte). Habe ich nicht so gehört, es war zu leise. Melodien konnte ich nicht erkennen, auch die Klänge waren so, dass ich manchmal kurz überlegte, ob das Geräusch jetzt aus dem Saal kam oder zum Stück gehörte. Erst ganz am Ende waren dann Mozarts Ideen wieder zu erahnen. Zwischendurch empfand ich stellenweise nur Lärm.

:rofl :rofl :rofl

Du hast das so wunderschön und anschaulich beschrieben! So sehr ich manche Werke unserer Zeitgenossen liebe, war ich doch bei manchen Uraufführungen, wo es mir ganz genauso ging...

Wenn ich mir das Programm des Abends anschaue, dann liegt auch die Vermutung nahe, dass man das Werk von Herrn Staud wohl wirklich besser in zwei "Greatest Hits" eingebettet hatte...

Original von Hebre
Am besten gefallen hat mir die Cello-Kadenz am Ende des 2. Satzes, die quasi nur aus Flageolett-Glissandi in allerhöchster Lage bestand und mich sofort in den Bann zog. Auch im 3 Satz gab es eine Kadenz, die von Pizzicato bestimmt war. Ich hörte, (welche es war, konnte ich nicht sehen, ich saß zu weit weg) dass Queyras dabei wieder eine Saite riss, was ihn jedoch nicht bewog, das Cello zu tauschen, er spielte den Rest des Satzes so zu Ende.

Das mit der Saite gibt Anlass zu Spekulation... Entweder konnte er bei dem Stück das Paganini-haft ausgleichen oder er dachte, "macht nix, merkt eh' keiner"...

Ansonsten kann ich mir vorstellen, dass die Kadenzen (zumal in diesem musikalischen Umfeld) tatsächlich der Höhepunkt waren.

Original von Hebre
Mich hat das Stück nicht wirklich geärgert, aber ich könnte auch nicht sagen, dass ich besonders neugierig wäre, es nochmal zu hören.
(...)
Alles in allem ein netter Abend (mit netten Sitznachbarn, im Konzerthausabo sitzen immer ganz ruhige, ältere Paare neben mir).

Klingt nach so einem Abend, der ganz okay war und weder in die eine noch in die andere Richtung groß in Erinnerung bleiben dürfte (vielleicht abgesehen von Queyras und seinen allem Anschein nach etwas anfälligen Saiten)....

Aber meine arme, neugierige Seele hat dank Deines Berichts jetzt erst mal Ruh' und darf jetzt zum Frühstück.

Liebe Grüße

Sabine
Heike (22.02.2009, 14:14):
Hallo,
war ich doch bei manchen Uraufführungen, wo es mir ganz genauso ging...
Ich bin bestimmt kein Pauschalgegner von Neuer Musik, im Gegenteil, es interessiert mich sehr und steht einigermaßen regelmäßig auf meinen Programmen. Aber sobald ich nicht mal eine Idee von einer Melodie mehr ahnen kann und auch alternativ den Klang als nicht berührend empfinde, kann ich damit nichts mehr anfangen. Da stück hatte zwar eine gewisse Struktur, aber was das alles mit Mozart zu tun hatte blieb mir komplett verschlossen.

Ich war auch etwas unangenehm berührt von dem Komponisten, der dann auf die Bühne kam. So ich das aus der Ferne richtig sehen konnte, trug er eine braune Cordhose oder Jeans und dazu einen eher labbrigen gräulich-hellbraunen Pulli. Während das Orchester im Frack spielte, das Publikum teilweise in Abendgarderobe erschien und der Saal schönstes festliches Ambiente hat. Das wirklte einfach nur komisch. Naja, Geschmackssache.

Was die Saite vom Queyras angeht: Es war 2-3 min vor Schluss, also viel kam dann nicht mehr - ob jetzt was improvisiert war oder nicht, ich vermag es nicht zu sagen ;-) Jedenfalls schien ihm das Ganze Spaß gemacht zu haben.
Heike
Gamaheh (22.02.2009, 19:06):
„Kit Armstrong ist ein Wunderkind in den Bereichen Musik, Wissenschaften, Mathematik und Sprachen“ beginnt der Wikipedia-Eintrag zu dem noch nicht ganz 17jährigen Brendel-Schüler, der in der letzten Zeit derartig von den Medien bedacht worden ist, daß das Hamburger Publikum keine Angst haben mußte, dem Auftritt eines no-name Pianisten beizuwohnen, und fast den kleinen Bechstein-Saal sprengte. Dort hatte man extra dreißig zusätzliche Stühle besorgt, am Schluß wurden noch Besuchersessel, Klavierschemel und Barhocker dazugestellt, um alle unterzubringen, die herbeigeeilt waren, dem Wunderkind bei seinem Hamburg-Debüt zu lauschen. Brendel hatte seinen Eleven – so war es in der SZ zu lesen – als „größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin“ bezeichnet.

Der junge Pianist spielte J.S. Bachs Sinfonien BWV 787 – 801, Mozarts KS in D K.576; nach der Pause ein eigenes Werk, „Message in a cabbage“, Debussys Images (aus Heft II) „Cloches“, „Et la lune ...“, „Poissons d’or“, Mendelssohns „Variations sérieuses“.

Armstrongs pianistische Leistung ist schon enorm, dabei spielt er auch sehr schön und hat einen verbindlichen Anschlag. Allein, er konnte mich nicht fesseln, denn irgend etwas fehlte da doch, vielleicht der Ausdruck von etwas Eigenem, ein Bekenntis zu der Musik – wie immer man das nennen will – und dann auch eine gewisse Begeisterungsfähigkeit oder jugendliches Ungestüm, das nicht nur bei Musikern jenes Alters so charmant wirkt; eigentlich fand ich es ein wenig langweilig oder – um richtig boshaft zu sein (was aber sicher daran liegt, daß ich bei soviel Mediatisierung im Geiste immer schon Malus-Punkte vergebe – schweiften meine Gedanken ungebeten zu E.T.A. Hoffmanns Milo.

Grüße,
Gamaheh
Leif Erikson (24.02.2009, 11:54):
Liebe Hebre,

nochmal zu dem Konzert mit dem Arcanto-Quartett.
Du schreibst, daß Dir die erste Geige nicht so gut gefallen hat. Ich vermute das war Antje Weithaas, zumindest wird sie in der Kritik von "klassik.com" als erste genannt.
Ich habe Sie schon öfter in unterschiedlichen Formationen gehört. Sie spielt eigentlich ausgezeichnet und sehr engagiert, nur der Ton ist wie Du sagst in Richtung scharf und schneidend. Meine Idee dazu: sie und Anne Sophie Mutter sollten sich treffen und sich gegenseitig einen Meisterkurs geben. :)
Nun aber zu Dutilleux. Nicht nur für mich sondern auch für viele Schreiber von Artikeln über ihn ist er der vorerst letzte Exponent der französichen Musiktradition, die zusammen mit den Russen und Bartok im 20. Jahrhundert das Beste überhaupt hervorgebracht hat: Debussy, Ravel, Koechlin, Milhaud, Messiaen und Dutilleux. (Und natürlich auch Cesar Frank, Caplet, Lili Boulanger sowie Frank Martin) Das Schöne ist, daß in Frankreich um 1910-20 kein so scharfer Bruch eingetreten ist wie durch Schönberg in Deutschland sondern die Spätromantik in den Impressionismus und dieser in die Moderne organisch übergegangen ist.
Ich empfehle, diese Komponisten in der historischen Abfolge kennenzulernen/zu hören. Dies hat mir das Verständnis dieser Musik in den zurückliegenden zwei Jahren entscheidend erleichtert. Die Tatsache, daß Dutilleux nur wenige Werke geschrieben hat, die allesamt Meisterwerke sind, erleichtert das Kennenlernen ebenfalls.

Gruß, Leif.
Gamaheh (24.02.2009, 19:11):
Noch als Nachtrag zu einem Konzertbesuch der vorletzten Woche (11.2.), eine Diplomprüfung – oder besser: zwei, denn in der ersten Hälfte spielte ein Posaunist mir völlig unbekannte Sachen – das Werk für Posaune solo (oder fast) ist mir eher ungeläufig, auch hört man es so selten – das erste mit einem ganz schrecklichen Spinett zusammen, das war etwas von Albinoni, das er von mir aus nicht hätte komponieren müssen. Die übrigen Stücke waren heiterer, insbesondere am Schluß ein Sextett für Blechbläser von jemandem namens Böhme (weitere Einzelheiten erinnere ich nicht, die Programme waren ausgegangen, als ich kam).

In der zweiten Hälfte dann auf dem neuen Flügel, den die Kleine Musikhalle bitter nötig hatte (und der von Gabriela Montero ausgwählt wurde – zwar habe ich sie noch nicht gehört, aber das hat sie meiner Meinung nach gut gemacht), eine Koroliov-Schülerin namens Natalia Ehwald (ein Name, den man durchaus erwähnen sollte) u.a. die Kreisleriana, die sie wirklich gut, nuanciert und mit viel Ausdruck spielte; eine zarte Person, die aber auch – wo nötig – kräftig in die Tasten greifen kann und einen differenzierten Anschlag hat. Das ist ein großes Lob von mir, die ich – ähnlich wie bei den Goldberg-Variationen – schon längst meine perfekte Interpretation der Kreisleriana gefunden habe.

Grüße,
Gamaheh
Heike (24.02.2009, 21:20):
Hallo Leif,
ja, das war Antje Weithaas. Ich kannte sie vorher gar nicht, jedenfalls ist mir nicht bewusst, sie früher schon mal gehört zu haben. Was ihren Ton angeht, ich würde den fast schon als spitz bezeichnen
die Idee mit dem Mutter-Meisterkurs ist natürlich genial :rofl

Das Stück von Dutilleux hatte mir übrigens recht gut gefallen, damit konnte ich jedenfalls weit mehr anfangen als mit dem modernen Cellokonzert neulich.
Heike
Heike (24.02.2009, 21:55):
Hallo Gamaheh,
Das ist ein großes Lob von mir, die ich – ähnlich wie bei den Goldberg-Variationen – schon längst meine perfekte Interpretation der Kreisleriana gefunden habe.
Welche ist das denn?
Heike
Gamaheh (26.02.2009, 09:52):
Original von Hebre
Hallo Gamaheh,
Das ist ein großes Lob von mir, die ich – ähnlich wie bei den Goldberg-Variationen – schon längst meine perfekte Interpretation der Kreisleriana gefunden habe.
Welche ist das denn?
Heike

Die von Philippe Bianconi.

Grüße,
Gamaheh
Heike (26.02.2009, 22:29):
Da muss ich mal reinhören, danke!
Heike
Rachmaninov (01.03.2009, 10:10):
GÖTTLICH :down
kreisler (01.03.2009, 10:45):

Die von Philippe Bianconi.

Grüße,
Gamaheh

Bei welchem Label ist den die rausgekommen? Ich suche gerade vergebens im Internet...

Danke,
Kreisler
nikolaus (01.03.2009, 11:05):
Ich hatte gestern einen selten entspannten und gut gelaunten Abend im Konzerthaus Dortmund:

Renaud Capucon, Violine (artist in residence)
Gérard Caussé, Viola
Gautier Capucon, Cello
Alois Posch, Kontrabass
Frank Braley, Klavier

spielten

Gustav Mahler, Klavierquartett a-moll (Fragment)

Gabriel Fauré, Klavierquartett Nr. 1 c-moll op. 15

Franz Schubert, Klavierquintett A-Dur D 667 ("Forellenquintett").

Das war einfach Musik zum Wohlfühlen.
Den Quartettsatz von Mahler mag ich sehr gerne, er verströmt eine warme, angenehme, auch melancholische Stimmung.
Faurés Quartett war mir nicht wirklich präsent, hat mir aber auch sehr gut gefallen, sehr melodienselig.
Zur "Forelle" muss ich wohl nichts sagen.

Die fünf "friends" waren sichtlich gut aufgelegt, lachten sich an und suchten oft gut gelaunten Blickkontakt.
Ich saß ganz vorne und konnte das gut beobachten.

Braley spielt auffallend leicht, filigran und mit schönem Ton. Dadurch rückte er in den beiden ersten Stücken vielleicht etwas in den Hintergrund, aber bei Schubert zeigt er doch Durchsetzungsvermögen und gab, wenn nötig, deutliche Impulse.
Alois Posch, soviel ich weiss ein Kammermusik-erfahrener Kontrabassist, spielte sehr präzise und aufmerksam und hatte sichtlich gute Laune dabei.
Caussé hat mir sehr gut gefallen: sehr schöner, warmer Ton; man hörte ihn immer heraus.
Bei den Capucon-Brüdern fiel mir auf, wie unterschiedlich sie inzwischen sind:
Gautier ist auf angehme weise extrovertiert und unglaublich lässig (mit seinen schulterlangen Haaren; die werden allerdings getoppt von Braley, er sah aus wie Thomas Hampson als Rodrigo in Don Carlos ... - dafür hatte er einen sehr gut geschnittenen Anzug an...) und spielt sehr überzeugend.
Renaud überzeugt auch durch sein sicheres Spiel, allerdings ist er eindeutig introvertierter, kontrollierter, sein Ton dadurch etwas fester.

Ein rundum gelungener Abend also...

Nikolaus.
Gamaheh (01.03.2009, 14:25):
Vielen Dank für den Bericht, Nikolaus - klingt wirklich wie ein schöner Abend!

Viele Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (01.03.2009, 14:26):
Original von kreisler

Die von Philippe Bianconi.

Grüße,
Gamaheh

Bei welchem Label ist den die rausgekommen? Ich suche gerade vergebens im Internet...

Danke,
Kreisler
Lieber Kreisler,

ich fürchte, Deine Suche wird vergeblich bleiben, denn er hat sie nicht aufgenommen; ich habe sie im Konzert gehört, habe aber auch eine Aufnahme von einem anderen Konzert aus dem Radio.

Grüße,
Gamaheh
kreisler (01.03.2009, 15:17):
Schade!

Aber kannst du seinen anderen Schumann empfehlen? Nur leider habe ich die Symphonischen Etüden schon so oft...

Jedenfalls würde er mich wirklich einmal interessieren...

Grüße,
Kreisler
Heike (01.03.2009, 15:57):
GÖTTLICH
Hallo Rachmaninov,
hach, wenns nicht so weit weg wäre - ich wäre ihm einfach nachgereist .....
Hat er dieselben Zugaben wie in Berlin gespielt?
Heike
Heike (01.03.2009, 15:58):
Hallo Nikolaus,
das klingt wirklich nach einem schönen Abend! Renaud Capucon - den Namen werde ich mir mal merken!
Heike
Rachmaninov (01.03.2009, 16:25):
Original von Hebre
GÖTTLICH
Hallo Rachmaninov,
hach, wenns nicht so weit weg wäre - ich wäre ihm einfach nachgereist .....
Hat er dieselben Zugaben wie in Berlin gespielt?
Heike

Soweit ich es überblicke.
Bin nicht sicher, aber das letzte Stück kenne ich, kann es aber nicht zuordnen! Skriabin war mein ersten Gedanke?
Heike (01.03.2009, 16:31):
Hallo,
bei Skriabin kenne ich mich nicht besonders gut aus, aber nach meinem laienhaften Eindruck könnte es von Stil her gut passen. Der hat doch auch jede Menge so kleine Charakterstücke gemacht?
Heike
Heike (01.03.2009, 16:42):
Scriabin - Deux Morceaux, Op. 57 No. 1: Désir ?
Könnte es laut amazon-Hörschnipsel gewesen sein.
Heike
Rachmaninov (01.03.2009, 16:42):
Original von Hebre
Hallo,
bei Skriabin kenne ich mich nicht besonders gut aus, aber nach meinem laienhaften Eindruck könnte es von Stil her gut passen. Der hat doch auch jede Menge so kleine Charakterstücke gemacht?
Heike

Er hat viele Preludes, Etudes und anders für das Klavier geschrieben
Heike (01.03.2009, 17:05):
wars das?
Gamaheh (01.03.2009, 22:36):
Original von kreisler
Schade!

Aber kannst du seinen anderen Schumann empfehlen? Nur leider habe ich die Symphonischen Etüden schon so oft...

Lieber Kreisler,

empfehlen würde ich sie alle, aber die Symphonischen Etüden und die Humoreske besonders, obwohl er sie inzwischen doch etwas anders spielt. Die Fantasie spielt er ungleich eindrucksvoller im Konzert, aber die CD ist auch schön. Insgesamt ist Bianconi wohl einer der relativ wenigen fast ausschließlich konzertierenden Pianisten; ins Aufnahmestudio, hat er mal gesagt, muß er sich treten – ihm fehlt wohl das Publikum, für das er spielt. In den letzten zehn Jahren oder so hat er anscheinend solo nur den Ravel aufgenommen, und den im Konzert. Ich mag seine Schubert-Aufnahme mit der A-Dur Sonate D.959 und den Klavierstücken D.946 auch besonders gerne.

Grüße,
Gamaheh
Leif Erikson (02.03.2009, 10:56):
Das Sestetto Capriccio war gestern in Speyer zu hören (2v, 2br, 2vc). Es war ein Genuß.
Auf dem Programm standen das namensgebende Streichsextett aus der Oper Capriccio von Richard Strauss, von Dvorak Sextett in A-Dur op. 48 und von Brahms Sextett Nr. 2 G-Dur. Als Zugabe wurde ein Walzer von Dvorak gegeben.
Bei Strauss war ich skeptisch, da er ja wie Wagner eine sich fortwährend drehende Chromatik verwendet. Aber im Gegensatz zu Wagner, der bei mir Seekrankheit oder schlimmeres erzeugt war es bei diesem Stück eher wie nach zuviel Champagner ein amüsanter Schwips. Die Leichtigkeit und Eleganz dieses Stücks ist sehr reizvoll und die Präzision und die Vitalität der Wiedergabe hat mir Strauss ein Stück näher gebracht.
Der Dvorak war wie immer eingängig, flott aber auch ein wenig plakativ.
Die Begeisterung der Musiker hat sich glücklicherweise vermittelnd ausgewirkt, sodaß ich auch dieses Stück genießen konnte.
Auch Brahms gehört nicht in die erste Reihe meiner Lieblinge. Dieses Stück ist aber ein überaus fesselndes glitzerndes polyphones Gewebe und durch meinen Platz in der 2. Reihe war es mir möglich die Einzelstimmen auch optisch durch die Beobachtung der Musiker zu verfolgen, was das Hören sehr erleichtert hat. Bei diesem Stück und der ausgezeichneten Interpretation waren Intellekt und Gefühl gleichermaßen gut bedient. Ich werde mir eine Aufnahme davon anschaffen.
Sehr flott und freudig war der nach lautem begeisterten Beifall (der 50 Anwesenden Seelen) als Zugabe gegebene Walzer von Dvorak.

Dieses Konzert wäre an jedem Aufführungsort und vor jedem Publikum ein großer Erfolg gewesen.

Vorhin habe ich noch über den Leiter und Primarius dieses Ensembles nachgelesen. Er wird dieses Jahr 80! Es ist Saschko Gawriloff, Gewinner vieler Wettbewerbe, Konzertmeister einiger Orchester, zuletzt der Berliner Philharmoniker, international tätiger Solist unter den bekanntesten Dirigenten, später dann Professor für Violine, zuletzt bis 1996 an der Musikhochschule Köln. Ligeti hat ihm sein Violinkonzert gewidmet. Er hat es 70 mal aufgeführt. Es gibt einige CD's von ihm bei den üblichen shops, zum Beispiel diese hier:



Auch die anderen Musiker des Sestetto Capriccio spielen auf höchstem Niveau. Ich habe keinerlei Schwächen bemerkt.

Gruß, Leif.
ab (05.03.2009, 10:58):
Gestern war bei uns das Henschel Quartett zu hören, nachdem das bereits angereiste Cuatuor Calsas wegen Erkrankung der Primarina absagen musste. Die drei dienstfreien spanischen Herren erlebten so mit uns zusammen einen Abend, von dem ich annehme, dass es sich für das Quartett um einen ganz vorzüglichen gehandelt hat.

Zu Mittag hieß es noch, Haydns Lärchenquartett, Mendelssohns a-moll sowie Beethovens 3. Rasumovsky würde gespielt. Doch auf ihrer Anreise aus München, wo sie eigentlich ein Privatkonzert spielen wollten (die armen, die sich auf diesen Abend gefreut hatten!), überlegten sie sich, den Jubilar Mendelssohn zu opfern, und lieber Ervin Schulhoffs 1. Streichquartett von 1924 zum Besten zu geben. Weil dazu aber nun das Lärcherl nicht ganz so passt, wechselten sie auf das op.67/1. Das Glück ist eine Vogerl: Als Zugabe ließen sie den 2. Satz vom Ravel folgen um dann, man staune, mit der langen Cavatina des Beethovensche op. 130 zu enden.

Mir wird der Abend insbesondere deshalb im Gedächtnis bleiben, weil die übliche traumwandlerische Übereinstimmung von Geschwisterensemble es hier geschafft hat, durch gleichmäßig gehaltene musikalischen Phrasen der "Crew" dem Primarius sämtliche Freiheiten zu ermöglichen, die dieser in puncto eigenständiger Impulse, besonderer Phrasierungen und agogischer (quasi-)Freiheiten ausgiebig nutze. Ihren musikantischen Zugriff habe ich ja immer schon gemocht.
So mancher mag womöglich die kurzen Tempostockungen des ersten Geigers als manieriert empfunden haben. Mir hat das sehr gut gefallen, erstens weil dadurch das Tänzerische hervorkam, das die weite vorwärtstragende Linienführung in eine Ruhe sublimierte (wie wohl die Musikwissenschaftler terminologisch sagen würden) und zum anderen weil diese an gewissen Stellen immer in Übereinstimmung mit den harmonischen Wechseln stand, was das Werk deutlich Strukturierte.

Ich kann mich an kein Konzert erinnern, wo mir ein solcher Haydn-Spaß bereitet wurde. Die drei kräftigen Akkordschläge zu Beginn (die gleichen wie zum Satzende) nahmen sie dann auch nicht wie eine Einleitung sondern beethoven-like wie einen Schlussakkord. Das Presto, im scherzohaften 3. Satz, das gewöhnlich tempomäßig nivelliert wird, spielten sie auch als ein solches. Trotz der gesuchten extremen Stimmungswechsel hatte ich nicht den Eindruck, dass es sich um eine romantische Interpretationsweise handeln würde.

Überrascht hat mich beim Schulhoff dann doch, dass sie das Tänzerische eher hintangestellt haben. Mir kam es so vor, als hätten sie sich hier die "entmenschlichte" Intensität des Hagen Quartetts zum Vorbild genommen (die natürlich erdig zupackend unmöglich ist, erreichen zu können). Dennoch: Ich hoffe, sie bringen die zwei Streichquartette sowie die fünf Stücke Schulhoffs auf CD heraus, zum gewohnten Arte-Nova-Preis. :W
Das hat mir nämlich besser als die klangschlanken Brodskys gefallen, die ich dort bislang am besten fand. Überhaupt ist es mir schleierhaft, weshalb sich Schulhoff nicht im Konzertsaal durchsetzt, selbst das Greisenalter zeigt sich begeistert!

Der Beethoven war gestaltungsmäßig ganz on the top - Bravo! Nicht einmal das völlig geraste Fugetto aus Beethovens Schlusssatz, das bei weitem eher als Prestissimo zu bezeichnen wäre als ein Allegro molto war, störte mich nicht, weil sie es durchsichtig darstellen konnte und nicht wirklich bloß virtuos wirkte. Da kann mir das Auryn Quartett und Consorten gerne gestohlen bleiben.

Unsere (und wohl nicht nur unsere) Kammerkonzertreihe wirkt ja inzwischen fast wie der Betriebsausflug eines Greisenasyls und schon lange nicht mehr habe ich solch positive Stimmung dort erlebt - und das umso mehr bei diesem gewaltig langen Abend. Meine Erwartungen sind bei weitem übertroffen worden.

Der März läßt meine Streichquartettliebe zu neuen frühlingshaften Höhen erblühen: Übernächste Wochen wird sich das Minetti-, das Takács- sowie das Hugo Wolf Quartett bei uns die Ehre geben.
:leb
cellodil (05.03.2009, 13:14):
Lieber ab,

das klingt nach einem wunderbaren Abend! Werde sehen, dass ich das Henschel-Quartett, wenn es hier gastiert, auf keinen Fall verpassen werde. Das klingt richtig gut (so gut habe ich sie zumindest bislang noch nicht gehört). Da nimmt man wüste Krawatten gerne in Kauf.

:thanks für den schönen Bericht!

Und liebe Grüße

Sabine
Nicolas_Aine (05.03.2009, 13:37):
Original von ab
Gestern war bei uns das Henschel Quartett zu hören, nachdem das bereits angereiste Cuatuor Calsas wegen Erkrankung der Primarina absagen musste.
...



hm, dass lässt mich hoffen, das Casals Quartett soll nämlich heut abend hier bei uns in Göppingen spielen, aber leider hab ich keine Zeit :/ Wenn das Konzert jetzt aber verschoben wird, fänd ich das ziemlich klasse^^

Freut mich aber, dass du ein so schönes Konzert gehabt hast :)
kreisler (05.03.2009, 16:04):
Da beneide ich dich echt, bei solchen Kammermusik Abenden!

Habe bis jetzt nur ein wirklich schönes Quartett-Konzert und zwar mit dem ABQ gehört. Auf ihrer Abschiedstournee.

Original von ab
um dann, man staune, mit der langen Cavatina des Beethovensche op. 130 zu enden.


Und sie haben sich, nach mehreren Zugaben mit genau dem selben Stück verabschiedet. Ich fand das sehr beeindruckend.

Aber vielleicht, mit etwas Glück höre ich ja auch mal das Herschel-Quartett live.

Viele Grüße,
Kreiselr
ab (05.03.2009, 17:15):
Original von kreisler
Da beneide ich dich echt, bei solchen Kammermusik Abenden!

Habe bis jetzt nur ein wirklich schönes Quartett-Konzert und zwar mit dem ABQ gehört. Auf ihrer Abschiedstournee.


Na, dann lass Dir auf keinen Fall den nächsten Hagen Quartett Abend in München entgehen! Die haben inzwischen den Berg (Alban) nicht nur erreicht (dieses wunderbare Wortspiel ist nicht von mir, sondern habe ich igendwo aufgelesen), sondern, wie ich finde, übertroffen (wobei der Alban Berg Quartett ihr absolut perfektes Wie-aus-einem-Guss-Spiel wohl singulär bleiben wird).
Versäume nicht ein Zehetmair-Quartett-Konzert, sofern Du Dir eine Karte ganz vorne leisten kannst. Und wenn Du nach Wien kommen solltest, hoffe, dass das Artis Quartett gerade spielt. Aller beste Erfahrungen - wie hier berichtet - habe ich auch mit dem Minguett Quartett aus Köln gemacht.

:hello
ab (05.03.2009, 17:35):
Original von cellodil
Lieber ab,

das klingt nach einem wunderbaren Abend!

Den Terminus "wunderbar"" ist bei mir bereits seit Jahren durch das Hagen Quartett reserviert. Auch als "Sternstunde" würde ich den Abend wohl nicht bezeichnen; aber jedenfalls ist das ein Ensemble, von dem ich das Gefühl habe, sie haben den Notentext wirklich durchgearbeitet und ihnen geht es mehr die Musik als um deren traditionelle Aufführungstradierung.

Auch habe ich durch sie selten viel bei den vertrauten Werken völlig neu gehört sowie vieles entdeckt - und dafür verdienen sie bei mir einen Ausdruck ganz ähnlich wie "wunderbar".

Auch technisch ist ihnen an diesem Abend ungewöhnlich wenig passiert (vor drei Jahren, als ich sie bei uns leider versäumt habe, muss das ganz anders gewesen sein). Wie bei so vielen Ensembles wünscht man sich, die Lockerheit und Gelöstheit zum Schluss fände bereits beim ersten Stück statt. Lampenfieber muss halt zudem erst abgebaut werden.

Die Latte meiner Erwartungen beim nächsten Konzert mit ihnen haben sie jedefalls sehr hoch gesteckt. Mir juckt es gehörig in den Fingern, mir deren Beethoven-CD auf den Wunschzettel zu setzen. Das sonst in meinem Umkreis so gepriesene Artemis Quartett hat das mit keinen ihrer Konzerte bei mir vermocht.

:hello
cellodil (05.03.2009, 23:33):
Lieber ab,

schön, dass Du mit Worten so bedachtsam umgehst! Das, was Du geschrieben hattest, klang so begeistert, dass mir das "w..."-Wort passend erschien. Die Hagens sind - jedenfalls meiner Meinung nach - allerdings eine Kategorie für sich; und ich habe den Eindruck, dass sie mit den Jahren immer "besser" geworden sind (auch nicht ganz das richtige Wort).

Was mir vom Artemis aus jüngerer Zeit ausnehmend gut gefällt, das ist die Schubert Einspielung. Zu dem Beethoven habe ich bislang, obwohl ich ihn gelegentlich gerne höre, noch keine klare Haltung gefunden, bin allerdings noch nicht dahintergekommen, woran das liegen könnte.

Liebe Grüße

Sabine
Leif Erikson (07.03.2009, 22:44):
Lieber ab,

das Hagen - Quartett ist auch einer meiner Favoriten. Jedoch auch das Emerson - Quartett.
Hast Du schon mal diese beiden verglichen ?

Gruß, Leif.
ab (08.03.2009, 08:53):
Original von Leif Erikson
Lieber ab,

das Hagen - Quartett ist auch einer meiner Favoriten. Jedoch auch das Emerson - Quartett.
Hast Du schon mal diese beiden verglichen ?

Gruß, Leif.

die Emersons, wahrlich eine der ganz vorzüglichen Quartettformationen unserer Tage, habe ich leider erst zweimal im Konzert erlebt, beidemal ziemlich enttäsuchend. Ihre Aufnahmen schätze ich deutlich mehr!

Brahms gefällt mir mit den Emersons zB deutlich besser als bei den Hagens, auch Schostakowitsch, wo beide Ensembles nicht zu meinen Favoriten gehören.

Meine Lieblingsaufnahme der Emersons sind die beiden Prokofiev-Quartette.
:hello
cellodil (08.03.2009, 09:25):
Original von ab
die Emersons, wahrlich eine der ganz vorzüglichen Quartettformationen unserer Tage, habe ich leider erst zweimal im Konzert erlebt, beidemal ziemlich enttäsuchend. Ihre Aufnahmen schätze ich deutlich mehr!

Lieber ab,

das geht mir ähnlich. Ich habe die Emersons zwar nur ein einziges Mal im Konzert gehört (letzten Sommer mit Brahms), aber das war eine ziemlich grauenvolle Angelegenheit. Ich hatte das unter "war nicht ihr Tag" verbucht, aber wenn es Dir schon mehrfach so ging, dann wird es wohl nicht an den widrigen Umständen gelegen haben. Ich mag ihre Mendelssohn Gesamteinspielung (abgesehen vom Bonus-Oktett) recht gerne.

Liebe Grüße

Sabine
Gamaheh (08.03.2009, 14:54):
Am Mittwoch kurz entschlossen mit einem geborgten Kleinwagen nach Paris gefahren, um am Donnerstag dieses Konzert im Auditorium des Musée d’Orsay (in dem ich schon viele schöne Konzerte gehört habe) zu besuchen:

Tedi Papavrami, violon
Philippe Bianconi, piano

Igor Stravinski
Divertimento, pour violon et piano
George Gerschwin
Short Story
Trois mélodies de Porgy and Bess :
Summertime
It ain't necessarily so
Bess you is my woman now
(transcriptions de Jascha Heifetz)
Trois préludes, pour violon et piano
Darius Milhaud
Le boeuf sur le toit, pour violon et piano
Maurice Ravel
Sonate pour violon et piano en sol majeur

Es handelte sich um das Auftaktkonzert zu dem Zyklus Paris cosmopolite, der den musikalischen Schöpfungen im Paris der Zeit zwischen den Kriegen gewidmet ist.

Ein eher ungewöhnliches Programm, das in dieser Zusammenstellung hervorragend funktioniert hat (es wurde kurzfristig etwas umgestellt). Es war im wesentlichen von mitreißenden Tanzrhythmen geprägt, und es zuckte einen zeitweise wirklich in allen Muskeln.

Das Divertimento von Stravinsky (das ich nicht kannte) ist rhythmisch teilweise so komplex, daß ich fast den Eindruck hatte, Geige und Klavier würden zwei unterschiedliche Stücke spielen, die nur zufällig zusammenpassen (besonders im Scherzo). (Hier ist es – im Zusammenhang mit dem „Umblättern“-Faden – wohl wirklich notwendig, daß einer die Übersicht über beide Stimmen hat, denn wenn hier einer auch nur etwas aus dem Zählen gerät, könnte das – so stelle ich es mir als Nicht-Musikerin vor – im Chaos enden.) Das Divertimento entstammt – so informiert das Programmheft – einem von der russischen Tänzerin Ida Rubinstein in Auftrag gegebenen Ballett, Le Baiser de la fée.

Auch die Gershwin-Stücke paßten wie angegossen in das Programm (die Transkriptionen sind wirklich großartig) und wirkten mitnichten wie reine Unterhaltungsmusik.

Der Boeuf sur le toit war für mich eigentlich das Highlight dieser Highlights (über das ich – wenn ich die Zeit finde – anderswo vielleicht noch ein paar Worte verlieren werde). Ich kannte es nur in der Orchesterversion und in der für Klavier zu vier Händen (von denen ich eigentlich letztere bevorzuge). Dies jedoch hatte eine ganz andere Qualität: Die Charakteristik der einzelnen Abschnitte trat durch die Verteilung auf die zwei Intrumente stärker hervor, und das Stück bekam eine Struktur. Gleichzeitig wirkte es auch erheblich „schräger“, was meiner Meinung nach die Karnevalsstimmung noch besser darstellt. In der Mitte, nach dem 9. Auftreten des Rondo-Themas, war eine Art Kadenz, ein virtuoses Geigen-Solo eingebaut, von dem ich nicht weiß, ob es zum Original gehört (anscheinend hatte Milhaud das Stück ursprünglich für diese Formation geschrieben).

Die Ravel-Sonate habe ich nun endlich mal in guter Akustik gehört und so in ihrem ganzen Raffinement wahrnehmen können, das durch alle Stimmungen führt und so ziemlich alle klanglichen Möglichkeiten der beiden Instrumente ausschöpft.

Drei Zugaben für das begeisterte Publikum:

Pièce en forme de Habanéra von Ravel
Allegro von Sarasate
Chanson populaire espagnole von De Falla.

Das Konzert wurde aufgenommen ; leider habe ich vergessen zu fragen, ob vom Radio – falls ich mehr erfahre, werde ich es mitteilen.

Grüße,
Gamaheh
Heike (08.03.2009, 16:02):
Hallo Gamaheh,
beneidenswert, mal so eben spontan nach Paris fahren zu können!
Das klingt nach einem außergewöhnlich originellen Programm, das hat schon beim Lesen so richtig Spaß gemacht, danke für den Bericht.
Heike
ab (09.03.2009, 09:41):
Und wie war das Musikalische dieses Gespanns Tedi Papavrami & Philippe Bianconi?


:hello
Gamaheh (10.03.2009, 11:50):
Original von Hebre
Hallo Gamaheh,
beneidenswert, mal so eben spontan nach Paris fahren zu können!

Hallo Heike,

alles hat auch Vorteile: Ich verdanke es meiner bescheidenen Stellung im Leben, daß ich eigentlich jederzeit auch kurzfristig mal ein paar Tage weg kann; wahrscheinlich würde es niemandem auffallen, aber ich reiche trotzdem gewissenhafterweise immer Urlaub ein.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (10.03.2009, 19:34):
Original von ab
Und wie war das Musikalische dieses Gespanns Tedi Papavrami & Philippe Bianconi?


:hello
Hallo ab,

darüber mußte ich erstmal nachdenken, was ich dazu noch sagen kann: Die waren in Bestform – ich hatte gedacht, das lasse sich aus dem, was ich oben gesagt habe, ableiten; sie musizieren ja schon sehr lange immer mal wieder gemeinsam und hatten sicher auch nicht nur einen Nachmittag zusammen geprobt: Beide verfügen über stupende Technik und ungeheure Musikalität; ich hatte den Eindruck, daß beide in der Lage sind, die Möglichkeiten ihres jeweiligen Instruments in vollem Umfang auszuschöpfen und es hier auch taten, dabei in jeder Nuance perfekt aufeinander abgestimmt waren (teilweise glaubte man, es seien noch ganz andere Instrumente präsent, dies besonders bei den Werken von Stravinsky und Ravel (wobei ich der Meinung bin, daß die gespielte Programmfolge besser ist als die im Programmheft und bei France Musique angegebene)). Dabei haben sie es in ihrer ernsten und ernsthaften Art – aber dennoch mit Verve! – geschafft, das Publikum zu begeistern. Papavramis Geigenton kann sehr spröde sein (andererseits kann er aber auch sehr romantisch klingen, wenn es sein muß, wenn ich darüber nachdenke). Er spielt ein Instrument – wie man allenthalben lesen kann – von 2005, das nach seinen Wünschen angefertigt wurde, und legt immer Wert darauf, auch den Bogen anzugeben, den er benutzt (in diesem Falle einen von Edwin Clément).

Wenn Du Gelegenheit hast, am 18. um 14h30 Radio France Musique zu hören, kannst Du Dir selbst ein Bild machen, denn dann wird das Konzert – wie ich inzwischen erfahren habe – gesendet. Die Aufnahmequalität von France Musique ist nicht immer so, wie man sie sich wünschen würde, aber in diesem Falle haben sie sich zu fünf Mikrofonen hinreißen lassen: zwei vor dem offenen Klavier in etwa 1,5 m Abstand voneinander und vielleicht 1m vom Instrument; zwei in etwa gleichem Abstand mittig am Rand der Bühne in ca. 3 m Höhe, und eines auf einem etwa 2,5 m hohen Stativ ca. 1 m schräg rechts vor dem Geiger (das ist die Wiedergabe meines summarischen Eindrucks, wobei ich auf Einzelheiten nicht besonders geachtet hat, kann mich also auch – besonders bei den Größenangaben – irren).

Das Musée d’Orsay mag ich auch sehr, aber eher, weil ich ein Faible für Bahnhöfe habe; außerdem hat das Auditorium eine wirklich sehr gute Akustik und ist mit bequemen Fauteuils ausgestattet, die wohl keinem Rücken Widerstand leisten!

Beste Grüße,
Gamaheh
nikolaus (10.03.2009, 19:52):
Hallo Gamaheh,

schön für uns, dass Du wieder daheim bist.
Und Danke für Deinen Bericht.

Vielleicht hätte ich ja doch...

Papavramis Geigenton kann sehr spröde sein (andererseits kann er aber auch sehr romantisch klingen, wenn es sein muß, wenn ich darüber nachdenke).

Dem stimme ich zu.
Die Brahms-Sonaten liebe ich sehr, wohingegen mich seine Scarlatti-Einspielung eben aufgrund des "spröden" Tons nicht überzeugen konnte.

Herzliche Grüße,

Nikolaus.
ab (10.03.2009, 20:53):
Original von Gamaheh
Wenn Du Gelegenheit hast, am 18. um 14h30 Radio France Musique zu hören, kannst Du Dir selbst ein Bild machen,


Das Musée d’Orsay mag ich auch sehr, aber eher, weil ich ein Faible für Bahnhöfe habe; außerdem hat das Auditorium eine wirklich sehr gute Akustik und ist mit bequemen Fauteuils ausgestattet, die wohl keinem Rücken Widerstand leisten!


danke für die Ausführungen und den Tipp. Mal sehen, ob ich Zeit zum Hören finde...

Beim Museum hatte ich eher an Paul Cézanne gedacht als an Fauteuils; und bei letzteren denke ich gerne an die Ledersitze in der Galleria di Palazzo Rosso & Bianco (Genova) zurück, wo man auch entspannt seinen Kopf im richtigen Betrachterwinkel anlehnen kann. (Überhaupt aller höchst empfehlenswert deren Sammlungen!)
Gamaheh (10.03.2009, 20:56):
Original von ab
... Fauteuils; und bei letzteren denke ich gerne an die Ledersitze in der Galleria di Palazzo Rosso (Genova) zurück, wo man auch entspannt seinen Kopf im richtigen Betrachterwinkel anlehnen kann.

Auch danke für den Tipp! Diese Details sind gar nicht so unwichtig.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (11.03.2009, 12:16):
Original von ab
Original von Gamaheh
Wenn Du Gelegenheit hast, am 18. um 14h30 Radio France Musique zu hören, kannst Du Dir selbst ein Bild machen

Mal sehen, ob ich Zeit zum Hören finde...

Wenn nicht zu der Zeit, dann vielleicht später: France Musique stellt hier alle Konzerte 24 Stunden lang zum Nach- oder Wiederhören bereit. Darüber hinaus s. Radio-Faden ...

Grüße,
Gamaheh
Jeremias (15.03.2009, 12:07):
Ich habe mich gestern breit schlagen lassen, nach 2 Jahren mal wieder einen Sanitätsdienst für das DRK zu machen. Anlass war ein klassisches Konzert in einer Kirche hier in Kaarst bei Neuss. Wir rechneten mit dem Schlimmsten bis wir ankamen... ein von der Sparkasse unterstütztes Konzert mit der Kammerakademie Neuss und Werken von Bach und seinen 4 Söhnen. Es dirigierte niemand geringeres als Reinhard Goebel! Er moderierte das Konzert in einem unglaublichen Tempo, man hatte das Gefühl er wolle uns all sein Wissen in ein paar Minuten vermitteln und tat dies auf eine bestechende und herrliche Art und Weise! Der Dienst nach 2 Jahren hat sich gelohnt....
Heike (15.03.2009, 21:30):
Hallo Jeremias,
na da hat sich ja die gute Tat gelohnt ;-)

Ich hab mir heut aus reiner Langeweile (das anhaltend graunasse Wetter lässt einen ja Depressionen kriegen) ganz spontan ein eigentlich für mich ungewöhnliches Programm zusammengestellt:

Mittags Orgel-Matinee in der Philharmonie, an der Orgel Stefan Engels.
Normalerweise höre ich Orgelmusik nur in Kirchen, und selbst das selten.
Heute gab es
1. Karg- Elert - Passacaglia es moll op. 25b
2. Mendelsohn- Barholdy 2 Fugen und das Allegro d moll
3. Reubke - Orgelsonate c moll
und eine Zugabe von Bach
Gerade die mir völlig unbekannten Karg-Elert und Reubke haben mich komplett überrascht, das war gar nicht langweilig, sehr kunstfertig und durchaus spannend. Der Reubke soll auch eine Klaviersonate geschrieben haben, weiß da jemand was dazu? Die würde mich interessieren.

Dann war ich mit einer Freundin schön essen und anschließend in der Deutschen Oper: Verdi - Ein Maskenball
Auch Verdi gehört ganz und gar nicht zu meinen Favoriten, so kam es auch, dass ich das schon lange im Repertoire der Dt. Oper befindliche Werk noch nicht gesehen hatte. Sonntag nachmittag und ein schon jahrelang auf dem Spielplan stehendes Stück - da kaufe man sich getrost die preiswertesten Tickets und vertraue drauf, dass es allenfalls halb voll ist. So wars dann auch. Es war so leer, dass wir letztlich auf besten Plätzen im 1. Rang Reihe 2 mittig beidseitig keine Sitznachbarn hatten :-) Auch mal schön!

Auch hier war ich angenehm überrascht, das Orchester spielte wie immer gut und professionell und der Chor ist sowieso klasse. Die mir komplett unbekannten Sänger machten ihre Sache überraschend ordentlich, besonders gefiel mir der (umbesetzte) Ivan Inverardi als Graf René Anckarström, ein schöner, ausdrucksstarker und kräftiger Bariton. Und auch die Amelia alias Angela Marambio überzeugte mich, die sehr viel Gefühl zeigte und dabei aber für Berliner Verhältnisse einen sauberen, vollen Sopran hinkriegte, der auch im forte nicht vom Orchster weggespielt wurde. Am meisten Applaus kriegte aber Heidi Stober als Page Oscar - was ich nuin ganz und gar nicht nachvollziehen konnte. Das war zwar nicht voll daneben, aber einfach nur ein Sopranlein und mitunter auch etwas zu dünn. Ob das Publikum da einfach nur die Hosenrolle honoriert hat? Man weiß es nicht.

Die Inszenierung: Minimalistisch, aber eher traditionell, hat mir gut gefallen. Jedenfalls habe ich mich gut amüsiert, konnte sogar Verdi etliches durchaus schönes abgewinnen und muss mal wieder gestehen, dass man sich mitunter auch Dinge anhören sollte, die man nicht zu seinen Favoriten zählt.

Heike
Amadé (15.03.2009, 22:39):
Hallo Hebre,

da wäre ich auch gern mal in Berlin gewesen.
Die Reubke KLaviersonate kam vor einigen Jahren aus der musikgeschichtlichen Versenkung zurück, zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich sie selbst nicht kenne. :down
Es gibt augenblicklich sogar mehrere Interpretationen zur Auswahl, hier die mit Till Fellner, den ich im Laufe des Jahres noch hören werde:

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0809274953322.jpg

Gruß Amadé
Heike (15.03.2009, 22:43):
Danke Amadé,
die werde ich wohl mal probehören oder mitbestellen (ist ja bezahlbar)! Der Reubke ist ja schon mit 22 gestorben, also wenn die Klaviersonate so einfallsreich und differenziert ist wie die heute gehörte Orgelsonate, dann ist hier wiedermal jemand sehr talentiertes viel zu früh gestorben!
Heike
Jeremias (16.03.2009, 01:05):
Ich hatte heute einen Konzertmarathon, zuerst das Kammerorchesterbasel mit dem 17. KlaKo von Mozart und der 5. Sinfonie von Mendelssohn. Solist war Dejan Lazic, es dirigierte D. Stern. Sehr guter Pianist, sehr filigran, es hat ihm Spaß gemacht zuzuhören. Mein größtes Mozart-Erlebnis seit P. Anderszewski vor vielen Jahren.

Heute Abend dann Rafal Blechacz..... hierzu morgen mehr. Soviel vorab: Auf so einen Pianisten hat die Musikwelt mind. 30 Jahre gewartet... musikalisch m.E. höher einzuschätzen als Sokolov!

Morgen mehr dazu....
Heike (16.03.2009, 08:17):
Auf so einen Pianisten hat die Musikwelt mind. 30 Jahre gewartet.
oh, da bin ich aber neugierig auf deinen Bericht!
Heike
Jeremias (16.03.2009, 13:00):
Hier nun mein Bericht:

Blechacz wirkt fast ein wenig unbeholfen, verloren auf der großen Bühne. Er erinnert unglaublich an den jungen Zimerman, ganz ohne Starallüren. Er begrüsst sein Publikum mit einer langen, höflichen Verbeugung. Man hat das Gefühle, als fühlte er sich unwohl, als sei ihm der Trubel um seine Person alles ein wenig zu viel, als wolle er am liebsten alleine für sich musizieren.

Kaum am Klavier angefangen ändert es sich. Blechacz braucht keine großen Gesten, keine Exzentrik, kein Virtuosentum um zu begeistern. Er ist ein Musiker, auf den die Musikwelt seit Zimerman’s Gewinn des Chopin-Wettbewerbs 1975 gewartet hat. Seine Technik ist – natürlich – atemberaubend. Noch mehr gilt dies allerdings für seine unglaublich reife Musikalität. Jeder Ton ist wohl durchdacht und dennoch spontan, der Einsatz des linken Pedals ein Genuss. Sein Programm ist wohl durchdacht und präsentiert ihn nicht nur als Chopin-„Spezialisten“, sondern als Musiker, als Pianist, der sich in jeder Gattung wohlfühlt. So begann er mit Bach, es folgten Mozart und Szymanowski und landete im zweiten Teil dann doch bei Chopin. Dabei wählte er allerdings keine „Schlachtrösser“ sondern fokussierte sich auf solche Stücke, in denen er mit seiner Musikalität glänzen kann. Es erklingen dabei Töne, die selbst einen Sokolov in den Schatten stellen! Verabschiedet hat es sich schließlich mit dem Prelude in e-moll von Chopin. Er ging so wie er gekommen war: Als Musiker!
Rachmaninov (16.03.2009, 13:51):
@Jeremias,

ichweiss das gerade DU das bewerten kannst und ich muss mir nochmal seine Aufnahmen anhören, die ich von ihm habe.
Vor allem die vom Chpoin Wettbewerb mit ihm.

Vielelicht kaufe ich mir auch noch seine erste Aufnahme bei der DG, die wohl gut daran getan hat ihn so verpflichten.
Heike (16.03.2009, 20:23):
Ich werde auch auf jeden Fall mal in seine CDs reinhören bei meinem nächsten Dussmann-Besuch (die sind ja nicht grad preiswert zu haben), danke für den Bericht!
Heike
Jeremias (16.03.2009, 22:23):
Bei Amazon kann man die recht günstig bestellen oder Ebay....
nikolaus (17.03.2009, 23:46):
Gerade zurück vom Klavierabend mit Till Fellner im Kammermusiksaal des Beethovenhauses (übrigens ein wunderschöner, edler kleiner Saal):

Ludwig van Beethoven

Sonate für Klavier f-moll op. 2 Nr. 1

Sonate für Klavier A-Dur op. 2 Nr. 2

- Pause -

Sonate für Klavier C-Dur op. 2 Nr. 3

Sonate für Klavier f-moll op. 57 ("Appassionata")

Ein beeindruckender Abend!
Op. 2/1 noch etwas verhalten, quasi zum Einspielen.
Deutliche Steigerung dann in op. 2/2 und v.a. op. 2/3: sehr lebhaft, kontrastreich und mit dem, wie ich finde, nötigen Witz. Sehr schön gestaltet und pianistisch (soweit ich das beurteilen kann) ganz famos. Und vor allem hatte er sichtlich Spass dabei!
Op. 57 mit Abstrichen (phasenweise fehlte mir da etwas der Spannungsbogen, vielleicht etwas zu gleichförmig) auch sehr beeindruckend, das Finale fantastisch.

Ich kannte Till Fellner bisher nur von seiner Aufnahme des WTK, und da gefällt mir sein wunderschöner Klang einfach sehr gut.
Das bewies er mir auch bei seinem Beethoven. Vor allem in den langsamen Sätzen kommt dieser weiche, runde Ton zur Geltung. Ausserdem finde ich sein Spiel "beredt" und atmend und, wenn nötig, kompromisslos zupackend.
Ich würde gerne noch mehr Beethoven von ihm hören (Waldstein z.B.)...

Nikolaus.
kreisler (18.03.2009, 08:17):
Auf ihn bin ich aufmerksam geworden, als ich im Musikverein das Es-dur Klavierkonzert (Beethoven natürlich :D) mit ihm gehört habe. Hat mir sehr gut gefallen.
Aber er hat leider noch nicht allzu viele CD´s herausgebracht...
Beethoven hat er noch gar nicht aufgenommen, oder?


Vielleicht kaufe ich mir ja seine neue Bach CD.
Und ich suche schon eine ganze Weile nach einer Schubert CD von ihm (mit der frühen a-moll Sonate) aber die ist bei Marktplace furchtbar teuer...

lg kreisler
ab (18.03.2009, 10:44):
Gestern ein nachgerade perfektes Konzert gehört. Das junge Minetti Quartett, erst 2003 gegründet: Maria Ehmer & Anna Knopp, Violinen, Markus Huber, Viola, sowie Leonhard Roczek, Violoncello haben im Frühjahr 2007 den 1. Preis beim Int. Rimbotti Wettbewerb für Streichquartett in Florenz und den Haydn-Preis beim Joseph Haydn Wettbewerb in Wien gewonnen. Sie sind Gewinner des Internationalen Streichquartett-Wettbewerbs "Franz Schubert und die Musik der Moderne" 2006 in Graz sowie des Großen Gradus ad Parnassum Preises 2003. Neben vielen weiteren Auszeichnungen und Sonderpreisen wurden sie schon mehrmals in Förderprogramme aufgenommen (Karajan-Stipendium, Musica Juventutis Wien, Live Music Now, Österreichische Jeunesse). Derzeit konzertieren sie im Rahmen des renommierten Konzertzyklus „Rising Stars“ in den berühmtesten Konzerthäusern der Welt. Nebenbei tingeln sie durch die Provinz, also auch zu uns.

Gespielt haben sie:
Joseph Haydn: Streichquartett G-Dur Hob. III:66
Anton Webern: Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9
Ludwig van Beethoven: Streichquartett A-Dur op. 18/5
Franz Schubert: Streichquartett d-Moll D 810 »Der Tod und das Mädchen«
und als Zugabe gabs noch den Quartettsatz.

Schon nach den ersten Takten ist mir der Mund schier offen geblieben: Eine solche ausgeglichene Tongestaltung habe ich so gut wie fast noch nie erlebt. Da war nichts, was irgendwie aus der gemeinsamen Gestaltung herausgefallen wäre. Die Impulse und Crescendi usw. alle vollkommen zusammen. Das alles nicht wie beim Alban Berg Quartett, die wirkten wie aus einem Guss (als handle es sich nur um ein einziges Instrument), sondern eher so wie alles in einem Klang, der zu viert hergestellt wird, und das mit so perfekten Übergänge bis ins Fortissimo, ohne dass je der Ton irgendwie beeinträchtigt worden oder die Spannung zusammengebrochen wäre.

Gleichzeitig bin ich fast erschrocken über die vollkommen konservative Gestaltung. Das ist kein zeitgenössisches Ensemble, sondern eines, das sich in eine große Musiktradition einreiht: Nicht nur ihr Programm mit erster und zweiter Wiener Schule war urwienerisch, sondern auch ihr Klangkonzept sowie die Linienführung. Es überrascht nicht, dass sie von Prof. Johannes Meissl (Artis Quartett) und den Mitgliedern des Alban Berg Quartetts an der Wiener Musikuniversität betreut wurden. (Wahrlich ein würdiger Nachwuchs! Ich bin nun auf den Vergleich am Sonntag gespannt, wo das ebenfalls wienerische Hugo Wolf Quartett bei uns konzertieren wird.)
Eigentlich bin ich ja kein Freund solcher tendenziell musikalischer Kühle gepaart mit technischer Perfektion und musealer Interpretation Aber bei einer solchen Mischung mit dem warmen Ton und der klaren Durchgestaltung war das mehr für mich mehr als nur eine Würdigung dieser allerhöchsten Qualität.

(Ironischerweise war im Programmheft vom Residenzverlag ein (üblich düsteres) Foto von Nikolaus Harnoncourt abgebildet über dem das Zitat stand: „Museumsmusik interessiert mich nicht“. :W)

Mehr noch als mich ihre Klangfarben- und die dynamische Gestaltung beeindruckt hat, hat mich ihre Agogik erstaunt: Nicht mit kleinen Temposchwankungen haben sie gearbeitet, sonder abrupte Tempoänderungen für ganze längere Abschnitte vorgenommen. Toll!
Sehr überzeugend auch die zweite Geigerin, die in jenen Stellen, wo sie solistisch zum Einsatz kam, dann eben jene Offenheit im Ton erzeugte wie die erste Geige. Sonst erzeugte sie einen etwas bedeckten Klang mit den beiden andren großen Instrumenten, um sich zur Begleitung in den Hintergrund zu spielen.

Der Haydn kam mir klanglich wie eine Mischung vor, wie ich sehr ungern etwa Beethoven oder Mendelssohn höre (reines persönliches Geschmacksurteil). Ihren Webern nahmen sie nicht hochexpressiv, wie ich das sonst immer zu hören bekomme, sondern eher lyrisch-klanglich. Auch hier haben sie also mehr die Tradition zu ersten Wiener Schule hervorgehoben, wie sich wohl die Schönbergschule überhaupt sah. Sehr überzeugend! Den Beethoven rückten sie ganz in das Eck eines angy young man: Beethoven mehr individuell-genialisch denn als Haydnnachfolger. Der Höhepunkt war zweifellos ihr Schubert. Soviel Verzweiflung und vor allem Auflehnung habe ich bei Schuberts Werk noch nie gehört (das aber dargestellt , und nicht durchlebend ausgedrückt). Manche Übergänge habe ich derart noch nie gestaltet gehört. Der dritte Satz, wie üblich bei jungen Quartetten, (leider) sehr gerast, der vierte aber in einem schönen Tempo. Grotesk allerdings dann der Schluss, den sie nach all dem starken Ausdruck dann plötzlich, fast wie ironisch, geradezu stilisiert brav nahmen, so wie ein „... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Ärgerlich allerdings fand ich, wie es nur möglich sein kann, dass ein Ensemble eine solche Achtsamkeit auf die kleinsten klanglichen Feinheiten legen kann, jedoch beim Lesen des Notentextes so etwas Markantes wie ein „:“ schlicht und einfach übersieht. Gerade bei Schuberts Tod und das Mädchen finde ich die erste lange Wiederholung essentiell, weil sonst durch die Kürze die Proportionen so gestört werden, dass man sich nach dem zweiten Satz wünscht, das Quartett wäre zuende, wie bei der Unvollendeten. Nur bei Wiederholung, finde ich, wirkt der Satzende nicht wie endgültig abgeschlossen.

Beeindrucken war jedenfalls ihre Intensität, die derart stark wirkte, dass die durchaus langen Satzpausen, in denen gar keine Spannung herrschte, dennoch nicht als Unterbrechung wirkte und es danach wie ansatzlos wieder weiter ging.

Ebenfalls erfreulich, dass die Österreichische Nationalbank dem Quartett Violinen von Giovanni Battista Guadagnini (1774) und Gaspare Lorenzini (1756) sowie ein Violoncello von Giovanni Tononi (1681) zur Verfügung gestellt hat. Gerade das nasal wirkende Cello hat einen sehr charakteristischen Klang hinzugefügt.

Dieser Namen, davon bin ich überzeugt, wird sich ganz nachhaltig im Konzertbetrieb festigen. Noch ein Tipp: Bei einem Konzertbesuch eher hinteren Reihen bevorzugen: Es geht ihnen um eine Gesamtklanggestaltung, die sich erst in gewisser Entfernung gut hörbar entwickelt.

In der Pause haben sie bereits Exemplare ihrer Debut-CD zur Verfügung gestellt bekommen, obwohl sie erst am 20. April 2009 erscheinen werden wird: Hänssler Classic: Joseph Haydn: op. 64/4 in G-Dur, op. 74/3 in g-moll "Reiter-Quartett" und op. 76/5 in D-Dur. Leider ohne Lärchenquartett, das der Pimarina besonders liegen müsste. (Ich habe nicht zugeschlagen)

http://www.minettiquartett.at/Inhalt/News/98589_minetti_quartett_kopie.jpg
ab (18.03.2009, 10:52):
Original von kreisler

Beethoven hat er noch gar nicht aufgenommen, oder?


Im Radio hörte ich, die Konzerte seien bereits in Canada eingespielt, aber noch nicht veröffentlicht worden: mit Kent Nagano und dem Orchestre Symphonique de Montréal
:hello
ab (18.03.2009, 10:55):
Original von ab
Original von kreisler

Beethoven hat er noch gar nicht aufgenommen, oder?


Im Radio hörte ich, die Konzerte seien bereits in Canada eingespielt, aber noch nicht veröffentlicht worden: mit Kent Nagano und dem Orchestre Symphonique de Montréal.

Er erzählte, dass er mit dem Flügel in Montreal so unglücklich gewesen sei, dass sie ihm einen wunderbaren Steinway aus New Yourk haben einfliegen lassen. Sein persönlicher Techniker habe ihn diesen dann ganz nach seinen Wünschen präpariert.
So gehört's sich!
:hello
Heike (19.03.2009, 08:23):
gestern im Kammermusiksaal der Berliner Philharminie

JULIA FISCHER Violine
MILANA CHERNYAVSKA Klavier

W. A. Mozart: Sonate für Violine und Klavier C-Dur KV 296
Sergeij Prokofieff: Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 f-Moll op. 80 (1938/46)
Ludwig van Beethoven: Sonate für Violine und Klavier G-Dur op. 30 Nr. 3
Bohuslav Martino: Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 H 303 (1944)

Wiedermal ein sehr schönes Kammermusikkonzert!
Ich war überrascht, wie gut mir die Fischer gefallen hat, mit Orchester konnte sie mich bisher nicht so überzeugen. Ihre Geige (1742er Guadagnini) hat einen wunderschönen Klang, ich war ganz hingerissen! Sie spielte virtuos, aber es wirkte nicht technisch, sondern sehr leidenschaftlich und stimmig. Manchmal klang es fast spröde, dann wieder schwebten die leisen Passagen nur so ganz leicht dahin, andererseits spielte sie sehr rasante schnelle Sätze.
Sehr schön auch der Klavierpart, auch wenn nicht ganz so virtuos.

Meine in diesem Abo üblichen Sitznachbarn (die zapplige Schwangere plus Mann) fehlten - wahrscheinlich in der Babypause - statt dessen kam ein superruhiges und nettes Pärchen, also auch in dieser Hinsicht war es ein sehr angenehmer Abend.
Heike
kreisler (19.03.2009, 16:15):
Original von ab
Original von kreisler

Beethoven hat er noch gar nicht aufgenommen, oder?


Im Radio hörte ich, die Konzerte seien bereits in Canada eingespielt, aber noch nicht veröffentlicht worden: mit Kent Nagano und dem Orchestre Symphonique de Montréal
:hello

Ah, danke.
Dann muss ich wohl die Augen (Ohren) offen halten:)
Obwohl ich lieber die Sonaten als die Konzerte höre...
Naja, wie gesagt, live hat mir das Es-dur Konzert mit ihm aber sehr gefallen.


:hello kreisler
ab (20.03.2009, 22:13):
Original von Gamaheh
Original von ab
Original von Gamaheh
Wenn Du Gelegenheit hast, am 18. um 14h30 Radio France Musique zu hören, kannst Du Dir selbst ein Bild machen

Mal sehen, ob ich Zeit zum Hören finde...

Wenn nicht zu der Zeit, dann vielleicht später: France Musique stellt hier alle Konzerte 24 Stunden lang zum Nach- oder Wiederhören bereit. Darüber hinaus s. Radio-Faden ...

Grüße,
Gamaheh

M...t, um 24 Stunden versäumt :A

X( Ärgerlich, dass dies nicht länger zur Verfügung steht.
Gamaheh (20.03.2009, 22:58):
Original von ab
M...t, um 24 Stunden versäumt :A

X( Ärgerlich, dass dies nicht länger zur Verfügung steht.

Stand es - die Franzosen haben doch gestreikt, deshalb gab es kein neues Konzert am Tag danach und somit gab es auch nichts Neues zum Reinstellen.

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Was heißt "M...t" (wenn Du das in diesem wohlerzogenen Forum sagen darfst) - ist das auch Vorarlbergisch oder so?
Gamaheh (22.03.2009, 22:49):
Liebe Forenser,

nachdem ich heute morgen auf Nachfrage folgende Anwort bekommen hatte: „Es spielt Ilya Rashkowsky, und er spielt zauberhaft!“, bin ich kurzentschlossen nach Braunschweig gefahren, um ihn dort im Schimmel-Ausstellungszentrum zu hören.

Ich hatte bereits 2006 im Faden „Junge Pianisten“ auf ihn hingewiesen und wollte ihn seit langem mal im Konzert hören. Er spielte folgendes Programm:

Beethoven, Klaviersonate n.31 in As op.110
Chopin, Ballade n.1
Mozart, “Alla turca” aus KS 11 in A K.331
(Pause)
Beethoven, Albumblatt “Für Elise”
Beethoven, Klaviersonate n.32 in c op.111
als Zugabe: den 3. Satz aus Prokofieffs 7. Klaviersonate

Ausgerechnet die Sonate op.110 (die mir die liebste ist) habe ich verpaßt, weil ich wegen einer blödsinnigen Baumaßnahme geschlagene 1 ½ Stunden auf der Autobahn gestanden habe! Aber auch für den Rest hat es sich gelohnt. Der junge Mann (24) aus Sibirien, der 2000 (?) den Ersten Preis beim Vladimir-Krainev-Wettbewerb in der Ukraine gewann und 2001 den Zweiten beim Long-Thibaud-Wettbewerb (sowie mehrere weitere, u.a. den Publikumspreis), spielte mit Ernst, Tiefe und Leidenschaft (die sich glücklicherweise ausschließlich musikalisch ausdrückte) – ich kann mich gar nicht erinnern, schon mal eine so schöne Interpretation der Sonate op.111 gehört zu haben!

Ein weiterer äußerst vielversprechender Krainev-Schüler!

Beglückte Grüße,
Gamaheh

P.S.: Ich sollte erwähnen, daß es sich um eine Veranstaltung der Reihe "Weltklassik am Klavier" handelte, die einmal im Monat (immer sonntags um 17 Uhr) in kleinerem Rahmen an verschiedenen Orten in Norddeutschland stattfindet (darüber gab es mal einen Artikel in der Piano News).
ab (23.03.2009, 00:34):
Liebe Gamaheh,

Dein Posteingang ist voll, so dass Dich nichts mehr erreichen kann. Bitte leeren!
:hello
ab (23.03.2009, 02:03):
Original von Gamaheh
Original von ab
M...t, um 24 Stunden versäumt :A

X( Ärgerlich, dass dies nicht länger zur Verfügung steht.

Stand es - die Franzosen haben doch gestreikt, deshalb gab es kein neues Konzert am Tag danach und somit gab es auch nichts Neues zum Reinstellen.


wirklich ein interessantes Programm! Schön, dass die beiden Musiker musiziert, und nicht ein bloß virtuoses Feuerwerk abgebrannt haben. Bei der Aufnahme klingt der Klavierpart (an meinen Computer) leider benachteiligt, so dass ich vieles nicht hören konnte und daher das von Dir gelobte Zusammenspiel nicht richtig nachvollziehen kann. Gerade am Anfang hatte ich den Eindruck, dass sie von der Auffassung nicht wirklich ganz zusammen wären. Beim Ravel und Milhaud aber klang das deutlich besser. Soviel mein erster Höreindruck.

Ihrer beiden Brahms-CD hat mich nicht so vom Hocker gehauen, wie man so sagt - vorallem auch, weil mich die zur gleichen Zeit erschienene von Ilia Korol and Natalia Grigorieva mit ihrer Vibratoarmut und völlig lyrischen Auffassung geradezu in den Bann geschlagen hat.

Von Bianconi habe ich leider gar keine Aufnahme :I

:hello Danke für den Hinweis und all die nicht gescheuten Mühen!

P.S. Ganz ohne Dilakt gesprochen wollte ich bloß das "iss" weglassen.
ab (23.03.2009, 09:49):
Gestern war bei uns das Hugo Wolf Quartett mit einem schönen Programm bei uns zu Gast:

Josef Haydn: Streichquartett G-Dur op. 77/1
Leos Janacek: Streichquartett No. 2. " Intime Briefe"
Franz Schubert: Streichquartett in G-Dur D 887

Nach den großartigen Vorerlebnissen dieses Monats mit dem Henschel Quartett und dem Minetti Quartett, von denen ich oben berichtet habe, war dies nun eine ganz herbe Enttäuschung. Schon der Haydn ermüdete nach nur wenigen Tönen durch die völlig eindimensionale Tongestaltung und den spitzen Klang der ersten Violine. Der Finalsatz war unglaublich gerast, ohne dass sich ein Klang entwickeln konnte. Dabei kann man nicht sagen, dass das Quartett schlecht war. Anders als in ihrer vormaligen Besetzung mit ausladendem Vibratoklang ist nun der Klang durch den Primarius entgegengesetzt schlank gehalten, was mir persönlich deutlich mehr zusagt, prinzipiell gesprochen. Auch finde ich es interessant, wenn es ein Ensemble schafft, die Klangfarben einzig ihrer Instrumente erklingen zu lassen. Das bekommt eine ganz eigene Qualität, bei der ich gerne über die fehlende Dimension der interpretatorischen Klangfarbengestaltung hinwegsehe. Auch war das Quartett recht intonationssicher. Und auch die Stimmverteilung zwischen den vier Instrumenten zeigte ein hohes musikalisches Verständnis.

Dennoch ist es erstaunlich, welche Ungenauigkeiten und Unübereinstimmungen durchwegs ständig geherrscht haben, sozusagen Schludrigkeiten, die ja mitunter auch sehr sympathisch wirken können (ich denke etwa an das Lindsay String Quartet). Nicht so bei den Hugo Wolfs, und das deswegen, weil eine gesamteinheitliche gemeinsame Auffassung nicht gegeben war. Irgendwie haben der Primarius und seine Kollegen aneinander vorbeigespielt. Der Cellist konnte, gerade im cellobetonten Schubert, noch so viele musikalische Angebote machen, der Geiger hat stur seine stahlharten Linien durchgezogen, ohne auch nur einmal darauf einzugehen.

Für mich am störendsten war das vollständige Fehlen der Dimension räumlicher Klanggestaltung: Dadurch wirkte die extreme Dynamik, von der der Schubert geprägt ist, wie ziellos aneinandergereiht. Irgendwie war einfach kein Zusammenhang zwischen Auf- und Abschwellen der Lautstärke zu erfassen. So war die Musik einzig auf (Hoch-)Dramatik ausgerichtet; und so fehlte auch der Erfolg beim Publikum natürlich nicht. Für mich wars aber kaum zu ertragen. (Man muss aber auch der Gerechtigkeit halber sagen, dass schon die aller berühmtesten Quartette an diesem Quartett gescheitert sind!)

Als Zugabe gaben sie dann auch noch eine Bearbeitung eines als „Valses nobles et sentimentales“ angekündigten Werks von Schubert. (Ich wusste gar nicht, dass er eine solche Komposition verfasst hatte; und habe nun von Valses nobles Op. 77 und Valses sentimentales, Op. 50 gelesen, zwischen 1823-1825 komponiert.) Hier gabs einen Erguss in zuckersüßer Wiener Klanglichkeit; wie eine Watsche nach dem so stählernen letzten Streichquartett. Es ist mir schleierhaft, wie man solche Miniaturen auf einmal so kitschig spielen kann, anyway.

Einziger Lichtblick im überspitzten, ohrendurchbohrenden Sound waren die „Intimen Briefe“. Hier war nämlich die erste Geige in einen sinfonischen Gesamtklang zurückgenommen und der Zusammenhalt ging von den Impulsen der Viola aus. Überhaupt war die erste Geige durch diese Auffassung viel weniger spitz. Das Quartett erzeugte ein verinnerlichtes Brodeln, indem sie das lyrische Element betonte. Das ist selten zu hören, gewöhnlich wird ja Janacek hochexpressiv zum Besten gegeben. Mit sparsamem Vibrato haben sie die feinen Stimmungsschwankungen, die gewöhnlich im Dauervibrato weggeschwemmt werde, durchsichtig zum Klingen gebracht.

Diese Quartett zählt ganz sicher nicht zu den hervorragenden unserer Tage. Es ist mir schleierhaft, wieso sie immer wieder zur Schubertiade und nun auch zur Kremerata nach Lockenhausen eingeladen werden. Ein abermaliger Wechsel der ersten Geige täte gut!
Gamaheh (23.03.2009, 15:23):
Original von ab
Gerade am Anfang hatte ich den Eindruck, dass sie von der Auffassung nicht wirklich ganz zusammen wären.

Daß ich das anders gehört habe, hatte ich ja schon geschrieben (und daß das meiner Meinung nach das Stück war - der Stravinsky - was ich aber besonders interessant fand.)

P.S. Ganz ohne Dilakt gesprochen wollte ich bloß das "iss" weglassen.

Das war mir in dem Moment klar, als ich nachgefragt hatte ... Auf manche Fragen gibt es auch ganz einfache Antworten.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (23.03.2009, 15:34):
Original von ab
Für mich am störendsten war das vollständige Fehlen der Dimension räumlicher Klanggestaltung:

Lieber ab,

leider verstehe ich Dich nicht immer: Was meinst Du mit "räumlicher Klanggestaltung" - wie geht das (außer dadurch, daß sie an getrennten Plätzen sitzen und nicht durchweg gleichzeitig spielen)?

Als Zugabe gaben sie dann auch noch eine Bearbeitung eines als „Valses nobles et sentimentales“ angekündigten Werks von Schubert. (Ich wusste gar nicht, dass er eine solche Komposition verfasst hatte

Das sind die, nach denen Ravel die seinen geschrieben hat. Ich kenne sie leider auch nur auszugsweise, aber das erinnert mich daran, daß ich mir eigentlich mal eine Aufnahme zulegen wollte. Ich glaube, es sind nicht - wie bei Ravel - "nobles et sentimentales", sondern - wenn ich mich nicht irre - einerseits "Valses nobles" und andererseits "Valses sentimentales".

Grüße,
Gamaheh
Heike (25.03.2009, 22:50):
Berlin, Kammermusiksaaal, 25.3.2009
Ictus Ensemble
Steve Reich - Drumming
für acht kleine Trommeln, drei Marimbas, drei Glockenspiele, Stimmen, Pfeifen und Piccoloflöte (1971)
Gesamtaufführung

Steve Reich war da, der Saal war fast voll, der live-Eindruck war echt krass.

Zunächst erklangen die Trommeln (wobei man sich das so vorstellen muss, dass eine zunächst ganz einfache Struktur (ein Trommler, ein Schlag/ Takt) sich minimalistisch ganz langsam immer mehr ausdifferenziert; nach und nach kommen auch weitere Trommler (auf leisen Sohlen bzw. auf Strümpfen) hinzu. Dann dasselbe Spiel mit den Marimbas und Stimmen (die ich überflüssig fand); schließlich Glockenspiel, Pfeifer und Piccolo. Und im Finale alle zusammen.
Das war schon wirklich Kult. Diese Minimalisten haben schon was, wie ich finde.
Heike

P.s. ich muss mir mal wieder "Music For 18 Musicians" von Reich anhören, das war früher mal mein minimalistisches Mantra
ab (26.03.2009, 15:09):
Gestern, 25.3.09, war wieder einmal Christian Altenburger mit Kammermusik im Konzert zu hören. Immerhin auch bei Dorothy DeLay an der Juilliard School New York studiert, hat er doch nie deren typischen Ton angenommen. Ich habe seinen Ton stets als wenig flexibel empfunden. Neben seiner solistischen Tätigkeit, die er als primär ansieht, pflegt er aber auch Kammermusik. (Demnächst werden von ihm etwa die Violinsonaten von Herzogenberg bei cpo erscheinen.) Er leitet zwei kleine Festivals, zum einen den SCHWÄBISCHEN FRÜHLING in der Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen und zum anderen die LOISIARTE in niederösterreichischen Langenlois, also im Zentrum einer wunderbaren Weingegend in folgendem modernen Gebäude sowie grandiosen Weinkellern in der Umgebung, die, wenn ich mich richtig entsinne, bis ins 8. Jhdt. (besichtbar!) zurückreichen. Dort vereinigt er Musik mit Literaturlesungen.

Mit seinem Ensemble der Loisiarte wiederholte er so eine Programmabend seines Festivals auch als Gast bei uns:

Werner Pirchner: Shalom PWV 30b Zwio-Version für Violine und Violoncello
Isaac Bashevis Singer: “Verkleidet” (Kurzgeschichte)
Werner Pirchner: “Aus dem Konzert für zwei Solo-Violinen ohne Orchester” PWV 33
Antonín DvoYák: Klavierquintett A-Dur op.81

Er hatte folgenden Musiker ums sich versammelt: Sabine Nova, Violine, die Konzertmeisterin beim RSO Wien ist, Christoph Schiller, Viola, der im Quatuor Schumann in Genf spielt, Reinhard Latzko, Violoncello, Cello-Prof. in Wien, Silke Avenhaus, Klavier, wohl hier jedem zumindest vom Namen nach bekannt. Rezitatiert hat Dorothee Hartinger, die immerhin 2002 den Deutschen Kritikerpreis für Theater bekam und Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater ist.

Gerade im DvoYák zeigte sich wieder einmal, wie problematisch Kammerkonzerte mit Solisten sind: Nur der Bratschist konnte die vielfältigen Impulse kammermusikalisch aufnehmen, die von Avenhaus ausging, die einzig das Ensemble zusammenhielt. Quirlig, voller Spielfreude mit enormer dynamischer Gestaltung, stellte sie die Klangfärbigkeit ihrer Streicher ganz in den Schatten. Die anderen Streicherkollegen agierten eher lustlos, jedenfalls wie Solisten. Von Altenburger ist in einem Interview, das auf seiner Webseite steht, zu lesen, dass er durch die Kammermusik viel für seine solistische Tätigkeit lerne: Die Kammermusik schärfe die Sensibilität für Musik als Geben und Nehmen, als Aufeinander-Zugehen.
„Tönerne Worte aus hohlem Raum“, kommt mir da in den Sinn, leider...

Schön war es, wieder einmal die Musik von Werner Pirchner zu hören. Solche Ausdrücke wie Zwio (für Duo) oder solche Titel wie "Streichquartett für Bläserquintett" sind ja schon allein herzerfreuend. Insbesondere ist es interessant, wie anders doch diese Musik von Leuten gespielt werden, die nicht wie Pirchner aus Tirol stammen. Die typische Schalkhaftigkeit seiner Musik (in der immer an das Heinesche „Doch keiner fühlt die Schmerzen, / Im Lied das tiefe Leid“ mitschwingt) kam gar nicht zu tragen. Mit weiten Bögen und ernstem Ausdruck gewannen sie den Werken eine Traurigkeit ab, die mich an die morbide Stimmung österreichischer Liedermache wie etwas Wolfgang Ambros zu Ende der 70er erinnerte. Die Musik wurde so mehr in die Nähe baltischer Komponisten der Neuen Innerlichkeit gerückt, wie etwa Pärt.

Der Tiefpunkt des Abends war aber die Lesung. Konnte ich schon allein inhaltlich der Kurzgeschichte von Singer nichts abgewinnen, war die Präsentation geradezu eine Frechheit: Undeutlich prononciert, rastlos eilig ohne Stimmungswechsel fehlte ihr jeglicher musikalische Sinn für Rhythmus, Pausen oder Farben. Pfui! Auch fehlte ihr wohl ein Verständnis für jüdischen Humor, zumindest aber für pointiertes Sprechen.

Konzerte mit zusammengewürfelten Ensembles haben aber den Vorteil, dass man eh mit geringe(re)n Erwartungen hingeht. So war es ein ausgesprochen durchschnittliches Konzert, über das ich froh war, mich wenigstens nicht gelangweilt zu haben. Bis auf die Lesung habe ich konzentriert der Musik lauschen können, ohne mich über die Interpretation ärgern zu müssen. Vor allem aber habe ich mich sehr über Avenhaus’ Spiel gefreut! (Irgendwie dennoch fast erfreulicher als das Hugo Wolf Quartett-Konzert jüngst, von dem ich oben berichtet habe.)
ab (26.03.2009, 16:39):
Original von Gamaheh
Original von ab
Für mich am störendsten war das vollständige Fehlen der Dimension räumlicher Klanggestaltung:

Lieber ab,

leider verstehe ich Dich nicht immer: Was meinst Du mit "räumlicher Klanggestaltung" - wie geht das (außer dadurch, daß sie an getrennten Plätzen sitzen und nicht durchweg gleichzeitig spielen)?

Grüße,
Gamaheh

Nein, ich meine hier solches wie man etwas bei Bruckner - einem gewissen, anti-dramatischen Interpetationtypus entsprechend - vom "Kathedralen-Klang" spricht. Gemeint ist u.a., dass die Musiker sich dessen bewusst sind, dass sich ihre Intrumentenklänge im Raum zusammenfinden und man diesem gemeinsamen Klang Achtsamkeit entgegenbringt. (Das hat vermutlicht auch viel zu tun mit Achtsamkeit gegenüber Obertönen.) So wie eine Linie unterbrochen werden kann oder eine Phrase die Spannung verlieren kann, so kann auch die Klangräumlichkeit einbrechen.



Klarer?

:hello
Heike (28.03.2009, 07:55):
Freitag, 27. März 2009 20.00 Uhr Philharmonie Berlin, Großer Saal
Ton Koopman, DSO und Solisten des DSO
Martin Kögel, Kornelia Brandkamp, Jörg Petersen, Bernhard Hartog, Mischa Meyer

Georg Friedrich Händel
»Feuerwerksmusik«
Joseph Haydn
Sinfonia Concertante B-Dur
Notturno für Flöte und Oboe G-Dur
Symphonie Nr. 97 C-Dur

Ton Koopman (den ich für seine Bach-Kantaten mag) und das DSO-Orchester (derzeit wegen Metzmacher in den Schlagzeilen) - das versprach ein interessanter Abend zu werden!

Da war wieder mal zu hören, was für ein gutes Orchester das DSO doch ist! Koopman, von dessen übersprudelnder freudiger Energie ich absolut begeistert war, zauberte mit Händel und Haydns Spätwerken ein musikalisches Feuerwerk auf die Bühne, das richtig gute Laune machte und ansteckte. Den Musikern merkte man von dem aktuellen Stress absolut nichts an, sie überzeugten mit sauberem und perfektem Zusammenspiel, vor allem die hier so wichtigen Bläser waren ganz ganz klasse.

Ganz detailreich, natürlich nicht HIP aber trotzdem ganz subtil und differenziert. Das hat richtig Spaß gemacht. Im Gegensatz zu den Philharmonikern (die natürlich vor allem in den Streichern voller klingen, aber v.a. unter Rattle manchmal etwas tröge auf mich wirken) habe ich mich hier keine Minute gelangweilt. Der Koopman ist wirklich ein Original und anscheinend war das ansteckend :-)
Der Mitschnitt ist am 10. Mai um 20.04 im rbb-Kulturradio zu hören.

Heike
ab (07.04.2009, 16:49):
Beim Osterfestival Tirol waren bei uns (5.4.2009) sechs zehnbuddhistische Mönche mit Shomyo-Gesängen zu erleben. Auf der Webseite war zu lesen:

Die einmalige Gelegenheit, einen Einblick in die uralten japanischen, buddhistischen Ritualgesänge zu erhalten. Von den Mönchen wird Shomyo weniger als Musik, sondern als rituelle Praxis angesehen, sie dient als Meditation und Konzentration, um auch weltlichen Nutzen zu bringen. Da dieser auch im Zuhören erlangbar ist - einer Teilnahme des 'Achten Pfades' von außen - , können Wohltaten (Genze Riyaku) auch für die Besucher erwirkt werden. Es geht also um Gebete auch für den ganz 'diesseitigen Nutzen', z.B. um geschäftlichen Vorteil und Gesundheit.

Shomyo ist neben dem Gagaku, der Musik des japanischen Kaiserhofs, das wichtigste Element der traditionellen, japanischen Musik. Zeitgenössische Komponisten aus aller Welt haben sich von dieser vokalen Form inspirieren lassen, u.a. Stockhausen. Da Shomyo in vergangenen Jahrhunderten teilweise als Geheimwissenschaft eingestuft wurde, waren diese Traditionen von der Umwelt abgeschirmt und verbanden sich nur selten mit den anderen Musikentwicklungen Japans. Shichiseikai ist eine der weltweit anerkanntesten Gruppen buddhistischer Mönche, die sich der alten Tradition verschrieben haben. Gemeinsam mit Musikwissenschaftlern versuchen sie, die Zeremonien, Rituale und gesungenen Sutras des Chionin Tempels lebendig zu erhalten.


Der Abend war höchst interessant: Bis ins 7. Jahrhundert führen die Wurzeln der Shomyo-Tradition zurück, welche die Grundlage der gesamten traditionellen Musikkultur Japans bildet. Sie ging aus Hymnen in langgezogenen Einzeltönen und kurzen melodischen Motiven hervor. Ähnlich wie beim Gregorianischen Choral gibt es die Abwechslung von einem Solisten und Chor. Selbst die Notation, die sie viel später entwickelt hat, soll Ähnlichkeiten zu abendländischen Neumen-Notation aufweisen.

Wie klingt das?
Alltäglich ausgedrückt: Auf europäische Ohren wirkte ein langer Abschnitt des ersten Teils so, als würden die Mönche ein Auto-Rennen in der Geschwindigkeit von ca. 40 km/h nachsingen, wobei sie ständig die Gänge rauf- und runterschalten.
Etwas fachlicher formuliert: Der Gesang war charakterisiert durch minimale Differenzen zwischen den einzelnen Stimmen mit gelegentlich leicht versetztem Einsatz. Durch solche Überlagerungen entstand ein Schwebeton, der sich mit unnachgiebiger Intensität in die Ohren bohrte. Die Musik schien dadurch nicht räumlich von der Bühne zu kommen, sondern allumfassend direkt im Kopf zu entstehen.
Die Musik schien mir überwiegend geprägt zu sein von absteigenden Tonfolgen (etwa?) des Sekund-Abstands.

Die Mönche schienen alle Energie von Herz und Körper abzuziehen, wie als wollten sie ganz das Gehör der Zuhörenden reinigen. Mich hat diese vollkommene Konzentration rein auf den Kopfbereich sehr fasziniert - eine Form der Bewusstseinsmeditation. Sprich: Nicht um das Bewusstsein auszuschalten, sondern ganz einen Genuss durch den Akt der Konzentration zu gewinnen: ein Art Gehirnmasturbation. Ich empfinde solches eigentlich als anti-spirituell. Energetisch war es sehr stark! Dieser fremde vergeistigte Zugang ließ eigentümlich unberührt, um einen zugleich besonders intensiv auf den einzelnen Moment zurückzuwerfen. Während der erste Teil von nicht einmal einer halben Stunde Länge mir viel zu kurz wirkte, ist mir im zweiten Teil tatsächlich das Gefühl für Dauer verloren gegangen.

Das Shichiseikai Ensemble aus sechs zenbuddhistischen Mönchen aus Kyoto sang energetisch äußerst homogen. Es fügte dem Gesang im ersten Teil zudem auffallend dissonant und rhythmisch vertrackt asynchron wirkende Klänge der traditionellen Sho (Mundorgel), Hichiriki & Bansuri (Holzflöten) und Ryuuteki (Begleitflöte) hinzu. Das Instrumentarium stammt aus der Zeit des Gagaku, die seit dem 7. bis 9. Jahrhundert (Heian-Zeit) am japanischen Kaiserhof gespielt wurde, und ursprünglich aus China stammt.
Bei Wikipädia ist zum Gagku zu lesen:
Die Dissonanzen, die dem westlichen Musikhörer besonders deutlich auffallen, der ab und zu kaum erkennbare Zusammenhalt zwischen Rhythmus und Melodie, der absolute Formalismus auch des kleinsten Tones, all das ist das Werk von Generationen von Berufsmusikern, die seit der Nara-Zeit versuchten, die musikalische Quintessenz des Gagaku in eine immer mehr verfeinerte Form zu bringen.

Interessant war auch, dass einzelne Stimmen gelegentlich minimal wie hervortraten, so als würden sie abwechselnd die "Melodiestimme" singen. Ich habe keine Ahnung, ob so etwas zufällig oder instinktiv passiert oder aber ob dies streng konzeptmäßig vonstatten geht. Ich vermute letzteres, weil in der japanischen Musiktradition der Improvisation überhaupt kein Platz eingeräumt ist.

Ursprünglich wurde die Shomyo-Gesänge nicht als Musik, sondern als Ritus angesehen, in dem es um den Inhalt des Textes geht; keine Ahnung, ob dies heute immer noch so gesehen wird. Außerdem konnte ich bislang nicht herausfinden, ob es „der“, „die“ oder „das“ Shomyo heißt.

So pervertiert es wirkt mag, dass derartige spirituelle Parktiken bei uns voyoristisch in Konzertform vors Angesicht gebracht werden, so interessant ist es, diese fremden Kulturleistungen sozusagen rein ästehtisch erleben zu können. Jedenfalls war dieser Abend für mich eine spannende Erfahrung! Wie gerne würde ich einmal ein traditionelles Gammelan-Orchester erleben oder eine traditionelle Chinesische Oper...
Heike (07.04.2009, 21:06):
Hallo
Wie gerne würde ich einmal ein traditionelles Gammelan-Orchester erleben oder eine traditionelle Chinesische Oper...
Das Vergnügen mit Gamelan-Musik hatte ich auf Bali, dort haben wir vor Jahren mehrere solcher Aufführungen gesehen, auch fernab der Touristenorte. Es war wirklich ganz faszinierend, sehr fremd, aber auch sehr intensiv und spannend!

Danke für deinen Bericht, fand ich sehr interessant beschrieben!
Heike
ab (10.04.2009, 10:08):
Original von ab
Beim Osterfestival Tirol waren bei uns (5.4.2009) sechs zehnbuddhistische Mönche mit Shomyo-Gesängen zu erleben.

ein ganz knapper Ausschnitt, wie das klingt, ist hier zu hören.
Heike (11.04.2009, 08:45):
FR 10.04.09 | Konzerthaus Berlin
Johann Sebastian Bach Matthäus-Passion BWV 244

Orchestra of the Age of Enlightenment
Mark Padmore Leitung und Evangelist
Amy Freston Sopran
Laura Mitchell Sopran
Christiane Stotijn Mezzosopran
Iris Julien Alt
Robert Murray Tenor
Charles Gibbs Bass
Roderick Williams Bass (Christus)

Eine ungewöhnliche Aufführung! Kein Chor (2 x 4 Solisten), kein Dirigent, 2 kleine konsequente HIP-Orchester. Aber gut!
Wirklich, wirklich überrascht war ich, wie grandios die 8 Solisten zusammensangen und wie eindrucksvoll sie die Passagen aufteilten. Ich habe den Chor absolut nicht vermisst. Das war eine sehr erwachsene Aufführung. Großartig der Evangelist und auch Jesus konnte stimmlich sehr überzeugen, die anderen gut, nicht herausragend, aber ohne jeden Ärger. In den Arien stellten sich die Solisten mittig ins Orchester oder zum begleitenden solistischen Instrument, wobei der Musiker auch oft aufstand. Beeindruckend, wie man die Chorpassagen mit nur 8 Sängern darbieten kann. Sehr anders, aber nicht weniger berührend.

Das bzw. die Orchester überzeugten durch gekonntes Zusammenspiel und sehr ausdrucksstarke Solopassagen - ohne Pomp und Wucht, sondern sehr intim. Wie die das nur per Blickverständigung gemacht haben ist mir ein Rätsel (der leitende Evangelist stand mit dem Rücken zu ihnen). Manchmal hat mir ein wenig Tempo gefehlt, aber insgesamt fand ich das Experiment äußerst gelungen. Faszinierend, wenn die Solisten ein HIP-Instrument in den solistischen Passagen allein klingen ließen - in dem großen Saal. Bei den Streichern eine Offenbarung und die Oboe war dabei eine Klasse für sich.

Interessant der Abgang: Alle Beteiligten verließen gemeinsam nach dem Schlussapplaus die Bühne, kamen (mehrmals) alle zusammen wieder rein und stellten sich wie am Faden nebeneinander auf, Solisten und Musiker wild gemischt. Keine Gelegenheit gab es, einzelne Protagonisten mit Extra-Applaus zu bedenken. Das war wohl Philosophie, jeder ist Solist und keiner soll sich herausstellen. Gewöhnungsbedürftig, aber duirchaus auch sympathisch und stimmig nach dieser Aufführung.

Heike
cellodil (14.04.2009, 23:38):
War heute beim Cello-Festival in Rutesheim. Dort gibt es seit gestern Meisterkurse mit Jens Peter Maintz, Wolfgang Emanuel Schmidt, László Fenyö und Claudio Bohórquez.

Heute abend stand ein Cello Duello mit den beiden Dozenten Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt auf dem Programm. Duelliert wurde vom Barock bis zur Neuzeit:

- Joseph Haydn, Duett für zwei Violoncelli G-Dur Hob. XII: 1
- Jan Müller-Wieland (*1966), Sonate für zwei Violoncelli (1994)
- Jean Barrière, Sonate in G-Dur für zwei Violoncelli
- Jacques Offenbach, Duo in E-Dur für zwei Violoncelli
- Niccólo Paganini, Mosesfantasie (Arr. Cello Duello)

Wiewohl die Stadthalle Rutesheim sicherlich kein sonderlich stimmungsvoller Ort für ein Konzert ist, war das doch ein wunderbarer, beglückender Abend. Viel, viel Spielfreude und ein überaus lustvolles, facettenreiches und ausdrucksvolles Zusammenspiel. Durchweg sehr souverän und bisweilen auch ein bisschen schelmisch. Als mein Blick auf das Cover der Offenbach-Noten fiel und dort ein Bild von Max und Moritz entdeckte, dachte ich mir, dass sich Maintz und Schmidt wohl auch mit einigem Recht nach Buschs Vorbildern hätten benennen können.

Kein Lausbuben-, sondern eher ein Geniestreich war indes die Hummelflug-Zugabe, die die beiden Herren auf einem Cello darbrachten (Maintz am Bogen, Schmidt am Griffbrett).

Das Cello-Festival geht noch bis zum kommenden Samstag. Infos gibt es hier.

Liebe Grüße

Sabine
cellodil (18.04.2009, 12:16):
Gestern war das zweite Dozenten-Konzert der Rutesheimer Cello-Akademie mit László Fenyö, Claudio Bohórquez und Wolfgang Emanuel Schmidt und den Budapest Strings. Das Programm war ziemlich umfangreich. Der erste Teil bestand aus zwei längeren Werken, im zweiten Teil gab es vorwiegend kürzere Stücke mit wechselnden Interpreten.

Zuerst war Fenyö dran mit dem Haydn C-Dur-Konzert, dann gab Bohorquez Tchaikovskys Rokoko-Variationen. Im zweiten Teil, nach der Pause, gab es wieder Tchaikovsky (drei kurze Stücke, unter anderem das zum Dahinschmelzen schöne "Andante cantabile"), dazu je zwei Mal Elgar und Popper.

Atemberaubend war Fenyös Interpretation von Poppers "Elfentanz": höchst virtuos, erstaunlich leichtfüßig, ausdrucksstark und spielfreudig.

Der zweite Höhepunkt des Abends war das Doppelkonzert G-Moll RV 531 von Antonio Vivaldi, das Fenyö und Bohórquez nicht nur musikalisch, sondern im doppelten Wortsinne spielerisch zu Gehör gebracht haben.

Mit kürzeren Durchhängern (einen Tchaikovsky hat Bohórquez gnadenlos niedervibriert) ein wirklich schöner Abend. Und zwei junge, mehrfach preisgekrönte Cellisten, die ich gerne öfter hören würde.

Liebe Grüße

Sabine
Heike (20.04.2009, 23:12):
Das letzte Wochenende habe ich in Bukarest verbracht - und anlässlich des (orthodoxen) Osterfestes dort gab es auch einige schöne musikalische Erlebnisse!

Das erste Konzert fand in einem der schönsten Konzertsäle, die ich je gesehen habe, statt: im Atheneum Romanum. Der kuppelgedeckte Rundbau ist im Konzertsaal rundum von einem riesigen Fresko umgeben, das Szenen aus der rumänischen Geschichte zeigt. Der Raum hat eine zauberhafte Athmosphäre und zudem eine glänzende Akustik. Die klassizistische Eingangshalle ist von 12 riesigen Säulen getragen, das ganze Haus ist reich verziert mit Ornamenten, Symbolen und Porträts. Wunderschön.



An der Kasse gab es zwar keine Karten mehr, aber das Hauspersonal ist auf Nachfrage Touristen gern behilflich, wenn man unbedingt noch in ein Konzert will :-) So saßen wir auf sehr schönen und trotzdem preiswerten Plätzen, nur 5 m von der Königsfamilie (der König Michael I. kam nach dem Ceaucescu -Sturz zurück aus dem Schweizer Exil nach Bukarest) entfernt, die diesem Konzert auch zuhörten.

Das Programm:
Filharmonica "George Enescu", Dirigent Evan Christ
Piano Viniciu Moroianu
Haydn: Sinfonie Nr. 44 "Trauer"
Mozart: Klavierkonzert KV 537 "Krönungskonzert"
Mussorgski/ Ravel: Bilder einer Ausstellung (Orchester)

Großartig, ich war ganz begeistert, zuerst die (sicher anlässlich des Karfreitags gespielte) Trauersinfonie, die so ganz und gar nicht traurig wirkt; dann das Mozart-Konzert (wo ich ganz aufmerksam zugehört habe) - sehr schlicht, hat mir gut gefallen. Und dann die phänomealen Bilder zum Schluss, man kam sich in diesem Rundbau vor, als ob man mitten drin saß.

Hier ein kleiner Blick auf die Bühne (per Klick vergrößerbar):
Oben drüber müsst ihr euch die große Kuppel vorstellen, mit bunten Fenstern, Reliefs und Gemälden.
http://s10.directupload.net/images/090420/temp/oc4johuq.jpg

Am Ostersonntag gab es dann noch ein (kostenloses) Großevent vor dem Parlament: Classic open Air mit Montserrat Caballé und Albano Carrisi sowie großem Orchester und weiteren Solisten. Das war natürlich was ganz anderes, aber auch ein sehr stimmungsvolles Programm, was uns richtig Spaß gemacht hat! Wie diese über 70jährige Diva das fast 3stündige Event professionell absolvierte, dabei ganz offensichtlich eine riesige Menge Spaß hatte und mit dem Entertainer Al Bano dann zu guter Letzt die ollen Kamellen (Felicità, Libertà..) im Duett sang, das war beeindruckend.

Auch hier einkleiner optischer Eindruck (per Klick vergrößerbar):
http://s1b.directupload.net/images/090420/temp/imkzzeg9.jpg

Hach, das war mal wieder ein inspirierendes Wochenende (übrigens bei schönstem Frühlingswetter)!
Heike
nikolaus (21.04.2009, 00:04):
Komme gerade zurück von einem sehr schönen Abend mit Gautier Capucon und Gabriela Montero.

Die Deutsche Welle präsentierte die beiden im Rahmen einer Konzertreihe im Bonner Arithmeum (Museum für mechanische Rechenmaschinen; ein sehr schöner, gläserner Bau nahe der Innenstadt und mit einer erstaunlich guten Akkustik).

Programm:

Sergej Prokofjew: Sonate für Violincello und Klavier C-Dur op. 119

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sonate für Violincello und Klavier Nr. 2 D- Dur op. 58

- Pause -

Sergej Rachmaninow: Sonate für Violincello und Klavier g-moll op. 19

Zugaben:
Rachmaninow: Nr. 14 (Vocalise) aus Lieder op. 34 Nr. 1-14 (Auszug)
(bearb. von Gautier Capuçon und Gabriela Montero)
Variation Nr. 18 aus Rhapsodie über ein Thema von
Paganini op. 43 (bearb. von Gautier Capuçon und
Gabriela Montero)

Hat Spaß gemacht:
Intensives, klangschönes Musizieren, gut aufeinander abgestimmt
gute Akkustik
schöner, zwangloser Rahmen

Nikolaus.
cellodil (21.04.2009, 23:06):
Lieber Nikolaus,

das klingt nach einem schönen Abend. Das Programm hätte ich auch gerne gehört - vor allem die Prokofjew-Sonate, die ich noch nie im Konzert hören durfte...

Liebe Grüße

Sabine
nikolaus (25.04.2009, 08:53):
Gestern im Konzerthaus Dortmund:

Leif Ove Andsnes

J.S.Bach: Toccata Nr. 3 e-moll BWV 914

L.v.Beethoven: Sonate für Klavier Nr. 13 Es-Dur op. 27 Nr. 1
Sonate für Klavier Nr. 14 cis-moll op. 27 Nr.2
"Mondschein"
R.Schumann: Kinderszenen op. 15

F.Chopin: Walzer Nr. 13 Des-Dur op. 70 Nr. 3
Walzer Nr. 5 As-Dur op. 42 "Grande valse"
Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47

Zugaben: C.Debussy: ?
Ondine

Mir hat es sehr gut gefallen.
Andsnes spielte mit enorm weichen Anschlag, so habe ich das noch nicht gehört. Das war purer Schönklang.
Manchen wird so etwas langweilen, ich habe es genossen.
Sicher, bei ihm fehlt vielleicht etwas Feuer und Spontaneität, aber wer so wunderschön die Töne nachklingen lässt...


Nikolaus.
Heike (26.04.2009, 19:12):
SA 25.04.09 | Konzerthaus Berlin | Großer Saal
Konzerthausorchester Berlin
Aleksandar Markovic

György Ligeti "Concert românesc"
Joseph Haydn Sinfonie Nr. 84 Es-Dur Hob I:84
Hector Berlioz "Symphonie fantastique" op. 14

Das Ligeti-Stück war witzig, so eine Mischung zwischen angedachten Zigeunerfolklore und Impressionen eines Orchesters, was grad zusammenspielen übt. Ich fand es sehr interessant und aufmunternd so als Einstieg.

Die Haydn-Sinfonie, einer der "Pariser Sinfonien", dann eher entspannend, ein einziges Thema immer ganz reizend variiert, feingliedrig und dynamisch. Es überrascht mich immer wieder, wie schnell so eine Haydn- Sinfonie zu Ende ist (23 min)!

Tja, dann Berlioz. Live ist das schon sehr sehr beeindruckend, dieses riesige Aufgebot an Musikern, diese extrem expressive Dramatik. Das reißt einen wirklich mit. Vor allem die letzten beiden Sätze haben gepackt, wie dieses irrlichternde Suchen am Schluss dann immer mehr Raum fordert, da sitzt man angespannt da und fiebert mit. Z.B. so eine große Glocke aus dem Off, das hat was. Auf CD hat mich diese Sinfonie bisher nicht so vom Hocker gerissen, aber live fand ich es richtig gut.

Das Orchester habe ich im Zusammenspiel schon mal besser (präziser) gehört, aber alles in allem war es ein gelungener Abend.
Heike
kreisler (26.04.2009, 23:54):
So, da bin ich endlich mal wieder im Konzert gewesen :)

SA 26.4.09; Philharmonie im Gasteig

Mozart: Violinkonzert Nr. 5
Bruckner: Symphonie Nr. 3 (in der Urfassung!)
Cristian Thielemann/Gil Shaham
Münchner Philharmoniker


Also solche Vormittagskonzerte haben doch auch was für sich...
...besonders wenn sie gleich so beginnen:

Der Mozart hat mich gleich schon mal positiv überrascht. Besser gesagt: Gil Shaham - zuvor mir nur vom Namen her bekannt - hat mich positiv überrascht! So freudiges Musizieren habe ich selten gesehen! Und wie toll das zu dem Mozart gepasst hat!
Besonders bemerkenswert war aber auch, dass sein wunderschönes Spiel gleichzeitig auch sehr "intellektuell" und überlegt wirkte, und so passte auch die Bach-Zugabe (eine Gavotte?) sehr gut.
Das Orchester hat sich deutlich bemüht und wurde auch immer wieder von Shaham´s Spielfreude (die übrigens keineswegs nur virtuos anmutete) angesteckt.
Thielemann wirkte bei all dem beinah etwas fehl am Platz :D - allerdings hätte ich ohne ihn ganz vergessen, dass ja noch Bruckner kommen sollte.

Der "kam" dann auch nach der Pause. Und zwar mit ziemlich flottem Beginn, besonders der 1. Satz interpretatorisch sehr interessant. Thielemann hat zwar nicht dieses Celibidache-Gefüh für die bestimmten Stellen, die man einfach - langsam - auskosten muss und auch nicht die Stringenz eines Karajan oder Wands´ , aber es wirkte doch ziehmlich Brucknerisch und war somit auch recht beeindruckend.
Leider spielte er über manches drüber weg, was ich ihm schon übel nehme, da die ganze Symphonie so etwas an Kontur verlor. Dazu trug aber auch die etwas weniger einheitliche, aber gerade dadurch moderner wirkende Urfassung ihren Teil bei. Ich kenne leider Wagner zu wenig um die ganzen Zitate, die da drinstecken müssen zu erkennen. Manchmal ist mir aber schon aufgefallen, dass sie plötzlich etwas anderes Spielen, als ich es gewöhnt bin :J

Da es aber auch bei dem Bruckner sehr schöne Stellen gab ein ganz hervorragendes Konzert;
Jubelndes Puplikum - Applaus auch von mir :)

lg kreisler
ab (27.04.2009, 09:39):
Bei Markovic habe ich immer das Gefühl, er habe die Partitur ganz gründlich studiert, wolle mit Hingabe sehr viel Ausdruck erzeugen; und scheiter dann schließlich: Optisch immer imposanter als akustisch.
:hello
ab (27.04.2009, 23:12):
Endlich komme ich dazu, vom Klavierabend des erst 24 jährigen Boris Giltburg zu berichten (22.4.2009). Erst am Vortag des Konzerts ist bekannt geworden, dass die Royal Philharmonic Society den in Moskau geboren und in Israel aufgewachsen Piansiten in die enge Liste für den Nachwuchspreis 2009 aufgenommen hat. Mit diesem Preis werden jährlich jene Musiker und Ensembles gewürdigt, die einen nachhaltigen Eindruck im britischen Konzertleben hinterlassen haben. Giltburg würde der erste Pianist seit 7 Jahren sein, sollte ihm im Mai der Preis zugesprochen werden. Im Einführungssespräch zum Konzertabend (das ich nicht besucht habe) soll er äußerst geistig rege, ausnehmend kenntnisreich und besonders bescheiden gewirkt haben.

Bei uns stand am Programm:

Bach/ Busoni: Toccata und Fuge d-moll
Brahms: Intermezzi op. 117/2, op. 118/2, op. 119/2
Grieg: Klaviersonate e-moll op. 7
Liszt: Klaviersonate h-moll

Wie hat er gespielt? Nun, wenn man bedenkt, dass dem Menschen die Aspekte des Sinnlichen, Geistigen und Emotionalen ausmachen, dann spielte er einseitig völlig auf den ersten Aspekt reduziert. Sein hervorstechendestes Merkmal war wohl die extreme Konzentriertheit sowie eine sagenhafte Durchhörbarkeit der Mittelstimmen! Alles gleichberechtigte Linien sensationell durchwoben: Einmal betonte er die eine Linie ein wenig stärker als die andere, ohne sie dabei heraustreten zu lassen. Ich kann mir schwer vorstellen, jemals wieder einen solchen präsentierenden, unverschwommenen Brahms hören zu dürfen. Kein Virtuose im manualem Sinne (kein Tastenjäger à la Berezovsky, der Klavierspiel mit dem Thrill des Roulettspiels vergleicht, ob man wohl noch alle Tasten trifft), sondern einer, der sich am Erzeugen des eigenen Klangs "berauscht", ein Rausch allerdings, der sich nicht überträgt, sondern völlig nivellierend beherrscht klingt. (Sozusagen kein Ex-stase, sonder eine In-stase.) Sehr eigenwillig wirkte daher der Kontrast zwischen seinem Bühnenauftritt, wo man meint, er schäume etwas rastlos über und stürme gleich dramatisch drauflos - und dann dem gezügelten Spiel ganz ohne Impulse und Dramatik. In unserer Tageszeitung war in der Überschrift der Kritik von „hemmungsloser Gezügeltheit“ zu lesen.
Mir kam die Assoziation zum Lehrer Artur Schnabls, der meinte "Artur, aus Dir wird nie ein Piansit, Du bist Musiker" - nur bei Giltburg mit umgekehrten Attributen: Ausdrucksnuancen waren keine zu vernehmen, sieht man einmal ab, dass er rhytmische Passagen im Stolz daherbrachte (Auch für Barenboim hat Rhythmik immer etwas mit Stolz zu tun, was man bei ihm in der Beiogaphie nachlesen, sowie bei den Aufnahmen hören kann.) Man kann nur hoffen, dass er die anderen Aspekte, insbesonder die musiklischer Tief noch entdecken wird – er ist ja noch so jung. Dazu übrigens: Er wirkte vom Aussehen um mindestens zehn Jahre reifer.

Seine Kraft war enorm: Noch nie habe ich unseren Steinway – der gerade renoviert worden ist – bis an seinen Grenzen ausgespielt gehört! Im Gespräch meinte er, er schäzte solche Flügel wie den neu restaurierten, weil solche im Gegensatz zu neuen Instumenten, die bloß brillant wirkten, einen individuellen klanglichen Charakter hätten. Das fadn ich interessant zu hören, denn gerade durch seine stupende Anschalgsnuancen hat er dem Instrument gerade diese Eigenheit wieder zur Unahörbarkeit ausgetrieben, indem es völlig gleichmäßig wirkte. (Womöglich bereitet ihm gerade solche Kunst seinen Rausch.)

Interessant war es auch, wie das Publikum geradezu aufrecht sitzend vom ersten bis zum letzten Anschlag gebannt lauschte.

Klaglich wurd er in jeglicher Anschlagshärte nie hart oder grell nie aber auch wirklich russisch leuchtfreudig. Angepriesen wurde er als die „Wiedergeburt Sviatoslav Richters“. Doch weder hat er ein ähnliches Legato, geschweige denn seine Leuchtkraft oder Intesität und vor allem Tiefe. Die Impuslivität des „jungen“ Richters geht im genauso ab, wie die Klangfärbigkeit des späten. Seine Linienführung war weit entfernt von dem, was man eine „eigene Interpretation“ nennt. Tatsächlich sei Rubinstein sein Vorbild, habe er berichtet: Womöglich rührt gerade daher seine Beherrschtheit zur Ruhe. Ein „goldener“ Klang fehlt ihm aber. Eher fiele mir „karamellen“ ein, nicht aber wegen seiner Köstlichkeit oder des delikaten Geschmacks, als viel mehr konsistenzmäßig wegen der Weichheit.

Giltburg ließ die Werke ruhend und fließend klingen. Erstaunlich aber, dass er keinen durchgehenden Puls erzeugte. Dadurch kam es mir vor, als würden die Werke durch die unterschiedlichen Linienelägen, den harmonischen Verläufen entsprechend, strukturiert erklingen.
Giltburg gehört jedenfalls zu jenen Piansiten, die auf Zwischentöne verzichten, um geradezu exemplarisch alle gleichzeitigen Anschläge durchsichtig als jeweils eigenen eindrücklichen Ton erklingen zu lassen. Das mag ich persönlich sehr gerne.

Wie im Rausch formte Giltburg alles zu einem gemäßigten Ebenmaß: stets leuchtender Ton ohne Schatten, keine Extreme oder Kontraste, keine subjektiven Impulse oder Dramatik, sondern ruhiges Fließen, keine Härten, Tiefe oder Mut zur Impulsivität. Früher hätte man dies wohl „aristokratisch“ genannt. Auf den ersten Eindruck hin wirkt dies durchaus imponierend und man benötigt keinerlei Kraft, um seinem Spiel zu folgen. Allerdings verpufft auch rasch diese Kraft und zurück bleibt eine schale Leere.

Für mich war der Höhepunkt die Durchsichtigkeit des Brahms. Der Grieg überraschte mich aber doch sehr, weil Giltburg ihm jegliches „Nordische“ austrieb. Da klang nichts so, wie man es eigentlich von Grieg erwartet: Fast mendelssohnesque hob er das Deutsche hervor, das ja Grieg auch als Leipzig-Studierter für seinen Kompositionen reklamierte. In Liszt h-moll Sonate passierten ihm ein-zweimal fast dramatische Anklänge. (Sogar unerhebliche kleine Fehler unterliefen ihm im ersten Satz.) Das Finale nahm er in einem Tempo, das mir ganz besonders schnell wirkte, aber ganz ohne rasch zu wirken! Wenn mir etwas im Gedächtnis geblieben ist, dann, dass ich dachte, die Reprise mit der Fugato-Verarbeitung des Hauptthemas käme mir zum ersten mal richtig wie ein Fugato vor. (Bei allen mir bekannten Aufnahmen scheint es mir immer bloß so, als sollte ein Fugato suggeriert werden.)

Was ist als Fazit zu sagen? Ich hatte das Gefühl, weder Intellekt oder Gefühl sei angesprochen worden. Von einem nachhaltigen Eindruck kann ich daher nicht sprechen. Ich bin jedenfalls höchst gespannt, was für eine Entwicklung dieser Piansit noch nehmen wird, der keinerlei manualen Grenzen und überragenden Sinn für Klangeinheitlichkeit kennt.
Heike (29.04.2009, 20:55):
Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal
Di 28. April 2009 20 Uhr

Belcea Quartet
Joseph Haydn: Streichquartett fis-Moll op. 50 Nr. 4 Hob. III:47
Benjamin Britten: Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 25
Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr. 8 e-Moll op. 59 Nr. 2 »Rasumowsky«

Ohhhh das war ein Programm ganz nach meinem Geschmack, 3 Quartette vom feinsten, da habe ich mich richtig drauf gefreut und es war wirklich ganz wunderbar!

Zuerst der Haydn, den sie wirklich sehr klug gespielt haben, das Spannungsfeld zwischen Finsternis und Licht kam im ersten Satz sehr schön mit allen Schattierungen zur Geltung, das war ausgesprochen mal nicht nur ein seichter leichter Einstimmungs-Haydn, sondern Haydn so, wie ich ihn mag.

Das Britten-Quartett habe ich im letzten Jahr schon mal live gehört, ich mag es sehr und ich finde, es ist eine wirkliche Perle dieses Genres aus diesem Jahrhundert. So als Laie glaube ich, dass es ungeheuer schwer zu spielen ist? Es war einfach göttlich, ich habe es wahrhaft genossen, das ist wirklich große Musik und es ist unheimlich raffiniert aufgebaut. Ich muss mal gleich nachher gucken, ob es schon einen Thread dazu gibt, ich glaube ich werde mir eine Aufnahme dazu kaufen.

Die Rasumowsky- Quartette von Beethoven sind ja sowieso eine Klasse für sich, und davon war ich vom ersten Hören an begeistert und bin es immer wieder. Da findet sich der olle Kauz Ludwig so richtig drin wieder, das ist so komplex und zugleich so intensiv, das macht mir immer wieder Gänsehaut.

Meinen Respekt, wie die 4 Musiker diese drei wahrlich nicht einfachen Stücke an einem Abend bewältigt haben. Mit sehr viel Leidenschaft, perfektem Zusammenspiel und vor allem mit der richtigen Mischung aus Gefühl und Kraft.
Heike
Heike (29.04.2009, 21:55):
Hallo ab,
danke für den sehr interessanten und differenzierten Bericht! Ich finde, du solltest die Passagen über Giltburgs Spiel in einen extra- Thread zu Giltburg kopieren, damit es nicht verlorengeht! Das würde ich nämlich ggf. gern nochmal nachlesen, falls mir irgendwann Giltburg mal im Konzert begegnen würde!
Heike
ab (30.04.2009, 10:05):
verschoben
ab (30.04.2009, 14:16):
Original von Hebre
Ich finde, du solltest die Passagen über Giltburgs Spiel in einen extra- Thread zu Giltburg kopieren, damit es nicht verlorengeht! Das würde ich nämlich ggf. gern nochmal nachlesen, falls mir irgendwann Giltburg mal im Konzert begegnen würde!


Ob an dieser Stelle oder an einer anderen: das geht doch nicht verloren und kann durch die Suchfunktion jederzeit wieder leicht aufgefunden werden...
:hello
Heike (30.04.2009, 16:06):
Hallo ab,
Ob an dieser Stelle oder an einer anderen: das geht doch nicht verloren und kann durch die Suchfunktion jederzeit wieder leicht aufgefunden werden...
Wo du recht hast hast du recht.
Andererseits kann man leichter was drunterschreiben, falls man auch was zu dem Pianisten zu sagen hat, falls es einen Thread dazu gäbe. Aber ich will dich natürlich nicht nötigen!
Heike
Heike (06.05.2009, 23:45):
Berlin, Deutsche Oper, Ballett von Angelin Preljocaj
Schneewittchen
Staatsballett Berlin
Musik von Gustav Mahler; Elektroakustische Ergänzungen 79 D
Kostüme Jean Paul Gaultier

Großartig, fabelhaft, faszinierend ... ich könnte ins Schwärmen kommen, lange habe ich nicht ein so schönes modernes Ballett gesehen! Berliner, guckt euch das an!

Ich wüsste nichts zu mäkeln an Tanz, Deutung und Bildern. Endlich mal kein verkitschtes Märchen und auch kein modernisierter Schrott, sondern durchdachtes, auf den Punkt gebrachtes Spiel mit den Figuren und Themen. Auch die Musikauswahl (ich liebe Mahler!) ist perfekt - natürlich ganz und gar nicht das klassische Ballett-TrippelTrappel, aber gerade das macht es spannend und intensiv.
Einziger Makel: die Musik kommt leider vom Band - wie ich hörte fand sich kein Orchester für die Mahler-Schnipsel. Selbst schuld, das ist so klasse gemacht, das Stück, das wird ganz sicher auch so ein Publikumserfolg, Heute war das Haus fast voll.

Heike
ab (07.05.2009, 20:30):
Original von Hebre
Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal
Di 28. April 2009 20 Uhr

Belcea Quartet
Joseph Haydn: Streichquartett fis-Moll op. 50 Nr. 4 Hob. III:47
Benjamin Britten: Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 25
Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr. 8 e-Moll op. 59 Nr. 2 »Rasumowsky«

Ohhhh das war ein Programm ganz nach meinem Geschmack, 3 Quartette vom feinsten, da habe ich mich richtig drauf gefreut und es war wirklich ganz wunderbar!

Zuerst der Haydn, den sie wirklich sehr klug gespielt haben, das Spannungsfeld zwischen Finsternis und Licht kam im ersten Satz sehr schön mit allen Schattierungen zur Geltung, das war ausgesprochen mal nicht nur ein seichter leichter Einstimmungs-Haydn, sondern Haydn so, wie ich ihn mag.

Das Britten-Quartett habe ich im letzten Jahr schon mal live gehört, ich mag es sehr und ich finde, es ist eine wirkliche Perle dieses Genres aus diesem Jahrhundert. So als Laie glaube ich, dass es ungeheuer schwer zu spielen ist? Es war einfach göttlich, ich habe es wahrhaft genossen, das ist wirklich große Musik und es ist unheimlich raffiniert aufgebaut. Ich muss mal gleich nachher gucken, ob es schon einen Thread dazu gibt, ich glaube ich werde mir eine Aufnahme dazu kaufen.

Die Rasumowsky- Quartette von Beethoven sind ja sowieso eine Klasse für sich, und davon war ich vom ersten Hören an begeistert und bin es immer wieder. Da findet sich der olle Kauz Ludwig so richtig drin wieder, das ist so komplex und zugleich so intensiv, das macht mir immer wieder Gänsehaut.

Meinen Respekt, wie die 4 Musiker diese drei wahrlich nicht einfachen Stücke an einem Abend bewältigt haben. Mit sehr viel Leidenschaft, perfektem Zusammenspiel und vor allem mit der richtigen Mischung aus Gefühl und Kraft.
Heike

Höre soeben dasselbe Programm im Radio, aber aufgenommen am 27. April 2009 im Brahms-Saal des Wiener Musikvereins
Zugabe: Leos Janacek: Dobrou noc! (Gute Nacht!) (Transkription für Streichquartett)

Der ersten beiden Sätze beim Britten haben mir persönlich weniger gefallen, die letzten beiden dafür umso mehr. Jedenfalls aber alles sehr gut! Mir fehlt immer etwas dieses intime Moment Brittens bei ihrem dramatischen Zugriff: Jedenfalls aber passt ein solcher auch zu diesen Quartetten.
:hello
nikolaus (07.05.2009, 21:47):
Original von Hebre
Berlin, Deutsche Oper, Ballett von Angelin Preljocaj
Schneewittchen
Staatsballett Berlin
Musik von Gustav Mahler; Elektroakustische Ergänzungen 79 D
Kostüme Jean Paul Gaultier

Großartig, fabelhaft, faszinierend ... ich könnte ins Schwärmen kommen, lange habe ich nicht ein so schönes modernes Ballett gesehen! Berliner, guckt euch das an!

Ich wüsste nichts zu mäkeln an Tanz, Deutung und Bildern. Endlich mal kein verkitschtes Märchen und auch kein modernisierter Schrott, sondern durchdachtes, auf den Punkt gebrachtes Spiel mit den Figuren und Themen. Auch die Musikauswahl (ich liebe Mahler!) ist perfekt - natürlich ganz und gar nicht das klassische Ballett-TrippelTrappel, aber gerade das macht es spannend und intensiv.
Einziger Makel: die Musik kommt leider vom Band - wie ich hörte fand sich kein Orchester für die Mahler-Schnipsel. Selbst schuld, das ist so klasse gemacht, das Stück, das wird ganz sicher auch so ein Publikumserfolg, Heute war das Haus fast voll.

Heike

Mein Neid ist mit Dir!

Das hätte ich auch gerne gesehen.
Das Ballett Preljocaj kommt sogar nach Köln und zeigt es, aber ausgerechnet im Juni, wenn ich bei Martha Argerich in Lugano bin.

Man kann eben nicht alles haben.

Kennst Du Dich aus in der Berliner Tansszene. Kannst Du weitere Empfehlungen geben?

:thanks :thanks Nikolaus.
Heike (07.05.2009, 22:14):
Hallo ab,
die Zugabe "Leos Janacek: Dobrou noc!" war dieselbe wie in Berlin! Ich kannte es nicht, es wurde aber angesagt.

Hallo nikolaus,
das Staatsballet Berlin ist wirklich klasse und leider tanzen sie für meinen Geschmack viel zu selten moderne Inszenierungen. Das letzte, was mir so richtig gut gefallen hatte, war "Der Ring um den Ring" - ein tänzerischer Kommentar zu Wagners Ring, das war auch große Kunst.

Ich kenne mich nicht besonders gut aus in der Tanzszene, aber ich gehe hin und wieder ganz gern ins Ballett, wenn die Opernhäuser was neues anbieten. Zur Zeit läuft meines Wissens nichts, was Schneewittchen auch nur annähernd Konkurrenz machen könnte.

Heike
ab (07.05.2009, 23:28):
Original von Hebre
Hallo ab,
die Zugabe "Leos Janacek: Dobrou noc!" war dieselbe wie in Berlin! Ich kannte es nicht, es wurde aber angesagt.


Das ist aus dem ganz wunderbaren Klavierzyklus Auf verwachsenen Pfaden, den ich Dir wärmstens mit Radoslav Kvapil ans Herz legen kann!

:hello
Heike (07.05.2009, 23:41):
Danke für den Hinweis, für sowas bin ich doch immer zu haben, das kommt gleich auf den Wunschzettel!
Heike
ab (08.05.2009, 11:09):
Original von ab
In der Pause haben sie bereits Exemplare ihrer Debut-CD zur Verfügung gestellt bekommen, obwohl sie erst am 20. April 2009 erscheinen werden wird: Hänssler Classic: Joseph Haydn: op. 64/4 in G-Dur, op. 74/3 in g-moll "Reiter-Quartett" und op. 76/5 in D-Dur. Leider ohne Lärchenquartett, das der Pimarina besonders liegen müsste. (Ich habe nicht zugeschlagen)

http://www.minettiquartett.at/Inhalt/News/98589_minetti_quartett_kopie.jpg

dazu hier.
Heike (09.05.2009, 15:22):
Freitag, 08.05.2009; Kammermusiksaal Philharmonie Berlin
RADU LUPU
Beethoven: Sonate op. 14 Nr. 1 und 2
Beethoven: Sonate op. 13 "Pathétique"
Schubert: Sonate Nr. 21 D960

Schön wars! Ich finde, der Mann hat durchaus seine Eigenarten, was schon damit losging, dass er auf einem gewöhnlichen Stuhl am Klavier saß, zeitweilig angelehnt - ein bissel aussehend wie der Alm-Öhi aus dem Heidi-Film :-)

Bei der wunderbaren Musik kann man ja kaum unzufrieden aus dem Konzert gehen, und so war es auch. Mir gefiel es ganz außerordentlich gut, Lupu spielte ... tja, wie soll ich sagen .... vielleicht sogar ein wenig lakonisch: klar und treffend, aber ohne jeden Schnickschnack, er spielte es einfach so dahin wie es aus ihm herauskam, manchmal sogar ein ganz klein wenig schlampig. Besonders schön und eindringlich fand ich aber die langsamen bzw. leisen Passagen, da tastete er sich mit einer großen Sensibilität von Ton zu Ton; einmal als ich die Augen geschlossen hatte driftete ich richtiggehend weg.

Es hatte was eigenwilliges, einerseits eine große Tiefe, aber andererseits gar nichts intellektuelles. Ich könnte mir gut vorstellen, dass der jeden Tag anders spielt.
Heike
Heike (12.05.2009, 23:50):
12.5. Philharmonie Berlin
DSO Berlin, Ingo Metzmacher
Nelson Freire Klavier

Ludwig van Beethoven Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur
Dmitri Schostakowitsch Symphonie Nr. 11 g-Moll »Das Jahr 1905«

Ein kontrastreiches Programm!

Das Beethoven- Konzert am Beginn -- ganz ganz wunderbar - Freire hat mich bezaubert und es war ein Genuß, seinem wunderbar einfühlsamen Dialog mit dem Orchester zuzuhören. Ich habe das Konzert schon sehr oft gehört, aber selten mit einem so exzellenten Pianisten.

Dann Schostakowitsch!!!! Meine Güte, was ist das für ein Werk - das ist einfach grandios. Ich kenne von der CD nur die Barshai - Einspielung (die ich ganz ok finde) - aber das ist kein Vergleich gegen das live-Erlebnis heute - da hat mich das förmlich elektrisiert. Was war dieser Schostakowitsch für ein genial einfallsreicher Orchestrierer, das war ein Genuss! Oh wie freue ich mich, dass ich dieses Meisterwerk im September nochmal mit London Symphony Orchestra / Valery Gergiev hören darf!

:thanks :thanks :thanks :thanks :thanks :thanks für den wunderbaren Abend!
Heike
kreisler (16.05.2009, 00:35):
Bei mir echte Musikwoche (obwohl die eigentlich bei mir immer ist :wink):

Am Dienstag selber bei einem kleinen Konzert mitgemacht, gestern in der (bayerischen) Staatsoper und gerade aus dem Konzert zurück.

Die Oper war der "Fliegende Holländer"

Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Inszenierung: Peter Konwitschny

Daland: Matti Salminen
Senta: Anja Kampe
Der Holländer: Bryn Terfel

Also erstmal war es einfach ein riesen Erlebnis mal eine Oper live zu hören (ich hatte sonst nur einmal in Bregenz die Gelegenheit). Und Wagner gibt ja auch immer ein ganz schönes Spektakel ab. Deswegen hat sich der Abend mehr als gelohnt. Auch wenn das Orchester manchmal bissl schlampert war; Die Besetzung war doch Recht gut. Ich habe allerdings von Wagner-Sängern wenig Ahnung, aber besonders Salminen überzeugte wirklich. Mein Vater und ich haben uns dann noch böserweise ein bisschen über das Wagner-Publikum lustig gemacht, das ganz genu wusste, wer wie viele Ovationen verdient hatte...
Die Inszenierung war in einem halb pseudo-geschichtlichen halb modernen Stil gehalten. Wobei der Holländer selber noch normal war, die Frauen an Land aber auf ihren Fitness-Rädern gesponnen haben :ignore :D

Noch was zur Oper selber: Wagnerfans seit mir nicht böse, aber wen er auf diesem Niveau geblieben wäre, würden heutzutage die meisten Menschen bei dem Nahmen wohl an Original Wagner Pizzas oder so denken :D
Nee, also das ist im Vergleich zu den späten Opern schon noch nicht so doll: Ziemlich schwache Handlung, die natürlich einem spannenden Stoff zu Grunde liegt, in der ganzen Oper aber nur auf das Ideal von "Treue bis in den Tod" - schon eine etwas gefährliche Ideologie - zusammengestutzt.
Und musikalisch passiert, bös gesagt, ja auch nicht viel mehr, als das dass Leitmotiv so oft auftaucht, das selbst der Unmusikalischste das Prinzip begreift (Ist ja auch nicht all zu kompliziert, oder ... :P)

Aber dafür begeistert mich gerade Tristan und Isolde - zwar nur von der Konserve, aber trotzdem!

Viele Grüße (auch an die Wagnerfans unter euch),
Kreisler
kreisler (16.05.2009, 00:58):
Und dann war ich heute gleich noch mal in einem Konzert, und zwar bei Musica Viva:

Das Programm wurde leider im Voraus etwas geändert, aus Berio wurde Reich und aus Kurtag wurde Adams, was schon einen deutlichen Qualitätsverlust darstellte. Zum Glück war aber noch Jan Vogler da und spielte Cellokonzerte von Carter und Udo Zimmermann. Dirigiert wurde das ganze von Kristian Järvi.

Minimal Musik muss man mögen. Ich finde es nicht schlecht, solange es ein herumexperimentieren ist. Richtige Musik ist das für mich aber dann doch nicht.

Was ich aber gar nicht leiden kann, ist, wenn diese Musik dann auch noch "tonal" und fast "sentimental" wird! Wenn schon, dann bitte so trocken und radikal, wie das Steve Reich in seinen früheren Werken (z.B. sein Octet) gemacht hat! In diesen spätern Three Movments for Orchestra fehlte mir das aber etwas. Einzig spannend waren nur etwas die Klangeffekte die sich durch die Instrumentierung gebildet haben.

Dann folgte das super Cello Concerto von Eliott Carter. Der Mann ist wirlich ein Phänomen mit seinen 100.!!! Auch wenn seine Musik vielleicht einen sehr "kakophonischen, chaotischen" Eindruck macht, ist sie das keines Wegs! Er komponiert auf sehr komplizierte Weise besonders mit der Zeit, weniger mit Harmonien, worin er etwas an Charles Ives erinnert. Als ganzes wirkt dieses Werk aber sehr geschlossen, da es wie in einem Zug durchgeht und immer spannend bleibt.

Udo Zimmerman spielte in seinem Cello-Konzert (es war eine UA) viel mit Zitaten und Tonalität herum. Ich kann dazu nicht allzu viel sagen, nicht mal ob mir es gefallen hat oder nicht ?(

Zum Schluss dann noch den John Adams mit seiner Atomic Symphony. Es wurde gar nicht so schlimm wie ich dachte, aber letztendlich sagt diese Musik ,mir jedenfalls, trotz ihres ganzen Aufwands, trotz der Gewaltigen Klagneffekte überhaupt nichts. Die ganze Musik besteht nur aus möglichst eindrucksvollem Klangbombast...

Und das Musica Viva Publikum hat sich auch ganz schön verändert (das Konzert war übrigens überraschend voll...). Denen kann man echt alles Vorsetzten. Und wenn die Musik noch irgendwie tonal oder noch besser, wenn der Komponist berühmt ist, gibts Applaus ohne Ende. Und doch interessiert sich doch vielleicht ein viertel wirklich für die Probleme der neuen Musik...
Mein Vater hat erzählt, als er noch vor vielleicht 20 Jahren öfter in die Musica Viva gegangen sei, wurde dort auch mal was ausgepfiffen, anderes wirklich euphorisch gelobt. Kurzum, die Leute wussten, was sie hören wollten und was gute Musik ist.

lg kreisler
nikolaus (17.05.2009, 23:59):
Heute abend war ich also in Duisburg zu meinem diesjährigen ersten Konzert des Klavierfestival Ruhr mit
Khatia Buniatishvili (Klavier) und Julian Rachlin (Violine).

Zuerst hatte ich gar keine Lust, aber jetzt bin ich froh, dagewesen zu sein.

Es fing schon Tage vorher schlecht an: krankheitsbedingte Absage (habe ich anderswo bereits gepostet) von Hélène Grimaud, so dass das Trio Grimaud, Batiashvili, Mörk flach fiel (im Übrigen war Truls Mörk auch krank, aber davon hat vorher keiner gesprochen). Es ist nicht so, dass ich auf Grimaud fixiert war, aber der Abend mit Brahms, Shostakovich und Schumann hätte mich sehr interessiert.

Heute morgen schlecht geträumt, mit Halsschmerzen aufgewacht und dann dieses trübe Wetter, keine guten Vorraussetztungen.
Dann noch durch ein Telefonat aufgehalten worden und eine halbe Stunde später losgefahren als geplant und natürlich noch in einen Stau gekommen. Ich wollte schon umkehren...
Dennoch Punktlandung in Duisburg, Mercatorhalle im City-Palais - ein Konzertsaal, den ich in Zukunft wenn möglich meiden werde (keine besondere Akkustik, unübersichtlich und einfach nicht schön).

Der Abend begann mit einer sehr sympathischen Begrüßung durch den Intendanten Franz-Xaver Ohnesorg.

Dann Schubert: Sonate für Violine und Klavier g-moll op. 137/3 D408. Das war wohl zum Einspielen, irgendwie etwas belanglos, wenngleich schön gespielt. Schon da fiel mir der dunkle, etwas verhangene Ton der Pianistin auf, sehr sinnlich.

Danach schon der erste Höhepunkt: Chopin, Ballade Nr. 4 f-moll op. 52
Das hat sie für mich grandios gespielt. Sie wirkte ganz auf sich und den Flügel konzentriert und liess ihren dunklen, verhangenen Ton (ich wiederhole mich) sehr schön aufblühen. Bewundernswert, wie sie aus hohem Tempo sich sanft zurücknehmen kann bis ins nichts (quasi ein Gegenpol zu Martha Argerich, die so unnachahmlich aus dem Nichts das Tempo steigern kann). Selten bekomme ich bei Chopin eine Gänsehaut!

Der anschliessende Mephisto-Walzer Nr. 1 von Liszt ist geschenkt, den hat sie etwas in den Sand gesetzt; in denn schnellen Passagen zu hastig, da ging einiges verloren (ich meine, man konnte ihr auch ansehen, dass sie nicht zufrieden war, so schnell wie sie die Bühne verliess).

Nach der Pause Francks Sonate für Violine und Klavier A-Dur FWV 8
Der erste Satz war etwas unkonzentriert, v.a. von Rachlin, der doch recht unsauber spielte.
Im zweiten Satz hat er sich dann mächtig ins Zeug gelegt und sie richtig mitgerissen. Da war plötzlich viel mehr Volumen. Von da an lief die Sonate grossartig!
Sie interpretieren sie natürlich anders als Martha Argerich, die einfach ungezügelter spielt, es klingt runder, weicher, aber auch sehr intensiv. Wunderbar!

Zwei Zugaben: Liebesleid und Schön Rosmarin von Kreisler (offenbar der Einfluss von Gidon Kremer?).

Also ein Abend mit Höhen und Tiefen, aber sehr interessant und intensiv.

Meine Vorbehalte gegen Rachlin kann ich zumindest teilweise revidieren, und auf die Pianistin Khatia Buniatishvili sollte man achten!

Beseelt, Nikolaus.
nikolaus (17.05.2009, 23:59):
Hä? Doppelt gepostet, sorry.
Jeremias (18.05.2009, 07:42):
@ Nikolaus: Warst Du das erste Mal in Duisburg? Ich mag den Saal ebenfalls nicht... Die Pianistin wird in der kommenden Spielzeit auch in D'dorf auftreten. Vielen Dank insoweit für Deinen Bericht! Gottseidank wird Rachlin nicht dabei sein....

Ansonsten hoffe ich, dass ich heute rechtzeitig aus dem Büro rauskomme zu Emanuel Ax...
ab (18.05.2009, 10:45):
Gestern war bei uns der 30 jährige Pianist Herbert Schuch in einer Matinee zu Gast (17.5.2009). Dieser 1979 in Rumänien geborene und seit 1988 in Deutschland lebenden Rumäne ist dann bald Schüler bei Karl-Heinz Kämmerling geworden. Rasch errang er innerhalb nur eines Jahres beim Casagrande-Klavierwettbewerb in Terni, beim London International Piano Competition, sowie dem Internationalen Beethoven-Klavierwettbewerb in Wien jeweils den 1. Preis. CDs folgten bei Oehms mit Werken von Schumann & Ravel, Schubert & Lachenmann sowie ganz neu das Konzeptalbum „Nachtstücke“ mit Schumann, Holliger, Scriabin, Ravel & Mozart. Auch eine CD mit Mirijam Contzen an der Geige hat er gemacht. Deren Rezensionen reichen von sehr gut bis überragend. Das erweckte bei mir hohe Erwartungen, auch wenn die Stimmen von Forenmitgliedern oder Nutzermeinungen auf den Verkaufswebseiten deutlich zurückhaltender ausfallen.

Auf dem Programm standen Beethovens c-moll Sonaten Nr. 5 op. 10/1 und seine Nr. 32 op. 111. Auftakt bildete Haydns effektvolle Sonate h-moll Nr. 47 aus dem op. 14, sein Hob.XVI-32, das so deutlich Anleihe beim Hamburger Bach nahm, dass Haydn sich damals bereits darüber öffentlich rechtfertigen musste. (Die einzige c-moll-Sonate Haydns (Hob.XVI:20) von 1780 wäre von der Programmwahl her womöglich zwingender gewesen...) Als Zugabe gabs von den späten Bagatellen op. 119 die Nr. 5.

Gespielt hat er auf einem Flüge der Firma Schimmel. Ein weicher, aber fast schon penetranter Ton, sehr bassschwach und wenig klangschön in den mittleren und hohen Lagen. Ist das typisch für diese Fabrikate? Womöglich hat dieser Eindruck ja auch nur an der Akustik des schiffswerftartigen Passionsspielhauses in Thiersee gelegen, die 700 Personen fasst, von denen aber nur etwa 200 Plätze besetzt waren und er daher wohl halliger als sonst geklungen hat und vielleicht die Bassfrequenzen ausgelöscht wurden. (Am Sitzplatz hat es nicht gelegen, wie ich nach Umsetzen bemerkt habe.) Vielleicht spielt aber Schuch auch nur so bassschlank? Ein brillanteres Instrument käme seinem eher lyrischen und schlankem Ansatz wohl mehr entgegen...

Schuch jedenfalls hob mit makelloser Geläufigkeit eine einzige deutliche Melodiestimme mit vielfältigen Farbabstufungen hervor. Als besonderes Charakteristikum seines Spiels breitete er durch viel Pedalgebrauch einen schwebenden Grundton wie eine dünne Decke über der Melodiestimme aus. Solches habe ich noch nie gehört! Dazu nahm er in Kauf, die Mittelstimmen nicht getrennt durchhörbar erklingen zu lassen, sowie in schnellen Passagen die begleitende linke Hand etwas gleichtönig wirken zu lassen. Der Erfolg war dafür ein ungewöhnliches, klanglich ausgefeiltes Konzept. Ich fand es eigentlich nicht so überzeugend, weil abseits langsamer Sätze mir doch der exzessive Pedalgebrauch zu sehr verschwimmend war. Interessant, ja fast faszinierend, fand ich es, wie er es in ganz langsamen Stellen durch Anschlag und einsetzendes Pedal schaffte, wie tropfenhafte Töne zu schöpfen (im Sinne von Wasserschöpfen).

Nerving fand ich es, dass er – beim op. 10/1 – oft bei den Phrasenenden plötzliche einem effektvoll überlauten End-Akkord anschlug, der den Fluss der Musik völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Musikalisch schien mir das sinnlos und bloß der Wirkung geschuldet zu sein. (Auch zum Ende hin des op. 111 war da so eine unvermutete Pranke, die in mir die Erwartung eines solchen genialen Meisterstücks weckte, wie es etwa Sviatoslav Richter zum Ende der Schumannschen „Papillons“ bei seiner EMI-Aufnahme geschaffen hatte; die aber unvermittelt steht blieb und später nirgends mehr seine Vollendung erfuhr.) Auch musikalische Tiefe fehlte mir etwas, auch wenn ich damit keineswegs sagen will, dass er einer dieser zahllosen sterilen Daktylographen am Klavier ist.

Sein Eigenes bezieht sich eher auf feindynamische Gestaltung im Kleinen als auf einen großen persönlichen Entwurf (auch wenn ich damit gerade nicht sagen will, dass er aus Buchstabiererei den Gesamtzusammenhang verlieren würde). Musikalisch gehört er wohl zu jenen, welche an der dunkleren Seite der Musik interessiert sind (um seinen CD-Titel als Bild zu bemühen): Bei den beiden musikalischen Polen von Leichtigkeit und Schwere der Musik, schlägt er sich tendenziell auf die schwerere Seite, die er aber technisch eher leichgewichtig und leuchtend zu Gehör bringt.

Dem Haydn fehlte mir persönlich daher auch etwas Spritzigkeit und Freude am Auskosten der rokoko-nahen spitzbübischen Konventionsbrüche. Überhaupt fand ich den Haydn fast so gespielt, als sei er zeitlich später als die Werke Beethovens entstanden.

Erfreulich war jedenfalls die dynamische Binnengestaltung seiner Spannungsbögen, die interessant (wenn auch leider gelegentlich zu wenig spontan, also mehr gemacht als empfunden) auf mich wirkte. Auch einige ganz interessante dynamische überraschende Impulse setzte er. Die Spannung hat er stets gehalten und einen eher klingenden Ton erzeugt er, was ja heute selten geworden ist. Auch spielt er sehr präsent, so dass man leicht der Musik folgt, ohne von sich selbst aus viel Konzentration aufbringen zu müssen. Auch vom Tempo gehört er nicht zu den Rasern, so dass sich ein Klang entwickeln kann. Alles höchst erfreuliche Eigenschaften!

Höhepunkt der Matinee war für mich jedenfalls Beethovens letzte Sonate: Den Beginn der Arietta nahm er bei durchhaltender Spannung in einem atemberaubend langsamen Tempo, das dennoch nicht unnatürlich wirkte (anders als beim Adagio molto vom op. 10). Ungewöhnlich gut fiel er beim „Boogie-Woogie“-Thema nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern zog erst langsam die Spannung an. Dissonanzen, die sonst untergehen, spielte er ungewöhnlich deutlich aus. Auch war es höchst abwechslungsreich, welche der Mittelstimmen er auserkor, um sie als Melodielinie erklingen zu lassen.

Fazit: Ein wunderbares Programm! Kein enttäuschendes Klavier-Konzert. Wie aber auch das Boris Giltburg-Konzert, von dem ich oben berichtete habe, wird es keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich bin aber gespannt, ob Schuch sich musikalisch noch entwickeln, und daher interessant für mich werden wird. Er konnte mich nicht begeistern, so dass ich auch nicht geneigt bin, eine Aufnahme zu erstehen. Vergleiche ich meinen Eindruck mit der Schilderung von Jeremias aus dem Jahre 2006, finde ich es zu hart, von „unreif“zu sprechen. Ein Konzept kann ich durchaus erkennen, auch wenn ich es persönlich nicht gutheißen würde, weil ich es mehr schätze, wenn verschiedenen Stimmen deutlich trocken zu Gehör gebracht werden. Mein Eindruck seiner Bühnepräsenz geht in eine ähnliche Richtung.

:hello
nikolaus (18.05.2009, 19:26):
Original von Jeremias
@ Nikolaus: Warst Du das erste Mal in Duisburg? Ich mag den Saal ebenfalls nicht... Die Pianistin wird in der kommenden Spielzeit auch in D'dorf auftreten. Vielen Dank insoweit für Deinen Bericht! Gottseidank wird Rachlin nicht dabei sein....

Ansonsten hoffe ich, dass ich heute rechtzeitig aus dem Büro rauskomme zu Emanuel Ax...

@ Jeremias

Ich war das dritte Mal in diesem Saal, und von Mal zu Mal gefällt er mir weniger...

Viel Spaß beim Ax!

Nikolaus.
nikolaus (18.05.2009, 19:35):
Original von ab
Als besonderes Charakteristikum seines Spiels breitete er durch viel Pedalgebrauch einen schwebenden Grundton wie eine dünne Decke über der Melodiestimme aus. Solches habe ich noch nie gehört!

Wie Du das beschreibst, klingt das wirklich sehr schön.
Wie lässt er denn die Töne ausklingen?
Manche Pianisten horchen den Tönen regelrecht nach, was sicher nicht immer passt, was mich aber immer wieder beeindruckt. Bei anderen klingt es sehr unsauber ("scheppernd"), wenn sie die Finger von den Tasten nehmen (ich kann das mal wieder nicht besser beschreiben).

Überhaupt: Danke für die ausführliche (und für mich lehrreiche) Beschreibung.
Ich glaube, er könnte mir gefallen...

Nikolaus. :thanks
ab (18.05.2009, 20:50):
Original von nikolaus
Original von ab
Als besonderes Charakteristikum seines Spiels breitete er durch viel Pedalgebrauch einen schwebenden Grundton wie eine dünne Decke über der Melodiestimme aus. Solches habe ich noch nie gehört!

Wie Du das beschreibst, klingt das wirklich sehr schön.
Wie lässt er denn die Töne ausklingen?
Manche Pianisten horchen den Tönen regelrecht nach, was sicher nicht immer passt, was mich aber immer wieder beeindruckt. Bei anderen klingt es sehr unsauber ("scheppernd"), wenn sie die Finger von den Tasten nehmen (ich kann das mal wieder nicht besser beschreiben).

Überhaupt: Danke für die ausführliche (und für mich lehrreiche) Beschreibung.
Ich glaube, er könnte mir gefallen...


Danke für Deine Rückmeldung!

Schuch, so scheint mir, gehört nicht zu jenen Pianisten, die ihrem eigenen Spiel selbst zuhören, dazu ist er zu viel "in" der Musik. Dennoch gehört er definitiv auch nicht zu jenen, die keinen Sinn für Ton, seine Entwicklung und dessen Ende haben.

Sollte ich aber recht habe mit meiner Interpretation, dass es ihm darum geht, besagten Grundton wie ein dünne Decke (etwas 40cm über den Saiten liegend) aufzuspannen, dann ist er wohl zu sehr mit dem Lauschen, ob dieser Grundton besteht, beschäftigt, als dass er den Melodietönen nachhören würde. So zumindest gerade eine Gedanke von mir.

Wenn ich als CD-Rezension im Internet finde: "wirkt Schuchs Pedalgebrauch manchmal störend, da er die Musik verwischt und den etwas trockeneren Klang so gut wie immer meidet", dann scheint mir (nach dem Prinzip des Wohlwollens) unumgänglich zu folgern, dass dies gewollt sein muss. Dies entspringt keinem manualen Mangel, denn an einem solchen leidet Schuch einfach nicht. Und seine subtile Auswahl an Mittelstimmen in der Arietta zeigt mir deutlich, dass es auch schlicht einfach nicht "versehentlich" sein kann, dass er Mittelstimmen übersieht oder auslässt.

Schade, dass ich heute nicht zu seinem Klavierkonzert konnte (Beethovens Nr. 2), um Deine Frage mir genauer vorzunehmen; oder womöglich Schuch hinterher selbst zu fragen, ob etwas an meiner Interpretation dran ist.

By the way: Ich hörte einmal Paul Gulda (in einem Cello-Sonaten-Abend mit Clemens Hagen). Dabei kam es mir vor, als stelle Gulda regelrecht einen Block von etwa einem halben Meter Dicke über die Saiten. Wie ich ihn früher ein Mozart-Klavierkonzert spielen hörte, wäre mir das (noch?) nicht aufgefallen. Und auch auf der Aufnahme der beiden (jvc) kann ich solches nicht wieder heraushören. Soviel zu einem der Unterschiede zwischen Konserve und Konzert.
Jeremias (19.05.2009, 12:51):
Gestern Abend im gut besuchten Schumann-Saal in Düsseldorf:

EMANUEL AX mit folgendem Programm:

Franz Schubert
Impromptus op. 142 D 935

Franz Liszt
La vallée d’Obermann aus: »Années de pèlerinage. Première Année: Suisse«

-Pause-

Robert Schumann
Fantasiestücke op.12

Frédéric Chopin
Nocturne cis-Moll op. 27/1
Andante spianato et Grande Polonaise Es-Dur op. 22

Der Schubert hat mir gut gefallen, sehr filigran gespielt, direkt von Anfang an wach. Ax brauchte sich nicht erst "warmspielen". List gefiel mir nicht so sehr. Der Anfang zunächst zu schnell, dann kaum Spannungsbögen und den langen zweiten Teil mit sehr viel Pedal vernebelt, einige falsche Noten.... nach der Pause Schumann, wieder besser, aber nichts besonderes. Chopin spielte er irgendwie lustlos herunter. Zu allem Überfluss klingelte dann auch noch ein Handy irgendwo bei uns in der Ecke... als schnelle Zugaben 2 Mazurken von Chopin, das war's.... nichts besonderes....
ab (20.05.2009, 10:55):
Nach dem Konzert im März war gestern das Henschel Quartett erneut bei uns im Konzert zu hören, diesmal mit Beethovens op. 18/6 sowie op. 127, unterbrochen von Schostakowitschs 7. Streichquartett (19.5.2009).

Erneut schafften sie das Wunder, die harmonische Struktur extrem deutlich hervorzuzaubern, die Stimmen ungewöhnlich stimmig über die vier Instrumente zu verteilen und mit Farbenvielfalt zu beeindrucken. Gerade im op. 127 - dieses Quartett halte ich ja für das heikelste von Beethoven - wirkte die Musik ganz natürlich, indem sie den Brüchen mit raffinierter Rhythmisierung einen sinnreichen Zusammenhang verliehen: Überragend! Auch strukturierten sie diesmal die Musik ohne mit diesen kurzen betonenden Tempostockungen, wie sie es im März beim op. 59/3 gemacht hatten. (Allerdings wurde ihnen diesmal nicht mehr die Gnade zuteil, dass der erste Geiger wie völlig losgelöst seine Melodien über dem Teppich der anderen drei ziehen konnte, wie es ihnen in der Gelöstheit eines Einspringkonzerts das letzte Mal widerfahren ist.) Ihre exquisite Verbindung von überragender Durcharbeitung gepaart mit Musikalität härtet meinen Verdacht, dass dies das derzeit wohl beste Streichquartett Deutschlands ist.

Auch der Schostakowitsch war superb. Ihr Pizzicato war erhaben: Kein Ton fiel heraus, alles war gestaltet. Auch dabei ließen mich die überragenden klanglichen Abstufung durch differenziertes Einbinden in die arco-Bögen nur so staunen. Wie immer wirkte dieses 7. Quartett so auf mich, als fehlten drei weitere Sätze...

Als Zugaben gabs diesmal den tausendmal als Quartett oder Zugabe gehörten 2. Satz von Ravel. Diesmal geriet er wesentlich klangfärbiger als in ihrer März-Zugabe. Normalerweise kann man sich ja bei diesen Franzosen entweder an Farbgestaltung erfreuen, was dann oft auf Kosten der Klarheit geht; oder aber die Struktur wird deutlich gemacht, was meist mit Farbarmut einhergeht. Nicht so bei den Henschels, die das grandios zu verbinden verstanden. Der darauffolgende Schulhoff-Satz aus dem ersten Quartett war dermaßen rasant-brillant, dass dies die wohl mitreißendstes Zugabe war, die ich je im Streichquartett-Konzert gehört habe. Wie oft bei Zugaben, waren sie wesentlich gelöster als sie es beim gesamten Quartett im März gespielt hatten. Beethovens Cavatina indes daraufhin zu spielen war zu heikel: Dieser ging durch die vorangegangene Stimmung deren geistige Tiefe verloren.

Das Groteske dieses Konzerts in einem kleinen Ort der Provinz war das Publikumverhalten: Applaus nach jedem einzelnen Satz, wie man es von der „Musi“ nach jedem "Liadl" gewohnt ist. Nach dem op. 18 schritt der Festival-Intendant aus mir unerklärlichen Gründen durch den Saal auf den Ausgang zu, was zur Folge hatte, dass das Licht anging und das Publikum in Scharen in die vermeintliche Pause strömte. Mir kam es so vor, als schien er selbst dieser Ansicht zu sein. Der Saal war schon fast leer, als die Musiker wieder auf die Bühne kommen wollte und ihren Augen nicht trauten... (Erstaunlicherweise war am musikalischen Ausdruck des Schostakowitsch nichts von der irritierenden Zwangspause durch die Saalflucht des Publikums anzumerken.)

:hello
Heike (24.05.2009, 08:47):
Hallo ab,
danke für deine wie immer interessanten Berichte, ich lese die immer wieder sehr gern!

Das Henschel-Quartett habe ich leider bisher noch nicht live gehört, ich hoffe, die kommen auch mal nach Berlin. Ich beneide dich besonders um den Eindruck vom Schostakowitsch- Quartett.
Heike
Gamaheh (02.06.2009, 23:34):
Original von ab
Original von nikolaus
Original von ab
Als besonderes Charakteristikum seines Spiels breitete er durch viel Pedalgebrauch einen schwebenden Grundton wie eine dünne Decke über der Melodiestimme aus. Solches habe ich noch nie gehört!

Wie Du das beschreibst, klingt das wirklich sehr schön.


Für mich klingt das wie Tinnitus (den ich glücklicherweise nicht aus eigenem Erleben kenne).

Lieber ab, Deine Berichte sind oft so ausgewogen, daß ich nicht entscheiden kann, ob Dir das gefallen hat oder nicht?

Grüße,
Gamaheh

Hier ist anscheinend irgendwas durcheinander geraten - aber egal!
Gamaheh (02.06.2009, 23:39):
Ich war in der letzten Zeit vorwiegend in "Umsonst-Konzerten": Konzertexamina, Antrittskonzerten usw.

Heute abend ist die "Master"-Prüfung einer Banfield-Schülerin in der Kleinen Musikhalle ausgefallen, stattdessen gab es ein gemischtes Programm mit Klavierschülern der Hochschule. Darunter bzw. am Schluß eine Koroliov-Schülerin, die ich schlicht als sensationell bezeichnen würde: Maria Kovalevskaya - Namen bitte merken!

Sie spielte die Suite Nr. 7 von Händel und ein Stück von Schtschedrin, "Basso ostinato" aus Two Polyphonic Pieces, das akrobatisch und eigentlich so gut wie unspielbar aussah ...

Diese Konzerte sind meist nicht sehr gut besucht, so daß man immer in der ersten Reihe sitzen kann, wenn man möchte; oft sind sie sehr gut.

Grüße,
Gamaheh
ab (03.06.2009, 09:14):
Original von Gamaheh
Original von ab
Original von ab
Als besonderes Charakteristikum seines Spiels breitete er durch viel Pedalgebrauch einen schwebenden Grundton wie eine dünne Decke über der Melodiestimme aus. Solches habe ich noch nie gehört!



Für mich klingt das wie Tinnitus (den ich glücklicherweise nicht aus eigenem Erleben kenne).

Lieber ab, Deine Berichte sind oft so ausgewogen, daß ich nicht entscheiden kann, ob Dir das gefallen hat oder nicht?


Ich dachte, dies deutlich ausgedrückt zu haben, indem ich schrieb, dass "ich es mehr schätze, wenn verschiedenen Stimmen deutlich trocken zu Gehör gebracht werden." Außderdem geht mE das Konzept in schnellen Sätzen nicht auf, aber womöglich habe ich mein Ohr nur zuwenig auf solche Klangeigenheiten geschult...

Das Wochenende habe ich wieder einmal meine etwa 20 Interpretation des op. 111 durchgehört. Ich hoffe, bald komme ich dazu, meine Eindrücke am entsprechenden Ort festzuhalten...
Heike (06.06.2009, 14:45):
5.6.09 Konzerthaus Berlin
Konzerthausorchester, Heinrich Schiff Leitung und Violoncello


Dmitri Schostakowitsch Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107
Joseph Haydn Sinfonie Nr. 83 g-Moll Hob I:83 ("La Poule", "Die Henne")
Witold Lutoslawski Trauermusik für Streichorchester (dem Andenken Béla Bartóks gewidmet)
Antonín DvoYák "Das goldene Spinnrad" - Sinfonische Dichtung op. 109

Am liebsten würde ich gleich die Überschrift vergeben "Schuster, bleib bei deinen Leisten"......
Schiff am Cello und dazu noch als "Dirigent" - das ging gar nicht gut. Das sonst von mir gern gehörte Konzerthausorchester spielte mein geliebtes Dsch - Cellokonzert sowas von spannungslos und dröge, ich kam mir vor wie in einer ersten Probe. Es passten die Lautstärken nicht, die Piccoloflöte zB war mehrmals viel zu laut, die Einsätze gelangen nicht wirklich, die dynamischen Rhythmen zogen überhaupt nicht mit. Ich hatte ja nicht allzu hohe Erwartungen, denn nach -zig mal hören von Rostropowitschs genialer Einspielung hätte es jeder schwer, bei mir Gnade zu finden, das war mir schon klar. Aber das war arg langweilig und einzig die Kadenz fand ich dann doch hörenswert.

Dann Haydn, auch nicht viel besser. Diese Sinfonie kenne ich einigermaßen gut und habe sie noch nie grobschlächtig gehört, auch hier das Orchester unpräzise, obwohl sich Schiff nun voll und ganz dem Dirigat widmen konnte. Nicht viel von Haydns Witz, schon gar nichts von den kleinen, leichten Spielereien, auch Überraschungen stellten sich nicht ein.

Das Stück von Lutoslawski kannte ich nicht, insofern fehlt mir hier der Vergleich. Es ist Zwölftonmusik, sehr originell und beeindruckend, es hat mich musikalisch sehr bewegt, gefiel mir ausgesprochen gut und ich muss mich mal nach einer guten Aufnahme umsehen. Zum wiederholten Male gefällt mir ein zufällig gehörter Lutoslawski, langsam ist es wohl an der Zeit, mich mal näher mit ihm zu beschäftigen.

Zuletzt dann das mir ebenfalls unbekannte Werk von Dvorak, was mir dann zum Schluss nochmal ganz simpel und märchenhaft gute Laune bescherte. Als ich mich ganz auf die Musik konzentrierte und versuchte, den Motiven der Geschichte zu folgen, da hat es mir dann doch noch Spaß gemacht.
Heike

edit: Tippfehler
Heike (06.06.2009, 15:10):
Noch ein Nachtrag:
Schiff spielte das sagenumwobene Cello "Mara" von Stradivari (1711) - über die Jahrhunderte schon von vielen Musikern gespielt, dann mit dem Schiff untergegangen, gerettet und restauriert und heute über 4 Mio Euro wert!
Heike
satie (06.06.2009, 19:03):
Original von Hebre
mit dem Schiff untergegangen

Na, das liest sich ja dann in diesem Zusammenhang sehr zweideutig...

Ich danke für die Beschreibung. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Schiff ein bedeutender Cellist ist, eine Zeit lang war er sogar vielleicht der bedeutendste Cellist der zeitgenössischen Musik überhaupt. Warum er unbedingt dirigieren muss? Wer weiß.
Ich finde hier interessant, dass eigentlich der Haydn quasi die Stellung einnimmt, die sonst für gewöhnlich in einem Konzertprogramm die zeitgenössische "Pflichtkomposition" inne hat. Mir wirkt das wie ein Fremdkörper. Und ich bezweifle nicht, dass das Werk dann auch entsprechend halbbatzig gespielt wurde.

Herzlich,
S A T I E
Amadé (06.06.2009, 20:04):
Hallo Hebre,

falls Du Dich mit Lutoslawski näher beschäftigen willst, kann ich Dir diese DCD empfehlen.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028946404324.jpg

Einiges dirigiert der Komponist selbst: Konzert für Orchester, Trauermusik, Venezianische Spiele.

Grüße Amadé
Heike (07.06.2009, 09:11):
Hallo Amadé,
herzlichen Dank für die CD- Empfehlung, die kommt gleich auf meinen Wunschzettel!

Hallo Satie,
ja, die Logik dieser Programmgestaltung erschließt sich mir auch nicht.
Und leider leider ist die Mara mit Schiff Freitag wirklich fast nochmal untergegangen - nämlich im uninspirierten Orchesterklang.
Es gibt übrigens ein Buch zur Geschichte dieses Cellos, auf das in der Einführung hingewiesen wurde:



Heike
ab (07.06.2009, 11:46):
Original von Amadé
Hallo Hebre,

falls Du Dich mit Lutoslawski näher beschäftigen willst, kann ich Dir diese DCD empfehlen.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028946404324.jpg

Einiges dirigiert der Komponist selbst: Konzert für Orchester, Trauermusik, Venezianische Spiele.

Grüße Amadé

Des Dirigenten seine eigenen EMI-Einspielungen gibts neuerdings billig bei Brilliant:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/5029365901123.jpg
Cetay (inaktiv) (07.06.2009, 12:11):
Original von ab

Des Dirigenten seine eigenen EMI-Einspielungen gibts neuerdings billig bei Brilliant:



Allerdings ohne die essentielle Dritte Sinfonie (die auf der EMI drauf ist); die hat er wohl nicht unter eigenem Dirigat aufgenommen?
ab (07.06.2009, 23:10):
Original von Dox Orkh
Allerdings ohne die essentielle Dritte Sinfonie (die auf der EMI drauf ist); die hat er wohl nicht unter eigenem Dirigat aufgenommen?

?(

Von der dritten Sinfonie ist mir bei EMI nichts bekannt. Wohl aber scheint bei der EMI-Box noch ein Werk auf, das "Symphonische Variationen" genannt ist.

By the way: Die Naxos-Ausaben mit Antoni Wit haben stets allerhöchstes Lob, und das auch für den Klang bekommen! Ich habe aber leider keinen Tipp, ob die CDs mit Wit interpretatorisch den Aufnahmen durch den Komponisten selbst vorzuziehen sind.

Das Konzert für Orchester halte ich jedenfalls für eines der ganz phantastischen Kompositionen des 20. Jahrhunderts!
kreisler (12.06.2009, 02:38):
Heute (bzw. gestern :wink) im Konzert gewesen:

_________

11. Juni 2009
Philharmonie im Gasteig
_________

Faszil Say
Lothar Zagrosek
BR-Symphonieorchester
_________

Zuerst "Et expecto resurrectionem mortuorum" von Messiaen.
Ich fand diesen 5-sätzige "Bläserchoral" mit - Live sehr Lauten :B - Gong-Schlägen schon immer ganz gut. (Außer diesem Stück kenne ich ehrlich gesagt nur noch wenig anderes von ihm wirklich gut :ignore)
Jedenfalls haben mir diesmal die kompositorisch spannenden Stellen weitaus mehr interessiert als dieser bloße Klangrauch, der auf mich oft etwas zu effektvoll wirkte.

Dann das "Ereignis", warum ich überhaupt in dieses Konzert gegangen bin:
Es hieß Fazil Say und machte seinem Ruf (den er jedenfalls bei mir Besitz) alle Ehre!
Ziemlich "ver-jazzt" spielte er Ravel´s G-Dur Konzert.
Man muss sagen: seine Spielweise hatte schon fast etwas lässiges. Dabei spielte er das Konzert auch gar nicht so glatt in einem Klangrausch herunter, sondern zeichnete hier und da auch Kanten auf und spielte vieles sehr ungewohnt.
Das wichtigste für ihn war aber augenscheinlich zu zeigen, worum es hier und im Konzert allgemein gehen sollte: Einfach zu Musizieren und die Musik ohne Hemmungen frei auszuleben, und das hat man ihm auch wirklich voll abgenommen.
Endlich mal jemand, der nicht unnötig von Konventionen und Interpretationstradition niedergedrückt wird, sondern einfach richtig Spaß am Klavier hat :D
Dann eine Zugabe die sich nicht jeder in einem Abo-Konzert geleistet hätte, aber natürlich gut gepasst hat: Eine vermutlich eigene? Bearbeitung (bzw. Jazz-Fantasie) auf Summertime aus Gershwins Porgy and Bess. ziemlich nach Jazz klingend, ziemlich virtuos und am Ende mit wunderbarer Komik...
Wenn er sowas spielt dann ist das einfach tausendmal besser als wenn bsp. ein Gulda die Konzertgänger mit Jazz "aufscheuchen" will (Gut heutzutage ist das vielleicht auch nicht mehr so streng und der Ravel verleitet ja gewissermaßen dazu), aber der Fazil, der kann es wenigstens richtig! :D

Danach noch Strawinsky, Symphony in three Movements
Irgendwie liegt mir Strawinsky nicht sonderlich und berührt mich etwa im Vergleich zu Schostakowitsch überhaupt nicht. Jedenfalls gilt das besonders für seine Klassizistische Phase, aus der ja diese "Symphonie" stammt. Wer weiß, vielleicht finde ich ja später den richtigen Zugang zu ihm.

Zagrosek, der ja eigentlich kein schlechter Dirigent ist, blieb in meinen Augen bei den ganzen etwas mau. Nicht nur, dass er immer einfach nur furchtbar rumfuchtelte, als das Orchester wunderbar lyrische Passagen spielte :D, auch seine Begleitung zu dem Konzert hätte für meine Begriffe etwas mehr Zusammenspiel sein können.
Jedenfalls hat er mich im Vergleich zu Fazil Say etwas enttäuscht, da einfach nicht genug Ausstrahlung von ihm auf mich wirkte. man könnte vielleicht auch sagen, langweilig?

Trotzdem: Gelungener Konzertabend - leider hat Fazil Say keine Autogramme gegeben, das hätte ich mir ausnahmsweise mal eins geholt,
Kreisler
Heike (12.06.2009, 22:21):
Hallo Kreisler,
danke für deinen Bericht!
Von Fazil Say habe ich auch eine CD - diese:



Ich mag die eigentlich recht gern, besonders die Liszt-Sonate gefällt mir (die ich sowieso gern mag). Mal schaun, wenn der in Berlin irgendwann auftreten sollte, dann werde ich hingehn.

Schade, dass der Zagrosek dir nicht so gefallen hat, ich höre den in Berlin eigentlich ganz gern, so richtige Enttäuschungen habe ich noch nicht erlebt mit ihm. Vielleicht fehlt ihm das spektakuläre, aber er hat einen Sinn für Musik, auch für Neues, was ihn mir recht sympathisch macht. Ich finds schade, dass er seinen Vertrag 2011 in Berlin wohl nicht verlängert.
Heike
Gamaheh (15.06.2009, 22:50):
Liebe Forenser,

Zeit für einen Bericht über den von mir am Wochenende erlebten pianistischen Overkill beim Piano(s) Festival in Lille; ich habe in drei Tagen zehn Konzerte gehört.

Dieses Festival mit dem "originellen Titel" (ab) „Autour de Chopin“ fand am Freitag, Sonnabend und Sonntag an vier verschiedenen Spielstätten in Lille statt, die ich alle im Laufe des Wochenendes kennenlernte und die alle sehr zentral gelegen sind: 4 Konzerte mit Orchester im Théâtre du Nouveau Siècle (ein großes Theater mit über 1000 Plätzen), 5 Recitals im Théâtre du Nord mit ca. 400 Plätzen, 3 Recitals in einem Saal der Handelskammer (ca. 300 Stühle), 5 Recitals von Nachwuchskünstlern bei freiem Eintritt in einem stillgelegten Bahnhofsgebäude, das zu einem Kino (ca. 160 Plätze) mit Bühne und Kulturzentrum umgebaut worden ist. Dazu kamen einige Veranstaltungen für Schüler und für Familien („Wie funktioniert ein Klavier?“) sowie eine Veranstaltung mit drei Kurzfilmen von Laurel & Hardy mit Klavierbegleitung.

Die Eintrittspreise waren sehr gemäßigt (besonders für französische Verhältnisse): 9 Euro für die Recitals, 15 Euro für die Orchesterkonzerte; nach Bestellung von drei Karten bekam man einen Festival-Paß, der zum Erwerb von ermäßigten Karten berechtigt: 7 bzw. 12 Euro.

Die Altstadt von Lille ist sehr attraktiv, und die Leute dort sind sehr freundlich; erwähnen möchte ich – für die, die vielleicht ein anderes Mal dorthinfahren, das italienische Restaurant „La Fossetta“ in der rue des Fossées.

Dieses Festival findet jedes Jahr statt, aber nicht immer im Juni.

Am Freitag im Morgengrauen aufgebrochen, trug mich mein altes Auto ohne zu murren rechtzeitig dorthin, um am Abend noch zwei Konzerte zu hören. Hier hatte ich vorsichtshalber nicht reserviert, weil man mit den wechselhaften Straßenbedingungen und mit einem 21 Jahre alten Auto nie weiß, wann man ankommt ...

Um 19 Uhr das erste Recital im Théâtre du Nord mit einem jungen italienischen Pianisten namens Roberto Giordano. Er spielte folgendes Programm von Chopin:

Ballade n. 4 op.52
Sonate n.2, op.35
12 Etüden op.25.

Nicht nur das Parfüm des Salons, sondern auch jede Eleganz hat dieser Pianist Chopin genommen, seine Würde, seine Noblesse – es blieb sicherlich nichts Romantisches. Er hat die Musik nicht „wie ein Brathähnchen zerlegt“ (wie es im „L’Isle joyeuse“-Faden hieß), sondern sie fraktioniert (wie man es mit Wein macht), um sie dann nach eigenem Geschmack wieder zusammenzusetzen. Er hat sie zerfetzt, entstellt, dissoziiert, so daß kaum noch etwas wiederzuerkennen war. In der 4. Etüde kamen die Noten wie trockene Hustenstöße, am Ende wurde alles im Pedal ertränkt wie der schleimige Auswurf eines terminal tuberkulösen Patienten (Mediziner bitte Nachsicht).

Dazu leidet er offenbar an einer Hypertrophie der Schweißdrüsen, besonders an den Händen: Er mußte nach jedem Satz, nach allen zwei bis drei Etüden genüßlich unterbrechen, um sich die Hände mit dem bereitliegenden Taschentuch zu trocknen und die Klaviatur abzuwischen – jedesmal Applaus; ich weiß nicht, ob das echter Ignoranz entsprang oder ob sich das Publikum über ihn lustig machte. Vielleicht hat jemand von Euch einen Tip für den jungen Mann (Rubinstein soll die Tasten vor dem Konzert mit Haarspray eingesprüht haben).

Hier ist ein junger Künstler, der sich selbst zelebriert. Ich fürchte, die Leute werden in seine Konzerte gehen nur um zu sehen, was er wieder aus diesem oder jenem macht, oder weil sie so liberal sind zu denken, diese alten Schinken müßten dringend einmal neu aufgelegt werden, oder weil sie es einfach nicht besser wissen ...

Danach ein Orchesterkonzert im Nouveau Siècle: Zu Beginn die Ouvertüre zu Don Giovanni von Mozart, denn es folgte Chopins op.2, von dem ich nur wußte, daß es Robert Schumann so sehr gefallen hatte, daß er ihm einen Artikel in seiner Neue Zeitschrift für Musik mit dem Titel „Ein opus 2“ widmete, der begann „Hut ab, meine Herren – ein Genie!“

Brigitte Engerer war für den erkrankten Frank Braley eingesprungen, um die „La ci darem la mano“-Variationen zu spielen, und sie tat es mit viel Freude und guter Laune (nach Noten) und zeigte, daß dieses Werk zu unrecht vernachlässigt wird – eine echte Vollblutmusikerin. Sie trug ein Gewand, das ich als „Kaftan“ bezeichnen möchte, in den Grundtönen rostrot-braun, sehr schick mit vielen Glitzer-Pailletten besetzt. Als Zugabe: „Le rossignol“ von Liszt.

Danach noch Chopins Klavierkonzert n.2; den Solopart spielte der junge Pianist Marc Laforêt, der ebenfalls für Frank Braley eingesprungen war.

Es spielte das Orchestre nationale de Lille unter der Leitung von Jean-Claude Casadesus.

Güße und bis später,
Gamaheh
Gamaheh (17.06.2009, 00:58):
Am Sonnabend ging es weiter mit einem umfangreicheren Programm:
Mittags hatte ich in einem zu einem Kulturzentrum/Kino umfunktionierten ehemaligen Bahnhofsgebäude (Gare St. Sauveur) ein Gratiskonzert mit einer jungen armenischen Pianistin, Varduhi Yeritsyan, gehört, das mich eher indifferent gelassen hat:
Chopin: Ballade n.2, Mazurka n.1 op.59, Prélude n.16
Bartok : Allegro barbaro (so klang es auch)
Katschaturian: Toccata
Prokofiew: Sonate n.2

Nun Anne Queffélec, die hier offenbar bekannt und sehr beliebt ist, in der Handelskammer.

Sie hatte die Idee, vorher zu erklären, welcher Logik zufolge sie ihr Programm zusammengestellt hatte (was den Zeitplan völlig durcheinanderbrachte): Einerseits, um zu zeigen, daß Chopin durchaus auch ein französischer Komponist war; andererseits hat sie das Element Wasser thematisiert mit den entsprechenden Teilen des folgenden Programms:

Chopin, zwei Nocturnes: op. 72/1 und posthum
Mazurka n.3, op.50; Barcarolle op.60
Satie, Gnossiennes n.1 u. 5, Gymnopédies n.1 und 3
Ravel, Miroirs: Noctuelles, Oiseaux tristes, Une barque sur l’océan
Liszt, St. François de Paule marchant sur les flots.

Sie spielt sehr schön und ausdrucksvoll, aber mit dem Bleifuß an das rechte Pedal geschweißt ; leider verfestigt sich bei mir die eigentlich völlig unmotivierte Müdigkeit. Die tiefblaue Hintergrundbeleuchtung, die das Wasser optisch begleiten soll, hilft nicht, denn Blau senkt den Blutdruck ... Außerdem sind die Stühle sehr unbequem ...

Gute Nacht und bis bald,
Gamaheh
Gamaheh (17.06.2009, 10:37):
Merkwürdigerweise ist meine Müdigkeit sofort verflogen, und auch mein Stuhl ist nicht mehr unbequem, als das nächste Recital beginnt.

Hat jemand von Euch schon mal (von) Alexander Paley gehört? Ich hatte über diesen Pianisten, der aus Moldawien stammt und in den USA lebt, gelesen und einmal einen Ausschnitt aus einem Konzert gesehen und wollte deshalb dieses Recital unbedingt hören. Es hat – das vorweg – alle meine Erwartungen übertroffen und war für mich sicher der Höhepunkt dieses Festivals (wenn man mal von dem obligaten Philippe Bianconi absieht).

Paley kommt auf die Bühne, setzt sich an den Flügel und legt los (so kann man es nur sagen). Eine schier unglaubliche Energie scheint ihn zu treiben. Zuerst die selten (von mir noch nie live) gehörten Paganini-Etüden von Robert Schumann (op.3?): Jeder Einzelheit gibt er einen eigenen Ausdruck, begleitet mit Gesten, mit Grimassen wie ein Pantomime – das wirkt aber keineswegs wie Spektakel – es paßt alles, ist organisch, da ist nichts Künstliches. Sein Spiel ist so natürlich wie ausdrucksstark, einfach vollkommen überwältigend. Pianistische Schwierigkeiten gibt es für ihn nicht, alles scheint auf die natürlichste Weise aus ihm herauszuströmen, in das Instrument hineinzufließen. Dabei ist nichts gehämmert, nichts ist Kraftmeierei. Lyrische Töne kommen ebenso überzeugend poetisch, leise und sanft, aber auch diese mit sublimierter Energie.

Dann der obligate Chopin: die Fantasie op.49, ein schwieriges Stück, das – ich erwähnte es schon – meist entweder geglättet wird oder auseinanderfällt. Auch hier ist alles organisch, jeder der heterogenen Teile folgt aus dem anderen; teilweise hat er die Übergänge gestaltet wie Vokalisationen im alten Stil.

Schließlich Liszt, ebenfalls Paganini-Etüden. Ich habe nie einen Pianisten erlebt, der mir näher an die legendären Darbietungen von Liszt selbst – wie man sie aus zeitgenössischen Berichten kennt – heranzukommen scheint.

Eigentlich hatte ich erwartet, daß der Flügel sich jetzt spontan entzündet und in Flammen aufgeht. Stattdessen bekommen wir noch – weil alle so begeistert sind – zwei Zugaben: eine Transkription eines bekannten Walzers, den ich allerdings im Moment nicht plazieren kann, und die Toccata von Schumann.

Hinterher bedarf das Instrument einiger Zuwendung, und der Stimmer ist noch bei der Arbeit, als schon wieder alle auf ihren Plätzen sitzen und des nächsten Recitals harren, das jetzt allerdings nur noch blaß wirken kann.

Dies ist wieder Marc Laforêt, wieder eingesprungen für Frank Braley. Er spielt wirklich sehr schön und ausdrucksstark, auch wenn er schon gelegentlich nach Effekten sucht, die nur mit Mühe zu finden sind. Alle spielen sie sehr schön ...

Die Organisatoren spielen weiterhin mit farbiger Beleuchtung und haben sich inzwischen auf limonengrün festgelegt, was den Interpreten einen etwas ungesunden Teint verleiht.

Der Vollständigkeit halber das Programm (alles Chopin):

Andante spianato u. Grande polonaise op.22
Ballade n.1 op.23
4 Mazurkas op.24
Ballade n.3 op.47
Nocturne op.27/2
Scherzo n.2 op.31

Hinterher stand noch ein Orchesterkonzert an, in dem zu Anfang Chopins Cello-Sonate aufgeführt wurde, gespielt von Alexander Kniazev und der bulgarischen Pianistin Plamira Mangova (nie gehört, aber durchaus bemerkenswert), eine korpulente junge Frau mit einer langen blonden Lockenmähne, wie Lorelei. Der Cellist hat schon einen legendären Ruf und eine lange Lockenmähne von undefinierbarer Farbe und trägt Schuhe, die in senkrechter Stellung durchaus den Stachel seines Cellos ersetzen könnten. Welches er übrigens wunderschön spielt, lyrisch und schmachtend. Hier zeigt sich nun, daß die Liller (Lilloiser, Bürger von Lille jedenfalls) ganz einfach begeisterte Klatscher sind, denn auch hier fehlt nach keinem Satz ausgedehnter Applaus; auch der Konzertmeister wird mit Applaus begrüßt und eine zu späte 2. Geige.

Danach Burleske für Klavier und Orchester von Richard Strauss, am Klavier wieder Plamena Mangova, und Saint-Saens Klavierkonzert n.5 mit Brigitte Engerer, die heute einen weiß eingefaßten türkisfarbenen Kaftan mit hunderten von glitzernden Pailletten trägt und als Zugabe eine „Italienische Polka“ von Rachmaninow spielt. Orchestre National de Lille unter der Leitung von Paul Mann.

Grüße,
Gamaheh
kreisler (17.06.2009, 12:18):
Original von Hebre
Mal schaun, wenn der in Berlin irgendwann auftreten sollte, dann werde ich hingehn.


Mach das umbedingt, ist wirklich lohnenswert :)
Ich hab übrigens in einer meiner ersten Beiträge hier in irgendeinen Thread seine geniale Sacre Aufnahme vorgestellt. (Er spielt dort die Version für zwei Klaviere alleine mit Hilfe von verschiedenen Bändern).
Heute ist ja Strawinskys Geburtstag - dank Google weiß ichs jedenfalls :D - da könnte ich mir die Cd wirklich mal wieder anhören.

Schade, dass der Zagrosek dir nicht so gefallen hat, ich höre den in Berlin eigentlich ganz gern, so richtige Enttäuschungen habe ich noch nicht erlebt mit ihm. Vielleicht fehlt ihm das spektakuläre, aber er hat einen Sinn für Musik, auch für Neues, was ihn mir recht sympathisch macht. Ich finds schade, dass er seinen Vertrag 2011 in Berlin wohl nicht verlängert.
Heike

Mein Cousin geht regelmäßig in das Konzerthaus. Über ihn hatte ich schon (viel gutes) über Zagrosek gehört. Ich will gar nicht sagen, dass er mir unsympathisch war oder so, und ich glaube auch, das alles stimmt, was du von ihm schreibst, aber irgendwie konnte er mich Überhaupt nicht begeistern... :ignore

Viele Grüße,
Kreisler
Gamaheh (17.06.2009, 16:21):
Hier noch ein Ausschnitt aus dem Recital von Alexander Paley in Lille am Sonnabend (s.o.) - unbedingt ansehen!

Grüße,
Gamaheh
Heike (17.06.2009, 20:18):
Hallo Gamaheh, vielen Dank für deine ausführliche und äußerst plastische Beschreibung, da hat das Lesen richtig Spaß gemacht. Wenns nicht so weit weg wäre, würde ich so einen Marathon auch mal mitmachen, vor allem bei den Preisen!
Heike
ab (17.06.2009, 23:35):
..und auch für die stimungsmäßigen Anmerkungen wie Lichtwirkung oder Bekleidung: Dies sind Aspekte, die ich selbst oft (unvermerkt) ausblende und über die ich nichts zu sagen vermag, obwohl sie natürlich ihre (starke) Wirkung auf mich ausüben...
:hello
Gamaheh (18.06.2009, 10:28):
Liebe Heike, lieber ab,

vielen Dank für Eure Kommentare - schön zu wissen, daß man nicht ganz ins Leere schreibt und daß doch noch jemand mitliest ! Es kommt übrigens noch was, ich bin nur noch nicht ganz so weit.

Ich kann diese Nebensächlichkeiten leider meist nicht ausblenden, und sie lenken mich manchmal direkt ab. Deshalb bin ich immer ganz dankbar, wenn jemand in einfacher dunkler Arbeitskleidung auftritt. Andererseits hat man bei auffälligen Ablenkungen wenigstens etwas, woran man sich halten kann, wenn die Darbietung schon nichts taugt.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (18.06.2009, 20:10):
Am Sonntag wollte ich eigentlich nur noch das Recital von Philippe Bianconi um 11 Uhr morgens hören und dann nach Hause fahren ...

Chopins einsames Prélude op.45 ist ein seltsames, amorphes Stück: Es scheint keine Form zu haben, weder Kopf noch Schwanz, scheint ziellos durch Töne und Tonarten zu wandern, hat keine Melodie, die man vor sich hinträllern könnte - ich kann es mir nicht einmal merken und vorstellen. Ich habe daher auch nie den Wunsch, es zu hören, aber wenn ich es höre, bewundere ich es jedesmal. Bianconi spielt es, wann immer sich eine Gelegenheit bietet, zur Not als Zugabe, aber gerne - wie hier - al Hors d'oeuvre zu seinem musikalischen Menü.

Mit drei Walzern – op.18 / n°1, op.34 / n°1, op.64 – kommt ein völliger Stimmungsumschwung: man fühlt sich gleich in Neujahrsmorgen-Laune. Es folgt Faurés Ballade op.19, ein Jugendwerk, das man nicht häufig hört. Ähnlich wie in Brahms' 1. Klaviersonate scheint hier ein bißchen von allem drin zu sein, und ich habe den Eindruck, daß sie für den Interpreten eine Gratwanderung ist, gerade am Anfang, der manchmal so gespielt wird, als wäre das schon das Requiem, manchmal bei dem Versuch, Scylla zu umschiffen, im Stil des Cocktail-Pianos endet. Nach den Versionen, die ich gehört habe, kann man anscheinend so ziemlich alles daraus machen. Die zweite, etwas fetzigere Hälfte, habe ich schon mit Anklang an Ravel gehört, auch mit in Richtung Jazz gehenden Elementen. Bianconi spielt sie für mein Empfinden wie ein Scharnier zwischen Chopin und Debussy (mit etwas Schumannschem im zweiten Teil), so daß ich als nächstes Debussy erwarte. Es kommt aber wieder Chopin, und zwar das 4. Scherzo.

Schließlich (und endlich) Debussy. Von ...D'un cahier d'esquisses (die drei Punkte gehören anscheinend zum Titel) habe ich nur eine irgendwann mal zufällig erworbene Aufnahme (Ph. Cassard), die mich nie interessiert hat; sonst habe ich es noch nie gehört. Hier geht mir auf, daß das eigentlich ein ganz geniales und ungewöhnlich stimmungsvolles Stück ist, und wohl wirklich den Charakter eines Skizzenbuches hat, denn es klingt z.B. ganz deutlich am Anfang die Soirée dans Grenade an. Ich kann hierzu nichts weiter sagen, denn um Debussys wunderbare Musik zu verstehen, habe ich nicht einmal ansatzweise die nötigen Kenntnisse. Aber hier hat diese Musik für mich nichts Anschauliches mehr, wie z.B. in den folgenden beiden Stücken: La danse de Puck und Les fées sont d'exquises danseuses, sondern schafft Stimmungen, Atmosphären, die immateriell sind und sich selbst genügen. Dies gilt auch für die Isle joyeuse, mit der Bianconi sein Programm beschließt. Sein subtiles und nuancenreiches Spiel zeigt, was für ein Meisterwerk dies ist, und seine Delikatesse läßt hier wirklich vergessen, daß das Klavier Hämmer hat. Die Rhythmen, die sich irgendwie zu überlagern scheinen, sind für mich nicht analysierbar, aber haben etwas unwiderstehlich Verführerisches, wie überhaupt der ganze Zauber dieses Klanggebäudes!
Als Nachschlag gibt es - nicht ganz tageszeitgemäß, aber der Stimmung angemessen - das Nocturne op.27/2 von Chopin.

Und jetzt hätte ich nach Hause fahren sollen ... Ließ mich aber verleiten, noch die zwei folgenden Konzerte zu hören:

Philippe Cassard, der Noten und einen Umblätterer mitbrachte (was mich auch immer ablenkt), der aber trotzdem häufig nicht traf und vor allem sehr laut spielte (Polonaise, op.26 / Impromptu n°2, op.36/Berceuse, op.57 / Scherzo n°3, op.39/Lento con gran espressione/Nocturne n°1, op.62 / Sonate n°3, op.58; als Zugabe den früher am Tag schon gehörten "Minuten"-Walzer von Chopin).

Dann noch der junge Russe Alexander Ghindin, der von Statur und Gestus wie auch vom Spiel an Arcadi Volodos erinnert, mit folgendem Programm: Franz Liszt: Venezia e Napoli/Frédéric Chopin: Mazurka n°4, op.17 / Mazurka n°3, op.63/Impromptu n°4, op.66 / Nocturne n°1, op.48/Deux valses, op.69 / Ballade n°1, op.23; zwei Zugaben: ein Stückchen von Händel und eine Quadrille von Louis Moreau Gottschalk, die mich an die großen Jahrmarktsorgeln von einst erinnerte.

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (20.06.2009, 23:32):
Liebe Gamaheh,

einfach köstlich, Deine Berichte! Vielen Dank dafür.

Das stellt mich jetzt aber vor ein Problem.
Ich wollte heute, gerade aus Lugano zurückgekehrt, direkt beginnen, von meinen Konzerterlebnissen zu berichten, aber das vertage ich mal. Erstens ist es schon spät, zweitens werde ich Dich nicht toppen können.
Also muss etwas Abstand her.

Also bis später mal... Nikolaus.
Gamaheh (20.06.2009, 23:34):
Original von nikolaus
Liebe Gamaheh,

einfach köstlich, Deine Berichte! Vielen Dank dafür.

Das stellt mich jetzt aber vor ein Problem.
Ich wollte heute, gerade aus Lugano zurückgekehrt, direkt beginnen, von meinen Konzerterlebnissen zu berichten, aber das vertage ich mal. Erstens ist es schon spät, zweitens werde ich Dich nicht toppen können.
Also muss etwas Abstand her.

Also bis später mal... Nikolaus.

Nikolaus, ich bitte Dich! Und siehe den anderen Faden da oben!

Viele Grüße,
Gamaheh
nikolaus (21.06.2009, 23:06):
Progetto Martha Argerich 2009 - Vol. 1

Zunächst möchte ich berichten, daß bei fast allen Konzerten, die ich besucht habe, Alexis Weissenberg anwesend war.
Er ist schwer an Parkinson erkrankt, und es ist einerseits traurig, ihn so zu sehen, andererseits gebührt ihm grosse Hochachtung, dass er trotzdem all die Beschwerlickeiten auf sich nimmt, um die Konzerte zu besuchen.

Das erste Konzert am 8.6. fand im Auditorium des RSI (Radio Svizzera Italiana) statt, einem kleinen Saal mit guter Akkustik.

Auf dem Programm standen:

D.Shostakovich: Sonate für Viola und Klavier op. 147 mit Nora Romanoff-Schwarzberg (Viola) und Karin Lechner (Klavier).
Es existiert ja ein eigener thread zu diesem Werk, und ich war dementsprechen gespannt.
Es wurde "solide" musiziert, richtig berührt wurde ich aber leider trotz des wundervoll komponierten Adagios nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich denke, dazu braucht es einfach enorme (Lebens-)Erfahrung, die diese jungen Musiker natürlich noch nicht haben können. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es klug ist, dieses Werk an den Anfang eines Konzerts zu stellen.

M.Glinka: Sextett in Es-Dur mit Polina Leschenko (Klavier), Alissa Margulis u. Géza Hosszu-Legocky (Violine), Lyda Chen (Viola), Mark Dobrinsky (Cello), Enrico Fagone (Bass).
Das war dann ein Kontrastprogramm: spritzig wie Champagner, entsprechend gut gelaunt wurde musiziert. Die Pianistin legte dabei ein atemberaubendes Tempo vor und setzte tolle Akzente. Das wahr ein Genuss zum Anhören und auch Ansehen (wegen der gute gelaunten Gesichter und der Blickkontakte).

S.Prokofiev: Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier D-Dur op. 94 mit Alissa Margulis (Violine; übrigens aus der Margulis-Familie, offenbar die Enkelin von Vitaly) und Polina Leschenko (Klavier).
Ich mag diese Sonate sehr gerne, und sie wurde hier fantastisch und mitreissend dargeboten, ungestüm und leidenschaftlich.
Erneut überzeugte mich Polina Leschenko mit tollem Impetus und Akzenten. Ihr Spiel hat etwas ungezwungenes, selbstverständliches, fast schon improvisatorisch freies, dadurch wirkt es immer lebendig (das ist mir schon 2007 beim Grieg-Konzert und auf ihrer letzten CD mit Werken von Liszt aufgefallen).
Alissa Margulis habe ich nach 2005 und 2007 zum dritten Mal erlebt; es macht Freude zu sehen, wie gut sie sich entwickelt hat. Sie hat deutlich an Reife und Intensität gewonnen.

D.Shostakovich: Sonate für Cello und Klavier d-moll op. 40 mit Mischa Maisky (Cello) und Martha Argerich (Klavier).
Es ist schon erstaunlich, was für eine Energie, eine Aura zu spüren ist, wenn sie nur die Bühne betreten, und wenn sie dann erst zu spielen anfangen, geht es richtig zur Sache. Mir ist klar, dass diese Art von "Hochvolt-Musizieren" nicht jedermanns Geschmack ist, aber ich mag diese bedingungslose, risikofreudige Art zu spielen (Maisky ist fast das Cello aus der Hand geflogen). Das ist so ungeheuer spannend und intensiv, ich kann mich dem nicht entziehen. Und dass sie auch zu zarten Tönen fähig sind, zeigen sie immer wieder.

Kurz: das war ein Auftakt nach meinem Geschmack!

Noch zwei Bemerkungen:
Zugaben sind bei den Kammermusikabenden und Orchesterkonzerten nicht üblich, bei den Recitals dagegen schon.
Mich stört es überhaupt nicht, wenn die Musiker mit Noten spielen. Ich muss aber Gamaheh Recht geben: die Umblätterer, egal ob gut (eher selten) oder nicht so gut (leider häufiger), lenken mich auch ab. Am schlimmsten sind die, die schon eine halbe Stunde vor ihren eigentlichen Einsatz aufstehen und zehn Minuten vor dem richtigen Zeitpunkt anfangen umzublättern, so dass die Pianisten so seltsame Kopfbewegungen machen müssen. Und wenn die Pianisten plötzlich heftig mit einer freien Hand oder dem Kopf wedeln, weil der Umblätterer gepennt hat, kriege ich fast einen Herzinfarkt. Wohlgemerkt: ich beneide die Umblätterer nicht um ihren Job, dazu wäre ich viel zu nervös...

to be continued

Nikolaus.
Jürgen (22.06.2009, 09:52):
Ich zitiere mal aus dem "Nicht verpassen"-Faden:
Original von Hebre
TV
Die Berliner Philharmoniker live in der Waldbühne
RBB, Sonntag, 21.06. - 20:15 - 22:15 Uhr

Ihr letztes Konzert der Saison geben die Berliner Philharmoniker unter freiem Himmel, im Grünen und vor 20.000 Zuhörern, kurzum: in der Berliner Waldbühne. Unter dem Motto 'Russische Rhythmen' dirigiert Sir Simon Rattle Auszüge aus Tschaikowskys 'Nussknacker', den 'Sacre' von Strawinsky und das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow. Solist ist der in Usbekistan geborene Jefim Bronfman
Quelle: http://www.tvinfo.de/

Ich habe gestern leider nur "Sacre" hören/sehen können, weil meine Frau mit Klassik (fast) nichts am Hut hat und lieber Tatort sehen wollte.

Aber das, was ich mitbekommen habe, hat mich dann auch nicht vom Hocker gerissen. Die kürzlich erworbene Muti-Einspielung noch im Ohr, empfand ich Rattle behäbig und ohne Elan. Mir gefällt Sacre eher etwas martialischer. Aus diesem Blickwinkel war mir Sir Simon zu brav.

Wie habt Ihr das aufgenommen?
Bzw. wie waren die ersten beiden Programmpunkte?

Grüße
Jürgen
Gamaheh (22.06.2009, 10:45):
Lieber Jürgen,

das hast Du sicher versehentlich hierherkopiert: Hier sollte es eigentlich um LIVE erlebte Konzerte gehen, nicht um im Fernsehen oder Radio - dafür ist doch der "Höre-gerade"-Faden da!

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (22.06.2009, 11:34):
Lieber Nikolaus,

vielen Dank für Deinen Bericht, ich freue mich auf weitere - da wird ja einiges zusammenkommen nach zwei Wochen! (?)

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (22.06.2009, 23:45):
Progetto Martha Argerich - Vol. 2

Am zweiten Abend (9.6.) gab es das "Abschlusskonzert" der Meisterklasse von Ivry Gitlis.
Die Meisterklassen selber habe ich nicht besuchen können, sicherlich wäre das sehr interessant geworden.

Ivry Gitlis ist für seine bald 87 Jahre (!) erstaunlich agil. 2005 habe ich ihn noch mit einer zugegebenermassen eigenwilligen Interpretation der 3. Violinsonate von Brahms gehört.
Er gibt einem den Eindruck eines etwas kauzigen, gleichwohl hellwachen und liebenswerten älteren Herrn.

9 junge Musiker hatten die Gelegenheit, ihr Können zu zeigen.
Gespielt wurden jeweils einzelne Sätze, z.B. aus Solosonaten von Bach und Ysaye, Violinsonaten von Brahms und Franck, dem ersten Satz aus Mendelssohns Violinkonzert (mit Klavierbegleitung) sowie der eigenen Komposition eines Musikers (Yardani Torres, *1988; eine Jota für zwei Violinen).

Die Qualitätsunterschiede waren z.T. erschreckend augenscheinlich. Ich will hier nur die drei nennen, die mir am besten gefallen haben.
Mariarosaria D'Aprile (welch ein Name!) spielte den 1. Satz aus der Violinsonate Nr. 1 von Johannes Brahms; sie schaffte es tatsächlich, Emotionen zu transportieren und nicht nur das Werk zu "bewältigen".
Liya Petrova war sicher die musikalisch am weitesten entwickelte. Sie spielte ebenfalls Brahms, den ersten Satz aus der Violinsonate Nr. 3. Da spürte ich grossen Ernst und einen unbedingten Willen zum Ausdruck.
Absolut überraschend war Thomas Lefort, der den ersten Satz aus Mendelssohns Violinkonzert spielte. Als er die Bühne betrat, sah man einen etwas tolpatschigen, unbeholfenen Jungen (ich schätze ihn auf ungefähr 16 Jahre). Aber welch ein Unterschied als er zu spielen anfing! Hochvirtuos und doch mit Tiefe, grandios. Hier hat einer, der im "normalen Leben" wahrscheinlich als seltsam gelten würde, ein / sein Mittel gefunden sich auszudrücken. Aufgrund des begeisterten Applauses ergriff er kurzerhand die Gelegenheit und spielte eine offenbar ungeplante Zugabe (ich glaube, es war Bach). Er wollte gar nicht mehr von der Bühne und schien einfach glücklich. Da kann einem nur das Herz aufgehen...

Noch ein paar Worte zu den Outfits der sieben Musikerinnen (es waren nur zwei männliche dabei):
Es reichte von Jeans-Minirock mit Flipflops über schlichte schwarze Hose über schlichtes langes Kleid bis zum Chiffon-Modellkleidchen mit Highheels. Ich weiss, man sollte das nicht überbewerten, aber die Flipflops haben mich doch gestört...

To be continued

Nikolaus.
Jürgen (23.06.2009, 10:28):
Original von Gamaheh
Lieber Jürgen,

das hast Du sicher versehentlich hierherkopiert: Hier sollte es eigentlich um LIVE erlebte Konzerte gehen, nicht um im Fernsehen oder Radio - dafür ist doch der "Höre-gerade"-Faden da!

Grüße,
Gamaheh

Hallo Gamaheh,

nach dem Buchstaben des Gesetzes hast Du vollkommen recht. Dennoch habe ich mit Bedacht und nicht versehentlich hier gepostet.
Wenn Du meine Beweggründe gelesen hast, wirst Du es mir sicherlich nachsehen.

Da das Waldbühnenkonzert als Fernsehliveübertragung nicht nur von RBB, sondern auch von 3sat (ich weiss nicht von wem sonst noch), gesendet wurde, erschien mir die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass mehrere Forianer es gesehen/gehört haben. Natürlich hatte ich gehofft, dass diese ihre Eindrücke hier schildern.
Die Aussichten auf eine kleine Diskussion erschien mir hier einfach besser, als im "Höre-gerade"-Faden.


Ausserdem dichtete schon Wagner:
Original von Hans Sachs
Der Regel Güte daraus man erwägt,
dass sie auch 'mal 'ne Ausnahm' verträgt.

Liebe Grüße
Jürgen
Heike (23.06.2009, 21:31):
Ich habe das Waldbühnenkonzert auch gesehen und mir hat es auch nicht gefallen - ich mag Rattle sowieso nicht besonders und ich weiß schon, dass öfter mal bei mir Langeweile unter seiner Leitung aufkommt. Dazu das open-air-flair, wo es ja manchmal mehjr auf den schnellen Effekt ankommt als auf Feinheiten.
Das bestimmt schwierige 3. Rachmaninov- Klavierkonzert war vorab jedoch ein Lichtblick, es ist einfach tolle Musik und hat mich wie immer gefesselt, der Pianist J. Bronfman spielte es für die sicher schwierigen Verhältnisse dort mit Bravour und russischer Seele.



Ganz anders dann gestern J. Kissin in der Philharmonie Berlin - keine Sekunde Langeweile!!!!
Es begann mit Sergej Prokofjew - 4 Stücke aus "Romeo und Julia" op. 75: "Pater Lorenzo", "Das Mädchen Julia", "Mercutio", "Die Montagues und Capulets"
Sehr beeindruckend, wie er binnen 2 Minuten den großen Saal der Philharmonie in seinen Bann zog (Argerich mit Maysky brauchte dazu vor kurzem ca. eine gefühlte halbe Stunde). Das war hier von Beginn an ganz anders, nuanciertes, punktsicheres und stimmiges Spiel, das emotional packte und null Nervosität war zu merken vor diesem großen, fast ausverkauftem Haus (am Montag!).

Der Höhepunkt für mich dann die Prokofjew - Sonate Nr. 8 B-Dur op. 84. Ich kenne die Sonate von der Sokolov-CD und mag die schon dort recht gerne, dieses trotzige, böse, wilde, manchmal penetrante, dann wieder lyrische Stück, dass sich so spröde dagegen wehrt, dass man sich das Gebilde merken kann. Mit dem live- Bonus war es unglaublich beeindruckend. Ganz anders als Sokolov, vieleicht weniger klangschön, weniger subtil, aber dafür viel extremer und dynamischer - und dabei glasklar. Manchmal unglaublich furiose Tempi, sehr leidenschaftlich, mit sehr hoher Spannung. Besonders in den schnellen, lauten Passagen ungeheuer ausdrucksvoll und stark.

Nach der Pause dann Frédéric Chopin - Polonaise-Phantasie und 4 Mazurken, dann die Etüden op. 10 Nr. 3, 4, 11 und 12 sowie op. 25 Nr. 5, 6 und 11. Hier tobte sich Kissin auf den Tasten aus, aber meisterlich. Man sah förmlich, dass ihm das Spaß machte, dass er da zeigen konnte, was man aus so einem Ministück machen kann. Das Publikum konnte sich nach dem cis-Moll Presto (Nr. 4) nicht mehr halten und applaudierte dem am Klavier verharrenden Kissin in spontaner Begeisterung, so virtuos sicher und mitreißend hatte er gespielt.

Das war alles furchtbar aufregend und wenn er dann so im Applaus stand und sich verbeugte, dann wirkte er so jung und fast noch kindlich, unglaublich, welche Power der hat.
Heike
kreisler (23.06.2009, 21:45):
Da bin ich ja richtig neidisch, das du so einen tollen Kissin-Abend erleben durftest.
Ich habe in bis jetzt nur einmal, und zwar mit Mozart gehört. Das hat mir unglaublich gut gefallen!

Sowieso gehört er zu meinen Lieblingspianisten :hello

Liebe Grüße,
Kreisler
Heike (23.06.2009, 21:51):
Mit Mozart kann ich mir den gar nicht vorstellen :D
Dieses wilde, aufregende v.a. in der Prokofjew-Sonate, das hat schon unglaublich gut zu seiner Power gepasst.

Wenn ich so vergleiche, bei Sokolov im Frühjahr kam ich ganz verzaubert und fast in Trance aus dem Konzert. Kissin hat mich demgegenüber total aufgeregt und angeregt. Jedenfalls war es meine erste live- Begegnung mit Kissin und hoffentlich nicht meine letzte.
Heike
kreisler (24.06.2009, 07:41):
Original von Hebre
Mit Mozart kann ich mir den gar nicht vorstellen :D
/quote]

Genau das war das Besondere! Da kommt so ein russisches Wunderkind, von dem man sich irgendwelche atemberaubende Kabinettstückchen erwartet und da spielt er einfach Mozart :) Aber er ist halt weitaus mehr als nur ein Wunderkind (siehe Kissin-Thread :D) sondern einfach ein unglaublich toller Musiker...

lg kreisler
Gamaheh (24.06.2009, 10:07):
Kissin sollte hier am 14. spielen, aber ich habe mich ja dann für Lille entschieden. Hinterher erfuhr ich, daß Kissin unpäßlich gewesen sei und ausgerechnet - Ihr werdet es nicht erraten - der jahrelange "Cancellator" Pogorelich für ihn eingesprungen ist; er soll nicht so schlimm gewesen sein wie beim letzten Mal.

Grüße,
Gamaheh
Heike (24.06.2009, 18:52):
Oh oh, Pogorelich würde ich ja auch gern mal zu sehen kriegen!!!
Aber jedenfalls schien Kissin (zum Glück) in Berlin wieder ganz fit zu sein, denn er spielte sogar 3 Zugaben (fis-moll Nocturne von Chopin, das zweite kannte ich nicht, könnte irgendwas von Prokofjev gewesen sein; zum Schluss noch ein „Soiree de Vienne“ von Liszt)
Heike
nikolaus (24.06.2009, 22:25):
Zunächst ganz aktuell und damit ich mir Luft machen kann:

Ein ganz ärgerlicher Abend in der Kölner Oper: ein Gastspiel des Züricher Balletts mit einem Stück zu 3 Cellosuiten von Bach (Nr. 2, 3, 6), live und meiner Meinung nach miserabel gespielt von dem Cellisten Claudius Herrmann - kennt den jemand?

Der Titel des Stücks: In den Winden im Nichts

Nichts war es wirklich, dazu aber nur laue Lüftchen.

Die schönen Suiten sind zu einer Nummern-Revue verkorkst worden, und selbst wenn man die Suiten auf "stilisierte" Tänze reduziert, waren diese unerträglich belanglos.

Die Tänzer sind technisch sicher hervorragend, aber wirken seelenlos (dabei hatte ich mehrfach den Eindruck, sie wollten mehr geben, aber irgendetwas hat sie gehindert).

Das Publikum hat gejubelt... :ignore

Irgendetwas ist wohl falsch bei mir :(

Nikolaus.
nikolaus (24.06.2009, 23:07):
Progetto Martha Argerich - Vol. 3

Das erste Klavierrecital habe ich geschwänzt, das Programm (Bach/Busoni, Liszt, Tschaikovsky, Piazzolla, Strawinsky) hat mich nicht besonders interessiert, und es war der erste sonnige Tag...

Am 10.6. fand dann das erste Orchesterkonzert statt, und zwar wie immer im Palazzo dei Congressi. Teppichboden im Zuschauersaal und viel Beton sorgen für eine ziemlich schlechte Akkustik.

Gespielt hat wie immer das örtliche Orchestra della Svizzera italiana, dieses Mal unter Alexander Vedernikov.

O.Messiaen: Les offrandes oubliées
Dieses frühe sinfonische Stück von Messiaen kannte ich bis dato nicht. Zunächst fand ich es sehr interessant und auch bewegend, es hat aber doch keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, sodaß ich nichts wichtiges darüber berichten kann.

E.Bloch: Schelomo, der Solist war Mischa Maisky.
Das hat mir nicht so zugesagt, hängen geblieben ist da nicht viel. Auch Maisky konnte da nichts ausrichten, um es mir näher zu bringen.

E.McDowell: Klavierkonzert Nr. 2 d-moll op. 23, der Solist war Mauricio Vallina.
Dieses Konzert hat meine Nerven doch arg strapaziert. Kompositorisch war das ein Gemisch aus vielem, u.a. Liszt, Schumann, aber einen roten Faden habe ich nicht erkennen können.
Vallina habe ich schon mehrfach gehört, und immer denke ich, daß er das falsche Repertoire spielt. Er konzentriert sich immer so auf das Virtuose, das ihn aber scheinbar viel Mühe kostet. Dabei zeigt er in mehr lyrischen Passagen, daß er auch "Tiefe" hat.

M.DeFalla: Nächte in spanischen Gärten, die Solistin war Martha Argerich.
Das war das Highlight des Abends. Bei ihrer Studioaufnahme mit Barenboim empfinde ich das ganze immer als ein etwas einheitlicher "Klangbrei" (das klingt jetzt negativer als ich es meine). Live habe ich vielmehr Details herausgehört, die mir Spaß gemacht haben. Sie hat eine sehr schöne, sinnliche Atmosphäre geschaffen mit ihrer Interpretation. Und wieder diese Selbstverständlichkeit und Freiheit in ihrem Spiel...

F.Mendelssohn-Bartholdy: Konzert für zwei Klavier Nr. 1 E-Dur, die Solisten waren Dong Hyek Lim und Francesco Piemontesi.
Das war noch etwas leichtes, unbeschwertes zum Schluss.
Toll, was Mendelssohn da mit 14 Jahren komponiert hat; interessante Konstruktion mit einem schönen langsamen Thema des 2. Klaviers im dritten Satz. Dieses hat Piemontesi sehr schön, fast chopinesk gespielt. Er hat mir von beiden besser gefallen wegen seines voluminöseren, dunkleren Klangs.
Lim hat zwar auch gut gespielt, schien jedoch etwas unkonzentriert, wahrscheinlich einfach müde (war ja schon spät...).

To be continued

Nikolaus.
Gamaheh (25.06.2009, 16:22):
Lieber Nikolaus,

schön, wenn es auch an einem eher mittelmäßigen Abend doch noch immer etwas gibt, was den Abend rettet (und wahrscheinlich besser, wenn es zum Schluß kommt).

Ich bin ja mal gespannt, auf wieviele Konzerte Du kommst!

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (26.06.2009, 20:11):
Progetto Martha Argerich- Vol. 4

Nun zum ersten Klavierrecital in der Chiesa di San Rocco, einer kleinen Kirche in Lugano, deren Wände und Decken über und über mit Fresken bemalt ist (und deren Bänke äusserst unbequem sind...). Akkustik in Ordnung.

Es spielte Dong-Hyek Lim, ein 24jähriger gebürtiger Koreaner, der 1994 nach Moskau zog und u.a. am Tchaikovsky-Konversatorium unter Lev Naumov ausgebildet wurde. Derzeit studiert er bei Emanuel Ax an der Juilliard School in New York. Er gewann Preise u.a. beim Busoni-, Chopin- u. Tchaikovsky-Wettbewerb und gewann 2001 als jüngster Pianist den Long-Thibaud-Wettbewerb.

Auf dem Programm standen:

Bach/Kempff: Siziliana

Bach/Busoni: Chaconne

Bach: Goldbergvariationen

Er war eindeutig besser "in Form" als am Vorabend und hat bei mir einen positiven Eindruck hinterlassen.
Die Siziliana spielte er angemessen schlicht, die Chaconne nicht übermässig virtuos.
Die Goldbergvariationen (bei mir das erste Mal live, gefällt mir fast besser als von CD) fand ich im Gesamteindruck auch überzeugend, wenngleich mir manche Stellen etwas unschlüssig erschienen. Es war eine reife, durchaus eingeständige Interpretation; vergleiche ich sie mit den mir bekannten, würde ich sie Richtung Schiff einordnen. Ich würde sie als klangschön (ich weiss, Klischee...) beschreiben und phasenweise als richtig "sprechend".

Es ist übrigens das Programm seiner aktuellen CD, bei EMI erschienen.

To be continued.

Nikolaus.
nikolaus (26.06.2009, 21:45):
Progetto Martha Argerich- Vol. 5

Am 14.6. fand im Auditorium des RSI ein Kammermusikabend statt, den man unter das Motto "Familienkonzert" hätte stellen können.

Lilya Zilberstein spielte mit ihren Söhnen Daniel und Anton Gerzenberg (beides angehende Pianisten, Daniel 18 Jahre alt, Anton 13) und Mischa Maisky im Trio mit seiner Tochter Lily (Klavier) und Alissa Margulis.

J.Brahms: Intermezzo Es-Dur op. 117 Nr. 1
Variationen über ein Thema von Paganini op. 35
Es spielte Lilya Zilberstein.
Das Intermezzo empfand ich etwas rascher als die mir bekannte Einspielung von Lars Vogt. Vorteil: es blieb nirgendwo "stehen"; es war nachdenklich, aber nicht "grüblerisch", rund und voll im Ton. Das war zum Einstieg sehr schön.
Die anschliessenden Paganini-Variationen spielte sie phasenweise sehr virtuos und zupackend, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass es nicht zu meinen Lieblingswerken von Brahms gehört. Trotzdem sicher eine gute Leistung.

M.Clementi: Sonate für zwei Klaviere op. 1 Nr. 6, gespielt von Daniel und Anton Gerzenberg.
Ein mir unbekanntes, reizvolles und charmentes zweisätziges Stück, mit viel Spaß von den beiden Brüdern gespielt.

D.Shostakovich: Concertino für zwei Klaviere a-moll op. 94, nochmals mit Daniel u. Anton Gerzenberg.
Ich habe die Einspielung von Martha Argerich und Lilya Zilberstein. Der Vergleich ist interessant.
Der jüngere Anton spielte das zweite Klavier; für sein Alter spielt er schon fantastisch, natürlich hat er noch nicht die Reife, aber er war seinem Bruder ein sicherer, neutraler Gegenüber.
Dadurch kam der ältere Daniel sehr gut zur Geltung. Er ging seine Part recht eigenwillig, für meine Ohren fast "jazzig", und sehr enthusiastisch an. Beide hatten wieder sichtlich Spaß und ich als Zuhörer und -schauer dadurch ebenfalls!

S.Rachmaninov: Romanze und Walzer für Klavier sechshändig, gespielt von der Mutter mit ihren Söhnen.
Das war rührend anzusehen, mir ging richtig das Herz auf, es vermittelte mir den Eindruck einer "heilen Familie", drei lachende Gesichter und der jüngste immer aufschauend zu Mutter und Bruder.
Zwei reizvolle kleine Stücke, die Introduktion zur Romanze hat Rachmaninov später als Introduktion für sein zweites Klavierkonzert verwendet.

S.Rachmaninov: Klaviertrio Nr. 2 d-moll op. 9 "élégiaque", gespielt von Lily Maisky, Alissa Margulis und Mischa Maisky.
Ein schönes Trio, typisch Rachmaninov. Es wurde von ihm anlässlich des Todes von Tchaikovsky geschrieben und orientiert sich an dessen Klaviertrio a-moll, der zweite Satz ist ebenfalls ein Variationensatz. Das habe die drei sehr intensiv gespielt, inklusive Gänsehaut bei mir. Erneut fiel mir Alissa Margulis besonders positiv auf.

To be continued.

Nikolaus.
Jürgen (27.06.2009, 00:33):
Original von nikolaus
Progetto Martha Argerich- Vol. 5

Am 14.6. fand im Auditorium des RSI ein Kammermusikabend statt, den man unter das Motto "Familienkonzert" hätte stellen können.

........


S.Rachmaninov: Klaviertrio Nr. 2 d-moll op. 9 "élégiaque", gespielt von Lily Maisky, Alissa Margulis und Mischa Maisky.
Ein schönes Trio, typisch Rachmaninov. Es wurde von ihm anlässlich des Todes von Tchaikovsky geschrieben und orientiert sich an dessen Klaviertrio a-moll, der zweite Satz ist ebenfalls ein Variationensatz. Das habe die drei sehr intensiv gespielt, inklusive Gänsehaut bei mir. Erneut fiel mir Alissa Margulis besonders positiv auf.

Nikolaus.


Ach, allein um diese 45 Minuten beneide ich Dich. Ich habe jüngst berichtet, dass ich die Aufnahme des Beaux Arts Trios gehört habe.
Und überhaupt werde ich nicht müde, zu schreiben, dass ich dieses Stück liebe. Es war/ist mein Einstieg in die Kammermusik. Es ist athmosphärisch so dicht, hochromantisch. Man glaubt fast, ein KK zu hören. Das würde ich auch gerne live erleben.

Grüße
Jürgen
nikolaus (27.06.2009, 21:56):
Progetto Martha Argerich- Vol. 6

Am 15.6. erneut Kammermusik im Auditorium des RSI.

L.v.Beethoven: Sonate für Cello und Klavier Nr. 2 g-moll op. 5 Nr. 2, gespielt von Mischa Maisky und Lily Maisky.
Das hat mir ehrlicherweise nicht so gut gefallen. Insbesondere sie fand ich schwach: relativ eintönig, so dass keine richtige Spannung aufkommen wollte. Zudem hatte sie etwas Stress durch den Umblätterer (ein Thema für sich, ich erwähnte es bereits weiter oben). Mischa Maisky hielt sich zurück, und beide waren - so mein Eindruck - nicht zufrieden.

M.Ravel: Rhapsodie espagnol (Transkription für zwei Klaviere von Ravel), gespielt von Karin Lechner und Sergio Tiempo, dem Geschwisterpaar, das gerade eine sehr schöne CD mit Werken für zwei Klaviere von Milhaud, Fauré, Debussy und Ravel veröffentlicht hat.
Die beiden sind ein eingespieltes Team. Da hat alles gepasst: es war spannend, raffiniert und ausdrucksstark, manchmal fast ein bisschen "Rhapsodie argentine". Exaktes Zusammenspiel, ganz famos!
Und schön finde ich immer wieder, wenn die Musiker sich hinterher auch offensichtlich über ihre Leistung freuen!

Wie fast schon üblich, gab es auch an diesem Abend eine kurzfristige Programmänderung (ich finde das spannend, denn meistens kommt noch etwas besseres dabei heraus): statt der geplanten 2. Violinsonate von Brahms mit Dora Schwarzberg und Nicholas Angelich kam
L.Janacek: Sonate für Violine und Klavier, gespielt von Dora Schwarzberg und Martha Argerich.
Ich habe sie 2005 dort mit Gidon Kremer und Piotr Anderszewski gehört und war jetzt ziemlich überrascht: ich hatte sie irgendwie anders in Erinnerung, sie klang bei den beiden Damen nicht so aggressiv, sondern weicher, subtiler. Damals war ich begeistert, aber auch jetzt hat es mir gefallen (natürlich hat Dora Schwarzberg nicht die Klasse eines Gidon Kremer, aber muss ja offenbar auch nicht, um eine gutes Ergebnis zu erzielen...).
Bei dieser Gelegenheit ein Hinweis: diese Sonate sowie einige andere Stücke sind schon bei youtube anzuschauen.

Zum Abschluss des Abends noch ein Highlight:
J.Brahms: Klavierquartett Nr. 3 c-moll op. 60, gespielt von Martha Argerich, Dora Schwarzberg, Lyda Chen, Mischa Maisky.
Da stand alles wieder unter Hochspannung. Äusserst energetisches, fast wildes Musizieren (so wild, dass bei Maisky im Scherzo die G-Saite riss; er spielte es noch zu Ende, verliess dann aber sichtbar verärgert die Bühne, um sie zu wechseln. Das Scherzo wurde dann wiederholt).
Für meinen Geschmack spielt Argerich einen tollen Brahms (und ich würde sogerne das 1. Klavierkonzert mit ihr hören), ich muss aber zugeben, daß sie an diesem Abend eindeutig im Vordergrund stand, so daß ein gewisses Ungleichgewicht entstand (am wenigsten im Andante). Trotzdem: für mich unwiderstehlich mitreissend...

To be continued.

Nikolaus.
nikolaus (27.06.2009, 21:59):
Original von Jürgen
Es ist athmosphärisch so dicht, hochromantisch.


Jaaa! :down
nikolaus (30.06.2009, 22:08):
Progetto Martha Argerich- Vol. 7

Am 16.6. standen erneut Bachs Goldbergvariationen auf dem Programm, diesmal gespielt von Alexander Gurning, nun auch schon 36jährig.
Es war ein heisser Tag, und auch in der Chiesa di San Rocco nicht besonders kühl. Neben mir saß eine ältere Dame, die bisweilen geräuschvoll ihren Fächer schwenkte und zudem regelmäßig ohne Grund schniefte. Dennoch gelang es mir, mich einigermaßen zu konzentrieren, indem ich einfach die Augen zu machte und nur hörte.

Das erste, was ich hörte - die Aria - gefiel mir außerordentlich gut. Sehr gefühlvoll und nicht zu getragen.
Danach war ich aber nicht mehr so begeistert. Irgendwie fand ich seine Interpretation etwas "schwammig" und unklar. Dong-Hyek Lim hatte mir besser gefallen.
Und als es nach ungefähr der Hälfte eine unvermutet lange Pause entstand, öffnete ich irritiert meine Augen: er trank gerade aus seiner Wasserflasche. Es sei ihm herzlich gegönnt, aber mich hat das aus dem Takt gebracht...

Da er ein schon viele Jahre bekannter Teilnehmer des Progetto ist, bekam er begeisterten Applaus. Nichts desto trotz hat mich Lim mehr angesprochen.

To be continued.

Nikolaus.
nikolaus (30.06.2009, 22:43):
Progetto Martha Argerich- Vol. 8

Das zweite der beiden Orchesterkonzerte fand am 17.6. statt.
Wieder spielte das Orchestra Svizzera Italiana, dieses Mal unter der Leitung von Gabriel Chmura (mir bis dato völlig unbekannt).

J.Sibelius: Valse triste. Nun ja, das habe ich schon besser gehört (z.B. von der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi), wobei das Orchester gar nicht schlecht spielte; offenbar war Chmura nicht ganz so inspiriert. Und diese Stück an den Anfang zu setzen - ich weiss nicht recht.

Erneut eine Programmänderung: statt A.Schönbergs Klavierkonzert:
Bach/Busoni: Klavierkonzert d-moll BWV 1052, gespielt von der Japanerin Akane Sakai, auch eine langjährige Bekannte in Lugano.
Als das Konzert begann, dachte ich, es wäre das "Original", aber dann waren doch virtuose und erschwerende Verzierungen zu hören. So gerne ich seine Transkription der Chaconne mag, diese Bearbeitung ist für mich überflüssig. Das schöne Konzert verliert dadurch seine "Bachsche Klarheit".
Auch die Interpretation brachte mir das Konzert nicht näher, auch wenn Sakai sicher engagiert spielte.

G.Martucci: Klavierkonzert Nr. 2 b-moll op. 66, gespielt von Nelson Goerner.
Weder Konzert noch Komponist waren mir bis dato bekannt. Er lebte Ende des 19.Jhdts. (1856 - 1909), war Konzertpianist und wurde von Toscanini und Mahler gefördert. Sein 2. Klavierkonzert entstand 1885 und ist deutlich von Brahms beeinflusst (so steht's im Programmheft)
Mir hat das Werk allerdings nicht gefallen. Es besteht aus langen Solo-Passagen für das Klavier, unterbrochen von Orchesterpassagen; wenig eingängige Melodien. Der Klavierpart ist hochvirtuos, lässt mich aber emotional kalt.
Goerner spielte tadellos und irgendwie auch sehr überzeugend, lieber würde ich ihn mit Brahms hören.

W.Walton: Cellokonzert, gespielt von Gautier Capucon.
Der jüngere der Capucon-Brüder war voll in seinem Element. Voller, schön abgedunkelter Ton und intensives Spiel für ein Werk, das mich (leider, leider) auch eher unbeteiligt gelassen hat.

Aber Martha hat diesen Abend wieder zu einem grandiosen Ende gebracht:
L.v.Beethoven: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19.
Je älter sie wird und je öfter ich sie höre (mit sich wiederholenden Werken), desto mehr fällt mir diese Freiheit und Spontaneität auf, von der ich immer so schwärme. Sie setzt sich an den Flügel und spielt, als wenn es das natürlichste auf der Welt wäre. Wunderbar zartes Adagio, humorvolles Rondo. Ein beglückender Abschluss des Konzertes!

To be continued.

Nikolaus.
Gamaheh (30.06.2009, 23:05):
Lieber Nikolaus,

Original von nikolaus
Am 16.6. standen erneut Bachs Goldbergvariationen auf dem Programm, diesmal gespielt von Alexander Gurning, nun auch schon 36jährig.

Das klingt wie ein Überfluß an Goldberg-Variationen! Was für eine seltsame Programmierung ... Aber man hätte denken sollen, daß so ein alter Mann (!) sie mit mehr Reife spielt. Und ein etwas gesitteteres Benehmen an den Tag legt. So etwas mit Wasserflasche habe ich auch schon mal erlebt, aber das war im Gewächshaus, und der Pianist (ich glaube, es war F-F. Guy) hat sich dazu in einer Applaus-Pause diskret hinter eine größere Topfpflanze zurückgezogen - eine andere Möglichkeit gibt es da ja nicht. (Ich bin übrigens gerade am Überlegen, ob ich mir die Interpretation von Alexander Paley (s.o. Lille) zulege; nach den Ausschnitten, die ich gehört habe, scheint die erfrischend "anders" zu sein.)

Beste Grüße,
Gamaheh
nikolaus (01.07.2009, 22:31):
Original von Gamaheh
Lieber Nikolaus,

Original von nikolaus
Am 16.6. standen erneut Bachs Goldbergvariationen auf dem Programm, diesmal gespielt von Alexander Gurning, nun auch schon 36jährig.

Das klingt wie ein Überfluß an Goldberg-Variationen! Was für eine seltsame Programmierung ...

Beste Grüße,
Gamaheh

Na ja, es ist durchaus interessant, zu vergleichen (war auch so im Programmheft angemerkt).
Ausserdem hat Lim jetzt eine CD mit diesem Programm herausgebracht...

Noch bessere Grüße, Nikolaus.
nikolaus (01.07.2009, 22:50):
Progetto Martha Argerich- Vol. 9

Am 19.6. erneut Kammermusik:

S.Rachmaninov: Symphonische Tänze op. 45 für zwei Klaviere, gespielt von Martha Argerich und Nelson Goerner.
Das war unwahrscheinlich spannend. Schon der Anfang, so geheimnisvoll. Die beiden spielten wundervolle Töne, zarte Piani und wenn nötig dramatisch zupackend. Da waren zwei ebenbürtige Musiker am Werk, die sich gegenseitig befeurten.

Statt G.Lekeu (ein mir wieder unbekannter, belgischer Komponist) gab es
C.Saint-Saens: Violinsonate d-moll op. 75 gespielt von Renaud Capucon und Nicholas Angelich.
Bis auf einen rasanten letzten Satz, wie ein perpetuum mobile, ist mir leider von diesem Werk, das ich nicht kannte, nicht viel in Erinngerung geblieben.
Dagegen ist mir Capucon aufgefallen mit einem runderen, weicheren Ton als sonst von ihm gewohnt. Ich weiss aber nicht, ob er an seinem Spiel etwas geändert hat oder ob es am Werk lag. Gefallen hat er mir so sehr gut.

Abschließend gab Stephen Kovacevich ein Kurz-Recital:

J.S.Bach: Allemande aus der Partita Nr. 4 D-Dur BWV 828 - sehr schön schlicht, etwas romantisch.

F.Schubert: Sonate A-Dur D 959 - auch sehr schön; mir fielen zwar kleine Fehler auf, die aber zu vernachlässigen waren. Er wirkt so bescheiden in seinem Spiel, fast "altersweise".

Als Zugabe:
J.S.Bach: Sarabande aus der Partita Nr. 4 - ein schöner Abschluss.

The end.

Nikolaus.
kreisler (04.07.2009, 00:54):
Erstmal vielen Dank für die schönen Beiträge zu den Festivals, es macht echt Spaß sie zu lesen :hello

Ich durfte diese Woche auch zweimal ins Konzert: Am Montag und Heute. Eigentlich hat mir das erste Konzert, in dem Arcadi Volodos das wunderbare 2. Klavierkonzert von Prokoffief alles in allem sehr gut (und hoch virtuos) gespielt hat, sehr gut gefallen. Allerdings wurde es von dem heutigen Konzert völlig in den Schatten gestellt:

Die Münchner Philharmoniker spielten Mahler´s 5. unter Michael Tilson-Thomas

gerechterweise muss man jetzt erstmal sagen, dass das Programm auch noch Krenek´s Orchesterlied "Nachtigall" und ein moderneres Stück der amerikanischen Komponistin Ruth Crawford Seeger, aber das wirkte alles etwas wie ein Vorspiel zu der Mahlersymphonie.

Ich als tiefer Gustav-Mahler-Verehrer hatte bis dato noch nie eine seiner Symphonien live gehört, und deswegen hat mich gleich schon der Beginn vollkommen umgehauen. Ich glaube ich hatte noch nie in "intensiveres" Konzerterlebnis, bei dem ich mich mehr auf die Musik eingelassen habe; Auf jeden Fall hatte ich noch kein Ergreifenderes und Besseres.

Ohne zu übertreiben, kann ich sagen, dass ich wirklich bewegungslos (im Konzert ist man ja dazu verurteilt :J) da drinnen saß und vollkommen in den Bann gezogen war. Ich glaube ich hab niemals beim Musikhören mehr nachgedacht. Ich habe regelrecht um die Musik gerungen...

Kurzum, dass Konzert hielt den Erwartungen die ich hatte mehr als stand. Und dabei habe ich noch gar nicht die superbe Interpretation von Tilson-Thomas erwähnt! Er zog seine dramatische aber nicht überemotionale Sichtweise (die sehr gut zur 5. passte) konsequent und mit solch einer Meisterschaft durch, die ich gar nicht genug loben kann (auch wenn ich natürlich heimlich zum überemotionalen tendieren würde :D).
Nein, es gab tatsächlich Stellen, die hatte ich so noch nicht einmal bei Bernstein oder Barbirolli gehört.
Der erste Satz war, besonders auch was den langsamen Trauermarsch angeht, unglaublich gut gespielt, und der 2. sowieso ähnliche Satz stand dem in fast nichts nach. Der Beginn des Scherzos hätte einen bisschen mehr von seiner tänzerischen Atmosphäre haben können, aber auch dieser Satz passte bestens in den Zusammenhang und außerdem ist er ja bei Leibe nicht nur "tänzerisch"! Im Gegenteil hatte Mahler immer Angst, dieser Satz würde zu schnell genommen werden, was hier nicht der Fall war.
Eine weitere positive Überraschung war noch das Adagietto, dass Tilson-Thomas recht schnell nahm, in dem er aber trotzdem Mahlers eigenen Anweisungen exakt folgte.

Außerdem war ich überrascht, wie gut die Münchner auf einmal Mahler spielen können, wo ihnen sonst doch immer nur Bruckner vorgesetzt wird...:P

Alles in allem also nicht nur ein gelungener Konzertabend, sondern auch ein Erlebnis für mich, dass ich nicht vergessen werde...

lg kreisler
nikolaus (04.07.2009, 09:11):
Original von kreisler
Ich glaube ich hatte noch nie in "intensiveres" Konzerterlebnis, bei dem ich mich mehr auf die Musik eingelassen habe; Auf jeden Fall hatte ich noch kein Ergreifenderes und Besseres.

Ohne zu übertreiben, kann ich sagen, dass ich wirklich bewegungslos (im Konzert ist man ja dazu verurteilt :J) da drinnen saß und vollkommen in den Bann gezogen war. Ich glaube ich hab niemals beim Musikhören mehr nachgedacht. Ich habe regelrecht um die Musik gerungen...


lg kreisler

Da kann ich nur gratulieren! Dieses Erlebnis kann Dir niemand nehmen, und Du wirst es nie vergessen. Geniesse es!

Nikolaus. :hello
Jeremias (09.07.2009, 10:42):
Gestern Abend in der Essener Philharmonie:

Was passiert, wenn man einem südamerikanischen Tiger und einem russischen Bären zwei Flügel gibt? Wenn dahinter die Namen Martha Argerich und Lilya Zilberstein stehen, dann ergibt es eine Sternstunde des Klaviers! Anders ist das Klang- und visuelle Erlebnis in der ausverkauften Philharmonie nicht zu bezeichnen! Einzelheiten folgen später!
kreisler (09.07.2009, 14:08):
:hello
Dann kann ich mich ja schon sehr auf Morgen freuen (Das mache ich aber sowieso :leb):

Da kommen nämlich die beiden auch in München vorbei...und ich bin dabei :D
nikolaus (09.07.2009, 22:27):
Original von Jeremias
Gestern Abend in der Essener Philharmonie:

Was passiert, wenn man einem südamerikanischen Tiger und einem russischen Bären zwei Flügel gibt? Wenn dahinter die Namen Martha Argerich und Lilya Zilberstein stehen, dann ergibt es eine Sternstunde des Klaviers! Anders ist das Klang- und visuelle Erlebnis in der ausverkauften Philharmonie nicht zu bezeichnen! Einzelheiten folgen später!

Da freue ich mich aber, dass ich nicht alleine mit meiner Begeisterung bin!
Du hast Recht, es war eine Augen- und Ohrenweide und einfach eine tolle Stimmung bei den beiden und damit auch im Publikum.
Ich will aber nicht vorgreifen und überlasse Dir die Einzelheiten...

Nikolaus :hello
nikolaus (09.07.2009, 22:28):
Original von kreisler
:hello
Dann kann ich mich ja schon sehr auf Morgen freuen (Das mache ich aber sowieso :leb):

Da kommen nämlich die beiden auch in München vorbei...und ich bin dabei :D

Du kannst Dich wirklich freuen. Viel Spass und reichen Genuss!

Nikolaus.
Jeremias (10.07.2009, 08:06):
Ich will mich noch zurück halten, bis Kreisler auch sein Erlebnis hatte!

@ Nikolaus: Wo hast Du gesessen? Wir waren oben im Rang auf der Seite, auf der Martha überwiegend sass :D
nikolaus (10.07.2009, 18:02):
Original von Jeremias
Ich will mich noch zurück halten, bis Kreisler auch sein Erlebnis hatte!

@ Nikolaus: Wo hast Du gesessen? Wir waren oben im Rang auf der Seite, auf der Martha überwiegend sass :D

Ich sass im Chor rechts, also direkt hinter Martha, bzw. ihr in die Augen schauend (wenn ich nicht so kurzsichtig wäre...) :D :D
kreisler (15.07.2009, 01:03):
Original von Jeremias
Ich will mich noch zurück halten, bis Kreisler auch sein Erlebnis hatte!

@ Nikolaus: Wo hast Du gesessen? Wir waren oben im Rang auf der Seite, auf der Martha überwiegend sass :D

Sie haben ja häufig die Seiten getauscht; also In unserem Konzert jedenfalls - Das war dann auch noch eine ganz gute Sketch-Einlage, was die Klavierhocker anging (wanderten dauernd hin und her und wurden nach oben und wieder nach unten geschraubt...:J)..
Jedenfalls zum Glück für mich, da ich zuerst auf der "falschen" Seite saß. Aber dann durfte ich auch noch etwas von der wirklich intuitiv wirkende, wunderbare Spielweise der Argerich abbekommen.
Das war das erste Konzert von ihr in dem ich war und ich wahr sowohl von dem Programm, als auch vom Spiel der beiden regelrecht begeistert!!! :)

P.S: SO jetzt müsst ihr euch nicht weiter zurückhalten, von euerm Konzert zu berichten :D

Nächtliche Grüße,
Kreisler
nikolaus (22.07.2009, 23:58):
Ich muss jetzt noch meiner Begeisterung Luft machen:

Ich weilte heute wieder live über medici.tv beim Festival in Verbier:

Johannes Brahms: Klavierquintett op. 34 mit Stephen Kovacevich (Klavier) Janine Jansen und Miriam Contzen (Violine), Maxim Rysanov (Viola) u. Marie-Elisabeth Hecker (Cello)

Das war nach der Enttäuschung gestern mit Lang Lang, Vadim Repin und Mischa Maisky ganz, ganz großartig! So liebe ich Kammermusik: eine Achterbahn der Gefühle, von entfesselt bis zart und beseelt.
So unterschiedlich die Musiker auch sind, sie hatten eine gemeinsame Idee und jeder hat seinen Part 150%ig ausgefüllt und ausgelebt: Janine Jansen immer ein bisschen wild, aber hochkonzentriert und wachsam hat sie die Fäden in der Hand gehalten und immer den Kontakt zu den anderen gesucht; Miriam Contzen in ihrer Spielweise zurückhaltender, aber gerade dadurch die richtige "Assistenz" für Janine Jansen (und erstaunlich synchrone Bogenführung); Maxim Rysanov hat sich fabelhaft behauptet, selten habe ich die Viola so gut herausgehört; Marie-Elisabeth Hecker fast noch mädchenhaft u. scheu, aber auch intensiv (ob die ganz junge Jaqueline du Pré ähnlich war?); und im Hintergrund unprätentiös und "altersweise" Stephen Kovacevich, der mit ganz wenig Mitteln viel Wirkung erzielt.

Aber es kam noch besser:

Mit dem Verbier Festival Orchester unter Gábor Takásc-Nagy spielte Martha Argerich das 2. Klavierkonzert von Beethoven.
Und da ging mir endgültig das Herz auf (und die Tränen in die Augen). So frei und beseelt habe ich sie selten gehört oder erlebt! Ich werde mich gar nicht erst bemühen, irgendwelche Worte dafür zu finden.
Als Zugabe spielte sie den dritten Satz gleich noch einmal und noch die typische Scarlatti-Sonate.

:down

Nikolaus.
Amadé (25.07.2009, 16:39):
Hallo Forianer,

am vergangenen Donnerstag, meinem letzten Urlaubstag, besuchte ich das Jubiläumskonzert „100 Jahre 9.Sinfonie“ bei den Toblacher Gustav-Mahler-Tagen. Die Bamberger Symphoniker spielten unter Leitung ihres Chefs Jonathan Nott die 9. im Konzertsaal des ehemaligen Grandhotels. Für mich war es nicht nur eine Wiederbegegnung mit diesem Orchester, dass ich in jugendlichen Tagen mehrmals unter Leitung von Jochum, Kempe, Klee, Rowicki hören konnte, sondern auch nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder eine live-Begegnung mit dieser letzten vollendeten Mahler-Sinfonie, die im Komponierhäuschen im Garten eines Hotels in Schluderbach bei Toblach, in dem Mahler seine letzten Sommerurlaube verbrachte, skizziert wurde. Das Orchester war vollbesetzt, 16 erste Vl., 14. zweite, vierfacher Holz- und Blechbläsersatz, 4 Schlagzeuger, jedoch nur 6 Kontrabässe statt 8 und weniger Celli. Eigentlich ist dieser Konzertraum zu klein dimensioniert für diese Sinfonie, das Podium nimmt fast ein Drittel des Raumes ein, für höchstens 400 Zuhörer konnten Plätze bereitgehalten werden. Entsprechend knallig hörten sich die lauten Stellen bei den nicht wenigen Zuspitzungen an, die Klänge verschwammen dann oder kamen grell zu Gehör, Einzelheiten gingen unter, schade. Dirigent und Orchester hatten sich gut auf die Aufführung vorbereitet, dem Vernehmen nach entstand eine CD-Einspielung einige Zeit vor der Aufführung. Nach meinem Empfinden gestikulierte Nott zu viel, immer wieder stach er bei bewegten Stellen mit dem Taktstock in Richtung der einen oder anderen Musikergruppe. Ein insgesamt Ruhe ausstrahlenderes Dirigat halte ich gerade bei dieser Sinfonie für erstrebenswert. Trotz der genannten Einwände ein gelungenes Konzert. Die Zuhörer dankten nach der Aufführung mit lang anhaltendem Beifall. Die vielen Mikrofone auf und unter der Decke des Podiums deuteten auf einen Mitschnitt hin.

Grüße Amadé
kreisler (08.08.2009, 19:13):
*gehört in den fiktiven "Morgen im Konzert"-Thread"*

:leb Juhuu, doch noch ein Konzert für unserer anstehenden Österreich-Reise gefunden: Gerade (viel zu teure :ignore) Karten für ein kleines Kammerkonzert Morgen im Mozarteum, Salzburg bestellt.

Mozart, Webern und Schubert

Mark Steinberg, Violine
Clemens Hagen, Violoncello
Mitsuko Uchida, Klavier

War echt schwer, überhaupt etwas zu finden, weil wir fast jeden Tag wo anders sind und die Konzertsaison (und leider auch die Gustav-Mahler Wochen in Toblach - :hello Amadé) ja eigentlich vorbei sind.

Liebe Grüße,
Kreisler
Travi (12.08.2009, 21:16):
Präsentiert von Victor Hochhauser

Royal Opera House, Covent Garden

Mariinsky Theater, St Petersburg
Dirigent: Valery Gergiev
Bühnenbild: George Tsypin
Regie: Alexander Zeldin
Video-Design: Sven Ortel
...

Deutsch mit englischen Übertiteln


Das Rheingold
Mittwoch, den 29.07.09

Wotan: Evgeny Nikitin
Donner: Evgeny Ulanov
Froh: Evgeny Akimov
Loge: Oleg Balashov

Alberich: Nikolai Putilin
Mime: Andrej Popov

Fasolt: Vadim Kravets
Fafner: Gennady Bezzubenkov

Fricka: Larisa Diadkova
Freia: Zhanna Dombrovskaya
Erda: Zlata Bulycheva

Woglinde: Zhanna Dombrovskaya
Wellgunde: Lia Shvstsova
Flosshilde: Nadezhda Serdyuk

Ich sitze an diesem ersten Abend auf meinem Platz in den Stalls (Circle rechts) und bin eigentlich ganz erfreut. Ich hatte nämlich extrem spät gebucht, obwohl mir seit Monaten bekannt war, dass Wagners Ring in Covent Garden an vier Abenden hintereinander aufgeführt werden würde, was nicht einmal in Bayreuth so zu erleben ist, und dann auch noch unter dem Dirigat des charismatischen Gergiev. Der Platz ist aber wirklich in Ordnung und im Gegensatz zur Ankündigung auf der Website der ROH kann ich sogar die Übertitel sehen. Meine Nachbarn zur Linken: ein junges Paar (der Mann wird mehrmals einschlafen), meine Nachbarn zur Rechten: ein älteres Paar, das sich später im Gespräch als sehr nett und opernerfahren erweist. Der Mann wird mir irgendwann die rhetorisch gemeinte Frage stellen, ob ich den Ring in Bayreuth gesehen habe – und überrascht sein, dass dem nicht so ist. Ich besitze zwar zwei Aufnahmen auf CD (Böhm und, noch rechtzeitig in London bei HMV erstanden, Keilberth 1955, die erste Stereoaufnahme), aber dies wird mein erster live Ring sein.

Gergiev erhält schon Bravorufe, bevor er irgendetwas geleistet hat. Und obwohl er über fünf Minuten zu spät kommt, so wie übrigens auch am nächsten Tag bei der Walküre. Und am übernächsten. Und… Dieser Mann hat das Publikum offensichtlich im Griff. Dabei stand sein Ring unter gar keinem so guten Stern, wie diversen Websites zu entnehmen ist. Die Produktion ist seit Jahren auf mehr oder weniger allen Kontinenten auf Tournee und hat bei weitem nicht nur für positive Kritiken gesorgt.

Besonders auffällig: das Bühnenbild, die Beleuchtung und das Video-Design. Sehr schlicht das erstere; wenige Requisiten, aber was für welche! Vier Riesengestalten hängen zunächst kaum als Figuren erkennbar dicht unter der Bühnendecke und werden im Laufe des Stücks immer wieder hinauf- und hinuntergezogen und unterschiedlich beleuchtet bzw. mittels Licht eingefärbt. Auf mich wirken sie wie altägyptische Mumien, da sie die ganze Zeit über vertikal zu sehen sind. Außer in der letzten Minute, als sie aus ihrer Starrheit erlöst und leicht gebogen werden; ebenfalls die je rechts und links aufgestellten, riesigen Leuchtstäbe neigen sich harmonisch zueinander und verbinden sich zu einem alles übergreifenden Bogen. Die Riesenfiguren, die, wie man nachlesen kann, nicht von der nordischen, sondern von der ossetischen Mythologie inspiriert seien (was für mich wie für etliche andere nicht so einfach ersichtlich war und eher zum Eindruck einer Verwässerung führte), lassen die Darsteller, auch wenn sie Götter sind, von vornherein klein erscheinen, und tragen zu einer gewissen allgemeinen Neutralisierung bei. Wagner für alle?

Ein Kritiker, der die New Yorker Aufführung erlebt hat, meint, man habe wohl "die Dominanz der Musik nicht in Frage stellen (wollen). Also erlebt das Publikum mehr oder weniger eine konzertante Aufführung in Kostümen und Bühnenbild. Die Sänger sind oft vorne an der Rampe postiert. Intensiver Blickkontakt ersetzt aufwendige Aktion." Ich meine, man müsste für London sogar anmerken, dass das Personal z.T. recht lange unbeteiligt auf der Bühne herumsteht, aber vielleicht ist das ja nur mein persönlicher Eindruck. Der bereits zitierte New Yorker Kritiker sieht’s jedenfalls gelassener und meint sogar, hier dürften die Sänger Sänger sein und müssten nicht als Schauspieler glänzen. Nun ja... Mir war jedenfalls der Loge-Darsteller (Oleg Balashov) angenehm aufgefallen, weil er m.E. als einziger auch schauspielerisch sehr gut war.

Die Sänger schienen allgemein nicht so dramatisch-?schrill -?heftig? zu sein, wie ich es von Wagner-Sängern eigentlich erwarte; sie schienen mir zwar kraftvoll, aber auch lyrisch!

Ein echter Nachteil: Das Deutsche war nicht bei allen Sängern – durchweg Russen – gleich gelungen. Überhaupt: Das Orchester schien mir grandios, d.h. es hat die ohnehin schon wunderbare Musik Wagners grandios umgesetzt, und das Zusammenspiel des Orchesters mit dem Visuellen in Form von Beleuchtung, Video, Requisiten etc. war für mich ein alle Sinne berührender Genuss. Aber: Die Sänger gingen mit Ausnahme des erwähnten auch schauspielerisch begabten Loge-Darstellers in der trotz des schlichten Designs aufwändigen Ausstattung ein wenig unter. Ähnlich hatte ich auch im März die (umstrittene) Kölner Tristan und Isolde empfunden, wo das - nebenbei gesagt fantastische! - Bühnenbild die Sänger m.E. völlig vereinnahmte.

Ein vielleicht interessanter Punkt der Kritik: Gergiev und sein Regisseur Zeldin seien gegen Regietheater... (aber dazu an anderer Stelle vielleicht mehr)

Fazit des Abends: Ein unwagnerischer Wagner? Kann das wahr sein?


Die Walküre
Donnerstag, den 30.07.09

Siegmund: Avgust Amonov

Sieglinde: Mlada Khudoley

Hunding: Gennady Bezzubenkov

Wotan: Mikhail Kit

Brünnhilde: Olga Savova

Fricka: Larisa Diadkova

Gerhilde: Zhanna Dombrovskaya
Ortlinde: Irina Vasilyeva
Waltraute: Nadezhda Serdyuk
Schwertleite: Lydia Bobokhina
Helmwige: Tatiana Kravtsova
Siegrune: Nadezhda Vasilyeva
Grimgerde: Anna Kiknadze
Rossweisse: Elena Vitman

1. Akt

Die bekannten Riesengestalten sind diesmal um ein Objekt gruppiert, das einer zu rundlich geratenen Tischplatte ähnelt; sie selbst wirken wie halb zusammengeklappte Stühle. Dass sie auch wie Objekte wirken, kommt u.a. dadurch, dass ihnen die Köpfe fehlen, die ihnen brutal abgerissen scheinen: Drähte stehen aus den Hälsen hervor. Sie werden den ganzen Akt über in dieser Stellung verharren, bis auf die letzte Minute, als Siegmund (Avgust Amonov) das Schwert zieht und das Objekt in der Mitte grün beleuchtet zur Decke gezogen wird. Der Akt ist leider langweilig (mein Nachbar zur Rechten ist anderer Meinung). Die Personen werden durch die sie haushoch überragenden Riesen - ich erwähnte es schon - zu kleinen Staffagefiguren reduziert, was durch die schlichte Kleidung verstärkt wird: Fricka (Larisa Laridkova) in Weiß, wie gestern; Wotan (Mikhail Kit) in Schwarz. Das Video-Design sorgt dafür, dass die Riesen immer wieder wie belebt wirken. Die schauspielerischen Leistungen sind im Allgemeinen so mäßig wie gestern; Ausnahmen bestätigen die Regel (Sieglinde, gesungen von Mlada Khudoley).

2. Akt

Die Riesen sind mit unförmigen Köpfen versehen worden; das runde Objekt liegt nun auf dem Boden.

Brünnhilde, gesungen von Olga Savova, ist fantastisch; sie wird auch am Ende den meisten Beifall bekommen. Leider wird sie an den nächsten beiden Abenden nicht wieder in dieser Rolle auftreten.

3. Akt

Drei der Riesen - mit Pferdeschädeln als Köpfen - stehen einander halb zugeneigt in der Mitte, der vierte liegt am Boden. Sein Schädel ist wie auf ihm deponiert.

Die Walküren sind großartig!


Siegfried
Freitag, den 31.07.09


Siegfried: Leonid Zakhozhaev

Mime: Vasily Gorshkov

Reisender (Wotan): Evgeny Nikitin

Alberich: Nikolai Putilin

Fafner: Gennady Bezzubenkov

Brünnhilde: Olga Sergeyeva

Erda: Zlata Bulycheva

Waldvogel: Anastasia Kalagina

Siegfried (Leonid Zakhozhaev) ist ein munterer junger Bursche, einem jungen Hund nicht unähnlich. Ist dies eine komische Oper??? Zakhozhaev kann jedenfalls singen UND spielen, was ich nach den beiden ersten Abenden als angenehme Abwechslung empfinde.

Die Riesen natürlich weiterhin in stummer Aktion.


Götterdämmerung
Samstag, den 01.8.09


Siegfried: Viktor Lutsyuk

Gunther: Evgeny Nikitin

Hagen: Mikhail Petrenko

Alberich: Nikolai Putilin

Brünnhilde: Larisa Gogolevskaya

Gutrune: Elena Nebera

Waltraute: Olga Savova

Erste Norne: Elena Vitman
Zweite Norne: Svetlana Volkova
Dritte Norne: Tatiana Kravtsova

Woglinde: Zhanna Dombrovskaya
Wellgunde: Lia Shvstsova
Flosshilde: Nadezhda Serdyuk

Wie immer beginnen wir 7 Minuten zu spät...

Wie immer erhält Gergiev bereits Bravorufe, bevor er den Taktstock auch nur erhoben hat…

Siegfried wirkt immer noch recht munter... ist allerdings auch durch einen anderen Sänger besetzt; diese Rolle ist bei weitem nicht die einzige, bei der dies so gehandhabt wird.

Grandios: Die Nornen, die drei Rheintöchter, das Heer,
ebenfalls die Kostümierung von Gunther, Hagen und Guntrune,
ebenfalls der schachbrettartige Tisch, der im ?.2. Akt zwischen den Riesen aufgebaut wird.

Ebenfalls grandios, aber aus verschiedenen Gründen etwas fraglich:

die dramatische Musik mit ihren einfachen Effekten nach Siegfrieds Tod (ich frage mich plötzlich: ist diese Musik vulgär??),

die wahnsinnige Brünnhilde mit ihrer bis an schmerzhafte Grenzen gehenden Gesangstechnik (ich frage mich: darf man das so machen? Macht sie - die Sängerin - es so, weil sie es nicht anders kann?).

Bemerkenswert: Die Riesen neigen sich am Schluss bis fast in die Horizontale; auf dem Rücken sitzen nun plötzlich je mehrere Sphinx-artige Gestalten.
Begeisterter Beifall - aber ich bin gespannt auf die Rezensionen...

Beim Hinuntergehen meine ich auf der Treppe zu hören, wie sich jemand über brüchige Stellen der Handlung unterhält. Leider bekomme ich nicht genauer mit, worum es geht, aber: Ist ja auch irgendwie komisch, wie die Tochter Wotans (Brünnhilde) sich mit dessen Enkel (Siegfried) zusammentut und es zu einem weiteren Inzest kommt. Dann, am Ende von Siegfried schon, Brünnhildes Zorn über ihre Situation; gleichzeitig ein herumturtelnder Siegfried, der so recht nichts merken will. Kurz darauf wird von Brünnhildes Wut nichts mehr zu spüren sein und sie wird zur bedingungslos liebenden Frau. Obwohl die "Erlösung" durch Siegfried letztlich die Vollendung ihrer von Wotan betriebenen Demontage ist, die komplette Vermenschlichung (die nichts Menschliches hat), von der Göttin zur Frau. Nur ihre Stimmgewalt hat sie noch...

Und zum Schluss sei mir die ketzerische Frage erlaubt: Ist der Held Siegfried in dieser Aufführung eigentlich nur ein hirnloser Muskelprotz? (Wie gesagt: Ich kann nicht vergleichen, denn ich kenne keine anderen live-Aufführungen des Ring)

Und noch etwas: Falls ein Grund für die Art der Bühnengestaltung war, auch ein jüngeres Publikum anzuziehen, so war dieser Ansatz, bei dem in Beleuchtung und Video-Design hauptsächlich mit ständig wechselnden Farben sowie Licht- und Schatteneffekten gearbeitet wird, sicher immer noch viel zu brav, und es reicht wohl kaum aus, einen Regisseur nach seiner Jugendlichkeit auszusuchen (Zeldin soll 24 Jahre alt sein). Ich muss gestehen, ich ertappte mich nicht nur einmal dabei, wie ich mir das Ganze als Videospiel vorstellte…

Die Pausen: In der ersten des letzten Abends mache ich einen Spaziergang durchs ganze Haus, einschließlich Blick von der Terrasse (wo das gemeine Volk picknicken darf) auf Covent Garden, in der zweiten picknicke ich selbst mit meinem crayfish salad (köstlich!) und meinem lemon dessert (ebenfalls köstlich), beides von Prêt à Manger. Leider finde ich nur auf einem Heizkörper im unteren Eingangsbereich Platz...

Wie dem auch sei: Diese vier Abende des "Eintauchens", der "total immersion" in Wagners Musik war für mich zweifellos ein ganz außerordentliches Erlebnis, und ich bedaure keine Sekunde, dort gewesen zu sein. Im Gegenteil: Ich hatte mich jeden Tag aufs Neue darauf gefreut, zum Opernhaus hinfahren zu können. Die Rezensionen, die ich inzwischen online gelesen habe, sind allerdings teilweise vernichtend. Wer aber, so wie die von mir sonst sehr geschätzte klassische Musik-Bloggerin (und Korngold-Biografin) Jessica Duchen zuerst dazu auffordert, um Gottes Willen auf jeden Fall diesen Ring zu besuchen, weil es das Erlebnis dieses Londoner Sommers überhaupt sei, dann aber selbst nur zwei Abende besucht und über alle vier urteilt (sie entschuldigt sich dafür, eine vollkommen irrige Empfehlung abgegeben zu haben), den kann ich kaum ernst nehmen. Die eigentliche Bewertung steht für mich also noch aus.
nikolaus (12.08.2009, 22:10):
Liebe Travi!

Deinen Ring-Bericht habe ich mit großem Genuß gelesen.

Tausend Dank!

Nikolaus.
nikolaus (12.08.2009, 22:11):
Liebe Travi!

Deinen Ring-Bericht habe ich mit großem Genuss gelesen.

Tausend Dank!

Nikolaus.

Ups, doppelt ?(
Heike (17.08.2009, 19:36):
Hallo,
hier mal meine Kurzeindrücke vom Klaviermarathon bei Young Euro Classic gestern:

Cédric Pescia: souverän, einfühlsam und feinsinnig, originell
Christian Chamorel: interessant, leidenschaftlich und schön anzuhören
Mizuka Kano - gut und ordentlich, aber etwas langweilig
Ben Kim - der schwächste in meinen Augen, sehr mühsam
Matei Varga - sehr ausdrucksstark, technisch anspruchsvoll, aber singt leider mit
Martina Filjak - großartig! sehr extravagant, eigensinnig, aber brilliant gespielt und faszinierend anders. Würde ich mir sofort wieder anhören, wenn die nochmal käme.

Heike
ab (17.08.2009, 22:28):
Original von Amadé
Hallo Forianer,

am vergangenen Donnerstag, meinem letzten Urlaubstag, besuchte ich das Jubiläumskonzert „100 Jahre 9.Sinfonie“ bei den Toblacher Gustav-Mahler-Tagen. Die Bamberger Symphoniker spielten unter Leitung ihres Chefs Jonathan Nott die 9. im Konzertsaal des ehemaligen Grandhotels.


Nach meinem Empfinden gestikulierte Nott zu viel,

Sehe erst jetzt Deinen Beitrag:
Das überrascht mich sehr, weil er bei uns im letzten Oktober mit dieser Sinfonie ganz ruhig agierte. (Meiner Erinnerung zufolge an das damalige Konzert und jetzt an die Aufnahme scheint mir, dass er seit damals bedeutend dazugelernt hat - und schon im Herbst war ich besonders fasziniert!)

Eine andere Frage: War der Konzertsaal eigentlich voll ?

:hello
Amadé (18.08.2009, 18:32):
Proppenvoll,
als ich zwei Tage vorher die vorbestellten Karten abholte, las ich schon den Hinweis "Ausverkauft". Am Konzertabend wartete noch eine Schlange vor der Kasse, ob sie noch hineingelassen wurden, vermag ich nicht zu sagen.

Gruß Amadé
Heike (01.09.2009, 08:04):
Gestern kurzentschlossen in der Philharmnie Berlin:
Händels Messiah mit dem Stuttgarter Festivalensemble
Helmuth Rilling, Leitung

Schlankes, sauberes Spiel von ganz jungen Leuten, mit einem sehr schönen Chor.
Eine ganz großartige Robin Johannsen als Sopran! Den Namen merke ich mir.
Heike
nikolaus (10.09.2009, 00:02):
Ich müsste 12 Minuten warten, damit es wirklich hierher passt, aber egal:

Gerade zurück vom

Beethoven-Marathon, Teil 1

beim Beethoven Festival in Bonn mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Paavo Järvi

Sinfonien Nr. 1, 2 und 3

Was soll ich sagen? Es macht einfach riesig viel Spaß, diesem Orchester und seinem Dirigenten zuzuhören.
Järvi und seine Musiker gestalten Beethoven so spannend und kurzweilig. Immer wieder horche ich auf, weil ich irgendein Detail so vorher noch nicht gehört habe. Immer wieder muß ich schmunzeln, weil soviel Witz und gute Laune dabei sind und Järvi so tänzerisch dirigiert. Entsprechend federt und "swingt" die Musik. Das Orchester ist unglaublich flexibel,; erstaunlich, wie sehr sie sich zurücknehmen können (bis zum kaum hörbaren, flirrenden Piano der Streicher) und wieviel Power sie in dieser kleinen Besetzung erreichen können...

Ich freue mich schon auf die folgenden Konzerte!

Nikolaus, beethovenseelig :engel
nikolaus (10.09.2009, 23:41):
In Ergänzung zu gestern: der Trauermarsch der 3. Sinfonie ging wirklich unter die Haut!

Heute dann Beethoven-Marathon, Teil 2

Sinfonie Nr. 4

Tripel-Konzert mit Tanja und Christian Tetzlaff, Lars Vogt (die Solisten passten perfekt zum Orchester; insbesondere Tanja Tetzlaff, die ich bisher noch nicht kannte, hat mir gefallen!).

Sinfonie Nr. 5

Gleiches, teilweise besseres Niveau wie gestern: rhythmisches, spannungsreiches, immer durchhörbares Musizieren mit soviel Engagement, dass einem das Herz aufgeht.

Für Bonner Verhältnisse ekstatisches Publikum mit standing ovations...

Leider, wie gestern auch, keine Zugaben (vielleicht wegen der Übertragungen im internet und in Kinos europaweit?).

So, jetzt bin ich schon wieder 18 Stunden auf den Beinen und gehe voller Musik ins Bett :leb

Nikolaus.
nikolaus (12.09.2009, 00:14):
Beethoven-Marathon, Teil 3

Heute:

Sinfonie Nr. 6

Klavierkonzert Nr. 1 mit Elisabeth Leonskaja

Sinfonie Nr. 7

Also, das war tatsächlich noch eine Steigerung.
Die 6. wurde wunderschön ausgearbeitet (o.k., im zweiten Satz bin ich eingenickt, das ist bei mir aber immer so, egal wer spielt - außerdem weckt einen das Gewitter ja wieder auf...).

Die Leonskaja habe ich das erstemal gehört. Sie hat mir ganz gut gefallen, sehr zartes, weiches Spiel mit nur einigen wenigen Akzenten. Mir persönlich vielleicht ein bisschen zu lieblich im ersten u. zweiten Satz. Außerdem ist die Akkustik in der Beethovenhalle für Solistenkonzerte ungünstig.
Der dritte Satz wurde vom Orchester grandios begleitet, so gut habe ich das noch nicht gehört!

Klar, die 7. ist ein Selbsläufer. Und dennoch: Järvi schafft es immer wieder, das Publikum in den Bann zu ziehen. Besonders auffällig ist das, wenn er das Orchester soweit zurücknimmt, das man es fast nicht mehr hört. Dann herrscht eine Totenstille im Saal, nur die Streicher sind ganz zart zu vernehmen.

Exemplarisch gelingt im das in der heutigen Zugabe: Valse triste von Sibelius. Zauberei! :down

Nikolaus.
Gerion (12.09.2009, 11:18):
Ich konnte gestern in der Kölner Philharmonie einer wunderbaren Interpretation des Dvorak-Cellokonzerts lauschen. Für den erkrankten Truls Mørk war Johannes Moser eingesprungen. Er konzertierte mit dem WDR-Sinfonieorchester unter dem Dirigat Eivind Aadlands. Ein sehr schöner Konzertabend. Moser intoniert innig und teilweise etwas melancholisch-nachdenklich, dann wieder kraftvoll-explodierend, immer (auch sichtbar) mit vollem Einsatz. Verdiente Bravo-Rufe nach einem wunderbaren dritten Satz, der auch mir am besten gefallen hatte. Als Zugabe gab es die Sarabande aus der ersten Bachschen Cellosuite, auch ganz ausgezeichnet.

Nach der Pause dann Mahlers Vierte: Gleichfalls schön gespielt. Die Sopranistin Mojca Erdmann hat mir gut gefallen. Die etwas "zerfasernden" Einsätze einzelner Orchestergruppen weniger, aber das trübte das Gesamterlebnis nur wenig. Mahler packte mich auch hier.

Insgesamt ein wunderbarer Abend und ein schöner Auftakt in "meine" Konzertsaison '09/10.

Weiter geht es am 24.9. mit R. Brautigam in Bonn :leb
kreisler (12.09.2009, 11:48):
Original von Gerion
Ich konnte gestern in der Kölner Philharmonie einer wunderbaren Interpretation des Dvorak-Cellokonzerts lauschen. Für den erkrankten Truls Mørk war Johannes Moser eingesprungen.

Truls Mørk scheint auf dieses Konzert irgendwie allergisch zu sein :J :
Letztes Jahr ist er auch beim Dvorak Konzert ausgefallen, was ich sehr schade fand, da ich mich sehr gefreut hatte und es nicht gespielt wurde :(
Ich hab es noch nie Live gehört...

Aber Dvorak Cellokonzert und Mahler´s 4. - Auf so ein Programm darf ich hier in München ja gar nicht hoffen...

Grüße,
Kreisler
Gamaheh (12.09.2009, 12:07):
Auch für mich gestern das erste Konzert der Saison, im Bechstein-Centrum Hamburg.

Eigentlich sollte der junge Franzose David Kadouch spielen. Da der aber (wider eigenes Erwarten?) in das Finale des Leeds-Klavierwettbewerbs gekommen ist und gerade gestern dort spielen mußte, hatte Gregor Willmes (einst Chefredakteur des Fono Forum, jetzt Künstlerbetreuer und Konzertorganisator bei Bechstein) ihn freigestellt und als Ersatz den russischen Pianisten Alexej Lebedev engagiert (der im übrigen gerade den zweiten Preis beim Busoni-Wettbewerb gewonnen hat) - für mich ein völlig unbeschriebenes Blatt, aber mit eigener Webseite, aus der man den Eindruck gewinnt, daß er in den letzten Jahren nicht viel mehr gemacht hat, als (obskure) Wettbewerbe zu gewinnen.

Das Programm war durchaus (und dankenswerterweise) mal etwas außerhalb des Üblichen:

György Kurtág: Játékok (Spiele): Sechs Stücke aus dem Buch Nr. VII
Joseph Haydn: Sonate in As Hob. XVI:46
Manuel de Falla: Fantasia baética
Bach/Busoni: Chromatische Fantasie und Fuge in d BWV 903
Sofia Gubaidulina: Chaconne

Als Zugabe: Beethoven, Klaviersonate op.31/2 ("Sturm"), 3. Satz

Gleich der Anfang gefiel mir schon, und so ging es auch weiter: Das Programm war durchaus sinnvoll ausgewählt, und Haydn folge interessanterweise recht nahtlos (fast wie Bach klingend) auf Kurtág. Den MIttelsatz hätte ich mir etwas ausdrucksstärker und spannender gewünscht (aber das ist ja eher die Ausnahme), Bach mag ich gerne etwas klarer und transparenter und nicht mit dem ans Pedal geschweißten Bleifuß, aber insgesamt war es ein schönes Konzert. Lebedev kam mit der etwas speziellen Akustik (sehr niedrige Decke) recht gut zurecht, und auch dort, wo es laut war, war es nicht lärmig. Den Titel "Chaconne" des Stückes von S. Gubaidulina konnte ich nicht recht nachvollziehen - zum Tanzen schien mir diese Musik eher nicht geeignet ...

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Auch mein nächstes geplantes Konzert ist in Bonn, am nächsten Sonnabend.

P.P.S.: Nikolaus, ist es bei Euch üblich, daß ein Orchester eine Zugabe spielt? Hier ist es das nämlich gar nicht; ich habe es nur ein einziges Mal erlebt, und das war ein Orchester von außerhalb (Tonhalle Zürich).
Heike (13.09.2009, 00:18):
2x Musikfest Berlin:

gestern Haitink, Chicago SO mit:
Mozart: 41. Sinfonie "Jupiter" und Schostakowitsch: 15. Sinfonie.

Zwei letzte Sinfonien und ich muss schon sagen, das hatte was, wie der alte Haitink das interpretiert hat. Ich dachte nicht, dass der schon so wacklig auf den Beinen ist, aber musikalisch hat mir das gut gefallen. Vielleicht waren ihm die Werke irgendwie nahe, jedenfalls hat er viel Weisheit und auch viel Tiefe reingelegt.
Sehr ergreifend und tiefberührend besonders die Trauerpassagen in der 15., da hat man beim Zuhören fast Depressionen gekriegt. Dann wieder ganz liebevolle Melodien, großartig. Zu recht standing ovations am Ende.

dann heute: Rattle, Berliner PH.:
Berg: Symphonische Stücke aus der Oper Lulu: Adagio
Dessau: Les Voix für Sopran, Klavier und Orchester; Lars Vogt Klavier, Angela Denoke Sopran
Schostakowitsch: 4. Sinfonie

Zu den ersten kann ich nichts sagen, weil mir der Vergleich fehlt; ich habe beides zum ersten Mal gehört. Fand ich nicht uninteressant, hat mich aber auch nicht vom Hocker gerissen.
Die Vierte von Dsch hat mich, wie befürchtet, nicht besonders beeindruckt. So wie ich es schon zu oft von Rattle gesehen habe: Viel Show, viel Detailverliebtheit, aber letztlich kein Konzept und zu wenig Feeling. Mir war das zu glatt, zu laut und auch krachig. Naja, ganz schlecht wars natürlich auch nicht, manche Passagen kamen schon sehr gekonnt rüber (die BP haben wirklich großartige Solisten), aber es fiel irgendwie immer wieder auseinander und hat mich auch lange nicht so berührt wie gestern die 15. - obwohl ich beide Sinfonien gleichermaßen gern habe. Die Betroffenheit am Schluss blieb aus.

Morgen gehts weiter mit Ashkenazy
Heike
nikolaus (13.09.2009, 20:09):
Samstag abend Beethoven-Marathon, Teil 4

Sinfonie Nr. 8

Sinfonie Nr. 9 mit Christiane Oelze, Annely Peebo, Simon O'Neill, Dietrich Henschel und dem Deutschen Kammerchor

Ein großartiger Abschluss!

Die 9. war für mich die einzig unbekannte in diesem Zyklus, und ich gebe zu, daß ich wegen der "kleinen" Besetzung etwas skeptisch war.
Järvi hat sein Konzept konsequent durchgezogen und es geht auf!
Als Laie würde ich es so zusammenfassen: sein Beethoven lebt von den Kontrasten zwischen laut/leise, schnell/langsam, legato/non legato... verbunden mit einem Gefühl für Spannungsbögen, Rhythmus und Leichtigkeit.
Das konnte man auch in der 9. hören, und das nimmt ihr etwas von dem Bombastischen, ohne daß die - mir fällt kein anderer Ausdruck ein - emotionale Tiefe verloren geht.

Daß die Sinfonien nicht einfach mechanisch heruntergespielt werden, liegt (neben der positiven Energie/Ausstrahlung Järvis) sicher an diesem großartigen Orchester, dem man die Lust am Musizieren sofort anmerkt. Zudem ist tatsächlich ein besonderes Gemeinschaftsgefühl erkennbar, z.B. verbeugt sich das Orchester am Anfang und am Ende geschlossen, die Solisten bekommen ihren Extra-Applaus, auch von den Kollegen, am Ende der 9. lagen sich alle in den Armen...

Für die Intenistät der 9. sorgten natürlich auch der für diesen Zyklus fabelhaft Chor und die ausgezeichneten Solisten (v.a. die beiden Damen hatten sichtlich Freude an diesem Konzert).
Nette Geste: Christiane Oelze übergab ihren Blumenstrauß dem Solo-Fagottisten, der wiederum an seine Bläser-Kollegen einzelne Blumen weitergab.
Ich finde solche Gesten einfach schön.

Kurz: dieser komplette Zyklus war für mich sicher ein Highlight in meiner "Konzertkarriere"!

Nikolaus.
nikolaus (13.09.2009, 20:10):
Original von Gamaheh

P.P.S.: Nikolaus, ist es bei Euch üblich, daß ein Orchester eine Zugabe spielt? Hier ist es das nämlich gar nicht; ich habe es nur ein einziges Mal erlebt, und das war ein Orchester von außerhalb (Tonhalle Zürich).

Liebe Gamaheh,

jetzt verunsicherst Du mich.
Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob Zugaben des Orchesters üblich sind, aber ich habe es durchaus schon sowohl live, als auch im Radio/Fernsehen erlebt.

Nikolaus.
kreisler (13.09.2009, 22:02):
Also ich würde behaupten bei Abonnement-Konzerten ist das unüblich, außer es ist ein ganz besonderes Ereignis (was ja alle (?) Beethoven-Symphonien mit Järvi durchaus sind :wink).

Und ich habe es auch einmal erlebt, dass die St. Petersburger Symphoniker und ihr Dirigent (weiß den Namen nicht mehr) so viele Zugaben gegeben haben, dass man schon etwas schmunzeln musste...

Aber nein, normalerweise werden keine Zugaben gespielt!
Und das hat zum Teil wohl auch den Grund, dass man bsp. nach einer großen Symphonie kaum mehr eine Zugaben braucht. Öft fände ich das sogar sehr unpassend!


Grüße,
Kreisler
Heike (14.09.2009, 00:07):
weiter mit dem Musikfest Berlin heute:

Philharmonia Orchestra / Vladimir Ashkenazy
Alban Berg - Lyrische Suite 3 Stücke für Streichorchester
A. Zemlinsky - Symphonische Gesänge op. 20, Dietrich Henschel Bariton
Schostakowitsch - Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65

Ein schöner Start mit den aufregenden Berg-Stücken, die ich mag, aber in der Orchesterversion noch nicht kannte. Danach die Zemlinsky-Gesänge; die hätten eigentlich auch schön sein können - wenn nicht der Bariton so schwach zu hören gewesen wäre, dass er auf meinem Platz oben oft im Orchester unterging.

Nach der Pause dann konnte ich auf einen besseren Platz wechseln, da das Haus im Gegensatz zu gestern nicht ganz voll war. Luxus pur also und beste Voraussetzungen für einen Hörgenuss bei der Sinfonie.

Dann also Schostakowitsch! Die Achte kenne ich nicht so gut, aber ich war ganz gebannt von der Darbietung. Schon der Beginn fesselte, als die Streicher bedrohlich das Motiv aus der Siebten anklingen ließen. Dann der lange erste Satz, sehr überzeugend, mit drückender Schwere gespielt. Das groteske militärische Intermezzo im zweiten Satz bereitet mir noch Interpretationsprobleme, tat fast weh beim zuhören. Besonders stark dann der dritte Satz, atemlose Unruhe, Geheztzheit. Auch wenn die Londoner lange nicht die satten und präzisen Streicherklänge der Berliner Philharmoniker von gestern aufbieten konnten, überzeugten sie mich doch mit stimmigem Ausdruck und hoher Spannung. Gegen Ende dann fast emotionale Erschöpfung, ich fuhr zufrieden nach Hause und ...

... morgen gehts weiter mit Gergiev

Heike
ab (14.09.2009, 01:05):
Bei uns finden die Klangspuren 2009 statt, das Festival für zeitgenössische Musik. Gestern gabs einen Filmmusikabend:

Internationale Ensemble Modern Akademie - MUSIK UND FILM

Luis Buñuel / Martin Matalon - Un Chien Andalou / Las siete vidas de un gato
Luis Buñuel / Wolfgang Rihm - Un Chien Andalou / Bild
Arnold Fanck / Paul Hindemith - Im Kampf mit dem Berge (In Sturm und Eis)

Letzteres wirklich als erster Beitrag zum Genre ein großartiger Bergfilm und Stummfilm überhaupt. Hindemith hat ein höchst gefällige Gebrauchsmusik geschrieben, fast schon vorwegnehmend wie ein Parodie of heutige Hollywood-Musik.

Schön war es auch, den Buñuel / Dalí Film gleich zweimal zu sehen, auch wenn es bei Rihm (in typischer Musik) nur die halbe Zeit Klänge gab und Matalons Polyrhythmus völlig autonom nebenher lief (und ich damit die Musik völlig entbehrlich fand).

Die "Internationale Ensemble Modern Akademie" (ein Jugendorchester, streng ausgesucht und gecoacht von Profis des Ensemble Moderns) hat 14 Tag streng geprobt und hörbar gut gearbeitet. Erfreulich!
Gerion (14.09.2009, 11:28):
Lieber Nikolaus,

Deine Schilderung der Neunten klingt ja ganz wunderbar... Ich hoffe, die anstehende und schon bestellte CD-Veröffentlichung ruft ansatzweise Ähnliches hervor (Gleiches ginge ja nur im Live-Erlebnis).

:hello
Heike (14.09.2009, 23:15):
weiter mit dem Musikfest Berlin heute:

London Symphony Orchestra / Valery Gergiev
Tistschenko - Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 op. 23 bearbeitet Schostakowitsch - Tim Hugh Violoncello
Schostakowitsch Symphonie Nr. 11 g-Moll op. 103 Das Jahr 1905

Die Elfte: Man mag ja von Gergiev halten was man will - aber das war alles andere als Show, das war einfach nur klasse. Ich wusste schon nach wenigen Takten, dass es großartig werden will, so phantastisch habe ich die Stimmung auf dem Platz selten getroffen gehört. Und ganz genau so elektrisierend war das Gesamtwerk, einfach großartig.

Davor das kleine Konzert (knapp über 20 min) war ijnteressant, aber trotzdem nur Vorspiel.
Heike

... und morgen gehts weiter mit Nelsons :-)
nikolaus (14.09.2009, 23:22):
Ich werde morgen in Essen das Pittsburgh-Sinfonie-Orchestra unter Manfred Honeck hören mit

R.Strauß: Vier letzte Lieder (Christine Schäfer)

A.Bruckner: Sinfonie Nr. 4

Eigentlich fahre ich nur wegen Christine Schäfer hin, die ich noch nie live erlebt und mir - ehrlich gesagt - mit den Vier letzten Liedern nicht vorstellen kann. Ein gewisses Risiko ist also dabei.
Daß Bruckner überhaupt Premiere für mich ist, wage ich gar nicht zu erwähnen... :ignore

Nikolaus.
nikolaus (14.09.2009, 23:32):
Original von Gerion
Lieber Nikolaus,

Deine Schilderung der Neunten klingt ja ganz wunderbar... Ich hoffe, die anstehende und schon bestellte CD-Veröffentlichung ruft ansatzweise Ähnliches hervor (Gleiches ginge ja nur im Live-Erlebnis).

:hello

Ja, auf die CD bin ich auch schon gespannt. Es gab doch immer wieder kleine Unterschiede zwischen live-Konzert und CD...

:beer Nikolaus.
Rachmaninov (15.09.2009, 07:16):
Original von Hebre


Dann also Schostakowitsch! Die Achte kenne ich nicht so gut, aber ich war ganz gebannt von der Darbietung. Schon der Beginn fesselte, als die Streicher bedrohlich das Motiv aus der Siebten anklingen ließen. Dann der lange erste Satz, sehr überzeugend, mit drückender Schwere gespielt. Das groteske militärische Intermezzo im zweiten Satz bereitet mir noch Interpretationsprobleme, tat fast weh beim zuhören. Besonders stark dann der dritte Satz, atemlose Unruhe, Geheztzheit. Auch wenn die Londoner lange nicht die satten und präzisen Streicherklänge der Berliner Philharmoniker von gestern aufbieten konnten, überzeugten sie mich doch mit stimmigem Ausdruck und hoher Spannung. Gegen Ende dann fast emotionale Erschöpfung, ich fuhr zufrieden nach Hause und ...

... morgen gehts weiter mit Gergiev

Heike

Bei der Achten hatten ja auch die KGB Jungs so ihre Probleme, diese nach dem zweiten Weltkrieg zu verstehen! :cool
Heike (16.09.2009, 08:27):
weiter mit dem Musikfest Berlin gestern abend:

City of Birmingham Symphony Orchestra / Andris Nelsons
Britten Four sea interludes und Passacaglia op. 33a/b aus der Oper Peter Grimes für Orchester
Turnage - From the Wreckage für Trompete und Orchester Håkan Hardenberger Trompete
Schostakowitsch - Suite für Jazzorchester Nr. 1
Schostakowitsch - Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 54

Die Überschrift für diesen Abend würde heißen "Der große Magier tritt auf" - zum ersten Mal habe ich bedauert, nicht hinter dem Orchester zu sitzen, um Nelsons von vorn sehen zu können. Aber im einzelnen:

Es begann very british mit Britten, aber wer Schostakowitsch mag, der musste sich in diese Suite sofort verlieben. Nelsons ging gleich in die Vollen, mit großen Gesten dirigierte er wie ein Schauspieler: dramatisch, dynamisch, aber auch melancholisch. Ich fühlte mich wie auf hoher See.

Dann das Trompetenkonzert, das es wert ist, einige Worte mehr drüber zu verlieren. Ich bin eigentlich kein großer Freund von Blechbläserkonzerten - und dann auch noch modern, also da hatte ich nicht viel mehr erwartet als quäkigen Krach. Aber Täuschung - das war richtig gut. Das war ein ca. 15 minütiges Stück in drei zusammenhängenden Teilen, während derer der charismatische Solist die Instrumente wechselte (Flügelhorn, Trompete, Piccolotrompete). Die Musik eher depressiv, mit Anklängen an Jazz und brilliant rhythmisch. Es waren z.B. räumlich auf dem Podium 4 Trommeln im Dreieck gestellt, die in einer Passage im Wechsel geschlagen wurden, das war ein wahnsinnig intensives Raumerlebnis, dazu der häufig improvisierende Trompeter, der richtig gut war. Also das hat mir gefallen. Und eine Zugabe (Piazzolla) gabs auch noch.

Schostakowitschs Jazz-Suite schlioss daran nach der Pause gut an - 11 Leute auf der Bühne machten eine richtig gute Show, die mit viel Witz und Esprit dargeboten wurde. Nelsons hier wie ein Tänzer vorn.

Zum Abschluss dann die Sechste von Schostakowitsch, die mir bisher auf CD immer fast untergegangen war. Die habe ich irgendwie nicht so recht für voll genommen, schließlich fehlen ja auch quasi der Kopfsatz und das Finale. Live war das ein richtiges Erlebnis und zum ersten Mal habe ich mir überhaupt Gedanken drum gemacht, ob wohl Schostakowitsch das absichtlich so geschrieben hätte. Nach dem ganzen Skandal, der zurückgezogenen Vierten und der ganz zwangsweise so anders geschriebenen Fünften - vielleicht SOLL die Sechste da so aussehen? Mir kams vor, als wollte er uns sagen "seht her, dieser lange erste Trauersatz ist eine einzige Anklage, was ihr mit mir gemacht habt, ihr habt mir die Hälfte meiner Musik verboten und weggenommen und am Schluss bleibt nur noch Tanz und ein großer Zirkus übrig und den kriegt ihr jetzt". Und so stand dann Nelsons am Ende auch auf dem Podium, wie ein grandioser Zirkusdirektor. Keine Spur von bewältigter Trauer, sondern deren bloße Übermalung mit Jux und Dollerei. Aber virtuos und klasse gemacht.

Das Orchester war fabelhaft, druckvoll, präzise und originell. Nelsons hat einen neuen Fan.
Heike
nikolaus (16.09.2009, 18:29):
Gestern in der nur mäßig besuchten Philharmonie Essen:

Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck

Richard Strauß: Vier letzte Lieder mit Christine Schäfer

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 "Romantische" (Nowak-Edition 1878 mit dem Finale von 1880)

Auf Christine Schäfer war ich ja gespannt und skeptisch zugleich.
Wie ich es erwartet hatte, gestaltete sie die Lieder sehr schön, besonders die beiden letzten (Beim Schlafengehen, Im Abendrot), vor allem beim letzten die beiden letzten Zeilen Wie sind wir wandermüde - ist dies etwa der Tod?; der Tod kam ihr ganz wunderbar fahl über die Lippen.
Sie schafft die langen Bögen und auch die Höhen ohne Probleme.
Aber mir fehlte in ihrer Stimme doch das nötige Volumen, um sich gegen das Orchester durchzusetzen (genau deshalb war ich ja auch skeptisch).

Vielleicht lag es aber auch ein wenig am Orchester:
In der nachfolgenden 4. Sinfonie von Bruckner hielt sich der eine oder andere Zuhörer tatsächlich die Ohren zu...
Es war in den Ausbrüchen aber auch verflixt laut.
Weder Bruckner noch Orchester konnten mich ansprechen. In Erinnerung blieben nur das laute Blech und die wogenden Streicher, nichts dazwischen. (vielleicht bin ich aber auch nur an die transparente Kammerphilharmonie Bremen gewöhnt und nicht mehr an große Orchester...)
( - übrigens war die Sologeige bei Beim Schlafengehen eher blass - )
Honeck hat sein Orchester gut im Griff, aber irgendwie wirkt es sehr routiniert und etwas neutral/seelenlos.

Nikolaus.
Heike (17.09.2009, 08:01):
und weiter mit Musikfest Berlin gestern - dieses Konzert ist Bestandteil meiner DSO-Aboreihe, deshalb heute mal ohne Schostakowitsch:

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin / Ingo Metzmacher
Xenakis - Jonchaies für großes Orchester
Reger - Die Toteninsel aus Vier Tondichtungen nach Arnold Böcklin op. 128 für Orchester
Eisler - Deutsche Sinfonie für Soli, Sprechstimmen, Chor und Orchester op. 50
Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey Einstudierung Isabelle Voßkühler Sopran Christa Mayer Mezzosopran Matthias Goerne Bariton Thorsten Grümbel Bass Sascha Glintenkamp, Axel Scheidig Sprecher

Die sind so doof, dass sie den Metzmacher gehen lassen!
Dieser Xenakis mit dem DSO war großartig, man sitzt da innerhalb eines Klangteppichs und wird duch Wolken von Struktur geflogen, unheimlich intensiv und unmittelbar fesselnd!
Danach die Toteninsel konnte da nicht mehr rankommen, auch wenn es an sich schon ein berührendes Stück ist. Ich hätte die Reihenfolge umgekehrt gewählt.
Eislers zwölftöniges Monumentalwerk habe ich zum zweiten Mal gehört, die Musik hat mir wiederum recht gut gefallen und war auch ausgezeichnet vom Rundfunkchor umgesetzt. Aber die Texte! Auch wenn die zumeist von Brecht sind, das kann ich einfach nicht ertragen, ich fühle mich in düsterste DDR-Klassenkampfzeiten rückversetzt, auch wenn man dem Eisler damit sicher Unrecht tut.

So jetzt mal zwei Tage Pause mit Musikfest, die Arbeit türmt sich und meine Wohnung vermüllt auch so langsam....
Heike

P.s. edit ich bin heute dem Tippfehlerteufel wohl komplett erlegen
Amadé (19.09.2009, 10:46):
Gestern Abend gastierte ein hörbar gereifter Till Fellner in Olpe mit einem reinen Beethoven- Programm, Teil IV seines Beethoven-Zyklus, den er von 2008-2010 in verschiedenen Städten Europas bringt. Bei der Auswahl der Sonaten geht er nicht chronologisch vor, sondern kombiniert Werke aus früher, mittlerer und später Schaffensperiode. Gestern waren es die Sonaten G-dur op.79, Fis-dur op.78, D-dur op.28, nach der Pause e-moll op.90 und zuletzt Es-dur op.7, letztere hört man außer in reinen Beethoven-Programmen fast nie!. Fellner lieferte in sich geschlossene Interpretationen der einzelnen Sonaten ab, die bei mir fast keine Wünsche offen ließen. Wunderbar getroffen empfand ich das Schwebende im Kopfsatz der Pastoral-Sonate wie im 2. Satz der e-moll–Sonate. Energisch die ersten Sätze der Sonaten op.79 und op.7, wobei auffiel, dass der Interpret die ganze dynamische Palette vom leisesten Ton bis zum ff-Akkordausbruch nutzte und nicht nur, wie immer wieder zu hören, bei einem unverbindlichen mp stehen blieb. Auch die Tempowahl konnte überzeugen. Als Zugabe noch die Sonatine g-moll op.49 Nr.1. Eine kleine Kritik meinerseits: Ich würde die Sonaten op.79 und 78 nicht direkt hintereinander vorführen. Trotz aller Verschiedenheit der Erfindung haben beide für mich eine gewisse Ähnlichkeit, die dann dazu führen kann, dass das Besondere nicht wahrgenommen wird.
Ein großer Abend, in Fellner scheint ein großer Beethoven-Spieler heranzureifen. Für die Zukunft wünsche ich mir mit diesem Pianisten eine Gesamtaufnahme der 32 Sonaten.

Grüße Amadé
Jeremias (20.09.2009, 08:59):
Gestern in der fast ausverkauften Beethovenhalle Bonn:

Maurizio Pollini

Zunächst kamen wir dank des guten Navigationssystems meines Vaters (im Kopf) noch fast zu spät, dann war unser Ärger groß, dass wir Plätze direkt hinter den Treppen hatten.... ?( gottseidank waren im Mittelblock noch welche frei, so dass wir uns umsetzen konnte.

Pollini wählte einen Flügel mit einem anfangs eher dumpfen Klang. Ich hätte mir einen mit einem helleren Klang gewünscht, aber er kam nach einigen Minuten sehr gut mit dem Instrument zurecht, so dass dies nicht mehr weiter störte. Einziger Störfakter war dann schließlich das Geschnarche eines Konzertbesuchers vor der Pause.

Nun zum Programm: Es war ein reiner Beethoven-Abend. Zunächst wollte er vier frühe Sonaten spielen, änderte aber vor einigen Tagen sein Programm. Er begann mit der 4.Sonate op.7, welche er benötigte, um sich mit dem Instrument vertraut zu machen, seinen Klang zu finden. Der Eingangssatz geriet deshalb etwas zu schnell, auch wählte er etwas viel Pedal. Dies änderte sich in dem langesamen Largo. Man merkt Pollini seine Reife an, er versteht es mit all seiner Erfahrung Musik zu machen. Der 3. Satz war für mich sehr interessant, ich habe ihn einst als Teenie selber gespielt, wochenlang erarbeitet. Ich habe ihn etwas anders gespielt und würde ihn auch heute noch etwas anders spielen als der Maestro. Der 4. Satz war insgesamt eine runde Sache, der Einstieg geglückt. Es folgt die 11.Sonate, die Pollini ursprünglich für den Schluss der 2. Hälfte vorgesehen hatte. Auch hier geriet mir der Eingangssatz zu schnell, auch hier gelang die Spannung erst richtig ab dem 2. Satz. Netter, warmer Applaus zur Pause.

Nach einem guten Kaffee in der Pause ging es dann mit dem geänderten Programm weiter. Es folgte die Sturmsonate. Mein Vater berichtete mir seit Jahren über ein Live-Erlebnis, bei dem einst vor 37 Jahren Bruno-Leonardo Gelber in der 1. Reihe sass und das Programm meines Vaters signiert hatte. Es war gestern kein Sturm, es war ein Orkan, der durch die Beethovenhalle fegte. Insbesondere der dritte Satz höchst beeindruckend, immer weiter vorwärts drängend, nir ausruhend. Spätestens mit dieser Sonate hatte er auch die letzten Kritiker überzeugt. Zum Abschluss dann schließlich worauf alle gewartet hatten: Die Appassionata. Ich hörte sie bereits vor einigen Jahren mit ihm, damals der Abend nicht so herausragend. Gestern das Gegenteil: Volle Konzentration ab der ersten Note, glasklare Läufe, die nicht vom Pedal vernebelt waren, eine unglaubliche dynamische Bandbreite. Im zweiten Satz die Variationen schön herausgearbeitet, sehr warmer Klang und dann schließliich der dritte (im Übergang war es mir sehr schwer einen plötzlichen Hustenanfall zurück zu halten, so dass ich die Passage nicht geniessen konnte), in welchem Pollini zeigte, dass er auch mit seinen 67 Jahren noch technisch und auch physisch vollauf ist. Er spielte den Satz in einem aberwitzigen Tempo mit Wiederholung der Durchführung un wusste sich sogar nicht in den Repetitionen un den anschließenden Kaskaden zu steigern.

Es folgten minutenlange stehende Ovationen, jedoch keine Zugabe. Was hätte der (müde) Maestro auch noch spielen sollen? Es wäre nur ein Abstieg gewesen.

Für mich ein wunderbares Erlebnis, er bekommt die Höchstnote

:times10
nikolaus (20.09.2009, 09:58):
Hallo Jeremias!

Wie würdest Du denn die Akkustik bewerten?
Ich habe hinten links unter der Empore gesessen (immerhin keine Treppe vor mir); ich habe sowieso keine gute Meinung von der Akkustik in der Beethovenhalle, aber hinten kommt wirklich sehr wenig an...

Die ersten beiden Sonaten sind mir nicht so geläufig. Ich empfand auch die erste als "Warmspielen".
Den "Sturm" hat er wirklich ganz wunderbar gespielt. Ich habe sie mit ihm auf CD, da gefällt er mir nicht so sehr.
Die "Appassionata" ist nicht gerade meine Lieblingssonate, aber ich muß zugeben, daß sie gestern zu den besten Versionen gehörte.
Besonders eindringlich sind ihm die langsamen Sätze gelungen; natürlich waren Tempo und Virtuosität teilweise bestaunenswert, aber richtig berührt haben mich die langsamen Passagen, und wie er den Flügel ausklingen ließ, war wirklich traumhaft.

Nikolaus :hello
Jeremias (20.09.2009, 10:08):
Ich finde, die Akkustik geht für Soloabende. Bei Orchestern geht einiges verloren. Am besten abreissen und neu bauen ;)

Wir hatten Plätze zuerst Eingang D rechts und dann 28.Reihe. Vielleicht hast Du uns ja sogar gesehen :engel Sassen dann aber in der Mitte.... die langsamen Sätze waren in der Tat wunderbar, ich habe selten Beethoven so klingen gehört. Mein alter Herr sagte, reine Beethoven-Abende könnten so schön sein....

Morgen geht es damit weiter, Abdel Rahman El-Bacha spielt das Kaiserkonzert in Wuppertal, dazu die 7. :leb
nikolaus (20.09.2009, 10:19):
Nee, wir saßen links...

Viel Spaß in Wuppertal!

Nikolaus.
Heike (20.09.2009, 19:12):
und weiter mit Musikfest Berlin:

gestern abend: Pellegrini Quartett

Janácek - Streichquartett Nr. 2 Intime Briefe
Haydn - Streichquartett C-Dur op. 76 Nr. 3 Kaiserquartett
Nono - Fragmente – Stille, An Diotima

Ein schöner Abend!
Dieses Janácek- Quartett ist ganz wundervolle Musik, das haben die vier Herren gekonnt vorgetragen und sofort meine Aufmerksamkeit gefesselt: Die war beim Haydn dann leider wieder dahin. Das wirkte wie ein Fremdkörper in dem Programm. Ich bin fast eingeschlafen und musste in der Pause erst mal eine Cola als Coffeinschub trinken.
Aber dann! Dieses Nono -Stück ist ja der Wahnsinn im Konzertsaal (wenn man dann noch alle Huster vorher rauswerfen würde, wär es noch besser). Diese extremen pianos waren wirklich Gänsehaut pur, ganz großartig gespielt und absolut intensiov nachklingend.
Ich muss unbedingt mehr von Nono hören.



und heute als Matinee dann:

Xenakis - Kottos für Violoncello solo fiel leider aus bzw. wurde gegen eine Ligeti - Cellosonate (solo) ausgetauscht
Schostakowitsch - Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40
Schubert Trio für Violine, Violoncello und Klavier B-Dur D 898

Viviane Hagner Violine
Alban Gerhardt Violoncello
Steven Osborne Klavier

Ich konnte mit dem Cellisten nicht warm werden - das war mir schon bei dem Ligeti-Stück klar. Ich mochte sowieso das Stück nicht besonders, obwohl ich Ligeti eigentlich recht gern höre (die Sonate hatte sowas Cello-untypisches, was eher an Gitarre erinnerte).... und der Cellist spielte zwar sehr expressiv, souverän und sicher auch technisch gekonnt, aber es war mir irgendwie zu glatt, also kein mich berührender Ton. Das fiel mir in der Schostakowitsch_Sonate dann noch mehr auf. Da fehlte ihm das gewisse etwas, das typische Schostakowitsch-feeling kam nicht richtig auf. Es war virtuos, aber es fehlte mir jeder Zauber, jede Melancholie. Demgegenüber war ich von Osborne auf dem Bechstein-Flügel ganz bezaubert, aber o weh, der hatte eine Fingerkuppe getaped (linke Hand Zeigefinger). Hat man aber nicht gehört, es war brilliant und ganz fein. Und - der ist ein genialer Duo-Player, da konnte man fasziniert zusehen, wie der auf die Millisekunde im richtigen Moment einsetzte (und dann auch hinsah - während Gerhardt nicht ein einziges Mal Augenkontakt suchte). Der Cellist machte sein Solo-Ding und war für meinen Geschmack zu dominant und zu wenig bei dem ganzen.

Am besten gefiel mir der Schubert, die Violine ganz schön zart und harmonisch mit dem Klavier und das Cello eher im Hintergrund.

Kleine Nebenbemerkung: Im Saal war anfangs und nach der Pause auch ein Elternpaar mit einem ca. einjährigen Kind - eine Zumutung! Gleich zu Beginn (als noch eine Rede gehalten wurde, es war ein Benefizkonzert) fing das Kind an, fröhlich vor sich hinzubrabbeln - woraufhin sich dann naheliegende Leute aufregten und die Mutter zum Rausgehn veranlassten. Nach der Pause dann kam der Vater mit dem Kind auf dem Arm, blieb schaukelnd hinter der Bühne mit dem Kleinen auf dem Arm stehen - wobei das Kind natürlich wieder nicht ruhig war und er also bald wieder rausging. Ich finde sowas eine Zumutung, ehrlich, da fehlt mir jedes Verständnis, so ein kleines Kind in ein Kammerkonzert mitzuschleppen und davon auszugehn, dass alle andren das schon tolerieren werden.

Dieses Konzert wird heute abend im DRadio Kultur übertragen (20 Uhr)
Gamaheh (21.09.2009, 00:56):
Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt ...

Pollini spielt in dieser Saison nicht in Hamburg, also bin ich nach Bonn gefahren.

Pollini erstaunt mich immer wieder, denn er bleibt nicht stehen, ganz im Gegensatz zu dem Titel, den ein Hamburger Journalist vor einigen Jahren seiner Besprechung eines seiner Konzerte gab ("Stillstand auf höchstem Niveau").

Ich war immer der Meinung, daß sein (relativer) Schwachpunkt die langsamen Sätze seien (und er sie daher auch nie richtig langsam spielte) - hier war das Gegenteil der Fall: Er lauschte sich geradezu. Allerdings hatte ich den Eindruck, daß er etwas müde sei, obwohl er in der Appassionata (die es wirklich war, und deren Mittelsatz ich noch nie so schön und choralartig gehört habe) zur Höchstform auffuhr. Keine Zugabe (das habe ich nur einmal erlebt, nachdem er die Diabelli-Variationen gespielt hatte) und keine Autogramme, obwohl er sonst immer äußerst disponibel ist.

Original von Jeremias
Pollini wählte einen Flügel mit einem anfangs eher dumpfen Klang. Ich hätte mir einen mit einem helleren Klang gewünscht, aber er kam nach einigen Minuten sehr gut mit dem Instrument zurecht, so dass dies nicht mehr weiter störte.

Ich glaube nicht, daß irgendein professioneller Pianist ein Konzert auf einem Instrument spielt, das er nicht vorher gründlich im Konzertsaal ausprobiert hat, am allerwenigsten Pollini. Im übrigen war ich der Meinung, daß er auf seinem eigenen Instrument spielt, und "Fabbrini" (dieser Aufkleber war deutlich sichtbar auf dem Flügel) ist wohl kein Bonner Händler. Eine kurze Recherche förderte folgende Beiträge aus einem anderen Forum zutage:

I saw Maurizio Pollini at Carnegie Hall tonight. He played what seemed to be a regular Steinway Concert piano, except that it said "fabbrini" under the Steinway & Sons on the side.
The piano sounded gorgeous, brilliant in tone yet rich. He also used an unusual technique (to me anyway) of constantly pressing the sustain pedal almost in a rythmic fashion (? flutter). The result was magnificent. The individual notes were still well articulated yet the sound resonated beautifully. It is very difficult to explain, but I saw Martha Argerich in the same hall and from the same seats playing a similar size Steinway but her piano did not sound as beautiful..Is it the "fabbrini" effect? Who/ what is it?

Last night I attended Pollini's piano recital. The concert was excellent but I wonder a bit about the Steinway they used in the concert. It was a Steinway D. On the side of the piano was the usual Steinway and Son logo but below it, there is a word that I could not read, may be Fabaccini, Fabrioni or something like that. It was a lot more visible than the Steinway logo. From afar, I eventhought initially that the piano was a Fazioli but when I got closer to the stage, I could see the Steinway logo clearly.
I have to say that it was the most beautiful sounding Steinway I ever heard, very rich, velvety and a little darkish and incredibly powerful. I heard many other Steinway D in other concert halls but the sound of this Steinway really stood out. I am sure partially it is the hall as well. Anyhow, I wonder if anyone know if this is a regular Steinway D or if it is may be one of the special Steinway edition or whatever.
The recital was at Grosses Festspielhaus at Salzburg.

Angelo Fabbrini does specialized work on Hamburg Steinways and Pollini is probably his most prominent customer. I too heard this piano at a Pollini concert last year and it is spectacular. I can only imagine the quality of the action as well.

See: http://h1.ath.cx/aevo/fabbrini/hp/info.php

Offenbar überall dasselbe Instrument.

Ich halte die Akustik der Beethovenhalle für äußerst zweifelhaft. Ich habe Pollini viele Male gehört, meist in der Hamburger Musikhalle. Dort ist die Akustik exzellent (und ganz anders). Einmal habe ich ihn in der Essener Philharmonie gehört, und auch dort fand ich die Akustik enttäuschend, obwohl sie dort so stolz darauf sind ...

Grüße,
Gamaheh
Jeremias (21.09.2009, 10:07):
@gamameh: Das konnte ich nicht sehen, dass es sein eigenes Instrument war. Das Konzert mit den Diabelli-Variationen habe ich 1999 auch in Hamburg gehört, es ist mir noch sehr in Erinnerung, zumal ich danach den Maestro hinter der Bühne traf... :engel
ab (21.09.2009, 10:57):
Original von Amadé
Gestern Abend gastierte ein hörbar gereifter Till Fellner in Olpe mit einem reinen Beethoven- Programm, Teil IV seines Beethoven-Zyklus, den er von 2008-2010 in verschiedenen Städten Europas bringt.

Ein großer Abend, in Fellner scheint ein großer Beethoven-Spieler heranzureifen. Für die Zukunft wünsche ich mir mit diesem Pianisten eine Gesamtaufnahme der 32 Sonaten.

Grüße Amadé

Dieses Wunsch hege ich schon seit langem!

Mich frisst der Neid, wie man so (unzutreffend) sagt!
Erst am 7.Jänner wird er in der Nähe von uns ein Konzert geben (wohl abseits seines offiziellens Staädte-Programms in der Provinz eingeschoben), dort allerdings unklar womit genau, es ist bloß die unverbindliche Rede von den beiden "Klassikern" der Mondschein- und Waldsteinsonate.

Waren eigentlich Mikrofone zu sehen, schneidet ECM live mit?
:hello
Amadé (21.09.2009, 16:22):
Hallo ab,

der Pianist installierte ca. 10 Min. vor Konzert-Beginn hinter dem Steinway ein kleines Aufnahmegerät mit einem kleinen Mikro. Ich hatte den Eindruck, er mache dies für sich zu Kontrollzwecken.

Gruß Amadé
Gamaheh (22.09.2009, 01:24):
Original von Jeremias
@gamameh: Das konnte ich nicht sehen, dass es sein eigenes Instrument war. Das Konzert mit den Diabelli-Variationen habe ich 1999 auch in Hamburg gehört, es ist mir noch sehr in Erinnerung, zumal ich danach den Maestro hinter der Bühne traf... :engel

Hallo Jeremias,

ist das schon so lange her?

Das konnte ich aus der 26. Reihe auch nicht sehen, aber daß da außer Steinway noch etwas war, schon. Die Neugier trieb mich also, das nach dem Konzert aus der Nähe zu besehen.

Grüße,
Gamaheh
Jeremias (22.09.2009, 12:44):
Gestern in Wuppertal:

Abdel Rahman El Bacha, Klavier
Sinfonieorchester Wuppertal
Toshiyuki Kamioka, Leitung

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Egmont-Ouvertüre

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Ich habe selten einen so kultivierten Pianisten gehört! Ganz die alte Schule, eine filigrane Technik ohne irgendwelches Show-Gehabe. Die Ecksätze wunderbar in der Dynamik, ein zarter, weicher Mittelsatz. Das Publikum dankte es mit frenetischem Applaus.

Zuvor die Egmont-Ouvertüre, die mehr als nur ein "Aufwärmen" war, obgleich die Bläser bisweilen etwas dominierten. Im 2. Teil dann das Schlachtross schlechthin. Vom wunderbaren Pianissimo der Celli im zweiten Satz bis zu den bravourösen Tuttistellen des Finales war alles dabei. Der Dirigent verlangte dem Orchester alles ab, das Publikum belohnte dies mit minutenlangen Standing Ovations!
ab (25.09.2009, 11:01):
Bei uns finden derzeit die Klangspuren statt, ein zeitgenössisches Musikfestival mit starker Ausprägung auf das, was man Avantgardemusik nennt, obwohl die meiste jungen Komponisten wie Kopien ihrer deutlich älteren Lehrer (die es dereinst auch waren) wirken. So habe ich in der letzten Zeit mit vorzüglichen Ensembles wie das Trio Eis, das Wiener Klaviertrio oder gestern das Arditti Quartet Musik von Tonsetzern mit Geburtsjahren aus den 1930er bis in die 1980er gehört. Namen tauchten da auf von älteren wie Giacinto Scelsi, Arvo Pärt, György Kurtág, Cristóbal Halfter, Friedrich Cerha, Harrison Birtwistle oder Georg Friedrich Haas und jügeren wie Johannes Maria Staud, Hilda Paredes, Javier Torres Maldonado, Mauricio Sotelo, Jay Schwartz, David Sawer, Gerald Resch, Germán Toro-Pérez, Thomas Wally oder Manuela Kerer.
(Gespannt bin ich, wieder einmal etwas von Thomas Wally zu hören.)

Während die jungen "Avatgardisten", auf ihre Pfründe wohl bedacht, auf die Neo-Stravinskyner und Neo-wie-auch-immers schimpfen, werfen ihnen die "Traditionalisten" (selbst nicht oder kaum auf diesem Festival vertreten) vor, den blinden Fleck zu übersehen, selbst nichts weiter als Neo-Birtwislters oder Neo-Riehms und wie auch immer sie heißen wollen, zu sein. (Mir kommt es vor, dass letzterer Vorwurf gerechter ist, insbesondere ich in den letzten Jahren immer wieder überrascht worden bin, wie man auch thematisch verständlich arbeiten kann und dabei neue Klänge und Serielles miteinbeziehen kann, ohne dass es bloß zitiert, parodiert oder zertrümmert wirkt.)

Allgegenwärtig ist das Vermittlungsproblem: Weder Vorabgesprächen noch den ausgehnten Komponisteninterviews im Buch zum Festival ist zu entnehmen, was sie so da treiben. Da ist nicht mehr zu erfahren als von "Keimzellen" die auf unterschiedlichste Arten und Weisen "beleuchtet" werden. Musik gerät so zu einer esoterisch anmutenden Sache, bei der nichts mehr zu verstehen ist. Die Bewertung ist dem Publikum nur mehr möglich über so etwas wie Stimmigkeits-, Geschlossenheits- oder Einheitlichkeitsgefühle.

Manualtechnisch werden die Musiker als Tremmoloianer und Glissandisten verwendet. Hingegen scheinen Flageolettöne und exzessiver Einsatz von instumrentenmaltärierendem Col legno deutlich zurückgegangen zu sein. Völlig unverständliche Abschnitte und Dynamiksprünge tauchen da genauso auf wie unerfassbare Polyrhythmiken, oft gepaart mit einer derart dichten Schreibweise, die schon allein wegen dieser Komplexität nichts mehr zu erfassen ist; von ungeschickt unausgeglichener Instumentation ganz zu schweigen.

Warum ich dies hier schreibe, ist, weil gestern im Arditti Quartet-Konzert wieder Sachen pasiert sind, die ich nicht so schnell vergessen werden: Zum einen ist der zweite Geiger mitsamt seinem Instrument, das er zum Glück, aber wohl doppelt schmerzhaft, gut geschützt hat, rückwärts beim Verbeugen vom Podium gestürzt ist. (Dies ist nicht zum ersten Mal bei uns der Fall: Einst einmal ist in einem Trio-Uraufführungskonzert mit Altenburger/Larcher/Demenga der Umblätterer während der Aufnahme im Radiokulturhaus mitsamt seinem Sessel rückwärts hinabgestürzt.)
Zum anderen ist der Cellist im bereits zweiten Satz eines Werks (angeblich viersätzig, ohne deren Übergänge ausfindig machen zu können) ausgestiegen, so dass die Burschen erneut beginnen mussten. Höchst interessant zu erfahren, dass man bei der Wiederholung auf gewissen unbestimmt sich eingestellte Eindrücke zwar genau hinhört, sie aber nicht mehr wiederzuerkennen vermag: Als hätte der Ausfall zum Werk gehört und wäre es mit völlig anderen Klängen weiter gegangen... Oft Frustrierend!

Noch bevor die Musik zum ersten Mal erklingt, scheinen mir viele dieser Klägen bereits veraltert zu sein. (Wie modern kommt mir da im Vergleich solches vor wie z.B. Beethovens op. 132.)

:hello
Jeremias (26.09.2009, 09:13):
Gestern in der Oper Köln:

Carmen (WIederaufnahme), in der Hauptpartie mit Vesselina Kasarova, Inszenierung Christopher Loy.

Vorweg zur Inszenierung: Großartig! Wie dasselbe Bühnenbild für alle vier Akte genutzt wurde, teilweise von den Sängern selbst umgebaut wurde, das war unglaublich interessant. Tolles Farbenspiel dazu, ganz großes Kompliment!

Zu den Beteiligten: Kasarova war natürlich DER Star des Abends, wir kamen mit großen Erwartungen.... und wurden in den ersten beiden Akten richtig enttäuscht! Es war keine Carmen wie man sie kennt, es war eher eine vornehme Dame mit maskulinen Bewegungen. Ich habe Kasarova bereits öfter gesehen in Soloabenden, da hat sie mich jedes Mal überzeugt. Natürlich hat sie unglaubliche Möglichkeiten mit ihrer Stimme zu spielen, man merkte sofort, dass sie das gesamte Kölner Ensemble überragte! Aber sie setzte dies unpassend und ungeschickt ein. Wir hatten das Gefühl, dass sie mit der Akustik nicht zurecht kam, dass sie selber ihre Stimme suchte. Ihr wurde ein Tenor namens German Villar zur Seite gestellt, der eher als zweitklassig zu bezeichnen ist. Zudem merkte man ihm an, wie schwer es ist, neben einem solchen Weltstar vor ausverkauftem Hause bestehen zu müssen. Mehrfach drückte er in den höheren Lagen, einmal brach ihm ein Ton sogar vollends weg. Aber er ist auch nur ein Mensch und er steigerte sich von Akt zu Akt. Gleiches gilt auch für die Kasarova. In der Pause, in der mir übrigens Schauspieler Georg Uecker über den Weg lief, waren die Meinungen sehr geteilt. Man merkte, dass das Kölner Publikum wesentlich fachkundiger ist. So wurde mit Kritik an der Kasarova nicht gespart! Wir trafen zwei Komilitonen meiner Frau, die als Sänger ebenfalls vom Fach und auch nicht zufrieden waren. Ihre Carmen hatte viel von Rossini. Diese Art zu singen war nur leider sehr unangebracht. Nach der Pause besserte sich dies allerdings zunehmend, sie schien sich wesentlich wohler zu fühlen, es kam auch endlich die gewünschte Dramatik auf.

Vollends überzeugend dagegen Jutta Böhnert als Micaela. Wunderschöner schlanker Sopran, ganz klar Stimme, keine geschobenen oder gedrückten Töne, das Duett im ersten Akt mein persönliches Highlight mit Gänsehautfeeling! Ebenfalls überzeugend Samuel Youn als Escamillo sowie das gesamte Orchester unter der Leitung von CHlaude Schnitzler.

Und dann kam DIE Überraschung des abends... als sich die Solisten beim Schlussapplaus einzeln präsentierten, steigender, tosender Applaus, insbesondere zu Recht für Micaela und Escamillo. Und dann kam der Tenor auf die Bühne. Auf der einen Seite frenetischer Jubel, auf der anderen Seite v.a. seitens der zahlreichen jungen Zuhöhrer laute, den Applus noch übertönende Buh-Rufe! So etwas habe ich noch nicht erlebt, wir waren alle irritiert. Das galt insbesondere für die Kasarova, die fast Angst hatte sich dem Publikum zu präsentieren! Für sie gab es dann aber uneingeschränkte Standing Ovations.... im zweiten Durchlauf wurden die Buh-Rufer dann durch das solidarische Publikum übertönt. Aber ich fürchte, die KAsarova wird so schnell nicht zurück kommen.....

Es war ein interessanter Abend der damit endete, dass wir schließlich im Parkhaus einen platten Reifen hatten. Wir dachten zuerst, man hätte einen Reifen zerstochen. Der ADAC kam dann nach knapp 2 Stunden, gottseidank gab es ein Fast-Food "Restaurant" um die Ecke.... der Reifen hatte sich selbst zerstört, ein Draht hatte ihn aufgeschlitzt. Wenn uns DAS vorher auf der Autobahn passiert wäre, dann wäre die verpasste Opernaufführung das geringste Problem gewesen....

:engel :engel :engel
nikolaus (26.09.2009, 12:45):
@ Jeremias

Danke für diesen Bericht.
Irgendwie bin ich froh, nicht da gewesen zu sein. Ich hatte seinerzeit überlegt, mir eine Karte zu kaufen, konnte mich dann aber nicht dazu entschließen.

Dafür war ich gestern in der Bonner Oper:
Keine Oper, dafür ein ganz hervorragender Tanzabend: Les Ballets C. de la B. (C steht für Contemporains, B für Belgique) mit Ashes, choreografiert von Koen Augustijnen.

Zeitgenössischer Tanz zu Musik von Händel, arrangiert für ein Instrumentalensemble bestehend aus Violine, Cello, Laute, Akkordeon, Marimbas/Perkussion und Elektronik sowie Sopran und Countertenor (letztere leider auch elektronisch verstärkt, was es meiner Ansicht nach in der kleinen Bonner Oper nicht gebraucht hätte) - übrigens live auf der Bühne gespielt und teilweise in den Tanz integriert (Lob an die Sänger!).

"Inspiriert" von dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen entstand ein Stück über Vergänglichkeit und Loslassen, neue Balance im Leben finden...
Dramaturgisch war das klasse gemacht mit teilweise kaum merkbaren, teilweise plötzlichen Stimmungswechseln zwischen ernsthafter Tiefe und tröstlicher Heiterkeit.
Der "Klassisch" zeitgenössische Tanz war auf hohem Niveau mit fast beiläufigen akrobatischen Elementen, die Tänzer bestachen durch ihre Individualität.
Die Musik passte total gut, und wie ab oben geschrieben hat:
(Wie modern kommt mir da im Vergleich solches vor wie z.B. Beethovens op. 132.)
,
gilt es für Händel auch!

Trotz des ernsten und traurigen Inhalts bin ich ganz beseelt nach Hause gegangen

Nikolaus. :engel
Heike (26.09.2009, 23:45):
Heute im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin:
Kronos Quartet:
Nun, ich hatte interessante Neue Musik für Streichquartette erwartet - es gab auch lauter Sachen, die erst wenige Jahre alt sind, keiner der Titel sagte mir irgendwas:

Hanna Kulenty - Streichquartett Nr. 4 »A Cradle Song«
Glenn Branca - Light Field (In Consonance) (Arrangement für das Kronos Quartet)
John Adams - Fellow Traveler
Aleksandra Vrebalov - …hold me, neighbor, in this storm …
Raz Mesinai - Crossfader
Ramallah Underground - Tashweesh (Arrangement von Jacob Garchik)
Traditional - Smyrneiko Minore (Arrangement für das Kronos Quartet von Jacob Garchik)
Traditional - Ov Horachamim (Arrangement für das Kronos Quartet von Judith Berkson und Jacob Garchik)
Michael Gordon - Potassium

Dieses Konzert war das Auftaktkonzert meines Streichquartett-Abos. Hätte ich vorher gewusst, was ich mir da anhören muss, hätte ich die Karte verkauft.

Ich ahnte schon schlimmes, als ich in den Saal kam und was sah ich: 2 Lautsprecher auf der Bühne, die 4 Plätze verkabelt, diverse Leuchten.
Dann kamen die 4 leger gekleideten Herren aus Kalifornien und stöpselten ihre Instrumente ein. Also ehrlich, wenn ich Musik aus Lautsprechern hören will, dann gehe ich zu Mr. Garrett in die Waldbühne, aber nicht in den Kammermusiksaal!

Es begann musikalisch recht interessant mit dem Stück einer polnischen Komponistin, eher minimalistisch und durchaus hörenswert. Aber dann, schon das nächste Stück langweilig und das darauffolgende schon für mich einfach nur doof. Und so setzte es sich fort. Hinzu zu den Elektrostreichern wurden bei manchen Stücken Sounds (Geräusche, Melodien, Kirchenglocken bis zu muslimischen Gebetsrufen) eingespielt und bunte Muster an die Podiumswände geworfen. Einmal kamen auch eine Trommel und eine komische Kniegeige (genauer kann ich das nicht benennen) zum Einsatz, gepaart mit lauten Ausrufen des zweiten Geigers, der auch trommelte (nicht immmer ganz rhythmisch, meine ich). Im zweiten Teil empfand ich es als eine mir unerträgliche Mixtur aus verstärkerverzerrtem Rodeo-Minimalismus und arabisch- hebräisch- griechischer Folklore. Ich finde, verstärkte Geigen klingen furchtbar.

Also ehrlich, sowas in eine Streichquartett-Aboreihe zu packen empfinde ich als Zumutung. Der Saal war recht voll und es gab viel Applaus und sicher viele Liebhaber dieser Art von Musik, aber es sind auch schon etliche vorzeitig gegangen (was ich auch ernsthaft überlegt hatte). Nun ja, die Philharmonie hat dieses Jahr auch Lang Lang als Pianist in Residenz - man geht eben mit einem Trend, der mir nicht besonders gefällt.

Ich hab mir jedenfalls auf dem Heimweg erstmal ein Streichquartett angemacht zur Erholung für meine Ohren.
Heike
Gerion (27.09.2009, 07:14):
Liebe Freunde,

am vergangenen Donnerstag hörte ich Ronald Brautigam im Kammermusiksaal des Beethovenhauses in Bonn.

Zunächst ein paar Worte zum Saal: Ich bin begeistert! Ein fast schon intimer Kammermusiksaal mit sehr guter Akustik, dazu noch optisch überaus ansprechend. Die Platzwahl war freigegeben, so dass es sich auszahlte, dass ich sicherheitshalber schon 50 Min. vor Konzertbeginn da war.

Auf dem Programm stand Beethoven, und zwar:

Sonate für Klavier Nr. 11 B-Dur op. 22
Sonate für Klavier Nr. 15 D-Dur op. 28 (»Pastorale«)

und nach der Pause:

Sonate für Klavier Nr. 27 e-Moll op. 90
Sonate für Klavier Nr. 21 C-Dur op. 53 (»Waldstein-Sonate«)

Das Highlight des Abends waren die beiden Namenssonaten, die Brautigam hervorragend vortrug. Aber auch Nr. 27/op. 90 fand ich ganz bezaubernd, insbesondere den zweiten Satz. Bei der Waldsteinsonate ging er stark auf Risiko, spielte schnell, nichtsdestotrotz klar artikuliert, fast nie verschwommen. Die Veränderung des Klangfarben des historischen Instrumentennachbaus über das gesamte Dynamik- und Oktavspektrum zu verfolgen war faszinierend. Die ersten Takte der Waldstein erinnere ich als unendlich warm, ein wunderbares Erlebnis. Ein, zwei mal hat er sich verspielt, glaube ich, aber das war kein Wunder bei der Insbrunst, mit der er spielte. Im Finalsatz der Waldstein, nein, eigentlich während der ganzen Sonate, hing ich gebannt in meinem Stuhl.

Ein wunderbarer Konzertabend! Brautigam verströmt eine Wärme und lässt die Musik sprechen. Der für mich erste live gehörte Vortrag auf einem historischen Instrument(ennachbau) war ein fesselndes Schlüsselerlebnis.

:times10 :leb
nikolaus (27.09.2009, 11:02):
Original von Gerion
Liebe Freunde,

am vergangenen Donnerstag hörte ich Ronald Brautigam im Kammermusiksaal des Beethovenhauses in Bonn.

Zunächst ein paar Worte zum Saal: Ich bin begeistert! Ein fast schon intimer Kammermusiksaal mit sehr guter Akustik, dazu noch optisch überaus ansprechend. Die Platzwahl war freigegeben, so dass es sich auszahlte, dass ich sicherheitshalber schon 50 Min. vor Konzertbeginn da war.



:beer

Ja, das ist wirklich ein schöner Saal. Leider wird er viel zu wenig genutzt, will sagen, es gibt zu wenige Konzerte!

Schön, dass Du einen solch schönen Abend hattest!

Nikolaus.
ab (28.09.2009, 09:17):
Fast hätte ich übersehen, dass das Minetti Quartett, von dem ich oben bereits berichtet hatte, zum dritten Mal in dieser Saison bei uns ihre Aufwartung machten (25.09.2009). Diesmals waren sie im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Österreichischen Rundfunks zu hören, die durch ihre persönliche Werbung per Post und durch günstige Karteinpreise fast 600 Zuhörer ins Konzert locken konnten; eigentlich ein Affront gegen die regionalen Veranstalter, die solches Werbungsbutget nicht auf ihrer Seite haben.

Wunderbar das Programm:
- Ludwig van Beethoven
Quartett für Streicher Nr. 10 in Es-Dur, op.74, »Harfen-Quartett«
- Joseph Haydn
Quartett für Streicher in D-Dur, op.64, Nr.5, Hob. III/63, »Lerchenquartett«
- Dmitrij Schostakowitsch
Quartett für Streicher Nr.3 in F-Dur, op.73

Den ersten Teil betreffend kann ich mich nur wiederholen:
Eine solche ausgeglichene Tongestaltung habe ich so gut wie fast noch nie erlebt. Da war nichts, was irgendwie aus der gemeinsamen Gestaltung herausgefallen wäre.
In dieser Hinsicht haben sie den absoluten Berg (Alban 4) erreicht.

Hier war nun das Lerchenquartett zu hören, das ich das letzte Mal gerne gehört hätte. Die Unbeschwertheit der wunderbaren, ja entzückenden Linienführung von Lukas Hagen hat sie natürlich nicht erreichen können, dennoch ein sehr schöner Haydn, auch wenn wiederum die gleiche konservative Art (u.a. Wiederholung wenig originell immer in gleicher Piano-Manier) zu hören war. Dennoch stört mich dies bei dieser hohen Spielqualität nicht das Geringste.

Das Harfenquartett von Beethoven habe ich noch nie so einheitlich gehört, sprich diese oft zerfallend wirkenden Gegensätze dieses, wie ich finde, schwierigsten Quartett des Meisters, haben sie grandios zusammenhängend darzustellen vermocht.

Den Schostakowitsch fand ich irgendwie enttäuschend. Hiermit meine ich nicht, dass keine "russische" Interpretation zu hören war, wir wir es von Borodin- über Schostakowitsch- bis Beethoven Quartett zu hören gewohnt sind. Viel mehr finde ich es sogar gut, dass inzwischen auch ganz andere, sozusagen unbekümmerte Interpretationen zu hören sind, denn die Musik trägt auch solches. Enttäuschend war viel mehr, dass ich sie an ihrem sonst eigenen Standard messen musste: In den ersten drei Sätzen war nichts von ihrer so einzigartigen ausgeglichene Tongestaltung zu hören, zwar spielten sie immer noch besser als etwa ich es das letzte Mal beim Emerson String Quartett im Konzert gehört hatte, aber erst im letzten Satz fanden sie wieder in die Nähe ihrer Übereinstimmung.
(Umso grandioser wirkte daraufhin die Haydn-Zugabe!)

Das Desatröse dieses Abends war die Moderatorin von Ö1, die sich dazu verleiten ließt, Lyrik von Hertha Kräftner (1928-51) vorzutragen, jener hochbegaben österreichischen Autorin, deren Werk mittlerweile als wesentlicher Beitrag zur Nachkriegsliteratur angesehen wird, die sich mit nur 23 Jahren das Leben genommen hat und deren Werk um eben jenes Thema der Todessehnsucht kreist. Die Moderatorin meinte, ihre Auswahl sei ideal passend zum Dritten Quartetts Schostakowitsch. Erläutert hat sie ihrer verstiegene Meinung nicht. Vermutlich aber meinte sie im Sinne des Bildungsbürgertums eh nicht mehr, als auf diese Autorin aufmerksam machen zu wollen. Eigentlich finde ich so etwas ja gut, und bin selbst bereit, nicht in Missmut zu verfallen, wenn Gedichte zwischen einzelnen Sätzen des Quartetts vorgetragen werden, obwohl dadurch - und gerade bei diesem Quartett Nr. 3 - doch Wesentliches gesprengt wird. Auch finde ich es löblich, die Lyrik Kräftners zu verbreiten. Aber gar kein Verständins habe ich dafür, wenn damit der Lyrik im Allgemeinen und Kräftner im Besonderen bloß ein Bärendienst erwiesen wird: Obwohl Schauspiel studiert trug die Dame die Gedichte sagenhaft schlecht vor: Bloß von dieser Rezitation her wäre es mir völlig verleidet, jemals wieder zu einem Buch von Kräftner zu greifen. Viel schlimmer noch: Zuhörer, die nichts mit Lyrik am Hut haben, fühlen sich durch solchen Vortrag in ihrer Abneigung gegen diese Kunstform wohl noch bestärkt.
:S
Heike (29.09.2009, 09:01):
Ich fände es schrecklich, wenn zwischen den Sätzen eines Quartetts Gedichte vorgelesen würden. Man sollte die Musik für sich sprechen lassen und nicht zerstückeln. Man kann das Qurtett ja einrahmen, also vorher oder nachher Gedichte lesen, wenn das gewünscht ist.

Wenn dann noch so schlechter Vortrag wie beschrieben dazu kommt, dann kann ich deinen Ärger verstehen. Für einen Sender wie Ö1 finde ich sowas sehr peinlich.
Heike
Gerion (03.10.2009, 11:54):
Liebe Freunde,
auf dem Programm standen vergangenen Sonntag:

Ludwig van Beethoven
Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 C-Dur zu op. 72 (1814)

Dmitrij Schostakowitsch
Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 126 (1966)

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73 (1877)


Die Leonoren-Ouvertüre war schön gespielt, einheitlich, vielleicht stellenweise etwas unaufgeregt, aber doch sehr gut. Brahms hat mich erst im letzten Satz wirklich gepackt. Insgesamt aber auch hier ein sehr geschlossenes Klangbild. Jensens Dirigat würde ich als unaufdringlich, aber zupackend, manchmal vielleicht ein klein wenig zu nervös, beschreiben.

Höhepunkt des Konzerts waren natürlich Sol Gabetta und das zweite Schostakovitsch-Cellokonzert. Ihren Celloton fand ich anfangs live als etwas nasal, gurrend, ein wenig gewönungsbedürftig - das legte sich aber schnell. Sie spielt mit einer (auch sichtbaren) Emotionalität und Innigkeit. Ich glaube, Schostakowitsch passt besser zu ihr als Haydn.

Als Zugabe gab sie ein berührendes Stück, in dem sie zeitweilig neben dem Spiel auch sang. Der Homepage der Philharmonie zufolge war es entweder Ernest Blochs "Prayer" oder Gramata Cellam ("Das Buch") von Peteris Vasks. ?(In der Pause gab sie Autogramme. Was für eine zarte, freundliche Erscheinung!

Schön ist das "Go Live!"-Projekt des Gürzenich-Orchesters: Direkt nach dem Konzert kann man einen Mitschnitt auf CD mit nach Hause nehmen (leider diesmal aus urheberrechtlichen Gründen ohne Sol und ihre Zugabe :I). Die Aufnahmequalität ist prima. Eine schöne Möglichkeit, das Konzerterlebnis noch einmal nachzuerleben. Gleichzeitig eine ungeheure Motivation, mehr Konzerte live zu hören - es ist doch erschreckend, was alles verloren geht, wenn man die Aufnahme nachhört.

-
Nachtrag: Die Zugabe war Gramata cellam. Eben fand ich eine Aufnahme auf youtube: hier
Gerion (04.10.2009, 22:53):
Liebe Forianer,

gestern und heute abend hörte ich im großen Sendesaal des WDR in Köln das Auryn Quartett mit Streichquartetten von Joseph Haydn:

C-dur op. 9/1 Hob. III:19
f-moll op. 20/5 Hob. III:35

F-dur op. 50/5 Hob. III:48
D-dur op. 76/5 Hob. III:79

D-dur op. 17/6 Hob. III:30
d-moll op. 42 Hob. III:43

C-dur op. 20/2 Hob. III:32
Es-dur op. 76/6 Hob. III:80

Am Samstag hatte ich durch eine glückliche Fügung noch kurzfristig eine Karte in der ersten Reihe ergattert. Die anfängliche Skepsis wich, als ich merkte, dass die erste Reihe angenehm und angemessen weit vom Podium entfernt war und ich deswegen nicht meinen Hals recken werden müsste. Im Gegenteil: Ich genoss ein sehr unmittelbares, direktes Konzerterlebnis mit äußerst interessanten Einblicken auf die Spielweise und -kultur dieses Ensembles. Heute saß ich "mitte/mitte", was bei dem angenehm dimensionierten Saal des WDR ebenfalls sehr gut war.

Zu den Stücken: Sie kamen mir allesamt ideal vorgetragen vor, sauber gespielt und wunderbar artikuliert, mir fehlt hier der Vergleichsmaßstab, um Genaueres sagen zu können. Mitgerissen haben mich die meisten Finalsätze, wie es mir so oft bei Haydn passiert, insbesondere der vierte Satz des op. 20/5. Die Werke aus den op. 50 und 76 haben mir insgesamt besonders zugesagt, hier vor allem 76/6 (dort die letzten beiden Sätze!). Aber auch 20/2 war genial, insbesondere das Menuett und die Schlussfuge. Insgesamt ist es einfach toll, in mehreren Konzerten den Streichquartettkanon dieses Meisters vorgestellt zu bekommen. Man entdeckt so viel und ertappt sich ein aufs andre Mal, über die Vielfalt dieser meisterhaften Werke zu staunen.

Es war sehr interessant, das Ensemble am Samstag aus nächster Nähe beobachten zu können. Primarius Matthias Lingenfelder steht ständig unter Strom, spielt mit einer unglaublichen dynamischen Bandbreite, versinkt in der Musik. Cellist Andreas Arndt hingegen lächelt viel, während er spielt, zeigt allen seine Spielfreude, "swingt" mit der Musik, wiegt den Kopf - und sucht viel Blickkontakt zu Lingenfelder. Die Mimik des Bratschisten Stewart Eaton konnte ich am schlechtesten beobachten, weil er mir seitlich zugewandt saß. Aber auch er scheint viel mit Blicken zu kommunizieren. Anders Jens Oppermann: Er blickt eher ernst und streng (nicht angestrengt) drein, sehr konzentriert, am wenigsten aufblickend. Es war toll, dieses wunderbare Ensemble einmal so aus der Nähe beobachten zu dürfen.

Am Samstagabend war der erste Satz des ersten Quartetts kaum verklungen, als von der Empore ein kleines Kind "Bravooooo" krächzte - wunderbar! Den Vieren hat's gefallen.

Herzlichst
Euer Gerion
Heike (10.10.2009, 16:03):
schon am Mittwoch:

Staatskapelle Berlin - Dirigent Daniel Barenboim
Violine Gidon Kremer
Bass Alexander Vinogradov
Staatsopernchor

DMITRI SCHOSTAKOWITSCH
Violinkonzert Nr. 2 cis-Moll op. 129
Sinfonie Nr. 13 b-Moll op. 113 »Babij Jar«

Also es hat sich wiedermal bewahrheitet: Werke, mit denen ich nicht so recht warm werde, höre ich im Konzertsaal wie zum ersten Mal. Das ging mir besonders bei der Sinfonie so (die ja eigentlich irgendwie eine Kantate ist). Der junge russische Solist legte seine ganze Seele in die Texte, so dass ich wirklich ergriffen war. Etwas erheiternd, aber auch rührend fand ich die (natürlich stumme) Kommunikation zwischen Barenboim und diesem jungen Herrn Vinogradov (der mal Ensemblemitglied in Barenboims Staatsoper war) - ganz untypisch ehrfürchtig schaute der manchmal zum Maestro auf und kriegte andererseits manche Einsätze andirigiert. Aber was solls, es war eine sehr gelungene Darbietung und die Staatskapelle hat ganz großartige Musik gemacht. Schade, dass die so selten Schostakowitsch spielen, es war ein Genuss.

Gidon Kremer hat mich nicht so hundertprozentig vom Hocker gerissen, ich kann nicht mal wirklich sagen, wieso. Es passte irgendwie was nicht für diese Art von Musik, obwohl es interessant klang und natürlich auch perfekt gespielt war. Besser hat er mir bei der Zugabe gefallen, die er solo spielte. Leider kann ich nicht sagen, was es war - etwas modernes, auf jeden Fall Paganini-Variationen, die großartig anzuhören waren.
Heike
nikolaus (10.10.2009, 16:16):
Original von Hebre

Gidon Kremer hat mich nicht so hundertprozentig vom Hocker gerissen, ich kann nicht mal wirklich sagen, wieso. Es passte irgendwie was nicht für diese Art von Musik, obwohl es interessant klang und natürlich auch perfekt gespielt war.
Heike

Meinst Du, Kremers Art zu spielen passt nicht ganz zu dem Werk?
Oder kann es vielleicht sein, dass es am Stück selber liegt? Ich finde es etwas unausgeglichen, obwohl manche Stellen wirklich sehr schön sind, und nicht so "eingängig" wie das erste.

Gruß, Nikolaus.
Heike (10.10.2009, 16:22):
Also ich mag das Werk gern, auch wenns nicht so populär ist wie das erste Konzert. Keine Frage, Kremers Darbietung war gelungen und hat mir auch gefallen. Aber ein Begeisterungs-Funke ist nicht 100%ig übergesprungen. Warum weiß ich nicht.
Heike

P.s. Ich hab unterwegs noch mal nachgedacht. Ich glaube, Kremers Spiel war irgendwie spröde und ich empfinde diese Musik melancholischer, weicher. Vielleicht wars das. Wiegesagt, bei der Zugabe wars für mich perfekt und hat mich sehr fasziniert.
Heike (12.10.2009, 08:26):
Gestern in der Berliner Philharmonie:

Lang Lang Klavier - Guy Braunstein Violine - Ludwig Quandt Violoncello
im Kammermusiksaal (ich wundere mcih, dass sie nichg den großen Saal gekriegt haben, es war brechend voll)

Sergej Rachmaninow - Trio élégiaque Nr. 1 g-Moll
Felix Mendelssohn Bartholdy - Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49
Peter Tschaikowsky - Klaviertrio a-Moll op. 50

Ein wundervolles Programm und schon dafür hat es sich gelohnt, hinzugehen!
Aber jammern auf hohem Niveau kann man natürlich immer und wie kanns anders sein, Lang Lang ist der Stein des Anstoßes: Er hat sich bemüht, Kammermusik zu spielen - aber es wurde doch immer wieder zwischendruch seine große Show. Dabei kann er es, zum Beispiel die Klavier-solo- Einleitung zum 2. Mendelssohn-Satz war ganz wunderbar cantabile, überhaupt, die leisen Passagen waren schön und auch kann er ohne Zweifel präzise zusammenspielen mit anderen. Aber dann, v.a. wenn es lauter und schneller wurde, dann verpoppte er die Akkorde und ich fragte mich manchmal, ob das wirklich schon aus dem 19. Jh ist, was ich da höre. Die Geige ganz schön, mir mitunter mit zuviel Vibrato, aber vielleicht muss man das so spielen, wenn man mit Lang Lang zusammen auftritt. Jedenfalls hat sich Herr Braunstein immer ganz fürchterlich die Füße verknotet. Das Cello ganz schön, angenehm unspektakulär und schön ausdrucksvoll. Also, warum sie die beiden Solophilharmoniker neben Lang Lang gesetzt haben - keine Ahnung, ob der Star genug ist oder ob sie zeigen wollten, was sie für großartige Solisten haben? Gelungen wars alles in allem.


dann: Gedenkkonzert zum 95. Geburtstag von Ferenc Fricsay
im nicht ganz ausverkauften großen Saal
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin - Ingo Metzmacher Dirigent
David Fray Klavier

György Ligeti - Lontano für großes Orchester
Ludwig van Beethoven - Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37
Béla Bartók - Konzert für Orchester Sz 116

Ich sag mal nicht viel zu Ligeti - ein wundervolles Stück, das ich zum ersten Mal gehört habe, aber nicht vergleichend beurteilen kann. Faszinierende Klangwelten jedenfalls.
Dann David Fray - vorweg, ich fand ihn großartig! Aber anzusehen war er wirklich kaum, ein dünnes, komplett hysterisches Männlein, was doch sichtlich nervös war und auf seinem Stuhl (!) vor dem Klavier hin und her rutschte. Aber wenn man die Augen zu machte oder ihn einfach so hinnahm, wie er aussah, war es wundervoll, das Klavierkonzert. Der Mann ist ein einziges großes Bündel an individuellem Ausdruck, schon die ersten Takte waren fast wütend gespielt (jetzt komm ich endlcih dran), dass ich dachte, er hat einfach soooo viel Energie, das kann ja nicht gut gehen bei Beethoven. Aber weit gefehlt, so exzentrisch er war, so haargenau spielte er mit dem Orchester zusammen und so erwachsen interpretierte er. Sehr ernsthaft gespielt, zwar eigensinnig, manchmal wie weggetreten, aber (bei hartem, klarem Anschlag) ganz wunderbar strukturiert und faszinierend phrasiert.
Es gab wirklich nichts auszusetzen und für mich war ER der eindeutige Star des Tages in Berlin.

Er spielte als Zugabe völlig versunken die Corrente aus der 6. Bach-Partita, fing einfach an mitten in den Applaus rein und bekam auch nachher frenetischen Beifall für diese meisterhafte Studie an Perfektion - völlig zurecht.

Das DSO unter Metzmacher in Hochform, das schöne Bartok-Werk am Schluss hatte es nach Fray schwer, aber war zweifellos gelungen. Ich mag ja Bartok (auch wenn ichs ihm übel nehme, dass er hier Dsch im 4. Satz so verhunzt), aber wenn es dann so gekonnt gespielt ist, bin ich versöhnt.
Heike
ab (12.10.2009, 09:01):
Original von Hebre

dann: Gedenkkonzert zum 95. Geburtstag von Ferenc Fricsay
im nicht ganz ausverkauften großen Saal
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin - Ingo Metzmacher Dirigent
David Fray Klavier

György Ligeti - Lontano für großes Orchester
Ludwig van Beethoven - Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37
Béla Bartók - Konzert für Orchester Sz 116


ein Traumprogramm! Hätte es doch nur Fricsay selber dirigieren können!
Heike (12.10.2009, 19:18):
Also ich hoffe, das Fricsay (der ja der erste Chef des DSO war) auf seiner Wolke auch seine Freude gehabt hat an den aktuellen Protagonisten! Das war wirklich eine kleine Sternstunde der Musik und ich kann nur jedem empfehlen, sich den Fray mal anzusehen, wenn ihr die Gelegenheit habt. Da konnte sogar Herr Luehrs-Kaiser, der selbsternannte Musikpapst vom rbb, nichts andres als applaudieren - mal wieder nach langer Zeit bin ich mit ihm einer Meinung.
siehe http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2009/Philharmonie_Berlin__David_Fray.html
Heike
ab (13.10.2009, 11:48):
Gestern war ein vorzügliches Gastkonzert bei uns zu hören (13.10.2009): Yuri Temirkanov dirigierte seine St. Petersburger Philharmoniker. Als Solist konnte bei Rachmaninovs Klavierkonzert Nr. 3 der Tchaikovsky-Wettbewerb-Gewinner von 1998 brillieren: Denis Matsuev. Stets ist zu lesen, wie fulminant er damals diesen Wettbewerb gewonnen habe. Fulminant ist auch die richtige Charakterisierung für sein gestriges Konzert. Weil aber dieses Wort bereits durch den Marketingbereich derart deflationär verwendet wird, muss ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass es hier im tatsächlich wörtlichen Gebrauch gemeint ist.
Wenn es etwas wirklich Enttäuschendes des Abends gab, dann die Programmwahl nach der Pause: Temirkanov hatte Auszüge aus der Ballettmusik zu Tchaikovskys »Schwanensee« op. 20 zusammengestellt. So grandios auch gespielt, diese laue Musik hinterließ bei mir einfach einen schalen Nachgeschmack mit dem Unglauben, wie man sich bloß mit solchem Einsatz an derart matte Musik überhaupt vergeuden kann. Gefühlsmäßig war der zweite Teil, deutlich länger als der erste, wobei es sich doch real deutlich umgekehrt verhielt. Wie gerne hätte ich mit diesem Orchester Scriabins Poème d’extase gehört oder eine Schostakowitsch Sinfonie, oder den wahren Kantilenenmeister, nämlich Prokofiev (wie viel lieber auch dessen Ballette!), der ja noch seltener bei uns zu hören ist!

Erst im April begeisterte bei uns ja Andrei Gavrilov gemeinsam mit der Dirigentin Anu Tali bei der „Gefühlvollen Jauche“, wie Richard Strauss dieses Konzert einmal bezeichnet haben soll. Ausgelassener Schalk und Freude am Virtuosen war damals zu hören gewesen und lustvolle Interaktion mit den Einzelstimmen des Orchesters. Bei seinem Spiel (ja mehr seiner abgefahrenen Show) bis hin zu den rohesten (aber nie harten) Tastenattacken überschritt er wahrlich untadelig und genialisch nie seine technischen Grenzen; wohl aber begab er sich an diese heran, forderte sie heraus.

Im Vergleich zu dieser Konzerterfahrung im April bin ich nun jedenfalls nach jener mit Denis Matsuev geneigt, Gramophone zuzustimmen: „He literally possesses the sort of technique which begins where others end”: Ich hatte nie auch nur ansatzweise das Gefühl, dass er bis an irgendwelche Grenzen gelangen könnte. Virtuosität oder Grenzgängertum steht da bei ihm einfach nicht im Vordergrund. Trefflich dazu ist auf seiner Webseite in einer Rezension zu lesen, dass er in jener russischen Tradition stehe, in der es um Inhalte, Substanz und strukturelle Durchdringung gehe; „die allerdings vor die Seele der Musik ihre absolute technische Beherrschung setzt“ (Peter Korfmacher). Tendenziell lyrisch-poetisch ist sein Zugriff, durchaus aber gefolgt von einem mächtigen Anziehen, ohne aber dabei in eine dramatische Rast- oder Ruhelosigkeit zu verfallen: Alles wirkt auch dann immer noch ruhend, wenn er ins absolute Fortissimo gerät, das Orchester überdeckte (eine unglaubliche Leistung absolut präzisen Zusammenspiels des Orchesters!)]. Durch diese „lyrische“ Ruhe allerdings dürfte seine Interpretation jenen Hörern tendenziell langweilig(er) vorkommen, die das Dramatische lieben, von unglaublichen Energieanhäufungen sozusagen überwältigt zu werden. Andererseits werden jene, die die oben angesprochene „Seele der Musik“ suchen, durch das „poetische“ seines Spiels, mit dem er sozusagen sich spielt, nämlich auf Distanz, nicht richtig warm werden.
Das Konzert hat er übrigens soeben mit Valery Gergiev aufgenommen, wird aber erst kommendes Jahr erscheinen. Er spielt – anders als der Komponist selbst – die ursprüngliche lange Kadenz, die als ossia in der Partitur angeführt wird.

Matsuevs Linienführung selbst fand ich weniger interessant als die von Gavrilov, schlicht einfach deshalb, weil ich es persönlich mehr schätze, wenn verschiedene Linien sozusagen poylphon getrennt und durchhörbar herausgearbeitet werden. Matsuev sucht nämlich eine Linie, zu der er alle anderen Töne – natürlich in perfekt ausgewogner Weise – zu einer Begleitung hinzu amalgamiert, wie wohl Musikwissenschaftler sagen würden. So entsteht ein Gesamtklang, sozusagen eine Gesamtklangfarbe.

Das passte natürlich geradezu ideal zu den St. Petersburger Philharmonikern, die seit je wohl einen solchen „flachen“ Gesamtklang pflegen. Ich bedauere es nun sehr, ihr erstes Gastspiel bei uns nach der Perestroika verpasst habe. Zu sehr interessierte mich heute, wie sie sich im Klang verändert haben. Wäre ich im Marketing, ich würde wohl für Temirkanov jenen Ausdruck auswählen wollen, der gewöhnlich dem französischen Cellisten Pierre Fournier zugeschrieben wird: aristokratisch. Ich vermute, es geht auf sein Dirigat zurück, dass vom berühmten „stechenden“ Blech der Zeiten Mravinskys, das wohl fast als Inbegriff des „Russischen“ schlechthin angesehen werden könnte, nichts mehr übrig ist. Grandios die Streicher insofern, als sie einen dunklen Klang pflegen, der wirklich noch nach Holz anmutet . Einzigartig das Schlagzeug: Der Pauker war nie aufdringlich, nie zu wenig präsent, immer ideal, so etwas gutes habe ich noch nie gehört! Weder Becken noch Triangel klang so aufdringlich penetrant über die Musik hinaus, wie es sonst materialbedingt üblich ist. Am ehesten an die Aufnahmen mit Mravinsky hat mich noch das Holz erinnert. Die beiden Flöten fand ich allerdings weniger schön, wie auch nicht die Harfenistin, die zwar technisch vorzüglich, nicht aber in den Höhen klanglich ausgeglichen gezupft hat. Das Horn endete alle seine grandios geblasenen Soli seltsam mit einem abrupten Absetzen, das ein „Pfoupp“ erzeugte und oft als übereilt, wie nicht ausgespielt geklungen hat. Ich möchte betonen, dass dies absolut unerhebliche Kleinigkeiten sind, die ich bloß deshalb erwähne, weil sie mir aufgefallen sind. Sie haben den Musikgenuss nicht im Geringsten getrübt: Diese Orchester zählt wohl zu Recht zu den aller besten der Welt, in dessen Zentrum der Streicherklang steht, um das herum die restlichen Orchesterstimmen eingebettet sind. Es gibt wohl niemanden sonst derzeit, die derart perfekt homogen des Accelerandos fähig sind!

Noch ein Wort zu Temirkanov: Konservativ im besten Sinne klang da nichts irgendwie interessant oder ungewohnt oder gar neuartig. Aristokatisch-Musikantisch erinnerte er mich etwas an Georges Prêtre, ohne aber dessen Klangfärbigkeit zu haben. Russische Grimmigkeit oder wie auch immer man das bezeichnen möchte, was wohl das Lebensgefühl zu Zeiten des Kommunismus bestimmt hat, ist bei ihm nicht mehr zu hören gewesen. Auch war alles angenehm frei von Sentimentalität. Gestaltung im Pianissimo fand sich dafür nicht. Es schien, als ließe er, kaum dirigierend, sein Orchester spielen. Ein netter Herr, der alle Zeit der Welt hatte, um Applaus für sein Orchester einzuheimsen, bevor er endlich die Zugaben herausrückte.
ab (14.10.2009, 09:33):
Weil es mir so vorkommt, als käme oben zu wenig des intendierten Positiven in Bezug auf Matsuev herüber, wollte ich noch nachtragen, dass es das Einzigartige Matsuevs gewesen ist, all jene Überlegungen, die ich im Nachhinein angestellt und oben ausgeführt habe, während seines Spiels einfach nicht zum Tragen gekommen sind, so unmittelbar gebannt war ich/man von seiner buchstäblich erhabenen Güte seines Klavierspiels - wie eine Klasse phänomenaler Pianistik für sich!

Auch möchte ich noch mit meiner Vermutung nicht zurückhalten, dass ich fürchte, so zweifellos grandios das Orchester auch gespielt hat, dass es unter Temirkanov nur mehr einen müden Abklatsch der Zeiten Mravinskys darstellt.
Heike (14.10.2009, 15:30):
Hallo ab,
ich finde deine Beschtreibung sehr interessant. Auch mir ist es wirklich unverständlich, wie man Schwanensee nach diesem grandiosen Klavierkonzert plazieren kann. Aber na gut, sicher findet auch da Liebhaber.

Dann fand ich ganz spannend, was du über den Streicherklang geschrieben hast, wo du ja auch mit den Berlinern vergleichst. Ich mag diese Entwicklung nicht, die hier vorgeht. Erst vor einigen Wochen habe ich die Akademie für Alte Musik Berlin mit Bachs Kunst der Fuge gehört und ich fand es stellenweise wirklich anstrengend zu hören.
Heike
Heike (14.10.2009, 15:45):
Gestern habe ich im Konzerthaus übrigens Daniel Müller Schott angehört, mit einem Kammermusikprogramm. Ich wollte eigentlich nicht hingehen, weil ich auf den nicht so besonders neugierig war, aber eine Freundin hatte eine Freikarte übrig und da bin ich dann natürlich doch hingegangen:

Daniel Müller-Schott Violoncello
Robert Kulek Klavier

Ludwig van Beethoven Sonate A-Dur op. 69
Franz Schubert Sonate für Arpeggione und Klavier a-Moll D 821
César Franck Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur (nach der Violinsonate A-Dur)

Ein bissel langweilig fand ichs, vor allem der Beethoven schwächelte bedeutungsleer vor sich hin. Irgendwie alles ganz nett, aber etwas fad und ohne besondere Höhepunkte. Aber misslungen kann man auch nicht sagen, also dieses übertrieben labbrig-kitschige, was der Schott manchmal hervorbringt, das ist mir gestern nicht so aufgefallen. Erst bei der ersten Zugabe, da triefte es dann doch vor Schmalz (cis moll Nocturne von Chopin).

Dann kam aber noch eine Schumann-Phantasie und zum Schluss eine kleine Habanera und insgesamt war es doch recht annehmbar anzuhören - wenn auch nichts, was mir nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.
Heike
Heike (15.10.2009, 08:25):
Mi 14. Oktober 2009 20 Uhr- Philharmonie Berlin

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Hugh Wolff Dirigent
Patricia Kopatchinskaja Violine

Alban Berg - Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels«
Dmitri Schostakowitsch - Symphonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Ein aufwühlender und gelungener Abend.
Das Alban Berg- Konzert habe ich schon sehr oft live gehört, das war gestern mindestens sehr originell und auf keinen Fall langweilig. Die Dame Kopatchinskaja barfuß, mit sehr eigenwilligen, expressivem Ton, ausdrucksstark und soweit ich das beurteilen kann technisch brilliant. Manchmal einen Tick zu leise. Das unfertige, suchende, fast improvisierte Spiel passte aber sehr gut zu der Musik, die Verzweiflung, Lähmung, Verklärung, da kann man Extreme ausleben. War hörenswert, aber ein wenig hat sie sich die Sympathien des Publikums verspielt, weil sie nach wirklich drängendstem Applaus zwar 5 oder 6 mal rauskam, aber ohne jede Zugabe ging.

Die Schostakowitsch - Sinfonie danach: ein ganz überwältigendes live-Erlebnis! Weil ich gerade vorher über Klang in Berlin geschrieben habe: das RSO ist ein Musterbeispiel dafür, dass es noch anders geht. Die sind so gut, dass es eine Freude ist zuzuhören; da stand die Gewalt direkt im Saal, da schwang es in der Luft bei den leisen Passagen. Da können die Philharmoniker noch so stolz mit ihren grandiosen Solisten glänzen, klanglich und von der Dynamik des Spiels ziehe ich das RSO mittlerweile immer öfter vor.

Das Konzert wird heute abend um 20 Uhr in Deutschland Radio Kulturübertragen, ich bin mal gespannt, wieviel von dem gefühlten Eindruck da im Radio rüberkommt.
Heike
ab (15.10.2009, 09:46):
Original von Hebre
Weil ich gerade vorher über Klang in Berlin geschrieben habe: das RSO ist ein Musterbeispiel dafür, dass es noch anders geht. Die sind so gut, dass es eine Freude ist zuzuhören; da stand die Gewalt direkt im Saal, da schwang es in der Luft bei den leisen Passagen. Da können die Philharmoniker noch so stolz mit ihren grandiosen Solisten glänzen, klanglich und von der Dynamik des Spiels ziehe ich das RSO mittlerweile immer öfter vor.


By the way, weil es mich nun daraufhin sehr interessiert: Wie stehts Deiner Meinung nach um das Deutsche Symphonieorchester Berlin? Haben die immer noch so einen erbärmlichen Streicherklang? (besser wohl: "immer noch keinen Streicherklang")
Danke!

:hello
Heike (15.10.2009, 16:20):
Hallo ab,
nein, das würde ich so nicht unterschreiben, da hat sich unter Metzmacher viel getan (um so trauriger bin ich, dass er geht). Ich finde zwar, das RSO (und auch die Staatskapelle) klingt schöner und v.a. bei romantischem Repertoire voller und tiefer als das DSO, aber ich höre das DSO auch sehr gern. Die sind meist super präzise im Zusammenspiel und mit Solisten ist das oft ein Segen. Was vielleicht an Volumen manchmal in der Tat fehlt, das macht der jugendliche Schwung gut wett, vor allem bei modernen Sachen höre ich die sehr gern.
Heike
ab (15.10.2009, 16:29):
Danke! :hello
Jeremias (18.10.2009, 17:15):
In Armenien habe ich 2 Konzerte beim diesjährigen Musikfestival besucht:

Armenian Philharmonic Orchestra
Soloists:
Polina Leshcenko, piano (Belgium)
Alexander Chaushian ,cello (UK)
Priya Mitchell, violin (UK)

Conductor: Lavard Skou Larsen (Austria)

Program:
Beethoven: Coriolan Overture
Mendelssohn: Double Concerto for Violin and Piano
Haydn: Cello Concerto in C-dur
Bruch: Violin Concerto

Die Konzerte in Armenien sind oftmals so aufgebaut, dass mehrere Solisten an einem Abend auftreten. So auch bei diesem Konzert. Die Geigerin war mir unbekannt. Sie wirkte leicht nervös, die Intonation stimmte nicht immer ganz, was den Bruch angeht. Der Cellist machte seine Sache bei Haydn ganz gut, allerdings auch hier und da den ein oder anderen falschen oder nicht ganz sauberen Ton. Highlight war der Mendelssohn, welcher am Ende des Konzerts stand. Die Pianistin wurde u.a. von Martha Argerich gefördert, sie trat in der bei EMI erschienenen Reihe auf. Und sie enttäuschte nicht, meisterte den höllisch schweren Part souverän. Sie schaffte es auch die vorher etwas schwache Geigerin zu einem guten Auftritt mitzureissen. DAs Orchester selber gehörte früher zu den besseren, insbesondere zu Zeiten mit ihrem Dirigenten Loris Tcheknavorian, den ich im Frühling selber kennenlernen durfte.

Für einen Eintrittspreis von umgerechnet 80 Cent ein interessanter Abend.

Das 2. Konzert:

Armenian Philharmonic Orchestra
Soloists:
Natalia Gutman, cello (Russia)
Svyatoslav Moroz, violin (Russia)

Conductor: Eduard Topchjan

Program:
Shostakovich: Cello Concerto No.1
Brahms: Double Concerto for Violin and Cello

Vorab: Die gesamte Musikprominenz Armeniens hatte sich versammelt, u.a. auch Komponisten wie Vahram Babayan. In der Pause lief mir dann auch Ilya Gringolts, der ebenfalls an dem Festival teilnahm, über den Weg. DAs Konzert wurde für das Armenische Fernsehen aufgenommen.

Natalia Gutman habe ich letztmals vor 5 Jahren gesehen. Sie ist wahnsinnig in die Breite gegangen, ich war fast etwas erschrocken. Sie wirkte auf der Bühne alt, müde, schwerfällig. Den Schostakowitsch begann sie, ohne sich vorher etwas Zeit genommen zu haben. Schade! Zudem war das Cello nicht 100% gestimmt. Gleichwohl fand sie ab dem 2. Satz besser in das Werk hinein und zeigte sodann ihr ganzes Können. Der Brahms war jedoch das absolute Highlight! Der mir unbekannte Geiger machte seine Sache wirklich gut, aber Natalia Gutman zog immer wieder durch ihre unglaubliche Ausstrahlung die Aufmerksamkeit auf mich. Sie schien sich insgesamt wohler zu fühlen im 2. Teil. Standing Ovations.... da haben sich die 5 EUro Eintritt wirklich gelohnt!
Gerion (25.10.2009, 12:17):
Original von Gerion
Liebe Freunde,

am vergangenen Donnerstag hörte ich Ronald Brautigam im Kammermusiksaal des Beethovenhauses in Bonn.

Auf dem Programm stand Beethoven, und zwar:

Sonate für Klavier Nr. 11 B-Dur op. 22
Sonate für Klavier Nr. 15 D-Dur op. 28 (»Pastorale«)

und nach der Pause:

Sonate für Klavier Nr. 27 e-Moll op. 90
Sonate für Klavier Nr. 21 C-Dur op. 53 (»Waldstein-Sonate«)



Ein wunderbarer Konzertabend! Brautigam verströmt eine Wärme und lässt die Musik sprechen. Der für mich erste live gehörte Vortrag auf einem historischen Instrument(ennachbau) war ein fesselndes Schlüsselerlebnis.

:times10 :leb

Liebe Forianer,

gestern entdeckte ich, dass das von mir besuchte Konzert und zwei weitere Abende, an denen Beethovensonaten auf Originalinstrumenten gespielt wurden, in der ARD Mediathek (über die Deutsche Welle) abrufbar sind und auch als mp3 heruntergeladen werden können.

Hier der Link zum o.g. Konzert, dem dritten Teil der Aufzeichnungen:

*klick*

Die anderen beiden Aufzeichnungen sind dort im Menübereich rechts verlinkt. Vielleicht findet sich dort auch noch mehr Material vom Beethovenfest.

Herzlich grüßt
Gerion
Heike (27.10.2009, 16:20):
gestern im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie:
GEDENKKONZERT FÜR YEHUDI MENUHIN
GUY BRAUNSTEIN Violine und Leitung
ELENA BASHKIROVA Klavier
ENSEMBLE ORIOL BERLIN

Bach: Konzert für Violine a-Moll BWV 1041
Puccini: Crisantemi für Streichorchester
Webern: Streichquartett 1905 (Fassung für Streichorchester)
Mendelssohn Bartholdy: Konzert d-Moll für Violine, Klavier und Orchester

Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit habe ich mich über Braunstein (den Solo-Geiger der Berliner Philharmoniker) geärgert. Gestern nun war es noch schlimmer als beim Kammerkonzert vor kurzem (mit Lang Lang und Quandt). Braunstein, der als Solist als auch als Dirigent auftrat, nahm die Sache lässig, es fehlten jederart subtile Töne. Völlig unpassend schmalzig und breit ausladend führte er Regie im Orchester; es waberte nur so vor sich hin. Auch sein Solospiel gefiel mir wiederum nicht, viel zu viel lautes Drama und Draufgängertum, viel zu wenig Rafinesse oder Poesie. Vor allem bei Mendelssohn war das tödlich, aber auch Bach verkam zu einer leichten Muse. Die Dame am Klavier schaffte das ganze noch (im negativen Sinne) zu toppen, selten habe ich so uninspiriertes, steriles, hölzernes Spiel gehört.

Schade, das Programm war gut, aber ich bin nicht sicher, ob sich Menuhin im Grabe nicht recht schnell abgewendet hat, falls er zuhörte.
Heike
Heike (29.10.2009, 08:17):
Hallo ab,
wie war dein Konzert mit M. Ursuleasa ?
Die hat hier für ihre CD eine ganz hervorragende Bewertung bekommen:
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,657656,00.html
Heike
ab (29.10.2009, 10:29):
Original von Hebre
Hallo ab,
wie war dein Konzert mit M. Ursuleasa ?
Die hat hier für ihre CD eine ganz hervorragende Bewertung bekommen:
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,657656,00.html
Heike

Hier kommt die neue Platte gar nicht gut weg.

Bei uns gastierte sie (22.10.2009) zum Jubiläumskonzert "60 Jahre Jeunesse" (die größte Musikreihe Österreichs, die sich vor allem für Nachwuchs einsetzt):

Wolfgang Amadeus Mozart Adagio h-Moll K 540
Franz Schubert Drei Klavierstücke D 946
Béla Bartók Zwei rumänische Tänze op. 8a
Sergej Rachmaninow Etudes-tableaux op. 39

(Sie wollte mit dem Platten-Programm kommen, war aber bereits letzte Ostern, als ich sie damit leider nicht hören konnte, damit schon bei uns.)

Der Flügel, ein vorzüglicher neuer Steinway-D, war leider in sich an einigen Saiten verstimmt (ein großes Problem bei uns, weil immer dieselbe Person für die Betreuung der Steinways zuständig ist), so dass einige seltsame Schwebungen entstanden sind. Die Akkustik des recht jungen, getunten Saales aus Bambusgras, grandios (wie zumindest ich finde) frei von überlagernden und verzerrenden Reflexionen, ist derart brilliant, dass schlich alles zu vernehmen ist. Da wird nichts verschluckt, auch nicht einige unsanften Dämpfergeräusche. (Ein Saal (ideal für Avantgardemusik) zur beinharten Schulung!)

Vor allem wurde Ursuleasa mir gerühmt für energiegeladene, überbordende Musizierlust voll von Kontrasten. Ich habe sie derartig nicht erlebt, sie kam mir eher verinnerlicht konzentriert vor. Ihre Gestaltung begleitender Linien geht bis ins extreme Pianissimo und dürfte in vielen "normalen" Sälen kaum mehr zu vernehmen sein. Ich fand ihre extrem differenzierte Anschlagkunst durchwegs erfreulich. Ihr schöner Ton von reicher farblicher Abstufung und differenzierter Fülle ist bis ins Fortissimo weich. Leider aber steht ihrer subtilen manualen Kunst ein beherrschend starker und wenig differenzierter Gebrauch des rechten Pedals gegenüber.

Mir kam es so vor, als ging es ihr weniger um Harmonik oder Kontrapunktik (was wohl von einigen Kritikern bemängelt wird), sondern um weitgezogene Linien. Mir hat es gefallen, dass jeder Moment des Verlaufs auf den gleichen Zielpunktpunkt ausgerichtet wirkte. Das hat eine deutliche Strukturierung ergeben und auch bei ihr Ruhe (bei aller Dramatik und Expressivität) in das Spiel gebracht. Überhaupt Ruhe : Dem entgegen tritt sie mit starkem mimischen Ausdruck und Gestik auf, die nach Unruhe und Angespanntheit anmuten. Nach der Pause wirkte sie gar grimmig-aggressiv. (Hinterher hörte ich, dass sie tatsächlich stark verärgert über die extreme Pausenlänge war, weil es weder ein Künstlerzimmer noch ein Klavier für die Finger gibt.) (Ihre schlechte Haltung mit nach vorne hängenden Schulter lassen mich befürchten, dass sie schon bald mir Rückenprobleme zu kämpfen haben dürfte.)
Ich habe stets wegsehen müssen, weil mich ihre Bewegungen abgelenkt hätten, die Musik so zu hören, wie sie sie gespielt hat.

Mir hat es gefallen, wie in den langen Linien gelegentliches effektvolles Staccato gemengt war, das auf mich jugendlich unbeschwert wirkte. (In Rezensionen ist dazu oft zu lesen, dass dies von den Kritikern als eher manieriert und nicht musikalisch sinnvoll bewertet wird.) Ihre Stärken scheine mir in höchst ausgewogener Klanglichkeit zu liegen, die ich sehr genießend als reine Schönheit erlebt habe. Ihr Spiel ist jedenfalls geprägt von einer durchgehende Intensität, sozusagen südeuropäische Glut mit Wiener Lässigkeit.

Mir hat es sehr gefallen, dass sie, die für schwierigste Romantik gerühmt wird, auch sehr schön Mozart und Schubert spielen kann, für Bartók ist sie sowieso mit ihrem Temperament prädestiniert. Leider aber konnte auch sie mir nicht die Etudes-tableaux erschließen, die mich (anders als Rachmaninovs Préludes, die Sonaten oder seine Konzerte) einfach musikalisch gar nicht ansprechen.

Als Gesamteindruck faszinierte sie mich, weil das offensichtlich grandios Virtuose immer hinter dem Ausdruck zurücksteht: eine wahre Musikantin! Ich habe das Konzert sehr genossen - und das ist ja das Entscheidende.
Heike (29.10.2009, 18:08):
Danke für den interessanten Bericht!
Ich hoffe, dass die auch bald mal in Berlin spielt, dass ich mir ein eigenes Bild machen kann. Ob ich mir die CD kaufe, weiß ich noch nicht.
Heike
ab (29.10.2009, 18:58):
Original von Hebre
Ob ich mir die CD kaufe, weiß ich noch nicht.
Heike

Gerde wegen der im Link genannten "Mängel", also der Langsamkeit bei Gaspard de la nuit , die mir überzeugend in der Spnnung zu wirken scheinen, hätte ich sie gerne zum genaueren Studium zuhause. Allerdings kaufe ich so gut wie keine Vollpreis-CDs mehr.

Ich hoffe also auf billigere Zeiten; oder auf Freunde, die gerne Geschenke machen. :tongue:
nikolaus (02.11.2009, 23:53):
Gerade zurück von einem sehr schönen Konzert in der Kölner Philharmonie:

Mahler Chamber Orchestra (verstärkt durch Studierende der MCO Academy)
Daniel Harding

L.v.Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61, Solist: Renaud Capucon

I.Strawinsky: Le Sacre du Printemps

(Zugabe: I.Strawinsky, so eine Art Fanfare ?)

In der gut besuchten Philharmonie waren sehr viele junge Leute, genauer gesagt Schüler, die v.a. nach dem Sacre für richtig gute Stimmung gesorgt haben. Also scheinen diese Aktivitäten à la Rhythm is it durchaus erfolgreich zu sein. Das freut mich richtig!

Das Mahler Chamber Orchestra ist auch eines dieser tollen Orchester, die offenbar alles können und dies mit viel Freude und Engagement tun, so jedenfalls mein Hör- und Seheindruck. Alle schienen höchst konzentriert, es war ein offensichtliches (und hörbares) miteinander zwischen Orchester, Dirigenten und Solisten.
Mir hat nichts gefehlt: weiche, wenn nötig aggressive Streicher, präzise (abgesehen vom einen oder anderen Kiekser der Oboe o. was da sonst noch so an mir unbekannten Blasinstrumenten vorhanden war) und rhythmisches Schlagwerk.
Beeindruckend die Schlussakkorde der einzelnen Teile des Sacre - da hat nichts, aber auch gar nichts gewackelt. Auch rhythmisch hat mich das sehr überzeugt. Ehrlich gesagt habe ich das von Harding nicht unbedingt erwartet (der übrigens auch sehr locker und humorvoll auftritt...)
Beim Beethoven gefiel mir das weiche, melodiöse Spiel, das durch einen ordentlichen Impetus nie langweilig wurde, im Gegenteil.

Renaud Capucon ist für mich ja kein unbekannter, ich habe ihn seit nunmehr 5 Jahren immer wieder gehört, und ich finde, er verbessert sich stetig.
Er verfügt über einen sehr geradlinigen, sehnigen Ton, der mühelos auch die Philharmonie ausfüllt.
Seine Interpretation des Beethoven-Konzertes ist sicher nichts aussergewöhnliches oder extravagantes, aber sie überzeugt durch eine im besten Sinne geschmackvolle Gestaltung mit durchaus auch virtuosem Zugriff.
Kleine Nuancen, so scheint mir, reichen ihm, um Spannung zu erzeugen und das Publikum zum Zuhören zu "zwingen" (da verstummten sogar die herbstlichen Huster).
Und immer wieder schafft er einen in der Schwebe gehaltenen Ton, der mich mitten ins Herz trifft!

Kurz: das war grosse Klasse!

Nikolaus.
ab (06.11.2009, 09:18):
Gestern (5.11.2009) war ich in einem ganz, ganz :down herovrragenden Gitarrenkonzert mit dem Koratischen Gitarristen Petrit Çeku - leider habe ich gerade keine Zeit, darüber ausführlicher zu berichtet, aber versäumt das nicht, wenn sich die Möglichkeit bietet, ihn im Konzert zu hören!

Technisch ist Ceku besser als ich es mir je bei diesem Instrument hätte vorstellen können. Musikalisch ist er bereits jetzt schon unglaublich berührend, selbst in jenen Momenten, wo man nicht spürt, dass sein Herzblut in der Musik aufgeht. Wie wird das erst werden, wenn eine durchgehende Tiefe der Alterserfahrung hinzukommen wird! (Auch wurde wieder einmal deutlich, dass verinnerlichte höchste Güte vom Publikum, das Schmissigkeit und Dramatik hören möchte, nicht angemessen honoriert wird...)

Eine derart ausgeglichene Tongestaltung hätte ich für schlicht unmöglich gehalten. Irgendwie wirkte da nichts nach gezupfter Saite, es wirkte eher schon wie ein höchst subtiler Klavieranschlag. Was für eine Farbenvielfalt, ohne das Gefühl zu haben, er gestalte farblich! Und das beste daran: Alle erhabene Präzision diente ihm nur für den Ausdruck seiner schlichten Musikalität ganz in Bescheidenheit.

Jedenfalls ein Konzerthighlight des Jahres 2009!

Petrit Çeku Gitarre

Giulio Regondi Etüde Nr. 4 , 6 & 10
Vicente Asencio: Suite Valenciana für Gitarre solo
Goran Listes: Rondoncino croato
Zeljko Brkanovic: Suita mediterana
Joaquín Rodrigo: Elogio de la Guitarra
Heike (16.11.2009, 00:10):
So 15.11.2009 | 20:00 Uhr Konzerthaus Berlin, Großer Saal |
Kristjan Järvi
Waltraud Meier | Mezzosopran
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, RIAS Kammerchor

Arvo Pärt - Sinfonie Nr. 3
Gustav Mahler - "Rheinlegendchen"
Gustav Mahler - "Das irdische Leben"
Gustav Mahler - "Wo die schönen Trompeten blasen"
Gustav Mahler - "Urlicht" aus der Sinfonie Nr. 2
Gustav Mahler - "Des Antonius von Padua Fischpredigt"
Arvo Pärt - Stabat mater für gemischten Chor und Streichorchester
Arvo Pärt - "Cantique des degrés" für gemischten Chor und Orchester

Noch nie hatte ich irgendwas von Arvo Pärt angehört! Umso neugieriger war ich.
Also, die Sinfonie - ein 25 minütiges Werk aus drei Sätzen, die ineinander übergehen, ohne Tempowechsel, also für mich war jedenfalls nicht erkennbar, wo die Sätze wechselten. Aber egal, es war ausgesprochen fesselnd. Quasi war es wie eine Reise durch die Musikgeschichte: von mittelalterlichen Anklängen, Bach-haft anmutenden Chorälen über Bruckner-Pathos und sogar explitiziten DSCH-Signaturen war das nie langweilig. Aber ganz ganz langsam, ohne jede Dramatik, mit vielen solistischen Passagen und eher minimalistischen Melodien. Hat mir sehr gut gefallen.

Dann die 5 Mahler- Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn" mit Waltraud Meier. Das hat sie sehr ausdrucksvoll gesungen, mehr will ich dazu gar nicht sagen (ich bin nicht so der Lied-Spezialist).

Im zweiten Abschnitt wieder Arvo Pärt.
Das Stabat Mater für Chor und Streichorchester gehört zu den intensivsten Vertonungen dieses lithurgischen Klagegesanges, die ich kenne. Es war bisher in Deutschland noch nicht aufgeführt worden, Pärt hat erst im letzten Jahr diese Orchesterfassung geschrieben. Ein ganz ruhiges, ernstes Werk, das vom Chor sehr beeindruckend gesungen wurde.

Zum Schluss dann "Cantique des degrés", ein (lateinisch) vertonter Psalm 121, recht festlich und ein krönender Abschluss.

Ein großartiges Konzert, dass durch die Anwesenheit von Arvo Pärt zum Schluss noch einen bewegenden Höhepunkt hatte, als er auf die Bühne kam und sehr viel Applaus bekam!

Heike
P.s. Frau Merkel soll auch im Konzert gewesen sein (wie auf der Damentoilette von ihren Sitznachbarinnen berichtet wurde) - also, sie scheint eine interessante Musikauswahl getroffen zu haben!

P.p.s Im Programmheft stand ein Zitat von Pärt, das ich so klasse finde, dass ich gleich meine Signatur ändern werde!
Heike (20.11.2009, 23:45):
Kammermusiksaal Berlin, 20.11.09
RUDOLF BUCHBINDER
Haydn: Sonate Es-Dur
Schubert: 4 Impromtus op. 142
Beethoven: Sonate f-Moll op. 57 Nr. 23 „Appassionata“

Ganz diffizil und präzise fing es mit Haydn an und ganz gewaltig hörte es mit Beethoven auf. Das ist schon ein sehr versierter Pianist, dieser Herr Buchbinder, wie ich bemerkt habe. Recht wenig exzentrisch, ziemlich klar strukturiert, flott und schnörkellos. Das bekam vor allem dem Schubert gut. Auch beim Haydn gefiel mir die Geradlinigkeit und punktgenaue Phrasierung, gewitzt und doch nicht billig. Die Appassionata kann er wahrscheinlich im Schlaf spielen, das war schon recht spannend aufgebaut und auch finster, aber ich mag es noch lieber subtiler gruselig .... Trotzdem, es ist immer wieder ein Genuss für mich, irgendeine Beethovensonate von jemandem zu hören, von dem ich sie noch nicht gehört habe.

Als Zugaben gab es das Finale aus der Pathetique und dann noch richtig nette Strauss-Variationen (es waren offenischtlich Östereicher im Saal, die sich gar nicht mehr einkriegen konnten!)
Heike
Jeremias (21.11.2009, 08:48):
Gestern Abend in Düsseldorf:

Düsseldorfer Symphoniker
Latica Honda-Rosenberg, Violine
Städt. Musikverein zu Düsseldorf e.V.
Marieddy Rossetto, Einstudierung
Anna Virovlansky, Sopran
Katarzyna Kuncio, Mezzosopran
Corby Welch, Tenor
Axel Kober, Dirigent

Widmann, Con Brio
Spohr, Konzert für Violine und Orchester Nr. 8 a-Moll op. 47 "in modo di scena cantante"

-Pause-

Mendelssohn Bartholdy, Symphonie Nr. 2 B-Dur op. 52 "Lobgesang"

Widmann nahm in diesem Werk Fragmente aus Beethovens Sinfonien sowie Klänge und Motive à la Beethoven und kombinierte sie mit Klängen , die z.B. durch Schlagen der Instrumente oder irgendwelchen menschlichen lauten gemischt wurden. Interessant, kam beim Publikum aber nicht so gut an. Latica Honda-Rosenberg wollte ich schon länger mal hören. Sie machte ihre Sache gut, schöner, sauberer Klang. Absolutes Highlight war Mendelssohn! Der neue Chefdirigent der Rheinoper in Düsseldorf entlockte dem Orchester zunächst eine Dynamik, die ich 10 Jahre lang während der Zeit des Amerikaners John Fiore, den ich nie gemocht habe, vermisst habe. Da war ein Pianissimo wirklich pianissimo, da konnte man endlich die einzelnen Instrumente raushören, nicht immer nur ein "Einheitsbrei". Die 1. Sopranistin wirkte etwas verkrampft, die 2. hat ja sowieso nur ein Duett. Aber so einen guten Tenor habe ich lange, lange nicht mehr gehört! Solche autentischen Emotionen, das war unglaublich und solch eine deutliche Aussprache.... insgesamt eine grandiose Aufführung dieses selten gespielten Werkes... ich werde noch lange daran denken :engel :engel :engel
Gerion (21.11.2009, 09:39):
@Jeremias: Da liest man mal wieder, dass es sich durchaus lohnen kann, nach D*brrrr*f zu fahren... :D
Im Ernst: Bald möchte ich auch noch mal in die Tonhalle.

Herzliche Grüße aus Kölle :hello
Sebastian
Jeremias (21.11.2009, 11:23):
Ich war lange nicht mehr da, über ein Jahr, das Programm im letzten Jahr war einfach sch....

Im Frühling spielt Berezovsky das 2. Chopin-Konzert, vormerken! Und das Konzert von gestern wird morgen und Montag wiederholt!
Amadé (21.11.2009, 20:57):
Gestern Abend im großen Saal des Olper Kreishauses zu Gast: der junge russische Pianist Nikolai Tokarew, geb.1983. Das Programm war, ausschließlich mit russischer Musik, (leider) etwas einseitig, ich hätte mir, gerade um der Vielseitigkeit willen, zusätzlich noch etwas anderes gewünscht. Andererseits konnte man hier russische Musik aus erster Hand erleben.
Programm:
Tschaikowsky: Die Jahreszeiten op.37-Auswahl: Februar-April, Juni, August, Oktober und November
Tschaikowsky: Dumka op.59
nach der Pause:
Mussorgsky: nein! sondern eine Bearbeitung des Orchesterstücks „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Igor Khudoley (1940-2001, ein Freund der Familie Tokarew)
Alexander Rosenblatt: Suite-Fantasie (5 Sätze) über Themen aus „Schwanensee“, Tokarew gewidmet.

Gleich im ersten Tschaikowsky-Stück wurde evident, dass die Klavierwelt in Tokarew einen ganz großen Meister hinzugewonnen hat. Technisch völlig abgesichert, mit Geschmack, Temperament und Verve führte er die Musik vor und zog die Zuhörer zumindest vor der Pause in einen magischen Bann. Dem Jahreszeiten-Zyklus habe ich bisher wenig Beachtung geschenkt, Tokarew führt mich zum Umdenken. Die Dumka kenne ich in den Interpretationen von Bronfman, Vogt und Lang Lang. Welche explosive Kraft im dem Stück steckt, konnte man gestern erleben.
Nach der Pause machte uns der Pianist mit der Bearbeitung von Mussorgskys „Nacht“ für Klavier (Liszt-Nachfolge) bekannt, beeindruckend, wie Tokarew die Hexen auf, unter und im Flügel in den Griff bekam. Sicher, eine Schau, aber auch Pianistenfutter für diejenigen, die es verstehen, solches auf höchstem technischen Niveau überzeugend musikalisch darzubieten.
Mit der Fantasie von Rosenblatt, geb.1956, hatte ich meine Probleme, stilistisch uneinheitlich, wenig „Schwanensee“, oder kenne ich davon zu wenig?, dafür Anhäufung von pianistischen Schwierigkeiten. Dieser Musik fehlt Redundanz. Standing Ovations!
Die Zugaben versöhnten mich dann wieder:
Rachmaninoff: Prelude cis-moll, eine Toccata von Scarlatti sowie das Bach-Präludium in h-moll in der Bearbeitung von Siloti. Dieses Stück scheint schon seit Jahren am Moskauer Konservatorium Pflichtstück zu sein, schon Gilels hat es gespielt. Tokarew ließ das kleine Stück leise und lange ausklingen, ein Gegenpol zu der zuvor gespielten Musik. Ich hoffe Tokarew mit anderem Programm bald wieder hören und erleben zu können.

Die Mussorsky-Bearbeitung sowie das h-moll Preludium befinden sich auch auf Tokarews Debut-CD bei Sony.

Grüße Amadé
nikolaus (22.11.2009, 21:07):
Bereits am Donnerstag (ich bin allerdings erst heute aus Hamburg nach Hause gekommen) spielte im gut gefüllten kleinen Saal der Musikhalle in Hamburg

Philippe Bianconi

folgendes Programm, betitelt mit "Hommage an Chopin":

Chopin: Prélude op. 45
Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47
Fauré: Ballade Fis-Dur op. 19
Debussy: ...D'un cahier d'esquisses
Masques
L'Isle joyeuse
- Pause -
Ravel: Jeux d'eaux
Oiseaux tristes und Alborada del gracioso aus den Miroirs
Chopin: Nocturne cis-moll op. 27/1
Barcarolle op. 60
Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54

Für das begeisterte Publikum spielte er noch drei Zugaben:
Debussy: Poisson d'or
Chopin: Walzer Nr. ?
Ravel: Toccata aus Le tombeau de Couperin

Das war ein wie ich finde sehr schönes und anspruchsvolles Programm mit rotem Faden.
Bianconi hat einfach famos gespielt und sich noch stetig gesteigert. Mir kam es so vor, als hätte er sich in einen richtigen "Rausch" gespielt.
Er hat dieses Programm offenbar sehr gut vorbereitet und zeigte sehr schön Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Komponisten und der Stücke auf. Da ich so glücklich war, in der ersten Reihe links sitzen zu können, konnte ich gut seine Hände beobachten; ich als Laie war beeindruckt, wie seine "Technik" den Anforderungen anpasste. Ähnlich deutlich fällt mir das z.B. auch bei Martha Argerich auf.
Mir schien, dass er sich bei Ravel und Debussy am wohlsten fühlte; er ist aber auch ein hervorragender Chopin-Interpret mit der nötigen "Delicatesse", wie es so schön im ausfühlichen Programmheft heisst. Auch sein Fauré, zu dem ich bisher noch keinen idealen Zugang habe, hat mir sehr gut gefallen.

Wie schon letztes Jahr zum Brahms-Wochenende hat sich die Reise nach Hamburg gelohnt!

Nikolaus.
cellodil (23.11.2009, 10:52):
...wow! Das klingt nach einem richtig schönen und beglückenden Abend! Bianconi würde ich auch gerne mal im Konzert hören...

Liebe, ein ganz klein bisschen neidvolle Grüße

Sabine
ab (23.11.2009, 13:36):
...wow! Das klingt nach einem richtig schönen und beglückenden Abend! Bianconi würde ich auch gerne mal im Konzert hören...

Liebe, ein ganz klein bisschen neidvolle Grüße
nikolaus (23.11.2009, 13:45):
Wie schön, eine unisono-Antwort!

:hello
nikolaus (06.12.2009, 23:37):
Ich komme gerade zurück von einem schönen Kammermusikabend in der Philharmonie Köln:

Gidon Kremer Violine
Yuri Bashmet Viola
Marie-Elisabeth Hecker Cello (erst 22 Jahre alt...)
Oleg Maisenberg Klavier

spielten:

Gustav Mahler Quartettsatz a-moll
Alfred Schnittke Streichtrio (1985)
Johannes Brahms Klavierquartett Nr. 3 c-moll op. 60
Peter Kiesewetter Tango pathétique als Zugabe

Man mag mich für gefühlsduselig halten, aber den Quartettsatz von Mahler liebe ich einfach. Schon die ersten Töne des Klaviers lassen mich erschauern; das ist so schön melancholische Musik!
Dabei haben die vier das sehr feinsinnig und ohne den grossen Gefühlsdruck gespielt.

Schnittke empfand ich fast als logische Folge zu dem Mahler-Quartett die Stimmung betreffend.
Ich kenne nicht viel von Schnittke und habe manchmal ein Problem mit den "eruptiven" Stellen, aber die langsamen, leisen, getragenen Passagen sind einfach wunderschön, wie nicht von dieser Welt.
Hier hat mich die absolute Harmonie zwischen Kremer und Bashmet fasziniert. Fantastisch, wie sie die Töne um Nuancen verändern könne. Die Cellistin hat da sehr schön mitgezogen.

Das Brahms-Quartett wurde ebenfalls sehr feinsinnig und klangschön musiziert. Das war kein robuster oder gar feuriger Brahms (wie ihn Argerich, Maisky u.a. dieses Jahr in Lugano gespielt haben), sondern ein zarter, behutsamer. Als Gesamtkonzept geht das durchaus auf, mir persönlich fehlte aber doch der eine oder andere Impuls vom Klavier.

Sehr entspannt und humorvoll dann die Zugabe.

Das sind einfach grossartige Musiker!
Diese junge Celllistin muss man sich merken, sie scheint mir ein grossartiges Talent zu sein. Sie spielt eine sehr schönen, weichen, runden Ton durch alle Lagen und sehr differenziert; und vor allem geht sie in der Musik sichtbar auf.

Nikolaus.
Heike (07.12.2009, 12:38):
gestern 6.12. um 20 Uhr Kamemrmusiksaal Berlin
GIPFELTREFFEN DER STREICHQUARTETTE
Zum 85. Geburtstag von Walter Levin

Programm:
Zemlinsky Quartet (Tschechien) Leos Janácek: 1. Streichquartett „Kreutzersonate“
Cuarteto Casals (Spanien) Joseph Haydn: Streichquartett Es-Dur op. 33/2
Cuarteto Quiroga (Spanien) Anton Webern: 5 Sätze für Streichquartett op. 5
Gémeaux Quartett (Schweiz) Anton Webern: Rondo für Streichquartett
Amaryllis Quartett (Deutschland) György Kurtág: Officium breve
Kuss Quartett (Deutschland) Johannes Brahms: Streichquartett B-Dur op. 67


Ich kann euch sagen, das war eine Sternstunde der Streichquartette!

Ich weiß gar nicht, was ich herausheben soll! Vielleicht den absolut hinreißend originell gespielten Haydn, in einer Wahnsinns- Präzision und mit gaaaaanz viel Schalk.
Und auf jeden Fall die beiden Webern-Stücke, das war live ein großartiges Erlebnis. Gänsehautmusik, äußerst eindrucksvoll vorgetragen. Besonders aufgefallen ist mir die Cellistin des Cuarteto Quiroga - Helena Poggio - das war ganz große Klasse und ein faszinierend klingender Celloton. Ach was, das ganze Quartett war einfach wundervoll.

Ein wunderbarer Abend unter Anwesenheit des Jubilars (der sehr wach und rüstig wirkte), ohne Reden :) und zum Schluss mit einem von 24 Musikern gespielten Happy Birthday
Heike
Gerion (07.12.2009, 23:11):
Ach so ein Mist! Und ich depp habe den Deutschlandfunk-Radiorecorder nicht angeworfen. Ich sar so kurz davor! :I :A S

Aber wenigstens hatte ich auch einen schönen Abend, einen großartigen sogar, nämlich im gleichen Konzert wie Du, lieber Nikolaus! Und ich kann mich Deinem Urteil nur anschließen: Ein runder Abend mit einer schönen, eindrucksvollen Entdeckung (-> Cellistin). Brahms empfand ich ebenso, und der Mahler-Satz verzückte auch mich.

Und, für mich persönlich, wegen des genialen Schnittke-Trios, das ich mir am gleichen Abend noch auf CD besorgen musste: Eine Sternstunde meines Konzertjahres 2009!

PS: Das Konzert wurde aufgezeichnet und wird vss. am 14.12. in Dradio Kultur gesendet. Und ja, diesmal wird mein Recorder laufen! :tongue:
Jürgen (08.12.2009, 11:43):
http://culturebase.org/media/pics/5/8/f/8/a/pxl__58f8aaef850a780b112b7be82e031524.jpg
Ich war am Sonntag mit meiner Familie im Wiesbanerer Staatstheater.
Es gab Hänsel und Gretel.

Es war um 18 Uhr eine Frühabendvorstellung am Niklasabend, Musiker und Dirigent daher rot Zipfelbemützt und im Publikum gut 60% Kinder. Das gab eine besondere Atmosphäre. Zwischendrin immer Ahs und Ohs und bei Brüderchen, komm tanz mit mir hat doch drüben im 2.Rang irgend so ein Naseweiss für ein paar Sekunden mitgepfiffen (Juckt dich das Fell?).
Mich hat es komischerweise überhaupt nicht gestört, waren doch meine eigenen Kinder (7 und 10) auch nicht immer ganz still.

Das Orchester spielte nicht schlecht, wenn auch etwas dünner bestzt, als ich es von meiner Lieblingseinspielung (Solti) gewohnt bin.
Mit den Sängern war ich rundweg zufrieden. Einzig die Gretel fiel gegen ihren Bruder doch etwas ab.

Die Inszenierung war althergebracht-märchenhaft, mit gelegentlichem starken Hang zum Kitsch. Insbesondere das Knusperhaus und die Pantomime waren für Erwachsene schwer verdaulich, für Kinder jedoch gut gemacht.
http://data.heimat.de/pics/c/6/7/3/1/ec_c67318b851736b6c83caeba0de508a8c.jpg

Grüße
Jürgen
Heike (10.12.2009, 16:34):
Mi 09.12.2009 | 20:00 Uhr
Philharmonie Berlin, Großer Saal | Abo-Konzert

Marek Janowski
Lise de la Salle | Klavier
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Claude Debussy - "Jeux" Poème dansé
Camille Saint-Saëns - Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 22
César Franck - Sinfonie d-Moll


Nun, das erste Mal, dass ich nach den ganzen Orchesterquerelen das RSB wieder gesehen habe.

Zu dem Debussy-Stück kann ich nichts sagen, es gefiel mir nicht besonders und mangels Vergleich traue ich mir auch kein Urteil über die Darbietung zu.

Das Klavierkonzert von Saint-Saëns ist von je her großartige Musik für mich und ich hatte mich sehr drauf gefreut. Obwohl mir Lise de la Salle bei gelegentlichen Radio-Hörschnipseln bisher nicht besonders positiv aufgefallen war, eher im Gegenteil. Jedoch gestern hat sie mich sehr überzeugt. Sie spielte äußerst temperamentvoll, mit hartem Anschlag und viel Pedal. Ich glaube, das Konzert ist nicht ganz einfach und sie meisterte das bravourös. Ich fand das sehr mitreißend. Eine Chopin-Zugabe (nocturne) spielte sie dann recht empfindsam, wirklich ganz schön, hat mich also insgesamt angenehm überrascht.

Die Sinfonie dann, also das RSB irgendwie ein bisssel nervös, auch nicht ganz sauber am Ende des 1. Satzes. wahrscheinlich hat Janowski dann böse geguckt in der Satzpause, jedenfalls haben sie dann richtig aufgedreht und die beiden anderen Sätze waren wieder wunderbar, das Finale mit viel drive, ich war richtig aufgeputscht danach.

Hach, ich bin froh, dass diese Fusion vom Tisch ist!
Heike
Amadé (10.12.2009, 22:43):
Gerade sehe ich, dass dieses Konzert am morgigen Freitag in Deutschland Radio Kultur gesendet wird, Beginn 20.00.

Gruß Amadé
kreisler (13.12.2009, 22:58):
Sa 13.12.2009, 11:00 Uhr

Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung
Mozart: Klaviersonate A-dur KV 331
Prokofieff: Klaviersonate Nr. 7

Fazil Say


Ich darf ein mal mehr von einem sehr beeindruckenden Konzert des türkischen Pianisten Fazil Say berichten: Das ausgezeichnete Recital begann gleich mal mit den "Bildern"...eigentlich ein typische Nummer für den Schluss aber der sollte ja für den Prokoffief frei bleiben. Es ist beeindruckend wie er sich einfach so an das Klavier setzt und "spielt". Und zwar hat man wirklich das Gefühl, bei ihm geht es nur darum wie die Musik in seinem Kopf aussieht und nicht wie man sie im Konzert nun mal "zu spielen hat".
Freilich braucht er seine ganzen Gesten, überlangen Pausen, sein mitsummen und sein gestampfe bei der "Promenade" (:P), ohne das alles könnte er es wohl nicht, aber andererseits ist das ein viel Interessanterer und persönlicherer Umgang mit Musik im allgemeinen als ich es von vielen anderen Pianisten sonst kenne.

Unglaublich gespielt hat er dann auch das à la turca: Das muss man auch erst einmal so sehnsuchts- und gleichzeitig humorvoll spielen können!!!

Und die Tatsache das es ihm gelungen ist beim Prokofieff neben dem zu recht berüchtigten und atemberaubenden letzten Satz auch die ersten beiden Sätze so kurzweilig, schön, ehrlich, so individuell und gleichzeitig vollendet zu spielen, hat dieses Recital zu einem der besten gemacht, das ich dieses Jahr gehört habe!!!

Die beiden Jazzvariationen über - zugegebenermaßen etwas unpassend :J - "Summertime" und das - uns allen irgendwo her bekannte - Paganini-Thema, selbstverständlich von ihm selber, rundeten das Ganze perfekt ab.

Beifall, Standing Ovations, Bravo! :)

lg kreisler
ab (15.12.2009, 11:08):
Eigentlich wollte ich erst am Sonntag ins Konzert mit Gielen mit Mahler, schloss mich aber dann bereits am Samstag 10.12.2009 mit an, um in der Philharmonie die Berliner Philharmoniker und dem Rundfunkchor Berlin mit Christian Thielemann zu hören. Hier und da und dort las ich gerade darüber eine Kritik.

Zu hören war von Brahms "Nänie", "Gesang der Parzen" und "Schicksalslied" sowie nach der Pause von Schönberg "Pelléas und Mélisande".

Ich war zum ersten Mal in der Philharmonie und war schlicht beigestet von der Akustik - so wurde der Abend für mich vor allem zu einem Klangschmaus. Fast zu spät gekommen, setzte ich mich durch einen falschen Eingang rasch an einen anderen Platz als auf der Karte ausgewiesen, und so konnte ich auch erleben, wie phantastisch dieses grandiose Saal an verschiedenen Stellen klingt: Ich glaube, dies ist die schönste Akustik, die ich bislang je gehört habe!
:down

Auch war das meine erste Begegnung mit den Philharmonikern im Konzert, sehe ich einmal davon ab, dass ich sie zu Zeiten gehört hatte, wo ich noch kaum Erfahrung hatte und alles sehr undifferenziert wahrgenommen hatte. Mein Eindruck wie von Aufnahmen, dass der Streichklang immer stärker nach Stahlseite denn nach Holz klinge, konnte ich im Konzert gar nicht bestätigt finden; womöglich lag das aber eher großen Abstand zum Orchester(?)

Eine Premiere war es auch, Thielemann einmal zu sehen. Jedenfalls ist dieser Mensch, der mit kein Zentrum zu haben scheint und sich für mein Empfinden irgendwie völlig wie amorph (mir kam die Metapher des Amöbenhaften in den Sinn) bewegt (und auch nicht verbeugen kann) mir höchst seltsam vorgekommen. Der Beginn war auch recht spannungslos, viele Einsätze vor allem zwischen den Bläsern waren leicht verpatzt. Ich frage mich, ob dies am Orchester, zu wenigen Proben oder dem Dirigenten liegt. (Ich tendiere dazu, es letzterem zuzuschreiben.)

Der Chor sang sehr gut, wenn er auch nicht sehr schön klang, weil die Soprane ab dem Mezzo eigentlich schon irgendwie gepresst klangen - aber vermutlich bin ich vor allem durch Kammerchöre bei Barockmusik mit sehr schönen Stimmen zu sehr verwöhnt. Wahre Größe zeigte er vor allem im Piano.

Sieht man von den Anfängen ab, wo das Blech noch nicht richtig ausgewogen zu den anderen Stimmen war, besserte sich das zunehmenden im Laufe des Konzerts. Was sich leider nicht besserte war, das Thielemann eigentlich keine richtigen Bögen spannt: Er bringt keine Phrase richtig zu einem Ende und irgendwie hebt auch keine irgendwo an. Die Übergänge kamen mir daher völlig missglückt vor und es stellte sich nicht so recht der Eindruck ein, dass hier eine Einheit geschaffen wurde. Irgendwie ist alles mir aneinandergereiht vorgekommen.
Ich neige dazu, anzunehmen, dass gerade dies die spezifische Eigenart Thielemanns ausmacht (nur dass ich dies leider aus persönlichen Geschmacksgründen nicht zu schätzen vermag).

Gerade beim Brahms fand ich auch gelegentlich, dass wesentliche Stimmen völlig untergegangen sind, indem Thielemann irgendwie eine weitgeschwungene Melodie suchte, die er zu stark einer Instrumentesgruppe zuwies, statt durch die Gruppen angemessen zu verteilen. (Dies aber bloß mein Eindruck, ohne darüber sicher sein zu könne, weil ich die Werke zuvor noch nicht gekannt hatte.) Beim Schönberg hatte ich diesen Eindruck dann nicht mehr, diese Partitur schien er mir wirklich "drauf" zu haben. Geradezu ungewöhnlich durchsichtig klang hier alles, wobei ich nicht weiß, was der Akustik, was dem Orchester und was Thielemann daran anzurechnen ist.

Schrecklich fand ich, dass Thielemann die Crescendi alle viel zu schnell vornimmt, also zu rasch zu laut wird, und sich damit verschenkt, einen Spannungsbogen aufzubauen. Aber womöglich ist ja auch das wiederum gerade seine Eigenart und drückt sein authentisches Empfinden aus (das bloß meinem leider völlig verquer liegt).

Thielemann kam mir an diesem Abend jedenfalls wie ein Dirigent vor, dem es nicht darum geht, musikalischen Ausdruck in der Musik zu finden. Mein Eindruck war also ähnlich wie von Kritiker Clark im Link oben beschrieben, nur nach stärker beim Brahms als beim Schönberg: die Musik glitt "an meinem Ohr vorüber, ohne den geringsten Eindruck zu machen". Wo er wirklich Wirkung erzielt, ist in jenen (seltenen) Abschnitten, wo man das Gefühl hat, er lässt seine Musiker frei laufen. Da kommen dann Momente zustanden, in denen ein regelrechter Sog der Lebendigkeit entsteht, auch diese allerdings für mein Empfinden eher steril klang. Frei nach Carlos Kleiber: Viele Noten, wenig Fleisch. Auch fand ich die Klangfarbengestaltung enttäuschend monochrom, diesbezüglich gestalten Thielemann gar nicht.

Zum Orchester: Völlig geplättet, wie man so sagt, war ich von der Qualität der Bässe! Grandios! Leider ist ihr feiner Duktus im Fluss der Musik dann von den restlichen Streicher, wenn sie das Thema weiterspannen, nicht aufgenommen worden. Dieses Nicht-aufeinander-Hören wunderte mich doch sehr und ich frage mich, ob dies am Orchester, den wenigen Proben oder am Dirigenten liegt (womöglich aber auch an einer eher ungewohnten antiphonalen Aufstellung mit ersten und zweiten Geigern gegenüber?). (Hier kann ich leider bei mir keine Tendenz zu einer Antwort ausmachen.) Leider hatte der Schönberg zu wenig Schlagwerk, um hier die wahre Qualität ermessen zu können. Der Pauker hat mich jedenfalls nicht vom Hocker gerissen, wie man so sagt, und mich hätte schon sehr interessiert, ob die Berliner die Kunst der St. Petersburger erreicht können, so fein anzuschlagen, dass auch Triangel oder Becken völlig homogen eingebunden sind. Sehr positiv ist mir die Harfe aufgefallen. Die Soli der Holzbläser kamen mir an diesem Abend allesamt eher uninspiriert vor, was ich aber dem Dirigenten zuschreiben. Tadelloses Blech, grandioses Trompetensolo (dieser Solist wurde nicht extra zum Aufstehen gewunken, um dafür beklatscht zu werden.)

Fazit: Ein schönes Konzerterlebens trotz (viel zu) geringer "Interpretation" bei dem ich sehr viel lernen konnte und den Klang, der dem Trommelfell geschmeichelt hat (wörtlich im physiologischen Sinne gemeint), selten genossen habe.
:hello

Tja, in Berlin sollte man leben...
Heike (15.12.2009, 12:57):
Hallo ab,
was du über die Akustik in der Philharmonie schreibst, das trifft genau mein Empfinden. Sie ist großartig (was aber wiederum Huster auch besonders störend macht). Und genauso großartig oder sogar noch schöner ist sie im Kammermusiksaal - ich liebe Klavierrecitals dort und bin immer wieder fasziniert, wie man dort allerleisteste Töne quasi in der Luft schweben hören kann!

Was du über das Orchester schreibst und die irgendwie schlampige oder unausgewogene Spielart an manchen Stellen - auch das kann ich bestätigen: Die spielen einfach oft so, als wenn sie keine Lust haben, sich zu konzentrieren. Und ich habe das schon mit verschiedenen Dirigenten so gehört.

Schade, dass du am Sonntag nicht bei der Staatskapelle mit Gielen warst und vergleichen konntest. Obwohl ich an beiden Tagen nicht dort war, wäre ich sehr gespannt auf dein Urteil gewesen.
Heike
ab (15.12.2009, 14:38):
Original von Hebre
Schade, dass du am Sonntag nicht bei der Staatskapelle mit Gielen warst und vergleichen konntest. Obwohl ich an beiden Tagen nicht dort war, wäre ich sehr gespannt auf dein Urteil gewesen.
Heike

Ja leider, ich wäre auch gespannt gewesen auf mein Urteil :W
Armin70 (15.12.2009, 16:21):
Hallo,

ich bin mal gespannt, wie das Konzert mit dem BPO und Thielemann in der Digital Concert Hall rüber kommt. Wobei das sicherlich ein großer Unterschied ist zwischen dem Live-Erlebnis und der Ton-Konserve.
Immerhin konnte ich mich im September diesen Jahres selbst von der Akustik im großen Saal der Berliner Philharmonie live überzeugen. Zwar nicht bei einem Konzert der Philharmoniker aber dafür mit einem meiner Meinung nach phänomenalen Konzert der Bamberger Sinfoniker, Leitung Jonathan Nott, das im Rahmen der Berliner Musikfestspiele stattfand. Auf dem Programm standen Werke von Haydn, Nono und Schostakowitsch.

Gruß
ab (16.12.2009, 09:44):
Original von Armin70
Immerhin konnte ich mich im September diesen Jahres selbst von der Akustik im großen Saal der Berliner Philharmonie live überzeugen. Zwar nicht bei einem Konzert der Philharmoniker aber dafür mit einem meiner Meinung nach phänomenalen Konzert der Bamberger Sinfoniker, Leitung Jonathan Nott

Nott hätte ich auch viel lieber dirigieren gehört :ignore
:hello
nikolaus (20.12.2009, 23:32):
gerade zurück aus der Philhlarmonie Köln:

Pictures reframed

Leif Ove Andsnes, Klavier
Robin Rhode, Videoinstallation

Modest Mussorgsky: Kindheitserinnerungen (1865)

Robin Rhode: Kid Candle (2009), Video

Robert Schumann: Kinderszenen op. 15 (1838)

Robin Rhode: Spray Painting (2009), Video

Thomas Larcher: Was wird (2009) für Klavier

Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstelllung (1874)
Robin Rhode: Pictures Reframed (2007 - 2009), Videoinstallation zu "Bilder einer Austellung"


Das war ein sehr beeindruckender, spannender Abend!

Die Bühne war hinten schwarz verhängt, davor waren Leinwände, schwarz-weiss graphisch bemalt, angebracht. Der Flügel stand in der Mitte, während der "Bilder" war die Klaviatur nur von einem kleinen Spot ausgeleuchtet.

Es begann mit zwei mir unbekannten, sehr schöne Miniaturen aus Mussorgskys "Kindheitserinnerungen", die er eigentlich zu einer Suite auskomponierten wollte, es aber offenbar nicht getan hat.

Danach die Kinderszenen: zunächst etwas arg nüchtern, zum Ende hin aber sehr poetisch. Die letzten beiden Stücke dehnte Andsnes unendlich aus, ohne den Spannungsbogen zu verlieren; das ging mir schon sehr nahe...

Larchers Werk ist Andsnes, Rhodes und Mussorgsky gewidmet. Es ist ein für mich eher "mainstream"-Stück, das insgesamt sehr abwechslungsreich und spannend ist. Neben wunderbar zarten Passagen gibt es sehr energetische, starke, jazzige Stellen; z.T. werden die Saiten wie bei einer Harfe benutzt.

Die "Bilder" waren dann in diesem Gesamtkonzept einfach grandios gespielt; mir blieb ab und zu fast das Herz stehen.
Zuerst fand ich Andsnes Spielweise ungewohnt brachial, aber das brauchte es, um neben der Videoinstallation zu bestehen. Und was Andsnes an Details trotzdem herausgearbeitet hat, war wirklich beeindruckend.
Und wenn man bedenkt, dass Andsnes eineinhalb Stunden ohne Pause (bis auf die Präparation des Klaviers für das Larcher-Stück) gespielt hat, ist das eine Leistung, vor der ich nur :down

Die beiden kleine Videos und die gross angelegte Installation zu den "Bildern" haben mir insgesamt sehr gut gefallen. Sie zu beschreiben, ist mir allerdings nicht möglich, man muss sie gesehen haben.
Ich habe zwar nicht alle Assoziationen und Hintergründe nachvollziehen oder verstehen können, aber ich denke, wenn man sich einfach mitreissen und treiben lässt, hat das ganze wirklich eine gigantische Wirkung.

Kurz: dieser Abend hat sich für mich wirklich gelohnt. Wenn solch ein Konzept so stimmig umgesetzt wird, ist es eine sicher eine Bereicherung für den Konzertbetrieb (zumal tatsächlich auch junges Publikum dadurch angezogen wird).

Nikolaus.
cellodil (21.12.2009, 00:49):
:hello lieber Nikolaus,

das klingt wirklich nach einem ungewöhnlichen und interessanten Abend, der sinnlich und nicht bloß intellektuelles Spielchen gewesen zu sein scheint.

Schön, schön, schön!

Liebe Grüße

Sabine
Gerion (21.12.2009, 09:01):
Lieber Nikolaus,

danke für den eindrucksvollen Bericht! Das kilingt, als habe ich wirklich etwas verpasst. Ich hatte noch überlegt hinzugehen, doch dann überwog die Müdigkeit und Mattheit... :(

adventliche Grüße
Gerion
Heike (21.12.2009, 11:11):
Das Weihnachtsoratorium im Radialsystem Berlin in einer szenischen Bearbeitung von NOVOFLOT
20.12.2009
19 Uhr bis ca. 23 Uhr
Die "Fassung für Sänger, Schauspieler, großen gemischten Chor, Knabenchor, Experimentalensemble und Orchester", wie sie genannt wird, war wirklich das originellste WO, was ich je gehört habe und so ganz anders, als alle bisherigen Aufführungen.

Das Konzept fand ich sehr faszinierend. Es wurde in 5 verschiedenen Räumen gespielt, die Hörer teilten sich zeitweise in immer kleiner werdende Gruppen auf (wobei man letztlich alles sah, zu verschiedenen Zeiten). Auch draußen gab es Teile, bis zum gegenüberliegenden Spreeufer wurde gespielt. Es war bitterkalt und wenn dann z.B. (an aktuelle Berliner Verhältnisse erinnernde) Bettelkinder dir Pappschilder vor die Nase halten und dazu der Knabenchor im Kanon fast schreit "wo ist der neugeborne König", wenn Kinderräuber den Chor dezimieren und dann alle kreischend flüchten, dann ist man unentschlossen, ob man sich in Augustus' Zeiten versetzt fühlen soll oder doch eher nach Neukölln. Und wenn danach im nächsten Raum z.B. eine sterile, mit Powerpoint-Bilanzen dekorierte, dann mit Flirts und kitschigen Geschenken vollgepackte, zuletzt aggressiv verlogene Betriebsweihnahctsfeier folgt, dann ist man rundum fasziniert von diesem Konzept! Ich war es jedenfalls.

In diesen "Szenen" gab es ungeheuer berührende Momente, auch ganz überraschende Ideen, große Klasse: kreativ, innovativ und kritisch. Das Radialsystem ist für solcherart Experimente wie geschaffen, das war sehr stimmig angelegt. Bei fast 4 Stunden gab es natürlich auch Passagen, die nicht so perfekt durchdacht waren, aber das hat bei mir den absolut positiven Gesamteindruck nicht getrübt. Dieses räumliche Erlebnis, mitten im Geschehen zu sein, war super.

Die beiden Chöre und auch die Musiker haben recht gute Arbeit abgeliefert, auch die Schauspieler (inclusiver zweier Kinder, die ziemlich viel zu tun hatten und das sehr gut gemacht haben) überzeugten. Größtes Manko waren die 4 Solisten. Die Frauen, naja, ich habe keine A-Sänger erwartet, also das war ok. Beide Männer aber waren leider offensichtlich erkältet und da gingen dann wirklich ziemlich viele Töne daneben oder wurden gleich taktweise umtransponiert. Also es war nicht so schlimm, dass es zum Wegrennen war; aber ein wenig schade, dass sich die Solisten sich nur auf gutem Laienlevel bewegten. Wenn diese 4 ein noch besseres Niveau gehabt hätten (wobei ich nicht weiß, wieviel an den Erkältungen lag), dann wäre das noch 2 Klassen besser angekommen. Da ist also durchaus noch Platz nach oben.

Bei der Premiere soll es ja (nach Aussage der Mitarbeiter vor Ort) noch etliche Unsicherheiten gegeben haben, bei der Aufführung gestern war davon nichts mehr zu merken. Lustig war es, in die Gesichter derjenigen zu sehen, die sich vorher nicht informiert hatten, was sie da ansehen würden. Wer ein klassisches WO erwartet hatte, der war allerdings doch ziemlich schockiert.

Fazit: Ansehen, wer in Berlin ist - es lohnt sich auf jeden Fall und die Preise sind dank etlicher Fördertöpfe auch sehr moderat.
Heike

P.s. @Nikolaus: die "Pictures reframed" wollte ich mir auch ansehen, die gabs unlängst auch in Berlin - aber nur an einem einzigen Tag und ausgerechnet da konnte ich nicht! Danke für deinen Bericht!
Armin70 (21.12.2009, 11:31):
Hallo Heike,

das klingt sehr spannend und das wäre bestimmt ganz nach meinen Geschmack.
Ich finde es jedenfalls interessant, wenn man Bachs geistliche Werke oder überhaupt geistliche Werke auch anderer Komponisten nicht immer nur streng in der Kirche aufführt, sondern auch mal szenisch oder auch mal als Ballett aufführt, wobei sich meiner Meinung die Regie dann doch etwas zurückhaltender zeigen sollte als wenn ein Werk inszeniert wird, dass für die Bühne geschrieben wurde.

Jedenfalls vielen Dank für deinen interessanten Bericht.

Gruß
Armin
Cetay (inaktiv) (21.12.2009, 15:01):
Original von Hebre
Das Weihnachtsoratorium im Radialsystem Berlin in einer szenischen Bearbeitung von NOVOFLOT
20.12.2009
19 Uhr bis ca. 23 Uhr
Die "Fassung für Sänger, Schauspieler, großen gemischten Chor, Knabenchor, Experimentalensemble und Orchester", wie sie genannt wird, war wirklich das originellste WO, was ich je gehört habe und so ganz anders, als alle bisherigen Aufführungen.

Das Konzept fand ich sehr faszinierend. Es wurde in 5 verschiedenen Räumen gespielt, die Hörer teilten sich zeitweise in immer kleiner werdende Gruppen auf (wobei man letztlich alles sah, zu verschiedenen Zeiten). Auch draußen gab es Teile, bis zum gegenüberliegenden Spreeufer wurde gespielt.

Wie haben sich denn die Bauer-4 in das Konzept eingefügt?
Heike (21.12.2009, 17:01):
Wie haben sich denn die Bauer-4 in das Konzept eingefügt?
Tja, ich weiß nicht so recht. Das war meiner Meinung nach einer der Punkte, die noch nicht so letztendlich durchdacht waren. Sie (bzw. einzelne Musiker von ihnen) haben meist abgeschlossene Szenen eingerahmt, eher selten waren sie wirklich einbezogen in die WO-Musikwelt. Manchmal was das Einrahmen sehr gelungen, manchmal weniger. Und sie haben am Schluss alle zusammen noch mal richtig aufgedreht, als Rausschmeißer. Das fand ich auch irgendwie irritierend, sie spielten, während die anderen Mitwirkenden sich verbeugten. Anfangs traute sich kaum jemand zu klatschen, weil man nicht wusste, ob es jetzt vorbei ist - aber es war so vorgesehen, als open- End- Schleife.
Heike
Jeremias (08.01.2010, 13:17):
Gestern in der Oper Düsseldorf, die "lustige Witwe" in der Inszenierung von Harald Schmidt.... Danilo großartig, die Witwe stark gesteigert, die Kalauer von Harald Schmidt zum Wegschmeissen.... wer Lust und Zeit hat, sollte sich eine der noch vielen Vorstellungen in Düsseldorf oder Duisburg ansehen!

:engel
Heike (08.01.2010, 13:50):
Donnerstag, 07. Januar 2010 20.00 Uhr Philharmonie Berlin
Herbert Blomstedt - DSO Berlin

Martin Helmchen
Felix Mendelssohn Bartholdy - Klavierkonzert Nr. 2 d-Moll
Anton Bruckner - Symphonie Nr. 2 c-Moll (Urfassung)

Ein merkwürdiger Abend!
Zunächst mal zwei Werke, die ich beide noch nie im Konzert gesehen habe. Aber das muss ja kein Nachteil sein:

Das Mendelssohn 2. Klavierkonzert mit Helmchen fand ich ganz nett, eine schöne glitzer-beschwingte Stimmung verbreitete sich im Saal, ganz im Kontrast zur Winterwelt draußen. Er spielte es leicht, emotional, aber nicht kitschig und bekam zu recht viel Beifall. Er spielte dann noch ein Lied ohne Worte als Zugabe, was auch recht hübsch war, aber von seinem solistischen Auftritt keinen bleibenden Eindruck hinterließ. Solide, aber es fehlte das gewisse Etwas.

Dann der Bruckner. Seltsam, seltsam. Eine merkwürdige Fassung, ganz viele Generalpausen, gestückelte und wieder zusammengebastelte Themengruppen, die jedenfalls gestern nicht immer so richtig zusammenfinden wollten. Zwischendrin dann in Brucknerscher Manier geballte Orchestermassen-Klangtürme, die in der Philharmonie richtig gut rüberkamen; da setzt man sich gerade hin ;-) . Aber irgendwie habe ich das nicht immer zu fassen gekriegt, was das insgesamt werden sollte, 70 min lang. Im Finale dann auch noch an einer Stelle ein komplettes Chaos - irgendwie haben die ersten Geigen entweder den Einsatz verpasst oder sind in der Zeile verrutscht, keine Ahnung, was da los war, jedenfalls war das ganz schräg ein zwei Takte, ehe die sich einkriegten und es wieder passte. Habe ich so krass selten erlebt.

Origineller Jahresauftakt jedenfalls!
Heike

P.s. Das wird übrigens heut abend 20.00 Uhr im DRadioKultur ausgestrahlt, oje, da kann ganz Deutschland den Patzer nochmal anhören.
Severina (08.01.2010, 14:34):
Liebe Hebre,
glaubst Du nicht, dass sie das mit der GP "verschneiden"?? Zumindest bei uns habe ich es schon einige Male erlebt, dass bei der Radioübertragung (natürlich nicht, wenn es live ist!) die Patzer plötzlich verschwunden waren.
Oder ein Beispiel aus der Opernwelt: Auf der DVD der Berliner "Manon", die ja angeblich ein PR-Mitschnitt ist, forciert Villazón deutlich weniger schmerzhaft als bei der Live-Radioübertragung, die ich mitangehört habe. Da wurde also auch
gewaltig gezaubert.
lg Severina
Heike (08.01.2010, 14:45):
Ja, vermutlich werden sie das so machen, da hast du recht. Das wäre ja sonst auch sehr peinlich! Das geht ja auch bei den vielen Pausen ganz praktisch zu machen ;-)

Ich kann leider nicht zuhören, da ich im Theater bin, sonst hätte ich sicher aufgepasst, was daraus wird :-)
Heike
cellodil (08.01.2010, 19:08):
Original von Severina
glaubst Du nicht, dass sie das mit der GP "verschneiden"?? Zumindest bei uns habe ich es schon einige Male erlebt, dass bei der Radioübertragung (natürlich nicht, wenn es live ist!) die Patzer plötzlich verschwunden waren.

Liebe Heike,
liebe Severina,

das ist die normale Praxis, dass Aufzeichnungen von Konzerten bearbeitet (oder wie Du es nennst "verschnitten") werden. Nicht unbedingt mit dem Material der Generalprobe (oder nicht nur), sondern häufig werden nach dem Konzert bestimmte Passagen genau zu diesem Zweck nochmals aufgenommen.

Bei dem Openrbeispiel könnte es sich jedoch auch um eine rein technische Nachbearbeitung handeln.

Liebe Grüße

Sabine
Severina (08.01.2010, 20:17):
Liebe Sabine,
genau aus diesem Grund ziehe ich auch das Live-Erlebnis einer CD vor, weil es eben ehrlich ist und nicht diese künstlich erzeugte Perfektion einer Studioaufnahme spiegelt. Leider sehen das viele genau umgekehrt und kritisieren jede Opernaufführung in Grund und Boden, weil es nicht so klingt wie daheim auf ihrer nachgebesserten Konserve.
Im Studio kann ein Sänger seine Arie x-mal wiederholen, auf der Bühne hat er genau eine Chance. (Ein Chorist hat mir erzählt, wie oft Flórez das "A te o cara" bei der Plattenaufnahme geträllert hat, bis es endlich seinem Perfektionismus entsprach...)
lg Severina :hello
Armin70 (08.01.2010, 20:47):
Hallo,

bei Live-Aufnahmen auf CD`s wird aber auch oft "geschummelt", weil nicht EIN Konzertabend aufgenommen wird, sondern es wird aus verschiedenen Konzertabenden eine Idealversion zusammengeschnitten, weil z. B. der Künstler mit der ein oder anderen Passage nicht so einverstanden war oder es wirklich einen Patzer gab.

Ein Beispiel ist diese Live-Aufnahme:



Im CD-Booklet steht, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt und als Aufnahmedatum ist angegeben: 14. - 20.08.2002.

Das muss jetzt nicht für alle Live-Aufnahmen gelten aber für die meisten scheint das aber inzwischen der Normalfall zu sein. So ganz "ohne Netz und doppelten Boden" trauen sich wohl nur noch die wenigsten.

Gruß
Armin
cellodil (08.01.2010, 22:07):
Original von Severina
Liebe Sabine,
genau aus diesem Grund ziehe ich auch das Live-Erlebnis einer CD vor, weil es eben ehrlich ist und nicht diese künstlich erzeugte Perfektion einer Studioaufnahme spiegelt. Leider sehen das viele genau umgekehrt und kritisieren jede Opernaufführung in Grund und Boden, weil es nicht so klingt wie daheim auf ihrer nachgebesserten Konserve.
Im Studio kann ein Sänger seine Arie x-mal wiederholen, auf der Bühne hat er genau eine Chance. (Ein Chorist hat mir erzählt, wie oft Flórez das "A te o cara" bei der Plattenaufnahme geträllert hat, bis es endlich seinem Perfektionismus entsprach...)
lg Severina :hello

Liebe Severina,

ja, da beißt sich die Katze in den Schwanz und die übersteigerten Erwartungshaltungen des Publikums treffen sich unselig mit dem Perfektionismusstreben mancher Künstler.

Ich neige mittlerweile zu der Meinung, dass Perfektion nur eine sehr untergeordnete Rolle bei der Antwort auf die Frage spielt, ob ein Konzert- oder Opernabend gelungen ist (was für mich heißt, dass er mich berührt).

Liebe Grüße

Sabine
cellodil (08.01.2010, 22:09):
Übrigens noch ein herzliches Willkommen, liebe Severina! :hello
Armin70 (08.01.2010, 22:20):
Original von Hebre
Im Finale dann auch noch an einer Stelle ein komplettes Chaos - irgendwie haben die ersten Geigen entweder den Einsatz verpasst oder sind in der Zeile verrutscht, keine Ahnung, was da los war, jedenfalls war das ganz schräg ein zwei Takte, ehe die sich einkriegten und es wieder passte. Habe ich so krass selten erlebt.



Hallo,

grade habe ich mir dieses Konzert auf DRadioKultur angehört. Vielleicht hatte ich Toamten auf den Ohren aber ehrlich gesagt habe ich im Finale nicht gehört, dass die 1. Geigen gepatzt hätten. Vielleicht haben die wirklich die vielen Generalpausen, deswegen wird Bruckners 2. Sinfonie übrigens "Pausensinfonie" genannt (kein Scherz), genutzt und haben aus einer Probe eine sauber gespielte Version reingeschnitten oder vielleicht klang es für mich auch einfach nicht schräg. Im Finale gibts schon einige rhytmisch vertrakte Stellen mit vielen Synkopen. Vielleicht liegts auch an den akustisch bedingten Unterschieden zwischen den Höreindrücken direkt aus dem Konzertsaal und bei einer Radioübertragung. Ich weiss es nicht.

In der Abmoderation wurde jedenfalls gesagt, dass es sich um die Wiedergabe des gestigen Konzerts handelte und auf der Homepage des DSO gibt es das nächste Konzert mit dem gleichen Programm seit Donnerstag erst wieder morgen.

Naja, vielleicht hat ja ein anderer Forianer auch das Konzert und zwar mit diesem Patzer gehört.

(Übrigens gabs beim Abschlusskonzert vom SHMF 2000 oder 2001 einen Patzer im 3. Satz von Bruckners 9. Sinfonie zu Beginn des 1. Seitenthemas. Damals setzten die 1. Violinen einen Tick zu früh ein und G. Wands Blick in Richtung 1. Violinen war eine Mischung aus Entsetzen, Wut und absoluter Überraschung. Ich wette aber, dass die meisten damals im Konzertsaal das gar nicht so mitbekommen haben. Blöd wars nur für die Fernsehzuschauer, weil in dem Moment Wands Gesicht schön von der Kamera eingefangen wurde und so selbst der unmusikalischste Zuschauer gemerkt hat, dass in dem Moment irgendwas nicht so klappte wie es sein sollte).

Gruß
Armin
Severina (08.01.2010, 22:58):
Original von Armin70
Hallo,

bei Live-Aufnahmen auf CD`s wird aber auch oft "geschummelt", weil nicht EIN Konzertabend aufgenommen wird, sondern es wird aus verschiedenen Konzertabenden eine Idealversion zusammengeschnitten, weil z. B. der Künstler mit der ein oder anderen Passage nicht so einverstanden war oder es wirklich einen Patzer gab.

Gruß
Armin

Lieber Armin, genau das habe ich oben gemeint, daher heißt Live-Erlebnis für mich, dass ich wirklich im Saal sitze und quasi die Originalversion höre.
Daher bin ich immer skeptisch bei der Beurteilung einer Stimme, die ich nur auf CD kenne, denn da klingt bald etwas toll. Erst wenn man den Sänger auf der Bühne erlebt hat, kann man z.B. beurteilen, ob seine Stimme wirklich groß genug ist und trägt, ob er eine ganze Aufführung auf gleichem Niveau durchhält usw.. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die CDs häppchenweise aufgenommen werden, und es macht schon einen Unterschied, ob ein Edgardo "Tombe dei avi miei..." frisch und ausgeruht anstimmt, oder ob er schon über zwei Stunden auf der Bühne steht und naturgemäß nicht mehr ganz so taufrisch ist, wenn er seine tenorale Visitenkarte abgeben muss. (Ist ganz schön fies von Donizetti, was er dem Tenor da ganz am Schluss noch abverlangt!)
lg Severina :hello
Heike (08.01.2010, 23:00):
oder vielleicht klang es für mich auch einfach nicht schräg
LOL ich bin sicher, das hätte es!
Heike
Amadé (08.01.2010, 23:32):
Hallo Forianer,
ich habe das Konzert im Radio auch mitgehört und habe keinen Fehler feststellen können, die von Blomstedt gebrachte Erstfassung ist mir mit Tintner auf CD geläufig (Naxos).
Ich habe mich in Konzerten jedoch schon selbst ertappt, dass ich ob vermeintlicher Fehler irritiert war, konnte das jedoch beim live-Erlebnis nicht nachprüfen, das ist eben live.
Liebe Hebre, damit wollte ich nicht behaupten, dass es Dir gestern ähnlich ergangen ist. Was haben die Berliner Tageszeitungen von diesem Konzert berichtet?

Gruß Amadé
Heike (08.01.2010, 23:46):
Was haben die Berliner Tageszeitungen von diesem Konzert berichtet?

Mmmh ich hab grad mal online geschaut: Im Tagesspiegel und in der Morgenpost ergab die Suche nach "Blomstedt" keine aktuellen Treffer. Aber siehe da, Google hilft mal wieder: das rbb Radio hat sich geäußert und ich habe mich nicht verhört (da wird man ja direkt unsicher, wenn's auf einmal für alle andren ok ist - aber wir wissen ja nun, woran es liegen kann).
Konzertkritik nachzulesen hier
Heike
Armin70 (09.01.2010, 00:17):
Dann haben die anscheinend bei der Radioübertragung "getrickst", weil Amadé auch keinen Patzer hörte und es sich lt. der Kritik um einen "dramatischen" Patzer handelte. Wenns nur mal einer jener berüchtigter Hornkiekser gewesen wäre, hätten die das wohl drin gelassen. Auf der anderen Seite ist es durchaus sympathisch, wenn bei den Profis auch mal was schief läuft und manchmal kommts wohl doch auf den Dirigenten an...

Gruß Armin
Heike (09.01.2010, 08:06):
Ich finds auch gar nicht schlimm, solche (seltenen) Chaossekunden rauszuschneiden - denn eigentlich will ich im Radio auch keine verkorkste Musik hören!
Heike
cellodil (09.01.2010, 10:54):
Original von Hebre
Ich finds auch gar nicht schlimm, solche (seltenen) Chaossekunden rauszuschneiden - denn eigentlich will ich im Radio auch keine verkorkste Musik hören!
Heike

Ja, das macht auch einen Unterschied, ob im Konzert mal was danebengeht oder etwas in alle Ewigkeit festgehalten und möglicherweise auch immer wieder gespielt wird.

Liebe Grüße

Sabine
Gamaheh (10.01.2010, 19:46):
Am Freitag: Anthony Spiri im vergleichsweise spärlich besetzten Bechstein Centrum Hamburg. Spiri ist ein (Italo-)Amerikaner, der sehr gutes Deutsch mit nur einem Hauch von bajuwaro-anglophonem Akzent spricht (er lebt in München und ist Professor für Klavier-Kammermusik in Köln). Folgendes interessante Programm:

Johann Sebastian Bach
Ricercar zu sechs Stimmen aus dem „Musicalischen Opfer“
Französische Suite in G-Dur BWV 816
Carl Philipp Emanuel Bach. Variationen über „Les Folies d’Espagne“
Gabriel Fauré. Ballade Fis-Dur op. 19
Claude Debussy
Aus der Kleinen Suite „Children’s Corner“
Images (Buch I)

Spiri war mir ein Unbekannter, aber ich habe mir angewöhnt, mich auf den guten Riecher des Bechstein Künstler- und Kulturmanagers, Gregor Willmes (ehemals Chefredakteur des Phono Forum) zu verlassen. Bei Bechstein werden dankenswerterweise Pianisten vorgestellt, die man sonst kaum zu hören bekommen würde.

Das Ricercar hatte ich noch nie auf dem Klavier gehört, und es hat mich sehr beeindruckt; typischerweise klingelte gerade an einer nodalen Stelle ein Mobiltelefon. Spiri hat offenbar einen sehr analytischen Zugang zur Musik (und er spielt sie auch so), was besonders bei Bach senior sehr gut wirkte.

Bei den „Folies d’Espagne“ (so informierte uns der Künstler) handelt es sich um die Syphilis (dies habe ich nicht verifizieren können, aber nehmen wir sein Wort dafür). Sie basieren auf einem wohlbekannten Thema, das vielfach bearbeitet worden ist (u.a. von Corelli, Lully und Marin Marais) und auch mir auf Anhieb bekannt vorkam.

Nach der Pause gediegenerweise ein Werk, das sehr wenig aufgeführt wird, das ich aber vor weniger als zwei Monaten erst von Philippe Bianconi im Konzert gehört hatte. Der Vergleich war für mich sehr spannend: Spiri hat – wie gesagt – einen sehr analytischen Zugang, man möchte sagen: „didaktisch“, fast ein wenig pedantisch (er war Assistent von Harnoncourt) und spielte beide Hände fast separat (ich meine, so, daß man sie separat wahrnahm). Bianconis Interpretation ist viel romantischer, kontemplativer und vor allem organischer, wobei die Details genauso da sind, wenn man genau hinhört – faszinierend ! Dabei versucht weder der eine noch der andere, dieses Werk „aufzupeppen“, wie ich es auch schon gehört habe (etwa in einer Interpretation, die in Richtung Ravel neigt und ein jazziges Element hineinbringt; ich glaube, es war Jean-Yves Thibaudet).

Spiri leitete (genau wie Bianconi) mit dieser Ballade zu Debussy über, zu dem mir das analytische Element weniger zu passen schien – aber das ist sicher Geschmackssache. Er spielte Zugaben von Chopin und Gerschwin. Ein sehr schönes Konzert, das sicher auch dadurch gewonnen hat, daß der Künstler hervorragend mit der Raumakustik und dem wunderbaren Bechstein-Flügel umzugehen wußte. Bemerkenswert fand ich, daß er das gesamte Programm (auch den Bach) auswendig spielte (bemerkenswert besonders für einen Kammermusiker).

Beste Grüße,
Gamaheh
nikolaus (10.01.2010, 20:11):
Herzlichen Dank für den Bericht, mit dem Du Dich ja nach Abstinenz Gott sei Dank wieder zurückmeldest - sehr schön!

Was die Fauré-Ballade betrifft: sehr interessant, wie du Spiri und Bianconi vergleichst; ich kann mir das sogar ungefähr vorstellen.

Schade, das Konzert hätte ich gerne gehört...

Nikolaus.
cellodil (11.01.2010, 11:03):
Original von nikolaus
Herzlichen Dank für den Bericht, mit dem Du Dich ja nach Abstinenz Gott sei Dank wieder zurückmeldest - sehr schön!

... dem kann ich mich nur anschließen! :D

:hello und liebe Grüße

Sabine
Gamaheh (11.01.2010, 23:55):
Danke, Ihr Lieben! Ja, Nikolaus, das hättest Du bestimmt auch ganz interessant gefunden.

Beste Grüße,
Gamaheh
ab (12.01.2010, 09:38):
Letzte Woche gastierte der Pianist Till Fellner im Rahmen seiner weltweiten Beethoven-Tournee mit Teil IV seines siebenteiligen Zyklus auch bei uns (7.1.2010). Er geht dabei so vor, dass er den gleichen Teil wiederholt in verschiedenen Konzertsälen spielt, um erst danach nach einer kurzen Vorbereitungspause zum nächsten Teil überzugehen. Als Zugaben sind die beiden „kleinen“ Sonate, das op. 49 geplant, woraus bei uns aber nichts erklang (leider, weil doch das op. 49/1 meine heimliche Lieblingssonate Beethovens ist). Bei Teil IV standen vor der Pause drei Frühwerke und danach zwei aus der mittleren Phase auf dem Programm:

Sonate As-Dur, op. 26
Sonate Es-Dur, op. 27/1 „Sonata quasi una fantasia"
Sonate cis-Moll, op. 27/2 „Mondschein„
--
Sonate F-Dur, op. 54
Sonate C-Dur, op. 53 „Waldstein"

Wie bereits Amadé jüngst über seinen Eindruck von Teil III (von ihm irrtümlich als Teil IV bezeichnet) aus Olpe berichtet hatte, liefert Fellner auch für mich eine „in sich geschlossene Interpretationen der einzelnen Sonaten ab, die bei mir fast keine Wünsche offen ließen.“

Gerade z.B. im Gegensatz zur erst jüngst kennen gelernten (früheren) Aufnahme der perfekten (aber sterilen und ewiggleichklingenden) Exekution (später) Beethoven-Sonaten durch „Mr. Beethoven“ (wie Michael Korstick an der Juilliard School von Kommilitone genannt worden sein soll) muss ich sage: Fellner legt hingegen etwas vor, das es wahrlich verdient eine „Interpretation“ der Sonaten genannt zu werden. Er fand Phrasierungen und Impulse, die mich immer wieder ungewohnt aufhören ließen. Viele ganz neue Aspekte habe ich entdeckt! Nie kam es mir so vor, als wollte Fellner etwas bewusst „anders“ erklingen lassen. Seine frische Durchgestaltung wirkte ganz natürlich und musikalisch verinnerlicht sowie hoch konzentriert.

Das wohl Auffälligste seiner Eigenart ist es, völlig durchhörbar mehrere parallele Linien wie getrennt herauszuarbeiten. Auch steht jeder Ton für sich, das Verschmelzen zweier Töne zu einem eigenen, sei es neuen oder zusätzlichen, kommt nicht vor (es sei denn, zwei Linien treffen sich in einem Eingangs- oder Endton). Damit werden bei Beethoven die melodischen und harmonischen Entwicklungen hervorgehoben (Kontrapunktisches dafür aber zurückgedrängt). Stets hebt Fellner eine seiner Linien ganz deutlich in der Lautstärke verstärkt hervor, so dass sich ein abwechslungsreiches Gebilde abwechselnd von Unter-, Mittel und Oberstimmen ergibt (als spielte er mit drei Hände fast separat, könnte man mit den obigen Worten Gamahehs sagen). (Ein Rezensent einer Österreichischen Tageszeitung schrieb nach einem Konzert eines früheren Teils trefflich: „Was bei Ludwig van Beethoven eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, muss dennoch hervorgestrichen werden, denn bei so manchen „originellen“ Beethoven-Ansätzen, die den viel gespielten Sonaten nach 200 Jahren noch etwas Neues, nie Gehörtes abtrotzen wollen, werden die Linien aufs Brutalste zerrissen oder überhaupt zur Nebensache gemacht.“) Das Ergebnis ist - Bach geschult - ein diffiziles, weit gezogenes Kantilenengeflecht.

Diese weiten Linen sind in sich dynamisch (fast durchwegs) perfekt abgestimmt. Fellners Bandbreite reicht vom starken Fortissimo bis zum wirklichen Pianissimo, ganz, wie Amadé vermerkte, ohne bloß im mp stehen zu bleiben. Dadurch geraten gerade Bassnoten manchmal fast verblüffend leise. Überhaupt kommt der Bass kürzer als gewohnt: Der Schwerpunkt seines Klangs liegt auf dem Register einer wie schwebenden Mitte. Der Bass ist nicht nur sehr schlank, sondern auch stets federnd. Die Höhen fallen sehr warm, auch hier eher dunkel timbriert aus. Sein extrem weicher Klang bot abwechslungsreiche Klangfarben (beim Frühwerk in Maßen, bei der Waldsteinsonate deutlich mehr). Die Tempi empfand ich wunderbar angemessen, nichts gerast, nichts verschleppt.

Durch die weit gezognen Linien fallen Sforzati und Kontraste natürlich entsprechend gemäßigt aus. Gerade bei den Sforzati könnte man sich gütlich streiten, ob sie nun subtil vorgenommen werden (wie ich meine) oder aber doch zugunsten weiter Linien schlicht unterzugehen. Auch wenn die Klangfülle nach einem kräftigen Abschnitt durch einen neuen schlankeren Linienansatz absacken muss, kann Fellner den großen Bogen über das ganze Stück aufrecht erhalten. (Auf diesem Absacken beruht es, weshalb seine Radiomitschnitte irrtümlich manchmal auf mich so gewirkt hatten, als würde er die Spannung nicht durchwegs aufrecht erhalten können. Ich frage mich nun, ob er an diesen Stellen durch Aufhellung der Klangfarbe im Diskant und den Höhen womöglich viel wettmachen könnte???)

Freunde forsch zupackenden Beethoven-Spiels kommen hier jedenfalls nicht auf ihre Kosten: Große vordergründige Dramatik ist Fellners Sache nicht. Mit konzentriertem Spiel beschert er mehr Freunden verfeinerter Pianistik einen großen Abend. Die Fortissimostellen im Bass könnten (sogar für mich und meinen Geschmack) doch kerniger auffassen. Überhaupt die großen Fortissimopranken im Bass fand ich an diesem Abend ab und zu nicht wirklich eingebunden in den sonst dynamisch so perfekt abgestimmten Bögen. Manchmal schaffte er es, den dadurch (wohl ungewollten) jähen Impuls musikalisch einholend zu verarbeiten; manchmal aber kam er mir herausfallend zu „impulsiv“ vor – womöglich aber lag das auch nur an meinem Sitzplatz, an dem die Bässe deckebedingt etwas gepresster erklangen (?).

Am Vielseitigsten kam mir die Sonate mit dem Trauermarsch vor: Da gerieten Stellen wie ein federnder Satz einer französischen Tanzsuite, andere wirkten kurz sehr wienerisch, um dann wieder (derzeit recht zeitgemäß bei den Interpretationen von Werken aus der Klassik, wie mir scheint) rasche Stellen fast wie ein perpeto mobile dahinhuschen zu lassen, rhythmisch Vertracktes deutete schon auf Schumann voraus. Beim Kopfsatz hob er besonders stark das Variationshafte hervor, ohne aber den Zusammenhang zu verlieren, obwohl er das je Charakteristische jeder Variation abwechslungsreich hervorhob. Den Trauschermarschsatz nahm er für mich überraschend ungetragen: Wird gerade dieser Satz in der Regel sehr natürlich genommen, so wirkte er bei Fellner geradezu künstlich stilisiert (so auch der langsame Satz im op. 27/1; nicht aber bei der Waldsteinsonate). Dort gönnte er sich auch gelegentlich Gesten, die mir einfach nur nach Show anmuteten.

Die Monscheinsonate war ein durchgehender Genuss, ich verstehen nicht, wie diese Sonate als „abgedroschen“ oder gar „abgedudelt“ bezeichnet werden kann, wie ich es jüngst oft lesen musste. Gerade die Schlusstöne des ersten Satzes gerieten ihm unerhört ahnungsreich und wiesen so auf den kommenden Satz voraus. Die Mittelstimmen schienen mir wunderbar deutlich herausgearbeitete und kamen mir doch ganz eingebunden vor, wie ich es allenfalls von Kempffs Aufnahmen in Erinnerung habe.

Beim experimentellen op. 54 nach der Pause, das Fellner eher etüdenhaft genommen hat, kam ich leider beim ersten Satzanfangs konzentrationsbedingt nicht so recht hinein. Der in Wien geborenen kanadische Pianist, Lehrer, Komponist und Dirigent Anton Kuerti (von dessen vermutlich vorzüglicher GA bei Analekta ich leider nicht mehr als einmal das op.101 & 106 hören konnte) soll diese Sonate als eine „Parodie auf einen unkreativen Komponisten“ bezeichnet haben. Durch den durchlaufenden Gleichlauf könnte man argumentieren, hat dies Fellner bestens getroffen. Der zweite Satz war wunderbar aufgefächert (wobei mir nichts ferner läge als Gamahehs Worte oben von „didaktisch“ oder gar „pedantisch“), ganz wie der genannte Wiener Kritiker trefflich schrieb: „durch ein solches Spiel kann man in den Werken mit den Ohren lesen wie in einem Buch.“

So gut mir die Waldsteinsonate gefallen hat und mir gerade dort viele neue Aspekte eröffnet wurden, so muss ich dennoch sagen, dass sie mir als die am wenigsten gelungene des Abends vorkam. (Wobei ich betonen möchte, dass ich bislang noch überhaupt keine Aufnahme kenne, die ich in puncto Einheitlichkeit nicht nur über die ganzen drei Sätze hinweg, sondern auch innerhalb jedes einzelnen Satzes (zumindest der ersten beiden) als wirklich gelungen bezeichnen würde – mir kommt sie in dieser Hinsicht als die heikelste aller Beethoven-Sonaten vor.) Fellners Pedalisierung fiel hier deutlich subtiler aus als bei den Werken der früheren Epoche (ein Hinweise auf seine Kunst, das je Charakteristische der Sonaten zu erfassen?), wobei im langsamen Satz auch zweimal störende Geräusche durch unsachtes Lösen zu vernehmen waren. Der langsame Satz an zwei Stellen sogar, dass ich kurz richtig ergriffen war: für mich musikalisch und auch klanglich der Höhepunkt des Abends! Auch der Übergang zum dritten Satz geriet wirklich famos; wenn auch vielleicht wie ein uneingebundenes Übergangsstück irgendwie fast herausfallend, wie ich fand. (Wie gerne hätte ich eine Aufnahme dieses Abends anhand, äh, anohr, um dies noch einmal nachvollziehen, und meine Eindrücke bestätigt oder widerlegt finden zu können!)
Für meinen persönlichen Geschmack waren gleich zu Beginn bei der linken Hand im ersten Satz zu wenig treibende Rhythmen herausgehoben. Er war zwar schön kräftig und federnd genommen, aber mir doch zu wenig markant. Außerdem habe ich bei dieser Sonate das Gefühl, dass es ihr besser täte, die linke Hand als kontrapunktischen Kraftverstärker für die Melodien der rechten einzusetzen (und insbesondere auch für die Melosgestaltung), anstatt zwei Linien völlig getrennt parallel zu führen; aber das ist womöglich reine Geschmacksfrage (?). Das könnte jedenfalls ein interessantes Diskussionsthema sein...

Kurz: Fellner, so scheint mir, ist bereits zu einem großen Beethoven-Spieler herangereift, der in jeder Sonate etwas für sie ganz Charakteristisches zu finden versteht. Derzeit fiele mir keine Kollegin oder Kollegen von ihm ein, die oder den ich bei Beethoven interessanter finden würde. Schon lange wünsche ich mir mit diesem Pianisten wegen seines ganz eigenen Zugangs eine Gesamtaufnahme der 32 Sonaten. Vermutlich werde ich leider nicht bis zum Herbst, solange er noch auf dieser Zyklus-Tournee ist, die Möglichkeit haben, ihn im Konzert auch mit späten Sonaten zu erleben: Mich würde es doch sehr interessieren, ob auch beim Spätwerk sein streng »polyphones Konzept« greift, sein „Kantabilitätsdetektor“, wie es der Kritiker aus Wien genannt hat.

Eigentlich sollte man jeden Monat einmal einen Konzertabend einzig mit Kammermusik Beethovens erleben!

:hello

(Nun blüht mir ein Monat Vorfreude auf den Klavierabend von Evgeni Koroliov, wo Bach, Haydn und Chopin auf dem Programm stehen wird. Hoffentlich finde ich Zeit, dorthin zu gehen, um nach den für mich interessantesten Beethoven-Pianisten nun auch noch den vielleicht interessantesten Bach-Interpreten unserer Tage im Konzert erleben zu können...)
nikolaus (12.01.2010, 18:52):
Danke!

Sehr anschaulich!

Nikolaus :hello
Cetay (inaktiv) (14.01.2010, 11:53):
Hallo ab,

deine Konzertberichte sind sehr beeindruckend und lassen die meisten professionellen Kritiken recht blass aussehen.
Hier mischt sich allerdings etwas Unbehagen ein, denn ich kann mir nicht recht vorstellen, wie man eine Aufführung noch genießen kann, wenn man auf so viele Details achtet und die sich merkt. Ein Kritiker muss das tun, aber bei dir nehme ich an, dass du nicht in erster Linie mit der Absicht, eine Kritik zu verfassen ins Konzert gehst. Deswegen hat mich die Neugierde gepackt: Kommen dir diese ganzen Überlegungen bereits beim Zuhören und du merkst sie dir passiv (oder gar aktiv?) oder hörst du dir die Aufführung zunächst mit stummem Inneren Kritiker an und stellst deine Überlegungen später beim inneren Nachhören an, oder wie muss ich mir den Prozess vorstellen?

Neugierige Grüße :hello

P.S. Für mich selbst habe ich festgestellt, dass ich meine beglückenden Momente dann habe, wenn der Innere Kritiker schweigt (oder ist es umgekehrt oder ist beides der Aspekt von etwas Drittem?) und ich hinterher nur vage in der Lage bin zu begründen, was konkret dieses Erleben ausgelöst hat.
Gamaheh (14.01.2010, 20:41):
Liebe Konzertgänger usw.,

gegangen bin ich auch, und auch gleich wieder zurück nach Hause, was mir Gelegenheit gibt, hier mal wieder über Kunst und Kommerz zu ruminieren.

Ich fand es schon unsittlich, daß das ursprünglich als Konzertexamen der Pianistin Anna Vinitskaya der hiesigen Hochschule (wie üblich bei freiem Eintritt) nachträglich als normal eintrittspflichtiges Konzert der "Elbphilharmonie" angekündigt und breitwürfig beworben und mediatisiert wurde.

Nachdem ich 20 Minuten in der Kassenschlange gestanden hatte (und das ohne Krimi !), erfuhr ich, daß die günstigsten noch erhältlichen Karten 17 Euro kosteten, und kehrte stracks wieder um. Dann werde ich sie vielleicht im Juni in Lille hören, wenn ich wieder hinfahre (was ich fest vorhabe, da es dort so nett ist). Und wenn nicht, kenne ich schon eine Version der "Kreisleriana", die mir für dieses Leben reicht.

Jemand hat mir erzählt, daß die Koroliov-Schülerin bereits designierte Nachfolgerin von Volker Banfield als Professorin an der hiesigen Hochschule ist. Wenn das stimmt (was nicht unbedingt sein muß), wird sie ja auch ein Antrittskonzert geben müssen - ob das auch wieder in die nach wie vor inexistente "Elbphilharmonie" verlegt werden wird ? Dürfen die das überhaupt ??!

Stattdessen höre ich meine heutige Neuanschaffung, sitze an meinem Rechner und schreibe inane Texte an Leute, die ich fast ausschließlich nicht kenne, an welche

beste Grüße,
Gamaheh
Heike (18.01.2010, 07:58):
17.1.10 Philharmonie Berlin
Haitink, Berliner Philharmoniker, Radu Lupu

Brahms 3 Sinfonie
Brahms 1. Klavierkonzert d moll

Das waren mal wieder Philharmoniker, die mir gefallen! Spielfreudig, gut getimed und mit Solisten zum Hinknien (der Hornist!). Haintink dirigierte ohne große Gesten, angenehmerweise ohne Pathos und Effekthascherei eine unaufgeregte und doch trefflich aussagekräftige, fein strukturierte Sinfonie. Ein sehr wohltuender Kontrast zum Rattleschen breiten Geziehe.

Dann das Klavierkonzert, oftl gehört und doch wieder ergriffen! Lupu sehr konzentriert und rundum im Einklang mit dem Orchester. Wie er da auf seinem Stuhl am Klavier sitzt, das Ohr in den Klang hält und dann ohne alle Allüren fast beiläufig anfängt zu spielen, das hat schon was. Ich mag sein teils wildes, andererseits lyrisches, immer sehr farbiges Spiel sehr! Der schaffte es gestern grandios, im ersten Satz diese bestimmte Stimmung zu erzeugen, dieses Aufbegehren und gleichzeitig Resignieren gegen das übermächtige Orchester, dass man richtig mitfieberte. Seine Triller - atemberaubend; die leisen Töne eine Offenbarung, wie dahingezaubert, ganz flüchtig unaufgeregt hingetupft, schlicht und ergreifend. Der will nicht glänzen, aber es funkelte doch sehr gewaltig im Saal!

Ein sehr schöner Abend, so stimmig habe ich Brahms lange nicht gehört.
Heike
ab (18.01.2010, 08:35):
Original von Cetay
hat mich die Neugierde gepackt: Kommen dir diese ganzen Überlegungen bereits beim Zuhören und du merkst sie dir passiv (oder gar aktiv?) oder hörst du dir die Aufführung zunächst mit stummem Inneren Kritiker an und stellst deine Überlegungen später beim inneren Nachhören an, oder wie muss ich mir den Prozess vorstellen?

P.S. Für mich selbst habe ich festgestellt, dass ich meine beglückenden Momente dann habe, wenn der Innere Kritiker schweigt (oder ist es umgekehrt oder ist beides der Aspekt von etwas Drittem?) und ich hinterher nur vage in der Lage bin zu begründen, was konkret dieses Erleben ausgelöst hat.

Ich genieße das Konzert; darüber nachdenken, analysieren (leider nur die Erinnerung; bei Aufnahmen kann man das auch überprüfen) sowie bewerten findet erst danach statt.

Ja, auch bei mir sind die beglückendsten Momente, wenn man ganz die Musik Stelle für Stelle voll konzentriert verfolgt, ohne dabei von sprachlich auftauchenden Gedanken abgelenkt zu werden.

Worauf aber sich die Konzentration jeweils richtet, hängt im entscheidenen Maße davon ab, auf welche Arten von Details zu achten und sich zu merken man durch stets wachsende Hörerfahrungen erworben hat.
:hello
Heike (24.01.2010, 17:13):
Gestern im Berliner Ensemble (also im Theater, nicht im Konzertsaal):

ELISABETH LEONSKAJA: Pianoforte
CORINNA KIRCHHOFF: Rezitation
MELODRAMEN
Richard Strauss/ Robert Schumann/ Franz Liszt

Erstmalig habe ich mich dieser Musikgattung gewidmet. Von der Theater-Schauspielerin C. Kirchhoff wurden folgende Werke rezitiert und von der Leonskaja am Klavier interpretiert:

Richard Strauss: "Enoch Arden" (Text: A. Lord Tennysson)
Robert Schumann: "Schön Hedwig" und "Ballade vom Heideknaben" (F. Hebbel)
Robert Schumann: "Die Flüchtlinge" (P. B. Shelley)
Franz Liszt: "Der traurige Mönch" (N. Lenau)
Franz Liszt: "Leonore" (G.A: Bürger)

Ich fand es spannend, diese Verbindung von Musik und gesprochenem Wort. Die Rezitation war super gemacht und für mich sehr neu und sehr aufregend; eindeutig näher an Theater als an Musik. Die Leonskaja ist mir weder positiv noch negativ aufgefallen. Eine schöne, passende Klavierbegleitung, den Text unterstreichend oder als Intermezzo, aber eher wenig hervortretend eigentlich. Leider gab es kein Programmheft mit Hintergrundinfos oder den Texten zum Nachlesen; sondern nur einen Miniflyer mit der Programmfolge und 2 Infos zu den Solisten.

Ich frage mich, was ist das eigentlich, wo wir mal grade die Unterforen der Musikgattungen diskutieren; ich wüsste gar nicht, wo das nun hingehört. Lieder ohne Gesang?

Heike
ab (24.01.2010, 17:30):
Original von Hebre
Ich frage mich, was ist das eigentlich, wo wir mal grade die Unterforen der Musikgattungen diskutieren; ich wüsste gar nicht, wo das nun hingehört. Lieder ohne Gesang?

Heike

Melodram ist eine eigene Gattung: Musik mit gesprochenem Text eben.

(Dietrich Fischer Dieskau hat sich im hohen Alter vehement für diese Gattung eingesezt. - und tut es immer noch (?))
:hello

Besonders eindrücklich etwa Schönbergs op. 46 "Ein Überlebender aus Warschau" (Originaltitel: A Survivor from Warsaw for Narrator, Men’s Chorus and Orchestra) aus dem Jahre 1947!
Gamaheh (24.01.2010, 19:21):
Original von Hebre
Ich fand es spannend, diese Verbindung von Musik und gesprochenem Wort. Die Rezitation war super gemacht und für mich sehr neu und sehr aufregend; eindeutig näher an Theater als an Musik. Die Leonskaja ist mir weder positiv noch negativ aufgefallen. Eine schöne, passende Klavierbegleitung, den Text unterstreichend oder als Intermezzo, aber eher wenig hervortretend eigentlich. Leider gab es kein Programmheft mit Hintergrundinfos oder den Texten zum Nachlesen; sondern nur einen Miniflyer mit der Programmfolge und 2 Infos zu den Solisten.

Ich frage mich, was ist das eigentlich, wo wir mal grade die Unterforen der Musikgattungen diskutieren; ich wüsste gar nicht, wo das nun hingehört. Lieder ohne Gesang?

Hallo Hebre,

ich hatte vor gut zwei Jahren den ersten (und bisher letzten) Kontakt mit dem Melodram - s. hier. Auch für mich eine interessante Erfahrung.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (24.01.2010, 19:33):
Original von Gamaheh
Und noch ein Hinweis zum Thema weiter oben und noch weiter oben:

Am 28.1. um 10 Uhr sendet France Musique ein Konzert, das Bianconi im Dezember in Lyon gegeben hat mit u.a. Schumanns Fantasie und den Kreisleriana (dazu desselben Klavierquintett).

Letzteres (das Quintett) jetzt auf Youtube:

1. Satz
2. Satz
3. Satz
4. Satz

Ich finde übrigens gerade mal wieder, daß es ungeheuer amüsant sein kann, sich solche Videos ohne Ton anzusehen!

Grüße,
Gamaheh
cellodil (25.01.2010, 10:15):
Murray Perahia, der von der Queen, wie ich dem Programmheft entnehmen durfte, zum Knight Commander of the British Empire ernannt worden ist (was auch immer ein "Knight Commander" sein mag, klingt wie eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction), trat gestern mit Bach, Beethoven, Chopin in der Stuttgarter Liederhalle auf.

Der Abend begann eindrucksvoll und bewegend mit der Partita No. 6 e-Moll BWV 830 von Johann Sebastian Bach. Perahias Bach-Interpretation hatte für mich etwas sehr Intimes, Privates. Es war, als würde Perahia jeden Ton in seiner Bedeutung erfühlen und mit Leben erfüllen. Eine berührende, sensible Interpretation, sehr nuanciert und fein und doch spannungsvoll. In den Pausen zwischen den Sätzen hatte ich manchmal den Eindruck, das Publikum würde den Atem anhalten.

Als zweites Stück vor der Pause gab es dann Ludwig van Beethoven, Sonate Nr. 30 E-Dur op. 109. Für mich eine unsanfte Bruchlandung, nach dem Abschweben in höchste Musikgenüsse mit dem Bach. Viel zu viel Pedal und im Ergebnis lärmig-verschwommen. Auf den hätte ich (zumal das Konzert ohnehin recht lang war) gut und gerne verzichtet.

Nach der Pause gab es dann mit Frédéric Chopin ein Perahia-Heimspiel. Der Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 folgten zwei Etüden op. 25 (Nr. 5 e-Moll - Vivace und Nr. 1 As-Dur - Allegro sostenuto), danach aus den Etüden op. 10 (Grandes Études) die Nr. 4 cis-Moll - presto, drei Mazurken (op. 59/2 (37) As-Dur Allegretto; op. 50/3 (38) cis-Moll; op. 59/3 (38) fis-moll, aus den Nocturnes op. 27/1 die 7. in cis-Moll (Larghetto) und am Ende ein Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54 (Presto - Trio). Alles in allem durchaus mitreißend und ich konnte nachvollziehen, dass Perahias Einspielung der Chopin-Etüden 2003 mit einem Grammy ausgezeichnet wurde.

Fazit: Ein schöner Abend mit einem kleinen (verkraftbaren) Durchänger.
Heike (25.01.2010, 18:32):
Sonntag, 24.01.2010, 20:00 Uhr Philharmonie
MAURIZIO POLLINI
Schumann: Konzert ohne Orchester op. 14
Schumann: Fantasia op. 17 (neu)
Chopin: Nocturnes cis-Moll und Des-Dur op. 27 (neu)
Chopin: Sonate b-Moll op. 35

Was für ein sympathischer großer alter Mann! Nun gut, mit Ende 60 ist man nicht wirklich alt, aber er strahlte ganz viel Reife und Würde aus und lief auch recht gebeugt zum Flügel (namens Fabbrini unter dem Steinway-Logo). Ganz ohne Allüren setzte er sich und begann, ich glaube anfangs ein wenig nervös, aber sofort sehr kraftvoll und lebendig zu spielen. In der großen (absolut vollen) Philharmonie kam sein klarer, sehr sauberer und schöner Anschlag wunderbar zur Geltung. Ich habe nicht viele CDs von ihm, aber dieses Konzert gestern hat mir sehr gefallen.

Dem Schumann ist nach meinem Geschmack es ausgesprochen gut bekommen, dass Pollini geistvoll und mit wenig Hang zur überbordenden Romantik spielte, aber trotzdem irgendwie melancholisch, oder dann wieder fordernd, oder bedrohlich. Jedenfalls ganz fein differenziert in den Stimmungen. Sein schöner brillianter Ton hatte dann manchmal was ganz vernebeltes, auch düsteres, was mich sehr ergriffen hat (kleine Nebenbemerkung: Das Konzert op.14 werde ich im Frühjahr mit Sokolov im selben Saal hören, bin schon gespannt auf den Vergleich).

Nach der Pause, beim Chopin, war das wirklich erste Klasse. Hier wirkte er noch lockerer, wie befreit. So mag ich Chopin, nicht so seicht, nicht lieblich, sondern packend, klar und temperamentvoll. Mit Chopin ist man ja immermal recht schnell in der Nähe von Kitsch gelandet, wenn man zu gefühlig auf den Tasten ist. Die Gefahr bestand gestern gar nicht. In der Sonate spielte er virtuos strukturiert und gleichzeitig mit ganz viel Drama, das war großes Kino mit Gänsehautfaktor.

Er spielte übrigens die Werke fast ohne Satzpausen, also nach ganz kurzem Innehalten jeweils fast direkt weiter - was sich enorm positiv auf die üblichen Hustkonzerte zwischen den Sätzen auswirkte und für mich sehr angenehm war. Dann nach 2 Stunden Konzert gab er vor den begeisterten Zuschauern fast eine halbe Stunde lang noch 5 Chopin- Zugaben (darunter eine großartige Ballade) und hat, wie ich gelesen habe, anschließend im Foyer noch Autogramme unterschrieben.

Ich hatte ihn bisher noch nicht live gesehen und hoffe, dass er noch lange auf der Bühne bleibt und ich ihm irgendwann nochmal zuhören kann.
Heike
Gamaheh (25.01.2010, 21:21):
Hallo Heike,

ich bin ja schon seit sehr vielen Jahren ein eigentlich bedingungsloser Fan von Pollini und habe ihn schon sehr häufig im Konzert gehört. Nur sein Schumann, fürchte ich, hat mich nie so wirklich überzeugt, weder im Konzertsaal noch von der Konserve; eine Ausnahme ist die Fantasie in C op.17: Als ich die vor einigen Jahren von ihm hörte, war ich wirklich ungeheuer begeistert (ich habe hier irgendwo darüber geschrieben).

Was Pollinis Fabbrini-frisierten Bechstein betrifft, so habe ich weiter oben dazu einige Bemerkungen gemacht bzw. zitiert.

Viele Grüße,
Gamaheh
nikolaus (25.01.2010, 21:34):
In Turin gibt es auch einen Fabbrini-Flügel, siehe hier

Nikolaus.
Gamaheh (25.01.2010, 21:34):
Original von cellodil
(was auch immer ein "Knight Commander" sein mag, klingt wie eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction)

Liebe Sabine,

das ist - glaube ich - die vierte Stufe des britischen Verdienstordens (sowas wie das Bundesverdienstkreuz mit Eichenlaub und Diamanten, falls es das gibt) - also eher Fantasy als Fiction. Briten mit dieser Auszeichnung dürfen sich "Sir" nennen, aber ich glaube als Amerikaner (??) darf Murray Perahia das nicht.

Wie hat Dir denn das 4. Scherzo gefallen? Es ist ja sehr lang und gewunden und nicht unbedingt beim ersten Hören hinreißend (und wird daher - glaube ich - auch relativ selten im Konzert gegeben), und da muß man - glaube ich - schon einige Finesse haben, um das überzeugend darzustellen.

Ich freue mich, daß Du so einen schönen Abend hattest. Ich habe ja dieses Konzert am Donnerstag in Hamburg aus Dusseligkeit leider verpaßt ...

Viele Grüße,
Gamaheh
cellodil (25.01.2010, 21:46):
Original von Gamaheh
Original von cellodil
(was auch immer ein "Knight Commander" sein mag, klingt wie eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction)
das ist - glaube ich - die vierte Stufe des britischen Verdienstordens (sowas wie das Bundesverdienstkreuz mit Eichenlaub und Diamanten, falls es das gibt) - also eher Fantasy als Fiction. Briten mit dieser Auszeichnung dürfen sich "Sir" nennen, aber ich glaube als Amerikaner (??) darf Murray Perahia das nicht.

Liebe Gamaheh,

:thanks für die Aufklärung!

Original von Gamaheh
Wie hat Dir denn das 4. Scherzo gefallen? Es ist ja sehr lang und gewunden und nicht unbedingt beim ersten Hören hinreißend (und wird daher - glaube ich - auch relativ selten im Konzert gegeben), und da muß man - glaube ich - schon einige Finesse haben, um das überzeugend darzustellen.

Das stimmt, es ist ziemlich lang (mein Begleiter war ziemlich erleichtert als es endlich vorbei war - zumal das Konzert (siehe oben) insgesamt ziemlich lang war). Ich habe es zwar gerne gehört, aber dramaturgisch fand ich das als Schluss des Konzerts nicht sonderlich klug gewählt. Da hatte er zuvor deutlich effektvollere Stücke, die besser ans Ende gepasst hätten. Das versackte dann doch so ein wenig. Dafür hat's die Schumann-Zugabe (weiß leider nicht, was das war) wieder ein Stück rausgerissen.

Original von Gamaheh
Ich freue mich, daß Du so einen schönen Abend hattest. Ich habe ja dieses Konzert am Donnerstag in Hamburg aus Dusseligkeit leider verpaßt ...

Ja, ich glaube, es hätte Dir durchaus gefallen können.

Herzliche Grüße

Sabine
Jeremias (25.01.2010, 21:52):
Pollini.... Perahia..... mein Gott, Ihr seid zu beneiden.... Beides ausgesprochene "Götter" am Klavier, die Ihresgleichen suchen.... dafür freue ich mich auf Zimerman am 10.3. in Köln mit einem reinen Chopin-Programm! :D
Heike (25.01.2010, 22:51):
Hallo
Was Pollinis Fabbrini-frisierten Bechstein betrifft
Das war kein Bechstein, sondern ein Steinway. Ich bin extra nach vorn gegangen, um mir das anzusehen.
Heike
cellodil (25.01.2010, 23:03):
Original von Jeremias
.... dafür freue ich mich auf Zimerman am 10.3. in Köln mit einem reinen Chopin-Programm! :D

... dazu kann ich Dir fast neidlos viel Vergnügen wünschen, weil ich am 12. März David Fray mit Schubert hören werde :D...

Liebe Grüße

Sabine
Gamaheh (25.01.2010, 23:18):
Original von Hebre
Hallo
Was Pollinis Fabbrini-frisierten Bechstein betrifft
Das war kein Bechstein, sondern ein Steinway. Ich bin extra nach vorn gegangen, um mir das anzusehen.
Heike

Entschuldige, ich weiß natürlich, daß es ein Steinway ist (wie Du aus meinem früheren Beitrag ersehen kannst) - ich bin schon so auf Bechstein fixiert ...

Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (26.01.2010, 06:42):
Liebe Sabine, bitte berichte mal , wie Dir David Fray gefallen hat. ich habe ihn selbst noch nciht gehört, aber ein Bekannter war als Kritiker bei einem Festival in Südfrankreich und hat Fray derartig verrisssen(öffentlich!), dass ich aus dem Staunen nciht mehr rauskam. Das einzige was er ihm gelassen hat, war seine angenheme äussere erscheinung und selbst die wurde noch zum Nachteil ausgelegt..... :(
Ist der Mann wirklich so schrecklich?

euphonia
Heike (26.01.2010, 07:55):
Hallo Gamaheh,
huch, woher hast du denn diese Bechstein-Fixierung? Steht bei dir etwa einer im Wohnzimmer???

Hallo Euphonia,
ich habe Fray auch schon live gehört (allerdings mit Orchester, abgesehen von der Zugabe). Es war ein großartiges Konzert. Ich hatte hier darüber berichtet.
Ich kann mir allerdings vorstellen, dass manche (insb. Männer?) sich so von seinem Äußeren ablenken lassen, dass sie nicht mehr wirklich zuhören. Er polarisiert in den Kritiken sehr. Ich kann mir einen Totalverriss eigentlich absolut nicht vorstellen, da muss er entweder einen ganz schlechten Tag gehabt haben oder etwas so gespielt haben, das es der Rezensent gar nicht mochte. Für mich ist er ein ernsthafter Pianist mit einem brillianten Rhythmusgefühl, der sicher sehr exzentrisch ist und von dem man natürlich auch abwarten muss, wie er sich entwickelt und ob er dem Druck standhält, den er nach den großen Erfolgen jetzt kriegt.
Heike
Gamaheh (26.01.2010, 09:59):
Original von Hebre
Hallo Gamaheh,
huch, woher hast du denn diese Bechstein-Fixierung? Steht bei dir etwa einer im Wohnzimmer???
Nein, in der Küche! Scherz beiseite: Ich gehe ja regelmäßig zu den Konzerten bei Bechstein hier, seit dem allerersten, und da ist eine sehr nette Atmosphäre, die Leute dort sind sehr freundlich, und ich gehe auch sonst öfter mal dort vorbei, wenn ich in der Stadt bin und alles andere erledigt habe. "Fixierung" ist übertrieben, aber daher kommt das.

Was David Fray betrifft, so habe ich ihn im letzten Jahr hier gehört (aber - glaube ich - nicht darüber berichtet). Es war ein Konzert des DSO Berlin mit Metzmacher, in dem Fray Beethovens 3. Klavierkonzert gespielt hat, welches vielleicht - wenn es nicht das vierte ist - mir das liebste von den fünfen ist. Fray sieht aus wie ein stracks dem 19. Jh. entflohener bleicher Ästhet (nur die Rüschen fehlen) mit Haltungsschäden (wie man früher sagte). Sein Spiel wirkte auf mich eigentümlich leblos - besser kann ich es nicht beschreiben - und das Instrument klang auch nicht so toll. Das war für mich der schwächste Teil des Abends. Für Metzmacher war es ein Heimspiel, und als er uns am Schluß auch noch als "meine lieben Hamburger" ansprach, bevor das Orchester eine Zugabe spielte, war es ohnehin gewonnen!

Fray hat in der Pause ganz liebenswürdig für drängelnde ältere Damen und Kinder (aber auch andere) CDs oder so signiert. Ich kann nur sagen, daß er auf mich irgendwie nicht echt wirkt ... Und so sehr spricht er mein Auge auch nicht an, aber: de gustibus usw.

Euphonia, kann man diesen Verriß im Internet finden? Würde mich mal interessieren.

Beste Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (26.01.2010, 10:15):
Original von cellodil
Original von Gamaheh
Wie hat Dir denn das 4. Scherzo gefallen? Es ist ja sehr lang und gewunden und nicht unbedingt beim ersten Hören hinreißend (und wird daher - glaube ich - auch relativ selten im Konzert gegeben), und da muß man - glaube ich - schon einige Finesse haben, um das überzeugend darzustellen.
Das stimmt, es ist ziemlich lang (mein Begleiter war ziemlich erleichtert als es endlich vorbei war - zumal das Konzert (siehe oben) insgesamt ziemlich lang war). Ich habe es zwar gerne gehört, aber dramaturgisch fand ich das als Schluss des Konzerts nicht sonderlich klug gewählt. Da hatte er zuvor deutlich effektvollere Stücke, die besser ans Ende gepasst hätten. Das versackte dann doch so ein wenig. Dafür hat's die Schumann-Zugabe (weiß leider nicht, was das war) wieder ein Stück rausgerissen.
Ich frage, weil Bianconi (der eigentlich ein sehr guter Dramaturg ist) dieses Scherzo in seinem Konzert hier im November auch am Schluß gespielt hat, und a priori hätte ich erwartet, daß das eher ein schwacher Abschluß ist, aber tatsächlich ist es außerordentlich gut angekommen, zumal die letzten Takte es ja auch noch rausreißen.

Viele Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (26.01.2010, 13:02):
Liebe Sabine und liebe Gamameh, die Kritik ist von einem Franzosen zum Klavierfestival von Roque d'Antheron(ziemlcih renommiert) geschrieben (in frz. Sprache natürlich, ob's die im Interent ziu lesen gibt, muss ich erst recherchieren) Der Herr sieht Fray als einen hochgepischte Publicity-Erscheinung ohne dass er pianistisch dem Rummel annähernd gerecht würde. Sein nuancenloses udn emotionsarmes Spiel wurde bemängelt und das, was Gamamah schreibt, kam ähnlich zum Ausdruck.
Ich bin jedoch auch ein bisschen skeptisch bei solchen Komplett- Verrissen, denn oft steckt auch eine Portion Neid darinnen. es ist keien schande schön zu sein. Und schön sein heisst schon gar nciht, dass man gleichzeitig nichts Anderes kann.
Da ich mir selbst kein Urteil erlauben kann und Fray noch nie gehört habe, erzähle ich das alles rein wertfrei.
Euphonia
cellodil (26.01.2010, 15:49):
Original von Gamaheh
Original von cellodil
Original von Gamaheh
Wie hat Dir denn das 4. Scherzo gefallen? (...)
Ich habe es zwar gerne gehört, aber dramaturgisch fand ich das als Schluss des Konzerts nicht sonderlich klug gewählt. Da hatte er zuvor deutlich effektvollere Stücke, die besser ans Ende gepasst hätten. Das versackte dann doch so ein wenig.
Ich frage, weil Bianconi (der eigentlich ein sehr guter Dramaturg ist) dieses Scherzo in seinem Konzert hier im November auch am Schluß gespielt hat, und a priori hätte ich erwartet, daß das eher ein schwacher Abschluß ist, aber tatsächlich ist es außerordentlich gut angekommen, zumal die letzten Takte es ja auch noch rausreißen.

Liebe Gamaheh,

ich wollte damit nicht sagen, dass besagtes Scherzo am Ende eines Konzerts gar nicht gehen würde. Das hängt ja immer auch damit zusammen, was diesem Schluss voranging.

Das erwähnte Bianconi-Konzert war dieses, oder?

Original von nikolaus
Philippe Bianconi

folgendes Programm, betitelt mit "Hommage an Chopin":

Chopin: Prélude op. 45
Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47
Fauré: Ballade Fis-Dur op. 19
Debussy: ...D'un cahier d'esquisses
Masques
L'Isle joyeuse
- Pause -
Ravel: Jeux d'eaux
Oiseaux tristes und Alborada del gracioso aus den Miroirs
Chopin: Nocturne cis-moll op. 27/1
Barcarolle op. 60
Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54


Das Programm von Bianconi ist ja ganz anders konzipiert als das von Perahia (da habe ich während des unsäglichen Beethoven tatsächlich darüber nachgehirnt, was für ein Konzept dieser Programmgestaltung wohl zugrunde liegen mag). Das Bianconi-Programm ist in der Anlage erheblich homogener als das von Perahia. Außerdem ist da die Klammer mit Chopin am Anfang und am Schluss und dazwischen etwas "um Chopin herum". Da kann ich mir das Scherzo am Ende auch gut vorstellen.

Herzliche Grüße

Sabine

P.S. Liebe Euphonia,

hier ging es - wie Du inzwischen vielleicht gemerkt hast - nicht um David Fray, sondern um Konzerte von Murray Perahia und von Philippe Bianconi.

Liebe Grüße

Sabine
Heike (26.01.2010, 17:05):
Noch mal zu Fray:
Ich kann nur sagen, daß er auf mich irgendwie nicht echt wirkt ... Und so sehr spricht er mein Auge auch nicht an
Also schön finde ich den ganz und gar nicht, im Gegenteil, der erweckt eher beschützende Muttergefühle bei mir.
Zweifellos ist er hochgradig hysterisch.
Die DVD zu seinen Bach-Aufnahmen gibt einen guten Einblick für die, welche ihn noch nie gesehen haben. Man findet sie quasi vollständig bei youtube.
Heike

Aber vielleicht sollten wir ggf. über Fray besser weiter im ihm gehörenden Thread diskutieren: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1156
Cetay (inaktiv) (31.01.2010, 19:43):
Heute morgen gastierte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Marc Piollet in der Stuttgarter Liederhalle. Stargast war Olli Mustonen.

Nachdem ich 10 Minuten lang den beiden Damen hinter mir bei ihren Berichten über alle möglichen Krankheiten und Gebrechen lauschen durfte, ging es endlich los. Die Trauermusik von Lutoslawski hob an. Erst ein Streichquartett, dann gesellen sich nach und nach weitere Stimmen hinzu und türmen sich zu einem gewaltigen Kanon auf. Der Dirigent zeigte den Fluss der Musik mit Bewegungen an, die irgendwo zwischen Trocken-Schwimmübungen und den Schlangentänzen bekiffter Mädchen auf einem Eloy-Konzert in den 70ern lagen. Sehr originell, dennoch musste ich bald die Augen schließen, um mich ganz dem Sog dieser wunderbaren Musik hinzugeben. Erstes Ermatten - lange Generalpause - zögerliches, ganz leises Pizzicato der Bässe; atemlose Spannung ... zerschnitten von einem röchelnden Huster, der von der Loge hinter mir herunterhallte, lauter als alles, was das Orchester zuvor gespielt hatte. Ein kurzes Erinnern daran, weswegen ich Konzerte ewig gemieden habe, jedoch nur für Sekunden und schon war ich wieder "drin". Der Dirigent ging in zuckende Bewegungen über, passend zu der Bewegung, die jetzt in Musik gekommen war. Wilde Steigerungen, unerhörte Klangeffekte der Streicher, der Mann auf dem Podest gestikuliert wild von einer Ecke in die andere und schafft es irgendwie, alles zusammenzuhalten bis es zum Zusammenbruch kommt -wie er fast schon als Markenzeichen von Lutoslawski gelten darf- der sanft im Anfangskanon landet ... grelles Licht, warme Wallungen vom Nacken in die Wirbelsäule, ein kurzes Erinnern daran, weswegen ich gerne in Konzerte gehe. Freundlicher Applaus.

Olli Mustonen betritt die Bühne, sein in sich gekehrtes Grinsen wirkt etwas abwesend. Die ersten wogenden Streicherklänge von Bartoks 3. Klavierkonzert werden gleich von dem metallisch harten Klang des Flügels überdeckt. Ich recke mich ein wenig, um nachzusehen, ob ein Backstein unter das Pedal geklemmt ist. Keine Frage, dieser Mann hat einen persönlichen Sound, den man unmittelbar unter hunderten heraushört. Für einen Jazzmusiker ist dieses Kompliment die höchste Weihe, beim klassischen Interpreten ist solcherlei eher verpönt; es kann ja wohl nicht angehen, dass man Bartok genau so spielt wie Beethoven? Es kann sehr wohl, ich war jedenfalls sofort gefesselt von der Darbietung. Nein, nicht sofort, denn erst mal musste ich die Mimik und die Gestik studieren. Er zuckt, verbiegt sich, läßt den Arm aus einem Meter Höhe fallen, um ein kurzes "Pling" zu erzeugen; dabei wirkt er so weggetreten, dass ich intuitiv-empathisch nicht an Show glaube. Eigenwillig ist die Interpretation. An manchen Stellen verschwimmt alles zu einem großen Grollen; ich stelle mir lebhaft vor, wie die Lehrbuchfraktion im Saal den virtuellen Bleistift spitzt - und dabei überhört, dass die so in den Raum gehämmerte Energie hier einfach passt. An anderer Stelle, als ein zweitöniges Motiv mehrfach erklingt und jeweils von einem anderen Bläser wiederholt wird, ändert Mustonen Anschlag und Dynamik nicht um die kleinste Nuance, hier spielt er stur wie ein Roboter und das macht an dieser Stelle durchaus Effekt. Beim Adagio religioso muss ich dann die Augen schließen ... und hier gibt es nichts mehr zu berichten, weil ich in der Musik aufgegangen bin. Das war einfach überwältigend. Der letzte Satz huschte danach ohne besondere Vorkommnisse vorbei. Langer Applaus, ganz vereinzelte Bravo-Rufe, keine Unmutsäußerungen. Als Zugabe gab es eines von diesen Stücken, die ich nie höre, folglich weiß ich nicht, was es war. Aber ich war überrascht, wie feinfühlig und zart-impressionistisch das geklungen hat. Und ich könnte schwören, dass er das Pedal eingesetzt hat.

Nach der Pause und dem vergeblichen Versuch, an die mit einer einzigen Maschine ausgestatte Espresso-Bar vorzudringen -ich habe mich mit der Bewunderung der manchmal überraschend freizügigen Garderobe der wenigen U50-Besucherinnen getröstet- stand die Erste von Brahms auf dem Programm. Die Weichen werden gleich zu Beginn gestellt: Das Auseinanderlaufen der Stimmen über (neben, unter) dem Paukenostinato; wie macht er es? Für mich nicht überzeugend, die Pauke hat alles erschlagen und die Drohung des Zereißens der Fraktur (wie sie bei Toscanini oder Gardiner latent vorhanden ist) hat mir gefehlt. Das wird wohl nichts besonderes, dachte ich und wurde postwendend eines besseren belehrt. Ausleuchten der feinsten Details oder geschmeidiger Wohlklang war Fehlanzeige, statt dessen wurden die rhythmischen Akzente mit so viel Verve betont, dass meine Kopfbewegungen schier in ungezügeltes Headbangen übergingen; bevor gerade noch rechtzeitig ein neuronaler Schaltkreis einen soziologisch konditionierten Reflex aktivierte und den Nacken wieder einrastete. Gähnende Langweile wurde mir von meinem Hirn im langsamen Satz vermeldet. Das rief den Logen-Huster wieder auf den Plan und diesmal fand er einige Mitstreiter. Ich frage mich, ob es zwischen der Qualität einer Darbietung und den Schwindsuchtsanfällen im Publikum einen Zusammenhang gibt, bevor ich mich zur Ordnung rufe und konstatiere, dass ich gar nicht in der Lage bin, über Qualität in der Musik objektiv zu urteilen. Dritter Satz: gähn. Finale: die Gedanken schweifen herum, ich fange an zu theoretisieren, bestätige die Lehre, dass Brahms ein Wegbereiter für die Moderne war, setze dem aber ein "lediglich" voran. Das, wofür der Weg bereitet wurde, ist erst von Komponisten wie Lutoslawski in voller Größe eingelöst worden - Brahms bleibt eine nette Zwischenstation. Diese absurden Gedankengänge werden auf einmal von einem unfassbaren Horn-klang unterbrochen; mit einem Mal ist der Saal in gleißendes Licht getaucht und ich schwebe auf den folgenden Klangflächen in höhere Sphären ... um dann vom Götterfunken-Plagiat abgetörnt zu werden. Dass die Musikgeschichte diesen Diebstahl schönredet, wäre noch verständlich, wenn das Thema an dieser Stelle irgendwie zwingend wäre. Aber nein, es sitzt da völlig isoliert. Die anschließende Steigerung zum Kulminationspunkt mißlingt. Das Crescendo ist schon auf halber Strecke bis zum Schmerzpegel angewachsen, da kann die Pauke nichts mehr ausrichten. Spätestens hier hab ich auf "Durchhalten" geschalten. Am Ende lang anhaltender Beifall und lautstarke Begeisterungsbekundungen. Das Publikum hatte wohl zum größten Teil viel Freude. Als der Hornist aufstehen durfte, tobte der Saal - zu Recht! Damit wurde er zum eigentlichen Star des Vormittags, denn Mustonen hat bei weitem nicht soviel Beifall abgekommen.
Severina (31.01.2010, 19:58):
Lieber Cetay,
bei Deinen Konzertimpressionen habe ich ein paarmal herzhaft aufgelacht und die Szene so richtig vor mir gesehen!
Überhaupt finde ich Eure (a.b., Cellodil......) Kontertberichte ganz toll, leider kann ich also totaler Laie in Sachen Orchestermusik nur bewundernd :down sagen. Ich gehe zwar auch gerne in Konzerte (allerdings viel seltener als in die Oper), kann sie aber mangels Fachkenntnis nur aus dem Bauch heraus beurteilen. Da ich auch keine Partitur lesen kann und leider auch kein absolutes Gehör mein eigen nenne, gehen natürlich viele Feinheiten der Interpretation an mir vorbei. Ich genieße es aber trotzdem! :D
lg Severina :D
Fairy Queen (31.01.2010, 23:19):
Bellini: I Capuleti ed i Montecchi 31.1. 2010 Opéra Royal de la Wallonie Liège


Lange ersehnt konnte ich heute zum ersten Mal eine meiner Lieblingsopern auf der Bühne erleben. Bellinis oper werden ja leider nciht serh häufig gespielt, was diverse Gründe hat. Einer davon ist der Bedarf an erstklassigen Belcanto-Sänger udn die sind ziemlich rar gesät.
In Liège hatte man dann auch sicherheitshalber gleich eine belcantoerfahrene Truppe aus Italien genommen- mit Patricia Ciofi an der Spitze, die in der Rolle der Giulietta als Weltspitze gilt.

Giulietta Patricia Ciofi
Romeo: Laura Polverelli
Tebaldo Aldo Caputo
Frate Lorenzo: Luciano Montanaro
Capellio Maurizio Lo Piccolo

Inszenierung Cristiana Muti
Leitung:Luciano Acocella
Orchestre de l'Opéra de la Wallonie


Leider war mein Eindruck vom ersten Akt durch eine mörderische Anreise und ein Zuspätkommen in der Ersatzoper(die eigentliche Oper steckt in Bauarbeiten und den Ersatz findet kein Mensch in dieser fruchtbaren Stadt! X() serh getrübt. Nicht nur dass wir unsere serh guten Plätze erst im zweiten Akt einnehmen konnten und sehr schlecht hinten am Rand sassen, sondern auch noch eine Lärmbelästigung durch Sirenen, Strassenlärm etc erleben mussten. Das Orchester hat z.B. die Arie des Tebaldo abgebrochen und neu gestartet, weil gerade eine Polizeisirene mit voller Lautstärke vorbeiraste. Diese Ersatzoper ist eine Zumutung ohnegleichen!

Dennoch ist Bellini mein Bellini, und als Patricia Ciofi dann die grosse Auftrittsarie "Eccomi.... o quante volte" sang, konnte ich endlich allen Ärger und Stress hinter mir lassen und geniessen. Diese Frau ist ein Phänomen und die Rolle ist ihr wie auf den Leib geschrieben. Dazu hatte sie ein wunderschönes Bühnenbild- die Inszenierung von Cristina Muti (Riccardos Gattin) war zwar nicht immer ganz stimmig, aber immer schön.
Die Szene bestand aus Gemäldeauschnitten von Mantegna, Giorgione etc in Riesenphotodrucken , die durch von der Decke runterlassbaren Bahnen vervielfacht werden konnten und durch moderne Photos angereichert oder abgelöst wurden. Das schrammte manchmal hart am Kitsch vorbei, wenn die Qualitât der Gemälde eben nicht so erstklassig gewesen wäre und immer wieder gebrochen worden wäre(was leider nicht jedesmal ganz stimmig gelang). Der Verkündigungsengel in der Grabszene als Riesenprojektion im Hintergrund war jedenfalls eines der grenzwertigen Bilder.
Die Inszeneirungs-Idee als Solche hat mir aber sehr gut gefallen und die Anfangsszene in der ein Mantegna aus dem Pallzzo Ducale di Mantova als quasi lebendes Bild dastand und sang war schon serh eindrucksvoll und führte bestens in das Ambiente ein.
Bei Giuliettas grosser Arie war die Harfe als lebendes Bild mit auf der Bühne und in besonderer Effekt dazu waren fallende Herbst- Blätter- einfach wunderschön anzusehen und komplett bellinilike.
Ansosnten wurde die Regie weitgehend den Schauspielkkünsten der Sänger überlassen, was bei Ciofi vollkommen angebracht war. Die anderen Protagonisten passten sich der Gemäldeszenerie an und agierten-je nach Talent mehr oder weniger statisch- in den lebenden Bildern.


Ciofi ist die glaubwürdigste Giulietta die man sich nur denken kann. Ihre Belcanto-Technik ist perfekt, da sitzt jeder Ton und jede Verzierung, die Stimme ist nciht ausgesprochen schön, aber sehr gut geführt und in jeder Höhe und Dynamik flexibel. Vor allen Dingen verkörpert sie dazu mit ihrer ätherischen Gestalt und Gestik alle Bellini-Frauen in Einer. Man sah gleich die Sonnambula und Elvira in Personalunion mit Giulietta vor dem inneren Auge. Ein Prototyp.
Das Einzige, was mch gestört hat war die fast immer schiefe Kopfhaltung, das wirkte ein bisschen botticellimadonnenmâssig maniriert - war vielleciht aber so gewollt.
Wundern würde mich das nciht, denn die Einbindung der gesamten Oper in Renaissancegemälde würde dazu sehr gut passen.
Laura Polverelli als Romeo fiel neben dieser Ideal- Giulietta leider ziemlich ab und hat mich nur im Schlussduett überzeugt. Die Stimme ist für meine Ohren reizlos und flackerte manchmal etwas, so als habe sie die besten Zeiten hinter sich oder sei stark ermüdet. Schade, diese Rolle ist eigentlich ein Traum für jeden Mezzo.
Der Tebaldo hat technisch gut gesungen, aber sein Timbre war ebenfalls farblos. . Er hatte leider das Pech, dass er seine Auftritts-Arie unterbrechen musste. In jedem Fall ein verlässlciher Belcantist, aber glanzlos.
Die beiden anderen Männerstimmen waren sehr gut besetzt, Frate Lorenzo mit einer serh schönen Bass-Stimme begabt, leider etwas erkältet.
Da ich direkt in der ersten Reihe vor dem Orchester sass (im zweiten Akt...), kann ich dazu auch etwas sagen.
Sehr schöne Bläsersoli(davon gibts ja rechlich!) eine gut beschäftigte Harfe und am Anfang etwas Probleme, die Sänger nicht plattzumachen (Tebaldo hatte nicht gerade eine Riesenstimme ). Das besserte sich aber zunehmend und Giulietta wurde bereits serh sensibel begleitet.
Acocella kennt seinen Bellini und mag ihn offensichtilch. Da wurde nciht lieblos runtergenudelt, sondern ein echter Italiener weiss eben, welchen Eigen-Wert Melodie und Belcanto hat.

Fazit: trotz schwierigen Beginns und suboptimaler Bedingungen im Ersatzopernhaus bereue ich keine Minute und bin serh glücklich, meinen Bellini endlich mal live erlebt zu haben.
Und Patricia Ciofi ist sofort beim ersten Mal von 0 auf 100 in meiner Sängerriege aufgestiegen. Ihre Stimme ist zwar an und für sich genommen ncihts so Besonderes und hat nicht den Wiedererkennungswert von z.B. Natalie Dessay, aber was sie damit anstellen kann ist phänomenal.
Sie ist scheint ausserdem eine sehr bescheidene und sympathische Person, wie sich beim Applaus deutlich zeigte. :down :down :down
Severina (01.02.2010, 00:25):
Liebe Fairy,
endlich wurde meine Neugierde befriedigt! Danke für Deinen Bericht, das mit den Gemälden kann ich mir gut vorstellen und ist für ein Ersatzopernhaus, wo man kaum eine großartige Bühnentechnik zur Verfügung hat, sicher eine sehr praktikable Lösung. Patricia Ciofi mag ich auch sehr, wenn sie mich auch noch nie so fasziniert hat wie Dich, da ziehe ich doch Natalie Dessay vor.
Den Rest der edlen Sängerschar kenne ich nicht einmal vom Namen her :S
Jedenfalls hat Dein Bericht die akute Sehnsucht geweckt, die Capuleti endlich wieder einmal auf der Bühne zu erleben. Meine letzte Begegnung mit dieser Oper vor zwei Jahren war ja nur konzertant.

lg Sevi :hello
PS: Stünde dieser Beitrag nicht besser im Opernthread?
cellodil (01.02.2010, 02:36):
Lieber Cetay,

ein ausgesprochen nachfühlbarer und amüsanter Konzerbericht. :thanks :thanks :thanks

Original von Cetay
...Das rief den Logen-Huster wieder auf den Plan und diesmal fand er einige Mitstreiter. Ich frage mich, ob es zwischen der Qualität einer Darbietung und den Schwindsuchtsanfällen im Publikum einen Zusammenhang gibt...

Ich bin mir da mittlerweile ganz sicher, dass es da einen Zusammenhang gibt, der mehr ist als Koinzidenz. Das Husten hat wenig mit Erkältungswelle, Schweinegrippe oder Pollenallergie zu tun, sondern eher mit einbrechender Konzentration, mit fehlender Spannung. Meiner Meinung nach ein Indikatior, dass es der Interpret/die Interpreten nicht geschafft hat/haben, sein/ihr Publikum zu packen. Allerdings ist das Husten und Rascheln zwischen Sätzen mittlerweile schon so "normal", dass es nicht nur auffällt, sondern fast etwas Beängstigendes hat, wenn es während der Musik und zwischen den Sätzen mal still ist und die Atmosphäre ganz gespannt ist, das Publikum fast den Atem anzuhalten scheint. Bei Perahias Bach neulich habe ich mich nach der Prélude sicherheitshalber mal umgeschaut, ob der Rest des Publikums noch am Leben ist.

Liebe Grüße

Sabine

P.S.
Original von Cetay
Heute morgen gastierte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Marc Piollet in der Stuttgarter Liederhalle. Stargast war Olli Mustonen.

Kanntest Du den Dirigenten? Ich habe das Staatsorchester (überraschend und ausgesprochen gut) in letzter Zeit nur mit seinem Chef gehört.
Fairy Queen (01.02.2010, 08:07):
Liebe Sevi, ich habe einen Thread oder ein Unterforum "Gestern in der Oper" nicht gefunden und dachte, das sei dann hier am besten placiert. Ich kann aber bei Bedarf gerne kopieren.

Wir hatten gestern auf der Rückfahrt auch die Diskussion Patricia Ciofi oder Natalie Dessay- für mich natürlci him Zweifelsfall ebenfalls Natalie Dessay, weil mir das Timbre an sich so serh gefällt, dass es unaufwiegbar ist. Meine Begleiter sahen das aber anders udn nach der Vorstellung die Giofi geliefert hat, kann ich das schon nachvolliziehen. Sie kommt laut Programm in der nächsten Saison als Gilda zu euch nach Wien.
Die anderen Sänger sind mehr in Italien bekannt und Belcanto-Spezialisten.
F.Q.
Heike (01.02.2010, 08:09):
V!ielen Dank für eure lebendigen und interessanten Berichte!
Liebe Fairy, Diese Ersatzoper ist eine Zumutung ohnegleichen!
Die Lindenoper wird ja demnächst auch für einige Jahre in ein Ersatzquartier umziehen (Schillertheater). Ich bin schon sehr gespannt, welche Überraschungen uns dort erwarten.

Hallo Cetay,
mich nerven diese Huster auch furchtbar an, besonders wenn sie die leisesten Passagen zerhusten - natürlich meist ohne Taschentuch, um den Lärm evt. etwas zu dämpfen. Fast noch nerviger finde ich die Räusperer. Ich glaube auch, dass es bei vielen mit der Konzentration zu tun hat und weniger mit ernsthaften Erkältungen. Sehr selten hört man jemanden, der wirklich krank klingt (und die gehen auch meist raus), viel öfter ist es ein kurzes, trockenens Bellen, das man einfach so in den Raum wirft. Was die Satzpausen angeht sehe ich das genau wie Cellodil - das weitet sich immer mehr aus, ich beobachte es seit einigen Jahren. Es hat fast was Groteskes inzwischen, wenn da oft der halbe Saal anfängt sich auszuhusten. So als ob man Angst hätte vor Stille. Wie ich schon schrieb spielte z.B. Pollini so rasch weiter, dass dafür keine Zeit blieb. Ein Segen!
Heike
Heike (01.02.2010, 08:15):
Liebe Fairy,
"Gestern in der Oper" gibt es noch nicht. Ihr könntet den Thread ja eröffnen, wenn demnächst häufiger Opernberichte kommen, wäre das vielleicht sinnvoll. Jedesmal einen neuen Thread für einen Opern-Bericht zu eröffnen finde ich auf Dauer unübersichtlich (besonders, wenn es den entsprechenden Werkthread auch schon gibt) und im Konzerte-Thread passt es auch nur so halb.
Heike
Cetay (inaktiv) (01.02.2010, 15:29):
Original von Severina
Da ich auch keine Partitur lesen kann und leider auch kein absolutes Gehör mein eigen nenne, gehen natürlich viele Feinheiten der Interpretation an mir vorbei. Ich genieße es aber trotzdem!

Willkommen im Club! :D
Cetay (inaktiv) (01.02.2010, 15:36):
Original von cellodil
Original von Cetay
Heute morgen gastierte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Marc Piollet in der Stuttgarter Liederhalle. Stargast war Olli Mustonen.

Kanntest Du den Dirigenten? Ich habe das Staatsorchester (überraschend und ausgesprochen gut) in letzter Zeit nur mit seinem Chef gehört.

Nein, ich habe vorher noch nichts von ihm gehört. Ich hab ein bisschen gegoogelt und er scheint recht aufstrebend zu sein, auch im internationalen Umfeld. Eine CD gibt es auch: beim Mozart-Recital von Annette Dasch stand er am Pult.
Severina (01.02.2010, 16:30):
Mich machen nicht nur die Huster rasend, sondern auch die Besucher, die die ganze Pause in anregendem Gespräch verbringen und dann bei den ersten Takten der Musik ihre Operngläser und Lutschbonbons geräuschvoll hervorkramen. Und ich sehe es genauso wie Ihr: Das meiste Gehuste ist völlig überflüssig. Ein besonderes Phänomen ist ja auch, dass jeder Huster sofort unzählige Nachahmer findet, so nach dem Motto: "Gute Idee, ich könnte rasch auch ein bisschen..."

Wenn allerdings die Gruberova ihre Wahnsinnsarien singt, egal ob als Lucia oder Elvira, kannst Du in der WSO eine Stecknadel fallen hören, weil jeder weiß, dass er auf der Stelle gelyncht wird, wenn er auch nur Piep macht. :cool

lg Severina :hello
Severina (01.02.2010, 16:31):
Original von Hebre
Liebe Fairy,
"Gestern in der Oper" gibt es noch nicht. Ihr könntet den Thread ja eröffnen, wenn demnächst häufiger Opernberichte kommen, wäre das vielleicht sinnvoll. Jedesmal einen neuen Thread für einen Opern-Bericht zu eröffnen finde ich auf Dauer unübersichtlich (besonders, wenn es den entsprechenden Werkthread auch schon gibt) und im Konzerte-Thread passt es auch nur so halb.
Heike

Liebe Heike,
ja, diese Drohung steht im Raum! :D :D :D :D :D
lg Severina :hello
Heike (01.02.2010, 19:11):
Liebe Severina,
Mich machen nicht nur die Huster rasend, sondern auch die Besucher, die die ganze Pause in anregendem Gespräch verbringen und dann bei den ersten Takten der Musik ihre Operngläser und Lutschbonbons geräuschvoll hervorkramen
Genau, die Quasselclubs! Die mit dem ersten Ton anfangen, raschelnd das Programm zu lesen nach dem Motto "was und wen hören wir denn heute eigentlich".

ja, diese Drohung steht im Raum!
Das freut mich sehr und ich werde selbst auch zu gegebener Zeit einen kleinen Beitrag dazu leisten!
Heike
cellodil (01.02.2010, 20:06):
Original von Cetay
Original von cellodil
Original von Cetay
Heute morgen gastierte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Marc Piollet in der Stuttgarter Liederhalle. Stargast war Olli Mustonen.

Kanntest Du den Dirigenten? Ich habe das Staatsorchester (überraschend und ausgesprochen gut) in letzter Zeit nur mit seinem Chef gehört.

Nein, ich habe vorher noch nichts von ihm gehört. Ich hab ein bisschen gegoogelt und er scheint recht aufstrebend zu sein, auch im internationalen Umfeld. Eine CD gibt es auch: beim Mozart-Recital von Annette Dasch stand er am Pult.

:hello Cetay,

mir ist jetzt inzwischen wieder eingefallen, wo ich über seinen Namen schon einmal gestolpert war: Herr Piollet ist GMD in Wiesbaden (wo ich bisweilen weile), aber gehört habe ich ihn noch nicht. Seine Biografie habe ich jetzt auch gegoogelt, die klingt tatsächlich vielversprechend. Sieht der mit knapp 50 tatsächlich aus wie auf dem Foto? Wirkt ja wie ein Studi...

Liebe Grüße

Sabine
Cetay (inaktiv) (01.02.2010, 20:43):
Original von cellodil
:hello Cetay,

mir ist jetzt inzwischen wieder eingefallen, wo ich über seinen Namen schon einmal gestolpert war: Herr Piollet ist GMD in Wiesbaden (wo ich bisweilen weile), aber gehört habe ich ihn noch nicht. Seine Biografie habe ich jetzt auch gegoogelt, die klingt tatsächlich vielversprechend. Sieht der mit knapp 50 tatsächlich aus wie auf dem Foto? Wirkt ja wie ein Studi...

Liebe Grüße

Sabine

:A Also da müssen wir zwei verschiedene Piollets meinen. Der, den ich gesehen habe, ist Jahrgang 62 und da kann man ja wohl nie und nimmer von knapp 50 reden! Wäre er am 2.02.1960 geboren, könnte mann das vielleicht gerade noch durchgehen lassen... :wink

Ich hätte ihn deutlich jünger geschätzt, maximal knapp 40.
cellodil (01.02.2010, 21:48):
Original von Cetay

:A Also da müssen wir zwei verschiedene Piollets meinen. Der, den ich gesehen habe, ist Jahrgang 62 und da kann man ja wohl nie und nimmer von knapp 50 reden! Wäre er am 2.02.1960 geboren, könnte mann das vielleicht gerade noch durchgehen lassen... :wink

:rofl :rofl :rofl

Stand da vielleicht zufällig irgendwo ein Fettnäpfchen??? Oder was klebt da so ölig an meinen Schuhen???

Nix für ungut (auch bei mir rücken die Einschläge derzeit näher, falls Dich das irgendwie tröstet) und herzliche Grüße

Sabine
Gamaheh (01.02.2010, 23:08):
Original von cellodil
Original von Cetay
...Das rief den Logen-Huster wieder auf den Plan und diesmal fand er einige Mitstreiter. Ich frage mich, ob es zwischen der Qualität einer Darbietung und den Schwindsuchtsanfällen im Publikum einen Zusammenhang gibt...
Ich bin mir da mittlerweile ganz sicher, dass es da einen Zusammenhang gibt, der mehr ist als Koinzidenz. Das Husten hat wenig mit Erkältungswelle, Schweinegrippe oder Pollenallergie zu tun, sondern eher mit einbrechender Konzentration, mit fehlender Spannung.
Ich war kürzlich mal im Amsterdamer Concertgebouw, und ich muß wirklich sagen: Nach allem, was man über die Jahre an Hustern in Konzerten erlebt hat, gebührt den Amsterdamern der Lorbeekranz, denn ich hatte den Eindruck, daß hier das Konzerthusten eine Wettbewerbsdisziplin ist. Bei jeder Pause zwischen zwei Sätzen brach ein derartig intensives - und ich möchte fast sagen wollüstiges - Expektorieren, Röcheln, Keuchen, Schnarren aus, daß ich ungeheuer beeindruckt war. Ich konnte nicht umhin zu denken, daß das etwas mit deren Sprache zu tun hat und daß ich, wenn ich den ganzen Tag holländisch reden müßte, wahrscheinlich auch keine Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen würde, mir den Rachen freizuhusten!

Beste Grüße,
Gamaheh
nikolaus (02.02.2010, 17:51):
:J
cellodil (02.02.2010, 18:02):
Original von nikolaus
:J

:beer
kreisler (03.02.2010, 00:53):
Ich glaube auch wenn das Konzert schon eine Weile vergangen ist muss ich doch umbedingt noch einen ganz wunderbaren Abend mit dem ja allseits bekannten Julliard Quartett im Münchner Prinzregenten-Theater erwähnen...

Denn dieses Quartett scheint nicht nur früher ein ausgezeichnetes Streichquartett gewesen zu sein (man denke da mal an die Beethoven-Einspielungen!) sondern ist es heute immer noch!!!

Hauptpunkt des Programms war Schuberts Streichquintett. Ich brauch wohl nicht zu sagen wie wichtig mir diese Komposition ist, aber es war dann doch erstaunlich das der Abend alles bis dahin (auf Kammermusik-Ebene) live - und vielleicht nicht nur live - gehörtes übertraf!
Das Julliard Quartett hat einen unglaublichen musikalischen Anspruch der sich vollkommen in Perfektion aufzulösen scheint: Als erstes überrascht der "kammermusikalische" fast etwas inhomogene Klang der ganz auf orchestrale Wirkungen - wie das z.B. bei Quartetten wie dem Melos-quartett sehr beliebt zu sein scheint bzw. schien - verzichtet. Ich meine hier freilich nicht wirklich das das Spiel nicht unglaublich homogen gewesen sei, sondern das man 5 Instrumente (Gesprächspartner würde Goethe jetzt sagen :wink ) gehört hat, die zusammen einfach musizieren. Aber nicht auf "musikantische" sondern auf durchaus sehr intellektueller Weise; Ich dachte ich kenne das Werk und doch sind mir grade viele kompositorische Aspekte aufgefallen, die man einfach selbst auf so einer "Referenzaufnahme" wie ABQ - Schiff nicht mitbekommt. Warum gibt es im 2. Satz nur ein mal den unglaublichen, unheimlichen "f-moll Ausbruch"?; Warum sind die weiteren 2 Sätze genau so - vielleicht etwas harmloser vielleicht auch nicht - gehalten? Auf solche Fragen kommt man erst wenn das Werk so gespielt wird...und es ist großartig wenn einem während dem hören langsam Antworten kommen...

Ich könnte aber auch einfach von den überirdischen Stimmungen schwärmen, die die 5 da produziert haben. Oder war es einfach so reiner Schubert, dass diese Stimmungen von selber gekommen sind?

An "Interpretation" hat es allerdings nicht gefehlt: Vieles kam mir sehr ungewohnt vor, aber es spricht nur für die Interpreten, wenn man nach wenigen Takten denkt: "Mensch das klingt ja so noch viel viel viel besser..." :) :down :down :down

Viele Grüße,
kreisler
ab (03.02.2010, 10:29):
Original von kreisler
Ich glaube auch wenn das Konzert schon eine Weile vergangen ist muss ich doch umbedingt noch einen ganz wunderbaren Abend mit dem ja allseits bekannten Julliard Quartett im Münchner Prinzregenten-Theater erwähnen...


In welcher Besetzung spiele sie denn derzeit?
Immer noch mit Smirnoff/Copes/Rhodes/Krosnick?

Wer war denn zweiter Cellist?
Was stand denn noch auf dem Programm?

:hello
Fairy Queen (04.02.2010, 23:15):
Heute abend gab es in der Opéra de Llille einen Liederabend mit:

Ian Bostridge- Tenor
Julius Drake-Piano

Das Programm:
Claude Debussy:
Les Ingénus, Le Faune, Colloque sentimental

Gabriel Fauré:
Nell, Les Berceaux, Au bord de l'eau, Prison, Clair de lune, Fleur jétée

Benjamin Britten:
La belle au jardin d'amour, Eho!Eho!, Quand j'étais chez mon père

Franz Schubert:
Das Heinweh, Sehnsucht, Im Freien, Bei Dir allein, Der Wanderer an den Mond,Das Zügenglöcklein, Die Perle, Freiwilliges Versinken, Der zürnenden Diana,
Lied des gefangenen Jägers, Normanns Gesang

Julius Drake ist ein sehr guter Pianist.
Das Programm war interessant und ohne Rücksicht auf Hits zusammengestellt, selbst die meisten Schubert-Lieder waren sehr unbekannt. Die Stücke von Britten sind gleichzeitig melodisch schôn und intelligent humorvoll und waren eine Neuentdeckung fûr mich.
Bostridges Aussprache ist sowohl im Deutschen wie auch im Französischen serh ordentlich.
Das war das Positive.

Leider ist der Mann auf der Bühne eine Zumutung. Wie man trotz schöner Stimme und grosser Musikalität einen fast ausverkauften Liederabend so versauen kann, ist mir ein Rätsel. Mein Mann nannte das "desatröses Auftreten", ich sage dazu: eine Mischung aus gerade der Pubertät entwachsenem Zappelphilipp, der nicht weiss wohin mit seinen viel zu langen und dünnen Gliedmassen und affektiertem Dandy.
Wenn er insgesamt vielleciht mal 5 Minuten auf zwei Beinen stand, ist das schon viel. In alle Richtungen verdreht und verenkt, seltenst mal das Publikum angesehen, meist der Kopf schief nach unten, was dem Fokus der Stimme dann immer wieder den Garaus machte, hampelte er hin und her. Dem, was er sang, hab ich kein einziges Wort geglaubt, obschon er die Worte oft mit einer Überartikulation ausspuckte.
Am besten bekam dieses manierierte Singen noch Debussy und Britten , Fauré und Schubert wurden erbarmungslos geschlachtet. Bei Clair de lune war ich wirklich sauer- das war das schönste Stück im Programm und ich hatte mich so drauf gefreut.

Dabei hat der Mann eine schöne Stimme ohne jede unangenehme Einschränkung und wenn man die ganze Zeit die Augen zumachte, gab es sogar einige schöne Stellen.
Aber berührt hat das null(und das gilt nciht nur fûr mich) und wenn ich da an Christian Gerhaher denke, der letztes Jahr hier ebenfalls Schubert sang udn mich schon beim ersten Ton ins Herz traf... :engel
Na ja, fûr 5 Euro(last minute Ticket) hab ich immerhin viele neue Lieder und einen richtig guten Pianisten gehört.
Da stimmt dann doch wieder das Preis-Leistungs-Verhältnis. :(

F.Q.
Gamaheh (04.02.2010, 23:34):
Original von Fairy Queen
Heute abend gab es in der Opéra de Llille einen Liederabend mit:

Ian Bostridge- Tenor
Julius Drake-Piano

Leider ist der Mann auf der Bühne eine Zumutung. Wie man trotz schöner Stimme und grosser Musikalität einen fast ausverkauften Liederabend so versauen kann, ist mir ein Rätsel.
Autsch !! Das klingt ja wie das Fallbeil ! Gut, daß ich um Bostridge bisher einen Bogen gemacht habe, obwohl er immer wie ein Star angekündigt wird.

Gibt es in Lille auch noch eine Oper ?! Nachdem ich beim Klavier-Festival schon vier Säle kennengelernt habe, hätte ich das nicht gedacht, denn so eine große Stadt ist doch Lille nicht?

Danke für den Bericht und die Warnung.

Beste Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (05.02.2010, 06:45):
Liebe Gamameh, ich war wirklich serh enttäuscht, wahrscheinlich wirkt mein Bericht deshalb etwas "guillotinierend.". Auf CD ist Bostridge wesentlcih besser, das mal, um der Gerechtigkeit willen, denn ein schlechter Sänger ist er nicht, allerdings von einem Star meilenweit entfernt, insbesondere was sein persönliches Auftreten angeht.

Ja, Lille hat eine serh aktive und gute Oper. Das Programm kann sich wahrlich sehen lassen, es gibt auch viel Ballett und Liederabende.
Die Stadt ist zwar nicht gross(300000 Einwohner), aber eine der 10 Grössten in Frankreich und im ganzen Norden jenseits von Paris DIE Metropole.
Bei welchem Klavierfestival warst du da? Ich bin da eigentlch auch immer.......

F.Q.
Heike (05.02.2010, 08:48):
Liebe Fairy,
eine Mischung aus gerade der Pubertät entwachsenem Zappelphilipp, der nicht weiss wohin mit seinen viel zu langen und dünnen Gliedmassen und affektiertem Dandy.

Au weia, bei der Beschreibung werde ich dessen Auftritte zukünftig sicher meiden! Das klingt wirklich nicht nur unfähig (zu angemessenem Auftreten), sondern leider auch unsympathisch. Ich wundere mich immer, dass den Künstlern das niemand sagt, der Einfluss auf sie hat. Oder vielleicht sagt es ja doch jemand und sie finden sich aber selbst trotzdem schön so. Wer weiß. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass ein Liederabends auf diese Weise fast zum Klamauk verkommen kann.
Heike
ab (05.02.2010, 08:48):
Original von Fairy Queen
Dem, was er sang, hab ich kein einziges Wort geglaubt, obschon er die Worte oft mit einer Überartikulation ausspuckte.

Ich bin froh, endlich einmal Worte zu lesen, die ganz meinem Eindruck entsprechen. Das wird, scheint mir, von Jahr zu Jahr schlimmer!

Das traurige an der ganzen Sache ist, dass, wenn man Bostridges Aufnahmen mit denen seiner Kollegen vergleicht, diese nicht annähernd an seine Gestaltungsbegabung herankommen; wenn nur jener sie auch so zu nützen verstünden, dass man ihm das Gesungenen abnähme...
:I
Fairy Queen (05.02.2010, 12:34):
Liebe Hebre, lieber a.b., m.E. ist das Problem, dass Bostridges unzweifelbares Talent und seine schöne Stimme nciht von einer adäquaten bzw annähernd reifen Persönlichkeit gedeckt werden.
Gerade im Liedgesang hat man keine Inszenierung und Alles hängt von der Person des Sängers ab.
Ich hatte den direkten Vergleich Bostridge CD und Bostridge live. Die Cd-Aufnahmen kann ich zwar gut finden,aber sie berühren mch bereits null. Bei "live" ist es dann leider die person die das Ganze wirklich verdirbt, nciht die Stimme, das betone ich sehr!
Nicht dass er hässlich oder direkt unsympathisch wirkt. Er wirkt auf mich einfach nur unreif, affektiert und nicht annâhernd in der Lage, das, was er singt (und beimLlied sind das oft serh tiefe Inhalte und noch tiefere Musik) glaubhaft zu vermitteln. Vielleicht steht Oper ihm besser an, weil er da eine Rolle spielen kann und seien eigene Person nciht zeigen muss.
Als Liedsänger ist man nackt und bloss- das muss jeder wissen, der sich mit dieser Gattung auf die Bühne wagt. Es gibt im Gesang ncihts Schwierigeres.
Auch wenn viele grosse Opern"brüller" Liedgesang als Kinderkram ansehen mögen.
Einige Kollegen von mir waren gestern auch da und teilen meine Ansciht vollkommen, ich bin also kein hyperempfindsamer Einzelfall.

F.Q.
Gamaheh (05.02.2010, 13:26):
Liebe Fairy Queen alias Euphonia,

Deine Enttäuschung kann ich gut verstehen, gerade wenn er eigentlich von der Natur eine schöne Stimme mitbekommen hat. Wahrscheinlich ist er nicht gut beraten, wenn man ihn auf die Bühne schickt ...
Original von Fairy Queen
Ja, Lille hat eine serh aktive und gute Oper. Das Programm kann sich wahrlich sehen lassen, es gibt auch viel Ballett und Liederabende.
Die Stadt ist zwar nicht gross(300000 Einwohner), aber eine der 10 Grössten in Frankreich und im ganzen Norden jenseits von Paris DIE Metropole.
Bei welchem Klavierfestival warst du da? Ich bin da eigentlch auch immer.......
Ich war im letzten Jahr dort und habe hier ausführlich darüber berichtet. Ich habe den festen Vorsatz, in diesem Jahr wieder hinzufahren, und immerhin bereits in Erfahrung gebracht, daß es vom 11. bis 13. stattfindet; ein Programm scheint es noch nicht zu geben.

Beste Grüße,
Gamaheh
Fairy Queen (05.02.2010, 18:51):
Liebe Gamameh,das ist ja prima und dass dir Lille als Stadt gefallen hat, finde ich besonders schön, ich wohne nämlich da.
Früher war das Pianofestival immer im November, und seit es auf Juni verschoben wurde, ist das für mich schwieriger geworden, weil kurz vor den Schulferien immer wahnsinnig viel los ist.
Aber wenn Du dieses Jahr wieder zum Pianofestival kommst, könnten wir ja vielleicht mal ein Crepe zusammen essen: ich weiss da sehr gute Adressen.
F.Q.
Gamaheh (08.02.2010, 21:20):
Liebe Fairy Queen,

darauf freue ich mich !

Beste Grüße,
Gamaheh

P.S.: Gibt es schon ein Programm ? Im Internet kann ich nichts finden und mußte schon anrufen, um die Daten in Erfahrung zu bringen.
Fairy Queen (09.02.2010, 08:46):
Nein, meines Wissens gibt es noch kein Programm, die sind immer ziemlich spât dran und im Intenet hab ich das noch nie gefunden..... Sobald ich was weiss, sag ich Bescheid, ich werde sicher nicht alle drei Tage können, aber das Crepe und Musik- Schwatz Treffen wird ganz sicher möglich sein. Sontagsmorgens gibt es einen serh schönen Markt, den solltest du Dir nicht entgehen lassen und dich dann gleich mit Leckerlis fûr die Rückreise eindecken.

F.Q.
Heike (10.02.2010, 17:58):
gestern abend im Kammermusiksaal
Olga Scheps - Klavier

Robert Schumann Fantasie C-Dur op. 17
Wolfgang Amadeus Mozart Rondo a-Moll KV 511

Frédéric Chopin
Polonaise As-Dur op. 53 »Héroique«
Fantasie f-Moll op. 49
Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1
Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2
Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23

Ein Klavierabend, den ich mit einer Freundin ganz spontan besucht hatte, um dem Wetterfrust mal 2 Stunden zu entfliehen.

Ja die Frau Scheps. Sie spielte recht routiniert, aber brav wie eine fleißige Klavierschülerin, die alles gut geübt hat. Weil ich ja nun selbst auch weiß, wie schwierig das ist, ein klaeines Stück oder gar ein großes Programm einzuüben, will ich gar nicht groß meckern, denn sie hat es gut gemacht. Aber es berührte mich leider wenig: nicht beim Mozart, schon gar nicht beim Schumann und immerhin passagenweise beim Chopin. Trotzdem hörte ich ihr gern zu; auch wenn mich gerade vor einigen Wochen Pollini mit dieser Schumann Fantasie im wahrsten Sinne des Wortes fasziniert hatte und in einigen Wochen Sokolov damit auftreten wird. Da hat es natürlich eine Frau Scheps schwer, andererseits weiß man großartige Interpretationen bei so einem direkten Vergleich noch viel mehr zu schätzen.

Aber ich fand die junge Frau sympathisch. Weniger sympathisch was das Publikum.

Es war gestern mal wieder besonders krass mit den Hustern. Und dann war ein Pärchen im Saal (um die 50, auf den teuren Plätzen vorn) - also dieser Mann!!!! Er hat bei allen Stücken immer in den letzten Akkord reingeklatscht. Kaum hatte sie die letzte Taste angeschlagen bzw. die Hand von den Tasten hochgenommen (wobei der Ton natürlich noch lange nachklang), fing dieser Mann jedesmal blitzartig an zu klatschen (so als wenn er die Hände schon bereitgestellt hätte für den "richtigen" Augenblick). Absolut grauenhaft, natürlich stimmten auch sofort weitere Klatscher mit ein und jedes Ende-feeling war hinüber. Bei der Schumann-Fantasie sowie der Chopin- Ballade hat er auch noch leider den korrekten Schluss verpasst und er (plus viele) mitten haben rein geklatscht - bis sie merkten, dass es noch weitergeht (was sie nur daran merkten, dass die Pianistin nicht aufstand und irritiert umherschaute).

Insoweit wars sehr gruselig. Warum machen Leute das, warum können die nicht wenigstens ne Sekunde oder zwei das Stück nachklingen lassen, wenn es zu Ende ist?
Heike
nikolaus (10.02.2010, 18:56):
Liebe Heike,

Deine Frage kann ich Dir leider auch nicht beantworten (vielleicht sind diese Leute froh, wenn es vorbei ist?).
Mich nervt das auch oft.

Gott sei Dank gibt es auch andere Beispiele:
gerade gestern habe ich bei youtube nach Versionen von Verdis Requiem, speziell das Libera me gesucht und dabei Abbado entdeckt. Wie er die Aufführung beendet und wie mucksmäuschen still es dann ist, das geht unter die Haut und erschüttert...
Hier ist der link

Nikolaus.
Heike (10.02.2010, 19:07):
Wie er die Aufführung beendet und wie mucksmäuschen still es dann ist, das geht unter die Haut und erschüttert...

Traumhaft! Ich wünsche mir immer, das ich so eine Stille erlebe nach Konzerten, aber leider ist das eher selten. Irgendwein Depp fängt immer an zu klatschen, bevor es Zeit ist. Ich frage mich, was in diesen Menschen vorgeht, das ist doch fernab von jedem Gefühl.
Heike
Gamaheh (10.02.2010, 21:11):
Original von Hebre
Warum machen Leute das, warum können die nicht wenigstens ne Sekunde oder zwei das Stück nachklingen lassen, wenn es zu Ende ist?
Ich weiß auch nicht, warum Leute das machen - wahrscheinlich gibt es verschiedene Gründe: schiere Ignoranz; der Stolz, als erster zu wissen, wenn das Stück zuende ist ...

Ganz häufig liegt es aber auch - da bin ich mir sicher - an der Musik und am Interpreten selbst. Wenn ein Stück virtuos, laut und triumphal endet. lädt das zum Klatschen ein, wenn es leise und nachdenklich endet, dann eher nicht. Der kluge Interpret weiß mit Gesten darauf hinzuweisen, wann geklatscht werden darf (und wann nicht: In dem von Nikolaus verlinkten Youtube-Video ist die Gestik und Mimik von Abbado mehr als eindeutig). Das abrupte Annehmen einer entspannten Stellung (etwa durch abruptes Fallenlassen der Arme) z.B. ist ein sicheres Zeichen, das auch niemandem erklärt zu werden braucht. Ein ebenso sicheres Zeichen ist in aller Regel das Beibehalten einer "Hab-acht"-Stellung, bei einem Pianisten etwa die Suspension der Hände über der Klaviatur. Wenn jemand dann allerdings nicht hinguckt oder tatsächlich zeigen will, daß er weiß, daß das Stück zuende ist ...


An welcher Stelle in der Fantasie hat denn dieser Mann geklatscht? Nach dem zweiten Satz ist es ja durchaus nicht ungewohnt, daß es "Szenen-Applaus" gibt - es klingt einfach wie ein Schluß; dazu kommt der virtuose Charakter des Endes des zweiten Satzes - da möchte man manchmal schon klatschen. Hier zitiere ich einen Pianisten (genauer gesagt: zwei):

"Moriz Rosenthal maintained that the custom of applauding only at the end of Schumann's Phantasie in C Major, op. 17 was misguided. There should be enthusiastic applause after the famous technical display at the end of the second movement, he felt, but the end of the slow movement finale should be received in a meditative silence." (Charles Rosen. Piano Notes. London: Penguin Books, 2004, S. 134)

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Wenn ich mich nicht irre, werde ich demnächst Gelegenheit haben, Olga Scheps zu hören - mal sehen, ob ich sie wahrnehme.
Heike (10.02.2010, 21:16):
An welcher Stelle in der Fantasie hat denn dieser Mann geklatscht? Nach dem zweiten Satz

ja klar, genau da.
das fand ich auch nicht das ultimativ schlimmste - viel übler fand ich das Geklatsche jeweils in den verklingenden letzen Akkord rein.
*heul*
Heike
Gamaheh (10.02.2010, 21:23):
Hier könnt Ihr einen Pianisten sehen, der offenbar nicht sehr glücklich mit sich ist, weil er sich zu einer Geste hat hinreißen lassen, die Applaus provoziert; der Beleuchter ist auch verwirrt (Ende 2. Satz der Fantasie von Schumann). Anscheinend ist schon jemand auf die Bühne gekommen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist ...

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Download dauert etwa 3 Minuten (jedenfalls bei mir).
Armin70 (20.02.2010, 01:14):
Gestern, 19.02.2010, im großen Saal der Alten Oper in Frankfurt:

Johann Sebastian Bach/Anton Webern: Ricercar a 6 aus dem "Musikalischen Opfer" (1747/1934 - 1935)

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur, op. 61 (1806)

Richard Strauss: Also sprach Zarathustra, op. 30 (1895 - 1896)

Solistin: Baiba Skride, Violine
HR-Sinfonieorchester Frankfurt; Leitung: Andris Nelsons

Das 1. Werk des Abends war ein sehr interessanter Auftakt. Nelsons und das Orchester haben, wie ich finde, die feinen Themen- und Motiv-Verästelungen in Weberns Orchesterfassung des Bachschen Ricercar sehr schön herausgearbeitet. Da kam jedes Instrument klar durch und wurde nicht durch andere Stimmen überdeckt. So wie sich Webern das auch selbst vorstellte, in dem er sagte: "...nicht der leiseste Ton z. B. einer Dämpfertrompete darf verloren gehen. Alles ist Hauptsache in diesem Werk - und in dieser Instrumentation." (Zitat aus dem Programmheft). Das haben Orchester und Dirigent sehr gut umgesetzt.

Dann Beethovens Violinkonzert D-Dur, op. 61. Meiner Meinung nach war das eine sehr stimmige Interpretation. Das war kein "knalliger" Beethoven, wie man ihn z. B. von einigen Dirigenten in jüngster Zeit vor allem bei den Sinfonien hört. Skride und Nelsons spannten sehr schöne Bögen. Allein die Orchestereinleitung im 1. Satz war klasse und die Spannung wurde optimal aufgebaut bis zum Einsatz der Solovioline. Baiba Skrides Violinspiel war wunderbar beseelt. Allein schon der Klang ihrer Stradivari-Violine "Wilhelmj" (1725) war leuchtend und klar und schwebte schön über dem Orchesterklang und an anderen Stellen verschmolzen Solo-Violine und Orchester zu einem tollen Gesamtklang.
Im Larghetto gab es z. T. berückende Momente wie ich fand. Das ist gibt schon einen "Gänsehautfaktor", wenn das Publikum beim feinsten Pianissimo "mucksmäuschenstill" ist. Ich habe da keine Huster gehört, die sich ansonsten übrigens relativ in Grenzen hielten, wobei ich mich mehr auf die Musik als auf die Huster konzentrierte.
Das Rondo war die richtige Mischung: Einerseits eine Art heiterer "Kehraus" aber es gab auch Stellen, wo mit dem Tempo etwas inne gehalten wurde. Am Schluss wurde das Tempo dann doch forciert und das Werk kam zu einem brillianten Abschluss.

Man merkte, dass sich die beiden Landsleute Baiba Skride und Andris Nelsons sehr gut kennen. Solistin, Orchester und Dirigent waren sehr gut aufeinander eingestimmt.

Im Einführungsvortrag 1 Stunde vor dem Konzert plauderte Baiba Skride locker, charmant und sehr sympathisch über ihre Einstellung zur Musik, die Zusammenarbeit mit Dirigienten und anderen Solisten, insbesondere mit ihrer Schwester Lauma Skride. Vielleicht mit einem Hauch "understatement" sagte sie, dass sie sich hauptsächlich von der Emotion der Musik tragen und inspirieren lässt und sich nicht zu sehr von einem Konzept, das sie natürlich schon im Kopf hat, leiten lässt.

Baiba Skride, übirgens in einem tollen roten, schulterfreien Abendkleid, bedankte sich für den großen Beifall mit dem Andante aus Bachs Sonate Nr. 2, a-moll für Violine solo BWV 1003.

Nachdem mich Baiba Skride letzten Sommer beim Rheingau-Musikfestival mit Brahms` Violinkonzert begeisterte, überzeugte sie mich auch mit Beethovens Violinkonzert.

Nach der Pause dann "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss. Andris Nelsons tat gut daran, dass er das Werk nicht als "sinfonisches Schlachtross" degradierte. Neben den wuchtigen Orchesterblöcken wurden auch die leiseren Stellen sehr ernst und gleichermassen wichtig genommen. Sehr gut entwickelte und steigerte sich z. B. der Abschnitt "Von der großen Sehnsucht" oder das "Tanzlied" hatte einen leichten "Wiener Charme". Grandios waren natürlich die Fortissimo-Stellen, angefangen vom berühmten Beginn bis hin zur Überleitung zum "Nachtwandlerliedes".
Das HR-Sinfonieorchester hat einen sehr kultivierten Klang, der selbst im stärksten Fortissimo niemals lärmend ist und im Pianissimo bleibt der Orchesterklang auch schön tragfähig, ich meine es wird nicht dünn oder gar brüchig. Das liegt natürlich auch an der hervorragenden Akustik im großen Saal der Frankfurter Alten Oper.

Andris Nelsons hatte ich in diesem Konzert zum ersten Mal live gesehen und gehört und, um es kurz zu sagen, den Name werde ich mir merken. Er versteht es, das Orchester, und damit auch das Publikum, mitzureissen.

Alles in allem war das mal wieder ein sehr schöner Konzertabend.
Heike (20.02.2010, 08:26):
Hallo Armin,
Andris Nelsons hatte ich in diesem Konzert zum ersten Mal live gesehen und gehört und, um es kurz zu sagen, den Name werde ich mir merken. Er versteht es, das Orchester, und damit auch das Publikum, mitzureissen.
Ich hatte ihn letzten Herbst erstmalig mit Dsch gesehen und war hellauf begeistert. Ich habe allerdings keine einzige CD von ihm und wäre gespannt, ob er diese unheimliche live-Präsenz auch irgendwie auf eine Konserve übertragen kann.
Heike
Honoria Lucasta (20.02.2010, 09:05):
Gestern also, wie an anderer Stelle im "Vorfreude"-faden angekündigt, ein Konzert im Nationaltheater Sarajewo, das ich hier kaum skizzieren würde, hätte nicht mit Bernarda Fink eine der weltweit wohl gefragteren Mezzosopranistinnen gesungen - Hintergründe u.ä. kann man an der o.e. Stelle nachlesen.

Zuerst -nachdem die hier leider unvermeidliche Ansprache mit Begrüßung aller Honoratioren überstanden war- spielte das hiesige Philharmonische Orchester unter Leitung von Charles Anspacher die Egmont - Ouvertüre, ganz ordentlich, wenn auch ohne großen Anspruch: immerhin war das Thema schön herausgearbeitet, und das Stück ist ja auch von lobenswerter Kürze...

Dann Bernarda Fink mit den "Liedern eines fahrenden Gesellen" von Gustav Mahler. Eins vorweg: sie ist eine große Künstlerin, hat eine ausgesprochen wohlklingende, auf mich immer beruhigend wirkende Stimme von beträchtlicher Modulationsfähigkeit und einem warmen Timbre, das sie für jede Art Kunstlied ideal erscheinen läßt. An manchen Stellen dieses Zyklus gelangen ihr berückend schöne Momente, so im ersten Lied "Wenn mein Schatz Hochzeit macht", und "Die zwei blauen Augen" haben mich zu Tränen gerührt. Es zeigte sich aber auch, daß die Orchesterfassung dieses Zyklus alle Beteiligten schnell an Grenzen stoßen lassen kann. Es gelang Charles Anspacher nicht, das Orchester so weit zurückzunehmen, daß die feine, aber eben nicht laute Stimme von Frau Fink an manchen Stellen nicht völlig zugedeckt wurde. Das ist natürlich bei einer Mahler-typischen Orchesterbesetzung von 70 Mann schwierig, gelingt aber unter anderer Leitung (und nach mglw. intensiverem Proben...) durchaus. Es zeugt auch für ein gewissermaßen unbekümmertes Drauflosmusizieren, daß der Dirigent das vierte Lied -die letztlich dann doch sehr gelungenen "Blauen Augen"- frisch ohne die Sängerin startete und erst nach zwei Takten merkte, daß sie einigermaßen fassungslos und stumm neben ihm stand. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck - es schien, als seien Künstlerin und Werk in dieser Fassung und an diesem Abend nicht wirklich füreinander gemacht. Ich würde Bernarda Fink gerne einmal in der Klavierfassung dieser Lieder hören, ich bin sicher, daß das überzeugender gelingt und in einer völlig anderen Liga spielt, sozusagen.

Nach der Pause gab's dann noch die Pastorale von Beethoven, bei der sich das Orchester doch noch warm spielte: der letzte Satz gefiel mir gut. Überhaupt spielen die Sarajewoer immer da überzeugend, wo sie heftig drauf los schrummeln können, was zeigt, daß sie der Leitung durch einen wirklich guten Dirigenten weitestgehend entbehren müssen :ignore.

Grüße aus der Provinz!

Honoria
Cetay (inaktiv) (20.02.2010, 10:55):
Original von Armin70
Gestern, 19.02.2010, im großen Saal der Alten Oper in Frankfurt:

Johann Sebastian Bach/Anton Webern: Ricercar a 6 aus dem "Musikalischen Opfer" (1747/1934 - 1935)

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur, op. 61 (1806)

Richard Strauss: Also sprach Zarathustra, op. 30 (1895 - 1896)

Solistin: Baiba Skride, Violine
HR-Sinfonieorchester Frankfurt; Leitung: Andris Nelsons



Danke für diesen schönen Bericht. :thanks
Als glühender Verehrer von Baiba Skride -nicht nur als Geigerin, sondern auch als Person (als die sie sich vermarktet)- werde ich schon ein bisschen grün im Gesicht. Hier in die Gegend kommt sie leider mit Tchaikovsky und so sehr, dass ich mir das antun würde, verehre ich sie dann auch wieder nicht - schulterfreis Kleid hin oder her.
ab (20.02.2010, 14:45):
Original von Armin70
Andris Nelsons hatte ich in diesem Konzert zum ersten Mal live gesehen und gehört und, um es kurz zu sagen, den Name werde ich mir merken. Er versteht es, das Orchester, und damit auch das Publikum, mitzureissen.


Auch in meinem Umfeld sind es derzeit immer zwei Nachwuchsnamen, die ganz hoch gehandelt werden: Andris Nelsons und Kirill Petrenko
:hello
Severina (20.02.2010, 15:26):
Andris Nelsons (Jahrgang 1978 übrigens) ist ein Schüler von Mariss Jansons, der schon länger als Stern am Dirigentenhimmel leuchtet.
Nelsons sprang vor zwei Jahren bei uns für Seiji Ozawa in "Pique Dame" ein und riss das Publikum von den Stühlen, ähnlich sensationell verlief seine "Butterfly". Ich mag diese Oper nicht sonderlich, und hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich sie mir wegen des Dirigenten anschauen würde, hätte ich an seinem Verstand gezweifelt. Nelsons schaffte es wirklich, Puccini vom oft unerträglichen Zuckerguss zu befreien und dem Orchster Farben und Nuancen zu entlocken, wie ich sie bei der "Butterfly" noch nie wahrgenommen habe..

Ich freue mich schon riesig auf den 22. August, da dirigiert Nelsons beim Grafenegger Musikfestival (in NÖ, ca 75km westlich von Wien) eine meiner Lieblingssymphonien, Dvoraks 9. Erstmals in meinem Leben habe ich mir für ein Konzert eine wirklich teure Karte geleistet. :leb
lg Severina :hello
Armin70 (21.02.2010, 00:27):
Gestern, 20.02.2010 im großen Saal der Alten Oper in Frankfurt:

Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps

Anton Bruckner: 3. Sinfonie d-moll (3. Fassung von 1889)

Wiener Philharmoniker
Dirigent: Lorin Maazel


Zuerst der "Sacre". Das war schlich und einfach der Hammer, welche Register Maazel und die Wiener da gezogen haben. Vom zartesten impressionistischen Schimmer z. B. zu Beginn des 2. Teils und dann die eruptive Wucht und die fast schon brutale Klanggewalt, die da entfesselt wird.

Die Schlagzeuggruppe der Wiener ist phänomenal: Das war derart präzise; da hallte und schepperte nichts in sich direkt anschliessende leise Passagen hinein und alles war wirklich punktgenau. Die Basstrommel-Schläge waren bis in die Magengrube zu spüren.

Aber natürlich auch die übrigen Orchestergruppen. Wie die Wiener diese vertrakte Partitur virtuos beherrschten war sagenhaft. Allein die Holzbläser waren eine Ohrenfreude. Wer bis dahin glaubt, die können nur "An der schönen blauen Donau" etc., der wurde heute Abend eines besseren belehrt.
Wuchtig und markant aber nie grell und blechernd klingend die exzellente Blechbläsergruppe der Wiener. Die Posaunen und die beiden Bass-Tuben hatten einen geilen ( :ignore) Sound.

Imposant waren vor allem die Schlusssteigerungen im 1. und natürlich im 2. Teil. Maazel hatte alles souverän im Griff aber man muss das wahrscheinlich sowieso nicht bei ihm befürchten, dass ihm beim dirigieren die Musik entgleitet.

Das war also ein Auftakt nach Mass.

Nach der Pause dann Bruckners 3. Sinfonie in der letzten Fassung von 1889. Ich hatte schon damit gerechnet, dass diese Fassung gespielt wird, zumal es von dieser Sinfonie soweit ich weiss die meistgespielte Fassung ist. Es ist die kürzeste der 3 Fassungen, und wie schon in der 2. Fassung, so fehlen auch hier die Wagner-Zitate. Auch wenn man sich in den letzten Jahren erfreulicherweise mehr und mehr wieder für Bruckners Originalfassungen seiner Sinfonien zu interessieren beginnt, so würde man seinen späteren Fassungen unrecht tun, indem man sie links liegen lassen würde. Das ist auch vollgültiger Bruckner und letztlich bereichert es das Bruckner-Bild ungemein, wenn man im Idealfall alle verschiedenen Fassungen kennt.

Im Diskussionsfaden zu Bruckners 8. Sinfonie hatte ich mich ja etwas kritisch gegenüber Maazels Interpretation geäussert. Heute Abend jedoch war das grandios wie Maazel diese Sinfonie gestaltete. Die Bögen gestaltete er brilliant mit leichten Ritardandi bei den Höhepunkten. Dann manchmal ein leichtes Innehalten und was für pianissimi das waren !!! Ich traute mich gar nicht, zu schlucken.
Dann war dar die ungemeine Präzision, denn die teilweise heiklen Rhytmen in Bruckners Sinfonien bestehend aus Synkopen, Duolen und Triolen, die manchmal gegeneinander gesetzt sind, haben es schon in sich. Das war aber alles kein Problem für die Wiener und Maazel, der natürlich komplett auswendig dirigierte.
Der langsame Satz war wunderbar ruhevoll genommen. Die Musik verströmte in einem wunderbaren Fluss. Allein die phänomenalen Wiener Hörner waren zum niederknien :down Das ist so ein toller Klang, bei dem ich irgendwie Assoziationen an einen bunt gefärbten Herbstwald bei Sonnenschein habe.
Das Scherzo nahm Maazel in einem Höllentempo. Ich glaube so schnell habe ich diesen Satz noch nie gehört aber schliesslich lautet die Satzüberschrift ja auch "Ziemlich schnell". Im Trio nahm er dann deutlich das Tempo raus und das hatte einen schönen Ländler-Charme.
Im Finale dann schmetterten die Blechbläser, dass es die reinste Wonne war. Wieder nahm Maazel die Tempobezeichnung "Allegro" wörtlich. Die Musik hatte einen wunderbaren Drive. Sehr schön waren hier wieder die beiden Welten in Bruckners Musik zu hören: Das Seitenthema kombiniert eine freche Polkamelodie in den Streichern und einen Choral in den Bläsern. Bruckner soll mal dazu gesagt haben: "So ist das Leben."
Wuchtig und erhaben dann die Coda und der Schluss des Finales. Das war wuchtig und grandios wie das Trompetenthema aus dem 1. Satz wiederkehrt und majestätisch von den ganzen Blechbläsern intoniert wird.

Im Programmheft ist eine amüsante Anekdote über Bruckners Besuch bei Wagner in Bayreuth 1873 zu lesen. Dort stellte Bruckner die 2. und die 3. Sinfonie Wagner vor. Wagner soll besonders von der 3. Sinfonie sehr angetan gewesen sein. Bruckner berichtete später: "Auf der Stell' hat er (Wagner) die Hauptsachen herauß'n g'habt, die Themen g'sung'n und 'pfiff'n und mi' alle Augenblick mit an lautem 'Bravo' so fest auf d' Schulter g'haut, dass ma z'letzt scho ganz weh 'tan hätt', wanns net so viel guat g'wös'n war." Wagner entschied sich dann für die 3. Sinfonie, nach dem ihm von Bruckner angeboten wurde, Widmungsträger von einer der beiden Sinfonien zu werden.

Zu Recht am Schluss stürmischer Applaus und Standing Ovations. Orchester und Dirigent bedankten sich mit Brahms 1. Ungarischen Tanz in g-moll.

Interessant bei dem Konzert war auch, dass ich einen genialen Sitzplatz hatte. Auf der linken Seite direkt neben und etwas oberhalb vom Orchester. Ich konnte mit den 1. Violinen die Noten mitlesen, d. h. das war mehr als "live". Dazu kam auch, dass ich Maazel direkt ins Gesicht sah und so seinen Minenspiel und seine Dirgierbewegungen direkt mitverfolgen konnte. Mit einem leichten Aufzucken der Augenbrauen gab er z. B. den Hörnern den Einsatz.

Vielleicht noch eine kleine Notiz am Rande: Bei den Wiener Philharmonikern hatte ich beim "Sacre" 7 Damen (2x Violine, 1x Bratsche, je 1x Flöte, Oboe, Fagott und Horn) gezählt und beim Bruckner waren es immerhin noch 6 Damen (die Flötistin hatte "Feierabend"). Übrigens sehr hübsche Damen, vor allem die Hornistin...

In der Vorankündigung zu diesem Konzerts war die Programmfolge übrigens umgekehrt aber das ist eigentlich egal. Hauptsache, die Werke, welche angekündigt waren, wurden auch gespielt.

Endlich hatte ich somit mal die Gelegenheit, die Wiener Philharmoniker live zu erleben und das wird sich hoffentlich auch noch mal wiederholen.
Severina (21.02.2010, 00:44):
Danke für Deinen enthusiastischen Bericht, besonders Dein Lob der Wiener Holzbläser freut mich. In einem anderen forum gibt's nämlich jemanden, der kein gutes Haar an den Wiener Bläsern lässt, sie klängen fade, farblos, fahl, was mich doch als keine Expertin in Sachen Orchstermusik ziemlich verunsichert. Ich finde unsere Bläser nämlich auch ausgezeichnet, aber der Mann scheint ein Profi zu sein..... :(
lg Severina
Armin70 (21.02.2010, 01:02):
Original von Severina
Danke für Deinen enthusiastischen Bericht, besonders Dein Lob der Wiener Holzbläser freut mich. In einem anderen forum gibt's nämlich jemanden, der kein gutes Haar an den Wiener Bläsern lässt, sie klängen fade, farblos, fahl, was mich doch als keine Expertin in Sachen Orchstermusik ziemlich verunsichert. Ich finde unsere Bläser nämlich auch ausgezeichnet, aber der Mann scheint ein Profi zu sein..... :(
lg Severina


Die Geschmäcker sind halt verschieden aber vielleicht scheiterte dieser Mann mal bei einem Probespiel bei den WP und ist deshalb sauer...who knows. :wink
Jeremias (21.02.2010, 09:19):
Es freut mich, dass Du die Wiener endlich einmal live erleben konntest! Ich hatte das Vergnügen vor einigen Jahren und auch da habe ich erlebt, dass die Wiener neben Walzern auch was anderes spielen können. Im ersten Teil gab es seinerzeit in der Tat Walzer, im zweiten dann die 6. von Tschaikowsky, es dirigierte seinerzeit Gergiev... grandios!!!
Heike (28.02.2010, 10:15):
Freitag: Philharmonie
DSO/ Metzmacher/ Rundfunkchor mit Schumanns Faust-Szenen,

Ich habe dieses Werk noch nie gehört, daher mangelt es mir an jeglichen Vergleichen. Aber rein intuitiv würde ich (mal wieder) sagen: Die sind so blöd, dass sie Metzmacher gehen lassen! Der dirigiert mit Stil!!! Mir hat es jedenfalls gut gefallen, was nicht zuletzt auch am großartigen Chor und den beeindruckenden Solisten lag, allen voran Ch. Gerhaher und Georg Zeppenfeld (Bass).

Nicht so rundum begeistert hat mich Camilla Nylund (Sopran) als Gretchen, das klang mir ein wenig zu opernhaft. Wahnsinnig interessant hingegen war Gerhaher, den ich zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe. Ich war sehr erstaunt, was er für ein Volumen in der Stimme hat. Er sang er den Faust mit einer sehr großen Ernsthaftigkeit, aber gegen Ende wirkte er wie weggetreten, was ja auch zur Verklärung am Abschluss gut passt. Und er sieht wirklich so aus wie auf dem Schumann-Lieder-Cover, mit kaum zu bändigen Haaren :-)

Ich habe gesehen, dass Gerhaher im April den Christus in einer Matthäus-Passion in der Philharmonie singen wird (mit auch sonstiger Starbesetzung: Padmore,Tilling, Kozena, Quasthoff) - ich denke (hoffe), das wird ein Wiedersehen :-)


Samstag: Konzerthaus
Konzerthausorchester, Peter Feranec, N. Angelich

Leos Janácek - Suite aus der Oper "Das schlaue Füchslein", eingerichtet von Václav Talich
Sergej Rachmaninow - Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-Moll op. 30
Antonín Dvorák - Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70

Mmh. Zwar mag ich diese Musik recht gern und es war auch ein schöner Abend, aber v.a. am Orchester hab ich doch einiges auszusetzen: soooo dick und dramatisch auftragen muss man dabei ja nicht. Also ich bin kein großer Freund von breiten und ausladenen Orchesterklängen. Ich hatte auch das Gefühl, dass beim Rach3 der Solist und der Dirigent nicht so ganz dasselbe Konzept verfolgten. Während Angelich (der wie ein Teddybär auf die Bühne kam, drollig verpennt schauend, mit einer Frack-Hose bis in die Knie hängend und einem Hemd, was am knuddligen Bauch herumknitterte) dann doch vielversprechend ernsthaft und feinsinnig begann, war das Orchester stellenweise nur laut und Brei. Ich habe es immer besonders genossen, wenn alle fürs Klavier Ruhe gaben, dann gefiel mir das am besten (auch die Chopin -Zugabe war schön). Beeindruckend ist das, dieses Rach3 Konzert, ich lausche da ganz ehrfürchtig, wie jemand solche Unmengen von Noten durch die Finger wandern lassen kann!

Was ich mich so frage: Angelich war ja als Solist kurzfristig für Matsuev eingesprungen. Wie läuft sowas eigentlich?? Haben die Häuser so einen Pool an Solisten bzw. Agenturen, die man dann eben abtelefoniert? Ich finde das schon klasse, dass sich da so schnell gleichwertiger Ersatz finden ließ!
Heike
Fairy Queen (28.02.2010, 10:37):
Liebe Heike, ich freue mich gleich über zwei Dinge: das Dir Gerhaher live genausogut gefällt wie mir mir und dass angelich ein gleuichweritger Ersatz war udn Deine Enttäuschung über die Absage dadurch gemildert wurde. Opernhäuser haben oft Zweitbesetzungen in petto. Und wenn nicht, dann Telefon-Adressenlisten zum kurzfristigen Anrufen. Sänger die einspringen haben gute Karten- meidt werden sie vom Publikum dankbar angenommen udn dürfen sich auch kleine Fehler leisten. Und als Einspringer kann man manchmal den Anstoss zu einer Reisenkarriere legen.
Bei Konzertagenturen wird dax ähnlich sein.
F.Q.
Severina (28.02.2010, 10:50):
Original von Heike
Freitag: Philharmonie
DSO/ Metzmacher/ Rundfunkchor mit Schumanns Faust-Szenen,

Ich habe dieses Werk noch nie gehört, daher mangelt es mir an jeglichen Vergleichen. Aber rein intuitiv würde ich (mal wieder) sagen: Die sind so blöd, dass sie Metzmacher gehen lassen! Der dirigiert mit Stil!!! Mir hat es jedenfalls gut gefallen, was nicht zuletzt auch am großartigen Chor und den beeindruckenden Solisten lag, allen voran Ch. Gerhaher und Georg Zeppenfeld (Bass).

Nicht so rundum begeistert hat mich Camilla Nylund (Sopran) als Gretchen, das klang mir ein wenig zu opernhaft. Wahnsinnig interessant hingegen war Gerhaher, den ich zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe. Ich war sehr erstaunt, was er für ein Volumen in der Stimme hat. Er sang er den Faust mit einer sehr großen Ernsthaftigkeit, aber gegen Ende wirkte er wie weggetreten, was ja auch zur Verklärung am Abschluss gut passt. Und er sieht wirklich so aus wie auf dem Schumann-Lieder-Cover, mit kaum zu bändigen Haaren :-)


Heike

Liebe Heike,
da wäre ich gerne dabei gewesen! Ich habe die Faust-Szenen in Zürich kennen gelernt, mt dem ebenfalls großartigen Simon Keenlyside als Faust, aber Christian Gerhaher stelle ich mir ganz toll vor. Ich liebe diesen Sänger sehr und war ebenso wie Du erstaunt über die Power, die er in einer Oper - in meinem Fall Henzes "Prinz von Homburg" entwickeln kann, wenn man ihn bis dahin nur als subtilen Liedsänger kennt.
Auch Georg Zeppenfeld schätze ich sehr, der hat eine große Zukunft vor sich, wenn er seine kostbare Stimme nicht vorzeitig verschleißt.
lg Severina :hello
Gamaheh (05.03.2010, 23:29):
Ein Glück, daß ich noch eine Karte bekommen habe ! Jetzt komme ich gerade von einem großartigen Chopin-Recital von Krystian Zimerman. Er spielte folgendes Programm:

Nocturne Fis-Dur op. 15/2
Sonate b-moll op. 35
Scherzo Nr. 2 b-moll op. 31
Sonate h-moll op. 58
Barcarolle Fis-Dur op. 60

Zimerman hatte ich noch nie im Konzert gehört, und ich muß zugeben, daß ich keine einzige Platte von ihm besitze, obwohl ich ihn immer großartig gefunden habe, wenn ich ihn im Radio gehört habe, ohne offenbar jemals den Wunsch gehabt zu haben, etwas öfter zu hören. Kurios: Ich glaube, das wird auch so bleiben.

Dennoch ließ er eigentlich keine Wünsche offen: Ich bin überzeugt, daß er alles an Klanglichkeit aus dem Flügel herausgeholt hat, was rauszuholen ist, ohne dabei die Schminke zu dick aufzutragen. Ich habe – glaube ich – nie ein so perfekt klingendes Instrument gehört. Er spielt kraftvoll, aber ohne jede Härte, dann wiederum zart und poetisch. Das Programm war perfekt gestaltet und ließ Bezüge erkennen. (Wobei ich nach der h-moll Sonate fast gehofft hätte, er würde die Fantaisie op.49 spielen (ich hatte kein Programmheft abbekommen und mich vorher auch nicht informiert).)

Das Nocturne, welches das Programm eröffnete, kam mir ein wenig selbstverliebt vor, aber es war natürlich sehr schön. Der wahre Höhepunkt war der Trauermarsch der b-moll Sonate. Diesen habe ich noch nie so eindringlich und intensiv gehört, es war wirklich genial: Ich (die ich ein begrenztes bildliches Vorstellungsvermögen habe) sah direkt einen Film vor mir, in dem die Sargträger feierlichen Schrittes den Katafalk zum Totenacker hinauftragen (ich hatte die Vorstellung von einem Anstieg) an einem nebligen, windigen und trostlosen Morgen: verzweifelte, anschwellende Trauer; dann ein friedliches Absenken des Sarges in die Gruft, entsagungsvoll, melancholisch und trostlos, gefolgt vom Abstieg mit wieder anschwellendem Sturm der Verzweiflung. Der letzte Satz ein Gefühlsausbruch ohnegleichen. Allein das hätte den Abend gemacht. Leider fingen die Leute wieder an zu applaudieren, bevor der letzte Ton verklungen war – mir völlig unverständlich und – ich kann es nicht anders sagen – genant. Ob Zimerman das gestisch herausforderte, kann ich nicht sagen, da ich in der ersten Hälfte einen Platz hatte, der zu hundert Prozent sichtbehindert war.

In der Pause mußte ich schnell mal nach Hause, weil ich etwas vergessen hatte, und fand mich mit meinen Pumps im Schneegestöber durch bereits zentimeterhohen Schnee stapfen ! Dann kam die andere Sonate, von gleichem Kaliber. Wobei ich wieder einmal fand, daß Schumanns Urteil, das seien eigentlich keine Sonaten, sondern Ansammlungen von sehr schönen Stücken (oder so ähnlich), nicht von der Hand zu weisen ist. Am Schluß die Barcarolle, die er mir zu dramatisch und zu schnell nahm (kaum mehr als acht Minuten). Aber als Fazit kann ich nur sagen, daß er Chopin verteidigt hat wie seine Seele vor dem Teufel.

Zimerman hat eine nette Gebärdensprache, durch die er mit dem Publikum kommuniziert. Am Ende der ersten Hälfte bedeutete er der applaudierenden Menge, das sei genug Geklatsche, er müsse was essen. Am Ende teilte er mit, er sei müde und wolle schlafen gehen, setzte sich aber im selben Atemzug wieder an den Flügel, um noch einen Walzer zu spielen.

Am Ende stand ich mit einer größeren Gruppe von Autogrammjägern vor der Tür, auf der „Eingang verboten“ steht, durch die man normalerweise völlig ungehindert eintritt. Diesmal stand ein Boxer davor, und nach ca. einer halben Stunde hieß es, Herr Zimerman lasse sich sehr entschuldigen, er sei erschöpft (kein Wunder!) und außerdem müsse er seinen Flügel noch abbauen, was zwei Stunden dauern würde, und morgen müsse er wieder ein Konzert spielen. Es blieben nur drei ganz Hartnäckige mit Sondermissionen, die dann schließlich doch noch reingelassen wurden. Ein erstaunlich freundlicher Mann, der jedem die Hand gab und nicht versuchte, irgend jemanden auf die Schnelle abzuwimmeln. Ein Glück, daß ich noch eine Karte bekommen habe ! Auf dem kurzen Weg nach Hause lagen dann schon wieder zehn Zentimeter Schnee !

Nocturne Grüße,
Gamaheh
Jeremias (06.03.2010, 08:15):
Vielen Dank für Deine Ausführungen! Ich werde ihn am Mittwoch in Köln sehen und dann berichten. Die Karten habe ich mir schon vor längerer Zeit gesichert, ist - glaube ich - mein neuntes Live-Erlebnis mit ihm. Unter anderem hat er mir auch das "Konzert meines Lebens" ermöglicht, die beiden Konzerte Chopins mit dem Polish Festival Orchestra vor 11 Jahren...
Heike (06.03.2010, 08:16):
Oh da wäre ich gern dabei gewesen, ich warte immer noch auf die Gelegenheit, Zimerman einmal im Konzert zu hören! Leider mag er wohl Berlin nicht so :-( Danke für den anschaulichen Bericht!

Der liebe Zufall will es, auch ich werde morgen ein Chopin Recital anhören, mit Barenboim.
Heike
Jeremias (06.03.2010, 17:37):
Ich bitte um einen detailierten Bericht! Denn im Sommer spielt er in Essen die beiden Konzerte... darauf bin ich sehr gespannt!!!
Cetay (inaktiv) (07.03.2010, 16:55):
Original von Cetay
Heureka, Sibelius!!

JOHN ADAMS; Short Ride in a Fast Machine - Fanfare for orchestra
JEAN SIBELIUS; Violinkonzert d-Moll op. 47
IGOR STRAWINSKY; Le Sacre du Printemps

Henning Kraggerud; Staatsorchester Stuttgart; Manfred Honeck

Liederhalle, Beethovensaal; So 07.03. 11.00


Meinen heutigen Bericht kann ich mit einem Zitat des Anfangs meines letzten beginnen: Nachdem ich 10 Minuten lang den beiden Damen hinter mir bei ihren Berichten über alle möglichen Krankheiten und Gebrechen lauschen durfte (...). Das ruft den Berufstatistiker natürlich auf den Plan. Wenn das ein reiner Zufall sein sollte, sprich immer nur ein Pärchen Damen mit diesem Thema anwesend wäre, dann ist bei 2000 Plätzen die Wahrscheinlichkeit dafür 1:1000 (weil zu jedem betroffenen Platz auch der benachbarte dazugehört). Und dafür, dass es zweimal hintereinander passiert, wäre die Wahrscheinlichkeit 1:1.000.000. Weil ich nicht glauben will, dass ich so ein Glückspilz bin, folgere ich eher, dass es eine große Menge an besagten Damen im Konzertsaal geben muss. Eine 2er Stichprobe, d.h. die letzten beiden Konzertbesuche, erlaubt natürlich nur sehr ungenaue Rückschlüsse auf die Population im Saal, aber man kann da durchaus ein bisschen rechnen - zumindest was die Untergrenze angeht. Nehmen wir an, dass die nächsten 8 Besuche ohne dieses Phänomen von statten gingen, dann hätten wir immer noch einen Erwartungswert von 20% (2 von 10 mal) und würden als erste Näherung schließen, dass 400 Plätze infiziert sind. Weil aber nur 10 von 2000 Plätzen untersucht wurden, bleibt da noch eine ordentliche Unsicherheit übrig. Aber jetzt kommt das faszinierende an der mathematischen Statistik: Man kann berechnen, innerhalb von welchem Steubereich sich dieser Wert mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit befindet. Je höher diese Wahrscheinlichkeit sein soll (d.h. je genauer man es wissen will oder muss, desto größer wird diese Schwankungsbreite). Im Normalfall wählt man 95%; das heißt die Irrtumswahrscheinlichkeit, dass der wahre Wert dann doch nicht in dem bestimmten Bereich liegt, ist 5%. Und das Ergebnis ist erstaunlich: Nach 2 Konzertbesuchen kann ich mit einer Irrtumwahrscheinlichkeit von 5% sagen, dass auf mindestens 75 Plätzen im Beethovensaal der Liederhalle damit zu rechnen ist, dass sich vor dem Konzert auf den Platz direkt hinter einem zwei Damen über ihre Krankheiten unterhalten.

Jetzt bin ich abgeschweift. Das herausragende Merkmal von Adams' Short Ride in a Fast Machine steht schon im Titel. Es ist kurz. Und es klingt zum verwechseln nach den ersten Minuten von Fearful Symmetries. Aber das reichte aus, um zu zeigen, dass sich Dirigent und Orchester in blendender Verfassung befinden und weckte für das Folgende immense Hoffnungen - die dann nicht enttäuscht werden sollten.

Der Geiger, ein fast schon unverschämt gut aussehender Mitt- bis Endzwanziger (späteres Googeln ergab, dass ich 10 Jahre daneben gelegen bin) betrat die Bühne. Ich war unglaublich angespannt. Das Violinkonzert von Sibelius bedeutet mir sehr viel und ist auch mit außermusikalischen Einprägungen verbunden. Kaum ein klassisches Werk kenne ich so gut. Schon der Anfang, das geheimnisvolle gläserne Wispern der Streicher, das so oft mit Bildern von nordischen Zauberwelten in Verbindung gebracht wird, lässt mich den Atem anhalten; langsam erhebt sich die Violine - was für ein Ton! Du liebe Güte, wo war dieser Mann so lange versteckt? Und wo mache ich weiter? Bei dem satten, dunklen, hochdifferenzierten Orchesterpart, in dem jedes kleinste Detail atmosphärisch haarscharf passend ausgestaltet wurde und vor allem hörbar blieb ohne dabei aus dem großen Ganzen herauszufallen. Der dabei immer rund und geschmeidig blieb ohne deswegen die Schroffheiten abzufeilen. Der Geiger, der in seinen Pausen meist mit geschlossenen Augen und überaus arrogant wirkendem Gesichtsausdruck dastand, drehte sich ab und an in Richtung Dirigent und Orchester und veränderte seine Mimik auf Wohlgefallen und Hochachtung. Der Geiger: Was für eine Balance aus Kontrolle und Temperament, aus Geschmeidigkeit und Schroffheit, aus "Romantik" und Sachlichkeit. Kraggerud traf mitten ins Mark, mit seinem hochdifferenzierten Solopart, in dem jedes kleinste Detail atmosphärisch haarscharf passend ausgestaltet wurde ohne dabei aus dem großen Ganzen herauszufallen. Das habt ihr gerade schon gelesen? Genau! Wie sehr Solist und Orchester klanglich und gestalterisch zusammen harmonierten, ergab noch einen Extrapack Faszination.
Die Spannung ließ über den gesamten ersten Satz keine Millisekunde lang nach. Das merkte auch das Publikum: Nachdem ich mich bei der Soloexposition noch kurz ducken musste, weil ich glaubte von der Loge komme gleich eine ausgeröchelte Lunge in mein Genick geflogen, herrschte bei Solodurchführung Totenstille. Ich glaube, in der ewig erscheinenden Generalpause hat im Saal nicht mal jemand geatmet. Als die Spannung nach dem ersten Satz abfiel, wäre ich am liebsten aufgesprungen und hätte losbrüllen und klatschen können. Aber nein, ich hielt mich natürlich an die Konvention und überlies dafür den Hustern und Räusperern das Feld, die nun alles, was sie sich während des 1. Satzes verkniffen hatten, doppelt und dreifach loswerden mussten.
Unsagbar schön und spannend der langsame Satz. Wie hier auch auf feinstdynamischer Ebene gearbeitet wurde, um den Spannungsbogen zu halten, hat schon das Prädikat Sonderklasse verdient. Kurios das Ende, nachdem der letzte Ton -habe ich schon erwähnt, dass ich Kraggeruds Ton für den absoluten Wahnsinn halte?- ins nichts versunken war, verharrten Dirigent und Solist noch für einige Sekunden in Hab8-Stellung, so als wollten sie sagen: Haltet bloß noch kurz die Schnauze damit das nachwirken kann. Ich hoffte sogar, dass sie gleich aus dieser Stellung in das Finale übergehen würden. Aber nein, die Hand fiel herunter und das Kommando für die nächste Röchelrunde war gefallen; und man lies sich nicht lange bitten. Mein Kopfschütteln samt der leicht an die Stirn schlagende Handfläche wurde vom Nachbarn mit einem mühsam unterdrückten Lachen quittiert.
Das Finale nahm die Spannung ohne nachlassen wieder auf; beim ersten Orchestercrescendo das unmittelbar abbricht, fiel die Präzision auf, mit der das Orchester agierte: Da herrschte Stille von einer Planck-Zeit zur nächsten. Sagenhaft!
Schließlich durfte -endlich- applaudiert und gejohlt werden und das war in der Tat nicht zu knapp. Meine Beifall galt Solist, Orchester und Dirigent gleichermaßen. Das war ganz große lebendige Knust jenseits der "Aufführung".

Ich war regelrecht geflasht und musste erst mal eine rauchen; was ich sonst um diese frühe Tageszeit nie tue. Dabei ist mir aufgefallen, dass sehr viel junges Publikum anwesend war: "Mann ey, Adams ist einfach nur geil." - "Stimmt, das hat echt reingeknallt." Das Programm machts!

Wegen der Befürchtung, dass der Sacre das würde kaum toppen können habe ich mich mit einer ähnlichen Attitüde wie die Protagonisten des Pausendialogs ans Hören gemacht. Das wurde aber durch das extrem langsame Anfangstempo vereitelt, statt dessen musste ich noch mal so einen unwiderstehlichen Spannungssog aushalten, mich über die kaum mehr beschreibbare Höchstpräzision des Orchesters wundern; und die spielerischen Leistungen. Da sollen sich die Hauptstädter von D und A ruhig weiter streiten, wer das beste Orchester hat; lachhaft!
Sehr lang anhaltender Applaus, bei dem das Publikum ein gutes Gespür dafür zeigte, wann es beim Abfeiern der einzelnen Instrumentalisten und Instrumentengruppen noch ein wenig lauter werden durfte. Aber Gewinner waren an diesem Tag weder Fagott noch Pauke, weder Orchester noch Dirigent sondern das Publikum, das mit einem überirdischen Konzerterlebnis bedacht wurde, wie man es wohl nicht allzu oft erleben darf.
cellodil (07.03.2010, 17:08):
Lieber Cetay,

das klingt nach einem wunderschönen Konzert. Da kann man auch die Zipperleingespräche der alten Damen verschmerzen, oder (zumindest, wenn sie dann, was aber der Fall gewesen zu sein scheint, während des Konzerts selbst dann den Mund halten)?

Mit dem Staatsorchester habe ich übrigens auch in letzter Zeit (auf jeden Fall seit Honeck) eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht. Schade, dass Honeck geht. Aber dafür geht ja wenigstens demnächst dann auch Sir Roger beim RSO (und da kann's eigentlich nur besser werden).

Hast Du heute nicht Deinen Zwei-Konzerte-Tag? Falls ja, dann halte ich Dir die Daumen, dass das zweite Konzert auch so erfreulich ausfallen wird.

Liebe Grüße

Sabine
Heike (07.03.2010, 23:45):
2x Barenboim: Gestern im Konzerthaus mit der Staatskapelle und Mahlers 3. Sinfonie (Waltraud Meier: Alt) - heute in der Philharmonie mit einem Chopin Recital.

Zuerst mal Mahler.
Das ist schon ein merkwürdiges Werk, irgendwie kann ich damit auf Konserve rein gar nichts anfangen - aber live macht das dann doch Spaß, so ein bunt gemixter Strauß von Episoden, die an einem 1,5 Stunden lang vorbeiziehen. Die Staatskapelle gewohnt klasse und natürlich mit riesigem Aufgebot, ich glaube, die mussten fast vollständig antreten.
Mir hat das gut gefallen, schon der Beginn, wo -zig Hörner unisono zu hören sind machte klar, dass die das präzise draufhaben. Da hörte man im weiteren Verlauf jede Stimme, da passten die Einsätze, da glänzten die Bläser als Solisten und brillierten die Streicher als Gruppen. Im ersten Satz (dessen Struktur mir wohl immer ein Rätsel bleiben wird) fand ich besonders beeindruckend, wie Barenboim in den Militärmarsch-Passagen großartig Stimmung erzeugte. Auch das tänzerische im zweiten Satz machte richtig Spaß. Im dritten Satz das Posthorn blies dann grandios aus den off (also von hinter der offenen Bühnentür) - ist das eigentlich so vorgesehen? Waltraud Meier hat mich im vierten Satz sehr beeindruckt, die Chöre im 5. Satz hingegen erschließen sich mir ganz und gar nicht mit dem Bim-Bam etc. . Im Finale dann große Fülle, ein ewiges Adagio .....

Dann Chopin.
Und diesmal Barenboim ganz allein am Flügel in der großen rappelvollen Philharmonie, nachdem er gestern noch dieses riesige Orchester dirigiert hat. Nun kann man ja auf hohem Niveau kritisieren; aber ich will das gar nicht tun, das wissen wir ja schon, dass er kein supersicherer Virtuose ist. Trotzdem war ich fasziniert, auf welch hohem Niveau jemand spielen kann, der Tag für Tag einen anspruchsvollen Fulltime-Job hat. Wann übt der? Und er strafte die Leute Lügen, die meinen, er solle das Klavierspielen lassen. Warum sollte er? Das war allemal besser als ich es von so manchem jungen Meisterschüler gehört habe. Und es war bei weitem kein einfaches Programm:
Variations brillantes über ein Themas aus „Ludovic“ von Herold und Halevy B-Dur op. 12
Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58
1 Nocturne
Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23
3 Etüden
3 Mazurken
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39

Sehr schöner, weicher Anschlag und sehr gekonnt gespannte Melodiebögen, vor allem im piano lyrisch und berührend; relativ viel Rubato und auch viel Abwechslung im Pedaleinsatz, was dem insgesamt eher schnörkellosen Spiel eine spannende Note gab. Es gab 4 Zugaben und die waren nochmal richtig gut, so als ob jetzt der Druck, alles richtig zu machen, weg war und er nochmal einfach mit Lust und Laune aufspielte.
Heike
Heike (07.03.2010, 23:55):
@Cetay
sobald wir einen Stammtisch haben, mache ich da einen Thread namens "Sitznachbarn" auf!
Heike
Cetay (inaktiv) (08.03.2010, 10:03):
Original von cellodil
Lieber Cetay,

das klingt nach einem wunderschönen Konzert. Da kann man auch die Zipperleingespräche der alten Damen verschmerzen, oder (zumindest, wenn sie dann, was aber der Fall gewesen zu sein scheint, während des Konzerts selbst dann den Mund halten)?

Mit dem Staatsorchester habe ich übrigens auch in letzter Zeit (auf jeden Fall seit Honeck) eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht. Schade, dass Honeck geht. Aber dafür geht ja wenigstens demnächst dann auch Sir Roger beim RSO (und da kann's eigentlich nur besser werden).

Hast Du heute nicht Deinen Zwei-Konzerte-Tag? Falls ja, dann halte ich Dir die Daumen, dass das zweite Konzert auch so erfreulich ausfallen wird.

Liebe Grüße

Sabine

Liebe Sabine,
das mit dem 2-Konzerte-Tag habe ich mir schon in der Mitte der Woche abgeschminkt, nachdem ich wegen einer Ausnahmesituation auf Arbeit kaum noch Schlaf bekommen habe. Ich habe die Karte für den Liederabend der Frau eines Freundes geschenkt. Sie ist studierte Sängerin und die beiden haben eine private Musikschule. Wegen der sogenannten "Krise" haben sie fast alle Schüler verloren; da ist eine Konzertkarte kaum noch mit dem Budget verträglich. Ich fands ja schon schade, weil ich auf Juliane Banse abfahre wie mein Teeniesohn auf Kesha; aber in diesem Falle hat die Vernunft in Form von nachgeholtem Schlaf siegen müssen.

P.S. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass deine Liebe zu Sir Roger nicht uneingeschränkt innig ist, um es mal euphemistisch auszudrücken. :J
Ich bin auch kein unbedingter Fan von seiner Geichmacherei, aber seine Stuttgarter Pastorale oder seine Londoner Unvollendete haben schon was?! Aber das ist wahrscheinlich so, wie wenn man mir erklären wollte, dass die Violinkonzerte von Mendelssohn und Tschaikovsky durchaus ihre Qualitäten haben... :D
cellodil (08.03.2010, 14:22):
Lieber Cetay,

ich hoffe, dass sich Dein Schlafdefizit inzwischen schon verringert hat (oder konntest Du dann aus Gram über den versäumten Liederabend nicht schlafen?) und die Ausnahmesituation im Job einigermaßen bewältigt ist. Und ich halte Dir die Daumen, dass Du bald Gelegenheit haben wirst, Julia Banse doch noch live zu hören.

Original von Cetay
P.S. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass deine Liebe zu Sir Roger nicht uneingeschränkt innig ist, um es mal euphemistisch auszudrücken. :J
Ich bin auch kein unbedingter Fan von seiner Geichmacherei, aber seine Stuttgarter Pastorale oder seine Londoner Unvollendete haben schon was?! Aber das ist wahrscheinlich so, wie wenn man mir erklären wollte, dass die Violinkonzerte von Mendelssohn und Tschaikovsky durchaus ihre Qualitäten haben... :D

:rofl

Könnte durchaus sein, dass Dich Dein Eindruck da nicht trügt.

Ich habe Sir Roger übrigens auch einmal wirklich gut gehört mit einer sehr, sehr frühen Mozart-Sinfonie und historischen Instrumenten, was aber meinen Gesamteindruck nicht wirklich zu relativieren vermag (da wären wir jetzt fast wieder bei der Statistik)

Liebe Grüße

Sabine
Heike (09.03.2010, 18:46):
Gestern im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie:
Emerson String Quartet:

Antonín Dvorak - Zypressen, Teil 1 (1 - 6)
Leoš Janacek - Streichquartett Nr. 1 »Kreutzersonate«
Antonín Dvorak - Zypressen, Teil 2 (7 - 12)
Leoš Janacek - Streichquartett Nr. 2 »Intime Briefe«

Was für ein grandioses Programm!: Die ganze geballte Kraft der zerrissenen Gefühle, moderne Ausdrucksmittel und schier wahnsinnige Ideenfülle, einen ganzen Abend lang. Ich liebe beide Streichquartette von Janacek, habe sie schon mehrmals live gehört und bin immer wieder richtiggehend geflashed - schon nach einem Quartett - und gestern gabs auch noch beide.

Wiegesagt, ein Traumprogramm.
So ganz überzeugt haben mich die Musiker nicht mit ihrer Interpretation. Es war virtuos gespielt, sehr klangschön und wunderbar im Zusammenspiel. Mir war es aber zu gefühlg, zu romantisch, letztlich auch zu brav. Etwas zu viel Vibrato, zuviel Sehnsucht, zuviel Schmerz. Ich mag es expressiver, geradliniger, schroffer, schräger.

Trotzdem natürlich ein Genuss, dieses Programm - auch die kleinen Dvorak-Miniaturen sind ganz zauberhafte Musik!
Ach ja, als Zugabe gab es noch das Adagio aus Barbers opus 11 - schön, aber fast unpassend an dieser Stelle, denn eigentlich sollte man nach den "intimen Briefen" nach Hause gehen und sich abreagieren, das fiel schon schwer, sich da wieder so schnell auf anderes einzulassen.

Vielleicht mache ich mal einen Thread zu Janáceks Streichquartetten auf, das wäre wirklich an der Zeit.
Heike
Armin70 (09.03.2010, 19:27):
Original von Heike
Vielleicht mache ich mal einen Thread zu Janáceks Streichquartetten auf, das wäre wirklich an der Zeit.
Heike

Hallo,

das ist eine gute Idee, zumal ich Janaceks Streichquartette auch sehr mag, obwohl ich nur eine Aufnahme dieser Werke besitze, übrigens mit fast dem gleichen Programm wie in dem gestrigen Konzert:



Aus Dvoraks "Zypressen" wurden die Nummern 2, 3, 7, 11 und 12 eingespielt.

Nichts gegen Barbers Adagio aber bei diesem Programm finde ich es auch etwas unpassend als Zugabe. Da wäre wohl ein Satz aus einem der Streichquartette z. B. von Dvorak oder von Krasa oder Ullmann besser geeignet gewesen.

Gruß
Armin
Heike (09.03.2010, 20:35):
Für mich wäre eigentlich jede Zugabe irgendwie unpassend gewesen, fürchte ich.
Heike
ab (09.03.2010, 20:41):
By the way: hat irgend jemand von euch einmal das Emerson Quartett im Konzert erlebt, wo sie exzellent waren? Aus allem, was mir bislang zugetragen wurde und meinen eigenen Erfahrungen scheint mir, dass es sich mehr um ein Studioquartett handelt, dass sie ihre guten Ergebnisse also bloß abseits des Konzertsaals abliefern.
:hello
Heike (09.03.2010, 20:45):
Das ist sicher auch eine Geschmacksfrage, vielleicht fanden es andere ja ganz super; an Technik, Zusammenspiel und Klang war eigentlich nichts zu mäkeln, nur mir sagte die Art der Interpretation eben nicht so völlig zu.
Heike

P.s. Frank sieht sie ja heute in Köln mit einem anderen Programm, mal sehen, was er berichtet.
kreisler (10.03.2010, 02:41):
Original von ab
Original von kreisler
Ich glaube auch wenn das Konzert schon eine Weile vergangen ist muss ich doch umbedingt noch einen ganz wunderbaren Abend mit dem ja allseits bekannten Julliard Quartett im Münchner Prinzregenten-Theater erwähnen...


In welcher Besetzung spiele sie denn derzeit?
Immer noch mit Smirnoff/Copes/Rhodes/Krosnick?

Wer war denn zweiter Cellist?
Was stand denn noch auf dem Programm?

:hello


Oh je das ist zwar schon wieder über einen Monat her aber ich habs nicht gelesen und also auch nicht geantwortet...und das kann ja gar nicht so stehen bleiben *schäm* :ignore

Ja deine Besetzung stimmt und der 2. Cellist war Mark Kosover, dessen Name mir allerdings nichts sagte...
Ich finde es ja übrigens sehr erstaunlich, dass ein Quartett das früher so berühmt war immer noch mit anderer Besetzung genauso zu beeindrucken weis!

Neben dem Schubert standen noch...

Joseph Haydn: Streichquartett Nr. 6 A-Dur op. 20/6 (aus den Sonnenquartetten)
und Wolfgang Amadeus Mozart: Quintett A-Dur für Klarinette und Streichquartett KV 581 „Stadler-Quintett“
...auf dem Programm.
Beides hat mir gut gefallen, besonders der Mozart mit Jörg Widmann als Klarinettist. Da haben sie sich zwar immer auf der Gratwanderung zwischen empfindsamsten Mozart und eben schon ZU viel schönem Mozartl bewegt, wobei ich das Gefühl hatte diese leichte "versüßlichung" :D muss man besonders dem Widmann zuschreiben :J
Trotzdem auch der Mozart äußerst gelungen und einfach ein geniales Werk. Mit dem Haydn hab ich mir ehrlich gesagt etwas schwer getan...so zum reinkommen eigentlich doch gar nicht so geeignet
...

Liebe Grüße
Kreisler
cellodil (10.03.2010, 07:22):
Original von ab
By the way: hat irgend jemand von euch einmal das Emerson Quartett im Konzert erlebt, wo sie exzellent waren? Aus allem, was mir bislang zugetragen wurde und meinen eigenen Erfahrungen scheint mir, dass es sich mehr um ein Studioquartett handelt, dass sie ihre guten Ergebnisse also bloß abseits des Konzertsaals abliefern.
:hello

Lieber ab,

ich habe das Emerson Quartet nur ein einziges Mal vor zwei oder drei Jahren im Konzert gehört.

Ich hatte mich sehr auf den Abend gefreut, weil mir ihre Einspielungen ganz gut gefallen. Und war danach ziemlich enttäuscht. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass ich vielleicht einfach bei dem Konzert Pech gehabt hatte.

Das Ganze machte den Eindruck, als wenn die Herren zu spät oder zumindest zu knapp vor dem Konzert angekommen wären, um sich einzuspielen, sich auf die Akustik des Saals und aufeinander einzustellen (der war etwas speziell). Klang ziemlich gruselig bis komplett entstellend. Bisweilen waren sie noch nicht einmal zusammen. Zum Teil ein einziges Gehacke. Nichts von dem Ton, den sie auf ihren Aufnahmen haben. Die recht bestürzte Miene des Cellisten an manchen Stellen schien mir jedoch ein Indiz dafür, dass das wohl nicht immer so ist in ihren Konzerten, dass an diesem Tag wohl einiges schief gelaufen sein musste. Außerdem fiel in der zweiten Hälfte des Konzerts dann noch ein Zuhörer in Ohnmacht, so dass unterbrochen werden musste, was sicherlich der Konzentration der Musiker auch nicht förderlich war.

Auf die Idee, dass das immer so sein könnte, dass sie tatsächlich eher ein "Studioquartett" sein könnten, bin ich nicht gekommen. Allerdings habe ich auch nicht das Bedürfnis, die vier Herren noch einmal im Konzert zu hören.

Und das Zuspätdransein muss wohl auch nicht zwingend zu einem miesen Konzert führen. Ich habe letztes Jahr die Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker gehört, deren Anreise wegen einer Sperrung des hiesigen Flughafens recht abenteuerlich war (die brauchen ja 24 Plätze und können nicht eben mal kurz umbuchen). Die kamen eine knappe Stunde nach dem ursprünglichen Konzertbeginn im Haus an. Zehn Minuten später waren sie auf der Bühne und es war trotz einer kleinen Programmkürzung dann ein mehr als gelungenes Konzert.

Liebe Grüße

Sabine
Gerion (10.03.2010, 16:23):
Lieber ab,

ich erlebte die Emersons gestern in Köln, wo u.a. das fünfte Streichquartett von Lawrence Dillon in Anwesenheit des Komponisten uraufgeführt wurde. Sein Werk hat mir sehr gefallen. Die Emersons spielten noch das erste Quartett von Ives und das "amerikanische" Quartett von Dvorak, dazu noch die Quartett- (also: Original-)Fassung des Streicheradagios von Barber. Ein amerikanisches Programm also.

Der Dvorak gefiel mir gestern hervorragend, rund artikuliert, schön phrasiert, mit viel Spielfreude vorgetragen. Auf CD ziehe ich die Hagen-Einspielung derjenigen der Emersons vor. Hier geht es mir also genau andersherum: Das Live-Erlebnis war besser als das "Studioerlebnis".

Das Ives-Quartett - es war das erste - hinterließ bei mir einen zwiespältigen Eindruck. An einigen Stellen kam mir das nicht ganz abgestimmt, nicht ganz rund vor, so als ob sie das Stück aus dem Keller hervorgeholt hätten. Ich muss dazu aber sagen, dass ich trotz mehrmaligem Hören im Vorfeld (ich habe die Emerson-Einspielung auf DGG) das Werk nicht ganz durchdrungen habe. Ich denke, dass die Emersons auch sehr angespannt waren - als nächstes Stück folgte die Uraufführung.

Tja, eine wirkliche faktenbasierte Aussage kann ich hier also auch nicht machen. Ich mag dieses Quartett sehr und bin auch schon zu einem Konzert nach Essen gereist - leider war der Cellist krank. Ich persönlich würde zu jedem Konzert von ihnen gehen.

Wenn Du sie mit dem neuen Werk von L. Dillon hören kannst: Geh auf jeden Fall hin, es ist ein sehr interessantes Werk. Ich sprach den Komponisten nach dem Konzert an und habe ihm auch gemailt. Ein wunderbares Quartett.

Entschuldigt, jetzt muss ich wieder abtauchen. Ich komme mit dem Lesen der Forenbeiträge nicht mehr nach, zum Posten fehlt gerade auch die Zeit. Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.

Viele Grüße
Gerion

PS: Lieber Frank, wie hat Dir der Abend gefallen?
nikolaus (10.03.2010, 23:57):
Ganz kurz: gerade zurück von Krystian Zimerman mit Chopin (s. Gamahehs Bericht):GROSSARTIG!

Nikolaus. :down :engel
cellodil (11.03.2010, 01:16):
Lieber Nikolaus,

das freut mich für Dich!

Herzliche Grüße

Sabine
Jeremias (11.03.2010, 07:28):
Wo hast Du gesessen, Nikolaus?

Ich schließe mich an: Einmalig, sensationell!!!! Der erste Teil war aufgrund des Programms intensiver zu hören, aber zwei solcher Teile hätten das Publikum überfordert. Überhaupt... Ignoranten!!!! Nach dem Nocturne setzte statt Applaus das große Husten ein... das endete damit, dass auch Zimerman sich räusperte-nachdem ein genervter Zuschauer "Ruhe" gerufen hatte"- und dafür großen Applaus erntete. Auch die ersten beiden Sätze der 2. Sonate wurden mit Applaus bedacht, im 3. Satz zückten dann einige Leute die Taschentücher hervor. Das Scherzo besonders kurios: Nach den erste 1 1/2 Minuten tosender Applaus.... nachdem Zimerman diesen Teil wiederholt hatte machte er eine Pause, schaute ins Publikum und grinste nach em Motot, ob er denn weiterspielen dürfe ;)

Auch bei uns ließ er sich dazu bringen, den Walzer cis-moll op.64 Nr.2 als Zugabe zu geben und hier zeigte sich, was ein Musiker, was ein Poet Zimerman am Klavier ist.

Meine Frau wurde gestern Abend zum Zimerman-Fan....
Frank1970 (11.03.2010, 10:30):
Hallo zusammen,

auch wenn nicht angesprochen, so klinke ich mich gerade mal ein! :)

Wie an anderer Stelle erwähnt, war ich ja auch da. Saß in Reihe 5 - erst rechts und nach der Pause wechselte ich dann auf einen Platz mehr in der Mitte der gleichen Reihe, so dass ich Zimerman ein wenig auf die Finger schauen konnte! :)

Das Konzert - großartig! Da kann ich mich nur anschließen - auch wenn Chopin immer noch nicht zu meinen persönlichen "Hausgöttern" der Klaviermusik gehört (wie z.B. Bach, Beethoven, Schubert). Eine Schande, dass ich 2006 nicht dabei war, als Zimerman an gleicher Stelle Beethoven spielte.

Das Publikum - wirklich schrecklich! Wobei es natürlich reicht, wenn ein paar Dutzend Zuhörer in die ruhigsten Stellen heftig reinhusten und in den falschen Momenten zu klatschen beginnen und dann andere mitziehen, die die gespielten Stücke auch nicht so gut kennen (was man nun wirklich niemand zum Vorwurf machen kann). Also um die Aussagen zum Publikum weiter zu relativieren würde ich sagen, dass da bestimmt 1900 tolle Zuhörer im Saal waren - nur der Rest war halt...

Dazu kommt noch, dass man in der Kölner Philharmonie Huster aus jeder Position des Saales besonders gut hören kann - Amphitheater-Akustik...

Zimermans Zugabe - ja, wirklich toll. "Poet" trifft es!
Hier fand ich die Zugabe perfekt gewählt - im Gegensatz zu der des Emerson Quartetts am Vorabend...

So, soviel erst mal von mir. Zu den Emersons und auch zum Metzmacher-Konzert versuche ich später noch die Zeit zu finden ein paar Worte zu schreiben.

Viele Grüße
Frank
Jeremias (11.03.2010, 10:40):
Dann warst Du ja ganz nah dran.... *Neid*.... dafür hört man oben besser ;) 2006 als er Beethoven spielte, war es eine andere Atmosphäre. Er hat das Konzert auch in Essen gespielt, daher war der Saal damals nur halb voll. Diesmal nur ein Auftritt => ausverkauft! Hast Du ihn 2008 beim Ruhrfestival gesehen? Bach, Beethoven, Brahms, Szymanowski.... grandios!
Frank1970 (11.03.2010, 11:02):
Nein, 2008 beim Klavierfestival Ruhr habe ich ihn leider auch nicht gehört. Es ist leider zeitlich, organisatorisch und finanziell häufig etwas schwieriger für mich von Köln aus ins Ruhrgebiet zu Konzerten zu touren.

2008 beim Klavierfestival hörte ich Hamelin in Bonn und wollte auch zu Aimard mit "Kunst der Fuge" nach Düsseldorf und musste dann berufsbedingt meine Karte verfallen lassen - grrr!

2009 war ich dann bei Emanuel Ax in Düsseldorf und bei Tamara Stefanovich in Bottrop.

Dieses Jahr werde ich wohl auch nur zu Tamara Stefanovich nach Moers fahren. Wobei ich gerade bei Argerich mit Freire schon sehr mit mir kämpfen musste, um mir zu sagen, dass es stressfreier für mich ist, wenn ich am gleichen Tag dann zu Richard Goode in die Kölner Philharmonie gehe.

Und noch ein kleiner Nachtrag zum Konzert gestern:
Zimerman grinste nicht nur ins Publikum, nachdem er erneut zur kritischen Pause im Scherzo gelangt war, sondern schüttelte dabei auch noch mit dem Kopf. So wie um zu sagen: Jetzt bitte nicht klatschen!
Ich war überrascht darüber, wie er mit dem Publikum interagierte. Dachte vorher, er wäre introvertierter...
Jeremias (11.03.2010, 12:17):
Absolut nicht! Zimerman ist ein absolut höflicher, netter und offener Mensch, auch im persönlichen Gespräch. Mit 18 Jahren hatte ich mal das Vergnügen....

Du warst bei Ax im vergangenen Jahr? Ich auch... fand ihn recht langweilig und lustlos... muss ich nicht nochmal haben...
Frank1970 (11.03.2010, 14:41):
Zu Zimerman finde ich folgenden Artikel noch interessant, den ich eben erst entdeckt habe.

Zu Ax: Ich fand erst mal die Akustik des Schumann-Saales (wo ich zum ersten mal war) etwas seltsam und nicht sehr vorteilhaft für Klavier. Hast du da einen Vergleich zu anderen Solo-Klavier-Konzerten im gleichen Saal?

Das von Ax gespielte hat mich auch nicht sonderlich begeistert. Aber eine Ausnahme gab es für mich: das eine Liszt-Stück (war es Vallée D’Obermann?) - da ist bei mir der Funke übergesprungen und ich fand es genial gespielt!
nikolaus (11.03.2010, 22:28):
Ich schliesse mich meinen Vorschreibern (insbesondere auch Gamaheh!!) an und möchte noch einiges ergänzen:

Zuerst das Formale (@ Jeremias): ich saß im Block A 12. Reihe, konnte ihm also nur ins Gesicht sehen...

Ich habe ihn jetzt das dritte Mal im Konzert gehört, und dieses Mal hat er mich restlos überzeugt.
Sicherlich waren alle Abende musikalisch überzeugend, manchmal auch einfach perfekt, aber es hat mich dann nicht wirklich berührt.
Gestern dagegen war es anders: da waren einzelne Töne dabei, die waren so schön, die trafen mich direkt ins Herz, so dass es fast schon schmerzte. Das sind die Momente, in denen ich Zeit und Raum (und damit auch Huster und Klatscher (wobei ich letztere einfach nur amüsant fand...)) vergesse.
Solche Momente sind zwar selten, aber unendlich wertvoll. Ich habe so etwas mehrfach bei Martha Argerich erlebt. Sie hat auch so eine Art, einzelnen Tönen eine Intenstität zu verleihen, die einfach unbeschreiblich ist.
Spontan fallen mir ähnliche, wenngleich nicht so intensive Momente jeweils einmal bei Leif Ove Andsnes, Nicholas Angelich, und nicht zu vergessen Philippe Bianconi letzten November in HH ein.

Zimerman war gestern sichtlich gut gelaunt, sonst wäre er wohl nicht so locker, um nicht zu sagen schelmisch, mit dem Publikum umgegangen.
Er war am Ende aber auch sichtlich müde, kein Wunder bei diesem intensiven Abend.

Zu den unvermeidlichen Hustern will ich nichts sagen.
Aber die unerwarteten Klatschsalven haben mich zwar bis zum Kopfschütteln irritiert, aber rückblickend finde ich das nicht schlimm. Es waren offenbar Leute, die diese Werke nicht so gut kennen, und dass sie überhaupt gekommen sind, ist doch schön!? Ausserdem haben sie sich offenbar von Zimerman z.T. verleiten lassen, denn wenn er sich nach hinten wirft und die Arme hochreisst, sieht das schon nach einem dramatischen Ende aus, das beklatscht werden muss...

Genug der Worte, ich will lieber noch in Erinnerungen an den gestrigen Abend schwelgen.

Nikolaus :engel
cellodil (12.03.2010, 23:58):
Heute abend gastierte der schon mehrfach mit Preisen ausgezeichnete, französische Pianist David Fray mit Werken von Schubert und Bach im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle.

Vor der Pause Schubert:

Allegretto c-Moll D 915

Stücke für Klavier D 946 -
Drei Impromptus (op. posth.)
Nr. 2 Es-Dur: Allegretto

Sechs Moments musicaux D 780 (op. 94)
Nr. 1 C-Dur: Moderato
Nr. 2 As-Dur: Andantino
Nr. 3 f-Moll: Allegro moderato
Nr. 4 cis-Moll: Moderato
Nr. 5 f-Moll: Allegro vivace
Nr. 6 As-Dur: Allegretto

Nach der Pause Bach:

Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830 (aus: Clavier-Übung Teil I)
1. Toccata
2. Allemanda
3. Corrente
4. Air
5. Sarabande
6. Tempo di Gavotta
7. Gigue

Ein schöner, aber auch irgendwie verstörender Konzertabend.

Während des ersten Teils des Konzerts war ich von Frays merkwürdiger Bühnenpräsenz so irritiert, dass ich von der Musik selbst kaum etwas mitbekommen habe. Ich musste an die bekannten Videos von Fray denken, bei denen der junge Pianist auf mich immer etwas manieriert und leicht überspannt in seiner Mimik und Gestik gewirkt hat. Auf der Bühne ist der Eindruck, den Fray beim Klavierspielen erweckt, (trotz dieser Mimik und Gestik) überraschenderweise ein ganz anderer.

Der Neunundzwanzigjährige wirkt auf der Bühne, wenn er vor dem Flügel mehr kauert als sitzt, nicht wie ein Gould-Imitator, sondern völlig authentisch. Fray wirkt in seinem Auftreten und seinem Spiel ausgesprochen introvertiert, ganz in sich gekehrt. So, als wenn er eigentlich lieber mit seinem Flügel und der Musik alleine wäre, statt vor Publikum auf der Bühne zu spielen.

Sein Spiel hatte etwas ungeheuer Intimes, Privates, bei dem man sich als Zuschauer deplaziert fühlt, fast wie ein Voyeur. Immer wieder musste ich während des ersten Teils des Konzerts auch an Franz Kafkas Erzählung Auf der Galerie denken, an den am Ende weinenden Zuschauer auf der Galerie, der gar nicht so recht weiß, wieso er weint. Vielleicht, weil beim Zuschauen hinter Frays differenziertem, mitunter so schwerelos-leicht und dann wieder so kraftvoll klingenden Klavierspiel, bei dem er mal ganz jung, fast wie ein Knabe, dann ganz plötzlich wie ein uralter Mann wirkt, die Mühe und die Arbeit, die Kraft und Energie, die ihn das kostet, spürbar wird.

Trotzdem ein wunderbarer, berührender Abend mit einem zum Weinen schönen Bach.
Fairy Queen (13.03.2010, 02:46):
Schön, das zu lesen!
Das klingt serh einfühlsam und revidiert jedenfalls gewaltig ein Bild das mir der Sohn einer Bekannten vermittelte, der als Musikkritiker bei einem Festival letzten Sommer Fray so was von verrissen hat, dass kaum ein gutes Haar an ihm blieb.
Da ich den Pianisten selbst noch nie gehört habe, hab ich nun zwei total verschiedene Einschâtzungen und kann mir hoffentlich selbst mal ein Bild machen.
F.Q.

Ich hab heute Nacht ,schlaflos wie ich war, auch einen Bach zum Niederknien gehört: Andras Schiff mit den Goldberg-Variationen. :down
Heike (13.03.2010, 08:44):
Liebe cellodil,
ganz ähnlich ist es mir auch gegangen, ich war von dem Mann und seinem Auftreten auch ganz fasziniert und von seiner Musik ebenso berührt. Er bekam hier auch sehr gute Kritiken, soweit ich mich erinnern kann. Ich habe ihn leider nicht als Solisten sehen können (außer mit einer wunderbaren Bach-Zugabe), sondern bei einem Klavierkonzert mit Orchester. Da wirkte er allerdings nicht introvertiert, sondern extrem aufmerksam, punktgenau im Zusammenspiel und extravertiert im Ausdruck. Hoffentlich kann ich ihn auch mal in deinem Recital sehen!
Ich habe ihn dann übrigens in der Pause noch beobachtet, wo er Autogramme gab, und auch da schien er mir ganz sympathisch, freundlich, aufmerksam.

Liebe Fairy, ich habe auch schon gehört, dass Fray polarisiert; ich bin jedenfalls gespannt, wie er sich weiterentwickelt, er ist ja noch jung.
Heike
nikolaus (16.03.2010, 00:24):
So, gerade zurück vom Liederabend:

Unter dem Motto "Surprise" sollte Measha Brueggergosman einen Überraschungs-Abend mit drei Nachwuchskünstlern gestalten.
Laut Ansage musste sie gestern, also Sonntag, vormittag krankheitsbedingt absagen.
Die Veranstalter (die Deutsche Welle und das Arithmeum in Bonn) konnten äusserst kurzfristig Annette Dasch engagieren, die von ihrer Schwester Katrin am Klavier begleitet wurde.
Bei den drei Nachwuchskünstlern, die wie geplant auftraten, handelte es sich um Simone Drescher (geb. 1990) - Cello, Dragos Manza (geb. 1988) - Violine, und Tamara Serikova - Klavier.

Trotz der zwangsläufigen und spontanen Umgestaltung des Programms war es ein gelungener Abend, der folgendermassen ablief:

F.Schubert: Der Erlkönig in einer Bearbeitung für Cello solo von Bernhard Cossmann (geb. 1822 - mir völlig unbekannt). Das war recht virtuos, hat mir aber nicht so gefallen, weil die Cellistin einfach zu beschäftigt war, um die grausige Atmosphäre entstehen zu lassen.

O.Nikolai: Die Träne op. 30, gesungen von Annette Dasch, begleitet von ihrer Schwester, die den Klavierpart aller Lieder sehr geschmackvoll und engagiert gestaltete, und der Cellistin. Das war eine richtige - wie es die Dasch auch ankündigte - Schmonzette. Da glänzte auch die Cellistin mit einem wirklich wunderschönen Klang.

S.Prokofiev: Sarkasmen op. 17. Ich kenne diese "Miniaturen" für Klavier zu wenig, dennoch hatte ich den Eindruck, dass die Pianistin das sehr respektabel gestaltete.

H.Wolf: einige Eichendorff-Lieder, nämlich "Der Freund", "Verschwiegene Liebe", "Der Musikant", "Das Ständchen". Diese Lieder wurden von den Dasch-Schwestern auf sehr sympathische Art etwas moderiert. Zu Annette Dasch am Ende mehr.

G.Enescu: "Ménétrier" aus "Impressions d'enfance". Das sollte eigentlich als "Ständchen" von der Galerie direkt im Anschluss an das letzte Lied gespielt werden, aber leider hat der Geiger seinen Einsatz etwas verpasst. Egal, die Idee war nett, und gespielt hat er gut. Das Stück hatte tatsächlich "Zigeuner"-Charakter und war die Überleitung zu weiteren

Eichendorff-Liedern von H.Wolf, als da wären: "Die Zigeunerin" (sic!), "Nachtzauber", "Die Nacht", "Die Kleine", "Seemanns Abschied".

- Pause -

D.Shostakovich: Klaviertrio Nr. 1 c-moll op. 8, ein Werk, das ich sowieso sehr gerne mag. Erneut fiel mir die Cellistin sehr positiv auf, die Pianistin beeindruckte durch ein enormes Tempo in den Läufen, nur der Geiger viel hier etwas ab, er erschien mir irgendwie zu unbeteiligt.

R.Schumann: Liederkreis op. 39. Jetzt mehr zu Annette Dasch: man merkt, dass sie gewohnt ist, an grossen Häusern zu singen. Sie gab ihrer Stimme am Anfang manchmal etwas viel Volumen für den eher kleinen Rahmen (Foyer im Arithmeum, einem Museum), im Liederkreis war das wesentlich besser.
Ihren Sopran würde ich eher als dunkel beschreiben mit einer gut ausgebildeten, vollen Mittellage (die Profi-Sänger im Forum mögen mir meine Unkenntnis bitte verzeihen), in der Höhe wird es schon mal eng... Insgesamt eine angenehme , gut geführte Stimme.
Ich habe bereits anderswo schon zugegeben, dass ich kein grosser Fan von Lieder bin und gerade mit der Romantik so meine Probleme habe. Aber Annette Dasch hat es tatsächlich geschafft, mich v.a. im Liederkreis zu fesseln und mir diese Lieder in ihren Stimmungen auch begreifbar zu machen (und sie hat nicht nur mich gefesselt, sondern das gesamte Publikum: kein Huster!!). Dazu hat sie ihre Stimme mehr zurückgenommen und ihr mehr Farbe bzw. in diesem Fall mehr "Blässe" gegeben, das hat sie wirklich gut gestaltet.

Zugaben:
R.Schumann: Der Nußbaum (?)
J.Brahms: ein Liebesliederwalzer, bei dem die junge Pianistin Katrin Dasch bei dem vierhändigen Klavierpart unterstützte.
Eine unfreiwillige Zugabe war die Wiederholung des ersten Liedes aus dem Liederkreis: der Abend wurde für einen Podcast der DW (www.dw-world.de) aufgenommen und die Technik war beim ersten Lied offenbar nicht funktionstüchtig...

Fazit:
Ich hatte mich auf Measha Brueggergosman sehr gefreut, aber der Ersatz war gut und interessant!

Nikolaus.
Armin70 (16.03.2010, 00:40):
Gestern, 15.03.2010, im großen Saal der Alten Oper in Frankfurt:

Arnold Schönberg: Fünf Orchesterstücke op. 16

Ludwig van Beethoven: 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73

Nikolaj Rimskij-Korsakow: Scheherazade op. 35

Yuja Wang: Klavier
Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Leitung: Sebastian Weigle


Ein Konzert mit Schönbergs op. 16 zu beginnen ist sicherlich ungewöhnlich und vielleicht auch immer noch mutig, da dieses Werk zur sog. freien Atonalität zählt. Wenig später komponierte Schönberg dann komplett im Zwölfton-Stil. Die verschiedenen Farben und Stimmungen in diesem, knapp 15-Minuten dauernden Werk haben Orchester und Dirigent wirkungsvoll herausgearbeitet. Dabei geriet aber auch nicht in Vergessenheit, dass sehr wohl eine Struktur in der Musik vorhanden ist. Wenn man sich darauf einlässt, macht es Spass, den einzelnen Verästelungen und Verzahnungen der Musik zuzuhören.

Dann Beethovens 5. Klavierkonzert mit Yuja Wang. Ehrlich gesagt bin ich nur wegen ihr in dieses Konzert gegangen und es hat sich wirklich gelohnt. So einen schönen Anschlag habe ich selten live gehört. Mal zart, die Tasten fast streichelnd und dann, wo gefordert, zupackend und mit einer unglaublichen Verve. Atemberaubend dann das Adagio un poco mosso: Das war fast wie vom anderen Stern und das Rondo-Allegro dann spielerisch, tänzerisch aber auch mal zurücknehmend und dann wieder zupackend virtuos. Yuja Wangs Klavierspiel war so natürlich, spielerisch leicht und geriet nie zur hohlen Virtuosität. Wunderbar auch das Zusammenspiel zwischen Solistin und Orchester, zumal der Orchesterpart bei Beethoven ja auch keine untergeordnete Rolle spielt im Gegensatz zu Chopins Konzerten.

Stürmischer Applaus für den sich Yuja Wang zunächst mit der Konzert-Paraphrase von Arcadi Volodos über Mozarts "Rondo alla Turca" bedankte. Hier kann man sie mit diesem Stück übrigens "backstage" erleben:
Clip

Danach tobte der ganze Saal und als 2. Zugabe spielte Yuja Wang eine locker, spritzig-perlende Scarlatti-Sonate (keine Ahnung, um welche es sich handelte; jedenfalls ist sie auf keiner meiner Scarlatti-CD`s drauf aber bei der Menge von über 500 Scarlatti-Sonaten ist das auch kein Wunder). Allein wegen der beiden Zugaben hätte sich der Konzertbesuch schon gelohnt.

Sympathisch war, dass Yuja Wang ihren Blumenstrauss symbolisch als Dank für das Orchester einem Orchestermusiker schenkte.

Nach der Pause dann Rimskij-Korsakows "Scheherazade". Das Orchester war auch hier sehr gut disponiert. Die vielen Instrumental-Soli in diesem Werk, angefangen von der Solovioline, dann das Solo-Cello und die vielen Bläser-Soli, wurden sehr gut und brilliant von den Musikern umgesetzt. Mir gefiehl besonders der dunkle timbrierte Orchesterklang, weil das nicht so vordergründig brilliant sondern dadurch tiefgründiger klang.

Am Schluss dann viele Bravos und Sebastian Weigle liess jede einzelne Orchestergruppe hervorheben.
Heike (16.03.2010, 19:57):
Beneidenswert ihr zwei, da scheint ihr ja jeder einen sehr schönen Abend gehabt zu haben! Ich lese solche Berichte immer wahnsinnig gern, das ist fast so wie ein ganz kleines bissel dabeisein!
Heike
nikolaus (16.03.2010, 23:47):
Liebe Heike (und alle anderen interessierten),

jetzt kommt der nächste Bericht:

Franz Schubert - Winterreise

heute abend im Konzerthaus Dortmund, gesungen von Christine Schäfer, begleitet von Eric Schneider.

Nach diesem Abend fühle ich ich bestätigt, wenn ich Christine Schäfer für eine grosse Künsterin halte.
Singen könne andere auch, aber wie sie (und auch Erich Schneider) diesen Zyklus dargebracht hat, ist wirklich grossartig.

Ich habe den Eindruck, dass es ihre Intention ist, die Lieder nicht romantisierend zu durchleiden (so etwas finde ich oft so unglaubwürdig), sondern vielmehr kommentierend zu erzählen, manchmal richtig deklamierend ("Die Krähe"!).
Dazu ist ihre Stimme wirklich ideal. Sie kann sie ohne Übergang ins zarteste Piano bis zu einem Hauchen zurücknehmen, sie kann sie andererseits in einer klaren Höhe jubilieren lassen; sie kann ihr eine Fahlheit geben, die einen wirklich frösteln lässt (ganz grossartig in "Gefrorne Tränen", die mir selber kamen). Und dabei bleibt sie bis auf wenige Ausnahmen sehr textverständlich (im Gegensatz zu Annette Dasch, das hatte ich gestern garnicht erwähnt).
Gesang und Auftreten sind angenehm schlicht, sie kommt einfach ohne jeden Firlefanz aus. Ich finde das einfach bezaubernd.

Zudem ist ihr Auftreten absolut professionell und diszipliniert. Während das Publikum sich wieder in Husttiraden erging, hat sie sich nicht ein einziges mal geräuspert, obwohl die Stimme bisweilen etwas belegt erschien und ihr einige Male einfach ein Vokal wegblieb, weil die Stimme offensichtlich nicht ansprang. Sie hatte sich aber immer sofort im Griff und hat durchgehalten bis zum Schauer machenden Leiermann.

Mit Eric Schneider bildet sie ein offenbar bestens eingespieltes Team. Seine Begleitung erschien mir manchmal erfrischend spontan und immer feinfühlig.

Kurz: Ich bin froh, das miterlebt zu haben!

Nikolaus.
cellodil (20.03.2010, 09:33):
Vorgestern war ich beim Hagen Quartett in der Stuttgarter Liederhalle.

Auf dem Programm stand:

Franz Schubert
Quartettsatz Nr. 12 c-Moll D 703
Allegro assai

Dimitrij Shostakovich
Streichquartett Nr. 14 Fis-Dur op. 142

Ludwig van Beethoven
Streichquartett e-Moll op. 59/2 "Rasumowsky"

Ich hatte mich ja sehr darauf gefreut "die Hagens" mal wieder im Konzert zu hören, aber der Eindruck ist doch ein wenig durchwachsen.

Ob der Einstieg mit dem etwas zu oft in Kammermusik-Konzerten gehörten Schubert Quartettsatzes (ich nehme an, dass das an der "praktischen" Länge liegt) gut gewählt war, darüber kann man sicher geteilter Meinung sein. Ich habe keine Ahnung, wie eine Interpretation aussehen müsste, die ein so kammermusikerfahrenes Publikum, wie es in dieses vorwiegend aus Abo-Hörern bestehende Publikum ist, aus dem Zustand höflicher Gelangweiltheit bei diesem Musikstück wachrütteln könnte. Die im großen Ganzen klangschöne und exakte Hagen-Interpretation konnte dies jedenfalls nicht leisten.

Für den Aufwach-Effekt sorgte dann das großartige Shostakovich-Quartett. Ich kannte das Werk nicht, war aber von der Spannung zwischen Melancholie und eruptiver Heiterkeit unglaublich fasziniert. Und dann hat das Werk auch noch eine wunderschöne Cellostimme... Für mich ganz klar das Highlight des Abends!

Das weckte Vorfreude auf den Beethoven, die leider doch eher enttäuscht wurde. Der zweite, langsame Satz versackte leider total. Das war kein "molto adagio", sondern eher ein Dahinkreuchen. Da war alle Spannung weg. Das konnte dann auch das mitreißende Finale nicht wieder ganz wettmachen.

Mir fehlte an dem Abend die Frische, die das Spiel des Hagen Quartetts sonst im Konzert hatte. Keine Ahnung, woher das kam. War vielleicht nicht so ganz ihr Tag.

Nichtsdestotrotz werde ich, wenn sie wieder in der Nähe sein werden, ganz bestimmt hingehen.

:hello und liebe Grüße aus der Galaxis

Sabine
Armin70 (21.03.2010, 23:52):
Da heute Abend (21.03.2010) für meinen Geschmack nichts gescheites im Fernsehen kam, mit Ausnahme des Konzerts auf ARTE aber das habe ich mir aufgezeichnet, entschloss ich mich spontan nach Mainhatten in die Alte Oper ins Konzert zu fahren.
Dort habe ich mir die volle "Tschaikowsky-Dröhnung" gegeben. Auf dem Programm standen:

PeterTschaikowsky: Violinkonzert D-Dur op. 35 und 5. Sinfonie e-moll op. 64

Alina Pogostkina: Violine
City of Birmingham Symphony Orchestra, Dirigent: Andris Nelsons

Das war insgesamt ein schönes Konzert. Alina Pogostkina spielt, soweit ich das beurteilen kann, auf einem derart technisch hohem Niveau, dass sie Tschaikowskys Violinkonzert locker und souverän meisterte. Bei diesem Konzert kann man dann nicht mehr viel falsch machen. Besonders gelungen fand ich die leisen, melancholischen Zwischentöne, insbesondere in der Canzonetta.

Zu Recht viel Beifall und Alina Pogostkina bedankte sich mit einer netten Zugabe (keine Ahnung was das für ein Stückchen war, jedenfalls kein Bach und ich denke es war auch nix von Paganini).

Bei Tschaikowskys 5. Sinfonie waren Orchester und Dirigent auch voll in ihrem Element. Eigentlich kann man bei diesem Schlachtross auch nicht so viel falsch machen. Das Orchester aus Birmingham ist ein toller Klangkörper. Das waren satte Orchesterfarben, die da erklangen. Markantes, strahlendes Blech, dunkel getönte Holzbläser und ein warmer Streichersound sowie knackige Pauken. Wie ein sonorer V12 in einem Bentley oder besser noch in einem Rolls-Royce.
Andris Nelsons hatte auch sichtlich seinen Spass, inklusive kleiner Luftsprünge ala Bernstein.
Jeremias (23.03.2010, 00:14):
Heute Abend etwas ganz anders, off-topic:

JOAN BAEZ

in der Philipshalle Düsseldorf! Viele alte Evergreens, dazu Neues und Ausgefallenes. Mit knapp 70 Jahren immer noch eine unglaubliche Ausstrahlung! Nur die Event-Halle war furchtbar, hatte was von Bahnhof und Stadion....
ab (23.03.2010, 08:52):
Original von cellodil
Vorgestern war ich beim Hagen Quartett in der Stuttgarter Liederhalle.

Mir fehlte an dem Abend die Frische, die das Spiel des Hagen Quartetts sonst im Konzert hatte. Keine Ahnung, woher das kam. War vielleicht nicht so ganz ihr Tag.


?( Das lese ich gar nicht gerne...

Aber Schostakowtischs 14. Quartett, das zu meinen absoluten Lieblingen seines OEvres gehört, und nicht nur wegen der vorrangigen Cellobehandlung, solltest Du wirklich besser kennen lernen! (Den beiden bisherigen CD-Erfahrungen entsprechend aber lieber von anderen Ensembles als von den Hagens.)
:hello
cellodil (24.03.2010, 18:30):
Original von ab
Original von cellodil
Vorgestern war ich beim Hagen Quartett in der Stuttgarter Liederhalle.

Mir fehlte an dem Abend die Frische, die das Spiel des Hagen Quartetts sonst im Konzert hatte. Keine Ahnung, woher das kam. War vielleicht nicht so ganz ihr Tag.


?( Das lese ich gar nicht gerne...

Aber Schostakowtischs 14. Quartett, das zu meinen absoluten Lieblingen seines OEvres gehört, und nicht nur wegen der vorrangigen Cellobehandlung, solltest Du wirklich besser kennen lernen! (Den beiden bisherigen CD-Erfahrungen entsprechend aber lieber von anderen Ensembles als von den Hagens.)
:hello

Lieber ab,

ja, der Abend war leider nicht ganz glücklich. Vielleicht auch, weil meine Vorfreude und meine Erwartungen bei den Hagens doch eher groß sind. Aber ich hoffe, dass ich sie bald mal wieder und dann "in alter Frische" hören werde.

Was würdest Du denn bei Shostakovichs 14. Quartett für eine Einspielung empfehlen? Das Werk hat mir gut gefallen (war auch - wie gesagt - das Highlight des Abends).

Liebe Grüße

Sabine
ab (25.03.2010, 09:00):
Original von cellodil
Was würdest Du denn bei Shostakovichs 14. Quartett für eine Einspielung empfehlen? Das Werk hat mir gut gefallen

na, die üblichen Verdächtigen halt aus Russland:
Borodin Quartet (leider sind in der früheren GA nur die Quartette 1-13 vertreten :I ) , Beethoven Quartett oder Shostakovich Quartet.

Das Beethoven Quartet, am stärksten in der "romantischen Tradition" spielend, berührt mich persönlich besonders. Bei 14. ziehe ich das Shostakovich Quartet den Borodins vor

Schostkowitsch selber war unglücklich darüber, dass er fast alle seine Quartett vom Beethoven Quartet uraufführen lassen musst, es hätte die technisch souveräneren Borodins präferiert.

Ich persönlich mag auch gerne das Brodsky Quartet als nicht-russiche Aufnahme
cellodil (25.03.2010, 12:10):
:thanks lieber ab!

Dann werde ich mal sehen, dass ich bei Gelegenheit in diese Aufnahmen reinhören kann.

:hello und herzliche Grüße

Sabine
Rachmaninov (25.03.2010, 12:32):
Original von ab
Original von cellodil
Was würdest Du denn bei Shostakovichs 14. Quartett für eine Einspielung empfehlen? Das Werk hat mir gut gefallen

na, die üblichen Verdächtigen halt aus Russland:
Borodin Quartet (leider sind in der früheren GA nur die Quartette 1-13 vertreten :I ) , Beethoven Quartett oder Shostakovich Quartet.

Es gibt eine Aufnahme in JPN mit allen 15 SQ!!!!
ab (25.03.2010, 12:51):
Original von Rachmaninov
Original von ab
Original von cellodil
Was würdest Du denn bei Shostakovichs 14. Quartett für eine Einspielung empfehlen? Das Werk hat mir gut gefallen

na, die üblichen Verdächtigen halt aus Russland:
Borodin Quartet (leider sind in der früheren GA nur die Quartette 1-13 vertreten :I ) , Beethoven Quartett oder Shostakovich Quartet.

Es gibt eine Aufnahme in JPN mit allen 15 SQ!!!!

Ja, aber das ist wohl die jüngere Aufnahme des Borodin Quartets, die es auch bei uns gibt und Stereo ist (Melodyia). Die frühere gibts bei Chandos.

(By the way: Ich liebe die alte Mono-Aufnahme des Borodin Quartets vom Streichquartett Nr. 2 von Tchaikovsky, die ich noch auf LP habe, die mir aber bei Chandos bislang viel zu teuer war. Deren letzte Aufnahme Tchaikovsky-GA für Teldec hingegen steht völlig überflüssig bei mir im Schrank rum.)
Heike (26.03.2010, 15:03):
gestern in der Philharmonie Berlin
Grigorij Sokolov
Johann Sebastian Bach: Partita Nr. 2 c-Moll BWV 826
Johannes Brahms: Sieben Fantasien op. 116
Robert Schumann: Konzert ohne Orchester f-Moll op. 14 (Urfassung)

GROßARTIG!

Die Bach Partiten kenne ich relativ gut, und trotzdem oder gerade deshlab waren es 1000 kleine Überraschungen, wie er sie gestaltete. Wundervoll, wie er dieses Werk darbot, gar nicht akademisch, sondern berührend lebendig, sinnlich und doch ganz glasklar. Extrem präzise Triller sind ja nur die Spitze des Eisberges, da passte jede Linie. Ein ganz erfrischender Bach, irgendwie mir ganz modern zu Herzen gehend, aber ohne Effekte, einfach nur aus dem Fluss heraus. Wie ein Märchenerzähler nahm er die Zuhörer gefangen, so stelle ich mir Scheherezade vor, der die ganze Nacht die Menschen andächtig lauschten und hören wollten, wie es weitergeht ....

Dann Brahms' Fantasien, diese irgendwie monsterartigen, schrägen Stücke, die mich irgendwie fast ratlos zurücklassen nach dem Hören. Es war unglaublich, wie gekonnt er vom leisesten Hauch in wildeste Motive übergehen kann und es passt doch jeder Ton. Da fällt nichts auseinander, da erscheint jede Stimmung richtig, Leidenschaft pur war das. Überirdisch wieder der Klang, ich bin einfach hingerissen von diesem transparenten und brilliant feinen Tönen, die genau richtig lange nachklingen, nie klirren, abbrechen oder verwischen.

Ich dachte in der Pause, dass das kaum noch zu steigern ist, aber der Schumann war dann einfach nur überwältigend. Bei aller Perfektion im Technischen, die sicher nötig ist, um das so zu spielen - es war magisch. Einerseits zauberhaft leichte, fast meditative Nuancen, andererseits geisterhaft finsterste Emotionen, volle Wucht der Gefühle. Es hat mich emotional einfach umgehauen, der Mann kann ja aus jedem Stück ein Meisterwerk machen. Ich hatte das Werk vor kurzem erst mit Pollini gehört, auch wirklich sehr schön, aber gaaaaanz anders: Klug, leichter, geistvoll. Damals dachte ich noch, dass das viel schöner sei als die romantische Herangehensweise, aber Sokolov WAR romantisch und keine Phrase klang falsch, im Gegenteil. Der trifft einfach exakt diesen Punkt von wahrer Emotion, die ehrlich empfunden ist und deshalb stimmt. Große Kunst.

Der große Saal fast ausverkauft (letztes Jahr spielte er noch im brechend vollen kleinen Saal). Sokolov ganz gebückt und manchmal förmlich in die Tasten versunken am Flügel, stumm singend zu seinem Spiel. Unvermeidlich die Huster, aber in manchen pianissimo-Phasen hörte man Sokolov förmlich atmen, so gepannt war die Ruhe. Er gab wieder 6 Zugaben, 4x Chopin und 2xl Skjabin), das Publikum tobte vor Freude und ich freue mich jetzt schon, dass er auch 2011 wieder in Berlin sein wird :-)

Heike
Jeremias (26.03.2010, 16:16):
Da freu ich mich ja jetzt schon auf seinen Auftritt beim Klavierfestival Ruhr :D
Amadé (26.03.2010, 20:21):
Ich auch,
ob er dann das Programm, wie meist bei Ihm üblich, beibehält? Ich habe irgendwo gelesen, er spiele im 1.Teil Beethoven-Sonaten.

Gruß Amadé
Jeremias (27.03.2010, 01:21):
Soeben zurück aus der Essener Philharmonie mit der Matthäus-Passion unter Herreweghe.

Der Abend kann mit einem Wort beschrieben werden:

WELTKLASSE!!!!

Und WAS für ein Publikum! KEIN Husten zwischendurch, KEIN Handyklingeln, minutenlange Standing Ovations.... unglaublich!!!!
Fairy Queen (27.03.2010, 06:50):
Wer hat denn gesungen? Ich habe mal die Johannespassion unter Herreweghe in Brügge gehört.
Abgesehen davon dass ich keine Countertenöre mag, war das auch klasse.
F.Q.
Jeremias (27.03.2010, 08:16):
Das hier waren die Solisten:

Dorothee Mields, Sopran Hana Blazíková, Sopran Damien Guillon, Altus Robin Blaze, Altus Colin Balzer, Tenor Hans Jörg Mammel, Tenor Matthew Brook, Bass Stephan MacLeod, Bass Christoph Prégardien, Tenor (Evangelist) Simon Kirkbride, Bass (Christus)

Ich war mit einem Freund anschließend noch in einem benachbarten Restaurant, zwei der Orchestermusiker gesellten sich an den Nachbartisch. Wir kamen ein wenig ins Gespräch, unglaublich nett die beiden! Der eine wawr Cellist, der andere weiss ich nicht. Sie schwärmten von Pregardien und erzählten, dass man mit ihm in zwei Jahren die Matthäuspassion aufnehmen wolle :engel :engel :engel
Heike (27.03.2010, 08:19):
Armin hat hier eine Übertragung aus Köln der Passion mit Herreweghe am Karfreitag verlinkt - vermutlich sind das die gleichen Solisten wie in Essen ein paar Tage früher?

Übrigens, diesen Altus Robin Blaze, der da mitsingt, den habe ich auch schon mal gesehen. Ich mag nur sehr wenige dieser Stimmen, aber der gehört dazu, der war großartig.
Heike
Jeremias (27.03.2010, 08:49):
Ja, das werden die morgen aufnehmen. Und wir haben seit vorgestern einen DVD-Rekorder, das wird dann die Premiere :) WObei ja parallel der Da Vinci Code kommt...
Armin70 (28.03.2010, 01:21):
Gestern, 27.03.2010, in der Alten Oper in Frankfurt:

Johann Sebastian Bach: Matthäuspassion BWV 244

Mit den von Jeremias genannten Solisten sowie Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe.

Ich kann mich Jeremias nur anschliessen: Das war schlicht und einfach WELTKLASSE !!!

Dieses Konzerterlebnis war ungemein berührend, beglückend und bereichernd.

Schon bewundernswert, wie dieses Ensemble innerhalb von wenigen Tagen in verschiedenen Städten diese beeindruckende Passionsmusik mit jedesmal der gleichen Intensität und Perfektion darbietet.

Atemberaubend war die Stelle als der Evangelist die Worte sang "...Aber Jesus schrie abermals laut und verschied." Danach machte Herreweghe eine sehr lange Pause bevor dann der Chor mit dem Choral "Wenn ich einmal soll scheiden" einsetzte. Wobei ich nicht weiss, ob Bach diese lange Generalpause so in der Partitur festgelegt hat. Jedenfalls hörte man da keinen Mucks im Publikum. Das war Gänsehautfaktor pur aber nicht nur an dieser Stelle (ich hatte eigentlich fast permanent Gänsehaut).

Auch in der Alten Oper gabs am Schluss viele Bravos und Standing Ovations für die hervorragenden Solisten, den brillianten Chor (24 Sänger/innen + 6 Ripienistinnen im 1. Teil) und das tolle Orchester.

Der DVD-Rohling liegt schon bereit, um die heutige Aufführung (Sonntag) in der Kölner Philharmonie, die am Karfreitag auf 3SAT als Aufzeichnung gesendet wird, aufzunehmen.
Fairy Queen (28.03.2010, 07:50):
Das klingt wirklich toll, kommt das auch im Radio?

F.Q.
Jeremias (28.03.2010, 10:27):
Genauso war es in Essen auch, eine lange Pause, man dachte, die Zeit stehe still. Wäre das Stück zu Ende gewesen, niemand hätte applaudiert.... es freut mich, dass Du die Aufführung genauso empfunden hast wir wir! :)
nikolaus (28.03.2010, 23:01):
Aufgrund der so überschwenglichen Berichte war ich heute abend spontan in der Philharmonie Köln, um mir die Matthäuspassion mit dem Chor und Orchester Collegium Vocale Gent unter Herrweghe anzuhören, und ich muss sagen, es hat sich gelohnt!!

Zwar sprang für den wohl erkrankten Simon Kirkbride als Christus ein mir unbekannter Tobias Berndt ein, der aber meines Erachtens auch sehr gut war.
Die anderen Solisten waren identisch, und Prégardien einfach hervorragend!

Zwar entstand für mein Gefühl nicht diese atemberaubende Atmosphäre wie von Jeremias und Armin beschrieben, aber es gab trotzdem genug berührende und begeisternde Momente.

Für mich brachte die live-Aufnahme eine gewisse Unruhe in den Saal, v.a. weil ich vorne links direkt am Rand saß und neben mir eine fahrbare Kamera hatte. Der Kamreramann hat dann auch netterweise ausgerechnet in diesem Moment der Stille nach "... und verschied" seine Anweisungen umgeblättert, was ich einfach nicht überhören konnte, nun ja.
Auch das Publikum war nicht so ganz konzentriert bzw. einer erneuten Erkältungswelle ausgesetzt.

Ich konnte trotzdem mich ganz gut auf die Musik konzentrieren und micht gefangen nehmen lassen von dem Inhalt.

Danke für die Empfehlung!!

Nikolaus.
Michael Schlechtriem (29.03.2010, 04:10):
Wobei ich nicht weiss, ob Bach diese lange Generalpause so in der Partitur festgelegt hat.
Nein, hat er nicht.
Solche Sachen finden sich nicht in einer Bach-Partitur.

Es ist ein theatralischer Effekt des Dirigenten.Man könnte dies auch durchaus unter dem Aspekt des künstlerischen Kitsches diskutieren.
Und dieser Trick ist uralt, ich habe Ihn schon unter sehr vielen Dirigenten erlebt und ähhhhh, diese Stelle ist geradezu prädestiniert für eine solche Pause.

So nach dem Motto "Wie kann ich die Erhabenheit des Momentes noch steigern" ..........

Für mich ist das Sakralkitsch.

Sorry, aber für mich ist das so.......
:ignore
Michael
Jeremias (29.03.2010, 08:34):
@ Michael: Das kann durchaus sein, dass Du das so empfindest, aber bei einem derart hohen künstlerischen Niveau war dies angebracht. Ich glaube aber auch, dass wir alle die Pause als länger empfanden, als sie es eigentlich war. Wenn irgendein Kirchenchor und ein Dorfkantor dies machen, dann habe ich so meine Zweifel, aber nicht bei Pregardien und Herreweghe....
Agravain (29.03.2010, 08:42):
Original von Jeremias
Wenn irgendein Kirchenchor und ein Dorfkantor dies machen, dann habe ich so meine Zweifel, aber nicht bei Pregardien und Herreweghe....

Wo soll denn da der Unterschied liegen? Ist Herreweghe so sakrosankt, dass er darf, andere - die ggf. sicher ebenso gründlich nachdenken können - indes nicht?
Mal davon abgesehen, dass Bach es a) zwar nicht so vorgeschrieben hat, aber b) bedenkend, dass er ohnehin so gut wie nichts vorgeschrieben hat und c) gegen ein solches, leicht dramatisierendes Verfahren auch für mich ersteinmal nicht viel spricht, sollte man doch nicht so offensichtlich mit zweierlei Maß messen. Wenn, dann darf jeder Dirigent. Nach etwa 20 selbst mitgestalteten Aufführungen der Matthäus-Passion in völlig unterschiedlichen Ensembles muss ich nämlich eingestehen, dass nicht immer die dem Namen nach bekannteren Exegeten automatisch die durchdachtesten Interpretationen geliefert haben.
:hello
Heike (29.03.2010, 18:47):
Gestern über die spontane Matthäuspassion in der Philharmonie will ich gar nicht so viel berichten, der Karl-Forster-Chor und Opus Vocale haben solide und gut gesungen und die beiden kleinen HIP- Orchester machten ihre Sache auch sehr ordentlich. Unter den Solisten fiel der Evangelist Ulrich Cordes positiv auf, im Orchester erfreute ich mich besonders an der Continuo-Gruppe mit u.a. Gambe und Basslaute. Auch wenn manchmal was im Zusammenspiel knapp daneben ging, war es doch eine sehr gelungene Aufführung.

Was ich eigentlich berichten wollte ist mein vorheriger Besuch bei Herzgrün im Sony-Center; eine kostenlose Veranstaltung, wo jedes Frühjahr verschiedenste kleine Gruppen im stündlichen Wechsel für 3 Tage in 2 bestuhlten großen Gewächshäusern auftreten. Ich besuchte vor dem Konzert dort ein knapp einstündiges Konzert mit alter Musi; es spielte das Ensemble DIOSKUR - Gambe, Theorbe und 2 Sopranistinnen (Barbara Ehwald und Olivia Stahn). Das war eine Freude und meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Die beiden Damen sagen Duette, Madrigale und Sololarien von Purcell, Frescobaldi und Monteverdi. Sie waren beide wunderschön angezogen und sangen richtig gut und mit solcher Freude, dass es ein Riesenspaß war, zuzuhören. Die eine der beiden war zudem eine wahre natürliche Schönheit mit einem überwältgend entzückenden Lächeln, so dass sogar ich als Frau richtig fasziniert hinschauen musste.
Toll, dass es sowas in Berlin gibt!
Heike

edit edit edit... man, das ist aber wieder schlimm heut mit dem Tippfehlerteufelchen!
Fairy Queen (30.03.2010, 05:22):
Liebe Heike, solche Alte Musik Veranstaltungen machen mich auch immer besonders glücklich, sie habne ieenn gazn besonderen Zauber und wenn es dann auch noch so perfekt dargeboten wird. Ich habe sowas mal in Venedig erlebt: ein kleiner A capella Madrigalchor mit ebendieser Musik mitten auf dem Campo di Santo Stefano. Mir liefen vor lauter Schönheit nur noch die Trännen runter- das war dann wirklich die Stendhal- Krankheit live.
Ach, und Berlin ist doch was Kulturveranstaltungen angeht wirklich ein Paradies- oder?
F.Q.
Heike (30.03.2010, 08:05):
Ach, und Berlin ist doch was Kulturveranstaltungen angeht wirklich ein Paradies- oder?
Unbedingt! Heike
Heike (30.03.2010, 23:42):
heute in der Philharmonie Berlin:
RSB Berlin, Rafael Frühbeck de Burgos (Dirigent)
Rudolf Buchbinder (Klavier)
Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ f-Moll op. 84
Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73
Igor Strawinsky: „Le Sacre du Printemps“

Zum Beethoven -Teil will ich gar nicht viel sagen, das war gut und recht dramatisch gemacht, sehr extravertiert und von Buchbinder recht trocken und gekonnt gespielt (leider saing er zweimal sehr laut mit und gab keine Zugabe).

Aber nach der Pause der Hammer: „Le Sacre du Printemps“
Das Werk ist live einfach grandios und wühlte mich so auf, dass ich sobald bestimmt gar nicht schlafen kann. Diese irren Rhythmen wird man gar nicht mehr los. Der Dirigent, der ja vor einigen Jahren selbst noch Chef des RSB war, kam endlich mal zurück nach Berlin und wurde vom Publikum triumphal empfangen. Der große Saal brechend voll, der Applaus nach Strawinsky überwältigend. Ohne Partitur dirigiert und vom RSB so großartig gespielt, dass ich mal wieder absolut geflasht bin von diesem tollen Orchester.
Heike
Armin70 (30.03.2010, 23:59):
Original von Heike
Das Werk ist live einfach grandios und wühlte mich so auf, dass ich sobald bestimmt gar nicht schlafen kann. Diese irren Rhythmen wird man gar nicht mehr los.

Ähnlich erlebte ich es als ich im Februar die WP und Maazel mit dem Sacre hörte. Salopp gesagt "das rockt" und das ist schon ein enormer Unterschied, ob man das Werk live im Konzert oder nur via Tonkonserve hört.
Piazzolla79 (31.03.2010, 10:23):
Ich habe Herreweghes Aufführung der Matthäuspassion in der Philharmonie Essen erleben dürfen. Natürlich waren meine Erwartungen entsprechend hoch und wurden leider auch etwas enttäuscht. Hervorragend waren die Darbietungen der Chöre. Von Nüchternheit nicht die geringste Spur, manchmal erreichte der Chor gar die Expressivität eines Monteverdi Choirs. Besonders die Tenöre und Altisten (des Chores) begeisterten auf der ganzen Linie. Sehr gut gefielen mir auch die Continuocellistin, Patrick Beuckels an der Traversflöte, die Konzertmeisterin des 1. Chores und der Gambist (war es Pierlot? Konnte ich nicht genau erkennen. Er hatte jedenfalls die gleiche Frisur). Unter den Gesangssolisten glänzten besonders (unerwarteterweise) Stephan MacLeod und Colin Balzer, sowie (erwartungsgemäß) Dorothee Mields. Dem Altus Damien Guillon gelang in den Arien "Erbarme Dich" und "Buß und Reu" wundervolle Phrasierungen, die an seinen Lehrer Andreas Scholl erinnerten. In den Höhen war er aber wenig ausdrucksstark. Robin Blaze konnte meiner Lieblingsarie "Können Tränen meiner Wangen" leider nicht gerecht werden, was aber weniger an seiner Gesangskunst, als an dem überzogenen, gehetzt wirkenden Tempo und der völlig prätentiösen Artikulation des 1. Geigers lag. Ärgerlich auch, dass der 1. Violinist des 2. Chores die "Geb mir meinen Jesu wieder"- Arie kläglich verhaute.
Die Protagonisten Simon Kirkbride und Christoph Pregardien sangen solide, aber nicht überragend. Pregardien kämpfte mit den Höhen.

Insgesamt eine schöne Aufführung, die allerdings etwas steril wirkte. Am Schluss zeigte sich das Publikum mit Standing Ovations ausgesprochen begeistert. Auch für mich ein gelungener Abend, zumal ich Herrn Herreweghe, Herrn Pregardien und Herrn Mammel endlich mal bei einem Gespräch persönlich kennenlernen durfte (Herreweghe kam mir vor dem Konzert entgegen und fragte mich nach dem Weg zu seinem Hotel. Ich bekam kaum noch Luft und stammelte etwas davon, wie großartig ich diese heiß ersehnte Begegnung fand! Dann begleitete ich ihn zu seinem Hotel). Pregardien und Mammel waren auch sehr freundlich und wir sprachen über die Tour und über Routine bei den Konzerten (die allerdings bei Bachs Matthäuspassion nie aufkommt).
Übrigens ist die Essener Philharmonie ein toller Ort, um die Künstler kennenzulernen. Der Künstlereingang befindet sich unmittelbar neben dem Seiteneingang, so dass man bei der Raucherpause ständig einen Musiker/Sänger (ja, einige von denen rauchen auch) des Collegium Vocale neben sich stehen hatte.
Jeremias (31.03.2010, 14:16):
Was, die Sänger rauchen??? Tztztz... ich bin eben ohne Erwartungen gekommen und war dementsprechend begeistert! Wo hast Du gesessen? Wir waren in der ersten Hälfte im 1. Rang links, im zweiten Teil haben wir uns umgesetzt, so dass wir dann alles im Blick hatten. Die Begegnung mit Herreweghe hätte ich gerne auch gehabt :engel Meine Frau kennt ja Pregardien und schwärmt jedes Mal von ihm, auch als Mensch und Professor, der sich für die Stundenten an der Hochschule engagiert...
Heike (02.04.2010, 14:19):
Gestern in der Philharmonie: Maurizio Pollini

FRÉDÉRIC CHOPIN Préludes op. 28
CLAUDE DEBUSSY Sechs Préludes (aus dem 2. Buch)
PIERRE BOULEZ Deuxième Sonate

Toller Abend! Ich hatte zwar nicht meinen schönen Abo-Platz, sondern wegen der exorbitanten Festspielpreise ein Ticket weit oben, aber die Musik verzaubert einfach. Besonders Debussy fand ich großartig interpretiert, gern hätte ich den ganzen Zyklus gehört.

Der 85jährige Boulez war im Saal und kam nach der Sonate auf die Bühne, bekam gemeinsam mit Pollini dreimal sehr viel Applaus und Bravo- Rufe. Die Sonate spielte Pollini leider mit Noten, was mich immer etwas ablenkt, zumal das Notenheft diesmal sehr widerspenstig war und die geübte Umblätterin öfter mal nachgreifen und glätten musste. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass solch moderne Klavierwerke doch eher schwierig auswendig zu spielen sind.
Heike
Heike (02.04.2010, 23:54):
gerade aus der Philharmonie (Kammermusiksaal) zurückgekommen:

Bach: h moll Messe
EuropaChorAkademie - Stuttgarter Kammerorchester - Joshard Daus Leitung
Talia Or Sopran
Fredrika Brillembourg Alt
Corby Welch Tenor*
Horst Lamneck Bass

Nun, das habe ich schon weit besser gehört. Es dauerte eine gefühlte halbe Stunde länger als die Aufnahmen in meinem CD-Regal, es fehlte sowohl Esprit als auch feeling. Das Orchester war zu laut und zu langweilig. Keiner der Gesangssolisten hat sich besonders mit Ruhm bekleckert (eigentlich war Barbara Bonney als Sopran vorgesehen, das wäre eine andere Liga gewesen). Der Chor solide, aber insgesamt hat mich das nicht vom Hocker gerissen.
Heike

* geändert: Es sang Carsten Süß stattdessen.
Jeremias (03.04.2010, 00:17):
Wie hat Dir Corby Welch gefallen? Er singt hier in Düsseldorf an der Oper, habe ihn mal mit Mendelssohns 2. gehört, das war großartig!
Heike (03.04.2010, 00:25):
Wie hat Dir Corby Welch gefallen? Er singt hier in Düsseldorf an der Oper, habe ihn mal mit Mendelssohns 2. gehört, das war großartig!
Puhhhh jetzt guck ich ganz verunsichert nach deiner Frage noch mal in das Programm - und was seh ich - der wurde auch ausgetauscht!!! Das hatte ich gar nicht bemerkt, weil ich ihn bisher nicht kenne (hatte die Solisten eben nur von der Webseite kopiert)! Es sang Carsten Süß stattdessen. Ich ändere das mal oben.
Der Tenor war nämlich weder großartig noch sonst irgendwie beeindruckend.
Heike

P.s. Der Bass war auch ein anderer als angekündigt - unglaublich. 3 von 4 Solisten wurden still und heimlich ausgewechselt. Wenn man nicht das Programm kauft und liest, würde man das gar nicht mitkriegen - kein Hinweis darauf, weder auf der Webseite noch am Saaleingang. Wenn man die nicht zufällig als nicht anwesend erkennt (wie ich bei der Bonney), dann würde man die unverschuldet doof finden und dabei sind sie das gar nicht :-(
Michael Schlechtriem (03.04.2010, 03:45):
Ich kann mir allerdings vorstellen, dass solch moderne Klavierwerke doch eher schwierig auswendig zu spielen sind.
Liebe Heike,
ich wundere mich immer wieder, warum ein Spielen nach Noten so negativ aufgefasst wird.
Ganz im Ernst, erstmal ist es doch wichtiig, daß der Künstler das entsprechende Werk so gut wie möglich dem Publikum darbietet.
Viele moderne Werke sind fast unmöglich, bei einer normalen Übungszeit auswendig vorzutragen.


Aber auch Standardwerke sind geeignet, einem Interpreten-auch wenn er diese auswendig beherrscht- durch das Lesen des Notentextes spnontan andere Ideen zu vermitteln.

Ich vestehe nicht ,wie man einem "Nachnotenspielen" ablehnend gegenüberstehen kann.

Das Auswendigspielen hat fast keine Vorteile für den Interpreten, nur für das Publikum.
Dieses kann sich dem Solisten ohne Barriere hingeben, aber mir ist solch etwas egal.

Wenn der Solist die Noten braucht? Aber bitte schön, Hauptsache, das Ergebniss stimmt.

Unter Studenten gibt es den Ehrencodex, alles auswendig zu spielen.

Und wenn es dann schief geht, und es geht oft schief, dann gibt es große Lacher.

Warum?
Sind wir bei der Olympiade oder hören wir Musik?


Einnen besonders lachhaften Beitrag fand ich neulich in einem anderen Klassikforum:


Dort echauffierte sich doch tatsächlich jemand darüber, daß man bei den Aufnahmen NICHT sehen könnte, ob jemand nach Noten spielt.

Was für ein Quatsch.
Ich kann z.B. für mich und meine CD behaupten, daß sie zu 100% von Noten abgespielt ist.

Warum auch nicht?
Ändert das etwas am Klang?

:wink

Michael
Heike (03.04.2010, 08:25):
Hallo Michael,
ich stehe dem Spiel nach Noten nicht abwertend gegenüber, vom Kopf her und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig das Aufwendigspielen ist. Ich werte deshalb gaz sicher keine Leistung ab, wenn nicht auswendig gespielt wird. Bei CDs ist es mir auch ganz und gar egal.
ABER: es lenkt mich ab, ich kann nichts dafür, ich kann die Musik besser genießen, wenn speziell am Klavier eben kein Umblätterer danebensitzt, den ich im Konzert sehe. Was soll ich zu meiner Entschuldigung anführen, wenn das meinen Hörgenuss mitunter beeinträchtigt, weil ich es einfach nicht ausblenden kann?
Heike
Fairy Queen (03.04.2010, 08:36):
Beim Gesang ist Auswendig Musizieren ein Muss, es ändert wirklich eine ganze Menge an der Ausdrucxksfreiheit und am Kontakt zum Publikum. Bei Gesangsprüfungen jedweder Art sind Noten deshalb auch verboten. Bei Instrumentalmusik stört mich das aber überhaupt nciht, und ich frage mich , wie man ohne die vermittelnde Brücke der Worte überhaupt sowas auswendig lernen kann. Bei Aufnahmen will ich vor allen Dingen, dass es gut klingt. Was die Musiker dazu tun, ob sie nackt oder im Pelzmantel, liegend sitzend oder stehend, mit Bierinfusion oder Schokoladenbad spielen, ist mir total egal. Ich sehe ja ncihts,will aber was Gutes hören.
Ich habe gestern die Matthäuspassion unter Rattle im Radio gehört, auswendig gesungen, wie gesagt wurde. Als reiner Hörer hab ich da keinen Unterschied festgestellt, Nur dass meine Bewunderung für den armen Mark Padmore, der ienen phantastischen Evangelisten gab, noch gestiegen ist.
Die obligaten Soloinstrumente ware nhervorragend gespielt- ich nehme allerdings an mit Noten!!!!

F.Q.
Heike (03.04.2010, 08:45):
Hallo,
Die obligaten Soloinstrumente waren hervorragend gespielt- ich nehme allerdings an mit Noten!!!!
Das werde ich dann nächste Woche beobachten können - da wäre ich mir nicht so sicher, gerade die Philharmoniker sind immer recht froh, wenn sie auch mal richtig solistisch glänzen können ;-) Schön, dass dir Padmore auch so gut gefallen hat, für mich war er bisher der beste Evangelist, den ich gesehen habe (und den Evangelisten finde ich immer ziemlich wichtig).

Bei Orchestern oder auch Streichquartetten stört es mich übrigens kein bißchen, wenn die ihre Noten vor sich haben. Jedoch ein zweiter Mensch am Klavier zum Umblättern bindet meine Aufmerksamkeit ziemlich. Es gibt auch irgendwo einen Thread zum Umblättern
Heike
Heike (08.04.2010, 07:59):
Quatuor Mosaïques:
Erich Höbarth Violine
Andrea Bischof Violine
Anita Mitterer Viola
Christophe Coin Violoncello

Ludwig van Beethoven - Streichquartett Nr. 4 c-Moll op. 18 Nr. 4
Alexandre Pierre François Boëly - Streichquartett a-Moll op. 27
Robert Schumann - Streichquartett Nr. 3 A-Dur op. 41 Nr. 3

Ein Streichquartett auf alten Instrumenten hört man auch nicht alle Tage!
Ein schöner, warmer Ton, der mich sehr angerührt hat. Das war nicht Schönklang, da lebt das Instrument und sang, klagte, hetzte.....

Das Programm wirkte auf mich sehr gemischt, der vertraute Beethoven noch mal ganz neu gehört war spannend und sehr gelungen. Boëly war mir neu und ehrlich gesagt, musikalisch war das keine wirkliche Bildungslücke, sehr brav (auch brav gespielt, die 4 schauten kaum einmal auf aus den Noten) und es überkam mich eine gewisse Müdigkeit.
Nach der Pause dann Schumann wieder ganz anders, sehr mitreißend und richtig gut!

Große Freude hatte ich wieder an den Mitmenschen im Saal: Das obligatorische Hustenkonzert zwischen den Sätzen gruselt mich immer mehr und wird immer lauter und länger. Bis vor einigen Jahren tat sich das Streichquartettpublikum noch recht positiv hervor, indem es gewöhnlich sehr ruhig war. Vorbei. Da störte mich der alte Mann vor mir, dessen Hörgerät zweimal einige Sekunden lang bedrohlich laut piepte, fast weniger.

Heike
Gamaheh (09.04.2010, 22:54):
Original von Fairy Queen
und ich frage mich , wie man ohne die vermittelnde Brücke der Worte überhaupt sowas auswendig lernen kann.

Vermutlich mithilfe des Kleinhirns, das den Fingern (oder wem auch immer) auf die Sprünge hilft - so wie wir ja auch nicht ständig eine Anleitung vor Augen haben müssen, um schwimmen oder radfahren zu können.

Das Notenblättern beim Klavier-Solo lenkt mich auch ab, aber andererseits können mich auch andere Dinge leicht ablenken wie z.B. Manierismen (gestisch, mimisch oder sartorisch) des Pianisten. Andererseits habe ich gefunden, daß das Abgelenktsein meistens darauf hindeutet, daß musikalisch irgendwas fehlt. Wenn man die Augen zumacht, hilft das meistens, denn entweder kann man sich dann besser konzentriern, oder man schläft ein.

Grüße,
Gamaheh
Heike (11.04.2010, 23:48):
Mandelring Quartett, Gunter Teuffel
So 11. April 2010 20 Uhr
Kammermusiksaal Philharmonie Berlin

Felix Mendelssohn Bartholdy - Streichquartett f-Moll op. 80
Leoš Janácek - Streichquartett Nr. 2 »Intime Briefe« (Urfassung mit Viola d’amore)
Antonín Dvorák - Streichquintett Es-Dur op. 97

Und schon wieder Streichquartett - diesmal ganz anders als am Mittwoch (mit Quatuor Mosaïques)! Während Mittwoch 4 Individualisten großartig zusammen musizierten, war das heute lebendigste Homogenität in Perfektion!

Zuerst das letzte Mendelssohn Bartholdy - Quartett, dass er nur wenige Wochen vor seinem Tod, zudem in Trauer um die verstorbene Schwester Fanny, komponierte. Ein merkwürdiges Werk, sehr verstörend. Es fehlt jegliche FMB-typische heitere Beschwingtheit, es fehlt sogar fast an Melodien. Es ist düster und voller Widersprüche, zugleich sehr intensiv. Perfekt gespielt, das hat mich sehr aufgewühlt. Ich mag diese "sprechenden" Streicher lieber als melodischen Schönklang an sich.

Dann Janácek mit Teuffel an der Viola d'amore. Zuvor hielt er eine kleine interessante und sympathische Rede über dieses vergessene Instrument, stellte es vor. Das hat 7 Saiten, die in Akkorden gestimmt sind, und darunter sind noch Resonanzsaiten. Das Ding bindet man sich quasi an den Hals zum Spielen. Am bekanntesten dürfte die Verwendung in Bachs Johannespassion sein. Teuffel spielte diese viola d'amore also statt der Bratsche, was total interessant war, weil sich damit erstens der Klang (klingt länger nach) und zweitens auch die Notation veränderte (auch der Geige). So hat das Janacek ursprünglich also komponiert und u.a. weil kaum jemand dieses komische Instrument noch spielen konnte hat er es für Bratsche umnotiert (zum Glück, sonst wäre es vermutlich heute kaum so bekannt).

Nach der Pause dann das Quintett von Dvorak - großartig, sehr lebendig, erregend, in einer Wahnsinns- Präzision gespielt.
Als Zugabe für das begeisterte Publikum gabs wieder FMB (Quintett Nr.2, langsamer Satz).

Schade, dass der Saal wenn überhaupt gerade mal halb gefüllt war, und das bei absolut moderaten Eintrittspreisen. Die Leute wissen gar nicht, was sie verpassen!
Heike
nikolaus (18.04.2010, 23:44):
Gerade zurück von einem spontanen Konzertabend in der Kölner Philharmonie.

Mit dem Zug angereist waren:

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung ihres Konzertmeisters Florian Donderer und mit David Fray als Solisten.

Auf dem Programm standen:

W.A.Mozart: Adagio und Fuge c-moll KV 546
W.A.Mozart: Fuge c-moll nach BWV 871 aus Fünf vierstimmige Fugen aus J.S.Bachs Wohltemperiertem
Klavier Teil 2 KV 405
J.S.Bach: Konzert für Cembalo (Klavier), Streicher und Basso continuo d-moll BWV 1052
J.S.Bach: Konzert für Cembalo (Klavier), Streicher und Basso continuo g-moll BWV 1058
Zugabe Fray: Bach (aus Partita Nr. ???)
F.Mendelssohn-Bartholdy: Streichersinfonie Nr. 9 C-Dur
Zugabe Orchester: Grieg, aus Holbergs Suite

Das war Zusammenspiel und Feintuning in Perfektion sowohl innerhalb des Orchesters als auch zwischen Orchester und Solist.
Während in der Studioaufnahme das Klavier sehr präsent ist, verschmolz es jetzt mit dem Orchester zu einer Einheit. Das klang sehr schön, aber manchmal wünschte ich mir Fray doch etwas akzentuierter.
Immer wieder beeindruckt mich die Fähigkeit des Orchesters (und Fray machte es ihnen gleich), sich bis fast zur Nicht-mehr-Hörbarkeit zurückzunehmen, ansatzlos zu beginnen (wenn nötig) und bruchlose Übergänge zu schaffen.
Für meinen Geschmack war das bisweilen zu perfekt, mir fehlte doch der eine oder andere markante Akzent wie z.B. in den Beethoven-Sinfonie.
Das soll aber nicht heissen, das leblos musiziert wurde, im Gegenteil!

Nikolaus.
Heike (19.04.2010, 08:11):
Hallo Nikolaus,
als ich Fray hörte, spielte er auch eine Bach-Partita als Zugabe, die ich ganz wunderbar fand. Ich glaube, Bach liegt ihm besonders.
Mit dem Orchester hab ich ihn ebenso in sehr perfektem Zusammenspiel erlebt, das hat mich ausgesprochen überrascht, weil er ja solo doch etwas exzentrisch spielt. Mir hatte es jedenfalls sehr gut gefallen, aber ich warte noch darauf, ihn mal mit einem Soloprogramm zu hören.
Heike
nikolaus (19.04.2010, 18:38):
Ja, solo würde ich ihn auch gerne mal erleben.
Seine Schubert CD mag ich gerne.
Ich könnte mir nach gestern aber vorstellen, daß sein feinziseliertes Spiel (so habe ich es gestern empfunden) live in einem grossen Saal vielleicht verpufft.
Ich muss nochmal lesen, was cellodil an anderer Stelle geschrieben hat...

Nikolaus.
Heike (20.04.2010, 08:13):
Mo 19. April 2010 20 Uhr - Philharmonie Berlin

Staatskapelle Berlin - Andris Nelsons Dirigent
Yulia Deyneka Viola

Joseph Haydn - Symphonie Nr. 44 e-Moll »Trauer-Symphonie«
Alfred Schnittke - Konzert für Viola und Orchester
Richard Strauss - Also sprach Zarathustra

Zum zweiten Mal sah ich Nelsons und zum zweiten Mal bin ich begeistert.
Zuerst Haydn, sehr beschwingt, richtigerweise gar nicht zäh ud traurig. Nelsons tanzte fast auf dem Podest, die Staatskapelle folgte ihm mit wunderbarstem warmen und feinen Klang. Großartig. Ich habe schon ganz langweilige und seichte Haydn-Sinfonien gehört; das gestern war ein Hochgenuss.

Das Schnittke - Konzert mit der Solo-Bratschistin der Staatskapelle an der Viola war dann der musikalisch fast größtmögliche Kontrast dazu. Die Programmzusammenstellung erschließt sich mir nicht, ich hatte Mühe, umzuschalten, was nicht an Frau Deyneka an der Viola lag, sie spielte super und sehr packend. Als ich dann drin war, fesselte mich das Werk. Nelsons hier sehr aufmerksam, Nicht so mitreißend wie der Haydn, was aber sicher auch am Stück lag.

Nach der Pause Strauss. Ich habe mich von der perfekt rausgearbeiteten Dynamik der Musik mitreißen lassen und Nelsons ganz fasziniert beobachtet (ich habe mir extra einen Platz hinter dem Orchester gekauft). Wie ein Magier steht er da, lässt sich von der Musik mitnehmen und führt dieses riesige Orchester mühelos. Seine Mimik und Gestik reizt spontan zum Lächeln oder Mitleiden - das macht gute Laune, ihm zuzusehen. Interessanterweise wirkt er mit seiner fast spielerischen Optik aber nicht theatralisch oder affektiert, sondern sehr stimmig und ästhetisch; sogar wenn er so hoch springt, dass der nackte Bauch kurz aufblitzt (er trug schwarzes Hemd und Hose, die genauso schön fließend waren wie seine Musik).

Toller Abend! Nelsons hat ein ganz großes Gespür fürs Tempo, finde ich. Und der wunderbare Klang der Staatskapelle hat mich wiedermal 100 Prozent überzeugt.
Heike
Armin70 (20.04.2010, 18:37):
Andris Nelsons habe ich bis jetzt auch zweimal live im Konzert erlebt und mir haben beide Konzerte sehr gut gefallen. Er versteht schon, das Orchester und das Publikum mitzureissen. Meiner Meinung nach sollte er aber etwas darauf achten, nicht zu viel "Show" zu machen. Ich besitze auch keine Aufnahme mit ihm als Dirigenten und so kann ich nicht beurteilen, wieviel Nelsons von dem Konzert-Erlebnis auf CD transportieren kann bzw. ob davon auf CD etwas zu spüren ist.

Auf der anderen Seite macht es mir aber mehr Spass, einem Dirigenten wie Nelsons zuzuschauen, der emotional sehr mitgeht als z. B. Pierre Boulez, der ohne Frage ein sehr guter Dirigent ist aber sein eher nüchterner Dirigierstil steht manchmal im krassen Kontrast zu der betreffenden Musik, die er dirigiert (z. B. wenn ich an einige Mahler-Sinfonien denke).
Heike (23.04.2010, 23:54):
ALICE SARA OTT
23.04.2010 Kammermusiksaal Berlin

Mendelssohn Bartholdy: Variations sérieuses op. 54
Beethoven: Sonate cis-Moll op. 27 Nr. 2 “Mondscheinsonate“
Chopin: Scherzo op. 31. Nr. 2
Chopin: 3 Valses brillantes op. 34 und Valses op. 64 Nr. 1 und Nr. 2
Liszt: Études d'éxecution transcendante Nr. 9 und 10


Das war hörenswert, was diese zierliche Person dem Klavier entlocken konnte! Schon gleich zu Beginn die Variationen spielte sie sehr differenziert, wie ein Netz aus kleinen feinen Episoden, die sich wunderbar zu einem Ganzen fügten. Eine Geschichtenerzählerin!

Auch die Mondscheinsonate überzeugte mich sehr, hier zeigte sich, dass sie wie später bei den Chopin-Walzern ganz klug und ohne jeden Schmalz dieses oftgehörte Werk darbot. Mit teilweise ganz hartem Anschlag, dann wieder sehr zart, auch ganz unterschiedliche Klangfarben zeigte sie hier, von schaurig fahl bis glockenhell. Ausgesprochen differenziert, in der Dynamik manchmal mit überraschenden Details, mit leichtem Hang zur Melancholie vielleicht, aber auch sehr ernsthaft uns strukturiert.

Das Scherzo hat mir nicht ganz so gut gefallen, obwohl sie hier schöne große Bögen machte und auf billige Effekte komplett verzichtete, fand ich es zu wenig gruselig, sondern eher böse. Aber ok, kann man so sehen, ich habe es auch schon viel schlechter gehört.

Wirklich großartig fand ich dann wieder die Liszt- Etüden. Davon mal abgesehen, dass die unglaublich schwierig sind
sie machte eben keine zirzensischen Virtuosenstücke draus, sondern erzählte dieses Stück mit einer inneren Spannung, die mich absolut begeisterte.

Als Zugaben gab es für das begeisterte Publikum im fast ausverkauften Saal La Campanella und zuletzt nochmal Chopin in cis moll zur Nacht..... gut gemacht - ich hatte schon Angst, dass es ganz zum Schluss noch kitschig wird, aber auch in diese Falle ist sie nicht getappt :-)

Heike
Jeremias (25.04.2010, 07:56):
Gestern in der ziemlich ausverkauften Oper Köln, Liederabend mit

Kiri Te Kanawa & Julian Reynolds

Programm:

WA Mozart

Ridente la calma (KV 152)
An Chloë (KV 524)
Abendempfindung (KV 523)
Un moto di gioia (KV 579)

R. Strauss

Die Nacht Op 10 No 3
All mein Gedanken Op 21 No 1
Morgen Op 27 No 4
Das Rosenband Op 36 No 1

Ständchen Op 17 No 2
Allerseelen Op 10 No 8
Malven AV304
Cäcilie Op 27 No 2

INTERVAL

Canteloube

Bailero
Lo Fiolaire
La Delaissado
Malurous qu'o uno fenno

C Guastavino

La rosa y el Sauce
Que Linda, la madreselva!
El clavel del aire blanco

A Ginastera

Cancion al arbol del Olvido

Puccini

Sole e amore (Mattinata)
Morire


Mein Fazit: Viva la diva! Sie weiss nicht nur, wie man mit zwei verschiedenen Outfits sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, sondern auch wie man geschickt ein publikumswirksames Programm aufbaut.... Den Mozart brauchte sie um Kontakt zum Publik herzustellen und sich an die Akkustik zu gewöhnen. Nichts besonderes... bei Strauss war sie ganz in ihrem Element! Sie glänzte insbesondere im Pianissimo der hohen Lagen. Im 3. Lied "Morgen", welches aufgrund der leisen dynamik horrend schwer ist, liess sie sich nichtmal durch ein klingelndes Handy, welches das Anfangsmotiv aus Beethovens 5. hervorbrachte und für ein Raunen im Publikum sorgte, aus der Fassung bringen. DAfür folgte nach dem ersten Strauss-Block eine Ansage. Für sie als Neuseeländerin sei es schon wahnsinnig schwer auf Deutsch zu singen und dann an der schwierigsten Stelle das Handy... sie kommentierte es mit den Worten "I could have killed you!!!", was ihr gesonderten Beifall einbrachte. Sollte noch ein weiteres Handy klingeln, dann würde ein Mord geschehen! :ignore

Fazit nach dem ersten Teil: Mozart durchwachsen, Strauss teilweise traumhaft, wobei sie dies auch dem Pianisten zu verdanken hatte, der ihre Temposchwankungen immer wieder auffing. Dazu hatte er eine Leichtigkeit und einen Anschlag, ohne den die Strauss-Lieder nicht so emotional hätten interpretiert werden können.

Im 2. Teil war alles auf Puccini zugeschnitten. Canteloube, Guastavino & Ginastera waren schön interpretiert, aber erst bei Puccini war sie in ihrem Metier, der Oper, angekommen und hier zeigte sich, dass sie hier zu Hause ist und demzufolge keine ganz große Liedsängerin. Den Puccini kann man nicht schöner singen, sie ließ im ersten Stück den Pianisten sogar mitsingen und verkaufte dies als sein "Köln-Debut". Standing Ovations, welche mit 4 Zugaben honoriert wurden. Es folgte ein weiteres LIed von Puccini, gefolgt von vermute ich Strauss. Dann folgte, um es mit Dieter Bohlen zu zitieren, "Gefühl, Gefühl, Gefühl"... das schönste "O mio Babbino Caro", das ich je gehört habe... begleitet nicht von einem Orchester sondern eben von einem einzigen Pianisten, der hieraus keinen Schmachtfetzen machte, sondern eine wunderbar gefühlvolle Arie und und mit leisen Tönen zu brillieren wusste. Nach unzähligen Bravi, minutenlangen Standing Ovations zog sie sich dann die Schuhe aus, die sie sowieso nervten, da sie mit ihren Absätzen ständig in Löchern hängen bliebe, hüpfte auf die Bühne wie ein junges Reh und sang dann solo ohne Klavier noch ein Lied der Maori.

Es war ein beeindruckender Abend, ein intelligent aufgebautes Programm und eine Sängerin, die dank ihres Pianisten, bei dem sie sich auch entsprechenden bedankte, einige Male geniale Momente hatte und wusste, das breite Publikum für sich zu gewinnen.
Fairy Queen (25.04.2010, 16:28):
Lieber Jeremias, da wäre ich zu gerne dabei gewesen! Ich wusste gar nicht, dass kiri te Kanawa noch grosse Konzerte gibt. In New York ist sie in La fille du regiment in der klienen Rolle der Gräfin von Krakentorp(oder so...) zu hören und solche Rollen bedeuten an sich, dass die Sänger sich von der Bûhne zurückziehen. Sie muss doch sicher auf die 70 zugehen oder?
Dass die Strauss lieder ihr wunderbar leigen, kann ich mir genau vorstellen. Bei "Morgen" mit dem Handy wâr ich auch ausgerastet und hâtte abgebrochen und von vorne angefangen, aber demonstrativ erst dann, wenn das Handy aufhört.
Mir war te Kanawa immer besonders sympathisch und ich mag ihre Stimme sehr. Ihre donna Elvira bleibt für mich bis daton unereicht-, das nur dazu, dass sie mit Mozart in dem Konzert wohl auf nciht so gutem Fuss stand. Ich denke, die Stücke warne einfach zu leichtgewichtig fûr diese grosse Opernstimme.
F.Q.
Cetay (inaktiv) (26.04.2010, 09:44):
Gestern habe ich Nigel Kennedy und das Orchestra of Life in Stuttgart bewundern dürfen. Das Ticket war sauteuer und will erst mal wieder reingearbeitet sein, deswegen habe ich nur Zeit für ein paar ganz kurze Impressionen.

Auch nach 20 Jahren schert sich Kennedy um die Konventionen des hochkulturellen Konzertbetriebs einen Dreck. Applaus dafür!

Wer Bach als etwas Heiliges ansieht und den Konzertsaal mit einem Tempel verwechselt, wurde nicht glücklich. Man musste schon einzelne Sätze und Auschnitte aus Werken tolerieren, improvisatorische Einschübe einfach genießen können -statt mit der Nachbarin zu tuscheln, dass das nicht nach Partitur ist-, mit Snare und Becken im Continuo zurechtkommen, nicht vom Programmheft abhängig sein und das böse F*-Wort abkönnen. Mich hat das -bis auf die Improvisation- nicht sonderlich begeistern können, nicht wegen Kennedy, sondern wegen Bach.
Der Rest des Programms war deutlich besser. Kennedys Eigenkomposition ist zwar seichtes Easy Listening, aber wie er mit langen Steigerungswellen sein Solo aufgebaut hat, das war allererste Sahne.
Ellington hat es dann vollends rausgerissen. Spielfreude bis zum Abwinken und sehr viel interessante Klanggestaltung, teilweise sogar Neutönerische Einschübe. Nach dem regulären Set verließ schätzungweise ein Fünftel das Publikums fluchtartig den Saal. Der Rest bekam endlos Zugaben, die immer noch eine Schippe drauflegten und jene Magie schufen, die einen Konzertbesuch zu einem überweltlichen Erlebnis werden läßt. Standing Ovations nach beinahe 4 Stunden.
Randbemerkung: Die Außenhülle der Primgeigerin war so unglaublich attraktiv, das ich meine Augen nicht von ihr lassen konnte und auf den Punk mit der Geige kaum geachtet habe.

Ob das Ganze nun mehr Show als Kunst war? Egal, mit der Trennung des Profanen vom Heiligen fängt jeder Niedergang an. Lassen wir das doch einfach bleiben. Für mich entscheidend: Ich hatte sehr viel von dieser ganz speziellen Freude, die nur Musik und Musizierende vermittlen können.
Heike (26.04.2010, 18:04):
Mir ist Nigel Kennedy durchaus sympathisch, ich habe einige Interviews mit ihm gelesen und ihn auch mal im Fernsehen gesehen, ein bissel schräg der Typ, aber kein Aufschneider. Originell, aber der gibt nicht vor, was anderes zu sein, was er ist. Ich selbst würde vermutlich lieber dreiimal Streichquartette für den Preis hören :ignore aber ich kann gut verstehen, dass solche Konzerte Spaß machen und kann mich da auch richtig mitfreuen.
Heike
Rachmaninov (27.04.2010, 07:39):
Original von Heike
Mir ist Nigel Kennedy durchaus sympathisch, ich habe einige Interviews mit ihm gelesen und ihn auch mal im Fernsehen gesehen, ein bissel schräg der Typ, aber kein Aufschneider. Originell, aber der gibt nicht vor, was anderes zu sein, was er ist.

Ob man ihn mag oder nicht, man muss ihm zugestehen autentisch zu sein.
Was man manchem einfach nicht zugestehen kann da oft die Masken des Marketings zu offensichtlich sind.
Marionetten gleich bewegen sich da doch andere zu sehr durch die mediale Welt.
Gamaheh (27.04.2010, 21:31):
Original von Rachmaninov
Original von Heike
Mir ist Nigel Kennedy durchaus sympathisch, ich habe einige Interviews mit ihm gelesen und ihn auch mal im Fernsehen gesehen, ein bissel schräg der Typ, aber kein Aufschneider. Originell, aber der gibt nicht vor, was anderes zu sein, was er ist.

Ob man ihn mag oder nicht, man muss ihm zugestehen autentisch zu sein.
Was man manchem einfach nicht zugestehen kann da oft die Masken des Marketings zu offensichtlich sind.
Marionetten gleich bewegen sich da doch andere zu sehr durch die mediale Welt.
Sicher, und häufig sind sie genauso schnell wieder draußen wie sie reingekommen sind: heute Stars, morgen schon vergessen ("shooting stars" eben) - der Verschleiß ist enorm. Das muß man Kennedy schon lassen: Zumindest ist er sich treu geblieben und ist immer noch oben.

Grüße,
Gamaheh
Armin70 (02.05.2010, 15:21):
Vorgestern, gestern und heute gabs in der Alten Oper alle 5 Violinkonzerte inklusive der Sinfonia Concertante für Violine und Viola von W. A. Mozart in der Alten Oper, Frankfurt:

Freitag, 30.04.2010 um 20 Uhr

Franz Schubert: 3. Sinfonie D-Dur D 200

W. A. Mozart: 3. Violinkonzert G-Dur KV 216 + Sinfonia Concertante Es-Dur KV 364

Zugabe:
W. A. Mozart: Duo für Violine und Viola G-Dur KV 423


Samstag, 01.05.2010 um 20 Uhr:

Sergej Prokofjew: 1. Sinfonie D-Dur op. 25 ("Symphonie Classique")

W. A. Mozart: 2. Violinkonzert G-Dur KV 211 + 4. Violinkonzert G-Dur KV 218

Georges Bizet: Sinfonie C-Dur

Zugabe:
J. S. Bach: Gigue aus der 3. Partita E-Dur BWV 1006 für Violine solo


Sonntag, 02.05.2010 um 11 Uhr:

Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 101 D-Dur HOB. I:101 ("Die Uhr")

W. A. Mozart: 1. Violinkonzert B-Dur KV 207 + 5. Violinkonzert A-Dur KV 219

Zugabe:
Eugene Ysaye: "Obessesion" aus der 2. Sonate a-moll op. 27 für Violine solo

Julia Fischer: Violine
Antoine Tamestit: Viola
Niederländisches Kammerorchester, Yakov Kreizberg

Das war wirklich absolute Spitze. Alle 3 Konzerte waren auf dem allerhöchstem Niveau: wunderbares, natürliches und sehr gefühlvolles Musizieren. Allen voran Julia Fischer, die in Frankfurt ohne Frage ein Heimspiel hat und zu Recht ein Publikumsliebling ist. Aber auch Antoine Tamestit in der Sinfonia Concertante und nicht zuletzt das Niederländische Kammerorchester unter der hervorragenden Leitung von Yakov Kreizberg waren ebenbürtige und gleichberechtigte Partner.
Das finde ich an Julia Fischer so sympathisch, dass sie sich nicht divenmässig als der Superstar verhält. Es macht auch spass zu sehen, wie sie beim Spielen ständig kontakt zum Dirigenten und den Orchestermusikern hält, um so ein Höchstmass an Homogenität zu erreichen. Ab und zu ein Augenzwinkern und ein Lächeln oder ein Kopfnicken. Das konnte ich von meiner Sitzposition gut beobachten. Aus den vielen gemeinsamen Aufnahmen sind Julia Fischer und Yakov Kreizberg ja auch ein toll eingespieltes Team.

Das Niederländische Kammerorchester zeigte übrigens nicht nur bei Mozarts Konzerten sondern auch in den reinen Orchesterwerken hervorragende Leistungen.

Etwas lustiges am Rande gabs beim heutigen Konzert als nach der Pause der 1. Oboist merkte, dass er seine Brille hinter der Bühne vergessen hatte und noch mal schnell hinter der Bühne verschwand, um sie zu holen. Als er dann wieder auf die Bühne kam, gabs kurzen Szenenapplaus und als Julia Fischer und Yakov Kreizberg kurz danach auf die Bühne kamen, konnten sie sich auch ein Lächeln nicht verkneifen.

Alles in allem also waren das 3 wundervolle Konzerte.

P.S.:
Im Programmheft ist zu lesen, dass für August 2010 die Veröffentlichung des DVD-Konzertmitschnitts des Frankfurter Neujahrskonzert 2008 geplant ist in dem Julia Fischer einmal als Klaviersolistin in Griegs Klavierkonzert und dann mit Saint-Saens 3. Violinkonzert zu hören war.
Armin70 (03.05.2010, 20:50):
Heute fand ich im Internet 2 Rezensionen zu diesem Mozart-Violinkonzerte-Zyklus:

Frankfurter Rundschau

Die Beschreibung zu dem abgebildeten Foto ist übriges falsch, denn es zeigt Antoine Tamestit und nicht Yakov Kreizberg.

Dann noch einen Ausschnitt aus der Frankfurter Neuen Presse: Hier. Diese Rezension bezieht sich allerdings nur auf das 1. Konzert. Pech für den Schreiberling, dass er zu spät kam und so die schöne 3. Sinfonie von Schubert verpasste. Dumm gelaufen...
Heike (03.05.2010, 23:24):
Mo 03. Mai 2010 Philharmonie Berlin

DSO Berlin, Susanna Mälkki - eine Frau am Pult!
Krassimir Sterev Akkordeon
Anders Nyqvist Flügelhorn

Wolfgang Amadeus Mozart Symphonie Nr. 25 g-Moll
Bernhard Gander »Dirty Angel« Konzert für Akkordeon, Flügelhorn und Orchester
Igor Strawinsky »Petruschka« (1947)


Ich sags gleich vorweg, das war daneben.
Mozart so gepflegt langweilig, dass ich mich wieder erinnere, warum ich ihn früher nicht mochte. Endlos gleichförmige Wiederholungen, ohne Tempo, ohne Esprit, ohne Variation, einfach zum Gähnen und klanglich auch nichtmal schön.

Dann das neue Werk von Herrn Gander, das erst vor wenigen Tagen in München uraufgeführt wurde- Mal wieder etwas aus der Kategorie "Lärm gemischt mit Präsentation einzelner Instrumente(ngruppen)". Viel Rhythmus, einfallslos instrumentiert, ohne Struktur. Ich mag kein Flügelhorn, das so rumquäkt und ich mag auch kein Akkordeon, das nur Akkorde aneinanderreiht. Naja.

Nach der Pause: Strawinsky. Ich liebe Strawinsky! Aber bitte nicht so. Das hat das RSB vor einigen Wochen mit dem Sacre um Welten besser gemacht. Heute fehlte es an (der hier so lebenswichtiogen) Präzision, alles war schwammig, teilweise sogar verwaschen und zäh. Schade, dass auch der Charakter des Stückes für mich teilweise nicht getroffen war, der Walzer war nicht komisch, der Jahrmarkt nicht bunt.
Da passte es, dass dem ersten Geiger auch noch im 2. Bild eine Saite riss - schön zu beobachten, wie seine Nachbarin ihm die blitzartig wieder aufzog (nach Tausch der Geigen) und seine Geige auch ruckzuck wieder nur mit 2, 3 mal leise zupfen stimmte und zurückgab - der hatte damit danach ja noch 2 kleine Soli - toll, wie die das so flink hinkriegen.

Fazit: Das hat mich nicht überzeugt, Frau Dirigentin!
Heike

P.s. aber vermutlich ist meine Konzertwelt schon morgen wieder in Ordnung, ich freue mich schon auf Beethovens Missa Solemnis mit dem RSB, Janowski, dem großartigen Rundfunkchor und u.a. Mark Padmore als Solist :-) :-) :-)
Heike (05.05.2010, 15:44):
4.5.2010 Philharmonie Berlin
Ludwig van Beethoven - Missa solemnis für Soli, Chor und Orchester op. 123
Camilla Nylund, Sopran
Iris Vermillion, Alt
Mark Padmore, Tenor
Franz-Josef Selig, Bass

Rundfunkchor Berlin
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Leitung: Marek Janowski

Monumental, bewegend, schön!
Dieses Meisterwerk des alten und tauben LvB, das so grandios vielschichtig und auch so unglaublich schwierig ist: oft hatte ich noch nicht das Vergnügen, es live zu hören.

Janowski, der uneingeschränkte Regent am Pult, hat das mustergültig in den Griff bekommen - extrem direktiv trieb er Orchester, Chor und sogar die Solisten an, was der Sache aber imho gut tat :-). Sehr schnell gespielt also, aber zugleich ausdrucksvoll und punktgenau, da hörte man jedes kleine Solo so raus, wie man es sich wünscht. Mit beeindruckendem Streicher-Klang das RSB, in faszinierendem Dialog mit dem Rundfunkchor, der wie immer umwerfend war: so transparent und verständlich, dass der Messetext auch bei den ganz hoch gesungenen Passagen sowie den vielstimmigen Stücken verständlich blieb. Toll. Das versetzte mitunter den ganzen Raum in Schwingungen, speziell das ohnehin effektvolle Gloria ist einfach unglaublich wirkungsvoll gesungen worden.

Alle vier Solisten haben mir gefallen, herausheben möchte ich Iris Vermillion, die mich ausgesprochen beeindruckte. Nylund, die ich unlängst schon mal hörte und die mich da nicht so überzeugte, war in Höchstform und brillierte mit einem schönen kräftigen Sopran, der auch gestern schnörkelloser gesungen war und mir so viel besser gefiel. Padmore mag ich sowieso (obwohl er in den Passionen mit den langen Solopassagen noch mehr fesselt als im Ensemble). Und auch der Bass überzeugte, insbesondere in dem schlafwandlerisch tiefen agnus dei.

Das Konzert wird am 10.5. von DRadio Kultur übertragen (20 Uhr)
Heike
Armin70 (08.05.2010, 00:44):
Freitag, 07.05.2010, 20 Uhr

Bedrich Smetana: Aus Böhmens Hain und Flur (Aus "Mein Vaterland")

Camille Saint-Saens: 1. Violoncellokonzert a-moll op. 33

Zugabe:
Ernest Bloch: "Prayer" für Violoncello und Streicher

Hector Berlioz: Symphonie Fantastique op. 14

Sol Gabetta: Violoncello
HR-Sinfonieorchester, Dirigent: Leonard Slatkin

Das war wieder ein tolles Konzert. Schon der Auftakt mit Smetanas Ausschnitt aus seinem großen Zyklus machte Lust auf Mehr. Positiv fand ich auch, dass nicht die vielleicht zu oft gespielte "Moldau" daraus ausgewählt wurde.

Sol Gabetta war eine großartige Solistin in Saint-Saens 1. Violoncellokonzert, das ich ehrlich gesagt in dem Konzert zum ersten Mal hörte. Da fehlen mir sicherlich die Vergleichsmöglichkeiten aber ich fand das sehr schön. Besonders die lyrischen Momente wurden sehr gut umgesetzt. Slatkin und die HR-Sinfoniker waren aufmerksame Begleiter von Sol Gabetta. Ihr Spiel fand ich großartig und was für schöne Töne sie ihrem Instrument entlockte.
Ein Ohrenschmaus dann auch die Zugabe mit Ernest Blochs "Prayer" für Violoncello und Streicher. Zu Recht gabs viel Beifall und Bravos für die hübsche Sol Gabetta. Nach dem Konzert habe ich mir dann noch in der Alten Oper ihre neue Aufnahme mit Elgars Violoncellokonzert gekauft.

Nach der Pause gings mit Berlioz`Symphonie Fantastique weiter. Zuerst vielleicht noch mit etwas gebremster Leidenschaft und Feuer. Slatkin arbeitete in der Einleitung aber sehr schöne Details heraus. Toll fand ich den 3. Satz "Scene aux champs" (Szene auf dem Lande). Das lag vor allem an den hervorragend gespielten Bläsersoli.

In den letzten beiden Sätzen (Gang zum Richtplatz und Traum einer Sabbatnacht) konnten dann auch die kompletten Blechbläser und alle Schlaginstrumente ihr Virtuosität ausspielen. Wobei Slatkin aber gut daran tat, dass er "dem Affen nicht zu viel Zucker" gab. Die Schluss-Stretta setzte Slatkin dann mit einem effektvollen Crescendo an und führte das Werk zu einem brillianten Schluss.

Das hat schon Spass gemacht, Berlioz "Orchesterkracher" mal live zu erleben und das mit einem so hervorragendem Orchester wie dem HR-Sinfonieorchester.

Am Ende des Konzerts gabs dann noch eine schöne Szene als der langjährige 1. Oboist des HR-Sinfonieorchesters Liviu Varcol in den Ruhestand verabschiedet wurde und er vom Orchestervorstand einen großen Blumenstrauss überreicht bekam und er auf dem Dirigentenpult stand und den großen Applaus und Bravos von seinen Orchesterkollegen/innen und dem Publikum entgegen nahm.
ab (08.05.2010, 01:03):
gestern:
Gautier Capuçon & Frank Braley

Bohuslav Martino
Variation über ein slowakisches Thema
Sergej Prokofjew
Sonate C-Dur op. 119 für Violoncello und Klavier
(Pause)
Ludwig van Beethoven
Sieben Variationen Es-Dur über »Bei Männern, welche Liebe fühlen« aus Mozarts »Zauberflöte« WoO 46 für Klavier und Violoncello
Felix Mendelssohn Bartholdy
Sonate D-Dur op. 58 für Violoncello und Klavier

Statt Martino solte eigentlich die Arpeggionesonate erklingen, aber den Schubert haben sie aus dem Programm genommen, sehr schade!

Fazit: eine beispiellose Bogentechnik: :times10
Von Fortissimo bis fast unhörbarem Pianissimo ließ er von Lento bis Prestissimo jeden Ton weich und geschmeidig makellos erklingen. Sagenhaft! Diese Bogenstrich ist so garandios, dass seine Zupftechnik im direkten Kontrast geradezu schlecht wirkt (obwohl sie es im Vergleich zu seinen Kollegen natürlich gar nicht ist). Leider sehr weites Vibrato. Dennoch alles schlank und frei von Sentimentalität. Musikalisch wird er sich hoffentlich noch entwickeln. Interpretatorisch hat er ein ausgesprochenes Gespür für Linienführung. Ließe er die Füße auf den Boden, könnte er auch einen kräftigeren Ton erzeugen.

Braley war höchst erfreulich: Er übernahm mit viel Gespür für Rhythmus und Harmonien unglaublich fein Linien, setzte blitzend rhythmische Impulse, ließ in Akkorden jeweils andere Töne aufleuchten oder fing das leiseste Pianissimo des Cellisten auf. Musikalisch hat er den Abend aufgefangen. Leider war manches etwas salopp lässig in der Geläufigkeit. Erstaunlich für jemanden, der den Königinnen Elisabeth Wettbewerb gewonnen hat.

Der Beethoven war von Braley besonders quirlig, was viel gerettet hat.
Der Martino fiel in der Durchtestaltung und dem gemeinsamen Zusammenspiel deutlich ab. Bei einer solche Qualität wurde noch deutlicher, dass der Prokofjew keine kompositorische Meisterleistung von ihm war. Übrigens war das Konzert fast auf den Tag genau 60 Jahre nach der UA). Der Mendelssohn war herrlich unsentimental: das ging ab wie ein spritziger, jugendlicher Schumann. So gehört das gespielt!
:hello
Armin70 (10.05.2010, 15:09):
Noch ein kleiner Nachtrag zum Konzert des HR-Sinfonieorchesters vom letzten Freitag. Im Internet fand ich folgende Rezension über dieses Konzert: Hier.

Dieses Konzert wird übrigens am Dienstag, 18.05.2010 um 20:05 Uhr auf HR 2-Kultur wiederholt (Frequenzen 96,7 MHz, 99,45 MHz bzw. als Livestream im Internet unter www.hr2-kultur.de).
Armin70 (15.05.2010, 00:06):
Freitag, 14.05.2010, 20 Uhr Alte Oper Frankfurt/Main

Johann Sebastian Bach: Hohe Messe in h-moll BWV 232

Die Gesangssolisten (als Mitglieder des Chores):

Sopran: Lenneke Ruiten
Alt: Heather Cairncross
Tenor: Nicholas Mulroy
Bass: Sam Evans, Alexander Ashworth

The Monteverdi Choir
The English Baroque Soloists
Sir John Eliot Gardiner


Nach Bachs Matthäus-Passion mit Herreweghe war dies heute die 2. Bach-Sternstunde.

Der Chor bestand aus 30 Sängern/innen und die Solisten waren in dem Chor integriert und traten bei den Solostücken bzw. den Duetten aus dem Chor heraus und stellten sich neben den Dirigenten, um so auch besser mit den jeweiligen obligaten Soloinstrumenten zu musizieren. Die Instrumentalsoli waren auch vom feinsten, besonders eindrucksvoll war die junge Hornistin mit dem traumhaft-schönen Hornsolo im "Quoniam tu solus sanctus" (schade, dass Bach kein reines Hornkonzert komponierte).

Der Monteverdi-Choir war schlicht und einfach überragend. Atemberaubend war z. B. das "Cum Sancto Spiritu", das ich wohl noch nie so schnell gesungen und gespielt gehört habe. Aber die können das auch schlicht und einfach und man muss in keinem Moment befürchten, dass die aus der Kurve fliegen.

Atemberaubend auch das "Et Incarnatus est", das komplett verinnerlicht vorgetragen wurde mit einem faszinierendem Pianissimo, das mir die Spucke wegblieb und im "Et ressurexit" war diese Düsternis mit einem Schlag fortgefegt und der strahlende Glanz der virtuosen Trompeten und Pauken war wieder da.

Am liebsten würde ich noch viel mehr beeindruckende Stelen aufzählen, z. B. das großartige Sanctus aber eigentlich war die ganze Aufführung beeindruckend. Das spürte auch das Publikum, das ich lange nicht mehr so diszipliniert wie heute Abend erlebte.

Das war einfach grandios, dieses brilliante Ensemble (Chor, Orchester und Dirigent) mit so einem gewaltigen und beeindruckenden Werk zu erleben. Man merkt auch, dass dies Gardiners Ensembles sind, weil da einfach alles zusammen passt. Das war aber keine "kalte sterile Perfektion". Man sah allen an, mit welchem Eifer, Freude und Spiellust sie bei der Sache sind. Gardiner lächelte immer wieder zustimmend und anerkennend zum Chor und Orchester, die absolut sofort jede Dirigiergeste Gardiners umsetzten.

Am Ende dann stürmischer Applaus, jubelnde Bravos und Standing Ovations.
Michael Schlechtriem (15.05.2010, 00:25):
Bohuslav Martino
Hallo ab,
sorry, der Komponist heißt Bohuslav Martinu und seine "Variationen über ein slowakisches Thema" sind ein sehr beliebtes, bekanntes und effektvolles Werk für Cellisten.

Prokofjews Cellosonate ist übrigens ein Meisterwerk.
Habe das Teil in über 25 Jahren sehr, sehr oft aufgeführt und immer wieder neu erkundet.Insoferne darf ich mir diese Bemerkung hoffentlich gestatten.

Leider sehr weites Vibrato. Dennoch alles schlank und frei von Sentimentalität. Musikalisch wird er sich hoffentlich noch entwickeln.
Ach, bei einer solchen lockig flockig hingeworfenen Bemerkung würde ich mal sagen: Mach's besser!!

Und Prokofjew muß überhaupt nicht schlank und frei von Sentimentalität gespielt werden. Das Werk ist von 1946 und darf getrost ganz normal mit Expression gespielt werden, Herr Kritiker.
Musikalisch und technisch ist Capuçon ganz weit vorne, das am Rande.
Ließe er die Füße auf den Boden, könnte er auch einen kräftigeren Ton erzeugen.

Bitte?
Selten solch einen.......gelesen.

Capuçon sollte sich meiner Meinung nach allerdings schon mal mit den Folgen eines Bandscheibenvorfalls auseinandersetzen.
Das erscheint mir wichtiger, wenn ich Ihm beim Spielen zusehe. Und leider kenne ich mich da aus......aua........

Gruß,
MS
P.S.
Kapiere nun, wieso Du Martino schreibst!
Habe Martinu in der korrekten Schreibweise angegeben und bei mir spuckt das Klassikforum auch nur "Martino" aus.

Sorry für dies, das konnte ich nicht wissen.
Fairy Queen (15.05.2010, 06:20):
Ich kann hier demnächst auch mitreden, denn Capuçon kommt zusammen mit Gabriela Montero am 20.5. nach Lille und ich habe Karten..... :leb
Sein Ruf ist zumindest hier in Frankreich ausgezeichnet und als Kammermusikfan lacht mir vor Vorfreude das Herz!
F.Q.
ab (15.05.2010, 13:18):
Original von Michael Schlechtriem
Bohuslav Martino

Ließe er die Füße auf den Boden, könnte er auch einen kräftigeren Ton erzeugen.

Bitte?
Selten solch einen.......gelesen.


Ja, leider wird bei Martinu das "u" mit Kringel zu einem "o" umgewandelt, ich hab das erst bemerkt, als es zu spät zum Ändern war.


Was die Güte der Cellosonate von Prokofiev betrifft, so finde ich sie deutlich weniger interessant als zB seine Sinfonia Concertant, die ich zu den absoluten Meisterwerken Prokofievs zähle; aber so wie auch eine sentimentale Interpretation mag das eine Frage des persönlichen Geschmacks sein. Geschmäcker sind sind halt verschieden. Mir hat jedenfalls noch keine Aufnahme der Cellosonate und auch die bislang drei Konzerterfahrungen derart Freude gemacht, dass ich sie zu seinen absoluten Meisterwerken zählen wollte, es mag ja sein, dass ich mich irre (aber schon allein im Vergleich mit der Güte seiner Klaviersonaten glaube ich das kaum). Ich bitte vielmals um Entschuldigung, wenn Dich das persönlich trifft, das war nicht meine Absicht...

Was aber die extremen Auswirkungen einer boderverbundenen Körperhaltung auf den Ton betrifft, so stelle ich immer wieder fest, dass einzelne Musiker selbst dies vehement in Abrede stellen. (Mir scheint, dies hat damit zu tun, dass Musiker selbst auf ganz andere Aspekte hören, als rezipierende Mensche, die über das Glück verfügen, unvoreingenommen von einer eigenen Musiziererfahrung des jeweiligen Werks hören zu können.) Nicht destotrotz bin ich von der Richtigkeit dieser Behauptung felsenfest überzeugt. Achte doch einmal drauf, und bilde Dir ein eigenes Urteil aufgrund von vergleichender Hörerfahrung, als es a priori als "..." abzutun und vorweg zu leugnen!

Dein "Machs besser!" betreffend, ist das ja einer der Gründe, warum ich nicht Musiker werden wollte, und auch heute nicht mehr selbst Cello spiele. :D
Aber dieser rhetorische Trick, jemanden vorzuwerfen, es selbst nicht besser machen zu können, ist natürlich kein Argument dagegen, dass Capuçon ein weites Vibrato pflegt und noch viel weniger ein Argument für oder dagege, dass dies als "leider" (abseits eines reinen Geschmacks- als Qualitätsurteil gemeint) zu bewerten sei.

Mir scheint auch, dass Capuçon "musikalisch und technisch ganz weit vorn" ist; und umso mehr hoffe ich, dass er sich bei der Ausdruckstiefe noch stark entwickeln wird.
:hello
Armin70 (16.05.2010, 23:00):
Heute, 16.05.2010, 19 Uhr in der Alten Oper Frankfurt/Main

Claude Debussy: Prélude a l'aprés-midi d'un faune + La Mer

Igor Strawinsky: Der Feuervogel (vollständige Musik)

Zugabe:
Sergej Prokofjew: Montagues und Capulets (aus Romeo und Julia)

London Symphony Orchestra
Valery Gergiev

Das war ein tolles Konzert aus einem Guss, was aber auch kein Wunder ist, wenn sicherlich eines der weltbesten Orchester aufspielt. Schön gespielte Instrumentalsoli vom hauchzarten Flötensolo in Debussys "Prélude" bis zu den schön gespielten Hornsoli im Feuervogel (ohne die berüchtigt-gefürchteten Hornkiekser).
Auch in den Tutti-Fortissimo-Stellen blieb der Orchesterklang kultiviert und wurde nie rau oder grob.

Als "Rausschmeisser" gabs dann noch einen Auszug aus Prokofjews Ballett-Musik "Romeo und Julia".
Armin70 (17.05.2010, 01:28):
Nachtrag zum grandiosen Konzert mit Bachs h-moll Messe vom vergangenen Freitag in der Alten Oper/Frankfurt.

Eben habe ich die Konzert-Rezension gefunden, der ich mich im Prinzip voll und ganz anschliessen kann. Der Rezensent hätte allerdings etwas mehr zu den meiner Meinung nach hervorragenden Gesangssolisten schreiben können.

Für Interessierte hier zum nachlesen.
Fairy Queen (21.05.2010, 00:34):
In der Opéra de Lille traten heute abend Gautier Capuçon und Gabriela Montero mit folgenden Stücken auf:
S. Prokofiev: Sonate für Cello und klavier in C-Dur op 119
F. Mendelssohn: Cello-Sonate Nr 2 in D-Dur op 58
S. Rachmaninov: Sonate für Cello und klavier in g-moll op 19

Ein sehr attraktives Programm von zwei attraktiven Interpreten, dass jede Menge Virtuosität verlangte. An Selbiger mangelte es weder der inzwischen nciht mehr blonden Venezuelanerin noch dem Franzosen. Gabriela Montero hat mir dabei noch mehr imponiert als Capuçon: die unerhörte Leichtigkeit, mit der sie durch die schwierigsten Passagen schiffte- so als ob das mal ein bisschen Fingerübung wäre ... :down
Dabei frei von jeder Divenallüre: man hat den Eindruck das nette Mädel von nebenan sitzt mal eben am Klavier.
Capuçon hat ein etwas anderes Temperament und offensichtlich eine Liebesaffäre mit seinen ausnehmend schönen Cello. Manchmal glaubt man, die beiden heben zusammen ab, oder das Teil fliegt jeden Moment durch den Saal, - es wird jedenfalls mit aller Wucht und Verve bearbeitet. Ich habe manchesmal an unseren M.S. gedacht- muss dein Cello auch soviel "Prügel" einstecken oder liegt das an Prokofievs Kompositionsweise? :D
Mir persönlich hat der Mendelssohn am besten gefallen. Ich bin eben hoffnungslos vom deutschen Heimwehmusikvirus infiziert. Die Nähe des Cellos zur Stimme wurde mir da mal wieder voll und ganz bewusst, man môchte am liebsten mitsingen!
Profofiev war mir zu zerklüftet- kann der Mann nicht mal bei einem Thema 5 Minuten aushalten und dem Ohr ein bisschen Ruhe gönnen? Wenngleich tolle Musik, keine Frage.
Was Rachmaninov angeht, bin ich unentschieden. Einerseits eine Emphase und ein Virtuosentum ohne Beispiel andererseits gerade davon ein bisschen zuviel.

Bei Capuçon hab ich das Gefühl, dass ihm noch die letzte Instanz feht,l um wirklich ein ganz ganz Grosser zu sein: die menschlcihe Ausstrahlung. Er muss noch da noch nachreifen um seiner Virtuosität gleichzukommen. Montero wirkte dagegen total in sich ruhend und abgeklârt- eine erstaunlcihe Person!
Die Beiden geben ein gutes Paar ab, man hatte manchmal seine Zweifel wo das Klavier anfängt und das Cello aufhört- was ein Zeichen schönster musikalischer Symbiose war.
Die Kammermusik-Paarung Cello mit Klavier ist für mich ohnehin der Gipfel der Seligkeit- nur die Violine als drittes Instrument kann da noch etwas ähnliches für mich bieten. Hab mir dann auch die obige Cd in der Pause gekauft, und so kann ich bei Bedarf etwas mehr zu den Werken sagen.
Wer die Gelegenheit hat, die Beiden live zu erleben sollte das tun!

F.Q.
Heike (21.05.2010, 15:15):
Beneidenswert!
Heike
nikolaus (21.05.2010, 20:18):
Liebe Fairy Queen!

Ich stimme Dir voll und ganz zu.

Das gleiche Programm habe ich letztes Jahr gehört, siehe hier

Nikolaus.
Armin70 (22.05.2010, 00:38):
Freitag, 21.05.2010, 20 Uhr, Alte Oper Frankfurt/Main

Benjamin Britten: Violinkonzert d-moll op. 15

Anton Bruckner: 6. Sinfonie A-Dur WAB 106

Janine Jansen, Violine
HR-Sinfonieorchester
Paavo Järvi

Ein Konzert mit 2 Werken, die in ihren jeweiligen Gattungen (Instrumentalkonzert und Sinfonie) zu den seltener gespielten Werken gehören.

Als erstes Brittens Violinkonzert, das 1939 entstand. Das war eine schwierige Zeit in der dieses Werk entstand. Britten, der ein überzeugter Pazif ist war, ging im Sommer 1939 nach Nordamerika als er die unheilvollen Vorzeichen des sich immer mehr ankündigenden 2. Weltkrieges spürte. Das Werk war zu einem großen Teil da schon fertig konzipiert und in der Nähe von Quebec vollendete Britten dieses Werk, das im Frühjar 1940 mit dem spanischen Violinisten Antonio Brosa und dem New York Philharmonic unter der Leitung von John Barbirolli. Britten lernte Brosa 1936 in Spanien, kurz vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs kennen. Daher finden sich in Brittens Violinkonzert auch einige spanische Anklänge, z. B. Habanera-Rhythmen im 1. Satz.
Brittens Violinkonzert ist ein sehr beeindruckendes Werk. Die Grundstimmung ist düster bis melancholisch und der Violinpart ist sehr schwierig und er verlangt dem Solisten alles ab. Der Einsatz der Pauken, die den bestimmenden Grundrhythums vorgibt, klingt wie eine moderne Variation von dem Beginn des Violinkonzerts von Beethoven. Der schnelle Mittelsatz ist voll beissender Ironie und schwarzem Humor. Sehr eindringlich dann der 3. Satz in Form einer Passacaglia mit kunstvoll gestalteten Variationen in deren Verlauf die Solo-Violine immer eindringlicher und expressiver spielt. Fast wie ein Klagegesang endet dieses markante Violinkonzert. Meiner Meinung gehört Brittens Violinkonzert ganz klar zu den wichtigsten Violinkonzerten des 20. Jahrhunderts und braucht keinen Vergleich zu den Violinkonzerten z. B. von Prokofjew oder Schostakowitsch scheuen.

Janine Jansen ist die genialie Solisitin, der dieses Violinkonzert eine Herzensangelegenheit ist, denn sie hat es in ihrer jungen Karriere schon oft gespielt (in Cincinnati mit Järvi und in Berlin mit Harding) und mit Paavo Järvi hatte sie dieses Werk auch im letzten Jahr aufgenommen. Sie spielt dieses Werk auch mit tollem Einsatz, voller Verve und Leidenschaft. Das fand ich sehr beeindruckend. Janine Jansen ist übrigens in der Konzertsaison 2010/11 "Artist in Residence" beim HR-Sinfonieorchester.

Nach der Pause dann Bruckners 6. Sinfonie, die ein Schattendasein fristet. Beim Anhören dieser schönen Sinfonie konnte ich das zum wiederholten Male nicht nachvollziehen, wieso das so ist. Das ist eine der wenigen Sinfonien, wo der Dirigent nicht die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Fassungen hat, denn es gibt nur eine einzige. Bruckner selbst nannte seine 6. Sinfonie als die "keckste" und das sicherlich nicht nur allein wegen des Wortspiels wegen. In diesem Werk finden sich viele z. T. kühne Passagen, die durchaus weit voraus weisen. Da liegt meiner Meinung ein Vorteil darin, dass es nur eine einzige Fassung gibt, denn bei späteren Veränderungen hätte Bruckner einige dieser Stellen evtl. "entschärft".

Allein das Adagio der 6. Sinfonie gehört für mich zu einem der schönsten Sinfoniesätze Bruckners.

Das HR-Sinfonieorchester unter Leitung seines Chefdirigenten Paavo Järvi präsentierte sich an diesem Abend in Top-Form.

Dieses Konzert wurde gleichzeitig für das Radio (hr 2) und für das Fernsehen (Arte) aufgezeichnet:
Aktuell kann man sich Bruckners 6. Sinfonie im Internet bei Arte-Live Web anschauen/anhören: hier. Allerdings weiss ich nicht, wie lange der Mitschnitt dort zur Verfügung steht.

Brittens Violinkonzert mit Janine Jansen wird zu einem späteren Zeitpunkt im Herbst diesen Jahres auf Arte ausgestrahlt.

Das komplette Konzert wird am Dienstag, 01.06.2010, 20:05 Uhr auf hr 2-kultur wiederholt (96,7 MHz, 99,45 MHz oder als Livestream unter www.hr2-kultur.de
Michael Schlechtriem (22.05.2010, 01:29):
Hallo F.Q.,
Ich habe manchesmal an unseren M.S. gedacht- muss dein Cello auch soviel "Prügel" einstecken oder liegt das an Prokofievs Kompositionsweise?

das liegt an Prokofjews Sonate, das muß kesseln!
Ich weiß gar nicht, wie oft mir schon das Blut aus meinem rechten Daumen geschossen ist bei den Pizzicati im ersten und dritten Satz.

Da muß man sich vor den Konzerten erst einmal 'ne dicke Hornhautschicht erarbeiten, erst dann kann man so richtig zulangen.

Hatte ich schon einmal erwähnt, daß Cellospielen so richtig weh tun kann?
Daß da schon einmal die Haut an den Fingern in Fetzen fliegen kann, so bis auf den Knochen runter?
Und natürlich muß mein Cello 'ne Menge an Prügel einstecken, es hat es verdient!

:D

Ganz ehrlich, die Prokofjew- Sonate benötigt eine recht gute Konstitution, gerade bei den Pizzicati muß man als Cellist diese immer wieder neu aufbauen........

Profofiev war mir zu zerklüftet- kann der Mann nicht mal bei einem Thema 5 Minuten aushalten und dem Ohr ein bisschen Ruhe gönnen?
Du warst aber während des zweiten Satzes noch zugegen?

Problematisch bei der Prokofjew- Sonate sind eigentlich nur die Schlüsse des ersten und des dritten Satzes, aber man kann als Interpret das lösen.
Timing ist da alles, das darf ich nach mind. 25 jähriger Erfahrung mit dieser Sonate mittlerweile hoffentlich behaupten.
Ich fand das auch immer zu zerklüftet, aber bilde mir ein, im Laufe der Jahrzehnte eine gute Lösung gefunden zu haben.

Wie gesagt: Timing!


Rachmaninoff und Mendelssohn sind für den Cellisten vergleichsweise harmloser, da ist der Pianist alleine mit riesigen Aufgaben bestraft.
mit der sie durch die schwierigsten Passagen schiffte-
Ja, bei einer Meisterpianistin wie Montero ist das sicher ein Genuß. Es gibt andere Pianisten, bei denen man Dein "durch" leider mit einem "auf" vertauschen müßte.

:wink:

M.S.
Honoria Lucasta (22.05.2010, 08:50):
Gestern abend im Haus der Armee in Sarajewo: im Rahmen des Mai-Festivals das Manhattan String Quartet mit Werken von Schostakowitsch, Walsh und Schubert.

Zuerst spielten die -optisch sehr sympathischen- älteren Herrn Shostakowitschs Quartett Nr. 4 D-dur Op.83. Hier zeigte sich, daß der Ruf dieses Kammermusikensembles als einem der besten Interpreten von Werken der klassischen Moderne im allgemeinen und Schostakowitschs Kompositionen im besonderen voll gerechtfertigt ist. Perfekt aufeinander abgestimmt, dem etwas sperrigen Werk bis in die kleinsten rhythmischen und melodischen Verästelungen nachspürend, gelang den Vieren das seltene Kunststück, Schostakowitsch sozusagen in seinem Werk sichtbar zu machen, es in allen seinen schrägen, unvorhersehbaren und manchmal rhythmisch und melodisch fast verstörenden Entwicklungen doch als völlig richtig erscheinen zu lassen. Eine atemlos machende Interpretation.

Danach die Welt-Uraufführung eines noch unbetitelten Streichquartetts des amerikanischen Komponisten Craig Walsh. Der Meister war anwesend (ich saß neben ihm und konnte ihm nachher gratulieren, sympathischer junger Mann, der allerdings so verhungert aussah, als seien die Zeiten des Künstlerelends wie in "La Bohème" noch nicht vorbei) und erklärte, er habe sich von "Melodien des Balkans" inspirieren lassen. Das hört sich schlimmer an, als es war, denn faktisch hat er einige der typischen 7/8 und 11/16 - Volkslieder und -tänze dieser Region modern verfremdet und dem Quartett dadurch ein Höchstmaß an rhythmischer Souveränität abverlangt. Das haben sie auch bravourös geleistet, es gab freundlichen Applaus, und der Meister war's sichtbar zufrieden.

Nach der Pause dann Schubert Nr. 14 d-moll "Der Tod und das Mädchen". Das war nun ein ganz außerordentliches klangliches und interpretatorisches Erlebnis. Der zentrale 2. Satz, mit den von Schubert wie einen klanggewordenen Fieberwahn Variationen des Themas, wurde in einer Weise ausgeleuchtet, die uns alle atemlos jeder Wendung folgen ließ. Der diesem Ensemble wohl eigene, ungeheuer warme und gleichzeitig selbstsichere Klang (o stünden mir doch die Metaphern eines wirklichen Musikkritikers zur Verfügung! Geneigte Forianer werden aber wissen, was ich meine!) - ja, dieser Klang schuf Momente von einer interpretatorischen Eindringlichkeit, die auch in ihrem Wagemut (man kann das nämlich auch anders runternudeln...) einzigartig waren. Nach atemlos verfolgten vier Sätzen endloser Jubel, zwei Zugaben, hochbeseligt und durchgefroren nach Haus...

Widrig waren die äußeren Umstände, aber sie sind so typisch für Sarajewo, daß ich sie colorandi causa für die Forianer, denen solche Widrigkeiten mit Sicherheit framd sind, ein wenig erörtern möchte.
Diese Hauptstadt eines geplagten Landes hat keinen wirklichen Konzertsaal. Die Oper ist ganz nett, spielte aber an diesem Abend irgendein Theaterstück und eignet sich auch nicht wirklich für Kammermusik. Also landet man im Festsaal des Hauses der Armee, der immerhin über ausreichend Platz und eine gute Akustik verfügt, aber mindestens seit Titos Ableben nicht mehr renoviert worden ist: es bröckelt der Stuck, es gammeln die Steckdosen. Das Publikum ist's gewohnt, und gestern war auch die Elite der Kammermusikfreunde anwesend, kein unnötiger Huster, kein Rascheln zur Unzeit, atemlose, konzentrierte Stille. Stille - im Saal. Unten, im Erdgeschoß, feierte die Universität ihr 60-jähriges Bestehen mit einem Festessen, zu dessen Vorbereitung weahrscheinlich sämtliche Fritieröl-Altbestände der Stadt herhalten mußten, es waberte durch's ganze Haus und gab so den Werken Schostakowitschs, Walshs und Schuberts einen ganz eigenen Charakter. Zudem spielte man bei der Veranstaltung laut den üblichen elektronisch verstärkten Balkan-Seif: die wummernden Bässe drangen natürlich bis in's Obergeschoß. Und das dann bei Schubert-Pianissimi...

Trotzdem: der Abend war großartig.

Noch seelisch erhoben grüßt

Honoria
Gamaheh (22.05.2010, 13:09):
Liebe Honoria,

ganz herzlichen Dank für diesen Bericht ! Und ich bin froh, daß Dir die - meist abgedroschenen - Methaphern eines "wirklichen Musikkritikers" nicht geläufig sind; so kann ich mir wenigstens was drunter vorstellen.

Es ist ja nicht alle Tage, daß man mal vom kulturellen Leben einer Stadt hört, die man mit ganz anderen Dingen assoziiert als mit ihrem pulsierenden Musikleben, und ich beispielsweise (die ich in einer Stadt wohne, wo ich im Prinzip jeden Tag die Qual der Wahl hätte) habe mir auch nie Gedanken darüber gemacht, wie das kulturelle Leben dort aussieht.

War das jetzt ein Höhepunkt im Konzertleben von Sarajewo? Was gibt es da sonst noch so? Ich vermute, die Konzerte sind immer gut besucht, aber wer geht denn da hin: Du sprichst von der "Elite der Kammermusikfreunde" - reicht das, um den Saal zu füllen? Sind das Leute aus allen Kreisen, oder ist sowas eher nur was für "Expats" (zu denen Du - so vermute ich - gehörst) ? Ich würde mich freuen, mehr über das Musikleben in Sarajewo und ähnlichen Orten zu hören.

Beste Grüße,
Gamaheh
Honoria Lucasta (22.05.2010, 14:27):
Liebe Gamameh,
natürlich war das gestern ein absoluter Höhepunkt! Möglich werden solche und ähnliche Abende allerdings nur, wenn eine der Botschaften genügend Geld zusammenkratzt (oder einen Sponsor findet), um den Künstlern wenigstens eine halbwegs angemessene Gage zu zahlen. In diesem Fall gebührt der Dank der US-Botschaft, die das Quartett nicht nur in Sarajewo auftreten läßt, sondern auch in die absolute Provinz nach Banja Luka und nach Mostar schickt.
Kammermusik ist wohl überall auf der Welt eine Sache für wenige: aber hier gibt es doch verhältnismäßig viel Interesse dafür. Klavierabende, Konzerte mit Violine und Klavier und Quartettabende sind meistens ganz gut besucht. Das heißt in besagtem Haus der Armee dann 250 bis 300 Zuhörer. Zwar sind dabei auch immer einige Ausländer, aber sie machen selten mehr als 10 bis 15 % des gesamten Publikums aus.
Ansonsten haben wir noch das Nationaltheater, in dem Oper, Ballett und Sprechtheater sowie die Konzerte der Philharmonie, die identisch ist mit dem Opernorchester, stattfinden. Dort hinein passen etwa 450 Personen; meist ist es etwa zu drei Vierteln voll, bei Gastspielen eher noch mehr.
Ein Sarajewoer Merkmal ist die absolut fehlende Koordination unter den Kulturverantwortlichen. Gestern fand nicht nur der Abend mit dem Manhattan String Quartet statt, sondern im Nationaltheater spielte man ein Theaterstück, und in der Aula des Franziskanerkollegs spielte das Trio Magis, ein auf Barockmusik und Musik zeitgenössischer Komponisten spezialiertes Sarajewoer Ensemble: zur absolut gleichen Zeit, ich hätte die Bilokationsfähigkeiten eines Pater Pio haben müssen, um an beiden teilzunehmen. Ein bißchen Absprache bei der Vorbereitung hätte nicht geschadet - denn ansonsten leben wir hier manchmal wochenlang in der absoluten Wüste.

Soviel zur Illustration, beste Grüße in ein kulturelles Paradies!

Honoria
Jeremias (26.05.2010, 07:35):
Gestern in der Philharmonie Essen:

Martha Argerich
Renaud Capucon
Gabrielle Shek
Lyda Chen
Mischa Maisky

Robert Schumann

Fantasiestücke op. 73

Adagio und Allegro op. 70

Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 d-Moll op. 121

Pause

Klavierquintett Es-Dur op. 44

Der Intendant des Festivals nannte es in einer kurzen Ansprache Glück, dass alle Künstler genau an diesem Abend Zeit hatten... es wurde ein beeindruckendes ereignis! Maisky und Argerich spielen zwar schon seit Jahrzehnten zusammen, sie stellen sich aber immer wieder neu aufeinander ein, hören und achten auf einander. Die beiden op.70 und 73 waren ein schöner Einstieg ins Programm. Danach kam der heimliche Star des Abends! Ich habe Renaud Capucon schon einmal live gehört, war damals nicht so angetan. Was er aber gestern in der Sonate bot, das war allererste Klasse. Liegt vielleicht auch an der Geige, die er jetzt spielt und die einst Isaac Stern in seinem Besitz hatte.... tosender Applaus bereits vor der Pause. Schließlich das Quintett, das ich erstmals live hörte und wahrscheinlich auch nie wieder derart hören werde! Martha spielt nach wie vor wie eine junge Göttin und reisst alle anderen mit! Kaum vorstellbar, dass erst einen Tag zu vor geprobt worden ist... es war überwältigend! Der 3. Satz wurde dann gar als Zugabe wiederholt.

:engel
Jeremias (26.05.2010, 10:32):
Ach ja, das Konzert kommt am 26.9. auf ARTE!
Heike (26.05.2010, 16:15):
23.5.2010 Berlin, Philharmonie: Beethoven
16 Uhr
RSB, Janowski: Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93; Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale«
Belcea-Quartett: Streichquartett Nr. 9 C-Dur op. 59 Nr. 3

20 Uhr
RSB, Janowski: Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21 ; Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 »Eroica«
Artemis Quartett: Streichquartett Nr. 11 f-Moll op. 95 »Quartetto serioso«

Um es nur ganz kurz zu sagen: Das war superklasse Beethoven! Dieser Janowski - der hat es wirklich drauf, so einen Klassiker auch mit großem Orchester transparent, dynamisch und spannend klingen zu lassen. Es war richtig gut und auch die Quartette am Schluss passten - irgendwie der fast größtmögliche Kontrast zu den fantastischen Klangwelten des RSB, aber gerade deshalb beeindruckend.

25.5.2010 Konzerthaus Berlin
Academy of St Martin in the Fields, Murray Perahia

Igor Strawinsky "Dumbarton Oaks" - Konzert für Kammerorchester in Es
Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester c-Moll KV 491
Johann Sebastian Bach Konzert für Klavier, Streicher und Basso continuo g-Moll BWV 1058
Joseph Haydn Sinfonie Nr. 99 Es-Dur Hob I:99

Mozart war der Höhepunkt (wer hätte das gedacht, dass ich das mal über Mozart schreibe!) - ganz wundervoll gespielte Klavierpassagen - was für eine Offenbarung, dieses Konzert so zu hören. Das Orchester dazu eben nicht verspielt und breit, sondern schlank, mit zauberhaften Bläsern und beeindruckend homogenen Streichern.

Perahia als Dirigent war unauffällig- angenehm. Wobei ich ja annehme, dass dieses Orchester nicht auch ohne Dirigenten recht gut zusammenspielt :-)

So das mal als Kurzberichte!
Heike
nikolaus (26.05.2010, 18:18):
Original von Jeremias
Gestern in der Philharmonie Essen:

Martha Argerich
Renaud Capucon
Gabrielle Shek
Lyda Chen
Mischa Maisky

Robert Schumann

Fantasiestücke op. 73

Adagio und Allegro op. 70

Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 d-Moll op. 121

Pause

Klavierquintett Es-Dur op. 44

Der Intendant des Festivals nannte es in einer kurzen Ansprache Glück, dass alle Künstler genau an diesem Abend Zeit hatten... es wurde ein beeindruckendes ereignis! Maisky und Argerich spielen zwar schon seit Jahrzehnten zusammen, sie stellen sich aber immer wieder neu aufeinander ein, hören und achten auf einander. Die beiden op.70 und 73 waren ein schöner Einstieg ins Programm. Danach kam der heimliche Star des Abends! Ich habe Renaud Capucon schon einmal live gehört, war damals nicht so angetan. Was er aber gestern in der Sonate bot, das war allererste Klasse. Liegt vielleicht auch an der Geige, die er jetzt spielt und die einst Isaac Stern in seinem Besitz hatte.... tosender Applaus bereits vor der Pause. Schließlich das Quintett, das ich erstmals live hörte und wahrscheinlich auch nie wieder derart hören werde! Martha spielt nach wie vor wie eine junge Göttin und reisst alle anderen mit! Kaum vorstellbar, dass erst einen Tag zu vor geprobt worden ist... es war überwältigend! Der 3. Satz wurde dann gar als Zugabe wiederholt.

:engel

Dem kann ich nur zustimmem!!

Der Beginn mit op. 70 und 73 war wirklich ein schöner, etwas verträumter Einstieg, und Maisky hat mal wieder bewiesen, dass er auch zart kann...
Ab der Sonate habe ich dann nur noch auf der Stuhlkante gesessen (*), so elektrisiert war ich.
Diese Sonate war wirklich schon die erste Sternstunde. Es war phasenweise fast unerträglich intensiv, was die beiden da gespielt haben!
Das Quintett habe ich auch zum ersten Mal live gehört, und es war umwerfend. Was für Energien da von Martha Argerich freigesetzt werden, unglaublich. Sie überrollt die anderen fast - aber eben nur fast, das macht es eben aus.
Und zwischendurch immer wieder Oasen der Ruhe und des gefühlten Zeit-Still-Stehens... :engel

Das war eins der wundervollsten Konzerterlebnisse, die ich bisher hatte!

Nikolaus.

(*) Der Stuhl war im Chor rechts, ich konnte Martha Argerich geradewegs ins Gesicht schauen, das alleine schon so viel sagt... Entzückend, wenn sie auf einmal lächelt und sich offensichtlich über eine besonders schöne Stelle freut.
Jeremias (26.05.2010, 22:00):
Ah, da hast Du gesessen! Ich sass im 1. Teil im 1. Rang rechts, nach der Pause haben wir uns in der Mitte in die letzte Reihe gesetzt... ein denkwürdiger Abend!
ab (27.05.2010, 19:05):
Gestern hat mich das Pavel Haas Quartett, überhaupt erstmals gehört, im Konzert überwältigt (26.5.2010): Einmal nicht Schostakowitschs 7., 8. oder 3., sondern sein 10. Streichquartett, einmal nicht DvoYáks 12. „Amerikanisches“ oder sein allerletztes Streichquartett, sondern das geniale 13. in G-Dur. (Dazu Schuberts Quartettsatz, der fast schon an Janacek gemahnte) So liebe ich mir ein Programm, bei dem die Meisterwerke der Mainstream-Meister, aber abseits der üblichen Mainstream-Schlager erklingen.

Hier wurde nicht Musik gespielt, sondern gemacht: Die beiden Damen und Herren (erste Geigerin und Cellist seien übrigens verheiratet) waren völlig „drinnen“, weit ab also von der sonst üblichen Brillierens in Bezug auf manuale Technikperfektion. Die Technik war nichts als völlig selbstverständlich. Mir kam die Assoziation, dass hier vier erste Geigen völlig gleichwertig miteinander spielten. Grandios auch die Bogenhände, wie sie da reinfegen konnten, ohne dass der Ton spitz oder gar rau werden würde. Irgendwie war das alles so, dass ich gerne den Ausdruck „urmusikantisch“ gebrauchen wollte. Aber damit bin ich nicht zufrieden, weil bei ihnen einfach nichts volkstümlich klingend daherkam. Diese Kunst war umso größer, als ja zumindest die beiden großen Quartette mit Anleihen an volkstümlichen nicht geizen. Auch fetzig oder hochdramatisch sind nicht die richtigen Ausdrücke, vielmehr war alles ganz natürlich und fließend.

Auch beim Klang weiß ich gar nicht, wie ich dazu sagen sollte, außer dem „dunkel timbriert“ und „warm leuchtend“ wie es typisch für die böhmische Tradition ist. Fast „honighaft“, nur dass sie nichts süßlich gespielt haben? Auch der traditionelle Vibratoschwulst fehlte. Sensationell durchsichtig war es und unglaublich homogen der Gesamtklang. Stefan Drees von klassik.com hat es trefflich auf den Punkt gebracht, wenn er (in der Prokofiev-Rezension) schreibt von „einerseits klare Melodieführengen, elastisch in der dynamischen Gestaltung und immer wieder überraschend, wenn es um minimale Einfärbungen – etwa durch eine verdoppelnde Stimme – geht“: Durch diese subtile Änderungen der Instrumentenbalance blitzen dann immer wieder neue Klangfarben auf, und überraschten durch diesen Abwechslungsreichtum. Solches habe ich noch bei keinem anderen Streichquartettensemble gehört.

Ganz besonders großartig war deren Pizzicato-Kunst, gestaltet nicht nur in Phrasierung (wie es sonst bloß die besten schaffen), sondern auch in Farbe und Klangfülle. Bei Schostakowitsch werden ja gerne Kontraste und Brüche hervorgehoben. Auch diese werden von den Haasen pointiert auf den Punkt gebracht, aber durch das zusammenhängende Fließen war alles eingebunden ohne wirklichen Bruch im Musikfluss: ganz mein Geschmack! Ebensolches suchten sie beim Dvorak.

Die Phrasierungskunst war atemberaubend: Selbst jeder Vorschlag beim Dvorak diente nicht der Figuration, sondern wurde ausgespielt und in dem durchgängigen Linienfluss eingebettet. Die virtuosen Abschnitte zum Ende hin des vierten Satzes, die gewöhnlich immer so klingen, als könne es Dvorak nicht wirklich schaffen, endlich zu einem Ende zu gelangen, wirkten bei ihnen völlig unspektakulär und uneitel: Sie brachten viel mehr die strukturelle Notwendigkeit dieser Länge hervor, um den Satz ausgewogen zum Ende zu bringen.


Irgendwie schienen mir hier scheinbar unvereinbare Gegensätze zugleich realisiert worden zu sein: enorme Intensität bei gelöster Natürlichkeit. Wie muss das klingen, wenn sie einmal einen Sternstundenabend erwischen! :B
Mir scheint, die Anzahl meiner Lieblingsquartette ist um eines angewachsen!
:thanks
nikolaus (27.05.2010, 21:54):
Gratuliere!

Nikolaus.
Jeremias (30.05.2010, 13:38):
Gestern in Mülheim, bevor wir rechtzeitig zu Lena's Triumph zu Hause waren:

András Schiff
Juliane Banse
Felix Mendelssohn Bartholdy
Reiselied
Suleika op. 34/4
Frage op. 9/1
Suleika op. 57/3
Neue Liebe op. 19/4
Schilflied op. 71/4
Nachtlied op. 71/6

Robert Schumann
Papillons op. 2

Heinz Holliger
Morgenstern-Lieder

Pause

Felix Mendelssohn Bartholdy
Fantasie fis-Moll op. 28

Robert Schumann
Liederkreis op. 39 nach Joseph von Eichendorff

Dieses Konzert hat Argericht am Dienstag musikalisch bei weitem übertroffen! Unglaublich, wie die beiden harmonierten! Schiff als idealer Begleiter, der sich sofort von Anfang an dynamisch zurück zog, so dass Jualiane Banse in Höchstform auch in der letzten Reihe zu hören war. Ihr kam das Programm sehr entgegen, Höhepunkt war natürlich der Schumann-Zyklus. Drei Zugaben, den Nussbaum und die Widmung von Schumann sowie "Auf den Flügeln des Gesanges" von Mendelssohn. Und mit letzteren verließen wir die Stadthalle.... sensationell!!
Armin70 (01.06.2010, 00:04):
Gestern, 31.05.2010, 20 Uhr in der Alten Oper in Frankfurt/Main:

Anatol Liadov: Der verzauberte See op. 62

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 20, d-moll KV 466

Zugabe: Frederic Chopin: Nocturne cis-moll op. Posth.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 6 h-moll op. 54

Lise de la Salle, Klavier
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Oleg Caetani

Zu Beginn Liadovs interessante sinfonische Dichtung, die das Orchester in interessanten Farben schillern lässt. Das Werk ist eine Mischung aus wagnerhaftem Waldweben und impressionistischen Klängen a la Debussy mit einer kräftigen Prise Mussorgsky. Das Werk bewegt sich meistens nur im Piano und Pianissimo mit nur gelegentlichen Aufschwüngen ins Mezzoforte. Vom Orchester wurde das sehr klangschön dargeboten.

Lise de la Salle, deren Name mir vor dem heutigen Konzert ehrlich gesagt nichts sagte, fand ich sehr beeindruckend in Mozarts KV 466. Sie hat den Solopart sehr nuanciert und feinfühlig interpretiert. Oleg Caetani und das Orchester waren aufmerksame Begleiter. Bei dieser Interpretation kamen meiner Meinung nach die dunkle melancholische Seite dieses Klavierkonzerts sehr schön zur Geltung. Erst gegen Ende des Rondos kommt dann schliesslich das D-Dur zum Vorschein.

Zu Recht großer Applaus für die Solistin, die sich mit Chopins Nocturne Nr. 20 in cis-moll op. Posth. bedankte.

Nach der Pause dann Schostakowitschs 6. Sinfonie. Das ist schon ein merkwürdiges Werk mit diesem mächtigen Largo an erster Stelle. Dieser Satz erinnert mich immer an einen riesigen Planeten, der sich im Weltraum langsam um seine eigene Achse dreht. Gleichzeitig wirkt dieser Satz wie ein Klagegesang auf mich, als wenn Schostakowitsch damit sagen will, dass das dröhnende Finale der 5. Sinfonie nur aufgesetzte Fassade war und seine eigentlichen Stimmungen und Emotionen sich im Largo der 6. Sinfonie widerspiegeln.
Dann die beiden schnellen Sätze, die zusammen noch nicht mal so lang sind wie der erste Satz. Diese beiden Sätze sind die pure Ironie, grelle und sarkastische Musik, die wie eine Verhöhnung des in der damaligen Sowjetunion gewünschten Pomp wirkt.

Im Programmheft ist eine Anekdote von Schostakowitsch zu lesen, die aus den 1930er Jahren stammt. Damals gab es die von Stalin ausgegebene Losung: "Das Leben ist schöner, leichter geworden". Schostakowitsch kommentierte dies mit den Worten "Wir wollen hoffen, dass das Leben nicht noch schöner und leichter wird."

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Oleg Caetani war schlicht und einfach genial in Schostakowitschs 6. Sinfonie: Brilliante Bläsersoli und zupackende Blechbläser. Vor allem in den beiden schnellen Sätzen, die Caetani sehr schnell spielte, war wirklich alles sauber aufeinander. Da wackelte nichts zwischen den einzelnen Orchestergruppen. Das war absolute Spitzenklasse. Bravo.
Fairy Queen (01.06.2010, 07:31):
Ich habe eine Cd mit Mozart- und Debussy-Liedern von Juliane Banse und Andras schiff, die ich ebenfalls sensationell finde. Allein die Kombination Mozart mit Debussy!
Ich beneide dich um dieses Erlebnis, und dann auch noch Schumann.... :engel


Lise de la Salle ist mir als hervorragende Mozart-Interpretin bereits bekannt- auch hier kann man wirklich nur beneiden und Mozart mit Chostakovich ist genauso umwerfend wie Mozart mit Debussy.

Habt ihr ein Glück!!!!!! :hello
Heike (01.06.2010, 08:07):
Nach der Pause dann Schostakowitschs 6. Sinfonie. Das ist schon ein merkwürdiges Werk mit diesem mächtigen Largo an erster Stelle. Dieser Satz erinnert mich immer an einen riesigen Planeten, der sich im Weltraum langsam um seine eigene Achse dreht. Gleichzeitig wirkt dieser Satz wie ein Klagegesang auf mich, als wenn Schostakowitsch damit sagen will, dass das dröhnende Finale der 5. Sinfonie nur aufgesetzte Fassade war und seine eigentlichen Stimmungen und Emotionen sich im Largo der 6. Sinfonie widerspiegeln. Dann die beiden schnellen Sätze, die zusammen noch nicht mal so lang sind wie der erste Satz. Diese beiden Sätze sind die pure Ironie, grelle und sarkastische Musik, die wie eine Verhöhnung des in der damaligen Sowjetunion gewünschten Pomp wirkt.

Ich finde diese Sinfonie auch ganz großartig. Es fehlt der Anfang und das Ende und ich denke, das ist genau die Anklage "ihr habt mir meine Musik verboten und seht, was davon übrig ist". Das ist amputierte Musik. Ich sehe das ganz genau wie du, der erste Satz ist das Trauerspiel der Zensur und die beiden folgenden beschreiben den Zirkus und die Farce, die danach kommt. Kein Wunder nach der zurückgezogenen Vierten und der angeordnet anders geschriebenen Fünften, dass man so eine Musik schreibt. Großartig.
Heike

P.s. Lise de la Salle hatte ich im letzten Jahr mal gesehen, ich glaube mit Rach3, da hatte sie mir auch sehr gut gefallen.

p.p.s ich habe zu Schostakowitschs Sechster einen Thread eröffnet (und mir erlaubt, Armins Konzerteindruck dorthin zu kopieren):
http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=84652#post84652
Die Diskussion kann ggf. dort weitergeführt werden.
Heike (05.06.2010, 08:26):
gestern mein letzter Besuch in der alten Lindenoper vor der Restaurierung:
Konzert zum 200. Geburtstag von Robert Schumann

Daniel Barenboim Staatskapelle Berlin
Violoncello Marie-Elisabeth Hecker

ROBERT SCHUMANN
Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 »Frühlingssinfonie«
Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129
Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120

Was soll ich sagen, die Staatskapelle klingt einfach wunderbar - warme, dunkle Streicher, schöne klare Bläser. Das (wegen des Auszugs vorgezogene) Geburtstagskonzert war dann auch insgesamt ein Genuss, obwohl Barenboim für meinen Geschmack diesmal doch recht stark im Pathos schwelgte. Ich mag Schumann intellektueller, strukturierter.

Nicht ganz überzeugt hat mich die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker, ihrem Ton fehlte für mich die Tiefe, es klang etwas zu dünn, auch hatte sie oft zu viel Vibrato, aber zu wenige Akzente.

Heike
Gamaheh (07.06.2010, 00:08):
Entschuldigung - falscher Faden (wirklich desorientiert!)
Heike (08.06.2010, 23:48):
Dienstag, 08. Juni 2010 20.00 Uhr Philharmonie Berlin

DSO Berlin Kent Nagano
Vadim Repin

Ludwig van Beethoven - Violinkonzert D-Dur
Unsuk Chin - "Rocaná" für Orchester
Richard Strauss - »Don Juan«

Wundervoll! Vadim Repin hat mich absolut verzaubert, wie der das Konzert kraftvoll und doch fast zärtlich spielte, mit sehr viel Individualität im Ausdruck. Schnörkellos, wie ich es mag, und doch unglaublich intensiv. Ein Geigenton, der mir richtig an die Seele ging und Kadenzen zum Niederknien. Es ist ja viel schwieriger, mich für ein so oft gehörtes Werk zu begeistern - vor allem dieses Konzert habe ich schon so grauslig verschnulzt gehört. Danke Herr Repin, das war meisterlich. Ich verstehe ja, wieso Sie nach diesem grandiosen Auftritt keine Zugabe mehr geben wollten, aber ich hätte trotzdem gern eine gehört :-( (einziger Wermutstropfen). Achja, auf das Orchester habe ich vor lauter Faszination gar nicht geachtet, jedenfalls ist es mir nicht negativ aufgefallen.

Dann das neue Stück von Frau Unsuk Chin. Auch das eine sehr positive Überraschung. Sehr interessante und originelle Klangwelten. Hörenswerte 20 min.

Den Don Juan am Ende hätten sie sich von mir aus sparen können. Das war so wie eine unnötige Zugabe nach diesem grandiosen ersten Teil und auch nicht so ganz meine Musik. Aber das Publikum war begeistert.
Heike
Gerion (09.06.2010, 16:07):
8.6.2010, Kölner Philharmonie:

Kuss-Quartett

Wolfgang Amadeus Mozart
Streichquartett Nr. 17 B-Dur KV 458 (1784)
"Jagd-Quartett"

Béla Bartók
Streichquartett Nr. 2 a-Moll op. 17 Sz 67 (1914-1917)

Johannes Brahms
Streichquartett Nr. 3 B-Dur op. 67 (1875)

Zugabe: Zwei armenische Volkslieder, "Wolken" und "Festtagsstück"


Das Kuss Quartett bestritt einen schönen Abend, nicht mehr und nicht weniger. Der Bartok war ganz hervorragend, hier stimmte für mich alles: Klare Struktur, rhytmische Präsenz, klangliche Ausgeglichenheit und Emotionalität war im Überschwang vorhanden. Der Mozart hingegen gefiel mir über weite Strecken nicht; die erste Geige erschien mir zu leise und zu fragil, das Spiel war nicht ausgeglichen. Auch im Brahms habe ich einige unschöne Momente und sogar ein oder zwei krasse Verspieler in Erinnerung. Dass die vier auch in klassisch-harmonischem Repertoire ganz anders können, zeigten die Zugabenstücke: So ein harmonisches, ausgeglichenes (auch in der Lautstärke!) und berührendes Musizieren war das!

Alles in allem ist dieses Quartett vielleicht eher im Modernen zuhause. Oder sie hatten einfach keinen guten Abend. Die Primaria ist immerhin auch schon hochschwanger.
Jeremias (10.06.2010, 07:48):
Gestern in Duisburg im Rahmen des Klavierfestival Ruhr:

Ivo Pogorelich
Wojciech Rajski
Polnische Kammerphilharmonie Sopot

Peter Iljitsch Tschaikowsky Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23

Antonín DvoYák Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88


Das Positive vorab: Pogorelich hat keine Glatze mehr, was die ganze Sache optisch wieder angenehmer bereitet.

Bereits die Anfangstakte zeigen, wie Pogorelich die nächsten ca. 50 (!) Minuten an das Werk herangehen würde: Mit harten Akkorden und Akzentuierungen, wie man sie so nicht kennt. Pogorelichs Spezialität: Völlig anders spielen. Und auch im Zusammenspiel mit Orchester bleibt er sich dahingehend treu. Ich habe ihn mehrfach live gehört und war gespannt, ob er auch im Rahmen eines Orchesterkonzertes ein Stück regelrecht "zerpflücken" würde. Und das tat er immer dann, wenn er eine seiner Solostellen hatte. Diesei und die Kadenzen waren teilweise derart langsam interpretiert, dass mein Nachbar, ein älterer Herr, sich zu einem "entsetzlich" während des ersten Satzes hinreissen liess. Er hatte wohl etwas anderes erwartet. Und in diesem Stil zog es sich durch das ganze Konzert, wobei das Orchester immer wieder für ein wenig Schwung sorgen konnte. Ich hatte das Gefühl, es war v.a. dem Dirigenten zu verdanken, dass das Stück nicht total "zerhackt" wurde, was Pogorelich sicher gerne gemacht hätte. Den langsamstem Tschaikowsky aller Zeiten mit Kissin und Karajan hat er weit übertroffen. Interessant: Er spielte nach Noten, immer wieder aufgrund des harten Anschlags auch falsche Töne dazwischen. Seine Fans bleiben ihm aber treu, Standing Ovations.

Der Dvorak war dann Entspannung, wobei auch hier einige Töne oder Soli untergingen. Es handelt sich halt eher um ein zweit- oder gar drittklassiges Orchester. Andere Klangkörper wären wohl auch nicht bereit gewesen, eine derartige Interpretation des Tschaikowskys zu wagen. Aber sehr engagiertes Spiel des Ensembles aus Polen, beherzter Applaus, eine Zugabe.

Heute Abend dann Sokolov, das wird ein Fest!!!
Jürgen (10.06.2010, 10:49):
Original von Jeremias
Bereits die Anfangstakte zeigen, wie Pogorelich die nächsten ca. 50 (!) Minuten an das Werk herangehen würde


Waren das echte oder gefühlte 50 Minuten?

Ich kenne keine Einspielung, die länger als 40 Minuten ist, eher Anfang bis Mitte 30.

Du hast mein Mitgefühl.

Grüße
Jürgen
Jeremias (10.06.2010, 12:27):
Die waren echt!!! Beginn 20:05 Uhr, ende 20:55! Der erste Satz war um 20:35 UIhr vorbei. Mein Vater meinte, da wäre Horowitz schon fertig gewesen....
ab (10.06.2010, 15:23):
Aus deiner Schilderung werde ich leider genauso wenig schlau wie aus der des Konzerts in Wien.

Irgendwie mag ich nicht glauben, dass es Pogorelich um "zerhacken" um seiner selbst Willen geht. Hattest Du das Gerühl, er spielt so, bloß um es anders als andere zu machen? Oder meinst Du, da steht ein spezifisches Konzept dahinter, das halt weit abseits des Mainstreams steht? Und wenn ja, womöglich welches? Fandest Du es trotzdem irgendwie stimmig? Hielt er durchwegs Spannung, oder brach sie zusammen? War da Zusammenhalt? Wirkte es einheitlich über die Sätze hinweg oder willkürlich aneinander gereiht? Schöner Ton? usw.usf.

Hast Du es genossen, hast Du dich geärgert, fandest Du es spannend, oder zumindest interessant? Hast Du etwas neues über das Werk erfahren?

?(

Danke :hello
Jeremias (11.06.2010, 17:15):
Ich will nicht sagen, dassich das Konzert genossen habe, aber es war unglaublich interessant, einfach komplett anders. Ein Konzept steckt bei ihm ja schon seit Jahrzehnten dahinter.... aber es passte hier und da einfach nicht, das ganze Stück war teilweise sehr zerfahren, der Fluss fehlt. Zudem war es manchmal einfach zu laut und hart... aber es war halt wahnsinnig interessant, die Darbietung lebte von der Frage, was er als nächstes macht...

Meine Kritik zu Sokolov gestern in Essen folgt noch!
Jeremias (11.06.2010, 17:19):
Hier zum Vergleich die Kritiken aus Wien und Duisburg:

http://diepresse.com/home/kultur/klassik/570059/index.do

=196&tx_kfrmanagement_kritiken=127&tx_kfrmanagement_kritiken=1]http://klavierfestival.de/index.php?id=132&no_cache=1&tx_kfrmanagement_kritiken=196&tx_kfrmanagement_kritiken=127&tx_kfrmanagement_kritiken=1
Fairy Queen (11.06.2010, 23:52):
Heute abend in der Opéra de Lille ein Recital mit Anna Caterina Antonacci Sopran/Mezzosopran(sie kann beides!) und dem Orchestre "Les Siècles" unter François-Xavier Roth.
Das Spektakel nannte sich "Altre stelle" nach einem Vers aus Dantes Divina Commedia " l'amor che move in sole e l'altre stelle" 'die Liebe, die die Sonne und andere Sterne bewegt. Auf dem Programm standen wenig bekannte grosse dramatische Szenen verlassener, vor Wut und Schmerz dem Wahnsinn verfallener, rasender Frauen:

Hector Berlioz: La mort d'Ophélie
J.P. Rameau: Phèdre "Cruelle mère d'amour"
C.W. Gluck: Auszüge aus Armide
Luigi Cherubini: Auszüge aus Medea
Hector Berlioz: Didons Tod aus "Les troyens"
Dazwischen Orchesterstücke von Gluck, Mehul und André Chedid

Das Programm war nicht gerade sehr leicht verdaulich und gleichzeitig spielte die Frz. Fussballmannschaft und war der auftakt des Pianofestivals. Dennoch war die Oper rappelvoll und das gottseidank, denn hier wurde wirklich das Feinste vom Feinen geboten. Die Szenen waren Antonacci auf den Leib komponiert. Man weiss nciht was beeindruckender ist: die Frau oder ihre Stimme. Für mich ist sie die bessere Version einer Angela Gheorghiu: ein echtes "Rasseweib", wunderbar anzusehen und darstellerisch sehr überzeugend,(sie hat auch netterweise viermal ihr Kostüm gewechselt) und von einer Natürlichkeit ausgestattet, die das Ganze erst wirklich geniessbar und berührend macht. Die Stimme war in Bestform, voll und rund und warm, keine Härten und Schärfen und das bei grossem dramatischen Potential zwischen Sopran und Mezzo. Man nahm ihr alle firiosen Gefühle sofort ab auch wenn die Inszenieirung manchmal ein bisschen arg pathetisch wirkte. So hat sie Gläser kaputtgeworfen und mit iener Glasscherbe das aufschneiden der Pulsadern fingiert oder mit blosser Hand Kerzen ausgelôscht und ienen Brief verbrannt Aber wie auch immer: Antonacci gehôrt in die allererste Reihe der grossen Soprane und es gibt sehr Wenige, die ihr auch nur annähernd das Wasser reichen kônnen :down :down :down Der Akzent bei den rezitierten Texten (z.B. Dante in frz. Übersetzung!) war entzückend und die Franzosen lagen ihr sofort zu Füssen! Tosender Applaus mit Fusstrampeln, aber nach dem Tod der Dido war keine Zugabe möglich, das haben wir notgedrungen. Ein mir bis dato unbekanntes hervorragendes Orchester- ich habe keine Minute bedauert, nciht beim Pianofestival gewesen zu sien, obschon dort das Programm auch serh spannend war.
Aber da bin ich dann morgen und werde sogar Gamameh treffen!
F.Q.
Severina (12.06.2010, 01:03):
Liebe Fairy,
um dieses Konzert beneide ich Dich glühend, denn die Antonacci möchte ich zu gerne einmal live erleben! Leider ist sie wohl kein Wienfan :I, denn dass man sie nicht engagieren will, kann ich mir einfach nicht vorstellen.
Also bleibt mir nur, mich an meinen Konserven mit ihr zu erfreuen, allen voran natürlich ihre Carmen an der Seite von Jonas Kaufmann.
Der Vergleich mit der Gheorgiu fällt in meinen Augen sehr zu Gunsten von Anna C. Antonacci aus, denn im Unterschied zu dem rumänischen Eisschrank verfügt sie über Temperament und ein großes schauspielerisches Talent.

lg Sevi :hello
Fairy Queen (12.06.2010, 07:53):
Liebe Sevi, deshalb ja meine Bemerkung von der "besserenAusgabe", denn dieselbe Berühmtheit hat sie ja leider nicht- total unverdienterweise! Sie ist mindestens genauso bühnenwirksam, singt für meinen Geschmack keinesfalls schlechter, im Gegenteil, und strahlt eine ganz andere Persönlichkeit aus.
Der Typus scheint auf den ersten Blick aber serh ähnlich, daher bot sich ein Vergleich spontan an.

Ich fand diese Frau wirklich umwerfend und ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, wäre ich rettungslos verloren :engel
F.Q.
Ingrid (12.06.2010, 10:27):
Original von Severina
Also bleibt mir nur, mich an meinen Konserven mit ihr zu erfreuen, allen voran natürlich ihre Carmen an der Seite von Jonas Kaufmann.
lg Sevi :hello

Liebe Severina,

in dieser Inszenierung hat sie mir aber gerade nicht so besonders gut gefallen, da ihr Spiel zu aufgesetzt wirkte. Sie war vielleicht auch zu stark geschminkt worden und deshalb, aus meiner Sicht gesehen, nicht sehr natürlich.

Bin halt jetzt auch von einer anderen Carmen völlig betört worden :down :down und richtig traurig, dass ich sie heute wahrscheinlich zum letzten Mal in dieser Rolle sehen werde :I Diese Besetzung hätte unbedingt aufgenommen werden sollen.

Liebe Grüße
Ingrid
Jeremias (16.06.2010, 07:30):
Ich war gestern in einem Konzert in der Musikhochschule Wuppertal. Meine Frau hat erstmals die "Carmen" gesungen.... vergiss die Antonacci! :engel :times10

Anschließend kam Frau Prof.'in Barbara Schlick herself zu mir und sagte, meine Frau solle unbedingt alsbald in den Opernhäusern vorsingen gehen.... :haha
ab (16.06.2010, 09:15):
Original von Jeremias
Ich war gestern in einem Konzert in der Musikhochschule Wuppertal. Meine Frau hat erstmals die "Carmen" gesungen.... vergiss die Antonacci! :engel :times10

Anschließend kam Frau Prof.'in Barbara Schlick herself zu mir und sagte, meine Frau solle unbedingt alsbald in den Opernhäusern vorsingen gehen.... :haha

Gratulation! Und steht ein Video bereits auf youtube? :hello
Jeremias (16.06.2010, 10:40):
Das kommt noch ;)
Fairy Queen (17.06.2010, 06:49):
Lieber Jeremias, da machst du uns aber wirklich sehr neugierig!!! Wenn man sogar Antonacci vergessen soll, muss deine Herzensdame wirklich der absolute Clou und du sehr verliebt sein sein! Beides zusammen ist ja DER Glûckstreffer! :times10 :hello
Jeremias (17.06.2010, 07:38):
Ich lade das Video gerade bei Youtube hoch ;)
Jeremias (17.06.2010, 08:22):
So, das ist es :

http://www.youtube.com/watch?v=tl4ga8PlmoE
ab (17.06.2010, 10:08):
Danke! Von ihrer zusätzlichen Bühnepräsenz sprachst Du ja noch gar nicht...
Fairy Queen (17.06.2010, 11:05):
Leider gibt es hier nicht die passenden Smilies, aber ich bin wirklich erschlagen! :times10
Gratuliere zu diesem Glücktreffer, lieber Jeremlas- es wird wohl wenige Leser hier geben, die dich nciht glühend beneiden.....
Wenn Jonas Kaufmann dieses Video sieht, wird er viellieicht tatsächlich Antonacci und Garanca vergessen wollen. Ich wünsche deiner Frau in jedem Fall eine grosse Karriere als Carmen (und Dir als Impressario? :wink)- dem dürfte eigentlich kaum etwas im Wege stehen.
F.Q.
Jeremias (17.06.2010, 12:47):
Sie kommt aus einer Schauspielerfamilie, das hat sie quasi mit der Muttermilch bekommen.... ich hab mit ihr nur musikalisch gearbeitet, das szenische war auch eine Überraschung für mich... wir geben im September ein Konzert zusammen, da freu ich mich drauf, endlich auch mal wieder solo spielen :engel
Armin70 (17.06.2010, 17:19):
Hallo Jeremias,

wow, das hat mir auch wirklich sehr gut gefallen. :times10 Gratulation an deine Frau für den schönen Auftritt. Vielleicht kann man sie ja mal auf einer Opernbühne erleben. Ich würde mir dann eine Karte kaufen.

"Carmen: 12 Points !"

Gruß
:hello
Armin
Severina (17.06.2010, 18:25):
Kann mich meinen Vorschreiben nur anschließen - deine Frau ist großartig :down :down :downund sollte unbedingt den Rat Ihrer Lehrerin befolgen!!!! Der Carmenthron an der WSO ist seit Agnes Baltsa ohnehin vakant! :D

lg Severina :hello
Gamaheh (22.06.2010, 22:33):
Original von Jeremias
Ich will nicht sagen, dassich das Konzert genossen habe, aber es war unglaublich interessant, einfach komplett anders. Ein Konzept steckt bei ihm ja schon seit Jahrzehnten dahinter.... aber es passte hier und da einfach nicht, das ganze Stück war teilweise sehr zerfahren, der Fluss fehlt. Zudem war es manchmal einfach zu laut und hart... aber es war halt wahnsinnig interessant, die Darbietung lebte von der Frage, was er als nächstes macht...


Das kommt meinen Erfahrungen vor zwei (?) Jahren doch recht nahe, auch wenn es sich dort um ein Rezital handelte. Weiß nicht, ob ich meinen Kommentar von damals noch wiederfinde ... Aber ich habe es als schiere Provokation empfunden, und zwar nicht als Provokation, die auf interessante Fragen oder andere Sichtweisen aufmerksam macht, sondern es ging ihm - in meiner Wahrnehmung - allein darum, dem Publikum seine Verachtung zu zeigen (auch das Zurückhusten paßte da rein). Die Noten trug er demonstrativ vor sich her und brachte sie sogar mit auf die Bühne, um den Applaus entgegenzunehmen.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (22.06.2010, 22:38):
Original von Jeremias
So, das ist es :

http://www.youtube.com/watch?v=tl4ga8PlmoE

Ich verstehe zwar nichts von der Oper, aber das finde ich auch toll. Aber warum nennst Du ihren Namen nicht?

Grüße,
Gamaheh
Heike (22.06.2010, 22:43):
Hallo Jeremias,
meinen Glückwunsch deiner Frau zu dieser Stimme und dir zu deiner Frau :-)
Heike
Gamaheh (23.06.2010, 02:29):
Leider bin ich aufgrund verschiedener Mißlichkeiten (zu spät ins Bett, zu spät aufgestanden, zu lange unterwegs wegen Staus) erst gegen Abend in Lille angekommen und habe deshalb sowohl den Meisterkurs von Jean-Philippe Collard (den ich besonders im Nachhinein gerne gehört hätte) als auch das Rezital von Plamena Mangova verpaßt.

So habe ich am Abend dann aber immerhin das Eröffnungskonzert hören können, in dem Aldo Ciccolini Schumanns Klavierkonzert spielen sollte. Wie man mir bereits an der Kasse sagte, war der jedoch im Krankenhaus und wurde daher ersetzt, und zwar durch den spanischen Pianisten Joaquim Achucarro, den ich noch nie gehört hatte, weder im Konzert noch von der Konserve. Egal, der Name war mir nicht unbekannt, und natürlich hielt mich das nicht davon ab, das Konzert zu besuchen.

Nachdem das letztjährige Festival Chopin gewidmet war, sollte es dieses Jahr ursprünglich im Zeichen des anderen großen Jubilars, Schumanns, stehen. Das wurde - für Außenstehende relativ kurzfristig - geändert, so daß das Motto nun "Rußland" hieß.

http://www4.pic-upload.de/23.06.10/ryudnr6ud1rd.jpg
Lille im Zeichen des Klavier-Festivals

So gab es gleich in diesem Konzert eine im voraus nicht angekündigte Darbietung des regionalen Chors, der ungewohntes Repertoire zu Gehör brachte: Mussorgski, Rachmaninow, Anton Rubinstein und César Cui. Der (lange) Auftritt des Chors hat etwas rührend Altmodisches, was durch die Begleitung von zwei Damen am Klavier noch unterstrichen wurde (ganz zu schweigen davon, das sich der Chorleiter, dessen schlechtsitzendes Jackett sich hinten von unten aufrollte, am Schluß bei diesen mit Handkuß bedankte).

Das Stück von MussorgskY ("Die Zerstörung des Sennacherib") war sehr interessant - sicher ein Komponist, von dem ich viel zu wenig kenne. Der Chor gibt sich hin - der Sopran gelegentlich ein wenig zu sehr; schöne Höhepunkte für den Alt. Bei Rachmaninow dürfen die Herren pausieren, es wird ein wenig schrill, aber das gibt sich mit Rubinstein wiederl. Interessant, das alles auf Russisch zu hören - eine sehr melodische Sprache, was einem nicht immer bewußt ist, wenn man es nur in der S-Bahn nach Neu-Allermöhe hört.

Dann - wie angekündigt - das Schumann-Konzert. Achucarro ist ein rüstiger Siebziger, der kaum stillsitzen kann und Schumann offenbar kriegerisch auffaßt, so daß er keine Gelegenheit (wenn er gerade nicht zu spielen hat) ungenützt läßt, Schattenbox-Einlagen zu liefern. Ich bin mir nicht im klaren, warum man gerade diesen Pianisten für dieses Konzert ausgewählt hat, aber offenbar versteht er sich mit dem Dirigenten (Jean-Claude Casadesus, der Chefdirigent des Orchestre National de Lille). Das Klavier klingt bei ihm wie Kastagnetten: hart, abrupt und rhythmisch. Romantisch ist da jedenfalls für meine Begriffe nichts mehr. Auf dieses Schumann-Konzert hätte ich - ehrlich gesagt - gut verzichten können, aber er bekommt begeisterten Applaus und spielt als Zugabe das Nocturne für die linke Hand von Skrjabin, das immerhin romantischer klingt als der Schumann. Wo habe ich nur kürzlich gelesen oder gehört, der dritte Satz des Konzerts sei gar nicht romantisch? Und warum ? Ich weiß es leider nicht mehr.

Soviel für heute. Gute Nacht,
Gamaheh
Jeremias (23.06.2010, 07:54):
Original von Gamaheh
Original von Jeremias
So, das ist es :

http://www.youtube.com/watch?v=tl4ga8PlmoE

Ich verstehe zwar nichts von der Oper, aber das finde ich auch toll. Aber warum nennst Du ihren Namen nicht?

Grüße,
Gamaheh

Ganz einfach: Sie ist Perserin und Frauen ist es dort verboten alleine in der Öffentlichkeit zu singen, von dem Rest mal ganz zu schweigen. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme, denn das Regime filtert alles bei Youtube.... So ist das Video jedem zugänglich, sie bleibt aber - vorerst - anonym....
Jürgen (23.06.2010, 09:18):
Original von Jeremias
Ganz einfach: Sie ist Perserin und Frauen ist es dort verboten alleine in der Öffentlichkeit zu singen, von dem Rest mal ganz zu schweigen.


Na dann kann man Deine Vorsicht verstehen.

Aus Neugier muss ich aber nachfragen: Was heisst denn alleine in der Öffentlichkeit zu singen ? Wäre ein Duett nicht verboten oder wenn der Bruder/Gatte auf der Bühne daneben steht?

Grüße
Jürgen
Jeremias (23.06.2010, 11:32):
Es reicht die Solostimme aus. Es müssen mindestens drei zusammen sein glaube ich.... aber wir wollen es nicht darauf ankommen lassen....
Gamaheh (24.06.2010, 00:47):
Am Sonnabend morgen ging es um 11 Uhr weiter mit einem Meisterkurs mit Paul Badura-Skoda, der in Frankreich viel angesehener ist als zumindest bei uns hier oben. Dies fand im Konservatorium statt, das im letzten Jahr nicht am Programm beteiligt war. Das Gebäude ist in weiten Teilen ein ziemlich unattraktiver Zweckbau aus den siebziger Jahren (schätze ich ohne Fachkenntnisse), und der Saal nur für Eingeweihte und Entschlossene zu finden. Als ich ihn schließlich erreichte, hatte Badura-Skoda gerade die Mechanik des Yamaha-Flügels draußen und machte sich an den Filzen der Hammerköpfe zu schaffen, schob das Ganze wieder rein, spielte ein paar Läufe und holte alles wieder raus, um nochmal in die Filze zu stechen – das ein paarmal, macht wirklich Eindruck, vielleicht auch nicht, denn offensichtlich ist das alles nur ein bißchen Theater, weil es in keiner Weise systematisch ist. Zum Schluß nimmt er noch den Stimmhammer, bringt eine Taste aus der Stimmung und stimmt sie dann wieder und baut alles wieder zusammen. Badura-Skoda ist ein rüstiger Achtziger, der sehr gut französisch spricht.

http://www3.pic-upload.de/24.06.10/uyp17nbykue.jpg
Paul Badura-Skoda zeigt, was in einem Klavier alles so drin ist

Er hat drei Schüler, von denen der erste den ersten Satz einer Beethoven-Sonate spielt; er ist nicht so sehr fortgeschritten, und was B-S dazu zu sagen hat, bezieht sich auf a) die Makro- und Mikrostruktur, b) auf den Gebrauch der Pedale (wobei er auch auf das halbdurchgetretene Pedal hinweist). Es ist sehr interessant, verschiedene Arten zu hören, wie einzelne Phrasen gespielt werden können und was für einen Unterschied kleinste Variationen machen können. Nicht, daß man das nicht immer wieder gewissermaßen im Felde bemerken würde, aber das so nebeneinander zu hören, ist schon etwas anderes.

Der nächste arbeitete am 1. Satz der Wanderer-Fantasie, und B-S hat auch hier alles in den Fingern und im Kopf. Hier kann ich aber nicht lange bleiben, da ich mit Fairy verabredet bin.

Am Nachmittag Till Fellner in der Handelskammer mit Beethovens letzten beiden Sonaten. Es ist ein relativ kurzes Programm, aber es ist exquisit – ich habe diese Sonaten selten überzeugender gehört. Es ist offensichtlich, daß er diese Werke geistig durchdrungen hat, und es ist klar, daß er die Lektionen von Badura-Skoda schon längst gelernt hat. Am Anfang der letzten merkt man, daß er gewisse Manierismen von seinem Lehrer Brendel übernommen hat, wie das konsternierte Zurückschrecken vor gewissen Tönen, die er gerade erzeugt hat. Ein Pianist, der schon am Nachmittag auch in diesem wenig formellen Rahmen im Frack auftritt und ohne wie ein sehr junger Mann wirkt.

Nachtrag zu Till Fellner (24.6.): Fellner hat diese beiden Sonaten zusammen mit der n.30 ein paar Tage später (am 17.6.) in der Londoner Wigmore Hall gespielt. Wer das hören möchte, kann das bis ca. zum 16.7. bei Radio France Musique, genauer: hier.

Als nächstes geht es wieder ins Konservatorium zum Rezital von Nikolai Lugansky. Heute abend ist der Vordereingang geöffnet und derselbe Saal ganz leicht zugänglich. Auch Lungansky ist im Frack, er wirkt recht steif. Er spielt folgendes Programm:

Chopin. Nocturne op.15/1, op.27/2, Fantaisie op.49, Prélude op.45, Scherzo n.4
Rachmaninow. Etudes-Tableaux op.33

Lugansky ist pianistisch wirklich fantastisch ! Trotzdem fehlt mir etwas; ich glaube, es ist der explizite Wille, etwas mit dem Publikum zu teilen. Er ist sicher nicht so hermetisch wie Pogorelich, aber ob da ein Publikum ist oder nicht, scheint ihm egal zu sein. Inspiration scheint er in den Neo-Kitsch-Elementen zu suchen, die die oberen Sphären des Saals schmücken (das ist wirklich der Hammer!), und auch zu finden:Relativ sperrige Stücke wie das Prélude oder das Scherzo bereitet er rhythmisch etwas auf. Am Ende der Etudes-Tableaux muß ich flüchten, um das nächste Konzert rechtzeitig zu erreichen, das wieder im großen Saal des Nouveau Siècle stattfindet.

Hier werden in einem Konzert zwei Klavierkonzerte gegeben, zunächst das 4. von Rachmaninow mit Plamena Mangova, dann Prokofiews 3. mit Igor Tchetuev. Die bulgarische Pianistin Plamena Mangova hat beim letzten Concours Reine Elisabeth vor drei Jahren den Zweiten Preis gewonnen, letztes Jahr habe ich sie hier schon erfreulich mit dem Cellisten Alexander Kniazev und Chopins Cello-Sonate gehört. Sie hat einen beeindruckenden Körperumfang und eine echte Löwenmähne, die sie effektvoll einsetzt; besonders witzig ist, daß sie ihren enormen Körper auf kleinen Pumps mit ca. 10 cm hohen Stilettos balanciert, für die sie eigentlich an jedem Ende einen Waffenschein bräuchte.

http://www3.pic-upload.de/24.06.10/rx1jzkhh9cmc.jpg

Von diesen Äußerlichkeiten abgesehen ist sie eine tolle Pianistin mit Kraft und Ausdruck und – wie man bei der Zugabe (ein Nocturne von Chopin) hört – auch Feingefühl.

Igor Tchetuev ist ein junger russischer Pianist, den ich nur aus Frankreich kenne, der aber, wie ich erfahre, in Hannover lebt. Er spielt das 3. Konzert von Prokofiew sehr plastisch und mit viel Esprit – dieser Abend ist wirklich sehr erfreulich. Als Zugabe spielt er ein witziges Stück von Ljadow, dem Lehrer von Prokofiew.

Nocturne Grüße,
Gamaheh
Heike (24.06.2010, 12:22):
Warum ist Lille eigentlich so weit weg von hier???? Liebe Gamaheh, danke für die Berichte, da kann man richtig neidisch werden!
Heike
Gamaheh (24.06.2010, 12:49):
Original von Heike
Warum ist Lille eigentlich so weit weg von hier???? Liebe Gamaheh, danke für die Berichte, da kann man richtig neidisch werden!
Heike

So viel weiter von Berlin als von Hamburg ist das auch nicht, und ich finde, daß sich das für drei Tage geballter Klaviermusik schon lohnt, besonders auch in Anbetracht der wirklich sehr günstigen Eintrittspreise.

Grüße,
Gamaheh
Heike (24.06.2010, 15:56):
Hallo Gamaheh,
So viel weiter von Berlin als von Hamburg ist das auch nicht
Leider doch:
Berlin HH: 280 km
Berlin Lille: 840 km
Aber irgendwann verbinde ich das vielleicht mal mit einem Urlaub....
Heike
Gamaheh (24.06.2010, 16:59):
Original von Heike
Hallo Gamaheh,
So viel weiter von Berlin als von Hamburg ist das auch nicht
Leider doch:
Berlin HH: 280 km
Berlin Lille: 840 km
Aber irgendwann verbinde ich das vielleicht mal mit einem Urlaub....
Heike

Hallo Heike,

ich meinte es so: Lille ist von Berlin nicht so viel weiter entfernt als Lille von Hamburg:

Berlin - Lille: 840 km (Deine Angabe)
Hamburg - Lille: 700 km

Grüße,
Gamaheh
Heike (24.06.2010, 17:48):
ich meinte es so: Lille ist von Berlin nicht so viel weiter entfernt als Lille von Hamburg:
Ach ja, steht ja auch da, wer lesen kann ist klar im Vorteil!!! Na wie auch immer, ich beneide dich!!!
Karo
Gamaheh (24.06.2010, 22:23):
Am Sonntag um 11 Uhr wieder Paul Badura-Skoda im Konzertsaal des Konservatoriums (es wird schon fast zur Gewohnheit), diesmal mit einem Rezital, dem einzigen kompletten Schumann-Programm des Festivals, glaube ich: Kinderszenen op.15, Carnaval op.9 und die Symphonischen Etüden op.13 (ohne posthume Variationen); ein anspruchsvolles Programm, das der Achtzigjährige mit großer Hingabe auswendig spielt – eine bewundernswürdige Gedächtnisleistung für das Alter, finde ich. Technisch fällt ihm das Programm nicht mehr ganz leicht, und seine Finger landen an unvorhersehbaren Stellen, aber davon kann ich bei der wunderbaren Musikalität der Interpretation und der Freude am Musizieren, die wir da erleben, abstrahieren.

http://www3.pic-upload.de/24.06.10/7ujgeoovv64z.jpg

In der unmittelbaren Umgebung außerhalb des Gebäudes ertönt sehr laute Karnevalsmusik, die streckenweise unerträgliche Ausmaße annimmt, aber B-S läßt sich dadurch nicht stören. Er läßt sich auch nicht durch voreiligen Applaus im Carnaval, noch bevor die Davidsbündler anfangen zu marschieren, stören, sondern hebt nur abwehrend die Hände, spielt weiter und lächelt freundlich ins Publikum. Dem er am Ende zwei Zugaben konzediert: die zweite der posthumen Variationen zu Schmumanns op.13 und einen Walzer von Chopin. Badura-Skoda wird hier geradezu verehrt, kann man wohl sagen. Auch nach dem Konzert zeigt er keine Ermüdungserscheinungen, sondern ist prompt am Signiertisch.

Als nächstes erwartet mich im Théâtre du Nord russische Musik für vier Hände an zwei Klavieren, gespielt von Igor Tchetuev und Elena Bobrovskikh (beide sind Schüler von Vladimir Krainev in Hannover und, wie ich später las, ein Ehepaar):

Stravinsky, Konzert für zwei Solo-Klaviere
Schostakowitsch, Concertino op.94
Rachmaninow, Suite Nr.2 op.17

http://www4.pic-upload.de/23.06.10/qrvpbf1gzt1t.jpg

Das Konzert ist ein relativ spätes Klavierwerk (1935) von Stravinsky und wirkt experimentell. Teilweise ergeben sich interessante Konstellationen zwischen den beiden Klavieren, aber insgesamt wird es mir recht lang, es nimmt fast die Hälfte des Konzerts ein. Wesentlich kurzweiliger ist Schostakowitschs Concertino, spritzig und gute Laune machend, nichts Schweres, wie auch Rachmaninows Suite, die in ebenso launiger Stimmung das Konzert beendet. Für die Zugabe setzen sich die beiden Pianisten an ein Klavier und spielen Gounods Ave Maria !

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (25.06.2010, 14:55):
Am späteren Nachmittag folgt das Konzert, das für mich eindeutig der Höhepunkt des Festivals ist: Alexei Lubimov spielt russische Musik des 20. Jahrhunderts. Ich vermute, daß diese Art von Musik häufig so wenig Publikum anzieht, weil sie oft so indifferent interpretiert wird. Lubimov ist offensichtlich einer, der sich intensivst analytisch mit diesen Texten auseinandergesetzt hat und dem es gelingt, sie so darzustellen, daß sie – zumindest für mich – fast bezwingend sinnvoll und interessant erscheinen.

Das Programm:
ALEXANDRE SCRIABINE CINQ PRÉLUDES, OP.74
ANDREI VOLKONSKY MUSICA STRICTA
IGOR STRAVINSKI SÉRÉNADE EN LA
GALINA USTVOLSKAYA SONATE N°6
VALENTIN SILVESTROV QUATRE BAGATELLES
SERGE PROKOFIEV SONATE N°7, OP.83

Am Anfang gab es eine kleine Comedy-Einlage: Lubimov hat offenbar den Wunsch, verstanden zu werden, nicht nur, was die Musik angeht. Da er kein Französisch spricht, hatte er seinen Umblätterer (wie sich herausstellte) gebeten, seine einführenden Worte aus dem Englischen zu übersetzen. Der junge Mann war aber sichtlich überfordert, denn erstens konnte er einen relativ kurzen Satz nicht in einem Stück übersetzen, auch waren ihm die Namen der Komponisten gänzlich unbekannt. Da das Publikum offenbar weitgehend sprachlich kompetenter war als der „Dolmetscher“, korrigierte es diesen ständig lauthals. Als der arme Kerl dann auch noch Galina Ustvolskaya zum Mann machte, rief ein empörter Chor „elle !!!“.

http://www4.pic-upload.de/23.06.10/9roz39l82b65.jpg

Deren Stück übrigens – Lubimov wies darauf hin – war „ein wenig brutal“. Das sah so aus, daß das Klavier systematisch gehämmert wurde, teilweise mit einem sorgfältig gesetzten Ellbogen. Ich weiß nicht, ob jemand von Euch diese Komponistin kennt. Ich habe schon kürzlich ein Stück für Cello und Klavier (gespielt von Knopf-Akkordeon und Kontrabaß) von ihr gehört und mich bei der Gelegenheit gefragt, was in einem Menschen vorgeht, der solche Musik schreibt. Sie soll praktisch als Einsiedlerin gelebt haben, alle Versuche, ihre Musik zu interpretieren, weit von sich gewiesen haben und es abgelehnt haben, mit Journalisten usw. zu sprechen und nur etwa 20 ihrer Opus-Nummern als für die Nachwelt geeignet befunden haben.

Zurück zu Lubimov: Er spielte nur Skrjabin am Anfang und Prokofiew am Ende auswendig, aber ich empfand es nicht als störend, daß die Noten da lagen, da er nicht an ihnen klebte. Er formte die Musik sorgfältig mit seinen Händen, was gewissermaßen optische Anhaltspunkte gab. Nach dem zweiten Stück ging er den Techniker holen, um eine gerissene Saite entfernen zu lassen; kurz nach Beginn des Prokofjew entschuldigte er sich und demonstrierte, daß eine Taste gar keinen Ton mehr erzeugte. Hier erwies es sich als nützlich, daß wir hier vorher Musik für zwei Klaviere hatten: Der andere Flügel wurde kurzerhand auf die Bühne geschoben und mit seinem Deckel versehen, woraufhin Lubimov Prokofjew von neuem begann.

Erwähnen muß ich noch die Bagatellen von Silvestrow, dessen Musik ich vorher nur von Afanassjew kannte. Lubimov hatte bereits darauf hingewiesen, daß seine Orchestermusik sehr kompliziert sei, daß aber diese Stücke fast eine gewisse Naivität hätten. Und in der Tat hörten wir hier ganz liebreizende, romantische Stücklein. Noch einmal: für mich eindeutig der Höhepunkt des Festivals.

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (25.06.2010, 21:37):
Ich bin leider auch wieder zurück aus Lugano vom Progetto Martha Argerich

Hier meine diesjährigen Eindrücke:

Da ich zeitlich eng begrenzt war, entgingen/entgehen mir leider die wahrscheinlichen Höhepunkte, aber egal.

Auch wenn ich mich wiederhole: die Klavierrecitals finden in einer kleinen alten Kirche (Chiesa San Rocco) statt, die Orchesterkonzerte im Palazzo dei Congressi mit leider sehr schlechter Akkustik (erinnert mich immer an ein plüschiges Wohnzimmer) und die Kammerkonzerte im Auditorium der Radiostation der italienischen Schweiz, das sind für mich immer die besten Konzerte.
Spannend ist jedesmal, ob das Programm eingehalten wird oder - wie meistens - kurzfristig geändert ist.

Es begann für mich am Anreisetag mit einem Recital von Nelson Goerner, Jahrgang 1969 aus Argentinien.
Geplant waren eigentlich Chopins Sonate Nr. 2 und die Berceuse; die Sonate entfiel leider ganz, statt der Berceuse spielte er zwei Nocturnes - op. 62 Nr. 1 und 2.
Das Programm sah also folgendermassen aus:
F.Chopin: Polonaise No. 5 op. 44; Zwei Nocturnes op. 62
R.Schumann: Symphonische Etuden op. 13 einschliesslich der posthumen Variationen I-V, die er als Block nach der IX. Etude einschob
als Zugabe:
F.Schubert: 2. Satz (Andante) aus der Sonate A-Dur D644 op. post. 120
F.Chopin: Etude No. 4 cis-moll aus op. 10
Die Fahr war leider etwas stressig gewesen, deshalb hatte ich etwas Mühe, mich auf die Musik einzulassen. Das tut mir umso mehr Leid, als ich Goerner für einen ganz sensiblen Pianisten halte, der klangliche Details hervorzaubern kann. Ausserdem musste ich mich erst an die etwas hallige und schwammige Akkustik gewöhnen, so dass die Polonaise etwas an mir vorbeirauschte.
Die Nocturnes fand ich dann ganz wunderbar.
Die symphonischen Etuden höre ich nicht so furchtbar gerne, muss aber gestehen, dass er sie wirklich interessant gestaltet hat. Insbesondere die als Block eingeschobenen posthumen Variationen waren eine Wohltat.
Die Zugaben feine Leckerbissen!

Am nächsten Abend das Orchesterkonzert mit dem Orchestra della Svizzera Italiana unter Alexander Vedernikov, der mir persönlich nicht sehr viel gibt.
Programm:
C.M.von Weber: Ouverture zu Abu Hassan
R.Strauss: Violinsonate op. 18 in einer Orchesterfassung von Jorge Bosso, einem Cellisten, der dem Progetto schon viele Jahre angehört und auch kompositorisch aktiv ist; Solistin war Dora Schwarzberg
R.Schumann: Klavierkonzert a-moll op. 54 mit Martha Argerich
C.Franck: Variations symphoniques mit Alexander Gurning
R.Schumann: Cellokonzert a-moll op. 129 mit Mischa Maisky
Die Ouverture: geschenkt, ganz nett aber für mich zuviel Dschingdarrassabum
Die Orchesterfassung der Strauss-Sonate gefiel mir persönlich nicht so gut; die Violine ging einfach zu oft im Orchesterklang unter. Ob das an der Akkustik lag, an der Orchestration, an der Solistin... ich weiss es nicht.
Überraschenderweise habe ich das Schumann-Klavierkonzert das erste Mal live mit Martha erlebt. Sie überwältigt mich immer wieder. An ihrem Gang sieht man ihre 69 Jahre inzwischen, aber wenn sie am Flügel sitzt, ist sie so jung und kraftvoll wie eh und je. Ein Phänomen! Und je älter sie wird, desto freier spielt sie, einfach fantastisch!
Von den Franckschen Variationen blieb bei mir leider nicht viel hängen...
Schumanns Cello-Konzert dann wieder Maisky-typisch mit vollem Einsatz und Risiko; man mag es oder auch nicht. Mir hat es an diesem Abend gut gefallen, weil mich diese Intensität beeindruckt.

Am Samstag hatte Christopher Falzone sein Recital. Eifrigen Forumlesern wird er vom Concours Reine Elisabeth ein Begriff sein, wo er allerdings nicht das Finale schaffte.
Er spielte:
R.Schumann: Fantasie op. 131 zusammen Lucia Hall, Violine.
Y.Sharlat: Sonata 2008 - Erstaufführung eines für Falzone komponierten Werkes, beauftragt vom Gilmore Keyboard Festival
R.Schumann: Carnaval op. 9
A.Jolivet: Sonata no. 2
Zugabe: Chopin, habe vergessen, was...
Die Fantasie kannte ich noch gar nicht, hat mich aber beeindruckt. Falzone hat eher unauffällig begleitet, während Lucia Hall mit viel Ausdruck und Gefühl spielte.
Die Sonate 2008 des 1977 geborenen Russen Sharlat (der auch anwesend war) ist so ein Werk, mit dem ein Pianist brillieren kann. In meinen Ohren klang sie unglaublich schwer und hat im ersten Moment überwältigt. Nur war die Programmauswahl meiner Meinung nach ungeschickt, denn die Sonate No.2 von Jolivet erschien mir ähnlich angelegt, so dass beide mehr oder weniger gleich klangen (Experten mögen mir verzeihen) und bei mir nicht in Erinnerung blieben.
Für mich hätte er nach Schumanns Carnaval aufhören sollen, denn den hat er wirklich gut darbeboten. Er hat sich zum Ende hin in einen richtigen Rausch gespielt mit dem Marsch der Davidsbündler als wuchtiges Ende, wirklich klasse.

Am Sonntag Kammerkonzert:
C.Franck: Sonate A-Dur für Violine und Klavier; Renaud Capucon, Katia Buniatishvili
A.Schnittke: Klavierquintett op. 108; Lilya Zilberstein, Dora Schwarzberg, Lucia Hall, Lyda Chen, Jorge Bosso
B.Britten: Sonate C-Dur für Cello und Klavier op. 65; Gautier Capucon, Nicholas Angelich
B.Bartok: Sonate für zwei Klavier und Schlagzeug Sz 110; Martha Argerich, Stephen Kovacevich, Louis Sauvaitre, Danilo Grassi
Das war ein anspruchsvoller Abend.
Er begann überraschend bedächtig und feinsinnig mit der Franck-Sonate, die man sonst oft so hitzig hört. Das war wunderschön anzuhören. Mir gibt Capucon viel mit seinem Spiel, und es macht Freude zu hören, wie sein Ton immer runder, wärmer, voller, flexibler wird. Er ist ein fabelhafter, ernsthafter und tiefsinniger Geiger. Buniatishvili ist ihm hörbar eine gleichgesinnte Partnerin, die beiden sind jetzt schon ein homogenes Duo.
Schnittkes Klavierquintett ist ein Werk, das mich sehr berührt, einerseits durch die Intensität, andererseits durch die Schlichtheit und dieses Ende im Nichts. Die fünf haben das auch grossartig umgesetzt, und Dora Schwarzberg war am Ende sichtlich ergriffen. Es scheint ein wichtiges Werk für sie zu sein, bei der Verbeugung hielt sie stets das Titelblatt der Noten zum Publikum.
Als Konrtrast dazu die wirklich originelle Britten-Sonate. Den ersten Satz fand ich noch etwas gewöhnungbefürftig, aber die übrigen vier haben wirklich Laune gemacht. Angelich und Capucon sind perfekt aufeinander eingespielt, und Angelich ist wirklich ein Original: wie unbeholfen und schwerfällig er auf die Bühne tapst, aber wenn er am Flügel sitzt, ist er so zupackend und wenn nötig filigran!
Bei Bartok überwältigte dann wieder die orchestrale Wucht von zwei Flügeln, wenn Kaliber wie Argerich und ihr etwas feinerer, aber rhythmisch auch so präzise Ex-Ehemann spielen. Da hatten es die Perkussionisten wirklich schwer...

Das Recital am Montag habe ich geschwänzt, weil endlich die Sonne schien!!

Mein letztes Konzert am Dienstag war wieder ein Kammerkonzert unter dem Motto "Schumanniana".
Das Programm wurde ziemlich modifiziert, und leider entfiel das von mir voller Vorfreude erwartete Klaviertrio No. 3 und wurde ersetzt durch die Violinsonate No. 1.
J.Brahms: Variationen über ein Thema von Schumann op. 23; Lily Maisky, Nicholas Angelich
R.Schumann:
"Marsch" aus Album für die Jugend; Eduardo Hubert
Romanzen für Frauenstimmen op. 91; Eduardo Hubert, Coro femminile della Radiotelevisione svizzera, Diego Fasolis
Märchenbilder op. 113 für Viola und Klavier; Lyda Chen mit ihrer Mutter Martha Argerich
"Erinnerung" aus Bunte Blätter op. 99; Eduardo Hubert
Romanzen für Frauenstimmen op. 69; Besetzung wie oben
Sonate für Violine und Klavier a-moll op. 105; Renaud Capucon, Martha Argerich
Spanisches Liederspiel op. 74; Doris Steffan (Sopran), Susanne Otto (Alt), Martin Steffan (Tenor), Dominnik Rieger (Bariton), Walter Delahunt (Klavier)
Adagio und Allegro op. 70 für Cello und Klavier
Der Brahms war ehrlich gesagt nicht so toll, das lief offenbar zwischen den beiden auch nicht ganz optimal.
Eduardo Hubert kannte ich bisher nur mit Tango-Stücken, die er u.a. mit Martha Argerich spielte. Wie wunderbar er auch Schumann interpretieren kann hat er mit den beiden Solostücken gezeigt: voller Wärme und Weisheit. Er scheint zudem auch ein sehr feinfühliger Begleiter zu sein, er passte sich perfekt den Frauenstimmen an (wobei die Klavierbegleitung bei den Romanzen offenbar nur unterstützende Aufgabe hat).
Auch wenn ich kein Freund von Liedern bin, haben mir die Romanzen ganz gut gefallen. Der Chor unter der Leitung von Diego Fasolis war sehr gut vorbereitet.
Lyda Chen hat mich bei den Märchenbildern etwas enttäuscht. Es wirkte unsicher und leider auch etwas ausdruckslos.
Ganz anders die Violinsonate. Capucon und Argerich sind inzwischen perfekt eingespielt und gleichwertige Partner. Phasenweise gefällt mir diese Konstellation besser als Kremer/Argerich. Einfach sehr beglückend das Trio Schumann/Capucon/Argerich!!
Den Spanischen Liederkreis hätte ich dagegen nicht hören müssen. Es klang für mich irgendwie verkrampft. Positiv fielen auf der Bariton mit angenehmer Stimme und der Pianist, der etwas Esprit einbrachte.
Zum Abschluss dann das Adagio und Allegro, das ich erst vor kurzem in Essen mit Maisky und Argerich gehört habe. Ich muss gestehen, G.Capucon gefällt mir dabei besser!

So, jetzt ist es ein endlos langer Text geworden, den wahrscheinlich keiner ganz liest.
Vielleicht hätte ich es häppchenweise bringen sollen. Egal...

Nikolaus

P.S.: Einige Konzerte können schon via Internet angehört werden, andere via live streaming miterlebt über die homepage.
Gamaheh (25.06.2010, 23:16):
Original von nikolaus
Ich bin leider auch wieder zurück aus Lugano vom Progetto Martha Argerich
Bentornato!

So, jetzt ist es ein endlos langer Text geworden, den wahrscheinlich keiner ganz liest.
Vielleicht hätte ich es häppchenweise bringen sollen. Egal...

Lieber Nikolaus, ich bitte Dich ! Ich habe Dir jede Silbe Deines Berichts gewissermaßen aus der Feder gesogen - wenn Du den meinen nur die Hälfte dieser Aufmerksamkeit schenkst !

So ist es mir auch nicht entgangen, daß Du uns bei Schumanns op.70 den Namen des Pianisten vorenthalten hast - ich vermute, es war Angelich?

Du hast also Chr. Falzone gehört, das hätte ich ja zugegebenermaßen auch ganz gerne - Du erinnerst Dich vielleicht, daß er einer meiner Favoriten beim Concours war. Stattdessen habe ich nicht einmal Denis Kozhukhin gehört ...

Wie lang sind diese Programme eigentlich? Teilweise scheint mir da ganz schön viel reingestopft zu sein.

Schade, nun hast Du schon alles Pulver verschossen - aber läuft nicht auch noch das Ruhr-Festival?

Viele Grüße,
Gamaheh
nikolaus (25.06.2010, 23:42):
Original von Gamaheh
Lieber Nikolaus, ich bitte Dich ! Ich habe Dir jede Silbe Deines Berichts gewissermaßen aus der Feder gesogen - wenn Du den meinen nur die Hälfte dieser Aufmerksamkeit schenkst !

Na und ob! Deine Berichte sind doch unerreicht!!

Original von Gamaheh
So ist es mir auch nicht entgangen, daß Du uns bei Schumanns op.70 den Namen des Pianisten vorenthalten hast - ich vermute, es war Angelich?

Ertappt! Es waren Gautier Capucon und Martha Argerich , ein ähnlich gutes Gespann wie Renaud mit ihr.

Original von Gamaheh
Wie lang sind diese Programme eigentlich? Teilweise scheint mir da ganz schön viel reingestopft zu sein.

Die Recitals sind immer ungefähr eine bis eineinhalb Stunden ohne Pause.
Die Kammerkonzerte sind immer recht lang; sie beginnen um 20:30Uhr (inzwischen superpünktlich, wohl wegen der live-streamings) und enden meistens gegen 23:30Uhr. Der letzte abend war extrem, da ging ich erst um 0Uhr aus dem Saal.
Das Orchesterkonzert begann dieses Jahr schon um 20Uhr, Ende war ca. 23Uhr.
Ja, die Programme sind immer umfangreich, manchmal ist das richtig anstrengend. Aber in einem lauen Sommerabend am See entlang zurück zum Hotel zu fahren ist wunderschön... (es sei denn, es regnet...)

Original von Gamaheh
Schade, nun hast Du schon alles Pulver verschossen - aber läuft nicht auch noch das Ruhr-Festival?

Ja, das läuft noch. Ich überlege noch spontan zu Anderszewski zu fahren. Geplant habe ich erst wieder das Beethoven-Festival im September.

Herzliche Grüße, Nikolaus.
Heike (26.06.2010, 08:36):
Konzerthaus Berlin, 25.6.2010
Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek
Antoine Tamestit Viola

Sofia Gubaidulina Konzert für Viola und Orchester
Gustav Mahler Sinfonie Nr. 9 D-Dur

Das Bratschenkonzert ist toll! Schwarze, feingezeichnete Musik mit Reminiszensen an Schostakowitsch. Das hat mir richtig gut gefallen, zumal es absolut klasse von Antoine Tamestit gespielt wurde. So mag ich das, ein sprechendes, klagendes, schreiendes und singendes Instrument. Das ging richtig ins HErz, eine tiefe warme Bratsche und die spielt diese dunkle, aufwühlende Musik. Tamestit war sehr ausmerksam, extrem präsent, aber ohne jede Manierismen. Extase und Verzweiflung pur, gerade und absolut natürlich gespielt. Spannend im Orchester: Es gibt vorn eine separate Vierergruppe Streicher (Geige, Bratsche, Cello, Bass), die tiefer gestimmt sind und den Solisten auf ganz finstre Art kommentieren. Sehr originelles Werk, toll vorgetragen. Das hat mich sehr berührt. Ich muss mal demnächst gucken, ob es dazu schon einen Thread gibt.

Mahlers Neunte liebe ich besonders unter den Mahler- Sinfonien. Dieses morbide, brüchige spricht mich an. Das Konzerthausorchester war gestern wach und leidenschaftlich dabei, aber nicht immer ganz genau im Zusammenspiel (wie schon inletzter Zeit mehrmals). Die Interpretation hat mir eigentlich gut gefallen, sehr strukturiert, zügig, vielleicht ein wenig zu unruhig. Am Ende dieser Sinfonie bin ich immer ganz erschlagen, aber zufrieden.

Heike

@Nikolaus:
So, jetzt ist es ein endlos langer Text geworden, den wahrscheinlich keiner ganz liest.
Da mach dir mal z.B. bei mir keine Sorgen, ich finde solche ausführlichen Berichte super interessant und lese das sehr gerne!
Gamaheh (26.06.2010, 09:24):
Ich bin noch immer nicht ganz fertig, denn hinterher gab es noch zwei Konzerte mit Orchester. Im ersten spielte Alexei Volodin Skrjabins Klavierkonzert, das mir völlig unbekannt war und streckenweise überraschend romantisch, besonders der Klavierpart, soweit er zu hören war. (Das war er längst nicht immer, ich empfinde die Blechbläser in diesem Orchester gelegentlich als sehr dominant, wie mir schon früher aufgefallen war.) Als Zugabe gab Volodin ein Prélude von Rachmaninow, wenn ich mich recht erinnere. Er ersetzte übrigens Anatol Ugorski, der aus mir unbekannten Gründen abgesagt hatte, wie auch in einem Rezital am Tag vorher Denis Kozukhin, der aus bekannten Gründen verhindert war.

Es folgte das mir ebenfalls unbekannte (Schande!) 2. Klavierkonzert von Tschaikowsky, gespielt von Ekaterina Mechetina als Solistin, einer kräftigen jungen Frau, die man sich auch gut als Traktoristin vorstellen kann. Nicht nur mir war dieses Konzert unbekannt: Nach der Hälfte brach schon Beifall los, zumal die Musik gerade irgendwie an einem Höhepunkt angekommen war (gefühlt ungefähr dem 20.). Außerdem schien sich einer der Cellisten anzuschicken, die Bühne zu verlassen, aber er kam nur in deren Mitte, um in einem wirklich sehr schönen langsamen Satz ein hinreißendes Duett mit dem Konzertmeister zu spielen – was für eine Überraschung! Danach kam natürlich noch ein Satz, und alles endete in rauschendem Beifall. Als Zugabe spielte die Pianistin den sog. Minuten-Walzer von Chopin. Diese beiden Konzerte wurden von dem Engländer Paul Mann dirigiert.

Wenig später kam mit dem Abschlußkonzert auch bereits das Ende des Festivals, das wieder der Chef des Orchestre Nationale de Lille, Jean-Claude Casadesus, dirigierte. Nikolai Lugansky war Solist in dem monumentalen 3. Klavierkonzert von Rachmaninow. Um ehrlich zu sein: Das war toll gespielt, und auch das Orchester war in bester Form – es ist eben ein allseits beliebtes Schlachtroß, bei den Musikern ebenso wie beim Publikum, und von massiver Länge. Am Ende gab es stehende Ovationen, über die sich der kühle Lungansky sichtlich freute und dem Publikum zwei Zugaben kredenzte: eine Etüde von Skrjabin, die zweite weiß ich nicht.

http://www4.pic-upload.de/23.06.10/a3ano8qp46n.jpg
Damit war das Klavier-Festival in Lille zuende, aber meine Reise noch nicht, denn nachdem ich mir drei Tage in Südengland völlig ohne Musik, sondern mit Naturbetrachtungen auf den South Downs gegönnt hatte, bin ich noch für ein paar Tage nach Paris gefahren - aber davon später.

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Zum Kontrast weise ich noch auf Fairys Bericht im Faden "Lille Klavierfestival" (oder so ähnlich) im Bereich Klaviermusik hin sowie auf die Zusammenfassung von Concertclassic, in dem auch noch von anderen Konzerten die Rede ist.
Fairy Queen (26.06.2010, 11:10):
Liebe Gamameh, danke, dass Du meinen Mini- Bericht aus dem Handgelenk ueberhaupt erwaehnst, aber angescihts eurer umfassenden Konzert- und Festivalerlebenisse inclusive tollen Bildmaterials lohnt das wahrhaftig nicht das Suchen/Lesen. Ich freue mich , dass Lille so Berichtenswertes zu bieten hatte und auch ich, lieber Nikolaus, lese Deine Berichte sehr gerne und nehme so wenigstens virtuell an vielen mir sehr fernen Dingen teil. Gautier Capuçon habe ich ja selbst schon live erlebt. aber wer ist nun der Ex-Mann von Argerich? und we ist Lily Maisky? Verwandt/verschwaegert? Du weisst ja, die weibliche Neugier ......
liebe Gruesse aus Nizza, ganz ohne Musik, dafuer aber mit Chagall und Matisse

F.Q.
Gamaheh (27.06.2010, 20:10):
Zum Abschluß beginnt gerade passend die Saison in den Serres d’Auteuil, dem Gewächshaus, von dem ich schon öfter berichtet habe. Den Auftakt macht ein Rezital von Jean-Philippe Collard, den ich in Lille verpaßt hatte, weil ich nicht rechtzeitig da war; er spielt – kaum überraschend – Schumann und Chopin. Des ersteren Waldszenen sind vorgesehen, die obligate zeitgenössische Komposition war Jeu des contraires von Henri Dutilleux, dann von Chopin das Scherzo n.3, das Nocturne op. 48/1 sowie die 3. Ballade.

http://www4.pic-upload.de/23.06.10/ckcm7wxg9jjd.jpg
Dies ist ca. 1/2 Stunde vor Beginn des Konzerts - daher sind noch nicht so viele Leute da

Leider habe ich kaum eine Erinnerung an das Programm, und weiter zum Ende hin könnte ich nicht einmal beschwören, daß er das überhaupt gespielt hat, denn vor allem sein Auftreten nahm meine Aufmerksamkeit gefangen – ich glaube, einen merkwürdigeren Auftritt habe ich noch nicht erlebt.

Collard kommt auf die Bühne, wie Doc Holliday einen Saloon betritt: Langsam und bedächtig, stets einen wachen und mißtrauischen Blick in die Runde schweifen lassend, immer darauf gefaßt, daß jemand eine Knarre zieht und aus dem Hinterhalt schießt. Dieser Eindruck verstärkt sich übrigens im Laufe der folgenden Stunde. Er bewegt sich zunächst langsam auf den Yamaha zu, setzt sich und beginnt sofort zu spielen – wie ein Schuß aus der Hüfte. Sein Drei- bis Vier-Tage-Bart vervollständigt das Bild. Die Veranstalterin kündigte an, er würde eine Zugabe spielen, und zwar vor dem Konzert; das war die nicht im Programm vorgesehene Arabeske von Schumann; „schwächlich und für Damen“, wie der Komponist sie beschrieb, spielte er sie gerade nicht, aber die Waldszenen, die folgten, ging er an wie den Shoot-Out am O.K. Corral.

Collard nahm leider keine Rücksicht auf die akustischen Besonderheiten des Gewächshauses oder die Limitationen des Yamaha. Ich hing der Frage nach, wie das in einem richtigen Konzertsaal klingen würde. Nach den Stücken stand er lässig auf, eine Hand in der Hosentasche, lächelte skeptisch mit von unten schweifendem Blick. Er wirkte auf mich wie jemand, der sich ständig ein wenig über sich selbst mokiert – eine Art Meta-Musiker, der sich selbst spielt, wie er Klavier spielt. Chopin spielt er genauso energisch wie Schumann, als echte Zugabe noch eine Etüde.

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (27.06.2010, 20:52):
Original von Fairy Queen
aber wer ist nun der Ex-Mann von Argerich? und we ist Lily Maisky? Verwandt/verschwaegert? Du weisst ja, die weibliche Neugier ......
liebe Gruesse aus Nizza, ganz ohne Musik, dafuer aber mit Chagall und Matisse

F.Q.

Martha Argerich war meines Wissens dreimal verheiratet: mit Charles Dutoit, mit Stephen Kovacevich (den ich oben meinte) und - wenn man ihre Tochter Lyda Chen sieht - mit einem mir unbekanntem Herrn asiatischer Abstammung...

Lily Maisky ist die Tochter von Mischa Maisky; es gibt noch einen Sohn Sascha...

Ich hoffe, Deine Neugier vorerst gestillt zu haben

Nikolaus :hello

P.S.: Chagall und Matisse sind aber mindestens genauso gut wie Musik!!
Fairy Queen (28.06.2010, 07:36):
Lieber Nikolaus, danke schön, ja hast du! :engel

Und was Chagall und Matisse angeht: Ersterer steht für mich in einer Reihe mit meinen geliebtesten Komponisten, Letzteren würde ich mir zu allen Zeiten lieber ansehen als eine Wagner -Oper...... :hello
Heike (28.06.2010, 08:10):
So 27. Juni 2010 20 Uhr Philharmonie

Staatskapelle Berlin
Daniel Barenboim Dirigent und Klavier

Ludwig van Beethoven - Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73
Anton Bruckner - Symphonie Nr. 9 d-Moll

Der Saal war gestern Big-Brothermäßig mit vielen Kameras vollgestellt - ich hoffe aber mal, dass dieses Konzert nicht auf eine DVD gebrannt wird, denn das war keine Sternstunde.

Ich schiebe es mal drauf, dass Barenboim offensichtlich sehr stark erkältet war und trotzdem spielte - er hustete oft und ziemlich heftig und sah auch insgesamt verschwitzt und krank aus. So schlecht habe ich ihn noch nicht Klavier spielen gehört, ich hatte das Gefühl, am Schluss will er einfach nur noch zum Ende kommen. Auch das Orchester nicht in Bestform, ob sie sich anstecken lassen haben?
Das Publikum in der krachend vollen Philharminie war trotzdem begeistert.
Ich fands etwas schade, das letzte Konzert vor der Sommerpause hätte ich mir gelungener gewünscht.

Heike
Gamaheh (28.06.2010, 17:59):
Zum Abschluß ein weiterer Höhepunkt und noch einmal im Gewächshaus ein großartiges Konzert mit Philippe Bianconi - im übrigen ein weiteres Chopin/Schumann-Programm.

Zu Beginn die vier Mazurken op.24, mit denen er gleich eine intime und geheimnisvolle Atmosphäre schafft, die in dem vierten dieser Stücke gipfelt, das gediegen beginnt und im Nichts endet. Ich habe die Mazurken generell immer ein wenig sperrig gefunden, zumal ich das folkloristische Element, das oft zu stark herausgebracht wird, nicht wirklich mit diesen Kompositionen vereinigen kann. Philippe Bianconi hat die seltene Gabe, Gefühl mit intelligenter Analyse zu verbinden, ohne jemals in eine der vielfältigen Fallen zu tappen, die diese Stücke in puncto Volkstümelei, Sentimentalität oder Kitsch bereithalten, und ohne sie ostentativ als Versuchslabor darzustellen. Bianconi ist - ich habe es schon öfter erwähnt - ein großer Gestalter und Sinngeber, der nicht nur die Musik ernstnimmt, sondern auch das Publikum; nebenbei weiß er sein Spiel hervorragend den äußeren Gegebenheiten anzupassen.

Es folgen die Davidsbündlertänze, sicher eines der größten Meisterwerke Schumanns für das Klavier, aber schwierig dadurch, daß es aus 18 kleinen Stückchen (in zwei Heften) von teilweise weniger als einer Minute Länge besteht, die nicht unbedingt durch irgendeine offensichtliche Dramaturgie oder Logik in ihrer Abfolge aneinander gekettet sind. Schumann hat als Motto darübergesetzt: "In all' und jeder Zeit / verknüpft sich Lust und Leid. / Bleibt fromm in Lust und seid / dem Leid mit Mut bereit." Die Stücke sind jeweils mit "F" oder "E" (für Florestan und Eusebius) markiert (die in der Erstausgabe auch als Komponisten genannt wurden). Die Davidsbündlertänze illustrieren dies, indem die Stimmung ständig wechselt. Schumann schrieb sie 1837, zu der Zeit, als seine Verbindung mit Clara Wieck noch in der Schwebe hing, nach einem Thema aus deren op.6 (er hatte sich hierzu sein eigenes op. 6 aufbewahrt, denn es ist in Wirklichkeit etwa zur gleichen Zeit entstanden wie die opp. 16 und 17). Wenn jemand dies zusammenhalten kann, ohne ihren fast schizophrenen Charakter zu leugnen, ist das Bianconi, und es gelingt ihm großartig! Übrigens meiner Meinung nach noch um einiges besser als auf der vor etlichen Jahren veröffentlichten CD (die inzwischen ohnehin nicht mehr erhältlich ist); Bianconi ist im Konzert viel freier und risikobereiter, aber natürlich reift eine Interpretation im Laufe der Jahre auch. Glücklicherweise wurde das Konzert aufgenommen, und wer noch nach der Aufnahme der Davidsbündlertänze sucht, kann sie im Internet finden (s.unten).

Dann - der obligate zeitgenössische Teil - die Welturaufführung eines für dieses Konzert in Auftrag gegebenen Werkes von Marc Monnet, der anwesend ist und es selbst vorstellt. Eigentlich sind es zwei kleine Stücke, die einem noch unvollständigen Heft 2 "En pièces" entstammen und dem Interpreten gewidmet sind. Nach dem Vorangegangenen haben sie es etwas schwer. Das erste trägt den Titel "du mouvement, de la résonance, du silence" und beginnt mit einzelnen Tönen, die dann auf unterschiedliche Weise in verschiedenen Intervallen und Harmonien angereichert werden; mit 9 Minuten finde ich es vielleicht etwas zu lang für das, was es ist. Das zweite, "jeux d’eau", ist nicht das spielerische Plätschern des Zierbrunnens, sondern eher das Wasser als bedrohliches Element; es fängt relativ harmlos an, wenn auch in bedrohlichen Höhen, und wird langsam zum alles verschlingenden Maelstrom.

http://www4.pic-upload.de/23.06.10/jqizbhjd2ncd.jpg

Möglicherweise in Vorausschau auf das nächste Jahr folgt der Mephisto-Walzer von Liszt sowie als Zugabe ein weiterer, "etwas bescheidenerer" Walzer desselben Komponisten, die "Valse oubliée" n.1. Als weitere Zugabe spielt Bianconi erneut eines der Eusebius-Stücke aus den Davidsbündlertänzen, das vorher im Zusammenhang "kontrapunktisch" von externen Sirenenklängen begleitet wurde.

Ich frage mich übrigens, ob diese Berichte irgendjemanden interessieren. Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, daß das nicht mehr der Fall ist und daß man es genauso gut sein lasen könnte ...

Grüße,
Gamaheh

Links:
Hier zum Kontrast der Bericht von concertclassic.com.
Radiosendung vom 17.6. aus dem Gewächshaus über die Konzerte, in der Bianconi die Mazurken spielt.
Aufnahme des Konzerts zum Download.
nikolaus (28.06.2010, 19:18):
Original von Gamaheh

Ich frage mich übrigens, ob diese Berichte irgendjemanden interessieren...

Grüße,
Gamaheh



Also ich gehöre auf jeden Fall zu den "irgendjemanden".

Ich denke, Deine detailierten Berichte sind so gut, dass sie kaum Fragen aufwerfen.
Spannend wären natürlich unterschiedliche Meinungen zu demselben Konzert, aber dazu sind wir wohl zu verstreut...

Solidarische Grüße, Nikolaus
Fairy Queen (28.06.2010, 19:51):
Liebe Gamameh, woran machst du fest, ob die Berichte irgendjemanden interessieren? An der Zahl der Antworten?
In diesem Falle könnten fast Alle hier total frustriert das Handtuch werfen und auch ich hâtte ganz sicher ehedem nciht mit den Liederkreis 39 weitergemacht sondern nach drei Liedern aufgehört. Das Interesse zeigt sich m.E.an der Zahl der Leser, die aber leider nciht so offensichtlich ist wie der Antworter.
Waren das früher mehr Antworter?

Ich finde es sehr schwieirg, auf Berichte zu antworten, wenn ich nciht da war und keine speziellen Fragen haben. Was soll man in der Regel dazu sagen? Nur zu schreiben:" super Bericht, weiter so" ist ja sehr aufmunternd für den Schreiber, aber ab dem dritten Mal sieht es môgliicherweise schon mehr nach Pflichtübung oder Gefälligkeit aus.
Wenn ich Lust und Musse habe, etwas mit-zu-teilen tu ich das, wenn ich keine habe,lasse ich es.
Das vermeintliche Nicht-Interesse muss erst mal bewiesen werden und solange es das nicht tut...... :engel :D :hello
Wo kämen wir denn da hin, wenn alle denken würden: mcih liest eh keiner also schreib ich nix mehr?????? :I

ebenfalls solidarische Grüsse
Gamaheh (28.06.2010, 19:54):
Original von nikolaus
Original von Gamaheh

Ich frage mich übrigens, ob diese Berichte irgendjemanden interessieren...

Grüße,
Gamaheh



Also ich gehöre auf jeden Fall zu den "irgendjemanden".

Ich denke, Deine detailierten Berichte sind so gut, dass sie kaum Fragen aufwerfen.
Spannend wären natürlich unterschiedliche Meinungen zu demselben Konzert, aber dazu sind wir wohl zu verstreut...

Wieso Fragen? Fragen gibt es immer, wenn nur ein Interesse da ist. Soll ich extra was Offensichtliches weglassen ? Früher gab es auch mal Kommentare in diesem Forum, und sei es nur sowas wie "Oh, klingt wie en interessantes Programm" oder sowas. Ich habe früher ein Buch gehabt, in das ich meine Konzertnotizen geschrieben habe, das war eigentlich besser, zumal ich nicht dieses ausgeprägte Mitteilungsbedürfnis habe wie einige andere - öffentlich gelebter Autismus ist irgendwie absurd. Es ist ähnlich wie mit dem Blindhören: Man macht sich einen Haufen Mühe, um Leute zu bedienen, die dann nicht bereits sind, irgendwas zurückgeben.

Grüße,
Gamaheh
Heike (28.06.2010, 20:00):
Ich lese alle Konzertberichte sehr gerne (und schreibe auch gern welche). Und noch was, ich habe schon ziemlich oft, wenn ich im bevorstehenden Konzert einen mir völlig unbekannten Interpreten erwartete, per Suche hier nachgesehen, ob den schon jemand anderer live gehört hat. Und ich hab mich immer gefreut, wenn ich was gefunden habe (was schon öfter vorkam)!
Heike
ab (29.06.2010, 11:32):
Ich bin großer Fan von Konzertberichten im Allgemeinen und von Deinen im Besonderen! Leider passiert es aber gelegentlich - die Gründe dafür sind mir völlig unklar -, dass ich keine Nachricht über neue Beiträge zugeschickt bekommen, obwohl ich den Faden abonniert habe. (Und wenn ich dann es erst eine Woche zus spät bemerke, halte ich mich mich eigentlich lieber zurück.)


So war es auch in diesen beiden Fällen, denn sonst hätte ich dich schon lange gefragt, wie Du mit dem Yamaha-Flügel zurecht kommst. Gefällt Dir das Instrument?

Die anhörbare Chopin Mazurka Nr. 4 gefällt mir gut, soweit mir Chopin halt gefällt. Bianconi würde ich sehr gerne einmal im Konzert erleben, aber lieber mit französischem Repertoir!

:hello
nikolaus (29.06.2010, 15:05):
Ich habe es mir jetzt auch komplett angehört.

In der Tat ein beeindruckendes Recital (wie schon seine Hommage à Chopin im November letzten Jahres in Hamburg). Ich hätte es gerne live miterlebt. Er schafft eine sehr schöne Atmosphäre, die mir gut zu der "location" zu passen scheint (warum - kann ich gar nicht genau sagen, ist nur so ein Eindruck).

Am besten gefallen haben mir die Davidsbündler und die Mazurken (auch wenn ich das rustikal-tänzerische in anderen Interpretationen auch schätze).

Beim Mephisto-Walzer fehlte mir zwar der letzte Kick zum "diabolischen", aber in das Gesamtprogramm passt er so perfekt.

Plant er denn ein Liszt-Programm für nächstes Jahr?

Grüße, Nikolaus.
nikolaus (29.06.2010, 16:03):
Original von nikolaus

Beim Mephisto-Walzer fehlte mir zwar der letzte Kick zum "diabolischen", aber in das Gesamtprogramm passt er so perfekt.



Nehme alles zurück.

Ich hatte einen teuflisch guten Walzer im Ohr, gespielt von Polina Leschenko

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/5414706102725.jpg,

dabei ist es gar nicht der Mephisto sondern die Transkription aus Gounods Faust ...

Entschuldigung, dass ich mal wieder meine Unkenntnis zeigen muss

Nikolaus :(
Amadé (04.07.2010, 19:46):
Gestern beim Kissinger Sommer:

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Johan Storgards

Eigentlich war Chefdirigent Mariss Jansons vorgesehen, der das Konzert aber aus Krankheitsgründen abgegeben hatte. Tags zuvor dirigierte er jedoch das Orchester noch im Münchner Gasteig, vom BR direkt übertragen. Einige Gäste, mit denen ich in der Pause sprechen konnte, waren wie ich enttäuscht. Deshalb wurde auch das ursprünglich angekündigte Programm nach dem ersten Stück geändert:

Schumann: 1.Sinfonie B-dur "Frühlingssinfonie"
Bruch: 1. Violinkonzert g-moll op.26 mit dem chinesischen Geiger Feng Ning, Jahrgang 1981, den Namen hatte ich noch nie gehört, kann von Euch jemand etwas über ihn schreiben?
zuletzt de Falla: Der Dreispitz, 2.Suite. Fengs stupende Technik und Musikalität bewieß er in der Zugabe, Bravourvariationen über God save the King/Queen, der Verfasser blieb ungenannt. Das Bruchsche Konzert kam ihm wohl sehr entgegen und die Interpretation gefiel dem Publikum. Weniger eingenommen war ich vom Dirigat Storgards, der viel zu viel mit den Armen über dem Orchester ruderte, nicht immer im Einklang mit der Musik, ich fand es störend, da es von der Musik ablenkte. Am besten gelangen ihm die ruhigen Sätze.
Für ein Festkonzert unter dem Motto "Münchner Gala" fand ich die Veranstaltung mit 80' etwas kurz.
Das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks spielte auf gewohnt sehr hohem Niveau.

Gruß Amadé
Armin70 (04.07.2010, 21:33):
Original von Amadé
Fengs stupende Technik und Musikalität bewieß er in der Zugabe, Bravourvariationen über God save the King/Queen, der Verfasser blieb ungenannt.


Hallo Amadé,

handelte es sich bei der Zugabe evtl. um Paganinis Variationen über "God save the king" ? Hier kann man sich dieses Stück mit Frank-Peter Zimmermann anhören.

Gruß
Armin
Armin70 (04.07.2010, 21:53):
Heute, 04.07.2010, um 15 Uhr in der Schlosskirche in Weilburg/Lahn:

Johann Sebastian Bach: Die Goldbergvariationen BWV 988

In der Fassung für Streichtrio von Dmitri Sitkovetsky:

Julia Fischer: Violine
Diemuth Poppen: Bratsche
Alexander Chaushian: Violoncello

In dieser Bearbeitung für Streichtrio hatte ich Bachs Goldbergvariationen zum ersten Mal gehört und ich muss sagen, dass mir diese Version fast noch besser gefällt als die originale Cembalo-bzw. Klavierfassung.

Meiner Meinung kommt die Struktur der einzelnen Variationen durch die drei Streichinstrumente viel klarer und deutlicher zum Vorschein. Die Besetzung wird dadurch variiert, indem einige Stellen bzw. Variationen auch nur von zwei Instrumenten (Violine + Bratsche, Violine + Violoncello bzw. Bratsche + Violoncello) gespielt werden. Zusätzlich werden einige Effekte wie z. B. Pizzicato oder Flagolett eingesetzt. Das macht die schöne Musik von Bach sehr abwechslungsreich und transparent.

Die drei Musiker/innen machten einen sehr eingespielten Eindruck und harmonierten wunderbar zusammen. Das war schön zu beobachten, wie sich die drei die musikalischen Bälle gegenseitig zuspielten und wie bei aller Konzentration immer wieder ein Lächeln auf den Gesichtern der Musiker/innen zu erkennen war.

Julia Fischer zeigte hier, dass sie auch eine brilliante Kammermusikerin ist und sie spielte sich an keiner Stelle in den Vordergrund sondern sie stellte sich zusammen mit ihren beiden Kollegen ganz in den Dienst der Musik.

Großer Beifall in der Weilburger Schlosskirche, deren barocker Baustil wunderbar mit Bachs Musik harmonierte.
Fairy Queen (05.07.2010, 07:37):
Lieber Armin, die Goldbergvariationen sind auch für mich ein solches Wunderwerk, dass sie verschiedene Ansätze erlauben, ohne dabei zu verlieren- im Gegenteil.
Ich habe mal eine Ballettfassung (Choreographie Anthony Taylor) gesehen, die ich niemals vergessen werde:
Ein cembalo auf der Bühne und dazu eine getanzte Inszenierung, die u.A. die Schlaflosigkeit zeigte und all die nachtlichen Gespenster und Visionen die dabei auftauchen. Am e,nde kam dann der Schlaf, wenn ich das richtig interpretiert habe- es qar sehr vielschichtig und spannend.
Bisher gefällt mir die Klavierversion mit andras Schiff am besten, Die Cembaloversion ermüdet mich sehr schnell- Sinn der Sache????? :D)
Aber diese Streicherversion würde mich auch sehr interessieren.

F.Q.
Armin70 (22.07.2010, 00:55):
Gestern, 21.07.2010, 20 Uhr im Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

Sinfonieorchester des Mariinskij-Theaters St. Petersburg
Valerij Gergiev

Ein beeindruckendes Konzert mit einer sehr markanten und expressiven Interpretation von Gustav Mahlers gewaltiger 9. Sinfonie, die man als seinen Schwanengesang bezeichnen kann.

Das Orchester des Mariinskij-Theaters präsentierte sich in Topform. Die vielen solistischen Passagen in dieser Sinfonie wurden wunderbar gespielt aber auch das Zusammenspiel vor allem in den turbulenten Abschnitten der beiden mittleren Sätze, insbesondere in der Burleske, waren exakt zusammen.
Das finale Adagio ist immer wieder ein grandioses Klangerlebnis. Hier konnten vor allem die wunderbaren Streicher des Traditionsorchesters aus St. Petersburg glänzen.

Der Ausflug in die hessische Landeshauptstadt hat sich trotz der tropischen Temperaturen gelohnt. Glücklicherweise war der Konzertsaal schön klimatisiert.
Severina (22.08.2010, 21:20):
Ich bin leider absolut nicht kompetent genug, um so tolle Konzertberichte wie a.b., Nicolas, Amadée, Gamaheh, Cetay usw. usw (Aufzählung ist unvollständig, aber ohne jemanden absichtlich zu ignorieren!) zu verfassen, möchte aber doch kurz meiner Begeisterung über meinen gestrigen Konzertbesuch beim Grafenegger Musiksommer Ausdruck verleihen. Zur Info: Grafenegg liegt in NÖ und hat sich in den vier Jahren seines Bestehens unter Rudolf Buchbinder zu einer feinen Adresse für Orchestermusik gemausert. Buchbinders Ziel, die besten Orchester und Solisten für Grafenegg zu gewinnen, scheint aufzugehen. Musiziert wird in einer Freiluftarena in Form eines Amphietheaters, der "Wolkenturm" - so wird die kühne Bühnenarchitektur genannt - ist bereits das Wahrzeichen des Festivals. Die Akustik ist wunderbar (ohne Verstärker natürlich), das Ambiente inmitten eines englischen Lanschaftsparks (Schloss inclusive) wirklich bezaubernd. Am Nachmittag gibt es bereits Rahmenprogramme, die gratis besucht werden können, so gestern z.B. ein Konzert der "Supercussions Vienna", ein Quintett aus 5 Schlagzeugern, zu denen für zwei Nummern auch der Star des Abends, Martin Grubinger, stieß. Was dieser 27jährige da auf diversen Schlaginstrumenten hinzauberte, riss nicht nur mich vom Stuhl - das Auditorium tobte!

Am Abend dann das Konzert des Symphonieorchesters Birmingham unter Andris Nelsons. Ein guter Klangkörper, aber zumindest in meinen Ohren kein wirkliches Spitzenorchester. Speziell die Bläser klangen etwas fahl. Nelsons begann mit einer fulminanten Rienzi-Ouvertüre, dann folgte der furiose Auftritt Martin Grubingers mit "Frozen in Time" von Avner Dorman, mit dem er wieder großen Jubel evozierte und schließlich ein Schlagzeugsolo als Zugabe spielte, bei dem er mit den Stöcken jonglierte und anderen Firlefanz bot. Man kann natürlich einwenden, dass das reine Show war, aber dass er ein ernsthafter Künstler ist, hatte Grubinger ja zuvor bereits bewiesen.
Nach der Pause folgte Dvoraks Symphonie aus der Neuen Welt, die ich heiß und innig liebe, weshalb meine Erwartungen besonders groß waren. Nelsons dirigierte mit vollem Körpereinsatz und totaler Hingabe, allerdings war mir ersteres manchmal fast ein wenig zu viel des Guten. Merkwürdig auch sein Mienenspiel, das oft eine Art Neugierde signalisierte, was jetzt wohl komme, oder auch Erschrecken, Erstaunen ausdrückte, so als höre er diese Musik zum ersten Mal und sei völlig überwältigt von ihr.
Nelsons Dirigat der Neunten zählt für mich zu den sehr guten, allerdings ziehe ich die Interpretation seines Landsmannes Jansons und auch die von Otmar Suitner vor. Wie schon gesagt, fehlt es mir an theoretischem Wissen (Ich kann leider keine Partitur lesen!), um jetzt konkrete "Fehler" zu benennen, und urteile rein nach Bauchgefühl, aber manchmal schlich sich so etwas Unruhiges, Flackerndes ein, das mich störte.

Trotzdem war es ein wunderbares Konzert, nicht zuletzt wegen eines perfekten Sternenhimmels in einer lauen Sommernacht.

lg Severina :hello

PS: Apropos Körpereinsatz: Dass Nelsons in einem schwarzen Flatterhemd dirigiert, ist ja OK, nur sollte es ein wenig länger sein, denn bei seinem sehr akrobatischen Stil (Er sprang immer wieder in die Höhe und riss dabei beide Arme empor!) durften wir immer wieder einen Blick auf seine entblößte Leibesmitte werfen, und so mancher Besucher konstatierte nicht ohne Schadenfreude den deutlichen Ansatz eines Bäuchleins :D.
Armin70 (22.08.2010, 21:58):
Hallo Severina,

danke für deinen interessanten Konzertbericht. Ich bin übrigens der Meinung, dass man nicht unbedingt die Partitur eines Orchesterwerkes lesen können muss, um bei einem Konzert oder bei einer CD die Qualität einer Interpretation beurteilen zu können. Mir persönlich ist es wichtiger, wenn der Interpret den Geist bzw. das Wesen eines Musikstücks zu verstehen und das dem Hörer auch vermitteln zu können als eine zwar buchstabengetreue, will sagen partiturgenaue, Umsetzung aller Vortragsbezeichnungen, was aber keine Garantie sein muss, dass man ein Werk auch richtig erfasst. Das ist aber nur meine Meinung.

Gruß
Armin

P.S.: Nelsons hatte ich jetzt auch schon zweimal live im Konzert erlebt und bei allem mitreissendem Schwung und Elan, den sein Dirigierstil auszeichnet, übertreibt er es dann doch für meinen Geschmack etwas zu sehr mit seinem "herumgetobe" auf dem Dirgientenpodest.
Severina (22.08.2010, 22:37):
Original von Armin70
Hallo Severina,

P.S.: Nelsons hatte ich jetzt auch schon zweimal live im Konzert erlebt und bei allem mitreissendem Schwung und Elan, den sein Dirigierstil auszeichnet, übertreibt er es dann doch für meinen Geschmack etwas zu sehr mit seinem "herumgetobe" auf dem Dirgientenpodest.

Lieber Armin,

da sind wir uns völlig einig, ich fand seine exaltierte Art auch etwas anstrengend, vor allem störte mich seine "Begleitmusik", denn an einigen Stellen brummte und stöhnte er deutlich hörbar mit. (Bei meinem nächsten Nelsons-Konzert werde ich den Abstand zur Bühne größer halten :D! )
Trotzdem hat der Mann natürlich seine Meriten, als Operndirigent fand ich ihn bisher ganz ausgezeichnet, und da hier mein Fokus auf der Bühne liegt, stört mich auch sein Dirigierstil weniger als bei einem Konzert. (Und hoch oben auf der Galerie, wo ich normalerweise sitze, höre ich natürlich auch kein Stöhnen!)

lg Severina :hello
Ingrid (22.08.2010, 23:36):
Original von Severina
..... möchte aber doch kurz meiner Begeisterung über meinen gestrigen Konzertbesuch beim Grafenegger Musiksommer Ausdruck verleihen. .

Und heute dirigierte Nelsons wieder den Lohengrin in Bayreuth. Ganz schön anstrengend ist solch Künstlerleben ja schon. Da wundert es mich zusätzlich, dass sich bei so viel Stress und Bewegung überhaupt ein Bäuchlein bilden kann :wink

Schwierig war für ihn dann sicher heute zusätzlich, dass er sich auf einen neuen Lohengrin einstellen mußte. Beinahe wäre ich auch in dieser Vorstellung gesessen, wie einige Münchner Bekannte. Der Schock ist mir zum Glück erspart geblieben.

Liebe Severina, Du berichtest auch sehr lebendig und gut über Konzerte. Vielen Dank und bitte mehr davon :thanks

:hello Ingrid
nikolaus (12.09.2010, 11:29):
Das diesjährige Beethovenfest Bonn hat begonnen.

Gestern war ich im Konzert mit dem Residenzorchester Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter ihrem Dirigenten Paavo Järvi.

Um es vorwegzunehmen: es war wieder großartig!

Es begann mit der Ouverture Nr. 3 zur Oper Leonore C-Dur op. 72a von Ludwig van Beethoven.
Järvi und das Orchester wurden allen Facetten dieses "Minidramas" gerecht, von tiefster Verzweiflung bis zum Dur-Jubel. Sehr spannend.

Danach stand das Konzert für Violincello und Orchester a-moll op. 129 von Robert Schumann auf dem Programm. Solistin war Sol Gabetta.
Hier muß ich meine Begeisterung etwas einschränken. Der erste Satz hat mir nicht besonders gut gefallen. Gabettas Ansatz erschien mir etwas zu leicht, und mir fehlte irgendwie der Zusammenhang, der rote Faden. Im zweiten Satz ging das Konzept jedoch voll auf: wunderschön, schwerelos und innig gespielt und famos begleitet. Auch im dritten Satz passte es, Leichtigkeit und fast schon Witz in Einheit mit einer "tänzerischen" Begleitung. So habe ich dieses Konzert noch nicht gehört.
Und das Zusammenspiel zwischen Gabetta und dem Orchester unter Järvis "Vermittlung" war fantastisch, ein richtiger, auf den Punkt gebrachter Dialog.
Als Zugabe spielte sie - wohl ihre "typische" Zugabe - das Pianissimo aus Peteris Vasks "Gramata Cellam" für Cello solo, bei dem sie auch ihre Stimme in einer Art Vocalise einsetzt. Sehr beeindruckend, ein Raunen ging durch das Publikum.

Nach der Pause und der Verleihung des Ehrenpreises der Deutschen Schallplattenkritik an das Orchester folgte die Ouverture zu Die Geschöpfe des Prometheus op. 43 von Ludwig van Beethoven. Eine kurze, zackige Ouverture mit - wie angegeben - viel "brio".

Dann kam die von mir mit viel Spannung erwartete Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61 von Robert Schumann, der Start der Gesamteinspielung der Schumann-Sinfonien.
Ich kenne Schumanns Sinfonien nicht besonders gut, aber ich habe den Eindruck, daß dieses "Schumann-Projekt" von Järvi und der Deutschen Kammerphilharmonie ähnliche Begeisterung hervorrufen wird wie der Beethovenzyklus.
Leider muß ich so abgenutzte Beschreibungen wie "durchhörbar", "schlank", "entschlackt", "tänzerisch" benutzten, um einen groben Eindruck zu vemitteln, aber es trifft einfach zu.
Järvi nutzt die Qualitäten dieses kleinen Klangkörpers (und die solistischen Qualitäten der einzelnen Musiker) - z.B. die Präzision, die Flexibilität, das Zusammenspiel, die Homogenität - optimal aus. Er kann dadurch das Tempo und die Dynamik unendlich variieren, die einzelnen Stimmen klar gegeneinander abgrenzen und damit Akzente setzen und die für mich wahnsinnig komplexe Struktur offenlegen. Daraus resultiert aber eine alles andere als analytische Interpretation, sonderen pure Lebendigkeit.
Und was er mit dem Orchester, das ihm "blind" folgt, zeigt, ist pure Freude an der Musik/am Musizieren. Wie sie sich die Bälle zuwerfen, ist grandios!

Zwei Zugaben:
Zuerst das Scherzo aus der Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 von Beethoven, noch besser als auf CD.
Danach noch Valse triste von Jean Sibelius, das spielen sie einfach unnachahmlich. Mir stockt jedesmal der Atem, wenn Järvi das Orchester bis ins kaum noch hörbare Pianissimo zurücknimmt. Da herrscht wirklich "Totenstille" im Saal!

Nikolaus.
nikolaus (19.09.2010, 11:02):
Beim Beethovenfest Bonn spielten/spielen Renaud Capucon und Frank Braley alle Sonaten für Violine und Klavier von Ludwig van Beethoven sowie ein Auftragswerk für das Beethovenfest, komponiert von Jörg Widmann an drei Abenden hintereinander.

Den passenden Rahmen bot der wunderschöne Kammermusiksaal des Beethovenhauses. Leider ist er nicht besonders groß, so daß die Konzerte im Nu ausverkauft waren und ich nur im Nachrückverfahren Karten für den zweiten Abend (gestern) ergattern konnte.

Es begann mit dem Auftragswerk, das am Freitagabend uraufgeführt wurde.
Es war als zweisätziges Werk für das Ende des Abends angekündigt, da es jedoch erst kurz vor der Uraufführung fertiggestellt wurde und bis dahin - laut Ansage der Dramaturgin des Beethovenfestes - ständigen Änderungen unterlag, stellten die Musiker das nun einsätzige Werk an den Anfang des Konzertes. Wie ich finde, war es eine kluge Entscheidung.
Das Werk, eine Sonate für Violine und Klavier, trägt den Titel Sommersonate.
Im Programmheft erläutert Widmann dazu: "Nun kann und will ich nicht die Form der Sonate neu erfinden - aber ihr auf den Zahn fühlen, sie auf ihr Potenzial hin abklopfen, ihr mit Fantasie und Lust begegnen: das möchte ich schon."
Und das kann man in dieser einsätzigen, mit moderato überschriebenen Sonate tatsächlich nachvollziehen. Für mich ist es eine Art Improvisation, ein brainstorming mit einer Aneinanderreihung von Einfällen, Eindrücken, Assoziationen, Erinnerungen, die sich entwickeln und zu einem sehr schönen, intensiven Finale führen.
Capucon und Braley spielten sehr konzentriert vom Blatt, beide wurden unterstützt von sehr aufmerksamen und ständig tätigen Umblätterern.
Ob sie dem Werk gerecht wurden, müsste der Komponist entscheiden. Ich fand ihre Leistung sehr gut.

Es ging weiter mit Beethovens Sonaten für Violine und Klavier:
Nr. 5 F-Dur op. 24 ("Frühlingssonate")
Nr. 6 A-Dur op. 30/1
Nr. 7 c-moll op. 30/2

Vorab: was ist das für großartige Musik!

Capucon und Braley kennen sich schon lange und sind ein eingespieltes Team.
Die Violinsonaten haben sie sich in einem jahrelangen Prozess erarbeitet und das Ergebnis jetzt auch auf CD veröffentlicht.

Es ist wirklich beeindruckend, wie gut sie zusammen spielen. Ich habe selten so ein gutes "Miteinander" im live-Konzert erlebt. Dabei wirkt ihr Auftreten sehr entspannt, fast lässig. Das macht Freude!

An Capucon bewundere ich sein geradliniges, schnörkelloses Spiel, sehr ernsthaft, fast demütig. Er dosiert sein Vibrato recht sparsam, und während ich früher seinen Ton etwas "spitz" fand, ist er jetzt deutlich wärmer und voluminöser.
Braleys Spiel kommt mir sehr spontan vor mit einem gesunden Maß an "laissez-faire". Auch wenn ihm vielleicht nicht alles technisch perfekt geglückt ist, für mich wichtiger ist, daß er mit sehr differenziertem Spiel Atmosphäre schafft. Er durchlebt die Musik sichtbar, und zwar auf eine Art und Weise, der ich auch gerne zuschaue.

Auffällig an diesem Abend war für mich, daß die langsamen Sätze an Intensität und Dichte in allen Sonaten herausragten und so ein "Zentrum" bildeten. Ich muß gestehen, daß beide, aber insbesondere Capucon, mich immer dann sehr berührten.
Während der erste Satz der Frühlingssonate vielleicht noch etwas verhalten war (Nachwirkung der Widmann-Sonate?), spielten beide zunehmend freier, und das Finale der Sonate Nr. 7 gelang dann als feuriger Höhepunkt.
Das Publikum, darunter viele Franzosen, war begeistert, ich auch...

Nikolaus.
Gerion (19.09.2010, 18:42):
Liebes Forum,

ich möchte an den schönen Bericht von Nikolaus anknüpfen. Ich war einen abend zuvor, am 17., bei dem Violinsonatenzyklus im Beethovenhaus. Nikolaus' Einschätzung der beiden Musiker kann ich mich voll und ganz anschließen: Inniges, vertrautes Zusammenspiel und ganz offensichtlich eine riesige Freude am gemeinamen Musizieren, dabei völlige Unkompliziertheit. Der Abend war natürlich insbesondere aufgrund der Widmann-Uraufführung extrem spannend. Das Werk hat mir sehr gut gefallen. Es gab Passagen von beinahe vertrauter Tonalität und Melodik, innige Stellen und extrem expressive. Die Bandbreite der möglichen erzeugbaren Tonhöhen der Geige wurde (vor allem nach oben) extrem ausgereizt, was in mir ein sehr seltsames Gefühl auslöste, weil mich solche Töne in Gestalt eines Tinnitus durchs Leben begleiten.

Die beiden Musiker haben Unglaubliches geleistet: Etliche Seiten der Partitur waren erst am Vorabend fertig geworden und in der Nacht einstudiert worden. Man merkte auch, dass das Stück stellenweise beinahe prima vista gespielt wurde. Aber - was für eine Intensität! Hinterher sprach ich beide an (sie signierten und plauderten - wie gesagt, völlig unkomplizierte, natürliche Menschen) und fragte sie, ob sie das Stück aufnehmen werden. Sie sind noch nicht sicher, vielleicht - es wird noch einen zweiten Satz geben, der noch nicht fertiggestellt ist. Ich bin gespannt. Sie waren unglaublich erleichtert (Braley sagte, so eine kurze Vorbereitungszeit habe er noch nie gehabt) und froh, dass der Abend geglückt ist.

Die an diesem Abend gespielten Violinsonaten zählen nicht zu meinen Favoriten, ich kenne sie aber auch nicht gut und kann daher wohl nur wenig zu dem Spiel sagen. Ich hätte es als reizvoller empfunden, wenn jeweils frühe, mittlere und späte Werke pro Abend kombiniert worden wären, wie es das Artemis-Quartett in seinem Beethovenzylus der Quartette tun wird. Ich wäre wohl eigentlich lieber gestern oder heute Abend anwesend gewesen, aber alle Karten waren schon vergriffen. Doch so erlebte ich diese wunderbare Uraufführung - ein ganz besonderer Abend, in diesem wunderbaren, innigen Kammermusiksaal.
nikolaus (19.09.2010, 22:07):
Lieber Gerion,

vielen Dank für die interessanten Ergänzungen! :beer

Und an alle:

Bei mir ging es heute abend weiter mit einem Konzert der Staatskapelle Dresden unter Sir Colin Davis

Es war ein (fast) reiner Beethoven-Abend:

Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 mit Sergei Khachatryan
Zugabe: Bach, Sarabande

Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67

Sir Colin Davis ist mit seinen 83 Jahren sehr agil.
Er ist Ehrendirigent der Staatskapelle Dresden, man kennt sich also und so wirkte alle auch sehr routiniert. Für mich herrschte, was das Orchester betrifft, in den ersten beiden Sätzen des Violinkonzertes und den ersten drei Sätzen der Sinfonie gepflegte Langeweile, das konnte mich nicht überzeugen. Dagegen zeigten die Musiker jeweils im letzten Satz, was in ihnen steckt. Da spielten sie plötzlich energetischer, hatten mehr Biss.
Zugegeben, ich mußte mich nach meinen Erlebnissen mit der Kammerphilharmonie Bremen erst wieder an den "größeren" Klang gewöhnen, aber dennoch blieb immer ein Gefühl der "Breiigkeit" (was allerdings auch an der suboptimalen Akkustik der Beethovenhalle liegen kann...).

Nun zu Sergei Khachatryan:
Technisch tadellos, müheloses Spiel und überirdisch schöner, phasenweise gewollt fragiler Klang!
Er sieht dieses Konzert überaus lyrisch, poetisch. Aus ästhetischem Blickwinkel ist seine heutige Interpretation kaum zu übertreffen. Aber auf mich machte er den Eindruck, als würde er sich in dieser puren Schönheit verlieren. Er dehnt die Tempi zwar nur soweit, daß der Spannungsbogen noch hält und auch ein Fluß gegeben ist, aber mir fehlt dabei dann doch die eine oder andere "Kante".
Gegen Ende der Kadenz im ersten Satz gab es allerdings einen Moment, wo die Zeit still zu stehen schien. Das war so ergreifend, dafür alleine hat sich der Abend schon gelohnt.
Standing ovations (beim Bonner Publikum heißt das was!).
Als Zugabe die Sarabande war ebenso überirdisch, so fragil habe ich sie noch nicht gehört.

Nikolaus.
Heike (27.09.2010, 20:22):
Sonntag, 26. September 2010 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Berlin, Musikclub, 20:00 Uhr
Kammermusik aus Theresienstadt

Gideon Klein: Klaviersonate, Streichtrio
Hans Krása: Lieder op.4, Passacaglia und Fuge für Streichtrio
Viktor Ullmann: Hölderlin-Lieder, Klaviersonate Nr. 6
Siegmund Schul: Chassidische Tänze
Pavel Haas: Vier Lieder nach chinesischer Poesie
Karel Reiner: Klaviertrio

Interpreten: Holger Groschopp und Gottfried Eberle, Klavier
Katharina Göres, Sopran
Jonathan de la Paz Zaens, Bariton
Trio Quodlibet (Rainer Johannes Kimstedt, Violine; Regine Pfleiderer, Viola; Katharina Maechler, Violoncello)

Das war ein Festkonzert zum 20-jährigen Bestehen des Berliner Vereins "musica reanimata" - Förderverein zur Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke e.V.

Ich hatte nie eines der Werke vorher gehört und war von daher ohne große Erwartungen hingegangen, einfach aus Interesse am Thema. Es hat sich 100%ig gelohnt. Klein und Ullmann haben mich besonders stark beeindruckt, aber auch die anderen Werke waren hörenswert und können nicht nur vor dem Hintergrund der tragischen Entstehungsgeschichte bestehen.

Eingehen will ich aber auf die zwei erstgenannten, obwohl man zu allen was schreiben könnte:

Die Klaviersonate Nr. 6 von Ullmann fand ich absolut genial. Ein sehr spannender, kontrapunktischer erster Satz mit 3 Themen, deren Bearbeitung wirklich abenteuerlich war. Extrem vielschichtig. Dann ein entspannender zweiter Variationen-Satz und dann im Finale kommt er wieder auf den Anfang und dabei in diverse Gefühlszustände. Das fand ich jedenfalls richtig gut und so ganz nach meinem Geschmack modern und doch irgendwie klassich verarbeitet. Genau wie seine Hölderlin-Lieder. Ich bin ja wahrlich nicht der große Liedkenner, aber wenn mich schon beim ersten Hören Lieder uneingeschränkt begeistern, dann beeindruckt mich das sehr. Ich weiß nicht, ob die Lieder jemand kennt und ob es mehr als die 3 dargebotenen davon gibt (Sonnenuntergang; Der Frühling, Abendphantasie). Es war auch sehr gut gesungen von einer bildschönen jungen Frau, mit sehr berührendem Ausdruck und gut verständlich.

Die Klaviersonate von Gideon Klein gleich am Anfang des Programms möchte ich auch herausheben. Sedhr bedrohliche Musik, einerseits sehr kantabel, dann wieder hochgradig dissonant. Ich würde das sofort nochmal hören wollen, denn diese Vielfalt an Expressivität konnte ich nicht erfassen. Ganz großartige Musik jedenfalls, ebenso wie sein Streichtrio, das nun wieder einen ganz anderen Stil zeigte: Folkloristisch, mit vielen Variationen, manchmal tänzerisch, manchmal depressiv, manchmal wütend (im Sinne von "etwas wütet").

Ja, was soll ich sagen, eine wirkliche Entdeckung war das alles. Kennt jemand eines der Werke?
Heike
Armin70 (28.09.2010, 00:03):
Hallo Heike,

zunächst einmal Danke für deinen interessanten Konzertbericht. Leider kenne ich keines der gespielten Werke aber die Komponisten sind mir schon ein Begriff.

Vor einigen Jahren gelangte ich an den Sampler der verdienstvollen Decca-Reihe "Entarte Musik". Darauf befinden sich neben Werken von Korngold, Schulhoff, Schreker u. a. auch Kompositionen von Haas, Krása und Ullmann.

Ich finde, dass das beeindruckende und bewegende Musiken sind. Gerade, wenn man sich klar macht, in welcher Zeit und unter welchen Umständen diese Komponisten ihre Werke geschaffen haben, ist das oft geradezu bestürzend.

Jedenfalls verdienen es diese Komponisten, viel öfters aufgeführt und gespielt zu werden.

Gruß
Armin
Fairy Queen (28.09.2010, 08:39):
Liebe Heike, ich habe mich mit den Liedern von Viktor Ullmann befasst und eine Gesamtausgabein Noten- auf Cd gibt es keine, was ich ziemlich skandalös finde, wenn man bedenkt, dass es von Komponisten wie R. Strauss Unmengen und teilweise wirklich überflüssige Lied-Cds gibt. Ich finde Ullmann grossartig und freue mcih ungemein, dass dieses Konzert in Berlin bei Dir so grossen Eindruck gemacht hat. War das denn gut besucht?
Ullmann hat nciht nur Lieder und Instrumentalmusik geschrieben sondern auch Opern, die ich leider noch nciht kenne, aber von denen man sehr beeindruckende Ausschnitte auf youtube hören kann.
Leider werden sie höchst selten aufgeführt und die Absciht der Nazis, Musik von "Volksfeinden" jedweder Couleur (ob Juden, Kommunisten, homosexuelle, Sinti und Roma oder wer auch immer unter diese wahnsinnnige Kategorie fiel) zu vernichten bzw totzuschweigen, zeigt leider immer noch Wirkung bis heute. Ganz im Gegensatz zu den Mitläufern und Regimegenehmen- in meinen Augen eine wirklich schreiende Ungerechtigkeit
Durch jahrelange KZ-Haft und die Ermordung in Auschwitz ist die Quellenlage in Ullmanns Fall sehr schwierig, manche Lieder gibt es nur als Fragmente. Vieles, wie ja auch die Hölderlin-Lieder hat er in Theresienstadt komponiert udn ich denke, dass die Môglichkeit sich über die Kunst auszudrücken für Viele auch eine grosse, vielleicht die eionzige Hilfe war, die menschverachtenden "Lebens"Bedingungen so lange auszuhalten. Wenn man sich eines der letzten Fragmente Ullmanns für Stimme und Streicher mit dem Titel "Tote wollen nciht verweilen" ansieht, möchte man schon allein angescihts des Textes verstummen.
Aber es ist wahr und es ist ganz besonders wichtig, das zu betonen: diese Musik ist auch jenseits ihrer Enstehungsgeschichte so gut,dass sie, wie du ja oben sagst, verdient hat, ganz unabhängig aufgeführt zu werden.
Ich werde für mein Teil in meinem sehr bescheidenen Umfeld versuchen, die Ullmann-Lieder bei Sängern und Pianisten bekannter zu machen- leider sind sie nciht eben einfach zu singen und zu spielen.

F.Q.
Heike (28.09.2010, 16:44):
Hallo Fairy,
War das denn gut besucht?
Der Musikclub ist ja nicht sehr groß, da passen so ca. 80 Leute rein und die Stühle waren auch fast alle voll. Ich frage mich ernsthaft, warum diese Musik kein größeres Publikum bzw. vor allem nicht mehr Profimusiker findet, die sich ihrer annehmen. An der Qualität kann es nach meiner Einschätzung nicht liegen.
Heike
Heike (28.09.2010, 23:48):
Dienstag, 28. September 2010 20.00 Uhr, Philharmonie Berlin
Giuseppe Verdi Messa da Requiem
DSO James Conlon; rundfunkchor Berlin
Julianna Di Giacomo Sopran
Marina Prudenskaja Mezzosopran
Franco Farina Tenor
Vitalij Kowaljow Bass


Das erste DSO-Abokonzert der Reihe "Nachtgestalten" widmet sich also dem Tod bzw. dem Totengedenken. Aber gefühlt war ich statt dessen passagenweise in einer konzertanten Operndarbietung :-(

Nun hat ja Verdis Requiem durchaus einige Züge, die an den Opernkomponisten erinnern; andererseits ist es doch über weite Strecken ganz undramatisch und von einer berührenden Einfachheit. Das hat mir heute gefehlt. Während der Rundfunkchor wie immer wunderbar differenziert und passend sang, hatte ich mit den Solisten und dem Orchester so meine Schwierigkeiten. Instrumental war mir das einfach zu krachig, besonders beim Dies Irae (das ja sowieso schon effektvoll ist) fiel mir das auf; da muss man ja nicht noch so dick auftragen.

Gar nicht mein Fall war die Mezzosopranistin (wenn es denn eine war). Ich konnte nicht hinsehen, so theatralisch agierte sie, stimmlich als auch gestisch. Sie wusste nicht, wo sie ihre Arme lassen sollte (stützte sie mehrmals aufs Notenpult, schlenkerte umher oder hob sie unpassend hoch), zudem schaukelte sie immer wieder mit dem Oberkörper. Das fand ich sehr störend. Da sie mich auch gesanglich wenig überzeugte (keine kantablen Tiefen, gepresste angestrengte Höhen, viel zu viel Vibrato, sogar in den Schlusstönen) verdarb mir das sehr den Gesamteindruck.
Der russische Bass hatte iegentlich eine recht schöne Stimme, aber einen ganz furchtbar russischen Akzent. Den kann ich mir demgegenüber gut in einer russischen Oper vorstellen.
Der Tenor (kurzfristig für einen Erkrankten anderen eingesprungen) war solide unauffällig und traf wenigstens die Stimmung meist, wenn auch nicht mit großer Stimme. Die Sopranistin fand ich anfangs auch furchtbar opernhaft, aber das besserte sich dann etwas, sie brachte dann in der zweiten Hälfte etwas Ruhe in das mir allgemein viel zu pompöse Ganze.

Heike
Heike (08.10.2010, 14:05):
7.10.10 Konzerthaus Berlin, großer Saal
Martin Stadtfeld Klavier

J. S. Bach: Englische Suite Nr. 4 F-Dur BWV 809
J. S. Bach: Präludium aus der Partita für Violine solo E-Dur BWV 1006, für Klavier bearbeitet von S. Rachmaninow
Franz Liszt: Variationen über einen Basso continuo aus der Kantate "Weinen, Klagen" von Johann Sebastian Bach
Richard Wagner: Ouvertüre zur Oper "Tannhäuser", für Klavier bearbeitet von Franz Liszt
S. Rachmaninow: Drei Moments musicaux aus op. 16
Richard Wagner: "Isoldes Liebestod" aus der Oper "Tristan und Isolde", für Klavier bearbeitet von Franz Liszt

Warum das Konzert in der Ankündigung mit "Bach-Kult" überschrieben war, erschließt sich mir nicht. Aber ich war neugierig auf M. Stadtfeld, den ich zum ersten Mal sah und von dem ich auch keine einzige CD besitze.

Insgesamt war es ein gelungener Abend. Das Programm war interessant, der Klavierton nach der langen Sommerpause einfach wunderbar. Stadtfeld habe ich als recht forsch und eigenwillig erlebt. Er bewältigte die sicher schwierigen Liszt-Stücke virtuos und ihm gelangen auch beim Bach schöne Passagen; die Suite war originell gespielt, modern und mit Lust und Liebe. Allerdings habe ich da noch am ehesten zu kritisieren, stellenweise schien er mit der Polyphonie ein wenig auf Kriegsfuß zu stehen oder murkelte zu sehr an den Klängen herum. Insgesamt aber mäkele ich auf recht hohem Niveau, er hatte was frisches, draufgängerisches, was Spaß machte und bei dem Programm mit den vielen Bearbeitungen passte das auch gut. Bei Rachmaninovs Moments musicaux gefiel es mir dann aber wieder weniger, da mag ich es dann doch kühler, klarer.

Heike
Heike (25.10.2010, 20:26):
So 24. Oktober 2010 20 Uhr
Philharmonie Berlin
--
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Eivind Aadland Dirigent
Martin Grubinger Schlagzeug

Leonard Bernstein - Symphonic Dances from West Side Story
Avner Dorman - Frozen in Time für Schlagzeug und Orchester
Béla Bartók - Konzert für Orchester Sz 116

Mal wieder ein sehr schöner Orchesterabend, der meine Erwartungen bei weitem übertroffen hat.
Zunächst ein gelungener Einstieg mit der West Side Story- Suite. Lennie Bernstein ist mir sowieso sympathisch, und diese Musik macht einfach Spaß. Man kann sich auch beim nur-hören die Geschichte so richtig innerlich vorbeilaufen lassen. Großes Kino, toll instrumentiert.

Dann das Schlagzeugkonzert, ich sage euch, das war spannend. Ein dreisätziges Werk von 2007. Der erste Satz erinnerte an lebhaft bunte afrikanische Trommeln, der zweite Satz widmete sich der europäischen Tradition (hier wurde dann bei quasi still stehenden metallischen Rhythmen die Zeit eingefroren) und am Ende schließlich gab es amerikanisch anmutende Tänze, moderne Ausblicke und ein fulminantes Finale. Der Schlagzeuger, Martin Grubinger, vorn auf der Bühne zwischen -zig diversen Schlaginstrumenten, vollauf beschäftigt, teilweise nur per Monitor eine Sicht auf den Dirigenten habend. Das war absolut spannend, und ich frage mich, wie viele Leute es gibt, die das so virtuos spielen können. Sehr populär ist es ohne Zweifel, es gab rasenden Applaus im Haus. Und den gab es für den Solisten auch absolut verdient. Der Orchesterpart war zwar demgegenüber recht simpel gestrickt, aber der Solist hat das absolut wettgemacht. Klasse Konzert, das mich in der Vielseitigkeit absolut überrascht hat.

Zum Schluss dann Bartoks fantastisches Konzert für Orchester. Ich liebe das Werk und gestern war es besonders gut gespielt. Da kam einerseits der wunderbare Streicherklang des RSB schön zum Ausdruck - da habe ich gestern die Subtilität auch besonders gut gehört. Das muss wirklich krass schwierig zu spielen sein. Andererseits waren die Bläser großartig, das passte alles. Ich freue mich ja immer schon besonders auf die witzigen operettenhaften Schostakowitsch- Anspielungen, aber auch darüber hinaus macht das einfach Spaß, dieses grandios instrumentierte und raffiniert gebaute Werk zu hören.

Toller Abend, so darf es gern weiter gehen!
Heike
Severina (26.10.2010, 00:35):
Liebe Heike,
freut mich, dass Dir Martin Grubinger so gefallen hat! Ich bin ein großer Fan von ihm, nicht nur, weil er aus Oberösterreich stammt, aber seine Technik ist einfach unglaublich. Ob er wirklich der momentan weltbeste Percussionist ist, kann ich nicht beurteilen, aber zu den besten zählt er sicherlich. Ich habe schon Solokonzerte von ihm erlebt, wo Dir alleine vom Zuschauen schwindelig wird. Zuletzt sah und hörte ich ihn im August in Grafenegg unter Andris Nelssons.
Außerdem finde ich, dass er für seine 26 Jahre bemerkenswerte Ansichten hat und auch sein soziales Engagement beeindruckend ist. Ich bezweifle auch, dass viele Solisten die Bühnenarbeiter kennen, die ihre Instrumente herumkarren, aber Grubinger hat sich in Grafenegg nach seinem Auftritt namentlich bei allen bedankt, vor versammeltem Publikum.

lg Sevi :hello
Fairy Queen (10.11.2010, 04:39):
Gestern abend kam ich in den Genuss eines Konzerts in unserem Opernhaus, das den Titel "Woman on the edge" (Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs) trug. Es sang die englische Mezzo-Sopranistin Felicity Palmer , begleitet von Simon Lepper am Klavier.
Ein Programm von Purcell bis Sondheim mit dem roten Faden Frauenschicksale "auf der Rasierklinge" -so wie Mrs Palmer es in frz. übersetzte.
Ich hatte diese Sängerin bereits in der imponierenden Rolle der Mme de Croissy in Poulencs "Les Dialogues des carmelites" erlebt, wusste aber nicht, dass sie eine der grossen Wagner und Strauss-Heroinen war und u.A. Klytämnestra und Senta verkörpert hat- an den grössten Opernhäusern der Welt.
Gestern nun bot sie ein vollkommen anderes Repertoire:
Ein "Wahnsinnslied von Purcell, Schumanns "Maria Stuart Lieder", einige Lieder von Brahms und Tschaikowsky, eine Lady Macbeth-Szene von Horowitz, mehrere Sondheim Songs. Wenn ich nicht mit eigenen Augen gelesen hätte, dass MRs Palmer 1944 geboren ist, hätte ich es ncht geglaubt! Trotz einer Karriere im schweren dramatischen Fach (angefangen hatte sie in Lon,don als Pamina!) zeigt die Stimme so gut wie keine Verschleisserscheinungen und ist vorbildlch in der Lage, einem Schumann gerecht zu werden ohne das Liedgenre dabei zu vergewaltigen.
Die musikalsche und künstlerische Haltung- einfach bewundernswert! Wie sie von Brahms zu Sondheim wechselt und immer im Stil des jeweiligen Komponisten bleibt, nie die Operndiva rauskehrt- chapeau!
Dazu in akzentfreiem Deutsch! (in frz. war der Akzent dagegen zu hören, allerdings gab es das nur in der Zugabe und in gesprochener Form).
Der Pianist könnte wahrscheinlich ihr Enkel sein, aber sein Einfûhlungsvermögen und seine künstlerische Kompetenz befanden sich auf gleicher Höhe wie die der wesentlich älteren Sängerin. Leichte Höhenprobleme waren das einzige Manko, das ich bei Palmer feststellen konnte, was aber überhaupt ncihts an dieser beeidnruckenden Leistung änderte. Mrs Palmer ist zudem eine eindrucksvolle Erscheinung. Sehr schlank und hochelegant in einem schwarzen Mantelkleid mit gelbem Futter und raspelkurzem blondem Haar. die richtige Mischung aus Exzentrik und Understatement!
Very british und very good! :down :down :down

Und very mutmachend: man kann auch mit 66 Jahren und nach grossen dramatischen Rollen noch qualitativ hochwertige und musikalisch sehr differenzierte Konzerte bestreiten!

F.Q.
Heike (10.11.2010, 17:15):
Dienstag, 09.11.2010 20:00 Uhr Philharmonie Berlin
HÉLÈNE GRIMAUD Klavier
Mozart: Klaviersonate a-Moll KV 310
Berg: Klaviersonate op. 1
Liszt: Klaviersonate h-Moll
Bartók: Rumänische Volkstänze

Ich bn kein großer Grimaud-Fan, ihre bisherigen CDs haben mich nicht überzeugt. Gestern abend hatte ich innerhalb meiner Abo-Reihe das Vergnügen, sie live zu hören. Der große Saal war gut gefüllt.

Mozart irritierte mich am Anfang sehr. Das klang mir eher wie Beethoven. Ich mag es ja nun gar nicht süßlich, das war es auch sicher gar nicht, insoweit fand ich es nicht schlecht, sondern auch irgendwie sehr interessant. Es gab grimmige Bässe und rasant schnelles Spiel. Mir gefiel die hohe Transparenz, ich hätte mir jedoch vielleicht mehr Leichtigkeit gewünscht. Oder auch nicht, ich weiß nicht so genau, es war jedenfalls originell.

Die Berg-Sonate habe ich selten gehört, die hat mir sehr gut gefallen, ich kann aber nicht wirklich vergleichen. Ich mag diese Musik und sie war, soweit ich das beurteilen kann, mit großer Brillianz dargeboten.

Dann Liszt. Hier sah man, wie technisch perfekt die Frau ist, ich frage mich, wie die mit ihren kleinen Händchen das spielen kann. Mit großem dramatischem Bogen perlte und grollte das vor sich hin. Mir fehlte hier und da die Feinheit in der Phrasierung, aber andererseits kriegte man fast Angst beim Zuhören, da war viel Kraft und Wildheit in ihrem Spiel, aber auch beeindruckend schönes Innehalten. Eine eigenwillige Interpretation, aber gekonnt gemacht.

Am besten hat mir am Schluss der Bartok gefallen, hier spielte sie ganz klar und auch spritzig, mit sehr schöner Rhythmik. So als wenn jetzt die anspannung weg war, da war die Schwere auch komplett weg.

Alles in allem hat mich der Auftritt eher angenehm überrascht. Sie wirkte auch sehr sympatisch in ihrem Auftreten, fast unsicher, zurückhaltend.
Heike
Jeremias (14.11.2010, 09:26):
Am Freitag in Dortmund:

Yuja Wang, Klavier

Sergej Rachmaninow
Variationen über ein Thema von Corelli d-moll op. 42

Franz Schubert
Sonate für Klavier c-moll D 958

Alexander Skrjabin
Etüden op. 8 und op. 42 (Auszüge)

Alexander Skrjabin
Präludien op. 11 und op. 13 (Auszüge)

Camille Saint-Saëns
»Danse macabre« op. 40
Fassung für Klavier von Vladimir Horowitz

Felix Mendelssohn Bartholdy
Scherzo aus der Schauspielmusik zu »Ein Sommernachtstraum« op. 61
Fassung für Klavier von Sergej Rachmaninow

Modest Mussorgsky
»Nacht auf dem kahlen Berge«
Fassung für Klavier von Modest Mussorgsky



Sie eröffnete den Abend mit einem Rachmaninoff im große angelegten Boden. Im Gegensatz zu ihrem Landsmann L.L. nutzt sie bereits im Thema ausschließlich die Möglichkeiten ihrer 10 Finger, um das auszudrücken, was sie fühlt und was sie dem Publikum geben möchte. Keine Show, kein künstliches Gehabe. Technisch blitzsauber, nur hier und da ein wenig zuviel Pedal, vielleicht auch notwendig um mit dem Kontakt auf Tuchfühlung zu gehen. Im Schubert überzeugte sie v.a. im langsamen Satz, der funkelte und glänzte durch und durch. In den Fortestellen des 1.Satzes und der 4. Satz merkte man, dass sie doch erst 23 JAhre alt ist. Ein wenig mehr Ruhe hätte dem Spiel gut getan.

Nach der Pause kam zuerst Skriabin. Besonders beeindruckend zwei Etüden, die sie so perfekt meisterte, dass dem Publikum der Atem stockte. Dann spielte sie den Mussorgsky. Ich hatte die Bearbeitung bislang nur mit Berezovsky gehört, hätte nie gedacht, dass eine Frau das spielen kann. Ohne Abgang von der Bühne folgte der Mendelssohn, in welchem sie ihre gesamte Klasse zeigte. Wer Klavier spielt, der weiss, dass die Kombination "leise und schnell" mit das Schwerste ist, das ein Pianist bewältigen können muss und sie konnte es. Es war ein Genuss, dieses Stück in solcher Perfektion erleben zu dürfe. Schließlich kam der Danse macabre. Hier hätte Volodos noch etwas lernen können, Horowitz hat sicherlich von seiner Wolke aus zugehört und seinen Spaß gehabt. Standing ovations!

Als Zugabe den "Reigen seliger Geister" Gluck/Sgambati und Etincelles von Moszkowski.

Trotz langer Anfahrt von fast 2 Stunden bei viel Stau und Dauerregen hat sich der Abend gelohnt! Yuja steht am Beginn einer großen Karriere, man wird noch viel von ihr hören, zu Recht! Wahrscheinlich hat sie L.L. aufgrund ihres Potentials bei der Deutschen Grammophon verdrängt....

Einziges Manko des Abends: Die schlechte Pizza beim Italiener neben dem Konzerhaus danach, aber das konnte das tolle Erlebnis nach 5 Monaten ohne Konzert nicht trüben :beer
ab (14.11.2010, 10:46):
Original von Severina

freut mich, dass Dir Martin Grubinger so gefallen hat! Ich bin ein großer Fan von ihm, nicht nur, weil er aus Oberösterreich stammt, aber seine Technik ist einfach unglaublich.

Martin Grubinger ist Salzburger, bereits sein Vater ist ein - wohl ganz ausgezeichneter - Schagzeuger, der Sohn aber genial. So müssen wohl Paganini und Consorten auf ihre Zeitgenossen gewirkt haben.
Severina (14.11.2010, 16:17):
Original von ab
Original von Severina

freut mich, dass Dir Martin Grubinger so gefallen hat! Ich bin ein großer Fan von ihm, nicht nur, weil er aus Oberösterreich stammt, aber seine Technik ist einfach unglaublich.

Martin Grubinger ist Salzburger, bereits sein Vater ist ein - wohl ganz ausgezeichneter - Schagzeuger, der Sohn aber genial. So müssen wohl Paganini und Consorten auf ihre Zeitgenossen gewirkt haben.

Lieber ab,

danke für die Korrektur . wie bin ich bloß auf OÖ gekommen????
lg Severina :hello
nikolaus (14.11.2010, 23:43):
Bin gerade zurück aus HH, wo ich am Freitag ein Recital von Alexander Paley (ich glaube, Gamaheh hat schon einmal von ihm berichtet) mit einem äusserst virtuosen Programm gehört habe:

Franz Liszt: Après une Lecture du Dante (aus den Années de Pélerinage II/7)

Franz Liszt: Paganini-Etüden

Johannes Brahms: Paganini-Variationen op. 35

Zwei Zugaben von Liszt


Ich muss schon sagen: ein Vollblut-Musiker! Kompromissloses, risikofreudiges Spiel und vor allem: offensichtliche Freude an seinem Klavierspiel!
Trotz aller Virtuosität kam auch die Musikalität nicht zu kurz, insbesondere in Brahms Paganini-Variationen, die mich sonst eher ermüden. Nicht so bei Paley. Die Zeit verging wie im Fluge.

Nikolaus.
Heike (18.11.2010, 08:09):
17.11.2010, 20:00 Uhr, Philharmonie Berlin
PHILHARMONIA ORCHESTRA LONDON - TUGAN SOKHIEV Dirigent
IVO POGORELICH Klavier
Mendelssohn Bartholdy: Die Hebriden, Konzertouvertüre
Chopin: Klavierkonzert Nr. 2 f-Moll op. 21
Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36

Das war (trotz des Programms, das nicht gerade meinen Vorlieben entspricht) ein mindestens aus 2 Gründen interessantes Konzert: Pogorelich ist wieder da und Sokhiev als der zukünftige DSO-Dirigent.

Der Abend begann lustig: Pogorelich saß, während das Publikum eingelassen wurde, ganz verhuscht und versonnen am Flügel: verkleidet wie ein absoluter Proll (Pudelmütze, grellblaue Freizeitanzugjacke, Schlabberhosen, ausgelatschte Schuhe). Und spielte versponnen gedämpfte, langsame, leise Akkorde vor sich hin, bis ca. 3 Min vor dem Start. Sehr merkwürdiges Bild.

Nun aber zum Konzert:
Die Hebriden habe ich oft gehört, selten so gut. Das versprach einen schönen Abend. Das Orchester klang ganz anders als die meisten Berliner, heller. Und in der Rhythmik und Phrasierung war das sehr sehr feinsinnig, fern ab von schmalzigem Brei, sowas gefällt mir.

Dann Pogorelich mit dem 2. Chopinkonzert. Er kam nun ganz schick angezogen auf die Bühne, war sichtlich nervös und spielte mit Noten (eigentlich eher mit einer uralten lose- Blatt-Sammluing, auf die er quasi gar nicht draufsah). Das war, als er begann, der Pogorelich, wie man ihn kennt: technisch gut drauf, vor allem aber exzentrisch und daher super interessant. Er spielte sehr konzentriert, angespannt. Ganz harter Anschlag, sehr dominant, seeeehr viel Rubato, eine völlig unromantische Interpretation, aber in sich schlüssig und für mich extrem spannend. Fast noch spannender war, was Sokhiev machte. Pogorelich ist nun sicher kein Teamplayer, also der Dirigent tat mir mitunter leid, aber er machte es phantastisch - wie man da noch mit dem Orchester einigermaßen dabei bleiben kann - alle Achtung! Nach dem Stück war Pogorelich sichtlich erleichtert über den großen Applaus, bedankte sich sehr nett und fast überglücklich bei Dirigent und Orchester und ließ sich vom Publikum einhellig feiern (aber nicht zu einer Zugabe hinreißen). Irgendwie wirkte er auf mich krank, oder mindestens sehr unter Druck - er hatte eine komische Körperhaltung beim Laufen, hielt auch beim Abgang die ganze Zeit die Noten krampfhaft in der Hand. Ich hatte den Eindruck, dass er sich einerseits sehr auf das Konzert freute, andererseits fast Angst davor hatte? Jedenfalls fand ich keine Spur von Arroganz oder Herablassung, nein, der Mann tat mir eher leid mit seiner großen Nervosität. Um so froher war ich, dass er einen großen Auftritt hinlegte, ich gönn es ihm (und mir auch) :-)

Nach der Pause dann Tschaikowski. Dem kann ich ja im allgemeinen sehr wenig abgewinnen, aber Sokhiev schaffte es, dass sogar mir einzelne Passagen sehr gut gefielen. Keine russische Melancholie, keine breite Trauer. Sondern frisches, geistreiches, klares Musizieren. Da Publikum erklatschte sich sogar noch eine Zugabe, ich glaube, es war aus dem Nussknacker. Wenn der Sokhiev das so weiterbetreibt mit dem DSO, dann freue ich mich auf ihn.
Heike
Armin70 (20.11.2010, 00:38):
Freitag, 19.11.2010, 20 Uhr im großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt/Main:

Alfred Hitchcock & Bernard Herrmann
"Der Meisterregisseur und sein Komponist"

Vertigo (Vertigo - Aus dem Reich der Toten)
Suite:
1. Prelude
2. The Nightmare
3. Scéne d'amour

The Trouble with Harry (Immer Ärger mit Harry)
Portrait of Hitch

North by Northwest (Der unsichtbare Dritte)
1. Ouverture
2. The Wild Ride
3. Conversation Piece
4. The Match Box
5. Finale

Psycho - Suite:
1. Prelude, 2. The City, 3. The Rainstorm, 4. The Madhouse, 5. The Murder, 6. The Water, 7. The Swamp, 8. The Stairs, 9. The Knife, 10. The Cellar, 11. The Murder, 12. Finale

Marnie - A Tone Poem for Orchestra
1. Marnie
2. Mark
3. Lil
4. Forio
5. Bernice

The Man who knew too much (Der Mann, der zuviel wusste)
1. Prelude
2. The Storm Clouds - Cantata (Arthur Benjamin / Arr. Bernard Herrmann)

Nohad Becker, Sopran
Frankfurter Kantorei
HR-Sinfonieorchester
Frank Strobel

Auf dieses Konzert hatte ich mich lange gefreut: Endlich konnte ich die Musik von einem der besten Filmkomponisten, Bernard Herrmann, mal live im Konzert erleben. Zu den Filmmusiken wurden auf einer Leinwand, die über dem Orchester angebracht war, entweder Szenenfotos oder sogar richtige Filmausschnitte aus den entsprechenden Filmen gezeigt. Das Orchesterpodium und der Zuschauersaal waren dann vollkommen abgedunkelt, so dass eine richtige Kino-Atmosphäre entstand.

Das HR-Sinfonieorchester spielte Bernard Herrmanns Musiken mit großem Engagement, genauso als wenn z. B. eine Mahler-Sinfonie oder andere große klassische Orchesterwerke auf dem Programm gestanden hätten. Herrmanns Werke verlangen den Orchestermusikern auch eine Menge ab. Besonders gelungen war die Symbiose zwischen den Filmszenen und der Live-Musik bei den Ausschnitten zu "North by Northwest" und "Psycho". Besonders bei der berühmten "Dusch-Szene" aus "Psycho" und den dazu schneidend grellen Streicher-Staccati zuckten die Leute immer noch zusammen und das 50 Jahre nach Erscheinen dieses Films.

Besonders gelungen war dann der Schluss des Konzerts mit dem imposanten Prelude zu "The Man who knew too much" und der "Storm Clouds - Cantata" von Arthur Benjamin in dem Arrangement von Bernard Herrmann. Die Kantate lief absolut synchron zu den Filmszenen, wo Bernard Herrmann den Covent Garden Chorus und das London Symphony Orchestra in der Royal Albert Hall dirigiert. Das haben alle Beteiligten, also die Solistin, Chor, Orchester und Dirigent sowie das Produktionsteam brilliant umgesetzt.

Am Ende des Konzerts gabs dann zu Recht frenetischen Beifall, der mit Bernard Herrmanns swingendem Prelude zu "The wrong man" (Der falsche Mann) als Zugabe belohnt wurde.

Kleiner Tipp für Leute aus Köln und Umgebung: Dieses Konzert mit dem gleichen Programm findet heute, d. h. am Samstag, 20.11.2010 um 20 Uhr in der Kölner Philharmonie statt. Neben dem Vokalensemble des Kölner Doms spielt auch wieder das HR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Frank Strobel.

Das Konzert vom 19.11.2010 wird am Dienstag, den 28.12.2010 um 20:05 Uhr in HR2-Kultur wiederholt.
Heike (20.11.2010, 08:17):
Das ist ja ein spannendes Konzert gewesen! Schade, dass es das nicht hier gibt - ich hätte als großer Hitchcockfan bestimmt jedesmal die ganze Handlung innerlich Revue passieren lassen (und dann letztendlich schlecht geschlafen ;-) ) Aber das mit den Szenen(fotos) im Hintergrund ist bestimmt auch ein tolles Erlebnis gewesen.
Danke für den Bericht!
Heike
Holger (20.11.2010, 11:03):
Und icke - ebenfalls Hitchcockfan - sehe mich vom Irrglauben geheilt, er habe seine Filmmusiken selbst komponiert. Muß ick vor Jahrenden einmal gehört und sofort ungeprüft in den Kanon meines unerschöpflichen Halbwissens aufgenommen haben... :cool

Liebe Grüße von Holger
Severina (20.11.2010, 14:50):
Und ich erkenne immer mehr, dass auch der Musikfan ins Kino gehen sollte :S - so hätte nämlich auch ich kapiert, dass Sven-Eric Bechtolf in unserem "Cardillac" auf Nosferatu Bezug genommen hat....

lg Sevi (Sorry, ist OT, ich weiß :engel )
Zuckermann (20.11.2010, 16:42):
Hallo Heike!

Original von Heike
...
Wenn der Sokhiev das so weiterbetreibt mit dem DSO, dann freue ich mich auf ihn.
...


Danke für Deinen lebendigen, anschaulichen Bericht (Pogorelich!). Auch wenn ich Metzmacher immer noch irgendwie nachtraure, bin ich jetzt zumindest schon mal sehr gespannt, wie Sokhiev und DSO harmonieren werden.

:hello

Ekkehard.
Heike (20.11.2010, 16:56):
Hallo Ekkehard
Auch wenn ich Metzmacher immer noch irgendwie nachtraure, bin ich jetzt zumindest schon mal sehr gespannt, wie Sokhiev und DSO harmonieren werden.
ICH ICH ICH bin bestimmt selbst der größte Metzmacher-Nachtrauerer im ganzen Land!!!!!

Was Sokhiev angeht, ich kann mir gut vorstellen, dass der und das DSO gut harmonieren werden. Der scheint mir ein Freund des klaren, senkrechten, schlanken Musizierens zu sein, damit wäre er in bester Fricsay-Tradition beim DSO gut aufgehoben. Ich hoffe und vermute auch, dass er ihnen den transparenten Klang nicht abtrainieren wird - jedenfalls war bei den Londonern, die er ja schon lange immer wieder dirigiert, wenig von dicken warmen Holztönen und breiten dunklen Klängen zu hören. Ich glaube, das wird ganz gut passen.

Was Pogorelich angeht - das kann man eigentlich kaum beschreiben, wie schräg der bei mir rüberkam. Aber ich mag ja (neben seiner Exzentrik im Ausdruck) vor allem seinen fein differenzierten, wahnsinnig vielfarbigen Anschlag - und was das angeht, war er wirklich klasse.
Heike
Gamaheh (21.11.2010, 13:59):
Original von nikolaus
Bin gerade zurück aus HH, wo ich am Freitag ein Recital von Alexander Paley (ich glaube, Gamaheh hat schon einmal von ihm berichtet) mit einem äusserst virtuosen Programm gehört habe:

Franz Liszt: Après une Lecture du Dante (aus den Années de Pélerinage II/7)

Franz Liszt: Paganini-Etüden

Johannes Brahms: Paganini-Variationen op. 35

Zwei Zugaben von Liszt


Ich muss schon sagen: ein Vollblut-Musiker! Kompromissloses, risikofreudiges Spiel und vor allem: offensichtliche Freude an seinem Klavierspiel!
Trotz aller Virtuosität kam auch die Musikalität nicht zu kurz, insbesondere in Brahms Paganini-Variationen, die mich sonst eher ermüden. Nicht so bei Paley. Die Zeit verging wie im Fluge.

Nikolaus.

Ja, ich habe ihn im Juni 2009 in Lille gehört und darüber berichtet. Alexander Paley ist ein säbelschwingender Held des Klaviers, ein D’Artagnan unter den Pianisten mit bisweilen abenteuerlichen Gesten. Allein für diese Programmgestaltung würden ihn viele für verrückt erklären. Wenn man dann weiß, daß er eine Woche später in Leipzig ein Programm mit Chopin, Rachmaninoff und Liszt gespielt hat, das sich mit diesem in keinem Punkt überschnitten hat ...

In der Dante-Sonate hat er die Sehnsucht der verlorenen Seelen nach dem Paradies genauso eindringlich dargestellt wie ihre Pein und ihr Jammern und auch die Höllenfahrt selbst. Brahms’ Paganini-Variationen klangen dann sehr brahmsisch, dankenswerterweise ohne daß er sie in pseudo-brahmsischer Melancholie versumpfen ließ. Was Brahms seine „Fingerübungen“ nannte, wurde zu einer sinnvollen Abfolge, und auch die Wiederholung des Themas am Anfang des zweiten Heftes (die viele Pianisten weglassen, weil sie damit nichts anfangen können) spielte Paley wie eine Reprise, aber direkt an das erste Heft anschließend, indem er den letzten Ton des ersten über den Anfang des zweiten hielt – alles ganz organisch. Ganz köstlich war die walzerartige vierte Variation !

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Ein Ausschnitt (La Campanella) ist schon bei Youtube zu sehen.
Heike (27.11.2010, 08:33):
Philharmonie Berlin, 26.11.2010
DSO Berlin, Tugan Sokhiev Dirigent
Piotr Anderszewski Klavier

Hector Berlioz - Le Carnaval romain, Ouvertüre op. 9
Béla Bartók - Klavierkonzert Nr. 3 Sz 119
Igor Strawinsky - Le Sacre du printemps

Das war gestern der zweite sehr gute Eindruck, den ich von Sokhiev bekommen habe! Frisches, leichtes, fließendes Musikzieren, flottes Tempo, wieder sehr transparent, fast spielerisch. Keine Spur von breiter Soße. Und dabei außerordentlich exakt und präzise. Das DSO kam mir vor wie ein Jugendorchester - ich meine das natürlich hinsichtlich des Enthusiasmus, nicht bezüglich des Könnens. Die Bläser in Bestform, die Streicher hochkonzentriert und mit ganz viel drängendem Schwung. So gut habe ich z.B. die Auguren-Rhythmen und das Finale im Sacre selten gehört. Das passt mit dem DSO, davon bin ich jetzt überzeugt.

Dazu Anderszewski am Klavier beim Bartók- Konzert. Er hat unglaubliche Klangfarben in seinem Spiel, das war der Wahnsinn. Schon lange habe ich im Piano die Philharmonie so still wahrgenommen, da traute man sich kaum zu atmen. Ich kenne das Bartok- Konzert nicht gut, also habe ich vor allem seinen fein differenzierten Anschlag und sein ganz wunderbares Zusammenspiel mit dem Orchester genossen und kann weniger zur Interpretation sagen. Ausdrucksvoll war es auf jeden Fall, und zwar intelligent ausdrucksvoll, nicht sentimental (was man ja bei Bartóks quasi letztem Werk ja auch machen könnte). Ich fand es jedenfalls grandios, besonders die Choralvariationen und impressionistischen Teile im Mittelsatz wären absolute Gänsehautmusik. Als Zugabe spielte er dann noch Tänze von Bartok, märchenhaft, ich hätte ihm stundenlang weiter zuhören können. Ich mag ihn sowieso schon von CDs her, aber der live-Eindruck war nochmal besser. Zudem ein sehr sympathischer Auftritt, ohne Starallüren, ganz konzentriert und immer aufmerksam mit Orchester und Dirigenten im Kontakt. Großartiger Pianist, den ich gern mal mit einem Recital erleben würde.

Wer von den Berlinern kurzfristig Lust gekriegt hat - heute gibt es das gleiche Konzert nochmal.
Heike
Amadé (27.11.2010, 19:29):
Liebe Forianerinnen und Forianer,
gestern Abend gastierte zum wiederholten Male im benachbarten Olpe im Sauerland im Rahmen der PIANO SOLO Konzerte der israelische, in Berlin lebende Pianist, Amir Katz. Einige Musikfreunde werden vielleicht seine gelungene Schubert-CD mit den beiden Sonaten D.845 a-moll und D.958 c-moll, die 2006 veröffentlicht wurden, kennen. In der Folge seiner neuen Gesamteinspielung präsentierte er sämtliche Nocturnes von Frederic Chopin. Er hielt sich an die bekannte numerische Anordnung und brachte die drei posthum veröffentlichen Stück am Schluss.
Alle 21 Nocturnes in einem Konzert zu spielen, bedeutet schon ein mutiges Unterfangen, da die einzelnen Stücke nicht in einem Kontrast zueinander stehen wie z.B. bei den Etüden oder Preludes. Der Pianist muss hier schon über eine ausgeprägte Gestaltungskraft und große emotionale Ausstrahlung verfügen, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Leider gelang es dem sympathischen Künstler nicht immer, vor allem der erste Teil vor der Pause litt darunter. Die Musik floss dahin, mehr vom Kopf als körperlich gestaltet, konnte mich und auch das Publikum jedoch nicht genügend fesseln, was die Unruhe zwischen den einzelnen Stücken bewies. Im bekannten F-Dur Nocturne op.15 Nr.1 fehlte mir im Andante cantabile eine gewisse Verbindlichkeit, der con fuoco- Mittelteil in f-moll wurde zwar schnell und laut, jedoch ohne die ihm innewohnende Dämonie gespielt. Einigermaßen überzeugend gelangen dann die beiden opera op.32 in H-dur und As-dur.
Nach der Pause war die Konzentration des Publikums wesentlich besser und auch Katz‘ Gestaltung überzeugte mich zunehmend. Die Musik strahlte nun Atmosphäre aus, was ich in den ersten 8 Nocturnes vermisste. Großer Beifall, 2 Zugaben: die 1.Etüde aus op.10 sowie Grande Valse brillante op.18.

Grüße Amadé

@ Heike. Ist Amir Katz im Berliner Musikleben präsent?
Jeremias (28.11.2010, 08:49):
Während meine Frau gestern einen Auftritt hatte, habe ich den Abend genutzt und bin mit meinem Trauzeugen in die Kölner Philharmonie gefahren, wo wir Karten in der 7. Reihe vorher hatten ergattern können.


WDR Sinfonieorchester Köln
Herbert Blomstedt Dirigent


Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93 (1811-1812)

Pause

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 3 d-Moll WAB 103 (1872-1873)


Beethovens 8. war noch nie mein Favorit. Spannend war jedoch zu sehen, wie Blomstedt - inzwischen 83 Jahre alt - das Orchester teilweise sich selbst überließ. Er vertraute wohl auf das Können, auf die Gestaltungsmöglichkeiten des meiner Meinung nach besten Orchesters im gesamten Umkreis (die Düsseldorfer kann man eh knicken....)... Hier und da gab er Einsätze, machte ein paar Handbewegungen, das war's auch schon fast. Obgleich mich diese Sinfonie noch nie richtig fesseln konnte, war dies eine tolle Darbietung.

Nach der Pause dann Bruckner... einfach überwältigend! Natürlich war Blomstedt nun viel aktiver. Wie er Spannungsbögen aufbaute, wie er es schafft die einzelnen Solisten derart klar und bestechend klingen zu lassen, das war sensationell! Nach einer Stunde Schwerstarbeit für das Orchester - Blomstedt war dies nicht anzusehen - gab es Standing Ovations, zu Recht! Und als er das 3. oder 4. Mal auf die Bühne kam, da weigerte sich das Orchester aufzustehen und applaudierte stattdessen ihrem Dirigenten. So etwas habe ich auch noch nicht gesehen.....

:engel
Heike (30.11.2010, 07:51):
29.11.2010, Konzerthaus Berlin
Bernd Alois Zimmermann "Monologe" für zwei Klaviere (Hommage à Debussy)
Andreas Grau Klavier
Götz Schumacher Klavier
Markus Fein Moderation

2 x hören
Eine Veranstaltungsreihe der Körber-Stiftung und des Konzerthauses Berlin

Auch wenn das Stück mir in weiten Teilen nicht besonders gefällt, also auch nicht zu meinen oft gehörten Favoriten aufsteigen wird, ist das eine sehr sehr interessante und gut gemachte Veranstaltung gewesen. Die Musik wird zunächst ganz »ohne Vorrede« einmal präsentiert. Dann wurde das Werk in einem nachfolgenden Gespräch Stück für Stück analysiert, mit Notenbeispielen an der Wand und den Musikern am Klavier (die einzelne Passagen anspielten und erklärten), mit eingespielten Zitategrundlagen im Original, musikpädagogischen Erläuterungen und interessanten Hintergrundinfos zum Werk. Schließlich wurde das Stück ein zweites Mal gespielt und wer Lust hatte konnte abschließend bei einem Glas Wein noch mit den Musikern plaudern.

Kompliment übrigens an die beiden Pianisten, das war Zusammenspiel in Perfektion!
Heike
Heike (08.12.2010, 17:05):
7.12.2010, Kammermusiksaal, 22 Uhr
András Schiff - Goldbergvariationen

Es war phantastisch, eine technisch brilliante Darbietung, ohne jedes Pedal, spielerisch leicht und mit mancher kleinen Freiheit in der Interpretation, grandios! Mit ganz kleinern andächtigen Gesten zwischen den Variationen brachte er das Publikum fast unmerklich zur Stille :-) Wer zu diesem kostenfreien Benefizkonzert gestern als Berliner nicht da war, der ist selbst schuld.

so und dann habe ich in Kurzform noch ein paar Nachträge:

29.11.2010 Kammermusiksaal
Rafal Blecharcz - Chopin
Auch ein ganz wunderbares Konzert, so mag ich Chopin: nicht weichlich, nicht verwaschen und verkitscht, sondern transparent, klar, klug. Mit aufregenden Rubati und wunderbaren Phrasierungen, mit vielen kleinen schönen Details. Also Chopin kann der Mann, ich würde gern mal hören, wie der Beethoven oder Bach spielt.

1.12.2010 Konzerthaus
Wiener KammerOrchester, Stefan Vladar, Xavier de Maistre Harfe
Hugo Wolf "Italienische Serenade"; Händel Konzert für Harfe und Orchester B-Dur;
François-Adrien Boieldieu Konzert für Harfe und Orchester; Schubert Sinfonie Nr. 5
Ein interessanter Abend, ich wäre von allein nicht auf die Idee gekommen, ein Harfenkonzert zu besuchen, aber eine Freundin hatte ein Ticket übrig und nahm mich mit. Das war gar nicht übel, mal so aus der Nähe einen Harfenisten zu beobachten und zu hören, was der so anstellt mit dem Instrument. Das Händel-Konzert ist auch sehr bekannt, das Orchester hat mir gefallen und es war irgendwie originell. Auch nicht so verzärtelt gespielt. Nach der Pause die Schubert-Sinfonie mit dem Kammerorchester war ein wirklich schöner Abschluss.

2.12.2010 Kammermusiksaal
Hagen Quartett - Lutoslawski, Schumann, Beethoven
Jeweils die letzten Quartette der Komponisten wurden gespielt, auch das ein absolut großartiger Abend. Das Hagen-Quartett ist eines der besten Quartette, die ich je gehört habe, die haben einen so lebendigen und intensiven Ton in jeder Stimme, das ist unglaublich, wie die Musik den Raum füllte. Vor allem Beethovens opus 135 ("Muss es sein") geriet so zu einer Sternstunde. Ein grandioses Quartett.

3.12.2010 Philharmonie
Orchester der Komischen Oper Berlin; Sir Roger Norrington, Matthieu Gauci-Ancelin Flöte
Mozart: Adagio und Fuge c-Moll; Flötenkonz. Nr. 2; Sinf. Nr. 14, Nr. 41 (Jupiter),
Eigentlich bin ich ja tendenziell eher ein HIP-Fan. Aber, da wurden eher langsame Tempi gespielt, es hatte wenig Pepp, es gab ständige Unterbrechungen zwischen den Sätzen durch Beifall (den Norrington forcierte), zudem einige Wackler in den Natur-Bläsern. Die Streicher klangen mir ohne jedes Vibrato doch ein wenig dröge. Das war alles in allem nicht schlecht, aber hat mich dann in der Summe eher gelangweilt.

5.12.2010 Philharmonie
DSO, Pablo Heras-Casado Dirigent, Saleem Abboud-Ashkar Klavier
Debussy - Ibéria aus Images; de Falla: Nächte in spanischen Gärten; Dallapiccola -
Piccola musica notturna; Mendelssohn Bartholdy - Sinf Nr. 3 »Schottische«
Ein Programm gegen die Kälte! Da wünschte man sich in die spanischen Gärten.... Ein interessantes Programm, ganz gut dargeboten, ohne Schwachstellen, aber auch ohne Höhepunkte. Ein immenser Unterschied im DSO im Gegensatz zu dem Konzert mit Sokhiev vor einer Woche, als ob man die von Highlevel auf Normallevel runtergetuned hätte!!

Heike
Armin70 (09.12.2010, 00:24):
Mittwoch, 08. Dezember 2010, 20 Uhr im großen Saal der Alten Oper Frankfurt/Main:

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248
(Kantaten I - III + VI)

Christina Landshamer, Sopran
Ulrike Schneider, Alt
Julian Prégardien, Tenor
Andreas Wolf, Bass

Collegium Vocale Gent
Concerto Köln
Marcus Creed

Das brilliante Collegium Vocale Gent, insgesamt 17 Sänger/innen, durfte ich ja bereits im Frühjahr diesen Jahres mit Bachs Matthäus-Passion bewundern. Auch gestern Abend war das wieder herrlich, dieses tolle Ensemble zu hören. Insgesamt ein sehr schlanker und transparenter Chorklang, sehr homogen so dass keine Stimme irgendwie unangenhm heraussticht.

Sehr gut haben mir auch die vier Gesangssolisten gefallen: Die Sopranistin hat eine glockenhelle, fast engelsgleiche Stimme. Besonders schön fand ich die Altistin in der Arie "Schlafe, mein Liebster". Das war sehr ausdrucksstark. Julian Prégardien macht seinem Vater eindrucksvoll Konkurrenz und der Bassist verbreitet in der Parade-Arie "Großer Herr, starker König" majestätischen Glanz.

Das Concerto Köln gehört ja längst zu den absoluten Top-Ensembles in der historischen Aufführungspraxis und das bewiesen sie auch an diesem Abend. Sehr schön warm-klingende Holzbläser, besonders in der Sinfonia (Pastorale) zu Beginn der II. Kantate. So expressiv hörte ich dieses Stück schon lange nicht mehr. Die Trompeten und Pauken verbreiteten einen herrlich jubelnden Klang, ohne aber dabei den Chor und das übrige Orchester zu übertönen. Die Streicher verströmten einen seidigen, tupfigen Glanz.

Marcus Creed wählte insgesamt schnelle Tempi, die allerdings nie gehetzt oder sonst irgendwie übertrieben wirkten, sondern alles wirkte stets natürlich. In den Chorälen, Rezitativen und den Arien nahm Creed die Tempi aber auch gut zurück, wo es der Text fordert. Überhaupt sorgten die wunderschön gestalteten Choräle für pure Gänsehaut.

Der einzigste kleine Wermutstropfen war, dass nicht das komplette Weihnachtsoratorium gespielt wurde. Die Kantaten IV und V hätte ich auch noch gerne in dieser tollen Interpretation gehört.

Großer Applaus am Ende in der leider nicht so gut besuchten Alten Oper. Wahrscheinlich lags am heftigen Schneefall, der einige vom Konzertbesuch abgehalten hat.

P.S.:
Noch ein vielleicht interessanter Nachtrag:

"Abweichend von der üblichen Aufführungspraxis erklingt zu Beginn der ersten Kantate die erste Textzeile der Ursprungskantate BWV 214 "Tönet, ihr Pauken ! Erschallet, Trompeten !" Das Collegium Vocale Gent beruft sich hierbei auf scheinbar neue Forschungsergebnisse des Musikwissenschaftlers Kees van Houten. Seiner Meinung nach sprechen musikalisch-rhetorische Argumente für die Richtigkeit dieser Version. Überdies ist er der Ansicht, Bach sei von der kirchlichen Obrigkeit zur Umtextierung gezwungen worden, da sich die Worte der ersten Zeile als zu weltlich herausgestelett hätten. Das Autograph des Weihnachtsoratoriums gebe zu erkennen, dass die erste Zeile ursprünglich "Tönet, ihr Pauken ! Erschallet, Trompeten !" geheißen habe und dass Bach zu einem späteren Zeitpunkt diesen Anfangstext durchgestrichen und durch die Worte "Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage" ersetzt habe.
(Zitat aus dem Programmheft)
Heike (13.12.2010, 10:26):
11.12.2010 Philharmonie Berlin
Berliner Philharmoniker, Neeme Järvi Dirigent (für den erkrankten Kirill Petrenko)
Olga Mykytenko Sopran
Anatoli Kotscherga Bass

Dmitri Schostakowitsch - Symphonie Nr. 14 op. 135
Richard Strauss - Don Juan op. 20
Peter Tschaikowsky - Francesca da Rimini op. 32

Eine gute Darbietung der Schostakowitsch-Sinfonie! Beide (vermutlich russische Sänger) waren sehr gut, was sich auch im Ausdruck mit viel russischer Seele widerspiegelte. Järvi brachte die Philharmoniker gut in Fahrt. Das zeigte sich dann natürlich auch beim "Don Juan" und besonders auch bei "Francesca da Rimini" - ein Werk, das Dante und Vergil im zweiten Kreis der Hölle bei der Beobachtung eines sündigen und daher ermordeten Liebespaares zeigt und mit allerlei Klagen, Sturm und weggefegter Liebe daherkommt. So kann man sogar mir Tschaikowski näherbringen! Man muss schon sagen, die Solisten der Philharmoniker sind Gold wert, das Klarinettensolo war bravourös. Aber auch die Streicher ließen so einiges wirbeln, da saß ich direkt gerade im Stuhl.

Witzigerweise durfte ich dasselbe Werk einen Tag später gleich nochmal mit dem DSO hören, dazu gleich.
Heike (13.12.2010, 10:48):
12.12.2010 Philharmonie Berlin
DSO Berlin, Christoph Eschenbach Dirigent
Dimitri Maslennikov Violoncello
Tzimon Barto Klavier

Peter Tschaikowsky:
Romeo und Julia, Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeare
Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23
Rokoko-Variationen für Violoncello und Orchester A-Dur op. 33
Francesca da Rimini

Ein ganzer Tschaikowski- Abend, ich war natürlich nur wegen Tzimon Barto hingegangen! Und das habe ich nicht bereut.

Zu Romeo und Julia kann ich nur sagen, dass ich das ganz lustig fand, weil es gerade heute verrätselt wurde, irgendwie witzig. Sehr flott gespielt, gut hörbar. Dann Tzimon Barto. Er ist groß mit breiten Schultern, ich hatte das Gefühl, der Flügel müsse erhöht werden, damit er bequem dran sitzen kann. Er spielte das Klavierkonzert äußerst eigenwillig. Die Einleitung (die einem ja oft wegen Verkitschung schon den Abend verdirbt) kam sehr schnell daher; wogegen er das erste Thema dann schion zu einem herrlichen Gesang machte, wo ich im Piano fast das Atmen vergaß. Die lyrischen Klavierparts spielte er sehr sehr langsam, die Musik schien fast stehenzubleiben. Dann wieder totale Tempowechsel. Da musste Eschenbach schon zeigen, was für ein alter Profi er ist; das war faszinierend zu beobachten, wie die fast immer (nicht immer) wieder auf einen Nenner kamen. Bartos pianissimo berührt unglaublich. Wenn er hingegen beherzt und grollend laut in die Tasten greift, dann macht sogar Tschaikowski richtig Spaß. Ein sehr sympathischer Auftritt, bei dem sich Barto lange beim Orchester und Dirigenten bedankte und das begeisterte Publikum mit einem hinreißend individuell gespielten Chopin-nocturne als Zugabe belohnte (auch frech, in einem reinen Tschaikowski-Programm Chopin zu spielen!)

Nach der Pause, den Rokoko-Variationen mit dem Cellisten Dimitri Maslennikov habe ich nicht so viel abgewinnen können. Obwohl der junge Mann lebendig, engagiert und versiert spielte, begeisterte mich sein Cello-Ton nicht. Da fehlte mir vor allem Volumen, auch der Klang war mir zu dünn, wenig farbig.

Da gefiel mir die erneute Darbietung von Francesca da Rimini wieder besser. Da war viel Schwung und Tempo drin, auch die Solisten machten ihre Sache sehr gut. Trotzdem waren die Philharmoniker gestern virtuoser und auch in den Streichern agiler und stärker. Ich fand das jedenfalls total spannend, dasselbe Werk an zwei aufeinanderfolgenden Tagen live von verschiedenen Orchestern zu hören. Und dabei habe ich festgestellt, dass das eines der Stücke von Tschaikowski ist, die mir noch eher gut gefallen. Wobei ich mich mit dem Klavierkonzert natürlich heute dank Bartos origineller Darbietung auch etwas versöhnt habe, ehrlich gesagt, wenn man von der bombastischen Einleitung absieht und das so gut gespielt hört, dann ist es doch ganz schöne Musik :-)
Heike
Armin70 (13.12.2010, 14:38):
Das stelle ich mir auch interessant und spannend vor, in zwei aufeinander folgenden Konzerten jeweils das gleiche Werk (Francesca da Rimini) gespielt von zwei verschiedenen Orchestern zu hören. Solche Möglichkeiten bietet wohl nur Berlin, zumindest in der Kürze der Zeit.

Tschaikowskys 1. Klavierkonzert scheint in Berlin momentan "Hochkonjunktur" zu haben, denn eben sah ich, dass beim nächsten Konzert der Berliner Philharmoniker am kommenden Samstag dieses Werk wieder auf dem Programm steht. Dieses Mal mit Arcadi Volodos als Solist und mit Neeme Järvi am Dirgentenpult. Weitere Werke sind übrigens von Rimsky-Korsakow die Suite aus der Oper "Mlada" und von Sergej Tanejew (1856 - 1915) die 4. Sinfonie.
ab (18.12.2010, 19:12):
Zwar nicht gestern, aber doch am Dienstag im Konzert gewesen, worüber ich unbedingt noch berichten will.

Liederabend: (14.12.2010)
Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout
Schumann - Liederkreis op. 24 & Dichterliebe op. 48
Franz Lachner: Heinelieder (im Mai / die Meerfrau / das Fischermädchen / ein Traumbild / die einsame Träne)


Normal würde ich ja von der Gesangsleistung geschwärmt haben; und das umso mehr als Padmore eine Spur indisponiert war und damit bewunderungswürdig umgehen konnte. Auch präsentierte er mir wiederholt ganz neue Aspekte der Lieder, die ich so noch nie gehört hatte. Und das ist im üblichen Allerlei schon deutlich mehr als erfreulich. Aber von Padmore mag ich nicht viel sprechen, sondern mich auf die eigentliche Sensation dieses Konzerts stürzen. Wie trefflich sind die letzten Zeilen über Bezuidenhout Hier in der Rezension unserer Tageszeitung:

... wählte er den Graf-Hammerflügel für wahre klangliche und dynamische Wunder. Wie den Gesang mitfärbt, mitphrasiert, ihm vorleuchtet und nachhört, wie ereignisreich ein Dur-Moll-Wechsel ist und wie sinnvoll jede Repetition, was er aus diesem Fortepiano an Klang und Sinn holt und wie ergreifend schön insgesamt sein Mitgestalten, ist unerhört.


Bei dem genannten Flügel aus der Sammlung unseres Landesmuseums handelt es sich übrigens um das gleiche Graf-Modell, das Robert Schumann auch seiner Frau Clara geschenkt hatte. Ich kenne das Instrument seit Jahren, nie hat es mir so wirklich gefallen. Aber nachdem im Sommer bereits Bezuidenhout im Sonatenabend mit Petra Müllejans mich auf einem noch viel älteren Hammerklavierchen überwältigt (!) hatte, wollte ich unbedingt überprüfen, ob dieser Eindruck nur eine Eintagsfliege von mir war, oder ob es tatsächlich an diesem Pianisten liegt. Und siehe da, mein Urteil wurde noch mehr gefestigt: Dieser Pianist gehört auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen!

Es ist unglaublich, was der Mann an Klangfarben herauszuholen vermag! Es ist schier ein Wunder mit wie vielen überraschenden Impulsen und Phrasierungen er aufwarten kann! Dabei klingt alles völlig natürlich. Ich muss gestehen, mir fehlen die Worte!

Zunächst bin ich erschrocken, weil ich dachte, es sei ein anderer Pianist kurzfristig eingesprungen: Ein Mann kam nämlich auf die Bühne, der so vollständig anders aussah als beim Konzert im Sommer. Nun trug er weder eine Brille, noch die aufstehenden Haare (wie auf den Booklets zu sehen), sondern einen braven Scheitel, der ihn um die15 Jahre jünger aussehen ließ. Aber dieser tiefe Schreck verging sofort mit den ersten Anschlägen...

Natürlich muss auch gesagt sein, dass er eigentlich als Liedbegleiter problematisch ist, schließlich ist sein Ausdruck noch einmal von einer viel weiteren Tiefe als die des Sängers (und Padmore gehört ja nicht gerade zu den ausdrucksschwachen Interpreten). Ich sah mich in einer etwas unglücklichen Situation, mich entweder ganz auf den Pianisten oder aber ganz auf den Sänger konzentrieren zu müssen. Bezuidenhout spielte von solcher Schönheit (ich glaube ich habe dieses Wort in all den Jahren noch nie im Forum verwendet), dass es nicht reicht, sich auf den Sänger zu fokussieren und das Klavier gleichsam nebenbei präsent mitzuhören (wie es etwas dieses Jahr so erfreulich beim Celloabend von Frank Bradley / Gautier Capuçon in beiderlei Richtungen möglich war - in dieser Hinsicht ist vielleicht derzeit Malcolm Martineau unübertroffener Liedbegleiter).
So fühlte ich mich manchmal fast wirr im Kopf, so als müsste ich zwischen dem Ausdruck des Klaviers auf meiner linken Gehirnhälfte und dem Ausdrucks des Gesangs auf meiner rechten oszillieren. (Eine interessante körperliche Erfahrung!)

Aber zurück zu Bezuidenhout: Angeblich spielt er auch genauso auf dem modernen Klavier. Und fast weiß ich nicht, ob ich ihn lieber wieder noch einmal auf dem Hammerklavier hören, oder einmal seine Kunst im "gewöhnlichen" Klang genießen wollte.

Ich kann nur allen hier raten: Hört euch das einmal an! Ich glaube, einen solchen Pianisten werden wir in den nächsten 50 Jahre nicht noch einmal bekommen.


:down
Heike (18.12.2010, 19:21):
Lieber ab,
bei deinem begeisterten Bericht muss man ja total neidisch werden!!!! Den Namen Bezuidenhout werde ich mir auf jeden Fall merken.
Ich kann nur allen hier raten: Hört euch das einmal an!
Ich würde ja gern, aber wo denn?
Heike
Heike (29.12.2010, 23:59):
Fazil Say
Recital, Konzerthaus Berlin, 29.12.2010

J. S. Bach - Chaconne aus der Partita für Violine solo d-Moll BWV 1004, für Klavier bearbeitet von Ferruccio Busoni
Ludwig van Beethoven Sonate d-Moll op. 31 Nr. 2 "Sturm"
Modest Mussorgsky "Bilder einer Ausstellung"


Ein ausverkauftes Konzerthaus bei einem Soloklavierabend - und das, obwohl Fazil Say noch gar nicht so einen ganz großen Namen hat. Das kommt selten vor. Gut, ich führe das mal auf das relativ populäre Programm zurück. Da Fazil Say in diesem Jahr Pianist in Residence im Konzerthaus ist, wird er mit diesem Auftritt einige Fans in Berlin gewonnen haben :-)

Was für ein Energiebündel! Er begann quasi ansatzlos die Bach-Bearbeitung, unheimlich lustvoll, schnell, schlank und modern gespielt, kraftvoll, stimmig und machte allen sofort Lust auf mehr. Fast hatte man den Eindruck, der große Saal ist zu klein für ihn. Sagenhaft. Fast ein Anflug von Wahnsinn spiegelte sich in dieser Musik, das riss sofort mit. Aber ohne diese Populärallüren zu haben, es war einfach packend.

Dann Beethoven, sehr kontrastreich und originell gespielt. Vom Ausdruck hat es mir gut gefallen, auch der Klang des Flügels erschien mir voll und farbenreich. Obwohl er sich hinsichtlich der Dynamik extrem viele Freiheiten nahm, ging mir das große Ganze nicht verloren. Die Präzision litt viellecht hier und da mal, aber irgendwie störte es mich nicht.
Aber......... ich habe bald die Augen zugemacht: Der Mann gestikulierte zwischendrin immer mal wieder mit der freien Hand, als wenn er komplett in Trance ist, als ob er in den Fügel hineindirigieren wollte. Zudem sang er passagenweise mit oder trommelte mit dem linken Fuß hörbar den Rhythmus. Sehr gewöhnungsbedürftig!

Abschließend Mussorgsky - ein Wahnsinn. Das ideale Werk für ihn, meine ich. Das war Grusel und Magie und Melancholie und einfach alles. Hier konnte er seine Tempo- und Rhythmus-Vorstellungen so richtig ausspuielen, auch die Variationen in der Lautstärke kamen absolut überzeugend. Die Baba Jaga z.B. hatte eine sensationelle Präsenz, also diese Bidler sind in der Tat so ziemlich das obsessivste gewesen, was ich davon je gehört habe.

Das gilt auch für die Zugaben - das war mal wirklich ein Extra, für das sich das Bleiben absolut lohnte! Zuerst ein mir unbekanntes modernes Stück. Ich nehme mal an, von ihm selbst? Das war jedenfalls richtig gut. Am Beginn und Ende standen eher minimalistische Phasen, bei denen er zwischenzeitlich in den Flügel reingriff und damit einen stahlharten, lauten Klang beim Tastenanschlag produzierte, der wiederholt mit leicht variierten Akkorden kontrastiert wurde. Dazwschen ein sehr melodischer, lyrischer Teil. Kennt jemand das Stück zufällig? Das hat mich sehr begeistert.
Dann noch eine zum Schreien komische Mozart: à la -turca - Variation; ach was, eine Parodie. Ich musste wirklich einmal ganz laut lachen, so witzig war das gemacht.

Selten habe ich im Konzerthaus so lautstarken Jubel für einen Pianisten gehört. Und dabei wirkte der beim Abgang ganz bescheiden, fast scheu. Sympathisch!

Der Mann hat rhythm im Blut, das hat mir ganz viel Spaß gemacht und macht Lust auf mehr :-) Tolles Konzert!
Heike
Armin70 (30.12.2010, 04:27):
Ist das die "Rondo-alla-turca"-Version, die Fazil Say als Zugabe gespielt hat ?

Rondo alla turca Jazz
Heike (30.12.2010, 08:27):
Hallo Armin,
ja, das war schon sehr ähnlich, allerdings spielte er es gestern noch viel pointierter und überzogener, z.B. die Passage, wo er wie ein Klavierschüler zu Mozarts Zeiten steif dasitzt und dann der Kontrast, wenn es wieder anfängt zu swingen, das war wirklich eine komödiantische Leistung!
Heike
Cetay (inaktiv) (30.12.2010, 09:30):
Original von Heike
Ein ausverkauftes Konzerthaus bei einem Soloklavierabend - und das, obwohl Fazil Say noch gar nicht so einen ganz großen Namen hat.

Wo lebst du? :P
Obwohl Soloklaviermusik nicht gerade mein favorisiertes Genre ist und ich mich schon gar nicht für die neuesten Nachwuchshoffnungen und angehenden Sterne interessiere und praktisch keine Fachpresse lese: an Say vorbeizukommen, war selbst mir unmöglich. Der Mann ist eine Marke (ganz in dem von einer geschätzten Forianerin so verhassten Sinne), da wundert es mich überhaupt nicht, dass der Saal voll war.
Gamaheh (01.01.2011, 22:01):
Ich schließe mich meinem Vorredner ausnahmsweise mal an.

Aber eigentlich wollte ich erwähnen - ich weiß selbst nicht, warum - daß ich gestern tatsächlich (wie an allen anderen Tagen auch) das Fernsehen (und somit alle Silvester-Konzerte an entfernten Orten) verschmäht habe und stattdessen ins Silvester-Konzert der Hamburger Klassik-Philharmonie gegangen bin.

Das ist ein Orchester, das seit vielen Jahren besteht und noch immer von seinem Begründer, Robert Stehli, dirigiert wird, das ich aber noch nie gehört hatte, wahrscheinlich, weil ich deren Programme normalerweise nicht so spannend finde; aber Silvester ist alles anders, und so habe ich ein vergnügliches Potpourri aus Operetten-, Opern- und leichter Orchestermusik gehört. Es gab auch eine Gesangssolistin, die mir bis dato unbekannte Sylvia Wieland, die Arien aus vier verschiedenen Opern sang.

Der Dirigent ist ein älterer Herr, der sich mithilfe eines Stockes auf die Bühne begibt und auf einem Stuhl sitzend dirigiert. Die Opernarien (aus Freischütz, La Wally, La Bohème, Fledermaus) sagte er an, indem er sehr knappe Zusammenfassungen der jeweiligen Oper gab ("am Ende sterben alle wichtigen Personen").

Darüberhinaus gab es Musik von Berlioz (Ouvertüre Carneval romain), Delibes (aus Sylvia), Tschaikowsky (Romeo und Julia), Offenbach (Ouvertüre Pariser Leben) und Johann Strauß (Fledermaus). Drei Zugaben: Kaiserwalzer, Czardás der Rosalinde aus der Fledermaus und "Fiddle-Faddle" von Leroy Anderson. (Aus dem Gedächtnis, keine Gewähr)

Gelungene Silvester-Unterhaltung!

Beste Neujahrsgrüße,
Gamaheh
Jeremias (04.01.2011, 12:12):
Original von Armin70
Mittwoch, 08. Dezember 2010, 20 Uhr im großen Saal der Alten Oper Frankfurt/Main:

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248
(Kantaten I - III + VI)

Christina Landshamer, Sopran
Ulrike Schneider, Alt
Julian Prégardien, Tenor
Andreas Wolf, Bass

Collegium Vocale Gent
Concerto Köln
Marcus Creed

Das brilliante Collegium Vocale Gent, insgesamt 17 Sänger/innen, durfte ich ja bereits im Frühjahr diesen Jahres mit Bachs Matthäus-Passion bewundern. Auch gestern Abend war das wieder herrlich, dieses tolle Ensemble zu hören. Insgesamt ein sehr schlanker und transparenter Chorklang, sehr homogen so dass keine Stimme irgendwie unangenhm heraussticht.

Sehr gut haben mir auch die vier Gesangssolisten gefallen: Die Sopranistin hat eine glockenhelle, fast engelsgleiche Stimme. Besonders schön fand ich die Altistin in der Arie "Schlafe, mein Liebster". Das war sehr ausdrucksstark. Julian Prégardien macht seinem Vater eindrucksvoll Konkurrenz und der Bassist verbreitet in der Parade-Arie "Großer Herr, starker König" majestätischen Glanz.

Das Concerto Köln gehört ja längst zu den absoluten Top-Ensembles in der historischen Aufführungspraxis und das bewiesen sie auch an diesem Abend. Sehr schön warm-klingende Holzbläser, besonders in der Sinfonia (Pastorale) zu Beginn der II. Kantate. So expressiv hörte ich dieses Stück schon lange nicht mehr. Die Trompeten und Pauken verbreiteten einen herrlich jubelnden Klang, ohne aber dabei den Chor und das übrige Orchester zu übertönen. Die Streicher verströmten einen seidigen, tupfigen Glanz.

Marcus Creed wählte insgesamt schnelle Tempi, die allerdings nie gehetzt oder sonst irgendwie übertrieben wirkten, sondern alles wirkte stets natürlich. In den Chorälen, Rezitativen und den Arien nahm Creed die Tempi aber auch gut zurück, wo es der Text fordert. Überhaupt sorgten die wunderschön gestalteten Choräle für pure Gänsehaut.

Der einzigste kleine Wermutstropfen war, dass nicht das komplette Weihnachtsoratorium gespielt wurde. Die Kantaten IV und V hätte ich auch noch gerne in dieser tollen Interpretation gehört.

Großer Applaus am Ende in der leider nicht so gut besuchten Alten Oper. Wahrscheinlich lags am heftigen Schneefall, der einige vom Konzertbesuch abgehalten hat.

P.S.:
Noch ein vielleicht interessanter Nachtrag:

"Abweichend von der üblichen Aufführungspraxis erklingt zu Beginn der ersten Kantate die erste Textzeile der Ursprungskantate BWV 214 "Tönet, ihr Pauken ! Erschallet, Trompeten !" Das Collegium Vocale Gent beruft sich hierbei auf scheinbar neue Forschungsergebnisse des Musikwissenschaftlers Kees van Houten. Seiner Meinung nach sprechen musikalisch-rhetorische Argumente für die Richtigkeit dieser Version. Überdies ist er der Ansicht, Bach sei von der kirchlichen Obrigkeit zur Umtextierung gezwungen worden, da sich die Worte der ersten Zeile als zu weltlich herausgestelett hätten. Das Autograph des Weihnachtsoratoriums gebe zu erkennen, dass die erste Zeile ursprünglich "Tönet, ihr Pauken ! Erschallet, Trompeten !" geheißen habe und dass Bach zu einem späteren Zeitpunkt diesen Anfangstext durchgestrichen und durch die Worte "Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage" ersetzt habe.
(Zitat aus dem Programmheft)

Ich hatte das Vergnügen, alle 6 Kantaten einige Tage später in Köln zu hören. Ich schließe mich an, wobei ich aber auch die Blechbläser kritisieren muss. Einige falsche Töne, Unsicherheiten, gerade in der 1. Kantate. Der Soloapplaus blieb ihnen auch erspart, es hätte sicherlich Buh-Rufe gegeben!
Jeremias (04.01.2011, 12:13):
Voller Vorfreude habe ich gerade Karten bestellt:

Day/Time: Saturday, February 12th 2011. 20:30
Venue: Auditorio de Tenerife, Santa Cruz de Tenerife
Auditorio de Tenerife, Av. Constitución, 1, Santa Cruz de Tenerife,


Programme of 'Canary Islands Music Festival:

Anne-Sophie von Otter
Les Musiciens du Louvre-Grenoble
Minkowski, Marc

Fauré, Gabriel:
Shylock
Berlioz, Hector:
Nuits d'été
Berlioz, Hector:
Mort d'Ophélie
Bizet, Georges:
Symphonie en ut

Gibt es etwas Schöneres als im Februar auf den Kanaren bei über 20 Grad ins Konzert zu gehen? :leb :leb :leb :leb :leb :leb
Armin70 (04.01.2011, 18:56):
Original von Jeremias
wobei ich aber auch die Blechbläser kritisieren muss. Einige falsche Töne, Unsicherheiten, gerade in der 1. Kantate. Der Soloapplaus blieb ihnen auch erspart, es hätte sicherlich Buh-Rufe gegeben!

Diese Naturtrompeten und -hörner sind schon heikel zu spielende Instrumente und vor der Gefahr des Scheiterns ist da niemand gefeit. Da hatte ich bei meinem Konzert offensichtlich das Glück, dass die Trompeter in besserer Tagesform waren.
Karolus Minus (06.01.2011, 23:43):
Das wird zwar jetzt "heute im Konzert" - aber geht ja vielleicht auch :wink

ich komme gerade vom NDR-Sinfonieorchester aus der Hamburger Musikhalle (die jetzt Laeiszhalle heißt, aber da kann ich mich nicht dran gewöhnen...)
Ivor Bolton dirigierte je eine Symphonie von Mozart und Haydn, Mozarts Klavierkonzert KV 488 und Strawinskys Psalmensymphonie.
Ich kannte Bolton bisher nur aus der Oper (Alcina und Iphigenie en Tauride), und ich gestehe, daß ich etwas Bedenken hatte, weil seine Art des Musizierens bei Haydn und Mozart sicher von Haus aus eine andere ist als die Tradition, aus der das NDR-Orchester kommt. Obendrein waren die Voraussetzungen von meiner Seite nicht die besten; ein heftiger Schnupfen im Anflug, außerdem Regen - ohne Karte wäre ich wohl zuhaus geblieben....
Wenn man es dann trotzdem nicht bereut und zumindest drei Stücke lang die Nase vergisst, dann hat es auf jeden Fall Vergnügen bereitet.
Bolton versuchte gar nicht erst, den Klang auf "alt" zu trimmen, wobei er sich mit der Symphonie KV 338 geschickterweise ein Werk ausgesucht hatte, daß einen etwas "festlicheren" Klang verträgt, weil es neben den obligaten Hörnern auch noch zwei Trompeten aufweist. Insofern also großer Ton, aber nicht dick, flotte Tempi und eine organische, in keine Extreme verfallende Phrasierung, bestimmt nicht die genialst mögliche Variante sondern "nur" gut Musik gemacht. Das Gleiche galt für Haydns Symphonie Nr. 96, wobei mir da einige Generalpausen zu lang erschienen (was natürlich subjektiv ist). Dazwischen spielte der gerade 18jährige Amerikaner Kit Armstrong Mozarts KV 488. Er wird noch als eine Art Wunderkind gehandelt, weil er auch komponiert und dazu schon ein abgeschlossenes Mathematikstudium hat (pfui, jetzt mach ich schon mit außermusikalischen Dingen Reklame :ignore).
Ich kannte ihn von zwei Internetübertragungen aus Verbier und fand den dort gewonnenen Eindruck bestätigt; ein höchst seriöser Musiker, der sich nicht vordrängt, mit sehr klarem Anschlag, dynamisch ausgesprochen uneitel und hervorragend mit dem Orchester abgestimmt, und selbst in der Kadenz mehr die leisen Töne bevorzugend. Natürlich noch kein Brendel oder Serkin in der Ausformung - woher auch bei dem Alter???

Bei der Psalmensymphonie - die meinen Ohren nicht so recht zum Rest passen wollte - war ich dann leider doch vor allem mit Konzentrationsübungen beschäftigt, um nicht zu den Leuten zu gehören, die ich selber nicht leiden kann, insofern möchte ich da kein Urteil abgeben

Karolus -
Heike (09.01.2011, 20:40):
8.1.11, Philharmonie Berlin
DSO Berlin, Stéphane Denève Dirigent
Elisabeth Leonskaja Klavier

Robert Schumann - Manfred-Ouvertüre op. 115
Franz Schubert - Fantasie C-Dur D 760 »Wandererfantasie« (Bearbeitung für Klavier und Orchester von Franz Liszt)
Hector Berlioz - Symphonie fantastique op. 14

Mein erstes Konzert 2011, aus meiner "DSO-Nachtgestalten" - Aboserie.

Bei der Manfred- Ouvertüre wurde ich nicht so richtig warm; ich kann mit dem Werk rein gar nichts anfangen. Obwohl ich Schumann eigentlich mag. Das Orchester war auch noch nicht so ganz zusammen, aber sie haben sie sich warmgespielt.

Elisabeth Leonskaja mit der Orchesterfassung von Schuberts Wandererphantasie war schon hörenswerter. Ich kenne die Wandererphantasie bisher nur als Klavierwerk. Und obwohl es gar nicht mal schlecht orchesteriert war, habe ich mir öfter gewünscht "schaltet doch mal das Orchester ab". Es war irgendwie komisch, ein Werk, was man gut am Klavier kennt, erstmalig mit großer Begleitung zu hören. Bestimmt habe ich das dadurch ungerecht beurteilt. Man mag ja das, was man kennt, oft lieber. Leonskaja machte das spannend, mit weichem, zart differenziertem Ton; im Finale rasant souverän. Sie wirkte sympathisch, spielte auch sehr fein mit dem Orchester zusammen, aber trotzdem hab ich immer gedacht "das würde jetzt mit Klavier-Solo so und so weitergehen"; ich will das lieber mit ihr allein hören. Merkwürdige Erfahrung. Aber durchaus interessant. Leonskaja spielte dann noch eine Zugabe (ein Schubert Impromptu), ein sehr leichtes, fließendes Spiel, das ich von ihr gar nicht so in Erinnerung habe.

Bei Berlioz' Symphonie fantastique kam dann der Dirigent auf seine Kosten, der hatte das Orchester gut im Griff. Auch verhinderte er erfolgreich den üblichen Beifall nach dem 4.Satz. Eigentlich machte er es auch insgesamt gut
aber diese Sinfonie wird nun so oft im Konzert gespielt, dass er sich bei mir doch ziemlich vielen Vergleichen aussetzen musste. Mir war es etwas zu organisiert und angestrengt insgesamt, da fehlte der spielerische Schwung, das spontan-verrückte Hin und Her. Dabei ist das DSO mit seinem leichten Klang eigentlich gut passend für dieses Werk. Aber das ist Mäkeln auf hohem Niveau. Insgesamt war's hörenswert und hat mir Spaß gemacht; also ein gelungener Jahresauftakt.

Denève sollte sich allerdings mal die Haare schneiden lassen.
Heike
Jeremias (13.01.2011, 00:40):
Die teuerste Konzertkarte, die ich mir jemals gekauft habe, war jeden Cent wert! Selbst 500,- € wäre es wert gewesen.... heute in Dortmund:

Nordwestdeutsche Philharmonie,
Pier Giorgio Morandi (Dirigent),
Sonya Yoncheva (Sopran),
Vittorio Grigolo (Tenor)

Im Alter von 9 Jahren nahmen meine Eltern uns mit nach Dortmund zu Pavarotti.... ich habe gedacht, ich werde nie wieder so einen tollen Tenor hören... genau 22 Jahre später, wiederum in Dortmund, war es soweit.... mir fehlen die Worte angesichts dessen, was ich heute erleben durfte.... müsste ich heute diese Erde verlassen, ich würde diese Musik noch mit meinem letzten Atemzug auskosten.... mehr folgt morgen, ich muss schlafen.... wenn ich es kann..... :engel :engel :engel :engel
Rachmaninov (13.01.2011, 08:41):
Original von Jeremias
Die teuerste Konzertkarte, die ich mir jemals gekauft habe, war jeden Cent wert! Selbst 500,- € wäre es wert gewesen.... heute in Dortmund:

Nordwestdeutsche Philharmonie,
Pier Giorgio Morandi (Dirigent),
Sonya Yoncheva (Sopran),
Vittorio Grigolo (Tenor)

Im Alter von 9 Jahren nahmen meine Eltern uns mit nach Dortmund zu Pavarotti.... ich habe gedacht, ich werde nie wieder so einen tollen Tenor hören... genau 22 Jahre später, wiederum in Dortmund, war es soweit.... mir fehlen die Worte angesichts dessen, was ich heute erleben durfte.... müsste ich heute diese Erde verlassen, ich würde diese Musik noch mit meinem letzten Atemzug auskosten.... mehr folgt morgen, ich muss schlafen.... wenn ich es kann..... :engel :engel :engel :engel

Ein Typ alla Orlando Bloom :engel
ab (13.01.2011, 09:36):
Original von Jeremias

Vittorio Grigolo (Tenor)


Ist die CD auch so gut? :hello
Severina (13.01.2011, 12:20):
Original von ab
Original von Jeremias

Vittorio Grigolo (Tenor)


Ist die CD auch so gut? :hello

Ich finde sie zwar gut, aber vom Stuhl reißt sie mich nicht, wie überhaupt der ganze Signore Grigolo. Ich habe ihn allerdings noch nie live gehört, vielleicht schlägt er da bei mir auch so ein wie bei Jeremias. Aber bei Stimmen ist es halt so, den einen trifft sie mitten ins Herz, den anderen lässt sie mehr oder weniger kalt, rational erklären kann man beides nicht und das muss auch gar nicht sein, gerade das macht ja das Mysterium von Gesang aus.

lg Severina :hello
Jeremias (13.01.2011, 17:25):
Ich fand die CD schon sehr gut, aber live hat er einfach noch einige Portionen draufgelegt.... :beer :beer :beer
nikolaus (14.01.2011, 23:44):
Gerade ziemlich begeistert zurück aus dem Kammermusiksaal des Bonner Beethoven-Hauses.

Gespielt hat das Quatuor Ebène:

W.A.Mozart: Streichquartett d-moll KV 421

A.Borodin: Streichquartett Nr. 2 D-Dur

- Pause -

L.v.Beethoven: Streichquartett cis-moll op. 131

(keine Zugabe; "Nach diesem Beethoven könne wir kein Zugabe spielen" - durchaus verständlich)

Das war ein toller Abend. Ich will gar nicht so sehr auf die Werke eingehen, denn Mozart und Borodin waren Premiere für mich, dafür will ich mehr über die Personen erzählen.
Diese vier Jungs sind einfach klasse, vielseitige Musiker.
Ich hatte sie von einer Übertragung aus Verbier und von einer Debussy/Fauré/Ravel-CD als sehr kraftvoll in Erinnerung. Das sind sie sicher auch, aber heute abend haben sie, wie ich finde sehr passend zu dem kleinen, intimen Saal, sehr feinfühlig, differenziert und kontrolliert gespielt mit wenn nötig kräftigen, satten, aber nicht hitzigen Ausbrüchen.
Das klang mal sehr sinnlich (Borodin - Nocturne), mal sehr trocken (Beethoven - Anfang), war rhythmisch sehr präzise und immer spannend und lebendig.
Der Primarius Pierre Colombet erscheint mir ein sensibler, nervöser Künstlertyp zu sein (ich kann natürlich vollkommen daneben liegen mit dieser Einschätzung). Teilweise war seine Intonation nicht ganz so sauber, aber andererseits spielte er offenbar gewollt mit phasenweise brüchigem Ton. Das hat mich doch stellenweise sehr bewegt.
Der zweite Geiger, Gabriel le Magadure (was für ein Name!) ist kommt etwas nüchterner "rüber", spielt aber nicht weniger gefühlvoll; er ist sehr aufmerksam und souverän.
Unglaublich lässig sitzt der Bratschist Mathieu Herzog auf seinem Stuhl. Den bringt so schnell wohl nichts aus der Ruhe. Und was für einen fantastischen weichen und doch durchschlagkräftigen Ton zaubert er!!
Der Cellist Raphaël Merlin wirkt auch sehr sensibel, mehr träumerisch, und versinkt richtig in der Musik.
So individuell die vier erscheinen, der Gesamteindruck ist doch sehr homogen und überzeugend.

Und gerade höre ich ihre neue CD:
http://www.jpc.de/image/w183/front/0/5099962866804.jpg
Jazz, Tango, Impro... auch das können sie!

Nikolaus.
Karolus Minus (15.01.2011, 16:20):
ich habe noch - war zeitlich leider ziemlich knapp - einen Konzertabend vom letzten Montag aus der Hamburger Musikhalle nachzutragen.

Die Accademy of St. Martin-in the Fields spielte unter der Leitung ihres Gründers Sir Neville Marriner - und ich gehe davon aus, daß der inzwischen 86jährige Marriner das einzige Gründungsmitglied war, das jetzt auf dem Podium stand, schließlich gibt es das Ensemble seit 51 Jahren! In dieser Zeit stand es immer für erstklassige instrumentale Qualität, interpretatorisch manchmal auch für gepflegte britische Langeweile; aber davon war diesmal nichts zu spüren; ein hochspannender Abend, der ganz ohne spektakuläre Zutaten auskam.
Zu Beginn die Ouvertüre zu "Beatrice et Benedict" von Berlioz, sehr schlank zugespitzt, fast scharf im Klang der Streicher, was zum einen im Zusammenhang mit der absoluten Präzision eine schön "wache", ganz auf den ironischen Geist des Stückes abgestimmte Wiedergabe ermöglichte, zum anderen aber auch mit den Holzbläsern den in den Gruppen genau durchhörbaren Klang ergab, den ich bei Berlioz liebe.
Danach ein grandioses Klavierkonzert KV 503 von Mozart, grandios deswegen, weil der praktisch ohne Pedal spielende Martin Helmchen und Marriner absolut aufeinander reagierten und dermaßen detailliert phrasierten - und zwar OHNE Verlust der großen Linie - das man aus dem staunen nicht heraus kam.
Nach der Pause dann die siebte Symphonie von Dvorak. Die kann man sicher "süffiger", opulenter im Klang spielen aber kaum besser aufgefächert in den kleinen rhythmischen Gemeinheiten, weil bei Marriner eben stets auch die Gegenstimmen zum tragen kommen.
Als Zugaben vor der Pause der zweite Satz aus der Sonate KV 332 (gespielt mit aller Ruhe dieser Welt) und am Ende der Ungarische Tanz Nr. 5 von Brahms - Marriner mag den Jahren nach alt sein, musikalsich ist er es nicht!
Liebe Grüße
Karolus -
Nicolas_Aine (15.01.2011, 17:25):
Original von nikolaus
Gerade ziemlich begeistert zurück aus dem Kammermusiksaal des Bonner Beethoven-Hauses.

Gespielt hat das Quatuor Ebène:

W.A.Mozart: Streichquartett d-moll KV 421

A.Borodin: Streichquartett Nr. 2 D-Dur

- Pause -

L.v.Beethoven: Streichquartett cis-moll op. 131

(keine Zugabe; "Nach diesem Beethoven könne wir kein Zugabe spielen" - durchaus verständlich)

Das war ein toller Abend. Ich will gar nicht so sehr auf die Werke eingehen, denn Mozart und Borodin waren Premiere für mich, dafür will ich mehr über die Personen erzählen.
Diese vier Jungs sind einfach klasse, vielseitige Musiker.
Ich hatte sie von einer Übertragung aus Verbier und von einer Debussy/Fauré/Ravel-CD als sehr kraftvoll in Erinnerung. Das sind sie sicher auch, aber heute abend haben sie, wie ich finde sehr passend zu dem kleinen, intimen Saal, sehr feinfühlig, differenziert und kontrolliert gespielt mit wenn nötig kräftigen, satten, aber nicht hitzigen Ausbrüchen.
Das klang mal sehr sinnlich (Borodin - Nocturne), mal sehr trocken (Beethoven - Anfang), war rhythmisch sehr präzise und immer spannend und lebendig.
Der Primarius Pierre Colombet erscheint mir ein sensibler, nervöser Künstlertyp zu sein (ich kann natürlich vollkommen daneben liegen mit dieser Einschätzung). Teilweise war seine Intonation nicht ganz so sauber, aber andererseits spielte er offenbar gewollt mit phasenweise brüchigem Ton. Das hat mich doch stellenweise sehr bewegt.
Der zweite Geiger, Gabriel le Magadure (was für ein Name!) ist kommt etwas nüchterner "rüber", spielt aber nicht weniger gefühlvoll; er ist sehr aufmerksam und souverän.
Unglaublich lässig sitzt der Bratschist Mathieu Herzog auf seinem Stuhl. Den bringt so schnell wohl nichts aus der Ruhe. Und was für einen fantastischen weichen und doch durchschlagkräftigen Ton zaubert er!!
Der Cellist Raphaël Merlin wirkt auch sehr sensibel, mehr träumerisch, und versinkt richtig in der Musik.
So individuell die vier erscheinen, der Gesamteindruck ist doch sehr homogen und überzeugend.

Und gerade höre ich ihre neue CD:
http://www.jpc.de/image/w183/front/0/5099962866804.jpg
Jazz, Tango, Impro... auch das können sie!

Nikolaus.

wunderbar, jetzt freu ich mich noch viel mehr auf deren Konzert mit gleichem Programm Ende Februar in Stuttgart. Ich habe sie schonmal bei uns in der Stadt gehört, letzten Sommer, ich war auch äußerst beeindruckt.
nikolaus (25.01.2011, 19:23):
Gestern war ich spontan in der Kölner Philharmonie beim Hagen Quartett, das gerade auf Jubiläums-Tour (30 Jahre!) ist.

Programm:

W.A.Mozart: Streichquartett C-Dur KV 465 ("Dissonanzen-Quartett")

G.F.Haas: 6. Streichquartett (2010), das zwei Abende zuvor in Salzburg urauffgeführt wurde

L.v.Beethoven: Streichquartett cis-moll op. 131

Es ist das erste Mal, daß ich das Hagen-Quartett gehört habe. Aufgrund ihres Renommés bin ich mit recht hohen Erwartungen in dieses Konzert gegangen.
Es war zwar keine Enttäuschung, aber mein Eindruck ist ein zwiespältiger.

Auf der einen Seite ist das Zusammenspiel fantastisch, der Klang wunderbar homogen. Es ist offensichtlich, daß sie mit Akribie die Werke ausarbeiten und nahezu perfekt (bis auf kleine Unsauberkeiten) darbringen. Nichts wirkt angestrengt.
Aber auf der anderen Seite wirkt das ganze so perfekt, so unnahbar/über den Dingen stehen, fast schon transzendental, daß es mich emotional kaum berührt (ähnlich wie Sokolov auf mich wirkt).
Es ist dabei nicht gepflegt langweilig und keinesfalls leblos, aber ein gewisser "Esprit" fehlte mir.

Nun hatte ich beim Beethoven-Quartett gewissermassen den direkten Vergleich zum jungen Quatuor Ebène zehn Tage vorher.
Sie haben mich mit ihrem ungestümeren Spiel doch wesentlich mehr berührt (allerdings war der Rahmen auch ein wesentlich kleinerer...).

Noch ein Wort zum Haas-Quartett:
Seine "mikrotonalen Strukturen" waren ziemlich beeindruckend und spannend, es ist unglaublich, wie man so etwas spielen kann (und dann auch noch zu viert...).
Leider fehlt mir völlig das nötige Hintergrundwissen. Im Programmheft stand, daß die vierte Saite der zweiten Geige und der Bratsche "mikrotonal" gestimmt werden - wie muß ich mir das denn vorstellen?

Gruß, Nikolaus.
ab (25.01.2011, 21:13):
Original von nikolaus

Es ist das erste Mal, daß ich das Hagen-Quartett gehört habe. Aufgrund ihres Renommés bin ich mit recht hohen Erwartungen in dieses Konzert gegangen.
Es war zwar keine Enttäuschung, aber mein Eindruck ist ein zwiespältiger.

Aber auf der anderen Seite wirkt das ganze so perfekt, so unnahbar/über den Dingen stehen, fast schon transzendental, daß es mich emotional kaum berührt (ähnlich wie Sokolov auf mich wirkt).
Es ist dabei nicht gepflegt langweilig und keinesfalls leblos, aber ein gewisser "Esprit" fehlte mir.

Nun hatte ich beim Beethoven-Quartett gewissermassen den direkten Vergleich zum jungen Quatuor Ebène zehn Tage vorher.
Sie haben mich mit ihrem ungestümeren Spiel doch wesentlich mehr berührt (allerdings war der Rahmen auch ein wesentlich kleinerer...).


Da, finde ich, hast Du ganz das Charakteristische beobachtet, und auch trefflich in Worte gefasst: Das ist eine Form von "transzendentem" Spiel, das völlig abseits dessen steht, was man subjektiven Gefühlsausdruck nennt. Eine Form von fast entmenschlichter oder ent-personalisierter Interpretation, sozusagen eine Objektivierung. Statt Gefühlsausdruck, so neige ich dazu, zu sagen: Gefühlsdarstellung. Auch mich packt das nicht emotional, aber dafür erschüttert mich derartige Musik umso stärker.
:hello
nikolaus (25.01.2011, 21:56):
Original von ab
Das ist eine Form von "transzendentem" Spiel, das völlig abseits dessen steht, was man subjektiven Gefühlsausdruck nennt. Eine Form von fast entmenschlichter oder ent-personalisierter Interpretation, sozusagen eine Objektivierung. Statt Gefühlsausdruck, so neige ich dazu, zu sagen: Gefühlsdarstellung. Auch mich packt das nicht emotional, aber dafür erschüttert mich derartige Musik umso stärker.
:hello

D'accord.
Bei Mozart weniger, aber bei Haas und v.a. Beethoven gab es wirklich Momente der "Fassungslosigkeit" bei mir, wie solch eine Musik überhaupt möglich ist.
:hello

Nikolaus.
Gamaheh (26.01.2011, 00:40):
Original von ab
Das ist eine Form von "transzendentem" Spiel, das völlig abseits dessen steht, was man subjektiven Gefühlsausdruck nennt. Eine Form von fast entmenschlichter oder ent-personalisierter Interpretation, sozusagen eine Objektivierung. Statt Gefühlsausdruck, so neige ich dazu, zu sagen: Gefühlsdarstellung. Auch mich packt das nicht emotional, aber dafür erschüttert mich derartige Musik umso stärker.
:hello

Lieber ab,

wie so häufig vermag ich Dir nicht zu folgen. Gibt es denn auch nicht-subjektiven Gefühlsausdruck, d.h. wohl: Gibt es auch nicht-subjektives Gefühl? Wenn ja, dann muß ich wohl mein Vokabular bzw. sogar meine Kognitionskategorien überdenken.

Wenn ich das folgende lese, vermute ich, daß für Dich "Gefühlsdarstellung" die Darstellung der Gefühle anderer (also nicht-eigener) bedeuten könnte? Kann man das denn, ohne eigenes Gefühl einzubringen, d.h. auszudrücken?

Zuletzt: Wenn Du erschüttert bist, ist das ohne Emotion für Dich (also ohne Gefühl) ? Kann man in aller Gefühlskälte erschüttert sein ? Ich meine natürlich "emotional" erschüttert, nicht, wie wenn man ohne Stoßdämpfer über ein Kopfsteinpflaster fährt.

Orientierungslose Grüße,
Gamaheh

Nikolaus, nicht zu vergessen: Ich weiß nicht, ob es das ist, was Du meinst, aber ich kenne zum Beispiel das Gefühl, daß ich weiß: Das ist ein großer Künstler - aber er berührt mich nicht im mindesten. Das kenne ich auch aus der bildenden Kunst.
Fairy Queen (26.01.2011, 06:07):
Liebe Gamameh, das Empfinden, dass es sich um einen grossen Künstler bzw ein grosses Werk handelt, ohne das er/es einen emotional berührt (geht mir z.B. so mit Beethoven) kann vielleicht auch erschütternd sein? Evtl ist es das , was ab meinte? Vielleicht hat das sogar auch eine spirituelle Komponente? Man ist von der Wucht einer Kunstäusserung erschüttert, von der Form-Schönheit eines Werkes umgehauen, ohne das es aber ein beschreibbares Gefûhl in einem hervorruft.
Da ich selbst einen eher emotionalen Zugang zu den (Kunst-)Dingen habe, versuche ich mir das irgendwie vorzustellen. Es gibt ja z.B. le mal de stendhal(die Stendhal'sche Krankheit) wo man angesichts der Schönheit eines Kunstwerks ohnmâchtig wird, Ist das dasselbe? Kann man ästehtische Begeisterung von anderen Formen der Begeisterung trennen/abgrenzen? Eine zumindest serh interessante quasi philosophische Frage!
Vielleciht kann ab das ein wenig erhellen.

F.Q.
ab (26.01.2011, 09:39):
Original von Gamaheh
Original von ab
Das ist eine Form von "transzendentem" Spiel, das völlig abseits dessen steht, was man subjektiven Gefühlsausdruck nennt. Eine Form von fast entmenschlichter oder ent-personalisierter Interpretation, sozusagen eine Objektivierung. Statt Gefühlsausdruck, so neige ich dazu, zu sagen: Gefühlsdarstellung. Auch mich packt das nicht emotional, aber dafür erschüttert mich derartige Musik umso stärker.
:hello

Lieber ab,

wie so häufig vermag ich Dir nicht zu folgen. Gibt es denn auch nicht-subjektiven Gefühlsausdruck, d.h. wohl: Gibt es auch nicht-subjektives Gefühl? Wenn ja, dann muß ich wohl mein Vokabular bzw. sogar meine Kognitionskategorien überdenken.

Wenn ich das folgende lese, vermute ich, daß für Dich "Gefühlsdarstellung" die Darstellung der Gefühle anderer (also nicht-eigener) bedeuten könnte? Kann man das denn, ohne eigenes Gefühl einzubringen, d.h. auszudrücken?

Zuletzt: Wenn Du erschüttert bist, ist das ohne Emotion für Dich (also ohne Gefühl) ? Kann man in aller Gefühlskälte erschüttert sein ? Ich meine natürlich "emotional" erschüttert, nicht, wie wenn man ohne Stoßdämpfer über ein Kopfsteinpflaster fährt.

Orientierungslose Grüße,
Gamaheh

Nikolaus, nicht zu vergessen: Ich weiß nicht, ob es das ist, was Du meinst, aber ich kenne zum Beispiel das Gefühl, daß ich weiß: Das ist ein großer Künstler - aber er berührt mich nicht im mindesten. Das kenne ich auch aus der bildenden Kunst.

Liebe Gamaheh,

Das rührt in ganz tiefe Bereiche, die wir in einen entsprechenden Faden verlegen sollten, den ich gerade dazu eröffnet habe.
:hello
nikolaus (01.02.2011, 22:47):
Am Wochenende war ich mal wieder in Hamburg und habe die junge Pianistin Maria Kovalevskaia mit einem Schubert-Rezital gehört, und zwar die beiden späten Sonaten D 959 und D 960.

Die erst 25jährige gebürtige Russin studiert zur Zeit bei Evgeni Koroliov und wird dieses Jahr ihr Konzertexamen ablegen.

Nach etwas nervösem Beginn war das ein gelungener Abend.
Trotz ihrer Jugend (ich weiß, ich bin nicht vorurteilsfrei) ist sie diesen "Schwanengesängen" der beiden späten Sonaten gerecht geworden und hat sie sehr schön und intensiv gestaltet, vor allem D 960.
Alles stimmt: sie verfügt über einen schönen, flexiblen Anschlag, wenn nötig genügend Kraft, und hat vor allem ein Gespür für die Musik.
Das einzige, was noch fehlt, ist eine Portion selbstvertrauen!

Nikolaus.
Gamaheh (02.02.2011, 00:17):
Original von nikolaus
Am Wochenende war ich mal wieder in Hamburg und habe die junge Pianistin Maria Kovalevskaia mit einem Schubert-Rezital gehört, und zwar die beiden späten Sonaten D 959 und D 960.

Das einzige, was noch fehlt, ist eine Portion selbstvertrauen!

Das kann man wohl sagen ! Aber ich pflichte Dir nicht nur in diesem, sondern in allen Punkten bei. Ich habe mich gefragt, ob in der Solisten-Ausbildung auch sog. "Soft Skills" berücksichtigt werden, z.B. wie man huldvoll Beifall entgegennimmt (der Bechstein-Saal war ja brechend voll, und einige Begeisterung war zu vermerken), zum Beispiel, wie man mindestens bis zwei zählt, bevor man fluchtartig die Bühne verläßt. Aber sowas kann man ja lernen ...

Eine gute Idee übrigens, in der zweiten Hälfte die Noten auf den Flügel zu legen (geschlossen, wohlgemerkt) - ob sie wohl einen Tipp bekommen hatte?

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (02.02.2011, 23:21):
Original von Gamaheh

Eine gute Idee übrigens, in der zweiten Hälfte die Noten auf den Flügel zu legen (geschlossen, wohlgemerkt) - ob sie wohl einen Tipp bekommen hatte?

Grüße,
Gamaheh

Wahrscheinlich hat sie eine Mentorin oder einen Coach....?!

Gruß, Nikolaus
Heike (18.02.2011, 19:56):
MI 16.02.11 | 20.00 Uhr | Großer Saal Konzerthaus Berlin
Pierre-Laurent Aimard

Marco Stroppa "Tangata manu"
Franz Liszt "Der heilige Franziskus von Assisi, den Vögeln predigend" - Legende Nr. 1
Olivier Messiaen "Le traquet stapazin" (Der Mittelmeersteinschmätzer) aus "Catalogue d'Oiseaux"
Franz Liszt "Vallée d'Obermann" aus "Première année de pélerinage"
Franz Liszt "Aux cyprès de la Villa d'Este" - Thrénodie Nr. 1 aus "Troisième année de pèlerinage"
Béla Bartók Nänie (Klagelied) op. 9a Nr. 4
Franz Liszt "Les jeux d'eaux á la Villa d'Este" aus "Troisème année de pèlerinage"
Maurice Ravel Drei Stücke aus "Miroirs" ("Oiseaux tristes", "Une barque sur l'océan", "Alborada del gracioso")

Wenn sich dieses Konzert nicht in meiner Aboreihe gefunden hätte, dann wäre ich wohl nicht hingegangen. Und so sah es wohl die Mehrzahl der Berliner: trotz kräftiger Radiowerbung war der Saal höchstens halb voll.

Es hat mich nicht berührt. Von Liszt mag ich eh nur weniges (und im übrigen kannte ich die heutigen Werke alle nicht; bis auf diesen heiligen Franziskus, den ich unlängst irgendwo schon mal hörte). Leider werden wir nun im Liszt-Jahr mit vielerlei seiner Musik beglückt.... nun ja, ich werde es mir anhören, das Abo zu kündigen wäre doof, denn nächstes Jahr ist es ja wieder vorbei.
Das erste, sehr moderne Stück (bzw. die Stücke) von Stroppa: nicht schlecht, aber auch nichts, was ich mir merken werde. Auch der aufgefüllte Rest des Programms mit Messiaen, Bartók und Ravel konnten den Gesamteindruck bei mir nicht revidieren: ich kannte nichts davon. Der ganze Abend was anstrengend. Ich musste mich sehr konzentrieren, um überhaupt der Musik was abgewinnen zu können.

Aimard zu beurteilen, wenn man die Stücke gar nicht kennt, ist natürlich schwierig. Bestimmt hat er es gut gemacht. Aber manchmal war er auch etwas lässig mit dem Pedal, so ganz sauber klang das nicht immer. Jedenfalls ein sympathischer Mensch.

Ich freue mich auf den nächsten Klavierabend ohne Liszt (demnächst, mit Sokolov und Bach/ Schumann) :-)
Heike
Jeremias (21.02.2011, 17:44):
abseits der Klassik ein tolles Erlebnis: Die Flamenco-Show"Alma" am vergangenen Donnerstag von Carmen Mota und ihrer Truppe in der Pyramide de Arona in Las Americas auf Teneriffa... was da geboten wurde zu den Klängen des Capriccio Espanol von Rimsky Korsakoff, dem danzon Nr.2 von Marques oder Espana von Chabrier war so beeindruckend, dass ich sicher noch in 50 Jahren hiervon schwärmen werde....
Heike (21.02.2011, 18:53):
SO 20.02.11 | 20.00 Uhr | Konzerthaus Berlin, Großer Saal

Fazil Say Klavier
Patricia Kopatchinskaja Violine
Sol Gabetta Violoncello

Maurice Ravel Sonatine für Klavier fis-Moll
Claude Debussy Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll
Fazil Say Sonate für Violine und Klavier op. 7
Dmitri Schostakowitsch Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67

Noch nie habe ich das Konzerthaus so voll gesehen - es war ausverkauft, dazu gab es Stehpläze (völlig unüblich in Berlin!) und es wurden auch noch Stuhlreihen hinten auf die Bühne gestellt (auch unüblich, weil es hinten den Chorbalkon gibt, der auch voll war).

Kammermusik bringt die Berliner in Ekstase? Jawoll.
Fazil Say begeisterte zunächst durch seine originelle und doch sehr feinsinnige Interpretation von Ravel. Zwar nervt mich sein fast grimassenhaftes, extremes Mimikspiel inklusive Schaukeln, Summen und Füßeklopfen, aber es hat mich sehr gefesselt, wie intensiv er gespielt hat.

Dann die Cellosonate von Debussy, die fand ich ganz große Klasse, weil Sol Gabetta so sehr ausdrucksstarken, expressiven Klang darbot. Live hat sie mir besser gefallen als auf der CD, die ich von ihr habe. Überhaupt nicht kitschig und schwer, sondern sehr spannungsvoll, mit viel Spontanität und Lust an der Sache.

Vor der Pause gab es dann noch eine total abgefahrene Violinsonate von Say selbst. Hier verarbeitete er einerseits volksliedhafte Melodien (was mich etwas langweilte), spielte aber dann so gekonnt mit Rhythmen, dass es wiederum wahnsinnig Spaß machte. Die beiden spielten auch mit unglaublich viel Spaß zusammen, das war sehr mitreißend und das Publikum sprühte nach dem 2. Staz förmlich, es gab spontan-Applaus und Bravorufe (also ich gehe mal stark davon aus, dass das nicht versehentlich ein vorgezogener Schlussapplaus war) - so stelle ich mir das früher vor, wenn bei Erstaufführungen sich die Leute nicht auf den Sitzen halten konnten.

Als letztes Stück gab es mit allen dreien zusammen Schostakowitschs Klaviertrio, was soll ich sagen, es war ein Ausbruch an Energie. Mir hat es sehr gut gefallen, obwohl es sicher eine sehr eigenwillige Interpretation war. Kein Schönklang, sondern Emotion pur, die Herzklopfen macht.

Rasender Beifall und eine grotesk-komische Zugabe zu dritt, eine Parodie auf Beethovens Elise :-)
Heike
Heike (23.02.2011, 07:52):
22 Feb 2011 | 20.00 Uhr | Philharmonie Berlin

Staatskapelle Berlin
Leitung: Ingo Metzmacher
Sopran: Silke Evers
Tenor: Matthias Klink

Carl Maria von Weber - Ouvertüre zu »Der Freischütz«
Luigi Nono - »Canti di vita e d’amore« für Sopran, Tenor und Orchester
Dmitri Schostakowisch - Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 »Leningrader Sinfonie«

Endlich wieder Metzmacher in Berlin! Man mag es kaum glauben, aber das war (von einem Operndirigat kürzlich abgesehen) sein Debüt mit der Staatskapelle.

Schon bei der Freischütz-Ouvertüre zeigte die Staatskapelle, was sie besonders gut kann: volle, dunkle Klänge. Ich hatte ja vor kurzem den Freischütz-Film gesehen, nun zogen flankierend nochmal die ganzen Bilder vorbei.

Dann Nono, das Werk kannte ich nicht. Unter dem Motto »Nie wieder Hiroshima« waren das eine Mischung aus Liebes- und Klagegesängen; in der Mitte des dreiteiligen Stückes eine (bestimmt mordsschwere) a cappellla- Phase der Sopranistin. Relativ lyrischer Gesang, begleitet von nonotypischen Klangwolken und virtuosen Rhythmen. Ein sehr eindrucksvolles Stück, das vermutlich noch mehr wirkt, wenn man den italienisch-spanischen Text versteht (wobei es natürlich eine Übersetzung im Programm gibt, aber das ist für mich nicht dasselbe).

Schostakowitsch am Ende natürlich der Höhepunkt des Abends. Eine großartige Lesart von Metzmacher, sehr präzise durchgeformt, durchdacht, nicht knallig, sehr viele schöne Details. Sehr fesselnd die Invasionsepisode, wo die solistischen Passagen sehr virtuos dargeboten wurden, herausragend die Flöte. Es gelang auch, dieses bedrohliche Anschwellen der Stimmung überzeugend einzufangen. Zum Dahinschmelzen die ansatzlosen piano-Einsätze der Streicher, die absolut punktgenauen Pizzicati. Auch super, wie die Streicher manchmal den Bläserklang aufnahmen. Besonders stimmig das Finale, sehr feine Differenzierungen, kein Bombast, berauschende Klänge - sowohl in den feinsten subtilen Passagen, als auch dann, wenn es wirklich aggressiv, laut und schräg wird. Ein toller Abend.
Heike
ab (27.02.2011, 13:07):
Es gibt sie noch, die überragenden Konzerte. Gestern gastierte bei uns das Hamburger Ensemble Resonanz mit seinem derzeitigen „Artist in Residence“: den Cellisten Jean-Guihen Queyras, der das Ensemble von seinem Instrument aus leitete, aber es auch erstmals dirigierte.

Das Programm ist kaum zu glauben: :leb
Joseph Haydn (*1732): Sinfonie Nr. 59 A-Dur »Feuersinfonie«
György Ligeti (*1923): »Ramifications«
Witold Lutoslawski (*1913): »Grave. Metamorphosen«
Witold Lutoslawski (*1913): »Musique funèbre«
György Ligeti (*1923): »Sonate für Violoncello solo«
Béla Bartók (*1881): Divertimento für Streichorchester

Es war superb: Überragend durchgestaltet, sagenhaft homogen und atemberaubend artikuliert! In allen Werken nahm sich das Ensemble interpretatorisch zurück, um die Musik einzig durch genaues, schlank gehaltenes Spiel wie aus sich selbst heraus entstehen zu lassen. Die Freude an der Musik war spürbar, nichts wirkte bloß perfekt oder routiniert: Die Mitglieder des „Ensemble Resonanz“ wechseln ihre Sitzplätze und zeigten sich so gewohnt, in neuen Konstellationen wach aufeinander zu hören. Das Publikum war begeistert. Nichts gab es zu bemäkeln. (Einzig der Anfang wackelte minimal, was aber ohne Dirigenten leicht einmal passieren kann, und die Pizzicati im Bartoks letztem Satz waren nicht perfekt zusammen und bei den Doppelgriffe zu Beginn der Solosonate schwitzte Queyras etwas – nicht mehr als dass es gerade einmal zu bemerken gewesen war…)

Nachdem ich im letzten Jahr bei einem Konzert mit ihm zusammen mit anderen Kammermusikern wie Le Sage u.a. verhindert gewesen war, war das meine erste Konzerterfahrung mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras. Leider ist es gleich wie auch auf Aufnahmen gewsen: Ich verstehe sein Art des Spiels überhaupt nicht: Ich kann keinen Puls erkennen und verstehe nicht seinen Aufbau: Auf mich wirkt das alles unzusammenhängend. Womöglich aber macht ja das gerade seine Art aus (?): ganz aus dem kleinen Moment heraus.

Heute spielen sie das Programm in Hamburg: wärmstens zu empfehlen!
:hello
Cetay (inaktiv) (15.03.2011, 12:46):
Vorgestern hörte ich Bruckners Achte mit dem Stuttgarter Staatsorchester unter der Leitung von Manfred Honeck. Diese Kombination hat mir unlängst mit Sibelus und Strawinsky ein überragendes Konzerterlebnis beschert (ich berichtete) und ich war höchst aufgeregt, jetzt Bruckners Mysterium in dieser Konstellation zu hören.

Dass es unter Honeck wenig Mystisches zu hören ab, war zu erwarten. Er gehört zu dem heute häufig anzutreffenden Dirigententyp, der irgendwie alles unter einen Hut bekommen will. Nahezu röntengraphisch ausgeleuchtet soll es sein und gleichzeitig die großen Bögen herausarbeitend, dabei klangschön und fließend, aber Brüche und Schroffheiten nicht unter den Tisch kehrend - und das ganze immer schön idiomatisch. Ich hatte für diesen Dirigierstil zwischenzeitlich eine gewisse Vorliebe entwickelt, aber muss sagen, dass er mir langsam auf den Sender geht. Man hört vielleicht die Werke auf "authentische" Weise, aber dieses Zurücknehmen von subjektivem Ausdruck kann schnell in Langeweile ausarten. Ich fand in diesen Bruckner nie hinein und konnte wenig damit anfangen.

Erstaunlich, wie sich einmal eingefahrene Traditionen halten, egal wie unsinnig sie auch sein mögen. Irgendwann hat mal jemand beschlossen, Bruckners Achte habe in einem Konzert als einziges Werk zu erklingen. Ob sie nun so groß ist, dass man nichts neben ihr dulden kann oder ob man dem Publikum nicht zutraut, mehr auf einmal zu verkraften - ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass es dem Werk nicht unbedingt gut tut, ein kaltes Orchester und kalte Ohren drauf loszulassen - umso mehr wenn das Publikum sowieso 10 Minuten braucht um das Rascheln einzustellen. Irgend ein harmloses 5-10 Minuten Stück zum Warmspielen und noch wichtiger -hören wäre da nicht unangebracht. Das Orchester wirkte am Anfang jedenfalls müde oder es spiegelte meine eigene Müdigkeit wieder. Immerhin sorgte der Beckenspieler für etwas Spannung, denn er hing beim langen Warten auf seinen großen Einsatz so schlaff in seinem Stuhl, dass stets ungewiss war, ob er nicht gleich vollends herunterrutscht.

Genau so unsinnig ist mittlerweile die Tradition, zwischen den Sätzen nicht zu applaudieren; es würde die Konzentration und den Fluss stören. Weil aber das Geröchle in den Pausen zwischen den Sätzen heutzutage kaum noch leiser ist, würde ich den Applaus schon aus ästhetischen Gründen vorziehen. Honeck musste gefühlte Minuten verinnen lassen, bis sich die Schwindsuchtfraktion wieder eingekriegt hatte und das Orchester bedankte sich auf seine Weise, indem es zu Beginn des vierten Satzes kaum noch zusammenfand. Aber das war nach dem enttäuschenden Adagio ohnehin zweitrangig. Man kann das aufwühlend, flehentlich, apokalyptisch, oder jenseitig-weihevoll darbieten, alles hat seinen Reiz und seine Richtigkeit - am Sonntag habe ich nur schöne Musik gehört und das war für meinen Geschmack zu wenig. Es gab kräfitgen und lange anhaltenden Applaus und vereinzelte Bravorufe -wobei der erste Xzymoc schon anfangen musste, als der Dirigent den Arm noch oben hatte- und gar stehende Ovationen. Ich respektiere jeden einzelenen, der es mit Talent und Fleiss auf die Bühne schafft und ein solches Werk einstudiert, deswegen habe ich eine angemessene Zeit mitapplaudiert, aber nach den Publikumsreaktionen musste hier gerade eine Sternstunde geboten worden sein. Entweder ich war in einem anderen Konzert oder es lag vielleicht doch nur an meiner Müdigkeit. Ich war jedenfalls unbeeindruckt.
Jeremias (20.03.2011, 09:35):
Vorgestern in der Tonhalle Düsseldorf:

Ragna Schirmer, Klavier


Händel, Suite d-Moll HWV 437
Händel, Chaconne G-Dur HWV 435
Brahms, Walzer op. 39 2-4, Rhapsodien h-moll op. 79/1 und g-moll op. 79/2


Händel, Suite B-Dur HMV 434
Brahms, Variationen und Fuge B-Dur über ein Thema von Georg Friedrich Händel op. 24

Ich hatte Karten in der ersten Reihe geschenkt bekommen ;) Ragna Schirmer moderierte das Konzert, was ich immer für höchst problematisch halte. Denn es stört doch ungemein die Konzentration des Künstlers. Ich habe dies schon öfter erlebt, u.a. mit Krystian Zimerman. Es hat dem ganzen Abend nicht gutgetan.

Ragna Schirme spielte Händel nach Noten. Schöner, warmer Klang, aber gerade in der Chaconne doch einige Unsicherhheiten, die man auch in ihrem Gesichtsausdruck bemerkte. Problematisch wurden dann die Brahms'schen Rhapsodien. Mittendrin ein Aussetzer, neu ansetzen, irgendwo weiter gespielt (Nr.1), in Nr.2 diverse falsche Töne, ohne Schwung und am Ende stark beschleunigt, um sich in die Pause zu retten. Der 2. Teil geriet dann besser bis zur großen Schlussfuge.... an einer Stelle musste sie dreimal ansetzen, als sie den Faden verloren hatte. Danach knallte sie eine lieblose Chopin-Etüde (op.10 Nr.4) hin und beendete den gesamten Abend mit der Aria der Goldberg-Variationen.

Ich weiss nicht, ob sie einen schlechten Tag hatte oder ob sie nicht vorbereitet war. Man hatte teilweise schon fast Angst um sie und hoffte nur, dass sie sich irgendwie bis zum Ende würde retten können. Gleichwohl eine sehr musikalische Pianistin, die mir live vor etwa 10 Jahren mit den Goldberg-Variationen sehr gut gefallen hatte....
Heike (20.03.2011, 10:30):
Au weia, das hört sich ja wirklich sehr sehr schlimm an. Gleich 2 totale Aussetzer und dann noch die Unsicherheiten und Fehler; da ist man ja fast versucht zu sagen, dass man lieber den Abend absagen sollte, wenn man sich so neben der Spur fühlt.
Heike
Jeremias (22.03.2011, 14:06):
Hier ist die Kritik!

http://nachrichten.rp-online.de/regional/ragna-schirmer-mit-viel-pedal-1.579161
Heike (22.03.2011, 16:28):
Ganz im Gegensatz zu Jeremias' Erlebnissen mit Frau Schirmer hatte ich gestern einen Sternstunden-Klavierabend:
Murray Perahia spielte quasi fast alle Größen der Klavierliteratur - Bach, Beethoven, Brahms, Schumann, Chopin (und Schubert gab's dann als Zugabe) :engel

Murray Perahia
Mo 21. März 2011 20 Uhr
Philharmonie

Johann Sebastian Bach - Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816
Ludwig van Beethoven - Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90
Johannes Brahms - Vier Klavierstücke op. 119
Robert Schumann - Kinderszenen op. 15
Frédéric Chopin:
Prélude fis-Moll op. 28 Nr. 8
Mazurka cis-Moll op. 30 Nr. 4
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39

Schon bei Bach war eine ungewöhnliche Stille im großen Saal, fast als wenn Perahia alle mit seiner sensiblen Persönlichkeit angesteckt hatte! Tolle Linienführung, dabei trotzdem Feeling; als wenn er eine Geschichte erzählt, ein Gesang, wie ein Zwiegespräch zwischen den Stimmen. Das ist irgendwie der Gegenentwurf zu Gould und es ist phantastisch, ich liebe Perahia und Bach, seit ich seine 2 Partiten_CDs habe. Der spielt nicht nur mit Gefühl, da hört man, dass der einen Entwurf verfolgt, da ist alles logisch, klar und doch sehr feinfühlig. Und auch hier bei der Suite hat er mich sehr überzeugt. Da möchte man innerlich tanzen.

Beethoven spielte er sehr ehrlich, intensiv, hier kam der wundervolle Klang seines zarten Anschlages besonders zum Ausdruck. Dort schloss Brahms als unmittelbarer Kontrast an; nach dem packenden, grolligen, fast bösen LvB folgten leidenschaftliche Stimmungswechsel in den 4 Brahmsstücken; da war alles dabei, von verliebt glücklich bis zu Tode betrübt. Ich glaube, ich werde mir die neue Brahms-CD kaufen. Mir hat das gut gefallen, das war nicht so derb finster, sondern überraschend spielerisch, ich mag diese nicht so arg fetten Lesarten gerne.

Die folgenden Kinderszenen von Schumann fürchte ich ja bei vielen Pianisten, weil man die so grauslig verkitschen kann; aber bei Perahia besteht diese Gefahr nicht. Seine Empfindsamkeit ist echt, man geht sofort mit nach innen und ist dankbar für die feine Ernsthaftigkeit der Interpretation.

Chopin hat mich dann sehr mitgerissen, technisch brilliant, eine faszinierende Transparenz der Stimmen, ein phantastischer Abschluss. Wobei, der Abschluss mit dem Schubert-Impromptus war mehr als eine Zugabe, man weiß ja bei diesen oft gespielten Stücken immer, wie das weitergeht, aber es zerriss mich förmlich vor Anspannung, wenn man so eine brilliante Interpretation hört.

:times10
Heike
Heike (22.03.2011, 19:40):
Auch der Tagesspiegel schreibt zu Perahia eine begeisterte Kritik :haha nur 7 min nach mir, Gedankenübertragung ;-)
"Großartig, dabei gewesen zu sein"
Heike
Jeremias (23.03.2011, 10:52):
UNFAIR!!!!!! Ich will auch dabeigewesen sein
Jeremias (24.03.2011, 10:52):
Heute kam das Programm für das Beethovenfest in Bonn und Perahia kommt am 6.10.

:leb :leb :leb :leb :leb
nikolaus (27.03.2011, 22:30):
Gerade zurück aus Köln, Hochschule für Musik und Tanz:

Benefizkonzert des Yehudi Menuhin Live Music Now Köln e.V.:

Gidon Kremer, Violine
Giedre Dirvanauskaite, Violincello
Katia Buniatishvili, Klavier

Georges Enesco: "Impression d'enfance" op. 28 für Violine und Klavier

César Franck: Klaviertrio fis-moll op. 1 Nr. 1

Piotr I. Tschaikowsky: Klaviertrio a-moll op. 50 "À la mémoire d'un grand artiste"

Die Kombination älterer, erfahrener Künstler und junge Nachwuchskünstler finde ich immer wieder ungemein spannend.
Wahrscheinlich ist es diese Mischung aus Abgeklärtheit und Ungestüm, die mich daran reizt.

Kremer ist wirklich ein großartiger Künstler. Was er für Möglichkeiten hat, sein Spiel zu variieren, den Gegebenheiten anzupassen, ist toll.
Buniatishvili habe ich schon mehrfach Kammermusikalisch erlebt, und jedesmal hat sie mich überzeugt. Sie hat für mich einen "natürlichen Instinkt" für die Musik, sie scheint sie in jedem Moment zu leben, und das auf eine Art, die absolut stimmig ist. Dazu kommt ihr warmes, dunkles, elegisches Spiel - das ist einfach ein Genuss.
Dirvanauskaite kannte ich nicht. Sie gehört offenbar seit Gründung zur Kremerata Baltica. Auch ihr Spiel würde ich als sehr warm und dunkel, sehr melodiös und weich beschreiben. Sie wirkte neben den beiden anderen bisweilen etwas zurückhaltend.

Das Programm fand ich sehr spannend.
Enesco kenne ich so gut wie gar nicht. Das Stück war sehr "lautmalerisch" und für die Musiker - glaube ich - gar nicht so einfach.
Das Franck-Trio habe auch das erste Mal gehört. Ein eigentümliches, aber sehr interessantes und hervorragend dargebrachtes Trio. Die wiederholten Steigerungen darin schaffen enorme Spannung.
Das Tschaikowsky-Trio kenne ich dagegen gut. Das ist einfach großartige Musik, die mich jedesmal mitnimmt. Hier fiel mir Katia Buniatishvili besonders positiv auf: faszinierend, mit welchem Gefühl für die Musik sie in diesem nicht eben leichten Trio agiert!

Nikolaus.
Cetay (inaktiv) (01.04.2011, 07:46):
Original von Heike
Murray Perahia
Mo 21. März 2011 20 Uhr
Philharmonie

Johann Sebastian Bach - Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816
Ludwig van Beethoven - Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90
Johannes Brahms - Vier Klavierstücke op. 119
Robert Schumann - Kinderszenen op. 15
Frédéric Chopin:
Prélude fis-Moll op. 28 Nr. 8
Mazurka cis-Moll op. 30 Nr. 4
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39



Ich weiß nicht, ob ich die konsequente Weigerung, wenigstens alibimäßig ein einziges klitzekleines Mal vom Pfad der populären Mainstream-Tugend abzuweichen, nun störrisch oder bewundernswert finden soll.
?(
nikolaus (04.04.2011, 10:01):
Vergangenen Freitag abend im Kleinen Saal der Laeiszhalle zu Hamburg:

Philippe Bianconi

Das Herz der Romantik

Werke von Robert Schumann:

aus Fantasiestücke op. 12: 1. Des Abends - 2. Aufschwung - 3. Warum? - 5. In der Nacht

Carnaval op. 9

- - - - - -

Davidsbündlertänze op. 6

Gesänge der Frühe op. 133

Zugaben:
aus Fantasiestücke op. 12: 7. Traumes Wirren
aus Symphonische Etüden op. posthum: Var. V


Ein mutiges, ambitioniertes Programm!
Alle Werke bestehen aus kurzen Stücken; da kann es schnell passieren, dass der Zusammenhalt verloren geht.
Aber nicht bei Bianconi: er schaffte es von Anfang an, meine Aufmerksamkeit zu fesseln und den Spannungsbogen über alle vier Werke (!) aufrechtzuerhalten und sogar noch zu steigern.
Dabei wirkte alles so mühelos, so natürlich, "organisch" - absolut überzeugend!

Philippe Bianconi - dieser sympathische, bescheidene Pianist - ist ein wirklich exzellenter Schumann-Interpret, ein formidabler Künstler!

Nikolaus.
ab (04.04.2011, 10:04):
Um Jeremias diesbezügliche Worte in den Mund zu nehmen:

UNFAIR!!!!!! Ich will auch dabeigewesen sein
Severina (10.04.2011, 23:28):
Komme gerade aus dem Konzerthaus, wo ich das Bolschoi-Orchester unter Lazarev gehört habe, und zwar mit folgendem Programm:

Tschaikowsky, Hamlet-Ouverture
Schostakowitsch, Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1, Solistin war Sol Gabetta (mit einer virtuosen Zugabe von Brahms)

Rachmaninov, Symphonie Nr. 1 - einfach nur wow!

Leider kann ich Euch nicht mehr sagen, als dass es mir sehr, sehr gut gefallen hat. Besonders faszinierend für mich, mit welcher Verve dieses zierliche Persönchen ihr Cello "bearbeitet" hat, das wirkte auf mich wirklich wie totales Aufgehen in der Musik.

lg Sevi :hello
ab (11.04.2011, 10:13):
Bei unserem Landestheater steht derzeit Strauss' Elektra auf dem Programm und es schlicht sagenhaft, was für eine überragende Produktion hier herausgekommen ist.
:down :down :times10 :down :down

Ich habe noch nie in meinen Leben ein solch völlig geschlossenes Ensemble - bis auf eine einzige Magd ohne abfallende Ärgernisse - auf der Bühne gehört. Hinzu kommt eine feinsinnige Inszenierung rein im Bühnevordergrund, weil das Orchster hinten auf die Bühne gesetzt wurde, was den Vorteil hat, dass die Sängerinnen nicht zu schreien brauchen und nie überdeckt werden. Das Dirigat zwar ohne Expressivität eine Soltis oder Dämonie eines Mitropoulos - wen wundert's -, aber die dynamischen Stiegerungen waren alle durch die Bank überzeugender und alles durchhörbarer als sich bislang je diese Oper hören durfte.

Mit den Damen Barbara Schneider-Hofstetter, Elektra, Anne Pellekoorne, Klytemnästra, und Susanna von der Burg, Chrysothemis, sind einmal alle drei Hauptrollen exzellent besetzt, jede ausdrucksstark, sensatzionell textverständlich, grandios intonationssicher und alle von schaudernerregender Bühnenpräsenz und auf der Höehe ihres Könnens.

Ich bin mir sicher, dass auf der Welt diese Oper kaum einmal auf einem solch geschlossen hohen Nieveau zu hören gewesen ist und ich befürchte, nicht einmal ähnlich gut werde ich sie je irgendwo wieder einmal zu sehen bekommen. Für Opern-Fans: jede Reise wert!

:beer :beer :beer
nikolaus (11.04.2011, 21:01):
Ich melde mich nach fünf wundervollen sonnigen Tagen in Paris zurück mit drei kurzen Berichten:

Am Mittwoch abend fand ein Benefiz-Konzert für Japan im Théatre des Champs-Élysées statt: Hope Japan, initiiert vom japanischen Designer Kenzo Takada.

Hier das Programm:

- Sylvie Guillem, Tanz: Two, ein von Russell Maliphant choreographiertes Solo
- Nathalie Dessay, Rolando Villazon, Itamar Golan: Duo Hoffmann/Antonia aus Les contes d'Hoffmann
- Lambert Wilson, Rezitation: Lettre Sendai (anonymer Brief vom 17.3.); Ne pas céder face à la pluie, Gedicht von Kenji Miyazawa
- Yasutake Shimaji, Tanz: Solo aus I don't believe in outer space von William Forsythe
- Momo Kodama, Klavier, und Sayaka Shoji, Violine: zwei Stücke von Takemitsu und Hosokawa
- Nicolas le Riche, Tanz, und Guillaume Gallienne, Rezitation: Friendship, solo von le Riche nach dem Adagio aus Vivaldis Vier Jahreszeiten, Winter und einem Auszug aus Le Cheval von Victor Hugo
- Momo Kodama , Klavier, und Hiromi Omura, Sopran: zwei japanische Volkslieder
- Akram Khan, Tanz und Choreographie: Nameless, Solo
- Martha Argerich und Nelson Freire, Klavier: Rondo A-Dur D951 von Franz Schubert
- Sylvie Guillem, Nicolas le Riche, Tanz: Grand pas de deux aus Appartement von Mats Ek
- Kathia Buniatishvili, Klavier, Renaud Capuçon, Violine, Gautier Capuçon, Violincello: Auszug aus dem Klaviertrio a-moll op. 50 von P.Tchaikovsky
- Bartabas und sein Pferd Soutine: quasi "Pferdetheater" nach Texten aus Les Chants de Maldoror von Lautréamont
- dazwischen immer wieder Haikus, rezitiert von den Schauspielern Natasha Perry und Gen Shimaoka

Zunächst will ich meinen Ärger loswerden: ich hatte via internet eine Karte reserviert, ohne dabei genau erkennen zu können, wo genau ich sitzen würde. Es stellte sich heraus, dass es die erste Reihe (Orchestersessel) ganz rechst aussen ist. Wegen monströser Lautsprecher und eines ebensolchen Kameramanns auf der Bühne habe ich von den ersten beiden Tanzstücken überhaupt nichts gesehen :S. Erst als ich mich etwas weiter hinten an den Rand des Parketts gestellt habe, konnte ich mehr sehen und wenigstens den genialen Akram Khan mit vollem Blick geniessen.
Wäre es nicht für den guten Zweck, hätte ich mein teures Geld zurückverlangt...

Immerhin war doch das ein oder andere Highlight dabei: natürlich Argerich/Freire und Buniatishvili/Capuçon/Capuçon.
Dessay/Villazon auch nicht schlecht, aber irgendwie etwas unausgewogen, mir war die Klavierbegleitung etwas zu wenig.
Allerdings darf man bei einem solchen doch mehr oder minder mit heisser Nadel gestrickten und improvisierten Abend keine Perfektion erwarten.
Kurios das "Pferdetheater": Ein echtes (!) schwarzes Pferd stand im hinteren Teil der Bühne und war so ausgeleuchtet, dass man nur den Kopf sah. Darunter stand Bartabas mit nacktem Oberkörper und langem schwarzen Rock, der Kopf unter dem Pferd nicht sichtbar. Zu der Rezitation bewegte er nur die Arme, wenn nötig den Kopf des Pferdes geraderückend. Sehr ästhetisch! Die ganze Inszenierung ist sicher sehenswert.

Insgesamt also für mich ein künstlerisch eher durchwachsener Abend, zumal mein Französisch für die Rezitationen nicht ausreichte.

Fortsetzung im nächsten posting.

Nicolas
nikolaus (11.04.2011, 21:15):
Am nächsten Abend war ich in der Salle Pleyel:

Es spielte das Orchestre de Paris unter Yoel Levi:

J. Sibelius: Finlandia op. 26

W.Walton: Violinkonzert h-moll, Solist: Gil Shaham
Zugaben: zwei Stücke von Bach

S.Prokofiev: Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100

Das Orchester war wirklich sehr gut, vor allem die Streicher und das Schlagwerk (alle anderen aber auch...).
Leider bervorzugte der Dirigent eher breite Tempi, ohne der Spannung und Dramatik dieser grossartigen Musik gerecht zu werden (für meinen Geschmack).
Gil Shaham war dagegen klasse. Ich hatte ihn schon einmal beeindruckend live erlebt (mit Brahms), aber an diesem Abend fiel mir die Reinheit seines Tons besonders auf. Dadurch gewinnt Bach eine sehr ästhetische Transparenz. Waltons Violinkonzert kannte ich nicht. Phasenweise sehr virtuos und auch berührend, für mich aber nicht unmittelbar zugängig, aber sicher einer weiteren Beschäftigung wert, da man es im Zusammenhang mit den Violinkonzerten Prokofievs und Brittens sehen kann (so spielt Shaham diese Konzerte in Paris in Serie...).

Ein guter, wenn auch nicht restlos begeisternder Abend.

Nicolas.
Jürgen (11.04.2011, 21:43):
Original von ab
Bei unserem Landestheater steht derzeit Strauss' Elektra auf dem Programm und es schlicht sagenhaft, was für eine überragende Produktion hier herausgekommen ist.
:down :down :times10 :down :down

Ich habe noch nie in meinen Leben ein solch völlig geschlossenes Ensemble - bis auf eine einzige Magd ohne abfallende Ärgernisse - auf der Bühne gehört. Hinzu kommt eine feinsinnige Inszenierung rein im Bühnevordergrund, weil das Orchster hinten auf die Bühne gesetzt wurde, was den Vorteil hat, dass die Sängerinnen nicht zu schreien brauchen und nie überdeckt werden. Das Dirigat zwar ohne Expressivität eine Soltis oder Dämonie eines Mitropoulos - wen wundert's -, aber die dynamischen Stiegerungen waren alle durch die Bank überzeugender und alles durchhörbarer als sich bislang je diese Oper hören durfte.

Mit den Damen Barbara Schneider-Hofstetter, Elektra, Anne Pellekoorne, Klytemnästra, und Susanna von der Burg, Chrysothemis, sind einmal alle drei Hauptrollen exzellent besetzt, jede ausdrucksstark, sensatzionell textverständlich, grandios intonationssicher und alle von schaudernerregender Bühnenpräsenz und auf der Höehe ihres Könnens.

Ich bin mir sicher, dass auf der Welt diese Oper kaum einmal auf einem solch geschlossen hohen Nieveau zu hören gewesen ist und ich befürchte, nicht einmal ähnlich gut werde ich sie je irgendwo wieder einmal zu sehen bekommen. Für Opern-Fans: jede Reise wert!

:beer :beer :beer

Ich bin ja äusserst selten in der Oper und kann daher schlecht beurteilen.
Dennoch habe ich mir die Bilder vom Landestheater angesehen.

Was sich hier schon abzeichnet ist wirklich schaudererregend, nicht nur von den Kostümen her, sondern auch durch die darstellerische Kraft der Sänger.
Auch das Gesamtkonzept scheint mir, soweit man das von den Bildern her beurteilen kann, ein schlüssiges zu sein.


Grüße
Jürgen
nikolaus (11.04.2011, 23:25):
Das dritte Konzert, das ich am Samstag abend besucht habe, habe ich eigentlich rein zufällig entdeckt:
Vor der Salle Pleyel wurden Flyer verteilt, die ich aber zunächst ignoriert habe.
Im Saal sah ich dann einen Flyer auf dem Boden liegen und mein Blick fiel sofort auf einen Namen: Martha Argerich!

Angekündigt wurde ein weiteres Benefizkonzert zur Unterstützung von Japan, initiiert von Martha Argerich selbst.

Es fand statt in einem kleinen, alten, sehr stilvollen Theater in der Nähe vom Eiffelturm: Théâtre Adyar.

Unter der künstlerischen Leitung des Geigers Michael Guttman war ein
Programm auf die Beine gestellt worden, das im Laufe des sehr langen Abends (Beginn 20Uhr + Verspätung von 20 Minuten, Ende nach 0Uhr) mehrfach spontan umgestellt wurde; endgültig sah es ungefähr so aus:

- S.Barber: Adagio for strings in Bearbeitung für Streichquartett, gespielt von Michael Guttman u. Vincent Brun (Violine), Lyda Chen-Argerich (Viola), Luc Tooten (Violincello) (unter dem Namen Quatuor Kokoro)

- J.J.Froberger: Lamentation sur la mort Ferdinand III
- J.-P.Rameau: L'entretien des Muses; Les Sauvages
- Y.Mitsui: Variations sur le theme de "Sakura"
jeweils gepspielt von Yasuko Mitsui, Cembalo, Repräsentantin der Harmony for Peace Organization, Hiroshima

- J.S.Bach: Adagio d-moll für Violine und Streicher (hier Streichquartett), gespielt von Ivry Gitlis, Quatuor Kokoro (s. oben)

- M.Ravel: Ma mère l'oye, gespielt von Martha Argerich, Akiko Ebi (Finalistin im Chopin-Wettbewerb 1980)

- F.Kreisler: Liebesleid; Schön' Rosmarin, gespielt von Ivry Gitlis, Martha Argerich

Pause

- H.Larbi: Matsukazé, le vent dans les pins - Kammeroper (diverse Musiker, Mezzosopranistin, Nô-Meister...)

- G.Nuono: Yokoni - côte à côte (gewidmet den Opfern von Hiroshima und Nagasaki), gespielt von Sébastien Vichard, präpariertes Klavier

- T.Takemitsu: Rain sketch 2, gespielt von Akane Sakai, Klavier

- S.Rachmaninov: Vocalise, gespielt von Akane Sakai, Klavier, Michael Guttman, Violine

- G.Fauré: Dolly - Suite für Klavier vierhändig, gespielt von Akiko Ebi, Jun Kanno

- W.A.Mozart: Sonate C-Dur für Klavier vierhändig, gespielt von Martha Argerich, Akane Sakai

- R.Schumann: Fantasiestücke op. 73 für Violine und Klavier, gespielt von Michael Guttman, Martha Argerich

Ein improvisierter, aber liebevoller und ehrlicher Abend, bei dem es nicht um Perfektion ging, sondern um den Anlass, und der allen Künstlern sehr wichtig war.
Nicht verstehen kann ich ein Publikum, das die Bitte Guttmans, nach dem Adagio for strings nicht zu klatschen, sondern in Stille zu gedenken, einfach ignoriert.
Überaus bewunderswert: Ivry Gitlis, Jahrgang 1922 (!!), der immer noch spielen kann. Den Bach spielte er sitzend und stützte die Geige auf einem extra Ständer ab, aber bei Kreisler liess er es sich nicht nehmen, stehend frei zu spielen. Sicher trifft er nicht mehr alle Töne, aber die Weisheit, sozusagen auch musikalische Weisheit des Alters macht hier alles Wett und ist einfach bestaunenswert und bewunderungswürdig. Da nimmt man auch seine einleitenden Worte in Kauf, bei denen er kein Ende finden konnte...
Bewunderungswürdig auch, wie einfühlsam Martha Argerich auf die äusseren Umstände und die Fähigkeiten ihrer Mitmusiker eingeht, wie sie ihnen quasi Flügel verleiht, sie und damit auch die Zuhörer mitreisst...
einzigartig!

Nikolaus.
Heike (12.04.2011, 07:47):
@Nikolaus
Danke für die Berichte, das sind wirklich beneidenswerte Programme gewesen!
Nicht verstehen kann ich ein Publikum, das die Bitte Guttmans, nach dem Adagio for strings nicht zu klatschen, sondern in Stille zu gedenken, einfach ignoriert.
Unverständlich! Haben einige fremdsprachenunkundige nicht verstanden, was gesagt wurde? Anders kann man das sich ja kaum erklären?
Heike
ab (12.04.2011, 09:48):
Original von Heike
@Nikolaus
Danke für die Berichte, das sind wirklich beneidenswerte Programme gewesen!
Nicht verstehen kann ich ein Publikum, das die Bitte Guttmans, nach dem Adagio for strings nicht zu klatschen, sondern in Stille zu gedenken, einfach ignoriert.
Unverständlich! Haben einige fremdsprachenunkundige nicht verstanden, was gesagt wurde? Anders kann man das sich ja kaum erklären?
Heike

Um ehrlich zu sein, ich finde eine solche Bitte eine fast unerträgliche Zumutung. Da soll man lieber vor Beginn eine gemeinsame Schweigeminute halten, von mir aus auch - wie es einmal Paul Gulda 1988 bei einem Mozart-Klavierkonzert in Angedenken an die Anneketion Österreichs durch Hitler-Deutschland gemacht hatte - nach dem ersten Satz; aber bitte nicht am Ende! Wir hatten jüngst ein Sinfoniekonzert mit Mahlers 6. Symphonie, das den Opfern des Supergaus in Japan gewidmet wurde. Wenn man eine Stunde lang wörtlich schier aufgeladen wird mit solcher Musik und dann der Möglichkeit beraubt wird, diesen Stau durch Klatschen abzubauen, ist das fast nicht zum Aushalten. Und das umso mehr, als die Aufführung zu den besten Konzerten der letzten Jahrzehnte gehörte, wo man gerne auch dem Orchester, sonst oft genug geschmäht, seinen Dank ausdrücken wollte.
Heike (12.04.2011, 13:51):
Hallo ab,
wenn ich das Programm oben richtig gelesen habe, dann war das "Adagio for strings" aber das erste Stück und stand keineswegs am Ende. Insoweit passt dein Einwand zwar grundsätzlich, wäre dann aber nicht zutreffend für dieses Konzert.
Heike
ab (12.04.2011, 18:34):
Original von Heike
Hallo ab,
wenn ich das Programm oben richtig gelesen habe, dann war das "Adagio for strings" aber das erste Stück und stand keineswegs am Ende. Insoweit passt dein Einwand zwar grundsätzlich, wäre dann aber nicht zutreffend für dieses Konzert.
Heike
:beer
nikolaus (12.04.2011, 21:53):
In der Tat war es das erste Stück.

Davon aber ganz abgesehen finde ich, dass gerade das Adagio for strings nicht dazu verleitet loszuklatschen...

Ich bin sonst der letzte, der Begeisterungsstürme unterbinden wollte :wink

Nikolaus
nikolaus (12.04.2011, 21:56):
Original von Heike

Unverständlich! Haben einige fremdsprachenunkundige nicht verstanden, was gesagt wurde? Anders kann man das sich ja kaum erklären?
Heike

Nun, ich bin ja selber des Französischen nicht so mächtig, dass ich alles verstehen würde.
Aber ich denke, Teile des Publikums waren nicht sehr aufmerksam; ein Zuhörer vor mir schien sich - ehrlich gesagt - überhaupt nicht für die Musik zu interessieren. Warum er da war, weiss ich auch nicht; zwischendurch verschwand er immer und war nach zwei Dritteln ganz weg.

Nikolaus. ?(
sam2309 (16.04.2011, 16:51):
Meine Konzertbesuche in diesem Monat:

02.04. New York Philharmonics - Conductor Michael Tilson Thomas - und Anne-Sophie Mutter in der Avery Fisher Hall
- Prokoview , Overtüre
- Gubaidulina , In tempus präsens
- Tschaikowski, Little russian

Alleine in dieser wunderbaren Halle ein Konzert erleben zu dürfen ist schon eine Ehre. Wenn dann auch noch Frau Mutter auftritt fühlt man sich im 7. Himmel. Die Frau hat eine unglaublich Ausstrahlung und spielt zudem noch Violine wie kein anderer. Ein wirklich unvergesslicher Abend.

12.04. Tonhallenorchester Zürich - Conductor Christoph von Donanhyi - und Julia Fischer in der Tonhalle Zürich
- Sibelius, Violin concert
- Beethoven, Symphonie Nr. 5

Julia Fischer ist meiner Meinung nach mit das Beste was Europa in punkto Violin-Solinisten zu bieten hat. Ich bin echt gespannt wie sie sich in den nächstn 10-20 Jahren entwickelt. Wenn Sie so weiter macht stehen ihr alle Türen offen.
Das Orchester an sich konnte qualitativ im Vergleich zu den NY Phil. nicht mithalten, müssen sie auch nicht. Insgesamt war die performence ganz in Ordnung, nichts was mir jetzt lange im Gedächtnis bleiben wird.
Einzige wirklich negative Kritik bezüglich des Abends: Das teilweise sehr versnobte überalterte Publikum. Da muss viel mehr in punkto Nachwuchs geschehen. Ich habe deutlich bessere Orchester mit deutlich "angenehmeren" Publikum gesehen.

17.04.Orchester des bayerischen Rundfunkts - Conductor Mariss Jansons - und Mitsuko Uchida in der KKL Luzern
- Beethovens piano concerto No 3
- Strauss - Ein Heldenleben -
ab (19.04.2011, 19:52):
Original von sam2309
Meine Konzertbesuche in diesem Monat:

02.04. New York Philharmonics - Conductor Michael Tilson Thomas - und Anne-Sophie Mutter in der Avery Fisher Hall


Alleine in dieser wunderbaren Halle ein Konzert erleben zu dürfen ist schon eine Ehre. Wenn dann auch noch Frau Mutter auftritt fühlt man sich im 7. Himmel. Die Frau hat eine unglaublich Ausstrahlung und spielt zudem noch Violine wie kein anderer. Ein wirklich unvergesslicher Abend.


Leider mit ganz schrecklich bescheidener Akustik :I

Wie war das Orchester? Besser geworden oder immer noch ein unexakter Haufen mit unerquicklich spitzem Streicherton inhomogen durch die Gruppen?
:hello
Fairy Queen (29.04.2011, 22:57):
Gestern im Teatro Massino Bellini in Catania leider keine Norma oder Puritani aber zum Trost ein Kammermusikschmankerl der besonderen Art:

Eine Fee am Cello und ein Wikinger am Klavier. wobei die Fee eher das Temperament eines Wikingers hat und der Wikinger sanft wie eine Fee spielen kann.Wer hat diese Beiden schon gehört? Bzw besser gesagt: erlebt. Als Gabetta die Bühne betrat, dachte ich erst, eine etwas feinere Version von Paris Hilton spiele zur Beach-Party auf- ihre Erscheinung und Aufmachung liess jedenfalls eher darauf schliessen als auf ein klassisches Konzertprogramm. Aber das Programm war dann doch folgendes:




Violoncellista

SOL GABETTA

Pianista

Henri Sigfridsson

Programma

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sonata in sol min. per violoncello e pianoforte, op. 5 n. 2

CLAUDE DEBUSSY
Sonata in re min. per violoncello e pianoforte

FELIX MENDELSSOHN
Sonata n. 2 in re magg. per violoncello e pianoforte, op. 58

ADRIEN FRANÇOIS SERVAIS
Fantasia su due arie russe, op. 13

Zum Schwelgen und sehr publikumsfreundlich, auch für nur opernliebende sizlianische Kammermusikneulinge geeignet. Herr Servais war mir nicht bekannt aber die Variationen über das Volkslied "Alabiev" gibt es auch für Koloratursopran, und fûr Cello und Klavier sind sie nciht weniger virtuos (jedenfalls für das Cello).
Wirklich überzeugt hat mich das Duo nur mit Debussy, den Beethoven haben sie zwar sehr amüsant und eigenwillig interpretiert, aber meine Version im Ohr mit Barenboim und du Pré ist einfach zu präsent. Und dagegen wirkt Gabetta fast unseriös und regelrecht kokett. Sigfridson hat mir gut gefallen, machte aber stellenweise einen leicht authistishcen Eindruck und zeigte sich von Gabettas Koketterien gottseidank relativ unbeeindruckt. Er sang bei Beethoven und Mendelssohn mit (nicht so laut wie Gould immerhin....) und schien sich ebenfalls manchesmal, wenn auch auf etwas andere und bescheidenere Art als seine Partnerin in eine Eigenverzückung zu spielen. Was den Eindruck echter musikalischer Partnerschaft nciht gerade unterstüzte. Der Himmel weiss, wer diese Beiden zusammengebracht hat- schon rein aüsserlich kommt man bei dem Paar aus dem Staunen kaum raus. Ein finnischer Hüne und eine zierliche blonde argentinische Wirbel-Elfe zwei unterschiedliche geographische Pole vereint.Dass das Ganze dann doch schliesslich eine Freude fürs Publikum wurde, liegt wahrscheinlich nciht zuletzt an den Gegensâtzen und auch einem gewissen Show-Effekt.
Der Mendelssohn(was für ein Traum von Sonate!!!, allein diese Klavierarpeggi und dann die Cellomelodie dazu im langsamen Satz sind zum niederknien!) war besser als der Beethoven. Ich hatte das Gefûhl, dass hier die Musik mehr im Vordergrund stand als ihre Inszenierung. Am musikalisch ernsthaftesten und ehrlichsten war für mich aber die wunderbare Debussy-Sonate- eines meiner Lieblingswerke fûr Cello und Klavier. Ich hätte von diesem Duo lieber etwas sprödere und unbekanntere Werke gehört, bei denen es um Musik und ncihts Anderes gehen muss.
Sigfridson würde ich gerne mal allein oder mit weniger exzentrischen Partnern hören, das scheint ein interessanrter Künstler zu sein.

Was das Teatro Bellini in Catania angeht: ich habe selten ein so schönes Opernhaus gesehen- es ist seines Widmungsträgers mehr als würdig! Und gleich gegenüber gibt es eine Eisdiele, die in ihrem Genre so gut ist wie die Puritani bei den Opern. Magnifico!
F.Q.
Severina (30.04.2011, 01:07):
Liebe Fairy,

zunächst einmal wellcome back!! :D
Herr Sigfridsson ist mir noch nicht begegnet, Sol Gabetta aber natürlich schon. Ich habe sie erst am 10. April im Konzerthaus mit Shostakovichs Konzert für Violoncello und Orchester Nr.1 erlebt. Als Zugabe spielte sie noch von Peteris Vasks "Dolcissimo". Ihr sehr exaltierter Körpereinsatz ist in der Tat etwas gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt hat mir ihr Spiel sehr gut gefallen, wobei ich natürlich nicht wirklich eine Expertin auf diesem Gebiet bin. (Ich glaube, bei Capriccio gibt's einen eigenen Sol-Gabetta-Thread!)

lg Sevi :hello

PS: Wen's interessiert: Es spielte das Orchester des Bolschoi-Theaters unter Gintaras Rinkevicius, der nun wiederum mir überhaupt nichts sagt.
Jeremias (01.05.2011, 14:24):
Gestern in der Düsseldorfer Tonhalle: Tangoabend, ausgerichtet des Vereins "Futuro Si" in Düsseldorf, der sich für Kinderprojekte in Südamerika engagiert. Zu Gast war das "Sexteto milonguero", unterstützt durch einen Sänger, ehemaliger Frontman einer Rockband.... zudem 4 Tanzpaare, darunter unsere Tangolehrer... was soll ich sagen? Ich hab in über 100 Veranstaltungen in der Tonhalle noch nie erlebt, dass am Ende 1.300 Leute stehen, mittanzen, "total abgehen".... kein Wunder, wenn DAS hier am Ende des Programms stand:

http://www.youtube.com/watch?v=UA3gAdQ90dY

Anschließend gab es die Nacht lang die Möglichkeit, in der Rotunde der Tonhalle, einem runden Kreis mit Sitzgelegenheiten herum, selber das Tanzbein zu schwingen...
nikolaus (02.05.2011, 23:39):
Gerade zurück von einem spontanen Ausflug in die Kölner Philharmonie:

David Fray

W.A.Mozart: Sonate D-Dur KV 311

L.v.Beethoven: Sonate D-Dur op. 28 ("Pastorale")

W.A.Mozart: Fantasia c-moll KV 475

L.v.Beethoven: Sonate C-Dur op. 53 ("Waldstein")

Mal sehen, ob ich etwas vernünftiges zustande bringe, denn ich bin noch ganz durcheinander von diesem Abend. Aber ich will es versuchen, denn morgen sind die Eindrücke vielleicht schon wieder verflüchtigt!

Fray ist ja alles andere als ein kraftstrotzender Pianist, sowohl vom Habitus als auch von seiner Spielweise. Zwar kann er auch durchaus zupacken, aber er nutzt das eher selten, und auch dann klingt es sehr durchscheinend (wohlgemerkt nicht dünn!).
Aber was er an Zwischentönen aufzeigt, ist wirklich sehr beeindruckend. Wenn er pianissimo spielt (und das macht er offenbar sehr gerne), ist das unglaublich ästhetisch, ätherisch und doch mit Substanz.
Aber man muss sich auf sein Spiel einlassen; er fordert den Zuhörer, wirklich zuzuhören. Wernn man sich berieseln lassen will, wirkt sein Spiel leicht monoton.

Obwohl ich im ersten Teil nicht immer ganz offen und bei der Sache war, hat Fray mich immer wieder "gepackt".
Bei beiden Sonaten hatte ich immer wieder die Assoziation zu Schubert, was mich besonders bei Mozart doch etwas irritiert hat. Da ich aber sowieso kein Mozart-Fan bin, hat es mir dadurch erst recht gefallen.
Die Fantasia nach der Pause kenne ich nicht wirklich gut, daher kann ich nicht beurteilen, ob er sie besonders aussergewöhnlich interpretiert hat. Aber so, wie er sie gespielt hat, waren die ständigen Stimmungsschwankungen sehr fesselnd, und das abrupte Ende schien das Publikum tatsächlich verstört zu haben, jedenfalls kam der Applaus verzögert.
Die Waldstein-Sonate war dann wirklich großartig!
Ich mag es durchaus, wenn Ausbrüche heftig sind, aber manche Pianisten wirken dann sehr grob und lassen kaum den Flügel ganz. Nicht Fray, er macht das Gegenteil: die Läufe sind luftig und leicht, die Triller "flirren", das ganze unterbrochen durch zielsichere Akzente und ein pianissimo am Rande der Hörbarkeit.
Und: immer wieder zeigt Fray auf das "Abgrundtiefe" in allen Stücken, auch in der sonst so strahlenden C-Dur Sonate. Dabei ist er durchaus verantwortungsbewusst: er stösst einen nicht hinein, sondern hält einen quasi über dem Abgrund fest. Das mag für manche oberflächlich klingen, aber mir zeigt es, daß er sich der Tiefe der Musik überaus bewusst ist. Ob sich der Hörer darauf einlässt, ob er sich fallen lässt, bleibt ihm selbst überlassen.

Das klingt jetzt wirklich alles sehr verworren, aber das hatte ich ja schon angekündigt.

Auf jeden Fall war es ein erlebnisreicher Abend, der mir wirklich etwas gegeben hat.

Nikolaus.

P.S.: Zwei Zugaben aus Schumanns Kinderszenen - sehr poetisch. Schumann scheint ihm auch zu liegen!
sam2309 (04.05.2011, 22:02):
Original von ab
Original von sam2309
Meine Konzertbesuche in diesem Monat:

02.04. New York Philharmonics - Conductor Michael Tilson Thomas - und Anne-Sophie Mutter in der Avery Fisher Hall


Alleine in dieser wunderbaren Halle ein Konzert erleben zu dürfen ist schon eine Ehre. Wenn dann auch noch Frau Mutter auftritt fühlt man sich im 7. Himmel. Die Frau hat eine unglaublich Ausstrahlung und spielt zudem noch Violine wie kein anderer. Ein wirklich unvergesslicher Abend.


Leider mit ganz schrecklich bescheidener Akustik :I

Wie war das Orchester? Besser geworden oder immer noch ein unexakter Haufen mit unerquicklich spitzem Streicherton inhomogen durch die Gruppen?
:hello
sam2309 (04.05.2011, 22:07):
Original von ab
Original von sam2309
Meine Konzertbesuche in diesem Monat:

02.04. New York Philharmonics - Conductor Michael Tilson Thomas - und Anne-Sophie Mutter in der Avery Fisher Hall


Alleine in dieser wunderbaren Halle ein Konzert erleben zu dürfen ist schon eine Ehre. Wenn dann auch noch Frau Mutter auftritt fühlt man sich im 7. Himmel. Die Frau hat eine unglaublich Ausstrahlung und spielt zudem noch Violine wie kein anderer. Ein wirklich unvergesslicher Abend.


Leider mit ganz schrecklich bescheidener Akustik :I


Wie war das Orchester? Besser geworden oder immer noch ein unexakter Haufen mit unerquicklich spitzem Streicherton inhomogen durch die Gruppen?
:hello

Die Akkustik im Innenraum war eigentlich ganz gut. Mittlerweile durfte ich jedoch ein konzert im Luzerner Konzertsaal erleben, wo die Akkustik um längen besser ist (allerdings auch die Tickepreise doppelt so hoch :)).

Das Orchester war sehr gut fand ich, insbesondere bei Gubaidulinas "in Tempus präsens" hat es ASM gut unterstützt, was bei diesem Stück bestimmt nicht sehr einfach ist. Auch Tschaikowskiys 3. Symphonie war wurde sehr gut interpretiert.

Woher rühren Deine schlechten Erfahrungen mit den NY Philharmonikern?
ab (05.05.2011, 21:48):
Original von nikolaus
Gerade zurück von einem spontanen Ausflug in die Kölner Philharmonie:

David Fray

W.A.Mozart: Sonate D-Dur KV 311

L.v.Beethoven: Sonate D-Dur op. 28 ("Pastorale")

W.A.Mozart: Fantasia c-moll KV 475

L.v.Beethoven: Sonate C-Dur op. 53 ("Waldstein")

Mal sehen, ob ich etwas vernünftiges zustande bringe, denn ich bin noch ganz durcheinander von diesem Abend. Aber ich will es versuchen, denn morgen sind die Eindrücke vielleicht schon wieder verflüchtigt!

Fray ist ja alles andere als ein kraftstrotzender Pianist, sowohl vom Habitus als auch von seiner Spielweise. Zwar kann er auch durchaus zupacken, aber er nutzt das eher selten, und auch dann klingt es sehr durchscheinend (wohlgemerkt nicht dünn!).
Aber was er an Zwischentönen aufzeigt, ist wirklich sehr beeindruckend. Wenn er pianissimo spielt (und das macht er offenbar sehr gerne), ist das unglaublich ästhetisch, ätherisch und doch mit Substanz.
Aber man muss sich auf sein Spiel einlassen; er fordert den Zuhörer, wirklich zuzuhören. Wernn man sich berieseln lassen will, wirkt sein Spiel leicht monoton.

Obwohl ich im ersten Teil nicht immer ganz offen und bei der Sache war, hat Fray mich immer wieder "gepackt".
Bei beiden Sonaten hatte ich immer wieder die Assoziation zu Schubert, was mich besonders bei Mozart doch etwas irritiert hat. Da ich aber sowieso kein Mozart-Fan bin, hat es mir dadurch erst recht gefallen.
Die Fantasia nach der Pause kenne ich nicht wirklich gut, daher kann ich nicht beurteilen, ob er sie besonders aussergewöhnlich interpretiert hat. Aber so, wie er sie gespielt hat, waren die ständigen Stimmungsschwankungen sehr fesselnd, und das abrupte Ende schien das Publikum tatsächlich verstört zu haben, jedenfalls kam der Applaus verzögert.
Die Waldstein-Sonate war dann wirklich großartig!
Ich mag es durchaus, wenn Ausbrüche heftig sind, aber manche Pianisten wirken dann sehr grob und lassen kaum den Flügel ganz. Nicht Fray, er macht das Gegenteil: die Läufe sind luftig und leicht, die Triller "flirren", das ganze unterbrochen durch zielsichere Akzente und ein pianissimo am Rande der Hörbarkeit.
Und: immer wieder zeigt Fray auf das "Abgrundtiefe" in allen Stücken, auch in der sonst so strahlenden C-Dur Sonate. Dabei ist er durchaus verantwortungsbewusst: er stösst einen nicht hinein, sondern hält einen quasi über dem Abgrund fest. Das mag für manche oberflächlich klingen, aber mir zeigt es, daß er sich der Tiefe der Musik überaus bewusst ist. Ob sich der Hörer darauf einlässt, ob er sich fallen lässt, bleibt ihm selbst überlassen.

Das klingt jetzt wirklich alles sehr verworren, aber das hatte ich ja schon angekündigt.

Auf jeden Fall war es ein erlebnisreicher Abend, der mir wirklich etwas gegeben hat.

Nikolaus.

P.S.: Zwei Zugaben aus Schumanns Kinderszenen - sehr poetisch. Schumann scheint ihm auch zu liegen!

Deine Worte zur Waldscheinsonate finde ich sehr schön und nicht verworren!
:thanks
Jeremias (06.05.2011, 07:31):
Gestern im Konzerthaus Dortmund:

Measha Brueggergosman (Sopran), Justus Zeyen (Klavier)

Lieder von Maurice Ravel, Robert Schumann, Claude Debussy, Aaron Copland, Samuel Barber und Xavier Montsalvatge

Ich war ja schon ser gespannt! Die gute Frau verbreitete zwar durchweg gute Laune, wirkte aber im 1. Teil sehr verhalten. Erstaunlicherweise war sie barfuß unterwegs, warum auch immer... ihre Gesangstechnik war interessant, viel Bewegung aus den Knien heraus, so dass sie eigentlich keinen Halt hatte. Einige Töne gedrückt, geschoben.... Ravel plätscherte vor sich hin, Schumann war gar nicht ihr Ding, Debussy geriet im ersten Teil am besten. Im zweiten fühlte sie sich wohler. 4 Lieder von Copland in ihrer Muttersprache taten ihr gut, Barber war ganz nett, Montsalvatge machte sie doch recht gut. Und dann die Zugaben.... zuerst den Gospel "He's got the whole world in his hand".... da konnte sie endlich zeigen, was in ihr steckt! Die Stimme frei rauslassen, ihr Volumen zeigen! Warum nicht den ganzen Abend? Und dann als Abschluss "Sometimes", und zwar ohne Klavierbegleitung! Das war DAS Highlight des gesamten Abends und wirklich weltklasse! Der Pianist machte seine Sache übrigens ausgezeichnet :engel
Heike (06.05.2011, 09:13):
Gestern im Kammermusiksaal Berlin:

Radu Lupu
Schumann: Papillons op. 2
Schumann: Bunte Blätter op. 99
Schubert: Sonate a-Moll op. 42 D 845

Also mit den ersten beiden Stücken, die ja nur aus Miniaturen bestehen, konnte ich noch nicht so extrem viel anfangen, aber so gegen Mitte der "Blätter" war ich ruck zuck vollkommen bei der Sache, weil da einige extrem fesselnd gespielte Passagen drin waren. Es war sehr beeindruckend, Lupo zuzuhören, fast wie improvisiert, aber die vielen Stimmungswechsel machen es mir immer schwer, sich einzulassen (besonders wenn sowas am Beginn eines Konzertes steht).

Brilliant dann die Schubert-Sonate, wunderschöne lyrische Teile, ganz hinreißende subtile Phrasierungen und Tempowechsel. Sein piano-Spiel hat mich fast den Atem anhalten lassen, als wenn die Luft fast steht und dann wieder so ein Ton hingetupft wird, eine Millisekunde früher oder später als erwartet. Großartige Klangdifferenzierungen.

Zum Schluss gab es dann noch zwei klasse gespielte Schumann- Zugaben, ich glaube aus den Waldszenen. Barenboim war übrigens auch da, hörte andächtig zu und klatschte begeistert Beifall.
Heike

P.s. @nikolaus
ich hab Fray auch schon mal gehört (mit einem Beethoven-Konzert) und war damals auch, wie du, gleichsam irritiert und begeistert. Ich freu mich jetzt schon auf ein Recital mit ihm in der nächsten Saison!
Severina (06.05.2011, 20:11):
Damit Ihr nicht glaubt, ich hänge nur in der Oper rum :wink:

Heute war ich in einem sehr schönen Konzert im Musikverein: Beethoven, Konzerte für Klavier und Orchester Nr.1 C-Dur und Nr. 5 Es-Dur, Wiener Philharmoniker mit Rudolf Buchbinder.
Leider kann ich wieder nicht mehr sagen, als dass es mir sehr, sehr gut gefallen hat :S

lg Severina :hello
Amadé (07.05.2011, 00:00):
Original von Severina
Heute war ich in einem sehr schönen Konzert im Musikverein: Beethoven, Konzerte für Klavier und Orchester Nr.1 C-Dur und Nr. 5 Es-Dur, Wiener Philharmoniker mit Rudolf Buchbinder.

Hallo Severina,
dirigierte er selbst vom Flügel aus? Da bin ich in der Regel sehr skeptisch, meistens kommt kein Funke rüber, da der Pianist hier und dort beschäftigt ist. Auch auf Platten ging das oft nicht gut aus, obwohl man da wiederholen konnte.

Gruß Amadé
Severina (07.05.2011, 00:51):
Original von Amadé
Original von Severina
Heute war ich in einem sehr schönen Konzert im Musikverein: Beethoven, Konzerte für Klavier und Orchester Nr.1 C-Dur und Nr. 5 Es-Dur, Wiener Philharmoniker mit Rudolf Buchbinder.

Hallo Severina,
dirigierte er selbst vom Flügel aus? Da bin ich in der Regel sehr skeptisch, meistens kommt kein Funke rüber, da der Pianist hier und dort beschäftigt ist. Auch auf Platten ging das oft nicht gut aus, obwohl man da wiederholen konnte.

Gruß Amadé

Lieber Amadé,

ja, hat er. Wie gesagt, ich bin leider auf dem Gebiet der Instrumentalmusik blutige Laiin und daher relativ leicht zu begeistern. Aber da der ORF mit 6 (!) Kameras mitgefahren ist, wirst Du dieses Konzert wohl irgendwann einmal zu sehen (und hören) bekommen.

lg Severina :hello
Heike (07.05.2011, 08:06):
Buchbinder habe ich auch schon zweimal im Konzert gehört, allerdings als Solist, ohne Dirigat. Mir hat er damals auch gut gefallen; wie ich mich erinnere, spielte er wie ein nobler Gentleman, der aber seinen jugendlichen Schwung behalten hat. Und gilt ja als Beethoven- Spezialist.
Heike
nikolaus (07.05.2011, 21:31):
Gestern hat das Klavierfestival Ruhr begonnen:

Zum Auftakt spielte in Mühlheim a.d.R.

Katia Buniatishvili

J.Brahms: Intermezzo Nr. 2 b-moll op. 117
Intermezzo Nr. 2 A-Dur aus: Sechs Klavierstücke op. 118

L.v.Beethoven: Sonate Nr. 23 f-moll op. 57 ("Appassionata")

F.Liszt: Mephisto-Walzer Nr. 1 A-Dur

- Pause-

F.Liszt: Notturno Nr. 3 As-Dur aus: Liebesträume - 3 Notturnos S 541
La lugubre gondola Nr. 2 S 200

I.Strawinsky: Trois Movements de "Pétrouchka"

2 Zugaben: ?
Chopin-Nocurne

Freitag abends an Köln vorbeizufahren gleicht einer Selbstkasteiung...
Ich weiss ja um das Stauproblem und fahre deshalb zeitig los; trotzdem bin ich auf den letzten Drücker angekommen, keine guten Vorraussetzungen.

So hat Buniatishvili mich mit diesen Brahms-Stücken am Anfang auch gleich gefordert. Ich finde es recht mutig, diese bedächtigen Stücke am Anfang eines Recitals zu spielen, vor allem, wenn sie so gedehnt werden, wie Buniatishvili sie interpretiert hat. Wohlgemerkt, das war nicht schlecht gespielt, der Zusammenhang war zu keiner Zeit gefährdet. Dennoch fand ich es ein bisschen "zu schön", fast "in Schönheit gestorben".
Der Anfang der "Appassionata" schloss sich dann erstaunlich sinnvoll und harmonisch an. Buniatishvili betonte mehr das Lyrische und weniger das Virtuose in dieser Sonate; nur im letzten Satz legte sie ein sehr rasantes Tempo vor. In allen drei Sätzen gab es fesselnde Phasen.
Mit Liszt kann ich nur bedingt etwas anfangen, und diesen Mephisto-Walzer habe ich schon besser, diabolischer, tänzerischer gehört (z.B. auf CD von Polina Leschenko). Mir schien, als ob sie - zumindest am Anfang - ihn ein bisschen arg lässig heruntergespielt hat.
Die beiden Liszt-Stücke nach der Pause - quasi als Parallele zum Beginn des ersten Teils - waren dann wieder extrem langsam, extrem piano und erneut fast sterbend schön gespielt.
"Pétrouchka" war dann in der Tat fulminant. Es scheint ja ein beliebtes Stück bei den Jungstars zu sein (Yuja Wang hat es auch im Programm). Zugegeben, es ist - sofern man es beherrscht - ein dankbares Stück. Und was Katia Buniatishvili da gezeigt hat, ist schon fulminant. Mit einer nahezu aufreizenden Lässigkeit hat sie diese schwierigen Rhythmen darbebracht!
Die erste Zugabe kann ich partout nicht zuordnen, es schien mir etwas spanisches oder argentinisches zu sein, phasenweise habe ich auch an Prokofiev gedacht. Kein Ahnung, aber sehr gut!
Das abschliessende Nocturne war dann erneut sehr schön.

Katia Buniatishvili hat ein sehr sympathisches, natürliches und souveränes Auftreten.
Technisch scheint diese Pianistin alle Möglichkeiten zu haben.
Auffallend ist ihr warmer, weicher, dunkler, sinnlicher Ton, den sie - wann immer es geht - sichtbar und hörbar auskostet. Das hat wirklich eine Schönheit und Intensität.
Ähnlich wie bei Fray am Montag fiel mir auf, dass sie offenbar den mittleren und unteren Dynamikbereich bevorzugt mit wohlkalkulierten, zupackenden Ausbrücken. Fray wirkt intellektueller, kühler, sie dagegen emotionaler, sinnlicher.
Sie ist erst 24 Jahre alt, und ich glaube, sie wird ihren Weg finden und machen. Welcher Art bleibt abzuwarten, sie scheint mir in ihrem "Stil" noch nicht vollkommen festgelegt.

Nikolaus.
Heike (09.05.2011, 08:17):
8.5.2011 Philharmonie Berlin

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Musikalische Leitung: James Gaffigan
David Fray, Klavier

Harrison Birtwistle: Night's Black Bird
Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466
Richard Strauss: Eine Alpensinfonie

Das letzte Konzert meiner Abo-Reihe, da hatte ich doch ganz vergessen, dass ich da David Fray nochmal mit dem Mozartkonzert hören werde!
Also, ich fange mit ihm an: Bei allem nervösen Gezappel, was er am Flügel liefert: er spielt wunderbar! Ein sehr ernsthafter Pianist, harter Anschlag, sehr klarer Ton, und ich war wieder ganz fasziniert davon, welches Tempogefühl er hat! Ein tolles freies Rubato in der rechten Hand, hinreißend leichte Triller, sehr viele Spaß machende winzig kleine Variationen in kleinen Figuren, schön! Zudem spielte er originelle eigene Kadenzen Schade nur, dass das Orchester für meinen Geschmack nicht so wirklich mitmachte, also diesen Witz, diese pointierte Leichtigkeit nicht aufnahm, auch wenn das Zusammenspiel auf den Punkt genau war (was vermutlich eher Fray zu verdanken war, er scheint mir sehr aufmerksam diesbezüglich zu sein).
Eine Schubert- Zugabe, bei der es mucksmäuschenstill war, als er sein spannungsvollstes und tief berührendes pianissimo hinhauchte. Also mir gefällt das, auch wenn der natürlich weit weg ist von dem z.B. bunt farbigen Klang eines Perahia oder Sokolov - dafür hat der diese Gabe, ein Stück individuell zu interpretieren. Da macht ihn für mich sehr interessant.

Anfangs das Stück von Birtwistle war mir völlig unbekannt, ein 15 minütiges Klangwunder, recht düster - das war ja schon vom Titel her zu vermuten. Kein Wunder, bezog es sich doch auf Dowlands "Flow My Tears". Es hat mir gut gefallen.

Am Ende die Alpensinfonie, ja, ich kann mit Richard Strauss außerhalb der Oper nicht so viel anfangen. Es langweilt mich, diese Aneinanderreihung von Szenen. Vermutlich tue ich Srauss da Unrecht, sicher hat diese Sinfonie auch eine Binnenstruktur und raffiniert instrumentiert ist sie allemal (es gab auch schöne Passagen, mir gefiel z.B. das Oboensolo über dem Streicherteppich oder die barock angehauchten Visionen), aber im Ganzen berührt es mich nicht. Ich fand es auch ein wenig langweilig dirigiert.

Heike
nikolaus (09.05.2011, 20:30):
Original von Heike

Also mir gefällt das, auch wenn der natürlich weit weg ist von dem z.B. bunt farbigen Klang eines Perahia oder Sokolov - dafür hat der diese Gabe, ein Stück individuell zu interpretieren. Da macht ihn für mich sehr interessant.

Heike

Liebe Heike,

so geht es mir auch.
Sicher, andere Pianisten spielen farbiger, vielleicht virtuoser, vielleicht emotional berührender, aber Frays Individualität hat für mich etwas sehr anziehendes, vielleicht weil sie - diesen Eindruck habe ich - ehrlich ist und nicht aufgesetzt (damit meine ich: ein Stück absichtlich "anders" zu interpretieren der Sensation wegen).
Vielleicht täusche ich mich, aber so ist zumindest mein Eindruck bei allem, was ich von ihm gehört habe.

Nikolaus.
Heike (12.05.2011, 18:11):
Gestern in der Philharmonie Berlin
Dirigent Pietari Inkinen
Klavier Yuja Wang
Staatskapelle Berlin

JEAN SIBELIUS - Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105
SERGEJ PROKOFJEW - Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26
IGOR ST RAWINSKY - »Le sacre du printemps «

Nur ganz kurz, obwohl das Konzert es verdient hätte, mehr darüber zu schreiben. Die Staatskapelle wie meist mit tollem, dunklem Klang, besonders im Sacre stellenweise messerschaft gewaltig, sehr beeindruckend. Der sehr junge Dirigent hat es gut gemacht, ich konnte sogar Sibelius was abgewinnen und das will was heißen.

Interessant die chinesische Pianistin Yuja Wang; überhaupt das Klavierkonzert, ich kannte es bisher nicht. Schande, es lohnt sich! Sehr virtuos, ich meine sogar, extrem schwierig im Klavierpart. Dabei ein origineller Variationensatz in der Mitte. Yuja Wang, ein sehr graziles, ästhetisches Persönchen spielte das mit nahezu unglauiblicher technischer Rafinesse, absolut trennscharfe Akkorde hat sie mit einer Kraft hingehämmert, faszinierend, wo die Power herkam. Vom Klang her eher klar, aber nicht kalt, sondern mit Seele. Wie sie es interpretiert hat kann ich nicht beurteilen, weil cih das Stück nicht kenne.
Zwei Zugaben, zuerst ein rasantes Stück mit extrem vertrackten Rhythmen und Sprüngen; vermutlich eine Liszt-Etüde oder sowas, ich habe das vorher noch nie gehört. Jedenfalls extrem virtuos, so stelle ich mir das vor, wenn früher Liszt auftrat, alle gucken wie im Zirkus auf ein seltenes Tier und glauben nicht, dass man die Finger so extrem schnell über die Tasten fliegen lassen kann. In der Tat war es sehr beeindruckend. Dann "Gretchen am Spinnrad" ", auch in der Liszt-Version, das hat mir sehr gut gefallen, schön gespielt, ohne Gefühlskitsch, aber mit der nötigen Portion Emotion.

Die ist ja noch sehr jung und wird in der nächsten Saison in Berlin mehrmals auftreten, mal gucken, wie das mit einem mir bekannten Werk rüberkommt.
Heike
ab (20.05.2011, 18:32):
Das Hagen Quartett gastierte bei uns live im Konzert (18.5.2011) mit drei großen Bs:

Bach - aus: «Die Kunst der Fuge» BWV 1080 (1740 – 46) Contrapunctus I – IV
Bartók - Streichquartett Nr. 2 op. 17 (1915 – 17)
Beethoven - Streichquartett B-Dur op. 130 mit Großer Fuge B-Dur op. 133

Den Bach hörte ich schon 2007 von ihnen im Konzert; ich hatte sicherlich berichtet. Inzwischen war er deutlich gereift, aber immer noch überraschten mich (erneut) seltsame vibratofüllige fast Romatizismen des ersten Geigers. Phantastisch durchgearbetet; aber noch nicht auf jener ausdrucksmäßigen Höhe, die wir es sonst von diesem Ensemble gewohnt sind.

Der Bartók und der Beethoven war einmal mehr wieder überragend. Erneut erlebte ich dieses "umgekehrte Hase-und-Igel-Syndrom", von dem im entsprechenden Faden die Rede ist: Nicht ein einziges Mal mehr waren solche clusterartigen Klänge zu hören. Noch mehr verblüffte mich aber, dass nach diesen Zeiten der tiefen Ernsthaftigkeit nun ein für mich völlig neuer Witz zu hören ist! Leichte Wiener Anklänge, wie ich sie noch in ihrer letzten Beethoven-Aufnahme für die DG höre, kommen gar nicht mehr vor, und anders als im letzten Konzert noch, fand ich, geht der Fokus, der zuletzt ganz auf dem ersten Geiger lag, wiede etwas zurück zu einem Klang der Geleichberechtigung aller vier Instrumentalisten.

Letztlich fehlen mir die Worte für deren so außergewöhnliche Kunst!

Und einmal mehr stelle ich fest, dass von den Zuhörenden, die keine solchen Musik-Freaks sind, die manuelle Perfektion vom Spiel des Ensembles zwar gelobt wird, aber dennoch diese Nuancenvielfalt und absolute musikalische Übereinstimmung, die mich jedes Mal aufs Neue geradezu erschüttert, gar nicht zu berühren vermag.
ab (20.05.2011, 18:54):
Vor genau zwanzig Jahren hörte ich zum ersten Mal den Cellisten Miklós Pernényi im Konzert. Damals spielte er Haydns D-Dur Konzert. Und das tat er so musikalisch hinreißend, dass ich am drauf folgenden Tag erneut ins Konzert ging. (Und damals hörte ich überwiegend noch Rock-Musik; und das D-Dur Konzert ist meilenweit entfernt von einer eher jugendgemäßen Schmissigkeit des C-Dur Konzerts, und die drauf folgende Mahlers 4. war damals für mich noch eine völlige Überforderung.) Bis heute habe ich im Konzert keinen anderen Musiker gehört, der mich in seiner Feinsinnigkeit so zu berühren vermocht hätte. Ein Bekannter meinte jüngst nach einem innigen Konzert, sie hätten " so nah am Herzen gespielt": eine schöne Ausdrucksweise! Perény aber spielt nicht nah am Herzen, sondern trifft - zumindest mich - mitten hinein.

An anderer Stelle hatte ich schon berichtet, dass ich ihn später dann noch in Wien im Trippelkonzert von Beethoven mit dem Gustav Mahler Jugendorchester hören, nein erleben durfte. (Grauenhaft, wieviel Kraft es mich damals gekostet hat, von Geige und Klavier zu abstrahieren, um mich zumindest durch das Cello :engel erfreuen zu können.)

Gestern (19.5.2011) nun gastierte er zum ersten Mal wieder als Solist bei uns, und zwar mit Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1. Einfach himmlisch!

Leider war das Werk auch mit Begleitung, die schon mit dem ersten Einsatz nicht nur zu spät kam, sondern auch auseianderzufallen drohte - aber schweigen wir davon, denn auch der Tchaikovsky-4.-Sinfonie-Hochglanz mit dem jungen, eingesprungenen Dirigenten Benjamin Shwartz ging über ein Mittelmaß nicht hinaus.

Miklós Pernényi spielt zwar mit seiner feinsinnigen Art nicht mitreißend, aber dafür hinreißend und das so berührend, dass ein Orchester gar nicht zu stören vermag.


Ich kann nur wiederholen: einer(, wenn nicht) der musikalischeste(n) Musiker unserer Tage!

:engel
Heike (20.05.2011, 20:03):
Lieber ab,
ich bin ein großer Fan des Hagen-Quartetts, und ich hatte schon im "was höre ich" Faden gelesen, dass du zu diesem Konzert gehst und dich ein wenig beneidet! Von dem Beethoven-Quartett mit der Großen Fuge habe ich eine CD mit den Hagens, die liebe ich sehr.

Von Miklós Perényi hingegen habe ich noch nie gehört. Das scheint ja ein großes Versäumnis zu sein, wenn dich der Herr schon vor -zig Jahren begeisterte. Der Name klingt ungarisch?

Danke für die Berichte!
Heike
Rainer (21.05.2011, 08:08):
Original von ab
Um ehrlich zu sein, ich finde eine solche Bitte eine fast unerträgliche Zumutung. Da soll man lieber vor Beginn eine gemeinsame Schweigeminute halten, von mir aus auch - wie es einmal Paul Gulda 1988 bei einem Mozart-Klavierkonzert in Angedenken an die Anneketion Österreichs durch Hitler-Deutschland gemacht hatte - nach dem ersten Satz; aber bitte nicht am Ende! Wir hatten jüngst ein Sinfoniekonzert mit Mahlers 6. Symphonie, das den Opfern des Supergaus in Japan gewidmet wurde. Wenn man eine Stunde lang wörtlich schier aufgeladen wird mit solcher Musik und dann der Möglichkeit beraubt wird, diesen Stau durch Klatschen abzubauen, ist das fast nicht zum Aushalten. Und das umso mehr, als die Aufführung zu den besten Konzerten der letzten Jahrzehnte gehörte, wo man gerne auch dem Orchester, sonst oft genug geschmäht, seinen Dank ausdrücken wollte.

Hallo zusammen,

lese erst jetzt diesen Thread.
Am 2. Mai gab es im Münchner Gasteig auch ein Benefizkonzert für Japan (wobei die Beteiigten auf ihre Gage verzichteten, als Reinerlös kamen knapp 130.000 EURO zusammen):

http://www.mphil.de/de/startseite/japan-benefizkonzert/

Erstmals traten die drei großen Münchner Orchester gemeinsam auf, nämlich die Münchner Philharmoniker, das Bayerische Staatsorchester und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, unter der Leitung von Zubin Mehta, dem Ehrendirigenten der Münchner Philharmoniker.

Auf dem Programm stand Beethovens 9., als vorgezogene Zugabe wurde einleitend die Air von Bach gespielt.
Nach einer kurzen Ansprache zu Beginn bat Zubin Mehta um eine Schweigeminute und darum, zwischen Air und 9. Sinfonie nicht zu applaudieren.
Am Ende wurde natürlich reichlich applaudiert, sogar mit stehenden Ovationen.
sam2309 (21.05.2011, 21:36):
Gestern in der Tonhalle Zürich:

Valerie Gergirev war mit seinen Londoner Symphoniker anwesend und haben bewiesen das sie zu den weltbesten symphonieorchestern der Welt gehören.

Ich liebe Tschaikowsky nicht nur das Violinkonzert sondern auch seine Symphonien. Dieses mal die 3. an der Reihe, zudem das oboe konzert von Mozart und ein wunderbare symphonie von Schtschedrin. Alles in allem ein rundes Programm und eines der besten Konzerte, die ich erleben durfte.
ab (28.05.2011, 15:19):
Original von Heike
Lieber ab,
Von Miklós Perényi hingegen habe ich noch nie gehört. Das scheint ja ein großes Versäumnis zu sein, wenn dich der Herr schon vor -zig Jahren begeisterte. Der Name klingt ungarisch?

Danke für die Berichte!
Heike

Die treffliche Biographie besagt:

Der ungarische Cellist Miklós Perényi ist einer der großen Cellisten seiner Generation. Die Besonderheit seines Spiels wird von seinem unnachahmlichen feinen und nuancierten Klang gepaart mit herausragender Musikalität, die stets im Mittelpunkt seines Spiel steht, geprägt.

Mit fünf Jahren erhielt er seinen ersten Cello-Unterricht bei Miklós Zsámboki, einem Studenten von David Popper, mit neun Jahren gab er seinen ersten Konzertabend in Budapest. Seine weitere Entwicklung - zwischen 1960 und 1964 - verdankt er Enrico Mainardi in Rom und Ede Banda in Budapest. 1963 war Miklós Perényi Preisträger beim Internationalen Casals-Wettbewerb in Budapest. Casals berief ihn 1965/1966 zu seinen Meisterkursen in Puerto Rico und es folgten etliche Sommer beim Marlboro Festival.

Seit 1974 unterrichtet Miklós Perényi an der Budapester Franz-Liszt-Akademie, wo er seit 1980 eine Professur innehat. Für sein musikalisches Wirken wurde er 1980 mit dem Kossuth-Preis und 1987 mit dem Bartók-Pásztory-Preis ausgezeichnet.

Seine solistische Karriere führt ihn in alle großen Musikzentren der Welt. Er war Gast bei den Musikfestivals in Edinburgh, Luzern, Prag, Salzburg, Wien, Hohenems, Warschau und Berlin, beim Cello-Festival in Kronberg und beim Festival Pablo Casals in Prades (Frankreich). Miklós Perényi verfolgt in den europäischen, amerikanischen ebenso wie in den fernöstlichen Ländern eine rege Konzerttätigkeit.

Sein Repertoire umfasst Werke vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die er in zahlreichen Konzerten mit Orchester, in Solo- und Duo-Rezitals sowie bei Kammermusikabenden präsentiert.

Neben seinen Konzertauftritten und dem Unterrichten bildet die Komposition von Werken für kleinere und größere Instrumentalensembles und Cello-Solo einen weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit.

Eine enge Zusammenarbeit mit András Schiff spiegelt sich in Konzerten bei der Schubertiade in Schwarzenberg, beim Edinburgh Festival und beim Ruhr-Festival wieder. Zuletzt konzertierten die Künstler erfolgreich in der Philharmonie Köln, bei den Schwetzinger Festspielen, in der Wigmore Hall London und bei 92nd Street in New York.

In der Saison 2010/2011 wird Miklós Perényi in Rezitalen und Kammermusikkonzerten unter anderem bei den Salzburger Festspielen, im Théâtre de Champs-Elysées und dem Théâtre de la Ville in Paris, sowie in Amsterdam, Luxemburg, London, Tokyo und in Budapest zu erleben sein. Weitere Höhepunkte der neuen Saison bilden die Uraufführung des Cellokonzerts von Péter Eötvös zusammen mit den Berliner Philharmonikern, Konzerte mit dem Sapporo Symphony Orchestra, Residentie Orkest, Manchester Camerata und dem Budapest Festival Orchestra im Lincoln Center in New York.

Miklós Perényi ist auf zahlreichen Einspielungen zu hören, u.a. bei Hungaroton, bei EMI-Quint, Sony Classics, Decca, col legno, Teldec und Erato. Bei dem Label ECM hat Miklós Perényi zusammen mit András Schiff das gesamte Werk von Beethoven für Cello und Klavier aufgenommen. Diese Aufnahme wurde u.a. mit dem Cannes Classical Award 2005 ausgezeichnet. 2009 erschien eine Live-Aufnahme des Labels der Wigmore Hall mit Werken Bachs, Brittens und Brahms’ zusammen mit Dénes Várjon.

2010/2011

Perényi ist sozusagen das verinnerlichte Gegestück zu einer veräußerlichenden Dramatik und Expressivität einer Jacqueline du Pré, nur nebenbei auch technisch in einer erhabenen Liga, und das bei ihm bereits seit Anbeginn, wo doch eigentlich eine solche manuale Qualität erst bei den ganz Jungen unserer heutigen Tagen zum Standard geworden ist.

Schade dass unser Cellodil offensichtlich kaum mehr Zeit findet, hier zu posten, sonst könnte sie von ihren Erlebnissen ins gleiche Horn stoßend berichten...
:hello
nikolaus (30.05.2011, 00:07):
@ Heike

Bin gerade zurück vom Benefizkonzert für Unicef Japan:

Martha Argerich, Itamar Golan, Guy Braunstein, Daishin Kashimoto, Amihai Grosz, Mischa Maisky, Jing Zhao

Ich fand es einfach nur großartig!
Hoffentlich wird es das auch für Dich.

Mehr über diesen für mich unvergesslichen Abend vielleicht demnächst.

Nikolaus.
Heike (30.05.2011, 07:33):
Lieber nikolaus,
dann freue ich mich umso mehr auf heute abend!!!! Vielleicht können wir uns ja dann später im Detail austauschen!
Heike
Heike (31.05.2011, 08:33):
Guten Morgen,
@nikolaus: ich fand es auch großartig, besonders das Schumann-Quintett! Man ist die Argerich dominant am Klavier, ein Jammer, dass sie nicht mehr allein auftritt!
Heike
Rainer (01.06.2011, 12:58):
Hallo zusammen,

gestern in der Münchner Philharmonie:

Mahler III mit dem Hochschulsymphonieorchester:
http://website.musikhochschule-muenchen.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=980&Itemid=1

Immer wieder überwältigend, diese gigantische Sinfonie. Allein der 1. Satz dauert rund 35 Minuten.

Ich habe übrigens erst jetzt gecheckt, dass der Dirigent Ulrich Nicolai ein Urgroßneffe von Otto Nicolai ist, der Begründer der Wiener Philharmoniker:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Nicolai

http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Nicolai
Heike (01.06.2011, 18:33):
gelöscht, falscher Thread
Heike (01.06.2011, 18:49):
30.5.2011
Benefizkonzert für Japan:

Martha Argerich Klavier
Itamar Golan Klavier
Mischa Maisky Violoncello
Jing Zhao Violoncello
Solisten der Berliner Philharmoniker: Guy Braunstein Violine, Daishin Kashimoto Violine, Amihai Grosz Viola

Wolfgang Amadeus Mozart - Sonate für Klavier zu vier Händen D-Dur KV 381
Franz Schubert - Notturno Es-Dur D 897
Dmitri Schostakowitsch - Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67
Antonín DvoYák - Terzett für zwei Violinen und Viola C-Dur op. 74
Robert Schumann - Klavierquintett Es-Dur op. 44

Ich hab ja neulich schon kurz geschrieben, ein beeindruckendes Konzert!
Schon am Beginn die Mozart- Klaviersonate (Argerich spielte den Part links) ließ ahnen, dass dies ein großartiger Abend werden würde. Da hätte Mozart sicher seine Freude dran gahabt, wie leichtfüßig sie über die Tasten flog, wie ein junges Mädchen, und wie sie fast improvisiert dahinspielte.
Mich hat natürlich das Schostakowisch- Trio sehr angerührt, schade, dass hier nicht die Argerich gespielt hat, das hätte ich noch lieber mit ihr gehört. Sehr viel ernsthafter gespielt als bei meinem letzten Erlebnis mit Say, Kopatchinskaja und Gabetta, dadurch noch ergreifender. Was hat der Schostakowitsch für ans Herz gehende Musik geschrieben!
Nicht so richtig was anfangen konnte ich mit dem (mir bisher unbekannten) Dvorak-Terzett. Erstmal fragte ich mich ständig, ob der bei Schubert abgeschrieben hat oder ob das immer wieder absichtlich zitiert wird (der Tod und das Mädchen war mir doch sehr präsent). Und dann hat es mich doch irgendwie gelangweilt, ohne tiefe Stimme plätscherte es so ein wenig gleichförmig dahin. Umso mehr dann der Schumann als Abschluss ein wahres Highlight meiner Kammermusikerfahrungen. Hier zeigte sich, wie sehr die Argerich doch die Szene dominiert, ich fand das sehr faszinierend - eine Leidenschaft sprüht da aus ihr, das fesselt unmittelbar und lässt alle andren Stimmen doch ein wenig in den Hintergrund treten. Trotzdem oder auch gerade deshalb sehr aufwühlend.

Heike
Heike (01.06.2011, 18:59):
31.5.2011 Konzerthaus, Arcadi Volodos Klavier

Franz Schubert Drei Moments musicaux aus D 780 (Nr. 1 Moderato C-Dur, Nr. 2 Andantino As-Dur, Nr. 5 Allegro vivace f-Moll)
Franz Schubert Sonate f-Moll D 625
Franz Liszt Sonate h-Moll

Im gerade mal gut halbvollen Konzerthaus zeigte Herr Volodos, dass er sich nun aber in die Herzen Berlins spielen will: 6 Zugaben vor dem begeisterten Publikum!

Ich bin so ein wenig hin- und hergerissen, es war ein gutes Konzert, aber es hat mich nicht wirklich nachhaltig berührt. Volodos hat eigentlich nichts falsch gemacht (naja, ok, der Liszt war mir ein wenig zu krachig reingemeißelt in den forte-Passagen). Schubert hat er feinfühlig und mit viel Poesie gezeichnet und ganz hinreißend leichte Triller gespielt; beim Liszt virtuos und agil diese Mammutsonate aufgefächert. Trotzdem fehlte mir ein klitzekleinwenig die Magie, der Klang verzauberte mich nicht und auch der Interpretation fehlte das Besondere. Aber das ist wirklich Klagen auf sehr hohem Niveau und sicher auch ein sehr subjektives Geschmacksurteil. Ein sympathischer und klasse spielender Pianist!

Heike
Amadé (01.06.2011, 21:57):
Hallo Heike,

spielte er die (von mir so geliebte) Schubertsche f-moll Sonate als Fragment oder als vervollständigte Fassung?

Gruß Amadé
:hello
Heike (01.06.2011, 22:09):
Hallo Amadè,
gute Frage. Das kann ich dir nicht genau sagen, da ich diese frühe Sonate bisher nicht kannte: Da aber im Programm nichts weiter vermerkt ist, dass eine vervollständigte Bearbeitung gespielt wurde, nehme ich an, dass das Fragment gespielt wurde.
Es waren jedenfalls 4 Sätze.
Ich war ganz überrascht, was der junge Schubert da hingezaubert hat!
Heike

P.s. ich hab mal nach der Sonate gegoogelt, wenn ich mich erinnere was er gespielt hat und was real unvollendet ist, meine ich, dass er doch eine Bearbeitung spielte (ohne Gewähr).
nikolaus (01.06.2011, 23:08):
Original von Heike
30.5.2011
Benefizkonzert für Japan:

Martha Argerich Klavier
Itamar Golan Klavier
Mischa Maisky Violoncello
Jing Zhao Violoncello
Solisten der Berliner Philharmoniker: Guy Braunstein Violine, Daishin Kashimoto Violine, Amihai Grosz Viola

Wolfgang Amadeus Mozart - Sonate für Klavier zu vier Händen D-Dur KV 381
Franz Schubert - Notturno Es-Dur D 897
Dmitri Schostakowitsch - Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67
Antonín DvoYák - Terzett für zwei Violinen und Viola C-Dur op. 74
Robert Schumann - Klavierquintett Es-Dur op. 44

Ich hab ja neulich schon kurz geschrieben, ein beeindruckendes Konzert!
Schon am Beginn die Mozart- Klaviersonate (Argerich spielte den Part links) ließ ahnen, dass dies ein großartiger Abend werden würde. Da hätte Mozart sicher seine Freude dran gahabt, wie leichtfüßig sie über die Tasten flog, wie ein junges Mädchen, und wie sie fast improvisiert dahinspielte.
Mich hat natürlich das Schostakowisch- Trio sehr angerührt, schade, dass hier nicht die Argerich gespielt hat, das hätte ich noch lieber mit ihr gehört. Sehr viel ernsthafter gespielt als bei meinem letzten Erlebnis mit Say, Kopatchinskaja und Gabetta, dadurch noch ergreifender. Was hat der Schostakowitsch für ans Herz gehende Musik geschrieben!
Nicht so richtig was anfangen konnte ich mit dem (mir bisher unbekannten) Dvorak-Terzett. Erstmal fragte ich mich ständig, ob der bei Schubert abgeschrieben hat oder ob das immer wieder absichtlich zitiert wird (der Tod und das Mädchen war mir doch sehr präsent). Und dann hat es mich doch irgendwie gelangweilt, ohne tiefe Stimme plätscherte es so ein wenig gleichförmig dahin. Umso mehr dann der Schumann als Abschluss ein wahres Highlight meiner Kammermusikerfahrungen. Hier zeigte sich, wie sehr die Argerich doch die Szene dominiert, ich fand das sehr faszinierend - eine Leidenschaft sprüht da aus ihr, das fesselt unmittelbar und lässt alle andren Stimmen doch ein wenig in den Hintergrund treten. Trotzdem oder auch gerade deshalb sehr aufwühlend.

Heike

Eigentlich kann ich das so unterschreiben!

Aber ein bisschen will ich von meiner Seite doch noch ergänzen:

Es war für mich deshalb ein besonderes Erlebnis, weil das Umfeld auch so beeindruckend war:
Traumhaft schönes Wetter!
Der tradiotionsreiche Bahnhof Rolandseck liegt direkt am Rhein, von der Loggia, wo man auch essen kann (wie es die Künstler wohl nach dem Konzert getan haben, jedenfalls war eine lange Tafel gedeckt - beneidenswert!), hat man einen schönen Blick auf den Rhein. Der Festsaal ist klein (es passen vielleicht 200 Leute dicht gedrängt rein) mit auf alt gemachter, schöner Stuckdecke und erstaunlich guter Akkustik!
In den 60er Jahren haben hier legendäre Künstler gelebt, darunter eben auch Martha Argerich; von ihr hängen auch mir bis dato nicht bekannte Fotos vor dem Saal, die von Mischa Maisky eingehend betrachtet wurden.

Bei Mozart hatte ich den Eindruck, dass sich Itamar Golan und Martha Argerich v.a. im letzten Satz gegenseitig inspirierten, so lebendig und spontan erschien mir ihr Spiel.
Das Schubertsche Notturno hat mir auch gut gefallen.
Höhepunkt vor der Pause war natürlich das Schostakowitsch-Trio. Argerich habe ich vor ein paar Jahren live in Lugano damit erlebt, das war sehr eindrucksvoll. Aber Itamar Golan hat mich dann mit seiner Interpretation sehr positiv überrascht. Das hat er mit Braunstein und der ebenfalls überzeugenden Cellistin sehr inttensiv gestaltet.
Das Dvorak-Terzett war nett anzuhören und schön gespielt, aber ein bisschen harmlos war es in der Tat.
Das Schumann-Quintett: grandios. Ja, Martha Argerich dominiert dabei, ohne Frage, sie ist gleichsam der Motor. Aber ich finde immer, dass sie trotzdem die anderen zu ihrem "Recht" kommen lässt und sie zu Höchstleistungen antreibt.

Dieser Abend wird unvergesslich für mich bleiben!

Nikolaus.
Heike (02.06.2011, 10:48):
Das Schumann-Quintett: grandios. Ja, Martha Argerich dominiert dabei, ohne Frage, sie ist gleichsam der Motor. Aber ich finde immer, dass sie trotzdem die anderen zu ihrem "Recht" kommen lässt und sie zu Höchstleistungen antreibt.
Da hast du recht, "Motor" beschreibt es sehr gut. Es ist kein bloßes in den Mittelpunkt spielen, was sie macht. Es hat was faszinierendes, wie sich ihr Verve auf die anderen überträgt.

Es wurden in Berlin übrigens große Teile des Konzerts aufgezeichnet, es gab 5 zusätzliche Kameras rundum im Saal.
Heike
Fairy Queen (15.06.2011, 07:04):
Unter dem romantischen Titel "Wenn ich in deine Augen seh" gab es am Pfingstmontag ein von Sabine Loew inszeniertes Lied-konzert mit Estelle Kruger (Sopran), Monika Mascus(Mezzo) Claudia Felke ( Schauspiel) und Karsten Huschke (Klavier). Lied-Duette von Mendelsson, Schumann, Brahms, Dvorak und lLeder von Alma Mahler kontrastiert von Texten aus dem Roman "Amerika" von Sybille Berg und eienr Szene in einer fingierten Abfahrtshalle eiens flughafens in dem drei angehende Hollywoodschauspielerinnen auf einen schliesslich gecancellten Flug nach Los Angeles warten. Der Pinasit übernahm dabei gleichzeitig die Rolle des Servicepersonals bzw Barkeepers.

Lied einmal ganz anders und fûr mich ausgesprochen überzeugend dargeboten. Durch die Szenierie Warteraum ging nichts von der intimitât der Gattung verloren udn die beiden Sängeirnnen verstanden es fast immer ihre operngeschulten Stimmen den Anforderungen des Repertoire anzupassen und darüber hinaus mit viel komödiantishcem Talent zu überzeugen. Ich hatte ausserdem das unerwartete Glück die südafrikanische Koloratursopranistin Estelle Kruger, deren schône Stimme ich von jeher bewundert habe, in ihrer Abschiedsvorstellung zu erleben. Sie wird das Stadttheater Koblenz nach 10 Jahren, in denen sie angefangen mit dem Chor und über Soubrettenrollen bis zur Violetta und Lucia einen beeindruckenden Weg gegangen ist, nun leider verlassen. Ich fand sie zwar vor Jahren schon fast zu gut und habe mich immer wieder gewundert, dass sie noch dort geblieben ist, aber wo sonst hat man heute noch die chancen auf iene so organsische und gesunde Entwicklung???? eine kluge entscheidung so lange zu bleiben,denke ich
Die stimmen der beiden Sängerinnen harmonierten serh gut und die duette, teilweise sogar liegend gesungen, bekamen durch das szensiche Umfeld ganz neue Nuancen. Einiges kannte ich noch nicht z.B. die Duettversion von "Wenn ich in deine Augen seh" der Fanny Mendelssohn.

die texte von Sybille Berg gewannen durch die musikalische Umrahmung a und die Interpretation von Claudia Felke an Tiefe- allein für sich genommen bin ich eigentlich kein grosser Fan dieser Prosa.
alle drei Dmaen trugen das gleche purpurrotsamtene raffinerte varierbare Konzertkleid und stellten unterschiedliche Verkörperungen derselben Frau dar: die toughe Businesswoman mit Laptop, das etwas hystrische Blondie mit Dauerhandyjkontakt und die bitter abgeklârte vom Leben mit allen Wassern gewaschene alternde Diva.
Ein sehr gelungener Konzertabend, der mir viele Anregungen gegeben hat und noch lange im gedâchtnis bleiben wird.
F.Q.

Koblenz hat durch die Bundesgartenshow im moment eienn grossen Aufschwung, der sich auch im kulturprogramm zeigt: samstagabend auf der Festung Ehrenbreitstein in hochromantischem Ambiente gab es zuerst tango mit Vivaldi von einem ensemble aus Neapel (Desiderio furioso oder so ähnlich) und dann einTangoorchester plus Tanz plus Gesang live- auch das war ein grossartiges Erlebnis. Vor allen dingen die Seilbahnfahrt im Mondschein und mit Feuerwerk auf dem Rhein zurück in die Stadt! Fast so schönn wie bei Brentano und Eichendorff.... :engel
Heike (22.06.2011, 14:48):
Ein ganz kurzes rückblickendes Blitzlicht wegen einer jungen Dame, die genannt werden muss:

Sonntag in der Berliner Philharmonie gehört: Haydn "Die Schöpfung" mit dem RSB, dem Rias Kammerchor und Janowski: Ein zauberhafter Sopran: Julia Kleiter, die beide Männer (Michael Schade; Johan Reuter) mühelos und brilliant in den Schatten stellte. Bravo!
Heike
Tosca (22.06.2011, 19:12):
Hallo Heike,

Julia Kleiter verfügt wirklich über eine wunderschöne Sopranstimme. Sie ist mir vor einigen Jahren als Pamina in der Zürcher Zauberflöte aufgefallen, die übertragen wurde. Davon gibt es auch eine DVD.

LG Tosca
Amadé (15.07.2011, 21:09):
Fast am Ende des diesjährigen Festival-Klavier Ruhr gastierte gestern Martha Argerich im Konzerthaus Dortmund. Mit von der Partie waren die russische Pianistin Lilya Zilberstein, mit der sie immer wieder zusammen arbeitet, sowie die beiden Schlagzeuger Thomas Meixner und Dirk Rothbrust. Für mich war es die erste live-Begegnung mit der argentinischen Pianistin, hoffentlich nicht die letzte.
Zu Beginn spielte das Klavierduo die Haydn-Variationen von Brahms, in der ursprünglichen Fassung für 2 Klaviere, die beiden Flügel waren etwas verschränkt gegenüber positioniert, so dass sich die beiden Pianistinnen eigentlich hätten sehen können, wenn sie nicht aus den Noten gespielt hätten. Also mussten sie sich auf ihr gleichgestimmtes Feeling verlassen. Nachdem meine Ohren sich schnell auf den ungewöhnlich breiten Klavierklang eingestellt hatten, wurde ich eingenommen von den ungemein zarten Klängen in den ruhigen Partien, wieselschnelle Finger huschten über die Tasten und zeichneten eindringlich Brahms‘ Melodien nach. Wie von Argerich erwartet, wurde die 6.Variation (in der Orchesterfassung mit den bewegten Hörnern) sowie der Schluss der Passacaglia kraftvoll und mit Feuer hingelegt. Die beiden Pianistinnen waren bestens aufeinander eingespielt und boten eine stimmige Interpretation, die im nahezu ausverkauften Haus begeistert aufgenommen wurde.
Danach die Suite aus Ravels Ma Mère l’Oye für Klavier zu 4 Händen, Argerich spielte wieder den oberen Part. Die kleinen Miniaturen wurden meist sehr leicht, filigran nachgezeichnet. Es war eine Wonne anzusehen, wie die Hände der beiden Spielerinnen mit den teils verschränkten, dann wieder sich von einander entfernenden Melodien und Spielfiguren umgingen. Die Intensität der Darstellung erhöhte sich sicher auch durch ständigen Blickkontakt. Diese Darstellung hat mich sehr überzeugt, weniger als auf meinen Plattenaufnahmen, darunter so eine Ravelkapazität wie Casadesus. Vielleicht müssen bei diesem Stück Augen und Ohren gleichermaßen angesprochen werden.
Als drittes und letztes Stück vor der Pause spielten Argerich und Zilberstein dann das Concerto pathetique für 2 Klaviere von Franz Liszt. Der Komponist muss mit seiner Schöpfung wohl selbst wenig zufrieden gewesen sein, davon zeugen zahlreiche Bearbeitungen, auch eine Fassung für Klavier und Orchester ist überliefert, veröffentlich hat Liszt diese Musik nicht. Ich fand das Concerto pathetique als sehr äußerlich, viel Gedonnere und Getöse, gespickt mit den größten pianistischen Schwierigkeiten an allen Ecken und Kanten, das ließ sich trefflich beobachten, wie sich die beiden durch Liszts hohl scheinende Notenwelt kämpften, allein der Mittelteil gefiel. Auf mich machte es den Eindruck von Musik als Wirkung ohne Ursache. Nur das Auge war gefangen vom Totaleinsatz der Musikerinnen, die jetzt ihre Instrumente getauscht hatten.
Nach der Pause dann Bartoks selten aufgeführte dreisätzige Sonate für 2 Klaviere und Schlagzeug. Ach hier hatte ich den Eindruck, dass diese Musik in der live-Aufführung einen viel stärkeren Eindruck hinterlässt, als wenn man sie ausschließlich vom Tonträger hört. Das Agieren vor allem der beiden Schlagzeuger, die vom Komponisten durchgehend beschäftigt werden, stärkte m.E. die Wahrnehmung der Komposition. Am Zugänglichsten waren für mich das impressionistisch gefärbte Lento sowie der schnelle Schlusssatz mit dem wie Volksmusik klingenden Hauptthema, der dann noch als Zugabe wiederholt wurde. Unbedingt müssen auch die beiden jugendlichen Umblätterer erwähnt werden, die ihre schwierigen Aufgaben vor allem bei Liszt und Bartok meisterten und ständig im Einsatz waren und glauben ließen, dass sie zur Aufführung wie die Musik selbst gehörten. Sie rundeten für mich den Eindruck diesen Abends „Musik eher für’s Auge“ treffend ab.

Grüße Amadé
Heike (16.07.2011, 08:19):
Lieber Amade,
das geht mir auch so, dass ich bei live- Erlebnissen oft auch Musik was abgewinnen kann, die mich auch CD einfach nur langweilen würde.

Eine Frage noch:
Die Intensität der Darstellung erhöhte sich sicher auch durch ständigen Blickkontakt. Diese Darstellung hat mich sehr überzeugt, weniger als auf meinen Plattenaufnahmen, darunter so eine Ravelkapazität wie Casadesus. Vielleicht müssen bei diesem Stück Augen und Ohren gleichermaßen angesprochen werden.
Warum "weniger als"? Ein abendlicher Verschreiber?
Heike
Amadé (16.07.2011, 11:14):
Hallo Heike,

gut aufgepasst! Danke.
Es war natürlich gemeint: mehr, ich würde sogar sagen viel mehr als auf einer Plattenaufnahme. Ich hätte das Wörtchen "als" weglassen sollen.

Ein schönes Wochenende wünscht Dir
Amadé
nikolaus (16.07.2011, 17:19):
Ja, es war wieder ein großartiger Abend.

Ich habe Martha Argerich mit diesen Werken schon mehrfach mit unterschiedlichen Partnern gehört, und es klingt jedesmal anders, ist immer spannend und ein Erlebnis!

Nikolaus.
ab (18.07.2011, 18:37):
Original von Amadé
Auf mich machte es den Eindruck von Musik als Wirkung ohne Ursache.

Grüße Amadé

Ein Satz für unserer Rubrik: "Über solche Sätze freue ich mich!"
:thanks
nikolaus (23.07.2011, 10:09):
Zur Zeit läuft wieder das Verbier Festival mit vielen live-streamings auf medici.tv.

Gestern gab es einen großartigen Abend mit - na wem wohl - Martha Argerich:

L.v.Beethoven: Violinsonate G-Dur op. 30 no. 3 mit Renaud Capuçon, Violine

R.Schumann: Märchenbilder op. 113 mit Yuri Bashmet, Viola

R.Schumann: Fantasiesstücke op. 73 mit Gautier Capuçon, Cello

S.Rachmaninov: Symphonische Tänze op. 45 mit Nelson Goerner, Klavier

M.Ravel: La Valse mit Nelson Goerner, Klavier

Ihr werdet sicher einwenden: Mein Gott, wie langweilig, immer dasselbe!
Aber ich kann mich bei Martha daran nicht satt hören. Es ist jedesmal anders und jedesmal überwältigend, voller Lebendigkeit, Gefühl, Kraft, orchestraler Wucht...
Und gestern war es besonders rührend zu sehen, wie sie von ihren Mitmusikern geliebt und verehrt wird.

Nikolaus.
ab (23.07.2011, 12:26):
Original von nikolaus
immer dasselbe!


eher: Mein Gott, wie langweilig, immer dieselben! :hello

Warum nicht einmal andere, jüngere Solisten wie Cédric Pescia, David Kadouch, Vilde Frang, Natalie Clein ...
nikolaus (23.07.2011, 13:16):
Original von ab
Original von nikolaus
immer dasselbe!


eher: Mein Gott, wie langweilig, immer dieselben! :hello

Warum nicht einmal andere, jüngere Solisten wie Cédric Pescia, David Kadouch, Vilde Frang, Natalie Clein ...

Man könnte sagen: never change a winning team.

Nun, es verhält sich einfach so, dass diese Konstellationen für mich rein persönlich besonders beglückend sind.

Pescia habe ich live mit Schumann erlebt, sehr gut aber eben kein "wow"-Effekt.
Kadouch kenne ich bisher nur von CD: Shostakovich und Grieg, sicher auch sehr gut, würde ich live sicher sehr gerne hören.
Frang steht auf meiner to do-Liste für die kommende Saison.

Clein kenne ich (leider?) nicht.

Ich lasse mich immer gerne von jungen oder nicht so bekannten Künstlern "verführen", gerade dazu ist mein bald jährlicher Aufenthalt in Lugano sehr geeignet.

Damit will ich also zeigen, dass es nicht immer dieselben sind, aber eben s.o.

Nikolaus :hello
ab (23.07.2011, 19:27):
Ich weiß, gerade in Verbier kann man viele jungen kennen lernen. Natalie Clein war übrigens auch schon in Verbier eingeladen.

Aus mir sprach nur der Neid, einfach weil ich auch einmal gerne nach Verbier fahren würde und weil ich diese Konstellationen für mich rein persönlich leider nicht besonders beglückend finde :D

Genauso ärgere ich mich, dass in der kommenden Saison nun bereits zum vierten Mal Paul Lewis spielen darf, statt dass einmal mich "besonders beglückende" eingeladen würden. :I
Heike (08.09.2011, 08:14):
Gestern in der Philharmonie (mein persönlicher Saisonauftakt)
Anima Eterna Brugge - Jos van Immerseel.
mit einem ungewöhnlichen Liszt-Programm:

Ungarische Rhapsodie Nr. 3 für Orchester D-Dur
Aus den Trois odes funèbres: La notte
Deux Légendes
1. St. François d’Assisi La prédication aux oiseaux
2. St. François de Paule marchant sur les flots
Les préludes (d’après Lamartine). Symphonische Dichtung
Von der Wiege bis zum Grabe. Symphonische Dichtung
Totentanz; Paraphrase über »Dies irae« für Klavier und Orchester

ergänzt durch Hugo Wolf: Harfenspieler I, II , III, Prometheus
aus den Goethe-Liedern für Stimme und Orchester;
Thomas Bauer Bariton

Liszt mal ohne Klaviersolo-Stücke, das ist ja doch eher selten. Entsprechend halbvoll war der Saal, schade. Schon allein für den wahnsinnigen "Totentanz" hätte sich der Besuch gelohnt! Pascal Amoyel an einem Fortepiano Erard von 1886 - was für ein Klangerlebnis. Das tut meinen Ohren gut, mal einen anderen Klavierklang zu erleben als Steinway, und dann auch noch so virtuos gespielt. So stelle ich mir den ollen Liszt vor, wie er in die Tasten haut. Ein ganz warmer, aber eher obertonreicher Klang, sehr spezifisch. Vor allen in den tiefen Tönen ganz anders als beim modernen Flügel und ungeheuer gut passend zu den alten Instrumenten. Das hat mir ausgesprochen gefallen, wobei das Stück an sich schon Gänsehaut macht - Dies irae- Variationen, einfach wahnsinnig.

Der Rest des Programms war wie eine Kurzreise durch das Leben von Liszt, fernab von seinem Klaviervirtuosentum und durch das HIP-Orchester ohne Pomp und Wucht. Insbesondere das hochdepressive, fast körperlich karge, kaltmachende "Von der Wiege bis zum Grabe" fand ich sehr gruselig, durch die sparsame Umsetzung mit dem kleinen Orchester kam das perfekt zur Geltung. Mich stören da einzelne Wackler, die man unvermeidlich hört, gar nicht. Wenn man alte Blasinstrumente so spielen kann, da kriege ich Gänsehaut pur. Zum Beispiel das Englischhorn in den Legenden, wunderschön. Überhaupt hört man vieles, was sonst im Streicherteppich untergeht. Ich liebe diesen transparenten, feinen, Klang, der die Bläser sehr herausstellt und alle Stimmen gut miteinander spielen lässt.

Sehr verwundert und positiv überrascht haben mich die Orchesterlieder von Hugo Wolf (ich wusste gar nicht, dass der für Orchester geschrieben hat). Der mir bisher unbekannte Thomas Bauer sang das sehr berührend, übrigens auswendig. Mir hat seine Stimme sehr gut gefallen. Man kriegt fast selbst Suizidgedanken bei diesen (mit dem Bariton gut verständlichen) Texten, wenn die so ausdrucksvoll dargeboten werden. Dieses düstere, brüchige, morbide Flair geht nahe und durch das kleine Orchester finde ich es nochmal anrührender.

Es lohnt sich doch immer wieder, Programme anzuhören, die unbekanntes Terrain entdecken helfen.
Heike
nikolaus (11.09.2011, 21:35):
Gestern public viewing des Eröffnungskonzertes des diesjährigen Beethovenfest Bonn auf dem Bonner Münsterplatz (beim gefühlt einzig schönen Sommertag in diesem Jahr...)

L.v.Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
P.Tchaikovsky: Sinfonie Nr. 5 e.moll op. 64

Hélène Grimaud
Pittsburgh Symphony Orchestra
Manfred Honeck

Intensives 4. KK, wobei der langsame zweite Satz leider in der etwas unruhigen public viewing Atmosphäre verloren ging.
Grandiose 5. Sinfonie!

Ich habe das Orchester vorher erst einmal erlebt und war überhaupt nicht angetan: zu grob, zu knallig und zu penetrante Blechbläser für meinen Geschmack. Aber im Freien wirkte das hier sehr gut und mitreissend!

Nikolaus.
Heike (13.09.2011, 17:46):
12.9.2011 Philharmonie Berlin

Sächsische Staatskapelle Dresden - Christian Thielemann Dirigent
Tzimon Barto Klavier

Ferruccio Busoni - Nocturne symphonique für Orchester op. 43
Hans Pfitzner - Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur op.31
Johannes Brahms - Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68

Spannendes Konzert: Thielemann als zukünftiger Chef der Dresdner und ehemaliger Operndirigent der Berliner DOB - ein alter Berliner zurück in der Heimat. Und er schien riesige Freude dran zu haben!

Gleich das erste Stück von Busoni ließ er wiederholen - "weil es so schön ist".

Danach das Klavierkonzert von Pfitzner mit Tzimon Barto, ein riesiger Mann, der dieses komische Werk mit Noten spielte. Wenn ich nicht wüsste, dass das Stück 1922 geschrieben wurde, hätte ich es glatt in die Mitte des 19. Jahrhunders verortet. Barto hat mich diesmal nicht so begeistert. Mag auch am Stück gelegen haben, das ich ziemlich langweilig fand. Der Pianist konnte auch nicht glänzen, es gab weder wirklich schöne Melodien, noch Klänge und virtuos war es auch nicht. Gerademal am Beginn des dritten Satzes gab es eine längere, langsame solistische Passage für das Klavier, die interessant war. Barto spielte dann noch "Mignon" von Schumann als Zugabe, und zwar unendlich langsam, das fand ich durchaus grenzwertig. Aber im solistoschen Piano fand ich ihn besser als in diesen eher gleichförmigen Klavierkonzertpassagen.

Brahms zum Abschluss spielte Thielemann sehr dramatisch und zupackend, aber mit Freude am Detail. Teilweise war es schön (v.a. der dritte Satz gefiel mir gut), aber teilweise klang es dann doch eher wie Wagner als wie Brahms. Die Staatskapelle hat einen sehr sehr schönen Klang und die saßen gespannt vor Aufmerksamkeit ganz kerzengerade auf den Sitzen, also da stimmt die Chemie. Großer Applaus.

Abschließend gab es sogar noch ein Lohengrin-Vorspiel als Zugabe - und die Berliner jubelten ihrem alten Star natürlich feste zu. Meiner Meinung nach das beste am ganzen Abend - Thielemann und Wagner, das passt!
Heike
Armin70 (13.09.2011, 18:43):
Original von Heike
12.9.2011 Philharmonie Berlin

Sächsische Staatskapelle Dresden - Christian Thielemann Dirigent
Tzimon Barto Klavier

Ferruccio Busoni - Nocturne symphonique für Orchester op. 43
Hans Pfitzner - Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur op.31
Johannes Brahms - Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68


Hallo Heike,

danke für deine Konzerteindrücke. Heute abend überträgt übrigens MDR-Figaro von 20:05 Uhr bis 22:00 Uhr eine Aufzeichnung mit dem gleichen Konzertprogramm und den gleichen Interpreten vom 03.09. aus der Dresdner Semperoper.

Ich bin mal auf Pfitzners Klavierkonzert gespannt, das ich bis jetzt noch gar nicht kenne. Interessant ist, dass mit Busoni und Pfitzner zwei Antipoden auf dem Programm stehen. Soweit ich weiss, konnte Pfitzner mit Busonis Musik überhaupt nichts anfangen, aber ich glaube Pfitzner, der erz-konservativ war, hatte wohl mit so ziemlich allen damaligen modernen Komponisten seine Probleme.

Armin
Heike (13.09.2011, 21:07):
Hallo Armin,
Busoni finde ich viel interessanter als Pfitzner. Busoni hat übrigens auch ein Klavierkonzert geschrieben, das ich total klasse finde. Es dauert sage und schreibe 70 Minuten!
Heike
Armin70 (13.09.2011, 22:00):
Hallo Heike,

ja, das Klavierkonzert von Busoni mit Männerchor im Finale steht auch schon seit einiger Zeit auf meiner musikalischen "to-do-Liste". Zwar kenne ich sowohl von Busoni und Pfitzner nur wenige Werke aber davon fand ich Busoni`s Musik ehrlich gesagt auch interessanter.

Armin
Heike (18.09.2011, 20:11):
18.9.2011; 11 Uhr Kammermusiksaal Berlin
András Schiff

30 Jahre IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges
Benefizkonzert zugunsten von IPPNW

Ludwig van Beethoven - Sonate für Klavier Nr. 30 E-Dur op. 109
Béla Bartók - Sonate für Klavier Sz 80
Leoš Janácek - Sonate 1.x.1905 »Von der Straße«
Franz Schubert - Sonate für Klavier G-Dur D 894 op. 78

Ein tolles Programm - András Schiff habe ich zum dritten Mal live gehört und wieder hat er mir viel, viel besser gefallen als auf der CD. Ich will gar nicht viel sagen, nur das:
Bei Janácek stand er im zweiten Satz auf und sagte "DIESE Sonate KANN man nicht mit Husten spielen", ging raus. Er kam dann wieder rein, begann ganz von vorn - und ich habe es soooooo genossen, keiner sagte mehr einen Piep und es war mucksmäuschenstill, ach wie schön war das, ich hätte in den Flügel reinkriechen können beim Schubert! Danke Herr Schff.
Heike
Amadé (18.09.2011, 20:55):
Hallo Heike,

Schiff mag seit Jahren eine intensive Bezuehung zur Janacek-Sonate aufgebaut haben, ich habe das Werk vor einigen Jahren auch von ihm gehört. Es gibt/gab auch eine CD mit dieser Komposition und anderen Janacek-Stücken mit ihm:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41srpiAOAQL._SL500_AA300_.jpg

Gruß Amadé
Heike (18.09.2011, 22:20):
so und weil es in Berlin so viele tolle Konzerte gibt, gleich noch ein Nachtrag von gestern:

musikfest berlin 17.9.2011, Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin
Luigi Nono: Prometeo
Tragedia d‘ascolto nach Texten u. a. von Aischylos, Walter Benjamin und Friedrich Hölderlin, zusammengestellt von Massimo Cacciari für 5 Vokalsolisten, 2 Sprecher, Chor, Solostreicher, Solobläser, Gläser, 4 Orchestergruppen, Live-Elektronik und 2 Dirigenten

Cyndia Sieden und Silke Evers, Sopran
Susanne Otto und Noa Frenkel, Alt
Hubert Mayer, Tenor
Caroline Chaniolleau und Mathias Jung, Sprecher
Instrumentalsolisten des Ensemble Modern, Schola Heidelberg
Konzerthausorchester Berlin, Leitung: Matilda Hofman und Arturo Tamayo
Experimentalstudio des SWR, André Richard, Klangregie,

"Es erwarten den Gedanken Gelegenheiten" (aus dem Text)

Ein verrücktes Werk! Schon die Anordnung der vielen Protagonisten im Saal war Wahnsinn: die Mitwirkenden (Orchester, Chor, Solisten) waren im ganzen Raum verteilt, in Gruppen in in allen Himmelsrichtungen (der Kammermusiksaal ist eher rund) - und auch noch in 3 Ebenen: auf der Bühne/den ersten Zuschauerreihen, auf dem Mittelgang in der ersten Ebene und oben auf den Emporen. Dazu die 2 Dirigenten, durch Monitore überall hin übertragen. Und ein riesiges Mischpult vorn.

Dementsprechend kamen die Klänge von überall her - Surround-Sound im modernen Kino ist nix dagegen. Zudem waren mit der Elektronik ganz irre Effekte reingemischt - Stimmen wurden vervielfältigt, höher transponiert, als Echo zugespielt, Klänge wurden verarbeitet, durch den Raum weitergegeben, ich weiß nicht was alles gemacht wurde, aber es war ein Klangfest. Man wusste gar nicht, wo man hinsehen oder hinhören sollte. Zudem nicht immer der Klang daherkam, wo man gerade hinsah.

Es dauerte 2,5 Stunden, ohne Pause. Sehr sehr viele leise Töne, an der Grenze der Hörbarkeit. Ein Gemisch aus Intervallen und Klängen, die sich gegenüberstehen und dann wieder ineinandergreifen. Sehr irritierend mitunter.

Das Thema des Stückes war - ausgehend vom Prometheus-Mythos- die Geschichte der Menschheit und ihrer Kultur. Eine Oper ohne Bühne? Prometheus bringt den Menschen das Feuer und damit beginnt es. Die antiken Mythen (v. a. Aischylos), werden mit Hölderlin und Walter Benjamin ergänzt, man konnte seine Gedanken davon ausgehend überall hin schweifen lassen. Eigentlich waren es Unmengen von Puzzleteilen, die im Raum umherschwebten.

Das würde ich gern nochmal hören - natürlich live. Unmöglich, sowas auf CD aufzunehmen.
Heike
Heike (18.09.2011, 22:20):
@Amadé: danke für den Hinweis zu Schiff und Janácek! Ich werde mal bei Dussmann reinhören. Ist das eigentlich dieselbe Aufnahme wie die 2001 erschienene CD "Janácek: A Recollection" oder hat der das nochmal aufgenommen?
Heike
Armin70 (18.09.2011, 22:47):
Hallo,
Andras Schiff hat zweimal Klaviermusik von Leos Janacek aufgenommen. Die von Amadé genannte Aufnahme entstand 1992:

Original von Amadé
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41srpiAOAQL._SL500_AA300_.jpg


Die zweite Aufnahme:

entstand 2000.

In ClassicsToday bekam diese zweite Aufnahme die Bestwertung (10/10) mit folgender Begründung:
The piano music of Leoš Janácek does not play itself. Janácek approached the instrument not so much as a virtuoso vehicle than as a tool to express his idiosyncratic, speech-like musical thoughts. And what thoughts! You have the diverse and unpredictable short pieces making up the On An Overgrown Path suites, the alternately brooding and restless drama of the Sonate 1.X.1905, plus the graceful and declamatory four-movement suite In The Mist. András Schiff's performance of the Sonate marked the high point of his 1999 Lucerne Festival recital, which I was fortunate enough to attend. It whetted my appetite for the present release. Put simply, Schiff's Janácek cycle (his first solo project for ECM) has proven to be the most accomplished, idiomatic, and lovingly detailed since Rudolf Firkusny's DG and RCA traversals of the composer's complete piano music. Comparing Schiff's 1992 Decca recording of On An Overgrown Path Book One to his ECM remakes, I find the new versions consistently riper in nuance, more flexible in rhythm, more sharply accented (try the central movements four through seven), and benefiting from ECM's more resplendent engineering. The other works boast no less detail and passion from Schiff's fingers, especially in the Sonata's multi-leveled articulation and dynamic scaling in the first movement. Here Schiff's pronounced differentiation between legato and staccato creates a textural richness that even surpasses Firkusny's mastery. In short, Schiff's Janácek now ascends to the head of the class among reference versions. Long may it reign! --Jed DIstler, ClassicsToday.com

Armin
Heike (18.09.2011, 23:00):
Danke :thanks :thanks
Heike
Heike (20.09.2011, 08:11):
19.9.2011 Konzerthaus Berlin, großer Saal
"Letztes Werk"

Akademie für Alte Musik Berlin
Marlis Petersen Sopran
Bernhard Forck Konzertmeister

Johann Christian Bach Ouvertüre zur Oper "Artaserse"
Christoph Willibald Gluck "Berenice, che fai" - Szene und Arie für Sopran und Orchester (aus der Oper "Antigono")
Joseph Haydn Sinfonie Nr. 49 f-Moll Hob I:49 ("La Passione")
Georg Philipp Telemann "Ino" - Kantate für Sopran und Orchester

Wieder so ein Programm ganz nach meinem Geschmack! Zuerst die schöne Gluck-Szene und dann auch noch die letzte Telemann-Kantate! Das hat mich absolut überrascht, dass der 84jährige Telemann so beeindruckende Musik geschrieben hat. Fast schon eine kleine Oper, könnte man sagen, sehr dramatisch, schön durchkomponiert. Das hätte gut und gerne auch von Gluck sein können, wenn es nicht auf deutsch gewesen wäre. Inhalt: Die thebanische Königstochter Ino (Schwester der Semele) flieht mit ihrem Sohn vor ihrem wahnsinnigen Mann, stürzt sich den Felsen hinunter ins Meer - und wird durch ein Wunder errettet. Es war göttlich gesungen, ach was, es war packend interpretiert, von Marlis Petersen. Tolle Stimme, natürlich und ausdrucksstark zugleich.
Die Akademie für alte Musik spielte so, wie ich es mag - schlank, klangschön und beschwingt. Das kam natürlich auch der Haydn-Sinfonie zu Gute, ich konnte mir direkt vorstellen, wie das damals gespielt wurde.
Schade, dass im Konzerthaus sehr viele Sitze leer blieben.
Heike
nikolaus (22.09.2011, 22:59):
Zwei kurze Erlebnisse aus Paris:

Am Dienstag in der Salle Pleyel:

Brigitte Engerer und Boris Berezovsky mit einem Programm unter dem Motto Transkriptionen:

C.Debussy: Prélude à l'après-midi d'un faune (Fassung für zwei Klaviere)

M.Ravel: Rhapsodie espagnole (für Klavier vierhändig)
La Valse (für zwei Klaviere)

J.Brahms: vier ungarische Tänze (Klavier vierhändig)
S.Thalberg: Grande Fantaisie et Variations sur des motifs de l’opéra Norma de Bellini, op.12. (zwei Klaviere)

F.Liszt: Réminiscence de Don Juan

Zugaben:
M.Ravel: zwei Stücke aus Ma mère l'oye
und noch ein Rausschmeisser - eine Polka für Klavier dreihändig von einem südamerikanischen Komponisten, dessen Name mir entfallen ist

Am Ende Ovationen, die ich - ehrlich gesagt - nicht ganz nachvollziehen konnte (wahrscheinlich ist Brigitte Engerer Lokalmatadorin). Ich habe mich phasenweise etwas gelangweilt. Vor allem, weil der Programmteil nach der Pause geändert wurde, geplant war eigentlich der Sacre von Strawinsky für zwei Klaviere - der hatte mich eigentlich interessiert.
Zugeben muss ich, dass Liszt und Brahms wirklich gut waren, wenn auch mich nicht mitreissend.


Gestern im Auditorium du Louvre (mit live-Übertragung auf medici.tv, kann man derzeit dort noch anschauen):

Akiko Suwanai (Violine) und Nicholas Angelich (Klavier):

R.Schumann: Violinsonate Nr. 2 d-moll op. 121
S.Prokofiev: Fünf Melodien für Violine und Klavier op. 35bis

R.Strauss: Violinsonate Es-Dur op. 18

Zugabe: J.Brahms: 2. Satz aus der Violinsonate Nr. 3

Das war eindeutig nach meinem Geschmack:
Ein abwechslungsreiches Programm, famos gespielt.
Der Beginn der Schumann-Sonate verursachte direkt eine Gänsehaut. Zwar ging es nicht durchgängig so intensiv weiter, aber schön war es trotzdem.
Prokofiev gingen die beiden deutlich zurückhaltender an als die mir bekannte Aufnahme mit Kremer/Argerich, aber sehr differenziert ausgearbeitet war das auf jeden Fall.
Die Strauss-Sonate hat mich wirklich begeistert. Ich bin sicher kein Fan seiner Musik, und diese Sonate kannte ich bisher nur in einer nicht so tollen Orchesterversion (ich berichtete aus Lugano davon). Aber gestern empfand ich sie als ungemein spannend und mitreissend.
Das wunderschöne Adagio aus Brahms 3. Sonate war ein schöner Abschluss.

Nikolaus.
Heike (26.09.2011, 21:25):
Noch ein ganz kurzer Nachtrag von Sonntag aus der Philharmonie:

Olivier Messiaen ›L‘ascension‹
Franz Schubert ›Lazarus‹ - Oratorium für Soli, Chor und Orchester (Fragment)

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin - Ingo Metzmacher
Ernst Senff Chor Berlin

Eigentlich hab ich gar keine Zeit für einen langen Bericht (und das Lazarus_Oratorium wäre den durchaus wert), aber ganz kurz muss ich schnell schreiben: Marlis Petersen als Maria, die ich nun innerhalb einer Woche zum zweiten Mal gehört habe, die war wieder wahnsinnig gut. Zumal sie zwei weitere (auch nicht schlechte) Soprane an der Seite hatte, was den Vergleich unmittelbar möglich machte. Ihre sehr sehr klare Stimme war auch in der Höhe absolut textverständlich und mit wunderschönem Ausdruck. Toll! Perfekt für ein Oratorium. Bitte mehr davon.
Heike
Zuckermann (28.09.2011, 21:20):
Viel Zeit habe ich auch nicht, deshalb nur:
Liebe Heike,
Ich stimme Dir zu, auch wenn mich der - mir bislang unbekannte - Lazarus etwas ratlos zurückgelassen hat. L'ascension gefiel mir sehr - das kann Metzmacher einfach, finde ich.
Marlis Petersen hat auch mich von den Sängerinnen am meisten beeindruckt. Ich möchte aber noch Gerald Finley erwähnen, der ähnlich ausdrucksstark war wie Frau Petersen. Insgesamt ein spannender Abend.
:hello

Ekkehard
Severina (28.09.2011, 22:39):
Original von Heike
19.9.2011 Konzerthaus Berlin, großer Saal
"Letztes Werk"

Akademie für Alte Musik Berlin
Marlis Petersen Sopran
Bernhard Forck Konzertmeister

Johann Christian Bach Ouvertüre zur Oper "Artaserse"
Christoph Willibald Gluck "Berenice, che fai" - Szene und Arie für Sopran und Orchester (aus der Oper "Antigono")
Joseph Haydn Sinfonie Nr. 49 f-Moll Hob I:49 ("La Passione")
Georg Philipp Telemann "Ino" - Kantate für Sopran und Orchester

Wieder so ein Programm ganz nach meinem Geschmack! Zuerst die schöne Gluck-Szene und dann auch noch die letzte Telemann-Kantate! Das hat mich absolut überrascht, dass der 84jährige Telemann so beeindruckende Musik geschrieben hat. Fast schon eine kleine Oper, könnte man sagen, sehr dramatisch, schön durchkomponiert. Das hätte gut und gerne auch von Gluck sein können, wenn es nicht auf deutsch gewesen wäre. Inhalt: Die thebanische Königstochter Ino (Schwester der Semele) flieht mit ihrem Sohn vor ihrem wahnsinnigen Mann, stürzt sich den Felsen hinunter ins Meer - und wird durch ein Wunder errettet. Es war göttlich gesungen, ach was, es war packend interpretiert, von Marlis Petersen. Tolle Stimme, natürlich und ausdrucksstark zugleich.
Die Akademie für alte Musik spielte so, wie ich es mag - schlank, klangschön und beschwingt. Das kam natürlich auch der Haydn-Sinfonie zu Gute, ich konnte mir direkt vorstellen, wie das damals gespielt wurde.
Schade, dass im Konzerthaus sehr viele Sitze leer blieben.
Heike

Liebe Heike,

da wäre ich gerne dabei gewesen, denn Marlis Petersen zählt zu meinen Lieblingssängerinnen. Ich finde ihre intensive Rollengestaltung auch immer besonders unter die Haut gehend!

lg Sevi :hello
Heike (28.09.2011, 23:10):
Lieber Zuckermann,
so unterschiedlich ist das, ich fand Lazarus total spannend und L‘ascension eher langweilig (was aber am Werk und nicht an Metzmacher lag bei mir)! Finley fand ich auch klasse.

Liebe Sevi,
"Rollengestaltung" ist ja fast noch unterschätzt. Die war sogar präsent, wenn sie gar nicht sang. Während die anderen Solisten (an dem anderen abend mit ihr) meist konzentriert in ihre Noten sahen, wenn sie nicht dran waren, wirkte Marlis Petersen wie mitten in der Musik, hörend. Sehr faszinierend zu beobachten. Ich glaube, die sollte sich mal an Liedern versuchen?
Heike
Heike (12.10.2011, 23:30):
Konzerthaus Berlin, 12.10.2011
Fazil Say Klavier

Joseph Haydn Variationen f-Moll Hob XVII:6
Igor Strawinsky Drei Stücke aus "Petruschka"
Ludwig van Beethoven Sonate c-Moll op. 111
Bernd Alois Zimmermann "Enchiridion" (Kleine Stücke)

Vorab mein Fazit:
Haydn: misslungen. Strawinsky: Thema verfehlt. Beethoven: unerträglich. Zimmermann spinnert. Gesamteindruck: dazu sage ich besser gar nichts..
Ein meiner Meinung nach völlig idiotisches Konzert. Das hat mich umso mehr entsetzt, als ich ihn schon 2x gehört habe, einmal auch in einem Recital mit einer hübschen Bach-Chaconne, Beethovens Sturmsonate (eher frei, aber gelungen) und den richtig guten Bildern einer Ausstellung. Das andere Mal mit Kammermusik, die alles in allem auch toll gemacht war. Heute war das nun das pure Gegenteil, für mich so miserabel, dass ich vorläufig sicher kein Konzert dieses Mannes besuchen werde.

Am Beginn Haydn: Völlig abartige Phrasierungen, dahingenudelt, lieblos runtergespielt, ohne jede Feinheit und Harmonik. Zudem spielte er (alles) mit Noten, die auf dem Flügel (nicht auf dem Notenständer) lagen und die er selbst umblätterte - was manchmal zu völlig unmotivierten Pausen führte. Äußerst schräg.

Dann Strawinsky, der mich ja eigentlich immer v.a. durch seine brillianten und raffinierten Rhythmen fasziniert. Nichts da. Dafür grobe und dahingehämmerte Musik. Unerträglich laute Bässe. Dazu fast durchgängiges Füßestampfen im Takt neben den Pedalen. Manirierte Gestik, weit ausholende Armschwingungen.

Dann Pause (die Programmgestaltung erschließt sich mir auch nicht, der Zimmermann nach dem Beethoven war mehr als merkwürdig).

Also weiter mit Beethoven. Der hätte sich im Grabe umgedreht. meine ich. Ich liebe ja eigentlich Leute, die nicht am Notentext kleben und sich gewisse Freiheiten erlauben. Aber das war dynamisch sowas von daneben, das gibts gar nicht. Der erste Satz war martialisch und plump laut hingeknallt, der zweite zerfiel völlig, mir absolut unverständliche Betonungen, es glitt stellenweise in Swing ab, reine Show.

Zuletzt Zimmermann. Es klang so, als wenn er es gar nicht kann, oder zumindest, als wenn er es nicht leiden kann. Er hämmerte stellenweise gewaltvoll auf die Tasten, spinnerte sich dann von Ton zu Ton, klebte an den Noten, als wenn er es zum ersten Mal spielt. Vollführte dazu weiterhin exzentrische Bewegungen am Flügel. Es klang nach allem, aber nicht nach Zimmermann.

Ein so unerträgliches Solo-Konzert habe ich lange nicht gehört. Die Zugaben spielte er dann auswendig, zuerst Das Schloss aus den Bildern einer Ausstellung, dann noch was von ihm selbst aus Black Earth. Nur das letzte hatte einen gewissen Reiz, weil es hohe Exzentrik gut verträgt. Ich weiß nicht, ob man dem Mann vorher was eigegeben hatte, so wirkte der, also der spielte wie auf Koks oder halb besoffen. Gruselig und keine Lust auf Wiederholung habe ich da.

Heike
Sfantu (24.10.2011, 09:48):
Ingolf Wunder - Tonhalle Zürich, vorgestern, Samstag

Im Rahmen eines Klavier-Wochenendes anlässlich Liszts Zweihundertstem am Samstag, welches sich Wunder, Werner Bärtschi und Ivo Pogorelich teilten, sah und hörte ich erstmals Ingolf Wunder live spielen und zwar Folgendes:

Mozart - Sonate B-dur Köchel 333

Liszt
- Valse-Caprice Nr.6 aus "Soirées se Vienne"
- Ungarische Rhapsodie Nr.6 Des-dur

Chopin
- Boléro C-dur op.19
- Ballade Nr.4 f-moll op.52
- Grand Polonaise brillante Précédé d'un Andante spianato

Zugaben:
Rimskij-Korsakow - Hummelflug und zweierlei, was ich nicht kannte: eine Miniatur in höherer Lage und synkopiert, erinnerte mich an Milhaud oder Gottschalk und offenbar nochmal Chopin.

Der Mozart geriet für mich deutlich am schwächsten - (Zu) reichlich Pedal auf dem Steinway - ordentlich musiziert, nicht mehr.

Bei den beiden Romantikern betrat Wunder dann unüberhörbar sein Revier: In grossen, wohl disponierten und niemals durchhängenden Bögen gestaltete er hier seine Geschichten und Dramen, an den passenden Stellen mit Wucht und der nötigen/erlaubten Pranke, dass es ein rechter Hörgenuss wurde.
Wunder beweist sich als idealer Rhythmiker und mit Liebe zu klugen dynamischen Schattierungen.
Auch, wenn man sich (im Konzert wie auf Konserve) möglichst unvoreingenommen auf das vermeintlich Wohlbekannte neu einlassen sollte, und es zudem die eine ideale Interpretation nicht gibt sondern immer viele mögliche Wahrheiten - die Rhapsodie erklang sicher sehr textgetreu und auch stimmungsvoll - wenn ich da aber an das Feuerwerk denke, das Cziffra hier abfackelt (EMI), mit seinen Freiheiten, seinem Ungestüm, den Sforzati, die einen aus dem Sessel fegen...

Ingolf Wunder ist eine sehr einnehmende und sympathische Erscheinung. Die Musik stand hier ganz klar im Vordergrund, es gab keine Mätzchen, keinen Firlefanz, keine Disney-Show à la Lang und Länger.
Tiefe Musikalität, gepaart mit Redlichkeit und Charme - so möchte ich Konzerte erleben. Der Junge hat Zukunft! Felix Austria!

Beschämenderweise war der Saal maximal zu 1/3 ausgelastet.
Auf dem Weg zurück zur S-Bahn fragte ich mich bei 4°C Lufttemperatur, vorbei an den schlafenden Schwänen auf der Limmat, wie der Protagonist in Salingers "Catcher in the rye", was die denn wohl machen, wenn es zufriert, die armen Hascherl.

:hello Sfantu
ab (24.10.2011, 22:42):
Am 21.10.2011 gastierte bei uns in einem nicht öffentlichen Konzert Lise de la Salle

Bach, Italienisches Konzert BWV 971
Bach, Nun komm, der Heiden Heiland BWV 659 (Kempff)
Bach/Liszt, Präludium und Fuge a-Moll BWV 543
Liszt, Après une lecture de Dante. Fantasia quasi Sonata S 161/7 (Années de Pèlerinage, deuxième année, Italie)
Mozart Lacrimaosa aus dem Requiem
Schumann/Liszt, Liebeslied (Widmung op.59/1)
Frühlingsmacht op.39/1
Schubert/Liszt – Ständchen aus Schwanengesang D957
Wagner/Liszt Isoldes Liebestod aus Tristan und Isolde

Manual einwandfrei und auch im Pedal beachtlich zeigte sie Pianistik vom Feinsten. Sie verfügt über ein grenzenloses Potential, nun langsam auch musikalisch zu reifen.
Vor vier Jahren, als sie 19 war, schrieb ein Rezensent trefflich vom unprätentiösen Klavierspiel, das Kindlichkeit und meisterlicher Reife vereint. Nicht als egozentrische Tastengrenzgängerin, sondern als frühreife, wenngleich entwicklungsfähige Meisterin der Balance. Am besten hat mir der faszinierend aufgebaute Wagner gefallen, gesanglich am besten das Ständchen. Dem sehr schlanken Ton fehlt mir persönlich mehr klangvielfärbigkeit. Und ein Konzert, das zu keiner Stelle mich berührt aber dennoch nicht nervt, ist schon viel....
:hello
Heike (25.10.2011, 23:31):
Dienstag, 25.10.2011, 20:00 Uhr
Philharmonie Kammermusiksaal

Akademie für Alte Musik - Jean-Guihen Queyras (Violoncello)
Georg Kallweit (Konzertmeister)
Xenia Löffler (Oboe)
Christian Beuse (Fagott)

Werke von Antonio Vivaldi (v.a. Cellokonzerte) und Antonio Caldara

Es ist nicht wahr, dass Vivaldi, wie Strawinsky sagte, 400 mal dasselbe Konzert geschrieben hat! Der heutige Abend hat es bewiesen :-)
Das war soooooo schön! Die Musiker, sehr wenige an der Zahl, stehend und mit alten Instrumenten spielend, ließen jedes Stück zu einer kleinen Perle werden. So lebendig habe ich das selten gehört. Die zwei Solisten am Fagott und an der Oboe, die jeweils in einem Konzert zusammen mit dem Cello auftraten, waren phantastisch. Es ist mir ein Rätsel, wie man diese alten Blasinstrumente so beherrschen kann. Respekt. Dazu waren 2 Stücke von einem mir unbekannten Herrn Caldara kombiniert, die auch sehr reizvoll waren, aber ganz anders, viel weniger frei und ohne diese überbordende Leidenschaft bzw. seelige Innigkeit, die man bei Vivaldi spürt. Strenger, durchgestylter. Toller Kontrast.

Aber der Star des Abend war natürlich Queyras am Cello. Was für ein sprechendes, singendes, erzählendes Instrument, mit ganz warmem Ton, voller Seele, ich nehme an, mit alten Saiten. Das hatte vor allem in den langsamen Sätzen, die sehr sparsam instrumentiert waren, etwas fast zärtliches, erotisches. Sehr sehr intensiv. Diesen Klang habe ich fast körperlich gespürt, ich glaube, das geht nur live. Ich bin total begeistert - keines der Stücke habe ich je vorher gehört und es war einfach ein absolut berührender Barock-Abend. Würde ich sofort noch mal anhören, aber das ginge morgen leider nur in Antwerpen....

Heike
Heike (26.10.2011, 07:59):
Lieber ab,
Lise la Salle habe ich vor ein oder zwei Jahren mal mit dem Klavierkonzert von Saint-Saëns gehört, da hatte sie mir gut gefallen, sehr temperamentvoll und technisch brilliant. Auf den Klang hatte ich da nicht so geachtet. Von Radioschnipseln her war mir die Dame irgendwie negativ abgespeichert gewesen, keine Ahnung mehr warum, aber ich erinnere mich gut, dass sie mich live doch positiv überrascht hatte. Auf jeden Fall werde ich sie innerhalb meines Klavier-Abos in dieser Saison auch noch mit einem Recital hören, mal sehen, ob ich da ähnliche Eindrücke haben werde wie du.
Heike
Heike (27.10.2011, 08:09):
Philharmonie Berlin, 26.10.2011:
Olga Scheps

Peter Tschaikowsky: "Natha-Valse" op. 51 Nr. 4
Peter Tschaikowsky: Valse Sentimentale, op. 51 Nr. 6
Sergej Rachmaninow: Préludes op. 23, Nr. 4 D-Dur & Nr. 5 g-Moll
Glinka/ Balakirew: "Die Lerche"
Sergej Rachmaninow: Variationen über ein Thema von Corelli op. 42 „La Folia“
Alexander Scrjabin: Walzer As Dur op. 38
Sergej Prokofjew: Sonate Nr. 7 B-Dur op. 83

Kein schlechter Klavierabend, aber auch keiner, der mich wirklich berührt hätte. Ein rein russisches Programm, Olga Scheps stammt ja ursprünglich aus Russland. Ein wenig russische Seele hatte sie auch, man spürte das russische Können und auch Leidenschaft - aber meiner Meinung nach insgesamt viel zu kontrolliert, durchdacht. Zu brav, zu eingeübt, zu wenig spontan, zu wenig expressiv.

Die Tschaikowski- Walzer fand ich alle etwas langweilig. Obwohl sie einen schönen Klang schafft, fehlte ihr gestern ein wenig die Fähigkeit, zu erzählen. Ich habe sie schon mal gehört (ich glaube mit Chopin), da gelang ihr das besser. Trotzdem fand ich sie auch damals wie eine Klavierschülerin, die alles richtig gemacht hat. Das hatte heute auch wieder was davon. Rachmaninov fand ich bei den Preludes zu laut, zu hart, zu verkopft, das Spielerische und der Esprit kam zu wenig raus. Die Variationen waren sehr durchwachsen, manche gelangen ihr wunderbar (z.B. die Anklänge an Schumann), andererseits spielte sie dann wieder zu konzentriert und z.B. bei sich wiederholenden Phrasen zu vorhersehbar und irgendwie zu schön. Mich erinnert das an die gepflegte Langeweile eines Alfred Brendel, ich glaube, er fühlt sich auch ihr sehr verbuinden.

Nach der Pause bei Scrjabin gelang das schon besser, sie war etwas lockerer und ging auch mehr aus sich raus. Besser gefiel mir auch die Prokofjev-Sonate, vor allem im langsamen Mittelsatz. Die kantablen Passagen ließ sie schön fließen und hier blitzte auch immer wieder ein gutes Gespür für Phrasierungen auf. Virtuos war der schwierige letzte Satz, zweifellos kann sie was. Ihr Anschlag ist voll und warm, der Klang gefällt mir. Wenn sie das dann noch etwas lockerer und mit mehr Witz und Gelassenheit präsentieren kann, dann wird vielleicht was aus ihr werden.

Sie spielte als Zugaben zuerst ein Chopin Nocturne (etwas komisch nach dem russischen Programm und v.a. der schweren Sonate) und dann Liszts Liebestraum. Danach kam noch was, aber ich bn vorher gegangen und habe es nur noch leise von weitem gehört.

Leider gab es gestern ein sehr undiszipliniertes Publikum (ganz im Gegensatz zu Vivaldi mit Queyras vorgestern - das Barock-Publikum war sogar in den Satzpausen meist mucksmäuschenstill). Bei Frau Scheps wurde hingegen viel gehustet und geschnupft, mitunter in den letzten verklingenden Ton rein, schrecklich. Da tat sie mir richtig leid. Sie wirkte sympathisch.

Das Konzert ist mit 3 Kameras mitgeschnitten worden. Vielleicht hat sie das etwas angespannt und nervös gemacht.
Heike
Heike (03.11.2011, 00:10):
Kammermusiksaal Berlin, 2.11.2011
Christian Blackshaw Klavier

Wolfgang Amadeus Mozart - Klaviersonate c-Moll KV 457
Franz Liszt - Vallée d'Obermann aus Années de Pèlerinage, Première Année, Suisse
Johannes Brahms - Vier Klavierstücke op. 119
Robert Schumann - Fantasie C-Dur op. 17

Christian Blackshaw? Wer ist das denn? Nie gehört vorher, war aber in meinem Klavierabo, was ich schon merkwürdig fand - ein über 60 jähriger Pianist, von dem ich noch nicht mal den Namen kannte. Also habe ich ihn heute kennen gelernt. Wäre aber auch kein großer Verlust gewesen, wenn ich ihn nicht kennengelernt hätte.

Bereits der Beginn mit Mozart war ganz so, wie ich Mozart nicht hören möchte: Romantisch, dramatisiert. Die Bässe zu laut, die Triller unsauber, die gesamte Musik nicht fließend, nicht leicht, nicht witzig. Glenn Gould spielt die Tonleitern schöner. Die gesamte Sonate zerfiel mir zudem in ein unzusammenhängendes Etwas, weil Blackshaw manche Phrasen sehr in die Länge zog und auch komische Pausen einbaute, die mich sehr störten.

Liszt danach war besser, aber auch nicht richtig gut. Da er für meinen Geschmack viel zu laut begann, kam keine wirkliche Steigerung zustande, statt crescendo hier und da Spielereien, die mir eher das Gefühl von Lebendigkeit raubten als mir gefielen; Das hatte etwas künstliches.

Ganz missfallen hat mir dann Brahms. Vielleicht war die Fallhöhe für Herrn Blackshaw auch so hoch, weil ich damit im letzten Jahr erst Perahia ganz großartig gehört hatte. Heute aber schon im ersten Stück fühlte ich mich an einen Barpianisten erinnert, merkwürdige Rubati, starke Temposchwankungen, zu wenig Feinheit im Detail. Im zweiten Stück war ich eher bei Chopin als bei Brahms, dem Walzer im Mittelteil fehlte die Wehmut, dem ganzen Stück die Magie. Richtig weh tat mir der Beginn des dritten Stückes (den ich sehr liebe), ohne Charme dahingespielt, durch merkwürdige Phrasierungen war auch der Rest für mich ärgerlich. Und in der abschließenden Rhapsodie versank das am Ende in der Bedeutungslosigkeit, es perlte nicht, es strahlte nicht, es trotzte nicht - es war teilweise viel zu langsam, zu unlebendig.

Schumann nach der Pause rettete den Abend auch nicht. Zwar hatte Blackshaw hier einige recht schöne Passagen, vor allem seine pianissimo gelangen ihm gut. Aber insgesamt zerfiel auch dieses Stück total, weil er unmotivierte Fermaten und Pausen einlegte, damit den Fluss zerstörte. Er spielte sehr verinnerlicht, legte viel Gefühl in seine Gestaltung - nur leider entsprach diese Gestaltung rein gar nicht meinen Vorstellungen. Zum Beispeil das Beethoventhema, zu vordergründig. Zudem meine ich, dass er im zweiten Satz deutliche Rhythmusprobleme hatte, das ist ja sehr tricky im Trio, da kam er irgendwie nicht so ganz sicher zurecht damit.

Nun, so ganz verkorkst wie unlängst der Abend mit Fazil say war es nicht, aber sicher keine Sternstunde der Klaviermusik.
Heike
Amadé (03.11.2011, 10:55):

Original von Heike
Wäre aber auch kein großer Verlust gewesen, wenn ich ihn nicht kennengelernt hätte.


Wie gut, dass ich nicht gekommen bin. :I

Gruß Amadé
nikolaus (06.11.2011, 19:29):
Vergangenen Freitag habe ich ein Hamburg einen hervorragenden

Alexander Paley

mit einem reinen Schumann-Sonaten-Abend gehört:

Sonate Nr. 1 fis-moll op. 11

Sonate Nr. 2 g-moll op. 22

- Pause -

Sonate Nr. 3 f-moll op. 14

Zugabe:
Toccata C-Dur op. 7
Abegg-Variationen op. 1

Paley ist wirklich ein phänomenaler Pianist, ein Vollblutmusiker.
Er stürzt sich mit vollem Risiko in die Musik und geht vollkommen darin auf.
Die Wechsel zwischen den lyrische Momenten und emotionalen Ausbrüchen Schumanns gelangen im ganz phantastisch und mühelos.

Grandios!

Nikolaus.
ab (08.11.2011, 22:33):
Lidia Baich & Matthias Fletzberger spielten bei uns am 7.11.2011 :
Programm
Edvard Grieg - Violinsonate No.1 op.8, F-Dur
Franz Liszt: - Grand Duo Concertant
- Liebesträume (arr. Baich/Fletzberger)
- Epithalam zu Eduard Remenyi’s Vermählungsfeier
Camille Saint-Saëns - Sonate Nr. 1 d-moll op.75 für Violine und Klavier

Faszinierend die Generation an Musikern, die viel U-Musik hören und Clubbings nicht nur besuchen, sondern auch organisieren: zeitgemäß unschuldig geradlinig unprätentiös wird hier Musik gemacht, die nicht mehr nach Romantik, Pathetik, Salon und Virtuosentum anmutet. Selten gutes Zusammenspiel und ein wunderbarer, dunkler Geigenton. So lausche ich sogar gerne der Musik von Liszt! Was für eine Bogentechnik! Alles wirkt gemacht und dennoch natürlich. Eine gewinnende verbale Präsentation voll Lebensfreude - und dann auch noch Reize abseits des Akustischen.

Wieso ist diese Wienerin nicht schon lange von der Industrie verheizt worden, wo sie doch schon 1998 die Auszeichnung „Europäischer Musiker des Jahres" verliehen bekommen hatte? Auf der brandneuen Platte bei der DGG, ihre zweite, mutet das Programm allerdings weniger stimmig an.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51O-JJvhDQL._SL500_AA240_.jpg
Heike (09.11.2011, 16:11):
Hallo ab,
Liebesträume (arr. Baich/Fletzberger)
Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen,d ass man das für Geige + Klavier arrangieren kann.
Heike
ab (09.11.2011, 19:01):
Original von Heike
Hallo ab,
Liebesträume (arr. Baich/Fletzberger)
Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen,d ass man das für Geige + Klavier arrangieren kann.
Heike

Das Grand Duo Concertant hört sich auch so an, dass es unspielbar sei; nicht aber so bei diesen Musikern! Da wirkt das so frisch und rein wie in morgendlicher Popsong!
Es haben sich auch kaum Musiker an eine Aufnahmen getraut und im Konzert ist es mir bislang vorher noch nie untergekommen. Herrlich übrigens die Grieg-Sonate! Überhaupt diese drei Sonaten gehören für mich zu den schönsten Violinsonaten überhaupt, (insbesondere in der Sitkovetsky-Einspielung bei Orfeo).
:hello
Heike (15.11.2011, 08:10):
Maurizio Pollini - 14.11.2011 - Philharmonie Berlin

Pollini - 14.11.2011

Frédéric Chopin
Fantaisie f-Moll op. 49
Zwei Nocturnes op. 62: Nr. 1 H-Dur, Nr. 2 E-Dur
Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61
Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20

Franz Liszt
Nuages gris
Unstern! Sinistre, disastro
La lugubre gondola (Die Trauergondel) (1. Fassung)
R. W. - Venezia
Klaviersonate h-Moll

Mein Gott, ist der Mann noch fit! Es war großartig. nach etwas nervösem Beginn ein toller, facettenreicherChopin, tieftraurig und brilliant durchdacht. Ganz trockene Melancholie unter der Schönheit. Das Scherzo großartig.

Nach der Pause Liszt war fast noch besser, lauter morbide Spätwerke, die er in bedrückendstem Ton mit ziehender, fahlerTraurigkeit spielte. Zum Abschluss eine furiose h moll Sonate. Sehr schnell, dramatisch, virtuos. Tiefste Einsamkeit im Mittelteil, darum positioniert beängstigend bedrohliche Akkorde. Die Teile sehr organisch verbunden, mit riesigem Sog auf das Ende hin. Davon hätte ich gern eine live-Aufnahme, das war eine der spannendsten Darbietungen, die ich gehört habe.

Zwei Chopin-Zugaben, darunter ein fulminantes, wahnsinnig aufwühlendes cis moll Scherzo. Der Mann hat eine ausstrahlende Energie, das ist irre.
Heike
Heike (21.11.2011, 00:09):
So 20.11.2011 | 20:00 Uhr
Philharmonie Berlin

Vasily Petrenko
Evgeny Nikitin | Bariton
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Anatoli Konstantinowitsch Ljadow - "Kikimora" - Sinfonische Dichtung op. 63
Modest Petrowitsch Mussorgski - "Lieder und Tänze des Todes"
Orchesterfassung von Dmitri Schostakowitsch
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky - "Manfred" - Sinfonie in vier Bildern op. 58

Nach dem müden Opernabend gestern war das heute ein Top- Konzert! Zuerst ein kleiner Kobold, ein kurzes, aber schönes Stück zur Einstimmung.
Aber dann! Mussorgskis "Lieder und Tänze des Todes" - 4 tieftraurige, depressive Lieder über den Tod bzw. wie er sich die Menschen holt. Wahnsinnsmusik. Kongenial von DSCH orchestriert und sehr sehr stark gesungen von Evgeny Nikitin. Auswendig, mit voluminösem, wunderbar gestaltetem Bariton. Der müsste auch einen tollen Godunov singen können! Irgendwie schräg der Typ, er hatte ganz tätowierte Handrücken und soll (laut Programmheft) auch in einer Heavy-Metal-Band Gitarre spielen und singen. Bekam riesigen Applaus.

Nach der Pause Tschaikowskys Manfred. Was soll ich sagen, Leute, merkt euch diesen Namen: Vasily Petrenko . Ich bin ganz hin und weg, das war so gut, dass ich glatt zum Tschaikowsky-Fan werden könnte. Sehr schnell und stringent durchdirigiert, ohne jede überflüssige Dramatik, ohne jedes Pathos, selbst in den feengleichen Passagen nie wabernd. Absolut klar gespielt. Eine unglaubliche Getriebenheit und Ruhelosigkeit erzeugte er so. Dabei gleichzeitig phantastisch detailreiches und differenziertes Musizieren. Sofort am Anfang fiel es mir auf, als nach ein paar Munuten die Bratschen allein spielten, das war schon ein Meisterstück an Filigranität. Der zweite Satz ein Wunder an Klangschönheit und Witz. Auch ist mir besonders aufgefallen, wie gekonnt er die Dynamik zwischen Streichern und Bläsern variert. Und es blieb großartig bis zum Ende, ach was, es steigerte sich noch leidenschaftlich, die Spannung baute sich in einem großen Bogen auf. Die Fuge gespenstisch klar, die Streicher genau mit der Orgel (das klang mit der großen Orgel in der großen Philharmonie wirklich krass). Das Werk kann ich mir nie wieder anhören, es wird zwangsläufig an dem grandiosen Abend heute gemessen.

Heike
ab (23.11.2011, 23:43):
Auch schon einmal seinen Kollegen (nicht verwandt) Kirill Petrenko im Konzert gehört?
:hello
Heike (24.11.2011, 08:10):
Philharmonie: 23.11.11
Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI Turin
Juraj Valcuha,
Ivo Pogorelich, Klavier

Richard Strauss: Till Eulenspiegel's Merry Pranks
Frédéric Chopin: Piano Concerto No. 1 in E minor
Sergei Rachmaninov: Symphony No. 3 in A minor

Ich fange mit Pogorelich an, weil ich zu dem mehr zu sagen habe. Ich bin zeitig in den Saal gegangen, um zu sehen, ob er wieder am Klavier sitzt. Tat er, wieder verkleidet wie ein Bergbauer, Pudelmütze, Wanderschuhe, Wetter-Freizeitkleidung. Er spielte sich zunächst mit leisen, langsamen improvisierten Melodien ein, dann (als der Saal sich füllte) harmonische, traurige Akkorde im selben langsamen Tempo. Schaute dabei beobachtend ins Publikum. Das ganze bis 5 min vor dem Beginn.

Als er dann dran war sah man ihm an, dass er extrem nervös war, er rutschte auf dem Klavierhocker hin und her, schaute unruhig umher, als er auf seinen Einsatz warten musste. Aber als er dann begann, war ich sofort wieder von diesem Klang fasziniert, den er dem Flügel entlockt. Da gab es Einzeltöne, die würde ich mir stundenlang anhören können, so stehen die im Raum. Faszinierend, wie er binnen Sekunden zwischen feinstem, weichen Farbenreichtum und fahlstem, dunkelstem Höllenton wechseln kann.

Von Tempo herund überhaupt von seiner Lesart des Konzertes her war das wieder mehr als extrem. Ich bin sicher, er kennt das Werk bis ins kleinste Detail, er spielt es ja schon ewig. Trotzdem spielte er mit Noten. Manchmal war man sich nicht sicher, ob man selbst das Werk kennt, er holt Linien nach vorn, die jeder andere nie betonen würde, er stellt Stimmen raus, die sonst am Rand stehen. Er macht mit einer traumwandlerischen Sicherheit Verzögerungen oder dehnt Pausen, die lassen mir immer wieder das Blut gefrieren. Ich finde es genial, weil ich es eben gar nicht als maniriert oder aufgesetzt empfinde. Sondern ich kann es genau so nachfühlen und erlebe eine manchmal ins Unermessliche gesteigerte Spannung.

Wer aber z.B. im dritten Satz tänzerische Leichtigkeit hören will, der mag sicher enttäuscht gewesen sein. Pogorelich nimmt das total auseinander, lässt es spröde und irrwitzig klingen, um bald darauf wieder selig in eleganteste, kantable pianissimos zu wechseln. Verrückt einfach, aber ungeheuer spannend.
Keine Zugabe trotz großer Begeisterung im Publikum

Zum Orchester nur einige Sätze, Valcuha spielte schlank, unpathetisch, ungefühlig und recht gut mit Pogorelich zusammen (was sicher nicht so einfach ist). Besonders der Eulenspiegel gewann dadurch sehr an Witz. Mir gefällt das gut. Es gab sogar noch eine Zugabe aus Cavalleria rusticana. Sorry, sicher tue ich ihm unrecht, wenn ich so wenig auf ihn eingehe.
Heike

P.s @ab: Natürlich kenne ich Kirill Petrenko, der ist ja quasi in Berlin als GMD der KOB groß geworden!
Heike (25.11.2011, 23:34):
Philharmonie Berlin, 25.11.11
International Mahler Orchestra
Yoel Gamzou Dirigent

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 10 (Fassung von Yoel Gamzou)

Ich habe Mahlers 10. in der Cook-Fassung schon mal mit den Philharmonikern gehört, vor einigen Jahren. Die Fassung von Gamzou ist GAAAANZ anders - und hat mir viel besser gefallen. Eine Version, die absolut nach Mahler klingt und das ganze Spektrum zwischen apokalyptischen Irrsinn und einsamster, intimster Leere aufmacht. Sehr mutige und packende Version. Hat mich überzeugt und emotional stark angesprochen.

Es wurde zudem mit einer ungeheuren Begeisterung dargeboten, nicht nur von dem jungen und äußerst charismatischen Dirigenten und Komponisten Yoel Gamzou. Sondern auch die Musiker waren ganz offensichtlich angesteckt von dem Mahler-Virus ;-)

Ich habe mal gegoogelt nach dem jungen Dirigenten, das ist wahrlich ein Mahler-Verrückter in besten Sinne, wie man hier nachlesen kann. Sehr sympathischer Typ, bitte mehr von der Sorte!

Heike
Cetay (inaktiv) (26.11.2011, 21:01):
Danke für diesen Bericht. Das klingt höchst interessant; nächste Woche gibt es dieses Programm in Stuttgart. Wenn ich es zeitlich schaffe und an der Abendkasse noch Karten bekomme, sehe und höre ich mir das an.
Armin70 (27.11.2011, 18:26):
Bei youtube gibt es einen längeren Ausschnitt aus dem 5. Satz aus Mahlers 10. Sinfonie mit dem International Mahler Orchestra und Yoel Gamzou:

Mahler_Gamzou
Heike (27.11.2011, 19:48):
Ich habe mal einen Thread zu Mahlers 10. aufgemacht, dann kann man das ggf. dort diskutieren.

Ich kopiere mal mein Statement und den link zu youtube dahin
Heike
Heike (30.11.2011, 07:54):
29.11.11. Konzerthaus Berlin: Elisabeth Leonskaja
Elisabeth Leonskaja, Klavier

Franz Schubert
Sonate c-Moll op. posth. D 958
Sonate A-Dur op. posth. D 959
Sonate B-Dur op. posth. D 960

Diese drei Sonaten liebe ich sehr. Leonskaja nicht so sehr. Aber da sie in meinem Abo drin war, war ich dort. Vor der Pause spielte sie die ersten beiden Sonaten und da hatte ich sofort wieder parat, warum ich sie nicht mag: sie spielt kein pianissimo, was mich berührt und ihre Agogik langweilt mich eher. Anfangs griff sie auch mal daneben, es fehlte mir der Fluss in der Musik, es war zudem sehr unruhig im Publikum. Ihrem Spiel mangelte es für mich etwas an Magie, aber das ist sicherlich völlig subjektiv. Objektiv gibt es wenig auszusetzen. Mit ihren packenden, grimmigen Bässen erinnerte sie mich durchaus an Richter, dessen Schülerin sie ja auch war. Aber dessen Aufnahmen (ich habe 959 und 960) gefallen mir viel besser.

Nach der Pause dann versöhnte sie mich mit D960. Sofort am Beginn war spürbar, dass mir das besser gefallen würde. Ich hörte Spannung im Aufbau und war gebannt. Klanglich war das sehr beeeindruckend, sie hat einen schönen Anschlag und spielt gerade, durchsichtig und schnörkellos. Das kam bei DIESER Sonate intensiv bei mir an und hat mich dann doch sehr berührt.
Viel Beifall, eine Zugabe (Impromptu). Mein Respekt an eine der letzten großen Damen für den langen Abend, nach dem sie noch Autogramme geben wollte.

Heike
jünter (30.11.2011, 14:20):
Auch bei mir sind „gemischte“ Eindrücke geblieben:

D958 erschien mir irgendwie seltsam uninspiriert gespielt, so als ob die Interpretin hierzu keine wirkliche „Idee“ hätte.
D959 und 960 haben mir jedoch insgesamt gleichermaßen gut gefallen und sind mit „gerade, durchsichtig und schnörkellos“ treffend beschrieben. Mir persönlich gefällt das wesentlich besser als z.B. die Manierismen eines gewissen Herrn Brendel... :ignore :ignore :ignore

Unter Vorbehalt, da ich meine 3 CD-Aufnahmen (Andsnes; Brendel –live 1998-; Lupu) nicht auswendig im Kopf habe und erst noch mal gegenhören muss: Kann es sein, dass Leonskaja bei den lauten Stellen mit der „russischen Pranke“ (Pardon, nicht despektierlich gegenüber der Dame gemeint!) etwas übertrieben hat? Nichts gegen „Pranke“ (z.B. Richter/Appassionata), aber bei Schubert?
Heike (30.11.2011, 16:03):
Brendel mag ich auch gar nicht.
Was die "russische Pranke" angeht, so schlimm fand ich das gar nicht, weil es zum Glück nicht mit Pathos oder Dramatik daherkam. ich mag Schubert allerdings auch etwas leiser.
Heike
jünter (30.11.2011, 18:35):
Original von Heike
ich mag Schubert allerdings auch etwas leiser.

Kleiner Tipp, falls noch nicht bekannt:

Am 22.02. nächsten Jahres erklingen Schuberts D958 - 960 mit Mitsuko Uchida in der Phliharmonie, Kammermusiksaal.
Amadé (30.11.2011, 20:31):
Im März des kommenden Jahres spielt die Leonskaja in von mir benachbarten Olpe, sie geht also auch in die Provinz, was ich sehr lobenswert finde. Auf dem Programm steht auch die A-dur-Sonate, von der es übrigens 2 Aufnahmen gibt, siehe hier, außerdem die kleine a-moll Sonate D.537, in der er im Mittelsatz schon auf das Thema des Scklusssatzes von D.959 kommt. Ich habe die Leonskaja bereits zweimal gehört, war aber von ihrem Spiel noch nie überwältigt.

Gruß Amadé

PS: In dieser Reihe gastieren auch Kit Armstrong, Olga Scheps, Alexander Tharaud, Mizuka Kano (kennt die jemand?) sowie Alexei Volodin, für die Provinz ganz passabel!
Heike (01.12.2011, 07:54):
FREIBURGER BAROCKORCHESTER
PHILIPPE JAROUSSKY Countertenor
PETRA MÜLLEJANS Violine und Leitung
Arien und Instrumentalwerke von Georg Friedrich Händel

Es gibt nur eine Handvoll Countertenöre, die ich wirklich gern anhöre. Jaroussky gehört dazu, ich habe einige CDs von ihm und ich hatte mich schon sehr drauf gefreut, ihn live zu hören.

Es war himmlisch. Von mir aus hätten sie die 3 Instrumentalstücke weglassen können, die zwischendrin eingestreut waren. So ein Sänger und dann auch noch Händel, was will man mehr. Zudem fand ich das Freiburger Orchester gestern etwas verspielt und den Ton der ersten Geigerin mochte ich nicht unbedingt. Händel will ich anders hören, lebendiger und zupackender.

Aber Jaroussky!! Noch besser als auf den CDs. Der darf das so zart machen, da passt es für mich. Er hat eine Weichheit in der Stimme, ich hätte dahinschmelzen können, wenn er z.B. ansatzlos ein ausdauerndes piano hinhaucht und dann langsam steigert (wann holt der eigentlich Atem?). Seine Intonation finde ich makellos. Wenn er einen langsamen Triller singt, verstehe ich, warum damals die Damen bei den Kastratenarien ohnmächtig wurden. Ein Engel, Gänsehaut.

Koloraturen klingen bei Männern für meine Ohren immer einen Tick bemüht, aber sogar das hat er mühelos hingekriegt. Wie er so emotional die lyrischen Höhen sang, Töne langzog, wie er die Wiederholungen gestaltete (es waren alles da capo Arien), das ist zum Dahinschmelzen. Er hat einen ganz natürlichen Gesang, dabei ganz schlicht und ohne künstliches Getue. Zudem macht er eine gute Figur auf der Bühne, sieht gut aus, hampelt nicht rum, bewegt nur die Hände im Fluss des Gesanges, manchmal. Ich bin begeistert, das wa ein großartiger Abend, der mit noch 3 Zugaben gekrönt wurde.
Heike
AcomA (02.12.2011, 22:43):
Hallo,

30.Nov. d.J. 20.00 Uhr im Prinzregententheater Muenchen

JS Bach

Konzert f. Klavier und Orchester g-moll BWV 1058
Konzert f. 2 Klaviere u. O. c-moll BWV 1060
Konzert f. 3 Klaviere u. O. d-moll BWV 1063
Konzert f. Klavier u. O. d-moll BWV 1052
Konzert f. 4 Klaviere u. O. a-Moll BWV 1065

Evgeni Koroliov, Ljupka Hadzigeorgieva, Anna Vinnitskaya, Stepan Simonyan, piano

Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling

Stern-Doppelstunde !!! Saß Koroliov im Ruecken.

LG, Siamak
Jeremias (03.12.2011, 15:43):
Ich hatte einige interessante Konzerterlebnisse in letzter Zeit:

Am vergangenen Dienstag in der Tonhalle Düsseldorf:

Lise de la Salle

Bach, Italienisches Konzert BWV 971
Bach/Busoni: Nun komm, der Heiden Heiland BWV 659 /
Bach/Liszt, Präludium und Fuge a-moll BWV 543
Liszt, Après une lecture de Dante. Fantasia quasi Sonata

-Pause-

Schumann, Symphonische Etüden in Form von Variationen op. 13

Ich bin kein großer Fan von ihr, das vorweg genommen. Aber ich bin wegen des BWV 543 hingegangen, da ich dieses nächstes Jahr bei einem internationalen Wettbewerb in Paris spielen werde und neugierig war.

Sie spielte den ersten Bach jugendlich frisch, jedoch ohne großen Tiefgang. Überhaupt bin ich kein Freund der französischen Bach-Interprerationen. Due Busoni-Transkription gelang ihr besser, hier doch mehr Tiefgang, als ob sie sich mehr mit dem Werk auseinander gesetzt hätte. Sodann "mein" Bach, von dem ich jetzt weiss, wie ich ihn NICHT spielen werde! Ich bevorzuge da einen Fazil Say, der die nötige Ruhe, den Sinn für Klang und das Gefühl für große Bögen und Stimmführung hat. Viel zu viel Pedal, Stimmen gingen verloren, technisch teilweise Probleme, Noten verschluckt.... der Liszt vor der Pause dann für's Publikum aber ohne Tiefgang, welchen die Fantasie ja sicherlich hat.

Der Schumann geriet da etwas besser, kann aber auch mit einem Pogorelich oder einem Pollini nicht konkurrieren. Gerade die posthumen Etüden hätten ein wenig mehr feingefühl und Klangsinn vertragen können. Als Zugabe dann ein Prelude von Debussy.

Ich wusste vorher, dass es mir nicht gefallen würde und so war es dann auch.

Fazit: Eine Pianistin, die sicherlich noch 10 Jahre reifen muss, auf die die Musikwelt im Moment gerne verzichten kann...


Dann am 20.11.2011 in Mönchengladbach:

Alice Sara Ott

Wolfgang Amadeus Mozart
Neun Variationen über ein Menuett von Duport D-Dur KV 573
Ludwig van Beethoven
Klaviersonate Nr. 3 C-Dur op. 2 Nr. 3


Frédéric Chopin
Drei Walzer op. 34: Nr. 1 As-Dur, Nr. 2 a-Moll und Nr. 3 F-Dur
Frédéric Chopin
Drei Walzer op. 64: Nr. 1 Des-Dur und Nr. 2 cis-Moll
Franz Liszt
Études d'exécution transcendante: Nr. 11 Harmonies du soir und Nr. 12 Chasse neige
Franz Liszt
Rigoletto. Paraphrase de Concert

Auch hier muss die Pianisten teilweise noch etwas reifen. Der Mozart zum einstieg geriet wirklich gut, im Beethoven hatte ich das Gefühl teilweise von Nervosität, es gab - für Kenner hörbar - die ein oder andere falsche Note, die aber nicht weiter störte. Die Walzer spielte sie makellos, wobei der letzte in cis-moll deutlich zu schnell und oberflächlich geriet. Mit Liszt begeisterte sie das Publikum. Sie spielte als 1. zugabe - ebenso wie in Essen 3 Wochen zuvor nach dem 2. rachmaninoff-Konzert beethovens "Für Elise" und hier jetzt auch noch "La campanella", wobei ihr hier die Kraft fehlte und sie ein wenig über das Ziel hinaus schoss. Gleichwohl wesentlich positiver der Abend als Lise de la Salle.

Bereits am 07.11.2011 in Neuss:

CHRISTIAN ZACHARIAS



Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788)
Sonate a-Moll und Rondo c-Moll
Johannes Brahms (1833-1897)
Vier Klavierstücke op. 119
Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Sonate As-Dur op. 110

- Pause -

Johannes Brahms
Sonate f-Moll op. 5

Eine absolute Meisterleistung! Was Zacharias mit seinen 60 Jahren zu leisten imstande ist, das ist sensationell! Schnörkellos, ohne irgendwelche Mätzchen oder großes Gehabe, gibt er sich einzig der Musik hin. Jedes der Stücke ein Highlight des Abends, man schwang sich von Emotion zu Emotion! Als Zugabe eine einfühlsame Darbietung von Schumanns "Arabeske". Der Mann braucht sich nicht darstellen, er kann es einfach!

BRAVO!
Heike (04.12.2011, 23:43):
Original von Jeremias
Alice Sara Ott
....
Auch hier muss die Pianisten teilweise noch etwas reifen. Der Mozart zum einstieg geriet wirklich gut, im Beethoven hatte ich das Gefühl teilweise von Nervosität, es gab - für Kenner hörbar - die ein oder andere falsche Note, die aber nicht weiter störte. Die Walzer spielte sie makellos, wobei der letzte in cis-moll deutlich zu schnell und oberflächlich geriet. Mit Liszt begeisterte sie das Publikum. Sie spielte als 1. zugabe - ebenso wie in Essen 3 Wochen zuvor nach dem 2. rachmaninoff-Konzert beethovens "Für Elise" und hier jetzt auch noch "La campanella", wobei ihr hier die Kraft fehlte und sie ein wenig über das Ziel hinaus schoss. Gleichwohl wesentlich positiver der Abend als Lise de la Salle.


Ich habe Alice Sara Ott heute in Berlin mit demselben Programm gehört und kann die Eindrücke quasi fast 1:1 bestätigen. Am besten hat mir der Mozart am Beginn gefallen, ganz un-süßlich, mit nur angetipptem Pedal gespielt, eine Freude. So mag ich Mozart.

Bei Beethoven war mir die Dynamik doch zu heftig, besonders im langsamen Satz hämmerte sie mir einige Akkorde zu sehr in die Tasten - andererseits kann sie ein sehr schönes, berührendes piano spielen.
Chopin und Liszt waren gut, Als Zugabe spielte sie eine Chopin-Ballade und auch hier "La campanella" Naja, die Leute lieben es ;-)
Ein schönes Konzert und, das muss ich auch mal sagen, eine äußerst hübsch anzusehende und sympathische junge Dame! Übrigens barfuß, im bildschönen Abendkleid.
Heike
Cetay (inaktiv) (08.12.2011, 09:38):
Nicht gestern, sondern bereits am Sonntag im Konzert (Liederhalle Stuttgart):

Dvorák; Die Waldtaube, Sinfonische Dichtung op. 110
Sciarrino; Autoritratto nella notte
Berg; 5 Orchesterlieder op. 4, nach Ansichtskarten-Texten von Peter Altenberg
Prokofiev; Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 44
Staatsorchester Stuttgart; Kazushi Ono

Ich muss zugeben, dass mir der Name des Dirigenten bislang völlig unbekannt war. Eine kurze Recherche ergab, dass er in diesem Jahr für seine Aufführungen von Mahlers Zweiten enthusiastische Kritiken geerntet und einige CD-Produktionen für Antes gemacht hat, auf denen er populäre Orchesterschlachtrösser mit zeitgenössischen Werken kombiniert hat. Ausgerechnet für das Stuttgarter Publikum hat er ein Programm mitgebracht, das unpopuläre Schlachtrösser mit Moderne kreuzt. Das ist dem Schwaben dann doch zu viel, bzw. zu wenig, jedenfalls war der Saal nur zu drei Viertel gefüllt, obwohl die Plätze der Kategorie I schon lange ausverkauft waren. Da hat sich wohl so mancher Abonnent doch für die warme Stube entschieden; wenn beim nächsten Mal Mendelssohns VK und der Till Eulenspiegel auf dem Programm stehen wird es wieder voll sein, das ist aber nur eine Vermutung, weil ich dann streiken werde – in diesem Sinne bin ich genau so ein Schwabe, aber ein schlauer, der erst gar kein Abo hat.
Das Programm hatte sogar einen Namen: "Nachtgesichte" (kein Schreibfehler) – darunter vorstellen kann ich mir nichts und die Einführungsveranstaltung habe ich mir geschenkt; Zusammenhänge müssen sich mir bitte hörend erschließen.

Der Dvorak war gar nicht mal so übel. Insgesamt nivellierte Ono die Kontraste - die Einleitung brachte er weniger gravitätisch als schon gehört und bei der Hochzeitsszene blieb das Volkstümliche zugunsten eines surreal-grotsken Einschlages auf der Strecke. Dafür gab es ein genaues Aushorchen der Klänge –und da hat diese Komposition einiges zu bieten-; die Annäherung erfolgte ganz klar von der Moderne her. Mit diesem Ansatz konnte Ono das Werk so einigermaßen retten, aber das Gehörte war ohnehin fast zweitranging, angesichts dessen, was es zu sehen gab. Ich habe noch nie eine so klar nachvollziehbare Übereinstimmung zwischen dem, was der Dirigent tut und dem, was aus dem Orchester herauskommt, gehört. Als ob er mit seinen Schlägen, Gesten, Bewegungen auf dem Orchester spielt. Das war so faszinierend anzusehen, dass mich selbst die Nebensitzerin mit ihrer Handtaschenkramerei nicht störte.

Sciarrino ist im Konzertsaal schon deshalb ein Risko, weil die Gefahr, dass die Aufführung zerhustet wird, noch viel größer ist als ohnehin. Seine Kompositionen bewegen sich oft an Rande der Hörbarkeit, so auch das kurze Autoritratto nella notte, das die hörende Köperwahrnehmung vor dem Einschlafen als Sujet hat. Salvatore Sciarrino ist ein Star unter den Zeitgenossen. Es gibt bereits 21CD-Produktionen mit seinen Werken, obwohl er echte Avantgarde macht, ohne breitenwirksame Zugeständnisse in Form von post-, neo- oder poly-beliebigen Zutaten. Es ist aber auch kaum möglich, sich der Faszination dieses willkürfreien Klangforschers zu entziehen. Was der für bislang ungehörte Klänge aus dem Orchester herausholt – und nie frage ich mich, was das soll, sondern warte einfach nur gebannt darauf, wie es weiter geht. Dem Publikum ging es wohl ähnlich, denn es blieb alles ruhig. Der Applaus war mehr als wohlwollend.

Total in die Hose ging der Berg wegen der in allen Belangen völlig überforderten Sopranistin. Das Bangen, ob sie gleich vor Aufregung vollends zusammenklappt, machte mir die Konzentration auf die Musik unmöglich.

Nach der Pause dann Prokofievs 3. Ein extrem expressives Werk mit stampfenden Rhythmen, exzessiven Glissandi, surrealen Walzerfetzen, Klangfächen – Strawinsky und Ives sind hier viel näher als Prokofievs eigene, gefälligere Sinfonien. Ich habe mich bestens unterhalten, obwohl oder weil Ono auch hier die Wildheit zugunsten des klanglichen Moments gezähmt hat und so die Querverbindungen des Programms aufgedeckt hat. So wie Prokofievs Exzesse offenhörbar vom späten Dvorak inspiriert sind, so hat Sciarrino wiederum bei Prokofiev sehr genau hingehört.

Toll, dass es weniger bekannte Dirigenten gibt, die mit konzeptuellen Werk-übergreifenden Interpretationsideen aufwarten, da können mir die hochbeleumundeten Pultstars mit ihren Feld-Wald-und-Wiesen-"Programmen" gestohlen bleiben.
Heike (08.12.2011, 18:41):
7.12.2011 Kammermusiksaal Berlin
Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker
Klavier und Leitung: Murray Perahia

Johann Christian Bach: Sinfonie B-Dur, op. 3/4
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur, op. 19
Johann Sebastian Bach: Konzert f-Moll, BWV 1056
Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 92 G-Dur, Hob. I:92 – "Oxford"-Sinfonie

Ich bin sowieso schon lange ein Perahia-Fan, und nach diesem tollen Abend gestern bin ich es noch mehr. Sein Klavierspiel ist fantastisch, klangschön, differenziert, durchdacht und lebendig zugleich. Das Beethoven- Konzert fand ich ungeheuer mitreißend. Er traut sich auch wieder, richtig Power in die Tasten zu packen - im letzten Jahr hörte ich ihn mit Brahms, das war auch genial, aber durchaus vorsichtiger und kaum mal wirklich forte. Gestern legte er sich richtig rein, das war spannend.
Ebenso der Bach, ein v.a. wunderbarer Mittelsatz, schön kommunizierend mit dem Orchester, das er von Flügel aus dirigierte. Er nahm die Klangfarbe auf und gab das Tempo vor, oder spielte es zurück, brilliant geleitet. Der Haydn zum Schluss war ein Genuss, selten habe ich Haydn so spritzig und schlau gehört. Ich bin immer skeptisch, wenn jemand vom Flügel aus dirigiert oder wenn sich Solisten am Pult versuchen, aber der kann das.
Ich freue mich auf die nächsten Abende, dann natürlich mit ihm am Klavier, Perahia ist ja Pianist in Residence dieses Jahr :-)
Heike
Heike (08.12.2011, 18:45):
@Cetay
Total in die Hose ging der Berg wegen der in allen Belangen völlig überforderten Sopranistin.
Wer hat denn da gesungen?
Heike
Cetay (inaktiv) (09.12.2011, 10:50):
Ich musste erst auf der Website des Veranstalters nachsehen, weil ich den Namen schon wieder vergessen hatte. :ignore

Rebecca von Lipinski; ich hab mal kuz in die Bio geschaut. Also Opernbühnenerfahrung hat sie reichlich, daran kann ihre Hypernervosität nicht gelegen haben. Ich kann nur spekulieren -die ExpertInnen hier wissen das besser- dass es nochmal einen Unterschied macht, wenn man ohne Rolle, nur mit sich selbst direkt vor dem Publikum steht.
Ich will nicht näher auf die Performace eingehen, mir liegt die Rolle des Kritik übenden gar nicht, dazu habe zu viel Respekt vor Jedem, der es auf eine Konzertbühne geschafft hat.
Heike (07.01.2012, 16:27):
6.1.12. Konzerthaus Berlin
Konzerthausorchester Berlin, Iván Fischer
Rundfunkchor Berlin (Damen), Staats- und Domchor Berlin
Christianne Stotijn Alt

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 3 d-Moll

Der designierte Chef des Konzerthausorchesters bringt Leben ins Orchester - und ins Haus! Ausverkauft bis auf den letzten Platz, großer Jubel nach dem letzten Ton.

Ein mehr als gelungener Einstand für dieses Jahr war das! Sehr viel Schwung, Transparenz und Detailsicherheit, genau auf den Punkt gesetzte Soli, wunderbar rhythmisch klare Passagen, Wiener Schwung im zweiten Satz, große Innigkeit im Schlussatz. Ich musste mittendrin mehrmals vor mich hin lächeln, so reizend witzig hat er einige Passagen ausgestaltet. Da hörte man den Perfektionisten Fischer.
Klanglich gibt es auch einiges zu sagen. Die Streicher spielten mit viel variablerem Klang als üblich. Fischer hat komplett umgesetzt, die zweiten Geigen sitzen bei ihm den ersten gegenüber und - was einen enormen Klangunterschied ausmacht - die Kontrabässe sitzen hinter den Holzbläsern, sehr erhöht. Das kommt der Akustik des Hauses enorm entgegen, ich habe selten so differenziert auf die Bässe gehört. Die Bläser kamen mir vor, als wenn die mit doppelt so viel Übungszeit vorbereitet waren als sonst, klasse. Das Blech hat er an die beiden Seiten verteilt.
Hinreißend der Schlussakkord! Eine sehr mitreißende, packende Interpretation hat Fischer da abgeliefert. Die Chöre wie immer sehr gut, auch die Altistin hat mir gefallen.
Sicher gibts noch hier und da Platz nach oben, ein wenig mehr Tempo ist bestimmt noch drin und auch manche Übergänge dürfen noch organischer werden. Aber das passt, das merkt man und ich freue mich schon riesig auf die nächste Saison, wenn er hier vor Ort sein wird.
Heike
Jeremias (19.01.2012, 22:42):
Ich hatte zwei Erlebnisse in den letzten Tagen wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können:

Montag, den 09.01.2012

Ingolf Wunder in Wuppertal:

Im ersten Teil spielte er Chopins Nocturne op.9 Nr.3, 4 Mazurken, den Bolero und das 4. Scherzo. Im 2. Teil dann den Grande Valse brillante op.34 Nr.1 sowie dann Liszts Soirees de Vienne Nr.6 nach Schubert, die 11. der Etudes d'execution transcendante und schließlich die 2. Ungarische Rhapsodie. Als Zugaben dann Liadov's "Spieldose", den Hummelflug sowie die Berceuse von Chopin.

Mein Fazit: Hatten die keinen besseren in Warschau? Absolut nichtssagen, nicht berühren, langweilig, technische Probleme v.a. im Scherzo und im Walzer, er schaute die ganze Zeit grimmig drein... ihn werde ich mir kein zweites Mal ansehen und seine CD nicth kaufen.

Dafür umso besser vorgestern:

Yuja Wang in Dortmund

Folgendes Programm war angekündigt:


Johannes Brahms Sieben Fantasien op. 116
Alexander Skrjabin Sonate Nr. 5 Fis-Dur op. 53
Sergej Rachmaninow Étude-tableaux op. 39 Nr. 6
Sergej Rachmaninow Étude-tableaux op. 39 Nr. 4
Sergej Rachmaninow ›Élégie‹ aus »Morceaux de fantaisie« op. 3
Sergej Rachmaninow Étude-tableaux op. 39 Nr. 5
Gabriel Fauré Ballade Fis-Dur op. 19
Claude Debussy ›La soirée dans Grenade‹ aus »Estampes«
Isaac Albéniz ›Triana‹ aus »Iberia«
Maurice Ravel ›Alborada del gracioso‹ aus »Miroirs«

Sie kam auf die Bühne, schmiss das Programm total um, spielte im 1. Teil Rachmaninoff, Faure und Skriabin und im 2. Brahms, Albeniz und Debussy. Ravel schmiss sie raus und ersetzte sie durch Horowitz' Carmen-Fantasie....

Mein Gott hat die Frau ein Temperament! 2010 hat sie mich begeistert, vorgestern restlos überzeugt! Vom ersten bis zum letzten Ton war sie präsent... man kann es nicht mit Worten beschreiben, man muss sie erlebt haben! Die letzten Töne aus Carmen gingen im aufbrausenden Jubel unter... sie bedankte sich mit einer Bearbeitung von Gluck und der Tritsch-Trasch-Polka in der Bearbeitung von Cziffra... die alten Meister hätten ihre Freude gehabt, ein absolut legendärer Abend! Ich werde von nun an jedes ihrer Konzert besuchen, sofern möglich!

:times10 :times10 :times10 :down :down :down :down :down :down :times10 :times10 :times10
Rachmaninov (20.01.2012, 12:31):
Original von Jeremias
Ich hatte zwei Erlebnisse in den letzten Tagen wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können:

Montag, den 09.01.2012

Ingolf Wunder in Wuppertal:

Im ersten Teil spielte er Chopins Nocturne op.9 Nr.3, 4 Mazurken, den Bolero und das 4. Scherzo. Im 2. Teil dann den Grande Valse brillante op.34 Nr.1 sowie dann Liszts Soirees de Vienne Nr.6 nach Schubert, die 11. der Etudes d'execution transcendante und schließlich die 2. Ungarische Rhapsodie. Als Zugaben dann Liadov's "Spieldose", den Hummelflug sowie die Berceuse von Chopin.

Mein Fazit: Hatten die keinen besseren in Warschau? Absolut nichtssagen, nicht berühren, langweilig, technische Probleme v.a. im Scherzo und im Walzer, er schaute die ganze Zeit grimmig drein... ihn werde ich mir kein zweites Mal ansehen und seine CD nicth kaufen.

Dafür umso besser vorgestern:

Yuja Wang in Dortmund

Folgendes Programm war angekündigt:


Johannes Brahms Sieben Fantasien op. 116
Alexander Skrjabin Sonate Nr. 5 Fis-Dur op. 53
Sergej Rachmaninow Étude-tableaux op. 39 Nr. 6
Sergej Rachmaninow Étude-tableaux op. 39 Nr. 4
Sergej Rachmaninow ›Élégie‹ aus »Morceaux de fantaisie« op. 3
Sergej Rachmaninow Étude-tableaux op. 39 Nr. 5
Gabriel Fauré Ballade Fis-Dur op. 19
Claude Debussy ›La soirée dans Grenade‹ aus »Estampes«
Isaac Albéniz ›Triana‹ aus »Iberia«
Maurice Ravel ›Alborada del gracioso‹ aus »Miroirs«

Sie kam auf die Bühne, schmiss das Programm total um, spielte im 1. Teil Rachmaninoff, Faure und Skriabin und im 2. Brahms, Albeniz und Debussy. Ravel schmiss sie raus und ersetzte sie durch Horowitz' Carmen-Fantasie....

Mein Gott hat die Frau ein Temperament! 2010 hat sie mich begeistert, vorgestern restlos überzeugt! Vom ersten bis zum letzten Ton war sie präsent... man kann es nicht mit Worten beschreiben, man muss sie erlebt haben! Die letzten Töne aus Carmen gingen im aufbrausenden Jubel unter... sie bedankte sich mit einer Bearbeitung von Gluck und der Tritsch-Trasch-Polka in der Bearbeitung von Cziffra... die alten Meister hätten ihre Freude gehabt, ein absolut legendärer Abend! Ich werde von nun an jedes ihrer Konzert besuchen, sofern möglich!

:times10 :times10 :times10 :down :down :down :down :down :down :times10 :times10 :times10

Also, wenn Du bereits zum zweiten mal so begeistert bist ist das schon ein überzeugendes Votum.
Ausserdem schilderst Du eine Vollblutmusikerin.

Zu I. Wunder: Da sieht man mal wieder wie wenig teilweise Wettbewerbe aussagen.
Sieht man jedoch auch daran was aus den Siegern oftmals wird!
Heike (20.01.2012, 13:30):
Hallo Jeremias,
vielen Dank für deinen informativen Bericht - jetzt bin ich umso mehr auf das Berliner Konzert von Yuja Wang Ende April gespannt, wo sie hier ein mehr als anspruchsvolles Programm vor sich hat:
BEETHOVEN Sonate Es-Dur op. 27/1
PROKOFJEW Sonate Nr. 6 A-Dur op. 82
LISZT Sonate h-Moll

Ingolf Wunder habe ich noch nicht gehört, über den habe ich schon Gutes und Schlechtes gelesen.
Heike
Heike (20.01.2012, 13:57):
So, ich berichte euch auch noch kurz über meine letzten zwei Konzertabende:

Mi 18.01.2012 | Philharmonie Berlin
RSB Berlin, Ludovic Morlot
Frank Peter Zimmermann | Violine

César Franck "Psyché" - Vier Auszüge für Orchester aus dem gleichnamigen sinfonischen Poem
Albert Roussel - Bacchus et Ariane, Suite Nr. 2
Ludwig van Beethoven - Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61

Den ersten Teil hätten sie von mir aus weglassen können. Francks "Psyche" hat mich ganz schreichlich gelangweilt, ich kann mit dieser Musik nichts anfangen. Es war sicherlich ganz ordentlich gespielt, unaufgeregt und klangschön, also dem Dirigenten mache ich absolut keinen Vorwurf. Aber es berührt mich weder noch tangiert es meine analytische Neugier. Ein µ besser gefiel mir dann der Roussel, aber auch das ließ mich eigentlich kalt.

Nach der Pause das Beethoven-Violinkonzert. Schlagartig ist man wieder wach, wenn FP Zimmermann die Geige ansetzt. Mit welcher Souveränität und vor allem Lockerheit der das spielt ist beeindruckend, der kann dabei spontan noch mit den Orchestergruppen schäkern und die diversen Stimmen mit Schwung mitspielen. Andwererseits sind seine Phrasierungen durchaus mal abenteuerlich :-) Jedenfalls ein schönes Konzert (das gibt es im DRAdio Kultur am 29.1. um 20 Uhr zu hören).
Heike
Heike (20.01.2012, 14:05):
Do 19.01.2012 Philharmonie Berlin
Berliner Philharmoniker, Tugan Sokhiev
Amihai Grosz, Viola
Boris Berezovsky, Klavier

Albert Roussel: Bacchus et Ariane, Suite Nr. 2
Franz Liszt: Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur
Luciano Berio: Sequenza VI für Viola
Sergej Rachmaninow: Symphonische Tänze op. 45

So, zunächst mal durfte ich nochmal dasselbe Stück von Roussel hören - beim zweiten Mal war es nicht mehr ganz so langweilig, wobei ich nicht weiß, ob es am zweimalhören oder an Sokhiev lag. Sokhiev hatte sicherlich mehr Feuer und Lebendigkeit als der Dirigent gestern, allerdings hatten die Philharmoniker mal wieder keine Sternstunde. Was da geschlampt wird, wenn die sich keie Mühe geben finde ich mittlerweile echt traurig. Gestern war es mal wieder soweit. Naja.

Ich war wegen Berezovsky hingegangen, den ich noch nicht live gehört hatte. Das ist wahrlich ein begnadeter Pianist, fast beängstigend, wie er wie ein Uhrwerk die ewig langen Triller spielt oder Läufe rasant über die Tasten jagt. Aber so richtig gepackt hat es mich nicht, was auch an der schwachen Orchesterleistung liegen kann, oder daran, dass das Liszt-Konzert nicht so viel seligmachende Passagen hat. Aber auch der harte, kräftige Anschlag hat mich nicht so wirklich begeistert.

Am besten war nach der Pause Berios Sequenza mit dem neuen Stimmführer der Philharmoniker-Bratschen, Amihai Grosz. Das muss doch der Horror sein, dieses Stück zu spielen. Meinen Respekt, das fand ich absolut fabelhaft. Schade, dass die Berio-Stücke so selten egspielt werden, dabei könnte man das doch öfter so machen, nach der Pause erstmal einer allein und der Rest darf noch ein wenig länger Pause machen ;-).

Abschließend dann Rachmaninows Symphonische Tänze, die waren dann etwas besser als der gesamte erste Orchesterteil, sehr schwungvoll und mit viel Pep dirigiert. Trotzdem, keine Sternstunde für die Philharmoniker.
Heike
Heike (21.01.2012, 16:45):
20.1.2012, Staatsoper im Schillertheater
Barockkonzert mit Werken von GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
Les Musiciens du Louvre · Grenoble, Dirigent Marc Minkowski
Sopran Julia Lezhneva

Saeviat tellus HWV 240
Ouvertüre zu Rodrigo HWV 5
Salve Regina HWV 241
Wassermusik: Suite F-Dur HWV 348 , Suite G-Dur HWV 350, Suite D-Dur HWV 349

Wenn Minkowski schon mal in Berlin ist und dann auch noch meinen geliebten Händel spielt, dann musste ich natürlich hingehen! Mir unverständlich, dass das Schillertheater bei weitem nicht ausverkauft war, und das bei christlichen Preisen ab 15 Euro. Heute gibt es nochmal dasselbe Programm, also, ich kann nur zuraten!

Im ersten Teil gab es 2 Vokalwerke aus Händels italienischer Zeit. Wunderschön gesungen von der jungen Julia Lezhneva, die ich vorher nicht kannte und die mich sehr angenehm überrascht hat. Eine weiche, samtig klingende Stimme, wenig Vibrato und mühelos in der Gestaltung der Verzierungen. Mir hat das vor allem deshalb gefallen, weil sie eine Natürlichkeit im Gesang ausstrahlte, die ich mag. Auch wenn sie glaube ich am Anfang etwas nervös war und in den expressiven Passagen etwas wackelte. Das war nachher aber total weg, zudem sang sie ein sehr berührendes, unangestrengtes piano.
Zwischen den beiden Vokalwerken begeisterte Minkowski mit der Ouvertüre, die aus divesen Tänzen besteht.

Nach der Pause die populäre Wassermusik vom englischen Händel - wann hört man die schon mal vollständig??? Phantastisch, wie die Bläser auf diesen alten Instrumenten klingen und wie die Streicher einen derart farbigen und lebendigen Klang produzieren können, dass es ein Genuss ist. Mir fällt für das Orchester nur ein Wort zur Beschreibung ein: "sinnlich". Das hat nix von steifer Alter Musik, aber auch nichts von aufgeplustertem Eventcharakter. Das war pure Lust am Spielen, gepaart mit französischem Esprit.

Und dann gab es sogar noch eine Zugabe, den ersten Satz einer Haydn-Sinfonie (etwas merkwürdig nach dem Händel-Programm, aber so herrlich witzig gespielt!).
Merci!

Heike
Heike (22.01.2012, 11:13):
Huch, da habe ich gestern was falsches geschrieben, das obige Barockkonzert gibt es HEUTE nochmal, gestern gab es (auch mit Minkowski) Händels "Il Trionfo...."
Heike
nikolaus (29.01.2012, 21:29):
Ein kurzer Bericht von drei erstklassigen Konzerterlebnissen an den letzten drei Abenden in Paris:

Donnerstag:

Viktoria Mullova
Orchestre de Paris unter Paavo Järvi

Haydn: Sinfonie Nr. 83 g-moll "La Poule", Hob.1:83

Brahms: Violinkonzert D-Dur op. 77

Brahms: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Grossartig!
Ich finde Järvis Art und Weise zu dirigieren phänomenal, er scheint mit seiner tänzerischen, energetischen Art jedes Orchester zu Höchstleistungen zu motivieren. Rhythmisch unglaublich präzise, dynamisch, dabei immer transparent, so dass (von mir vorher) ungehörte Details akzentuiert werden usw. usf.
So habe ich selten so ein gut begleitetes Brahms-Violinkonzert gehört. Dazu noch die hervorragende Viktoria Mullova - was will ich mehr?
Brahms 2. Sinfonie ist mir nicht besonders geläufig, aber so spannend, wie Järvi und das Orchestre de Paris sie gespielt haben (im Finale sass ich auf der Stuhlkannte, so mitgerissen war ich) hatte ich sie nicht in Erinnerung.


Freitag:

Ein Höhepunkt meiner bisherigen "Konzertkarriere":

Konzert zum 65. Geburtstag von Gidon Kremer

Gidon Kremer - Violine
Martha Argerich - Klavier
Anastassiya Dranchuk - Klavier
Sergei Nakariakov - Trompete
Andrei Pushkarev, Elina Endzele - Perkussion
Kremerata Baltica

Der erste Teil stand unter dem Motto: "L'Art d'Instrumentation" - Hommage à Glenn Gould mit Bearbeitungen von Bach-Werken für Violine und Streicher (Auszüge aus einem von Gidon Kremer initiierten Projekt für die Kronberg-Akademie):
- Valentin Silvestrov: Dédicace à Johann Sebastian Bach
- Alexander Raskatov: Präludium und Fuge Nr. 6 d-moll, Auszug aus dem Wohltemperierten Klavier BWV 851
- Leonid Desyatnikov: Sarabande aus der Partita Nr. 6 BWV 830
- Stevan Kovac Tickmayer: "After Gould", Goldbergvariationen BWV 988 (Nr. 30, 4, 18, 26) mit drei Intermezzi von Arnold Schönberg
- Viktor Kissine: Aria, Auszug aus den Goldbergvariationen BWV 988

Eine schöne und dramaturgisch wirkungsvolle Zusammenstellung respektvoller Bach-Bearbeitungen.

Dann der absolute Höhepunkt:
Giya Kancheli: Chiaroscuro für Violine, Streichorchester, Klavier und Vibraphon
Nicht mit Worten zu beschreiben diese berührende Musik, mir standen die Tränen in den Augen!

Nach der Pause grosser Applaus beim Erscheinen von Martha Argerich und Sergei Nakariakov für ein (zu erwartendes) fulminantes
Konzert Nr. 1für Klavier, Trompete und Streicher op. 35 von Dimitri Shostakovich.

Abschliessend:
Leonid Desyatnikov: The Target, fragments (Vivaldi's January, Cadenza, At the races, Tannhäuser, Foxtrot)
Offenbar handelt es sich hierbei um fünf zu einer Konzertsuite zusammengefassten Stücke aus einer Art Filmmusik (für genauere Informationen im Programmheft) reicht mein Französisch leider nicht).
Wie die einzelnen Titel bereits andeuten eine sehr abwechslungsreiche bis witzige Musik, bei der Martha Argerich zusätzlich noch eine Mini-Celesta in Flügelform spielen musste...

Zugabe:
Variationen zu Happy Birthday von Bach über ungarische Tänze bis Tango.

Zu Gidon Kremer: ein wirklich grosser Künstler, für mich ein "philosphischer Musiker", er scheint jede Musik zu durchdringen, zu transzendieren und ist meiner Meinung nach über jede Kritik erhaben!


Samstag:

Evgeny Kissin mit einem - wie ich finde - etwas sparsamen Programm, das auf den ersten Blick etwas zusammengewürfelt wirkt:

Beethoven: Sonate Nr. 14 ("Mondschein")
Barber: Sonate
Chopin: Nocturne op. 37
Chopin: Sonate Nr. 3

Zugaben:
Chopin: Walzer Nr. 4
Beethoven: 6 Variationen op 76
Prokofiev: Marsch aus "Die Liebe zu den Drei Orangen"

An diesem Abend war ich etwas zwiegespalten.
Sicher ist Kissin ein phänomenaler Pianist.
Aber die Mondscheinsonate hat mir nicht gefallen; noch nie ist mir so aufgefallen, wie wenig die Sätze zusammenpassen.
Die Barber Sonate war dagegen wirklich klasse, die vertrackten Rhythmen hat er perfekt und mühelos beherrscht.
Chopin wunderschön, aber konnte mich auch nicht berühren.
Die Zugaben sich steigernde "Rausschmeisser", danach verweigerte er sich trotz anhaltenden Jubels einer weiteren Zugabe.

Erst im Bett ging mir auf, das das ganze Programm einschliesslich der Zugaben perfekt inszeniert war: in der Erinnerung meinte ich in allen drei Sonaten Parallelen gehört zu haben. Die Zugaben griffen Komponist und musikalische Charakter wieder auf. Sowohl erster als auch zweiter Teil dauerten fast genau 30 Minuten.
Vielleicht ist das der Grund, warum der Abend mich nicht richtig berührt hat, vielleicht war er zu perfekt konstruiert?


Nikolaus.
Heike (06.02.2012, 08:23):
Philharmonie Berlin, 5.2.2012
RSB, Vassily Sinaisky Dirigent
Johannes Moser Violoncello

Dmitri Schostakowitsch Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107
Dmitri Schostakowitsch Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65

Zweimal Schostakowitsch - und der große Saal erstaunlich gut gefüllt! Im ersten Teil gab es das 1. Cellokonzert, Johannes Moser spielte es zügig, mit expressiv lebendiger und trocken zupackender Interpretation. Mir hat das sehr gut gefallen, obwohl der Celloklang mir nicht so optimal zusagte. Das Orchester im ersten Teil gut, aber da hätte ich mir noch mehr Verzweiflung gewünscht.
Moser wurde vom begeisterten Publikum zu einer Zugabe genötigt (was soll man danach eigentlich spielen?), da geht nur noch Bach und so gab es noch eine herrliche Sarabande aus der ersten Cellosuite.

Die unglaublich beeindruckende und von mir sehr geliebte 8. Sinfonie nach der Pause war dann schlichtweg großartig. Hier zeigte das Orchester, was es kann: so differenziert im Klang die Streicher zu führen, das ist sicherlich das Verdienst des Dirigenten. Großartig, vom schwebendsten pianissimo zum fahlsten Ton, dann wieder traurige Glückseligkeit und gleich darauf schreiende Marschrhythmen. Das war Klassen besser als die Philharmoniker neulich. Sehr sehr gut auch das Zusammenspiel mit den Bläsern, wie die Klänge miteinander verschmolzen oder einzelne Stimmen hochgeholt wurden. Sinaisky spielte ein zügiges Tempo, steigerte immer wieder erbarmungslos und hielt einen großen Spannungsbogen. Göttlich der Klarinettist mit seinem Solo, so gut habe ich das noch nie gehört. Ein ganz großes Konzert, in aller Doppelbödigkeit rundum packend und ergreifend dirigiert.

Heike
Jeremias (12.02.2012, 11:36):
Gestern in der nicht ganz ausverkauften Essener Philharmonie:


Angela Gheorghiu, Sopran
Marius Manea, Tenor
Philharmonie Südwestfalen
Tiberiu Soare, Dirigent

Giuseppe Verdi
Ouvertüre zu “La Forza del Destino”

Georg Friedrich Händel
“Lascia ch’io pianga”
Arie der Almirena aus “Rinaldo”

Giuseppe Verdi
“Amato Alfredo … Parigi, o cara, noi lasceremo”
Duett Violetta/Alfredo aus “La Traviata”

Giacomo Puccini
“E lucevan le Stelle”
Arie des Cavaradossi aus “Tosca”

Giacomo Puccini
Intermezzo aus “Manon Lescaut”

Jules Massenet
“Vive Amour qui rêve”
Arie der Ensoleillad aus “Chérubin”

Giacomo Puccini
“O soave Fanciulla”
Duett Mimì/Rodolfo aus “La Bohème”



Johann Strauß
“Kaiserwalzer”, op. 437

Charles Gounod
“Va, je t’ai pardonné”
Duett Juliette/Roméo aus “Roméo et Juliette”

Antonín DvoYák
“Song of the Moon”
Arie der Rusalka aus “Rusalka”

Giuseppe Verdi
“Ah, la paterna Mano”
Arie des Macduff aus “Macbeth”

Pietro Mascagni
Intermezzo aus “Cavalleria rusticana”

Alfredo Catalani
“Ebben, ne andrò lontana”
Arie der Wally aus “La Wally”

George Grigoriu
“Muzica”
Arie aus der Operette “Donauwellen”


Insgesamt 5 Zugaben: Zuerst "I could have danced tonight" aus "My fair Lady", das 2. habe ich nicht verstanden, dann sang er "Non puede ser", dann sie wieder mit "Granada" und schließlich das Brindisi aus "La Traviata".

Es war ein grandioser Abend: Ein toll zusammen gestelltes Programm, nur Händel und Strauss passten nicht so ganz. Sie eine unglaublich angenehme Erscheinung, eine wahnsinnige Bühnenpräsenz, eine unbeschreibliche Beherrschung der Stimme, selbst das leiseste Piano war bis in den 2. Rang hinauf zu hören. Er musste ein wenig Stemmen, hat die Sache aber auch sehr gut gemacht. Gleichwohl war sie der absolute Star des Abends. Das Orchester eher zweitklassig, ansonsten wären die Karten nicht bezahlbar gewesen. Die Bläser hatten einige Aussetzer, an den Tuttistellen waren die Solisten dann teilweise doch nicht mehr hörbar, v.a. bei Puccinis Duett sowie der 1. Zugabe und Granada. Absolutes Highlight war meines Erachtens der Dvorak... Gänsehaut im gesamten Publikum, ein Jubelsturm mit Bravos, wie ich es seit Jahren nicht erlebt habe.

Alles in allem ein denkwürdiger Abend. Ich bin glücklich dabei gewesen zu sein und meine Begleitung ebenfalls....
Heike (23.02.2012, 08:27):
22.02.2012 20:00 Uhr Kammermusiksaal Berlin
Mitsuko Uchida
Schubert: Sonate c-Moll D 958
Schubert: Sonate A-Dur D 959
Schubert: Sonate B-Dur D 960

Der Kammermusiksaal war übervoll. Einen langen Abend hat sie sich da zugemutet, 2,5 Stunden (inkl. Pause), danach gab sie gottseidank keine Zugabe (was soll man nach D960 auch spielen?). Aber Autogramme gab sie auch noch....

Anfangs zwar etwas nervös und mit ein paar falschen Tönen im Kopfsatz der c moll Sonate spielte sie jedoch bis zum Ende einen beeindruckenden und vitalen Schubert, der jedenfalls in keiner Sekunde langweilig war.

Sie spielte Schubert so, als wenn er sich immer wieder dagegen aufbäumt, dass dies seine letzten drei Sonaten gewesen sein sollen. Sehr zerrissen, kantig, mit fast ruppiger Lebendigkeit. Mir war das stellenweise manchmal to much. Hier und da wunderte ich mich sehr, wie verstörend heftig sie ein crescendo aufbrausen lässt, wie sie Bässe dramatisch dahinhämmert, Harmonien sehr zupackend greift oder Stimmen fast seziert. Ich mag es insgesamt eigentlich etwas mehr kantabel bei Schubert. Dann aber kamen wieder zarteste, tiefst innige Passagen, vor allem in den lyrischen Stimmen, die sie hinreißend zart und bezaubernd detailgenau spielte und genau damit wieder punktete. Wunderschön z.B. der Beginn des langsamen Satzes der A Dur Sonate, melancholisch, suchend, trotzdem mit zu spürender innerer Unruhe, eben kein ungetrübt schönes Singen, sondern ein Wandeln am Abgrund. Auch überraschte sie mit einigen spannenden Phrasierungen und teils heftigen, aber ungemein effektvollen Rubati. Sie hat ihren Flügel relativ tief gestimmt und spielte auch mit eher viel Pedal. Ich hätte mir manchmal ein wenig mehr Transparenz und Klarheit gewünscht. Am Ende der A DUr Sonate, vor der Pause, war glaube ich auch ein wenig Erschöpfung spürbar.

Die letzte Sonate begann sie sehr schön, wie in einem sanften Nebel. Sehr überzeugend baute sie den Kopfsatz auf, hielt die Spannung und tauchte dann in ein unendlich anmutendes Andante ein, das fast zu Tränen rührte. Von den drei Sonaten hat mir diese mit Abstand am besten gefallen, vielleicht gerade deshalb, weil sie es hier etwas weniger dramatisch anging.

Heike
Heike (25.02.2012, 11:20):
24.2.12 Kammermusiksaal Berlin
ARTEMIS QUARTETT

Schubert: Streichquartett a-Moll op. 29 D 804 "Rosamunde"
Dutilleux: "Ainsi la nuit"
Debussy: Streichquartett g-Moll op. 10

Ich berichte noch kurz über meinen gestrigen Streichquartett- Abend. Das Artemis Quartett führt bei mir immer dazu, dass ich ewig nicht ins Bett komme, so aufwühlend ist das. Aber man muss es auch erstmal verdauen, denn es ist keineswegs das klassisch schöne Spiel zu viert, was die da abliefern.

Beim Schubert zu Beginn schlug sich die extrem pessimistische Lesart ganz besonders aufs Gemüt. Das im Anfangsthema der ersten Geige anklingende "meine Ruh ist hin" könnte man Programm nennen. Mit vollem Risiko und ohne jede Rücksicht auf Schönklang wird Schubert total drängend und zugleich todessehnsüchtig dargeboten, dabei mit einer technischen Perfektion, die das Zuhören zu einem expressivo- Erlebnis sondergleichen macht. Ich fand das toll in dieser Kompromisslosigkeit.

Vor dem nächsten Stück von Dutilleux gab der Cellist eine kleine Werkeinführung, die auch noch mit Anspielen der entsprechenden Passagen untermalt war. Normalerweise mag ich solche Wortbeiträge wenig, aber wenn das dazu führt, dass der Saal wie gestern knackevoll war, darunter etliche junge Leute, dann hat es vielleicht seine Berechtigung. Jedenfalls hat er es gut dargeboten, man muss ja auch frei sprechen können, wenn man Musik erklären will und dabei nicht langweilen will. Gefallen hat mir das Stück sehr, ich mag moderne Streichquartette generell sehr gern.

Der Höhepunkt war aber dann das abschließende Debussy- Quartett. Dazu passt dieser radikale Ansatz von Artemis einfach perfekt, meine ich. Als Zugabe spielten sie noch eine Bearbeitung der Satie-Gymnopédies.

Heike
Jeremias (01.03.2012, 08:35):
Gestern in der Kölner Philharmonie:

Grigory Sokolov

Jean-Philippe Rameau
Suite in re

Wolfgang Amadeus Mozart
Sonate in a-Moll, KV 310

- Pause -

Johannes Brahms
Variationen über ein Thema von Händel, op. 24

Drei Intermezzi, op. 117

Es war das beste Konzert, das ich je von ihm gehört habe! Rameau funkelte und glitzerte vom ersten Ton an, eine unglaublich saubere Triller-Technik, dynamisch, lebendig... mit Worten nicht zu beschreiben! Die spröde Sonate von Mozart spielte er so anders und letztlich genauso wie man sich Mozart wünscht. Nach der Pause in interessanter Reihenfolge zuerst die Händel-Variationen: Nicht als romantisch großes Meisterwerk sondern im barocken Stil angelegt, herrlich frisch und "entschlackt", einfach großartig! Es war das beste was ich je von ihm hörte! Als Bonbon noch die Intermezzi, ein wahrer Genuss an Klängen und Klangfarben... seine sechs Zugaben bestanden diesmal aus 3x Schumann, einem Prelude von Chopin (Nr.4), nochmals Rameau und dem wunderbaren Prelude h-moll Bach/Siloti. Ein dreistündiger, denkwürdiger Abend! So etwas erlebt man nur alle paar Jahre, nicht nur aufgrund des 29. Februars...

:down :down :down :down :down :down :down :down :down
Heike (01.03.2012, 14:56):
Lieber Jeremias,
ich freue mich schon wie närrisch auf dasselbe Programm Ende März in Berlin!!!!!
Und dann dürcke ich uns die Daumen, dass wenigstens der Brahms - Teil auf CD erscheint. Ich iebe ja die Händelvariationen und die Spätwerke total.
Danke für den Bericht :engel
Heike
ab (02.03.2012, 18:02):
Auch bei mir gestern eine Sternstunde (1.3.2012)

Giovanni Antonini
kammerorchesterbasel
Isabelle Faust, vl
Miklós Perényi, vc
Kristian Bezuidenhout, kl
Rossini Ourvertüre zu Die Italienerin in Algier
Beehtoven Tripelkonzert
Beethoven Sinfonie Nr. 8

Ich kann mir schwer vorstellen, dass es in der Aufführungsgeschichte des Tripelkonzerts bislang eine Solistenteam gegeben hat, dass derart miteinader harmonierte wie dieses. Immer freier haben sie sich gespielt, immer spielfreudiger ist es geworden. Bezuidenhout ist sowieso ein Weltwunder an Klangfarbimitation: Da klingt ein Akkord wie die schmetterenden Trompeten, dort wie die Bratschengruppe und dann wieder gleich wie der strahlend helle Klang von der Violine Fausts. Ständig überraschende Phrasierungen und Impulse. Perényis Musikalität ist eine Dimension für sich und seine Gabe, sich auf die Musikalität seiner Kollegin einzustellen ist :down .Faust ist mir ein Rätsel, wie man so schlicht mit einem Anschein von Kühle spielen kann - und doch so berührend.

Überraschend war der Rossini zu Beginn: Noch nie habe ich ein Orchester mit so mickrigem Bogensrich interpretieren gehört.

Überraschend für mich auch auch die 8. Sinfonie (die ich zwar gerne gehört habe, aber mich wirklich nicht vom Hocker gerissen hat) Anders als Antoninis Kammerorchesterbeethovengesamteinspielungskollegen wie Paavo Järvi oder Thomas Dausgaard ist das bei ihm etwas ganz Neues, weil die Streicher eine völlig untergeordnete Stellung einnehmen. Bei Antonini mutet das viel mehr als Weiterentwicklung der Harmonienmusik der Zeit an (also der Orchesterbesetzung aus Holz- und Blechbläsern, die ungefähr um 1770 entstand und besonders für Freiluftkonzerte oder Tafelmusiken eingesetzt wurde), zu denen einfach Streicher hinzutreten. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass die Blasinstrumenten in ganz verschiedener Klangfülle blasen, wodurch die Klangbalance sher verstörend neuartig wird.

Was die Qualität dieses kammerorchesterbasels betrifft, so müssen allerdings deutliche Abstriche gemacht werden, die Streicher artikulieren sehr verschieden, auch wenn exzellen die Dynamik durchgearbeitet wurde. Was mir bei Antonini sehr gut gefallen hat, ist, wie in Repriesen dann andere Instrumentegruppen zur Melodiestimme klangfärbig hinzugezogen werden. Sonst ist alles bei ihm ein elegantes, gleichförmig federndes Durchschnurren bei ausnehmend ebenmäßigen dynamischen Steigerungen. Das funktioniert zwar bei Beethoven, mir persönlich geht dadurch aber dadurch die Gestaltung von Gegenlinien zu sehr unter.
:hello
Amadé (03.03.2012, 11:22):
Gestern Abend gastierte im Saal des Kreishauses Olpe schon zum zweitenmal der jetzt 19jährige britische(?) Pianist Kit Armstrong. Er begann seinen Klavierabend mit den drei letzten Präludien und Fugen aus Bachs Wohltemperiertem Klavier Teil 1., sehr kantabel und ausdrucksvoll, auch in den Fugen, vorgetragen, da war die Romantik nicht mehr weit, alles Motorische bliebt weitgehend ausgeklammert, so hört man das heute eher selten. Anstatt eine Beethoven-Sonate vorzutragen, mit er das Publikum für sein Spiel hätte einnehmen können, wählte der junge Pianist einen etwas unüblichen Weg, er spielte nacheinander drei Klavierstücke aus Beethovens Feder: das Rondo G-dur op.51 Nr.2, das Albumblatt „Für Elise“ und abschließend nochmals ein Rondo, nun das von der „Wut über den verlorenen Groschen“ op.129. Diese Zusammenstellung im Hauptteil eines Klavierabend ist ungewöhnlich, wenn überhaupt, begegnet man ihnen eher im Zugabenteil. Beim zuerst gespielten Rondo wurden leider einige schnelle Passagen vom Pedalnebel umwölkt, hier hätte ich mir mehr Klarheit gewünscht. Der Wiedererkennungswert der „Elise“ spiegelte sich sofort in den Gesichtern vieler Besucher, die dankbar der Musik lauschten. Das zuletzt vorgetragene Rondo, in Wirklichkeit viel früher als op.51 entstanden, wurde mit Energie aufgeladen und energisch, keineswegs rokokohaft verspielt, dem Steinway abgewonnen, begeistertes Publikum.
Nach der Pause eine Eigenkomposition des Pianisten und Komponisten Armstrong „Miniatures“, wobei das erste hier seine Uraufführung erlebte. Es fällt mir schwer die Musik beim einmaligen Hören treffend zu beschreiben. Von Debussy ausgehend, Zwölftöner streifend, bewegte sie sich m.E. eher in der Sphäre des 1.Teils des vergangenen Jahrhunderts. Eine Verdichtung von Stück zu Stück war nicht zu überhören. Ob Armstrong sich auf dem Gebiet der Komposition weiterentwickelt und sich gleichzeitig als Konzertpianist neben der überaus starken Konkurrenz behaupten kann, bleibt abzuwarten.
Das letzte Werk des Abends waren Schuberts 4 Impromptus D.899. Hier ging es Armstrong nicht um die Darstellung wundervoller bekannter Klavierkompositionen, sondern eher um den Blick in die tieferen Schichten der Stücke, die von vielen Pianisten nicht wahrgenommen oder überspielt werden. Dieser Vortrag hat mich sehr beeindruckt, ich hätte mir eine sofortige Wiederholung als Zugabe gewünscht. Diese wurde im Anschluss auch gewährt, jedoch lenkte Kit Armstrong den Blick zurück auf den Beginn des Abends: zwei wenig gespielte, schon gar nicht an dieser Stelle, Werke von Mozart. Zunächst Allemande und Courante aus der fragmentarischen „Suite im Stil von Händel“ KV 399, danach noch die Fantasie c-moll KV 396, die im Schatten der Fantasien in d-moll KV 397 und c-moll KV 475 steht.
Alles in Allem ein ungewöhnlicher Klavierabend, der von künstlerischem Überblick zeugte, ausgetretene Pfade vermied und trotzdem Genuss, „Satisfaction“ und auch etwas Betroffenheit vermittelte.

Gruß Amadé
Heike (07.03.2012, 00:13):
Philharmonie, 6.3.12
Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim Dirigent
Rinnat Moriah Sopran
Radu Lupu Klavier

Johannes Brahms Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15
Alban Berg Symphonische Stücke aus der Oper Lulu
Richard Strauss Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28

Puh, es begann wirklich sehr merkwürdig mit dem Brahms- Klavierkonzert. Ich mag eigentlich Radu Lupu, habe ihn mehrmals gesehen und war fast immer angetan von seinem Spiel. Aber heute ging irgendwie gar nichts. Das war so, als wenn er und Barenboim zwei völlig verschiedene Konzerte spielten, da passte nix zusammen. Wenn Barenboim Gas gab, dann bremste Lupu. Wenn Barenboim beherzt anzog, dann schwelgte Lupu in romantischen Sphären. Die Einsätze passten nicht, das klang nicht zusammen. Überhaupt fand ich Lupus Klavierspiel heute weniger schön, zu unscharf für Brahms, auch zu viel Pedal, im Detail sogar manchmal behäbig. Sehr befremdlich das ganze jedenfalls, so ein schlecht gespieltes Brahms- Konzert habe ich kange nicht gehört und das hätte ich bei den Protagonisten ganz und gar nicht erwartet.

Die Lulu-Suite hat mich auch nicht besonders beeindruckt, da passte noch eiiges nicht und der Klang der Streicher der Staatskapelle ließ heute auch zu wünschen übrig - sehr ruppig. Frau Moriah hatte auch nicht so die größte Stimme, also ich bin schon mal sehr froh, dass im Schillertheater demnächst Mojca Erdmann die Lulu singen soll.

Erst im abschließenden Strauss kam dann etwas mehr Vitalität und Genauigkeit auf, das können sie (aber das Werk mag ich nicht).
Also, einer der weniger gelungenen Konzertabende für mich.
Heike
nikolaus (07.03.2012, 20:16):
Hier eine andere Meinung zum Konzert...
(die ich nur überflogen habe, weil ich den "Stil" des Schreibers nicht besonders gut ertragen kann)

Nikolaus.
Heike (07.03.2012, 23:49):
Sehr merkwürdig, der Mann muss in einem anderen Konzert gewesen sein :ignore. Nee, ehrlich, die Brahms- Klavierkonzerte kenne ich nun wirklich so gut, das höre ich, wenn da was nicht passt. "Weihevoll" für Lupu ist ja durchaus richtig, auch "pastoral", aber erstens macht das einen sehr ermüdenden Brahms, zweitens spielte er wirklich nicht schön (vermutlich hat er auch gehört, dass es mit dem Orchester gar nicht zusammen passt und war angenervt). Und drittens, "Weichheit und sanften Fluss" bei der Staatskapelle finde ich drekt lustig, weil gerade das, was sie sonst gut können, diesmal nicht so zu hören war. Nunja.

Dass die Dame in der Lulu-Suite ihm auch so hervorragend gefallen hat und dass er die Unschärfen und Ungenauigkeiten im Orchester nicht bemerkte, lässt mich dann doch daran zweifeln, ob der Herr das Stück vorher schon mal gehört hat.
Da hab ich doch mal (ganz unten) seinen Steckbrief angeklickt, so richtig weiß ich jetzt nicht, was ihn für den Job als Kritiker qualifiziert. Egal, ich fands nicht gut. Aber danke für den Link, war interessant zu lesen.
Heike
nikolaus (08.03.2012, 20:40):
Original von Heike

Da hab ich doch mal (ganz unten) seinen Steckbrief angeklickt, so richtig weiß ich jetzt nicht, was ihn für den Job als Kritiker qualifiziert.


Das frage ich mich auch häufig!

Nikolaus :beer
Jeremias (25.03.2012, 22:52):
Heute in der Kölner Philharmonie:


Khatia Buniatishvili Klavier



Franz Liszt
Sonate für Klavier h-Moll
Erster Mephisto-Walzer

Pause

Frédéric Chopin
Scherzo h-Moll op. 20
Scherzo b-Moll op. 31
Scherzo cis-Moll op. 39

Igor Strawinsky
Trois Mouvements de Pétrouchka

Dir Frau hat Talent! Manchmal wollten die Finger schneller als sie konnte, da muss sie noch etwas geschickter dosieren, aber sie hat einen ganz tollen Klang und einen wunderbaren Anschlag, sehr viel Sinn für Sinnliches, aber auch wieder sehr viel Einfallsreichtum und Mut neue Wege zu gehen... langer Applaus, eine Zugabe (denke etwas georgisches) und viele interessante Eindrücke!
Jeremias (27.03.2012, 11:18):
Gestern in der Tonhalle Düsseldorf:

Düsseldorfer Symphoniker
Isabelle Faust, Violine
Städt. Musikverein zu Düsseldorf e.V.
Marieddy Rossetto, Einstudierung
Susan Gritton, Sopran
Michael Nagy, Bariton
Sir Roger Norrington, Dirigent

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Violine und Orchester A-Dur KV 219
Maurice Ravel
Tzigane
Ralph Vaughan Williams
A Sea Symphony (Symphonie Nr. 1)

Was für eine tolle Solistin! Sie braucht keinen Starrummel um sich, sie braucht keine teuren Abendkleider um sich zu präsentieren, sie braucht kein großes Gehabe und Getue... man gebe ihr eine Stradivari und einen genialen Partner wie Norrington, der mehr damit beschäftigt war ihr zu lauschen als zu dirigieren und man erhalte Musik pur! In der Pause verriet sie mir beim Signieren ihrer CDs, dass die Mozart'schen Konzerte als Einspielung geplant seien :engel Es war das schönste Mozart-Konzert, das ich je gehört habe! Umso mehr freue ich mich auf die dann erscheinende Aufnahme! Auch Tzigane wurde ein einmaliges Erlebnis. Sie schlachtete es im Gegensatz zu vielen Kollegen und Kolleginnen nicht aus, sondern war immer darauf bedacht, gerade die intimen und kleinen Details in den Vordergrund zu rücken. Sich selber nahm sie dabei zurück. BRAVO!

Nach der Pause dann die große Sea Symphony, wohl eines der Lieblingswerke von Norrington. Was er mit den sonst so spröden und auch teilweise immer lustlos spielenden Düsseldorfern veranstaltete, das war Weltklasse! Der traditionsreiche Musikverein präsentierte sich darüber hinaus in absoluter Hochform.

Alles in allem ein denkwürdiger Abend!
Jeremias (01.04.2012, 09:01):
Gestern in der leider nur mäßig besetzten Philharmonie, dafür aber mit einem Publikum für Kenner:

Isabelle Faust, Violine
Alexander Melnikov, Klavier


Franz Schubert
“Wandererfantasie” C-Dur für Klavier solo, op. 15, D 760

Franz Schubert
Sonate (Sonatine) Nr. 2 a-Moll für Violine und Klavier, op. 137 Nr. 2, D 385

- Pause -

Johann Sebastian Bach
Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo, BWV 1004

Franz Schubert
Fantasie C-Dur für Violine und Klavier, op. posth. 159, D 934

Ich hatte bereits am vergangenen Montag das Vergnügen Isabelle Faust in Düsseldorf zu hören. Auf dieses Programm war ich aber umso gespannter. Ihre SChubert-CD gehört für mich zu dem Spannendsten meiner ganzen Sammlung, die 2. Partita hörte ich erst zum zweiten Mal live (letztmalig vor 14 Jahren mit Frank Peter Zimmermann).

Melnikov begann den Abend mit einer Wanderer-Fantasie, die ihresgleichen suchte! Wunderbar perlende Läufe, absolut sauber, selbst die Fortissimo-Passagen absolut kultiviert... schöner kann man diese doch sonst so spröde Fantasie nicht spielen! Die Sonatine danach war ein wahres Erlebnis... Augen zu und geniessen! Ganz einfache Musik, die unglaublich schwer darzubieten ist. Nach der Pause die 2. Partita... mir fehlen die Worte um zu beschreiben was das Publikum, das ihr mit Standing Ovations dankte, in dieser halben Stunde erlebte. Höhepunkt war natürlich die Chaconne, in welcher dann aber deutlich wurde, dass auch sie nur ein Mensch ist. Das erste e" nicht ganz sauber, was es aber unglaublich sympathisch machte. Sie liess sich jedoch nichts anmerken und bot eine Sternstunde, wie man sie nur ganz selten erlebt... mein Vater schwärmte in diesem Zusammenhang und setzte sie auf eine Stufe mit Nathan Milstein..... zum Abschluss die Fantasie, vielleicht mein Lieblingsstück der gesamten Duoliteratur. Noch perfekter als auf der Aufnahme bei Harmionia Mundi.... sensationell wie die beiden in einer Live-Aufführung die Grenzen des Machbaren in Puncto Leichtigkeit und Pianissimo ausloteten.... als Zugabe ein Notturno von John Cage. Hätte schlimmer, hätte aber auch etwas anderes sein können. Gleichwohl ein denkwürdiger Abend
Heike (01.04.2012, 09:30):
Lieber Jeremias,
für mich sind ide beiden das aktuelle Traumpaar, sie spielen umwerfende Kammermusik zusammen. Ich habe mir die Beethovensonaten mit beiden gekauft und habe große Freude daran. Und auch jeder für sich ist ein Genuss, wie unlängst die geniale Violinkonzerte- CD mit Faust/ Abbado mal wieder bewies.. Melnikov habe ich mal mit Schostakowitsch- Preludes gehört, das war umwerfend.
Ich habe mich unglaublich geärgert. dass ich zu dem Termin, als sie in Berlin zusammen auftraten, terminlich nicht konnte. Danke für den Bericht! Die sind ja beide noch jung, also ich hoffe, die werden wir noch öfter zusammen sehen können.
Heike
Jeremias (01.04.2012, 09:55):
Ich habe das nur zufällig mitbekommen, dass die ihr Konzert gestern hatten... es war mein Traum die beiden mit Schubert zu hören! Er wurde gestern Wirklichkeit! Letztes Jahr spielten sie alle Sonaten von Beethoven an 3 Abenden in Düsseldorf, ich war leider jeweils verhindert..... Melnikov habe ich vor 12 Jahren das 1. Mal gehört, er "begleitet" eine Cellistin in der Kölner Philharmonie und spielte sie regelrecht an die Wand....
Heike (01.04.2012, 10:09):
Ich liebäugele schon länger mit der Melnikov- CD, wo er die Preludien und Fugen op. 87 eingespielt hat - aber die ist so teuer :-(
Melnikov und Schostakowitsch - leider nur eine kleine Kostprobe auf youtube
Nächstes Jahr spielt er Kammermusik in Berlin mit Faust und Queras. Ich hoffe, dass ich das nicht wieder verpasse. Ich beneide dich jedenfalls um das Erlebnis :engel
Heike
Jeremias (01.04.2012, 10:41):
Bei Saturn gibt es die im Moment für 18 Euro bei uns....
Jeremias (01.04.2012, 21:18):
Heute in der Wuppertaler Stadthalle

Nazim
Oratorium von Fazil Say

Banu Böke, Sopran
Thomas Laske, Bass
Emre Elivar, Klavier
Opernchor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen Sinfonieorchester Wuppertal
Ibrahim Yazici , Leitung

"Freiheit war die große Sehnsucht des türkischen Lyrikers Nâzim Hikmet, doch politische Verfolgung, Publikationsverbote, lange Jahre in Gefängnissen und Exiljahre in der Sowjetunion prägten sein Leben. Trotz aller Repressionen verbreiteten sich seine Werke und er gilt heute als Begründer der modernen türkischen Lyrik. Wichtige Themen für Nâzim Hikmet waren neben Freiheit und Gerechtigkeit immer besonders die Heimat und die Verbundenheit mit dem einfachen Volk.
Im Auftrag des türkischen Kultusministeriums komponierte der international renommierte türkische Pianist und Komponist Fazil Say das Oratorium Nâzim. Uraufgeführt wurde das Werk 2001 in Ankara in Anwesenheit des türkischen Staatspräsidenten. Thematisch griff der Komponist auf Verse aus Originalwerken Nâzim Hikmets zurück. Und wie Hikmet sucht auch Say nach Erneuerung in seiner Sprache, der Musik. "

Ich habe mir die CD vor etwa 10 Jahren aus der Türkei bestellt, nachdem ich eine Doku gesehen hatte. Ich hätte NIE gedacht, dass ich dieses tolle Werk einmal live würde erleben können! Heute war es soweit... jedoch wurden die Erzählungen auf Deutsch gefasst. Als Solist aber auf Türkisch zu singen, das war einzigartig! So übrigens auch das Publikum... erstmals wahrscheinlich ein großer Teil türkischer Mitbürger in einem klassischen Konzert... diese kamen dann auch reihenweise zu spät, trippelten auf ihren Stöckelschuhen durch die ganze Stadthalle um dann in den ersten Reihen ihre Plätze einzunehmen.... Es ist eigentlich nicht zu beschreiben was wir heute im Rahmen der deutschen Erstaufführung erlebten. Der Dirigent leitete seinerzeit auch die Uraufführung, der Pianist stand Fazil in fast nichts nach, der Chor war spitzenklassen! Besonders schön war jedoch, als das kleine Mädchen mit ihrem Sologesang nach einem großen Knall mitten in ihrem Solo anfing zu lachen, weil sich das Publikum so erschrocken hatte. Die kleine Blockflöte hatte dann ein wenig Rhytmusprobleme, so dass der neben ihr stehende Dirigent ihr den Takt auf die Schulter klopfte. Gerade diese Momente machten die Aufführung so herzerwärmend, trotz des schweren Inhalt.

Wer von Euch jetzt neugierig geworden ist, hier gibt es das gesamte Oratorium im Internet:

#

Was blieb am Ende? 75 Minuten Gänsehaut, die dann noch bis auf den Heimweg andauerte.... ich habe beschlossen die drei Balladen von Fazil Say in mein Repertoire aufzunehmen!
Heike (02.04.2012, 17:47):
NazimOratorium von Fazil Say

Ich habe mir jetzt ca. 20 min davon angesehen und ehrlich gesagt, mir gefällt es nicht. Jedenfalls habe ich keinerlei Lust, es mir weiter anzusehen. Es klingt für mich nach Filmmusik mit Erbauungstexten. Passagenweise ist es nett instrumentiert, aber auf mich wirkt es auch kitschig. Wie das live aussieht, zudem mit deutschen Texten, das wage ich nicht, mir vorzustellen.
Aber erstaunlich, dass fast 20000 Leute dieses Video schon angeklickt haben.
Heike
Jeremias (03.04.2012, 11:56):
@ Heike: Ich weiss, dass die Meinung im Chor gespalten war. Die einen haben es wie Du gesehen, die anderen wie ich. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich bereits viel mit ihm beschäftigt habe, teilweise auch seine Werke gespielt habe und ich zudem orientalische Wurzeln habe...
Heike (03.04.2012, 17:43):
Ich habe Fazil Say mal mit 2 Eigenkompositionen am Klavier gehört, die haben mir sehr gut gefallen.
Zum Glück sind die Geschmäcker ja verschieden (ich mag ja zB auch das Violinkonzert von alban Berg, was nicht so dein Favorit ist, wenn ich mich recht entsinne )
Heike
Heike (20.04.2012, 23:30):
Kammermusiksaal Berlin, 20.4.12
Jonathan Biss Klavier

Ludwig van Beethoven Klaviersonate c-Moll op. 10 Nr. 1
Léoš Janácek Im Nebel
Ludwig van Beethoven Klaviersonate cis-Moll op. 27 Nr. 2 »Mondscheinsonate«
Léoš Janácek Klaviersonate 1.X.1905 »Von der Straße«
Ludwig van Beethoven Klaviersonate Es-Dur op. 81a »Les Adieux«

Grauslig! Ich war nahe daran, Kopfschmerzen zu kriegen.
Er spielte wie ein werdender Lang-Lang-Klon ... nur macht Lang Lang weniger Fehler und spielt auch bedeutend schöner. Es gab heute jedoch dessen Effekthascherei, affektierte Schlusstöne, reingeknallte Bässe, unpassende Tempi. Poesie ist für Biss ein komplettes Fremdwort, auch der Klang war einfarbig. Janacek war besonders schlimm, ich hoffe, ich höre sowas nie wieder.
Eigentlich habe ich gar keine Lust, mehr darüber zu schreiben. Ach ja, eine Schumann - Zugabe gab es noch, die war auch nicht besser. Mehr gibt es nicht dazu zu sagen.
Heike
Heike (23.04.2012, 00:11):
Als Ausgleich für das doofe Klavierkonzert am Freitag gab es heute ein super-Programm:

22.4.12 Philharmonie Berlin
DSO Berlin, Hans Graf
Cantus Domus, ensemberlino vocale
Giacomo Puccini ›Suor Angelica‹ – Oper in einem Akt (halbszenische Aufführung)
Paul Hindemith ›Sancta Susanna‹ – Oper in einem Akt (halbszenische Aufführung)
Alexander Skrjabin ›Le poème de l‘extase‹


Maria Luigia Borsi Sopran (Suor Angelica)
Lioba Braun Mezzosopran (Zia principessa, Klementia)
Melanie Diener Sopran (Susanna)
Ewa Wolak Alt (La maestra d. novizie | Alte Nonne)
Heidi Stober Sopran (Suor Genovieffa)
Jana Kurucová Mezzosopran (La suora zelatrice)
Liane Keegan Mezzosopran (La badessa)
Steffi Klein Sopran (Suor Osmina)
Kathryn Lewek Sopran (Suor Dolcina)
Susanne Kreusch Mezzosopran (La suora infermiera)
Ariana Strahl Sopran (Una cercatrice)
Bianca Reim Sopran (Una cercatrice)
Carolin Seidl Sopran (Una conversa)
Carolin Rindfleisch Mezzosopran (Una conversa)
Judith Tangermann Sopran (Una novizia)
Elisabeth-Marie Leistikow Eine Magd (Sprechrolle)
Bastian von Bömches Ein Knecht (Sprechrolle)

Mangels Vergleichsmöglichkeiten kann ich zu den beiden Kurzopern wenig sagen, beide waren mir kompett unbekannt. Aber ich fand es großartig! So viele "sündige" Nonnen, wie heute besungen wurden, gibt es selten in der Philharmonie. Und es wurde klasse gesungen! Die kurzfristig für die kranke Barbara Frittoli eingesprungene Maria Luigia Borsi schlug sich auch ganz wunderbar, die hat mich sehr positiv überrascht. Zum Abschluss dann beim Skrjabin ging dem Orchester ein klein wenig die Puste aus, aber das Stück ans Ende eines Klosterabends zu stellen, das hat schon was. Alles in allem mal wieder ein richtig schöner Abend. Tolles Programm! Bitte mehr davon.
Heike
Heike (25.04.2012, 13:46):
24.4.12, Gethsemanekirche
RIAS Kammerchor, Hans-Christoph Rademann, Dirigent
Tobias Berndt, Bariton
Alexander Melnikov, Hammerflügel und Harmonium

Franz Liszt Invocation; Ave Maria
Giovanni Pierluigi Palestrina Stabat mater à 8
Franz Liszt Miserere d’après Palestrina; Funérailles
Orlando di Lasso "Domine, exaudi orationem meam, auribus"
Franz Liszt Via Crucis

Wieder ein wunderbar zusammengestelltes Programm. Das sind alles Werke, die selten gespielt werden und die Liszt-Sachen sind natürlich eher abseits des üblichen Liszt-Klavierrepertoires.
Ich habe mich besonders auf Melnikov gefreut, der auf dem alten Instrument (ein 150 Jahre alter Bösendorfer) wahre Wunderwerke an Klang hervorbrachte. Zwar war das Klavier anfangs ein wenig verstimmt und Melnikov musste gleich erstmal selbst Hand anlegen, aber ich saß, wenn er spielte, wie verzaubert in dieser Kirche und lauschte den Klängen nach, die den Raum voll ausfüllten und wie kunstvoll verwobene Pattern im Raum zu schweben schienen. Nun ist die Gethsemanekirche akustisch zwar bei weitem nicht so kritisch wie z.B. der Dom (Konzerte im Dom meide ich), aber trotzdem hallt es hier und da. Wenn da die Bässe dieses Flügels klingen, dann kann man kaum gkauben, dass das nur ein einzelner Flügel war. Aber das hatte was total Überwältigendes, was Liszts virtuose Klavierorgien so nicht so leicht hinkriegen bei mir.

Der Rias Kammerchor, der dann unter diesen Bedingungen doch engelshaft schöne Interpretationen der Alten Musik abliefern konnte, ist allen Erwartungen gerecht geworden. V.a. am Ende das morbide "Via Crucis" fand ich außerdordentlich beeindruckend. Melnikov begleitete hier am Harmonium, ich glaube fast, nahezu prima vista (er hatte in der Pause mal die Noten durchgeblättert und sich hier oder da ein paar Notizen gemacht). Komisches Ding, so ein Harmonium. Aber es klingt total schräg, ich kenne mich damit gar nicht aus, mal hört man eine Orgel, dann klingt es wie ein Akkordeon, dann eher klavierähnlich. Das hat alles natürlich sehr gut in die Kirche gepasst! Gut waren auch der Bariton und die Altstimme aus dem Chor. Ich liebe solche spärlich begleiteten, halbmodernen, emotional schwarzgefärbten Vokalwerke, schade, dass die so selten aufs Programm kommen.

Das Konzert hat DRadio Kultur mitgeschnitten, man kann es am 27.4. um 20 Uhr hören.
Heike
Karolus Minus (25.04.2012, 23:12):
Original von Heike
Zum Abschluss dann beim Skrjabin ging dem Orchester ein klein wenig die Puste aus, aber das Stück (Poème de l'Extase) ans Ende eines Klosterabends zu stellen, das hat schon was.
Heike

Vielleicht kannte der Dirigent ja Hamburg. Hier gibt es nämlich die schöne Straßenreihenfolge Jungfrauenthal-Klosterstern-Frauenthal... :ignore
Gelöschter Benutzer (26.04.2012, 12:35):
Ich war gestern im 6. Sinfoniekonzert im Schweriner Staatstheater und es standen folgende Werke auf dem Programm:

Leonard Bernstein: "Chichester Psalms"

Henri Tomasi: Trompetenkonzert

Pause

Pjotr Tschaikowski: 5. Sinfonie e-Moll op. 64


Solistin: Katrin Hübner, Sopran
Solist: Giuliano Sommerhalder, Trompete
Opernchor des Staatstheaters, Schweriner Singakademie
Choreinstdierung: Ulrich Barthel
Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, GMD Matthias Foremny

Die ersten beiden Werke hörte ich gestern zum 1. Mal, deshalb kann ich dazu nur wenig sagen. Etwas gewöhnungsbedürftig war Bernsteins Musik, aber auf keinen Fall schlecht, war sehr interessant. Die Solistin und die Chöre waren gut vernehmbar, auch wenn ich nur ein Wort klar verstanden habe. :) Adonai! Ich kann hebräisch. Wow! :D
Danach wurde Tomasis Trompetenkonzert aufgeführt. Es ist virtuos gewesen. Der Solist hat gut mit dem Orchester harmoniert und m.E. gute Arbeit gemacht. Hinterher gab es eine nicht minder virtuose Zugabe zum Abschied. Was genau gespielt wurde, weiß ich freilich nicht, aber es klang mir eher wie ein Potpourri für Solotrompete.
Pause. Gelenke bewegt.
Dann kam der Höhepunkt des Abends: Tschaikowskys 5. Die Interpretation hat mir persönlich sehr gut gefallen, für eine 62-köpfige Orchesterbesetzung. Foremny gefällt mir als Dirigent, er ist mir sehr symphatisch. Sauberer Klang und Transparenz zeichneten diese Interpretation aus. Auch wählte Foremny gut ausgewogene Tempi, sodass die Emotionalität der Sinfonie gut zum Vorschein kam. Zu guter letzt wurde Foremny mit stehenden Ovationen für sein Dirigat bedacht, aber weil es auch sein letztes Sinfoniekonzert gewesen ist, da sein nicht verlängerter Vertrag am Ende der Spielzeit ausläuft.
Schade.
Aber das gestrige Konzert fande ich rundum gelungen. :times10
Heike (26.04.2012, 17:49):
Hallo Treborian
schön, dass noch jemand von seinen Konzerteindrücken berichtet :-) ich lese das immer sehr gerne.

Tomasis Trompetenkonzert habe ich dieses Jahr auch schon live gehört, vorher war es mir ebenso wie dir unbekannt. Mich hat es nicht so vom Hocker gerissen, ich fand es ein bisschen langweilig. Also, es war nicht so richtig modern, aber auch nicht wirklich harmonisch, erinnerte stelenweise an Musical oder Jazz, so als ob der Komponist nicht so richtig wusste, was er da machen will.

Heike
AcomA (26.04.2012, 23:15):
Hallo,

gestern im Muenchener Herkulessaal:

Philippe Entrement dirigierte die Muenchener Symphoniker und spielte zugleich Klavier, Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur. Eine ausserordentliche Darbietung. Wie ausgelassen und mit welch grosszuegigem pianistischen Zugriff dieser fast 80-jaehrige musizierte. Sehr warmer und sonorer Anschlag. Ein toller Abend .

LG, Siamak
Gelöschter Benutzer (27.04.2012, 12:33):
Original von Heike
Hallo Treborian
schön, dass noch jemand von seinen Konzerteindrücken berichtet :-) ich lese das immer sehr gerne.

Tomasis Trompetenkonzert habe ich dieses Jahr auch schon live gehört, vorher war es mir ebenso wie dir unbekannt. Mich hat es nicht so vom Hocker gerissen, ich fand es ein bisschen langweilig. Also, es war nicht so richtig modern, aber auch nicht wirklich harmonisch, erinnerte stelenweise an Musical oder Jazz, so als ob der Komponist nicht so richtig wusste, was er da machen will.

Heike

Hi, Heike
Danke.
Ich weiß, Tomasis Konzert ist nicht das Gelbe vom Ei gewesen, aber der Solist hatte schon zu tun. Die Leistung der der Ausführenden war sehr gut.

Gruß
Karolus Minus (29.04.2012, 13:42):
Laeiszhalle Hamburg, kl. Saal 28.4.2012

Belcea Quartet
Ludwig van Beethoven: Streichquartette op. 18/4, op. 135 und op. 59/1

Es war der fünfte Abend im Rahmen des Beethoven-Projekts, bei dem das Belcea Quartet sämtliche Streichquartette aufführt; an sechs Abenden über die Saison verteilt im Rahmen einer kleinen Tournee, die neben Hamburg auch noch London, Gateshead (bei Newcastle) und Snape in Suffolk enthält. Dazu kommen komplette Zyklen innerhalb von 10 Tagen im Wiener Konzerthaus und bei der Schubertiade in Schwarzenberg, wobei bei letzterer eine streng chronologische Aufführung erfolgt.

Ich gestehe, daß mir die hiesige Zusammenstellung mit je einem frühen, mittleren und späten Quartett mehr zusagt, bekommt man doch damit zum einen jeweils den "ganzen" Beethoven in der kompositorischen Entwicklung und zum anderen mit op. 18 einmal etwas "leichtere" Kost. Ein Konzert mit op. 132, 131 und 135 wie in Schwarzenberg dürfte die Aufnahmefähigkeit auch eines kundigen Publikums bis an die Grenzen fordern, wenn nicht gar überfordern.

Wobei op. 18/4 in den letzten beiden Sätzen mit der Folge Menuett-Trio-Menuett und dem abschließenden Rondo zwar noch der traditionellen Abfolge folgt, sich mit dem Fehlen eines langsamen Satzes aber deutlich absetzt.
Und gerade in den vielen fugierten Einsätzen dieses Scherzos kam eine der vielen, weit über die technische Perfektion und die absolute Balance der Stimmen hinausgehende Fähigkeiten der Namensgeberin und ihrer drei Kollegen zum Tragen; die Lust am Spielerischen bei gleichzeitiger Herausarbeitung der harmonischen Modernität. Da klingt nichts "klassisch" oder nur "schön" sondern als sei es grade frisch komponiert, und deshalb schon in den beiden ersten Sätzen dieses Quartetts aus dem Jahr 1799 wie weit seiner Zeit voraus; ein Eindruck, der bei Beethovens letzter Opuszahl 135 ins Extreme gesteigert wurde. So kantig in den Brüchen und den dynamischen Gegensätzen zwischen Fortissimo und einem wirklich unglaublichen Pianissimo und mit einer derartigen Suche nach Verästelungen in Form und Harmonik schwang direkt die Tür zur zweiten Wiener Schule auf. Und der hier an dritter Stelle stehende langsame Satz war so ganz nebenbei eine Lektion in der Kunst eines schier endlosen Legatos.

Nach der Pause dann op. 59/1, auch dies ein Werk nicht eben einfacher Machart, das bei der Uraufführung einiges Unverständnis hervorrief.
"Als Schuppanzigh das Rasumowsky-Quartett in F-Dur spielte, lachten die Zuhörer und waren überzeugt, dass sich Beethoven einen Spaß machen wollte und es gar nicht das versprochene Quartett sei" berichtet Carl Czerny.
Wenn man sich selbst heute noch an manchen Stellen verwundert fragt, ob das wirklich Musik aus dem Jahre 1806 sei, muß man sich über die Zeitgenossen nicht wundern. Das ist dermaßen "Zukunftsmusik" wie sie daneben im 19. Jh. für meine Ohren allenfalls noch Berlioz geschrieben hat (der ein großer Beethoven-Verehrer war); der vom Cello quasi gehämmerte, rein rhytmische Beginn des zweiten Satzes etwa (ein Scherzo wie in op. 18/4) oder auch die klangliche Dichte des langsamen Satzes (der an dritter Stelle steht wie bei op. 135 - auch auf solche Querbezüge ist ganz offenbar in der Zusammenstellung der Abende Rücksicht genommen worden).

Die Ausführung war auch hier schlicht perfekt, aber nicht im Sinne von Perfektion um ihrer selbst willen sondern auf der musikalischen Ebene; Beethoven als Komponist von und für heute - und Frack war gestern...

Am morgigen Montag kann man das Programm auf BBC 3 aus Gateshead hören, leider nur per Internet-Radio zu bekommen und außerhalb des UK leider auch nur mit etwa 60 kbps und nicht mit den 320 kbps, die auf der Insel möglich sind.
Heike (11.05.2012, 23:54):
11.5.2012 Philharmonie Berlin
Berliner Philharmoniker
Claudio Abbado Dirigent
Anne Sofie von Otter Mezzosopran
Isabelle Faust Violine

Robert Schumann Ouvertüre zur Oper Genoveva op. 81
Alban Berg Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg op. 4
Alban Berg Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels«
Robert Schumann Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61

Claudio Abbado, der kann noch begeistern und die Berliner liegen ihm zu Füßen! Wenn man das mit Rattles theatralischen Dirigaten vergleicht, dann ist Abbado die Gelassenheit in Person. Wie da trotzdem so eine lebendige Schumann-Sinfonie entsteht, das war fabelhaft; v.a. beim Scherzo erinnerte ich mich wieder dran, woher die Phils ihren guten Ruf haben. Das war große Klasse heute.

Anne Sofie von Otter habe ich lange nicht live gehört, sie ist immer noch sehr beeindruckend und stellt reihenweise die jungen Damen in den Schatten, auch wenn die Stimme nicht mehr klingt wie vor 10 Jahren. Ich kannte diese Lieder überhaupt nicht und hatte trotzdem sofort einen Draht dazu. Was sicherlich auch an der wunderbaren Ästhetik des Orchesters lag.

Isabelle Faust mag ich sehr, ich liebe ihr intensives und sensitives Spiel. Ihr Berg-Violinkonzert mit Abbado kenne ich von der CD (mit anderem Orchester). Es hatte live natürlich nochmal eine bestechend anrührende Nähe, sie spielt es mit einer hohen inneren Anspannung, sehr eindringlich. Vor allem das Ende hat mich sehr ergriffen.

Toller Abend, standing ovations für Abbado.
rbb Kulturradio überträgt die Aufzeichung (allerdings vom ersten Konzert am 10.5.) am 19. 5. ab 20 Uhr

Heike
Jeremias (12.05.2012, 07:49):
@ Heike: Frau von Otter hat nach meiner Kenntnis ins Sopranfach gewechselt!

Ich hatte am Donnerstag ein wunderbares Erlebnis:

Murray Perahia Klavier

Johann Sebastian Bach
Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816 (1724-25)
für Klavier

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier Nr. 14 cis-Moll op. 27,2 (1801)
"Sonata quasi una fantasia" ("Mondscheinsonate")

Robert Schumann
Faschingsschwank aus Wien op. 26 (1839–40)
für Klavier

Pause

Franz Schubert
Sonate für Klavier A-Dur op. 120 D 664 (1819 oder 1825)

Frédéric Chopin
Polonaise cis-Moll op. 26,1. Allegro appassionato
aus: Deux Polonaises op. 26 (1835)

Frédéric Chopin
Prélude fis-Moll op. 28,8
aus: 24 Préludes op. 28 (1836?/39)

Frédéric Chopin
Mazurka cis-Moll op. 63,3
aus: Mazurken op. 63 (1846)

Frédéric Chopin
Scherzo h-Moll op. 20 (1835)
für Klavier

Perahia zählt für mich nach wie vor zu den ganz großen, von dem viele junge Pianisten noch so einiges lernen können. Sein Bach, sein Schubert, sein Chopin, da kommt keiner so schnell ran. ABER: Virtuosität ist sein Ding nicht (mehr)! Der 3. Satz der Mondscheinsonate war teilweise etwas unkoordiniert, doch einige falsche Passagen, genauso wie das Scherzo, in dem er hier und da doch mal daneben griff. Wie er allerdings die Mazurka zum funkeln brachte, wie er die wunderschönen Melodien bei schubert auslotete, das sucht seinesgleichen!

2 Zugaben, das Impromptu in Es D 899 Nr.2 von Schubert und Brahms op.119 Nr.3.

:down :down :down
Heike (12.05.2012, 08:34):
Lieber Jeremias,
von Otter war im Programm so als Mezzo angegeben.

Perahia zählt für mich nach wie vor zu den ganz großen, von dem viele junge Pianisten noch so einiges lernen können. Sein Bach, sein Schubert, sein Chopin, da kommt keiner so schnell ran. ABER: Virtuosität ist sein Ding nicht (mehr)! Der 3. Satz der Mondscheinsonate war teilweise etwas unkoordiniert, doch einige falsche Passagen, genauso wie das Scherzo, in dem er hier und da doch mal daneben griff. Wie er allerdings die Mazurka zum funkeln brachte, wie er die wunderschönen Melodien bei schubert auslotete, das sucht seinesgleichen!

Ich habe ihn im letzten Jahr oft gehört, da er bei den Phils diese Saison Pianist in Residence ist. Noch im März 2011 sind mir bei seinem Soloprogramm keine Fehler in aufgefallen, er spielte da auch mit deutlich mehr Kraft und Mut zum Risiko. Vor nicht allzulanger Zeit beim Schumann Klavierkonzert war es so, dass er offensichtlich hier und da Akkorde falsch griff und auch irgendwie gebremst wirkte. Trotzdem, geniale Interpretationen, hinreißende Klangzaubereien.
Heike
ab (12.05.2012, 10:16):
Gestern (11.5.2012) war ein überwältigendes Konzert von Viktoria Mullova & Matthew Barley Ensemble "The Peasant Girl" bei uns zu hören.

Mullova ließ bei mir den Mund schier staunend offen stehen: eine derartige gewaltige Kraft hätte ich ihr niemals zugetraut. Ihre Energie und (glühender-Stahl)-Feuer lässt ihre berühmten Geigerkollegen, die sonst noch Jazz spielen, wie Glühwürmchen aussehen.

"Jazz" ist dabei falsch gesagt, denn es geht nicht um Imporovisation: Hier wird "Jazz" verstanden als arrangierte Werke jenes amerkianischen Musikbereichs, der heute ja auch schon als ein Teil der "Klassik" (im Sinnen von E-Musik) angesehen wird ;-) De facto war der Abend als Konzert Gypsy-inspirierter Musik angekündigt: Diese Power betreffend hätte Mullova auch Heavy Metal spielen können.

Diese Gewalt war umso erstaunlicher, weil sie unmittelbar zuvor schon ein Solo-Vorkonzert mit zwei Bach-Partiten (absolut makellos) gespielt hat, von dem allein schon die Chaconne ermüdet.

Exemplarisch waren auch die Duos mit ihrem Ehemann Matthew Barley: Ein derartiges Unisono-Spiel bei dem aber nicht Übereinstimmung angestrebt ist, sondern sich jeder in seiner Eingenart durchhalten kann, ist singulär!
:hello
nikolaus (12.05.2012, 10:43):
@ ab

Schön, das zu lesen. Ich kenne zwar die CD dieses Programms und finde sie sehr gut, aber das live-Erlebnis ist sicher noch überwältigender.

Aber warum überrascht Dich ihre Kraft?

Ich höre in letzter Zeit sehr gerne ihre Einspielungen der Violinkonzerte von u.a. Bartok, Shostakovich, Prokofiev, Stravinsky. Da beweist sie schon eine enorme Intensität, die viele ihrer Geigerkollegen und -innen in den Schatten stellt, nach meiner Meinung zumindest.

Nikolaus :hello

P.S.: Habe gerade Deinen Kommentar zur entsprechenden CD gelesen. Einschläfernd finde ich die ganz und gar nicht (kontrolliert - das kann ich nachvollziehen), aber ich habe ja leider nicht das live-Erlebnis gehabt...
ab (12.05.2012, 10:51):
Original von nikolaus
@ ab

Aber warum überrascht Dich ihre Kraft?

Einschläfernd finde ich die ganz und gar nicht

Ich wählte diese Worte, weil sie derartig intensiv spielte, dass ich es selbst noch gar nicht glauben kann. Bei keiner ihren Aufnahmen (und bei keinem meiner Erlebnissen mit ihr in Violinkonzerteten) war auch nur annähernd eine derartige Power zu hören. Sie schien schier zu bersten. Ich war immer schon angetan von ihrer Kraft, aber das war im Vergleich zur Energie gestern das, was man in Ostöstrerreich "Lärcherlschaß" nennt.
:hello

Das Kodaly-Duo auf der CD finde ich gerade nicht einmal einen matten Ersatz - so gut es auch immer im Vergleich zu Alternativeinspielungen sein mag...

Im Programmherft steht übrigens als Überschrift "Musizieren mit Risiko". Das ist natürlich nicht trefflich: Wer über eine solche erhabene Technik verfügt, die kennt gar kein Risiko :P
nikolaus (23.05.2012, 00:35):
Gerade zurück vom Klavier-Festival Ruhr:

David Kadouch

Joseph Haydn: Variationen f-moll XVII:6

Claude Debussy: Les fées sont d'exquises danseuse (aus den Préludes Heft 2)
Ce qu'a vu le vent d'Ouest (aus den Préludes Heft 1)

Nikolaj Medtner: Sonate Nr. 1 a-moll op. 38 "Reminiscenza"

Sergej Tanejew: Prélude und Fuge gis-moll op. 29

- Pause -

Modest Mussorgsky: "Bilder einer Austellung"

Zugaben: die erste habe ich nicht mehr im Kopf, die zweite bestand aus zwei Preludes aus dem op. 34 von Shostakovich


Ich bin voreingenommen hingefahren, da ich seine "Bilder" Anfang des Jahres im Fernsehen von den Folles Journées de Nantes gesehen und gehört habe und nicht sehr begeistert war. Zudem befürchtete ich eine promotion-tour anlässlich seiner neuen CD.

Aber er hat mich eines Besseren belehrt: es war ein kurzweiliger, abwechslungreicher und unterhaltsamer Abend mit einem durchaus stringenten Programm!
Zu den einzelnen Stücken will ich gar nicht viel schreiben, mir geht es eher um den Gesamteindruck.
Und der war wirklich sehr erfreulich. Kadouch steht musikalisch sozusagen mit beiden Beinen auf der Erde. Er wühlt sich sicht- und hörbar in die Musik, und was herauskommt klingt ganz natürlich, weder übertrieben "vergrübelt" oder pathetisch noch hochglanzpoliert. Letzteres ganz besonders nicht: manches klingt vielleicht etwas ruppig, wenig geschmeidig, aber immer lebendig und beredt.
Debussy und auch manches der "Bilder" habe ich so noch nicht gehört, und das ist dann einfach spannend und macht Freude.
Übrigens habe ich selten einen Pianisten gesehen, der so wenig auf die Tasten schaut; er war offensichtlich vollkommen in die Musik vertieft.

Ein paar lobende Worte noch zu den Veranstaltern:
Das Konzert fand statt in eher kleinem Rahmen in einem Saal des Ibach-Hauses in Schwelm bei Wuppertal. Dabei handelt es sich um eine ehemalige Piano-Manufaktur in einem restaurierten Backsteingebäude. In privater, von Sponsoren unterstützter Initiative wurde zum ersten Mal in Schwelm ein Konzert des Klavier-Festival Ruhr veranstaltet, mit kostenlosen Getränken und Häppchen insgesamt sehr liebevoll gemacht. Der langjährige Intendant Franz Xaver Ohnesorg liess es sich nicht nehmen, auf seine ungemein charmante Art dieses Engagement in ein paar einleitenden Worten auch entsprechend zu würdigen.

Nikolaus.
ab (23.05.2012, 14:04):
Original von nikolaus
Gerade zurück vom Klavier-Festival Ruhr:

David Kadouch

immer lebendig und beredt.


Danke für Deinen Bericht. Genau diesen Eindruck machen seinen Aufnahmen auf mich. Sehr gerne würde ich ihn daher einmal im Konzert erleben.

Seltsam die heutige Zeit, da muss ein Künstler bei Mirare, Transart, Claves und ArtAct/Decca aufnehmen, statt durchwegs von einem Team betreut zu werden. :A

A propos Klavier-Festival Ruhr: Am Sa, 9.6.2012, 15:00 findet in Dortmund das "Quartett der Schallplattenkritiker" statt, zu dem Eleonore Büning, Wolfram Goertz, Kalle Burmester, Christoph Vratz um die besten Aufnahmen von Debussys Préludes diskutieren werden. Wo kann man da um die Ergebnisse erfahren? Lässt sich das irgendwo nachhören? Danke
:hello
Amadé (23.05.2012, 18:58):
Bald in einer Stunde ebenfalls eine Raterunde im SWR 2

"Das musikalische Quartett" mit dem Thema Debussy Preludes,

unter der Leitung von Rainer Damm diskutieren und raten Susanne Stähr, Karl Dietrich Gräwe und Uwe Schweikert.
ab (24.05.2012, 10:49):
Original von Amadé
Bald in einer Stunde ebenfalls eine Raterunde im SWR 2

"Das musikalische Quartett" mit dem Thema Debussy Preludes,

unter der Leitung von Rainer Damm diskutieren und raten Susanne Stähr, Karl Dietrich Gräwe und Uwe Schweikert.

Und kein live-stream zum Nachhören :S
ab (24.05.2012, 12:13):
Original von ab
Original von Amadé
Bald in einer Stunde ebenfalls eine Raterunde im SWR 2

"Das musikalische Quartett" mit dem Thema Debussy Preludes,

unter der Leitung von Rainer Damm diskutieren und raten Susanne Stähr, Karl Dietrich Gräwe und Uwe Schweikert.

Und kein live-stream zum Nachhören :S

Dank Forumshilfe hier doch zu finden :thanks
ab (25.05.2012, 10:42):
Zwar nicht direkt in der Veranstaltung die Eindrücke gewonnen, aber zuhause nachhörend, nun sozusage eine Kritik über eine Sendung mit Kritikern :D

SWR2 Musik kommentiert | Schwetzinger SWR Festspiele 2012
"Das musikalische Quartett"
Sendung vom Mittwoch, 23.5. | 20.03 Uhr | SWR2
Raterunde
Claude Debussy:
Préludes
Moderation: Rainer Damm
Gäste: Susanne Stähr, Karl Dietrich Gräwe, Uwe Schweikert
(Aufzeichnung vom 19. Mai im Kammermusiksaal)

Wer war's? Mit nahezu kriminalistischem Spürsinn, aber auch mit viel musikalischem Feingefühl stellt sich das sogenannte "Musikalische Quartett" regelmäßig diese Frage.


Tja, diese Sendung war eher bar jedes „kriminalistischen Spürsinns“. Der Moderator hat ja schon oft vor jeder Anmerkung seiner Gäste fast brachial Hinweise auf den Interpreten gegeben.

Solches trockenes, ständiges aneinander fast wie dozierendes Vorbeireden lässt im Vergleich den Wert der charmanten Sendung diskothek-im-zwei von Schweizer Radio DSR2 noch einmal höher und in einer qualitativ ganz anderen Liga erscheinen. Dort lebt die Sendung von Gästen, die das Werk selber aufführen und daher fundiert als Interpreten kennen und auf besondere Kleinigkeiten aufmerksam machen können, die manchmal einen neuen oder frischen Blick auf das Werk eröffnen. Insbesondere ist es geprägt von der Neugierde und diesem Wohlwollen, gemeinsam erst Aspekte über die Musik herausfinden zu wollen. Beim Musikalischen Quartett hingegen habe ich den Eindruck, man wolle mit dem schon zuvor gefestigtem „Wissen“ gegeneinander brillieren. Vielleicht ist die Anspielung an das literarische Vorbild ein Kuckucksei, das man dem Format bereits im Vorfeld gelegt hat? Liegt ein Problem vielleicht darin, dass die Gäste beim Erkennen der Interpreten sich blamieren könnten, statt gemeinsam eine Aufnahme als die gerade am meisten blind geschätzteste küren zu sollen?

War, nach einer allgemeinen, recht plakativen Einführung über den Stellenwert von Debussys Klavierwerk, die ersten Stücke noch geprägt von etlichen Hinweisen über den Aufbau der Stücke, so ist das dann immer weniger geworden. – Ein Format unter dem zeitlichen Druck von etwa 90 min. Länge ist wohl zu knapp?

Auch ist die Behauptung falsch, Debussy selber hätte bei seiner Einspielung auf Pianorolle deren „Mittelteil im doppelten Tempo“ genommen, denn es sind nur einzelnen Takte, die er doppelt so schnell, wie er sie selber notiert hat (was etwas grundlegend anderes ist wie etwas doppelt so schnell wie ein anderer Interpret oder eine andere Stelle zu spielen!) gespielt hatte, was seither zwei Interpretationstraditionen zur Folge hat (wie in einem andern Klassik-Forum nachzulesen).
Solche stereotypen Feuilletonurteile wie „Zimerman: das ist ein Perfektionist; wie Michealangeli“ oder "Des pas sur la neige ist genau dasselbe wie Tristan“ oder „das klingt wie das, was man traditionell sich unter Impressionismus vorstellt“ oder „Moracec ist übrigens ein toller Chopin-Interpret“ bietet Hörerinnen und Hörern nicht gerade erhellende Aufschlüsse, weder über Interpreten noch Werk. Die Behauptung, die Aura eines Klavierstückes entspreche „genau“ dem eines Ortes oder diese Interpretation gehe „am Thema vorbei“, führt auch nicht gerade in den Kern der Musik.

Auf Grund von Indizien, wie etwa Instrumentenwahl, konnten die Teilnehmenden doch teils sofort den richtigen Interpreten erschließen; aber aufgrund rein des Höreindrucks konnte nicht einmal der völlig unverwechselbare lebendige Klang eines ABM herausgehört werden; oder der eines Bechstein oder Steinways. Auch erstaunt über die Intensität eines Richters zu sein, nämlich unter dem Vorurteil, er sei ein „denkender Pianist“, zeigt wenig Vertrautheit weder mit dem Ruf noch mit den Aufnahmen. Und wieder einmal wollte ich in den Sendesaal gerufen haben: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Gehörs zu bedienen!“

Toll aber die Einsicht, dass es „verschiedene Möglichkeiten“ an Interpretationen gibt, die gleichfalls gültig sind. :ignore

Persönlich gesehen habe ich keinen Gewinn aus dieser Sendung ziehen können, sehe ich davon ab, dass ich beim Ende von Feux d' artifice zuvor noch nie die Marseillaise herausgehört hatte und dass ich zum ersten Mal etwas aus der Aufnahme von Roger Woodward hören konnte.

Völlig unverständlich ist mir – und ich finde es eigentlich inhaltlich untragbar –, warum gar nichts über die Unterschiede von Band I zu Band II gesagt wurde und warum erklärungslos nur ein einziges Stück aus Band II gespielt wurde. Erstaunlich - und nach wir vor gesellschaftlich sehr bedenklich - auch, dass die großartigen Interpretinnen einmal mehr gegenüber ihren männlichen Kollegen derart zu kurz gekommen sind. Und dass man im 21. Jahrhundert noch Deutschen-Chauvinismus in Hinsicht auf Gieseking als grandiosen Impressionismus-Interpreten erleben muss, verdoppelt dadurch, dass man den Franzosen einen solchen vorwirft, finde ich befremdlich.

Schade, so finde ich, um dieses Format, aus dem deutlich mehr gemacht werden könnte! Diese Sendereihe war mir neu. Sind Sendungen unter anderer Moderation und anderen Gästen besser?
:hello
Jürgen (25.05.2012, 19:11):
Es hat mich schon gewundert, dass diese Expertenrunde Planès als Aussenseiter bzw. aus der zweiten Reihe einstuften. Insbesondere bei Debussy ist er doch kein unbeschriebenes Blatt.
Die Preludes hat er immerhin schon zweimal eingespielt:
http://g-ecx.images-amazon.com/images/G/01/ciu/35/5f/2b1651c88da02f1d7a1f1210.L._AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/61ZGTKTYPGL._SL500_AA300_.gif
Amadé (26.05.2012, 12:38):
SWR2 Musik kommentiert | "Das musikalische Quartett"


Ja man kann diese Sendung nichr mit "Diskotek in DSR2" vergleichen, hier diskutieren und raten Menschen vom Fach miteinander, gehen auch akribisch auf bestimmte Stellen ein, die, was ich gut finde, wenn erforderlich, wiederholt werden.
Dort geht es viel lockerer zu, der Unterhaltungswert steht hier mehr im Vordergrund, auch wenn man eigentlich keine Antwort zum gerade ausgewählten Stück hat, kann man mit gewundenen langen Sätzen und blumigen Worten doch einen Beitrag leisten. Wenn man diese Reihe öfters gehört hat, kann man sich über den Wissensstand mancher aus der Raterunde bzgl. eines Musikstücks oder/und des Interpreten wundern, oft wird dann nur klischeemäßiges zum Besten gegeben.

Gruß Amadé
Heike (27.05.2012, 10:20):
Gestern habe ich Steven Hough erstmalig im Konzert gesehen, mit folgendem Programm:
BEETHOVEN Sonate Op. 27/2 Mondscheinsonate
HOUGH Sonate für Klavier (broken branches)
SKRJABIN Sonate Nr. 5
LISZT Sonate in h-moll

Ehrlich gesagt, miir hat das wenig gefallen. Zwar war das technisch souverän und er wirkte auch sympathisch und nett, aber: Er spielte mit extrem viel Pedal, was das Ganze mitunter zu einem quasi unerträglichen Brei machte. Zudem war das mitunter einfach nur laut, wenn er Akkorde spielte. Was besonders im kleinen Saal des Konzerthauses nicht schön klingt. Ich habe mich von meinem mittig gelegenen Platz sogar nach der Pause nach hinten gesetzt, wobei es aber auch nicht viel besser wurde. Es hat mich nicht berührt, auch wenn einige Details sehr schön gestaltet waren. Irgendwie war es nicht ärgerlich, aber unbefriedigend. Es gab noch 3 Chopin-Zugaben.

Wenn ich das mit Murray Perahia vorgestern vergleiche, dann werden die Unterschiede extrem deutlich. Bei Perahia klang auch ein forte nie brutal. Dummerweise spielten auch noch beide die Mondscheinsonate, was einen unmittelbaren Vergleich möglich machte. Bei Hough war es der übliche romantische erste Satz und das übliche rasende Presto, mit einem eher nichtssagenden Scherzo dazwischen. Bei Perahia war jede einzelne Triole im Anfangssatz anders, alle Stimmen waren in der Schlichtheit deses Satzes aufregend, mit einer spannenden melancholischen Unruhe - wer kann das schon! Im Trio wollte man vor Empfindsamkeit innerlich tanzen und im Presto schwebten die Akkorde, trotz gekonnt virtuoser Flinkheit. So wie Perahia eine hinreißende Leichtigkeit und fantastische Natürlichkeit hat, dann klang es mir bei Hough verklärt und eingeübt. Das war so ziemlich der größtmögliche Gegensatz, Perahia mit einer seligmachenden Klarheit; Hough mit sekundenlang klingenden, verschwimmenden Tönen.
Heike
Heike (27.05.2012, 23:41):
Ich schwebe gerade noch im siebten Himmel nach einem wundervollen französischen Klavierabend mit Alexandre Tharaud.

RAMEAU Suite in a-moll
RAVEL Sonatine
Hommage à Couperin:
RAVEL Tombeau de Couperin
COUPERIN Les Baricades Mistérieuses; La Logivière; Les Juméles; Les Rozeaux; Le tic-toc-choc ou Les Maillotins; Le Carillon de Cithére

Tharaud spielte wie ein subtil geistvoller kleiner Zauberer, der sowohl die barocken als auch die impressionistischen Werke mit einer wunderbaren Eleganz präsentierte. Sehr focussiert auf die Melodiestimmen, hinreißend schön mit ganz fein abgestimmter Dynamik (es geht also, auch im kleinen Saal des Konzerthauses!). Sein Auftritt hatte eine ganz unaufgeregte, stilvolle Finesse, eine fast feminine Zartheit. Sein Anschlag ist weich, aber klar, das ganze kommt direkt sinnlich daher, dabei aber mit intelligenter, nicht zu kleinteiliger Linie in den kleinen Stücken. Und auch vom Tempo her lebendig und bewegt. Er hat mich sehr überzeugt, es hatte eine große Leichtigkeit und wundervoll Kllangfarben. Vielleicht kann das nur ein Franzose so spielen.

Im zweiten Teil ließ er alternierend jeweils einem Couperin-Stück einen Ravel folgen, fantastisch zusammengestellt, ich bin ganz fasziniert davon, wie nahe das beieinander ist.
Er spielte dann auch noch Scarlatti-Zugaben, das hat mich dann endgültig begeistert heute!
Merci!
Heike
Amadé (28.05.2012, 12:17):
Nach diesem begeisternden Bericht freue ich mich schon auf sein Konzert am 21.September, da stehen allerdings Debussy Preludes II sowie Scarlatti-Sonaten auf dem Programm.

Gruß Amadé
Fairy Queen (29.05.2012, 11:35):
Ich kann mich Heikes Begeisterung über Alexandre Tharaud und Murray Pereiha nur anschliessen. Tharaud kenne ich mit dem Rameau und Couperin Programm, aber auch mit Bach. Was typisch französisch ist, ist schwer zu sagen, zumal in Zeiten der Globalisierung, wo nationale Schulen und Eigenheiten immer mehr verschwinden. Vielleicht ist es die für mich unwiderstehliche Mischung aus Melancholie und Leichtigkeit, die Tharauds Spiel und die Musik, die er spielt kennzeichnen?
Was Pereiha angeht, habe ich ihn erstmal live erleben können (und hatte dabei gleichzeitig das Vergnügen, Heike kennenzulernen :hello :thanks) und ich muss sagen, dass ich einen solchen Anschlag mein Lebtag noch nciht gehört habe. Es ist eigentlich kein An-Schlag, sondern ein "bereits in der Musik sein, ohne erst an-schlagen zu müssen"- ein Phänomen, das man auf Tonträger nciht wiedergeben kann, das muss man live miterleben. Das Programm war zwar nciht so ganz mein Geschmack, aber das Ereignis Pereiha hätte ich wahrscheinlich auch mit Wagner-Transkriptionen als solches erfahren können. Gottseidank hat er am Beginn spontan(stand nicht im Programm) eine der frz. Suiten von Bach gespielt und eine Schubertsonate sowie Schubert als Zugabe. Mit Schumanns Faschingsschwank und Chopin ist er m.E. nicht wirklich in seinem besten Element, obschon er Alles einwandfrei gespielt hat. Aber seine besondere Gabe kommt für mich in Barock, Klassik und Frühromantik zum tragen. Die Mondscheinsonate von Beethoven war spektakulär. Wie man ein so abgenudeltes Stück neu erschaffen kann, war für mich das Erlebnis des Abends. :down :down :down Er hat jedweden aufgepropften spâtromantischen Duktus aus dem Stück genommen und ihm eine Würde gegeben, die ich so noch nie gehört habe. Ein grossartiges Konzerterlebnis und alle Vorfreude auf Konzerte mit Pereiha kann ich nur lebhaft unterstützen. Genauso wie auch Tharaud tritt er bescheiden in den Hintergrund und zelebriert sich nicht als Person sondern dient der Musik.
Ich bin serh glücklich, in diesem Konzert gewesen zu sein.

F.Q.
Billy Budd (04.06.2012, 19:09):
Wiener Musikverein
Sonntag, den 3. Juni 2012
GURRE-LIEDER
Arnold Schönberg


Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, meinen Horizont, der sich von Ausnahmen abgesehen bis jetzt nur auf Opern und wenige Operetten beschränkt, kontinuierlich zu erweitern. Ein Freund hat mir die Gurre-Lieder empfohlen. Da ich das Stück vorher nicht kannte und folglich über keine Vergleichsmöglichkeiten verfüge, hatte ich ursprünglich vor, Euch mit laienhaftem Bla-bla zu verschonen, aber zumal Ingrid Interesse bekundet hat, verfasse ich ein paar Zeilen.
Der Waldemar ist zweifelsfrei die wichtigste Person. Es handelt sich bekanntlich um eine schwierige Partie, welche einen großen Stimmumfang (Das erste Lied geht vom bis zum tiefen b hinunter und für das zweite ist das hohe h vonnöten!) erfordert und gute Interpreten dieser mörderischen Partie sind logischerweise rar gesät. Torsten Kerl sagte relativ kurzfristig ab und in Nikolai Schukoff konnte ein sehr guter Ersatz gefunden werden. Mit seiner stark baritonal timbrierten Stimme konnte er imposante (aber leider etwas zu herausgestemmte) Höhen erreichen. Im Juli 2013 werde ich ihn aller Voraussicht nach als Foresto im Theater in der Wien hören. Wie dem Programmheft zu entnehmen ist, verfügt er über ein breit gefächertes Repertoire, das vom Bacchus über den Pollione bis zum Danilo reicht.
Ihm zur Seite wurde Violeta Urmana gestellt. Auch wenn ihre Leistung zufriedenstellend ausfiel, muss sie als Schwachpunkt der ansonsten perfekten Vorstellung bezeichnet werden. Auch als ich sie im Jänner 2012 zwei Mal in der „Forza“ hörte, empfand ich ihre durchschlagskräftige Stimme in der Höhe als unangenehm kreischend.
Daniela Denschlag, die bis 2008 noch Ensemblemitglied der Staatsoper war, wurde mit der kleinen, aber anspruchsvollen Partie der Waldtaube betraut. Ich hatte sie noch nie zuvor gehört und war sehr angetan. Eine Wiederbegegnung wäre Anlass zur Freude.
Gerhard Siegel bot vor genau einem Jahr (am 3. Juni 2011) an der Staatsoper einen sensationellen Herodes, weswegen ich auf seinen Auftritt als Klaus-Narr gespannt war. Auch gestern kam ich zu dem Schluss, dass er weit unter seinem Wert gehandelt wird. Ich freue mich schon auf seinen Mime im Mai 2013.
Der mir völlig unbekannte Alexander Tsymbalyuk hinterließ als Bauer einen guten Eindruck.
Thomas Quasthoff war mit prägnanter Artikulation und angenehmer Stimme ein erfreulicher Sprecher.
Das Dirigat von Zubin Mehta am Pult der Wiener Philharmoniker kann ich nicht beurteilen, aber mein Eindruck war sehr positiv.
Die Chöre (Wiener Singverein, Wiener Staatsopernchor, Wiener Kammerchor) entledigten sich ihrer Aufgaben bestens.
Dem Publikum hat es sehr gut gefallen, wie der kräftige und lang anhaltende (über zehn Minuten) Applaus des Publikums erkennen ließ. Ö1 sendet am 8. Juni um 19:30 einen Mitschnitt.

Billy :hello

P.S.: Ich hoffe, mein Bericht ist hier richtig.
Jeremias (07.06.2012, 09:06):
Gestern Abend in der gut besuchten Mercartor-Halle in Duisburg:

RafaB Blechacz

Johann Sebastian Bach: Partita Nr. 3 a-Moll BWV 827
Ludwig van Beethoven: Sonate Nr. 7 D-Dur op. 10/3

Claude Debussy: Suite bergamasque
Karol Szymanowski: Sonate Nr. 1 in c-Moll op. 8


Was ein Pianist! Was ein Musiker! Ich habe ihn schon zum 2. Mal gesehen, aber das Programm war wesentlich spannender als damals Chopin... Blechacz beherrscht all das, was es braucht um einer der ganz Großen zu werden... nein, er ist es schon! Aber das Publikum hat es nur leider gestern nicht verstanden, was eine Sternstunde er uns alle geboten hat! Er erinnert nicht nur an den jungen Zimerman, er ist sogar BESSER als er! Was Blechacz an Klangfarben zaubern kann, an Raffinesse in sein Spiel einbringt, mit welch einer Selbstverständlichkeit er einzig dem Werk dient... Ein Ingolf Wunder, der ebenfalls seitens der DG jetzt als Preisträger in Warschau vermarktet wird, wirkt neben ihm allenfalls wie ein Lehrling, der an den großen Meister nie und nimmer herankommen wird!

Sein Bach war transparent und durchdacht, die Läufe perlten nur vor sich hin, in den langsamen und ruhigen Sätzen hätte man eine Stecknadel fallen hören können! Großartig! Dann kam Beethoven, den ich noch nie so frisch, so schön, so einfühlsam im zweiten Satz gehört habe, zumindest live! Nach der Pause mein persönliches Highlight, der Debussy. Blechacz beherrscht auch den Impressionismus, entstaubte insbesondere das "Clair de lune", fernab von jedem Kitsch! Schließlich Szymanowsky, irgendwo zwischen Chopin und Skriabin anzusiedeln... auch wenn die Konzentration bei mir nach einem langen Arbeitstag nachlies, so konnte er hier noch einmal all seine Bandbreite zeiten und insbesondere im Diskant die wundebarsten Töne zaubern.... einmalig! Als Zugabe den großen Walzer in a-moll und eine Mazurka von Chopin...


BRAVO!

:times10
Jeremias (12.06.2012, 17:05):
Gestern im Düsseldorfer Schumann-Saal:

Daniil Trifonov
1. Preis XIV. Internationaler Tschaikowsky-Wettbewerb Moskau 2011
1. Preis Arthur Rubinstein Wettbewerb Tel Aviv 2011

Alexander Skrjabin |Sonate Nr. 3 in fis-Moll op. 23
Peter Iljitsch Tschaikowsky | aus: Six Morceaux op. 51 | aus: 18 Morceaux op. 72
Igor Strawinsky |Drei Tänze aus dem Ballett »Der Feuervogel«

Claude Debussy |Images, Heft I
Frédéric Chopin |Zwölf Etüden op. 25

Ich war sehr gespannt und war dankbar, dass Trifonov ein so breit gefächertes Repertoire wählte. Er erinnerte an die großen russischen Romantiker, kräftig zupackend, hoch virtuos. Aber er zeigte auch, dass in ihm ein Klangmagier steckt mit einer sensiblen Seite. Den berühmten Walzer von Tschaikowsky spielte er mit einer ungeheuren Innigkeit, Debussys Läufe perlten im Pianissimo nur so dahin. Die etüden waren wie erwartet absolut top, wobei ich das Gefühl hatte, ihm fehlte es am Ende doch ein wenig an Kraft. Highlights waren aber am Ende die Zugaben, drei Bearbeitungen von Liszt, und zwar Schumanns "Widmung" und dann Schuberts "Forelle" sowie "Auf dem Wasser zu singen". Letzteres war für mich das Schönste des ganzen Abends.

Fazit: Der junge Mann hat ein wahnsinniges Potential! Allerdings würde ich ihn gerne mit Bach oder Beethoven hören. Ich denke, Blechacz letzte Woche hatte hier mehr zu bieten.
Jeremias (15.06.2012, 11:57):
Gestern Abend in der Kölner Philharmonie:

Krystian Zimerman Klavier

Hagen Quartett
Lukas Hagen Violine
Rainer Schmidt Violine
Veronika Hagen Viola
Clemens Hagen Violoncello

Gra|yna Bacewicz
Quintett für Klavier und Streichquartett Nr. 1 (1952)

Leoš Janá
ek
Streichquartett Nr. 1 (1923)
nach der Erzählung "Die Kreutzersonate" von Leo N. Tolstoj

Pause

Robert Schumann
Quintett für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Klavier Es-Dur op. 44 (1842)


Es war ein Abend für ein ausgewählte Publikum, die Philharmonie daher nur mäßig besetzt. Lag vielleicht auch daran, dass das Programm tags zuvor in Dortmund und damit fast um die Ecke dargeboten wurde.

Zimerman und das Hagen-Quartett, eine traumhafte Kombination! Wie er vom Klavier aus zwischen Solist und idealem Kammermusik das geschehen lenkte, war einzigartig! Er verstand es sich niemals in den Vordergrund zu spielen, obgleich er natürlich DER Anziehungsfaktor war. Der Schumann war eine absolute Sternstunde der Kammermusik in meinem Leben! Ich hörte das Quintett zwar vor 2 Jahren mit Argerich und ihren Freunden. Aber die Besetzung eines eingespielten Quartetts hat dann doch eine ganz andere Qualität. Zimerman, bescheiden wie er ist, verneigte sich am Ende gar vor seinen Mitstreitern. Zu Recht tosender Applaus und Ovationen!
Gelöschter Benutzer (17.06.2012, 11:05):
Gestern Abend war ich beim Picknick-Pferde-Sinfoniekonzert in Redefin, im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.
Es gab ein tschechisch-russisches Programm:

Antonin Dvorák:

In der Natur, op. 91
Karneval, op. 92
Othello, op. 93

Pause

Sergej Rachmaninoff:

Rhapsodie über ein Thema von Paganini, op. 43

Antonin Dvorák:

Slawische Tänze op. 72 Nr. 1, Nr. 2 & Nr. 7

Anna Vinnitskaya, Klavier (ursprünglich war Boris Berezowsky vorgesehen)
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Marek Janowski

Die Reithalle in Redefin besitzt eine gute Akustik, die Musik kann sich gut verteilen, hallt aber etwas nach. Im ersten Teil des Konzertes wurde Dvoráks Ouvertüren-Tryptichon aufgeführt. Das RSB hat diese drei Werke unter ihrem Chefdirigenten flott und kräftig, mit Gefühl und Ausdruck vorgetragen, besonders op. 92 war sehr mitreißend gespielt.
Danach gab es eine halbe Stunde Pause.
Anschließend kam der Auftritt der Pianistin Anna Vinnitskaya mit Rachmaninoffs op. 43. Sie spielte ihren Part gefühlvoll, kräftig, wo es im Werk angebracht ist und mit Transparenz, sowie mit Temperament. Auch die Zusammenarbeit mit dem RSB war gut zu vernehmen. Sie wurde mit lang anhaltendem Applaus bedacht und spielte eine Zugabe, das Stück kannte ich aber leider nicht.
Dann war wieder der tschechische Meister an der Reihe. Mit drei slawischen Tänzen aus op. 72, quicklebendig, packend, und mitreißend vorgetragen, klang das Konzert dann aus. Alle Ausführenden wurden mit kräftigem Beifall bedacht. Als Zugabe gab es den 7. Tanz noch einmal.
Das Konzert hat mir sehr gut gefallen. :times10 Trotz leichten Regens.

:hello
Heike (23.06.2012, 09:59):
Gestern war ich (als Fußball- Alternativ- Programm) in der Philharmonie:

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons
Matthias Goerne Bariton

Gustav Mahler
Lieder aus »Des Knaben Wunderhorn«
Peter Tschaikowsky
Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Matthias Görne ließ uns quasi in das Innerste seiner Seele sehen, so eindringlich gestaltete er. Diese Ausdruckskraft gepaart mit diesem schönen Legato, selten habe ich Orchesterlieder so fesselnd phrasiert und so souverän gesungen gehört. Samtweich formte seine Stimme tieftraurige Melodien, auch ganz leise hielt er den Saal in seinem Bann, ganz kraftvoll konnte er dann doch die orchestralen Aufschwünge begleiten. Ich bin beeindruckt.

Und dann Tschaikowskys 5. Sinfonie. Tschaikowsky ist so eine Sache, sobald das seicht oder noch schlimmer pathetisch wird, gruselt es mich. Aber das gestern gefiel mir. Besonders, wie Nelsons am Schluss den Triumpfmasch gestaltet hat, das klang so, als wenn man eine Schallplatte zu schnell abspielt, also Zeitraffer im richtigen Tempo, genial. Es bekam dadurch etwas sehr skuriles. Auch der Walzer hatte Neujahrskonzertniveau. Die Phils waren mal wieder in Höchstform, unglaublich empfindsam und berührend das Hornsolo, das geht nicht intensiver. Auch der typische Phil-Klang war gestern da, das hörte man schon in den Mahler-Liedern (göttliche pianissimo!) und dann auch in der Sinfonie. Wenn die Streicher richtig bei der Sache sind, dann können die so subtil mit den Klängen spielen, das ist hinreißend.

Heike


P.s@Treborian
Das RSB ist - meiner Meinung nach - mit oder nach den Phils jetzt das eindeutig beste Berliner Orchester (nachdem die Staatskapelle seit dem Einzug ins akustisch etwas problematische Schillertheater, oder seitdem Barenboim auch noch an der Scala unterwegs ist?) doch ziemlich nachgelassen hat. Mit Janowski hat das RSB sich kontinuierlich zu einem absoluten Spitzenorchester entwickelt, ich kann mir gut vorstellen, dass du da deine Freude dran hattest.
Armin70 (23.06.2012, 17:01):
Morgen findet wieder das traditionelle Waldbühnen-Konzert der Berliner Philharmoniker statt. Zu hören gibt es teilweise das gleiche Programm, das Heike gestern in der Philharmonie hörte:

Das Konzert steht unter dem Motto "Tschaikowsky-Serenade" und demzufolge stehen ausschliesslich Werke von P. I. Tschaikowsky auf dem Programm:

- Ouvertüre 1812
- diverse Kompositionen für Violine und Orchester
- 5. Sinfonie

Daishin Kashimoto, Violine (1. Konzertmeister der BPhil.)
Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

Das Konzert überträgt 3Sat morgen, am 24.06.2012, von 20:15 - 22:30 Uhr.
nikolaus (24.06.2012, 22:41):
Ich bin seit ein paar Tagen zurück aus Lugano, wo ich mir 10 Tage beim diesjährigen Progetto Martha Argerich gegönnt habe.

Dieses Jahr war das übergeordnete Motto "D'après", es ging also um Bearbeitungen, Transkriptionen, Improvisationen etc.

Jedes Konzert, das ich besucht habe, zu beschreiben, führt zu weit, deshalb nur einige "Impressionen":

Martha Argerich spielte zusammen mit Nicholas Angelich die Variationen über ein Thema von Haydn, op. 56b von Robert Schumann. Ich mag dieses Werk sehr gerne und kenne es mit Martha Argerich in Aufnahmen mit unterschiedlichen Partnern. Es ist immer wieder erstaunlich, wie das gleiche Werk je nach Partner jedesmal anders und jedesmal stimmig klingt. Mit Angelich hält sich Martha mehr zurück, ist insgesamt verhaltener, nachdenklicher. Beeindruckend!

Schön auch die Busoni-Bearbeitung für zwei Klaviere des Choral "Wie wohl ist mir" von Bach, überaus souverän gespielt von Daniel Rivera und Christopher Falzone, dem Finalisten des Königin-Elisabeth-Wettbewerb 2010.

Ein Luststück für Pianisten ist die Paraphrase über "Einladung zum Tanz" (C.M.v.Weber) von Leopold Godowsky, erstklassig gespielt von Nelson Goerner und Alexander Mogilevsky.

Trotz schwieriger Klangbalance gut gelungen ist das Andante mit Variationen op. 46 von Robert Schumann in der Version für zwei Klavier, zwei Celli und Horn, gespielt von Martha Argerich, Maurizio Vallina,Thorleif Thedéen, Mark Dobrinsky und Vittorio Schiavone.

Ein zu erwartender Höhepunkt war Rachmaninov: Suite aus Tchaikovskys "Dornröschen" op. 66a für zwei Klaviere. Immer wieder beeindruckend, wie die Geschwister Sergio Tiempo und Karin Lechner eine orchestrale Wucht schaffen!

Gabriela Montero hatte an zwei Abenden die Gelegenheit, ihre Improvisationskunst zu demonstrieren, u.a. über die Marseillaise, Themen den Bolero von Ravel, die Aria aus den Goldbergvariationen...
Ausserdem hat sie in einem Orchesterkonzert eine eigene Komposition vorgestellt, die sie "Ex Patria" nennt. Sie verarbeitet darin die katastrophalen Zustände (Korruption, Gewalt, Elend, Chaos) in ihrer Heimat Venezuela. Das ganze ist zwar kein kompositorisches Meisterwerk, aber sehr emotional, berührend und persönlich.

Gigantisch gut war Martha Argerich mit Alejandro Petrasso in zwei von Petrasso für zwei Klavier transkribierten Tangos. Unglaublich dieses Feuer, dieses Temperament! Ich wünsche mir eine ganze CD mit Tangos gespielt von Martha Argerich mit diversen Partnern...

Daneben gab es natürlich auch mehr oder weniger Standardwerke zu hören:
So spielte Martha Argerich das Klavierkonzert C-Dur KV 503 von Mozart unglaublich frei und gelöst, überraschend fein und perlend.
Das von mir sehr geliebt Konzert für Klavier, Violine und Orchester d-moll von Mendelssohn-Bartholdy wurde sehr spritzig und lebendig dargeboten von Polina Leschenko und Ilya Gringolts.
Mindestens genauso mitreissend gelang das Klavierquartett Es-Dur op. 87 von Antonin Dvorak, gespielt von Polina Leschenko, Ilya Gringolts, Natha Braude und Thorleif Thedéen.

Zu den unbedingt hörenswerten Raritäten gehört wohl das Klavierquintett C-Dur op. posth. von Nikolaj Medtner, zumal wenn es so intensiv interpretiert wird wie von Lilya Zilberstein, Dora Schwarzberg, Lucia Hall, Nora Romanoff, Jing Zhao.

Reizvolles Repertoire für Klavier zu 8 Händen bietet Smetana mit der Sonate e-moll und einem Rondo für zwei Klavier zu acht Händen, hier quasi ein Familientreffen mit Lilya Zilberstein und ihren Söhnen Anton und Daniel Gerzenberg, dazu Martha Argerich.

Ein hervorragendes Recital spielte die mir bis dahin unbekannte gebürtige Belgierin Eliane Reyes, Jahrgang 1977 und Professorin am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse in Paris.
Sie spielte Werke von Ravel (u.a. Jeux d'Eau) und Debussy (u.a. aus den Images und L'Isle joyeuse) sowie die Bacarolle op. 60 von Chopin und die 2. Klaviersonate op. 105 des zeitgenössischen Komponisten Nicolas Bacri.
Toller Anschlag, voller Ton, klangsinnliche, "delikate" Interpretationen - sehr überzeugend. Das fand auch Martha Argerich, die "beautiful" wisperte...

Nikolaus.
Jeremias (26.06.2012, 23:49):
Gestern in Düsseldorf:

Düsseldorfer Symphoniker
Yuja Wang, Klavier
GMD Andrey Boreyko, Dirigent

Weber, Ouvertüre zu "Oberon"
Dorati, Querela pacis (Symphonie Nr.2)

- Pause -

Rachmaninow, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-Moll op. 30

Also... ich halte ja nicht viel von unseren Düsseldorfern, sie sind allenfalls Durchschnitt in Deutschland. Von daher besuche ich die Konzerte nur selten. Gestern allerdings musste ich dabei sein!

Weber hat mich sehr überrascht, sehr kultiviert, unglaublich präzise dirigiert, ein schöner Auftakt. Dorati kannte ich nicht, unglaublich depressive Musik, allerdings keine so starke Komposition.

Nach der Pause dann das Hauptwerk, auf das alle gewartet haben, sofern sie sich mit dem Programm auseinander gesetzt hatten... Yuja war in topform, sie ist für dieses Orchester viel zu gut! Am Anfang etwas zu überladen seitens des Orchesterns, jedoch fanden sie nach und nach die Ballance. Mit traumwandlerischer Sicherheut absolvierte sie dieses "Elefantenkonzert", hatte immer noch Reserven, brillierte besonders in den ruhigen Passagen des zweiten Satzes. Der dritte Satz war ein einziger Rausch, der Publik war förmlich von den Sitzen gerissen.... sogar das spröde Düsseldorfer Publikum liess sich zu Ovationen hinreissen! Als Zugabe eine Jazz-Bearbeitung des "Tea for two"

:times10
Amadé (30.06.2012, 18:12):
Gestern beim Klavierfestival Ruhr: Konzerthaus Dortmund:

Ivo Pogorelich

Programm wie von Heike aus Berlin mitgeteilt:

Chopin Sonate b-Moll op. 35
Liszt "Mephisto-Walzer" Nr. 1
Chopin Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1
Liszt Sonate h-Moll

Mein Eindruck entsprach im wesentlichen den schon von Heike im März nach dem Berliner Konzert mitgeteilt, siehe Ihren Bericht im Pogorelich Thread vom 28.03.12, hier

Was mir besonders auffiel, war sein (gewaltiges) forte-Spiel, besonders der linken Hand, wenn er fast immer die Fallstärke des ganzen Unterarms einsetzte. Damit waren die f-Stellen besonders kräftig, aber auch undifferenziert, immer dasselbe forte oder meist sogar fortissimo!!
Dann die überlangen Triller im Trauermarsch der Chopin-Sonate, gewollt, maniriert. Die beiden Liszt-Stücke als überdimensionierte Rhapsodien, beim Mephistowalzer noch zu goutieren, bei der Sonate jedoch völlig fehl am Platz, ein Zerrbild. Die Musik kannte bei Pogo eigentlich nur zwei Ausdrucksformen, gewaltige exaltierte Ausbrüche, dann ganz zarte, traumverlorene, unendlich in die Länge gezogene lyrische Abschnitte, besonders ausgeprägt beim verlöschenden Finale.
Ich muss gestehen, dass er damit Eindruck hervorrufen kann, aber war das noch LIszts Sonate. Er brauchte dafür 44 Minuten, auf seiner CD war er 10 Min. früher fertig.
Der Pianist hatte die Noten aufgelegt und eine hübsche japanische (?) Umblätterin dabei, selten schaute er jedoch in die Noten.

Begeisterter Beifall bei den meisten Zuhörern, keine Zugaben.
Während der Liszt-Sonate Handy-Klingeln, mf.

GRuß Amadé
nikolaus (07.07.2012, 00:02):
Gerade zurück vom Klavierfestival Ruhr:

Im Folkwang Museum Essen spielte Bertrand Chamayou ein Debussy-Liszt-Programm:

Debussy: Suite bergamasque
aus den Preludes II Ondine, La terrasse des audiences du clair de lune, Feux d'Artifice
L'Isle joyeuse

Liszt: aus Années de pèlerinage, Deuxième Année: Italie S 161
Sposalizio
Il Pensieroso
Sonett di Petrarca Nr. 104
Sonett di Petrarca Nr. 123
Après une lecture de Dante - Fantasia quasi sonata

Zugaben: zwei Liedbearbeitungen von Liszt


Ich bin ein bisschen unzufrieden nach Hause gefahren.
Er hat nicht schlecht gespielt, aber mir hat es leider überhaupt nicht gefallen.
Ich weiss nicht, ob es an der Akustik lag, am Flügel, an Chamayou oder an mir; das klang alles etwas trocken und dumpf, gar nicht farbig...
Dabei war es interpretatorisch nicht schlecht. Manches war für meinen Geschmack zu grob, dafür anderes aber sehr schön phrasiert.
Und wie so häufig gefielen mir die lyrischen und "entspannteren" Passagen besser als die virtuosen.
So habe ich mich nach der zweiten Zugabe während der standing ovation aus dem Saal geschlichen...

Nikolaus.
nikolaus (08.07.2012, 10:48):
Gestern erneut in Essen, diesmal im idyllischen Stadteil Werden, beim Klavierfestival Ruhr:

Adam Laloum spielte ein reines Schumann-Programm:

Drei Romanzen op. 28
Fantasie C-Dur op. 17
aus: Novelletten op. 21 Nr. 2 und 4
Sonate Nr. 1 fis-moll op. 11

zwei Zugaben von Brahms: Nr. 1 aus den 3 Intermezzi op. 117 und Nr. 2 aus den 8 Klavierstücken op. 76 (wenn ich richtig gehört habe...)

Das war ein Abend ganz nach meinem Geschmack!
Adam Laloum habe ich bereits Anfang des Jahres in Hamburg gehört, da hatte er mir schon gut gefallen. Er studiert dort bei Koroliov und hat kürzlich sein Konzertexamen abgelegt.
Gestern fand ich ihn sogar noch besser. Er spielt einen ganz feinsinnigen, poetischen Schumann. Die leidenschaftlichen Ausbrüche kommen zwar nicht zu kurz, aber stehen nicht im Vordergrund. Wichtiger scheinen Laloum die Zwischentönen zu sein, und dabei kann er zeigen, über was für einen tollen, differenzierten Anschlag er verfügt. Er kann sich extrem zurücknehmen bis er kaum noch zu hören ist und schafft es, das Publikum mitzunehmen (es war stellenweise wirklich mucksmäuschenstill).

Das hat mir so gut gefallen, dass mich nichts aus der Ruhe bringen konnte: weder ein klingelndes Handy, noch eine Niesattacke und herunterfallendes Programmheft (natürlich alles im langsamen Satz der Sonate), und auch die Frau vor mir, die am Anfang jedes Stückes mit dem Kopf im Takt zuckte oder sich insgesamt wiegte konnte ich gut ausblenden (durch Schliessen der Augen :wink).

Nikolaus.
Jeremias (13.07.2012, 14:18):
Gestern Abend in der Philharmonie Essen.

Martha Argerich
Lilya Zilberstein
Daniel und Anton Gerzenberg


Wolfgang Amadeus Mozart |Sonate für Klavier zu vier Händen in D-Dur KV 381

Claude Debussy |Nuages und Fetes aus: Trois Nocturenes (Bearbeitung für zwei Klaviere von Maurice Ravel)

Franz Liszt |Concerto pathétique für zwei Klaviere

- Pause -

Bedrich Smetana | Sonate in einem Satz für 2 Klavier zu 8 Händen | Rondo in C-Dur für 2 Klavier zu 8 Händen

Peter Iljitsch Tschaikowsky |Nußknacker-Suite - Transkription für zwei Klaviere von Nicolas Economou op. 71a


Mein Gott, ist die "Alte" noch fit! Und in Lilya Zilberstein hat sie eine absolut ebenbürtige Partnerin mitgebracht... Der Mozart war mehr als ein "Warmspielen", er wurde direkt das erste Highlight! Wie sie sich gegenseitig die stimmführung zuspielten, gerade im zweiten Satz, das war sensationell! Debussy geriet so, wie es sein musste... schön vernebelt, wahnsinnig auf Klang bedacht, höchst impressionistisch... den Liszt habe ich ENDLICH live im Konzert hören können und so werde ich ihn vielleicht nie wieder hören... Bravo direkt zur Pause! Im Anschluss brachte Z. ihre beiden Söhne mit auf die Bühne, die jeweils den unteren Part übernahmen. Eine gute Wahl, denn das was die beiden Damen technisch und klanglich leisteten, hätten die Jungs so noch nicht vollbracht. Aber: Spielfreude pur und für beide ein großes Erlebnis! Der Tschaikowsky geriet schließlich zum Publikumsrenner... kein Wunder! Als Zugaben zuerst die beiden Jungs mit dem Walzer für vier Hände von Rachmaninoff. Anschließend packten die Damen mit den Ostern aus der 1. Suite des Russen nochmal zu, bevor schließlich das Rondo von Smetana nochmals dargeboten wurde. Das schönste Bild des Abends war, als die Damen von der Seite aus den Jungs lauschten und Martha ganz verträumt durch die Philharmonie blickte. Anschließend gratulierte sie der stolzen Mama zur Leistung ihrer jungen Söhne.

Ein grandioser Abend! Freue mich jetzt schon auf Martha 2013!
nikolaus (13.07.2012, 19:06):
Original von Jeremias

Ein grandioser Abend! Freue mich jetzt schon auf Martha 2013!

Dem kann ich mich nur anschliessen!

Gerade diese Spielfreude, die sie und ihre "Mitspieler" zeigen, begeistert mich immer wieder.
Solch ein Abend macht einfach glücklich!

Nikolaus.
Heike (22.07.2012, 17:55):
21.7.12 Beberseefestival Konzerthangar Groß Dölln
"Ludwig van Beethovens Vorbilder : Vom eigenen Vater zu ‚Papa’ Haydn"

Joseph Haydn (1732 - 1809): - Aus „Il maestro e lo scolare“ für Klavier zu 4 Händen
Ludwig van Beethoven (1770 - 1827): 1. Kurfürstensonate
Sonate Nr. 1, f-Moll, op.2, Nr.1
Sonate Nr. 2, A-Dur, op.2, Nr. 2

Podiumsgespräch: Erziehung im 18. und 21. Jahrhundert. Über die Bedeutung von frühen Idolen und Vorbildern damals und heute

Sonate Nr. 3, C-Dur, op.2, Nr. 3
Sonate Nr. 4, Es-Dur, op.7

Das ist der originellste Veranstaltungsort, den ich je besucht habe!
Man fährt in das Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin im Norden von Berlin. Dort geht es bei Groß Dölln erstmal kilometerweit über einen 1994 stillgelegten Militärflughafen, auf dem sich heute neben diversen Hangars ein riesiges Driving Center, eine halbfertige monumentale Solaranlagen-Baustelle, diverse verfallende Soldatenhinterlassenschaften und ganz viel Wüste befindet. Wahnsinnig eindrucksvoll, das ganze skurile Areal inmitten der wunderschönen Schorfheide.

Und da mitten drin steht dann der Konzerthangar (Bildquelle: Bebersee Festival-website)


Hier kann man sich über das Bebersee-Festival informieren:
http://www.bebersee.de/

Initiator ist der Pianist Markus Groh, der die Programme auch zusammen mit seinen Meisterschülern und Kollegen gestaltet. Dieses Jahr stehen die Beethoven-Sonaten im Mittelpunkt. Gestern spielte Groh leider nur im allerersten Teil, also vierhändig und die Kurfürstensonate. Aber das beides auf einem ganz phantastischen Instrument, einem Hammerflügel- Nachbau von 1788 (Andreas Stein). Ein phantastischer Eindruck, dieser zart-diffizile Klang, und das in diesem Hangar mit wunderbarer Akustik. Überhaupt haben die das Gebäude absolut klasse als Konzert"saal" hergerichtet; ich fand das einfach großartig.

Die opus-Sonaten wurden dann von 3 verschiedenen Klavier-Studenten auf einem Steinway gespielt, das war ganz ok, aber natürlich keine Spitzendarbietung. Das Podiums-Gespräch zwischendurch hielt sich (zu meiner Freude) in Grenzen. Auch gab es für die Pausen alles, was man braucht, also Getränke und auch Kleinigkeiten zu essen. Ich fand das ziemlich perfekt organisiert für diesen Rahmen und kann jedem Berliner nur empfehlen, da mal einen Ausflug hinzumachen. Geht natürlich nur mit dem Auto, dafür kann man dann auch quasi vor der Tür parken ;-)

Tolle Idee jedenfalls, dieses Festival. Es geht dieses Jahr noch bis zum 29.7.12 - Programm und (moderate) Eintrittspreise findet man auf der oben verlinkten website.
Heike

P.s. Nachtrag: Was ich auch total abgefahren finde: Man kann auch mit Flugzeugen (bis 5,7 t) anreisen LOL
AcomA (03.08.2012, 22:36):
Hallo,

am Dienstag, den 31.07. war ich im Rahmen der Salzburger Festspiele beim Klavierabend von Andras Schiff: Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Diabelli-Variationen, Zugabe die Arietta aus pp. 111 !
Die Darbietung war jenseits von Gut oder nicht Gut. Andras Schiff lebt die Kompositionen ! Ich werde es bis zu meinem Lebensende in Erinnerung behalten !
Ich denke, ich werde mir die Einspielung der Diabelli-Variationen mit Andras Schiff besorgen.

LG, Siamak
abendroth (03.08.2012, 23:42):
...aber es ist doch Wahnsinn die Goldberg und Diabellivariationen an einem Abend, im selben Programm zu spielen (und dann noch diese Zugabe).
Heike (03.08.2012, 23:55):
Lieber Siamak,
wie gut ich das nachempfinden kann! Ich habe Schiff schon beide Werke spielen gehört (allerdings nicht am selben Abend) und es war einfach großartig, von einer fast unheimlich zu nennenden Intensität. Ich gehe ja ziemlich oft in Klavierabende, aber es gibt nur eine Handvoll Pianisten, die es schaffen, mich live so magisch vollauf in ihren Bann zu ziehen. Schiff gehört dazu.
Heike
Heike (26.08.2012, 00:02):
25.8.2012 Konzerthaus Kleiner Saal
Alexej Gorlatch Klavier

Ludwig van Beethoven Sonate c-Moll op. 13 ("Pathétique")
Ludwig van Beethoven Sonate d-Moll op. 31 Nr. 2 ("Der Sturm")
Claude Debussy Ausgewählte Préludes für Klavier (4,7,8,24)
Ludwig van Beethoven Sonate As-Dur op. 110

Ein irre ambitioniertes Programm, das der junge Mann sich da zutraute. Ich war auf das Schlimmste gefasst, aber wurde doch angenehm überrascht. Nur ein paar kurze Eindrücke:
Gorlatch hat einen schönen, variablen Anschlag und ihm fehlt Gottseidank jegliches Stargehabe. Pathetique und Sturm fand ich recht gelungen, an keiner Stelle ärgerlich, aber im Ganzen auch nicht besonders faszinierend - er schien einerseits vielleicht etwas nervös, andererseits hatte es was sehr zupackendes, spannendes in Details, auch wenn manchmal der große Bogen fehlte (z.B. im Sturm-Variationensatz). Besonders der Debussy und auch die Beethoven op. 110 haben mich dann doch aufhorchen lassen. Da waren in den Preludes ganz faszinierend originell abgestufte Klänge dabei - und die späte Beethovensonate (eine meiner liebsten) hat mich berührt. Weil er ein Gespür für Tempo hat und sich auch mal was traut, weil er leisen Tönen unsentimental nachspürt, weil er Leichtigkeit und Zartheit kann und weil er besonders im 2. Arioso im Schlussatz ahnen ließ, wie er quasi innerlich mitleidet und mir das komplette Ermatten ohne jedes Pathos vermitteln konnte. Technisch fand ich ihn virtuos, aber nicht ganz so souverän wie erwartet (hat er nicht gerade einen Preis gekiriegt?), aber der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass mir lebendiges Spiel mit Risiko und ein paar Fehlern xmal lieber ist als makellose Langeweile. Das war über weite Strecken ein Pianist, dem ich sehr gerne zugehört habe, feinfühlig, mit typisch jugendlicher Dramatik - aber natürlich.

Gruselig aber das Ende, das empfinde ich nahezu als musikalische Vergewaltigung: Wie kann man nach op. 110 eine Chopin Etüde und einen Chopin Walzer als Zugabe spielen???
Heike
Heike (04.09.2012, 23:38):
heute in der Philharmonie Berlin:

Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam
Mariss Jansons Leitung
Rundfunkchor Berlin / Simon Halsey Einstudierung

Arnold Schönberg - A Survivor from Warsaw op. 46
Sergei Leiferkus Sprecher

Igor Strawinsky - Symphonie des Psaumes für Chor und Orchester
Samuel Barber - Adagio für Streichorchester
Edgard Varèse - Amériques für großes Orchester (Urfassung)

Nur ein ganz kurzer Eindruck - das war eines der ganz sicher länger in Erinnerung bleibenden Konzerte, wo einfach alles passte und stimmte :-) Klasse Orchester mit faszinierenden Klangnuancen; grandioser Chor und packendes, berührendes Dirigat. Und auch noch ein aufmerksames, fast hustenfreies Publikum dazu. Ich bn wunschlos glücklich :-) Toller Abend.
Heike
Jeremias (09.09.2012, 08:09):
Gestern Abend in der Beethovenhalle Bonn:


Emanuel Ax (Klavier)
London Symphony Orchestra
Michael Tilson Thomas (Dirigent)

Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 1 D-Dur (»Der Titan«)

Happy birthday to me, happy birthday to me! Das Konzert habe ich mir selber geschenkt...

Es ist schwer, dass ich bei Orchesterkonzerten eine Sternstunde erleben kann. Ich bin Instrumentalist, meist geschieht daher bei Klavierabenden oder Kammermusikkonzerten. Ax hatte ich letztes Mal vor 3 Jahren beim Ruhrfestival gesehen und war wenig angetan...

Der gestrige Abend geht allerdings in die persönliche Historie ein.... ich schwelge jetzt noch! Was ein Klangkörper! Da stimmte einfach alles! SChon die Einleitung des KlaKo butterweich, die Streicher mit einem unglaublich homogenen, sauberen, Klang, schönstes Pianissimo... Ax zeigte sodann, dass er doch ein Solist der allerhöchsten Weltklasse ist. Was er an feinperligen Läufen an dem Abend setzte war genauso atemraubend wie sein zupackendes Spiel in der Kadenz. Der zweite Satz hat unglaublich berührt, der dritte war ein rauschendes Feuerwerk. Als Zugabe das Nocturne op.27 Nr.1 von Chopin... himmlisch!!!!!

Was waren wir dann auf Mahler gespannt! Es war die mit Abstand beste Leistung, die ich bei einem Orchesterkonzert je gehört habe... Ich kann es mit Worten gar nicht beschreiben... die großen Bögen, die MTT spannte, die Klarheit mit welcher man jedes Instrument bis in den letzten Winkel des Saals hören konnte... den wunderbaren dritten Satz spielten das LSO sehr langsam. Es war der schönste Moment, den ich bis dahin in meinem leben von Mahler gehört habe... das dauert aber nur bis zum Finale, welches den dritten Satz noch bei weitem übertraf.... Höhepunkt war eine Pause etwa einer Sekunde vor der Explosion in der Mitte, die ich noch nie vorher erlebt habe. Zum Schluss erhoben sich die acht (!) Hornisten von ihren Stühlen und trugen dazu bei, dem LSO und MTT einen Triumph zu bescheren mit berechtigten minutenlangen stehenden Ovationen...
Amadé (09.09.2012, 15:24):
Gratulation, zum Geburtstag und dem nachfolgenden Geburtstagskonzert.
Du berichtest von 8 Hörnern, Mahler genügten jedoch nur 7! Ich fragte vor Jahren einmal einen Intendanten, wie sein Orchester das spiele, die klassische Hörnerbesetzung sei doch 2, 4 oder 8 (Ausnahme Eroica mit 3). Er antwortete, wir spielen immer mit 8 Hörnern, so ist es für den ersten Hornisten nicht zu anstregend, wenn er sich mit einem Kollegen abwechseln kann.
Zu meinem 50.Geburtstag habe ich mir auch ein vielversprechendes Konzert geschenkt, worüber ich mich dann auch besonders freuen konnte: Sokolov mit dem 1.Klavierkonzert von Brahms, heute scheint er nur noch Soloabende zu geben.

Gruß Amadé :beer
Heike (09.09.2012, 16:36):
Lieber Jeremias,
toll, dass du so ein schönes Konzert hattest - das Programm mit den zwei fantastischen Werken lässt ja schon die Herzen höher schlagen :-) MTT hat mich noch nie enttäuscht, der hat gar nicht sooo einen großen Namen, aber meine Erlebnisse mit ihm waren bisher immer eine runde Sache.

Ich war gestern auch in einem schönen Konzert, die BPhils mit Metzmacher (der in Berlin immer toll gefeiert wird, wenn er mal zu Gast ist). Im Rahmen des Musikfestes gab es ein amerikanisches Programm:
George Gershwin - Cuban Overture
Charles Ives - Symphonie Nr. 4
George Antheil - A Jazz Symphony
Leonard Bernstein - Symphonic Dances aus West Side Story
Das ist nicht so ganz die Musik, die ich oft höre. Daher fällt es mir schwer, den Abend zu beurteilen - Fakt ist aber, dass die 4. Sinfonie von Ives ein Mammutwerk ist, das wahrscheinlich erst live so richtig seine Wirkung erzielt. Ich war jedenfalls sehr begeistert davon, das ist Raummusik vom feinsten, keine Sekunde langweilig und sicher sehr anspruchsvoll für die Musiker und vor allem den Dirigenten.

Noch begeisterter war ich allerdings von dem darauffolgenden 23 Uhr late-night-Konzert mit Aimard. Er spielte die Concord-Sonate von Ives - was für ein Erlebnis! Die habe ich noch nie live gehört. Weil der große Saal nur mäßig gefüllt war, klang das sensationell gut. Ich bin ganz schnell völlig eingetaucht in diese harmonisch extrem vielschichtigen Welten: intellektuell gefordert, angespannt und versunken zugleich. Eine Stunde Moderne am Klavier in allen denkbaren Ausprägungen. Sebastian Krunnies (Bratsche) und Emmanuel Pahud (Flöte) von den BPhils spielten von den Emporen die optionalen Passagen dazu. Eine gefühlte Minute Ruhe nach dem letzten Ton spricht dafür, dass der Saal genauso fasziniert war wie ich. Danach tobender Applaus.
Heike
Heike (14.09.2012, 20:28):
DO 13.09.2012 20 Uhr
Philharmonie Berlin
RSB, Marek Janowski, Dirigent
Hans Werner Henze - Sinfonia N. 6 für zwei Orchester
Sergei Rachmaninow - Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-Moll op. 30
Nikolai Lugansky Klavier

Ein Kontrastprogramm, wie es gegensätzlicher kaum sein könnte.
Im ersten Teil die Henze-Sinfonie: Soweit ich das beurteilen kann, präzise und klanglich tadellos dargeboten: aber, das ist soooo böse Musik, das konnte ich kaum ertragen. 40 min am Rande eines Nervenzusammenbruchs, ausgelöst durch dieses Werk. Ich bin wahrlich sehr aufgeschlossen für Neue Musik, aber was soll das? Dieses Werk hat weder eine Melodie, noch eine einigermaßen erkennbare Struktur, noch klingt es interessant. Es ist depressiv, verstörend, laut und chaotisch. Wozu es zwei Orchester gibt, erschließt sich mir absolut nicht, Interaktion fand nicht statt. Also, das hat meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Ich war froh, als es zu Ende war.

Nach der Pause dann das Rachmaninov 3- Konzert, das wir alle sicher schon x mal gehört haben. Nach diesem Vorspiel war das eine reine Erholung - Melodie! Lugansky am Flügel gefiel mir gut, mit ganz flinken und vor allem leichten Fingern ließ er keinerlei dicke Sülze aufkommen. Klanglich fand ich es (vor allem in den Mitteloktaven) ein wenig einfarbig, aber sein eher zurückhaltendes und doch schön klares, virtuoses Spiel tat dem Werk absolut gut. Den nötigen Zug für das recht flotte Tempo steuerte das RSB bei. Schön.

Heike
Jeremias (15.09.2012, 08:44):
@ Heike: Ich mag Lugansky sehr, das Konzert hätte ich aber aus Protest schon nicht besucht. Muss man eigentlich jeden Sch... aufführen?

Gestern in der Kölner Philharmonie:

Lisa Batiashvili Violine

WDR Sinfonieorchester Köln
Jukka-Pekka Saraste Dirigent

Wiener Klassik und nordische Romantik

Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 (1806)

Pause

Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 1 e-Moll op. 39 (1898/99, rev. 1900)

Die Geigerin war derart nervös, dass sie richtigen Hautausschlag hatte... was sie allerdings aus dem Beethoven machte, das war von erster Güte! Ein wunderbarer schlanker Ton, überhaupt nicht dick aufgetragen, die Kadenzen blitzsauber... das Orchester begleitete zurückhaltend, satter schöner Klang in den Tuttipassagen, wunderbare Hervorhebung der Holzbläser... als Zugabe etwas Georgisches, das sie auch auf CD eingespielt hat. Das Publikum war begeistert! Dem Dirigenten lag viel am Sibelius, das Orchester ging mit. Auch wenn das Stück teilweise doch etwas zerrissen wirkt, es hatte einen unglaublichen Effekt auf das Publikum. Ich hörte die Sinfonie das erste Mal live.

Fazit: ein schöner Abend, v.a. dank einer starken ersten Hälfte
nikolaus (16.09.2012, 20:37):
In Paris zwei Konzerte:

Am Donnerstag im Théâtre des Champs-Éliysées:

Orchestre National de France unter Daniele Gatti

L.v.Beethoven: Leonore Ouverture III op. 72

L.v.Beethoven: Konzert für Violine, Violincello und Klavier op. 56 (Renaud Capuçon, Yann Levionnios, David Kadouch)

R.Strauss: Ein Heldenleben op. 40

Das Tripelkonzert war das von mir erhoffte Highlight!
Man kann schon fast von einem Generationentreffen der Solisten sprechen:
Capuçon Jahrgang '76, Kadouch '85, Levionnois '90 - alle noch so jung!

Capuçon mag ich einfach, er spielt ohne Firlefanz und berührt mich immer sehr. Levionnois war vielleicht zu zurückhaltend, aber auch er versteht es zu spielen; eher schlanker Ton, sehr aufmerksam im Zusammenspiel. Auf Kadouch war ich am meisten gespannt und er hat mich nicht enttäuscht; er hat mich mit seinem individuellen, fast schon burschikosem Spiel einige neue Details hören lassen.
Das Orchester empfand ich als zu solide und routiniert, ebenso Gatti.


Am Freitag in der Salle Pleyel:

Orchestre Philharmonique de Radio France unter Vladimir Spivakov:

I.Stravinsky: Divertimento, Suite aus dem Ballett "Le Baiser de la Fée"

P.Tchaikovsky: Variationen über ein Rokokothema op. 33 (Jean-Guihen Queyras)

P.Tchaikovsky: Suite op. 20a aus "Schwanensee"

Gleich vorweg: das Orchester war klasse, hat mir viel besser gefallen als das Orchestre National de France am Vortag. Vielleicht lag es an dem sehr hohen Anteil (geschätzt 50%) an Frauen; auf jeden Fall zeigten sie mehr Spielfreude und mehr Engagement.
Die Rokokovariationen sind einfach ein Reisser, da hilft nichts. Queyras hat sie allerdings auch klasse gespielt, gar nicht opulent sondern eher filigran, hat mir gut gefallen.
Tja, und Schwanensee ist zwar Zucker pur, aber auch das war mitreissend gespielt.
Mein heimlicher Favorit war allerdings Stravinsky. Mich fasziniert diese komplexe Rhythmik gepaart mit wahrlich "feenhaften" Passagen.
Insgesamt ein gelungener Abend!

Nikolaus.
Jeremias (18.09.2012, 13:03):
Vorgestern beim Bonner Beethovenfest:


Kit Armstrong (Klavier)
Bayerisches Staatsorchester
Kent Nagano (Dirigent)

Ludwig van Beethoven:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur op. 15

Gustav Mahler:
Symphonie Nr. 9 D-Dur

Ein weiterer grandioser Abend! Kit Armstrong hat mit seinen 20 Jahren alles, was ein Pianist an Veranlagung braucht... eine brilliante technik, ein unglaubliches Gespür für Sensibilität, einen wunderschönen Klang gerade im mittleren Satz... ein sicher ganz großartiger Auftritt für ihn!

Mahler war natürlich das Hauptwerk des Abends. Was Nagano aus seinem orchester herausholte, das war allererste Klasse! Mit Leichtigkeit führte er es selbst durch die verworrensten Passagen, hatte stets alles im Griff. Eine blitzsaubere Arbeit der Blechbläser, anders als noch das LSO die Woche vorher. Und das pianissimo am Ende des Finales ließ den Zuhörern den Atem stocken... keiner wagte es zu applaudieren....

Ich traf danach eine langjährige Freundin, die in dem Orchester spielt. Sie meinte, Nagano hasse die Beethovenhalle wie keinen zweiten Saal... dafür konnte man aber erstaunlicherweise wirklich ALLES hören!
Amadé (18.09.2012, 20:05):
Original von Jeremias
Mahler war natürlich das Hauptwerk des Abends. Was Nagano aus seinem orchester herausholte, das war allererste Klasse! Mit Leichtigkeit führte er es selbst durch die verworrensten Passagen, hatte stets alles im Griff. Eine blitzsaubere Arbeit der Blechbläser, anders als noch das LSO die Woche vorher. Und das pianissimo am Ende des Finales ließ den Zuhörern den Atem stocken... keiner wagte es zu applaudieren....
Ich habe einen Tag zuvor, leider nur im Radio, dieselben Interpreten mit Bruckners Neunter gehört, wie Nagano den Schluss des Adagios unheimlich erregend formte, bewies allerhöchste Klangkunst, excellent! Auch hier eine ergriffene Stille noch dem letzten Ton.

Gruß Amadé
Amadé (22.09.2012, 10:05):
Gestern Abend gastierte in der Reihe Piano Solo in Olpe Alexandre Tharaud. Für mich die erste live-Begegnung mit dem französischen Meisterpianisten. Das Programm bestand aus zwei Teilen, vor der Pause Debussys Preludes Vol.1 und danach 10 Klaviersonaten von Domenico Scarlatti, dessen CD mit diesen Sonaten bereits hochgelobt wurde. Der Konzerteindruck bestätigte für mich Tharauds hoher Rang als Scharlatti-Spieler. Beeindruckend wie er blitzschnell sich auf die jeweilige Stimmung einer jeden Sonate einzustellen vermochte, er war "sofort da", ohne Einbuße an Konzentration. Dramatisch, elegant aber auch empfindsam zogen die Miniaturen dahin.
Vor der Pause also Debussys 1.Serie der Preludes, die ich hier zum erstenmal als Totale hörte. Die 12 Klavierstücke fordern dem Pianisten als auch dem Hörer höchste Konzentration ab. Mich verwundert nicht, dass viele Pianisten meistens nur 2 oder 3 Preludes bei einem Klavierabend spielen. Auch hier konnte man Tharauds Klangsinn bewundern, wie er auch im piano-Bereich die Töne und Akkorde noch zu differenzieren vermochte, insgesamt eine gültige Darstellung.

Kritik möchte ich jedoch an der Programmkonzeption des Recitals anbringen. Sowohl die Debussy-Stücke als auch die Scarlatti-Sonaten sind Einzelkompositionen, die mit ihren "Nachbarn" kaum in einer musikalischen Beziehung stehen. Wenn z.B. Brahms 7 Fantasien zu einem Werk mit der Opuszahl 116 zusammenschließt, ist dabei eine innere Dramarturgie zu spüren. die die einzelnen Stücke zusammenfassen. Bei Debussy und Scarlatti fehlt dies, der Hörer weiß nicht, wo der Spieler sich gerade befindet, es ist eine Reihung, kein geschlossenes Werk.
Als Zugabe ein Stück von Rameau und eins als von Bach angekündigt, ich glaube nach einer Vivaldi-Vorlage.
Übrigens spielte Tharaud den ganzen Abend aus Noten, auch die Zugaben. Trotz dere Kritik möchte ich den Pianisten gern wiederhören.

Gruß Amadé
Heike (22.09.2012, 10:23):
Lieber Amadé,
tausend Dank für Deinen Bericht - beneidenswert, die Scarlatti-Sonaten in so geballter Vielzahl live zu hören! Auch wenn die nicht fürs Aneinanderreihen gemacht sind, ich würde gern mal in so einem Programm sitzen :-)

Ich habe Tharaud im Frühjahr gehört und mir hat er genauso gut gefallen, Damals spielte er auch eine Kombination aus Barock und Impressionismus (Rameau, Couperin und Ravel) und ich fand es fantastisch, siehe hier:

Tharaud spielte wie ein subtil geistvoller kleiner Zauberer, der sowohl die barocken als auch die impressionistischen Werke mit einer wunderbaren Eleganz präsentierte. Sehr focussiert auf die Melodiestimmen, hinreißend schön mit ganz fein abgestimmter Dynamik (es geht also, auch im kleinen Saal des Konzerthauses!). Sein Auftritt hatte eine ganz unaufgeregte, stilvolle Finesse, eine fast feminine Zartheit. Sein Anschlag ist weich, aber klar, das ganze kommt direkt sinnlich daher, dabei aber mit intelligenter, nicht zu kleinteiliger Linie in den kleinen Stücken. Und auch vom Tempo her lebendig und bewegt. Er hat mich sehr überzeugt, es hatte eine große Leichtigkeit und wundervolle Klangfarben. Vielleicht kann das nur ein Franzose so spielen.

Er spielte in Berlin übrigens auch alles mit Noten. Die 2 Scarlatti-Zugaben allerdings nicht, wenn ich mich richtig erinnere.
Heike
Heike (22.09.2012, 11:44):
gestern im Konzerthaus Berlin:

Konzerthausorchester Berlin Iván Fischer
Elisabeth Leonskaja Klavier

Johannes Brahms Variationen über ein Thema von Joseph Haydn B-Dur op. 56a
Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur KV 482
Richard Strauss Zweite Walzerfolge aus der Oper "Der Rosenkavalier" op. 59
Richard Strauss "Till Eulenspiegels lustige Streiche" - Sinfonische Dichtung op. 28
Richard Strauss "Tanz der sieben Schleier" aus der Oper "Salome" op. 54

Das war ein Konzert im Rahmen der Kurt- Sanderling- Hommage. Im ersten Teil hatte man das Abschlusskonzert von Sanderling in Berlin nachgestellt. wo er auch den Brahms und ein (anderes) Mozartkonzert dirigierte. Es begann auf einer großen Videoleinwand über dem Orchester. Man sah und hörte Sanderling im Konzerthaus mit dem Haydn-Thema (wobei man ja heute weiß, dass das gar nicht von Haydn ist). Und nach dem Thema übernahm das Orchester im Saal. Sehr gelungen, die von Sanderling so geliebten Haydn-Variationen so an den Beginn zu stellen.

Danach das Mozart Konzert. Hier hatte man in der Hommage-Serie jeweils zum selben Programm wechselnde Solisten ausgewählt, also auch variiiert ;-) Zu allen Pianisten hatte Sanderling eine besondere Beziehung. Nur gerade zu dem nicht, der am Eröffnungstag für die leider erkrankte M. Uchida (übrigens auf deren Empfehlung) einsprang: Jonathan Biss. Ich mag Uchida nicht so gern, daher hatte ich zum Glück keine Karte, denn J. Biss wäre noch schlimmer für mich gewesen - den habe ich von einem Soloabend in denkbar schlechter Erinnerung. Da war Leonskaja eine ganz andere Klasse gestern. Die hat Stil. Sie spielte einen fast akademischen, ernsthaften Mozart, aber mit nötigem Groll und feinem Humor in Details. Besonders beeindruckend für mich ein zärtliches, kantables Andante und fesselnde Britten-Kadenzen, die dem Werk einen fast modernen Anstrich gaben. Auch merkte man, dass Fischer und Leonskaja sich mochten und verstanden, man SAH direkt, wie aufmerksam sie aufeinander hörten - ein sehr diffiziles und feines Zusammenspiel!
Heute gibt es dann (nicht für mich!) nochmal J. Biss als Solisten und morgen Peter Rösel.

Im zweiten Teil des Konzertes, der Richard Strauss ist nicht so meins, ich kann einfach mit Programm-Musik nicht so richtig was anfangen. Dazu daher nur ganz kurz. Die Walzer klangen schön beschwingt und tänzerisch. Der Eulenspiegel beeindruckte schon allein durch den riesigen Orchesterapparat, das fegt mitunter so richtig durch den Raum und war auch sehr präzise und pointiert dargeboten. Besonders die Hörner sind mir als sehr ausdrucksstark und klangschön aufgefallen. Der Tanz der Schleier war ein klangzaubernder Abschluss.
Heike
Heike (29.09.2012, 13:47):
DO 27.09.2012 20 Uhr Philharmonie Berlin
RSB Marek Janowski
Kirill Gerstein Klavier

Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonie g-Moll KV 183
Maurice Ravel Konzert für Klavier und Orchester G-Dur
Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonie g-Moll KV 550

Mozart: Wenn nicht HIP, dann so!!! Ich frage mich, warum ich die Mozart-Sinfonien früher nicht mochte. Das war ein Mozart, der mich rundum begeisterte. Wie Janowski die Streicher zu allerfeinsten Differenzierungen anhielt, wie er das Grimmige und Subversive in dieser Musik in Untertönen greifbar machte, wie er die Musik in flottem Tempo fleßen lies, das hat mich total fasziniert. Leicht und beschwingt wie ein Spiel und doch voller kunstvoller subtiler Details, ohne je Schwere zu kriegen. Ohne Übertreibung großartig im Klang, dieses RSB. Das kann zur Zeit kein anderes Berliner Orchester (naja, auch die Phils an guten Tagen).

Ravel: Ein merkwürdiges Werk ist das G Dur Konzert, es gefällt mir lange micht so gut wie das für die linke Hand. Nur der langsame Satz gefiel mir wirklich. Gerstein stellte sich eher unauffällig in den Dienst der Musik, machte sicher alles richtg, vermochte sie mir aber nicht wirklich näher zu bringen.

Fr 28.09.2012 20 Uhr Kammermusiksaal, Berlin
Claudio Monteverdi
Vespro Solenne per la festa di S. Marco
Concerto Italiano
RIAS Kammerchor, Chorsolisten
Rinaldo Alessandrini, Dirigent

Die Darbietung einer rekonstruierten Vesper, die aus Psalmen und Antiphonen der 1641 veröffentlichten Sammlung Selva morale e spirituale zusammengestellt wurde. Die alten Klängen aus Geigen, Zinken, Posaunen, Theorben und tiefen Streichern zauberten eine Atmosphäre von fast spiritueller Verzückung :-) Originalklang st einfach das Beste, was man (neben Soloklavier) im Kammermusiksaal machen kann.
Und - was haben wir doch für großartige Chöre in Berlin! Der Rias-Kammerchor ist so unglaublich, die singen so homogen und textverständlich, ein Genuss. Vielstimmigkeit in Perfektion. Auch die Solisten aus dem Chor, z.T in kleinen Gruppen, himmlisch. Das kann kein eingekaufter Solist besser machen. Die haben den Geist dieser Musik so vollendet getroffen, in einer Reinheit und Klarheit, wundervoll!

Heike
Heike (04.10.2012, 00:14):
Ich war heute (gestern) beim Krystian Zimerman - Recital in der Philharmonie. Ich bin zu müde, um ausführlich zu berichten, aber es war :engel :engel :engel

Claude Debussy Estampes
Claude Debussy Präludien (Auswahl)
Karol Szymanowski Drei Präludien aus op. 1
Frédéric Chopin Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58

und dann noch eine Zugabe (mit kleiner Rede davor), wo er zum National-Feiertag ein Happy Birthday über die Anfangstriolen der Mondscheinsonate spielte.

Ich bin begeistert, was der an Finesse im Anschlag und Klang hat - das macht natürlich sofort schon bei den Estampes und Preludes versöhnlich, dass er nicht (wie noch vor einigen Wochen angelkündigt) die Etüden gespielt hat. Die Chopin-Sonate war der Hammer, vor allem das Largo war zum Atemanhalten schön und dann danach ein rasantes Finale. Toll. Schade, dass es so wenig Solo-Aufnahmen von ihm gibt und dass er so selten in Berlin ist.

Es gab ein Problem mit dem Flügel, wo er lustige Sachen dazu kommentierte (ich meine, es war eine Saite weggerissen bei einem lauten Akkord in La soirée dans Grenade). Danach schaute er nach und kommentierte "Pianisten werden nicht alt, Flügel ja" und "einen Steinway kann man auch ohne Saiten spielen"
Heike
Gelöschter Benutzer (04.10.2012, 15:25):
Auch mich hat es gestern ins Konzert verschlagen. Auf dem Plan stand das 1. Sinfoniekonzert der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin. Am Pult stand der neue GMD Daniel Huppert, der Solist des Abends war Claudius Popp (Violoncello).

Es standen folgende Werke auf dem Programm:

Richard Strauss: Don Juan op. 20

Dmitri Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107

Pause

Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Der erste Teil des Konzerts war für mich Neuland, sowohl Strauss' Tondichtung als auch Schostakowitsch's Cellokonzert hörte ich zum ersten Mal.
Don Juan wurde durchaus lebhaft vorgetragen, allerdings kam der in der Konzerteinführung angesprochene jugendliche Elan etwas kurz. Dennoch sauber und klar musiziert.
Das Cellokonzert, das von Prokofievs Sinfonia Concertante inspiriert ist, hörte ich praktischerweise voriges Jahr mit selbigen Cellisten und Orchester, aber anderem Dirigenten (Foremny fehlt :I ). Das Werk ist sehr anspruchsvoll für den Solisten und Popp hat eine technisch saubere Vorstellung abgeliefert. Der Cellist erhielt einen langen Beifall. Als Zugabe wurde der erste Satz einer Solo-Sellosonaten gespielt. Von wem, habe ich leider nicht verstanden.
Nach der Pause kam Beethovens 7. Sinfonie. Darauf hatte ich gespannt gewartet. Es ist ein sehr vitales und lebensfreudiges Werk. Und so wurde es auch gespielt. Das Orchester hat sich vom 31-jährigen Dirigenten, der durchaus ausladend dirigiert, anstecken lassen. Das Resultat war eine energiegeladene Beethovensinfonie, bei der es Freude machte hinzuhören. Das lebhafte Vivace kam in knapp 13 Minuten dahergebraust. Für das anschließende Allegretto wurden gute 8 Minuten benötigt, das muntere Scherzo in etwa zehn Minuten. Das Finale wurde wahrhaftig con brio (sehr feurig) musiziert und zwar komplett mit Wiederholung des Anfangsteils (deshalb fast 9 Minuten).
Das war ein würdiger Abschluss des Konzerts. Dirigent und Orchester wurden zum Teil mit Bravo-Rufen, stehenden Ovationen und Fußgestampfe und langem Applaus bedacht.

Alles in allem war es ein sehr schönes Konzert und ein toller Abend.

:hello
Cetay (inaktiv) (04.10.2012, 16:52):
Original von Treborian

Der erste Teil des Konzerts war für mich Neuland, sowohl Strauss' Tondichtung als auch Schostakowitsch's Cellokonzert hörte ich zum ersten Mal.

(...)

Das Cellokonzert, das von Prokofievs Sinfonia Concertante inspiriert ist, hörte ich praktischerweise voriges Jahr mit selbigen Cellisten und Orchester

http://www.smileygarden.de/smilie/Fragend/21.gif
Gelöschter Benutzer (05.10.2012, 14:46):
Oh. Sorry. Ich habe mich im Satzbau vertan.
Ich habe letztes Jahr natürlich die Sinfonia Concertante von Prokofiev gehört, nicht Schostakowitschs Cellokonzert.

Danke für den Hinweis.:thanks

My mistake.

:hello
Heike (06.10.2012, 11:04):
5.10.12 Konzerthaus, Kleiner Saal

Isabelle Faust Violine
Jean-Guihen Queyras Violoncello
Alexander Melnikov Klavier

Joseph Haydn Klaviertrio D-Dur Hob XV:24
Ludwig van Beethoven Klaviertrio Es-Dur op. 70 Nr. 2
Antonín Dvorák Klaviertrio f-Moll op. 65

Ein wunderbarer Kammermusikabend!

Melnikov: Das ist eine Offenbarung, wie der einen Klavierpart spielt, der die anderen beiden spiegelt und ganz sanft führt. Sehr introvertiert und feinsinnig! Da kriege ich richtige Glücksgefühle, wie er mit vielfältigsten Klangfarben Stimmungen der beiden anderen aufnehmen und transportieren kann; wie er Übergänge zu Ereignissen macht: wie dicht und gleichmäßig er Triller spielt, oder wie zärtlich er ein pianissimo hinhauchen kann, oder wie voll er im ersten Satz des Dvorak-Trios dann wieder die Akkorde im Raum stehen lässt. Der kann auch eine einzelne Phrase mal innerlich tanzen lassen. Ein Zauberer, Maler, Poet, bei dem sich nichts verwischt oder verklärt. Und so aufmerksam im Zusammenspiel. Ich bin sowieso schon ein riesiger Fan von Melnikov (wer seine DSCH op.87 Einspielung hört, wird ihm so wie ich verfallen!) und werde es immer mehr, mit jeder live-Begegnung. Der kann genauso gut seinen tollen alten Bösendorfer wie auch den Konzerthaus-Steinway gestern. Das ist gar kein Star-Typ, aber ein leiser, großer Könner.

Auch Isabelle Faust ist ein Wunder für mich. Das ist soooo schön, wie sie ihre Geige auf völlig pure Art sprechen lässt und den Ton variieren kann; wie sie z.B. Zerbrechlichkeit und Klage transportiert oder schnelle Figuren in hohen Lagen glasklar spielt. Ich kenne mich mit Geige nicht sonderlich gut aus, aber sie hat für mich sofort intuitiv was sehr besonderes. Live noch mehr. Ein ganz überirdisch sauberer, strahlender, heller Ton, absolut natürlich schön und von einer himmlischen Kantabilität. Da wird jede Wiederholung zum Ereignis. Unglaublich fesselnd und unmittelbar berührend. Sie strahlt auch auf der Bühne eine große Ruhe aus, die mich sehr anspricht. Ich würde ihr Spiel klug nennen, ganz und gar nicht gefühlig, null sentimental oder effekthaschend. Sondern sehr strukturiert, sehr intim, sehr sinnlich, sehr virtuos. Faszinierend auch, wie blind sie sich mit Melnikov versteht. Das aktuelle Traumpaar schlechthin für mich, die beiden (ich liebe die LvB Violinsonaten- Gesamteinspielung sehr)

Queyras hat sich viel besser zu den beiden gesellt als erwartet. Rein vom Zusammenspiel passte das nahezu perfekt. Man hört Trios live ja sowieso eher selten und so genau habe ich das noch nie zusammen gespielt gehört. Sehr aufmerksam, abgestimmt und präzise, beim Dvorak fast spielerisch lustvoll zusammen. Aber, ich glaube, dass er von der Variabilität des Klanges und der Dynamik her nicht ganz das gleiche Spektrum aufbietet, das Isabelle Faust hat. Sie kann viel unmittelbarer und dabei schlichter als er spielen, weil sie subtiler klanglich differenziert. Er versuchte, das durch etwas mehr Vibrato und mehr Akzentuierungen auszugleichen, macht dann manchmal zuviel und dann störte mich das etwas. Wenn Queyras die tiefe Stimme warm zur Geige spielte, passte es besser, als wenn er führte. Er nahm sich im Zusammenspiel jedoch meist sehr zurück und blieb ernsthaft, was mir besonders beim Haydn angenehm auffiel. Beim Beethoven machte er mir manchmal doch unnötig viel Dramatik in einzelnen Phrasen, worauf dann Faust öfter gerade mit noch mehr Geradlinigkeit antwortete. Ausgesprochen spannend allemal.

Alles in allem eine Sternstunde der Kammermusik.
Ein begeistertes Publikum, als Zugabe noch der 3. Satz aus Schumanns F-Dur-Trio.
Bitte mehr davon, egal ob mit oder ohne Queyras.
Jeremias (06.10.2012, 20:51):
Oh ich beneide Dich! Ich habe Melnikov/Faust vor einigen Monaten in Essen erleben dürfen... eines der genialsten Duos der derzeitigen Klassikbranche... Queyras dürfte gut dazu passen!
Heike (16.10.2012, 08:11):
Gestern im Kammermusiksaal

JOSEF BULVA Klavier
Beethoven: Sonata quasi una Fantasia op. 27 Nr. 1 und 2
Chopin: Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39
Beethoven: Sonate f-Moll op. 57 "Appassionata"
Szymanowski: "Masken" op. 34

Eigentlich hätte ich das auch in die Rubrik "1000 mal geärgert" schreiben können - aber nicht wegen Bulva, dessen Spiel mir recht gut gefallen hatte. Sondern, weil er die Appassionata im dritten Satz abbrach (und auch bei den Masken dann einmal absetzte und ungläubig den Kopf schüttelte): Ein Pedal des Flügels quietschte, es war deutlich hörbar (wohl das Tonhaltepedal). Er sagte dann auch, als er bei LvB abbrach, dass das Instrument nicht in Ordnung sei; stand ganz ratlos auf der Bühne.

Was ich mich frage: Merken die das nicht beim Einspielen????
Ich frage mich das umso mehr, weil ich dieses Jahr schon mal jemanden mit ganz gräßlich verstimmtem Flügel spielen hören habe (ich muss mal überlegen, wer das war*, das war im großen Saal bei einem Klavierkonzert). Das muss doch vorher auffallen???
Heike

P.s. Bulva, den ich vorher nur dem Namen nach kannte, hat übrigens ein sehr interessantes Leben: http://www.welt.de/kultur/article6882832/Josef-Bulva-der-geheilte-Wunderpianist.html

* ist mir eingefallen: Ashot Khachatourian im Konzerthaus
AcomA (16.10.2012, 23:30):
Liebe Heike,

Josef Bulva hatte ich um 1985 live in Essen gehoert:
Beethovens Mondschein und Waldstein, Chopins 4. Ballade und Beethovens Wut ueber den verlorenen Groschen. Er spielte fuer die Kinderkrebshilfe. Exzellente Darstellung. Wir haben uns im Anschluss noch unterhalten. Er wollte uns noch zum Abendessen einladen.

LG, Siamak
Amadé (17.10.2012, 09:42):
Ihr Lieben,

der tschechische Pianist musste seine vielversprechende Karriere, u.a. Vertrag mit Teldec, 1996 wegen eines Unfalls unterbrechen. Er ruschte auf einer Schneefläche aus und verletzte sich schwer an der linken Hand durch Scherben einer Bierflasche, die unter dem Schnee lagen. Anfangs sah es so aus, dass seine Pianistenlaufbahn dadurch beendet sei. Nach Operationen gelang es ihm jedoch, seine Spielfertigkeit wiederherzustellen. Auffällig ist für mich jedoch, dass sein Repertoire, das auch vor dem Unfall nicht ausladend war, recht schmal geworden ist.

Gruß Amadé :hello
Heike (17.10.2012, 23:44):
Tja, schon wieder eine unvorhersehbare Sache heute, aber manchmal entstehen ja aus den Widerlichkeiten des Alltags ganz wunderbare Dimge!

Philharmonie Berlin:
Orchestre des Champs-Élysées und Philippe Herreweghe
Isabelle Faust

Geplant war: Brahms, 3. Sinfonie und Violinkonzert

Aaaaaber: Als um 20 Uhr die Saaltüren noch geschlossen waren, ahnte man schon Schlimmes. Dann wurde aber doch geöffnet .... und nach 10 min kam die Veranstalterin auf die Bühne und verkündete: Der LKW mit den Instrumenten sei bei Braunschweig in einen Unfall-Stau gekommen, er sei eben gerade erst eingetroffen und daher könne man jetzt aus dem Kalten bzw. mit den noch nicht akklimatisierten Instrumenten nicht gleich die Sinfonie spielen. Statt dessen hat sich Isabelle Faust bereit erklärt, im ersten Teil Bach-Partiten zu spielen.

:engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel :engel

Das war mehr als nur Ersatz, ich war ganz hin und weg!
Dann gab es nach der Pause das Violinkonzert - was ist das für eine phantastische Geigerin! Das ist sooo schön, manchmal ganz leicht, fast schwebend und total klar und schnörkellos, aber auch mit so viel Leidenschaft und Seele. Dazu die alten Instrumente; ich hab zwar wenig auf das Orchester geachtet, weil ich vom Geigenpart so fasziniert war, aber der dunkle, feine Klang der Streicher mit den Darmsaiten, das ist natürlich ein ganz anderer Brahms. Ich fand es total klasse.

Dann gab es als Zugabe noch den dritten Satz aus der Sinfonie, was will man mehr!
Heike
Cetay (inaktiv) (18.10.2012, 07:22):
Das Gespann kommt diese Woche auch zu uns. Ich bin gewiss kein Geizhals und lasse mir die schönen Dinge des Lebens auch mal was kosten, aber hier hört der Spass auf. Für einen dreistelligen Betrag gönne ich mir lieber einen Balvenie 21 Year Old / Port Wood Finish und höre dazu Frau Faust von der Konserve. :P
Heike (18.10.2012, 07:24):
Tja, da sind wir dann hier besser dran, ich habe 45 Euro für ein sehr gutes Ticket bezahlt.
Heike
P.s. ich hab grad nochmal nachgesehen, Preisspanne 20-50 Euro (minus 10%, wenn man ein Abo beim Veranstalter hat)
Cetay (inaktiv) (18.10.2012, 07:31):
Wie ungerecht, da sieht man mal, was alles beim Veranstalter hängen bleibt (der sich hier wohl verhoben hat, weil es noch massig Plätze gibt).
Heike (18.10.2012, 07:33):
Solche Preise würden in Berlin auch nicht von übermäßig vielen Leuten gezahlt werden, das Angebot ist einfach zu groß.Da füllen dann nichtmal die ganz großen Stars die Säle, ich boykottiere sowas auch.
Heike
Heike (19.10.2012, 00:20):
In Anbetracht der Uhrzeit nur ganz kurz:
18.10.12 Kammermusiksaal Berlin

FREIBURGER BAROCKORCHESTER
ANNE KATHARINA SCHREIBER Violine
JEAN-GUIHEN QUEYRAS Violoncello
KRISTIAN BEZUIDENHOUT Hammerklavier
GOTTFRIED VON DER GOLTZ Dirigent

Beethoven:
Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73
Konzert für Violine, Violoncello und Klavier C-Dur op. 56
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

Um es in einen Satz zu packen: Ich hätte nach dem Klavierkonzert alle außer dem Pianisten von der Bühne geschickt und dann bitte 2 oder 3 Sonaten mit diesem genialen jungen Mann auf diesem Hammerklavier. BEZUIDENHOUT - na, auch wenn der Name nicht gerade leicht zu merken ist, den merke ich mir. Traumhaft.

Ansonsten: Queyras fand ich heut nicht gut; an Beethoven muss sich das Orchester noch gewöhnen, einiges war ganz schön, anderes habe ich schon weit besser auch in HIP gehört (Immerseel!). Aber Bezuidenhout war eine Entdeckung für mich.
Heike
Nicolas_Aine (19.10.2012, 03:05):
wie hat dir denn die Geigerin gefallen? Die hat einen Lehrauftrag hier an der Hochschule, ein paar Freunde von mir haben bei ihr Unterricht, das würd mich jetzt doch glatt interessieren, nachdem ichs hier schon nicht ins Konzert geschafft hab :/
Heike (19.10.2012, 08:19):
Hallo,
die Geigerin hat mir gut gefallen, jedenfalls viel besser als Queyras. Ich habe zugegebenermaßen nicht besonders auf sie geachtet, weil mich der Pianist derartig begeistert hat und weil mich das Cello andererseits störte. Ich habe aber als sehr angenehm wahrgenommen, dass sie ziemlich unaufgeregt und vor allem sehr klar, sauber und fast vibratofrei spielte.
Heike
abendroth (19.10.2012, 21:30):
Im niederländischen Raum ist Bezuidenhout schon länger recht bekannt, obwohl sein Name nur indirekt niederländischer Herkunft ist, da er Südafrikaner ist. Er tritt allerdings recht oft zusammen mit Frans Brüggen und dem Orchester des 18. Jahrhunderts auf. In Kürze stehen alle Beethoven Klavierkonzerte auf dem Programm. Beethoven wird er auch mit Gardiner und dem Concertgebouw spielen. Seine CD Aufnahmen werden zurecht sehr gelobt. Unter ihnen die Mozartsonaten (die Integrale wird bald abgeschlossen sein), oder Beethoven Violinsonaten mit Mullowa (die heute ja auch auf Darmsaiten und historische Spielpraxis umgestiegen ist). Seine Diskographie kann man auf seiner website sehen, aber lohnenswert sind auch die Stücke, die man auf seiner website hören kann (siehe link). Es sind ganze Sätze, nicht nur Schnipsel. Ich kenne Konzertmitschnitte mit Mullowa, Frans Brüggen (Mozartkonzerte) und einige der Mozartsonaten. Ich kann Deine (= Heikes) Begeisterung gut verstehen (und ich beneide jeden Klassikfreund, der in Berlin lebt).
mit freundlichen grüssen
abendroth
http://kristianbezuidenhout.com/#37e/soundcloud
Heike (20.10.2012, 00:56):
Danke für den Tipp mit der website!
Ich werde mir sicher die eine oder andere CD zulegen, das steht ja schon mal fest.
Gute Nacht,
Heike
Heike (28.10.2012, 09:20):
Gestern war ich zu einem Konzertmarathon im Kammermusiksaal:
25 Jahre Kammermusiksaal

Nach der Begrüßung durch den Intendanten der BPhils gab es einen ganzen Tag mit Musik, die zum großen Teil mal im Kammermusiksaal ihre Uraufführung hatte oder eben jetzt hat. In unterschiedlichsten Ensembles (vorrangig aus den BPhils zusammengesetzt), das ganze für nur 20 Euro. Unbegreiflich, dass der Saal nicht mal halb voll war.

Das Tages-Programm (danach gab es noch am Abend den Festakt mit eher jazzlastigen Dingen und vielen Ansprachen, wo ich keine Lust drauf hatte):


Mark-Anthony Turnage - Out of Black Dust für Blechbläserensemble und Schlagzeug
Arvo Pärt - fratres Fassung für zwölf Violoncelli soli
Brett Dean - Twelve Angry Men für zwölf Violoncelli soli
Der philharmonische Salon - Annäherung an den Kammermusiksaal: Philharmonia Quartett Berlin, Gestaltung und Moderation: Götz Teutsch
Sebastian Currier - Night Time für Harfe und Violine
Holm Birkholz - Essenzen. Vier Bilder für Violine und Klavier
Christopher Dell mit dem Ensemble DRA - Organic Structures – Parallelen zwischen Architektur und Musik. Ein Gesprächskonzert
Sebastian Currier - 15 Minutes für Flöte, Viola und Harfe
Wilhelm Kaiser-Lindemann - Dialoghi not turni op. 12 für Violoncello und Klavier
Igor Strawinsky - Histoire du soldat
Wolfgang Rihm - Mnemosyne für hohen Sopran und Ensemble
Matthias Pintscher - sonic eclipse in drei Teilen für Solo-Instrumente und Ensemble


Toller Tag mit fast durchgängig spannender und inspirierender Musik. Natürlich gab es auch ein paar Pannen: Z.B. waren die 12 Cellisten nicht komplett, einer fehlte. Was tun? Dann machte man erst ein improvisiertes Interview mit dem Komponisten, schaffte ein Ersatz-Cello herbei und bat (den wegen des nächsten Programmpunktes anwesenden) G.Teutsch, der ehemaliger Cellist der BPhlis ist, mitzuspielen. Nun gut, bei "fratres" musste er nur fast durchgängig einen einzelnen liegenden Ton spielen ..... aber das stelle ich mir auch nicht so wahnsinnig angenehm vor. Na, zum Glück war beim nächsten Stück (das mir übrigens sehr gut gefiel) der 12. Cellist dann angekommen.
Ansonsten auch ein rundum versorgungsmäßig ein gelungener Tag.
Heike
Heike (31.10.2012, 00:36):
:down :down :down :down :down :down :down

30.10.12 im Kleinen Saal des Konzerthauses:
Igor Levit Klavier

Claude Debussy "Six Epigraphes antiques"
Max Reger Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81
Ludwig van Beethoven Sonate B-Dur op. 106 ("Hammerklaviersonate")

Was für eine Überraschung! Mein Gott, wenn der Mann keine Karriere macht, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich hab von dem noch nichts gehört bisher und bin auf Anhieb begeistert von so viel Können, Übermut und Musikalität.

Der begann mit Debussy soooooo spannend, so farbig, so feinfühlig im Anschlag, das war reine Klang-Zauberei für mich, sehr tragend und differenziert auch in den leisesten Tönen. Fast reinkriechend in die Tastatur, ganz versunken. Zu Reger kann ich nicht viel sagen, das Werk habe ich im Saal noch nie gehört, es war jedenfalls sehr beeindruckend. Aber dann war ich richtig neugierig auf die Hammerklaviersonate, denn die Reger-Fuge war so brilliant gespielt, dass ich mich richtig auf den Beethoven freute. Und zurecht, das war wahnsinnig: Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber ich würde beschwören, dass der erste Satz unter 10 Minuten gespielt war - und das, obwohl er ritardandi ausgespielte und - fern von sportlichem Ehrgeiz - in den Variationen auch viel Ausdruck zeigte, es klanglich auch zu einem Erlebnis machte. Er kracht nicht auf die Tasten (was im kleinen Saal tödlich ist), das tut nicht weh im forte, blieb auch bei ganz schwarzen Noten beeindruckend durchsichtig. Sehr lebendig der zweite Satz, da konnte man sich z.B. an ganz genauen kleinen Dynamikwechseln in den Phrasen erfreuen; ich fand auch die Stimmungen im Mittelteil gut getroffen. Sehr überrascht hat mich das Adagio, hier hat er auch relativ rasch begonnen, aber sehr berührend dem Fluss der Musik nachgegeben. Kein triefend schweres Trauerwerk, sondern ein HineinsinK/Gen in tiefere Sphären von Ferne. Es war ganz still im Saal (was ich selten in diesem langen Satz so erlebt habe). Mit teilweise vor dem Anschlag fast zitternden Fingern kam mitunter ein so zärtlich hngehauchtes pianissimo zustande, dass alle den Atem anhielten. Ich gab mich einsamen Meditationen hin..... und wurde dann lebhaft erweckt im Schlussatz, den er atemberaubend steigerte. Die monumentale Fuge hat er so irre schnell begonnen, dass ich dachte "unmöglich, dass KANN er so nicht weiterspielen". Absolut verrückt, noch nie habe ich das mit so viel Risiko und dabei so sauber ausgespielt gehört, mit ganz präzise gezeigter kontrapunktischer Struktur, kein Stück chaotisch, aber explosiv und mit so viel jugendlichem Feuer - und manchmal sogar mit einem Hauch von Witz. Man hörte und staunte.

Respekt vor dieser sowohl technisch als auch msikalisch sehr beeindruckenden Vorstellung. Das war große Klasse und ich werde überhaupt nicht mäkeln, dass ich diese oder jene Passage hier oder da als solche gelungener finde. Das war das beste, was ich zu op. 106 live je gehört habe (und da waren schon einige Große dabei!) :down .
Heike
Heike (07.11.2012, 08:10):
6.11.12. Kammermusiksaal Berlin
MARTIN HELMCHEN Klavier

Bach: Partita Nr. 5 G-Dur BWV 829
Webern: Variationen für Klavier op. 27
Schubert: Impromptus 2 und 4 aus D935
Brahms:Klaviersonate Nr. 3 f-Moll op. 5

Ein insgesamt erfreulicher Klavierabend. Ein junger (30J.), sympatischer Pianist, der sich am Ende mit 2 Zugaben (Schumann: Vogel als Prophet und irgendwas von Liszt) von dem begeistert applaudierenden Publikum im immerhin zu zwei Dritteln gut gefüllten Saal verabschiedete.

Die Bach-Partiten haben mir nicht ganz so gut gefallen, ich mag es lieber, wenn es richtig schön kontrapunktisch gestaltet ist. Er stellte eher das tänzerische heraus, legte den Focus mehr auf die Melodiestimmen. Sein Anschlag jedoch ist wirklich schön, samtweich und er spielt sehr poetisch, ohne in Schmalz abzugleiten. So spielte er die Partiten auch mit ganz wenig Pedal. Das Webern- Stück kannte ich nicht (zu Unrecht, tolles Werk!); das hat mich sofort überzeugt. Ebenso gelungen fand ich die beiden Impromptus, die er spannend gestaltete und sehr schön aussang. Er hätte alle 4 spielen sollen! Auch die Brahms-Sonate gefiel mir gut; eine lebendige, leidenschaftlich Darbietung, passend zum jungen Brahms. Ich glaube, hier ist er eher zu Hause als im Barock; er erzählt Geschichten und wenn er dabei so fein nuanciert wie in der Schumann-Zugabe, dann ist das richtig große Klasse. Ich mag so ein sinnliches Spiel lieber als die technisch perfekten jungen Asiaten, die irgendwie für mich oft alle ähnlich klingen.
Heike
Heike (08.11.2012, 00:02):
Konzerthaus Berlin, 7.11.2012

Il Complesso Barocco
Dmitry Sinkovsky Leitung
Joyce DiDonato Mezzosopran

"Drama Queens" - Königliche Arien aus Opern von Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Johann Adolph Hasse, Giuseppe Maria Orlandini, Antonio Cesti, Geminiano Giacomelli und Giovanni Porta sowie Instrumentalmusik von Antonio Vivaldi, Domenico Scarlatti und Christoph Willibald Gluck


:down :down :down
Jetzt weiß ich (wieder), was für Stimmen wir an den Berliner Opern NICHT haben :-(
Diese Frau im großen Saal zu hören - unglaublich, diese Präsenz. Wo dieses zarte Persönchen diese Stimme hernimmt; z.B. diese ansatzlos schönen Einsätze, oder wunderbar fließenden Verzierungen, ich dachte "wann atmet die???" Und dann sang sie neben den herrlich hysterisch-dramatischen Arien auch noch zum Sterben schöne langsame, z.B. aus meinem geliebten Cesare das "piangero", ans Herz gehend. Dazu kommt, sie ist eine Schauspielerin vor dem Herrn - gestaltete das lange Programm mit allen Facetten, spielte mit dem Publikum und den Musikern .... da hat das Zusehen ebenso Spaß gemacht wie das Zuhören. Ich habe selten ein Barockpublikum so toben gehört am Schluss; 3 Zugaben, nach fast 2,5 Stunden noch ein voller, applaudierender Saal.

Zudem war das ein ganz entzückendes Programm abseits vom Mainstream, sparsam mit Originalinstrumenten begleitet, was will man mehr? Kleine Nebenbemerkung: Neben mir die Frau sagte (nachdem der Geiger ein sehr süffiges, lebendiges Solo spielte: Fast wie "David Garret" - ich wäre fast vom Stuhl gefallen vor Lachen). Glücklicherweise war es ein sehr sehr diszipliniertes Publikum, also nicht wie bei Kaufmann wohl nur wegen Starrummel dort.

Ich fürchte, ich werde eine geraume Weile lang keine Barockoper in Berlin mehr richtg genießen können, wenn ich an diesen Abend denke.
nikolaus (14.11.2012, 00:03):
13/11/12 Philharmonie Köln

Paavo Järvi, Christian Tetzlaff und das Orchestre de Paris:

Maurice Ravel: Le Tombeau de Couperin, Suite für Orchester

Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Violine und Orchester Nr. 3 G-Dur KV 216 (1775)

Henri Dutilleux: Sur le même accord (2001–02)
Nocturne für Violine und Orchester

Igor Strawinsky: Le Sacre du printemps (1911–13)

Zugabe: Georges Bizet: Finale aus der Arlésienne Suite Nr. 2


Ich bin noch ganz erschlagen von dem grossartigen Sacre :down
Erbarmungslos präzise die Rhythmik, das Schlagwerk liess die Philharmonie samt Dom erschüttern, die Steigerungen waren fast unmenschlich. Was für ein Werk, was für eine Darbietung!

Paavo Järvi begeistert mich mit jedem Orchester. Sein Dirigat ist so präzise und doch tänzerisch. Er hat die Fähigkeit, die Musiker mitzureissen, so dass sie jede Temposteigerung mitgehen. Einfach klasse!

Der erste Teil war übrigens auch gut und programmatisch wirklich stimmig, hätte ich nicht gedacht.
Aber die gewaltigen Eindrücke des Sacre überwiegen...

Nikolaus.
Heike (14.11.2012, 08:37):
Lieber Nikolaus,
das unterschreibe ich sofort - das Sacre ist eines der Werke, was mich live und gut gespielt immer mit Puls >120 nach Hause gehen lässt. Das ist für mich der Prototyp des must-live-Orchesterwerkes überhaupt. Und dass P (!) Järvi das kann, glaube ich sofort, der war hier vorletzte Woche beim DSO und das war auch ein klasse Konzert (mit einem anderen Programm). Seinem Bruder Kristjan Järvi gehe ich allerdings eher aus dem Weg.
Heike
Amadé (16.11.2012, 10:19):
Gestern Abend bot sich mir die Gelegenheit, eine Schallplattenaufnahme an der Wirklichkeit zu messen, ich konnte vergleichen, ob die Studioaufnahme (samt den möglichen Tricksereien) auch dem Eindruck beim Auftritt auf dem Podium standhält. Daniel Behle gastierte mit "Der schönen Müllerin" in der Stadthalle Marburg, der Saal war zu ca.70 % gefüllt. Am Flügel saß als Begleiter, mehr noch als Mitgestalter, Sveinung Bjelland, immer wieder gab es Blickkontakte zwischen den Ausführenden, besonders an Stellen, die um eine Nuance verzögert oder hervorgehoben wurden. Das Publikum erlebte einen differenzierten schattierungsreichen Gesang, der sich immer an der Textvorlage orientierte. Die Emotionalität des Singens wurde vom Artifiziellen nie gefährdet. Behle verfügt nicht über eine große Stimme mit Metall in der Höhe, die sich in großen Sälen bis in die hinterste Ecke Gehör verschaffen kann. Er würde sicher auch den Max und Florestan durchstehen, ob das aber auf Dauer seiner Stimme gut tut, wage ich zu bezweifeln. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Dichte des Vortrags von Lied zu Lied steigerte, besonders ab der 2. Hälfte. Beeindruckend "Trockene Blumen" wie "Der Müller und der Bach". Das Publikum blieb wie gebannt auf den Stühlen und wagte kein Husten ... .
Fazit: Das live-Erlebnis bestätigte den zuvor von der CD gewonnenen äußerst positiven Eindruck.
Glücklich war ich auch über den Verzicht eines Umblätterers, den ich immer wieder als störend, da vom der Musik ablenkend,erfahren habe. Bjelland hatte die Lieder, die mehrere Seiten in Anspruch nehmen, kopiert und hintereinander geklebt.
Ich würde diese Duo gern wieder hören wollen.

Grüße Amadé
Heike (17.11.2012, 10:45):
Fr 16. November 2012, 20 Uhr, Philharmonie Berlin
DSO, Tugan Sokhiev
Jean-Yves Thibaudet Klavier

Mili Balakirew ›Islamey‹ – Orientalische Phantasie (für Orchester bearb. Ljapunow)
Camille Saint-Saëns Klavierkonzert Nr. 5 F-Dur ›Ägyptisches‹
Nikolai Rimski-Korsakow ›Scheherazade‹

Ein weiterer gelungener DSO-Abend mit Sokhiev, den ich gestern gehört habe.
Dabei gab es zuerst eine für mich völlig überflüssige Orchestrierung von Islamey - warum wird sowas gemacht???? Die meisten Leute haben bestimmt das monumentale Klavierwerk im Ohr und sind einfach nur enttäuscht. Es war sicherlich gar nicht so einfach zu spielen, aber meinerseits hätte man sich die Mühe sparen können. Na gut, geschenkt.

Saint-Saëns' 5. Klavierkonzert war danach mehr als eine Entschädigung. Warum sind eigentlich diese Konzerte so selten zu hören? By the way, kann mir jemand, der die Noten hat, sagen, wie der Komponist das im zweiten Satz gemacht hat, diese extrem obertonreichen Klang-Verschränkungen bei der Klavier-Passage zu produzieren, die fast wie eine Marimba klingt (das Stück nach den spanischen Rhythmen?)? Faszinierend. Thibaudet am Klavier hat das Werk sehr souverän und beeindruckend dargeboten. Mit ganz leichten Fingern und wunderbar elastischem, fast spielerisch-rhythmischem Flair. Sehr elegant und typisch französisch. Als Zugabe spielte er leider nicht Islamey (vielleicht war wegen der Radio-liveübertragung nicht genug Zeit), sondern Debussys Clair de Lune.

Im zweiten Teil dann die oft gehörte Scheherazade, die Sokhiev als sehr dramatisches, spannungsreiches und differenziertes Märchenspiel inszenierte. Man hört, dass er am Klang gearbeitet hat, da waren richtig schöne Akzente drin. Auch der Konzertmeister gefiel mir im Solopart sehr gut, zerbrechlich, aber auch angespannt und angstvoll. Bei einigen Solobläsern hätte ich mir manchmal noch ein wenig mehr Seele gewünscht, aber insgesamt war das eine der besten Darbietungen des DSO aus den letzten Jahren. Vielleicht haben sie sich ja besonders ins Zeug gelegt, denn der Regierende Bürgermeister Wowereit saß im Publikum, und neben ihm saß (wenn ich das richtig gesehen habe) der DRadio Intendant Steul (Hauptgesellschafter der roc-Orchester&Chöre und der böse Mann, der vor kurzem da RSB und DSO fusionieren wollte). Nun weiß man ja nicht, ob das Gutes oder Schlechtes verspricht, dass die beiden da sitzen und zuhören, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass man sich da von der besten Seite zeigen will. Aus meiner Sicht ist das jedenfalls gelungen.

Dasselbe Konzert gibt es heute nochmal, für Kurzentschlossene.
Heike
AcomA (17.11.2012, 12:37):
Liebe Heike,

Saint-Saens' 5.Klavierkonzert habe ich mit Thibaudet unter Dutoit auf CD, wirklich brilliant und mitreissend. Ich denke, die Saint-Saens Konzerte sind technisch-pianistisch sehr anspruchsvoll und dem Publikum nicht geläufig. Franzoesische Pianisten haben es wohl eher auf dem Radar, weil sie sich vielleicht waehrend ihres Studiums damit auseinandersetzen muessen (Entrement, Duchable, Collard, Thibaudet, El Bacha, etc.).

LG, Siamak
Jeremias (17.11.2012, 14:02):
Ich werde das Konzert Montag in Köln erleben!

Gestern in der Kölner Philharmonie:

Measha Brueggergosman Sopran

WDR Sinfonieorchester Köln
Jukka-Pekka Saraste Dirigent

Jean Sibelius
Aallottaret (Die Okeaniden) op. 73 (1914)
Tondichtung für Orchester

Richard Strauss
Vier letzte Lieder TrV 296 (1948)
für Sopran und Orchester

Pause

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92 (1811–12)

Der Sibelius am Anfang zum warmwerden... nett, teilweise sehr bombastisch, aber jetzt nichts außergewöhnliches... Strauss hingegen war eine Meisterleistung... was für ein Klang des Orchesters bis in den letzten Winkel der Philharmonie... Brueggergosman begeisterte als dunkler Sopran, benötigte allerdings etwas Zeit um den kompletten Saal zu füllen. Optisch im Blau-grünen Glitzerfummel allerdings etwas übertrieben...

Beethovens 7. war die beste Live-darbietung, die ich bislang erlebt habe. Wie Saraste die Nebenstimmen herausholte war unglaublich. Das Finale war an Feuer und Intensität nicht mehr zu überbieten... Tosender Applaus und Bravo-Rufe.

DAs Konzert wird im TV ausgestrahlt werden :engel
nikolaus (17.11.2012, 18:44):
Original von Jeremias

Gestern in der Kölner Philharmonie:

Measha Brueggergosman Sopran

WDR Sinfonieorchester Köln
Jukka-Pekka Saraste Dirigent

Jean Sibelius
Aallottaret (Die Okeaniden) op. 73 (1914)
Tondichtung für Orchester

Richard Strauss
Vier letzte Lieder TrV 296 (1948)
für Sopran und Orchester

Pause

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92 (1811–12)

Der Sibelius am Anfang zum warmwerden... nett, teilweise sehr bombastisch, aber jetzt nichts außergewöhnliches... Strauss hingegen war eine Meisterleistung... was für ein Klang des Orchesters bis in den letzten Winkel der Philharmonie... Brueggergosman begeisterte als dunkler Sopran, benötigte allerdings etwas Zeit um den kompletten Saal zu füllen. Optisch im Blau-grünen Glitzerfummel allerdings etwas übertrieben...

Beethovens 7. war die beste Live-darbietung, die ich bislang erlebt habe. Wie Saraste die Nebenstimmen herausholte war unglaublich. Das Finale war an Feuer und Intensität nicht mehr zu überbieten... Tosender Applaus und Bravo-Rufe.

DAs Konzert wird im TV ausgestrahlt werden :engel

Danke, Jeremias, dass Du berichtet hast.

Ich war auch da, konnte aber das Konzert nicht geniessen, weil ich gesundheitlich etwas angeschlagen war mit Frieren und Kopfschmerzen (jeder Paukenschlag landete direkt in meinem Gehirn...), aber ich wollte mir Measha Brueggergosman nicht entgehen lassen.

Ich bin aber Deiner Meinung:
Sibelius zum warm werden, kann mit La Mer von Debussy, von dem Sibelius inspiriert wurde, einfach nicht mithalten.
Strauss und Brueggergosman waren toll, vor allem die letzten beiden Lieder. Mit ihrem dunklen, warmen Sopran interpretiert sie nicht so ätherisch wie hellere Soprane, aber dafür organischer, sinnlicher und dadurch auch sehr berührend. (Ihr outfit - barfüssig! - passt einfach zu ihrem Typ)
Nach der Pause wollte ich eigentlich schon nach Hause ins Bett - zumal ich Saraste mit dem WDR Sinfonieorchester schon einmal mit einer langweiligen 7. erlebt habe - , bin aber aus irgendeinem Grund doch geblieben und froh darüber, denn dieses Mal war es wirklich klasse!

Nikolaus.
Heike (18.11.2012, 10:02):
Lieber Nikolaus,
dir zunächst mal gute Besserung und euch beiden danke für den Bericht!
Sibelius wird bei uns im Konzert eher selten gespielt. Ich meine, in dieser Saison kaum mehr als eine Sinfonie auf dem Spielplan der 5 großen Orchester gefunden zu haben (BPhils, Nr. 5, P. Järvi). Natürlich wird das Violinkonzert immer wieder mal gespielt, aber die Sinfonien machen sich rar. Ich werde mit Sibelius sowieso nicht warm und so ändert sich das vermutlich auch nicht.
Heike
Jeremias (18.11.2012, 14:19):
@ Nikolaus: Wo hast Du gesessen? Wir waren in Block P... wie überall tolle Sicht, tolle Akkustik!

Gestern ein weiteres Highlight, diesmal in Essen:

Murray Perahia, Klavier, Musikalische Leitung
Academy of St Martin in the Fields

Ludwig van Beethoven
Ouvertüre “Coriolan” c-Moll, op. 62
Ludwig van Beethoven
Konzert Nr. 3 c-Moll für Klavier und Orchester, op. 37
Joseph Haydn
Sinfonie Nr. 103 Es-Dur, Hob. I:103 “Mit dem Paukenwirbel”

Die Academy gehört zurecht zu den führenden Kammerorchestern! Schon allein die Ouvertüre, ohne Dirigent gespielt, war vom allerfeinsten! Dann kam Perahia, der zwar über keine dirigatische Ausbildung verfügt, in derartigen Konzerten aber das Orchester zu leiten vermag. Er spielte wie gewohnt mit butterweichem Klang, packte aber auch ganz akademisch bisweilen richtig zu. Ein absolutes Highlight, um Klassen besser als vor einigen Wochen in Bonn mit Emanuel Ax gehört.

Haydn war dann ein wenig zum entspannen, er gehört nicht zu meinen Lieblingen. Es war schön von den Chorplätzen aus zu sehen wie Perahia immer wieder in der PArtitur blätterte und die Academy auch ohne ihn spielte.

Ein gelungener Abend, obgleich ich mir im zweiten Teil gerne etwas anderes gewünscht hätte.
nikolaus (20.11.2012, 19:34):
Original von Jeremias
@ Nikolaus: Wo hast Du gesessen? Wir waren in Block P... wie überall tolle Sicht, tolle Akkustik!


Block D, hat sich irgendwie zu meinem Lieblingsblock entwickelt, weiss gar nicht warum...

Nikolaus.
nikolaus (20.11.2012, 20:03):
Bereits am Sonntag in der Kölner Philharmonie:

Mahler Chamber Orchestra, Leif Ove Andsnes

I.Strawinsky: Concerto in Ré für Streichorchester

L.v.Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur op. 15
I.Strawinsky: Oktett für Flöte, Klarinette, zwei Fagotte, zwei Trompeten, zwei Posaunen

L.v.Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-moll op. 37

Zugabe: L.v.Beethove, ich weiss partout nicht mehr aus welcher Sonate...

Das war ein toller Abend!
Strawinsky live zu hören, ist immer wieder faszinierend; diese Rhythmik und Komplexität befriedigt meine Ohren ungeheuer, vor allem wenn sie so perfekt dargeboten wird wie von den Musikern des Mahler Chamber Orchestra.
Die klasse Leistung setzte sich in den Beethovenkonzerten fort, selten habe ich so ein perfektes Zusammenspiel gehört. Sie spielen vielleicht nicht so knackig und hitzig wie die Kammerphilharmonie Bremen, haben aber das nötige Temperament und vor allem Klangschönheit.
Dem fügt sich Andsnes perfekt ein: er leitete das Orchester vom Flügel aus, der tief zwischen den Streichern stand (Andsnes mit dem Rücken zum Publikum). Manche mögen ihn langweilig finden, ich geniesse aber sein unaufgeregtes, leichtes Spiel. So war es kein hitziger, ruppiger Beethoven, sondern ein fliessender, melodiöser, nuancenreicher (mir fehlen mal wieder die Worte).
Ich war so begeistert, dass ich mir doch die CD gekauft habe; das könnte ein toller Zyklus werden!

Nebenbei: Orchesrter und Andsnes engagieren sich auf ihrer Tournee in Projekten für schwerhörige und gehörlose Schüler, so waren einige beim Konzert anwesend, lebhaft gestikulierend. Das hat mich richtig berührt, ich bin mir sicher, dass sie einen tollen Tag erlebt haben (wie sie wohl die Musik spüren?).

Nikolaus.
Yorick (20.11.2012, 20:10):
Ihr seiid zu beneiden - die mir nächsten Möglichkeiten sind Hof, Plauen und Gera-Altenburg und da lohnt die einstündige Anreise kaum! Weimar und Leipzig mit anderthalb Stunden bieten da schon Profunderes, aber ich bin auch kein wirklicher Freund des blassierten Konzertbetriebs!
Zefira (21.11.2012, 00:56):
Manchmal wird man von rein persönlichen Gründen bewegt, sich in ein Konzert zu begeben, das man ohne diese Gründe nicht gehört hätte.

So ging es mir am Montagabend mit Mahlers Sinfonie Nr.3 in der Alten Oper Frankfurt. Dirigiert von Sebastian Weigle, in der Partie für Solo-Alt Maria Radner, Kinderchor Frankfurt und Frauenchor der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Ich bin hingegangen, weil meine Tochter (Mimí) das erste Mal mit diesem Chor auf der Bühne stand.

Mahler war mir bisher eine unbekannte Größe, ich hatte eher Angst davor.

Wenn mir Mimí nicht einige vorbereitende Worte dazu gesagt hätte - und Gott sei Dank hatte ich auch genug Verstand, vorher den Wiki-Eintrag zu dieser Sinfonie zu lesen -, hätte ich das Ganze nicht verstanden.

So war ich wie an die Wand geblasen vor Begeisterung; besonders bewegt hat mich der Satz mit den Tierstimmen (ein Gebiet, auf dem ich sehr empfänglich bin).

Ich bin mit Mahler zu wenig vertraut, um die Einzelleistungen zu würdigen; kann nur sagen, dass sich mir eine neue Welt erschlossen hat.

Nachtgrüße von Zefira
Heike (21.11.2012, 08:03):
Liebe Zefira,
wow, da kannst du aber stolz auf dein Kind sein, an so einem tollen Abend mitgewirkt zu haben! Schön, dass es Dir gefallen hat, Mahler ist im Konzertsaal wirklich ein Erlebnis für sich. Er hat wunderbare Musik geschrieben. Ich glaube, dass wir Opernliebhaber schon deshalb recht leicht einen Zugang zu Mahlers Kosmos finden, weil er oft sehr liedhaft gedacht hat. Und natürlich auch viele Lieder komponiert hat (die Kindertotenlieder gehören zu der bewegendsten Musik, die ich kenne).
Ich hoffe, du wirst noch einige andere Sinfonien kennenlernen und mögen! Meine Favoriten sind die 1,4 und 9
Heike
palestrina (21.11.2012, 22:51):
Hallo Zefira!

War auch in dem Konzert und fand es ganz wunderbar ,obwohl ich mit der Sängerin nicht so
ganz einverstanden wahr.
Aber die Chöre waren super .
Mahler ist eben doch einer der ganz großen .

LG palestrina
Heike (25.11.2012, 10:39):
24.11.12 Konzerthaus Berlin, Kleiner Saal
Amir Katz Klavier

Ludwig van Beethoven
Sonaten op. 2 Nr. 1-3
Sonate f-Moll op. 57 ("Appassionata")

Ein insgesamt erfreulicher Abend - nicht nur wegen des schönen Programms, das ich als Beethoven- Sonaten- Verrückte natürlich nicht auslassen durfte.
Im ersten Teil spielte Katz die Sonaten Nr. 1 und 3 op. 2 (übrigens unangekündigt in anderer Reihenfolge als im Programmheft, wo sie in chronologischer Reihenfolge standen; was ich bei nicht unbedingt allseits bekannten Werken irritierend finde, das nicht in irgendeiner Art und Weise bekanntzugeben). Es war eine eher nachdenkliche nicht übermäßig emotionale Interpretation, das hat mir gut gefallen, auch wenn ich in den langsamen Sätzen etwas mehr Zärtlichkeit schöner finde. Manuell war das jedoch sehr beeindruckend virtuos, auch sehr durchsichtig. Nach der Pause die A Dur Sonate fand ich nicht so gelungen, hier wirkte er auch irgendwie ein wenig unkonzentiert und fahrig. Die Appassionata gefiel mir dann wieder besser, er gestaltete nachvollziehbar, ohne krachende Extreme, aber mit höllisch beeindruckendem Presto am Schluss. Insgesamt finde ich, dass er in den lyrischen Passagen bisher nicht so die ganz große Eindringlichkeit hat, aber wiederum schön spannungsvolle Geschichten erzählen kann und auch Dramatik durchdacht gestalten kann.
4 Zugaben - ich dachte, man kann eigentlich nach so einer Appassionata keine Zugabe spielen, aber dann kam ein phantastischer, langer Liszt- Walzer, der wirklich gut passte. Zudem ein FMB-Lied und 2x Chopin.

Heike
Heike (28.11.2012, 08:17):
27.11.12 Konzerthaus Berlin, Kleiner Saal
Denys Proshayev
Jean-Philippe Rameau - Drei Sätze aus Pièces de Clavecin + Suite a-Moll (1728)
François Couperin - Drei Sätze aus Pièces de Clavecin
Maurice Ravel - "Le tombeau de Couperin"

Nur ein paar kurze Worte dazu. Denys Proshayev spielte auf einem Bechstein Flügel, was mir einerseits gefiel - mal ein anderer Klang; schwerer, dunkel und warm. Für die barocken kleinen Stücke von Rameau und Couperin hat es wohl aber so seine Tücken, jedenfalls klangen die für mich dann etwas verschattet und es fehlte ein wenig die glitzernde Leichtigkeit, die unlängst Tharaud daherzauberte, als er fast dasselbe Programm spielte. Das lag aber auch daran, dass Proshayev viel weniger melodisch und auch weniger tänzerisch als Tharaud gestaltete, so dass mich das letztlich nicht wirklich überzeugt hat. Obwohl auch Proshayev schöne Verzierungen hinzauberte und mit leisen Tönen gut Atmosphäre schaffte. Es hatte aber manchmal einen etwas romantischen Einschlag, der mir speziell bei Rameau nicht so zusagt. In den rhythmisch vertrackten Passagen fand ich es nicht richtig fließend, es hatte mir etwas zu wenig wenig Eleganz und Rafinesse.
Ravel hat mir besser gefallen; hier war auch der Flügel interessanter, weil er natürlich auch weiter ausgespielt wird und es dann total spannend klang, eben anders als gewohnt, verwunschener. Das ist einfach ein unglaublich gutes Stück Musik, das mich immer wieder total fesselt.
Gesamtbilanz meinerseits aber auf jeden Fall ein klares 1:0 für Tharaud.
Heike
Heike (30.11.2012, 00:30):
Do 29. November 2012 Philharmonie Berlin
DSO, Gianandrea Noseda
Leif Ove Andsnes Klavier

Ludwig van Beethoven Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll
Richard Strauss ›Aus Italien‹

Ich bin wegen Leif Ove Andsnes hingegangen und habe das nicht bereut. Ein konzentriertes, atmosphärisches und feinsinniges Klavierspiel; undramatisch, jedoch mit zauberhafter Musikalität. Am Beginn des langsamen Satzes eine berührend sinnliche Einfachheit. Sein unaufgeregtes, elegantes Spiel hat nichts von Künstlichkeit, sondern wirkt unmittelbar und natürlich. Schönes Zusammenspiel auch mit dem lebendig und frisch dirigierenden Noseda. Sehr überrascht hat mich die wirklich toll gespielte Zugabe, das Allegretto aus LvB op. 54.
Zu R. Strauss kann ich nichts sagen, ich kann (mal wieder) mit dieser Musik nichts anfangen, auch wenn es objektiv wahrscheinlich daran nichts zu mäkeln gab.
Heike
nikolaus (30.11.2012, 09:18):
Original von Heike
Ein konzentriertes, atmosphärisches und feinsinniges Klavierspiel; undramatisch, jedoch mit zauberhafter Musikalität. Am Beginn des langsamen Satzes eine berührend sinnliche Einfachheit. Sein unaufgeregtes, elegantes Spiel hat nichts von Künstlichkeit, sondern wirkt unmittelbar und natürlich.

Ja, das trifft es genau!
Danke für diese präzisen Worte, die mir letztens gefehlt haben.

Nikolaus.
nikolaus (02.12.2012, 00:00):
Glück gehabt und heute noch eine der letzten Karten für das Pavel Haas Quartett im Kammermusiksaal des Bonner Beethovenhauses erwischt.

Gleich vorweg: das hat sich gelohnt!

Das noch junge Pavel Haas Quartett ist bekannt geworden im Rahmen des Rising-Stars-Programm der Europäischen Konzertsaal-Vereinigung und vor allem durch preisgekrönte Aufnahmen aller Quartette von Leos Janácek und Pavel Haas sowie besonders durch Prokofiev-Quartette und zuletzt Dvorak.
Das Quartett besteht aus der Primaria Veronika Jarušková, Marek Zwiebel 2. Violine (bereits 3. Besetzung als Nachfolger von Marie Fuxová und Eva Karová), Pavel Nikl Viola und Peter Jarušek Cello.

Die Aufnahmen der Prokofiev- und Dvorak-Quartette begeistern mich mit ihrer enormen, überbordenden, fast aggressiven Energie.
In Erwartung eines solchen Energiepegels bin ich das Konzert gegangen - und wurde überrascht durch ein anderes, beherrschteres und dadurch differenzierteres Quartettspiel - sehr spannend und beglückend (und unglaublich lässig...).
Ob es am Personalwechsel an der 2. Violine liegt, vermag ich nicht zu sagen; positiv aufgefallen ist mir dieser Marek Zwiebel auf jeden Fall.

Programm:

J.Brahms: Streichquartett a-moll op. 51 Nr. 2

L.Janácek: Streichquartett Nr. 1 (nach Tolstoi, "Kreutzer-Sonate")

L.v.Beethoven: Streichquartett B-Dur op. 130 mit dem Finale Grosse Fuge op. 133

Zugabe: P.Tchaikovsky: Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 11, Andante cantabile

Da ich mich in der Quartett-Literatur nicht gut auskenne, will ich über die Interpretationen nicht viel sagen.
Brahms empfand ich als überraschend leicht, fast schon tänzerisch.
Das Janácek-Quartett kannte ich sträflicherweise vorher nicht. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen mit diesen Brüchen und abrupten Wechseln zwischen melancholischen, überirdisch schönen Passagen und aggressiven, schroffen Einwürfen - unglaublich spannend!
Beethoven ist immer wieder ein Phänomen. Selbst nach dem "modernen" Janácek klingt gerade die Grosse Fuge so experimentell und frei - zeitlos einfach.

Nikolaus.
nikolaus (02.12.2012, 00:32):
Original von nikolaus

Die Aufnahmen der Prokofiev- und Dvorak-Quartette begeistern mich mit ihrer enormen, überbordenden, fast aggressiven Energie.
In Erwartung eines solchen Energiepegels bin ich das Konzert gegangen - und wurde überrascht durch ein anderes, beherrschteres und dadurch differenzierteres Quartettspiel - sehr spannend und beglückend (und unglaublich lässig...).
Ob es am Personalwechsel an der 2. Violine liegt, vermag ich nicht zu sagen; positiv aufgefallen ist mir dieser Marek Zwiebel auf jeden Fall.



Ich muss mich direkt korrigieren, es war einfach Unsinn, den ich von mir gegeben habe.
Die Unterschiede lassen sich zum Großteil durch das Repertoire erklären.
Ich höre gerade ihre Aufnahme der Haas-Quartette; mein Eindruck eines beherrschten (i.S. von souveränen), nuancenreichen Spiels deckt sich.

Also war einfach meine Erwartung falsch.

Nikolaus.
Heike (02.12.2012, 12:41):
Das Janácek-Quartett kannte ich sträflicherweise vorher nicht. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen mit diesen Brüchen und abrupten Wechseln zwischen melancholischen, überirdisch schönen Passagen und aggressiven, schroffen Einwürfen - unglaublich spannend!
Lieber Nikolaus,
beide Janácek-Quartette finde ich große Klasse, sie gehören zu meinen Kammermusik-Favoriten. Es gibt einen Thread dazu, der damals aber nicht auf so großes Interesse traf.
Heike
Heike (02.12.2012, 23:01):
SO 02.12.2012 Konzerthaus Berlin, Großer Saal
RSB, James Gaffigan, Dirigent
Elisabeth Kulman Mezzosopran
Klaus Florian Vogt Tenor

Franz Schubert Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485
Gustav Mahler"Das Lied von der Erde"

Zu Schubert kann ich nur noch wenig sagen, das ist vor dem Mahler-Eindruck quasi völlig überlagert: Was für ein Erlebnis! Dieses unglaubliche "Lied von der Erde", das sowieso innerhalb der Mahler-Werke bei mir immer außer Konkurrenz läuft, weil es mich so tief anrührt und beeeindruckt - das ist live von so einer wahnsinnigen Intensität. Dieses Mammutwerk dermaßen gut gesungen und gespielt zu hören, war umwerfend. Was hat Elisabeth Kulman für eine göttlich schöne und tragende Stimme, und wie schlicht und natürlich gestaltete sie! Traumhaft, einfach ideal für dieses Werk. Lyrisch und tragisch eingefärbt sang Klaus Florian Vogt den Tenorpart - auch bei voll aufgedrehtem Orchester (Gaffigan hat da manchmal ganz schön zugelangt) hat mir das gut gefallen. Und das RSB, das Orchester mit dem meiner Meinung nach z.Zt. besten Klang in Berlin, fantastisch subtil im Ausdruck und verstörend packend.

Das Konzert wurde aufgezeichnet, Sendetermin rbb Kulturradio 16.12. ab 20 Uhr. Wahrscheinlich kann man die Spannung im Saal nicht einfangen, aber wer das LvdE mag, sollte sich das aufnehmen.
Heike
Jeremias (03.12.2012, 16:16):
Gestern Abend in der ausverkauften, dennoch nicht ganz vollbesetzten Kölner Philharmonie:

Hilary Hahn Violine
Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Paavo Järvi Dirigent

Wolfgang Amadeus Mozart
Ballettmusik zur Oper "Idomeneo" KV 367 (1781)
für Orchester

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 A-Dur KV 219 (1775)

Pause

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73 (1877)

Was ein Erlebnis! Die Kammerphilharmonie hörte ich erstmals... welch ein erlesenes Ensemble! Daniel Sepec als Konzertmeister, tanja Tetzlaff als erste Cellistin (Ihr riss im 1. Satz des Brahms eine Saite, sie ging raus, wechselte diese und setzte sofort wieder neu ein)...

aber der Reihe nach: Mozarts Ballettmusik kannte ich gar nicht, wunderbar cantilen dargeboten, machte Appetit auf mehr... Hilary Hahn mit einer grandiosen Leistunge... sie ging schon im Vorspiel des ersten Satzes mit dem Orchester mit, spielte das gesamte Konzert mit sattem Ton, nicht zuviel vibrato, absolut klar und deutlich. Ich habe selten so eine Darbietung im Bereich Violine erlebt, selbst von ihr nicht! Anschließend dann noch den obligatorischen Bach als Zugabe... großer Jubel vor der Pause... was danach kam, das lässt sich mit Worten nicht beschreiben.. was ein Brahms! Ausgelotet und durchdacht bis zum letzten Ton, ein ganz großer Bogen, unglaubliches Pianissimo, schwelgende Sequenzen und am Ende ein großes Finale... Järvi wurde mit nicht anhaltenden Bravo-Rufen und stehenden Ovationen geehrt.... als Zugabe gab es den slawischen Tanz in e-moll oben drauf....

Was ein Abend...

:times10

http://sphotos-f.ak.fbcdn.net/hphotos-ak-ash4/432258_10151342064738638_825226482_n.jpg
nikolaus (03.12.2012, 22:35):
Original von Jeremias
Gestern Abend in der ausverkauften, dennoch nicht ganz vollbesetzten Kölner Philharmonie:

Hilary Hahn Violine
Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Paavo Järvi Dirigent

Wolfgang Amadeus Mozart
Ballettmusik zur Oper "Idomeneo" KV 367 (1781)
für Orchester

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 A-Dur KV 219 (1775)

Pause

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73 (1877)

Was ein Erlebnis! Die Kammerphilharmonie hörte ich erstmals... welch ein erlesenes Ensemble! Daniel Sepec als Konzertmeister, tanja Tetzlaff als erste Cellistin (Ihr riss im 1. Satz des Brahms eine Saite, sie ging raus, wechselte diese und setzte sofort wieder neu ein)...

aber der Reihe nach: Mozarts Ballettmusik kannte ich gar nicht, wunderbar cantilen dargeboten, machte Appetit auf mehr... Hilary Hahn mit einer grandiosen Leistunge... sie ging schon im Vorspiel des ersten Satzes mit dem Orchester mit, spielte das gesamte Konzert mit sattem Ton, nicht zuviel vibrato, absolut klar und deutlich. Ich habe selten so eine Darbietung im Bereich Violine erlebt, selbst von ihr nicht! Anschließend dann noch den obligatorischen Bach als Zugabe... großer Jubel vor der Pause... was danach kam, das lässt sich mit Worten nicht beschreiben.. was ein Brahms! Ausgelotet und durchdacht bis zum letzten Ton, ein ganz großer Bogen, unglaubliches Pianissimo, schwelgende Sequenzen und am Ende ein großes Finale... Järvi wurde mit nicht anhaltenden Bravo-Rufen und stehenden Ovationen geehrt.... als Zugabe gab es den slawischen Tanz in e-moll oben drauf....

Was ein Abend...

:times10



Wie schön, dass Du mir wieder zuvorgekommen bist!
Ich komme mir in letzter Zeit ein wenig kritiklos vor, weil meine letzten Konzerterlebnisse durchweg erstklassig bis - wie gestern - grandios waren.

Ich gebe zu, dass ich vorwiegend wegen der Brahms-Sinfonie hingegangen bin, weil ich sie Anfang des Jahres in Paris mit dem Orchestre de Paris ebenfalls unter Paavo Järvi schon als grossartig erlebt habe.
Gestern war es noch besser weil noch differenzierter und spannender!
Das Orchester ist wirklich einmalig, ich spüre jedes Mal eine unbändige Lust am Musizieren bei ihnen.

Schon die Ballettmusik aus Mozarts Idomeneo war in der Tat tänzerisch und mitreissend.

Tja, und Hilary Hahn - was soll ich sagen? Für mich war das ein makelloses Violinspiel. Manche mögen es als zu perfekt empfinden, aber für mich war es an diesem Abend, in dieser Konstellation und in Hahns zurückhaltenden, bescheidenen Auftreten an Schönheit und Ästhetik einfach überirdisch!

Nikolaus.

P.S. @Jeremias: um Deiner Frage zuvorzukommen: ich habe wieder im Block D gesessen...
nikolaus (03.12.2012, 22:42):
Original von Heike
Das Janácek-Quartett kannte ich sträflicherweise vorher nicht. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen mit diesen Brüchen und abrupten Wechseln zwischen melancholischen, überirdisch schönen Passagen und aggressiven, schroffen Einwürfen - unglaublich spannend!
Lieber Nikolaus,
beide Janácek-Quartette finde ich große Klasse, sie gehören zu meinen Kammermusik-Favoriten. Es gibt einen Thread dazu, der damals aber nicht auf so großes Interesse traf.
Heike

Wie ich sehe, ist er schon hervorgeholt worden.
Ich werde mir beide Quartette intensiver zu Gemüte führen, also bis demnächst im dortigen Faden...

Nikolaus.
Fairy Queen (12.12.2012, 13:57):
Gestern gab es in der Opéra de Lille ein Recital mit dem Titel "Parlez-moi d'amour" mit

Felicity Lott Sopran
Jason Carr Piano
Olivier Sferlazza Tanz/Schauspiel
Leonis Quartett
inszeniert von niemand Geringerem als Laurent Pelly

Das Ganze ist eine Co-produktion mit der Oper Toulouse und der Oper Monnaie Brüssel. Wer nciht weiss, wie alt Felicity Lott inzwischen ist, wird es nciht glauben. Sie ist nach wie vor in guter stimmlicher Verfassung(mit Abstrichen in der Höhe) und überzeugt vor allen Dingen durch eine grandiose Bühnenprâsenz und vorbildliche Diktion. Als "französischste aller britischen Diven" verkörpert sie eine umwerfende Mischung aus Eleganz, Diva, Humor, Understatement und Selbstironie und hat mich auch mit diesem sehr zusammengemixtem Programm wieder überzeugt.
Ich habe an Rideamus gedacht, denn hier war sie, die ultimative Mixtur aus Operette, Song, Musical, Kunstlied, die keinerlei Scheu vor dem Mega- Crossover hat. Oscar Straus, Richard Rodgers, Benabar, Offenbach, Sondheim, Kosma, Poulenc etc .
Lott hat mit Bedacht Stücke ohne grosse Höhen gewählt und sich fast überwiegend in sehr bequemer Mittellage getummelt; ihr Timbre klingt für mich angenehmer als bei einem Konzert vor zwei Jahren wo sie noch etliche (bereits zu) hohe Stûcke sang. Wie erfreulich, wenn Sänger ihre Grenzen selbst erkennen und sich darauf in dieser Weise einstellen udn ihre gesunde Stimme bis ins hohe Sängeralter behalten können!

Ihr Auftritt hat deutlich an Exentrik eingebüsst. Wo sie sich im letzten Programm noch dreimal umzog und in exquisiten und ausladenden Phantasie-Roben auf der Bühne erschien, bestritt sie diesmal das gesamte Konzert in einem eleganten kleinen Schwarzen mit hohem Beinschlitz udn borbonenlilienbestickter Uniformjacke, was sie in ihrem Alter noch ohne jede Abstriche verträgt.
Ihr Talent ohne jede Vulgaritât, immer elegant und mit "so britishem" Humor den inhalt ihrer songs zu verkröpern ist einzig. Nur zu schade, dass Laurent Pelly ncihts Besseres einfiel als einige klamaukige Ideen. Dazu hätte Lott ihn wahrlich nicht gebraucht und diese angebliche inszenierung hat mich sehr entäuscht. der Pianist Jason Carr hat auch eines der Stûcke "Looking for a bear" selbst komponiert und mit viel Humor und Einsatz Lotts Spiel mitgespielt- seien musikalsiche Leistung war so jazzy(und stellenweise improvisiert) wie sie bei diesem Programm sein musste. die Idee einen Pizzaservice auf die Bühne kommen zu lassen, während das Streichquartett Lott begleitete, fand ich genauso armselig wie so manches Andere das Pelly dem Tânzer abverlangt hat. Wenn seine kommenden Operninszenierungen genauso sein sollten, gehe ich besser nciht hin..... :I.

Aber auch Pelly kann Lotts Talent nciht schaden (traurig , dass ich das schreiben muss!) und so war es ein schôner Abend, und ich gebe einmal mehr meienr grossen Bewunderung fûr diese Sängerin udn Schauspielerin Ausdruck.
F.Q.
abendroth (13.12.2012, 18:38):
Liebe Fairy Queen,
falls Du in Lille (eine meiner Lieblingsstädte!) oder Umgebung wohnen solltest, dann müsstest Du eigentlich relativ einfach an Marzipanrohmasse, gemahlene Mandeln, etc. kommen. Du müsstest nur über die Grenze in das Pralinenparadies Belgien fahren (z.B. Courtrai/Kortrijk), da wird Marzipanrohmasse gerade jetzt kiloweise verkauft.
freundliche Grüsse
abendroth
(und nicht vergessen, den Louvre gibt's jetzt auch in der Nähe von Lille!)
Fairy Queen (13.12.2012, 21:11):
Lieber Abendroth, jetzt machst du mich aber ganz neugierig: wieso ist Lille eine deiner Lieblingsstädte???? Nicht, dass ich die Stadt nicht mag, sie hat ganz wunderbare Seiten und die Lebensqualitât ist hoch, aber wenn man neben der Loreley geboren ist und plôtzlich ohne Fluss, Hügel und Wald dasteht, ist auch die schönste Stadt -wenn ohne Landschaft- nur die Hälfte wert.
Was die Backzutaten angeht: nachdem ich meinen ersten Stollen mit rosa und grünem Marzipan backen musste, hat sich meine Mutter noch kurzfristig erbarmt und die gehackten Mandeln und das Marzipan fûr die zweite Stollenrunde ist unterwegs zu mir. :leb
Ich habe kein Auto und vor allen Dingen null Zeit und so nah ist Kortrijk nun auch wieder nicht. Aber lieb dass du an meine Vorweihnachtsbackverzweiflung gedacht hast. :engel
Den Louvre in Lens wollten wir letztes Wochenende zur Voreröffnung schon besuchen, aber angesichts der minusgrade udn einer Stunde Schlange stehen, haben wir dann ein warmes Kino mit dern neuen Anna Karenina Verflilmung von Joe Wright vorgezogen. Der Louvre läuft ja nicht weg
abendroth (13.12.2012, 23:04):
Liebe Fairy Queen,
Ich schreibe in der 1000x geärgert Rubrik weiter, denn hier wird's zu sehr off topic. Und da kam ja auch das Marzipanproblem zur Sprache.
abendroth
Hyacinth (15.12.2012, 12:31):
Ein Beitrag nach längerer Zeit am dem ersten Wochenende ohne Vorweihnachts- und sonstigem Stress:

Zwar nicht gestern, aber vorgestern besuchte ich den Liederabend von Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz im Konzerthaus.

Programm:

Franz Liszt:
"Es muss ein Wunderbares sein"
"Einst"
"Ein Fichtenbaum steht einsam"
"Ich liebe dich"

Robert Schumann:
"Frauenliebe und -leben"

-Pause-

Albin Fries (*1955):
"Im Traum nur lieb' ich dich" UA
"O sag es nicht!" UA
"Mein Garten" UA

Franz Schubert:
"An die Nachtigall"
"Wehmut"
"Der Zwerg"

Franz Liszt:
"Es war ein König in Thule"
"Vergiftet sind meine Lieder"
"Die drei Zigeuner"

Zugaben:
"Was Liebe sei" (Franz Liszt)
"Vor dem Schlafengehen" (aus "Kinderstube", Modest Mussorgsky"
"Mit der Puppe" (aus "Kinderstube", Modest Mussorgsky)
"Träume" (aus den "Wesendonck-Liedern", Richard Wagner)

Ich erwartete das Konzert sehr gespannt, weil ich Elisabeth Kulman mehrfach als Opernsängerin erlebt habe, aber noch nie als Liedsängerin und von allen CDs (ich weiß, ist natürlich nicht mit live zu vergleichen) sehr begeistert war. Außerdem zählt "Frauenliebe und -leben" zu meinen liebsten Zyklen überhaupt und weil ich ihn zuletzt mit Garanca im April gehört hatte, war ich natürlich gespannt, wie Kulman ihn anlegen würde, wo sie ihn doch eigentlich nicht mögen würde, wie Donnerstag im Kurier nachzulesen war, weil er so furchtbar altmodisch und scheinbar frauenfeindlich ist.

Der erste Liszt-Teil war schlicht, ganz ohne jeglichen Gesten und beeindruckte einfach durch die Schönheit und Ausdruckskraft von Kulmans Stimme. Vor allem die Geschichte des Fichtenbaums und der Palme, wo zum ersten Mal ein Funken Dramatik zu spüren war, wusste sie sehnsuchtsvoll zu gestalten, dass einem ganz warm ums Herz wurde.
Dann griff Elisabeth Kulman zum Mikrofon und begann, ihre ganz persönliche Sicht auf das Thema Liebe und eben den folgenden Schumann-Zyklus zu erläutern. Sie tat das nicht aufgesetzt locker oder lässig wie eine geübte Moderatorin (sie las teilweise von einem Zettel ab), was es umso intimer und sympathischer machte. Obwohl ich ihre Ansicht nicht ganz teile, ich finde die Lieder und auch den Text großteils einfach wunderschön, erklärte sie dann, dass "starke Frauen umso stärkere Emotionen haben und sich genauso sehnen nach dem Fallen lassen in die starken Arme eines Mannes... ebenso wie Mordgelüste!". Kulman grinste diabolisch, das Publikum lachte und lauschte gespannt, der wie angekündigt musikalisch etwas anderen Interpretation, da man den Text ja nicht ändern könne. Diese Sichtweise gefiel mir außerordentlich gut, vor allem "Er, der herrlichste von allen", was trotzig, fast wütend vorgetragen wurde, genau das Stadium der Verliebtheit, wo man sich alles auszureden versucht, aber genau weiß, dass es nichts bringt. Diese Erkenntnis bekam Kulmans "selbstbewusste, selbstständige Powerfrau" (wie sie sich vorher genannt hatte) in den letzten Takten "Wie so milde, wie so gut". So bewegend, tiefgründig und ehrlich hatte ich dieses Lied noch nie gehört. "Du Ring an meinem Finger" geriet meiner Meinung nach zu schnell, ich bevorzuge dieses Lied eher langsam, auch wenn bei Schumann keine Tempo-Bezeichnung darübersteht. "An meinem Herzen" ließ ein wenig die Emotionen und Intensität vermissen, was aber verständlich ist. Muttergefühle kann man eben schwer spielen.
Das letzte Lied, bei dem mir jedes Mal fast die Tränen kommen wegen des wunderbaren Nachspiels in Dur, das Kutrowatz ganz wunderbar unsentimental gestaltete, gelang Kulman wahnsinnig intensiv (vor allem durch ihre gute Aussprache, die einem das Mitlesen sowieso nicht notwendig machte) und Gänsehaut machte sich ob der wütenden, verletzten Trauer im ganzen Saal breit.

Nach der Pause folgten die Lieder von Albin Fries, ein Schüler Leonard Bernsteins, der im freien spätromantischen Stil komponiert und auch Texte aus dieser Zeit vertont (z.B. Hofmannsthal). Sein Stil gefiel mir ausgezeichnet, ich wurde positiv überrascht von den wunderschönen, mit strahlenden Höhen ausgestatteten Liedern. Sie zu beschreiben ist eher schwer, ich würde sagen eine Mischung aus Kienzl, Reger und vielleicht ein bisschen Richard Strauss oder Schreker.

Dann folgte der Schubert-Block, angefangen mit der "Nachtigall", die auf Liederabenden selten zu finden ist, weil sie so kurz und unprätentiöser als andere Schubert-Lieder, aber dafür genauso schön ist. Das Konzerthaus druckte den falschen Text ab, was dazu führte, dass die meisten Besucher das ganze Lied damit beschäftigt waren, verwirrt im Programm zu blättern. "Wehmut" wurde schon etwas dramatischer angelegt, da war nicht nur mehr reine Melancholie. Mit "Der Zwerg" konnte Elisabeth Kulman sich dann richtig ausleben, ihre ganze Schaurigkeit und Bösheit, die die Wiener Opernbesucher ja schon zur genüge kennen, hineinlegen und sowohl Sängerin als auch Publikum hatten sichtlich Spaß dabei, "nichts für schwache Nerven", wie sie vorher warnte!
Der Kreis schloss sich mit Liszt, einem wunderbar erzählten "König von Thule" und dem zweimal erklingenden Klaviervorspiel der "Drei Zigeuner". Zweimal deshalb, weil genau in die Pause zwischen Vorspiel und Gesangseinsatz ein Handy läutete. Das Publikum drehte sich verärgert zu dem Störenfried um, Kulman und Kutrowatz warteten gelassen. Beim dritten Klingeln konnte sich die Sängerin den amüsierten Kommentar "Da würd ich aber abheben.." nicht verkneifen. Der Handy-Besitzer verließ mit rotem Kopf den Saal, das Publikum lachte und Kutrowatz griff erneut in die Tasten. Dieses Lied wurde schon fast szenisch, da Kulman ebenso das Geigenspiel als auch das Rauchen der Zigeuner nachahmte, man fühlte sich direkt in die burgenländische Puszta versetzt!

Die Zugaben wurden mit einem Liszt-Lied von 34 Sekunden angefangen, was für Heiterkeit im Publikum sorgte, vor allem Kulmans sinnlich vorgetragener letzter Satz "Je kürzer der Kuss, desto größer die Sünde".
Die beiden "Kinderstuben"-Lieder waren natürlich CD-Werbung, die ein voller Erfolg war. Ich habe die CD ja bereits, kenne auch das Video dazu (was mich offen gestanden zuerst ein wenig befremdet hat), aber das hätte ich nie für möglich gehalten. Der Opernbesucher kennt wahrscheinlich diese Verwirrung, wenn man eine wirklich überzeugende Hosenrolle erlebt: Man denkt sich nicht aktiv "Das ist jetzt ein Mann", sondern das Gehirn wird ausgetrickst, bis man draufkommt, dass das ja keiner ist. Dass das bei einer Frau, die in einem Abendkleid ein Kind singt genauso möglich ist, hätte ich nie geahnt. Kulmans "kindische" Gesangsweise und die dazupassenden Gesten waren mitnichten lächerlich oder überzogen. Zeitweise glaubte ich wirklich, das wäre ein Kind, das da vorne steht. Vor allem am Ende des zweiten Liedes, das Mussorgsky auch wirklich putzig komponiert hat, schlief Kulman während des Singens auf der Bühne stehend ein, das war einfach nur süß, auch wenn man so etwas nicht in eine Rezension schreibt.
Mit "Träume" wurde dem Publikum dann Gute Nacht gewünscht, eine Zugabe, die eigentlich nicht geplant war ("Wir wärmen jetzt altes Repertoire auf, weil wir nichts mehr haben. Hoffentlich vergess ich den Text nicht!"), aber den perfekten Abschluss eines traumhaften Konzertes bildete.

Lg,
Hyacinth :hello
palestrina (09.01.2013, 23:01):
Hallo zusammen!

Gestern Abend Oper FFM.

Konzert FRANCO FAGIOLI Countertenor
Canzonen , Cantaten u. Arien
von Monteverdi , Frescobaldi, Vivaldi u. Händel

Ein Counter mit einer sehr schönen Stimme , weich wie Samt ,
perlend in den Coloraturen und einer wunderbaren Höhe , die nie
schrill klingt .
Ein ausgesprochen schoener Abend!!!!!!!!!!!

LG palestrina
nikolaus (23.01.2013, 22:40):
Gestern abend in der Kölner Philhamonie:

David Fray spielte ein reines Bach-Programm, nämlich das seiner neuen CD:

Toccata e-moll BWV 914

Partita e-moll BWV 830

Toccata c-moll BWV 911

Partita c-moll BWV 826

Zugabe: aus dem WTK 1 und Schumanns "Von fernen Ländern" aus den Kinderszenen

Das war schon gut, wenngleich anstrengend:
Er betont in den Partiten nicht so sehr das Tänzerische, sondern mit den langsamen Sätzen eine eigenartige Ernsthaftigkeit. Manches fliesst wie ein breiter, träger Strom dahin, und wenn man sich dem überlässt, gerät man in eine Art meditative Stimmung.
So erging es mir zumindest an diesem Abend, und diese Stimmung gefiel mir sehr gut.
Nun empfinde ich ihn sowieso als introvertierten Pianisten, so dass der Eindruck sehr stimmig war.
Dass er auch anders kann, zeigte er in einem sehr raschen Capriccio, dem letzten Satz der c-moll Partita, und so hatte er das Publikum auf jeden Fall auf seiner Seite.

Nikolaus.
Heike (28.01.2013, 08:06):
@nikolaus
Ich habe Fray inzwischen hier auch mit dem Bach-Programm gehört. Das hat mal wieder bewiesen, dass der einen eigenen Stil hat! So muss man Bach erst mal machen, halleluja! Als wenn er gerade aufersteht. Recht unbarock, überraschend, wie eben so hinimprovisierte Stimmungsbilder. Wieder sehr originell, ich hatte großen Spaß daran, auch wenn man sich durchaus einhören muss. Witzig, wie aufgeregt Fray war, er lief nach dem ersten Applaus erstmal zur falschen Tür raus :-)


Nun aber mein Konzert von gestern im Konzerthaus:
RSB, Marek Janowski
Anna Vinnitskaya

Witold Lutoslawski - Trauermusik für Streichorchester (dem Andenken Béla Bartóks gewidmet)
Béla Bartók - Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2
Witold LutosBawski - Konzert für Orchester

Das kommt auf die TOP-Jahresliste, nicht nur wegen der Programmauswahl ganz nach meinem Geschmack. Es war so klasse gespielt, viel besser als das RSB kann man das nicht machen. Soooo diffizilier Streicherklang und soooo präzise Abstimmungen, ich bin von einer Glücks-Ohnmacht in die nächste gefallen. Lutoslawski werden wir sicher jubilierend in Berlin 2013 noch öfter hören: Die Maßstäbe sind gesetzt.

Vinnitskaya hörte ich erstmalig, sie war klasse. Ganz flinke Finger, etwas harter Anschlag, packende Spannung - es hat mich gefesselt. Sie beschenkte den Saal noch mit einem Scrjabin Prelude.

Das Konzert wird morgen, Dienstag in D-Radio Kultur übertragen. Anhören!
Heike
nikolaus (28.01.2013, 20:39):
@ Heike

Ja, auch in Köln war er zu Beginn offenbar tierisch nervös. Er kam aschfahl und irgendwie sehr gehemmt auf die Bühne. Erst beim Schlussapplaus wirkte er entspannter mit etwas "rosigerer" Gesichtsfarbe.
Ich kann mir gut vorstellen, dass gerade ein reiner Bach-Abend für den Pianisten abseits des Technischen sehr anstrengend ist, wenn man ihn nicht herunternudelt.
Und das tut Fray auf keinen Fall. Er gestaltet wirklich individuell und versucht, sich Schicht für Schicht in die Tiefe zu arbeiten.

Seine neue CD habe ich nun häufig gehört, und jedesmal höre ich sie ein wenig anders - wirklich spannend.

Nikolaus.
Hyacinth (06.02.2013, 11:44):
Ja, mich gibts auch noch! Wegen Matura-Vorbereitungsstress und daraus resultierendem Zeitmangel und Schreibfaulheit war ich seit einer Ewigkeit nicht mehr in der Oper, aber immerhin am Wochenende in Salzburg.

Am Samstag kam ich in den Genuss eines Konzert mit den Wiener Philharmonikern unter Semyon Bychkov (der für Georges Prêtre eingesprungen war). Das Programm war eine ziemliche Promenadenmischung - alles auf seine Weise gut, aber zusammen zu viel des Guten. Die 1. Symphonie von Bizet, die ich zum ersten Mal hörte, ist - meiner Meinung nach - nicht das herausragendste Werk von Bizet. Einen großen Sonderapplaus verdiente sich allerdings Clemes Horak für sein Oboensolo im 2. Satz - wann der Mann atmet, ist mir ein Rätsel!
Dann folgten die Wesendonck-Lieder von Wagner, ein Grund, weshalb ich mich schon so auf die Tristan-Premiere freue - ich habe Tristan noch nie gesehen. Diese Lieder sind so vollkommen, da hat Wagner wirklich kurz einmal seine ganzen germanischen Helden beseite gelegt und sich völlig verliebt (in Mathilde Wesendonck) in das Komponieren dieser Lieder gestürzt, dass sie ein völlig eigener Kosmos geworden sind. Mit Elisabeth Kulman als Interpretin war der Wagner-Jahr-Auftakt für mich perfekt, die Philharmoniker legten sich mit ihren Klängen wie Seide um ihre funkelnde Stimme. Ich weiß nicht, ob ich jemals ein Orchester und einen Dirigenten gesehen habe, die so an den Lippen der Sängerin gehangen sind und jede noch so kleinste Regung mitgemacht haben. Das war wirklich eine Sternstunde meiner - noch jungen - Konzertbesucher-Karriere!
Die Jupiter-Symphonie nach der Pause war schön, aber es war klar, dass nach dieser Vorlage nichts mehr kommen konnte, was auch nur annähernd daran heranreicht. In meiner Umgebung waren auch einige Sitze leer.
Das einzig wirklich Enttäuschende war die Akkustik! Das Orchester klang stumpf und weit weg und die Gesangsstimme "hallte" sogar in manchen Lagen. Das beweist, dass eben nicht jedes Opernhaus ein guter Konzertsaal ist. Schade, aber 100% gibts eben nie.

Am Sonntag begab ich mich ins Mozarteum zur Matinée mit Sol Gabetta und der Camerata Salzburg unter Louis Langrée. Als Auftakt gabs schon wieder Bizet - diesmal die Bühnenmusik zu L'Arlésienne. Ich weiß nicht, was die bei der Mozartwoche mit Bizet haben... Die Camerata spielte fein, bis auf einige verrutschte Töne bei den Flöten (am Abend zuvor ließen übrigens die Hörner zu Wünschen übrig), Louis Langrée bewies, dass er auf dem Konzertpodium zuhause ist. Dann folgte ein Cello-Konzert von Leopold Hofmann, worin Sol Gabetta mit Virtuosität brillieren konnte. Musikalisch war das Werk mäßig interessant. Nach der Pause folgte das von mir heiß geliebte Cello-Konzert Nr. 1 von Camille Saint-Saens. Das Tempo war flott gewählt, musikalisch waren sich sowohl Orchester als auch Solistin wunderbar einig, es war eine Freude zuzusehen (wer Sol Gabetta schon einmal live gesehen hat, weiß, was ich meine. Dagegen war Kulmans Gewiege bei den Orchester-Zwischenspielen minimalistisch. :J ). Die Zugabe war mir nicht bekannt, es war ein Stück für Celli und Solo-Cello, sehr melancholisch, klang für mich irgendwie slawisch. Zum Kehraus gabs noch die Haffner-Symphonie - damit man auch ja nicht vergisst, warum es Mozart-Woche heißt.

lg,
Hyacinth :hello
Jeremias (26.02.2013, 14:45):
Am vergangenen Samstag im Theatre des Champs Elysées in Paris gesehen und gehört:


Maxim Vengerov, Violine
Itamar Golan, Klavier

Beethoven: Sonate Nr. 10
Schubert: Grand duo
Franck: Sonate pour violon et piano
Saint-Saëns: Havanaise, Introduction et rondo capriccioso

Vorweg muss ich sagen, dass ich kein allzu großer Fan von Vengerov bin, dagegen von Itamar Golan umso mehr. Auch wenn ich musikalisch nicht mit allem einverstanden war, auch wenn Vengerov hier und da doch den ein oder anderen unsauberen Ton hatte, es wurde ein richtig großes Ereignis! Beethoven und Schubert zählen nicht zu seinen Stärken. Zu satt war der Ton manchmal, zu virtuos kam er bisweilen daher. Hier konnte Golan am Klavier aber gut entgegen steuern. Das Duo habe ich letztes Jahr noch mit Faust / Melnikov gesehen, das hatte nochmal ein ganz anderes Kaliber. Nach der pause allerdings sein Part. Der Franck war sensationell gut gespielt von beiden, eine der schönsten Darbietungen die ich je gehört habe. Wie Golan den höllisch schweren Part meisterte, wie er hier und da wirklich zauberte, das war einzigartig. Vengerov konnte ebenfalls sein ganzes Können aufbieten. Der Saint Saens schließlich waren seine Bravourstücke, stehende ovationen! Als Zugaben holte er dann für die Franzosen zwei Schmachtfetzen heraus: "Après un rêve" von Faure und die Thais-Meditation von Massenet. Hier war er ganz der große Musiker....

Was mich freute. Trotz der hohen Eintrittspreise ein durchweg junges Publikum! Dementsprechend enthusiastisch wurde er auch gefeiert!
ab (01.03.2013, 11:05):
Gestern war bei uns eine Sternstunde im kleinen Rahmen und bei freiem Entritt zu erleben!

Die Studierenden unseres Landeskonservatoriums (also überwiegend zwischen 16 bis 25 Jahren) spielten erstmals ein Klassik-Projekt unter der Leitung von Santiago Medina, dem jungen Geiger und Ensembleleiter aus Bogotá, der mit den berühmtesten Ensembles Alter Musik und dort oft als Konzertmeister musiziert.

Programm:
- Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791): Symphonie Nr. 15, G-Dur, KV 124
- Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Fagott, B-Dur, KV 191
- Joseph Haydn (1732 – 1809): Symphonie in D-Dur, HV I/42

Noch nie habe ich so etwas durchgängig von Anfang bis Ende eines Konzerts erlebt: Ein unvergessliches Erlebnis einer Stunde durchgängig ergreifender Musizierlust. Der ganze Saal von Musikern bis Zuhörern war selig. Unglaublich, was die jungen Musikerinnen und Musiker da im Stehen spielend zuwege gebracht haben. Undenkbar hätte ich für dieses Orchester und ihre Möglichkeiten eine solche übereinstimmende Phrasierung und Artikulation, enorme Dynamikunterschiede, stimmigen Kontraste und grandiose Stimmdurcharbeitung und auch hohes Tempo gehalten. Nicht einmal ist der Streicherklang in puncot Klangfülle "verhungert"; das Grundübel sonst an Ausbildungsstätten. Noch nie habe ich im Konzert eine so gute und stimmig durchgearbeitete Haydn-Sinfonie im Konzert gehört.

Im langsamen Satz bei Haydn passierte dann auch noch der Zufall, dass der Stimmführerin der zweiten Geigen ihr Dämpfer vom Steg rutschte und zu Boden fiel. Der Klang des fallenden Dämpfers und die darauf folgende Klangverschiebung sowie veränderte Klangbalance zwischen den Instrumentengrupen ließ auf einmal alle ganz hellhörig (noch wacher) werden und in den folgenden Pianissimo-Stellen ereignete sich dann dieser magische Moment, auf den wir so oft ein Jahrzehnt warten müssen, in dem es scheint, als hielte die Zeit an. Alle waren nur mehr in einem einzigen Flow bis zum Ende, wovon die jungen Musiker - und auch ich als Zuhörer - wohl noch lange zehren werden.

Santiago Medina hat seit letzten Juli auch ein eigenes Ensemble für die Epoche der Klassik gegründet, das in Warschau ansässig ist. Sie nennen sich Musica Humana. Seht euch dort einmal die Videos an!

Ich lege euch ans Herz, euch diese Namen zu merken! :hello
Jeremias (03.03.2013, 11:38):
Gestern Abend im Konzerthaus Dortmund:

Orchestre Philharmonique de Radio France
Myung-Whun Chung Dirigent
Ivo Pogorelich Klavier

Frédéric Chopin Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-moll op. 21

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 1 D-Dur


Pogorelich habe ich so oft gesehen wie kaum einen zweiten Pianisten, vielleicht Sokolov und Zimerman. Erstmals erlebte ich ihn 1996 nach dem Tod seiner Frau in Düsseldorf. Der Abend war legendär, er spielte die Scherzi von Chopin und die Sinfonischen Etüden von Schumann. Es war mein allererster Klavierabend. Ich habe immer wieder mal begeistert mal mit Entsetzen seine Konzerte besucht. Er hat das Publikum gespalten, er hinterließ immer wieder den Gedanken bei mir, dies sei das letzte Mal gewesen und dennoch kann ich mich ihm nicht entziehen. Letztmals hörte ich ihn vor drei Jahren beim Ruhrfestival, als er mit Unterstützung eines polnischen Orchesters das Konzert von Tschaikowsky regelrecht "zerhackstückte".... er benötigte sage und schreibe über eine Stunde. Gestern war es dann mal wieder soweit und ich hatte mich vorher schon gefragt ob es nicht besser gewesen wäre lieber Nelson Freire heute in Köln mit demselben Konzert zu hören.... nein, die Entscheidung war richtig! Mit einem derartigen Orchester und solch einem Dirigenten kann Pogorelich das Stück nicht zerpflücken wie damals. Er brauchte es auch nicht! Natürlich spielte er es auf seine eigene Weise, aber es war ein unbeschreibliches Neu-Entdecken! Was er an Stimmführungen in der linken Hand hervorholte, was er an Klängen im Diskant zauberte, wie er die Oktaven in den Bässen auskostete, wie er perlende Läufe in aberwitzigen Tempi hinlegte, das entsprach etwas nie vorher erlebtem! Der erste Satz war das vielleicht spannendste, was ich den letzten Jahren überhaupt gehört habe! Der zweite Satz lebte von der Abwechslungn bekannt - neu, den dritten Satz spielte er derart mitreisserisch, dass es das Publikum am Ende nicht mehr auf den Stühlen hielt.... Bravo!

Bereits zu Beginn des Konzertes war klar, dass etwas außergewöhnliches Großes bevorstand! Wie Chung bereits einsetzte, wie die Streiche in hauchzartem Piano die ersten Töne darboten, es war einzigartig! Pogorelich und das Orchester verschmolzen regelrecht miteinander, wie ich es live bislang nur bei Krystian Zimerman erlebte...

Nach der Pause dann Mahlers erste, meine absolute Lieblingssinfonie. Ich hörte sie im September noch mit dem LSO unter Tilson Thomas in Bonn. Er hatte die Messlatte durchaus hochgelegt, aber die Interpretation gestern war um Klassen besser! Bereits der Beginn war derart sauber intoniert und kristallklar, dass man sich auf die kommenen 55 Minuten freute wie ein kleines Kind auf den Weihnachtsmann. Es stimmten die Einsätze, es stimmten die Tempi, die Rubati, das Stücke hatte derart Ecken und Kanten, welche dann einen wunderbaren Kontrast boten zu den schwelgerischen, einfach klingenden Teilen insbesondere der beiden letzten Sätze, dass man die Sinfonie vielleicht nie wieder live hören möchte, um sich des Eindrucks zu bewahren.

Stehende Ovationen, Bravo en masse und am Ende feierten alle... das Orchester seinen Dirigenten, er sein Orchester und das Publikum und das Publikum... tja, das Publikum war einfach hin und weg. Dies zeigte sich auch daran, dass es trotz Erkältungswelle - die auch mich erwischt hatte - fast keine Zwischengeräusche gab.

Ein legendärer Abend!

:times10 :times10 :times10
ab (08.03.2013, 09:20):
Gestern Abend auch bei uns (7. März 2013):

Orchestre Philharmonique de Radio France
Ivo Pogorelich Klavier
Myung-Whun Chung Dirigent

Frédéric Chopin Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-moll op. 21
Gustav Mahler Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Es war meine erste Begegnung in Konzert mit Pogorelich, von dem ich die letzten Jahre nur durchwachsenes gelesen hatte, aber der Bericht von Jeremias die höchsten Erwartungen erweckt hat. Sie wurden übertroffen: Eine derartige dynamische Spannweite an laut geführter Melodiestimme mit gleichzeitig genauso hörbarer, aber im Pianissimo zurückgehaltener Nebenstimme habe ich noch nie am Klavier gehört. Derartig ungewöhnliche Phrasierungen haben mir die Musik richtig näher gebracht! Sein unromantisierender Zugriff war zugleich äußerst faszinierend wie diese bezwingende Darstellung noch mehr mein Empfinden, wie bescheiden und schwerfällig instrumentiert und vor allem harmonisch hohl diese Komposition, vor allem im ersten Satz, doch ist, gestärkt hat. Ich wurde die Assoziation nicht los, eine Chopin-Interpretation aus der Sicht spanischer Flamenco-Tanzmusik zu hören. Sein einzigartiger Ton wie glühendes Eis hat mich sehr in den Bann gezogen. Das extrem wie zwanghaft-kontrolliert wirkende Spiel bei gleichzeitig unglaublich dreisten Freiheiten mutete ganz natürlich wie notwendig an. Sensationell, wie Chung und das Orchester sich seinem Solistentum anschmiegen konnte! Den schier unendlich langen, die Zeit wie anhaltenden, schauer erzeugenden Hornton schönster Färbigkeit werde ich wohl nicht so schnell wieder vergessen. :engel Bei uns spielte Pogorelich aber den dritten Satz alles andere als mitreißerisch: Es war eher wie ein trostloser Abgesang. Das lockte das Publikum am Ende auch nicht hinter den Ofen her, wie er es verdient hätte: Peinlich zurückhaltender Applaus, aber doch lange anhaltend, so dass dieser doch noch gar nicht betagte Mann, mehrfach beschwerlich wie ein über Achtzigjähriger über die Stufen zum Verbeugen herein humpeln musste.

Der Mahler war ein einziges wunderbares Klangfarbenbad. Wunderbar, einen Orchesterklang hören zu dürfen, der sich einmal angenehm vom international angeglichenen Hochglanzeinheitsbrei abhebt. Das Werk war unüberbietbar deutlich durchgearbeitet: Als würden meine Ohren eine Partitur lesen. Die Klangbalance war erhaben: Jede Orchestergruppe wurde völlig gleichrangig behandelt, aber innerhalb dieser dann doch erstaunliche dynamisch und klangliche „Verschiebungen“ erzeugt, die diese eigentlich sehr moderte Klangwirkung erzeugte. Freundinnen und Freunde der hohen Dramatik kommen bei Chung natürlich nicht auf ihre Kosten: Alles lässt er in ähnlicher energetischer Intensität von Pianissimo bis Fortissimo wie aus dem Moment in Ruhe entstehen. Auch die brachialen Pauken im letzten Satz fuhren undramatisch, dafür aber umso wirkungsvolle ansatzlos wie ein Naturenereignis erhaben in die Knochen. Bei Chung habe ich erstmals Stellen gehört, die ich bei anderen Konzerterlebnissen und auf CD noch nie entdeckt hatte. Wienerisch klingt ein solcher Mahler ganz und gar nicht, dafür waren im dritten Satz die jüdischen Wurzeln überrschen deutlich herausgearbeitet.
Es liegt an unserem unterkühlt-reservierten Publikum, dass stehende Ovationen, wie Bravo en masse ausbleiben und am Ende das Orchester nicht gefeiert wurde, wie es es wahrlich verdient hätte. :S

Zuletzt doch noch ein paar Anmerkungen, um auf aller höchstem Niveau zu mäkeln :D : Das Orchester ist auf äußerst hohem Niveau, leider aber nicht ganz durchgängig Sacre bei uns wieder zu hören sein werden :leb) oder das Prager Rundfunksinfonieorchester erleben durfte.] Großartig die beiden Pauker und die große Trommel, enttäuschend im Kontrast dafür die anderen beiden am Schlagzeug . Sagenhaft die Harfe und Trompeten, vor allem die Holzbläser. Chung hatte leider nicht antiphonal aufgestellt, aber daran lag es wohl nicht, dass die zweiten Geigen etwas zu wenig präsent zu hören waren, auch die Cellogruppe ist nicht das Gelbeste vom Ei. Der weiche Klang der ersten Violinen dafür ist etwas ganz, ganz besonderes. Glückliches Frankreich mit einem solchen Klangkörper!

:times10 :times10 :times10
Heike (08.03.2013, 17:29):
Lieber ab,
dass auch mich Pogorelich auch heute noch unglaublich in den Bann ziehen kann, habe ich ja schon im Thread zu ihm geschrieben. Ganz dick unterstreiche ich deine Beschreibung
unromantisierender Zugriff
Genau das hatte mich auch so gefesselt - er raubte den Stücken ganz allgemein jede Spur von Romantik - und das, was übrig blieb, war höllisch faszinierend - er schwankte bei seinen Auftritten zwischen Raserei, Ödnis und purem Leid und man wusste nie, was kommt.
Heike
Heike (11.03.2013, 16:34):
Nur ganz kurz drei Bemerkungen zu Kit Armstrong gestern im Konzerthaus (soliistisch, 7 Bach-Choralvorspiel-Bearbeitungen, Haydn Es Dur Sonate Nr. 52, Mozart f moll Fantasie, Schubert D958)

Mir hat das wenig Freude bereitet. Am besten fand ich noch die Bach-Bearbeitungen, mit leicht romantischem Touch und schöner Betonung auf den Melodielinien. Die Haydnsonate war direkt etüdenhaft gespielt, zu laut, ohne jede Eleganz und ganz und gar witzlos. Ebenso Mozart, too much, das klang fast wie Beethoven. Schubert war durchwachsen, der langsame Satz fiel total auseinander, leise konnte er gar keinen Klang erzeugen und das Finale war überdramatisiert. Schubert braucht sowas nicht. Am besten die Zugaben, eine Haydn- Fantasie und Liszt. Saal nur knapp ein Drittel gefüllt.
Da wäre Pogorelich, selbst wenn mir das immergleiche Programm von ihm schon zum Halse raushängt, vermutlich interessanter gewesen.
Jeremias (12.03.2013, 11:39):
ein Freund von mir war auch da Heike, er hatte denselben Eindruck. Sagte es klang alles irgendwie gleich.....
nikolaus (27.03.2013, 23:56):
Nicht gestern, sondern letzte Woche in Paris:

Salle Pleyel: Orchestre de Paris unter Paavo Järvi:
- Dutilleux: Sinfonie Nr. 1
- Bartok: Violinkonzert Nr. 2 mit Gil Shaham
Zugabe: Bach
- Beethoven: Sinfonie Nr. 1

Die Sinfonie von Dutilleux hat mir vor Ort gut gefallen, ist mir aber ehrlicherweise nicht in Erinnerung geblieben.
Bartoks Violinkonzert dagegen schon. Shaham hat das toll gespielt. Für mich klingen Bartoks Rhythmen oft wirklich kompliziert, und sowohl Solist als auch Orchester haben das glänzend gemeistert, sicherlich trug dazu ein enges Zusammenspiel aller drei mit sichtbarer "Kommunikation" bei. Stellenweise fand ich Shaham allerdings etwas zu "harmlos" und mich hat seine betonte gute Laune manchmal richtig abgelenkt.
Beethoven war sehr gut, fiel aber dramaturgisch direkt nach Bartok etwas ab. Immer wieder toll, wie Järvi seine Orchester in Schwung bringt!


Théâtre des Champs-Elysées: Vadim Repin & Nikolai Luganski:
- Debussy: Sonate für Violine und Klavier
- Prokofiev: Sonate für Violine und Klavier Nr. 1
- Bartok: Rhapsodie für Violine und Klavier Nr. 1
- Brahms: Sonate für Violine und Klavier Nr. 3
Zugabe: Grieg: aus der Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 (?)

Ein interessantes Programm mit Höhen und Tiefen.
Mir schien, dass die beiden mit Debussy etwas "Probleme" hatten, wenn man das bei solchen Musikern überhaupt so nennen kann. Ich bekam keinen rechten Zugang vermittelt, es fehlte für mich der Fluss und eine gewisse Farbigkeit.
Ganz anders dagegen Prokofiev: zupackend und rasant, von harsch bis einfühlsam, wesentlich herber interpretiert, als ich es von Kremer/Argerich und Mullova/Anderszewski kenne; sehr überzeugend.
Bartok ebenso (wieder diese fantastische Rhythmik, s.o.!).
Brahms auch gut, aber wieder etwas "starrer", irgendwie unkomfortabler für die beiden, so mein Eindruck.
Grieg dann wieder sehr imposant.
Aber was sind das für Musiker! Eigentlich in ihrem Auftreten nicht sehr auffällig, aber sobald sie anfangen zu spielen, besitzen sie eine richtige Aura!


Théâtre des Abesses: Amandine Beyer, Barockvioline
Bach:
- Partita Nr. 1 BWV 1002
- Sonate Nr.2 BWV 1003
- Partita Nr. 3 BWV 1006

Es war der zweite Teil einer kompletten Aufführung der Werke für Violine solo (der erste Teil fand bereits im Februar an gleicher Stelle statt) und insgesamt ein wirklich schöner Spätnachmittag (Beginn um 17h):
Zu Beginn ein paar persönliche Worte von Amandine Beyer zur Begrüßung und Ankündigung einer Änderung der Programmreihenfolge.
Sie spielt eine "moderne" Barockvioline von 1996 mit einem Bogen von 2000. Den Klang finde ich bemerkenswert individuell: trocken, fast rauh, trotzdem sehr warm.
Ihre Interpretation gefiel mir ausnehmend gut: eher introvertiert und bedächtig, atmend, irgendwie ganz natürlich und ganz und gar nicht exzentrisch.
Kurios: am Ende gab sie zu, die Sarabande der 1. Partita vergessen zu haben und entschuldigte sich mit den Worten (ungefähr): "Es tut mir Leid für die, die es gemerkt haben und auch für die, die es nicht gemerkt haben." :wink Ein kleiner Hieb auf die Bravo-Rufer...
Ich gebe zu, ich habe es nicht bemerkt, war nur etwas irritiert wegen der Kürze der 1. Partita.
Egal, sie hat sie einfach nachgeholt.

Nikolaus.
ab (28.03.2013, 11:33):
Original von nikolaus
Théâtre des Abesses: Amandine Beyer, Barockvioline
Bach:
- Partita Nr. 1 BWV 1002
- Sonate Nr.2 BWV 1003
- Partita Nr. 3 BWV 1006



Hat sie hier die schnellen Sätze auch so gerast wie auf ihrer Aufnahme bei Zig Zag?
:thanks
nikolaus (28.03.2013, 22:55):
Original von ab
Original von nikolaus
Théâtre des Abesses: Amandine Beyer, Barockvioline
Bach:
- Partita Nr. 1 BWV 1002
- Sonate Nr.2 BWV 1003
- Partita Nr. 3 BWV 1006



Hat sie hier die schnellen Sätze auch so gerast wie auf ihrer Aufnahme bei Zig Zag?
:thanks

Tja, ich weiss nicht recht.
Ich habe die Zeit nicht gemessen. Für meine Begriffe war sie durchaus flott unterwegs, aber gerast? Nein, so würde ich das nicht beschreiben.
Auch bei ihrer Aufnahme empfinde ich das nicht so.
Interessant, Du verunsicherst mich mit deiner Frage.
Ich muss die Aufnahme noch einmal hören und versuchen, mich in das Konzert zurückzuversetzen...

Nikolaus
Jeremias (07.04.2013, 09:59):
Vorgestern in der Philharmonie Essen:

Fazil Say, Klavier
Essener Philharmoniker
Stefan Soltesz, Dirigent

Alban Berg
Drei Orchesterstücke, op. 6
Felix Mendelssohn Bartholdy
Sinfonie Nr. 4 A-Dur, op. 90 “Italienische”
Ludwig van Beethoven
Konzert Nr. 3 c-Moll für Klavier und Orchester, op. 37

Also, der erste Teil war ganz ordentlich, wobei ich mit Berg nichts anfangen kann, noch nie konnte und es auch nie werde. Seine Werke haben nichts was mich reizt, irgendwelche Experimente, die kein Mensch gebraucht hat... vielleicht eine etwas radikale Meinung, aber für mich hat Musik auch etwas mit Genuss und Interesse zu tun. Beides finde ich bei ihm nicht. Der Mendelssohn war ein echter Wohlklang, obgleich insbesondere im ersten Satz die Streicher ein wenig unsauber waren. Gekommen war ich aber ohnehin wegen es zweiten Teils! Fazil Say hat eine ganz unkonventionelle Art an das Stück heranzugehen. Ich hatte das Gefühl er befinde sich in Trance, in einem Rauschzustand... interessant war, dass er zum einen vom Klavier aus mit dirigierte, sogar wenn eine hand zu tun hatte und dass er in jeder kleinsten Pause die Hände auf den Rahmen legte und den Kopf senkte. Seine Kadenz, eine eigene Improvisation, war ein absolutes Highlight! Bravo Rufe, Standing Ovations nach einer völlig neuen Darbietung, wie es das - leider doch recht ungebildete - Publikum bislang nicht erlebt hatte. Als Zugabe seine eigene Version des türkischen Marsch mit Orchester im Hintergrund sowie seine neue Ballade "SES" für Klavier.

Ich habe mir danach ein Autogramm geholt und Grüße einer Freundin von ihm übermittelt. Dabei habe ich ihm auch gedankt, dass er mein Video neulich auf seine Fan-Seite gestellt hat, was mir im Endeffekt für kommendes Jahr eine Einladung nach Istanbul gebracht hat. Ich werde hier auch seine Werke spielen, wofür er wiederum gedankt hat.
Heike (07.04.2013, 13:18):
Lieber Jeremias,
das - leider doch recht ungebildete - Publikum
Woran machst du das fest?
Was Fazil Say angeht, seine letzten Auftritte hier in Berlin fand ich so grottig, dass ich ihn seitdem meide. Was du "Trance" nennst brachte mich hier bereits zu der Vermutung, ob er vielleicht irgendwie "gedopt" gewesen sein könnte. Andererseits wirkte er auf mich so, als wenn er überhaupt null Lust hätte zu spielen, als wenn ihn das alles anödet und er dem Publikum als ihm lästige Masse allenfalls eine vor den Kopf knallen will. Ich fand das unsympathisch und respektlos und es hat mich auch musikalisch null überzeugt.

Was die Berg- Orchesterstücke angeht, ich mag die sehr! Wenn sie nicht wirken, dann liegt das meinerseits dann am Dirigenten, da muss man höllisch was können. Mich fegt das normalerweise quasi vom Sitz.
Heike
Jeremias (07.04.2013, 13:50):
Mich hat Berg noch nie erreicht. Hätte es an dem Abend gar nicht gebraucht...

Woran ich das mit dem Publikum fest mache? Geh mal in der Pause durch das Foyer und höre den Gesprächen zu, genauso danach... es graut mich manchmal wirklich! Und dann wollten die bei der ersten Zugabe mitklatschen... ein 'No Go'!

:S :S :S

Fazil raucht übrigens angeblich wirklich ein wenig zuviel Gras habe ich mir sagen lassen....
Maurice inaktiv (07.04.2013, 14:58):
Bist Du sicher,dass Du im richtigen Konzert warst?Bei DEM Publikum kommt es mir so vor,als ob Du beim "Musikantenstadl" warst und nicht im Klassik-Konzert. :D

Und bei Berg meintest Du wohl Andrea Berg und nicht ALBAN Berg?Klingt ja sehr ähnlich.....

:rofl

:leb

PS : Ich kann Dich,was den ALBAN Berg angeht,durchaus verstehen.Hier trennen sich auch meine Wege.Mit Fartein Valen ergeht es mir ebenso...

VG,Maurice
nikolaus (14.04.2013, 22:55):
Nachdem ich hier soviel Positives über die Konzerte von Alexandre Tharaud gelesen habe, werde ich ihn mir auch anhören:

am 12.4. im Kammermusiksaal des Beethovenhauses in Bonn spielt er unter dem Motto (?)

Die prächtige Einsamkeit

Edvard Grieg
Lyrische Stücke (Auswahl)

Robert Schumann
Kinderszenen op. 15 (1838)

Gustav Mahler
Adagietto (aus der Sinfonie Nr. 5 cis-Moll, 1901) Transkription für Klavier von Alexandre Tharaud

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier f-Moll op. 57
„Appassionata“ (1804-1805)

Das Programm erschliesst sich mir zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt, aber vielleicht überzeugt er mich ja.

Nikolaus.


Freitag abend war es also soweit:

Es war für mich ein guter, aber kein gänzlich überzeugender Abend.

Grundsätzlich gefällt mir Tharaud wirklich sehr gut: er verfügt über ein sehr variables Spiel, dass er gekonnt einsetzt, um spannend zu gestalten.
Aufgefallen ist mir bei ihm besonders die Eigenart, das Tempo z.T. zu "verschleppen", v.a. bei Übergängen. Das hat mich bei Schumann ziemlich irritiert, bei Beethoven hatte es allerdings eine sehr erfrischende Wirkung. Dadurch habe ich bisher noch nicht gehörte Details wahrgenommen.
Seine Bearbeitung des Adagiettos aus Mahlers 5. Sinfonie war wirklich sehr gelungen.
Neben wirklich tollen Momenten waren aber einige wenige dabei, in denen er quasi am Notentext klebte (er spielte mit Noten und (sehr aufmerksamer und unauffälliger) Umblätterin); da wirkte sein Spiel dann fast hölzern, steif.
Der positive Gesamteindruck wurde dadurch etwas geschmälert.

Als Zugabe spielte er einen sehr schönen Chopin-Walzer und eine für meinen Geschmack zu "knallige" Scarlatti-Sonate (K 141).

Nikolaus.
Jeremias (15.04.2013, 02:19):
Ich habe mit meinem Cousin siamak vor einigen Jahren eines seiner Konzerte besucht, auch da überzeugte er mich nicht ganz. Die appassionata hätte ich aber gerne gehört, ich werde sie kommende Woche erstmals im Konzert spielen und ich habe ordentlich Respekt vor diesem Werk... Ich merke aber für mich selber auch, dass ich nicht nach Noten spielen darf. Man ist einfach nicht so frei und es ist eher hinderlich.
Hyacinth (19.04.2013, 16:40):
Es war mal wieder so weit, Elisabeth Kulman stellte mit ihren Kollegen Georg Breinschmid (Bass), Benjamin Schmid (Violine), Antoni Donchev (Klavier), Guido Mancusi (Musikalische Leitung) und den Niederösterreichischen Tonkünstlern ein neues Projekt mit dem assoziationserweckenden Namen Hungaro Tune vor.

Auf dem Programmzettel erwartete einen ein ziemliches Potpourri - von Volkslied bis Liszt, Ravel oder Breinschmid war alles dabei, sogar Operette. Und doch (oder gerade deswegen) wurde der Abend zu einem Ereignis, das an Tiefe und Humor nicht missen ließ. Der Goldene Saal wurde - wie ich gehofft hatte - nur auf der Bühne beleuchtet, manchmal blau, manchmal pink-orange. Auch die launigen, sehr authentischen Zwischenmoderationen der Konzept-Entwickler schufen eine Athmosphäre, die man hier so gar nicht gewohnt ist - und die auf einen Teil des Publikums leider erst nach und nach überschwappte.

Das Programm dauerte nicht wie im Programm angegeben 90 Minuten, sondern volle zwei Stunden, was aber keine Minute zu viel war!
Begonnen wurde schwungvoll mit "Schnörtzenbrekker" (G.Breinschmid) - die Bearbeitung für Orchester nahm dem Stück keineswegs an Esprit, die Tonkünstler leisteten hervorragende Arbeit, indem sie zu einem hervorragenden Jazz-Orchester mutierten. Danach kam man erstmals in den Genuss der ungarischen Sprache (zuerst Volkslieder, von Ferry Janoska arrangiert, dann Kodály). Text war keiner vonnöten, die jeweiligen Erklärungen davor (zum Beispiel die von Mancusi hervorragend vorgelesenes Kodály-Texte) und Elisabeth Kulmans Ausdrucksstärke ließen keine Fragen offen - Kulman bewies übrigens, dass sie das ungarische Volkstanzen nicht verlernt hatte!

Danach folgte ein instrumentaler Block mit Ravels "Tzigane" für Violine und Orchester - ein Stück, das bei mir keinen besonderen Eindruck hinterließ. Anders dagegen die 12-Ton-Nóta - ein typischer Breinschmid: In ungarische Folklore-Elemente schleicht sich nach und nach immer mehr "Schräges". Die Übergang zu Bartóks Variationen, den Variationen über die Variationen von Antoni Donchev und schließlich zum 12-Ton-Csárdás waren fließend, wie aus einem Guss - hier bewiesen die Komponisten und Arrangeure (Tscho Theissing z.B.) viel Gefühl.

Ein wahrer Höhepunkt wurde "Gloomy Sunday", ein ursprünglich ungarisches Lied aus den 30ern, das in den USA zum Jazz-Klassiker wurde. Erneut wurde ein schöner Bogen vom Original auf Ungarisch zu einer Variation von Theissing und schließlich dem Jazz-Evergreen gespannt, bei dem Kulman erneut ihre Wandlungsfähigkeit bewies. Wer nicht dort war, wird es kaum glauben, aber es gibt tatsächlich noch eine unentdeckte Seite der Sängerin Elisabeth Kulman - die Jazz-Sängerin, die ihre Stimme am Mikrofon zurücknimmt, aber durch schlichte, elegische Eleganz der Tonführung genauso strahlen lässt wie in der großen Oper. Dieses Stück ging wirklich unter die Haut.

Zum ersten Mal hörte ich die Orchesterversion der "Drei Zigeuner" von Franz Liszt (Liszt Ferencz um genau zu sein) - mir gefällt ja der Klavier-Liszt besser, aber an der Stimmung dieses Kabinettstückerls tat die ungewohnte Orchestrierung keinen Abbruch, schon viel eher Schmids selbstvergessener Triller, der das Gefüge aus Sängerin, Solovioline und Orchester kurzzeitig ins Wanken brachte. Zum Glück schaffte Kulman es professionnel, die verlorene Stimmung wiederzuerlangen und das Stück ging ohne weitere Pannen zu Ende. Spätestens bei "Höre ich Zigeunergeigen" (aus "Gräfin Mariza") war es schwer sitzen zu bleiben, der ganze Saal vibrierte bei den schwungvollen Orchesterzwischenspielen und Kulmans fabelhaften Spitzentönen.
Da das Licht nach der 2. Zugabe wieder aufgedreht wurde und die drei Jazz-Musiker es eilig hatten zur After-Show-Party zum Spielen zu kommen, gab es nur zwei Zugaben: Die erste wahrscheinlich wieder ein Operettenstück (?), das ich nicht kannte - ebenso dynamisch und temperamentvoll wie das Stück davor, das zweite ein ruhiges, ganz schlichtes und nicht verkitschtes Volkslied, das anfangs von Kulman und Mancusi und von den Streichern simpel begleitet wurde.

Da überall Aufnahmemikrofone zu sehen waren, hoffe ich auf einen Mitschnitt und rate jedem dringendst, sich das Programm anzuhören, wenn es in eurer Nähe gespielt wird!

lg,
Hyacinth :hello
Hyacinth (20.04.2013, 16:05):
Nachtrag:

Bei der ersten Zugabe handelte es sich um die Arie "Jaj, mamám, Bruderherz, ich kauf mir die Welt" aus Kálmáns "Csárdásfürstin"!

lg,
Hyacinth :hello
Jeremias (28.04.2013, 12:10):
Gestern im Konzerthaus Dortmund:

Yuja Wang, Klavier

Alexander Skrjabin Sonate für Klavier Nr. 2 gis-moll op. 19 »Sonate-Fantaisie«
Alexander Skrjabin Sonate für Klavier Nr. 6 op. 62
Maurice Ravel »La Valse« Fassung für Klavier solo
Lowell Liebermann »Gargoyles« op. 29
Sergej Rachmaninow Sonate für Klavier Nr. 2 b-moll op. 36

Zugaben:
Prokofieff: Toccata d-moll
Chopin: Walzer cis-moll op.64 Nr.2

Wie immer eine ganz tolle Vorstellung! Eine Vollblutvirtuosin, die ohne Mühe ein derartiges Programm absolviert. Solch einen singenden, klingenden aber auch packenden Skriabin habe ich lange lange nicht gehört, der Ravel war top of the top! Die Gargoyles habe ich hier selber zu Hause liegen und möchte sie lernen. Zu Rachmaninoff brauche ich glaube ich nichts sagen. Der Prokofieff war packender als Argerich oder Richter, nur für den Chopin hat ihr dann die Ruhe gefehlt...
ab (01.05.2013, 12:04):
Jüngst im Konzert ein absolutes Highlight (Do 25.04.2013):
Sebastian Bru, Violoncello & Stefan Stroissnig, Klavier
Robert Schumann - Drei Fantasiestücke op. 73 (Fassung für Violoncello und Klavier)
Ludwig van Beethoven - Sonate A-Dur op. 69 für Violoncello und Klavier
Johannes Brahms - Sonate e-Moll op. 38 für Violoncello und Klavier
http://www.jeunesse.at/uploads/tx_onjeunesse/2013-04-25-BruStroissnig_gr.jpg Foto: Jeunesse Österreich

Die beiden exzellenten jungen Wiener Musiker spielten die Werke in musikalisch wie interpretatorisch überragender Qualität. Beide musizierten gleich lebendig, wach und temperamentvoll mit einer federnd atmenden Musizierhaltung. Vollends einheitlich zeigten sie sich bei fein gestalteter Instrumentenbalance, instrumentaler Farbzusammensetzung, breiter Dynamik und abwechslungsreicher Artikulation. Trat eine Stimme subtil ein wenig zurück, tat sich gleich eine andere hervor und führte den Spannungsbogen weiter. Steigerungen erreichte immer genau richtig ihren Höhepunkt, nie blieb die Spannung auf der Strecke. Noch nie hatte ich das Gefühl, dass das Cello nicht als Melodiestimme, sondern wirklich als gleichwertiger musikalischer Teil vollendete eingebunden werden konnte!
:down :down :down
Wenn ich da an die Konzerte zuletzt der "Stars" von Capucon über Queyras bis Gabetta denke, kann ich nur sage: völlig überschätzt!

Zwei Tage davor (23. Apr. 2013) überigens war ein grottenschlechtes Konzert von Lise de la Salle mit Schumanns „Kinderszenen“ und "Fantasie in C" sowie Chopins 24 Préludes op. 28. Das Konzert vor zwei Jahren war um Welten besser! Vollends unausgegoren: unterschiedlose Stimmung, unplausibel jähe Impulse, kaum je durchgehaltene Spannung, unhomogene Steigerungen sowie Ungleichmäßigkeiten; vom hässlichen Ton ganz abgesehen. Besonders misslang ihr das Aufheben des Pedals, wodurch jeglicher Spannungsbogen störend abriss. Das war unter Hochschulniveau.
:S
Jeremias (05.05.2013, 15:13):
Gestern in der Jahrhunderthalle Bochum das Eröffnungskonzert des Klavierfestivals:


Igor Levit
Krzysztof Urbánski
WDR Sinfonieorchester Köln

Peter Iljitsch Tschaikowsky |Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23
Modest Mussorgsky |"Bilder einer Ausstellung"

Zunächst folgten die obligatorischen Grußworte, unter anderem Dr. Norbert Lammert, der ja bekanntlich aus Bochum stammt. Levit begann das Konzert ganz anders als man es kennt, süsslich, schwelgend aber in feinem Piano. DIe Akkorde wurden nicht ausgeschlachtet, man hörte ihn bisweilen fast überhaupt nicht ganz so als wolle er dem Orchester den Eröffnungspart überlassen. Ähnlich ging es dann weiter, wobei man Levit seine Nervosität anmerkte. Hier und da falsche Töne, in der Kadenz gegen ende des ersten Satzes kam er dann fast völlig raus, rettete sich aber einigermaßen unbemerkt und elegant. Gewiss ist er ein großer Musiker, aber letztendlich fehlte es dennoch ein wenig an der Entschlossenheit, die dieses Werk braucht. erst ganz am Ende zog er das Tempo an und traute sich etwas zu riskieren. So geriet dann der 2.Teil zum deutlich besseren, auch das Publikum honorierte dies dementsprechend mehr.

Noch ein Wort zur Location: Nie wieder! Viel Hitze oben unter dem Dach der alten Fabrikhalle, eine miserable Akkustig, irreführende Platzangaben, kein Personal.... wie gut dass es das einzige Konzert dieses Jahr in Bochum war, das ich besuche!
nikolaus (05.05.2013, 21:39):
Einen ähnlichen Eindruck hatte ich am Freitag im Radio bei einer live-Übertragung aus der Kölner Philharmonie mit gleichem Programm.

Allerdings hat mir dort der erste Satz besser gefallen als die beiden anderen.
Für mich ging sein Ansatz dort irgendwie besser auf.

Einschränkend muss ich aber bemerken, dass die Akkustik in der Übertragung wirklich grottig war; ich musste die Lautstärke enorm hochstellen, um überhaupt etwas zu hören.
Die Zugabe (Debussy, aus den Images) musste ich im Auto hören, bzw. konnte sie dort gar nicht richtig hören...

Nikolaus.
Jeremias (05.05.2013, 23:34):
Heute ging es in Mülheim weiter:

Yundi Li

Frédéric Chopin: Nocturne Nr. 1 in b-Moll op. 9, Nocturne Nr. 2 in Es-Dur op. 9
Ludwig van Beethoven: Sonate Nr. 23 op. 57 f-Moll "Appassionata"

Sonate Nr. 8 c-Moll op. 13 »Pathétique«
Sonate Nr. 14 cis-Moll op. 27/2 "Mondscheinsonate"

Für mich war es vor allem wegen der Appassionata ein interessanter Abend, da ich sie ja erst selber aufgeführt habe. Mit Chopin am Anfang tat er sich keinen Gefallen..... Rhythmische Probleme, unsaubere Läufe, Töne verloren, unausgeglichen. Dann kam die Appassionata und es war eine Darbietung wie ich sie nicht erwartet habe... im negativen Sinne! Falsche Noten, Dynamik nicht verständlich und mit dem Notenbild nicht vereinbar, rhythmische Probleme, Rubati die so nicht sein durften, Tempi die so nicht vorgegeben sind... ich war mehr als enttäuscht.... offenbar hatte ihn jemand in der pause wach gerüttelt, der zweite Teil war wesentlich besser. Die Pathetique spielte er auf Sicherheit, in der Mondscheinsonate war er endlich da und wach. Der 3. Satz war herausragend, tolle Tempo und durchgehalten! Eine chinesische Zugabe, gut gemacht, aber die Standing Ovations waren absolut nicht nachvollziehbar...
Maurice inaktiv (05.05.2013, 23:55):
es war eine Darbietung wie ich sie nicht erwartet habe... im negativen Sinne

Eine chinesische Zugabe, gut gemacht, aber die Standing Ovations waren absolut nicht nachvollziehbar..

Ich weiß,ich habe das jetzt mal aus dem Zusammenhang herausgerissen,aber ob ER so ehrlich mit sich selbst ist,und seine Schwächen auch so sehen wird?

Wenn ich dann solche Publikumsreaktionen lese,bzw. auch selbst mitbekomme,meine ich so manchmal,dass das Publikum "beschissen" werden will...

Beim Jazz ist das leider ähnlich so.Da wird geklatscht,obwohl man es selbst als grausam und unzumutbar hält,was so manch Einer auf der Bühne gerade abgeliefert hat....

VG,Maurice
nikolaus (07.05.2013, 00:20):
Gerade zurück von einem schönen Abend:

Renaud Capuçon, Violine
Gautier Capuçon, Cello
Michel Dalberto, Klavier

mit einem Brahms-Fauré-Abend:

Brahms: Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 A-Dur op. 100: sehr bedächtig, sehr einfühlsam, sehr melancholisch: sehr schön!

Fauré: Trio für Violine, Violincello und Klavier d-moll op. 120: die langsamen Sätze gefallen mir bei Fauré immer gut, aber einen guten Zugang zu seiner Musik habe ich noch nicht gefunden. Gleichwohl sehr schön musiziert!

Fauré: Sonate für Violincello und Klavier Nr. 2 g-moll op. 117: s.o.

Brahms: Trio für Klavier, Violine und Violincello C-Dur op. 87: Klasse!

Nennenswert die location: das Arithmeum in Bonn, ein Museum für Rechenmaschinen von damals bis heute; ein gläserner Kasten mit freiem Blick auf die blühenden Kastanien im Hofgarten und mit einer ganz kristallklaren, extrem verstärkenden Akkustik.
Diese kam den Streichinstrumenten sehr entgegen: die Guarneri del Gesù (früher von Isaac Stern gespielt) und das wundervolle, dunkelrotbraune Goffriler-Cello konnten ihre ganze klangliche Pracht und ihr ganzes Volumen entfalten und harmonieren aufs beste zusammen - selten so gehört!
Der Bechstein-Flügel klang dagegen fast brutal, ich fürchte, er war nicht so ganz astrein gestimmt...


Und nein: ich halte die Capuçon-Brüder für ganz und gar nicht überschätzt. Sie vermitteln mir Ehrlichkeit und Respekt gegenüber der Musik, gepaart mit Wohlklang und Freude am Musizieren. Wenn ich ihnen zuhöre, zählt in diesem Moment nur die Musik; das hat regelmässig etwas überirdisches.
Wer ausgefeilte, extravagante oder neue Interpretationen sucht, ist bei ihnen vielleicht nicht gut aufgehoben, wer Schönheit und Einfühlungsvermögen sucht, kann sie bei ihnen finden.

Nikolaus.
Heike (07.05.2013, 16:48):
Original von Jeremias
Igor Levit
Krzysztof Urbánski
WDR Sinfonieorchester Köln


Na da scheint ja so einiges aneinander vorbeimusiziert worden zu sein in diesem Konzert- jedenfalls ist die Rezension in der Zeit auch alles andere als begeistert gewesen: "Jeder spielt für sich allein" (klick)
Aber interessant, wie unterschiedlich man den Saal wahrnehmen kann!
Maurice inaktiv (07.05.2013, 17:04):
Die Kritik ist vor allem für den Dirigenten ein Desaster.Der pianist kommt dagegen sehr gut weg.Dieser Auftritt dürfte für den Mann am Pult wohl keine Wiederholung zur Folge haben....

Ich frage mich,wo da das gewisse "Feeling" war bei dem Dirigenten.Das muss doch in der Probe schon total auseinander gewesen sein.Für Profis eigentlich eine ernüchternde Feststellung,sich so wenig aufeinander einstellen zu können....

Manchmal passt es aber auch einfach nicht zusammen....Beispiele dazu gibt es nun auch genug,denke ich mal.

VG,Maurice
Jeremias (07.05.2013, 17:22):
Hier die Kritiken von Yundi Li, ich stimme vor allem der ersten zu!


Ringen mit der Musik

(WAZ-Mülheim Dienstag 7. Mai 2013, Martin Schrahn)

Klavier-Festival Ruhr: Der chinesische Pianist Yundi präsentierte Werke von Chopin und Beethoven.

Wo Yundi, Pianist aus der chinesischen Flinkfingerschule, sich die Ehre des Auftritts gibt, sind die Fans aus fernöstlichen Landen nicht weit. Sie pilgern in Gruppen-stärke zu seinen Konzerten, stehen Schlange für ein Autogramm, kaufen die CDs des Künstlers auf. Wie jetzt in der Stadthalle: Yundi als Popstar, als erster und einziger Chinese, der den Warschauer Chopin-Preis gewinnen konnte, als Deuter dreier so berühmter wie beliebter Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Eines Komponisten, dessen Name und Musik bei vielen Asiaten eine Mischung aus Begeisterung, Bewunderung, ja großer Ehrfurcht auslöst. Mehr Anreiz geht kaum.

Volles Haus also bei diesem Konzert des Klavier-Festivals Ruhr. Mit einem Pianisten, dessen Respekt vor dem Feuerkopf Beethoven, vor der so wütenden wie empfindsamen Musik, übermächtig sein muss. Warum sonst sollte der Chinese seinem virtuosen Können nicht recht trauen, sich in mancher Figuration unsicher verheddern, Sangliches allzu brav aufklingen lassen. Es scheint, als schlage des Pianisten Ehrfurcht bisweilen in Furcht um. Er spielt nicht frei, will dann mit Gewalt den Knoten zum Platzen bringen. Ja, Yundi hat es schwer mit Beethoven.

Nehmen wir nur die „Appassionata“: Da werden drohende Bassakkorde teils mit übertriebener Vehemenz ins Instrument gestanzt, werden Legato-Linien plötzlich porös, und virtuoses Losstürmen hat nahezu sportiven Charakter. Kein Wunder, dass Yundi gelegentlich aus der Kurve fliegt. Wie im schnellen Satz der „Mondschein- sonate“: Es erklingt ein Bravourstück, wirkmächtig zwar, aber kaum im Dienste von Beethovens heiligem Furor. Hier erlaubt sich der Solist zudem die große Geste, eine Art körperliches Triumphieren.

Yundi kann anders. Wenn er zur souveränen Kontrolle der Materie findet. Wenn er im „Grave“ der „Pathétique“-Sonate plötzlich durch weit atmende Generalpausen wunderbar Spannung erzeugt, oder ihm im berühmten Mondscheinsonatenthema ruhevolles Gleiten gelingt. So wie er in zwei Chopin-Nocturnes Melancholie zumindest durchschimmern lässt. Doch die Akkuratesse des Pianisten, auch hier Ausdruck von Unfreiheit, zerrt diese Nachtstücke allzu sehr aus ihrer Traumverlorenheit ans Licht.

Yundi, so scheint’s, steht sich selbst im Wege. Er ringt mit der Musik, verkrampft sich im Virtuosen. Ihn ehrt, dass er es vermeidet, mit Manierismen und Marotten manches zu überspielen. Und doch ist sein Können von Tragik umrankt.



Yundi donnerte in Mülheim auf die Tasten

(Ruhr Nachrichten 7. Mai 2013, Klaus Stübler)

Von seinem Gewinn des Warschauer Chopin-Wettbewerbs im Jahr 2000 zehrt er noch immer. Aber jetzt hat der chinesische Starpianist Yundi zusätzlich Beethoven für sich entdeckt: Drei "Greatest Hits" aus dessen Klaviersonaten finden sich auf seiner aktuellen CD, die er derzeit live vorstellt. Am Sonntagabend gastierte der Landsmann und Rivale von Lang Lang damit beim Klavier-Festival Ruhr.

Die Stadthalle Mülheim war gut besucht, nicht zuletzt wegen zahlreicher, meist jugendlicher asiatischer Fans. Zwei Chopin-Nocturnes als Auftakt, dann gab es nur noch die Stücke der neuen CD.

Yundis Beethoven-Spiel setzte dabei wesentlich auf wohl kalkulierte dramatische Wirkung und das Zurschaustellen von Virtuosität. Da agierte vielfach ein Klavierdonnerer vom Schlage eines Franz Liszt.

Vor allem in der "Appassionata" op.57 ließ der 30-Jährige, gestützt auf seine phänomenale Technik, die Klänge schier explodieren. Auf großen Effekt setzend, grenzten Fortissimo-Schläge nicht selten an Brutalität, während umgekehrt manche leise Stelle wie der Beginn dieser Sonate oder auch der zweite Satz der "Pathétique" op.13 ziemlich substanz- und spannungslos daherkamen.

Ging im Kopfsatz der "Pathétique" sportliches Tempo zu Lasten der Genauigkeit, so ließ Yundi im Schluss-Rondo aufhorchen, indem er das Thema durch Rubati belebte und reizvoll immer wieder anders beleuchtete.

Feines Legato-Spiel zeichnete den Beginn seiner Version der "Mondscheinsonate" aus. Am Ende allerdings gingen die Pferde wieder mit ihm durch; dominierte seine furiose, Staunen machende Fingerfertigkeit.
ab (24.05.2013, 12:03):
Bei uns vorgestern zu Gast gewesen als eines von bloß acht Konzerten ihrer Torunee durch Europa (22.05.2013)
PACIFICA QUARTET
simin ganatra violine
sibbi bernhardsson violine
masumi per rostad viola
brandon vamos violoncello

luigi boccherini - streichquartett es-dur op. 58 nr. 2 g. 243
dmitri schostakowitsch - streichquartett nr. 2 a-dur op. 68
maurice ravel - streichquartett f-dur

Ausgezeichnet! Sehr empfehlenswert! Musikantisch mit atmender Phrasierung bis in subtile Atempausen hinein und einem rhythmischen Puls, der die Linien nie auf demonstrative Spitzentöne hinarbeitete. Schostakowitsch spielten sie so eigenständig, dass die die Fragen "russisch oder nicht-russisch?" nie auftauchte. Ravel war sehr schön rhythmisierend genommen, wodurch mir erstmals ein passender Zusammehang zwischen den vier Sätzen aufgegangen ist, denn ich bislang so noch nie gehört hatte. Besonders haben mir die ent-romatierenden Phrasierungen gefallen, welche mir in den letzten beiden Sätzen eine deutliche Nähe zur Debussys Oper Pelléas et Mélisande, ein Jahr vor Komposition uraufgeführt, erschlossen haben.
:times10
Jeremias (03.06.2013, 23:55):
Heute Abend in essen: krystian Zimerman

Mit handfestem Skandal!!! Mehr morgen...
Jeremias (04.06.2013, 11:33):
Glaube das sagt alles...

Der Täter sass direkt in unserer Gegend....


http://www.spiegel.de/kultur/musik/krystian-zimerman-unterbricht-konzert-wegen-handyfilmer-im-publikum-a-903603.html
Florestan (04.06.2013, 12:20):
Hallo Jeremias

Wen wundert es, daß das Publikum bei diesem Festival meistens da klatscht wo der Kenner eher entsetzt ist. Das habe ich selber oft genug erlebt, denn ich war in unserer Krefelder Zeit häufig in den Konzerten. Aber dabei geht es mittlerweile in erster Linie um das "Event" und klingende Namen, da spielen dann die Darbeitungen nicht so sehr die Rolle.
Aber das Repertoire dieses Konzertes ist ja nun wirklich der Gipfel der Einfallslosigkeit Das tue ich mir nicht mehr an. Aber so geht es das ganze Festival durch. Gepflegte Langeweile. Aber Herr Ohnesorg macht seinem Namen alle Ehre, weil es ihn überhaupt nicht anficht, Hauptsache die Sponsoren geben reichlich Geld. Und die von denen beschenkten Freikartenbesitzer finden sich dann in den vorderen Reihen und beklatschen alles was kommt (s.o.)

Gruß Florestan
Jeremias (04.06.2013, 12:36):
Das Programm von Zimerman war etwas für Kenner, es war hoch delikat, wunderbar dargeboten. Übrigens spielte er dasselbe auch tags zuvor in Köln...
Florestan (04.06.2013, 13:09):
Mein Kommentar bezog sich auf das Konzert mit Yundi Li.

Das Konzert mit Zimerman hätte ich mir auch auch angehört, allein schon wegen der fis-moll Sonate von Brahms, die leider sträflich vernachlässigt wird.
Und dann natürlich wegen des Interpreten, der über jeden Zweifel erhaben ist. Gelegentlich gibt es bei dem Festival natürlich auch interessante Konzerte. Mich stört nur die Häufung von Mainstream.

Gruß Florestan
nikolaus (04.06.2013, 21:20):
Original von Jeremias
Das Programm von Zimerman ... , es war hoch delikat, wunderbar dargeboten. ...

Das unterschreibe ich sofort! :down

Als Skandal würde ich die ganze Angelegenheit nicht beschreiben, sondern als traurig.
Sensible Künstler wie er werden es zunehmend schwer haben in dieser Gesellschaft. Ich denke, er gehört in seiner leisen Art zu einer "aussterbenden Künstlergattung".
Auch für einen Montagabend fand ich die Essener Philharmonie erschreckend schlecht besucht (nur zur Hälfte bis zwei Drittel war der Saal gefüllt).

Mit Zimerman habe ich richtig mitgelitten. Bis zu dieser Störung war er sicht- und hörbar zufrieden mit dem Abend.
Professionell wie er ist, hat er sein Recital zwar noch vorbildlich beendet, aber er war sichtbar fassungslos und verletzt. Schlimm, in solch einer Gemütsverfassung den Saal zu verlassen.

Nikolaus.
Maurice inaktiv (04.06.2013, 21:46):
Es gibt hier zwei Seiten zu betrachten :

Einmal halte ich es in der heutigen Zeit für völlig normal,dass mit Kameras und Handys Bilder oder Aufzeichnungen gemacht werden.Das mag nicht gerade angebracht sein,doch das ist die Realität.

Damit sollte man klar kommen,und wirklich extrem stören tut es in diesem großen Rahmen doch eher nicht.Das ist die eine Seite der Geschichte.

Die andere Seite ist aber auch die,dass der Veranstalter dafür zu sorgen hat,dass solche Sachen nicht vorkommen.Wie er das letztendlich umsetzt,ist zunächst einmal seine Sache.

Seine Garderobe kann man problemlos abgeben,warum auch nicht die Handys?Wird jemand erwischt dabei,gehört er sofort des Saales verwiesen und mit einem Hausverbot bedacht.

Sollten dabei irgend welche Persönlichkeitsrechte,usw. eingeschränkt worden sein,muss die Person angezeigt werden,so weit dies möglich ist.

Man sollte das auch bei jedem Konzert für alle noch einmal deutlich ansagen und gegebenenfalls auch umsetzen.

Natürlich soll zum Wohle des Künstlers gehandelt werden,der auch nur DANN die Leistung erbringen kann und wird,wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Dieser letzte Absatz mag Einigen hier als Gegensatz zum Anfang vorkommen,aber es gibt auch hier die zwei Seiten der Geschichte.

Man mag mich dafür jetzt zerhacken,aber das sind die Dinge,die LIVE immer wieder passieren können und auch werden.Das ist auch der Reiz des Live-Spielens,nie zu wissen,wohin die Reise letztendlich geht.In diesem Falle LEIDER in eine völlig falsche Richtung.

Warum diese Person das überhaupt getan hat,wenn er denn nur halbwegs bei Verstand war,vermag ich auch nicht nachzuvollziehen.

VG,Maurice
Jeremias (10.06.2013, 15:21):
Gestern Abend im Konzerthaus Dortmund:

Gabriela Montero

Johannes Brahms: Drei Intermezzi op. 117 (1892)
Robert Schumann: Fantasie in C-Dur op. 17

Improvisationen über Themen von Giuseppe Verdi und Richard Wagner nach Wünschen des Publikums

Danke Facebook-Freundschaft mit der Pianistin konnte ich Freikarten der besten Kategorieg ergattern und es hat sich gelohnt! Sie war bislang nicht unter den absoluten Sternen am Pianistenhimmel einzuordnen.. bis gestern! Was sie klanglich bei Brahms zauberte, das hatte etwas einzigartiges. Mit einer Ruhe auch bei klingelndem Handy spannte sie große Bögen, ließ den Steinway im diskant singen und klingen und zog uns sofort in ihren Bann. Die Schumann'sche fantasie habe ich derart leidenschaftlich und stürmisch, aber auch intim und ruhig derart noch nie live gehört! Der zweite Teil dann wie immer ein absolutes Highligh! 4 Improvistionen zu wagner, eine zu Verdi und ein Zwischenspiel zu einem abstrakten Thema rissen das Publikum zu langen stehenden Ovationen hin. Der Abend wurde aufgezeichnet, so dass auch andere sich demnächst noch werden erfreuen können!
Jeremias (11.06.2013, 11:50):
Eine Woche nach dem Skandal um Krystian Zimerman war ich gestern wieder in Essen. Vorab: Es wurde eine Durchsage gemacht, dass die Handys auszuschalten seien und Filmaufnahmen nicht gestattet würden.

Gestern gab es eines der Highlights meines Lebens:

Banu Böke, Sopran
Thomas Laske, Bariton
Emre Elivar, Klavier
Opernchor der Wuppertaler Bühnen
Studierende der Musikhochschule Wuppertal
Chorsänger der Musikschule Wuppertal
Jens Bingert, Choreinstudierung
Sinfonieorchester Wuppertal
Ibrahim Yazici, Dirigent
Genco Erkal, Erzähler

Fazil Say
“Nâzim” – Oratorium für Sopran, Bass, Klavier, Chor und Orchester nach Texten von Nâzim Hikmet

Leider ist Fazil vor wenigen Tagen operiert worden, so dass er den Klavierpart nicht selber spielen konnte. Vor Beginn gab es eine ziemliche Unruhe, nachdem einige türkische Besucher (waren eh in der Überzahl!) ein Plakat in Solidarität mit den Demonstranten in der Türkei aufhängen wollten und die Ordner zunächst versuchten diese gewaltsam zu entfernen. Unter johlendem Beifall der Menge durfte es schließlich bleiben und ein zweites kam direkt dazu... andere Länder, andere Sitten.... die Aufführung selber war fulminant, angetrieben von einem Dirigenten, der mit Leib und Seele alles aus der Musik heraus holte was möglich war, ein erzähler der mit voller Leidenschaft dabei war (es ist der den man bei Youtube auch sehen kann). Die Sopranistin, selber Türkin, sang das "Memleketim" (Heimat) mit einer derartigen Hingabe, dass es den Zuhörern Tränen in die Augen trieb, dem Chor merkte man die vielen Proben an.... minutenlange Ovationen am Ende eines denkwürdigen Abends!
palestrina (12.06.2013, 00:40):
Liederabend ALEXANDRA KURZAK

Eben vom Liederabend zurück , es war Wunderbar ihrer Stimme zuzuhören !
Das Programm war gut gewählt , der Titel des LA hieß " Die Nachtigall und die Rose ",
der erste Teil "Die Nachtigall" mit Liedern von Schubert,Brahms,Berg,Grieg,Zelenski ,
Niewiadomski,Lutoslawski,Tschaikowski und Aljabjew.
Der zweite Teil "Die Rose" mit Liedern von Schubert,Strauss,Fauré,Liszt ,Moniuszko,Paderewski,
Niewiadomski,Zelenski und Rimski-Korsakow.
Die Lieder hatten alle mit der Nachtigall bzw.der Rose zu tun.
Nach einem Lied Anfangsschwierigkeiten ging es aber dann Fabelhaft weiter , sie konnte auch sehr
differenziert ihre Stimme einsetzen !
Also, ein wunderbar Abend mit einer hervorragenden Sopranistin und ihrem ebenfalls sehr guten
Begleiter Eric Schneider , der sie auch gut unterstützt hat !

LG palestrina
Florestan (13.06.2013, 07:58):
Gestern war ich in einem Konzert mit Steffen Schleiermacher, der Musik des russischen Futurismus vorgestellt hat. Das Konzert war die Begleitung zu einer Ausstellung über den Maler und Fotografen Alexander Rodtschinsky, und fand demzufolge auch hier im Bucerius Kunstforum statt.
Gegeben wurden Klavierwerke von Mossolow, Skrjiabin, Lourié, Deschewow und Polowinkin. Ich muss gestehen, das ich die beiden letztgenannten bisher noch nicht kannte. Herr Schleiermacher hat seinen Vortrag auch moderiert, und zwar so witzig, das er die doch recht trockene Materie dadurch wohltuend aufgelockert hat. Aber er hat auf diese Weise dem Publikum (das deutlich zahlreicher erschienen war als ich gedacht hatte) eine Menge Hintergrundinformationen beschert; denn dieses Thema ist ja selbst bei musikinteressierten Laien und sicher auch bei vielen Profis nicht sehr präsent.
Die musikalische Sprache der Werke war entsprechend dem Anliegen der Komponisten sehr abstrakt, und vermied weitgehend das affirmative. In seiner 5. Sonate hat Alexander Mossolow zudem den Konflikt zwischen Aufbruch und Experiment der damaligen Avantgarde und der traurigen Wirklichkeit des jungen Sowjetstaates sublimiert. Ab Mitte der 1920er Jahre galt ja bekanntlich das Primat des proletarischen Ausdrucks in der Musik, und machte ein Wirken der meisten Musiker, sofern sie nicht ins Exil oder in die Verbannung getrieben wurden, unmöglich.
Diese Epoche und ihre Werke sind jedoch ein wichtiger Meilenstein für die weitere Entwicklung der Musik des 20ten Jahrhunderts. Insofern war es ein informativer Abend, obgleich durchaus anstrengend in der Rezeption.
Das Spiel von Herrn Schleiermacher war den Werken angemessen, und die große Geste war weder seine Sache noch war sie gefordert.

Für an diesem Thema interessierte gibt es bei Arte Nova eine Serie mit Musik des russischen Futurismus, die noch in Einzelausgaben erhältlich ist.

Florestan
abendroth (17.06.2013, 22:51):
Nikolaï Demidenko: Bachtranskriptionen

Am Wochenende kurz entschlossen nach Lille und Lens (wegen der Louvre Filiale). In Lille ist gerade ein 3-tägiges Pianofestival. Samstag abend gibt’s die Goldbergvariationen mit Statdtfeld oder um 21u30 Bach-Busoni mit Nikolai Demidenko. Keine Sekunde gezögert: Demidenko muss es sein. Aber ob es wenige Stunden vor dem Konzert noch Karten gibt? Problemlos. Der eher kleine Saal (das Theatre du Nord) ist nicht mal 2/3 besetzt.

Das Programm:
Bach/Liszt: Fantasie und Fuge in g

Bach/Busoni:
- Chaconne
- 3 Choalpräludien
- Präludium und Fuge in e
- Toccata und Fuge in d

Das Programm dauert fast auf die Minute 1 Stunde (12 Euro) und übertrifft alle meine Erwartungen bei weitem (auch wenn ich durch CD Aufnahmen der Stücke verwöhnt bin). Demidenko, ohne den geringsten Anflug von Starallüren, gestaltet die Stücke dynamisch wunderbar differenziert und wo nötig mit makelloser, mitreissender Virtuosität, die nie Selbstzweck ist (Man kann gar nicht glauben, dass die Chaconne eigentlich für so eine armselige Geige mit 4 Saiten geschrieben ist). Er bleibt die ganze Zeit auf der Bühne und lässt manchmal durch seine Körpersprache gar nicht erst Beifall zwischen den Stücken zu. Dafür gab’s dann am Scluss zahlreiche Bravo’s und eine standing ovation, für die der sehr bescheidene Pianist sich mit einem wundervoll ‘gesungenen’ langsamen Chopinstück (sehr berühmt, aber was war’s?) und da das Publikum keine Ruhe gab, mit irgendeinem russischen Virtuosenstück (wahrscheinlich Rach, vielleicht Scriabin? Medtner?) bedankte.
Am 1. August zu hören auf France Musique und einen Monat lang als podcast. Lohnt sich.
Fairy Queen (18.06.2013, 02:16):
Lieber Abandroth, ich habe dieses wunderbare Konzert auch gehört, aber da ich Dich nicht kenne, konnte ich mich dir leider nciht persönlich zeigen, glaubte aber,Gamameh in diesem Konzert gesehen zu haben. Da auf mein wiederholtes Winken jedoch keine Reaktion kam, habe ich mich wahrscheinlich geirrt und etwas verwechselt.
Ich war von diesem Konzert tief berührt und es war trotz des erstaunlichen Beethoven-Marathons (alle 5 Klavierkonzerte!) mein schönstes Erlebnis des diesjährigen Piano-Festivals. Demlidenko ist seiner Musik so ergeben, dass man sich als Publikum fast fehl am Platze fühlt und den Eindruck hat; ihn in einer intimen oder sakralen Handlung zu stören. Dass er überhaupt bereit war, zwei Zugaben zu spielen hat mich reichlich gewundert. :cool Sein Chopin war so understated und unsentimental dargeboten, dass er genau zu Bach-Busoni passte, finde ich. Ich hâtte zui gerne Schubert von ihm gehört, aber Schubert gab es dieses Jahr leider überhaupt nciht.
Demidenkos Programm war für mich als Bach-Fan ohnehin ein must, aber wenn es dann auch noch so makellos und mit so heiligem Ernst gespielt wird, ist die Musik überwältigend. Für mch waren die Choralbearbeitungen am bewegendsten, aber die Chaconne war natürlich auch en Ereignis. Eine befreundete Pianistin, mit der ich dort war, fand es allerdings gar nciht gut, diese Chaxonne für Klavier zu transkribieren- Geschmâcker sind auch bei solch grossartiger Musik verscheden. Dass der Saal nur 2/3 besetzt war, liegt an dem Riesen-Angebot und evtl auch an Uhrzeit und Programm?
In jedem Fall war es ein Liebhaber-Publikum, das wusste, warum es gekommen war und nciht enttâuscht wurde. Sollte dieser Pianist je in eurer Nähe spielen, geht unbedingt hin- Demidenko ist ein ergebener und begnadeter Diener der Musik, ohne jedwede persönliche Eitelkeit und genau das Gegenteil eines Klavier-Löwen.
Wie hat dir denn der Louvre- Lens gefallen???? Und hast du auch ein anderes Museum besucht- es wimmelt ja hier nur so von hochkarätgien Kunsttempeln. Ich konnte aus Zeitmangel und wegen eigener Konzertproben dieses Jahr leider nur wenig vom Piano-Festival profitieren, aber den Beerthoven-Marathon und Demidenko habe ich gottseidank mitgenommen.

F.Q.
Billy Budd (21.06.2013, 22:41):
Diese Vorstellung war zwar nicht wirklich schlecht, hat mich aber nicht vom Hocker gerissen. Einzig Kurt Azesberger erbrachte als Klaus-Narr eine tolle Leistung, während Jay Hunter Morris mit der zugegeben schwierigen Partie des Waldemar gewaltig seine Not hatte, Angela Denoke mit den Höhen der Tove kämpfte, Mihoko Fujimura den Text der Waldtaube nicht gscheit konnte, Albert Dohmen es sogar schaffte, den relativ unproblematischen Bauer zu ruinieren und Sunnyi Melles als Sprecher(in) mit Mikrophon (!) einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Die Chöre (Wiener Singakademie, Cor de Cambra del Palau de la Música Catalana, Orfeó Català und Chor des Slowakischen Nationaltheaters) und das Orchester (Wiener Symphoniker) machten es unter dem recht guten Kent Nagano zufriedenstellend. Der Jubel hielt sich in Grenzen.
Billy :hello
palestrina (21.06.2013, 23:08):
Und dafür musste man auch noch BEZAHLEN ?

LG palestrina
Billy Budd (21.06.2013, 23:35):
Ja, 15,30 für die letzte Galerie-Reihe.
Aber so schlecht wars eh nicht (mein Sitznachbar hat gemeint, es sei die drittbeste von sieben erlebten gewesen).
Billy :hello
Jeremias (02.07.2013, 16:01):
Gestern in der Philharmonie Essen als Ersatz für Evgeny Kissin, der sich wohl am Finger verletzt hat:

RafaB Blechacz

Johann Sebastian Bach: Partita Nr. 3 a-Moll BWV 827
Ludwig van Beethoven: Sonate Nr. 7 D-Dur op. 10/3

Frédéric Chopin: Nocturne in As-Dur op. 32 Nr. 2, Zwei Polonaisen op. 40. Drei Mazurkas op. 63, Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39

Mein drittes Konzert mit ihm und was für eines! So richtig hat Kissin kaum einer vermisst... eine vollkommen überzeugende Leistung vom ersten bis zum letzten ton! Es stimmte einfach alles... Dynamik, Pedaleinsatz, musikalische Spannung.... wie er bei den Mazurken zauberte, wie er bei Bach die Unabhängigkeit beider Hände demonstrierte, wie er auch das lauteste Fortissimo wohl dosierte.... eine absolute Sternstunde! Als Zugabe den Walzer a-moll und ein Prelude von chopin, lange anhaltender Beifall!
Jeremias (03.07.2013, 09:19):
Gestern in der fast ausverkauften Stadthalle Mülheim an der Ruhr:

Daniil Trifonov, Klavier

Schubert/Liszt: Frühlingsglaube, Die Forelle, Auf dem Wasser zu singen, Erlkönig
Liszt: Sonate h-moll


Trifonov: Rachmaniniana
Sergej Rachmaninoff: Variationen über ein Thema von Chopin op. 22


Was für ein Kontrast im Vergleich zu Blechacz am Abend davor. Während der Pole ganz nach der Tradition eines Zimerman kommt, kräftemäßig sparend, sauber spielend, wohl überlegtes Programm, steht Trifonov ganz in einer Reihe mit Richter oder Gilels. Auch unterscheidet die beiden die Spielweise. Trifonov dürfte recht müde gewesen sein, er bewegt sich mit dem ganzen Körper. Aber er ging volles Risiko! Gewiss, hier und da hätte er ein wenig mehr Ruhe reinbringen können, ein bisschen weniger Pedal hätte vor allem Liszt auch gut getan, nicht ganz so ausgeschlachtet. Aber insbesondere der zweite Teil hatte es in sich. Trifonov erweiterte sein Programm um eine selbst komponierte Suite und verfeinerte sich die schweren Brocken des großen Russen derart, dass einem fast schwindelig wurde. Die Variationen gerieten schließlich zum Highlight des Abends. Als Zugaben gab es dann nach und nach Chopins Preludes 21-24. Zu recht stehende Ovationen!

Jetzt ist 2 Tage Pause, dann kommt Andras Schiff :leb :leb :leb
Amadé (10.07.2013, 10:45):
Gestern Abernd in Gelsenkirchen:

Grigory Sokolov

Programm wie 2013 anderorts auch:
Schubert: 4 Impromptus D.899
3 Klavierstücke D.946
Beethoven: KLaviersonate B-dur op.106

Auch gestern Abend, wie eigentlich immer in seinen Konzerten, wich Sokolov von gängigen Interpretationsmustern ab und führte seine eigene Sicht der Werke vor, das ist immer das Spannende bei seinen Auftritten. Bei Schubert hatte ich den Eindruck, dass er die Themen und Motive der einzelnen Sätze nach Prüfung ihrer Wertigkeit, ihrer Funktion im Kontext zu einem überzeugenden Ganzen formte. Mit atemberaubender Einfühlsamkeit und dem richtigen Gefühl für Abstufungen wechselten lyrische mit dramatischen Abschnitten ab. Unterstützend dabei die wenigen ganz kurzen Rubati, die den Fluss der Musik für einen Moment bremsten, dabei aber ihre Sinnfälligkeit im Ablauf dieser Stellen hervorhoben. Nirgends gab es wohlklingendes Einerlei. Sokolov forderte seine Hörerschaft heraus! Dem, der sich intensiv mit Schuberts Klavierstücken beschäftigt hatte, mussten Sokolovs Interpretationen wie neu geschaffen entgegentreten.
Beim ersten der 3 späten Klavierstücken fügte der Pianist auch das im Druck ausgelassene 2. "Couple" ein, auf dasbereits Claudio Arrau in seiner ersten Aufnahme bei EMI 1956 aufmerksam machte, so wurde dem es-moll-Stück seine Fünfteiligkeit zurückgegeben, entsprechend dem folgenden in Es-dur.
Zur Hammerklaviersonate hat Heike bereits anlässlich des Berlin-Konzerts ausführlich berichtet, deshalb verzichte ich hier auf weitere Beobachtungen.
Ein sehr diszipliniertes Publikum folgte fast atemlos Sokolovs eindringlichem Klavierspiel. In den pp verklingenden Schlussakkord der sechsten Zugabe, Brahms Intermezzo es-moll op.117 Nr.2, rief eine narzisstisch veranlagte weibliche Person laut "wunderbar", damit war die spannungsgeladene Stimmung den Bach hinunter, eine Frechheit und Dummheit gleichermaßen!!! Weitere Zugaben unterblieben.

Gruß Amadé
Jeremias (10.07.2013, 10:57):
Ich war auch da, wo hast Du gesessen? Ich finde den Bau ja grauslich aber wir haben oben im 2. Rang doch sehr gut gehört! Der Schubert war eine offenbarung, der spröde Beethoven, der nicht unbedingt zu meinen Favoriten zählt, eine Meisterleistung! Ich empfand jetzt allerdings die Äußerung der Dame nicht als besonders störend, zumal er mit sicherheit eh keine weitere Zugabe mehr gespielt hat. es war ja immerhin schon die sechste... Im übrigen ein sehr diszipliniertes und ruhiges Publikum!
Amadé (10.07.2013, 12:52):
Ich saß ziemlich vorn, leider, ich hatte zu spät bestellt, etwas an der Seite. Schade, dass wir uns nicht getroffen haben, ein brühwarmer Austausch hätte mir gefallen. Der zweite Satz der Hammerklaviersonate fand ich tief ausgelotet, von Sprödigkeit keine Spur.
Ich glaube, dass die 2. Zugabe mal nicht einer seiner beliebten Rameaus oder Couperins, sondern ein Satz aus einer der Händelschen Suiten war, oder was meinst Du?
Jeremias (10.07.2013, 13:48):
du, keine Ahnung, aber es wird ja im Internet stehen. Am besten fand ich Zugaben Nr.3 und 5 :)
nikolaus (17.07.2013, 23:05):
Gestern beim Klavierfestival Ruhr in der Philharmonie Essen:

Martha Argerich - Klavier
Sergei Babayan - Klavier
Ivry Gitlis - Violine

Martha Argerich hat inzwischen beim Klavierfestival Ruhr jedes Jahr eine carte blanche. Der Termin steht fest, was sie spielt und mit wem jedoch erst kurz vor dem Konzert.

W.A.Mozart: Sonate für Klavier zu vier Händen D-Dur KV 381
Das Werk gehört zu Argerichs Standardrepertoire, und es ist jedesmal faszinierend, wie unterschiedlich es klingt. Ich hatte den Eindruck, dass Babayan zusätzliche Verzierungen gespielt hat, jedenfalls wirkte es zieselierter, feiner, gleichzeitig leicht und entspannt; vor allem im dritten Satz hatten sie sichtlich Spass, sich "die Bälle zuzuwerfen".
Es war zu merken, wie bereichernd ein "neuer" Partner für sie sein kann.

S.Prokofiev: Romeo und Julia, Ballettsuite transkribiert für zwei Klaviere von Sergei Babayan
Das Werk hat Babayan Martha Argerich gewidmet, dier Erstaufführung war vor zwei Wochen in Lugano.
In Lugano war ich ganz erschlagen von der Wucht, fast schon Brutalität vor allem des aus der Orchesterversion bekannten Anfangs und des Endes (Tybalts Tod).
Gestern wusste ich, was mich erwartet, und die Grösse des Saals entschärfte zudem diese Wucht. So gefiel mir die Bearbeitung deutlich besser, und „Romeo und Julia vor dem Abschied“ ging mir doch sehr zu Herzen.

Die zweite Hälfte des Konzerts bestritt dann Ivry Gitlis.
Man mag es kritisch sehen, ob er mit seinen wohl 91 Jahren noch in grossem Rahmen konzertieren muss. Ich denke, er muss, denn die Musik ist offensichtlich sein Lebenselixier.
Natürlich darf man keine technisch perfekte Leistung erwarten, aber mit seiner Musikalität, seinem Charme und seiner Lebenserfahrung kann er einen wirklich beglücken. Dabei gibt er auf ehrliche Weise mit den Mitteln, die ihm noch zur Verfügung stehen. Sein Ton empfinde ich als fahl, fast brüchig, aber überaus stimmig zu seiner Erscheinung.

W.A.Mozart: Sonate für Klavier und Violine G-Dur KV 301 (mit Babayan)
Fast ein bisschen zum „Eingewöhnen“. Sehr reizvoll erschien mir die Vorstellung, dass ein alter Mensch das Werk eines so jungen Komponisten spielt...

C.Franck: Sonate für Klavier und Violine A-Dur (mit Argerich)
Das war für mich der Höhepunkt des Abends. Ich war überrascht, wie gut diese Sonate mit diesem „brüchigen“ Ton funktioniert, vorausgesetzt, die Begleitung passt sich an. Und wie Martha Argerich Ivry Gitlis begleitet hat, finde ich phänomenal: unglaublich behutsam und fürsorglich hat sie sich zurückgenommen und nur in ihren solistischen Passagen richtig brilliert. Die Ausdruckskraft dieser Sonate wurde in keiner Weise geschmälert, eher in eine andere Richtung gerückt und dadurch noch stärker - wirklich überaus berührend!

Zum Abschluss als „vorangekündigte“ Zugaben:

F.Kreisler: Liebesleid, Schön Rosmarin
Charmant, charmant, charmant!

Nikolaus.
Florestan (19.08.2013, 11:08):
Gestern bei den Klavierraritäten in Husum

Konzert mit Artur Pizarro

Der Pianist war schon häufiger hier zu Gast, und hat beide Male einen sehr guten Eindruck hinterlassen. So auch gestern, um es vorweg zu nehmen. Er hat eine wunderbare Bühnenpräsenz, kommt sehr locker und sympathisch herüber. Er spielte zu Beginn die "fireside tales" von Edward MacDowell. Diese Stücke haben einen eher intimen Charakter, und waren bestens geeignet die superbe Anschlagskunst des Pianisten zu demonstrieren. Danach gab es von Erich-Wolfgang Korngold dessen "Märchenbilder," die er in zartem Knabenalter komponiert hat. Die Stücke selbst wirken etwas uneinheitlich, und schwanken zwischen verhalten und virtuos. Auch hier gestaltete Pizarro wieder sehr souverän.
Nach der Pause folgten die 24 Preludes von Felix Blumenfeld, einem der zahlreichen komponierenden Pianisten. Der Zyklus ist im Quintenzirkel wie bei Chopin angelegt, und endet mit einem tumultartigen Stück in d-moll. Die Qualität dieser überwiegend kurzen Stücke ist gleichwohl sehr hoch. Es wechseln sich lyrische und intime Stücke mit kraftvoll virtuosen ab.Häufig scheint auch das russische Kolorit aus Blumenfelds Heimat durch. Mitunter wird der Pianist sehr gefordert. Allerdings hatte Pizarro keine Probleme mit den teilweise doch sehr anspruchsvollen Stücken.
Ein für mich neuer Eindruck war, dass der Pianist statt eines Notenheftes einen Tablet-PC benutzte, bei dem er mittels eines Fußschalters die Seiten umblätterte.
Der frenetische Applaus war sehr berechtigt. Insgesamt ein grossartiges Konzert, und eine hohe Messlatte für die noch kommenden.

Florestan
ab (26.08.2013, 19:37):
Vorgestern die erste jemals gedruckte Oper aufgeführt am letzten Tag der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2013 gehört und gesehen:
:times10

L’Euridice
Composta in Musica in Stile Rappresentativo
von Giulio Caccini (1551–1618)
Libretto von Ottavio Rinuccini
Erste Druckausgabe: 1600
Uraufführung: 1602, Florenz

Euridice, Tragedia Silvia Frigato (Sopran)
Orfeo Furio Zanasi (Bariton)
Dafne, Proserpina Sara Mingardo (Alt)
Venere Monica Piccinini (Sopran)
Arcetro Giampaolo Fagotto (Tenor)
Plutone Antonio Abete (Bass)
Aminta, Tirsi Luca Dordolo (Tenor)
Caronte Mauro Borgioni (Bariton)
Radamanto Matteo Bellotto (Bass)

Chor und Instrumentalensemble von Concerto Italiano
Musikalische Leitung und Cembalo Rinaldo Alessandrini
Regie und Kostüme Hinrich Horstkotte
Bühnenbild Nicolas Bovey

Hier eine treffliche Rezension.
Fairy Queen (31.08.2013, 20:44):
Lieber ab, ich beneide dich um dieses Erlebnis! :engel Ich bin eine grosse Liebhaberin der Arien von Caccini und habe diverse davon in Alben "Arie antiche" die ich mit grosser Begeisterung singe. Nun frage ich mich, ob vielleicht eine aus dieser Oper darunter sein könnte. Leider gibt es nicht immer Angaben, woher die Arien ursprünglich stammen. Rinaldo Allessandrini mit seinem Orchester und die Altistin Sara Mingardo sind mir als grosse Künstler bekannt. Ich kann mir vorstellen , dass das ein wunderbarer Abend war.
F.Q.
ab (01.09.2013, 10:52):
Liebe Fairy Queen,
dann kennst du sicher auch die übewältigenden Aufanhmen von Maurizia Barazzoni von Sandro Volta auf der Chitarrone begleitet? Diese zähle ich zu den absoluten Perlen meiner Vokalaufnahmen. Die solltest Du unbedingt kennen.
:down :engel :times10

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41PHFQ6ZMHL._SX300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51GVwQqFxIL._SL500_AA240_.jpg
ab (01.09.2013, 11:45):
Gestern gingen bei uns die Musiktage Seefeld zu Ende. (31.8.2013) Diese Musiktage fanden nun zum 5. Mal statt und bestehen in erster Linie aus Meisterkursen und Workshops für des Spitzennachwuchs, für Studierenden aber auch für den beginnenden Nachwuchs. Die namhaften Professoren locken viele junge Musikerinnen und Musiker an, um in angenehmer, gleich entspannter wie konzentrierter Atmosphäre musikalische zu arbeiten. 8 Kammermusikkonzerte sorgten für die kulturelle Einbindung vor Ort. Inzwischen hat sich die Güte herumgesprochen, denn dieses Jahr wurden die Konzerte zum ersten Mal gestürmt, obwohl es medialer Berichterstattung fehlt: Sozusagen ein echter Geheimtipp.

:times10
Gestern zum Abschlusskonzerte spielte der künstlerische Leiter persönlich: Rudens Turku. es begleitete ihn Yumiko Urabe am Klavier, manchen vielleicht bekannt als Begleiterin von Lisa Batiashvili oder beim ARD-Wettbewerb oder der Kronberg Academy.

Schubert - Sonatine a-moll, Nr.2, d 385. Op. posth.137
Beethoven - Violinsonate Op.12, Nr.1 in D-Dur
Schumann Violinsonate a-moll

Wie zu sehen, nimmt sich Turku auch jener Werke an, die sonst nicht im Konzertsaal zu hören sind, weil sie als "zu leicht" gelten, vielleicht, weil sie für viele musikalische zu schwer sind...
:ignore

Seit fünf Jahren schon versuche ich, seine Konzerte nicht zu versäumen und bin jedes mal aufs Neue überwältigt: Ein grandioser Violonist erhabener Technik, der sich voll die Freiheit nimmt, zu zeigen, welche Musikalität in ihm steckt. Sein Ton erinnert mich in seiner intoviertierten Spannung immer etwas an Arthur Grumiaux, wenn auch deutlich schlanker. Seine weiten Linien sind stets gänzlich ausgespielt, seine Spontaneität macht eine feinsinnige Lebendigkeit aus und sein untrügliches rhythmisches Gespür erweckt den Eindrück als würde er die Musik tanzen. Hellwach kommt es immer zu einem echten Zusammenspiel mit seinen Partnerinnen und Partnern, was ja auch bei den "berühmten" Musikern nur selten vorkommt. Noch kein Werk habe ich von ihm gehört, das mir nicht neue Einblicke gewährt hätte. Sprich: Fragte man mich nach den Namen von zwei besonders empfehlenswert jungen zeigenössischen Geigen, so würde ich Vilde Frang und Rudens Turku nennen.

"played with all the virtuoso technique
yet passionate understanding you would
expect of a mature master"
Observer, London

Besonders erfreulich: Künftig wird er nicht mehr für das bei uns "unbekannte" Label Avie aufnehmen, sonern hoffenlich größere Bekannt heit durch eine Plattenvertrag bei Oehms Classics erhalten. Ich bin schon sehr auf das Programm dort gespannt!
:hello
Gamaheh (01.09.2013, 23:25):
An Furio Zanasi kann ich mich gut erinnern ! Der hat seinerzeit (muß ziemlich genau 25 Jahre her sein) mit unserem Chor den Baß im Mozart-Requiem gesungen. Und nach einer Aufführung desselben in dem schönen Ort Bastardo nach genügend Pizza und Wein mit der Sopranistin "La ci darem la mano", nachdem der Chorleiter (der für meine Neigung zur Klaviermusik verantwortlich ist) meinte, er würde nicht genug aus sich herausgehen, er solle mal was Frivoles singen.
Das Langzeitgedächtnis pflegend,
Gamaheh
Fairy Queen (02.09.2013, 20:35):
Lieber ab nein, diese Caccini Cds kenne ich leider noch nicht, danke für den Tipp!!!! :engel :thanks
F.Q.
ab (16.09.2013, 19:30):
Am Wochenende habe ich zweimal Hans Zender-Bearbeitungen in Konzerten gehört, die "Dreiunddreißig Veränderungen über Dreiunddreißig Veränderungen" also seine jüngere Paraphrase über die Diabelli-Variationen von Beethoven von 2011 (14.9.2013) und seine bereits fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren uraufgeführte "Winterreise" (1993) über Schubert (15.9.2013). Das Ensemble Modern hatte ersteres unübertreffbar gut gespielt :down :down :down, aber auch zweiteres unter der Ensemble Modern Akademie war sehr beachtlich einstudiert. Ein Erlebnis war auch der junge amerikanische Tenor Keith Stonum. Gerne hätte ich ihn auch in der originalen Klavierfassung gehört.

Kompositorisch finde ich das jüngere -Beethoven-Werk besser, weil er bei Schubert noch sehr nahe am Notentext blieb und sich weniger in den Klang des Heute zu übertragen traute. Beides fand ich ganz ausgezeichnet instrumentiert, sprich: die Instrumente waren stets gut hörbar. Dennoch bleibt bei mir immer die Frage zurück, weshalb denn so derart viele Instrumente verwendet werden müssen; die Hälfte hätte dem musikalischen Material keinen Abbruch getan. Warum diese Massen an Schlagwerk? Warum muss es auch so schwer spielbar für die Instrumentalisten sein - strebt Zender, wenn er schon schon "schöne Klänge" verwendet vielleicht Exklusivität an, dass diese Musik kaum aufgeführt werden kann?
Trefflich finde ich Zenders Bezeichnung der "interpretierenden Neukomposition". Tatsächlich ist es (zumindest bei Schubert) eine Interpretation, indem er ein einzelnes Motiv aus dem Lied herauspickt und dann plakativ in Szene setzt. (Seine Musik könnte, finde ich, als Beleg für die stereotype These herangezogen werden, deutschen Künstlern sei ein Hang zur Pathetik gegeben.) Ich empfinde jedenfalls humoristisch gemeinte Stellen am Rande des Kitsch’. Bei der Schubert-Paraphrase findet sich ja nur im zweiten Stück ein kurzer Anklang an den Ritt der Walküren; aber bei der Beethoven-Paraphrase wird das zur Marotte: Hier etwas Mahler-, dort etwas Bach-, und da etwas Jazz-(Parodie?) und dort eine Don Giovanni-Passage. Ich jedenfalls meine, Humor ergibt sich ganz allgemein daraus, dass eine ungewohnte Wendung überrascht; nicht aber daraus, dass erkennbare Melodien verbraten werden. Letzteres, glaube ich, nennt man eher Klamauk. Beim jüngeren Werk, erspart es Zender zum Glück den Instrumentalisten, auch noch herumwandeln zu müssen. Nichts desto trotz: Man hört gebannt zu, freut sich über die Musik von Beethoven und Schubert und schwelgt im überbordenden Farbenbad. Das Publikum reißt das sehr mit. Warum aber schreibt Zender nicht selbst solche Musik eigenständig?

:hello
Jeremias (17.09.2013, 12:59):
Vergangenen samstag in der Bonner Beethovenhalle:

Yuja Wang (Klavier)
Pittsburgh Symphony Orchestra
Manfred Honeck (Dirigent)

Peter Tschaikowski:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23

Richard Strauss:
»Ein Heldenleben«. Tondichtung für großes Orchester op. 40

Es war wieder einmal ein berauschendes Klangerlebnis! Ok, es war eine amerikanische Interpretation, vielleicht etwas forsch... aber was Yuja einmal mehr klanglich zauberte, das zeugt inzwischen von einer großen Reife! Die Oktavpassagen habe ich live noch nie derart sauber und sicher gehört, einfach mitreissend! dann aber konnte sich auch in den ruhigen Passagen v.a. des zweiten Satzes glänzen. Ein wahres Erlebnis! Allerdings sollte sie die High Heels bleiben lassen, sie wäre mehrfach fast von der Bühne beim Applaus gefallen ;) Als zugaben einmal mehr die Carmen Fantasie und den Walzer cis moll von Chopin.

Der zweite Teil war für mich eine Offenbarung! Eigentlich bin ich absolut kein großer Freund von Richard Strauss. Wie Honeck es aber schaffte hier den Bogen zu spannen, mit welchem Ausdruck und welcher Sicherheit vor allem der Konzertmeister brillierte, dies begeisterte und beeindruckte. zwei Zugaben, lange Ovationen.

Es hat sich gelohnt

:cool :cool :cool
nikolaus (28.09.2013, 20:23):
Gestern beim Beethovenfest Bonn:

Ludwig van Beethoven: Fidelio

als halbszenische Aufführung (mit Zwischentexten von Walter Jens) in der Beethovenhalle.

Leonore - Cécile Perrin
Florestan - Burkhard Fritz
Rocco - Dimitri Ivashchenko
Marzelline - Mojca Erdmann
Jaquino - Julian Prégradien
Don Pizarro - Evgeny Nikitin
Don Fernando - Detlef Roth
1. Gefangener - Ewald Bayerschmidt
2. Gefangener - Michael Albert

Rezitator - Ulrich Tukur

Deutscher Kammerchor - Michael Alber

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen - Paavo Järvi

Szenisches Arrangement - Leah Hausman

Das war ein ganz toller, kurzweiliger Abend!
Durch die Zwischentexte - in typischer spielfreudiger "Tukur-Manier" - gewann der Abend eindeutig an Spannung und Lebendigkeit. Tukur ist einfach genial!
Nach anfänglichen Balance-Schwierigkeiten zwischen Sängern, Orchester und schlechter Beethovenhallen-Akkustik war der Abend auch musikalisch ein Erlebnis. Herausragend aus dem wirklich guten, engagierten Ensemble waren für mich Dimitri Ivashchenko als Rocco und der Chor; vom Orchester, das ich einfach liebe, ganz zu schweigen.
Was Paavo Järvi und das Orchester insbesondere im zweiten Akt an Farben, Drive und Rhythmus und damit an Spannung zauberten, war gigantisch und ging unter die Haut!

Nikolaus.
nikolaus (03.10.2013, 10:46):
Vorgestern beim Beethovenfest Bonn:

András Schiff

Er beendete an diesem Abend seinen Zyklus aller 32 Sonaten von Beethoven (verteilt auf zwei Jahre) mit op. 109, 110, 111.

Er "zelebrierte" sie auf seinem eigenen Bechstein-Flügel, der wirklich (auch in der Beethovenhalle) einen wunderschönen, warmen Klang hat.
Ich bewundere seine "Duchdringung" dieser Musik, sein Wissen darüber ist immens. So wie ich ihn verstehe, sieht er sich als werktreuen Wiedergeber der Werke Beethovens, und diesen Zugang respektiere ich als über alle Kritik erhaben.
Doch leider muss ich gestehen, dass Schiff mich emotional kaum berührt. Ich sitze vielmehr staunend davor, ein bisschen wie im Museum.

Schade fand ich zudem sein verständnisloses, indigniertes Augenbrauenhochziehen und Kopfschütteln, als am Ende von op. 111 trotz versuchter Zurückhaltung des Publikums der Applaus für seinen Geschmack zu früh einsetzte und noch später im Jubel ein begeisterter Pfiff erklang. Das hat mir tatsächlich etwas die Stimmung verdorben...

Nikolaus.
nikolaus (03.10.2013, 11:37):
Ja, ich war fleissig in letzter Zeit...

Gestern in der Kölner Philharmonie:

Denis Kozhukhin, der für den verletzten Daniil Trifonov einsprang.

Kozhukhin, Jahrgang 1986, studierte u.a. bei Dmitry Bashkirov in Madrid und an der International Piano Academy Lake Como bei Fou Ts'ong, Boris Berman, Andreas Staier. 2010 gewann er den Concours Reine Elisabeth.
Ich habe ihn schon mehrfach in Lugano beim Progetto Martha Argerich gehört, das erste Mal 2005 (glaube ich).
Mir hat er schon damals sehr gut gefallen, und es macht Freude, seine Entwicklung und "Reifung" zu beobachten.

Sein Programm gestern Abend:

Joseph Haydn: Sonate F-Dur op. 13,3 Hob. XVI:23

César Franck: Prélude, Choral et Fugue h-moll/Dur FWV 21

Franz Schubert: Vier Impromptus D 899
Pause
Paul Hindemith: Sonate für Klavier Nr. 3

Johannes Brahms: Sieben Fantasien für Klavier op. 116

Zugaben: zwei Präludien von Bach und Rachmaninov (wenn ich mich nicht täusche).

Das war trotz des "gemischten" Programms ein in sich sehr stimmiger und stimmungsvoller Abend.
Das Programm hat mich bei einem so jungen Pianisten durchaus überrascht: keine virtuose "Kraftprotzerei" sondern Zurückhaltung, Stimmung und Atmosphäre.
So tauchte er Schubert und Brahms mit butterweichem Anschlag und sich immer wieder zurücknehmend in goldenen Schimmer - das klingt jetzt furchtbar pathetisch, aber es passte einfach zu einem "goldenen Herbstabend".
Die Sonate von Hindemith - auf den ersten Blick ein Fremdkörper im Programm - fügte sich in ihrer klassischen Form in der Tradition von Bach-Beethoven-Brahms nahtlos in das Programm ein. Ein interessantes Werk mit einer wirklich vertrackten Fuge als Finale.

Mir hat sein zurückhaltendes, weiches, auf Schönheit bedachtes und trotzdem die Spannung haltendes Spiel sehr imponiert. Sicher verschwimmen die Konturen bisweilen, und die Sonate von Hindemith kann man sicher mehr in Richtung Prokofiev und Shostakovich rücken, das ist Geschmacksache.
Für mich war es auf jeden Fall ein starker, in sich geschlossener und dadurch sehr überzeugender Abend.

Nikolaus.
EinTon (03.10.2013, 20:14):
Original von nikolaus
J
Die Sonate von Hindemith - auf den ersten Blick ein Fremdkörper im Programm - fügte sich in ihrer klassischen Form in der Tradition von Bach-Beethoven-Brahms nahtlos in das Programm ein. Ein interessantes Werk mit einer wirklich vertrackten Fuge als Finale.


Wenn Dir diese Musik zusagt, empfehle ich Dir von Hindemith die noch viel eindrucksvollere Sonate für 2 Klaviere. Die Interpretation auf folgendem Album ist dabei mE die mit Abstand beste (auf den anderen, mir bekannten Aufnahmen klingt das Zusammenspiel schlicht nicht so flüssig wie bei Grau/Schumacher):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51RAL5TnkwL._SY355_.jpg


http://www.amazon.de/Werke-Zwei-Pianisten-Andreas-Grau/dp/B000026D28/ref=sr_1_14?ie=UTF8&qid=1380823456&sr=8-14&keywords=hindemith+sonate+2+klaviere


MFG,

Normann
nikolaus (03.10.2013, 20:48):
Danke für den Tipp!

Nikolaus
ab (03.10.2013, 22:30):
Original von nikolaus
Danke für den Tipp!

Nikolaus

Ja, ein Danke auch von mir, der ich weder die Sonate für Klavier zu vier Händen noch die Sonate für zwei Klaviere kenne; aber die "normalen" Hindemith-Sonaten (vor allem in den Einspielungen von Yudina und Gould) sehr mag!
:hello
nikolaus (06.10.2013, 20:41):
Am Freitag in der Beethovenhalle Bonn:

Academy of St. Martin in the Fields - Sir Neville Marriner

Toby Spence - Tenor
Premysl Vojta - Horn


Robert Schumann - Ouverture, Scherzo und Finale E-Dur op. 52

Benjamin Britten - Serenade für Tenor, Horn und Streicher
Pause
Ludwig van Beethoven - Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93

Ein tolles Orchester mit einem warmen, ausgezeichnet balanciertem Klang, selbst als bei Beethoven die Hörner in vierfacher Besetzung zum übrigen Orchester relativ stark besetzt waren. Im Vergleich zu der Kammerphilharmonie Bremen klingt alles etwas runder, weicher, weniger "bissig", aber sicher nicht langweilig oder spannungsarm.
Die Serenade von Britten - Erstbegegnung für mich - hat mir sehr gut gefallen: reizvoll die Kombination Tenor - Horn. Beide Solisten waren erstklassig. Die Introduktion spielt das Horn solo, das stelle ich mir extrem schwer vor. Die Stimme von Toby Spence mit sehr schöner Höhe ist für dieses Repertoire sicher gut geeignet (ich glaube, er kam letztens irgendwo im Opern-Thread nicht so gut weg...).

Ist es wahr, dass Sir Neville Marriner nächstes Jahr 90 wird?
Das merkt man ihm überhaupt nicht an!
Und: sympathisch, wie er sich die Fliege losband um anzuzeigen, dass er keine Zugabe geben wird :wink

Nikolaus.
nikolaus (06.10.2013, 21:04):
Grosses Aufgebot gestern zum Abschluss des Beethovenfestes Bonn - und auch zum Abschied der Intendantin Ilona Schmiel, die in zehn Jahren wirklich hervorragende Arbeit geleistet hat und nach Zürich wechselt.

London Symphony Orchestra - Daniel Harding

Christian Tetzlaff - Violine


Modest Mussorgsky - Eine Nacht auf dem kahlen Berge - Symphonische Dichtung (Fassung von Nikolai Rimsky-Korsakow, 1886)

Peter Tchaikovsky - Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

Zugabe (gewidmet der Intendantin) - L.v.Beethoven: Romanze Nr. 2 F-Dur op. 50 für Violine und Orchester
Pause
Igor Stravinsky - L'oiseau de feu, Ballettmusik in zwei Akten

Zugabe (zum Abschied der Intendantin) - L.v.Beethoven: aus der Sinfonie Nr. 9 "Freude schöner Götterfunken" mit dem Publikum als Chor (na ja...)

Es war eine erwartungsgemäß "drahtige" Interpretation des Tchaikovsky-Konzertes durch Christian Tetzlaff mit z.T. wirklich wahnwitzigen Tempi, denen das wirklich gute Orchester fast nicht folgen konnte. Mit einem schlichten, trotzdem gefühlvollen zweiten Satz war das eine packende, interessante Interpretation!
Schön, den Feuervogel mal in Gänze zu hören und nicht nur die Suite. Ich mag diese Musik sehr, vor allem wenn sich so plastisch dargeboten wird. Daniel Harding nahm sich viel Zeit um den Spannungsbogen zu entwickeln und forderte einen dadurch zum konzentrierten Zuhören auf; mir hat das sehr gefallen.
Ein toller Abschluss des Beethovenfestes!

Nikolaus.
Jeremias (12.10.2013, 14:15):
Gestern in Essen:


Katia Pellegrino, Sopran
Karen Cargill, Mezzosopran
Alexey Sayapin, Tenor
Liang Li, Bass
Opernchor des Aalto-Theaters
Philharmonischer Chor Essen
Alexander Eberle, Choreinstudierung
Essener Philharmoniker
Tomás Netopil, Dirigent

Giuseppe Verdi
“Messa da Requiem”

was ein Erlebnis! Der neue Essener GMD hat sämtliche Register gezogen... eine seitens des Orchesters und des Chores wahrliche Meisterleistung! Der Sopranistin ging am Ende etwas die Kraft aus, ein wunderbar warmer Mezzo, ein lyrischer Tenor, dem vielleicht etwas das Volumen fehlte und ein sensationeller Bass... 80 Minuten Gänsehaut, bis heute anhaltende Wirkung... nur setzte der Schlussapplaus zu schnell ein... das hatte Bychokov vor 4 Jahren in Köln besser im Griff, aber was soll's? Meine Lebensgefährtin kannte das Requiem vorher nicht und war restlos begeistert :)
Sfantu (17.10.2013, 00:39):
Gerade eben aus Konstanz zurück.

Konzert der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanzim Konzil:

Frederick Delius - The Walk to the Paradise Garden
Benjamin Britten - Violinkonzert op. 15
William Walton - 1. Sinfonie

Solistin: Kyoko Tanino (Konzertmeisterin des Orchesters)
Leitung: Jonathan Seers

Wunderbar stimmungsvoll, zärtlich der Delius.

Das Violinkonzert von Frau Tanino aufgekratzt und mit der nötigen Attacke sehr prägnant gespielt, gute Interaktion mit dem Ensemble - hier werden sich die Bälle aufs Schönste zugespielt.

Das war meine erste Begegnung mit diesem Orchester und ich bin positiv beeindruckt! Solch ein Mass an Virtuosität, Spielfreude und Akuratesse hätte ich aus dem Stand nicht erwartet.
Gerade der Walton ist ein gewichtiger Prüfstein, der souverän gemeistert wurde. Als das furiose, grimmige Scherzo donnernd verklang, lag ein Knistern , Staunen, fast Entsetzen in der Luft, in welchem es einige Anstrengung kostete, nicht in Applaus auszubrechen - selbst meinem den Rest der Zeit untot neben mir erstarrten Sitznachbarn entfuhr da ein geflüstertes "Booah!"

Ein Jammer ist die bescheidene Akustik im Konzil.
Der geschichtsträchtige Saal hat eine Deckenhöhe von höchstens 4m, das Orchester sitzt auf einer wiederum ca. 80cm hohen Bühne, das Publikum ausnahmslos auf dem gleichtiefen Rest des Fussbodens - keine Galerie, keine Logen, null Niveau-Unterschiede. Rätselhaft bleibt da für mich die Existenz von 5 Preiskategorien. Die kolossalen Holzsäulen und das mächtige Dachgebälk schlucken sicher wiederum Einiges. Ich bin eigentlich ein Freund vergleichsweise trockenen Raumklanges - hier aber hört man wie durch Watte. Die col-legno-Passagen der Geigen im Britten-Konzert sieht man mehr als dass man sie hört. Auch der subtile Part des Paukisten, der in diesem Werk eine zentrale Rolle einnimmt, kommt nicht angemessen rüber.

Wenn in den lauten Ausbrüchen, namentlich bei Walton, sich der Klang dann doch mal bahnbricht, ahnt man, was man sich bei so unbefriedigender Klangkulisse an Chancen vergibt...Die leise verklingenden letzten Takte des Violinkonzerts werden vom Rattern eines Interregios begleitet. Die Trasse führt direkt neben dem Bau her - man darf noch froh sein, dass der Hbf ebenfalls nebenan liegt & der Zug daher nicht mit Höchstgeschwindigkeit vorbeidonnert.

Diesem ganz ausgezeichneten Orchester wünsche ich bald eine würdige Spielstätte. Sie erarbeiten sehr lobenswert nicht nur in diesem Programm Randrepertoire.
Gastdirigent Seers, ehemaliger GMD in Würzburg, ist ein sympathischer Routinier, kein Pult-Tiger. Den Achselhöhlen-Test von Richard Strauss hätte er sicher locker bestanden. Dass das Orchester dennoch feurige Sforzati & Subito piani liefert, ohne, dass der da vorn die Tobsucht makieren muss, spricht für eine sorgsame Probenarbeit.

Unter dem Strich: eine klare Empfehlung!
Die beiden verbleibenden Termine mit diesem Programm: diese Woche Freitag um 20.00 & Sonntag um 18.00 Uhr.

Gute Nacht - Sfantu
Jeremias (21.10.2013, 11:47):
Gestern in Dortmund:

WDR Sinfonieorchester Köln
Jukka-Pekka Saraste Dirigent
Hélène Grimaud Klavier

Richard Wagner Vorspiel und Liebestod aus »Tristan und Isolde« WWV 90
Robert Schumann Konzert für Klavier und Orchester a-moll op. 54
Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 »Eroica«

Zunächst ärgerlich, dass die Damen oben im Rang hinter mir während des wagners noch redeten, dann klopfte mir eine auf die Schulter, es gehe nicht dass ich mich nach vorne beuge blabla... wir haben uns auch in der Pause mit denen "nett" unterhalten, man könne so etwas auch freundlich sagen.... egal! Mein liebster Klangkörper der Region war in Topform! Wagner wuchtig, mächtig, glasklar, ein toller Einstieg!

Dann kam Grimaud, die ich erstmals live gehört habe. Gewiss, sie spielt unglaublich sicher, vermag zu singen, hat schöne Töne hervor gebracht. Aber der Enthusiasmus des Publikums ist mir nicht nachvollziehbar. Oftmals verwischte oder vernebelte sie einiges mit Pedal, es fehlte an Raffinesse, an Klarheit. Die Kadenz im 1. Satz für meinen Geschmack viel zu schnell, in den tiefen Lagen immer wieder mal nur eine "Suppe" aus dicken Tönen.... aber dem Publikum hat es gefallen!

Absolutes Highlight war der Beethoven, der eigentlich nicht zu meinen Favoriten zählt. Saraste gelang es dieses eigentlich eher spröde und lange Werk kurzweilig, klar und entstaubt zu präsentieren. Die Solisten stachen allesamt heraus und wurden vom Publikum mit lange anhaltendem Beifall belohnt.

Insbesondere aufgrund des zweiten Teils war es ein tolles erlebnis :engel
Jeremias (24.10.2013, 12:14):
Gestern in der Kölner Philharmonie:


Maria João Pires Klavier

Budapest Festival Orchestra
Iván Fischer Dirigent

Sándor Veress
Threnos in memoriam Béla Bartók (1945)
für großes Orchester

Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58 (1804–06)

Pause

Johannes Brahms / Arnold Schönberg
Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25 (1861)
Bearbeitung für Orchester (1937)


Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll... ich wollte alles drei schon lange einmal sehen, Orchester, Dirigent und Pianistin. Es wurde ein Konzert der absoluten Superlative! Was ein Klang schon in dem mir bislang nur vom Namen her bekannten Stück von Veress, was für eine Bandbreite an Farben, was für Solisten im Orchester!

Pires hatte sich kurzfristig entschlossen den Beethoven statt Chopin 2 zu spielen, eine weise Entscheidung! Ihre jahrzehntelange Erfahrung merkte man bereits im Auftakt des Konzertes. Fischer brachte es fertig mir bislang nicht bewusste oder bekannte Stimmen neben dem Klavierpart zu integrieren. Pires brillierte mit einem warmen, glasklaren Klang, konnte aber auch an den richtigen Stellen zupacken. Dabei war es nie überladen, nicht ein Ton durch das Pedal vernebelt. Kein Vergleich zu Grimaud am Sonntag! Pires wurde zurecht mit langen Ovationen bedacht!

Der zweite Teil ein absolutes Highlight der Spitzenklasse! Mit einer spielfreude ließ Fischer seine Musiker agieren, er selber war bis in die Fingerspitzen bei jedem Ton dabei. Die Einsätze punktgenau, zu keinem Zeitpunkt auch im Finale überladen. Minutenlange Standing Ovations, eine Zugabe von Prokofieff und 2.000 begeisterte Zuhörer!
Heike (24.10.2013, 14:11):
Das sag ich ja schon immer, dass die Budapester Orchester hier völlig zu Unrecht so selten eingeladen werden, die sind klasse (auch das Rundfunk- und das Opernorchester). Das Festivalorchester könnte ruhig auch mal in Berlin auftreten, na, vielleicht wirds ja was, jetzt wo Ivan Fischer hier am Konzerthaus ist.
Heike
Jeremias (24.10.2013, 16:52):
Im Mai gibt es vier Abende nur Dvorak in Dortmund :cool
Florestan (24.10.2013, 18:12):
Von Ivan Fischer mit dem Budapester Festival Orchester gibt es auch ganz vorzügliche Einspielungen von Mahler-Sinfonien. Besonders die erste ist sehr zu empfehlen.
Überhaupt ist das einer der aufregendsten Dirigenten, die momentan die Podien bevölkern.

Florestan
Jeremias (24.10.2013, 22:41):
Ich habe mir dort Mahlers fünfte zugelegt und heute gehört, wunderbar! Die erste ist bestellt ;)
ab (24.10.2013, 23:34):
Original von Florestan
Von Ivan Fischer mit dem Budapester Festival Orchester gibt es auch ganz vorzügliche Einspielungen von Mahler-Sinfonien. Besonders die erste ist sehr zu empfehlen.
Überhaupt ist das einer der aufregendsten Dirigenten, die momentan die Podien bevölkern.

Florestan

Früher war ich auch dieser Ansicht, aber mittlerweile ist eine neue Generation herangewachsen, die ich nicht weniger interessant finde, ich denke da an Namen wie Jonathan Nott, Andris Nelson oder Kirill Petrenko.

A propos Podium: Ich schätze Iván Fischers am Konzertpodium deutlich weniger als studio bei seinen Aufnahmen. Ich finde er ist ein großartiger Studio-Künstler.
:hello
ab (24.10.2013, 23:52):
Gestern (23.10.2013) gastierte bei uns die Sächsische Staatskapelle Dresden unter ihrem ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung mit Mahlers Symphonie Nr. 9.

Sehr ungewöhnlich sein entromatisierender moderner Ansatz, ganz auf die Form getrimmt: Von "einer ganzen Welten" (von „grausamen Schluchten" bis zu „heiteren Sommerwiesen", so Schönberg) war da kaum mehr zu vernehmen: Noch nie wurden mir so ohrenfällig die Motive, Motivbrocken und Themenfragment dargeboten.

Anstrengend war der Abend dennoch, denn sein Orchester, wo die hervorgehobenen Stimmen fast gleichlaut erklingen wie die anderen begleitenden Stimmen, erzwingt sehr aufmerksames Zuhören, um die feine Facetten an Klangfarben herauszulauschen. Österreichisch musikantisch erklang da auch nichts mehr, so täppisch, derb oder burlesk er die Form erbarmungslos, fast schon expressionistisch, wäre da nicht diese Ruhe gewesen, bloßlegte.

Das Orchester spielt vorzüglich, etwas abfallend das Schlagwerk, besonders grandios dafür das genauso präsente wie unaufdringliche Blech. Berühmt natürlich der Streicherklang, der einen wie in einem Klangbad fast ertränkt. Mehr eigen wie erfüllend, dieser Abend.

Tja, so ein Erlebnis wie es mir im Jahre des 100. Geburtstags dieser Sinfonie Nott und die Bamberger gezaubert hatten, dürfte singulär bleiben....
Jeremias (25.10.2013, 15:11):
Original von ab
Original von Florestan
Von Ivan Fischer mit dem Budapester Festival Orchester gibt es auch ganz vorzügliche Einspielungen von Mahler-Sinfonien. Besonders die erste ist sehr zu empfehlen.
Überhaupt ist das einer der aufregendsten Dirigenten, die momentan die Podien bevölkern.

Florestan

Früher war ich auch dieser Ansicht, aber mittlerweile ist eine neue Generation herangewachsen, die ich nicht weniger interessant finde, ich denke da an Namen wie Jonathan Nott, Andris Nelson oder Kirill Petrenko.

A propos Podium: Ich schätze Iván Fischers am Konzertpodium deutlich weniger als studio bei seinen Aufnahmen. Ich finde er ist ein großartiger Studio-Künstler.
:hello

Hast Du Fischer live erlebt? es war beeindruckend, wie er wirklich nahezu mit den Fingernägeln und Haarspitzen dirigierte, um das Letzte aus den Musikern herauszuholen...
ab (25.10.2013, 15:43):
Original von Jeremias
Original von ab


A propos Podium: Ich schätze Iván Fischers am Konzertpodium deutlich weniger als studio bei seinen Aufnahmen. Ich finde er ist ein großartiger Studio-Künstler.
:hello

Hast Du Fischer live erlebt? es war beeindruckend, wie er wirklich nahezu mit den Fingernägeln und Haarspitzen dirigierte, um das Letzte aus den Musikern herauszuholen...

Schon oft habe ich ihn seit den 80ern hren dürfen; und habe dann immer jenes Quäntchen belebte Musikalität vermisst, die ich an seinen so exorbitant gut vorbereiteten Aufnahmen schätze. Wo bei anderen die Studioaufnahmen etwas steriler daherkommen wie bei den Konzerten, habe ich das noch jedes Mal bei ihm umgekehrt erlebt. Meine absolute Lieblingsaufnahme von ihm ist übrigens Bartoks Konzert für Orchester in der alten Einspielung bei Hungaroton. Sein Dvorak, der von Challenge Classics von Philips übernommen wurde, hat mich gar nicht vom Hocker gerissen. Mahler finde das viel geglückter. Sehr bedauert habe ich, dass sich sein Label die Chance hat entgehen lassen, bei seinen Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien nicht auf die bearbeitete Fassung durch Gustav Mahler zurück gegriffen zu haben. Das hätte den Wert seiner Einspielung unendlich gehoben...
:hello
Florestan (27.10.2013, 09:37):
Gestern Abend in der Musikhalle Lübeck:

D. Schostakowitsch: Kammersinfonie op.110a nach dem Streichquartett Nr. 8 c-Moll op.110
J. Brahms: Ein Deutsches Requiem op.45

NDR Sinfonie Orchester, Thomas Hengelbrock
Miah Persson, Sopran
Detlef Roth, Bariton
NDR Chor und RIAS Kammerchor

Als eifriger Konzertgänger hat man nicht immer nur Sternstunden, aber wenn es dann mal so eine gibt, ist man umso beglückter. Der gestrige Abend war zweifellos eine solche Sternstunde, und damit fest ins Gedächtnis eingebrannt.
Die Idee, das Requiem von Brahms mit der Kammersinfonie von Schostakowitsch zu kombinieren, und sogar das Requiem ohne Unterbrechung folgen zu lassen, mutet zunächst sehr gewagt an. Das Ergebnis hingegen war absolut überzeugend.
Bei dieser Kammersinfonie handelt es sich um eine Umarbeitung des 8. Streichquartettes, das 1960, also nach der Zeit des stalinistischen Terrors und der damit verbundenen Gängelung der Künstler, komponiert wurde. Es ist gewissermaßen eine Invention über die Noten D, ES, C, H (die Anfänge seines Namens). Dieses Motiv kehrt immer wieder und ist das zentrale Gestaltungselement dieser Komposition von 5 Sätzen, die nahtlos ineinander übergehen. Der tiefe Ernst des letzten Satzes korrespondiert tatsächlich ideal mit dem Beginn des Requiems.
Die musikalische Qualität des grandiosen Werkes von Brahms braucht man nicht besonders zu erwähnen, sie steht außer Zweifel. Was indes Thomas Hengelbrock mit seinem Orchester und den beiden Chören daraus gemacht hat, muss schlichtweg als sensationell bezeichnet werden. Man war im wahrsten Sinne des Wortes ergriffen, denn die Musik hat Besitz von den Zuhörern ergriffen. Das konnte man schon an der gespannten Stille im Saal erkennen. Ich habe selten eine so transparente Orchesterführung erlebt, die selbst in den massiveren Teilen noch die einzelnen Instrumente und die Struktur des Satzes deutlich erkennen ließ. Hengelbrock hatte stets alles unter Kontrolle und dirigierte ohne großes Pathos mit einer gesammelten Ruhe, die sich auch auf die Zuhörer übertrug.

Neben dem exzellenten Orchester war es vor allem aber der Chor, welcher mich begeistert hat. Saubere Intonation, absolute Textverständlichkeit und eine Bandbreite an Ausdruck, die einen schlicht staunen ließ. Vom intimsten Piano zu Beginn bis zu den gewaltigen Ausbrüchen in den Fugenschlüssen war der Chor von einer solchen Präsenz, das man vollkommen gebannt zugehört hat.
Auch die beiden Solisten, denen zwar keine so prominente Rolle wie dem Chor zugedacht ist (das Sopransolo wurde ja sogar erst nachträglich hinzu komponiert), leisteten mustergültiges. Der mädchenhafte Sopran von Miah Persson passte hervorragend zu dem schlichten „Ihr habt nun Traurigkeit“.
Nach dem verklingen des letzten Taktes wagte niemand zu applaudieren, so das eine gefühlte Ewigkeit Stille herrschte. Der nachfolgende Applaus war dann umso frenetischer, und mehr als verdient.

Herzliche Grüße
Florestan
Florestan (11.11.2013, 07:45):
Alkan Festival in Hamburg vom 8. – 10.11.

Um es vorweg zu sagen: Ich finde es sehr respektabel, wenn sich Musiker bereiterklären, ein umfangreiches Programm, welches nicht unbedingt zu ihrem Repertoire gehört, einzustudieren und vorzutragen. Das dabei nicht immer optimale Ergebnisse erzielt werden steht auf einem anderen Blatt. Das Alkan Festival in Hamburg, beinahe in Alleinregie vom Verein „pro piano“ und seiner Gründerin Gudrun Parsons ausgerichtet, bot ein abwechslungsreiches Programm um den vergessenen Jubilar Charles Valentin Alkan, ganz so wie dieser seine „Six petites Concerts“ selber in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts gestaltet hatte.
Der Grundgedanke dabei war, Alkans Werke von drei verschiedenen Pianisten aufführen zu lassen. Leider erkrankte Francesco Libetta, und so mussten Alexander Paley und Mark Viner das Programm allein absolvieren. Unterstützt wurden sie dabei vom Cellisten Konstantin Bruns, und den beiden Koroliov Schülern Natalia Ehwald und Stepan Simonian. Frau Ehwald war für einige Werke von J.S. Bach verantwortlich, und spielte ganz so wie man es von ihrem Lehrer kennt, ausgeglichen mit natürlichem Fluss und ohne Eigenwilligkeiten. Ihr Mitschüler Simonian spielte am letzten Abend die späte Sonate op.110 von Beethoven. Auch hier eine sehr ausgeglichene Interpretation, der es jedoch noch an Ausformungsdetails fehlte. Bei der wunderbaren Stretta zum Schluss, wo das Fugenthema kontinuierlich beschleunigt wird, hatte er die Endgeschwindigkeit etwas zu früh erreicht, und somit geriet dann der Schluss etwas zu einförmig.

Der Hauptakteur, Alexander Paley, hatte den Brocken der Etüden 8-10 aus op.39, dem sog. Concerto, am Eröffnungsabend zu bewältigen. Das Stück dauert normalerweise 50 Minuten, und fordert damit auch dem Zuhörer einiges ab, aber Paley überdehnte den ersten Satz auf gefühlte 45 Minuten. Dadurch entstand beim Zuhörer häufig der Eindruck der Beliebigkeit und Einförmigkeit in der Komposition. Das war insofern schade, da der Pianist durchaus über die Fähigkeit verfügt, solch ein monströses Werk zu gestalten, was auch gelegentlich zu beobachten war.
Auch bei dem anderen Hauptwerk von Alkan, der Grande Sonate op.33 (Die vier Lebensalter) behielt Paley seinen Interpretationsansatz bei. Zwar störte dies hier nicht so wie am Vorabend, aber die Chance, den Zuhörern die Einzigartigkeit dieses Werkes zu vermitteln wurde weitgehend vertan.

Ganz anders aber der zweite Pianist, Mark Viner. Ich hatte von diesem Musiker noch nie etwas gehört, und wir waren ausgesprochen überrascht von dem was wir zu hören bekamen. Die Etüden 4-7 aus op.39, der sog. Symphonie sind zwar etwas leichter zugängig als das am Vorabend gehörte Schwesterwerk, aber es wurde mit einem solchen Schwung und einer herrlichen Gestaltung bedacht, das der Applaus frenetisch war. Ich denke, von diesem Pianisten wird man noch hören (ich habe berechtigte Hoffnung, dass er für nächstes Jahr nach Husum eingeladen wird). Mark Viner wirkt vom Habitus etwas steif, aber sobald er vor dem Flügel sitzt blüht er förmlich auf. Auch bei den anderen kleineren Stücken von Alkan konnte er uns überzeugen.

Neben reiner Klaviermusik wurden auch zwei Sonaten für Cello und Klavier geboten. In beiden Fällen von dem noch sehr jungen Konstantin Bruns. In der Sonate von Chopin kam er noch nicht so aus sich heraus, wie man es sich gewünscht hätte, aber in der zum Abschluss des Festivals gespielten Sonate von Alkan hinterließ er zusammen mit Mark Viner einen ausgezeichneten Eindruck. Zwar sind beide Sonaten eher etwas „klavierlastig“ aber das Zusammenspiel war hervorragend, und Konstantin Bruns wusste sich zu behaupten. Übrigens spielte beim Chopin die junge Pianistin Alexandra Ismer, die für Libetta eingesprungen war. Sie hatte das Stück mit nur einer Woche Vorlauf einstudiert, und das Ergebnis war beeindruckend.

Insgesamt war es ein schönes Klavierfest, mit interessanten bis beeindruckenden Hörerlebnissen, und man kann gar nicht dankbar genug sein, dass so etwas jenseits der etablierten Veranstaltungen geboten wird.

Einen schönen Tag wünscht

Florestan
nikolaus (11.11.2013, 23:55):
Original von Florestan
Alkan Festival in Hamburg vom 8. – 10.11.

...
Insgesamt war es ein schönes Klavierfest, mit interessanten bis beeindruckenden Hörerlebnissen, und man kann gar nicht dankbar genug sein, dass so etwas jenseits der etablierten Veranstaltungen geboten wird.


Diesem Schlusssatz schließe ich mich gerne an!

Ich verfolge die Konzerte, die dieser Verein ausrichtet, schon seit längerem. Die Qualität der Konzerte ist wirklich außergewöhnlich, sowohl was die Programme betrifft (z.B. alle Klavierwerke zu zwei Händen von Johannes Brahms an drei Abenden), als auch die engagierten Künstler (z.B. Hamburg-Debut von Daniil Trifonov!).

Dieses Alkan-Wochenende war ein weiterer Höhepunkt, und man muss der Organisatorin und den Künstlern wirklich höchsten Respekt zollen!
Dass zudem trotz der krankheitsbedingten Absage Francesco Libettas das Wochenende nahezu ohne Programmverlust durchgeführt werden konnte, ist eine ebenso großartige Leistung aller Beteiligten (einschließlich der Umblätterin, die wenige Stunden vor Konzertbeginn einsprang).

Ich gebe zu, dass mich die wenigen Werke Alkans, die ich bisher kannte, nicht besonders überzeugt haben. Nach diesem Wochenende kann ich aber wirklich die Begeisterung der eingeschworenen "Alkan-Fans" nachvollziehen.
Dabei ist die teilweise "abartige" Virtuosität seiner Werke in meinen Ohren nur ein kleiner Teil seines Faszinosums und lenkt bisweilen von der inhaltlichen Tiefe ab. Seine kompositorischen Fähigkeiten waren wirklich enorm und nicht nur zu damaligen Zeiten wohl nahezu einzigartig. Seine Klangmalereien und seine Fähigkeit, vergleichsweise schlichtes Material so zu variieren, dass der Zuhörer immer wieder überrascht wird, sind beeindruckend!
Die Dimensionen mancher seiner Werke sind für mich allerdings noch gewöhnungsbedürftig (Concerto, Grande Sonate), zumal man diese auch und gerade in der Gesamtheit seines Schaffens sehen muss.
Übrigens hat Paley am Ende des ersten Satzes des Concertos eineinhalb Seiten spontan wiederholt...
Interessant war für mich auch der unterschiedliche Zugang der beiden Pianisten Alexander Paley und Mark Viner (übrigens auch erst 24 Jahre alt!): ersterer überwältigt mit Kraft und Virtuosität, letzterer spielt filigraner, subtiler.
Schwer beeindruckt war ich auch von dem erst zwanzigjährigen Cellisten Konstantin Bruns, der sich an direkt zwei neue Partner gewöhnen musste, und beides funktionierte bestens!

Also ein tolles Wochenende abseits des gewohnten Repertoires mit vielen grossartigen jungen Musikern: Dank und Gratulation an alle - auch an die Enlische Kirche Hamburg St. Thomas Becket mit ihrer Akustik!

Nikolaus.
Gamaheh (12.11.2013, 14:12):
All dem wüßte ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, daß ich es immer wieder wunderbar finde, wie Alexander Paley sich die Musik im wahrsten Sinne des Wortes „aneignet“, d.h. zu seiner eigenen macht - und sich dann auch entsprechend darin wie zuhause fühlt. Nicht viele Musiker haben den Mut, das zu tun, denn das mögen nicht alle. Besonders schön fand ich es auch, wie ihm bereits Bachs Italienisches Konzert nicht genügend Noten zu haben schien und er völlig ungeniert ad lib. eigene Verzierungen hinzuimprovisiert hat.

Um Alkans Concerto zu lernen, soll er sich gerade mal drei Wochen gegeben haben, weil er davor zu viel andere neue Musik zu bewältigen hatte; die Sonate hatte er wohl bereits vor einigen Jahren mal gespielt und innerhalb von einer Woche wieder aktiviert. Einer, für den das Klavierspielen so natürlich ist wie für andere das Atmen. Die Programme seiner Festivals geben einen kleinen Eindruck von seinem Repertoire:
Richmond, Va.
Moulin d'Ande
Florestan (12.11.2013, 18:41):
Original von Gamaheh

Besonders schön fand ich es auch, wie ihm bereits Bachs Italienisches Konzert nicht genügend Noten zu haben schien und er völlig ungeniert ad lib. eigene Verzierungen hinzuimprovisiert hat.




Hallo Gamaheh

Dieses Detail hatte ich vergessen zu erwähnen, denn mir ging es genau so. Das italienische Konzert ist ja etwas abgedroschen, aber so gespielt bekam es ein paar neue Aspekte. Und Paley hat das durchaus geschmackvoll gemacht und bravourös umgesetzt.

Heute Abend gibt es im Deutschlandfunk ab 22h05 einen Bericht. Der 2. und 3. Konzertabend wird auch bei Deutschland Radio Kultur übertragen. Termine werden noch bekannt gegeben.

Florestan
Jeremias (16.11.2013, 19:27):
Gestern Abend im Konzerthaus Dortmund:

Fazil Say, Klavier

Programm:

Wolfgang Amadeus Mozart Sonate für Klavier Nr. 10 C-Dur KV 330
Frédéric Chopin Sonate für Klavier Nr. 2 b-moll op. 35

- Pause -

Frédéric Chopin Ausgewählte Nocturnes
Frédéric Chopin Berceuse Des-Dur op. 57

Wer mich kennt, der weiss dass ich von Fazil viel halte, insbesondere als Komponist, aber auch als Pianist ist er teilweise äußerst spannend. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es ein denkwürdiger Abend wurde... so eine schlechte, nahezu abartige Darbietung habe ich seit vielen vielen Jahren nicht mehr gehört!

Fazil kam rein, setzte sich, Stuhl stand schräg und genauso begann er zu spielen..... er zerhackte diese wunderbare Sonate von Mozart, verjazzte sie an einigen Stellen, dirigierte das Klavier, tat so als würde er mit den kurz freien Händen den Klang verfeinern, beschwichtigen, was weiss ich und sang mit Leibeskraft mit... den Applaus bereits nach dem ersten Satz konnte ich nicht verstehen. Die Sonate von Chopin war einfach grauenhaft... viel zu viel Pedal, einfach nur groß im ersten Satz, einige falsche Noten, immer wieder seine störenden Gesten.... der Trauermarsch dann viel zu langsam, er verschluckte einige Töne in der linken Hand, das Finale wurde als Fingerübung abgetan.... am liebsten wäre ich ja in der Pause gegangen, war aber in netter Begleitung meiner Liebsten und zweier Freunde... also habe ich ausgehalten... die Nocturnes, diese heiligen Stücke, wurden entweiht! Das hatte mit Chopin gar nichts mehr zu tun... kein Singen, kein verweilen, stattdessen im Eiltempo durchgepeitscht, die Berceuse dann als Showpiece.... gott wie furchtbar! Zwischendurch zielte er mit einer freien Hand wie mit eienr Pistole auf das Innenleben seines Instruments.. Mit Isoldes Liebestod sowie einer neuen Version seiner 3. Ballade endete das Konzert, mir haben lediglich die Zugaben gefallen. Die Standing Ovations und Bravo-Rufe waren völlig fehl am Platze, Horowitz und Rubinstein werden sich im Grabe rumgedreht haben!

Er machte einen völlig fertigen Eindruck, als ob er Drogen genommen hatte, was er nach Aussage einer Freundin, die ihn privat kennt, wohl auch tut. Heute hat er Generalprobe für eine Aufführung seines Oratoriums "Nazim" für morgen in Frankfurt gehabt. Eine gute Freundin singt im Chor mit und bestätigte mir ihren Eundruck heute aus der Probe...

Lieber Fazil, bitte spiel Deine eigenen Werke oder virtuoses Futter, aber lass in Zukunft die Finger von Chopin und Mozart, danke!
Heike (17.11.2013, 00:00):
Lieber Jeremias,
der Mann scheint schon lange ein Schatten seiner selbst zu sein. Ich habe vor 2 Jahren ein ähnliches Fiasko (hier nachzulesen) mit ihm erlebt und mir damals geschworen, mir nie wieder ein Konzert mit ihm anzuhören - er war auch diese Saison in einem meiner Klavierabos drin, ich habe die Karte weggetauscht.

Und auch ich hatte schon damals den Eindruck, dass er irgendwas genommen hatte oder mindestens stockbesoffen war. Man will das ja niemandem unterstellen, aber der Eindruck drängte sich mir förmlich auf.

Lieber Fazil, bitte spiel Deine eigenen Werke oder virtuoses Futter, aber lass in Zukunft die Finger von Chopin und Mozart, danke!
Nee, ich denke, in so einer Verfassung sollte man die Bühne am besten ganz meiden!

Vor Jahren hatte ich ihn noch ganz anders erlebt, was für ein Jammer.
ab (18.11.2013, 14:58):
Letzte Freitag (15.11.2013) gastierte Vilde Frang bei uns in einem Sonatenabend gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Michail Lifits. Vor drei Jahren spielte sie zum ersten Mal bei uns, für Kopatchinskaja einspringend, nämlich das Sibelius-Konzert, das einen unvergesslichen Eindruck bei mir hinterlassen hatte. Damals begeisterte mich ihr schier unerschöpflicher Klangfabreichtum, mehr noch selbst als bei ASMutter, aber anders als bei dieser nicht manieriert im besten Sinne künstlich, sondern mit absoluter Natürlichkeit.

Mittlerweile 27-jährig spielte sie bei uns Violinsonaten von Mendelssohn-Bartholdy (F-Dur), Gabriel Fauré (Nr. 1), Wolfgang Amadeus Mozart (Nr. 22, KV 305) und Sergej Prokofiev (Nr. 2, op. 94a), also die Bearbeitung der Flöstensonate.

Tja, schon allein ein solches Programm abseits des Mainstreams erfreut schon sehr. Aber was soll man erst zu dieser Jahrhundertgeigerin sagen! Da bekommen die ganz normalen, geläufigen Audrücke bereis eine neuartige, einzigartige Bedeutung. Es wirkte so unmittelbar auf mich, als wären da gar keine Harmonien, keine Taktstriche, keine virtuosen Läufe, sondern nur mehr Musik. Energisch und dramatsch wäre ihr Spiel zu bezeichen; käme der Ausdruck nicht so ungekünstelt daher, dass diese Termini irgendwie unpassend erscheinen. Sensationell ist ihr Vibrato, das sie teils bis ins extrem Ausladende gehen lassen kann, das nie technisch, sondern immer im Dienste des Ausdrucks zu stehen scheint und nie Pathos aufkommen lässt, wie wir es aus der Galamian/DeLay-Schule kennen. In der ersten Phrase war einmal ein kleiner Ton, wo die Seite nicht richtig anzuspringen schien; sonst den ganzen Abend alles makellos, und zwar derart makellos, dass gar kein Gedanke daran aufkommen konnte, es könne überhaupt ein nicht-makelloses Spiel geben.

Ein Glücksfall ist auch ihr Begleiter Lifits, der dieselbe Freudigkeit an den Tag legte, gleich atmete und gleich viel gestaltete. Natürlich ist er nicht mit Vrangs Tiefe des Ausdrucks und ihrer Klangärbigkeit gesegnet, aber sonst ein nahezu idealer Klavierpartner.

Mendessohns Sonate konnte ich zum ersten mal etwas abgewinnen, so frisch und jugendlich jubilierend war das musiziert. Faurés Musik, bei deren Aufführungen es in der Regel fast immer an Spannung fehlt und daher ermüdet, war ganz klar, gut durchörbar strukturiert. Beim Mozart, die Messlatte für alle, wirkte nichts überinterpretiert (wie ich zuvor die Befürchtung hatte). Das funkelte nur so vor Jugendlichkeit und Energie, ohne ein klassisches Gleichmaß zu gefährden. Für mich war der kompositorische Höhepunkt die Prokofiev-Sonate, in der einmal mehr überraschete, wie es Vrang schaffte, nie vom Klavierklang überdeckt zu werden; und das umso mehr als unser Saal sehr heikel ist und sie nicht an jener einzigen Stelle stand, an der der Klang des Instruments gut trägt.

Ein Abend mit einem langen Programm, das so einnehmend vorgespielt war, dass keine Müdigkeit aufkommen konnte; und nach dem besonders langen und aufmerksamkeitsraubenden Arbeitstag hatt ich schon das Schlimmst für meine Konzentration befürchtet...

Fazit: Alles völlig unbefriedigende Worte für das, was zu hören war...
Jürgen (19.11.2013, 16:47):
Vorgestern war ich im Verdi-Requiem.
Pauluskirche, Darmstadt

Julie Davies - Sopran
Melanie Arnhold - Mezzosopran
Joel Montero - Tenor
Robert Hale - Bass (Hier gab es eine Umbesetzung. Hab mir den Namen aber nicht gemerkt)

Bach-Chor Darmstadt / Singakademie Frankfurt/Main
Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg
Leitung: Angela Gehann-Dernbach

Und zuvor gab es Mendelssohn-Bartholdys Orgelsonate Nr. 1 f-moll, weil die Orgel kürzlich renoviert wurde.
Wolfgang Kleber - Orgel
Die Sonate war nicht so mein Ding, einzig das kurze Adagio konnte mich mit seiner Schlichtheit überzeugen.

Das Requiem war manierlich, teilweise (Bass) sogar meine Erwartungen übertreffend.
Kurzum, ich hatte meinen Spaß.

Grüße
Jürgen
ab (22.11.2013, 17:42):
Gestern stand im Rahmen unserer lokalen Symphonieorchester-Saison Bartóks Violinkonzert Nr. 1 mit dem Ungarischen Geiger Barnabás Kelemen auf dem Programm: Phänomenal beredt und mit urwüchsig musikantischen Zugriff erklang kraftvoll eine natürliche Vielseitigkeit fern von Romantizismen und Pathos. Ironie, Sarkasmus, Humor, Trauer und Freude erklangen packend beherzt, wie ich das noch nie auch nur annähernd seutlich gehört habe. Ein ganz toller Musiker! Mir hat das noch einmal viel besser gefallen ist meine bisherige persönliche Referenzeinspielung mit Zehetmair und Iván Fischer. Kelemens Bartók-Aufnahmen bei Hungaroton unter und mit Zoltan Kocsis sind alles hochgelobt; ich zweifle nicht daran, dasss das zu Recht ist! Muss ich mir unbedingt anhören!

Wie man allerdings nach einer Bach-Zugabe dann noch einen Paganini-Reißer spielen kann, ist mir schleierhaft :ignore
Amadé (23.11.2013, 10:27):
Original von ab
Wie man allerdings nach einer Bach-Zugabe dann noch einen Paganini-Reißer spielen kann, ist mir schleierhaft

Ich erlebte einst, wie Nathan MIlstein nach zwei Bach-Sonaten und der d-moll-Partita als Zugabe zwei Capricen von P. spielte. Vielleicht hatte er den Eindruck, dass nach soviel Konzentration etwas "Leichteres" anstünde.

Gruß Amadé
:hello
Amadé (23.11.2013, 10:59):
Anna Gourari gastierte gestern Abend bei Piano-Solo in Olpe. Ich habe schon von minimalistischer Musik vernommen, minimalistische Programme sind mir jedoch neu. Wir alle wissen, dass sich mit Klaviermusik von Bach und Chopin von jedem einzelnen Komponisten mehrere Recitals füllen lassen, ohne dass ein Werk wiederholt werden muss. Nicht so gestern Abend. Da spielte Gourari die d-moll-Chaconne sowie das Choralvorspiel "Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ" in der Bearbeitung von Busoni. Von Chopin folgte dann noch das 1.Scherzo in h-mol op.20. - Pause -
Im 2. Teil spielte sie das bekannte h-moll-Präludium von Bach in der Siloti-Fassung. Im zweiten Chopinteil folgten nun 3 Mazurken, das Nocturne cis-moll op. posth. sowie das 4. Scherzo E-dur op.54. Also Zugaben zwei weitere Mazurken.
Ich hatte den Eindruck, dass sich die Künstlerin bei der einleitenden Chaconne nicht wohl fühlte, vielleicht spürte sie, dass dies nicht unbedingt ihre Welt sei. Romantisch, hochromantisch mit viel viel Pedal rauschte Busonis Bearbeitung an den Ohren vorbei. Ist Busoni ein Romantiker? Die beiden anderen Bach-Werkchen, eigentlich Zugabe-Stücke, kamen überzeugender. Bei Chopin hatte ich den Eindruck, dass Gourari dort von ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit diesem Komponisten profitieren konnte. Trotzdem war ich im Ganzen von ihren Interpretationen enttäuscht. Der Mittelteil des 1. Scherzos spielte sie mir viel zu unruhig, zwischen den drei Mazurken gab es kurze Pausen, in denen G. Nach oben blickte, als überlegte sie, welche sie denn nun vortagen solle. Am Überzeugendsten spielte sie das bekannte cis-moll-Norcturne. Der gesamte Klavierabend hatte etwas Fahriges, Unfertiges, fast Improvisiertes. Steckt die Künstlerin in einer Krise?
Gruß Amadé
nikolaus (24.11.2013, 23:30):
Absoluter Höhepunkt meiner besuchten Konzerte 2013:

Martha Argerich und Gidon Kremer in der Salle Pleyel in Paris


M.Weinberg: Sonate für Violine und Klavier no. 5 op. 53

L.v.Beethoven: Sonate für Violine und Klavier no. 10 op. 96

———

M.Weinberg: Sonate für Violine no. 3 op. 126

L.v.Beethoven: Sonate für Violine und Klavier no. 8 op. 30/3

Zugaben: L.v.Beethoven: 1. Satz aus der "Kreutzer-Sonate", ein Tango


Was für Musiker! Was für eine Partnerschaft!
Das Adagio aus Beethovens 10. Violinsonaten war überirdisch schön. Die 8. Violinsonate vibrierte nur so vor Spannung und Lebendigkeit.
Die bisweilen vertrackte Rhythmik in Weinbergs Sonate für Violine und Klavier schüttelte Martha nur so aus dem Ärmel.
Die Sonate für Violine no. 3 - nach Kremers eigener Meinung eines der schwerste Werke für Violine solo - ließ einen ganz ehrfürchtig erstaunen.
Der erste Satz der Kreutzer- Sonate überwältigte vor ungebändigter Lust am Musizieren.
Der Tango traf mitten ins Herz.

Wie sich Martha und Gidon nicht nur ergänzen, sondern
hörbar gegenseitig inspirieren und befeuern, ist unglaublich!
Sie wirken so jung - nein: alterslos - wenn sie zusammen musizieren.

Mieczlaw Weinberg war mir (Schande über mich) bisher nicht bekannt. Seine Nähe zu Shostakovich (mit dem er eng befreundet war) und Bartok ist sehr reizvoll. Die 1979 veröffentlichte Violinsonate mag etwas anachronistisch wirken, ich halte sie für ähnlich zeitlos wie ihre berühmten Vorgänger wie Beethoven und Bach.

Über den Wolken von Paris schwebend,

Nikolaus :engel
palestrina (25.11.2013, 05:05):
Hallo nikolaus ,

da kann man sich nur für dich freuen und ganz neidisch sein ! ?(

LG palestrina
Jeremias (25.11.2013, 10:10):
Ein Freund von mir hat dasselbe Programm auch in Wien gehört.... beneideswert!
Jussi (25.11.2013, 17:13):
Die Wiener Presse war auch ganz euphorisch! :down

http://diepresse.com/home/kultur/klassik/1481609/Martha-Argerich-Gidon-Kremer_Das-TraumDuo?from=gl.home_kultur

und in Luzern ...

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/buehne_konzert/musikalische-einheit-1.18184134

Ein Traum, die beiden erleben zu können! :) :)
ab (25.11.2013, 18:06):
Und weils mich sehr interessiert: Wie war Kremers Intonation? Jüngst spielte er bei uns Schostakowitschs 1. Violinkonzert a-Moll op.77 - eine technische Überforderung, eigentlich zutiefst peinlich - sehr traurig bei dieser hochsensiblen Musikalität...
Jeremias (27.11.2013, 13:28):
Gestern Abend im Zeughaus Neuss:


Dietrich Henschel, Bariton
Florian Uhlig, Klavier


Franz Schubert (1797–1828)
Prometheus (Goethe)
Grenzen der Menschheit (Goethe)
Gruppe aus dem Tartarus (Schiller)
Elysium (Schiller)

Hugo Wolf (1860–1903)
Neue Liebe (Mörike)
Denk es, o Seele (Mörike)
Der Feuerreiter (Mörike)

Robert Schumann (1810–1856)
Dein Angesicht (Heine)
Abends am Strand (Heine)
Es leuchten meine Lieder (Heine)
Mein Wagen rollet langsam (Heine)

Franz Liszt (1811–1886)
Es war ein König in Thule (Goethe)
Der Alpenjäger (Schiller)
Die Loreley (Heine)

Robert Schumann
Belsazar (Heine)
Franz Liszt
Die drei Zigeuner (Lenau)

Hugo Wolf
Lied vom Winde (Mörike)

Franz Schubert
Erlkönig (Goethe)

Hugo Wolf
Grenzen der Menschheit (Goethe)
Prometheus (Goethe)

Als Zugabe gab es ein Sonett von Pfitzner.

Es war ein hoch interessanter Abend zweier toller Künstler, wobei es ein sehr sehr anstrengendes Programm war, welches von der Dramatik lebte. Hentschel fühlt sich ja in nahezu jeder Epoche und jedem Genre zu Hause. Mein guter Freund Florian hatte für meinen Geschmack am Anfang etwas mit dem Flügel zu kämpfen, was er mir danach bestätigte. Er habe deb Flügel erst warmspielen müssen. Er war aber der heimliche Star des Abends, was er mit seinen Tasten zauberte, das war atemberaubend! Henschel konnte vor allem in den Passagen überzeugen, in denen er mit Mimik, Gestik und etwas Schauspielerei arbeiten konnte. Wie schön, dass neben mir kein geringerer als der große Tenor Josef Protschka sass, der süffisant nach einer der Balladen von Wolf meinte, Henschel habe gekniffen und am Ende oktaviert :cool

Alles in allem war es ein toller Abend zweier großer Künstler. Und bei dem Pianisten bekomme ich eventuell demnächst einmal ein paar Privatstunden :D :D :D
nikolaus (28.11.2013, 21:42):
Original von ab
Und weils mich sehr interessiert: Wie war Kremers Intonation? Jüngst spielte er bei uns Schostakowitschs 1. Violinkonzert a-Moll op.77 - eine technische Überforderung, eigentlich zutiefst peinlich - sehr traurig bei dieser hochsensiblen Musikalität...

Ich bin sicher nicht der richtige, darüber zu urteilen.
Für mich hat er überhaupt keine Schwächen hören lassen, im Gegenteil.

Nikolaus.
nikolaus (28.11.2013, 22:56):
Am Dienstag Abend im Théâtre de la Ville in Paris:

Partita 2

Anne Teresa de Keersmaker - Choreographie und Tanz
Boris Charmatz - Choreographie und Tanz
Amandine Beyer - Violine

Das war ein überaus interessanter und fordernder Abend:

Sich des "Berges" Bach bewusst und diesen respektierend und akzeptierend haben de Keersmaker und Charmatz eine Choreographie zu der Sonate Nr. 2 für Violine solo entwickelt.
Wenn ich das kurze Interview auf französisch im Programmheft richtig verstanden habe, wollen sie nicht interpretieren, sondern der grossartigen Musik etwas zur Seite stellen, das den einen oder anderen Aspekt (den Kontrapunkt, "gebrochene Linien") herausstellt.
Das klingt kopflastig, ist es auch, das Ergebnis hat mich aber verblüfft.

Der Abend begann Amandine Beyer, die die Sonate alleine auf der Bühne in vollkommener Dunkelheit spielte. Das stelle ich mir ungemein schwer vor, weil die Orientierung des ganzen Körpers nahezu aufgehoben ist. So hatte ich den Eindruck, sie spielte etwas vorsichtig, zaghaft, was für mich sehr reizvoll klang. In der Sarabande brach sie unvermittelt ab und verliess die Bühne.
Dann erschienen de Keersmaker und Charmatz auf der nun beleuchteten Bühne. Die Choreographie ist auf den ersten Blick unspektakulär und besteht zu grossen Teilen aus kreisförmig angeordnetem Laufen, unterbrochen von kleineren Sprüngen und Drehungen, oft in Schattenposition oder gespiegelt; wenig Körperkontakt. Sie beendeten ihren Part und verliessen die Bühne.
Dann kamen alle drei zurück: Amandine Beyer als "exzentrischer Mittelpunkt" im hinteren Teil der Bühne spielte erneut die Sonate Nr. 2, diesmal komplett. Von diesem Mittelpunkt ausgehend machte die Choreographie plötzlich Sinn, die Architektur der Musik wurde zu grossen Teilen "sichtbar" - verblüffend.

Solch ein Abend fordert natürlich das Publikum, insbesondere im ersten, rein musikalischen Teil in Dunkelheit, der prompt mit nachlassender Konzentration zerhustet und - Entschuldigung - zerrotzt wurde. Schade insbesondere für Amandine Beyer, die das fabelhaft gemeistert hat.

Nikolaus.
nikolaus (28.11.2013, 23:34):
Und gestern in Paris, im Auditorium du Louvre:

Pavel Haas Quartett
Daniil Trifonov

D.Shostakovitch: Streichquartett Nr. 1 op. 49

A.Dvorak: Streichquartett Nr. 10 op. 51
D.Shostakovitch: Klavierquintett op. 57

Zugabe: Wiederholung des Scherzo


Auch ein exzellenter, interessanter Abend:
Das Pavel Haas Quartett habe ich vor fast genau einem Jahr in gleicher Besetzung mit einem gemischten Programm aus Brahms, Janacek und Beethoven gehört. Seitdem ist es noch homogener geworden; die fabelhafte Primaria hat ihre "Jungs" im Griff ohne sich in den Vordergrund zu drängen; das Zusammenspiel ist grossartig. Das Auftreten des Quartetts war betont entspannt ohne Spannungsverlust im Spiel.
Das Streichquartett Nr. 1 von Shostakovitch kannte ich noch nicht; es kommt deutlich unbeschwerter daher im Vergleich zu den späteren.
Das Dvorak Quartett strahlte eine wundervolle Ruhe aus (ohne einzuschläfern..).
Zur Sache ging es dann in Shostakovitchs Quintett, das ich bisher noch nicht mit einem festen Ensemble gehört habe. Das ausgefeilte Zusammenspiel war enorm beeindruckend, aber die Spontaneität einer nicht an einander gewöhnten Besetzung hat auch Vorteile.
Bei Trifonov bin ich mir nicht sicher, ob er sich zur Zeit in der Kammermusik wirklich wohl fühlt. Die solistischen Passagen waren grossartig, im Zusammenspiel findet er meiner Meinung nach (noch) nicht immer die richtige Balance.

Nikolaus.
ab (29.11.2013, 09:30):
:thanks
Gilad Pellaeon (11.12.2013, 13:29):
Gestern habe ich in der Philharmonie Essen folgendes gehört und gesehen:

The English Concert and the English Concert Choire unter der Leitung von Harry Bicket
Julia Doyle (Sopran), Jennifer Johnstone (Mezzosopran), Joshua Ellicott (Tenor), Benjamin Bevan (Bass)

Georg Friedrich Händel: Messiah (HWV 56)

Ich bin noch immer sprachlos von diesem Konzert. Mir war bereits vorher bekannt wie gut das English Concert ist, nicht zuletzt durch diverse CDs die ich von ihnen besitze (u.a. die Bach Concerti und die Händel Concerti, damals noch mit Pinnock als Dirigent) und habe mich sehr auf die Möglichkeit gefreut einerseits das English Concert live zu erleben und andererseits den Messias auf Englisch zu hören. Das Ensemble hat hervorragend gespielt, der Chor war perfekt abgestimmt und sehr Klangmächtig, ebenso die Solisten die während des ganzen Konzerts überzeugen konnten. Die im dritten Teil des Messias hinzugekommenen Trompeten und Pauken waren vom Klang her auch makellos, gerade der Klang der zwei barocken Trompeten war über den Chor und das Orchester perfekt herauszuhören, klangen jedoch keineswegs zu aufdringlich sondern perfekt in die Situation passend.

Das Konzert hat mich jedenfalls völlig überzeugt, ich bin nach wie vor hell auf begeistert vom English Concert und hoffe das sie nochmal nach Deutschland kommen und ich die Gelegenheit habe sie hier zu sehen.

:times10
Jeremias (11.12.2013, 16:47):
Gestern im kleinen Saal der Folkwang Hochschule Duisburg:

Herbert Schuch, Klavier

Schubert: Sonate C-Dur 840
Janacek: Auf verwachsenen Pfaden: 1. Unsere Abende; 2. Ein verwehtes Blatt; 3. Kommt mit uns!
Schubert: Moments Musicaux D.780, Heft 1
u.a.

- Pause -

Schubert: Sonate a-Moll D.845

Ich habe ihn vor 7 Jahren erstmals gesehen und konnte gestern merken, was für eine Entwicklung er gemacht hat... von einem Talent zu einem Pianisten, der in der Champions League spielt! Leider musste er mit einem Bechstein Vorlieb nehmen, der Steinway soll schlimm gewesen sein. Und so konnte er dem Flügel nicht die Töne entlocken zu denen er sonst fähig gewesen wäre. Trotzdem konnte man ein schlüssiges Konzept erkennen, mir gefiel die Gegenüberstellung mit Janacek unglaublich gut! Er wird insgesamt 5 solcher Programme die kommenden Jahre aufführen, Highlight wird dann das letzte in zwei Jahren mit Schubert D958-960.

Es war unbeschreiblich zu sehen, wie er die Spannung bis in die Fingerspitzen aufbaute, wie bedacht er das linke Pedal einsetzte... ich bin heute noch total "geflashed". Als Zugabe gab es dann wie vor 7 Jahren auch "La campanella".

Schuch's Verlobte sass direkt neben uns und plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen. Es war erst das zweite Mal, dass er dieses Programm spielte. Ich kannte sie übrigens und so konnte ich mich mit ihm nach dem Konzert unterhalten. Wir treffen uns demnächst auch privat, was sicherlich ein Erlebnis werden wird :D Ein ganz bescheidener Pianist, unglaublich sympathisch! Übrigens erzählte mir seine Verlobte, er wolle den Bösendorfer, den er bei seinem Sieg des Beethoven Wettbewerbs in Wien erhalten hat, verkaufen. Wenn er mir zusagt, dann nehme ich ihn :D :D
Cetay (inaktiv) (02.01.2014, 14:17):
Verehrtes Publikum, heute werden Sie ein Konzerterlebnis der ganz besonderen Art genießen. Sie werden ein Meisterwerk der abendländischen Musikkultur frei von den Störungen rücksichtsloser Huster und Räusperer erklingen hören. Zu diesem Zweck werden wir an den Rändern der Bühne, auf der Chorempore über der Bühne und an allen Eingängen Scharfschützen postieren. Diese sind mit Detektoren ausgestattet, welche zuverlässig die Quelle eines jeden Geräusches über 50 Dezibel aus dem Publikum anzeigen. Sollte ein solches Geräusch während der Konzertdarbietung -dazu gehören auch die Pausen zwischen den Sätzen!- geortet werden, wird der Verursacher sofort per Kopfschuss liquidiert. Sollten Sie also glauben, dass sie nicht in der Lage sein werden, laute Geräusche während der Aufführung zu vermeiden, so sei Ihnen nahegelegt, jetzt den Saal zu verlassen. In 5 Minuten werden die Eingänge versperrt.

Raunen, Tuscheln, nur ganz sporadisch lautstarkes Schimpfen – niemand verlässt den Saal. Was für Schwachmaten, denke ich. Die glauben wohl, wir sind hier in einer dieser lustige-Streiche-mit-versteckter-Kamera Veranstaltungen. Auch als die in graue Kampfanzüge gekleideten Männer und Frauen mit ihren beeindruckenden Gewehren die Posten beziehen und ruhig die Schalldämpfer aufschrauben, geht niemand. So abgestumpft und verblödet sind sie von ihrem jahrelangen TV-Konsum, dass sie die Gefahr nicht riechen. Vielleicht glauben sie ja sogar, es gehört dazu. Vielleicht ist das ja eine dieser neumodischen Inszenierungen, so etwas ähnliches wie das Regietheater, das manche Menschen mit einer Leidenschaft bekämpfen, die einen glauben machen könnte, sie und die Welt hätten keine anderen Probleme.

Das Licht im Saal wird gelöscht, die ersten Takte heben im Pianissimo an, zerschnitten von einem Donnerschlag aus hemmungslos lautstark durch den Hals heraus gepresster Luft. Kurz danach gibt es Schreie und Tumulte von der Loge zu hören. Ich wende mich um, sehe den leblos über die Reling hängenden Körper und beobachte das wie in Zeitlupe herunter tropfende Blut. Die Musik hört auf, das Licht geht an und der Ansager tritt nochmals hervor.

Wertes Publikum, ich möchte Sie nun ein letztes Mal eindringlich bitten, die Vorführung nicht zu stören. Es sei denn, sie wollen das Schicksal dieses bedauernswerten Mitpublikanten teilen. Die Möglichkeit zu gehen, wurden Ihnen gewährt. Nun da Sie geblieben sind, verhalten Sie sich bitte so, dass sie am Leben bleiben. Das Licht im Saal wird gelöscht, die ersten Takte heben im Pianissimo an und breiten sich vor einer Kulisse aus Totenstille aus. Ich wusste es! Solange es nur um den ungestörten Kunstgenuss von tausend zahlenden Zuhörern geht, können sich diese ** nicht zurückhalten. Doch jetzt kommt es ans Tageslicht. Sie können sich sehr wohl beherrschen, wenn man sie nur eindringlich genug dazu auffordert. Es ist alles eine Frage des Willens. Der Gedankengang wird durch das Klingeln eines Handys unterbrochen und die Erkenntnis, dass es meines ist, wird unter einem explodierend-stechenden Schmerz begraben. Das Licht geht aus, die Musik verklingt.

(Ausgedacht während des "Genusses" von Beethovens Violinkonzert gestern in der Stuttgarter Liederhalle; inspiriert von Stiff Chaineys Erzählung FASZINATION - Kunst)
Heike (02.01.2014, 18:53):
Herrlich! Das müsste man mal ansagen lassen, statt des üblichen "Ladys and gentlemann... the use of cameras an mobile phones in the hall is not allowed.."
Ganz ehrlich, ich bewerbe mich sofort als Scharfschützin in diesem Stück!!!! (*duck und weg*)
Jeremias (20.01.2014, 10:27):
Gestern Abend in der Kölner Philharmonie:


Daniil Trifonov Klavier
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Mikhail Pletnev Dirigent

Alexander Glasunow
Prelude
aus: Iz srednich vekov (Aus dem Mittelalter) op. 79 (1901/02)

Frédéric Chopin
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21 (1829/30)

Pause

Dmitrij Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 (1945)

Mein Gott, ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll... bei dem Solisten der absoluten Spitzenklasse, bei dem wunderbaren Orchester, bei dem besten Publikum seit Ewigkeiten?

Bereits der Einstieg in das Konzert war mehr als gelungen. Ein mir bislang unbekanntes Werk, in welchem die einzelnen Orchestermitglieder bereits teilweise ihre solistischen Fähigkeiten unter Beweis stellen konnten, höchst interessant!

Dann kam Trifoniv, es war mein drittes Konzert, jedoch das erste mit Orchester. Die Instrumentierung des Orchesters etwas ungewöhnt, hier und da leider auch im gesamten Verlauf etwas unsauber. Wunderbar aber zu sehen wie Pletnev Einsätze gab, sich den einzelnen Instrumentengruppen zuwandte. Wie er die Pizzicati im 2. Satz der Kontrabässe exakt einsetzte, war grandios! Dies trifft auch auf Trifonov zu! Welch wunderbare Klänge er produzierte, wieviel Zeit er sich im zweiten Satz nahm, wie virtuos das Finale.... man muss es erlebt haben! Die Spannung in der Philharmonie konnte man spüren, schon aufbrandender Applaus nach dem ersten Satz, der sich am Ende derart entlud, wie ich es seit Jahren nicht erlebt habe! Zwei Zugaben, mehr ging nicht....

Der Schostakowitsch war wiederum ganz auf das Orchester und die einzelnen Solisten ausgelegt. Teilweise heiter, nahezu Film- oder Kirmesmusik, dann aber auch wieder retrospektiv den Krieg betrachtend... Donnender Applaus auch hier, als Zugabe einen slawischen tanz von Dvorak.

Nachher signierte Trifonov seine CDs und auf dem Weg zu seinem Signiertisch wäre ich dann fast mit ihm zusammen geprallt :cool :cool

Was ein grandioser Abend, was ein Einstieg für 2014!
ab (21.01.2014, 13:07):
Gestern gastierte bei uns das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer und dem Pianisten Alexander Toradze (20.1.2014). Russisch das Programm: Borodin: „Polowetzer Tänze“, Prokofjev: Klavierkonzert Nr. 3, Tschaikowski: Symphonie Nr. 6, letzteres mit einfühlsamen Worten seinem in der Früh des Tages verstorbenen Freund Claudio Abbado zum Gedenken gewidmet.

Es war das bislang wohl beste Konzert, das ich mit diesem Orchester gehört habe. Aber nicht nur das, ich glaube, es war auch das beste Klavierkonzert, das ich je im Konzert gehört habe: Alexander Toradze zauberte eine atemberaubend überwältigende Vielfalt von schroffer Rhythmik über beißenden Sarkasmus und grotesken Witz bis zu zarter Lyrik. Mir fehlen die Worte für etwas, was Virtuosität und Manuales völlig vergessen lässt, komplett in den Bann zieht und die Komplexität des Klaviersatzes in seinen verschiedenen Linien so völlig einfach und natürlich wirken ließ. Ich werde nicht umhinkommen, mir seine Aufnahmen bei Philips zu Gemüte zu führen.
:down

Sonst wie immer bei Iván Fischer: Wirklich erfüllend empfinde ich sein Dirigat nie in seiner ent-dramatisierenden Art, die mir in Konzerten immer etwas nüchtern anmutet. Mich fastziniert viel mehr, wie der Klang dieses Spitzenorchesters - so wie der samten-weiche Klang der Wiener Philharmoniker - hier mit berstender (nicht-dramatischer) Intensität sozusagen "kühl" glüht. Es ist mir schleierhaft, wie sie es schaffen, Steigerungen nicht durch dynamische Zunahme zu gestalten, sondern mittels Zunahme der Intensität, die so wirkt, als könnte sie grenzenlos immer weiter gesteigert werden.

Schon seit langem kommt es mir vor, als erziele Fischer immer stärker so etwas wie eine Cinemascope Breitbandwirkung: der Klang wird nämlich nicht wirklich füllig, sondern geht in die Breite. Nun meine ich eine Ahnung bekommen zu haben, wie er es macht: Während die Streicher und Holzbläser in tänzerischer Manier akribisch genau atmend artikulieren, setzte das Blech in ebenjener schwingender Art ein, um dann aber ganz geradlinig, fast blockhaft, den Ton auszudehnen, und zwar ohne An- oder Entspannung: Mir mutet das an, als würde er so harnoncourtsche Klangrede mit der Wirkung von Klangflächen der s.g. Avantgarde zusammenbringen. Wie hört ihr das?
:hello
nikolaus (21.01.2014, 15:10):
Original von Jeremias
Gestern Abend in der Kölner Philharmonie:


Daniil Trifonov Klavier
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Mikhail Pletnev Dirigent

Alexander Glasunow
Prelude
aus: Iz srednich vekov (Aus dem Mittelalter) op. 79 (1901/02)

Frédéric Chopin
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21 (1829/30)

Pause

Dmitrij Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 (1945)

...

Was ein grandioser Abend, was ein Einstieg für 2014!

Ja, es war grandios!

Für mich sind die Bremer ein ganz besonderes Orchester, gleich unter welchem Dirigenten.
Eigentlich kann man es bei der Qualität der Mitglieder als Solistenorchester bezeichnen, und trotzdem ist es sicht- und hörbar eine Einheit.
Eigentlich brauchen sie keinen Dirigenten, und trotzdem folgen sie ihm sicht- und hörbar.
Und dieser Biss, diese Lust am Musizieren ist immer wieder überwältigend.

Trifonov ist ein Musiker durch und durch, der in seiner eigenen Welt zu leben scheint. Sowohl als Kammermusiker als auch im Orchesterkonzert erscheint er mir immer etwas isoliert, und trotzdem ist es musikalisch ein gegenseitiges Inspirieren (ich weiss gar nicht, wie ich es beschreiben soll…).
Absolut faszinierend!

Nikolaus.
Jeremias (21.01.2014, 15:52):
Ich hoffe Du hast auch schon Karten für den 9.4.?
nikolaus (21.01.2014, 22:04):
Noch nicht :wink
AcomA (25.01.2014, 15:32):
Hallo,

Prinzregententheater Muenchen am 23. Januar:

Daniil Trifonov, piano
Mikhail Pletnev, cond.
Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Chopin - 2. Klavierkonzert
Schubert/Liszt - Liedtranskription (Zugabe)
Ravel - Alborada del grazioso (Zugabe)

Pause

Beethoven - 7. Sinfonie
Bach - Air aus 2. Orchestersuite (Zugabe)

Fuer mich war es ein großartiges Ereignis. Das 2. Chopinkonzert habe ich nun zum dritten Mal live gehoert. Die Darbietung mit François-René Duchable in Wuppertal war vor Jahren war sehr stark. Die Bremer haben mit Pletnev einen Pianisten als Dirigent gehabt, so dass er ein gutes 'Auge' auf der Praesentation hatte. Trifonov spielt mit intensivem Koerpereinsatz und sehr sonor. Er kostet Rubati sehr aus, ohne den Zusammenhalt zu verlieren. Sehr transparente Linienführung. Duchable war der sensibel-elegante und coole Darbieter. Trifonov wird das in 20 Jahren wohl auch anders machen. Lustig war, wie Pletnev ihm dann das Szenario fuer die Zugaben ueberlies.

Nach der Pause war es fuer mich eine Sternstunde. Das Kammerorchester ist exzellent, praezise und doch sehr warm. Die Musiker gingen ' voll rein' ! Pletnev mit sparsamen aber sehr präzisen Gesten. Der 2. Satz wurde richtig organisch entwickelt, das Scherzo und Finale euphorisierend. Und dann die Zugabe. Das war so ergreifend und aetherisch ! Man war (auch die Musiker) den Traenen nahe ! Das Publikum gab in beiden Teilen standing ovations. Das Prinzregententheater ist ein toller Ort, man ist nah dran.

LG, Siamak
Jeremias (25.01.2014, 15:54):
Lieber Cousin,

nimm Dir doch den 9.4. frei und komm mit nach Köln ;)
Jeremias (03.02.2014, 10:56):
Gestern Nachmittag im Konzerthaus Dortmund:

Tonhalle-Orchester Zürich
David Zinman Dirigent
Stephen Hough Klavier


Sergej Rachmaninow Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43

Sergej Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-moll op. 27


Leute Leute, das war unbeschreiblich! Ich hatte die Rhapsodie vor Weihnachten erst mit Nareh Arghamanyan und den Essenern gehört. Es war mit gestern nicht zu vergleichen! Vom ersten Ton an eine unglaubliche Präsenz, keine Scheu auch wirklich das Werk voll auszuspielen, d.h. satter Klavierklang, satte Bläser, satte Streicher... Hough einmal mehr als Pianist der Superlative! Sowohl zupackend, als auch absolut filigran, seiner Klangpalette ist so unendlich breit gefächert, dazu seine absolut ökonomische Art am Klavier, keine Bewegung, keine Mätzchen, einfach die Finger sprechen lassen.... Tosender Applaus, seine "Moscow Nights" als Zugabe.

Nach der Darbietung wusste ich, dass uns nach der Pause Grosses, ganz Grosses erwarten würde und ich sollte Recht behalten. Zinman, der dieses Jahr bereits 78 Jahre alt wird, in der Blüte seiner musikalischen Schaffenskraft... ihm verdanke ich meinen Zugang zu Mahler, ich wollte ihn und die Züricher unbedingt einmal live erleben... Ich kann es nur schwer beschreiben was er aus der Sinfonie machte, es war ein Wirbelsturm der Emotionen, es war etwas ganz ganz großes! Nach den wuchtigen Schlusstönen orkanartiger Beifall, lange Standing Ovations und als Zugabe das Vorspiel zum 3. Akt des Lohengrin... Herz, was willst Du mehr?!
AcomA (03.02.2014, 21:01):
Lieber Jeremias,

Wow ! Ja, Hough ist Wahnsinn, ich hoere seine Live-Aufnahmen der Tschaikowsky-Konzerte mit dem Minnesota SO !

LG, Siamak
Jeremias (04.02.2014, 13:55):
Erinnerst Du Dich an die beiden wunderbaren Abende mit ihm in Bochum und Düsseldorf? Ich meine Du warst beide Male dabei. Aber mit Orchester hat er noch ganz andere Qualitäten gezeigt, es war sensationell...
nikolaus (04.02.2014, 19:21):
Bereits letzte Woche:

Mitsuko Uchida in der (fast vollen!) Kölner Philharmonie:

F.Schubert: Sonate für Klavier G-Dur D 894
L.v.Beethoven: 33 Veränderungen C-Dur über einen Walzer von Anton Diabelli op. 120

Mitsuko Uchida hatte ich bisher noch nie live erlebt und war einfach neugierig. Ihr Schubert gefällt mir gut, dagegen ihr Beethoven-Klavierkonzert-Zyklus nicht so.

Dieses live-Erlebnis war insgesamt sehr beeindruckend:
Zunächst ist sie eine ganz sympathische Erscheinung auf der Bühne.
Und zu welchem kraftvollen und intensiven Spiel diese zarte Person in diesem riesigen Saal fähig ist, hat mich sehr fasziniert.
Schubert spielte sie wie erwartet über alle Kritik erhaben, und auch ihr Beethoven hat mir gut gefallen. Manches hätte ich mir zwar etwas akzentuierter gewünscht, aber wie sie diesen immensen Variationenzyklus ohne spannungsverlust nicht nur bewältigte, sondern dabei auch den Charakteren der einzelnen Variationen gerecht wurde - Chapeau!

Keine Zugabe - verständlicherweise, hätte einfach nicht gepasst.

Nikolaus.
Amadé (17.02.2014, 09:12):
@ Heike

Hallo Heike,
ich warte noch auf Deine Anmerkungen zum Pogorelich-Konzert letzte Woche in Berlin. ?(
Gruß Amadé
Heike (17.02.2014, 19:09):
@Amadé
Ich hab einfach zu wenig Zeit im Moment :-(

Aber das Konzert war typisch Ivo. Technisch war er besser drauf als letztes Mal, weil nicht so unkonzentriert. Da kann man nix sagen, er kann das noch spielen. Trotzdem, ein wenig vermisste ich seinen alten Schwung, fast würde ich meinen, er wird vorhersehbar. Klanglich ist er immer noch toll, vor allem im pianissimo und wenn er volle Akkorde weichzeichnen kann. Aber mir fehlte manchmal das Funkeln, auch die Rasanz. Ich glaube, er wird immer mehr zum Maler mit dem anschmiegsamen Pinsel (wo er früher mal hier und da nen scharfen Strich hingesäbelt hatte).

Ich hätte z.B. gedacht, dass er in Beethoven mehr Existenzialismus reinbringt. Nö. Er zelebrierte Langsamkeit. Schon im Grave der Pathetique, aber dann erst recht am Beginn der Appassionata. Halbes Tempo würde ich sagen. In der Pathetique fand ich das passend. Aber die Appassionata hat mich so nicht überzeugt. Er wechselte ständig die Tempi und dann verliert das ganze Stück den Puls, finde ich. Diese eine Sonate hatte fast was Zwanghaftes, Gefesseltes, den Eindruck hatte ich vorher noch nie bei ihm. Die beiden "kleinen" Sonaten (F-Dur op. 54; Fis-Dur op. 78) waren für mich schöner, weil er da nicht so viel Schwere drin hatte. Auf jeden Fall war es keine Minute langweilig, weil man immer dabei ist, sich zu wundern, was er da gerade wieder macht.

Er spielte ein längeres Chopin-Nocturne als Zugabe, das war hinreißend und Hochspannung. Da waren sie wieder, die Kanonen unter den Blumen. Fast, als wenn er erst da die Anspannung richtig weglassen konnte.

Also alles in allem durchwachsen, der Abend. Berührend kantable langsame Sätze bleiben mir vor allem im Gedächtnis. Und seine übliche "Verrücktheit" - vermummtes Einspielen auf der Bühne bis 5 vor Start.
Heike
Heike (18.02.2014, 17:47):
Das beste, was ich in dieser Saison gehört habe:
Philharmonie Berlin, 16.2.14:
MusicAeterna; Orchester und Chor des Opern- und Ballett-Theaters Perm, Russland; Teodor Currentzis

Georg Friedrich Händel: Dixit Dominus HWV 232
Henry Purcell: Dido and Aeneas

Anna Prohaska, Sopran
Tobias Berndt, Bariton
Nuria Rial, Sopran
Maria Forsström, Mezzosopran
Viktor Shapovalov, Tenor

Ich hatte Tränen in den Augen vor Glück und tanze innerlich noch einen Tag später mit, soooo Originalklang- feinsinnig war das musiziert und so grandios war das gesungen. Chor, Solisten, Musiker - da passte einfach alles. Danke danke danke!
(wenigstens ganz kurz wollte ich das reinschreiben)
Amadé (19.02.2014, 10:11):
Liebe Heike,
danke für Deine beiden Berichte. Pogo scheint sich ja gar nicht mehr zu entwickeln, eher nur rückwärts. Dabei gibt es doch so viele Stücke, die ihm, wie ich meine, lägen; wenn ich da nur an Debussy oder Ravel denke, oder auch Fauré. Es ist schade, bei seinem pianistischen Potential.
Den Namen Teodor Currentzis kenne ich erst seit ein paar Wochen, genauer zu der Zeit, als ich das Mozart-Requiem mit ihm auf dringendes Anraten kaufte. Ich war erst schockiert ob der ganz andersartigen Musizierweise und wollte die CD wieder weggeben. Mittlerweile habe ich mich ihr angefreundet. Manche Sachen brauchen eben ihre Zeit.

Grüße von Amadé :hello
Heike (23.02.2014, 10:35):
Hallo Amadé,
Pogo scheint sich ja gar nicht mehr zu entwickeln, eher nur rückwärts.

Ich hab ja immer noch Spaß dran, ihn zu hören. Weil er phasenweise einfach gut ist. Aber eben nur phasenweise. Debussy oder Ravel würde ich auch sehr gern von ihm hören, denn da könnte er klanglich ausspielen, was er kann. Andererseits erscheint er mir wirklich sehr sehr schräg, psychisch. Zum Beispiel habe ich im Radio gehört, dass ein Moderator aus einem aktuellen Interview mit ihm zitierte: Er würde annehmen, dass man ihn nicht erkenne, wenn er vermummt auf der Bühne sitzt. Das ist doch hochgradig verrückt.

Teodor Currentzis kenne ich erst seit ein paar Wochen
Ich auch erst seit diesem Konzert. Ein reIativ junger Mann mit sympatischem Auftreten und auffälliger Kleidung. Ich liebe ja Originalinstrumente und hatte mich daher schon auf dieses Konzert gefreut. aber dass es sooo umwerfend gut sein würde - vollkommen unerwartet. Ich weiß auch nicht, ob eine CD das wiedergeben kann. Er hat ein unglaublich gutes Gefühl für Dynamik. Es war z.B. Totenstille im großen Saal, wenn er nur am Rande des Hörbaren mehrmals eine Atmosphäre schaffte, die ich so bei Händel und Pucell live noch nie gehört hatte. Die Streicher - ein Traum. Wobei man sagen muss, dass der hervorragende Chor und die durchweg guten Solisten natürlich ein großes Maß zu dieser Sternstunde beigetragen haben. Es hat einfach alles gepasst. Ich hab mir aber die Dido & Aeneas- und die Mozart-CD bestellt (gibts bei jpc gerade reduziert).
Heike
palestrina (23.02.2014, 10:47):
Hallo Heike,
schau dir mal mein Posting an, 19.2.14 bei, Was höre ich gerade jetzt...

LG palestrina
Jeremias (06.03.2014, 10:44):
Gestern Abend in der Kölner Philharmonie:


Leif Ove Andsnes Klavier

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier Nr. 11 B-Dur op. 22 (1799/1800)

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier Nr. 28 A-Dur op. 101 (1815–1816/17)

Pause

Ludwig van Beethoven
6 Variationen F-Dur über ein eigenes Thema op. 34 (1802)
für Klavier

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier Nr. 23 f-Moll op. 57 (1804–05)
"Appassionata"

Einer meiner absoluten Lieblingspianisten, leider 10 Jahre nicht live gehört... was ein Vollblutmusiker! Wie er die einzelnen Sonaten darbot, das war absolute Weltklasse! Aufmerksam und auf den Punkt gebracht von der ersten Note, Spritzig, pfiffig, wiederum nachdenklich, zupackend, im Klangrausch... einzig die Appassionata riss mich nicht ganz so mit. Das hat aber damit zu tun, dass ich mich seit Ende 2012 selber mit der Sonate beschäftigt habe, sie selber im Konzert gespielt habe und meine Vorstellungen und Interpretationen hier und da einfach anders sind. Da fällt es schwer objektiv zu bleiben. Aber auch hier hatte er einige geniale Momente und Ideen, die ich mir für die Zukunft abgucken werde ;) Insgesamt hier manchmal vielleicht aber etwas zurückhaltend und auf Sicherheit bedacht. Das Finale allerdings habe ich derart riskant noch nie live gehört! Standing Ovations, eine Bagatelle von Beethoven und ein Moment musical von Schubert zum Abschluss.

Nette Anekdote: Ein älteres Paar verließ die Philharmonie und sie schwelgte noch ein wenig und meinte, die Pathetique am Ende sei ja so toll gewesen...

:D :D :D
nikolaus (06.03.2014, 23:35):
Ja, Leif Ove Andsnes gehört auch zu meinen Lieblingspianisten.

Mich hat der Auftakt seines Beethoven-Klavierkonzerte-Zyklus (seine "Beethoven-Journey") letztes Jahr mit Nr. 1 & 3 begeistert.

Gestern empfand ich ihn allerdings zunächst etwas sehr zurückhaltend.
Aber nachdem ich mir heute seine gerade veröffentlichte Aufnahme der Klavierkonzerte Nr. 2 & 4 (wieder mit dem fantastischen Mahler Chamber Orchestra) angehört habe, verstehe ich rückblickend (bzw. -hörend), dass diese offenbar zu seiner momentanen Sichtweise auf die Werke Beethovens gehört.
Ich habe den Eindruck, als wenn er die Musik auf die puren Noten reduziert und dann vorsichtig die Dynamik anpasst, Akzente setzt, Tempi verschiebt etc. Die Sonaten waren extrem sorgfältig erarbeitet, so viele Details habe ich noch nie wahrgenommen (gleiches gilt für die Klavierkonzerte). Und dabei geht nie der Zusammenhang verloren, im Gegenteil: Übergänge, die ich (vor allem bei der Appassionata) immer problematisch finde, kommen bei ihm ganz natürlich, ganz organisch; nichts wirkt bemüht.

Ja, es war ein toller Abend gestern!

Nikolaus.
Heike (08.03.2014, 09:04):
Ich hab Andsnes mit demselben Beethoven- Programm im Februar in Berlin gehört. Und ich fand die hier sensationell spannungsreich gespielte Appassionata extrem gut, mich hat das sehr angesprochen, es war wie aus einem Guss. Er ging von Anfang an voll rein und das hat sich durchweg ausgezahlt. Ganz ganz souveräner Auftritt.
Jeremias (02.04.2014, 11:29):
Am vergangenen Donnerstag in der Opera de la Bastille Paris:

La Bohème

Angela Gheorgiu
Piotr Beczala u.a.

Orchester und Chor der Opera de Paris
Ltg. Daniel Oren



Ich muss zugeben, die Erwartungen waren immens hoch... an die beiden Stars an Opernhimme so, ebenso aber auch an das Orchester, den Dirigenten und nicht zuletzt auch das Bühnenbild! Und was muss ich sagen? Die Erwartungen wurden sogar noch übertroffen! So eine aufwendige Inszenierung, so wunderbar klassisch, ausgefeilt bis ins letzte Detail habe ich noch nie erlebt! Ein sagenhaft homogenes Orchester, ein Dirigent der wirklich exakt die Einsätze gab und derart intensiv auf die Sänger achtete, es war unberschreiblich! Beczala überzeugte vom ersten Moment an, seine Arie "Che gelida manina" löste Ovationen aus und trotzdem überließ er der großen rumänischen Sopranisten anerkennend das Feld. Gheorgiu war in absoluter Bestform, man konnte jedes einzelne Detail wunderbar wahrnehmen. Wie sie auch die längsten Töne noch abphrasierte, einmalig! Ihre Arie "Mi chiamo Mimi" habe ich schöner noch nie gehört, mein Lieblingsduett "O suave Fianculla" war nicht mehr zu übertreffen!

Stehende Ovationen nach einer wirklich galaktischen Aufführung! Der Abend wird mir noch sehr sehr lange in Erinnerung bleiben

:engel :engel
Jeremias (02.04.2014, 12:31):
Am Montag im restlos ausverkauften Salle Pleyel in Paris:

Krystian Zimerman, Klavier
Royal Concertgebouw Orchester Amsterdam
Mariss Jansons



Auf dem Programm standen das 1. Klavierkonzert von Brahms sowie die 9. Sinfonie von Bruckner.

das Orchester aus Amsterdam hat drei Tage in paris gastiert, jeden Abend wurde eine Sinfonie von Bruckner (4, 7 und 9) mit einem Solokonzert gekoppelt. Sonntag spielte Truls Mork das 1. Konzert von Hayden, Dienstag Frank Peter Zimmermann das 3. von Mozart. Meine bessere Hälfte hatte mir die Karten zum Geburtstag geschenkt und mir damit einen langjährigen Wunsch erfüllt!

Obgleich die Karten recht teuer waren, sassen wir im 1. Teil direkt in 2. Reihe am Rand der Bühne am Ende der Celli. Ich hätte Zimerman gerne ein wenig auf die Finger geschaut, da ich das Konzert selber schon gespielt habe. Leider blieb mir dies verwehrt. Stattdessen jedoch konnte ich immer wieder beobachten, wie er Jansons selbst mit einem Augenzwinkern Einsätze gab und wie viel Spaß ihm diese gut 45 Minuten bereiteten! Verglichen mit seiner Einspielung unter Bernstein hatte sein Konzert jetzt viel mehr Schwung, Elan und ein wenig mehr Risikobereitschaft. Stimmte die Balance von Klavier und Orchester im 1. Satz nicht zu 100 % (evtl. auch aufgrund unserer Plätze), so war der zweite Satz eine absolute Offenbarung! im dritten zeigte Zimerman, dass in ihm auch ein großartiger Virtuose steckt! Ein derart fulminantes Finale habe ich sehr sehr selten gehört! ovationen zu Recht, er musste 6 oder 7 Mal auf die Bühne kommen!

im 2. Teil hatten wir das Glück ein paar Reihen weiter hinten zu sitzen, nachdem einige Besucher bereits gegangen waren. Der Bruckner war eine absolute Offenbarung! Hier stimmte einfach alles! Tempo, Dynamik, lange Bögen, Stimmführungen.... meine bessere Hälfte hatte den Namen Bruckner vorher nie gehört, wird ihn jetzt nie wieder vergessen! Sie meinte, selbst einen Ton zu versäumen wäre eine Sünde gewesen... besser kann ich es nicht ausdrücken! Absolut zu Recht minutenlange Standing Ovations, sogar jansons war absolut gerührt und rang mit der Fassung!

My best birthday present ever :cool :cool

Interessant war auch der Vergleich in Oper und Konzert mit dem Deutschen Publikum! In paris sind die Leute viel begeisterungsfähiger, bestehen nicht unbedingt auf eine Zugabe und freuen sich auch einfach darüber, wenn die Stars des Abends öfter die Bühne betreten um den Applaus entgegen zu nehmen. Auch gab es kaum störende Geräusche....
satie (07.04.2014, 09:30):
Im Konzert: Rafal Blechacz
Am 4.4.2014 spielte RafaB Blechacz im Kammersaal der Philharmonie Berlin, und ich durfte live dabei sein.
Das Programm:

W.A. Mozart: Klaviersonate Nr. 9 D-Dur
L.v. Beethoven: Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 (Pathétique)

(Pause)

F. Chopin:
Nocturne Aus-Dur op. 32 Nr. 2
Polonaisen op. 40 (1838/39)
Mazurkas op. 63 (Auszüge)
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39

Zugaben:
1) Chopin: Prelude E-Moll (Op. 28)
2) Chopin: Prelude C-Moll (Op. 28)
3) Beethoven: Scherzo aus der Klaviersonate Nr. 2 Op. 2

Leider war der Saal nur etwa halb gefüllt, was mir für den Pianisten doch etwas leid tat.
Mozarts Sonate Nr. 9 gehört nicht unbedingt zu meinen liebsten Mozart-Sonaten. Blechacz spielte sie in etwa so, wie ich es erwartet hatte: mit der tradierten Weichspülerei des am romatischen Repertoire geschulten Klavierspielers. Das heißt: die linke Hand war streckenweise so leise, dass sie kaum noch hörbar war und auch keine Gewicht im Sinne eines die Oberstimme ausbalancierenden "Basses" hatte. Das, was viele als "delikaten Klang" bezeichnen würden, bezeichne ich als Verzärteln. Man Kann Blechacz hier nicht viel vorwerfen, so wird das ja meistens gelehrt. Vorwerfen kann man ihm höchstens zu wenig eigenen Zugang. Vielleicht liegt es aber auch an mir. Ich kann Mozart auf dem modernen Flügel einfach nicht mehr wirklich hören.
Bei Beethoven liegt da meiner Meinung irgendwo die Grenze. So kann man die Pathétique, die als nächstes auf dem Programm stand, sicher auch auf einem modernen Flügel spielen. Blechacz war hier schon weit mehr zu Hause, wählte sehr gute Tempi. Wieder vermisste ich auch hier in der linken Hand das Gegengewicht zur rechten: oft genug war nur die Oberstimme wahrnehmbar,das passt vielleicht bei Salonmusik, aber sonst niemals. Generell hatte der erste Satz zu wenig grimmigen Biss, für mich muss Beethoven ruppig klingen, immerhin ist die Musik für damalige Verhältnisse schon fast experimentell gewesen. Den zweiten Satz hat Blechacz mit der rechten schön ausgesungen, wieder aber war die linke zu nebensächlich. Eigentlich überzeugte mich der dritte Satz am meisten mit seinem schönen Fluss, aber auch hier hätte manche Eruption ruhig heftiger sein dürfen.

Blechaczs eigentliches Repertoire bestimmte den zweiten Teil des Konzertes.
Die Nocturne gestaltete er wunderbar, immer war sein Anschlag rund und weich und klangvoll. Ebenso die beiden Polonaisen (die Militärpolonaise und die Polonaise C-Moll). Besonders die C-Moll-Polonaise scheint mir ein zu wenig gespieltes Stück mit ihrem Hauptthema im Bass in einem so halligen Raum nicht leicht zu spielen. Die Militärpolonaise ist mir persönlich wie eine auf den letzten Tropfen ausgepresste Zitrone, ein Stück, das man ebenso wenig noch spielen kann wie Schumanns Träumerei, zu oft gespielt, musikalisch nicht interessant genug. Gespielt hat Blechacz aber auch dieses Stück tadellos. Vielleicht erreicht er irgendwann noch dieses kleine Quäntchen mehr persönliches Spiel, vom Anschlag her und in seiner unprätentiösen Art ist er ein wunderbarer Pianist.
Etwas mehr Witz und Gestaltung im Kleinen hätten auch die Mazurken vertragen, die fast ein wenig nebensächlich daherkamen, wenn auch wieder sehr "schön" gespielt. Auch hier: die persönliche Lesart fehlt noch.
Im Scherzo H-Moll bot Blechacz ein brillantes Finale, große Leichtigkeit, technische Souveränität zeichneten das Stück aus. Die verschrobeneren Passagen hätten mit mehr Humor gestaltet sein können, aber so ist Blechacz eben nicht. Mich erinnerte er in manchen Aspekten seines Spiels an Cyprien Katsaris, dem der schöne Ton das heiligste zu sein scheint. Zum Glück hat Blechacz nicht dessen übertriebenen Hang zur Suche nach irgendwelchen verborgenen Melodielinien in Füllstimmen.
Ich bin froh, dass es so bescheiden auftretende Künstler wie Blechacz gibt, die sich nicht selbst in den Vordergrund spielen. Ich wünsche ihm aber, dass er hie und da etwas mehr wagt, seine Phantasie etwas mehr einfließen lässt.
Die beiden Preludes als Zugabe erinnerten an sein grandioses Einspielungsdebut der kompletten Preludes, eine wundervolle CD! Als Zugaben waren sie vielleicht etwas knapp und so schrien sie geradezu nach einer längeren, dritten Zugabe.
Hier wählte Blechacz als Rausschmeißer Beethovens Scherzo aus der zweiten Sonate, er spielte es locker, schwungvoll, und es begleitete mich noch einige Zeit lang als innerer Ausklang des Konzerts.
Jeremias (26.05.2014, 12:42):
Gestern Abend in Düsseldorf:

Schumannfest 2014
The New Romantics
Hilary Hahn, Violine
Hauschka, Präpariertes Klavier

Ich wäre nicht hingegangen, hätte meine bessere Hälfte nicht seitens ihres Arbeitsgebers Sponsorenkarten erhalten, dazu noch in der 6. Reihe!

Zu Beginn erläuterte der Intendant, wie damals die Zusammenarbeit der Musiker in düsseldorf begonnen hat. Beide führten dann selber mit einigen Sätzen in das folgende Programm ein. Es war schon unglaublich interessant, was Hauschka für Kläge hervor brachte! man hatte das Gefühl, er hatte seinen halben Hausstand in dem Flügel verbaut, viele Seiten waren mit Paketband zusammen geklebt. Hilary Hahn wiederum merkte man dann doch eher an, dass sie aus der klassischen Richtung kam. Aber auch sie hatte sichtlich Spaß an der Sache, musste immer wieder grinsen, wenn Hauschka mitten in einer Improvisation neue Ideen hatte. Die Musik war von... bis... angesiedelt... Hilarys Solo zu Beginn des 2. Teils erinnerte an eine moderne Variante der Solowerke von Bach, teilweise gab es rauhe Stellen à la Prokofiev, Hauschka wiederum fühlte sich im Bereich der Minimal Music nach Glass, Reich aber auch in der Art von John cage wieder, zudem gab es immer wieder jazzige Abschnitte.

Fazit: Standing Ovations nach zwei Stunden purer Entdeckungen! war ich vorher noch recht skeptisch, so war ich nachher umso begeisterter! Am ende in der 2. Zugabe kippte er dann noch etwa 50 Tischtennisbälle in den Flügel, die dann wiederum über die ganze Bühne sprangen... da musste sogar Hilary mittendrin laut auflachen!
Jeremias (27.05.2014, 11:08):
Gestern Abend in der leider nur mäßig besetzten Kölner Philharmonie:

Herbert Schuch Klavier

Leoš Janá
ek
1. X. 1905 - Z ulice dne 1. Yíjna 1905 (Von der Straße am 1. Oktober 1905) JW VIII/19 (1905/06)
Sonate für Klavier

Leoš Janá
ek
Frýdecká panna Maria (Die Friedeker Mutter Gottes). Grave
aus: Po za rostlém chodní
ku (Auf verwachsenem Pfade I) VIII/17 (1900–11)

Franz Schubert
Nr. 4 cis-Moll. Moderato
aus: Moments musicaux op. 94 D 780 (1823-28)

Leoš Janá
ek
Štbetaly jak laštovi
ky (Sie schwatzten wie die Schwalben). Con moto
aus: Po za rostlém chodní
ku (Auf verwachsenem Pfade I) VIII/17 (1900–11)

Franz Schubert
Nr. 5 f-Moll. Allegro vivace
aus: Moments musicaux op. 94 D 780 (1823-28)

Leoš Janá
ek
Nelze domluvit (Es stockt das Wort). Andante
aus: Po za rostlém chodní
ku (Auf verwachsenem Pfade I) VIII/17 (1900–11)

Franz Schubert
Nr. 6 As-Dur. Allegretto
aus: Moments musicaux op. 94 D 780 (1823-28)

Pause

Franz Schubert
Sonate für Klavier D-Dur op. 53 D 850 (1825)

Es war ein sagenhafter Abend! Spannung pur ab der ersten Note, eine unglaublich reizvolle Kombination (er stellt in insgesamt 6 Progrmmen Schubert und Janaczek gegenüber, ich habe das erste auch gehört), die Miniaturen vor der Pause funkelten und glitzerten, die Sonate im 2. Teil war natürlich das absolute Highlight! Als Zugaben gab es La Campanella und die Volodos-Version des Türkischen Marschs.... wir haben dann den Abend zusammen in einem Kölner Brauhaus ausklingen lassen, wir kennen uns ja auch privat :cool
Sfantu (27.05.2014, 22:41):
Direkt am nächsten Morgen ging es in den Urlaub, sodass ich bisher keine Chance hatte, davon zu berichten:

16. April, KKL Luzern

Sibelius – 4. Sinfonie. Luzerner Sinfonie Orchester – James Gaffigan

Erstmals im KKL, erstmals dieses Orchester, erstmals dieses Werk – eines, das mir sehr nahe geht – endlich live im Konzert erlebt. Als Appetithappen Beethovens Egmont-Ouvertüre. Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber. Warum dieses Stück hier, in welcher Beziehung es zu dem steht, was da folgte Das musste man sich irgendwie zusammenreimen (was mir nicht gelang). Hier haben wir es mit dem äusserlichen, plakativen Beethoven der 5. Sinfonie zutun und damit kann ich persönlich herzlich wenig anfangen.

Zur Hauptmahlzeit: Davon, Sanderling, Ansermet oder Karajan als Referenzen im Ohr zu haben, versuchte ich, so gut es ging, mich frei zu machen. Das glückte und ich wurde dafür belohnt. Hier wurde mit idealen Tempi Musik geboten, die just so klingen darf - befreit vom romantischen Wildfond, den Sibelius bis zu diesem Schlüsselwerk sonst in den Bräter goss. Diese Einfachheit, zugleich abgeklärt wie traumverloren, nüchtern wie tieftraurig, rührte mich mindestens so an, wie es üblicherweise die Tonkonserve tut. Hörbar und sichtbar wurde sorgfältige Probenarbeit allenthalben, hervorzuheben die schön ausdifferenzierten Stimmen der hohen Streicher. Ruhe und Zeit zum Atmen kamen zu ihrem Recht - allein vielleicht ein letztes Mass an Fallenlassen, an Versenkung wäre das gewesen, was mir zum Glück noch fehlte. An dieser Stelle hätte ich eigentlich bereits heimfahren mögen. Der Kohlenmonoxyd-Hölle beim elendig langsamen Emporkriechen als Teil der Blechlawine aus tiefster Sohle der KKL-Parkgruft wäre ich so immerhin entronnen. Den Leckerbissen des zweiten Teils hätte ich mir dann allerdings entgehen lassen - nicht wissend, ob die über 100 Franken Eintritt vollends gerechtfertigt waren, denn immerhin erklärte sich aus jenem zweiten Gang der stolze Preis:

Brahms - 1. Klavierkonzert. Krystian Zimerman, Luzerner Sinfonie Orchester - James Gaffigan

Mit Zimerman, den ich ebenfalls zum ersten Mal live erlebte, schien der eigentliche Chef in den Ring zu steigen. Bei seinem Auftritt schritt der schlacksig Hochaufgeschossene flott Richtung Podium. Gaffigan, der, um Einiges kleiner, beinahe Mühe hatte, schrittzuhalten, applaudierte ihm dabei lebhaft. Ungewollt komisch mutete das an: als scheuchte jemand Geflügel auf den Hof. Nur, dass man angesichts des Grössenunterschiedes einen Liftboy einen Vogelstrauss scheuchen sah. Anfangs konnte ich mir das ein oder andere Schmunzeln nicht verkneifen, denn Zimerman wirkte manchmal (bitte nicht übel nehmen) wie ein Schauspieler, der einen Klaviervirtuosen darstellt. Mit seiner mittlerweile schlohweissen Mähne + Vollbart glich er ein wenig Elmar Gunsch, dem sonoren Fernseh-Onkel meiner Kindheit. Er lehnte sich beim Spielen immer wieder mit geschlossenen Augen genüsslich zurück, mit seiner linken animierte er das Orcheseter mit Nachdruck - manch anderer Dirigent könnte das als Affront begreifen. Um zum Wesentlichen zu kommen: einen unvergesslichen Konzertabend durfte ich erleben! Alles wogte und erglühte in dieser mitreissenden Darbietung. Zimerman traumwandelte durch seinen Part, die Verzahnung mit dem Orchester war perfekt, keine Nuance blieb unausgekostet. Zum Schlussakkord des ersten Satzes stand er auf und hämmerte mit Nachdruck in die Klaviatur. Zum tosenden Applaus deutete er viele kleine Verbeugungen an, lächelte so sympathisch allürenfrei und winkte fast schüchtern ins Publikum.
Mister Gaffigan rehabilitierte sich im Laufe des Abends durch tadelloses Erledigen seines Jobs. Wovon? Von meiner aus vorschnellem Angenervt-Sein gespeisten anfänglichen Ablehnung: oft nahm er eine Stellung ein wie der Torhüter in Erwartung des Elfmeters: breitbeinig, leicht vornüber gebeugt und häufig ein (Über-) Mass an Geste bietend, das dem ihr geltenden Klang nicht entsprach.
Vielleicht sollte ein Augenmensch wie ich noch weniger als eh schon ins Konzert gehen, noch mehr mit Katze und Teekanne vorm Plattendreher verbringen...

Sfantu
Jeremias (04.06.2014, 12:58):
Gestern Abend in der Stadthalle Wuppertal:

Krystian Zimerman

Ludwig van Beethoven

Sonate Nr. 30 E-Dur op. 109
Sonate Nr. 31 As-Dur op. 110
Sonate Nr. 32 c-Moll op. 111


Kein Vergleich zu dem Auftritt in Essen vor einem Jahr, welchen er aufgrund eines handymitschnitts abbrach! Handküsschen in das Publikum, standing Ovations, eine unglaublich humorvolle aber auch nachdenkliche Ansprache bei Übergabe des Preises des Klavierfestival Ruhr 2014.... Es war ein völlig innovativer, romantischer, fesselnder Beethoven. Vielleicht hier und da ein wenig zuviel Pedal, vielleicht packte er gerade im 1. Satz der op.111 ein klein wenig zuviel zu, aber es war eine beeindruckende Darbietung! Auch die von mir nie sonderlich geliebte op.110 fesslte mich außerordentlich, insbesondere die Aria der op.111 schließlich war an Schönheit nicht mehr zu überbieten... der Abend fällt schwer in Worte zu fassen, "grandios" trifft es vielleicht noch am ehesten...
nikolaus (04.06.2014, 20:54):
Ja, grandios war es wirklich.
Für mich war op. 110 der eindeutige Höhepunkt.
Überrascht haben mich seine zuweilen doch rasanten Tempi, gerade bei op. 111; für mich gingen dabei doch einige Details verloren.
Nichts desto trotz ist sein müheloses Spiel wirklich phänomenal, und seine kristalline Klarheit macht ihm keiner nach!

Nikolaus
Jeremias (05.06.2014, 15:52):
Gestern beim Klavierfestival in Düsseldorf:

Herbert Schuch (Klavier)
Mirijam Contzen (Violine)
Giovanni Guzzo (Violine)
Beate Altenburg (Violoncello)


Richard Strauss: Klaviertrio Nr. 1 in A-Dur, Sonate für Violine und Klavier in Es-Dur op. 18

Erich Wolfgang Korngold: Suite für 2 Violinen, Violoncello und Klavier für die linke Hand op. 23

Herbert hatte mir letzte Woche gesagt, dass das Programm auf Wunsch des Intendanten Ohnesorg in dieser Art aufgeführt werde, er halte vor allem von dem Trio nichts. Strauss schrieb es mit 13 Jahren, es ähnelte eher Mozart, vom Publikum aber bereits nach dem 1. Satz mit Applaus bedacht. Highlight des ersten satzes ganz klar die Sonate, in welcher Miriam Contzen ihre gesamte Klasse ausspielen konnte. Beide bilden seit vielen Jahren ein festes Duo, man merkte dass sie sich aufeinander verlassen haben und konnten.

Nach der Pause aber DAS Highlight überhaupt des Abends, eine ganz ganz selten gespielte Suite von Korngold, angesiedelt irgendwo zwischen Wiener Melange, Moderne und Star Treck.... herbert sagte mir nachher, es sei eine sehr mühsame Arbeit gewesen das Stück zusammen zu setzen, man bräuchte eigentlich einen Dirigenten... davon haben wir nichts gemerkt, wir haben den satten Klang, aber auch die intimen Momente voll genossen, die CD habe ich mir direkt mit dazu bestellt!

Ein sehr sehr lohnenswerter Abend mit einem ungewöhnlichen repertoire, bitte mehr davon!
Jeremias (09.06.2014, 19:23):
Gestern im Konzert, ich muss hier einmal berichten... Ich war Pfingsten beim größten Festival für Amateurpianisten in Paris im theatre Chatelet. Samstag habe ich einen Meisterkurs bei Laurent Cabasso gemacht und gestern durfte ich mit einem anderen Pianisten das Abschlusskonzert an zwei Instrumenten eröffnen. Im großen Saal haben wir vor weit über 800, vielleicht sogar 1000 (!) Leuten Mozarts fantasie für eine Orgelwalze in der Bearbeitung Busoni gespielt. Das zweistündige Konzert endete mit einer Suite über Star Wars.... Es war kein unbeschreibliches Erlebnis, wir haben standing ovations bekommen! Video folgt ;)
Cantus Arcticus (10.06.2014, 10:21):
Original von Jeremias
Gestern im Konzert, ich muss hier einmal berichten... Ich war Pfingsten beim größten Festival für Amateurpianisten in Paris im theatre Chatelet. Samstag habe ich einen Meisterkurs bei Laurent Cabasso gemacht und gestern durfte ich mit einem anderen Pianisten das Abschlusskonzert an zwei Instrumenten eröffnen. Im großen Saal haben wir vor weit über 800, vielleicht sogar 1000 (!) Leuten Mozarts fantasie für eine Orgelwalze in der Bearbeitung Busoni gespielt. Das zweistündige Konzert endete mit einer Suite über Star Wars.... Es war kein unbeschreibliches Erlebnis, wir haben standing ovations bekommen! Video folgt ;)

Hallo Jeremias
Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Abschlusskonzert!!!

Viele Grüsse, Stefan
Jeremias (10.06.2014, 12:53):
Danke!

Hier ist es zu sehen und zu hören

http://youtu.be/1nIx3rC5rqA
Jeremias (16.06.2014, 12:48):
Gestern in der leider nur etwas über die Hälfte gefüllten Philharmonie in Essen.

Maria Joao Pires:

Franz Schubert: Impromptus op. 90 D 899
Claude Debussy: Suite "Pour le Piano"

Franz Schubert: Sonate in B-Dur op. posth. D 960


Mein Fazit des gestrigen Abends: wozu braucht es rachmaninoff, Prokofiev, Skriabin, wenn man mit einfachen Melodien und nur wenigen Tönen derart gefesselt werden kann? Was ein zum sterben schöner zweiter Satz der Sonate... in aller Ruhe, mit so unglaublich wenig Pedal vermochte sie es zu zeigen, worauf es in der Musik ankommt: Nicht den großen fulminanten Wurf, nicht irgendwelche donnernden Oktavpassagen, keine Zirkusstückchen, kein Virtuosentum... es genügt eine einfache Melodie und eine Pianistin, die dies so umsetzt! Schon die vier Impromptus waren so einfach und schlicht gehalten, sie war Sokolov an Innigkeit so haushoch überlegen! Debussy war eine nette Abwechslung (wobei sie sich auch hier nicht als Virtuosin präsentierte, die sie durchaus auch ist!), sondern sie spielte mit dem Klang, mit perlenden Läufen als sei es das natürlichste der Welt.... Highlight war aber dann natürlich die Sonate! es ist so unglaublich schwierig zu beschreiben... hört ihre CD und stellt es Euch live vor! Nach dem Impromptu D935 Nr.2 gabe es dann zu Recht stehende Ovationen! Ein Abend wie man ihn nur ganz ganz selten erlebt! Irgendwie brauche ich keinen Trifonov, keinen Hamelin oder keinen Volodos mehr... So wie sie musizieren kann, können diese Herren alle nicht!

Nette Anekdote: Beim kaffee vorab erzählte mir eine ältere Dame, dass sie Pires sehr möge, sie sei ja offenbar eine der weltbesten Pianistinnen... sie schätze vor allem die CD mit ihr und Abbado, die sie zu Hause habe, da spiele sie das Konzert von Schubert..... und die sonate habe sie auch zu Hause mit dem Pianisten, dessen Name ihr gerade nicht einfalle, der aber immer so viele Zugaben gebe... Sokolov! Als ich ihr den Namen nannte und anmerkte, mir sei die D 960 zu "süss", da meinte sie, ich sei wohl vom Fach und hat das Weite gesucht... :haha
Andréjo (16.06.2014, 13:01):
...da meinte sie, ich sei wohl vom Fach und hat das Weite gesucht...

:D

Schlimmer sind aber die, welche weiterhin sitzenbleiben ...

Vorgestern im Konzert:

Mozartfest Würzburg / Bamberger Symphoniker / Hubert Soudant

Umrahmt von den gewohnt souverän dargebotenen Sinfonien KV 425 und KV 504, in nicht zu großer Besetzung, zügig und schlank sowie durchaus bläserbetont, die folgende zwanzigminütige Komposition:

Wolfgang Rihm: Fremdes Licht (2005), nach einem Text von Clemens Brentano, für hohen Sopran (Mojca Erdmann), Solo-Violine (Carolin Widmann), Solo-Klarinette (Jörg Widmann) und kleines Orchester

Atonale und wohl auch zwölftönige Elemente in Verbindung mit neuromantischen Kantilenen; transparenter Ensemblebehandlung, unaufgeregt postmodern, bisweilen sogar an Richard Strauss oder das Fin de Siécle erinnernd. Sehr schön, wenn auch zweifellos doch nicht für alle im Publikum geeignet ...

:beerWolfgang
AcomA (17.06.2014, 06:14):
Lieber Wolfgang,

was meinst Du mit 'schlimmer sind die, die sitzen bleiben'?

LG, Siamak
Andréjo (17.06.2014, 10:54):
Lieber Siamak!

Diejenigen, die sitzen bleiben, gehen einem noch länger mit ihren Banalitäten und ihrer Inkompetenz auf die Nerven!
:D

:helloWolfgang
Jeremias (07.07.2014, 10:49):
Am Samstag in der ausverkauften Kölner Philharmonie:


Frank Peter Zimmermann Violine
WDR Sinfonieorchester Köln
Kent Nagano Dirigent

Antonín DvoYák
Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 53 B 96/108 (1879)

Pause

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109 (1887–96)

Gottseidank konnte ich meine Tickets von Freitag wegen des Viertelfinales umstauschen ;) Dvorak gelang wunderbar, Nagano erlaubte es insbesondere den Bläsern bislang mir verborgene Nebenstimmen hervorzuheben. Zimmermann mit traumwandlerischer Sicherheit und allerhöchster Musikalität, ein Genuss! Dazu einen Bach als Zugabe.... Höhepunkt war dann aber natürlich Bruckner, den ich erst Anfang April mit dem Concertgebouw Orchester unter mariss Jansons live in paris gehört habe. Die Darbietung am Samstag hatte mindestens dieselbe Qualität! Einzig das Publikum bleibt zu kritisieren... etwa 5-7 Zuschauer fingen an zu applaudieren bevor Nagano nach dem langsamen satz seine Händer gesenkt hatte... sie zerstörten hierdurch die Stille, die das Werk so unbedingt benötigt...
nikolaus (18.07.2014, 22:43):
Gerade eben zu Ende auf medici.tv:

live aus Verbier das Eröffnungskonzert des diesjährigen Verbier Festival:

VERBIER FESTIVAL ORCHESTRA
Charles DUTOIT | Leitung
Martha ARGERICH | Klavier

Maurice Ravel: Rapsodie espagnole
Piotr Ilitch Tchaikovski: Klavierkonzert Nr. 1 op. 23
+ Zugabe: Robert Schumann: Von fremden Ländern und Menschen aus den Kinderszenen
Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 1 op. 68

Unglaublich, wie Martha Argerich mit ihren 73 Jahren diese Konzert quasi aus dem Ärmel schüttelt: mit ihrer Energie, Explosivität, Intuition und Emotionalität stellt sie alle jüngeren in den Schatten. Phänomenal!
Und dann der Wechsel zum verträumten Schumann - zu schön!

Letzte Woche habe ich sie wirklich live gehört und gesehen in Essen beim Klavierfestival Ruhr zusammen mit Akane Sakai, Lilya Zilberstein und deren Söhnen Anton und Daniel Gerzenberg.
Abwechslungsreiches Programm:
Mozart: Sonate D-Dur KV 381
Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonie Nr. 1 in einer Bearbeitung für 2 Klaviere zu 8 Händen von Feruccio Busoni
Czerny: Rondo brillante für Klavier zu 6 Händen
Schumann: Sechs kanonische Studien für Pedalflügel op. 56 in einer Bearbeitung für 2 Klaviere von Claude Debussy
Rachmaninov: Suite Nr. 1 für 2 Klaviere Fantaisie tableaux op. 5

Zugaben:
Milhaud: aus Scaramouche
Ravel: aus Ma Mère l'Oye
Smetana
und mal so eben das Ende aus Strawinskys Sacre du Printemps für 2 Klaviere…

Toller Abend, insbesondere der zweite - poetische - Teil mit Schumann und Rachmaninov.

Nikolaus.
Jeremias (23.07.2014, 12:27):
In essen waren wir auch, wobei ich es schon seltsam fand, dass man dem Familienclan Zilberstein fast die komplette erste Hälfte überlassen hatte... zudem gibt es so schöne Originalkompositionen für 8 Hände, warum dieser Mendelssohn? Der Rachmaninoff wiederum war mein persönliches Highlight!
nikolaus (23.07.2014, 20:55):
Geplant war es sicherlich, dass Martha Argerich den Mendelssohn spielen sollte; wahrscheinlich war es ihr zuviel, in Lugano hat sie sich auch durch Akane Sakai ersetzen lassen.
Immerhin hat sie einiges neu gelernt, u.a. den Sacre, den sie auch mit Daniel Barenboim in Berlin gespielt hat…
AcomA (02.08.2014, 22:51):
Hallo,

heute 11.00 Uhr Mozart-Matinee im Mozarteum in Salzburg.

im Mittelpunkt:

WA Mozart
Klavierkonzert Nr.17 G-Dur KV 453

Kristian Bezuidenhout, p
Mozarteum-Orchester Salzburg
Ivor Bolton, cond

Ich hätte Bezuidenhout nicht zugetraut, seine Art des Mozartspiels auf dem modernen Steinway zu präsentieren. Diese Konzertdarbietung war so ergreifend und intensiv von allen Beteiligten. Kristian Bezuidenhout ging stets voll mit, auch in den reinen Orchesterpassagen. Bezuidenhout ist genialisch !

LG, Siamak
nikolaus (30.09.2014, 20:02):
Letztes (verlängertes) Wochenende beim Beethovenfest Bonn:

Leif Ove Andsnes
Mahler Chamber Orchtestra
WDR Rundfunkchor Köln, Robert Blank

Klavierkonzert-Zyklus ergänzt um Werke von Igor Strawinsky und Arnold Schönberg an drei Abenden:

I:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19
Apollon Musagète
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58
(Zugabe: zwei Bagatellen)

II:
Dumbarton Oaks
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37
Friede auf Erden für gemsichten Chor a cappella op. 13 (Schönberg)
Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c-Moll op. 80 ("Chorfantasie")

III:
Concerto in Ré
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur op. 15
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73
(Zugabe: eine Bagatelle)

Das war wirklich ein toller Zyklus und ein "rundes" Programm!
Die fünf Klavierkonzerte plus Chorfantasie so "geballt" zu erleben macht wirklich Spaß. So werden die Unterschiede und die Entwicklung, die Beethoven mit diesen Konzerten beschreibt, besonders deutlich.
Die "klassisch" orientierten Werke Strawinskys passen sehr gut in dieses Programm; sie betonen die Zeitlosigkeit der "Beethovenschen Klassik" und sind gleichzeitig selber so zeitlos.

Leif Ove Andsnes und das Mahler Chamber Orchestral sind ein ideales Gespann. Das klingt alles so selbstverständlich, leicht, filigran, klangschön ohne auf Hochglanz poliert zu sein. Sie lassen einfach die Musik wirken.
So beschreibt es Andsnes auch in einem Interview (geführt von Tom Service am 15.1.2014 in London), ich zitiere aus dem Programmheft:
"And my ideal comes pretty close to being realized with the MCO. That's because they have a combination of lightness, of contrast, as well as being able to bring out the revolutionary aspect of these pieces without ever becoming heavy. They respond so wonderfully to the different demands of sound in these pieces, and they give me ideas that I had never thought of."

Nikolaus.
Jürgen (07.10.2014, 15:30):
Am vergangenen Samstag im Kloster Eberbach im Rheingau:

http://jazznetz.de/wp-content/uploads/2014/05/Garbarek-Hilliard-Ensemble-700pj.jpg

Ein Konzert der Abschiedstournee des Hilliard Ensembles zusammen mit dem Jazz-Saxophonisten Jan Garbarek.
Ich hatte einen guten Platz in der 3. Reihe und genoss die gute Akustik der Basilika, nicht nur, wenn alle Protagonisten auf der Bühne standen, sondern auch als sie in der ganzen Basilika rundumlaufend von meinem Platz gut zu hören waren. Gerade dieses mustergültige Surround-Erlebnis war sehr gelungen. Das Publikum war überaus diszipliniert, kaum Hüsteln. Und die Basilika war voll.

Das Zusammenspiel in diesem Crossover-Projekt ging voll auf. Sehr berührend der Gesang, nicht störend, vielmehr erweiternd, das Saxophon.

Trotzdem hatte ich hinterher das Bedürfnis, in Zukunft auch mal alte Musik pur live zu erleben.

Grüße
Jürgen
nikolaus (11.10.2014, 10:26):
Gestern im Kammermusiksaal des Beethovenhaus Bonn:

Isabelle Faust

Johann Sebastian Bach: 'Sei Solo' - die sechs Sonaten und Partiten

Was bin ich froh, dass ich dort war!!
Ich hatte viel spät erfahren, dass sie hier konzertiert. Obwohl es ausverkauft war, bin ich hingefahren und hatte Glück, dass eine Karte zurückgeben wurde.

Alle sechs Sonaten und Partiten an einem Abend zu spielen, ist wirklich eine enorme Leistung.
Und für mich war es überwältigend, die sechs Sonaten und Partiten in einer solchen konzentrierten, intimen Atmosphäre im wunderschönen Kammermusiksaal (mit wirklich brillanter Akustik) erleben zu können.

Isabelle Faust spielte folgende Reihenfolge:

Sonate Nr. 1 BWV 1001
Partita Nr. 1 BWV 1002
Sonate Nr. 2 BWV 1003
-
Partita Nr. 3 BWV 1006
Sonate Nr. 3 BWV 1005
Partita Nr. 2 BWV 1004

Während mich diese Werke sonst "nur" tief beeindrucken wegen ihrer Komplexität, hat es Isabelle Faust tatsächlich geschafft, mich auch tief zu berühren mit dieser Musik.
Ich weiss gar nicht, was genau mich so fasziniert hat, wahrscheinlich alle zusammen: ihr Ton, die Gestaltung der einzelnen Sätze, die Dynamik, nicht zuletzt ihr Auftreten - besser kann man diese Musik nicht darbieten.

Nikolaus.
nikolaus (13.11.2014, 23:02):
Gestern in der Philharmonie Köln:

Martha Argerich
Mikhail Pletnev
Russian National Orchestra

R.Schumann: Ouverture c-moll aus Genoveva op. 81

R.Schumann: Konzert für Klavier und Orchester a-moll op. 54

- Zugabe: R.Schumann:

P.I.Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 4 f-moll op. 36

- Zugabe: F.Schubert: Ave Maria (für Streichorchester)

Wie erhofft wurde es ein toller Abend.
Vor allem stimmte die Chemie zwischen Orchester, Dirigent und Solistin.
Trotz gemässigtem Tempo bei der Ouvertüre war diese spannend gestaltet.
Martha Argerich spielte noch intuitiver als sonst und wie immer mit vollem Risiko; ich kann mir nicht helfen, ihr Spiel begeistert mich immer wieder…
Tschaikowsky - überwältigend mit auftrumpfendem Orchester.

Ein Höhepunkt des Jahres!

Nikolaus.
Jeremias (14.11.2014, 09:56):
Ich verspreche mir noch mehr von ihrem Auftritt mit den Berlinern unter Chailly in zwei Wochen!
AcomA (14.11.2014, 15:24):
Lieber Nikolaus,

danke für Deinen Bericht. Das Russische Nationalorchester unter Pletnev gastiert heute Abend in der Münchener Philharmonie zusammen mit Midori. Auf dem Programm auch Tschaikowsky's 4. Sinfonie und dann auch sein Violinkonzert ( natürlich umgekehrte Reihenfolge)

Und wir sind dabei !

LG, Siamak
AcomA (15.11.2014, 15:45):
Hallo,

Gestern Abend in der Münchener Philharmonie:

PI Tschaikowsky

Violinkonzert D-Dur

Zugabe:Bach, Praeludium aus der 3. Partita für Solo-Violine E-Dur

Pause

PI Tschaikowsky

Sinfonie Nr.4 f-moll

Zugabe: Bach, Air aus der 2. Orchestersinfonie in Fassung für Streichorchester


Russisches Nationalorchester
Midori, v
Mikhail Pletnev, cond

:engel :times10 in allen Parametern !

LG, Siamak
nikolaus (21.11.2014, 11:39):
Am Mittwoch im Bechstein Centrum Hamburg:

Emanuel Rimoldi

F.Chopin: Nocturne H-Dur op. 62/1
3 Mazurken op. 56
Ballade Nr. 4 f-moll op. 52
Polonaise Fantasie As-Dur op. 61
--

R.Schumann: Kinderszenen op. 15

F.Liszt: Ungarische Rhapsodie Nr. 12

Zugabe: Rachmaninov/Wild


Das war ein ganz hervorragendes Recital (übrigens nach Daniil Trifonov erneut ein von dem regen Verein ProPiano Hamburg organisiertes Hamburg-Debüt)!
Als besonders herausragend weil spannend und frei gestaltet empfand ich die Ballade und die Kinderszenen.

Der junge, sehr sympathische Italiener, ausgebildet v.a. in Mailand und am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau, zuletzt von Elisso Virsaladze, ist durchaus kein unbekannter mehr: er hat 2013 den Top of the World Wettbewerb in Tromsö gewonnen und in Deutschland bereits in Leipzig und München konzertiert.

Ein Musiker, den ich im Auge behalten werde!

Nikolaus.
Jeremias (01.12.2014, 12:20):
Gestern in der restlos ausverkauften Philharmonie Essen:

Martha Argerich, Klavier
Berliner Philharmoniker
Riccardo Chailly, Dirigent

Felix Mendelssohn Bartholdy
Ouvertüre zu “Ruy Blas”, op. 95
Robert Schumann
Konzert a-Moll für Klavier und Orchester, op. 54
Sergej Rachmaninow
Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 44

Mit Martha ist es wie mit einem guten Wein: Je älter desto besser! Diese Klänge, diese Ruhe, dieses Piano, aber dann auch wieder dieses packende zugreifen... ich habe das Konzert schon oft gehört aber SO habe ich es noch nie gehört! Ich sass eine halbe Stunde da, habe nur gestaunt was sie alles aus diesem Konzert heraus geholt hat, so viele neue Stimmen... dazu die einmaligen Holzbläser, allen voran Emmanuel Pahud und Albrecht Meyer... ich könnte jetzt stundenlang schwärmen! Dazu Chailly der wirklich auch das allerletzte gewisse etwas aus diesem Orchester heraus holte.... einzig nervte der Herr Neben mir, der mir erzählte dass Martha ja in Köln eine Zugabe gegeben habe und der die ganze Zeit nervös auf die Uhr schaute...
nikolaus (01.12.2014, 19:38):
Original von Jeremias
Ich verspreche mir noch mehr von ihrem Auftritt mit den Berlinern unter Chailly in zwei Wochen!

Und Du hattest Recht!

Mit den Berlinern hat Martha noch besser gespielt als letztens in Köln mit dem Russian National Orchestra unter Pletnev.
Das Zusammenspiel war unglaublich sensibel, dadurch hatte sie - so schien es mir - noch mehr Möglichkeiten, noch mehr Inspiration.
Eine Zugabe habe ich tatsächlich nicht vermisst, sie wäre für mich nach diesem eindrucksvollen Konzert nicht stimmig gewesen.

Es war übrigens das erste Mal, dass ich die Berliner live erlebt habe. Ich muss zugeben: überwältigend!

Nikolaus.
Rachmaninov (06.12.2014, 07:08):
D. Trifonov München - Prinzregententheater München 05.12.2015

J.S. Bach/Franz Liszt: Transskriptionen für Orgel
Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111
Franz Liszt: 12 Études d'exécution transcendante S. 139


Trifonov ist ein eher "schächtiger" Pianist, um so erstaunlicher was er aus dem Steinway so rausholt.

J.S. Bach/Franz Liszt: Transskriptionen für Orgel

Die J.S. Bach/Franz Liszt Transskriptionen für Orgel würde ich persönlich nicht für ein Recital wählen. 1. finde ich sie vor allem als Einstieg schon intensiv, da man gleich extrem ist.
Die Transkriptionen waren gut, aber nichts "Besonderes" oder "Sensationelles".
Hätte ich es nicht gewusst so hätte ich auf einen jungen russischen Pianisten getippt.
Hier fehlt vllt. noch etwas die Reife.

Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111
Im ersten Satz hat Trifonov gerne mit den Extremen gespielt und war sich auch der Wirkung extremer Gestaltung bewusst. Wirkte im ersten Satz tlw. etwas "überzogen" und störte meiner Meinung nach auch ein wenig. Im 2. Satz zeigte er dann das er nicht nur ein unglaublich technisch versierter und "flinker" Tastenlöwe ist sondern auch ein großartiger Musiker, der gestallten kann. Das war gut, aber auch nicht überwältigend.

Pause, begeisterter Applaus des sehr disziplinierten Publikums. (sehr leise, kein unnötig frühers bravo oder Klatschen von "Besserwissern", die erkannt haben das das Stück vorbei ist, sondern auskosten des Nachhalls.........)

Franz Liszt: 12 Études d'exécution transcendante S. 139
Vllt. das erstaunlichste und grandioseste was ich jemals zu hören bekam.
Nach Bach und Beethoven op.111 setzt sich Trifonov ans Klavier und spielt die 12 Études d'exécution transcendante S. 139 in einer Intensität, einer Leidenschaft, eine Hingabe und physisch greifbaren Liebe zu dieser Musik. Gänsehaut. Das man dieses Werk überhaupt spielen kann ist faszinierend, dazu live, mit der Strahlkraft, auswendig und dazu noch nicht nur bzgl. der Konzentration sondern sichtlich physisch anstrengend spielen kann ist faszinierend. Und bei jeder Note hatte ich den Eindruck er wolle die genau so spielen stelle sich dies genau so vor. Technisch kann er vermutlich alles.
Das Tempo war teilweise atemberaubend. Wie man dies über die Dauer des Werkes überhaupt aushalten kann, leisten kann?

Interessant auch wie Trifonov den Körper einsetzt.
Teilweise hat man das Gefühl er klebt mit der Nase an den Tasten, dann wieder ganz grade und ruhig, dann wieder aufrecht aber mit starker Bewegung des Oberkörpers.
Teilweise hat er die Augen ganz geschlossen, teilweise weit in die Ferne gerichtet.
Auf die Tasten muss er definitiv nicht schauen.

Anschließend standen die Leute vor Begeisterung auf, riesen Applaus, trommelnde Tritte auf dem Boden.
Ich selbst war von der Intensität völlig ko.....

Trifonov wirkt dermaßen beseelt beim spiel und unglaublich bescheiden und glücklich beim Applaus.

Als Zugabe gab es noch Medtner - glaube aus den fairy tales.

Verständlich das er nur die Eine war.

Wo will er hin wenn zu seinem Können noch die Reife und Erfahrung kommt?

:times10
nikolaus (06.12.2014, 10:23):
Gratuliere zum dem Erlebnis!

Dienstag spielt er das gleiche Recital in der New Yorker Carnegie Hall, es wird dann live übertragen von medici.tv.

Ich bin gespannt!

Nikolaus.
Rotkäppchen (07.12.2014, 23:43):
Das tschechische Barockorchester Collegium 1704 und der damit assoziierte (meist solistisch besetzte) Chor Collegium Vocale 1704 sind nicht gerade unbekannt in der Alte-Musik-Szene und im Rahmen der Konzertreihe Musikbrücke Prag-Dresden regelmäßig in Dresden zu erleben. Ich habe mir schon viele dieser Konzerte angehört und bin dabei wirklich noch nie enttäuscht nach Hause gegangen.

Eine besondere Sternstunde war für mich das Konzert am 2. Advent mit folgendem Programm:


Jan Dismas Zelenka: Salve Regina, ZWV 139
Johann Sebastian Bach: Komm, Jesu, komm! BWV 229
Antonio Vivaldi: Sonata op. 1 Nr. 12 "La Follia"
Georg Friedrich Händel: Gloria in excelsis Deo (noch keine HWV-Nummer)
Johann Sebastian Bach: Jesu, meine Freude, BWV 227


Besetzung:

Collegium 1704 (fast kammermusikalisch besetzt mit 2 Violinen, Violoncello, Kontrabass,
Theorbe, Cembalo/Orgel)

Collegium Vocale 1704 (je zwei SängerInnen pro Stimmlage)

Alena Hellerová, Sopran
Tomáš Král, Bass

Václav Luks, Dirigent

Der Start mit dem "Salve Regina", einer Art geistlicher Solokantate für Bass solo, 2 Violinen und Basso Continuo, war meditativ. Verglichen mit vielen wirklich originellen Kompositionen Zelenkas, dessen Werk sich das Collegium 1704 besonders verpflichtet fühlt (erfreulich viele komplette Aufführungen finden sich auf YT, z.B. die hinreißende Missa Votiva*), war dieses Werk wohl eine Gelegenheitskomposition, gefühlvoll und wohlklingend gesungen von Tomáš Král (viel Potential, um sängerisch effektvoll zu brillieren, steckt in dem Werk eher nicht). Die erste dramatische Steigerung bot Bachs hier mehr als packend zelebrierte Motette "Komm, Jesu, komm!", um, was die unmittelbare emotionale Wirkung betrifft, noch durch Vivaldis "La Follia", das einzige rein instrumentale Stück des Konzerts, weit übertroffen zu werden. Das war Vivaldi'scher Drive at ist best und den Musikern war die Freude am Musizieren mehr als anzusehen. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus (da die Kirche bei weitem nicht vollbesetzt war, mussten sich die Zuschauer dafür ziemlich ins Zeug legen...). Da ich offenbar ein schlechter Händelianer bin, kannte ich das folgende "Gloria in excelsis Deo" noch gar nicht. Ein Blick ins Programmheft verriet mir, dass dieses Werk in der Tat erst 2001 entdeckt wurde und wohl auch (noch?) nicht ganz 100%ig Händel zugeschrieben ist*. Es handelt sich um ein virtuoses Stück für Sopran, zwei Violinen und Basso Continuo und hier war mit Alena Hellerová eine wunderbare Sängerin am Werk, die mit ihrer jugendlichen, warmen, vibratoarmen, ausdrucksstarken und unglaublich koloraturgeläufigen Stimme für mich das absolute Highlight des Abends setzte. Urteilt man nach der Stärke des Beifalls, empfand es die Mehrheit der Zuhörer genauso. Schon bei meiner ersten Begegnung mit dieser Konzertreihe vor Jahren hatte mich diese Sängerin, die damals den Sopranpart im Händelschen Messias sang, begeistert und ich hoffe, dass ich sie noch oft hier mit barockem Repertoire erleben kann. Gegenüber dem rockigen Vivaldi und dem luftig-virtuosen Händel wirkte die abschließende Bach-Motette "Jesu, meine Freude", in der der Chor ein zweites Mal, aber jetzt ausführlicher, glänzen konnte, ziemlich erdenschwer, alles ist eben relativ.

Das nächste Ereignis dieser Konzertreihe wird das Händische Dixit Dominus am Neujahrstag - das möchte ich auf keine Fall versäumen - an gleicher Stelle sein.

LG, Rotkäppchen
--
* Z.B. unter diesem Link: klick
Live ist es natürlich viel fetziger, aber trotzdem: klick
* Hier eine Einspielung mit Emma Kirkby: klick
Noch ein Wort zur Dresdner Annenkirche: Obwohl zentrumsnah gelegen, steht diese deutlich im Schatten der touristisch weitaus bekannteren Frauenkirche oder der Kreuzkirche. Während die letzteren beiden mir schon akustisch sehr schlechte Konzerterlebnisse mit fürchterlichen Schallinterferenzen beschert haben, ist die Akustik in der barocken Annenkirche unabhängig vom Sitzplatz immer ganz ausgezeichnet.
Rotkäppchen (02.01.2015, 00:45):
Dass das Collegium 1704 am Neujahrstag in Dresden auftritt ist schon seit einigen Jahren Tradition. Diesmal gab es zwei äußerst energiegeladene Werke des jungen Händel zu hören:

Utrecht Te Deum HWV 278
Dixit Dominus HWV 232

Nach diesem Konzert kann ich einige der Aussagen aus dem Händel-Thread, den ich erst vor wenigen Tagen gelesen hatte und in dem gerade auch das Dixit Dominus besondere Erwähnung findet, einmal mehr unterstreichen:

Unterhaltung zwischen "Heike", "Papageno", "Sarastro" (offenbar alles Händel-Fans, die aber leider nicht mehr im Forum aktiv zu sein scheinen) im Händel-Thread

schön, dass noch jemand den ollen Händel mag. Ich finde, er verbreitet einfach gute Laune. Irgendwie merkt man es seiner Musik an, dass er so ein richtiger Lebemann war und auch ein schlauer Bursche.

Oh ja, das Dixit Dominus mag ich auch sehr gerne. Ich habe folgende Aufahme:

Die muss ich auch mal wieder hören, das ist wirklich ganz fabelhafte Musik.

Wo du die Wirkung von Händels Musik zur Sprache bringst: Man sagt nicht nur über Mozarts Musik, dass sie einen heilenden Effekt inne hätte.

Schön, dass Händel in erster Linie ausnehmend fröhliche Musik komponiert hat. Das gibt ihm bei mir meist den entscheidenden Vorzug, wenn ich gerade die nötige Muße habe, um mich klassischer Musik hinzugeben.

Ja, seine Musik kann tatsächlich die gute Laune (wenn man gerade selbst ein wenig davon hat) steigern, und sie wirkt auf jeden Fall oft sehr erhebend.

Irgendwer musikalisch kompetentes (wer es war, das erinnere ich mich nicht mehr) sagte mal sinngemäß, dass Händel wahrscheinlich genauso differenziert und filigran hätte komponieren können wie Bach - nur habe er wohl keine Lust dazu gehabt.


Aber zurück zum Konzert. Hier die Besetzung:

Collegium 1704 & Collegium Vocale 1704
Leitung: Václav Luks

Die recht unterschiedlich umfangreichen solistischen Passagen wurden von Mitgliedern des Collegium Vocale 1704 gesungen. Die tschechischen Akzente der Namen zu setzen ist ein Albtraum, aber unerwähnt sollen sie dennoch nicht bleiben, daher ein Stück aus dem Programmheft (... etwas schräg, habe keinen Scanner):

http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/img2907t4h8cpz650.jpg

Chor und Orchester waren diesmal natürlich größer besetzt als beim letzten Konzert (siehe mein voriges Posting), gerade beim Te Deum handelt es sich ja um ein festlich-pompöses Werk, das 1713 als Auftragswerk des englischen Hofes entstand und neben packenden Chorgesang einige reizvolle Oboen- und Flötensoli zu bieten hat. Im Vergleich zum darauf folgenden Dixit Dominus, das bereits 1710 während Händels Italienzeit entstand, wirkt es jedoch fast konventionell und brav. Das Dixit Dominus ist eine Art experimentelles Werk, in dem krass gegensätzliche, z.T. äußerst expressive, auf den ganzen Körper einwirkende Stimmungen und Effekte gezeichnet werden und Chor und Solisten bisweilen virtuos gefordert werden, für die Ausführenden hier kein Problem, was mit begeistertem Beifall und Standing Ovations honoriert wurde.

Besonders heftigen Applaus erhielten die Solisten, die allesamt hörbar auf solches barockes Repertoire spezialisiert zu sein scheinen. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Sopranistinnen Hana Blažíková und Alena Hellerová mit ihrer schon fast ätherischen Interpretation des Duetts "De torrente in via bibet" und die Altistin Kamila Mazalová, die "Virgam Virtutis" innig-ausdrucksvoll gestaltete.

Was man als Zugabe zu hören bekam, ist leicht zu erraten: Natürlich das Halleluja aus dem Messias!

"Diese Begeisterung ist ansteckend", sagte jemand nach dem Ende des Konzerts über die Musiker. Recht hat er. "Stronger than drugs" würde ich sagen.

LG, Rk
Jeremias (26.01.2015, 11:58):
Gestern Abend in der nahezu ausverkauften Philharmonie Essen:

Nikolai Lugansky, Klavier
Russian National Orchestra
Mikhail Pletnev, Dirigent

Alexander Glazunov
Prélude der Suite “Aus dem Mittelalter”, op. 79
Pjotr I. Tschaikowski
Konzert Nr. 1 b-Moll für Klavier und Orchester, op. 23
Pjotr I. Tschaikowski
Sinfonie Nr. 5 e-Moll, op. 64

Pletnev schlufte wie ein Greis auf das Podium und man hatte schon Angst, er würde das Konzert gar nicht durchstehen. Was dann folgte, war jedoch ein Feuerwerk, wie man es lange nicht gehört hat. Lugansky in absoluter Hochform, niemals an seine Grenzen stoßend, absolut nobel und zu keinem Zeitpunkt auf Showeffekte aus, das alles gipfelnd in einem finale furioso, wie ich es bei diesem Konzert live noch nie gehört habe. Dazu Pletnev, der das Konzert ja aus beiden Sichtweisen in- und auswendig kennt, unglaublich präzise dirigierend mit starkem Augenmerk auf Details und die Akzente wunderbar vorher anzeigend... tosender Jubel, die etüde g moll op.33 Nr.8 von Rachmaninoff als Zugabe. Wer glaubte es geht nicht noch mehr, der wurde nach der Pause eines besseren belehrt... Mit einem Pathos wie es wohl nur russische Orchester können wurde die Sinfonie zu einer absoluten Sternstunde. Überragend: Die Blechbläser.... die wunderbare Air von Bach gab es als Zugabe nach langen stehenden Ovationen obendrein! Einzig störend eine blöde Kuh, die immer wieder von ihrem Platz hinter dem Orchester aus mit Blitz fotografierte, sogar vor der Sinfonie als Pletnev gerade den Taktstock hob... es folgten mahnende Worte und am Ende, als sie es immer noch nicht lassen konnte, ein Rüffel durch die Platzanweiserin... muss sowas sein?
Billy Budd (06.02.2015, 01:22):
Dmitri Schostakowitsch:
Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 (Es-Dur, op, 107)
Die Hinrichtung des Stenka Rasin (Tondichtung für Baritonsolo, Orchester und gemischten Chor*, op. 119)
11. Symphonie (g-Moll, op. 103)

(*... der sich aus rund 12 Maxln zusammengesetzt hat)

(Obs eine Zugabe gegeben hat, weiß ich nicht, da wir gleich nach Ende abhauen mußten, da es galt, um 22:15 am Bahnhof in den Railjet nach Wien einzusteigen.)

The State Primorsky Opera and Ballet Theatre Symphony Orchestra Vladivostok
Dirigent: Anton Lubchenko
Baß: Evgeny Plekhanov
Cello: Elizaveta Sushchenko
Chor der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität

Eigentlich wollte ich über den heutigen Konzertabend nichts schreiben, denn man muß ja nicht zu allem und jedem, was man an sogenannter „Hochkultur“ konsumiert, seinen Senf dazugeben (und wer meine Opernberichte liest, weiß, daß ich auch oft ganz ungeniert über Dinge schreib, von denen ich keine Ahnung hab und dann eben nach einem ganz laienhaften Eindruck urteile), aber weil mir das zweite Stück so extrem gut gefallen hat, möchte ich mal hier eine dringende Hörempfehlung abgeben! „Die Hinrichtung des Stenka Rasin“ ist ein grandioses, aber viel zu unbekanntes Werk (über die Suchfunktion hab ich nichts Aussagekräftiges gefunden). Dieser gewisse Rasin war, wie dem (sündteuren!) Programmheft zu entnehmen ist, ein aufrührerischer Kosar, den im 17. Jahrhundert das Anführen eines Aufstandes gegen Zar Alexai ( = Vater von Peter der Große) das Leben gekostet hat, was ihm einen Märtyrerstatus eingebracht hat und ihn zum Symbol für unterdrückte Untertanen stilisiert hat. (Somit hat Schostakowitsch allen Verfolgten und Unterdrückten ein Denkmal gesetzt.) Wer nicht weiß, mit welchem Werk er sich nächstens beschäftigen soll, möge sich diesen Stenka Rasin vornehmen! (Zu schreiben, daß auch die XI. Schostakowitsch ein grandioses Werk ist, hieße, Eulen nach Athen tragen...)
Musikalisch war (fast) alles ganz wunderbar!
Billy :hello
Rachmaninov (06.02.2015, 08:33):
Original von Jeremias
Gestern Abend in der nahezu ausverkauften Philharmonie Essen:

.....

Einzig störend eine blöde Kuh, die immer wieder von ihrem Platz hinter dem Orchester aus mit Blitz fotografierte, sogar vor der Sinfonie als Pletnev gerade den Taktstock hob... es folgten mahnende Worte und am Ende, als sie es immer noch nicht lassen konnte, ein Rüffel durch die Platzanweiserin... muss sowas sein?

In unserer Gesellschaft, mit immer mehr Menschen, derer Existenz immer bedeutungsloser erscheint und der Einzelne eigentliche nichts mehr zählt vor lauter Gier nach allem, fällt auf, dass eine immer größere Anzahl von Menschen sich dem stetigen Untergang aller Werte konsequent anpassen und in egoistischer Lebensweise tuen was sie wollen. Moral und Anstand degenerieren.

Alles nach dem Motto;"Toleranz? Natürlich bin ich Tolerant wenn es um mich geht!".
Aber wehe derartigen Menschen passt das Verhalten anderer nicht.

Da wundert man sich doch über gar nichts mehr auf der Welt wenn man sieht wie einzelne sich verhalten.


R
Jeremias (19.02.2015, 11:14):
Ich bin mit einigen Berichten im Rückstand... am Sonntag, den 08.02. in der Carnegie Hall New York:


The MET Orchestra
James Levine, Music Director and Conductor
Anna Netrebko, Soprano

Program

BEETHOVEN Symphony No. 2
DVOXÁK "Song to the Moon" from Rusalka
R. STRAUSS "Cäcilie," Op. 27, No. 2
CARTER Three Illusions
SCHUMANN Symphony No. 2

Was ein Erlebnis in den heiligen Hallen! Ausverkauft, es war so unglaublich eng auf den Gängen, aber überall richtige Fachgespräche innerhalb des Publikums, zudem viele junge Leute! James Levine nach Krankheit im Rollstuhl sitzend, was dem musikalischen Genuss und der Qualität aber keinen Abbruch tat. Das Publikum feierte ihn frenetisch, zu Recht! Absolut klar und präzise dirigiert, jeder Einsatz wirklich auf den Punkt genau gegeben, die Bläser absolut überragend... Da Elena Garanca abgesagt hatte, kam Frau Netrebko, die zu der Zeit ebenfalls an der MET sang, zu einem Kurzauftritt. Ich muss zugeben, dass ich sie langweilig fand. es war zwar alles absolut sauber und sie hat ein Stimmvolumen, das über das Orchester hinaus bis auf den hintersten Platz trägt, aber es ist bei ihr alles so vorhersehbar. Es geschieht absolut nichts unerwartetes, man weiss was als nächstes kommt. Ich habe Angela Gheorghiu mit Dvorak live gehört, es war so spontan und frisch, das habe ich bei Frau Netrebko vermisst... aber immerhin habe ich sie einmal live sehen können :wink
Jeremias (19.02.2015, 11:19):
Tags darauf in der Metropolitan Opera:

G. Bizet: Carmen

Conductor: Louis Langrée
Micaëla: Ailyn Pérez
Carmen: Elina Garanca
Don José: Roberto Alagna
Escamillo: Gábor Bretz

Es handelt sich um die Inszenierung, die auf DVD bei der DG veröffentlicht wurde. Das Orchester in großer Besetzung mit einem überragenden Dirigenten, es stimmte wie tags zuvor wirklich alles! Garanca in ihrer typischen Art, immer alles kontrolliert. Mir fehlte ein wenig das verruchte, das Carmen ausmacht. Sie stammt nunmal aus dem Baltikum und nicht aus Spanien oder Südamerika... gleichwohl eine fantastische Darbietung, zumal auch Alagna wirklich Höchstform hatte. Ich war allerdings ein wenig entsetzt über das Publikum... da kommt man in Turnschuhen, Joggingpullover und tippt auch mal die ganze Zeit während der Aufführung auf dem Handy herum. Die Preise in der Pause bei den Getränken sind gepfeffert, ein Glas Cola 5 Dollar, man erhält einen Plastikbecher, in den dann das Getränk hinein gespritzt wird... auch der teure Schampus wird in Plastikgläsern serviert... gleichwohl ging ein langjähriger Traum in Erfüllung!
Hosenrolle1 (19.02.2015, 13:08):
Garanca in ihrer typischen Art, immer alles kontrolliert. Mir fehlte ein wenig das verruchte, das Carmen ausmacht. Sie stammt nunmal aus dem Baltikum und nicht aus Spanien oder Südamerika... gleichwohl eine fantastische Darbietung

Ich kann mir die Garanca überhaupt nicht in solchen Rollen vorstellen, ich finde, Hosenrollen bekommt sie (schauspielerisch wie optisch) wesentlich glaubwürdiger hin.

Ich war allerdings ein wenig entsetzt über das Publikum... da kommt man in Turnschuhen, Joggingpullover und tippt auch mal die ganze Zeit während der Aufführung auf dem Handy herum.

Wobei mich das nicht sonderlich wundert; in dieser Aufführung von 1982, ebenfalls aus der MET, klatscht das Publikum einmal mitten im Stück, als die Hexe im Ofen landet, und dann noch einmal mitten in die Schlussmusik hinein:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51cR5yTqFuL.jpg



LG,
Hosenrolle1
Jeremias (19.02.2015, 13:37):
Ich meinte vor allem musikalisch war es eine tolle Leistung, aber auch von der Choreografie.
Jeremias (19.02.2015, 13:45):
Weiter geht es: Letzten Freitag im wunderschönen Konzertsaal von San Diego:

Rotterdam Philharmonic

Yannick Nézet-Séguin, music director
Hélène Grimaud, piano

RAVEL Suite from Ma Mère I'Oye (Mother Goose)
RAVEL Piano Concerto in G Major

PROKOFIEV Symphony No. 5 in B-flat Major, Opus 100

Ich war besonders auf den Dirigenten gespannt. Einer der jungen Generation, nicht im Frack, vor Energie sprühend... Schon die Suite hat unglaublich gut gefallen, unglaublich reif und mit viel Liebe zum Detail/Klang. Helene Grimaud ist natürlich absolut sicher, leider mag ich die amerikanischen Steinways nicht. So war der Klang hier und da etwas dumpf und zudem alles auch etwas vorhersehbar bei ihr. Sie ist zwar eine durchaus sehr gute Pianistin, das gewisse Etwas fehlt mir aber immer bei ihr. Sehr schön war, als sie mit dem Dirigenten zusammen einen Walzer von Brahms als Zugabe gab.

Nach der Pause dann das Highlight, die 5. von Prokofiev. Diese erinnerte sehr an die 7. von Schostakowitsch, ein richtiger Brocken. Insbesondere die Blechbläser konnten absolut überzeugen, lange Ovationen und eine wunderbare Zugabe von Schostakowitsch. es war vielleicht mein Highlight der drei musikalischen erlebnisse in den Staaten!
Hosenrolle1 (19.02.2015, 14:01):
Original von Jeremias
Ich meinte vor allem musikalisch war es eine tolle Leistung, aber auch von der Choreografie.

Das habe ich schon verstanden. Ich wollte dir nur beipflichten, dass das Verruchte da nicht so überzeugend rüberkam.



LG,
Hosenrolle1
nikolaus (20.03.2015, 20:23):
Nach langer Zeit mal wieder im Konzert gewesen, spontan in der Philharmonie Köln:

Renaud Capuçon

Scottish Chamber Orchestra
Robin Ticciati

L.v.Beethoven: Ouverture op. 62 "Coriolan"

M.Lindberg: Konzert für Violine und Orchester

F.Schubert: Sinfonie C-Dur D 944 "Große"

Ich mag ja diese kleinen, flexiblen, engagierten Orchester, zu denen auch die Schotten gehören. Trotz der kleinen Besetzung sind sie sehr durchschlagkräftig, besonders positiv fielen mir die Streicher in allen Lagen auf. Der noch junge Robin Ticciati ist eine sympathische Erscheinung, dem die Musiker offenbar gerne folgen; bemerkenswert war für mich, dass er bei Lindbergs Violinkonzert den Taktstock zur Hilfe nahm, bei Beethoven und Schubert jedoch nicht.
Ausserdem viel mir auf, dass die Konzertmeisterin eigentlich Mitglied des Mahler Chamber Orchestra ist und - laut homepage - gastweise als Konzertmeisterin in anderen Orchester spielt. Scheinbar gibt es ein Netzwerk?

Nicht durchgängig glücklich war ich mit den Interpretationen:
In der Ouverture hätte ich mir doch mehr Spannung und mehr Risiko gewünscht. Das sie das können, haben sie v.a. im zweiten und dritten, mit Einschränkungen im vierten Satz bei Schubert gezeigt, das war wirklich klasse. Der erste Satz erschien mir ein bisschen zusammenhanglos (kann aber auch daran liegen, dass mir bei Schubert oft eine Art Fluss fehlt).
Lindbergs Violinkonzert kenne ich nicht besonders gut, aber hat mir in diesem "cast" gut gefallen. Capuçon höre ich sowieso immer gerne, ich mag seinen gefühlvollen und respektvollen Zugang zu den Werken, die er spielt. Schon alleine für die Zugabe - ich weiss leider nicht, was es war - hat sich der Abend gelohnt.

Nikolaus.
Rotkäppchen (11.04.2015, 22:44):
Nein, nicht gestern, sondern schon etwas länger her, nämlich am Ostermontag:

"Das war der Wahnsinn, da dachte man, die Fenster würden bersten." So die sehr passende Kurzbeschreibung eines Besuchers der Bach'schen Messe h-Moll BWV 232 kurz nach dem Ende des für ein geistliches Konzert in der Osterzeit äußerst stürmischen Schlussapplauses. Das Prager Collegium 1704 (Barockorchester plus Vokalensemble), das sonst häufig Programme selten gespielter Werke (einer der Schwerpunkte sind ja die Werke J. D. Zelenkas, dessen erstes öffentlich aufgeführtes Werk für das Jahr 1704 verbürgt ist ... die Zeit vorher liegt wohl ziemlich im Dunkeln .., daher die Jahreszahl im Namen) bietet, wählte die vielbeschriebene, -diskutierte und vor allem -aufgeführte Messe h-Moll für eine Reihe von Konzerten, in denen das 10-jährige Bestehen des Ensembles, das in der Barockszene wohl längst kein Geheimtipp mehr ist, begangen wird.

Wie immer ließ Václav Luks seine Musiker und Sänger con brio (und mit sichtbarer Hingabe und Freude) agieren, wo immer es die Partitur hergab, vor allem natürlich in den schnelleren Chorsätzen à la Gloria in excelsis Deo, Cum sanctu spiritu, Et resurrexit, und besonders im unsterblichen und von mir heiß geliebten zweimaligen Osanna!! Vom Schlusschor erbat sich das Publikum durch beharrlichen Beifall, Füßetrampeln und Bravos eine Wiederholung. Eine Zugabe bei einer Messe in der Osterzeit? Darüber lässt sich wohl trefflich streiten, da aber die Botschaft bzw. Bitte Donna nobis pacem nicht oft genug ausgesprochen werden kann, fand ich es in Ordnung. Was bei mir selten vorkommt, ist, dass mich die überaus originellen Instrumentalsoli (Flöte, Oboe etc.) in diversen Arien viel stärker berühren als der Gesang an sich. In der Aufführung Ostermontag ist mir genau das passiert, obwohl alle Gesangssolisten (sämtliche Soli waren aus dem Chor besetzt) sehr schönen, stilsicheren und ausdrucksvollen Barockgesang boten, aber manchmal will einfach der Funke nicht überspringen.

Außerdem erfuhr man schon mal das Programm für das Osterkonzert des Collegium 1704 in 2016: Der Messias!! :engel, auf den ich mich jetzt fast ein Jahr freuen kann, denn, wer mich kennt, weiß, dass ich mit meinem trivialen, vulgären Musikgeschmack eben doch die Leichtigkeit des GFH einen Tick lieber habe als die große Ernsthaftigkeit des JSB. Hier stehe ich, ich kann nicht anders :D.

LG, Rk
AcomA (26.04.2015, 10:14):
Hallo,

gestern Abend in der Münchner Philharmonie:

LvBeethoven
Klavierkonzert Nr.1 C-Dur Op.15

Zugabe: Schubert Rondo vierhändig !

Pause

R Strauss
Ein Heldenleben Op.40

Martha Argerich, p
Staatskapelle Berlin
Daniel Barenboim, cond

Sehr bewegender Abend. Martha Argerich war sensationell im 2. und 3. Satz des Beethoven ! Welch ein blindes Verständnis aller Beteiligten. Die sinfonische Dichtung war großartig ! Rührend die Zugabe von Argerich und Barenboim vierhändig !

:engel :times10

LG, Siamak
Jeremias (27.04.2015, 11:06):
Gestern in der Essener Philharmonie:

Fazil Say, Klavier

Das Konzert fand im Rahmen der Reihe "Piano Lectures" statt. Fazil Say spielte und moderierte gut 75 Minuten am Stück. Auf dem Programm standen zunächst drei große aufwühlende Werke über Sturm, Protest und Kampd, nämlich Beethovens Sturmsonate, die Sonate 1.IX.1905 von Janaczek und unter großem Applaus angekündigt und mit Ovationen bedacht die Sonate Gezi Park 2 von Fazil Say selber.

Beim letzten mal hörte ich ihn mit Mozart und Chopin, es lag ihm beides absolut nicht. Dieses Programm passte ihm viel besser. Der Beethoven vom ersten Takt an mit Sturm und Drang, aber auch mit vielen schönen ruhigen Momenten im langsamen Satz, der Janczek mit viel Leidenschaft gespielt. Bei seinen eigenen Werken war er dann voll in seinem Element! Keine Gesten, keine "Grimassen", volle Konzentration. Er hatte vorher ein paar Worte zu den Protesten und seiner Arbeit an der Sonate gesagt, jedoch ohne politisch zu werden. Gleichwohl hatte jeder im Saal die Botschaft eindeutig verstanden! Sodann gab es noch drei seiner wunderbaren Balladen und als Zugabe etwas Gershwin.

Mein Highlight: Er signierte im Anschluss an das Konzert seine CDs. Ich hatte ein paar seiner Noten dabei... er weiss ja, dass ich seine Werke gerne spiele und hat mir dann eine nette Widmung geschrieben :engel :engel :engel
Rotkäppchen (16.05.2015, 13:09):
Gestern hatte ich Gelegenheit Julia Lezhneva live zu hören. Sie gab ein mit "Händel und Mozart in Italien" betiteltes Konzert in der nahezu ausverkauften Dresdner Frauenkirche, zusammen mit dem Helsinki Baroque Orchestra unter Aapo Häkkinen.

Der erste Teil war - chronologisch korrekt - dem älteren der beiden Komponisten gewidmet. Es gab zwei Ouvertüren zu hören, HWV 342 und die Agrippina-Ouvertüre (HWV 6), beide majestätisch in eher bedachtem Tempo zelebriert. Lezhneva sang zwei schnelle, koloraturreiche Arien: eine aus der Oper Rodrigo (HWV 5) und eine aus Il trionfo del tempo e el disinganno (HWV 46a), in denen man die schwindelerregende Virtuosität ihres warmen Soprans erleben konnte. Noch beeindruckender war dennoch die eher getragene Arie O nox dulcis aus Saeviat tellus inter rigores (HWV 240). Hier schien, aufgrund der etwas komplizierten Akustik in der als Konzertsaal eher problematischen Frauenkirche, die Stimme verdoppelt, was zu einem ganz speziellen ätherischen Klangerlebnis führte. Inspiriert von den Deckengemälden der Kirche konnte man sich fast wie im Paradies fühlen. Der vibratofreie Gesang Lezhnevas war an dieser Stelle natürlich von unschätzbarem Vorteil, mit Vibrato hätten sich sicher unschöne Interfenzeffekte ergeben (wie leider an diesem Ort schon mehrfach erlebt). Der Händelteil schloss mit dem fast kammermusikalisch begleiteten Salve Regina HWV 241, in dessen dritten Teil eine halluzinatorische Kadenz eingebaut war.

Nach der Pause wurde zunächst Mozarts Sinfonie Nr. 15 G-Dur (KV 124), nach meinem Verständnis ein heiteres Stück, das die Glückshormone fließen lässt, musiziert, gefolgt vom Höhepunkt des Abends, der Motette Exsultate, jubilate KV 165, die Lezhneva auch auf CD eingespielt hat und in der man nun auch ihr glasklares oberes Register bewundern konnte.

Viel Applaus und Bravo-Rufe für die bescheiden wirkende Sängerin, die sich immer wieder bei Dirigent und Orchester bedankte und zwei, praktisch nur aus Koloraturen bestehende, mir nicht spontan bekannte Zugaben, sang, welche ich eher Händel oder einem barocken Kollegen zuordnen würde.

Ciao, Rk
Jeremias (26.05.2015, 16:58):
Vergangenen Freitag in der Philharmonie Essen:

Yuja Wang, Klavier
Münchner Philharmoniker
Michal Nesterowicz, Dirigent

Sergej Prokofjew
Konzert Nr. 2 g-Moll für Klavier und Orchester, op. 16
Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 1 c-Moll, op. 68

Die Philharmonie war leider nur gut besetzt. Offensichtlich hatten doch einige Abstand genommen, die v.a. wegen Lorin Maazel gekommen wären. Das Publikum war jedoch restlos begeistert! Yuja Wang spielte mit einer Leichtigkeit, wie ich sie bei dem Brocken noch nie gehört habe! Dazu hatte sie noch ordentlich Luft nach Oben... kein Anzeichen von Anstrengung bei diesem Konzert, das sogar als noch schwerer als Rach 3 gilt. Manchmal trugen die Bläser doch etwas zu dick auf, aber das konnte man verschmerzen. Als Zugabe den türkischen Marsch, eien Mischung der Fassungen von Fazil Say und Volodos, gespickt mit eigenen Höchstschwierigkeiten... unglaublich!

Auch der Brahms wurde toll dargeboten, insbesondere im 4. Satz vermochte sich das Orchester unglaublich zu steigern, ein furioses Finale! Den Namen des Dirigenten sollte man sich merken, hat mir sehr gut gefallen!
Jürgen (01.06.2015, 13:34):
Verschoben in: Gestern in der Oper
abendroth (03.06.2015, 16:30):
Noch eine dreiviertel Stunde. Werde ich es schaffen? Die Strassenbahnhaltestelle ist natürlich viel weiter weg als gedacht. Und ist die Linie 5 überhaupt die richtige? Wird sie – es ist Sonntag, früher Nachmittag – überhaupt oft fahren? 20 Minuten später stehe ich schon vor dem neo-klassizistischen Gebäude, dessen früherer Haupteingang verschlossen ist und das man jetzt durch einen stählernen und gläsernen seitlichen Anbau betritt. Die versammelte Menschenmenge wartet zum Glück nicht an der Kasse, sondern an den noch verschlossenen Eingangstüren zum Foyer. Jemand erklärt mir freundlich, wo es Karten gibt, - wenn es noch welche gibt. Nachmittagskonzerte haben ihren Reiz, z.B. für Leute die eine weite Rückreise haben, von jüngeren Kindern begleitet werden oder die Nacht scheuen.

An der Kasse ist keine Warteschlange. Gibt es noch? Ja es gibt noch. Für 37 Euro entweder ganz hinten im Eck auf der Empore oder ein Podiumplatz. Der Finger deutet auf einen plastifizierten Saalplan. Jetzt gilt es schnell zu entscheiden. Der Saal ist wohl nicht besonders tief, aber dafür eher breit. Gewiss wird man hinten gut hören, schliesslich sind die Plätze auf der Empore in der Mitte mit die teuersten. Auf dem Podium, hinter dem Orchester, so dass man dem Dirigenten auch mal länger ins Gesicht schauen kann? Aber wird seitlich hinter dem Orchester der Klang nicht ausser Balance sein? Trotzdem, ich wage es. Den Podiumplatz.

Erst schaue ich mich ein wenig im Saal um. Noch kaum jemand hat Platz genommen. Ich schaue von hinten nach vorn, wo die mächtige Orgel den Blick dominiert. Rechts und Links von ihr führen die Treppen aufwärts, die zugleich den Zugang zu den steil aufsteigenden Podiumplätzen bieten, die sich seitlich der Treppen befinden. Hier sitzen bei grossen Chorwerken die Choristen, bis sie auf das Zeichen des Dirigenten sich erheben. Aber heute singt kein Chor. Ich nehme die Treppe in den ersten Stock, betrachte den Saal von oben, auch von da, wo ich hätte sitzen können, hätte ich nicht den Podiumsplatz bevorzugt. Aber ich muss weiter durch das Treppenhaus, das zu den Podiumplätzen und zum Dirigentenraum führt und wenig später werde auch ich die rote Treppe hinuntersteigen, die die allergrössten ihrer Zunft, die Karajans, Bernsteins oder Klemperers nehmen mussten, um das Dirigentenpult zu erreichen.

Vor mir blicke ich aus ca. 5 Meter Entfernung auf eine eindrucksvolle Phalanx Blech. Unten vor der Orgel diverse Schlagzeuginstrumente – es verspricht recht bunt zu werden. Nein, Messiaen steht zum Glück nicht auf dem Programm, sondern die Transkription der Klaviersonate Alban Bergs für grosses Orchester, durchaus reizvoll und farbenprächtig. Das einsätzige Werk is eher kurz und da jetzt ein Flügel herbeigeschafft werden muss, beginnen die nötigen Auf- und Umräumarbeiten. Die beginnen allerdings eher merkwürdig. Zwei junge Männer klappen an Scharnieren befestigte schmale Latten des Podiums um und zaubern eine Art neoklassizistische Zaunpfähle hervor, die mit roten Tauen verbunden sind. Das fertige Gebilde muss man sich ungefähr wie einen rechteckigen Boxring vorstellen? Nach einer gewissen Zeit verschwindet das abgegrenzte Stück Podium in der Tiefe um wenig später zusammen mit einem Flügel aus der Tiefe wieder aufzutauchen. Die Pfähle und Taue verschwinden wieder in ihren Versenkungen. Noch ein bisschen hin- und her, die Musiker haben inzwischen Platz genommen, hinter meinem Rücken öffnet sich die Saaltür und mit eher sportlichen Schritten eilt der Pianist zum Flügel, der Dirigent zum Pult. Eines der Liszt’schen Schlachtrösser, das zweite, steht auf dem Programm. Der in Frankreich sehr geschätzte, hier (D) weniger bekannte Francois Frederic Guy greift in die Tasten. Unterstützt wird sein makelloses Spiel durch eine prächtige, nur leicht ergraute Löwenmähne, die sehr effektvoll mit eingesetzt wird. Ich bewundere die Beinarbeit des Dirigenten; exakt auf die Musik abgestimmte tänzelnde und hüpfende Schritte, auch beidbeinige Sprünge, die aber nicht die berühmten Bernstein’schen Dimensionen erreichen.

Der Mann verrichtet sein Handwerk sicher und gut. Ohne intime Vertrautheit mit der Partitur wäre diese Choreographie nicht denkbar. Er steht vor seinem Orchester und das fühlt sich in sicheren Händen. Eine ca. 30% -ige standing ovation, Francois-Frederic lässt sich nicht lange bitten und entschädigt uns mit einem wunderbaren Liebestod Isoldes.

Auch die Pause bietet eine Überraschung, auf die man mich an der Kasse schon freundlicherweise vorbereitet hat. Alle Getränke, Kaffee, Wasser, Cola, Wein etc. sind umsonst (oder im Entreegeld enthalten). Keine Suche nach passenden Münzen, kein Wechseln grosser Scheine, alles geht unglaublich zügig an auffällig zahlreichen Theken. Nur an der separaten Champagnerbar wird zur Kasse gebeten.

Auf dem Rückweg zu meinem Platz verweile ich vor der Büste Mahlers, die seine Tochter Anna gestaltet hat. Vor mir dann wieder eine Tuba, drei Posaunen, Trompeten. Sieben Kontrabässe, halbrechts hinter den Geigen 5 oder 6 Hörner und in beängstigender Nähe 3 Kesselpauken. Aber alles beginnt ganz leise, wie so oft fast aus dem Nichts, das leise nervöse rhyrthmische Zucken der Geigen, aus der Ferne dunkle Wolken bei den tiefen Streichern, ein paar Fragezeichen – wo soll das hinführen? Etwas steigert sich, beruhigt sich scheinbar wieder, und dann bricht es fast unerwartet los und ergreift mit unerwarteter, geradezu unglaublicher Wucht. Das geht durch Mark und Bein. Das ist dicht an der Schmerzgrenze, manchmal darüber und ab und zu lege ich doch ängstlich die Handflächen auf die Ohren. Erst jetzt sehe ich die diskreten Schutzschirme aus Plexiglas, die wie Notenpulte die Bratscherinnen (es waren fast nur Frauen) vor den decibels schützen, die vermutlich allen gesundheitsrechtlichen Vorschriften zuwiderlaufen. In den leisen Passagen hat der Dirigent ersichtlich Mühe, die Holzbläser zu leiserem Spiel zu überreden, meist ohne Erfolg. Man hört hier sowieso das leiseste Flüstern. Und man hört hier, wo ich sitze alles, selbst durch das Blech hindurch. Kein Orchestermusiker wird hier klagen, dass er seine Mitspieler nicht hört.

Adagio. Sehr feierlich. – Welch wunderbarer Klang. Es ist alsob der ganze Saal von einem alten Geigenbauer aus Cremona gebaut ist. Da spielt nicht ein Orchester in einem Saal, sondern alles ist erfüllt von Klang. So stelle ich mir das Paradies vor. Nie habe ich vergleichbares gehört und ich verstehe die panische Angst, die manche hatten, als vor einigen Jahren einige bauliche Eingriffe im Saal ausgeführt wurden.

Das Scherzo erinnert an ein Pferd, das mit der Peitsche vorangetrieben wird (trotz der Bezeichnung ‚nicht schnell’), das Trio mit wunderbar klingende pizzicati. Das Finale beginnt zögernd, als wisse der Komponist noch nicht so recht was er tun will. Für kurze Zeit droht es ein fröhlicher Kehraus zu werden. Aber dann wird es doch ein Finale mit einem überraschenden Ideenreichtum.

Zwischen dem Tosen des Orchesters und dem Toben des Publikums gab es zum Glück eine Pause. Dass das Publikum nicht in den Nachhall oder gar den Schluss eines grossen, würdigen Werks klatscht oder gar ruft, zeichnet es aus.

Das Niederländische Philharmonische Orchester spielte im Amsterdammer Concertgebouw unter Leitung seines Chefdirigenten Marc Albrecht Bruckners 6. Symphonie.
nikolaus (04.06.2015, 00:01):
:thanks

für den mal anderen und so lebendigen Bericht!

Nikolaus.
Severina (04.06.2015, 00:19):
Sehr spannend und vor allem äußerst raffiniert, uns erst am Schluss zu verraten, wo Du eigentlich gewesen bist! :D :D :D

lg Severina :hello
palestrina (04.06.2015, 09:29):
Liebste Severina , auch den Schluss bitte Lesen ! :D

LG palestrina
Andréjo (04.06.2015, 11:49):
In der Tat ein schönes Kabinettstück musikalischer Literatur, werter abendroth!

Ich hab sie auch noch an anderem Ort entdeckt gestern, Deine Besprechung! :cool

:helloWolfgang
Severina (04.06.2015, 15:26):
Original von palestrina
Liebste Severina , auch den Schluss bitte Lesen ! :D

LG palestrina

Äh, ja, hab ich doch ?( Hab ich was nicht verstanden, oder steh ich jetzt auf der Leitung?

lg Severina :hello
palestrina (04.06.2015, 17:06):
Das Niederländische Philharmonische Orchester spielte im Amsterdammer Concertgebouw

LG palestrina
Severina (04.06.2015, 17:39):
Naja, genau das habe ich ja gemeint, dass man erst am Schluss erfährt, wo das Konzert stattgefunden hat und wer gespielt hat.

lg Severina :hello :D
palestrina (04.06.2015, 17:59):
Sorry liebe Severina das habe ich völlig missverstanden ! :ignore

LG palestrina
Severina (04.06.2015, 18:13):
Original von palestrina
Sorry liebe Severina das habe ich völlig missverstanden ! :ignore

LG palestrina

Kein Problem, das sind die Tücken der Internetkommunikation :haha :D!

lg Severina :hello
abendroth (04.06.2015, 21:21):
Original von Andréjo
In der Tat ein schönes Kabinettstück musikalischer Literatur, werter abendroth!

Ich hab sie auch noch an anderem Ort entdeckt gestern, Deine Besprechung! :cool

:helloWolfgang

Wie, Wo? Hat mich da jemand plagiiert? :-)
Jussi (05.06.2015, 16:48):
:times10 dem Literaten unter uns! :)

Dankeschön für den originellen Bericht, lieber abendroth! :beer

LG Jussi
Rotkäppchen (05.06.2015, 23:41):
Ist die 1980 geborene russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko noch ein Rising Star? Wohl eher nicht, schließlich erscheint bei Sony demnächst bereits ihre dritte Solo-CD. Mir war die Sängerin bisher durch ihre Interpretation der Marfa in Rimski-Korsakows "Zarenbraut" bekannt, die ja fürs TV aufgezeichnet wurde und hier schon (mehr bzgl. inszenatorischer Feinheiten) diskutiert wurde. Ich erinnerte mich an eine jugendlich wirkende, warm klingende Sopranstimme. Vergangenen Montag hatte ich nun die Gelegenheit, die Künstlerin bei einem Liederabend im Dresdner Palais im Großen Garten -- zu jeder Jahreszeit, aber besonders im Sommer ein äußerst reizvolles Ambiente -- live zu hören und zu erleben. Zunächst einmal punktete Peretyatko mit ihrer schlichten, liebreizenden Erscheinung und sie moderierte ihr Programm kokett in sehr gutem Deutsch. Die Zusammenstellung sei "ein bisschen merkwürdig", begann sie, aber es seien eben alles Stücke, die ihr sehr gut gefallen. Ja, und das waren diese hier:
Nikolai Rimski-Korsakow

Arie der Snegurotschka "Nach Beeren mit dem anderen Mädchen" aus "Schneeflöckchen"
Arie der Maria "Iwan Sergeitsch, möchtest du, dass wir in den Garten gehen?" aus "Die Zarenbraut"
"Östliche Romanze. Die Rose und die Nachtigall" op. 2/2
"Klingender ist das Lied der Lerche" op. 43/1
Arie der Königin von Schemacha "Antworte mir, wachsames Gestirn" aus "Der goldene Hahn"

Christoph Willibald Gluck

Melodie aus "Orfeo ed Euridice" (Bearbeitung für Klavier solo: Giovanni Sgambati)

Richard Strauss

"Die Nacht" op. 10/3
"Zueignung" op. 10/1
"Morgen!" op. 27/4
"Ich schwebe" op. 48/2
"Cäcilie" op. 27/2

PAUSE

Sergej Rachmaninow

"Flieder" op. 21/5
"Vocalise" op. 34/14
"Hier ist es schön" op. 21/7
"Oh, schönes Mädchen, singe nicht" op. 4/4
"Frühlingsgewässer" op. 14/11
"Elegie" op. 3/1 (Klavier solo)

Gioachino Rossini

Fiorellas Rezitativ und Arie "I vostri cenci vi mando -- Squallida veste, ebruna -- L'infelice, che opprime sventura" aus "Il turco in Italia"
Fiorillas Kavatine "Non si da follia maggiore" aus "Il turco in Italia"

2 Zugaben
Olga Peretyatko hat alles: eine geläufige Stimme, für die weder virtuos angelegte Koloraturen, noch Triller, noch große Sprünge oder effektvolles An- und Abschwellen von Tönen ein Problem darstellen. Mittellage und Tiefe klangen in meinen Ohren voll und warm. Allerdings hatte ich ihre Stimme, was Höhen und Forte betrifft, lieblicher, lyrischer in Erinnerung. Entsprechende Passagen klangen "dramatisch", mit beachtlichem Vibrato und einem Hang zur Schärfe, so dass sie keineswegs mehr jugendlich klang, was mich etwas überraschte. Und, ja, auch ein Hauch von Enttäuschung war zeitweise dabei. Trotzdem: die Sängerin hat mich sehr berührt, vor allem mit den Strauss- als auch mit den Rachmaninow-Liedern und mit zwei dramaturgisch geschickt gewählten, weil höchst virtuosen Zugaben (die ich leider nicht identifizieren konnte), in denen die Stimme plötzlich doch wieder lyrischer und heller klang. In Matthias Samuil hatte sie einen gefühlvollen Begleiter, der zudem mit zwei meditativen Solostücken brillieren konnte. Viel Beifall und Bravos -- man darf gespannt sein, in welches Fach sich Peretyatkos Stimme bewegt...

Etwas zwiegestalten verließ ich das raffiniert illuminierte Palais an diesem angenehm temperierten Abend und radelte, passend zur Mehrheit der Liedtexte, melancholisch nach Hause.

LG, Rk
Rotkäppchen (14.06.2015, 00:53):
Hier noch ein Nachtrag zu Olga Peretyatkos Liederabend:

In der Printausgabe der Sächsischen Zeitung erschien am 3.6. eine ganz überschwängliche Kritik, in der der Rezensent meinte, man hätte vor der Sängerin niederknien müssen und auch in einer kürzlich erschienenen Zusammenfassung der Dresdner Musikfestspiele (dazu gehörte das Konzert) wurde der Abend als besonderes Highlight erwähnt, so dass ich ein bisschen an meiner Wahrnehmung gezweifelt hatte...

Eben fand ich jedoch diese Einschätzung im "Online-Merker":

DRESDEN/ Musikfestspiele: EINIGE FESTIVAL-SPLITTER DER „DRESDNER MUSIKFESTSPIELE

Ich bin ja selten mit dieser Rezensentin so richtig einer Meinung, aber hier schon -- sie schreibt auch von schriller Höhe und dem Wunsch nach mehr Klangschönheit etc. und sah ebenfalls in den Strauss- und Rachmaninow-Liedern den stärksten Teil des Abends...
Jeremias (23.06.2015, 14:39):
Gestern im ausverkauften Ibach-Haus in Schwelm im Rahmen des Ruhrfestivals:

Hisako Kawamura

Wolfgang Amadeus Mozart
Sonate Nr. 4 in Es-Dur KV 282
Sonate Nr. 12 F-Dur KV 332


Frédéric Chopin
Nocturne in F-Dur op. 15 Nr. 1
Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23
Franz Liszt „Mädchens Wunsch“ und „Meine Freuden“ (Liedtranskriptionen von Frédéric Chopin)
Nocturne in f-Moll op. 55 Nr. 1
Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52

es war eine Sternstunde, eines der besten Konzerte aller Zeiten! Ein absolut gefesseltes, ruhiges Publikum! Kein Handy, kein Husten, kein Rascheln, NICHTS! So wünscht man sich jedes Konzert... Hisako Kawamura gewann u.a. den Clara Haskil Wettbewerb und den 2. Preis Geza Anda und ARD. sie studierte bei Vladimir Krainev und ist Dozentin an der Folkwang Hochschule in Duisburg.

Mozart gehört zu ihren Lieblingskomponisten. So durchdacht, so stimmig, jeder Ton wie er sein soll, technisch absolut sauber, mit einem Anschlag und einem Klang, den weltweit nicht mal ein Dutzend Pianisten haben! Es war ungelogen die beste Mozart-Darbietung, die ich je live gehört habe! Im zweiten Teil dann Chopin, es ging nahtlos ineinander über. Auch hier hatte man das Gefühl Chopin komplett neu zu erleben, das Pedal so behutsam eingesetzt, Melodieführungen, technisch absolut souverän... man wollte gar nicht mehr, dass es aufhört... als Zugabe das Nocturno von Skriabin für die linke Hand und dann noch das Nocturno op.27 Nr.2 von Chopin....

Eine absolute Sternstunde!!

Und Donnerstag habe ich Unterricht bei ihr

:leb :leb :leb
nikolaus (24.06.2015, 00:58):
Nachdem ich letztes Jahr „geschwänzt“ habe, war ich dieses Jahr wieder 10 Tage in Lugano beim Progetto Martha Argerich, jenem dreiwöchigen Festival, zu dem sich junge und etablierte Musiker um Martha Argerich treffen um zusammen in entspannter Atmosphäre zu musizieren und konzertieren (in zwei Orchesterkonzerten, diversen Kammermusikabenden und kurzen Klavierrecitals, so dass man fast jeden Tag ein Konzert besuchen kann).
Meinerseits ist die Begeisterung der ersten Jahre (ich war jetzt zum neunten Mal dort) einer gewissen Vertrautheit und Routine gewichen. Ein „harter Kern“ der Musiker hat sich über die Jahre gehalten (interessant zu sehen und hören, wie sie sich geändert haben – oder auch nicht...), ergänzt durch junge Nachwuchstalente und den einen oder anderen etablierten Gast. Programmatisch wiederholt sich jetzt doch das eine oder andere.
Spaß macht es trotzdem, vor allem gibt auch immer wieder Spannendes zu entdecken.
Schade ist nur, das Martha Argerich sich doch merklich rar macht in den Konzerten; während sie früher bei den Kammermusikabenden teilweise mehrfach auftrat, ist sie jetzt an manchen Abenden gar nicht dabei. Darunter leidet zwar nicht unbedingt die Qualität der Konzerte, aber es fehlt einfach ein gewisser Esprit.

Hier nun ein paar Eindrücke zu den von mir besuchten Konzerten:

Orchesterkonzert mit dem Orchestra della Svizzera Italiana unter Alexander Vedernikov
- Ernö von Dohnány: Variationen über ein Kinderlied C-Dur op. 25
Mauricio Vallina, Klavier
Seltsames, mir bis dato unbekanntes Werk; nach bombastischer Einleitung folgt das Thema: „ Ah! vous dirai-je, Maman“ mit sehr launigen Variationen. Nach anfänglicher Irritation hat das richtig Spaß gemacht. Wer will kann es hier nachhören.
- Johannes Brahms: Konzert für Violine und Violincello op. 102
Sascha Maisky (Violine), Mischa Maisky (Violincello)
Sascha Maisky erschien anfänglich etwas nervös (bei dem musikalisch dominanten Vater kein Wunder), im zweiten und dritten Satz war es dann aber eine mitreissende Interpretation, auch und gerade seitens des Orchesters.
- Piotr Tschaikovsky: Meditation op. 42 no. 1, Valse-Scherzo op. 34 für Violine und Orchester
Andrey Baranov (Violinie)
Zwei „Virtuosenhäppchen“ sehr zum Gefallen des Publikums – ich hätte sie nicht gebraucht...
- Luis Bacalov: Porteña für zwei Klaviere und Orchester
Martha Argerich, Eduardo Hubert (Klavier)
Eine neue Komposition des argentinischen Komponisten, im Mai in Buenos Aires uraufgeführt. Sie besteht aus 11 eher kurzen Sätzen und ist durchaus spannend trotz dieser „Kleinteiligkeit“. Die Grundstimmung ist sicherlich dem Tango verpflichtet, geht aber musikalisch darüber hinaus. Für die Pianisten ist es ein dankbares Stück, natürlich waren beide in ihrem Element! Hier kann man es zumindest anhören.
- Piotr Tschaikovsky: Klavierkonzert Nr. 3 op. 75
Lilya Zilberstein (Klavier)
Das doch eher selten gespielte Konzert ist überschrieben mit Allegro brillante, und dem wurde Lilya Zilberstein mehr als gerecht. Sie ist wirklich eine enorm virtuose und kraftvolle Pianistin, der alles mühelos gelingt, und das zuverlässig.

Kammermusikabende
- Robert Schumann: Kanonische Studien op. 56 (ursprünglich für Pedalflügel, hier als Version für zwei Klaviere von Claude Debussy (!))
Martha Argerich, Lilya Zilberstein (Klavier)
Ich mag dieses Werk sehr gerne, kannte aber diese Version für zwei Klaviere noch nicht; diese Bearbeitung ist wirklich sehr reizvoll, hier zu hören und sehen.
- Johannes Brahms: Scherzo aus der F.A.E.-Sonate
- Sergej Prokofiev: 5 Melodien op. 35
Beides solide gespielt von Mayu Kishima (Violine) und Akane Sakai (Klavier).
- Johannes Brahms: Klaviequartett Nr. 1 op. 25
Dieses Mal die komplette Familie Maisky (Lily - Klavier, Sascha - Violine, Mischa - Violincello) ergänzt durch
Nathan Braude (Viola).
Das war wirklich klasse, die vier liessen bei mir keine Wünsche offen! Lily Maisky hat sich in den letzten Jahren zu einer tollen (kammermusikalischen, solo habe ich sie noch nicht erlebt) Pianistin entwickelt.
- Francis Poulenc: Sonate für zwei Klaviere
Sergio Tiempo und Karin Lechner (Klavier)
Die Geschwister sind ein eingespieltes Team, und es ist jedes Mal überwältigend, welche orchtestrale Wucht die beiden in den Werken für zwei Klaviere entfalten, und wie souverän und virtuos sie sind. So auch in dieser Sonate von Poulenc, eher Randrepertoire, aber in jedem Fall interessant und hörenswert, siehe hier.

- Camille Saint-Saëns: Suite aus der Oper Étienne Marcel bearbeitet für zwei Klaviere von Claude Debussy
Daniel Rivera, Gabriele Baldocci (Klavier)
Noch so eine schöne Bearbeitung von Debussy, mir bisher unbekannt.
- Johannes Brahms: Sonate op. 120 für Klarinette und Klavier Bearbeitung für Viola und Klavier
Nora Romanoff (Viola), Lily Maisky (Klavier)
Nun ja, sicher nicht schlecht, aber ich gehöre leider nicht unbedingt zu den Anhängern der Viola als solistisches Instrument.
- Ferdinand Ries: Klavierquintett op. 74
Lilya Zilberstein (Klavier), Andrey Baranov (Violine), Lyda Chen (Viola), Jing Zhao (Violincello), Enrico Fagone (Kontrabass)
Eine echte Entdeckung! Ein frisches, leichtes Stück (eher für Klavier mit Streichquartett-Begleitung), mit perlendem Klavierpart (Zilberstein in ihrem Element).
- Philipp Glass: Suite aus der Oper „Les Enfants Terribles“ und
- Alberto Ginastera: Estanciain einer Transkription für drei Klaviere von Carlo Maria Griguoli
Giorgia Tomassi, Alessandro Stella und Carlo Maria Griguoli (Klavier).
Die Transkriptionen für dieses „Trio“ bilden eine Konstante in den letzten Jahren und sind immer klasse. Für mich unbebreiflich, wie sich die drei in diesem einerseits minimalistischen (ja, auch Ginastera irgendwie, jedenfalls gibt es Parallelen), andererseits rhythmisch vertrackten Wirrwarr zurechtfinden, aber sie tun es ganz souverän und klingt einfach toll.


Klavierrecitals
- Sergio Tiempo: von Beginn an in Lugano dabei, meistens mit seiner Schwester Karin Lechner (s.o.), dieses Jahr also auch solistisch. Schade, dass er in Europa eher selten zu hören ist, denn mit seinem Temperament und seiner erfrischenden Art ist er eine echte Bereicherung.
Programm:
Johannes Brahms: Intermezzo op. 119 Nr. 1, Walzer op. 39 Nr. 15
L.v.Beethoven: Sonate op. 57 (Appassionata)
Claude Debussy: Reflets dans l’eau (aus Images, 1. Buch)
Sergej Prokofiev: aus 10 Stücke aus Romeo und Julia op. 75. 4. Julia als junges Mädchen, 6. Montagues und Capulets, 9. Tanz der Mädchen mit Lilien, 8. Mercutio
H.Villa-Lobos: Branquinha, Moreninha, A Pobresinha, O Polichinello
A.Ginastera: Malambo op. 7
Zugaben: Chopin und Tango
Das war ein virtuoses Programm, wobei der „südamerikanische“ Teil mir schon fast zuviel des guten war, weil für mich alles sehr ähnlich klang. Seine Interpretation der Appassionata muss man schon als exzentrisch beschreiben, so habe ich noch nie jemanden die Möglichkeiten in Tempo und Dynamik ausreizen gehört. Geschmackssache, interessant auf jeden Fall und souverän gemacht.

- Giulio Potenza: ein junger Pianist aus Sizilien, zwar nicht fehlerfrei, aber indivividuell gestaltend (das zählt für mich sowieso mehr).
Programm:
Leos Janacek: Sonate 1.X.1905
Modest Mussorgsky. Bilder einer Ausstellung
Robert Schumann: Ballszenen op. 109 für Klavier zu 4 Händen (mit Gabriele Baldocci)
Am besten hat mir die Sonate von Janacek gefallen weil sehr berührend. Den Schumann fand ich dagegen – obwohl Schumann-Liebhaber - fast unerträglich, das lag aber an dem Werk selber mit einer nicht enden wollenden Reihenfolge von Tänzen...

- Gabriele Baldocci: ein schon etablierter und auch dozierender Pianist aus Livorno/Italien, solide aber für mich nicht herrausragend.
Programm:
L.v.Beethoven: 6 Bagatellen op. 126
Franz Liszt: Salve Maria S431 aus Jerusalem von Verdi, Réminiscences de Boccanegra S438 von Verdi, Elsas Brautzug zum Münster S445/2 aus Lohengrin von Wagner
Maurice Ravel: La Valse
Die Bagatellen mag ich sehr gerne, und die hat er auch sehr gut, eher weich und klangschön gespielt. Liszt war auch gut, La Valse bevorzuge ich in der Version für zwei Klaviere, aber er hat das Beste daraus gemacht.

- Thomàs Alegre: ein 22jähriger Argentinier – für mich eine sehr positive Überraschung! Er spielt im besten Sinne „schön“ ohne oberflächlich zu wirken, gestaltet sensibel, sein Brahms sehr poetisch. Aussergewöhnlich!
Programm:
J.S.Bach: Italienisches Konzert BWV 971
W.A.Mozart: Sonate Nr. 8 K 310
Franz Liszt: Funérailles aus S173
Johannes Brahms: Sechs Stücke op. 118

- Zusätzlich gab es noch einen speziellen Abend ausserhalb im Teatro Sociale in Bellinzano, einem kleinen, wirklich netten und historisch restaurierten Theater.
Der Abend galt Olivier Messiaen, genauer den „Visions de l’Amen“ für zwei Klaviere.
Die sieben „Sätze“ haben sich sieben Pianisten aufgeteilt: Daniel Rivera, Giulio Potenza, José Menor, Alexander Gurning, Cristina Marton, Akane Sakai, Gabriele Baldocci.
Eigentlich hätte auch Martha Argerich spielen sollen, die aber indisponiert war.
Messiaens Musik empfinde ich als aussergewöhnlich und nur schwer fassbar; dennoch war es ein eindrücklicher Abend.

So, das war’s!

Nikolaus.
Jussi (24.06.2015, 19:28):
Lieber NIKOLAUS,

vielen, vielen Dank für den so interessanten und ausführlichen Bericht!!! :beer
Da hast Du Dir ja was Herrliches gegönnt!! Ist immer schon einer meiner Träume :wink , dort mal sein zu können! Schon wegen Martha! :engel
Ist ja schade, daß sie so wenig aktiv sein konnte. Aber Du hast ja sehr viel Schönes und Interessantes
auch ohne sie erleben können! Die komplette Maisky-Family - köstlich! :D :D

Ja, die Kammermusik von Ries ist wirklich eine Entdeckung wert, ganz besonders das Klavierquintett!! :down

LG Jussi
nikolaus (25.06.2015, 22:49):
Original von Jussi
...
Ist immer schon einer meiner Träume :wink , dort mal sein zu können! Schon wegen Martha! :engel
...

Ist gar nicht so schwer, sich das zu erfüllen!
Und Lugano ist sicher leichter zu erreichen als Beppu/Japan oder Buenos Aires, wo sie ähnliche Festivals protegiert :wink

Ansonsten tourt sie schon noch fleissig.
Z.B. werde ich sie im November (Gedenkkonzert für Claudio Abbado, mit dem Luzern Festival Orchestra unter Andris Nelsons) und im April (zusammen mit Daniel Barenboim!!!) jeweils in Paris erleben.
Hoffentlich kommt nichts dazwischen, man weiss ja nie...

Aber eigentlich hast Du ja die bessere Ausgangsposition in Berlin, dorthin kommt sie eher als nach Bonn :D

LG, Nikolaus.
AcomA (02.07.2015, 23:52):
Hallo,

Eröffnungskonzert der AUDI-Sommerkonzerte am Di., den 30.06. im Festsaal des Theaters Ingolstadt :

M Bates
Garages of the Valley

M Bruch
Violinkonzert Nr.1 g- moll Op.26

H Berlioz
Symphonie fantastique Op.14

Sergey Khatchatryan, v
San Francisco Symphony Youth Orchestra
Donato Cabrera, cond

Der Ton und das Auftreten Khatchatryans waren überwältigend. Das Jugendorchester aus San Francisco war auch sensationell. Beide Werke wurden IMO herausragend vorgeführt, wie ich es noch nicht erfahren hatte !

:times10 :engel

LG, Siamak
Jeremias (03.07.2015, 13:20):
Den Geiger habe ich einmal in Eriwan live gesehen, es war ein ganz tolles Erlebnis! Und dass Du den Berlioz so unglaublich magst, das ist mir ja auch bekannt

:wink
AcomA (03.07.2015, 18:26):
Original von Jeremias
Den Geiger habe ich einmal in Eriwan live gesehen, es war ein ganz tolles Erlebnis! Und dass Du den Berlioz so unglaublich magst, das ist mir ja auch bekannt

:wink

Lieber Jeremias

:beer :hello

LG, Siamak
nikolaus (04.07.2015, 13:02):
Original von AcomA

Der Ton und das Auftreten Khatchatryans waren überwältigend.

:times10 :engel

LG, Siamak


Ich finde ihn auch aussergewöhnlich!

Hier kannst Du - wenn Du Lust hast - ihn mit Khachaturians Violinkonzert hören und sehen.

Nikolaus.
nikolaus (04.07.2015, 13:23):
Gestern in der Philharmonie Essen:

Martha Argerich und Mischt Maisky

Ludwig van Beethoven: Sieben Variationen über das Thema „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus der Oper „Die Zauberflöte“ von W. A. Mozart für Violoncello und Klavier in Es-Dur WoO 46

Dimitrij Schostakowitsch: Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40

César Franck |Sonate für Violine und Klavier in-A-Dur (in der Fassung für Violoncello und Klavier)

Zugaben:
1. bin ich mir nicht sicher, evtl. Mendelssohn
2. Chopin: Introduktion und Polonaise brillante
3. Kreisler: Liebesleid

Natürlich für mich wieder ein grosser Abend, reiner Genuss!
Die beiden waren offensichtlich gut aufgelegt, aber überraschend zahm, dafür umso klangschöner und sensibler. Mir schien vieles intuitiv und spontan, man merkt einfach, dass sich die beiden gut kennen (ich glaube nicht, dass sie viel geprobt haben, da Maisky am Abend vorher noch in Moskau beim Tschaikovsky-Wettbewerb war...).
Mir gefällt die Franck-Sonate in der Fassung für Cello fast besser als die für Violine.

Nikolaus.
AcomA (04.07.2015, 15:47):
Lieber Nikolaus,

ich habe eine Einspielung der Franck-Sonate sowie der Debussy-Sonate mit Maisky und Argerich von EMI aus 1983, also vor 32 Jahren !

LG, Siamak
Jürgen (06.07.2015, 15:05):
Samstag, 4.7.

Im Jagdschloss Kranichstein fand am Samstag eine Barocknacht statt.

Und das funktionierte folgendermaßen:

Als Eröffnungskonzert wurde das 6. Brandenburgische Konzert gespielt, nachdem einige Begrüßungsworte gesprochen waren.
Anschliessend wurde in 4 verschiedenen Räumen im 3/4 Stundentakt Kammermusik von etwa 30 Minuten Länge dargeboten.

Die 15 Minuten Pause zwischen den Musiken konnten zum Raumwechsel und zur Aufnahme von Flüssigkeiten genutzt werden. Reichlich Trinken war angeraten, denn es war ungeheuerlich warm.

Um 23 Uhr gab es als Abschlusskonzert eine Venzianische Vesper, die bis Mitternacht dauerte.

Alles in Allem rund 4 Stunden Musik.

Die Ausführenden waren Dozenten, Studierende und Gäste des „Instituts für Historische Interpretationspraxis" an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M.

Wie nicht anders zu erwarten, gab es viel Gelungenes und manch Blasses.

Mein persönliches Highlight des Abends war Vivaldis Triosonate a–moll RV 86 für Altblockflöte, Fagott & Basso continuo
Den Part des Basso continuo übernahm eine Theorbe, weswegen ich mich überhaupt für diese Vorstellung entschieden hatte. Interessanter weise war ich von diesem Instrument (oder seinem Spieler) eher enttäuscht. Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich an die schnarrende Spielweise gewöhnt hatte.
Positiv überrascht, ja sogar hellauf begeistert war ich von der Fagottistin (Mariana Parás), die mit ihrem treibenden Bass eine Bühnenpräsenz wie ein Rockmusiker entwickelte.
Ein spontaner Zwischenapplaus nach dem 2.Satz war die verdiente Konsequenz.

Ansonsten war das Publikum eher zurückhaltend brav, sicherlich auch den Temperaturen geschuldet.

Insgesamt ein schöner, gelungener Abend, wenn auch schweißtreibend.

Grüße
Jürgen

P.S: Hier das detaillierte Programmheft als pdf
nikolaus (06.07.2015, 22:07):
Original von AcomA
Lieber Nikolaus,

ich habe eine Einspielung der Franck-Sonate sowie der Debussy-Sonate mit Maisky und Argerich von EMI aus 1983, also vor 32 Jahren !

LG, Siamak

Es wäre sicher interessant, das mit heute zu vergleichen.

Und das war noch nicht einmal der Anfang ihrer "Zusammenarbeit".
Wenn ich es richtig mitbekommen habe, touren sie nächstes Jahr anlässlich ihrer 45jährigen musikalischen Partnerschaft!

Gruß, Nikolaus :hello
Jürgen (07.08.2015, 08:32):
http://www.einfachbewusst.de/wp-content/uploads/2013/04/Mathildenhoehe_Darmstadt.jpg

Untertitel: Fürst Metternich diniert mit Rossini

Es war ein Open-Air Event und fand auf dem Platz vor dem Ausstellungsgebäude der Künstlerkolonie (das Haus mit dem roten Dach) statt.



Sopran - Tatjana Charaglina
Sopran - Manami Okazaki
Mezzosopran - Ester Pavlu
Tenor - Oscar de la Torre
Bariton - Chul-Ho Jang
Bass - David Pichlmaier

Konzertchor Darmstadt & Darmstädter Hofkapelle, Wolfgang Seeliger


Zum Programm. Vor der Pause gab es nur Rossini.
Die zweite Hälfte teilten sich Bellini und Donizetti.

Es begann mit der Ouvertüre zu Semiramide, ein Stück, das brillant vorgetragen ein kurzweiliges Schaustückchen sein kann.
Hier jedoch erschien es mir unzusammenhängend und ohne Witz.

"Bei raggio lusinghier", eine Arie der Semiramide wurde von Manami Okazaki vorgetragen. Die Arie hat einige schöne Gesangslinien, die aber unter dem etwas zu schwach dimensionierten Sopran litten.
Na das fing ja gut an, mein Stuhl wurde mir schon jetzt langsam unbequem.

Manami Okazaki hatte im weiteren Verlauf des Abends noch ein paar Auftritte im Ensemble, die ihr besser gelangen.

Die darauf folgende Kavatine des Figaro "Largo al factotum" aus "Il Barbiere di Siviglia" wurde von dem südkoreanischen Bariton Chul-Ho Jang gesungen. Das hat richtig Spass gemacht. Nicht nur weil es ein bekannter Gassenhauer ist, sondern weil hier die stimmlichen Mittel ausreichend waren und der Sänger mit dem Publikum kokettierte.

Ich will auf den Rest des Programms gar nicht mehr eingehen. Ich könnte zwar aus dem Programmheft abschreiben, habe aber nicht mehr genau im Gedächtnis, welcher Sänger genau was gesungen hat.
Dennoch möchte ich High- und Lowlight benennen, denn die waren deutlich.
Die Stars des Abends waren m.E. der schon erwähnte Chul-Ho Jang und die tschechische Mezzosopranistin Ester Pavlu. Sie ist sowohl stimmlich als auch körperlich gewaltig. Bestimmt 1.90m groß und nicht mager und dann dieses Organ, das sich von diesem Orchester nicht zudecken ließ, aber auch leiser konnte. Jederzeit angenehm.
Leider gab es auch eine derbe Enttäuschung, nämlich den Tenor. Beim Mexikaner Oscar de la Torre hatte ich den Eindruck seine Mittellage habe einen rauen Belag (Erkältung?). Die Spitzentöne, die ihm Rossini und Co. zwei- dreimal abverlangten, gerieten dann bestenfalls markiert.

Es gab noch zwei Zugaben von Verdi. Den Gefangenenchor aus Nabucco, der ja als Gegenpol zu Metternich gesehen werden kann und - um allen Solisten noch mal eine Bühne zu bieten - Brindisi aus La Traviata. Das sind natürlich Publikumslieblinge, und was sollte man nach Brindisi noch spielen?

Mein Fazit: Ein schöner, unterhaltsamer Abend, bei dem sogar das Wetter mitspielte und rasch angenehm abkühlte. Die Stühle waren in der Tat unbequem, aber bei sich steigerndem Programm gut auszuhalten.

Grüße
Jürgen
nikolaus (22.09.2015, 19:54):
Nicht gestern, aber letzte Woche in Paris, Philharmonie de Paris:

Anlässlich des 80. Geburtstages von Arvo Pärt:

Orchestre de Paris unter Paavo Järvi
Choeur de l'Orchestre de Paris unter Lionel Sow
Viktoria Mullova, Violine
Romain Descharmes, Klavier

Arvo Pärt:

Summa
Passacaglia (Viktoria Mullova)
Da Pacem Domine
La Sindone
Credo für Klavier, Chor und Orchester
Silhouette
Symphonie Nr. 3
Cantus in Memoriam Benjamin Britten

Vorab: Für mich war es eine Premiere in der neu erbauten, im Januar eröffneten Philharmonie de Paris.
Äusserlich alles andere als einladend ist dieser Neubau innen sehr schön und vor allem: eine wirklich grandiose Akustik!!

Und ich glaube: gerade durch diese tolle Akustik war es ein denkwürdiger Abend:
Das Orchester unter Paavo Järvi herausragend, der Chor fantastisch.
Bei Credo standen mir tatsächlich die Tränen in den Augen.

Arvo Pärt war anwesend, natürlich standing ovations für den bescheiden auftretenden Komponisten.

Kurz: ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein!

Nikolaus.
nikolaus (28.09.2015, 21:31):
Am Samstag in Wien:

In des Projektes RESOUND BEETHOVEN - Originalklang am Originalschauplatz - (bereits im entsprechenden Beethoven-Faden erwähnt) spielte das

Orchester Wiener Akademie auf natürlich historischen Instrumenten unter Martin Haselböck

die Symphonie Nr. 9 d-moll op. 125

mit dem Chorus sine nomine

und den Solisten Laura Aikin, Michaela Selinger, Steve Davislim, José Antonio López

am Originalschauplatz der zweiten Aufführung, dem Großen Redoutensaal in der Wiener Hofburg.

Ganz original ist der Saal natürlich nicht mehr, insbesondere eine Galerie, auf der sich damals auch Publikum befand, gibt es nicht mehr, und das Parkett ist heute mit einem Teppich abgedeckt.
Die Ausmaße des großen Saals sind aber gleich. Die für dieses Konzert aufgebaute Bühne hat - so versicherte in der Einführung Prof. Dr. Stefan Weinzierl (Autor des Buches "Beethovens Konzertsäle") - dieselben Dimensionen wie damals.
Auf eine gleiche Besetzungsstärke von Orchester und Chor einschliesslich dessen Positionierung vor dem Orchester wurde ebenso geachtet.
Berücksichtigt man die baulichen Unterschiede im Vergleich zum damals erheblich größeren Publikum (bei zusätzlicher Galerie und vorwiegend stehend) ergibt sich - so Weinzierl - eine ähnliche Akustik.
Und die war zwar sehr hallig, aber trotzdem sehr klar und "konturiert" und in dieser packenden Interpretation mit prominenten Schlagwerk und Bläsern ungemein effektvoll bis dramatisch.
Auch die Balance mit dem hervorragenden Chor und den ebenso guten Solisten ließ nichts zu wünschen übrig.

Manche mögen diesem Projekt skeptisch gegenüber stehen und es vielleicht für übertrieben/verspielt halten, aber das live-Erlebnis ist einfach großartig und macht ungeheuer viel Spaß.
(die Wiener Atmosphäre mit Pferdegetrappel der Fiaker etc. tut natürlich ein übriges...).

Nikolaus.
Hosenrolle1 (28.09.2015, 22:23):
Das klingt ja toll! War sicher eine schöne Sache :)

Das Einzige, was bei dieser Liebe fürs Detail noch gefehlt hätte, wären Darmsaiten gewesen - ich nehme mal an, man hat auf modernen Stahlsaiten gespielt?




LG,
Hosenrolle1
satie (28.09.2015, 22:40):
Original von Hosenrolle1
Das klingt ja toll! War sicher eine schöne Sache :)

Das Einzige, was bei dieser Liebe fürs Detail noch gefehlt hätte, wären Darmsaiten gewesen - ich nehme mal an, man hat auf modernen Stahlsaiten gespielt?




LG,
Hosenrolle1

Wenn man das hier liest, scheinen sie durchaus auch bei den Saiten auf alles zu achten. Ich meine, dass echte "Spezis" auf jeden Fall Darmsaiten benutzen.
EinTon (28.09.2015, 22:56):
HIP-Ensembles spielen doch meines Wissens auch bei Wiener Klassik bzw. (Früh-)Romantik generell auf Darmsaiten - Stahlsaiten wären doch genauso unHIP wie Steinway-Flügel für damalige Klaviersonaten!

Abgesehen davon stellt sich mir auch die Frage, ob eine Stahlbespannung historische Instrumente (bzw. deren Nachbauten) nicht ohnehin zu sehr belasten würde - auch der Korpus dieser Instrumente war ja für Darmbespannung ausgelegt.
Hosenrolle1 (28.09.2015, 23:03):
Danke für den Link!

Man liest ja öfter mal davon, dass "Originalinstrumente" verwendet wurden, und dann sind vielleicht nur die Hörner und Trompeten ventillos und die Pauken mit einem anderen Fell bespannt als heute, und das wars.




LG,
Hosenrolle1
satie (29.09.2015, 11:53):
Interessant, ich habe gelesen, dass es offenbar so ist, dass auch Darmsaiten mit Metall umsponnen werden. Auch gibt es wohl mittlerweile Kunststoffsaiten, die ähnliche Eigenschaften haben.
Bei Wikipedia fand ich:
Bezüglich der Besaitung von Streichinstrumenten schreibt Michael Praetorius 1619 in seinem Syntagma musicum II:

„Deroselben Baß- Tenor- und Discantgeig (welche Violino, oder Violetta picciola, auch Rebecchino genennet wird) seynd mit 4 Säiten bezogen und werden alle durch Quinten gestimmet. Und demnach dieselbige jedermänniglichen bekandt / ist darvon (ausser diesem / daß wenn sie mit Messings- und Stälenen Säiten bezogen werden / ein stillen und fast lieblichen Resonantz mehr / als die andern / von sich geben) zu schreiben unnötig.“

Also muss es parallel beides gegeben haben, denn ich habe Anbieter gefunden, die traditionelle Darmsaiten (nicht umsponnen) herstellen. Da wird die Frage, welche die richtigen sind ja noch schwieriger...

Sehr interessant ist diese Seite:
http://www.pure-corde-shop.com/Anforderungen-Eigenschaften

Und dann aber genug off topic...
EinTon (29.09.2015, 12:45):
Sorry, ich wollte doch noch etwas zu diesem Thema sagen (vielleicht kannst Du die Diskussion ja in einen neuen Thread auslagern).

Das Zitat hier:

ausser diesem / daß wenn sie mit Messings- und Stälenen Säiten bezogen werden

...scheint mir doch sogar eher auf reine Stahl- oder Messingsaiten hinzudeuten, nicht auf stahlumsponnene Darmsaiten.

Stahlumsponnene Darmsaiten sind mir desungeachtet bekannt, denn die hatte ich früher zeitweise auf meinem (übrigens modernen, nicht "HIPpen") Cello. Mein Cellolehrer riet mir dann aber doch zu reinen Stahlsaiten, da diese leichter ansprechen würden, und daraufhin habe ich die Bespannung wieder gewechselt.

Gruß,

Normann
satie (29.09.2015, 23:17):
Also, nach Stunden Recherche habe ich jetzt einigermaßen die Antwort zu den vermaledeiten Saiten:
In der Renaissance gab es für Streich- und Zupfinstrumente primär einfache Darmsaiten, bei einigen, wie dem Cembalo oder Psalter, allerdings auch solche aus Metall (nicht umsponnen). Ebensolche fanden auch Einsatz als Aliquotsaiten (Resonanzsaiten). Solche muss Praetorius hier offenbar meinen, denn Violen bespannte man niemals mit Metallsaiten (als Griffsaiten).
Umsponnene Saiten gibt es wohl erst seit 1659 (leider weiß ich nicht auf welche Quelle sich das bezieht). Die wurden zunächst nur für die tiefsten Saiten benutzt.
Hosenrolle1 (29.09.2015, 23:31):
EinTons Idee, die Diskussion über die Darmsaiten (und evtl. andere historische Instrumente) auszulagern finde ich gut.


In Berlioz´ Instrumentationslehre aus den 1840ern habe ich zwei Stellen gefunden, die vermutlich nicht wirklich sachdienlich, aber m.E. trotzdem interessant sind.

Zur Gitarre heißt es:

Die drei tiefen Saiten sind von Seide, mit. Silberdraht übersponnen, die drei anderen sind Darmsaiten.


Zur Mandoline:

Die beiden E sind Darmsaiten, die A sind aus Stahl, die D aus Messing, die G endlich aus Darm mit Sil- berdraht übersponnen.




LG,
Hosenrolle1
EinTon (30.09.2015, 00:08):
Original von Satie
Also, nach Stunden Recherche habe ich jetzt einigermaßen die Antwort zu den vermaledeiten Saiten:


Hui, da hast Du Dir ja eine Mühe gemacht! http://www.sequencer.de/synthesizer/images/smilies/thumbup.gif http://www.sequencer.de/synthesizer/images/smilies/gaynau.gif

Sehr vielen Dank Dir für die ausführliche Information!

denn Violen bespannte man niemals mit Metallsaiten (als Griffsaiten).

Mein Vater hat auf seinen 3 Gamben - soweit ich weiss - überall nur nicht-umsponnene Darmsaiten aufgezogen. Etwas anderes ist wohl auch heute bei Gamben nicht üblich.
nikolaus (04.10.2015, 10:52):
Letzten Mittwoch beim Beethovenfest Bonn:

Nicolas Altstaedt (Cello) und Alexander Lonquich (Klavier) spielten im Kammermusiksaal des Beethovenhauses ein - wie ich finde - schönes Programm:

L.v.Beethoven: Sonate für Violincello und Klavier Nr. 1 F-Dur op. 5/1
N.Boulanger: Trois Pièces für Violincello und Klavier (1914)
L.v.Beethoven: Sonate für Violincello und Klavier Nr. 2 g-moll op. 5/2

G.Fauré: Sonate für Violincello und Klavier Nr. 2 g-moll op. 117
L.v.Beethoven: Sonate für Violincello und Klavier Nr. 3 A-Dur op. 69

Besonders hervorheben möchte ich den kleinsten Teil des Programms: die drei Stücke von Nadia Boulanger, drei wundervolle Miniaturen, in denen auf kleinstem Raum so viel passiert - toll!
Bei den Beethoven-Sonaten hätte ich mir in den schnelleren Sätzen etwas mehr "Esprit" gewünscht, sonst waren sie aber spannend interpretiert. Insbesondere Nicolas Altstaedt - ein im positiven Sinne sehr "lässiger" Cellist, konnte mich mit seinem differenzierten Spiel sehr überzeugen.
Selbst Fauré, dessen Sonaten ich sonst nicht so gerne mag, hat mir gut gefallen.

Kleine Einschränkung des insgesamt gelungenen Abends: Gewöhnungsbedürftig war von meinem Platz aus (ganz am Rand des halbrunden Saals und damit fast im Rücken des Cellisten) die akustische Balance, der Flügel erschien mir bisweilen unangenehm im Vordergrund.

Nikolaus.
Katka (04.10.2015, 11:04):
Ich habe Nicolas Altstaedt mal in der Kölner Philharmonie gehört (war glaube ich Ende letzten Jahres); damals spielte er beide Cellokonzerte von Joseph Haydn. Im Rahmen dieses Konzerts habe ich eine von Nicolas Altstaedt mit diesen Cellokonzerten drauf erworben - und natürlich auch signieren lassen.

Vom Cellospiel war ich echt begeistert. Ich höre diese CD immer noch oft.
nikolaus (04.10.2015, 23:02):
Und heute Abend das Abschlusskonzert des Beethovenfest Bonn in der Beethovenhalle:

Das diesjährige Festival stand unter dem Motto "Veränderungen".

Und Variationen waren auch der rote Faden im Abschlusskonzert:

M.Kagel: Variationen ohne Fuge über "Variationen und Fuge" über ein Thema von Händel für Klavier op. 24 von Johannes Brahms für grosses Orchester und zwei Darsteller ad.lib.

E.W.Korngold: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

L.v.Beethoven: Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55

Es spielten die Bamberger Symphoniker unter Jura Valcuha.
Darsteller: Konrad Beikircher (Brahms) und Andreas Etienne (Händel)
Solistin: Arabella Steinbacher (Violine)

Kagels Variationen über Variationen entbehren nicht eines gewissen Humors, wenn erst am Ende das eigentliche händelsche Thema (tatsächlich mit Cembalo) vorgestellt wird; und so waren sie trotz der wohl für die meisten im Publikum ungewohnten Klangsprache ein durchaus launiger Einstieg. Dazu trugen auch die Darsteller bei; dazu muss man wissen, dass Konrad Beikircher hier im Rheinland ein sehr bekannter Kabarettist und zudem sehr musikalisch und Musik-affin ist. Er trug Brahms Gedanken, die Kagel wohl aus Briefen zusammengestellt hat, mit dezentem Hamburger Dialekt vor und liess einen so dem Anlass entsprechend schmunzeln: Andreas Etienne, ebenfalls bekannter Kabarettist, in der stummen Rolle des Händel unterstütze alleine durch Körperhaltung und Gestik in historischem Kostüm.

Arabella Steinacher überzeugte mich dann mit Korngolds Violinkonzert, das nicht unbedingt zu meinen Lieblingskonzerten gehört, vor allem mit traumhaft schönem Legato-Spiel.
Unterstützt wurde sie dabei von den hervorragenden Bamberger Symphonikern. Es war meine erste Begegnung mit diesem Orchester und dem zukünftigen Chefdirigenten Jura Valcuha (ab 2016 als Nachfolger von Jonathan Nott). Die Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigent wirkt jetzt schon sehr harmonisch, was sich in einem sehr organischen, weichen Klang ausdrückt.
Das fiel mir vor allem in der 3. Symphonie von Beethoven auf; wie dort die einzelnen Stimmen und Instrumentengruppen z.T. übergangslos in den Vordergrund gerückt wurden, das war toll.
Zur vollständigen Begeisterung fehlte mir nur ein gewisser drive, den ich als Anhänger von Paavo Järvi und der Kammerphilharmonie Bremen so schätze, aber das ist sicher Geschmackssache.

Nikolaus.
abendroth (05.10.2015, 20:36):
Laut website der Bamberger und auch laut anderen Quellen ist Jakub Hrusa der designierte künftige Chefdirigent, und nicht, wie oben behauptet Jura Valcuha.
nikolaus (05.10.2015, 21:24):
Original von abendroth
Laut website der Bamberger und auch laut anderen Quellen ist Jakub Hrusa der designierte künftige Chefdirigent, und nicht, wie oben behauptet Jura Valcuha.

Entschuldigung, Du hast vollkommen recht, ich habe mich im Programmheft verlesen.

Das ändert aber nichts an dem Eindruck, den ich von der Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigenten hatte...

Nikolaus.
abendroth (05.10.2015, 22:49):
So was kann leicht passieren. Jedenfalls freut es mich, dass sich der Besuch für Dich gelohnt hat. Leicht wird es für den Nachfolger Notts gewiss nicht werden.
Katka (06.10.2015, 08:34):
Original von abendroth
Laut website der Bamberger und auch laut anderen Quellen ist Jakub Hrusa der designierte künftige Chefdirigent, und nicht, wie oben behauptet Jura Valcuha.

Juraj Valcuha arbeitet übrigens laut Google beim Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI in Turin. Hat mich interessiert - er ist Slowake, ich bin Halbslowakin. Und soviele international bekannte slowakische Dirigenten gibt es ja nun auch wieder nicht.
Jeremias (10.11.2015, 12:54):
vergangenen Freitag in der Berliner Philharmonie:

Krystian Zimerman

Franz Schubert
Klaviersonate A-Dur D 959

Klaviersonate B-Dur D 960

Zimerman, der vor kurzen noch Konzerte aufgrund schwerer Erkrankung absagen musste, ließ uns einen unvergesslichen Abend verbringen! Er begann mit einem Zyklus an Variationen, die nicht im Programm standen, die Schubert zugeschrieben wurden. Es war mehr als nur ein Stück zum aufwärmen. Gleichwohl war es dann die erste der beiden großen Sonaten, mit denen Zimerman richtig in das Programm eintauchte. Kraftvoll zupackend, dann wiederum so lyrisch, zerbrechlich... ich beschäftige mich derzeit selber viel mit Schubert und war wahnsinnig beeindruckt... zimerman schaffte es den ganz großen Bogen zu spannen, jeder Ton, jedes Rubato, jede kleine Änderung der Dynamik in absoluter Perfektion. dachte man, leiser gehe es doch schon gar nicht mehr, so vollbrachte er es trotzdem! Großer Jubel schon zur Pause... im 2. Teil dann die große Sonate B-Dur, die ich selber gespielt habe. Er nahm ein recht zügiges Tempo, was dem Stück jedoch nicht schadete. Das Finale dann absolut furios, gefolgt von minutenlangen stehenen Ovationen.... ich wünschte, er würde die beiden Sonaten auf CD aufnehmen!

:times10 :times10 :times10 :down :down :down
Jussi (10.11.2015, 21:20):
Original von Jeremias
vergangenen Freitag in der Berliner Philharmonie:

Krystian Zimerman

Franz Schubert
Klaviersonate A-Dur D 959

Klaviersonate B-Dur D 960

Zimerman, der vor kurzen noch Konzerte aufgrund schwerer Erkrankung absagen musste, ließ uns einen unvergesslichen Abend verbringen! Er begann mit einem Zyklus an Variationen, die nicht im Programm standen, die Schubert zugeschrieben wurden. Es war mehr als nur ein Stück zum aufwärmen. Gleichwohl war es dann die erste der beiden großen Sonaten, mit denen Zimerman richtig in das Programm eintauchte. Kraftvoll zupackend, dann wiederum so lyrisch, zerbrechlich... ich beschäftige mich derzeit selber viel mit Schubert und war wahnsinnig beeindruckt... zimerman schaffte es den ganz großen Bogen zu spannen, jeder Ton, jedes Rubato, jede kleine Änderung der Dynamik in absoluter Perfektion. dachte man, leiser gehe es doch schon gar nicht mehr, so vollbrachte er es trotzdem! Großer Jubel schon zur Pause... im 2. Teil dann die große Sonate B-Dur, die ich selber gespielt habe. Er nahm ein recht zügiges Tempo, was dem Stück jedoch nicht schadete. Das Finale dann absolut furios, gefolgt von minutenlangen stehenen Ovationen.... ich wünschte, er würde die beiden Sonaten auf CD aufnehmen!

:times10 :times10 :times10 :down :down :down

Jeremias, vielen Dank für Deinen Bericht! Du Glücklicher! :engel Hatte leider keine Zeit ...

LG Jussi
nikolaus (12.11.2015, 23:01):
Letzten Dienstag in der Philharmonie de Paris:

Hommage an Claudio Abbado

Martha Argerich
Lucerne Festival Orchestra
Andris Nelsons

Sergei Prokofiev: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 op. 26

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 5


Das war schlichtweg überwältigend!

Martha Argerich in Bestform: gut gelaunt, frisch und "crispy" (wie sie sagen würde...) liess sie sich vom Orchester unter Andris Nelsons offenbar inspirieren und spielte es weniger vorwärtsdrängend als gewohnt, fügte sich in die wirklich hervorragende Orchesterbegleitung ein und ging jedes Tempo mit, auch die langsamen. Dadurch war es ein sehr melodiöser Prokofiev ohne dass der nötige Biss verloren ging. Was Nelsons mit dem Orchester aus der Partitur herausholte, war toll und für mich stellenweise ein neues Hörerlebnis.
Martha Argerich liess sich vom begeisterten Pariser Publikum und auch vom Orchester zu zwei Zugaben überreden: Scarlatti und Chopin (Mazurka).

Nach der Pause eine gigantische 5. Sinfonie von Mahler.
Für so ein solistisch besetztes Orchester ist sie sicher einerseits ein dankbares, aber andererseits auch ein schwieriges weil komplexes Werk.
Was die einzelnen Instrumentengruppen - ich weiss gar nicht, welche ich besonders hervorheben soll, so gut sind sie alle - angespornt und zusammenhalten von Andris Nelsons geleistet haben, grenzt für mich ans unmögliche. Sei es ein nicht enden wollender Atem in den langsamen Passagen, sei es eine unglaubliche Präzision im schnellen Tempo; dazu Farbigkeit und gestalterischer Wille, für meine Ohren perfekte Intonation usw. usf.
Dieses Konzert gehört zu meinen grössten musikalische Erlebnissen!

Nikolaus.

Noch eine Anmerkung: Nichts gegen Riccardo Chailly, der die musikalische Leitung des Orchesters übernimmt, aber mir scheint die Zusammenarbeit mit Andris Nelsons eine sehr glückliche und fruchtbare...
nikolaus (14.11.2015, 17:38):
Gestern Abend in der Kölner Philharmonie, noch nichts ahnend von den grauenvollen Ereignissen in Paris, wo ich noch bis Mittwoch war:

War Requiem op. 66

von Benjamin Britten

Elza van den Heever, Sopran
Andrew Staples, Tenor
Hanno Müller-Brachmann, Bariton

Kölner Domchor, Eberhard Metternich
Rundfunkchor Berlin, Robert Blank
WDR Rundfunkchor Köln, Roderick Shaw/Sigmund Bootsmann

WDR Sinfonieorchester Köln, Martin Brabbins (für den erkrankten Semyon Bychkov)


Für mich war es die erste Begegnung mit diesem grossartigen Werk.
Die Verflechtung der liturgischen Requiem-Texte mit denen der zeitgenössischen Dichtung des jungen Engländers Wilfred Owen zusammen mit der stellenweise lautmalerischen Vertonung mit "Kriegsgeräuschen" berührt mich emotional vielleicht nicht so sehr wie rein geistliche Werke, macht mich aber auf ganz andere, eigenartige Weise tief betroffen (und das nicht nur rückblickend angesichts der aktuellen Ereignisse).

Nikolaus.
Jeremias (16.11.2015, 10:44):
Gestern in der Düsseldorfer Tonhalle:

Orchestre National de Belgique
Fazil Say, Klavier
Andrey Boreyko, Dirigent

Say, Klavierkonzert Nr. 3 op. 11, "Silence of Anatolia"
Ravel, Konzert für Klavier und Orchester G-Dur

Rimsky-Korsakow, Scheherazade. Symphonische Suite op. 35

Auch das Orchester stand unter den Eindrücken der Anschläge in Paris, Boreyko, der ja selber 5 Jahre lang Chef in Düsseldorf war, widmete den Opfern und Angehörigen in einer kurzen Ansprache das Konzert.

Fazil Say in Bestform mit eigenem Klavierkonzert.... Ein unglaublich komplexes, mitreissendes, teilweise auch etwas atonales Werk, das ja Sa Chen bei BIS eingespielt hat. Wer sch einmal auf der Seite des Konzerthaus Dortmund war, der kennt den Anfang, es ist die Hintergrundmusik. Ravle spritzig, leicht, der Mittelsatz elegisch und Fazil nahezu ohne Mätzchen oder andere irritierende Gesten. Viel Applaus, eine neue Komposition als Zugabe.
Sheherazade im 2. Teil geriet dann derart überwältigend und mitreissend, dass das Publikum sogar nach dem 2. und 3. Satz applaudierte. Großer Jubel, die Ouvertüre zu "Ruslan und Ludmilla" von Glinka als Zugabe.
Jürgen (16.11.2015, 11:57):
http://www.veranstaltungskalender.tu-darmstadt.de/media/2015_11_1446907822335_255.jpg

Hommage an Bernsteins legendäres Berliner Freiheitskonzert am 25. Dezember 1989.


L. Bernstein: Overtüre zu Candide
L. Bernstein: Chichester Psalms
Die Gedanken sind frei
T. L. de Victoria: Missa O quam Gloriosum, Kyrie und Gloria
Bruckner: Motette „Os Justi“
F. Mendelssohn-Bartholdy: Psalm 42 „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“, Op. 42
J. Haydn: Aus der Schöpfung: Nr. 26 „Vollendet ist das große Werk“
- Pause –
L. v. Beethoven: 9. Sinfonie mit der Bernsteinschen Textvariante


Mitwirkende:

Mathis Platt, Knabensolist
Marina Herrmann, Sopran
Amira Elmadfa, Alt
Andreas Wagner, Tenor
David Pichlmaier, Bass

Konzertchor Darmstadt
Chor der TU Darmstadt
Limburger Domsingknaben
Beethoven Akademie Orchester Krakau
Gesamtleitung: Wolfgang Seeliger

Die Reihenfolge war m.E. ein wenig unglücklich. Ich hätte den Bernstein lieber am Schluss gehört. Aber egal, ein schöner Chorabend mit sehr umfangreichen Programm.
Mein persönliches Highlight war der Sopran von Marina Herrmann. Sehr klar und mit der nötigen Stimmgewalt ausgestattet.
Der Tenor hingegen drang nicht so deutlich bis in die Ränge. Der Knabensolist war überhaupt nicht mein Geschmack.

Wolfgang Seeliger dirigierte souverän, einige in Beethovens Neunte eingebaute Generalpausen Brucknerscher Dimension waren ungewohnt, aber deswegen nicht schlecht.

Grüße
Jürgen
Hosenrolle1 (16.11.2015, 15:08):
Weil du das mit der Reihenfolge sagst, ich las kürzlich, dass Konzertprogramme gerne mal nach dem "Sandwich-Prinzip" zusammengestellt werden, wobei ein eher unbekanntes, nicht so populäres Stück zwischen zwei beliebten Stücken gezeigt wird.

Auf diese Weise möchte man die Zuschauer dazu bringen, bis zum Schluss da zu bleiben, oder sie haben, wenn sie vorher schon gehen, einen Verlust, weil sie ein beliebtes Stück verpassen.

Ich kenne die von dir aufgelisteten Stücke (bis auf das letzte) nicht; hast du das Gefühl, dass hier auch nach diesem Prinzip verfahren wurde?




LG,
Hosenrolle1
EinTon (16.11.2015, 16:51):
Original von Hosenrolle1
Weil du das mit der Reihenfolge sagst, ich las kürzlich, dass Konzertprogramme gerne mal nach dem "Sandwich-Prinzip" zusammengestellt werden, wobei ein eher unbekanntes, nicht so populäres Stück zwischen zwei beliebten Stücken gezeigt wird.


Bei Jürgens Aufführung waren das aber viele Stücke und nicht das in Sinfoniekonzerten übliche "Dreierpack".

Typisch für ein Sandwichprogramm wäre etwa folgendes:

http://www.wienerphilharmoniker.at/konzerte/konzertdetail/event-id/9503

:)

Gruß,

Normann
Hosenrolle1 (16.11.2015, 17:06):
Aber man könnte doch sicher auch bei solchen Programmen darauf schauen, dass man mit eher populären Stücken beginnt und mit einem populären Stück endet.
War jetzt meine spontane Idee bei dem Ganzen :)




LG,
Hosenrolle1
Jürgen (16.11.2015, 21:43):
Eine gewisse Dreiteilung kristallisiert sich schon heraus, wenn man die Dauer der Stücke berücksichtigt.

Die Chichester Psalms dauerten etwa 15 Minuten, der Mendelssohn etwa 25 und die Sinfonie gute 60.

Alle anderen Stücke waren maximal 4 Minuten lang.

Den Mendelssohn aber in die Mitte zu packen, stützt nicht unbedingt die Sandwich Theorie.
Hosenrolle1 (16.11.2015, 22:01):
Das bringt meine Theorie ins Schwanken :D


Aber was mir grade einfällt, erst vorgestern hab ich auf YouTube mir die 9. vom Beethoven angesehen, in verschiedenen Versionen (also den Schlusssatz), und da war auch eine von 1989 dabei, wo "Freiheit, schöner Götterfunke" gesungen wurde.

Ich fand die Version ganz ehrlich gesagt nicht so gut, besonders an der Stelle "Freiheit trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur". Bei "Freude" hätte es für mich noch mehr Sinn gemacht.

Jetzt wo ich deine Liste nochmal durchlese glaube ich, dass es sich dabei um diese Version gehandelt haben könnte.




LG,
Hosenrolle1
EinTon (16.11.2015, 22:35):
Original von Hosenrolle1
Das bringt meine Theorie ins Schwanken :D


Bei Sinfoniekonzerten wird's mE schon häufiger so gemacht - zumindest früher, als ich häufiger in reguläre Abonnementkonzerte ging, waren Sandwichprogramme nach meiner Erinnerung nicht unüblich.
Hosenrolle1 (16.11.2015, 22:58):
Wobei ich mich sowieso frage, wieso man in ein Konzert geht, um es dann voreilig zu verlassen. (Einmal abgesehen von terminlichen Gründen, etwa, weil der letzte Zug erwischt werden muss).


Als ich etwa in der Volksoper 2006 "Die Hochzeit des Figaro" sah, fand ich es langweilig und ermüdend, aber ich bin nicht in der Pause gegangen, sondern habe mir das ganze Ding angesehen bis zum Schluss, weil ich ja auch dafür gezahlt habe, auch wenn es ein billiger Stehplatz war.




LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (21.11.2015, 11:53):
Johann Adolph Hasse (1699–1783) war als Komponist italienischer Opern seinerzeit ein Superstar, trat aber ebenso als Schöpfer geistlicher Vokalmusik hervor. So komponierte er acht italienische Oratorien, zwei davon auf Libretti von Pietro Metastasio, mit dem er ja sonst auf dem Gebiet der Oper ein unnachahmliches Erfolgsduo bildete. Eine dieser beiden oratorischen Zusammenarbeiten beschäftigt sich mit der Pilgerreise der heiligen Helena (Santa Elena), Mutter des Kaisers Konstantin des Großen, auf der sie Grab und Kreuz Christi wiederentdeckte. Hasses Komposition, die eine Spieldauer von etwas über zwei Stunden hat, wurde 1746 in Dresden uraufgeführt und in der aktuellen Aufführung durch das Collegium1704 hat man eine Rekonstruktion dieser Urfassung versucht, da das Werk später einige Umarbeitungen erfuhr. Metastasios Sant'Elena–Libretto wurde, wie viele seiner anderen Texte, im Übrigen sehr häufig vertont, etwa 30 Mal.

Formal erinnert das Werk in seiner stetigen Abfolge von Rezitativen und da-capo-Arien noch an die opera seria, allerdings handelt es sich um abwechslungsreiche Accompagnatorezitative. Es gibt außerdem drei sehr inspirierte originelle Chöre und ein Duett. Unter den Arien existieren leider nicht so viele Highlights, zumindest keine, die sich beim Erstkontakt erschließen. Da bleibt es zu oft bei einem gewissen, durchaus anregenden Hasse-Einheitssound, wenngleich Virtuosität auf hohem Niveau gefordert ist, sowohl sängerisch als auch orchestral – dafür gab es auch völlig berechtigt sehr starken Schlussapplaus.

Hier die Ausführenden:

Anna Alàs i Jove | Santa Elena – Mezzosopran
Aco Biševi | San Macario – Tenor
Julia Böhme | Draciliano – Alt
Olga Jelínková | Eudossa – Sopran
Kamila Mazalová | Eustatio – Alt

Collegium 1704 & Collegium Vocale 1704
Václav Luks – Dirigent

Enttäuscht war ich leider nicht nur vom Werk selbst sondern auch von den Solisten. Die Sängerin der Titelpartie fiel auf durch einen sehr charakteristischen Mezzosopran, scharf in der Höhe, verquollen in der Mittellage, hochgradig Geschmackssache, was nicht heißen soll, dass sie den technischen Ansprüchen nicht gewachsen gewesen wäre und ihr nicht einzelne eindrucksvolle Passagen gelangen. Ausdrucksvoll die beiden Altistinnen, denen man allerdings mehr Stimmvolumen gewünscht hätte. Die schönste Stimme gehörte der Sopranistin Olga Jelínková, die u.a. die für meinen Geschmack inspirierteste Arie des Werkes "Sul terren piagata a morte" tadellos und con brio vortrug. Abstriche gab es beim Duett Elena-Eudossa als die Stimmen der Sängerinnen leider sehr ungünstig zusammenwirkten, was zu richtig schmerzhaften Frequenzgemischen führte.
Sehr schön sang der zehnköpfige Chor, der allerdings nicht sonderlich viel zu tun hatte, leider, und das Collegium1704 musizierte mit Leidenschaft. An so wunderbar individuelle Instrumentalsoli, wie sie etwa Bach in seine Vokalwerke einbindet, darf man bei Hasse allerdings nicht denken, so etwas ist bei ihm kaum vorgesehen, zumindest nicht in diesem Werk.

Alles in allem eher ein ärgerlicher Abend.

:hello Rk

PS: Offenbar gibt es bisher keine kommerziell erhältliche Gesamteinspielung, zwei Arien aus einer Aufführung aus dem Jahr 1999 (die im oben verlinkten Wiki-Artikel auch angegeben ist) finden sich auf youtube:
https://youtu.be/XiUPXgSa5-A
https://youtu.be/IJM91Z_vnic
Hosenrolle1 (21.11.2015, 11:58):
Abstriche gab es beim Duett Elena-Eudossa als die Stimmen der Sängerinnen leider sehr ungünstig zusammenwirkten, was zu richtig schmerzhaften Frequenzgemischen führte.

Ah, du meinst dieses Gewaber, das plötzlich auftaucht, oder?




LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (21.11.2015, 12:01):
Nein, wenn es nur Gewaber gewesen wäre, hätte ich es noch ertragen, aber es war ein richtig hartes Störgeräusch, was mit Musik gar nichts mehr zu tun haben schien. Habe ich schon öfters in Duetten mit zwei hohen Stimmen erlebt... X( Und, ja, plötzlich ist es tatsächlich aufgetaucht.
Hosenrolle1 (21.11.2015, 12:12):
Falls du das mal in einer YouTube Aufnahme irgendeines Werkes hörst, würde es mich freuen, wenn du mir Bescheid gibst, ich würde das auch mal gerne hören.

Ich kannte bislang bei Duetten eben dieses plötzliche, schnelle Wabern, also ob zwei Wellenlinien nicht miteinander, sondern gegeneinander schwingen würden.
Allerdings kam das nur vor, wenn mit viel Vibrato gesungen wurde, von beiden Seiten.



LG,
Hosenrolle1
EinTon (21.11.2015, 13:29):
Original von Rotkäppchen
An so wunderbar individuelle Instrumentalsoli, wie sie etwa Bach in seine Vokalwerke einbindet, darf man bei Hasse allerdings nicht denken

Solche Soli kommen vielleicht bei barocker Opernmusik generell weniger vor als bei geistlicher Musik... ...ist aber nur eine Vermutung, Händels Messias hat in dieser Hinsicht ja (abgesehen von "The trumpet shall sound") auch nicht viel zu bieten.

Gruß,

Normann
Rotkäppchen (21.11.2015, 14:09):
Solche Soli kommen vielleicht bei barocker Opernmusik generell weniger vor als bei geistlicher Musik... ...ist aber nur eine Vermutung, Händels Messias hat in dieser Hinsicht ja (abgesehen von "The trumpet shall sound") auch nicht viel zu bieten.

Eine interessante Hypothese, lieber Einton ... Hasses Santa Elena ist ja nun aber ein Oratorium. Und wenn ich wiederum an einige Händelopern denke, da gibt es immer mal wieder exponierte Instrumentalparts ... Ich glaube, man müsste ein bisschen Statistik machen :D.

Ich will auch nicht behaupteten, dass Hasse in der Santa Elena in dieser Hinsicht gar nichts gemacht hätte, in einer Arie hatten zwei Naturhörner hörbar viel zu tun (die Hornisten waren sehr gut!), in einer anderen zwei Traversflöten, aber alles eher dezent...

:hello Rk
EinTon (21.11.2015, 14:18):
Original von Rotkäppchen

Eine interessante Hypothese, lieber Einton ... Hasses Santa Elena ist ja nun aber ein Oratorium.

Oh, Entschuldigung, das hatte ich jetzt überlesen... :D

Und wenn ich wiederum an einige Händelopern denke, da gibt es immer mal wieder exponierte Instrumentalparts ... Ich glaube, man müsste ein bisschen Statistik machen :D.


Ich muss auch zugeben, mich im Bereich "Barockoper" bislang nicht allzugut auszukennen http://www.capriccio-kulturforum.de/wcf/images/smilies/pfeifender.gif .

Viele Grüße,

Normann
nikolaus (10.12.2015, 23:18):
Am Dienstag in der Kölner Philharmonie:

Piotr Anderszewski

J.S.Bach: Partita e-moll BWV 830

R.Schumann: Papillons op. 2

K.Szymanowski Metopy op. 29

R.Schumann: Thema mit Variationen Es-Dur (Geistervariationen)

J.S.Bach: Partita B-Dur BWV 825

Einmal mehr ein Staunen machender Abend: alleine wie er den Übergang von Schumanns Geistervariationen zu Bachs Partita B-Dur gestaltete und spielte - ohne Pause, nur mit einer kleinen Zäsur, war berückend schön.
Sein kontrastreiches und dabei höchst sensibles und ästhetisches Spiel ist fantastisch und Balsam für meine Ohren und Augen (ein Genuss, seine Hände zu beobachten) und meine Seele!

Nikolaus.
nikolaus (10.01.2016, 10:53):
Bereits zu Beginn des Jahres ein Highlight:

In der Kölner Philharmonie

Patricia Kopatchinskaja

MusicAeterna Orchestra
Teodor Currentzis

W.A.Mozart: Sinfonie g-moll KV 183 (173dB)

L.v.Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61

L.v.Beethoven: Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67

Jetzt kann ich den Hype und Teodor Currentzis und sein MusicAeterna Orchestra aus Perm verstehen: er ist ein Hexenmeister! Wie er mit grosser Geste dirigiert, tanzt, stampft, bisweilen zwischen seinen Musikern verschwindet und sie so immer wieder bis zur Erschöpfung antreibt, zieht einen in den Bann. Manche mögen das für zu extrovertiert und übertrieben halten, aber es ist höchst unterhaltsam und vor allem: was dabei herauskommt, sprüht nur so vor Energie, Lebhaftigkeit, Dynamik und ist höchst musikalisch; wirklich erstklassig!
Das Orchester spielt auf Originalklanginstrumenten, und gestern Abend wurde stehend musiziert (bis auf die Cellos (ohne Stachel)). Das scheint den Musikern auch eine grössere Freiheit zu geben, und so schaffen sie auch den Drive, den Currentzis ihnen abverlangt.
Erfreulich ist, dass sie die Werke mit frischen Wind quasi durchwirbeln, ohne dass es exzentrisch wirkt, ohne dass sie den Respekt verlieren (aber eben ohne falsche Demut). Das tut der Musik ungeheuer gut.
Patricia Kopatchinskaja musiziert auf gleicher Wellenlänge: frisch, frech, höchst musikalisch. Ihre Interpretation des Beethovenkonzertes kenne ich von ihrer Einspielung unter Philippe Herrweghe, nur kam es mir gestern noch differenzierter in der Dynamik vor. Es war tatsächlich ein eindrucksvolles miteinander zwischen ihr, Dirigent und Orchester. In den von ihr selbst eingerichteten Kadenzen (nach der Kadenz für die Klavierfassung des Konzertes) dialogisiert sie mit Pauke, Geige, Cello und Oboe und nicht zuletzt auch mit dem Dirigenten. Sie spielt vollkommen frei, fast improvisierend und mit (wohl historisch belegtem) Rubato, insgesamt eher zurückhaltend mit wenigen expressiven Ausbrüchen. Man hört, sieht und staunt: so hat man das Konzert noch nicht gehört!

Nikolaus.
Jürgen (01.02.2016, 10:14):
Mannheim, Rosengarten, Mozartsaal
So., 31.01.2016, 19:30 Uhr
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-Moll
Petra Lang, Mezzosopran
Damen der EuropaChorAkademie
Freiburger Domsingknaben
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Ltg.: François-Xavier Roth


Obwohl ich diese Sinfonie schon seit Jahrzehnten aus der Konserve kenne und liebe, habe ich sie nun zum ersten mal live erlebt.
Ich kann jetzt nicht behaupten, dass sich an meiner Einstellung dem Werk gegenüber etwas geändert hätte, ausser, dass sich der kurze Chorsatz (Bim Bam) im Konzertsaal doch besser erschließt. Beim Konservehören habe ich ihn doch recht oft ausgeblendet. Aber Live kam der Liedcharakter stärker zum tragen. Ausserdem waren sowohl die beiden Chöre, als auch Frau Lang gut durchhörbar.
Die Instrumentalsätze bestachen durch das typische Mahler'sche Wechselspiel aus Pittoreske und Klangbombast. Aus süßlich unschuldigen Themen, die man mitsummen mochte, wenige Minuten später dann aber ins Dämonische pervertiert wurden. All das hat Monsieur Roth sehr schön herausgearbeitet. Hat er im ersten Satz einzelne Sequenzen für meinen Geschmack etwas zu sehr separiert (auch wenn in einigen Übergangsphasen die Pauke leise zu hören war, musste ich an Bruckner'sche Generalpausen denken), so dass er auseinanderzufallen drohte, bekam er schon in der Endphase der ersten Abteilung den Spannungsbogen besser in den Griff.

Diese Monstersinfonie von gut 90 Minuten wurde ohne Pause gespielt, so dass die Chöre, die nur einen 5 Minuten-Auftritt im vorletzten Satz hatten, von Anbeginn im Hintergrund verharren mussten.
Immerhin durften sie die meiste Zeit sitzen, lediglich den 4. Satz mussten sie schon stehen, da Roth den Übergang zum 5.Satz übergangslos spielte.
Tragischerweise war das für einen der Knaben zu viel - er kollabierte mitten im Alt-Solo und die Aufführung wurde unterbrochen. Schnell waren einige Ärzte aus dem Publikum zur Stelle.
Zum Glück war es wohl nichts ernstes, so teilte es der Dirigent nach der Aufführung mit, und dem Jungen ginge es schon besser.
Dennoch werden jetzt die Tontechniker des SWR eine Aufgabe mehr haben, denn die Sinfonie soll am 8. April 2016 um 20:05 Uhr im Abendkonzert in SWR2 übertragen werden.

Danke an Gurnemanz für die Ankündigung (im C-Forum), es war ein wunderbarer Abend.

Grüße
Jürgen
Jeremias (01.02.2016, 12:25):
Vergangenen Freitag in der Philharmonie Essen:

Julia Fischer, Violine, Künstlerische Leitung
Yulianna Avdeeva, Klavier
Academy of St Martin in the Fields

Andrey Rubtsov
Konzert für Violine und Streichorchester
Pjotr I. Tschaikowski
Serenade C-Dur für Streichorchester, op. 48

Felix Mendelssohn Bartholdy
Konzert d-Moll für Violine, Klavier und Orchester

Was war das für ein Abend! Die Academy ist ja bekannt als eines der besten Kammerorchester überhaupt, aber die Leistung am Freitag war phänomenal! Rubtsov stellte vor dem Konzert sein neuestes Werk selber vor, eine sehr interessante Einführung! Er schrieb das Konzert für J.Fischer, die sich sehr ein zeitgenössisches Konzert mit Streichorchester gewünscht hatte. Teilweise klang es ein wenig nach Prokofiev und Schostakowitsch, ich hoffe es wird auf CD erscheinen! Anschließend die Serenade, tosender Applaus schon vor der Pause.

Nach der Pause dann das selten gespielte Konzert von Mendelssohn. Mit Yulianna Avdeeva betrat keine geringere als die Siegerin des Warschauer Wettbewerbs 2010 die Bühne. Was eine großartige Pianistin! Technisch brilliant und meisterhaft schaffte sie es in dem enorm anspruchsvollen Werk immer wieder den Sprung zwischen Solistin und Kammermusikpartnerin zu machen. Julia Fischer erwies sich als ideale Partnerin. Eine Zugabe von Tschaikowsky, Standing Ovations!
Jeremias (11.02.2016, 11:38):
Gestern in der Kölner Philharmonie:

Gidon Kremer Violine
Giedr Dirvanauskait Violoncello
Daniil Trifonov Klavier

MieczysBaw Weinberg
Sonate für Violine und Klavier Nr. 5 op. 53 (1953)

Johannes Brahms
Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 d-Moll op. 108 (1886)

Pause

Sergej Rachmaninow
Trio élégiaque d-Moll op. 9 (1893, rev. 1907)
für Violine, Violoncello und Klavier


Was ein Abend! Ich habe Trifonov bisher nur als Solisten erlebt. Er ist aber ebenfalls ein begnadeter Kammermusiker! Weinberg wird ja derzeit neu entdeckt, ich finde ihn jedoch recht uninteressant. Gleichwohl war es ein erster Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde. Brahms geriet wunderbar! Zu Beginn sehr langsames Tempo, wunderbar ausgespielt, zum Schluss ein richtiges Feuerwerk.

Was nach der Pause jedoch passierte, sowas habe ich kammermusikalisch noch nie erlebt. Das Trio schien den dreien wirklich maßgeschneidert worden zu sein. Welch ein warmer Klang des Cellos, welch eine Abwechslung zwischen Leichtigkeit und Schwere von Trifonov... Minutenlange stehende Ovationen zwei Zugaben... Weltklasse!
Hosenrolle1 (11.02.2016, 12:55):
Original von Jeremias
Julia Fischer, Violine, Künstlerische Leitung

Ich habe den Namen leider überlesen.

Falls du Interesse hast, hier gibt es eine Kolumne von ihr, wo sie über verschiedene Themen redet.

https://www.br-klassik.de/aktuell/meinung/julia-fischer-geigenkasten-100.html

(Quasi dank ihr bin ich auf Schuberts "Tod und das Mädchen" aufmerksam geworden :D)




LG,
Hosenrolle1
Jeremias (22.02.2016, 17:21):
Am Freitag in der Philharmonie Essen:

Christiane Karg, Sopran
Bernarda Fink, Alt
Chor der MCO Academy
Alexander Eberle, Choreinstudierung
Mahler Chamber Orchestra
Musiker der MCO Academy am Orchesterzentrum l NRW
Daniel Harding, Dirigent

Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 2 c-Moll “Auferstehungssinfonie”

Was ein grandioser Abend! Man merkte, dass junge Musiker am Werk waren, die noch brennen auf solche Konzerte. Hier und da war mir das Tempo gerade anfangs etwas zu schnell, aber die Spielfreude überwog dann doch deutlich. Bernarda Fink war DER Star des Abends. Ihr "Urlicht" ließ so manchem Besucher die Tränen in die Augen fliessen, mir verursachte es unglaublich Gänsehaut. Allein hierfür hat sich das Kommen gelohnt! Das Finale dann wahnsinnig spektakulär und ergreifend. Minutenlange stehende Ovationen!
Amadé (12.03.2016, 16:11):
Wiederbegegnung mit einem noch jungen (Jg.1992) aber mittlerweile zunehmend gereiften Pianisten.

Für seinen nunmehr dritten Klavierabend in Olpe hatte er ein nicht alltägliches Programm ausgewählt, das sich aber als unbedingt schlüssig erwies:

William Byrd (1543-1621): Hugh Ashton’s Ground
Jan Pieterszoon Sweelinck (1562-1621): Variationen über „Mein junges Leben hat ein End‘“
John Bull ( ~ 1562-1628): 30 Veränderungen über das Thema „Walsingham“
Joh. Seb. Bach (1685-1750): Goldbergvariationen

Zu jeder einzelnen Komposition gab Armstrong in gut verständlichem Deutsch eine Einführung, die man im Falle der ersten drei Komponisten dankbar entgegennahm, da sie im Konzertsaal nur von Spezialisten aufgeführt werden. Armstrong erwies sich als hervorragender Anwalt der Stücke, bei denen ihre Schöpfer sicher nicht an den modernen Steinway gedacht hatten. Zuhörer und ich waren erstaunt, überwältigt, ja geradezu erschrocken über die 30 Variationen von John Bull, wie sie uns Armstrong darboten. Der junge Pianist spielte bestimmte Stellen so, als hätte Bull bereits Strawinsky und Bartok vorausgeahnt.
Nach der Pause dann Bachs Goldbergvariationen (auch 30 Veränderungen), in der der Pianist im letzten Viertel eine ungeahnte Steigerung hinlegte, con molto espressione!, die Aufführung dauerte insgesamt rund 75 Minuten.

Als Zugabe dann noch, wieder mit Erläuterung, Bulls wahrscheinlich letzte Komposition.

Es war ein denkwürdiger Klavierabend, an den ich mich gewiss noch oft erinnern werde.
Auf Armstrong sollten wir acht geben!

Gruß Amadé
nikolaus (14.03.2016, 21:47):
Am Samstag in der Kölner Philharmonie:

40 years of friendship tour

Mischa Maisky & Martha Argerich

F.Schubert: Sonate a-moll D821 für Arpeggione (Violincello) und Klavier

L.v.Beethoven: Sonate für Violincello und Klavier g-moll op. 5 Nr. 2

C.Franck: Sonate für Violincello und Klavier A-Dur CFF 123 nach Violinsonate A-Dur

Zugaben:
D.Schostakowitsch: 2.Satz Allegro aus der Sonate für Violincello und Klavier op. 40
J.Brahms: Leichengesang op. 70 Nr. 2 (bearbeitet für Violincello und Klavier)


Ein berührender Abend.
Die beiden haben etwas von Philemon und Baucis, wie sie mit ihren weiss-grauen Mähnen auf der Bühne sitzen und das Publikum mit Musik beschenken, die ihre tiefe innere Verbundenheit und Vertrautheit offenkundig werden lässt. Sie spielten so harmonisch, weich und fein abgestimmt und auf einem Atem - Gänsehaut!
So "altersweise" habe ich sie noch nicht gehört, es kam fast ein wenig Abschiedsstimmung bei mir auf (was ich nicht hoffe, denn der Esprit ist immer noch unnachahmlich!).

Rührend, wie Martha Argerich mit ihren bald 75 Jahren beim Applaus den wiederholten Gang von der Bühne offensichtlich ob des weiten Weges und der Treppen scheut und lieber ein irrwitziges Schostakowitsch-Allegro hinlegt.
In einem Interview vor ein paar Jahren hat sie einmal gesagt, sie wolle konzertieren, so lange ihr Spiel noch "crispy" ist. Das ist es und bleibt hoffentlich noch lange so!

Nikolaus.
Jussi (15.03.2016, 08:34):
NIKOLAUS, danke für DEINEN BERÜHRENDEN Bericht!!! :beer :engel

LG Jussi
Jussi (18.03.2016, 10:37):
Original von nikolaus
Am Samstag in der Kölner Philharmonie:

40 years of friendship tour

Mischa Maisky & Martha Argerich

F.Schubert: Sonate a-moll D821 für Arpeggione (Violincello) und Klavier

L.v.Beethoven: Sonate für Violincello und Klavier g-moll op. 5 Nr. 2

C.Franck: Sonate für Violincello und Klavier A-Dur CFF 123 nach Violinsonate A-Dur

Zugaben:
D.Schostakowitsch: 2.Satz Allegro aus der Sonate für Violincello und Klavier op. 40
J.Brahms: Leichengesang op. 70 Nr. 2 (bearbeitet für Violincello und Klavier)


Ein berührender Abend.
Die beiden haben etwas von Philemon und Baucis, wie sie mit ihren weiss-grauen Mähnen auf der Bühne sitzen und das Publikum mit Musik beschenken, die ihre tiefe innere Verbundenheit und Vertrautheit offenkundig werden lässt. Sie spielten so harmonisch, weich und fein abgestimmt und auf einem Atem - Gänsehaut!
So "altersweise" habe ich sie noch nicht gehört, es kam fast ein wenig Abschiedsstimmung bei mir auf (was ich nicht hoffe, denn der Esprit ist immer noch unnachahmlich!).

Rührend, wie Martha Argerich mit ihren bald 75 Jahren beim Applaus den wiederholten Gang von der Bühne offensichtlich ob des weiten Weges und der Treppen scheut und lieber ein irrwitziges Schostakowitsch-Allegro hinlegt.
In einem Interview vor ein paar Jahren hat sie einmal gesagt, sie wolle konzertieren, so lange ihr Spiel noch "crispy" ist. Das ist es und bleibt hoffentlich noch lange so!

Nikolaus.

Lieber NIKOLAUS, der Kritiker Clemens Goldberg war von den Beiden beim Konzert in der Berliner Philharmonie (14.3., dasselbe Programm) so gar nicht begeistert ... ?(

http://www.kulturradio.de/zum_nachhoeren/uebersichten/tag_7.html

(nach unten scollen, "Frühkritik")

LG Jussi
nikolaus (18.03.2016, 21:35):
Liebe Jussi,

diese Kritik kann ich ganz und gar nicht nachvollziehen.

Ich gebe zu, dass ich bei Konzerten Martha Argerichs ganz bestimmt nicht unvoreingenommen bin, weil ich sie nun einmal bewundere.

Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass Mischa Maisky gerne "überexpressiv" spielt, wie ich es beschreiben würde.

So war es beim Konzert in Köln eben gerade nicht. Die "Grundstimmung" habe ich ja eher als zurückgenommen und innig empfunden (abgesehen von den musikalisch sowieso expressiven Passagen). Das hat mich durchaus positiv überrascht, weil die beiden damit eine andere, frische Facette ihres Zusammenspiels gezeigt haben. Und gerade das wortwörtliche Zusammenspiel fand ich hervorragend!

Im übrigen finde ich gerade den freien Umgang mit Vibrato und Rubato belebend.

Die Kritik - sofern sie gerechtfertigt ist - zeigt einfach auch, dass ein live-Konzert einfach nicht reproduzierbar ist, nicht wahr?

Herzliche Grüße,

Nikolaus.
Jürgen (26.03.2016, 10:12):
Karfreitag, 25. März 2016, 17.00 Uhr in der Marktkirche Wiesbaden
Passionsmusik

Orlando di Lasso (Sacrae lectiones ex prophete Job / Prophetiae Sibyllarum)
Kammerchor der Schiersteiner Kantorei
Martin Lutz (Leitung)

Orgelwerke von:

Buxtehude: Präludium e-moll
Bach: An den Wasserflüssen von Babylon
Dupré: Cruzifixion

Thomas J. Frank (Orgel)

Das Ganze war eingebettet in Lesungen, Andachten & Gebete.

Hat mr sehr gut gefallen, insbesondere das Dupré-Stück hat die Orgel schön ausgereizt.

Grüße
Jürgen
Rotkäppchen (15.04.2016, 22:11):
Nachtrag, da schon einige Zeit vorbei:

Ostermontag, 28.03.2016, Annenkirche Dresden

G. F. Händel ... Der Messias HWV 56

Marie-Sophie Pollak – Sopran
Raffaele Pe – Alt
Krystian Adam – Tenor
Krešimir Stražanac – Bass

Collegium 1704 & Collegium Vocale 1704
Václav Luks – Dirigent

Großartig! ... hatte ich aber auch so erwartet :wink. Was soll ich ob des gewaltigen Gesamteindrucks hervorheben? Das wie fast immer furios zupackende Orchester Collegium 1704 -- partiell hatte man das Gefühl, es handle sich um eine kollektive Zerstörungsaktion der historischen Instrumente und das meine ich positiv :D? Den Chor -- nahezu perfekt! Unter den Solisten stach besonders der Bassist Krešimir Stražanac, den Namen sollte man sich merken, hervor, scheinbar mühelos füllte er mit seiner wirklich großen Stimme den Raum und gestaltete seine Partie sehr differenziert und raffiniert. Die anderen drei Solisten standen da einen Tick nach.

Ein schöner Review dieser Sternstunde findet sich hier: Elektrisierender Händel

:engel

Rk
Jeremias (19.04.2016, 10:40):
Gestern Abend in der leider nur etwas mehr als zur Hälfte gefüllten Philharmonie Essen:

Evgeny Kissin, Klavier
Julian Rachlin, Violine
Mischa Maisky, Cello

Franz Schubert
Klaviertrio in B-Dur D898

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Klaviertrio in a-Moll op. 50

Was für ein Programm, was für Musiker, was für ein Abend! Ich habe Kissin das erste Mal in kammermusikalischer Besetzung gehört. Er spielte fast "blind", brauchte gar keinen Blickkontakt mit seinen Mitstreiern führen. Den Schubert empfand ich - vielleicht auch wegen des Platzes auf der Chorempore hinter der Bühne - pianistisch als etwas zu dick aufgetragen. Aber der Tschaikowsky kam so wunderbar zur Geltung. Mit welcher Souveränität Kissin die beiden anderen trug, wie brilliant er die Solostellen darbot, wie leise er die perlenden Läufe am Ende gestaltete, das war allerallererste Klasse! Maisky bewies einmal mehr, dass er nach wie vor einer der ganz Großen seines Faches ist, lediglich Rachlin hatte hier und da ein paar Wackler, die aber keinen gestört haben. Das Gesamtbild stimmte, es gab stehende Ovationen! Nach einer Zugabe (langsamer Satz aus dem d-moll Trio von Mendelssohn) dachten wir, das wäre es gewesen. Da holen die drei noch das Finale aus dem H-Dur Trio von Brahms heraus. Wo sie diese Energie noch her nahmen, unglaublich!
Amadé (09.05.2016, 20:56):
Gestern Abend zum wiederholten Male im Konzerthaus Dortmund:Grigory Sokolov

Schumann: Arabeske op.18 und Fantasie C-Dur op.17

nach-der-Pause:
Chopin:2-Nocturnes-op.32-und-2.KLaviersonate-b-moll-op.35

Ich-habe-hier-schon-öfter-über-meine-früheren-Eindrücke-von-Sokolov-Konzerten-geschrieben, deswegen-hier- nur-einen-kurzen-Bericht:

Die-einleitende-Arabeske-hat-jeder-Klavierfreund-im-Ohr-und-überrascht-eigentlich-niemanden-mehr,außer-mich-gestern-Abend.Gleich-zu-Beginn-musste-ich-mir-die-Frage-stellen:spielt-Sokolov-jetzt-eine-mir-bisher-unbekannte-revidierte-Fassung-der-Arabeske? Schumanns-Musik-kam-mir-so-unbekannt-aus-dem-Steinway.Nach-einigen-Augenblicken-war-jedoch-klar,dass-er-die-Arabeske-nicht-in-der-etwas-harmlos-gefälligen-Art-spielte,sondern-das-Werk-auseinander-nahm-und-alle-seine-bisher-unterdrückten-Facetten-herausholte.Da-gab-es-plötzlich-noch-kaum-gehörte-Nebenstimmen, oder-Abtönungen-bei-der-Wiederholung-von-Motiven-oder-Teilen-des-Themas.Sokolovs-Vortrag-war-eine-kleine-Lehr"stunde"über-die-Möglichkeiten-einer-konsequenten-Werkschau-und-ihrer-Umsetzung-auf-dem-Flügel,allein-schon-deshalb-lohnte-sich-dieser-Konzertbesuch.
Diesen-Ansatz-erlebten-die-Zuhörer-auch-in-den-noch-folgenden-Stücken.Sokolovs-Pianisten-Ethos-leuchtete-mal-wieder!
Im-Konzert-nach-dem-Konzert-spielte-er-noch-aus-den-6-Moments-musicaux-von-Schubert-die-Nrn.2-6, dazwischen-einen-kleinen-Walzer,natürlich-einzeln.
Nachdem-Sokolov-auch-aufgrund-seiner-CD-Ausgaben-zu-einem-Star-geworden-ist, sicher-nicht-in-seinem-Sinne,beobachte-ich-seit-zwei-Jahren-jeweils-am-Ende-einer-seiner-Zugaben-Beifällsbekundungen,die-eher-etwa-bei-LangLang-zu-beobachten-sind,oder-Klatschen-schon-in-den-Schlussakkord-hinein.Deutet-sich-da-eine-neue-Konzert-Kultur-an?

Gruß-Amadé

Bitte-um-Entschuldigung-bzgl.der-Striche,wo-eigentlich-Leerzeichen-stehen-müssten,meine-Tastatur-nimmt-keine-solchen-mehr-an,eine-neue-muss-schnell-herbei!
ab (19.05.2016, 23:13):
Bei uns gastierte heute mit unserem Sinfonieorchester Heinz Holliger mit Schumanns 3. Sinfonie und dem Konzertstück für vier Hörner. Was für ein juggebliebener Musiker! Wie wunderbar, Leute am Pult hören zu dürfen, die das Werk zum einen richtig gut kennen und zum anderen lieben. Selbst seine eigenen "Tonscherben" von 1995, s.g. Orchesterfragmente, konnte er mit solcher Spannung spielen lassen, dass das Publikum ruhig zuhörte.
Erfreulich!
Amadé (20.05.2016, 12:36):
Gestern Abend zum erstenmal Daniil Trifonov gehört.
Programm:

Bach/Brahms: Chaconne für die linke Hand

Schubert: Klaviersonate G-Dur op. 78 D.894

Brahms: Paganini-Variationen op. 35, 1. Heft

nach der Pause:
Rachmaninoff: 1. Klaviersonate d-moll op.28

Ohne auf die einzelnen Stücke detailliert einzugehen, möchte ich doch sagen, das der junge Russe ein absoluter Meister seines Fachs ist. So vollendet habe ich Schuberts Sonate noch nie gehört bzw. erlebt. Da stimmte einfach alles! Ein Kontrast zu Schuberts hier doch kontemplativer Gedankenwelt folgte in Brahms' Paganini-Variationen, Trifinov zeigte nicht nur technische Vollkommenheit in diesem schwierigen Opus, sondern lenkte auch den Blick auf das Innenleben.
Es gibt gewiss viele Freunde von Rachmaninoffs Klaviersonaten, die anwesenden im Saal kamen sicher auf ihre Kosten beim Erleben der 1. Sonate. Für mich sind seine Sonaten eben keine Sonaten im klassisch-romantischen Stil, jedenfalls hört man dies nicht. Der Aufwand für den Ausführenden ist enorm, aber für mich sind es viel mehr Noten als Musik. Die Musik hat für mich keine oder nur wenig Redundanz.

Fazit: Trifonov sollte, nein muss man gehört haben!!!

Gruß Amadé
Jeremias (20.05.2016, 14:15):
Original von Amadé


Fazit: Trifonov sollte, nein muss man gehört haben!!!



Habe ich schon mehrfach, kann das nur unterstreichen! Ich habe Montag einen Gerichstermin in Berlin und wir nutzen dies für ein langes Wochenende. Sonntag spielt Trifonov Rach 2 mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und Manfred Honeck!
AcomA (20.05.2016, 22:43):
Original von Jeremias
Original von Amadé


Fazit: Trifonov sollte, nein muss man gehört haben!!!



Habe ich schon mehrfach, kann das nur unterstreichen! Ich habe Montag einen Gerichstermin in Berlin und wir nutzen dies für ein langes Wochenende. Sonntag spielt Trifonov Rach 2 mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und Manfred Honeck!

Selbiges Programm, die selben Musiker in München am 03.06.. Wir werden auch da sein :hello

LG Siamak
Jürgen (06.07.2016, 10:47):
Nachdem ich letztes Jahr Blut geleckt hatte, musste ich auch dieses Jahr wieder zur Barocknacht.

Gut 4 Stunden Barockmusik wurde dort gegeben, meist halbstündige Programme, die Eckdarbietungen (Im Innenhof dargeboten) waren etwas länger. Bei den übrigen Konzerten konnte man sich aus je 4 unterschiedlichen Programmen in 4 unterschiedlichen Räumen sein individuelles Programm zusammenstellen. Während der viertelstündigen Pausen konnte man sich erfrischen und ggf. den Raum wechseln.
Das komplette Programmangebot kann man hier nachlesen.

Die Interpreten sind hauptsächlich Studierende, aber auch Dozenten und Gäste des Instituts für Historische Interpretationspraxis der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main.

Das von mir wahrgenommene Programm:


18.00 Uhr Parforcehof
OBOE–BAND
Gottfried Finger (1660–1730): Alexander the Great
(Aire – Gavott – Jigg – Entry – Bore – Minuett – Aire – Round o Chaconne)

Daniel Purcell (1664–1717): The Unhappy Penitent
(Allegro – Aire – Bore – Slow Aire – Aire – Hornpipe – Chaconne)

Laura Alvarado Diaz, Ritsuko Kakemizu, Yoko Tanaka,
Annette Spehr (Oboe), Suna Park (Oboe da Caccia), Caroline
Rohde, Sibylle Wähnert (Fagott), Sanghee Lee (Contrafagott)


19.00 Uhr Marstall
KLAVIERTRIO
Johan Cristoph Friedrich Bach (1732–1795): Sonata III A Dur für Piano Forte, Violino e Viola
(Allegro moderato – Andante – Allegretto rondo)

Johan Gottlieb Graun (1703–1771): Trio Sonata in B–Dur für Viola, Violine und Clavier
(Adagio – Allegretto – Allegro non troppo)

Ilhae Kim (Hammerklavier), Emanuele Breda (Violine),
Francesca Venturi Ferriolo (Viola)


19.45 Uhr Marstall
FRANKREICH & ITALIEN
Louis–Gabriel Guillemain (1705–1770): III. Sonate en quatours
(Allegro moderato – Larghetto – Aria gratioso – Allegro)

Jean–Philippe Rameau (1683–1764): Pièces de Clavecin en concert; 5iem Concert
(La Forqueray; Fugue – La Cupis; Rondement – La Marais; Rondement)

Antonio Vivaldi (1678–1741): Triosonate D–Dur RV 84
(Allegro – Andante – Allegro)

Lena Rademann (Violine), Pia Scheibe (Traversflöte),
Gertrud Ohse (Viola da gamba), Ortrun Sommerweiß (Cembalo)


20.30 Uhr Hirschsaal
DE PROFUNDIS
Francesco Costanzo (1602–1665): “Vidi innocentes sub altare Dei” aus „Il primo libro delli Mottetti“

Anonymous: Fantasia for 3 Viols VdGS #495

Claudio Monteverdi (1567–1643): “Eccomi pronta ai baci” aus „Settimo libro de Madrigali“

Theodor Schwartzkopff (1659–1732): Sonata für Viola da gamba, Fagott, Cembalo und Violone
(Grave – Allegro – Aria – Boureé – Aria – Gigue)

Yoonji Song (Viola da gamba), Sanghee Lee (Fagott),
Georg Schuppe (Violone), Sonja Kemnitzer (Cembalo)


21.15 Uhr Marstall
KAMMERSONATEN
Georg Philipp Telemann (1681–1767): Trio Sonate g–moll für Violine und Oboe und B.c.
(Mesto – Allegro – Andante – Vivace)

Georg Philipp Telemann (1681–1767): Sonata für f–moll für 2 Violinen, 2 Violen und B.c.
(Adagio – Allegro – Largo – Presto)

Yoko Tanaka (Oboe), Jonas Zschenderlein, Emanuele Breda (Violine),
Yoko Tanaka, Anna Kaiser (Viola), Isabel Walter (Cello), Alexander von Heißen (Cembalo)


22.00 Uhr Hirschsaal
VERMISCHTER GESCHMACK
Georg Philipp Telemann (1681–1767): Triosonate in a–moll für Blockflöte, Violine und B.c.
(Affettuoso – Vivace – Grave – Menuet)

Georg Philipp Telemann (1681–1767): Triosonate in d–moll für Blockflöte, Diskantgambe und B.c.
(Andante – Vivace – Adagio – Allegro)

Georg Friedrich Händel (1685–1759): Triosonate in c–moll für Blockflöte, Violine und B.c.
(Andante – Allegro – Andante – Allegro)

Sangeun Ju (Violine), Christine Vogel (Diskantgambe), Nicole Heckrath Accurso (Blockflöte),
Namiko Kimori, Ortrun Sommerweiß (Cembalo)


23.00 Uhr Parforcehof (Open Air)
IL GIUOCO DEL QUADRIGLIO
Georg Philipp Telemann (1681–1767): Sinfonia D–Dur für Trompete, Streicher und B.c.
(Sinfonia Spirituoso – Largo – Vivace)

Georg Philipp Telemann (1681–1767): Divertimento Es–Dur für 2 Flöten, 2 Hörner, Streicher und B.c.
(Ouverture – Reveilee – Vivement – La Converstaion à la table: Gavotte–Reveille a Chasse – Repas – Retraite)

Antonio Caldara (1670–1736): „Il Giuoco del Quadriglio“ Serenata für 4 Soprane, Orchester und B.c.

Penelope Mason (Clarice), Julie Grutzka (Livia), Jungyun Jun
(Camilla), Sarah Mehnert (Ottavia),

Jörg Behr (Regie)
Eva–Mareike Uhlig (Bühne und Kostüme)

Orchester aus Studierenden der Abteilung Historische Interpretationspraxis
Michael Schneider, Musikalische Leitung



Mein persönliches Highlight war Theodor Schwartzkopffs Sonata für Viola da gamba, Fagott, Cembalo und Violone.
Es ist schon verwunderlich, welch einen Drive so ein Fagott erzeugen kann.
Sanghee Lee spielte dieses Instrument aber auch hervorragend. Georg Schuppe spielte die Violone (fast Bass) auch sehr vorwärtsdrängend. Beim Übergang zum letzten Satz zupfte er einen walking Bass. Sicherlich eine künstlerische Freiheit, die aber bei mir und dem restlichen Publikum für Erheiterung sorgte und gut ankam.

Grüße
Jürgen
nikolaus (29.08.2016, 21:02):
Gestern in der Philharmonie Essen:

Martha Argerich und Daniel Barenboim

Ursprünglich hätte das Konzert am 10. Juli im Rahmen des Klavierfestival Ruhr stattfinden sollen, wurde aber wegen einer krankheitsbedingten Absage Barenboims verschoben.

Dazu muss gesagt werden, dass die beiden schon das ganze Jahr mit unterschiedlichen Konzertprogrammen durch die Welt touren, grosse Hochachtung an ihre Kondition!

Das geplante Programm mit u.a. Stawinskys Sacre du Printemps wurde auch geändert; die beiden spielten

W.A.Mozart: Sonate F-Dur KV 497 für Klavier zu vier Händen

J.Brahms: Variationen über ein Thema von Joseph Haydn B-Dur op. 56b für zwei Klaviere

F.Liszt: Concerto pathétique S 258 für zwei Klaviere

F.Liszt: Réminiscences de Don Juan S 656 für zwei Klaviere

Zugabe: Tchaikovsky, aus der Nussknacker-Suite


Die Mozart Sonate gehört zu den mir nicht so bekannten; sehr intim, sehr berührend.
Brahms Haydn-Variationen kenne ich mit Martha Argerich in vielen Versionen mit unterschiedlichen Partnern, jedesmal anders. Mit Barenboim spielt sie getragener, andächtiger, aber nicht weniger beeindruckend.
Liszts Concerto pathétique ist für mich immer wieder überwältigend ob der Klanggewalt, die die beiden Klavier entfalten können; auch hier spielten sie weniger virtuos, dafür umso intensiver.
Enorm virtuos dagegen die Réminiscences de Don Juan. Martha spielt das unglaublich locker, gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt mit viel Gefühl ("La ci darem la mano"!) und Tempo. Da kam Barenboim durchaus ins Schwitzen.

Die beiden müssen niemandem etwas beweisen; umso intuitiver erscheint mir ihr gemeinsames Spiel. Und das wichtigste: sie haben Spaß dabei!
Überhaupt habe ich den Eindruck, dass sie sich gegenseitig "gut tun": er motiviert sie zu konzertieren, sie bringt ihn zu Höchstleistungen.

Und wenn ich die beiden Hand in Hand auf die Bühne gehen sehe, nicht mehr ganz so gut zu Fuss, geht mir das Herz auf!

Nikolaus.
Jürgen (20.12.2016, 15:56):
Sonntag, 18. Dezember 2016, 16 Uhr, Kath. Pfarrkirche St. Gangolf, Pfarrgasse, 63916 Amorbach


J.S.Bach: Weihnachtsoratorium Kantaten I-VI




Simone Schwark (Sopran)
Anne Bierwirth (Alt)
Georg Poplutz (Tenor)
David Pichlmaier (Bass)
Konzertchor Darmstadt
Darmstädter Hofkapelle (auf historischen Instrumenten)
Leitung: Wolfgang Seeliger



Eine sehr schöne Darbietung in einer atmosphärisch dichten, barocken Kirche.
Alle musizierten auf recht gutem Niveau. Wenn ich jemanden positiv herausheben möchte, dann ist es Anne Bierwirth als Alt.
Am anderen Ende der Skala befanden sich die Trompeter, die mit ihren historischen Instrumenten ab und an Probleme hatten, die Töne zu treffen.


Ein sehr schöner Abend, bzw. Spätnachmittag.


Grüße

Jürgen
Falstaff (11.02.2017, 21:11):


Da ich immer noch sehr von diesem Konzert angefüllt bin, soll ihm mein erster Beitrag hier im Forum gelten.

Richard Wagner


Die Walküre: I. Akt
Anja Kampe, Stephen Gould, Georg Zeppenfeld

Götterdämmerung: Rheinfahrt, Trauermarsch und Schlussgesang
Anja Kampe

Sächsische Staatskapelle Dresden
Christian Thielemann

Es war mein erster Besuch in der Elbphilharmonie und mit entsprechenden Erwartungen besuchte ich das Konzert.
Wir hatten Plätze leicht hinter dem Orchester, direkt über den Blechbläsern. Das war aber kein Problem, da sich die einzelnen Orchesterstimmen wunderbar mischten und gleichzeitig einzeln unglaublich präsent waren. Die hohen Streicher uns genau gegenüber waren ebenso zu vernehmen, wie das leiseste Anschlagen der Triangel. Dass der Klang des Orchesters so voll und warm, gleichzeitig so differenziert und präsent zu uns kam, lag sicherlich aber auch an Christian Thielemann, der sich enorm schnell auf die durchaus schwierige Akustik einstellen konnte. Und natürlich an diesem wirklichen Spitzenorchester. An vorhergehenden Abenden sollen bedeutende Orchester durchaus anders geklungen haben. ;)
Probleme gab es eigentlich nur bei den Sängern, was bei diesem Programm leider nicht ganz unbedeutend war. Natürlich sind Plätze hinter dem Orchester und eben den Sängern naturbedingt problematisch. Aber hier hatte ich mir, aufgrund der vielgerühmten Akustik, doch mehr versprochen. An leiseren Stellen waren sie gut zu vernehmen, ansonsten nur im Forte (was gerade Anja Kampe nicht so gut lag). Aber das Gefühl, dass eine Stimme das Orchester dominiert oder von ihm getragen wird, dass sie durch ihre Präsenz einen trifft und berührt, stellte sich hier eigentlich nie ein. Von Feinheiten ganz zu schweigen.
Trotzdem erlebte ich (so weit beurteilbar) Stephen Gould als einen sehr beeindruckenden, klug disponierenden, ausdrucksvollen und in den fast überlangen Wälserufen zu großer Form auflaufenden Siegmund. Zeppenfeld hat ein schönes Timbre und füllte die Partie sehr gut aus. Er kam fast am besten bei uns an. Allerdings fehlt mir doch ein wenig das Volumen in der Stimme und die Bedrohlichkeit im Ausdruck. Anja Kampe sang sehr wortdeutlich und war als Sieglinde insgesamt überzeugender als im 2. Teil als Brünnhilde. Leider wird die Stimme in der höheren Lage im Forte flach, rau und unschön. Besonders im Schlussgesang stieß sie auch an die Grenzen ihrer Kondition. Die Intonation wurde unrein, mehrmals musste sie nachstützen.
Das Ereignis aber war ganz sicherlich Thielemann. So gut habe ich den ersten Walkürenakt noch nie gehört und auch in den Orchesterstücken der Götterdämmerung lieferte er Großes ab. Das war großer, romantischer Wagnerklang, aber nie verschwommen, kompakt oder breiig. Zusammen mit der Staatskapelle und der Akustik schuf er ein wunderbar durchhörbares Klangbild, feinste Nuancen standen neben donnernden Orchesterwogen. Nie war er zu langsam, nie zu schnell, sondern immer ließ er die Musik atmen, sie entstehen und vergehen. Ein steter Fluss, der einen selber trug und mitriss. :down
Amadé (01.04.2017, 10:53):
Gestern Abend gastierte bei Piano Solo in Olpe der junge Südkoreanische Pianist (*1981) Seong-Jin Cho, der inzwiscen als Shouting-Star gehandelt wird, was ich vollkommen falsch finde, denn hinter seinem ausdrucksvollen Klavierspiel steht nichts diabolisch Angedichtetes, sondern in harter Arbeit ehrlich erworbenes Können, eine Promotion hat er nicht nötig!!


sein Programm:

Mozart Klaviersonate F-Dur KV 332
Debussy Images pour piano Vol 1 und 2
Chopin Balladen Nr.1 - 4
Ein Erlebnis gestern Abend. Beim Programm kann man geteilter Meinung sein, ich finde, dass man Chopins Balladen nicht als Zyklus aufführen sollte, es sind individuelle Kompositionen, die sich gegenseitig im Wege stehen (können), dass gilt übrigens auch für die beiden Rhapsodien von Brahms op.79. Falls Seong-Jin Cho in Eurer Nähe auftritt unbedingt hingehen!

Gruß Amadé
Nicolas_Aine (01.04.2017, 23:21):
Ich war nun auch mal wieder in einem Konzert.

Ning Feng, Violine
Josep Pons, Dirigent
Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern

Das Ganze in der Congreßhalle Saarbrücken. Das Konzert war der Auftakt zu den Musikfestspielen Saar, die dieses Jahr unter dem Motto "China" stehen. Entsprechend begann das Konzert mit einer immerhin sowohl kurzen als auch kurzweiligen Rede des Intendaten und einer dafür umso längeren und langweiligeren Rede des chinesischen Botschafters. Anschließend wurden noch beide Nationalhymnen gespielt. Dann begann nun das eigentliche Konzert mit der Uraufführung von "Aquaris - Hulan River" von der chinesischen Komponistin Lin Wang. Mir hat das gar nicht gefallen, um das mal vorwegzunehmen. Es begann mit einer ca. zweiminütigen Gesangsimprovisation der Komponistin im Gesangsstil einer Pekingoper, allerdings ohne Text, nur mit Lauten. Leider konnte ich mit dieser Musik noch nie etwas anfangen :/ Das Orchester setzte dann irgendwann (so kam es mir zumindest vor) mit einem lauten Clusterschlag ein und spielte in der Folge lauter atonale Klangflächen und Cluster, die mir aber völlig nichtssagend blieben. Dazu gab es gelegentlich wieder Improvisationen der Sängerin, bis dann irgendwann das Orchester verstummte und die Sängerin nocheinmal improvisierte bis es dann zu Ende war. Ein Musiker aus dem Orchester brachte es auf den Punkt: "Es ging los, dann spielen wir und irgendwann ist es vorbei. Dazwischen passiert nichts."
Anschließend stand das Violinkonzert "Butterfly Lovers" von Gang Chen auf dem Programm. Komponiert 1959 in Shanghai, ist es ein wunderschönes Konzert, mit tollen Linien, virtuosen Passagen, die sich aber immer ins Geschehen einfügen, Kantilenen, viel Schmaltz, aber auch ganz elegante Passagen. Gespielt von Ning Feng, einem fantastischen Geiger, der auch mit diesem Konzert toll umzugehen wusste. Wunderbar weicher und süßer Klang, viele Farben, tolles Gespür für Timing und Stilmittel und das ganze mit einer unglaublichen Technik. Aber auch das Orchester gab sich hier keine Blöße, es war präsent, wenn es sein musste, hielt sich zurück, wenn es nötig war, lieferte Farben und gab dem Solisten alle Möglichkeiten.
Nach der Pause dann der deutsche Teil des Konzertes: Beethovens 7. Symphonie. Ein oft gespieltes Werk, aber Pons schaffte es, das Orchester mitzureißen. Man spürte förmlich, dass das Orchester ihn mag und ihm vertraut, und dass die Musiker sich auf seine Art zu musizieren einlassen, mit keinem oder nur wenig Vibrato, vielen leeren Saiten, zügigen Tempi, im zweiten Satz vielleicht zu zügig, aber das bleibt Geschmackssache. Und im vierten Satz gings ab, anders kann man es kaum ausdrücken, da war einfach richtig was los auf der Bühne. So stell ich mir ein tolles Konzert vor!
Hosenrolle1 (02.04.2017, 00:41):
Beethovens 7. Symphonie.
Stahlsaiten?



LG,
Hosenrolle1
Nicolas_Aine (02.04.2017, 09:33):
Selbstverständlich. Bzw. bei den meisten wohl Kunststoff. Aber es ist ein Rundfunkorchester, nicht spezialisiert auf irgendwas ;)
Hosenrolle1 (02.04.2017, 15:37):
Alles klar, danke!

(Naja, müssen ja nicht spezialisiert sein um Darmsaiten zu benutzen, oder? Die Stahlsaiten haben sich auch bei den Nicht-HIP Orchestern erst sehr spät durchgesetzt, in den 20ern oder 30ern ungefähr, und die hatten garantiert keine HIP-Ambitionen :D )



LG,
Hosenrolle1
Nicolas_Aine (02.04.2017, 16:35):
ja, aber die haben sich durchaus aus Gründen durchgesetzt; Nicht zuletzt wegen der Stimmstabilität und Haltbarkeit. Ich habe Anfang des Jahres ein paar Wochen auf ummantelten Darmsaiten gespielt und das ist einfach unpraktisch, weil man alle 10-15 Minuten nachstimmen müsste. Beim Üben geht das, im Orchester nicht. Daher bin ich jetzt auch wieder bei Stahl- / Kunststoffsaiten gelandet.
Hosenrolle1 (02.04.2017, 16:48):
Wie schaffen das dann aber die HIP-Orchester bei Konzerten, die eine Stunde dauern? Oder bei Opern mit 3 Stunden?

Aber dass sie sich erst sehr spät durchgesetzt haben, zeigt auch, dass die Orchester durchaus wussten, dass die Darmsaiten schöner klingen, aber aus Bequemlichkeitsgründen dann doch die Notlösung genommen haben. Metallischer Klang, dafür bessere Stimmstabilität und Haltbarkeit und, was natürlich auch ein wichtiger Grund ist, geringere Kosten.


LG,
Hosenrolle1
Classical_Horny (05.06.2017, 17:50):
Tannhäuser, Staatstheater Saarbrücken, Permiere 04.06.2017

Ich durfte also gestern im Staatstheater die Premiere von "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg" besuchen.

Verantwortlich für die Inszenierung zeichnete sich Johannes Erath. Diese war anfangs noch ganz okay, die Idee von Venus als sitzengelassener Braut vor dem Altar fand ich sogar ganz gut, und die opulente Darstellung des Venusberges mit unzähligen Schaukeln mit leichten Mädchen drauf bot mit der herauf- und herunterfahren Treppen auf der Bühne zunächst ein opulentes Bild.

Mit den ersten Gesangseinlagen schwand die Begeisterung bei mir jedoch. Venus, "gesungen" von Jennifer Maines war der absolute Reinfall, da stimmte leider gar nichts. Tannhäuser a.k.a. Neal Cooper konnte sich nach dem Abgang der Venus zwar deutlich steigern, aber wirklich gut wurde er zu keiner Zeit. Immerhin war die Premierenaufregung dann verflogen, das es wohl jedoch nicht daran lag, bewies Venus im 3. Akt erneut. Auch die anderen Gesangsrollen waren bei weitem nicht das Gelbe von Ei, Susanne Braunsteffer als Elisabeth schrie mehr, als dass sie wirklich sang. Passabel waren allenfalls Landgraf Hermann von Hiroshi Matsui und Wolfram von Eschenbach von Wenrer van Mechelen.

Das Orchester machte insgesamt einen soliden Einsatz, doch auch hin und wieder stimmte mal ein Einsatz oder ein Ton nicht, dort besteht noch Steigerungsbedarf, immerhin wurde der Dynamikumfang gut genutzt.

Die in den ersten beiden Akten noch recht ordentliche Inszenierung endete jedoch im 3. Akt mit drehender Bühne, Personeführungschaos und unsinnigen Einlagen, wie die Sortierung der Lage von Blumen (als ob das auf der Drehtellerbühne irgendeinen Sinn ergäbe) für mich in einem Desaster. Erinnerte mich irgendwie an das Rheingold in Wiesbaden von Laufenberg. Ich glaube, die haben eigentlich auf der Bühne Fangen und Verstecken gleichzeitig gespielt oder so.

Sogar der Mann mit dem einfachsten Job brachte es fertig, immer wieder die Textzeilen falsch einzublenden oder ganz zu vergessen. Dabei muss er ja eigentlich nur wach bleiben und auf einen Knopf drücken. Harter Job.

Bereits nach dem zweiten Akt war der Saal merklich leere, etliche hielten es einfach nicht mehr aus. Hätte ich vorher gewusste, wie die Regie den dritten Akt in die Pfanne haut, hätte ich es mir wohl auch überlegt.

Als einzige echte Glanzleistung sind die wirklich extrem schönen und passend märchenhaft anmutenden Kostüme des Designers Christian Lacroix zu nennen. Die waren echt top. Das war auch am Ende zu spüren, beim Schlussapplaus erntete niemand soviel Beifall wie Lacroix. Sogar ich und meine Begleitung standen kurz für ihn auf, wie auch etlich andere Gäste im Saal als der heimlich und wohl auch leistungsmäßig einzige Star des Abends auf die Bühne kam.

Fazit: "Die Kostüme waren toll!"
palestrina (06.06.2017, 05:45):
Hallo Classical_Horny, sowas kommt schon mal vor bei einer Oper wie dem Tannhäuser, denn allein die Partie des Tannhäuser zu besetzen ist schon schwierig.
Als Saarbrücken noch einigermaßen gut erreichbar war für mich und ich meiner Live Opernleidenschaft noch ausgiebig frönte, habe ich ziemlich gute Aufführungen dort gesehen!

Nur so nebenbei, im T Forum kommt man der Gesangsleistungen wegen zu etwas anderen Ergebnissen, aber ich denke sowas ist Geschmackssache.

LG palestrina
Classical_Horny (07.06.2017, 20:28):
Das ist nur meine subjektive Meinung und sagt nichts über die Gesamtqualität des Saarbrückener Theaters aus. Deckt sich jedoch mit der meiner Partnerin. Und der eines Arbeitskollegen, von dem wir gar nicht wussten, dass er auch dort war. Aber ich dachte sofort nach der Ouvertüre: "Man, sind die aufgeregt, so schlecht, wie singen, aber ist halt Premiere. War aber dann wohl nicht nur die Aufregung." Das es Wagner den Sängern verdammt schwer macht, ist mir auch klar.

Aber so dumme Fehler, wie mit dem Übertiteln, die so einfach hätten vermieden können, gehen halt gar nicht. Das deutet gleichzeitig auch auf eine nicht besonders gute Produktion hin.

Und ich weiß andere Leute sehen dass anderes, aber ich fand die Venus schlecht. Schon mal die Kritik in der Saarbrückener Zeitung gelesen? Und trotz allem wurde ich gut unterhalten, das möchte ich hier nicht bestreiten.

Und ich vergaß, den Chor zu loben, der war auch ganz gut.
Amadé (09.09.2017, 12:20):
Gestern Abend gastierte zum wiederholten Mal bei Piano Solo in Olpe der Pianist Kit Armstrong. Seine Programme beinhalten oft Werke, die im Konzertsaal stiefmütterlich behandelt werden oder sinnstiftende Zusammenstellungen. Beides traf beim gestrigen Abend zusammen:


Mozart: Sonate C-Dur KV 545 -Facile
C.Ph.E. Bach: Freie FAntasie fis-moll Wq 67
5 KLavierstücke aus Wq 117 , könnten als Vorläufer von Beethovens Bagatellen gelten
_________ _________
C.Ph.E. Bach: Rondo G-Dur Wq 57 Nr.3

5. Württembergische Sonate Wq 49 Nr.5

Mozart: Allemande und Courante aus der Suite KV 399

Fantasie und Fuge C-Dur KV 394

Die Kopplung der Mozart-Stücke mit Hamburger/Berliner Bachs Elaboraten sowie Armstrongs Vortrag überzeugten auf der ganzen Linie, hier stimmte es tatsächlich. Hilfreich waren auch die Einführungen des Pianisten, vor allem für Zuhörer, für die C.Ph.E. Bachs KLaviermusik Neuland war.
Als Zugabe spielte er sehr ausdrucksvoll, wie auch schon zu Beginn der langsame SAtz aus KV 545, den langsamen SAtz aus Mozarts KLaviersonate C-Dur KV 330.

Grüße Amadé
Falstaff (23.11.2017, 02:14):
Da es schon der 23.11. ist, war es wirklich 'Gestern im Konzert'.

In Hamburg spielte Daniil Trifonov Werke von, inspiriert bei, über Chopin.

Trifonov begann mit '12 Variationen über ein Thema von Chopin' von Federico Mompou. Trifonov begann im sanftesten Piano, nur begleitet von Türenschlagen, Niesern, Hustern, 'Ist das mein Platz hier'-Suchenden. Aber zum Glück konnte man sich dann nach wenigen Minuten auf die Musik konzentrieren. Das war wunderbar gespielt, farbig, elegant, zum Träumen schön. Allerdings denke ich, dass Mompou nun nicht allzu viel Eigenes zu Chopin beisteuern konnte. Das ist sehr gefällig, aber in meinen Ohren keine unbedingt selbständige Ergänzung. Trotzdem zeigte Trifonov hier schon, was er dann durch den ganzen Abend demonstrieren würde: einen unglaublichen Sinn für Poesie. Da adelte jemand etwas, was nicht unbedingt zum Glanzvollsten der Klavierliteratur zählt.

Der 2. Teil vor der Pause bestand dann aus kurzen, jeweils 2-5 minütigen, 'Ideen' verschiedener Komponisten zu Chopin. Er begann mit dem 'Chopin-Abschnitt' aus Schumanns 'Carnaval', spielte von Grieg die 'Hommage à Chopin' aus den 'Stimmungen', die 'Nocturne op. 33' von Barber und endete mit 'Un poco di Chopin' von Tschaikowsky. Diesen Abschnitt fand ich insgesamt ein wenig problematisch. Faszinierend der Barber, technisch, gerade in den Läufen und im Tempo überragend der Tschaikowsky, ansprechend der Grieg - aber einen kurzen Abschnitt aus dem 'Carnaval' herauszunehmen, finde ich problematisch. Letztlich, Bezug auf Chopin hin oder her, fehlte hier der Zusammenhang zum Werk.

Der 3. Abschnitt vor der Pause bestand dann aus den 'Variationen über ein Thema von Chopin op. 22' von Rachmaninow. Und da stimmte dann alles. Komposition wie Interpretation. Obwohl Trifonov nicht alle Variationen spielte, obwohl er zum Schluss, um den Kreislaufcharakter zu betonen, zum Präludium zurückkehrte, war es ein vollendetes Eintauchen in die Welt der Romantik und Spätromantik, eine Wanderung zwischen den Welten von West und Ost, von 19. und 20. Jahrhundert.

Nach der Pause gab es dann (nur noch) die 2. Chopin-Sonate op. 35. Die ersten zwei Sätze nahm er unglaublich schnell, geradezu hämmernd. Ein einziges Vorwärtsdrängen, nur kurz angehalten durch die lyrischen Momente, v.a. im 2. Satz. Aber dann der 'Trauermarsch' und das abschließende 'Presto'. Alleine dafür hätte es sich gelohnt, stundenlang für Karten anzustehen. Beide Sätze spielte er unendlich langsam, kostete jede Note geradezu aus und entwickelte dabei gleichzeitig einen Gefühls- und Assoziationsreichtum sondergleichen. Das war grandios, erschütternd, verstörend-ungewohnt, bezwingend. Gerade auch das 'Presto' eröffnete plötzlich völlig neue Sichtweisen. Gefühlt nahm er es mindestens doppelt so langsam wie alle anderen Pianisten, die ich kenne (und ich kenne verdammt viele mit dieser Sonate). Und plötzlich tauchten dort Melodiefetzen auf, die ich vorher nie wahrgenommen hatte. Es war wahrlich kein 'Sausen des Nachtwindes über den Gräbern' oder Ähnliches. Es war ein langsames, strudelartiges Versinken in Nichts.

Ich kenne die frühe Chopin-Aufnahme von Trifonov und war von ihr schon recht enttäuscht. Irgendwie fehlte mir dort etwas. Wohl v.a. die Poesie, die Eleganz. Das war gestern nun ganz anders. Das war Poesie pur. Ohne auf dem Klavier zu singen, wie Horowitz es so unnachahmlich konnte, schafft Trifonov es dennoch einen mit jedem Ton, mit jeder Phrase zu verzaubern. Gerade die Tempi, die er wählte (und die waren schon sehr extrem), ermöglichen es ihm, sie mit Sinn, Farben, Bedeutung, Ausdruck aufzuladen. Das galt für die Piano-Stellen ebenso wie für die Ausbrüche, die mächtigen, glockenartigen Akkorde, die er spielte. Man verlor sich geradezu im Farbenreichtum, im Spektrum aller Emotionen, die er hervorrief.

Insgesamt war es ein Abend großer Poesie und großer Emotion - fernab gewohnter Pfade. Spannend und ungewohnt, wie ich es auf diesem, auch auf technischen, Niveau, selten gehört habe.

Meine Güte, der Typ ist erst 26. Wenn er jetzt schon so vollendet ist, wo will er noch hin. Trifonov zu beobachten, zu begleiten, ist mit Sicherheit eine der spannendsten, lohnendsten Aufgaben im Pianobereich. Ich würde mal sagen, dass hier eine 'Jahrhunderterscheinung' heranwächst oder heranwachsen könnte.

:hello Falstaff
Falstaff (10.12.2017, 23:12):
Berlioz: Ouvertüre Römischer Karneval

Schumann: Klavierkonzert

Brahms: Sinfonie Nr. 2

Martha Argerich
Hamburger Symphoniker
Ion Marin

Vor dem Konzert gratulierte der Hamburger Kultursenator dem Orchester zum 60jährigen Bestehen. Dabei sprach er dann auch von Herbert Karajan, Leonard Bernstien und Martha (englisch ausgesprochen) Argerisch. So viel zum Stellenwert von klassischer Musik in der Kulturbehörde in Hamburg. ;(

Ion Marin begann mit einer als schwungvoll, geradezu fetzig (laut Programmheft) angekündigten Berlioz-Ouvertüre. Leider war es nur laut, derb und schwerfällig. Nach gut 10 Minuten atmete man erleichtert auf.

Leider hielt er diesen Stil auch im Schumann'schen Klavierkonzert bei. Nun kann die Argerich ja durchaus mithalten und das tat sie auch entsprechend. Aber trotzdem kam irgendwie, was den Orchesterpart anging, wenig Stimmung auf. Am besten war dann noch der dritte Satz. So konzentrierte ich mich v.a. auf die Argerich und das war wieder mehr als lohnend. Schnörkellos, fast sachlich und trotzdem mit großem Ausdruck, sehr engagiert, in den virtuosen Passagen weiterhin meisterhaft, im Forte laut donnernd (aber dabei kein Krach, wie parallel im Orchester) und im Lyrischen ungemein zart und beseelt. Schlichtweg wunderbar.
Als Zugabe gab es zunächst ein kleines Stück aus den 'Kinderszenen' und man lechzte geradezu nach dem vollständigen Zyklus. Und abschließend ein von ihr begleitetes, vom Publikum gesungenes 'Happy Birthday' für das Orchester. Ion Marin kommentierte recht launig, dass wir nun alle in unserem Lebenslauf verzeichnen könnten, wir hätten auch einmal mit Martha Argerich konzertiert.

Im Januar dieses Jahres hörte ich die Argerich schon einmal. Auch mit Ion Marin und den Hamburger Symphonikern. Damals gab es das 1. Klavierkonzert und Liszt und danach die 3. Brahms. Die Sinfonie schenkte ich mir damals, weil ich so ausgefüllt vom Klavierkonzert war, dass ich nichts anderes mehr hören wollte.

Welch eine weise Entscheidung das war, konnte ich heute überprüfen. Das war geradezu eine Hinrichtung der 2. Brahms. Noch nie habe ich sie so plump, laut, derb und hölzern hören müssen. Da stimmte gar nichts, weder in einzelnen Orchestergruppen (wobei die Streicher noch am besten waren), noch bei den Übergängen, bei lyrischeren Stellen, im Zusammenklang, geschweige denn der Durchhörbarkeit. Da ich nicht rauskam, las ich mir das Programmheft durch. Aber leider war das recht dünn und damit schnell beendet. :D

:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (21.01.2018, 16:14):
Das Staatsorchester Stuttgart mit seinem 4. Sinfoniekonzert: Alexander Liebreich dirigiert
Beethoven und Lutoslawski
Ludwig van Beethoven; Sinfonie Nr. 1 C-Dur, op. 21
Hugo Herrmann; Violinkonzert
+ Kojia Lessing
Witold Lutoslawski; Konzert für Orchester
Auf das Publikum ist verlass. Ich habe mir keine Karte im Vorverkauf besorgt, weil ich wegen der frühen Uhrzeit je nach Tagesform entscheiden wollte, ob ich hingehe. Gleich zwei Komponisten aus dem 20. Jahrhundert und dann zwar Beethoven, aber keiner der Hits - die Befürchtung, dass es ausverkauft sein könnte, hielt sich da in Grenzen und so war es dann auch. Ich habe 10 Minuten vor Beginn noch einen Top-Platz (Empore Mitte, 2. Reihe) bekommen.

Der Beethoven kam so daher, wie man ihn heute halt spielt. In Kammerensemble-Stärke, zackig (schon optisch an den Bewegungen des Dirigenten sichtbar), prägnant, mit stets durchgedrücktem Gaspedal. An ein paar Stellen wirkte der Zusammenklang von Bläsern und Streichern besonderes fein ausgehört und im Finale durften die Pauken so richtig knallen, so wie man es heute halt spielt - richtigerweise. Beethovens Erste ist nun mal ganz klassisch und selbst als Haydn-Maniac muss ich zugeben, dass das die beste Londoner Sinfonie ist. Meine Lieblingssinfonie von Beethoven ist es allemal. Es hat Spaß gemacht, aber der letzte Packen fehlte, weil es da oben schlichtweg zu leise war. Es hat schon seinen Grund, dass die "moderne" Aufführungspraxis mit wachsenden Konzertsälen auch die Orchester aufgebläht hat.

Das Violinkonzert war dann ein kaltes Ersthören. Ich habe von dem Komponisten nie zuvor gehört und mich auch nicht "vorbereitet". Naja... typisch Spätromantik bis Frühmoderne, jazziges neben Streicherkitsch, Melodien die nirgends hinführen - ein bisserl Gershwin hier, Strawinsky da, Bartók dort - immer am Rand der Tonalität, bisweilen garstig dissonant, aber eben noch zu sehr in den traditionellen Formen verhaftet, als dass man es mit geleertem Geist -so wie "richtig" zeitgenössische Musik- hören könnte. Nichts für mich.

Lutoslawskis Konzert ist eine Zirkusnummer, aber eine, die mächtig Effekt macht und gut gemacht ist. Ich denke, das Stück ist bei Orchestern recht unbeliebt. Niemand kann sich mit seinem Sonntagmorgen-Kater in der Masse verstecken, jeder kommt mal dran. Da gibt es schon unerhörte Effekte, die man im live im Konzertsaal (und mit dem aufs dreifache angewachsenen Personal jetzt auch laut genug) statt von Konserve gehört haben muss. Das Finale hat so eine fiese Gänsehaut-Stelle, wenn kurz vor Schluss das zuvor von den Holzbläsern vorgestellte Hauptthema nach einer tumultartigen Passage in den Blechbläsern wiederkehrt. Wenn da die Körperhaare stehen, dann war es gelungen. Und so war es. Ich liebe diese wohligen Schauer und weil das Stück kurz danach zu Ende ist, geht man mit diesem Eindruck raus und nimmt sich vor, wieder öfters ins Konzert zu gehen.
Falstaff (28.05.2018, 00:09):
Gestern nun mein zweiter Besuch in der 'Elbphilharmonie' in Hamburg.

Solo-Abend Maurizio Pollini. War jedenfalls angekündigt, dieser sagte aber kurzfristig wegen Grippe ab und

Elisabeth Leonskaja sprang ein.

Auf dem Programm die beiden letzten Beethoven-Sonaten und D.960 von Franz Schubert.

In den frühen 90iger Jahren habe ich die Leonskaja zweimal mit Solo-Programmen und einmal zusammen mit Richter gehört und war damals eigentlich sehr begeistert von ihr. Von daher hielt sich meine Enttäuschung in Grenzen. Jedenfalls bis zum Beginn des Abends.

Mein Platz war auf der 16. Ebene, ich hätte direkt ins Klavier spucken können. Mit Sicherheit kein Platz für einen Klavierabend (es klang von Weitem doch sehr entfernt), aber ich befürchte, dass die gesamte Elbphilharmonie sich für solche Konzerte nicht anbietet. Zum Glück ziehen Triifonov und Sokolov die doch intimere Atmosphäre der alten Hamburger Musikhalle mit ihrer tollen Akustik weiterhin vor.

Aber v.a. das Spiel der Leonskaja hat mich enttäuscht. Beide Beethoven-Sonaten klangen undifferenziert, ohne Akzente, ohne Poesie, aber auch ohne rhythmische Gewagtheit, ohne die Modernität herauszuarbeiten, fast wie heruntergespielt. Es war alles ganz anständig (das Wort 'nett' möchte ich hier mal vermeiden), aber ohne Inspiration und Persönlichkeit.

Am Vormittag hatte ich D.960 noch einmal mit ihr gehört (eine Aufnahme von 1997) und war da schon recht enttäuscht. (Das hätte mich warnen sollen.) Deswegen habe ich mir die 40 Minuten nach der Pause geschenkt und habe lieber den sommerlichen Abend genossen.

:hello Falstaff
satie (28.05.2018, 00:21):
Lieber Falstaff,
wahrlich kein Ersatz für Pollini...
Ich hörte sie live vor Jahren mit dem Schumann-Konzert. Dort kam zum unpersönlichen Spiel noch ein schlechtes Orchester dazu... Keine angenehme Erinnerung...

Herzliche Grüße
Satie
Falstaff (28.05.2018, 00:38):
Ich hörte sie live vor Jahren mit dem Schumann-Konzert. Dort kam zum unpersönlichen Spiel
Lieber Satie, das habe ich nun schon häufiger gehört, das mit dem 'unpersönlichen Spiel'. Irgendwie dann doch ganz tröstlich, das eben mein Eindruck nicht so völlig daneben war.

Höchstwahrscheinlich ist mein Eindruck bei den beiden Solo-Konzerten von damals wohl auf meine Unerfahrenheit zurückzuführen und möglicherweise hat Richter sie in dem Doppelkonzert einfach mitgerissen. Oder sie baut ab. Kann ja auch vorkommen. ^^

LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (12.11.2018, 18:28):
Mieczysław Karłowicz; Eternal Songs op. 10 Nr. 1
Modest Mussorgski; Lieder und Tänze des Todes
Pjotr Iljitsch Tschaikowski Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“ h-Moll op. 74

Adam Palka (Bass), Staatsorchester Stuttgart, Vladimir Fedoseyev
Liederhalle Stuttgart 11.11.2018

Ich weiß nicht, was mich geritten hat -Masochismus oder doch Intuition-, mir Karten zu kaufen für ein Konzert mit Musik, die ich nicht sonderlich mag. Verdeckt oder offen programmatische Sinfonik, möglicherweise gar subjektive Bekenntnismusik aus der Epoche der Romantik steht auf meiner Beliebtheitsskala ganz unten. Aber immerhin ist die Sechste das Werk, das ich aus diesem Dunstkreis noch am ehesten mal höre und daher recht gut kenne und dann ist es immerhin mit Fedoseyev, 86 Jahre Lebenserfahren - der Sibelius' Zweiter alle Romantizismen ausgetrieben hat, ohne die dramatische Wucht zu opfern und der ein Meister im Ausgleich des Zielkonflikts zwischen Transparenz und Klangfülle ist. Das Problem bei Mussorgski steht schon im Titel. Wo Lieder sind, wird gesungen. Aber immerhin geht es um den Tod, was meiner verkappten morbiden Ader entgegen kommt und es ist ein Bass der da singt, da ist heroisches Geschmetterte eher nicht zu befürchten. Und dann ist da immerhin ein absolut Unbekannter auf dem Programmzettel. Das ist höchst erfreulich, weil viel zu selten, aber die Freude wurde merklich getrübt, als ich in der Ankündigung etwas von spätromantischer Musik im Bannkreis von Wagner las. Egal, ich hab trotzdem den Saal-Plan geöffnet und tatsächlich noch einen freien Platz in der allerersten Reihe fast genau in der Mitte entdeckt. Weil es mir das letzte mal auf der Loge teilweise zu leise war, habe ich draufgeklickt. Wenn schon leiden, dann wenigstens richtig laut.

Und so saß ich dann mit den Schuhen des Dirigenten in zwei Meter Entfernung auf Augenhöhe. Ich meine, die Plätze der ersten Reihe werden zu unrecht kritisch bezüglich der Klangbalance gesehen. Es wirkt halt alles weiter auseinandergezogen und in die Tiefe gestaffelt, aber kein Instrument deckt das andere zu. Man hat sozusagen diesen analytischen Klang, den man sich von der heimischen Anlage wünscht - und der trotz aller anderslautender Versprechungen der Audio-Industrie auch nicht nur annähernd von Konserve reproduzierbar ist. Das Stück von Karłowicz klang zum Glück wenig nach Wagner, dazu waren die Holzbläser viel zu prominent solistisch herausgehoben. Instrumentieren konnte der früh verstorbene Pole. Sonst war es halt eines der Stücke, die es wie Sand am Meer gibt. Gewoge und Gewabere, Herausschälen von vagen Motiven, Anschwellen mit erstickend dichter werdender Harmonik, Klimax und dann das Ganze retour. Aber was für ein Fest der Klangfarben und unaufdringlichen Klangeffekte. Ich dachte mir, dass ich diese Art von Musik wahrscheinlich nur deswegen so selten höre, weil sie von der Konserve so grottig klingt.

Einen Bass nur drei Meter entfernt zu hören, war beeindruckend. Vor allem wie laut der schon in den leisen Passagen geklungen hat. Und ich war durchaus beeindruckt, was der alles mit seinem Stimmorgan anzustellen wusste. Ich vermute mal, dass Vokal-Hardliner bemängelt hätten, dass man das hört und dass es dadurch eben nicht selbstverständlich genug geklungen hat. Über die Lieder kann ich wenig sagen. Beim Gang in die Pause habe ich einen Gesprächsfetzen aufgeschnappt, der es auf den Punkt bringt: Schon ein bisschen arg melodramatisch...

Die Sechste war erfreulich, wie erhofft. Nichts mit Schmelz und Schmalz und Schmerz. Sehr straffes Tempo im ersten Satz, in den Fortissimo-Passagen wirkte es etwas chaotisch, wobei ich nicht weiß, ob andere Dirigenten das glätten oder ob das Orchester nicht ganz beieinander war - immerhin war es sonntagmorgens. Sensationell der zweite Satz, der immer Gefahr läuft in Kitsch zu versumpfen oder in Langeweile zu veröden. Hier habe ich die Komposition gehört und Konzentration und Innenspannung haben nie nachgelassen- nicht mehr und nicht weniger will ich von einem Dirigenten bekommen. Der dritte Satz war dann wie ein Erwachen - jetzt auch mit deutlich mehr sichtbaren Engagement der Musiker in Mimik und Körpersprache. Es gab eine interessante Korrelation zu beobachten: je weiter weg vom Pult, desto weniger schienen die Akteure wirklich intensiv bei der Sache zu sein. Macht die 6. Reihe lediglich ihren Job, weil sie in der sechsten Reihe sitzt oder sitzt sie in der sechsten Reihe, weil sie lediglich ihren Job macht? Jedenfalls reichten sparsame und ruhige Gesten von Fedoseyev aus um das Orchester in einen furiosen Haufen zu verwandeln, der mit unerbittlich straffem Rhythmus schon fast brutal auf die Klimax zu stampfte. Bis ich mich davon erholen konnte war der sehr zügig gespielte Schlusssatz schon halb vorbei. Die gerne als letztes verzweifeltes Aufbäumen eines sinfonischen Ichs verstandenen Steigerungswellen wirkten distanziert, die grotesken Klänge im Abgesang seltsam farblos. Wenn es ein sinfonisches Ich in diesem Werk geben sollte, dann wurde es im Satz davor bereits erschlagen und geisterte im Finale als Untoter herum. Wie auch immer, als ich nach dem ungewöhnlich lang anhalten Schlussapplaus - der alte Maestro musste sechs mal hervor, bevor dann der Konzertmeister aufstand und dem ein Ende bereitete- mir draußen eine ansteckte, zitterten meine Hände heftig. Das machte schon Eindruck. Irgendwie.
Sfantu (26.04.2019, 18:15):
Zurück aus Rumänien nach einer guten Woche bei meinen Wahlverwandten berichte ich kurz über letzten Samstag Abend.
Gestern & heute forschte ich geraume Zeit bis in den entferntesten Winkeln unseres Forums um sicher zu gehen, daß es noch keinen Faden "Gestern im Ballett" oder zu Prokofieffs Aschenbrödel gibt. Die Tatsache, daß ich mich entschied, nun hier zu schreiben, liegt an zweierlei:

1. Ich bin kein Ballett-Fan, geschweige denn Ballett-Experte & fühle mich nicht berufen, einen solchen Faden zu eröffnen.
2. Ich höre gern Ballett-Musik.

Es trug sich also "vorvorvorvorvorgestern in der Oper" zu, gehört für mich aber am ehesten in die Kategorie "vorvorvorvorvorgestern" im Konzert - drum also hier.

Sergej Prokofieff - Aschenbrödel op. 87 - Ballett in drei Akten

Corps de ballet al Teatrului Național din Iaşi,
Filarmonica de Stat "Moldova" din Iaşi - Leonard Boga

Die Aufführung fand statt in der prachtvollen & frisch renovierten Opera Naţional Română din Iaşi = Rumänische Nationaloper Iaşi - sprich: Jasch - der ersten rumänischen Nationaloper in der ersten Hauptstadt Rumäniens, vor dem Umzug nach Bukarest.






Das Bühnenbild von Adriana Urmuzescu & die Kostüme von Maria Eșanu verschmelzen zu einer gestalterischen Einheit, die - wie wohl zu erwarten in Osteuropa (& von mir freudig begrüßt) - so oder ähnlich bei uns im Westen zuletzt vielleicht vor vielen Jahrzehnten zu erleben war. Man darf mich altmodisch nennen & niemand wird sich wundern, wenn ich sage, daß ich mit modernem Regietheater nicht viel anfangen kann (im Musiktheater, versteht sich). Entsprechend selten bin ich in der Oper. Ein Fidelio in einem Amazon-Verteilzentrum, kopfüber aufgehängt singende Protagonisten, Fäkalien-& Blut-Festspiele, kotzende Hooligans & ähnliche Spektakel gehen mir auf die Nerven & können mir gestohlen bleiben - dann lieber daheim aus den Lautsprechern & mit den eigenen Bildern im Kopf.
Amalia Mîndruțius Choreographie gibt sich ebenso traditionell - das, was man sieht, ist hier also deutlich altbackener als die Musik, die man dazu hört. Die vergleichsweise kleine Rolle des Tanzlehrers & Zeremonienmeisters wertet Juan Luque Cruz mit eleganter Darstellung deutlich auf, Hirohito Ikeuchis Harlekin ist ein weiteres Glanzlicht - scheinbar schwerelos & wie aus Gummi wirbelt er durch die Szenen. Bemerkenswert ebenso die schauspielerischen Qualitäten: auch abseits des Hauptgeschehens feine Gesten & Minen - niemand wird zur bloßen Staffage, ein jeder ist jederzeit à jour & mit voller Konzentration in diese Geschichte eingetaucht. Das Liebespaar gaben in dieser Gala-Premiere Viviana Olaru & Ovidiu Matei Iancu - sie muß man wohl zur internationalen Spitze zählen. Mariya Lozanova & Aina Busquets als böse Stiefschwestern übertreiben es ein wenig mit ihrer karikierenden Darstellung - durch ihren Klamauk verlieren die Figuren an Profil, an Berohlichkeit, sie stellen so für das absehbare Happy End zu keiner Zeit eine ernstzunehmende Gefahr dar.

Die Staatsphilharmonie wird von Leonard Boga - derzeit hauptsächlich an der Oper in Braşov (Kronstadt) aktiv & zuvor in diversen Assistenzfunktionen, u. a. bei Paavo Järvi - souverän geleitet, angenehm anzusehen in seiner schnörkellosen & trotzdem eleganten Art - ihn würde ich gern auch mal als Konzertdirigent erleben. Das Orchester zeigt im ersten Akt hie & da noch kleine Unsicherheiten, spielt sich im Verlauf aber frei & bereitete letztlich große Freude! Diese Partitur steht innerhalb Prokofieffs Gesamtwerk sicher nicht an der Speerspitze von Expression & Experiment - das zu zeichnende Märchen verlangt halt schon eine gute Portion Lyrik & Emotion. Trotzdem habe ich ein Faible für das Aschenbrödel & ich finde, es muß sich nicht hinter Romeo & Julia verstecken. Wenn es eine "Erkennungsmelodie" für mich in diesem Ballett gibt, dann ist es (neben den kurzen Selbstanleihen aus den "Orangen") der 2x im 3. Akt, 1. Bild vorkommende Galopp (Nummern 40 & 42) - energetisch & mitreissend in seiner maschinenhaften Eigenart - Musik, die ich als typisch sowjetisch bezeichne. Hier kommt es aus dem Orchestergraben eine Nuance weniger scharf als bspw. in Roshdestwenskijs Gesamtaufnahme herüber, stellt mir aber um nichts weniger wohlig die Nackenhaare auf.

Zurecht euphorisch & ausladend die stürmischen Ovationen in der ausverkauften Nationaloper!
Nächste Vorstellung am 8. Mai.
Guenther (20.05.2019, 17:41):
Als Liebhaber von historischen Tasteninstrumenten kenne ich natürlich auch die "Sammlung Dohr" im Haus Eller in Bergheim-Ahe:

https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_Eller

Eigene Webseite:

www.pianomuseum.eu

Christoph Dohr sammelt seit Jahren historische Instrumente und läßt sie entweder restaurieren, d.h. spielbar machen, oder konservieren, d.h. im Originalzustand erhalten, was nach sich zieht, daß sie nicht mehr bespielt werden. Dadurch sind einige Instrumente auch doppelt vorhanden. Ein Förderverein hilft bei der Finanzierung.

Das Haus Eller ist ein historisches Gebäude aus der Landwirtschaft des 18. Jahrhunderts und wurde und wird in mühevoller Kleinarbeit erhalten bzw. in einen "mehr historischen" Zustand versetzt (z.B. soll die Aluminium-Haustüre durch eine aus Holz ersetzt werden). Das Ambiente stimmt also!

Dort finden nun von Zeit zu Zeit auch Konzerte auf eben diesen historischen Instrumenten statt. Der "Konzertsaal" ist jedoch klein - es passen kaum 30 Leute hinein - und Interessenten sollten sich vorher anmelden.

Gestern war ich dort, und es wurde ein echter (restaurierter) Broadwood von 1863 bespielt. Solist war Prof. Jacob Leuschner von der Musikhochschule Detmold. Er spielte einen bunten Mix von Haydn (Andante mit Variationen f-Moll) über Mozart (Adagio h-Moll, Menuett D-Dur, Sonate B-Dur, Kleine Gigue G-Dur) nach Beethoven (Sonate 27 c-Moll). Nach der Pause hörten wir dann noch Dussek (La Consolation) und Chopin (Nocturne Es-Dur op.55 und Barcarolle Fis-Dur op.60).

Der Flügel war lange nicht bespielt, sondern wurde hochkant in einem Lagerraum aufbewahrt. Es dauerte dann auch einige Zeit, bis er "warm gelaufen" war, der Tastenhub ist vergleichsweise groß, der Anschlag relativ schwer. Christoph Dohr meinte dann in der Pause auch, dieser Flügel würde bei Trillern nur jedem dritten Anschlag zu einem Ton verhelfen, was irgendwie auch stimmte. Die Mechanik hat nr eine einfache Auslösung, was Repetitionen noch schwieriger macht.

Man hatte den Eindruck, daß die hochklassischen Stücke bei diesem Broadwood nicht ganz so gut aufgehoben waren, während Dussek und Chopin hervorragend damit interpretiert werden können. Jacob Leuschner ist natürlich ein höchstversierter Pianist mit herausragender Technik. Allerdings vermute ich, daß er zuvor keine Gelegenheit hatte, den Flügel "auszuprobieren" und sich auf die Feinheiten einzuspielen. Nach dem Konzert hatte ich nur kurz Gelegenheit mikt ihm zu sprechen, und er war auch nicht ganz so glücklich über den ersten Teil des Konzerts.

Das Konzert war dennoch höchst interessant. Der Broadwood hat einen kräftigen, aber auch warmen Klang im Baßbereich, der Diskant hat mir nicht so gefallen, hier mußte Leuschner auch relativ kräftig "zulangen", was natürlich der Chopin-Barcarolle guttat, den Mozart-Stücken eher nicht. Man fühlte förmlich, wie schwierig es war, hier die Melodiestimme hervorzuheben und die Begleitung ein wenig in den Hintergrund zu schieben.

Broadwood in London wurde dadurch bekannt, daß man die Klavierherstellung stark "taylorisierte", d.h. jeder Arbeiter mußte nur einen kleinen Handgriff beherrschen (z.B. einen Wirbel hineindrehen). Dadurch wurden die Kosten gesenkt, und die Nachfrage erhöht.

Das Konzert war als Benefizkonzert gedacht, auch Leuschner verzichtete auf eine Gage. Alle Besucher spendeten zugunsten der Restaurierung eines alten Bechstein-Flügels aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts.

Leider sind Besichtigungen im Haus Eller nur gegen Voranmeldung und für Gruppen vorgesehen. Es ist also keine Dauerausstellung im klimatisierten Museum. Schade. Aber da es keinerlei Fördergelder von offizieller Seite gibt, ist es halt eine Privatveranstaltung, die aber jeden Respekt verdient!

Schaut mal vorbei!
Guenther (10.09.2019, 12:14):
Wie ich bereits im vorherigen Beitrag schrieb, sind Führungen im Pianomuseum Eller recht selten und nur nach Voranmledung möglich. Am Sonntag, dem 8. September, aber gab es eine "reguläre" Führung wegen des "Tag des offenen Denkmals". Zusätzlich gab es ein Konzert mit Wiebke Harbeck, Querflöte, und Christoph Dohr, Flügel. Gespielt wurde Salonmusik des Fin de Siècle, begleitet wurde die Flöte mit dem restuarierten Broadwood-Flügel von 1863, dessen warmer und voller Klang sehr gut zur vorgetragenen Musik paßte. Manchmal war mir die Begleitung allerdings zu aufdringlich, was auch dem Umstand geschuldet war, daß der Flügel die ganze Zeit voll geöffnet war.

Der für mich interessantere Teil war jedoch die Führung von Christoph Dohr durch seine Sammlung. Sein ältestes Instrument ist ein Clavichord von 1770, restauriert 1959 und 1967. Dohr besitzt etliche Instrumente verschiedener Gattungen, wobei zum Teil Nachbauten, aber eben auch echte historische Instrumente darunter sind.

Sehr interessant war für mich die Präsentation eines Flügels mit oberschlägiger Mechanik. Diese Baureihe wurde von Theodor Stöcker (Berlin) gebaut, der ausschließlich diese Art von Flügeln baute.

Die Saiten sind dabei bis unter die Klaviatur gezogen und werden auch dort gestimmt. Man muß dazu die Tastatur hochklappen. Der Bezug ist schräg abfallend, d.h. hinten höher als vorn (bei der Klaviatur). Das Gehäuse wirkt dadurch "zu tief", die Tastatur ist jedoch in der gleichen Höhe wie bei anderen Flügeln. Dohr besitzt zwei dieser Flügel, wobei aber nur einer davon restauriert ist. Die Baujahre sind 1868 und 1862.

Ich empfehle jedem, der sich mit historischen Tasteninstrumenten beschäftigt oder diese liebt, sich einmal im Pianomuseum blicken zu lassen. Webseite:

pianomuseum.eu

Dort gibt es auch eine Terminvorschau. Viel Spaß!
Sfantu (13.03.2020, 19:25):
Bernd Alois Zimmermann - Konzert für Trompete & Orchester
Anton Bruckner - Sinfonie Nr. 9 d-moll

Simon Höfele, Trompete,
Berner Symphonieorchester - Mario Venzago

Casino Bern, großer Saal, Donnerstag, 12. März 2020

Seit Monaten hatte ich mich auf gestern Abend gefreut.
Am Ende umso mehr, da die Vorstellung im Zuge der gerade grassierenden Corona-Krise nicht abgesagt worden ist. Der Zuschauerraum war zu etwa 2/3 besetzt. + Orchester dürften es etwa 800 bis 900 Menschen im Saal gewesen sein. Darunter trotz der Empfehlungen des Hauses & des Kantons auch zahlreiche Senioren (also die hauptsächliche Konzertgänger-Kohorte). Sei's drum - der Qualität der Aufführung nach zu urteilen, stand der Abend unter einem guten Stern. Ich hoffe daher, daß die "dubele Käferli" uns verschont haben.

Zimmermanns Trompetenkonzert hatte ich bisher nur dem Namen nach gekannt. Der Beiname "Nobody knows the trouble I see" hatte mich bisher immer auf Distanz gehalten. Was komplett irrational (um nicht zu sagen: bescheuert) ist. Der gedankliche Kurzschluß, man hätte es hier mit einer Art Jazz-Klassik-Crossover-Geschichte zu tun (die nämlich m. E. selten gelungen waren / sind), bestätigte sich nämlich berhaupt nicht. Es gibt wohl dosierte Prisen von Jazz-Anklängen - eher Andeutungen- bestehend aus synkopierten Passagen, maßgeblich getragen von einem Saxophon-Satz + Gitarre & kleiner Trommel, die aber gut integriert in den allgemeinen musikalischen Fluß erklingen, sich niemals in den Vordergrund drängen. Das namensgebende Gospelthema erscheint einigermaßen erkennbar nur einmal gegen Ende in der Solostimme.

Dieses 1954 entstandene Werk changiert zwischen aufbegehrenden Klangwogen & fast meditativ wirkenden, wie dahin getupften Einwürfen einzelner Stimmen. Das Ensemble wird vom Solopart nicht dominiert, trägt aber doch das Gros der künstlerischen Aussage. Ohne es wirklich beurteilen zu können, scheint mir die Solo-Stimme anspruchsvoll & sicher einen Spitzenkünstler erfordernd. Simon Höfele scheint mir einer zu sein. Sein Ton hat so überhaupt nichts Schneidendes. Habe ich je zuvor einen Trompetenton derart samtweich erlebt? Schnelle Läufe, laute Töne, Überblasen - alles bleibt bei ihm so kultiviert, so nobel & selbstverständlich - ein großes Erlebnis! & ein grandioses Stück, dieses einsätzige, etwa viertelstündige Konzert!

Venzagos Anspruch, Bruckner "vom Kopf auf die Füße zu stellen", seiner Musik alles Weihevolle & Lärmende auszutreiben, wird, soweit zu hören - teilweise eingelöst. Das (übrigens formidable) Berner Blech ist allerdings recht häufig tendenziell doch "lärmend", der Dirigent muß es mehrfach "herunterwinken". Ich hörte sicher einen Bruckner der gehobenen Mittelklasse - zu einer hervorragenden Darbietung fehlte für meinen Geschmack weniger spieltechnische Klasse als vielmehr eine andere Werkauffassung. Nur ist das naturgemäß immer Geschmackssache.

Diese Musik kann bisweilen weihevoll & lärmend wirken, weil sie weihevoll & lärmend ist. Muß man auf Deibel komm raus versuchen, sie umzukrempeln, zu entstellen, zu verwurschteln? & falls ja: weshalb? Um sie für neue Hörer interessanter zu machen? Glücklicherweise setzt die schiere Qualität dieses Werks allen Verwurschtelungsversuchen natürliche Grenzen. & ob ein Alles-anders-alles-neu jemanden für Bruckner mehr begeistert als traditionellere Ansätze, steht in den Sternen.

Das zentrale Scherzo gerät zu einem aus diesem Denken resultierenden Eigentor: Das Tempo ist überzogen & sorgt so an zwei, drei Stellen für hörbare Probleme im Zusammenspiel. Wenn nach den gespenstischen Pizzicati die stampfenden ff-Fanfaren einsetzen, wünsche ich mir immer, es würden mal Akzente gesetzt, die den Schwerpunkt des Dreiertaktes nachvollziehbar machen: die erste Stelle dieser Art ist der Übergang von Takt 25 zu 26. Die 2 Achtel auf der Drei in Takt 25 sind für mein Empfinden quasi auftaktig zu den folgenden Vierteln in Takt 26. Praktisch immer werden die Fanfaren gleichförmig gespielt (& sie sind ja auch unterschiedslos im ff notiert). Dadurch gerät man als Hörer schnell auf die falsche Fährte & begreift die 2 Achtel als Taktbeginn. Hätte jemand einmal den Mut, das erste Viertel in Takt 26 leicht zu akzentuieren, würde sich der Rhythmus viel besser nachvollziehen lassen. So aber kommt man unweigerlich erst später irgendwann zu einem "Achso". Selbst wenn Venzago dieser Jemand wäre, hätten die Musiker bei diesem Affenzahn gar keine Chance, hier noch irgendwelche Gedanken an "Klangrede" einzuflechten.
Die ansonsten sehr gute Paukistin könnte sich für meinen Geschmack mehr trauen, mit mehr Attacke agieren.

In den Ecksätzen dagegen scheint mir Venzago jetzt nicht sooo revolutionär. Er gibt der Musik ausreichend Zeit, sich zu entfalten. & so erlebe ich dann auch den Bruckner, den ich liebe & der im innersten anrührt & erschüttert. Dies ist ein Werk des Abschieds, der letzten Dinge. Streckenweise kann man beinahe körperlich spüren, daß da jemand schon halb entrückt ist. Daß mir da die Augen nicht trocken bleiben konnten, wußte ich im Grunde vorher. Nach dem Verklingen herrschte sicher eine knappe Minute totale Stille, bis jemand sich traute, die Hände zu rühren.

Mario Venzagos Dirigierstil mochte ich nie besonders. Es wird wild gefuchtelt & wo jetzt gerade die Eins sein soll, müssen Zuschauer & Musiker mehr erahnen. Seine stärkeren Momente hat Venzago dort, wo er sich mal zurücknimmt & sein Orchester einfach machen läßt.

Trotz der genannten Einwände werde ich von diesem Konzertabend lange zehren.

Die nächste angesetzte Aufführung von heute Abend sowie bis auf Weiteres auch die Übrigen sind abgesagt - aus leicht zu erratenden Gründen.
lavoon (16.07.2020, 15:16):
Findet ein Konzent irgendwo in Berlin denn statt?
Gamaheh (18.07.2020, 01:35):
Im Pianosalon Christofori in den Uferhallen ab jetzt wieder mehrmals in der Woche.

Wenn der Bürger stumm ist, wozu haben die Wände ihre Ohren ?
tapeesa (18.07.2020, 20:41):
Wo der Bürger keine Stimme hat, haben die Wände Ohren.
Wenn der Bürger stumm ist, wozu haben die Wände ihre Ohren ?
Ich vermute, dass dürfte ein Kōan-Aushang sein.
Kōane sind kurze Anekdoten oder Pointen, die mit einem Paradox arbeiten.
Wo genau das ursprünglich herkommt weiß ich nicht, dürfte in verschiedenen östlichen Weisheitslehren zu finden sein und Meditations-Schülern mit in die Mediation gegeben werden.
Um über die "Lücke", die durch das Paradoxe entsteht eine Verbindung aus zwei scheinbar gegensätzlichen Aussagen oder Dingen hin zu etwas davon losgelöst "Drittem" zu schaffen.
Im Hinblick auf "Erleuchtung" dann quasi.

ich bin da keine Expertin und hänge auch keiner speziellen spirituellen Richtung an, habe nur auf Grund einer Nahtoderfahrung, wo ich so viel Erleben nicht einordnen konnte, mich damit beschäftigt.

Bin heute "zufällig" über einen Artikel zur "Woke"-Bewegung gestolpert - ich könnte mir vorstellen, dass lavoon und auch SusaFroschfrau dazu gehören - aber sicher weiß ich das natürlich nicht.

Ich kannte diese Bewegung bisher gar nicht und von daher kann ich dazu auch nichts sagen. Aber bei Interesse dürfte im Netz Einiges zu finden sein.

Gruß, tapeesa
Gamaheh (29.07.2020, 02:27):
Danke, Tapeesa, für Deinen Erklärungsversuch. Ein Paradox kann ich da nicht erkennen, es ist wohl einfach falsch herum. "Köan" sagt mir nichts, und Google kennt es auch nicht.

"Woke" ist keine Bewegung, sondern ein Adjektiv des BEV ("Black English Vernacular"), das Standard Englisch "awake" heißt, also "wach" und seit einer Weile ein buzz word als eine Potenzierung von politically correct, aber (noch) auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt. Jüngst hat es sich die BLM-Bewegung ("Black Lives Matter") zueigen gemacht.

Grüße, Gamaheh
satie (29.07.2020, 07:28):
Zum Koan:
https://narabo.de/koan-grundlagen-des-zen-buddhismus
tapeesa (29.07.2020, 10:45):
Hallo Gamaheh,

Google nutze ich nicht und meine Suchmaschinen-Favoriten spucken direkt mehrere Treffer zu Kōan aus :)
Aber Satie hat ja auch schon was verlinkt (was ich noch nicht gelesen habe).

Ansonsten hatte ich einfach locker / mutmaßend formuliert (bzw. es zumindest so gedacht) - und ja - das, was du zu "woke" schreibst, trifft es wohl exakter.

Gruß, tapeesa
Guenther (29.07.2020, 17:08):
Wenn der Bürger stumm ist, wozu haben die Wände ihre Ohren ?
Umgekehrt: Wenn Wände Ohren haben, wird der Bürger stumm. Und damit er es bleibt, haben die Wände Ohren.

Heute ebenso gut zu beobachten wie schon 1933 und schon vorher...
(Auch bekannt als "Der größte Lump im ganzen Land das ist und bleibt der Denunziant." oder auch als "Blockwartmentalität".)

Heute gibt es den "Melden"-Button.
xarddam (25.10.2020, 11:19):
Hallo zusammen,
Nein!
Ich war nicht im Konzert direkt.
Die tickets waren ratzfatz weg.
Aber, ich habe das Konzert am Radio hören können
Gestern Abend; Schwetzinger SWR Festspiele.
Normalerweise ist das Festival ja im Mai. Dies Jahr, aus bekannten Gründen, ist es (verkleinert) im Oktober.

Gestern Abend spielte die Akademie für Alte Musik Berlin
Das Thema hiess

Beethovens Sinfonien und ihre Vorbilder, Teil I


Gespielt wurde Musik von Beethoven (natürlich)
die beiden ersten Sinfonien
und von
Carl Philipp Emanuel Bach:
Sinfonie F-Dur Wq 175 am Start des Konzertes
und
Sinfonie G-Dur Wq 183 Nr. 4
zwischen den Beethoven Werken




Ein wunderschönes Live-Erlebnis am Radio. Ich war begeistert !

Die beiden Sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach kannte ich nicht, und beide sind so wunderschöne Musik.

Die Beethoven Sinfonien sind (auch mir) hinlänglich bekannt, aber die Akademie für Alte Musik Berlin mit ihrem Konzertmeister Bernhard Forck, brachte es fertig, einfach so schwungsvoll, begeisternd und frisch zu spielen, dass selbst diese beiden wohlbekannten Sinfonien zu hören, eine wahre Freude war.
Vielleicht war es auch das Live-erlebnis, durch diese (quasi) Direktübertragung des Konzertes ?

Mir hat es jedenfalls sehr viel Freude bereitet, die beidne Beethoven Sinfonien in dieser Live-version zu hören und mit den beiden Bach-Sinfonien für mich neue Musik zu entdecken.

War vielleicht noch jemand Live am Radio dabei ?
Sfantu (22.01.2021, 00:40):
Ich erwähne hier ein Konzert, dem ich leider nicht beiwohnen konnte & über das ich folglich so gut wie nichts berichten kann. Weshalb tue ich es trotzdem? Erstens, weil Live-Konzerte in Corona-Zeiten eine absolute Ausnahme sind. & zweitens, da die Person, die mir so enthusiastisch davon berichtet, jemand ist, die für Kunstmusik sonst wenig zu begeistern ist, nämlich meine Freundin.
Beruflich ist sie derzeit in Reykjavik. Um ihre einzigen beiden Termine heute, Freitag, wahrnehmen zu können, nahm sie 5 Tage Quarantäne auf sich. Gestern, Donnerstag, war, nach negativer Testung, der erste Tag in Freiheit. Auch ohne Lockdown sind öffentliche Events in Island momentan weitgehend heruntergefahren. Ein Glücksfall also, daß das Isländische Sinfonieorchester dennoch weiter live konzertiert.
& so hörte sie heute das zweite Kontrabaßkonzert von Bottesini sowie Brahms' dritte Sinfonie in Reykjaviks imposantem Konzerthaus "Harpa".
Wie oft kommt es vor, daß Brahms jemandem, fern der Klassik, derart unter die Haut geht? Sie ist nun jedenfalls hochgradig (Brahms-) infiziert. Etwas, das den besonderen Umständen geschuldet ist & das ich unter "normalen" Bedingungen in 12 Jahren Partnerschaft nicht hinbekommen habe.

Jacek Karwan, Kontrabaß,
Sinfóníuhljómsveit Íslands - Bjarni Frímann Bjarnason.

In meinen Augen ein Plädoyer für ein Konzertmanagement der Verhältnismäßigkeit in Zeiten, in denen Maß & Ziel aus dem Ruder geraten.
Guenther (02.02.2021, 16:51):
EIn tolles Fundstück der Oper in Düsseldorf, nicht nur für Mozart-Liebhaber und Freunde der Holzblasmusik:

https://www.youtube.com/watch?v=nw4aiEymTKY
xarddam (08.08.2021, 11:37):
Hier mal ein link zu einem stream eines Konzertes, was ich mir heute Morgen angeschaut habe.

Übigens, ich weiss immer nie genau, WO ich solche postings zu streams am besten unterbringen soll (??)
Letztens ging es mir auch so beim Bayreuther '"Holländer" Konzert.

Gab's früher nicht mal eine Rubrik für Konzerte ?
Ankündigungen und bereits gewesene Konzerte ?

Nun ja, habe halt jetzt hier unter "Allgemein" gepostet.


Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say spielen hier ein -wie ich finde- wunderschönes Duo Konzert

https://www.gstaaddigitalfestival.ch/video/patricia-kopatchinskaja-fazil-say/?fbclid=IwAR3FPTYgqcha3RdH39I8-eq2Gy_YbHAxk9PWuE3Fw9Y2IMvk74GL4wSSNbI
Sfantu (16.03.2023, 22:05):
Carl Nielsen - Konzert für Violine und Orchester op. 33

Liya Petrova, Violine
Sinfonie Orchester Biel Solothurn - Alexander Joel

Großer Saal des Kongresszentrums Biel, Mittwoch, 15. März 2023

Habe bislang (und seit langem) nur zwei Aufnahmen des Stücks auf LP: Tellefsen mit Blomstedt und Varga mit Semkow. Erstere möchte ich als "informativ" bezeichnen. Die von Cetay im Werkfaden eingeforderten Gestaltungsbögen sind kaum ausreichend tragfähig, Tellefsens Spiel ist jedoch nobel zu nennen. Das Orchester spielt streckenweise etwas zu brav, fast müde (Schlußrondo), dafür ist der Klang ausgewogen und transparent. Varga und Semkow bringen mehr Schwung und Finessen zu Gehör.

Liya Petrova kann mühelos daneben bestehen, gebietet über souveräne, bisweilen funkensprühende Virtuosität (Gänsehaut in der ersten Kadenz!) und, ja, sie gestaltet mit einer überzeugenden Rhetorik, macht die besagten Bögen spürbar. Das Orchester wird von Joel werkkundig und pointiert geführt. Die Akustik im Saal ist leider nicht optimal. Das Tutti tendiert zu leicht stumpfem, geballtem Gesamtklang, dem es an Durchsichtigkeit mangelt - je lauter desto stärker schlägt dies zu Buche.

Straussens "Bürger als Edelmann" bildete den zweiten Teil, den ich mir sparte, da mich das Werk nicht genug reizt, es mitten in der Arbeitswoche war und ich es unausstehlich finde, zudem noch 1/4h im Schneckentempo Teil der aus dem Parkhaus kriechenden Blechlawine zu sein.
Sfantu (04.05.2023, 23:00):
Nicht gestern
sondern heute vor einer Woche (Donnerstag, 27. April 2023) war ich zum Konzert in der Staatsphilharmonie Hermannstadt.
Da ich mein Notebook nicht mit in Rumänien hatte, schreibe ich erst heute von daheim aus. Das Erstellen von Beiträgen via Mobiltelefon finde ich aus verschiedenen Gründen eher mühsam - vor allem aber, da sich in der Vergangenheit immer wieder nicht steuerbare Kapriolen mit der Schriftgröße ereigneten.


Ludwig van Beethoven

Konzert C-dur op. 56 für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester


Igor Strawinskij

Der Feuervogel (Suite, 1945)


Cadmiel Boţac, Klavier
Maria Marica, Violine
Cornelius Zirbu, Violoncello
Filarmonica de stat Sibiu - Shizuo Kuwahara

Das sehr junge Solisten-Trio ist Preisträger der New Hope Performance Competition.
Seit jeher habe ich ein starkes Faible für das etwas schrullige Tripelkonzert. Hier und heute war ich (erstmals live) Zeuge einer mustergültigen Aufführung. Organische Tempi, vollblutige Solisten mit betont rhetorischem Zugang und mit der Prämisse Leidenschaft vor Sicherheit. Gut disponiertes Tutti, plastisch und prominent herausgestellte Pauke. Einzelne Formverläufe (des eigentlich sattsam bekannten Stückes) erschließen sich beim Sehen und Hören viel besser als beim bloßen Konsumieren via Tonträger.

Auf den Feuervogel hatte ich ursprünglich am wenigsten Lust. Am Ende aber war gerade er es, der mich am tiefsten anrührte. Bestleistungen aller Pulte. Vieles geht hier wohl auf das Konto der ausgeklügelt werkgerechten Stimmen-Disposition durch den Dirigenten. Kuwahara ist zudem ein Orchesterleiter, dem ich gern zusehe: mit maßvoll eleganter Schlagtechnik ohne (den für meinen Geschmack per se überflüssigen) Taktstock, mit viel Mimik arbeitend, behält er sich ausreichend Reserven für die imposanten Schlußsteigerungen zurück. Am Ende ein Herzschlag-Finale mit auftrumpfendem Abschluß.
Joe Dvorak (08.06.2023, 01:23):
Ich stehe derzeit frueh auf, um mit dem Hund eine Runde zu drehen, bevor die Sonne aufgeht und die Temperatur schnell auf 30 Grad treibt. So kam ich zu einem exotischen Konzerterlebnis.

Lake Park, Ho Tin Cyun, 8.6.23, 5:00h

Dame Nature - Les animaux volants
Cicadidae-Quartet, Passeri-Tyranni-Insecta Orchestra

Ich liebe es, kurz vor Sonnenaufgang mit aufgestellten Ohren im Freien unterwegs zu sein. Gegen das Werk, das von Sing- und Schreivoegeln im Verbund mit Insekten augefuehrt wird, ist jede Komposition von Brian Ferneyhough minimalistisch zu nennen. Besonders mag ich die Zikaden, die hier um einiges lauter sind, als ich es vom Mittelmeer kenne. Ich hatte mal einen vermeintlichen Schwarm vor dem Schlafzimmerfenster und war fasziniert davon, wie absolut synchron der Gesang beginnt und endet. Irgendwann ging ich nachsehen und des Raetsels Loesung war, dass die rund 120 dB von einem einzigen Exemplar kamen. Als ich heute morgen dem Passeri-Tyranni-Insecta Orchestra lauschte, setzte auf einmal -diesmal in echter Gleichzeitgkeit- Zikadengesang von vorne, hinten, rechts und links ein. Das war eines dieser modernen Steucke, beim dem die Solisten quadrophonisch um das Publikum herum aufgestellt sind. Mir hat es sehr gut gefallen und ich nehme zwei Dinge mit. So richtig lebendig fuehle ich mich nur in der freien Natur; und Musik, die von Mutter Erde geschaffen wird, ist bezaubernder als alle, die von menschlichen Geistern ersonnen wurde.
Andréjo (08.06.2023, 12:02):


Dame Nature - Les animaux volants
Cicadidae-Quartet, Passeri-Tyranni-Insecta Orchestra
:thumbsup:

Hier statt der Zikaden schlechter ausgebildete Kammer-Heimchen.

:hello
satie (08.06.2023, 12:31):
Lieber Joe,
darf ich diesen schönen Beitrag auf meine Website zum Thema Hören packen? Ich finde das ganz wunderbar und empfinde ähnlich.

Herzliche Grüße
Satie
satie (08.06.2023, 12:33):
Das ist übrigens die Website, in stetem Aufbau…
http://ganz-ohr.org/
Joe Dvorak (08.06.2023, 18:01):
Lieber Joe,
darf ich diesen schönen Beitrag auf meine Website zum Thema Hören packen? Ich finde das ganz wunderbar und empfinde ähnlich.

Herzliche Grüße
Satie
Aber klar doch. Das freut mich. ^^
Joe Dvorak (09.06.2023, 10:15):
Das ist übrigens die Website, in stetem Aufbau…
http://ganz-ohr.org/
Ich bin darauf herumgesurft und finde das sehr anregend. Verflixt, die Hoerlandkarte (Hören mit der Hörlandkarte – ganz-Ohr.org) brachte mich sogar zum Vorsatz, wieder oefter 'etwas Gescheites' zu hoeren. :thumbup:
Sfantu (02.06.2024, 22:40):
August Walter - Konzertouvertüre D-dur op. 16
Marguerite Roesgen-Champion - Concertino pour Clavecin et Orchestre No. 1
Johannes Brahms - Sinfonie Nr. 2 D-dur op. 73

Masato Suzuki, Cembalo
Swiss Orchestra - Lena-Lisa Wüstendörfer

Casino Bern, großer Saal, Samstag, 1. Juni 2024

Endlich mal wieder ein Konzertbesuch im altehrwürdigen Casino Bern - und noch dazu mit zwei Stücken abseits des Standard-Repertoires. Auch hörte ich erstmals das Swiss Orchestra und sah erstmals Lena-Lisa Wüstendörfer dirigieren.

August Walters Konzertouvertüre bildete den Auftakt. Und sie blieb am Ende für mich der Höhepunkt des gestrigen Abends - trotz einer begeisternden Brahms Zwei. Einen deutlichen Schritt avancierter als seine hier kurzbeschriebene, wenige Jahre zuvor entstandene einzige Sinfonie, erstaunt dieses Werk mit seiner Fülle an Stimmungsschattierungen: von Webers oder Marschners früher Schauerromantik über Anklänge an die deutsche Spieloper und Kuhlau bis hin zu Mendelssohns Naturpoesie und noch Einigem mehr wird hier ein faszinierendes Kleinod zu Gehör gebracht, das mit seinen knapp 20min Spieldauer Anspruch auf mehr als nur eine Vorspeise erhebt. Ein gekonntes Gefüge zarter wie markanter, schwärmerischer wie motorisch drängender Elemente überzeugt auf Anhieb. Zu schade nur (und aus welchem Grund auch immer), daß Walters kompositorisches Œuvre so vergleichsweise klein blieb.

Die Genfer Cembalistin Marguerite Roesgen-Champion (1894 - 1976), Bloch-und Jaques-Dalcroze-Schülerin, schrieb ihr erstes Cembalo-Concertino im neoklassischen Stil, wie er von der Groupe des six her geläufig ist. Nicht so leichtfüßig-doppelbödig wie Poulenc - eher etwas an Milhaud orientiert? In jedem Falle charmant, prokofieffsk melodiös, zeitlich wohl bemessen.

Eine abgerundete, stimmige Interpretation aller Beteiligten. Für mich interessant weil so nicht gekannt: die Art und Weise, wie der Cembalist einzelne Register ansteuert: mal übers Pedal, mal über hier oder dort entlang der Zarge angebrachter Zapfen und Regler, die manuell bedient werden. Beifallbestürmt spielte er als Zugabe eine Frescobaldi-Toccata.

Das aus Musikern verschiedener Schweizer Berufsorchester zusammengestellte Projekt-Ensemble spielt engagiert und mit Elan.
Beim Brahms drangen mir geringfügige Ungleichgewichte der Stimmen ins Ohr: Hornsoli etwas zu laut? Das Allegretto grazioso erfreut mit aufmerksamen Nuancen im Laut-Leise und mit ansteckendem Temperament. So auch der Schlußsatz. Ein Nachdenken über das sonst häufige Anziehen des Tempos in der Coda erübrigt sich bei dem eh schon recht sportlich gewählten Grundpuls dieses Satzes.
Die hochgewachsene Maestra leitet das Orchester mit Eleganz und einer gewissen Coolness, die besonders den romantischen Rahmenstücken gut tun. Heute, Sonntag, spielten sie dieses Programm letztmalig in der Genfer Victoria Hall.
Erklärtes Ziel ist die Verbreitung (oftmals vernachlässigter) Schweizer sinfonischer Romantik. Frau Wüstendörfer und ihrem Orchester kann man nur eine glückliche Hand und viel Erfolg damit wünschen.
Sfantu (25.01.2026, 13:44):
Morton Feldman - For Philip Guston

Sonderkonzert zum 100. Geburtstag Morton Feldmans

Mitglieder des Ensembles Opera Nova:
Pamela Stahel, Flöten
Hans-Peter Achberger, Schlagwerk
Anna Hauner, Klavier und Celesta

Studiobühne der Oper Zürich, 24. Jänner 2026

Zum Stück äußerte Feldman sich wie folgt:
For Philip Guston ist für mich ein ganz besonderes Stück, weil ich mir die Titel oft erst nach dem Komponieren überlege. In diesem Fall habe ich viel über Philip nachgedacht. Es ist eine Art Geschichte zweier Menschen, zweier Arten von Künstlern, die ihre Geschichten kontinuierlich erzählen, entweder mit Noten oder mit Bildern oder mit Stilen, und dabei ununterbrochen zwischen diesen wechseln. Und das ist nur in einem langen Werk möglich.
Der für Feldman typische gleichbleibende Grundpuls durchzieht auch dieses Werk vom ersten bis zum letzten Takt der über 100seitigen Partitur. Es gibt punktuelle Ausnahmen in Form von Tempo-Dopplungen. Spannend wurde es immer dann, wenn sich das Geschehen von den vorherrschenden vereinzelten Einwürfen der Musiker verschiebt in Richtung länger gehaltener Töne und somit Klangverschmelzungen, Zusammenspiel und Harmonien erzeugt.
Gegen Mitte des Stücks haben nacheinander Klavier und Flöte mehrminütige Pausen während die Perkussion durchgehend agiert. Speziell die Kombination Schlagwerk + Klavier war eine wohltuende Abwechslung, erzeugte die interessanteren Klangvaleurs. Eine mehrfach wiederkehrende Passage, vielleicht eine Chiffre: unbegleitete tiefe Tonrepetitionen auf der Marimba. So simpel und doch so wirkungsstark. Sie rufen eine Aura der Innenschau, des Rituellen und auch des Schauderns hervor.
Eine ungeheuer intensive Konzerterfahrung!

Aber:

Wirklich "verstanden" habe ich dieses Werk wohl nicht. Es wäre für mein Empfinden nach etwa der Hälfte alles gesagt gewesen. Da ereignet sich nichts Neues, es zerdehnt sich einfach in der zeitlichen Dimension. Und es überschreitet irgendwann einen Punkt, ab dem es weniger überzeugt als vielmehr quält. In der kurzen Anmoderation sorgte die Aussage für allgemeine Heiterkeit, "For Philip Guston" sei eines der kürzeren Stücke in der "For"-Reihe - es war eine Spieldauer von ca. 4 1/2 Stunden ohne Pause angekündigt. Am Ende waren es etwas weniger als 5. L-förmig flankierten die Sitzreihen eine mit Liege-Kissen und Wolldecken ausgelegte Fläche. Man durfte jederzeit raus und wieder rein. Ich habe mir die komplette Darbietung ohne Pause sitzend angehört. Einige nickten zwischendurch ein. Ich befürchtete das im Vorfeld auch für mich - es kam glücklicherweise aber nicht dazu. Auch die folgenden 1 1/2 Stunden auf der nächtlichen Autobahn verliefen alert und geschmeidig. Kurzum - ein intensives Erlebnis, nur zu lang. Diese tour de force ist für Besucher wie Ausführende extrem fordernd.
Die drei exzellenten Musiker waren hierfür zu bewundern!